Daniel Defoe
Robinson Crusoe
(The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner)

[29]

Erster Abschnitt

Erster Abschnitt.

Robinsons Jugendjahre und erste Reisen.


Mein Vater, Wilhelm Kreuzner, stammte aus einer guten bürgerlichen Familie von Bremen her. Er hatte sich zu Hull in Nord-England niedergelassen und durch Handlung ein großes Vermögen erworben, sich dann in der Stadt York in Ruhe gesetzt, ein Haus in der Stadt, einen Landsitz und andere Güter in ihren Umgebungen angekauft, und sich mit einem Frauenzimmer aus einer der angesehensten Familien der Gegend verheirathet. Sie war die einzige Tochter des Sir Robert Robinson und die Letzte dieses Namens. Aus diesem Grunde ward mein Vater Robinson Kreuzner, oder vielmehrCrusoe – wie der Name nach englischer Mundart verderbt wurde – genannt, und dieser Name ist uns seither geblieben.

[29] Ich hatte zwei Brüder und eben so viel Schwestern, die alle älter waren als ich. Der älteste Bruder war Obristlieutenant in einem englischen Infanterieregiment, das vormals von dem berühmten Obrist Lokhart angeführt wurde, und ward in der Schlacht beiDünkirchen, gegen die Spanier, getödtet. Vom jüngern Bruder haben meine Eltern eben so wenig etwas erfahren als nachher von mir. Die beiden Schwestern waren schon in meiner Jugend verheirathet, so daß ich mich nur wenig an diese Geschwister erinnere.

Ich bin am 30. September 1632 geboren. Mein Vater, der schon alterte, gab mir eine gute Erziehung, und bestimmte mich zur Rechtsgelehrsamkeit. Die Achtung, deren dieser Stand genoß, die Vortheile, die er darbot, und der Wunsch, wenigstens einen seiner Söhne im Lande zu behalten, alles vereinigte sich, ihn für diesen Stand einzunehmen, für den ich aber nicht die geringste Neigung, sondern einen unwiderstehlichen Trieb zum Seeleben hatte, der alle Befehle meines Vaters und das Zureden meiner Mutter entkräftete, und mich unaufhaltsam dem Schicksal zuführte, das mich späterhin traf.

Mein Vater, ein gesetzter und verständiger Mann, sah meinen Vorsatz mit Bekümmerniß. Er ließ mich eines Morgens auf sein Zimmer rufen, das er, vom Podagra geplagt, hüten mußte, wo er mit vieler Wärme mir seinen wohlgemeinten Rath gab, und die dringendsten Ermahnungen und Vorstellungen machte. Er fragte mich: »was ich für Ursachen hätte, das väterliche Haus und mein Geburtsland zu verlassen,[30] wo ich mein Glück in einer ruhigen und vergnügten Lebensart finden könne. Nur Leute von hoher Geburt, die, durch Ehrgeiz getrieben, sich auszuzeichnen streben, oder solche, die durch Armuth genöthigt sind, ihr Glück zu suchen, gehen auf solche Abentheuer aus. Dergleichen Dinge sind für dich entweder zu hoch oder zu niedrig. Der Mittelstand ist der beste, der menschlichen Glückseligkeit am empfänglichsten, gleich weit von dem Zwang, dem Stolz, dem Neide und Ehrgeiz der höhern Klassen, und von dem Druck und dem Elend der niedern Volksklassen entfernt. Schon das allein beweiset den vorzüglichen Werth und die höhere Glückseligkeit des Mittelstandes, daß er von beiden andern beneidet werde, daß selbst Könige über die traurigen Verhältnisse ihrer hohen Geburt oft geseufzt und gewünscht haben, zwischen den höhern und geringern Ständen in der Mitte zu stehen, die der weiseste der Menschen für den Stand der Glückseligkeit erklärte, als er Gott bat: ihm weder Reichthum noch Armuth zu geben.

›Gieb nur Acht,‹ fuhr er fort, du wirst immer finden, daß die großen Trübsale des Lebens die höhern und niedrigern Theile der menschlichen Gesellschaftvorzüglich, hingegen den Mittelstand am seltensten zu treffen pflegen, daß dieser nicht so vielen Abwechselungen als jene ausgesetzt ist, daß in diesem Stande weder so viele Krankheiten des Leibes noch Unruhen des Gemüths anzutreffen sind, als da wo einerseits ein Leben voll Laster, Schwelgerei und Ausschweifungen und anderseits harte Arbeit, Mangel [31] am Nothwendigsten und Nahrungslosigkeit Krankheiten verursachen; daß für jede Art von Tugend und Vergnügen kein Stand besser geeignet ist als der Mittelstand, den Ruhe und Ueberfluß stets begleiten, den Mäßigkeit, Gesundheit, Gleichmuth, Geselligkeit und Zufriedenheit, angenehme Freuden und wünschenswerthe Ergötzlichkeit mit ihren besten Segnungen krönen, und daß der Mensch auf diesem Wege sanft durchs Leben walle und es im Frieden verlasse. Ohne durch zu sehr angestrengte Kopf- oder Handarbeit geplagt, ums tägliche Brod zur Sklaverei erniedrigt, durch verdrießliche Umstände seiner Ruhe und des Friedens beraubt, durch die Leidenschaft des Neides gequält oder durch heißen Drang nach hohen Dingen entflammt zu werden, wandelt er im Mittelstande leicht durch die Welt, genießt die Süßigkeiten des Lebens ohne seine Bitterkeiten, fühlt sich glücklich und lernt jeden Tag durch Erfahrung sein Glück inniger fühlen.«

Hierauf drang er aufs ernstlichste und in den zärtlichsten Ausdrücken in mich, »nicht mit jugendlichem Leichtsinn zu handeln, und mich nicht in ein Elend zu stürzen, gegen welches die Natur und der Stand, in dem ich geboren wäre, mich gesichert zu haben schienen; ich wäre ja nicht genöthigt mein Brod zu suchen, und er würde Alles für mich thun und mich in jenen Stand zu setzen suchen, den er mir eben angepriesen habe, und nur Zufall oder eigene Schuld müßten es verhindern, wenn ich dann nicht glücklich seyn sollte. Er beschwor mich, ihm doch zu folgen [32] und im Lande zu bleiben; er stellte mir das Beispiel meines ältern Bruders vor, den er eben so wie mich ermahnt habe, nicht in die Niederlande zu gehen, wohin ihn sein Hang zum Kriegsdienste hinriß, und wo er auch sein Leben verlor. Wollte ich dennoch reisen, so sey er unschuldig an den unglücklichen Folgen; er habe seine Pflicht gethan, mich gewarnet, und würde zwar nicht aufhören für mich zu beten, sey aber überzeugt, daß Gott mich nicht segnen würde, wenn ich auf meinem Entschluß beharrte. Wenn ich seinen Rath nicht befolge, so möchte ich einst wohl Zeit zur Reue, aber Niemanden zu meiner Rettung haben.«

Dieser Schluß seiner Rede war in der That prophetisch, ohne daß mein Vater ihn dafür halten mochte; seine Augen waren voll Thränen, und er war so gerührt bei Erwähnung meines Bruders und bei seiner prophetischen Aeusserung, daß er mir sagte: sein Herz wäre zu voll, er müsse abbrechen.

Auch ich war aufrichtig gerührt und wirklich entschlossen, den Wünschen meines Vaters nachzugeben, und mich in York niederzulassen. Aber bald war die Rührung vorbei, und um allen fernern unangenehmen Zureden meines Vaters auszuweichen, entschloß ich mich, nach wenigen Wochen zu entlaufen. Doch machte ich zuerst noch einen Versuch bei meiner Mutter, um sie zu bewegen, von meinem Vater die Erlaubniß auszuwirken, nur eine Reise thun zu dürfen; nach meiner Zurückkunft wolle ich meinen Fleiß verdoppeln. Mein Hang wäre so unwiderstehlich, daß ich mich unmöglich [33] auf etwas anders einlassen könne, und mein Vater würde besser thun, mir seine Einwilligung zu geben, als mich zu zwingen, ohne selbige fortzugehen.

Allein meine Mutter erzürnte sich und fragte mich, wie ich an so was noch denken könne, nachdem, wie sie wisse, mein Vater mich auf eine so ernstliche und liebevolle Art davon abgemahnt habe? Sie wisse vorher, daß es vergeblich seyn würde, noch mit ihm darüber zu sprechen, er kenne mein wahres Wohl zu gut, als daß er je seine Einwilligung zu einem Schritte geben würde, den ich zu meinem größten Schaden thun wolle, und ich könne mich darauf verlassen, daß auch sie niemals in etwas einwilligen werde, wozu mein Vater nicht einstimme. Dieser Weigerung ungeachtet, weiß ich doch, daß sie ihm die ganze Unterredung mitgetheilt, und mein Vater ihr, sehr bekümmert, mit einem Seufzer darauf antwortete: »Der Junge könnte bei Hause glücklich seyn; geht er aber in's Ausland, so wird er der elendeste Mensch auf der Welt; ich kann meine Einwilligung dazu nicht geben.« So verfloß noch einige Zeit, ohne daß ich mich in die Wünsche und Vorschläge meiner Eltern fügte; ich machte ihnen vielmehr Vorwürfe über ihre Widersetzlichkeit gegen meine entschiedene Neigung.

Eines Tags befand ich mich zu Hulle, wohin ich ohne die Absicht gegangen war, schon damals zu entlaufen. Da traf ich einen meiner Bekannten, der in seines Vaters Schiff nach London abzureisen im Begriff stand. Er beredete mich mit den gewöhnlichen Lockungen der Seeleute mitzugehen: »die Fahrt solle mich [34] nichts kosten.« Sogleich war ich bereit, und ohne Vater und Mutter um Rath zu fragen, ohne sie um ihren Segen zu bitten, ohne ihnen die geringste Nachricht davon zu geben, gieng ich, unbesorgt, wie sie es erfahren mochten, und ohne die Folgen zu überlegen, den 1. September 1651 – Gott weiß es, in einer unseligen Stunde – an Bord. Aber nie hat das bestrafende Unglück früher angefangen und länger gedauert, als das meinige. Kaum war das Schiff aus der Mündung des Humbers, so begann schon der Wind zu stürmen und die See hohl zu gehen. Da ich noch nie zur See gewesen war, so quälten mich die Seekrankheit und die Furcht; ich fieng schon an, den gethanen Schritt zu bereuen. Der gute Rath meiner Eltern, ihre Thränen kamen mir in's Gedächtniß, und mein Gewissen warf mir vor, sie vernachlässigt zu haben. Der Sturm und die Bewegung des Schiffes wurden immer heftiger, und obgleich das nichts gegen dem war, was ich nachher und schon wenige Tage darauf gesehen habe, war es doch schon mehr als genug, mir, einem unbefahrenen Seemann, bange zu machen. So oft das Fahrzeug, wie ich glaubte, in den Abgrund sank, fürchtete ich, wir würden nie wieder in die Höhe kommen, und jede Welle werde uns verschlingen. In dieser Herzensangst that ich nun viele Gelübde und faßte den guten Vorsatz, wenn es Gott gefiele, mich nur diesmal zu retten und ich meinen Fuß auf's Trockene setzen könne, ich nie wieder ein Schiff betreten, sondern ungesäumt wieder in das väterliche Haus zurückkehren und seinen guten Ermahnungen folgen wolle. Seine [35] Bemerkungen über den Mittelstand, in dem man, ohne jemals den Stürmen zur See und den Unruhen zu Lande ausgesetzt zu seyn, seine Lebenstage glücklich zubringe, schienen mir jetzt sehr richtig, und ich war fest entschlossen ihn zu wählen.

Doch diese weisen und klugen Gedanken dauerten kaum etwas länger als der Sturm. Er ließ nach, die See ward stiller und ich fieng an, des Dings gewohnt zu werden; doch blieb ich noch ein wenig seekrank und düster. Am zweiten Tag klärte sich das Wetter völlig auf, die Sonne gieng hell unter und es erfolgte ein herrlicher Abend. Eben so stieg sie auch des andern Morgens auf, und strahlte lieblich auf die Meeresfläche, die, kaum von einem lauen Windchen gekräuselt, den reizendsten Anblick gewährte.

Ich war nun nicht mehr krank, hatte vortrefflich geschlafen, und sah mit heiterm Blicke auf die vorher so schreckliche, jetzt so angenehme See. Um meine guten Vorsätze vollends zu zerstreuen, kam eben jetzt noch mein Freund herbei, der mich zur Reise verführt hatte, und rief, indem er mir lachend auf die Schulter klopfte: »Nun, Junge! wie ist dir das Schaukeln bekommen? ich wette, die Mütze voll Wind hat dich das geängstigt.« – »Wie, du nennest den Sturm eine Mütze voll Wind?« – »Und du nennst das einen Sturm? ein Nichts war es, um welches wir uns nicht bekümmern, wenn wir ein gutes Schiff und raume See haben. Aber du bist noch ein Neuling. Komm, laß uns eine Bowle Punsch zusammen leeren und alles dabei vergessen. Siehst du, wie jetzt das Wetter so schön ist.« – [36] Daß ich's kurz mache. Ich ersäufte in einem Gelage meine Reue über meinen vorigen Wandel und meine guten Entschlüsse für die Zukunft, und so wie die See nach gestilltem Sturme ein freundliches Ansehn gewonnen hatte, so verdrängten meine Neigungen und Wünsche die Angst und meine Gelübde. Dann und wann kamen zwar noch einige Augenblicke des Nachdenkens zurück, doch ich suchte mich davon wie von einer Krankheit zu befreien, und durch Trunk und frohe Gesellschaft gelang es mir, in einigen Tagen diese beunruhigenden Paroxismen – so nannte ich sie – zu vertreiben, und einen so vollständigen Sieg über mein Gewissen zu erhalten, als ein junger Bursche, der entschlossen ist, sich durch nichts stören zu lassen, nur wünschen kann.

Allein die Vorsehung beschloß, mir keine Entschuldigung übrig zu lassen; ich hatte noch eine andere, stärkere Prüfung zu bestehen. Wenn ich jene nicht für eine wahre Rettung ansehen wollte, so sollte diese so beschaffen seyn, daß auch der verhärtetste Bösewicht nicht mehr daran zweifeln konnte.

Da Windstille eintrat, so hatten wir seit dem Sturme nur einen sehr geringen Weg zurückgelegt, und kamen den sechsten Tag unserer Fahrt auf die Rheede von Yarmouth, und da uns der Südwestwind entgegen war und blieb, so mußten wir hier sieben bis acht Tage vor Anker liegen bleiben. Während dieser Zeit kamen noch mehrere Schiffe von Newkastle auf diese Rheede, als dem allgemeinen Sammelplatze, auf guten Wind, um die Themse hinauf zu segeln, zu warten. Wir würden hier nicht so lange verweilt[37] haben, sondern mit der Fluth den Strom hinauf getrieben seyn, wäre der Wind nicht zu heftig geworden. Da man indeß diese Rheede für so gut als einen Hafen hält, der Ankergund gut, das Ankertau stark war, so blieben unsere Leute unbesorgt und sicher, und brachten ihre Zeit mit Schlaf und Fröhlichkeit zu. Allein am achten Tag ward der Wind zum Sturm, und wir hatten alle Hände voll zu thun, die Stangen undRaaen zu streichen, und Alles dicht und fest zu machen, damit das Schiff sicher vor Anker liegen möchte. Gegen Mittag gieng die See sehr hoch, mehrere Wellen schlugen über das Schiff hin, es bekam verschiedene Lecke, und es schien, daß der Anker gewichen wäre. Unser Schiffer ließ hierauf den Tryanker fallen, und die Taue verlängern, um vor zwei Ankern desto sicherer zu liegen. Der Sturm tobte fürchterlich; Schrecken und Entsetzen lag auf dem Gesichte aller Seeleute. Während dem ersten Lärmen lag ich ganz betäubt in meiner Hütte, nächst dem Steuerstock, und wie mir zu Muthe war, kann ich selbst nicht beschreiben; ich konnte das vorige Gefühl der Reue nicht mehr in mir erwecken; vielleicht, dachte ich, hat dies nicht mehr als das vorige Mal zu bedeuten, oder die Bitterkeit des Todes ist bald überstanden, vielleicht wirklich schon vorbei. Als ich aber den Schiffer, der sich so angelegen seyn ließ, das Schiff zu retten, indem er bei mir vorbei in seine Hütte und dann wieder heraus gieng, leise bei sich sagen hörte: »Gott sey uns gnädig und barmherzig, wir sind Alle verloren!« da überfiel mich wahre Todesangst; ich eilte aus meiner Hütte und sah mich um, aber nie [38] erschreckte mich ein solcher Anblick. Die See erhob sich wie die höchsten Berge, alle drei bis vier Minuten bedeckten die Woogen das Schiff, und wenn ich mich umsehen konnte, erblickte ich nichts als Noth und Jammer. Zwei Schiffe, die bei uns vor Anker lagen und zu schwer beladen waren, hatten ihre Masten dicht über dem Verdeck abgekappt, und wir sahen ein Schiff, das eine halbe englische Meile 1 von uns lag, versinken. Zwei andere Fahrzeuge waren von ihren Ankern losgerissen und in die See hinaus getrieben worden, wo sie mastlos umher irrten. Die leichten Fahrzeuge kamen noch am besten durch, da sie weniger von der Bewegung litten; dennoch trieben einige bei uns, bloß mit dem großen Blindesegel, vor dem Winde vorbei.

Gegen Abend ersuchte der Hochbootsmann und Steuermann den Schiffer um seine Einwilligung, den Fokmast zu kappen, wozu er sich endlich, doch ungern, verstand, weil der Hochbootsmann versicherte, das Schiff würde sonst unvermeidlich sinken. Als aber der Fokmast weg war, so stand dergroße Mast so lose und erschütterte das Schiff so sehr, daß man auch diesen kappen mußte.

Jedermann kann sich meinen Zustand leicht vorstellen, da ich ein Neuling, und in kurzer Zeit auf einander [39] solchen Schrecken ausgesetzt war. Aus der damaligen Verwirrung meiner Gedanken erinnere ich mich, nach so langer Zeit, nur so viel, daß die Reue, von meinen guten Vorsätzen so schnell abgegangen und zu meinen ersten Entschlüssen zurückgekehrt zu seyn, mir zehnmal mehr Angst verursachte, als die Furcht vor dem Sturme, der mit solcher Wuth anhielt, daß die Seeleute selbst sagten, sie hätten nie einen so heftigen erlebt.

Unser Schiff war zwar gut, aber schwer beladen, und schwankte so sehr, daß die Seeleute alle Augenblicke riefen: Wir sinken! Zum Glück verstand ich's nicht. Der Sturm wüthete so heftig, daß – was man so leicht nicht sieht – der Schiffer, derBootsmann und einige andere, die etwas weniger gefühllos waren, als die Uebrigen, betend auf den Knieen den Augenblick des Sinkens erwarteten. Gegen Mitternacht schrie ein Matrose: es sey ein Leck gesprungen! Ein anderer: das Wasser stehe schon vier Fuß tief im Raum! Nun wurde alles, was Hände hatte, zu den Pumpen gestellt. Als ich dies hörte, fiel ich ohnmächtig von meinem Bette, auf dem ich saß, in die Kajüte. Die Leute hoben mich auf und sagten; daß wenn ich gleich vorher zu nichts nütze gewesen, jetzt eben sowohl als Andere pumpen müßte. Ich eilte auch zur Pumpe, und arbeitete aus Leibeskräften. Während dieser Arbeit erblickte der Schiffer einige leichte Kohlschiffe, die, weil sie den Sturm vor Anker nicht aushalten konnten, das Tau hatten schlüpfen lassen, und nahe bei uns vorbei in die See hinaus trieben; er ließ sogleich einige [40] Nothschüsse thun. Ich, der die Bedeutung derselben nicht kannte und das Schiff zerschmettert glaubte, fiel vor Schrecken in Ohnmacht, und da jetzt ein Jeder nur für sein eigenes Leben besorgt war, bekümmerte sich kein Einziger um meinen Zustand; ein Matrose trat an die Pumpe, stieß mich, da er mich todt glaubte, mit dem Fuß auf die Seite, und ich kam erst nach geraumer Zeit wieder zu mir selbst.

Wir setzten die Arbeit auf's angestrengteste fort; dennoch stieg das Wasser im Raume immer höher. Zwar ließ der Sturm ein wenig nach, aber das Schiff konnte sich nicht so lange flott erhalten, bis wir einen Hafen hätten erreichen können. Der Schiffer ließ mit den Nothschüssen fortfahren. Endlich wagte es ein leichtes Fahrzeug, das den Sturm gerade vor uns ausgehalten hatte, uns ein Boot zu Hülfe zu senden, das sich aber nur mit der größten Gefahr nähern konnte, und erst nachdem die Matrosen lange genug aus allen Kräften gerudert und augenscheinlich ihr Leben gewagt hatten, um das unsrige zu retten, gelang es ihnen, so nahe zu kommen, um das Tau, das unsere Leute ihnen zuwarfen, zu erhaschen und an Bord zu legen. Sogleich waren wir alle im Boote, aber nun war es unmöglich zu ihrem Schiffe zu kommen und man suchte gegen die Küste hinzutreiben. Auch versprach ihnen unser Kapitän, wenn das Boot scheitern sollte, es dem ihrigen zu ersetzen; so näherte es sich denn, theils treibend, theils rudernd, dem Strande bei Wintertonesse.

Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als die Matrosen mir sagten: nun sinkt das Schiff. Ich konnte kaum die Augen aufschlagen, um [41] hin zu sehen, denn von dem Augenblick an, da ich mehr in's Boot geworfen worden, als hinein gestiegen war, erstarb mein Herz vor Gewissensangst und vor Furcht vor der Zukunft.

Wenn die Wogen unser Boot hoch emporhoben, konnten wir den Strand und eine Menge Menschen erblicken, die längs demselben hin liefen, um uns Hülfe zu leisten, wenn wir nahe genug seyn würden. Allein mit uns gieng's sehr langsam, und erst nachdem wir den Leuchtthurm vor Winterton vorbei waren, wo sich die Küste westwärts gegen Cromer umbiegt, und wegen ihrer Höhe die Heftigkeit des Windes brach, kamen wir, nicht ohne Mühe, glücklich an's Land und giengen dann zu Fuße nach Yarmouth, wo uns die Ortsobrigkeit gute Quartiere anwies, und, so wie verschiedene Kaufleute und Rheder, von denen wir hinlänglich Geld zur Heimreise erhielten, mit vieler Menschenliebe behandelte, so daß sich ein Jeder hinbegeben konnte, wo er es gut fand.

Mein Verführer – des Schiffers Sohn – den ich erst einige Tage nach unserer Ankunft in Yarmouth wieder sah, weil wir in entfernten Quartieren lagen, schien den Muth weit mehr als ich verloren zu haben, und sprach jetzt aus einem andern Tone, als bei'm Punschgelage. Er fragte mich, mit mattem Blicke:wie es mir gehe? sagte dann auch seinem dabei stehenden Vater, wer ich sey, daß diese Reise bloß ein Versuch gewesen, und daß ich Willens wäre weiter zu reisen. Auf dieses wandte sich sein Vater ernsthaft gegen mich, und sagte mit Nachdruck zu mir: »Junger Mensch! [42] gehe Er nie wieder zur See, und sehe das, was ihm begegnet ist, als ein warnendes und untrügliches Zeichen an, daß Er zu keinem Seefahrer bestimmt ist.« – »Wie, mein Herr! – erwiederte ich ihm, wollen Sie auch nicht mehr zur See gehen?« – »Mit mir ist es ganz was anders: das ist mein Beruf, meine Pflicht. Er aber hat diese Reise nur zur Probe und die Erfahrung gemacht, was ihm bevorsteht. Sag Er mir doch, wer Er ist, und welche Bewandniß es mit seiner Reise hatte.« Ich erzählte ihm hierauf meine Geschichte. »Womit, rief er nach deren Beendigung in einer seltsamen Hitze aus, womit hab' ich mich doch versündigt, daß so ein Elender mein Schiff betreten mußte! Wer weiß, ob nicht all das Unglück bloß seinetwegen mich betroffen hat, wie's mit Jonas auf dem Schiffe zu Tharsis ergieng; ich wollte nicht um tausend Pfund mit Dir meinen Fuß wieder auf das nämliche Schiff setzen.« Nach dieser, durch das Gefühl seines Verlusts verursachten Aufwallung redete er gesetzt mit mir, und schloß mit den Worten: »Geht er nicht zurück, so kann er sich darauf verlassen, daß er überall nichts als Jammer und Elend finden wird und die Worte seines Vaters in Erfüllung gehen werden.« Ich verließ ihn ohne Antwort, und habe seitdem nichts mehr von im gesehen noch gehört.

[43] Wäre ich nun so klug gewesen, gerade nach Hause zu gehen, so würde ich glücklich, und mein Vater – demjenigen in der Parabel vom verlornen Sohne ähnlich – bereit gewesen seyn, vor Freude über meine unverhoffte Zurückkunft ein gemästetes Kalb schlachten zu lassen. Allein obgleich meine Vernunft und meine ruhigere Ueberlegung mir wiederholt zuriefen, nach Hause zu gehen, so riß mich, trotz zwei so auffallender Warnungen, mein unwiderstehliches Verhängniß in's Elend hin.

Ich reisete, da ich mit Gelde versehen war, zu Lande nach London, unentschlossen, welche Lebensart ich ergreifen, ob ich nach Hause oder zur See gehen sollte. Dem ersten widersetzte sich eine falsche Schaam, von meinen Eltern und Bekannten ausgelacht zu werden. Wie widersprechend ist doch die Denkart der meisten Menschen und vorzüglich der jungen Leuten? wie wenig folgen sie der Vernunft, die doch ihre einzige Führerin seyn sollte! sie schämen sich nicht der That, die sie als Thoren bekannt macht, wohl aber der Rückkehr, die ihnen allein wieder zum Rufe von verständigen Leuten verhelfen kann.

Meine Unentschlossenheit dauerte eine geraume Zeit; so verlor sich allmählig das Andenken an die ausgestandenen Gefahren und mit ihm das schwache, immer seltenere Verlangen zurückzukehren, bis ich endlich nicht mehr daran dachte, und mich entschloß, an Bord eines Schiffes, das nach der Küste vonGuinea bestimmt war, eine Reise nach Afrika zu machen.

Ich hatte in London das Glück, in gute Gesellschaft zu gerathen, was so lockern jungen Leuten, wie [44] ich damals war, nicht immer begegnet. Ich machte gleich anfangs die Bekanntschaft eines Schiffskapitäns, der Reisen nach der Küste von G u i n e a mit dem glücklichsten Erfolg gethan hatte, und ent schlossen war, noch einmal dahin zu gehen. Er fand an meinem Umgang, der damals eben nicht unangenehm war, Vergnügen, und da er meinen Hang zum Reisen vernahm, sagte er, wenn ich die Reise mit ihm machen wollte, so sollte ich sein Tischgenosse und Gesellschafter seyn, ohne daß es mich etwas koste, und wenn ich etwas von Waaren mitnehmen könnte, so sollte aller Vortheil davon mein seyn, und ich würde sehen, daß sich's wohl der Mühe verlohnte. Ich nahm sein Anerbieten an, und machte die Reise mit ihm. Ich hatte durch Hülfe einiger Verwandten, mit denen ich im Briefwechsel stand, und welche meine Eltern, oder wenigstens meine Mutter vermochten, etwas zu meiner ersten Unternehmung beizutragen, ungefähr vierzig Pfund zusammengebracht, und an solche Spielsachen und Kleinigkeiten angelegt, als der Schiffskapitän mir zu kaufen rieth, durch dessen Freundschaft und Uneigennützigkeit sich dies Kapitälchen sehr ansehnlich vermehrte, denn ich brachte fünf Pfund, neun Unzen Goldstaub nach London zurück, die mir einen reinen Gewinn von dreihundert Pfund Sterling einbrachten.

Dies war die einzige glückliche von allen meinen Reisen, und dies hatte ich ganz allein der Rechtschaffenheit meines Freundes zu verdanken. Unter seiner Anleitung erlangte ich bedeutende Kenntnisse in der Mathematik und Steuermannskunde, lernte die Höhe der [45] Sonne und Gestirne beobachten, und den Lauf des Schiffs berechnen, kurz Alles, was ein Seemann wissen muß. Er fand ein Vergnügen darin, mich zu unterrichten und ich hatte eben so viele Lust um von ihm zu lernen, und so machte mich diese Reise sowohl zu einem Steuermann als zu einem Kaufmann.

Jedoch war auch diese Reise nicht ganz ohne Unannehmlichkeiten, denn ich war beinahe beständig krank, indem mir die Hitze des Klima's, zwischen dem 15. Grad Nord-Breite und der Linie, wo unser Handel sich hinzog, ein hitziges Fieber verursachte, das mich nur selten verließ.

Zu meinem größten Unglück starb mein Freund bald nach unserer Zurückkunft. Dennoch, da ich nun einmal ein Guineahändler geworden war, entschloß ich mich, die Reise noch einmal auf dem nämlichen Schiffe dahin zu machen. Der Steuermann desselben hatte nun das Kommando übernommen. Vorsichtigerweise wandte ich nicht ganz hundert Pfunde auf diese Reise, und ließ den Rest meines neu erworbenen Reichthums der Wittwe meines Freundes in Verwahrung, die sich auch sehr redlich gegen mich betrug.

Dies war die unglücklichste Reise, die je ein Mensch unternahm. Wir nahmen unseren Lauf zwischen der afrikanischen Küste und den kanarischen Inseln hin, und entdeckten eines Morgens in der Dämmerung plötzlich einen maurischen Seeräuber von Salee, der mit allen Segeln Jagd auf uns machte. Auch wir setzten nun so viele Segel bei, als unser Schiff nur tragen mochte, um ihm zu entkommen. Als wir aber [46] bemerkten, daß der Seeschäumer besser segelte, und uns in wenigen Stunden gewiß einholen würde, so bereiteten wir alles zum Gefecht vor. Unser Schiff trug zwölf Kanonen, der Seeräuber achtzehn. Seine Absicht mochte wohl gewesen seyn, hinter unserm Spiegel umzusegeln, und der Länge nach zu beschieffen; aber aus Versehen kam er dem Halbdeck gegenüber, von dem wir ihm mit acht Kanonen eine Lage gaben, und nachdem wir das Feuer wiederholt hatten, entfernte er sich von dieser Seite, nachdem er eine Kleingewehrsalve von etwa 200 Mann gegen uns gethan hatte, aber ohne die geringste Wirkung, denn unsere Leute hielten sich gut gedeckt. Bald aber legte er auf der andern Seite an Bord; neunzig Mauren enterten sogleich unser Schiff, und hieben unser Tau- und Tackelwerk zusammen; zweimal drängten wir sie vom Verdeck mit Kleingewehr, Bajonetten und Granaten auf ihr Schiff zurück, sie kehrten aber immer verstärkt herüber, übermannten und nöthigten uns zur Uebergabe, nachdem wir drei Todte und acht Verwundete hatten, und unser Schiff sehr beschädigt war, und schleppten uns als Gefangene nach dem maurischen Hafen Salee.

Fußnoten

1 Wenn von Meilen die Rede ist, so werden jedesmal englische Meilen verstanden, deren 691/4 auf einen Grad des Aequators gehen und 4956 Pariserfuß halten. Da nun eine deutsche Meile 25,000 Pariserfuß hält, so machen 5 englische Meilen ungefähr eine deutsche.

Zweiter Abschnitt

Zweiter Abschnitt.

Sklaverei und Flucht.


Alle meine Gefährten wurden in das Innere des Landes an den Hof des Kaisers gebracht; mich aber, [47] der jung und flink war, behielt der Räuberkapitän, als seine eigene Beute, als Sklave zurück. Mein Zustand war nicht so schrecklich, als ich anfangs gefürchtet hatte; demungeachtet drückte mich die unglücklichere Veränderung meiner Lage von einem Kaufmann zum Sklaven ganz zu Boden. Jetzt schien mir die prophetische Rede meines Vaters: daß ich elend seyn und keinen Retter haben würde, so ganz erfüllt zu seyn, daß es nicht schlimmer werden könne, und ich ohne Rettung verloren sey. Das war aber nur ein Vorschmack des noch bevorstehenden Elends.

Da mich mein neuer Gebieter mit sich nach Hause genommen hatte, so hoffte ich, daß er mich auch wieder mit zur See nehmen werde, wo es sich denn wohl ereignen könnte, daß er von einem spanischen oder portugiesischen Schiffe genommen und ich meine Freiheit erlangen würde. Allein diese Hoffnung verschwand bald, denn wenn er zur See gieng, so ließ er mich am Lande zurück, seinen Garten zu bauen, und andere häusliche Sklavenarbeit zu thun; und kam er von seinem Kreuzen zurück, so mußte ich des Nachts in der Kajüte liegen, und das Schiff bewachen.

Mein einziger Gedanke war Flucht und die Art und Mittel sie zu bewerkstelligen, aber ohne den geringsten Erfolg; denn ich war ganz allein, hatte keinenEngländer, Schottländer oder Irländer zum Mitsklaven, dem ich meinen Anschlag mittheilen, und mit ihm ausführen konnte. So harrte ich zwei Jahre, ohne sie möglich machen zu können, so sehr sich meine Gedanken damit, als dem Lieblingsgeschöpfe meiner [48] Einbildung, beschäftigten. Aber nach diesem Zeitraum schien ein neuer Umstand den Versuch, mich zu befreien, begünstigen zu wollen.

Mein Patron lag länger als gewöhnlich zu Hause – weil, wie ich hörte, der Geldmangel ihn an der Ausrüstung seines Schiffes hinderte. Während dieser Zeit fuhr er wöchentlich mehrere Male im kleinen Schiffsboote auf die Rhede, um zu fischen. Ich und ein kleiner Maurenjunge, Namens Xury, mußten rudern. Wir machten ihm oft viele Lust, und ich zeigte mich im Fischen so geschickt, daß er mich oft mit einem seiner Unverwandten und dem Maurenjungen hinausschickte, ihm ein Gericht Fische zu fangen.

Einst, als wir an einem stillen Morgen zum Fischen hinaus fuhren, erhob sich ein so dicker Nebel, daß wir die kaum eine halbe Meile entfernte Küste ganz aus dem Gesichte verloren; wir ruderten immer zu, ohne zu wissen wohin, den ganzen Tag und die folgende Nacht, und als der Morgen anbrach, so fand sich's, daß wir uns, anstatt der Küste zu nähern, wenigstens zwei Meilen davon entfernt hatten, und da der Wind frisch vom Lande zu wehen anfieng, kamen wir nicht ohne Mühe und Gefahr, aber doch glücklich und hungrig, zurück.

Unser Patron, durch diesen Unfall gewarnt, beschloß, sich einem ähnlichen nicht wieder auszusetzen, und nie ohne Kompaß und Lebensmittel auf's Fischen auszufahren. Er ließ auf der Schaluppe von unserm englischen Schiffe, die neben dem seinigen lag, durch seinen Schiffszimmermann ein kleines Zimmer mit einem Feuerheerde zurechte machen, hinter welcher einer das [49] Steuerruder und dieSchoten handhaben, vorn aber zwei die Segel hissen und wenden könnten. Dieses Boot hatte ein Gieksegel; der Baum lag gerade über die Kajüte, welche so schmal und niedrig war, daß nur ein Tisch darin stehen und 3 Menschen darin sitzen konnten; doch waren einige Fächer angebracht, um Flaschen mit Getränke, Brod, Reis und Kaffe darin aufzubewahren.

Mit diesem Boote fuhr er nun oft auf den Fischfang aus, doch nie, ohne mich, wegen meiner Geschicklichkeit, mitzunehmen. Einst hatte er sich vorgenommen, mit zwei oder drei Mauren von Stande in diesem Boot auszufahren, und mir Befehl gegeben, einen großen Vorrath von Lebensmitteln nebst drei Flinten mit Pulfer und Schroot auf das Boot zu bringen, um sich sowohl mit Vogelschiessen als mit Fischen zu belustigen. Ich befolgte seinen Befehl, und wartete des Morgens auf ihn im Boote, das ich rein gewaschen und mit Flagge und Wimpeln geschmückt hatte, so daß es an nichts fehlte, seine Gäste wohl zu empfangen.

Allein mein Patron kam ganz allein, und sagte, seine Gäste hätten die Lustfahrt wegen Geschäften abgesagt; ich sollte daher nur mit dem Mauren und mitXury auf's Fischen hinausfahren, denn seine Freunde würden bei ihm zu Hause speisen; sobald ich etwas gefangen, sollte ich's dahin bringen.

Das alles nahm ich mir nun vor zu thun; allein im selbigen Augenblick kamen mir auch meine Gedanken an die Flucht in den Sinn; denn ich sah, daß ich mich des jetzt mit Lebensmitteln versehenen [50] Boots bemächtigen könnte. Kaum hatte mein Herr sich entfernt, so machte ich alle Anstalten, nicht bloß zum Fischen, sondern zu einer Reise, obschon ich noch nicht wußte, wohin ich steuern wollte, mich auch nicht darum bekümmerte, denn jeder Weg war mir recht, der mich von diesem Ort entfernte.

Mein erster Gedanke war, den Mauren unter einem schicklichen Vorwand dahin zu bringen, mir noch mehr Unterhalt zu verschaffen. Ich sagte ihm daher:»Er möchte hingehen, und uns Speise besorgen, denn unsers Herrn Vorräthe dürften wir nicht berühren. Ja wohl,« sagte er und gieng, brachte dann einen großen Korb voll Rusk – eine Art Zwieback – und zwei Flaschen frisches Wasser in's Boot. Während seiner Abwesenheit nahm ich aus dem mir bekanntten Flaschenfutter unsers Patrons, das nichts andere als englische Beute war, die Flaschen, und brachte sie in's Boot, als wenn sie schon für unsern Herrn da gewesen wären. Auch nahm ich einen großen Klumpen Wachs, einen großen Knaul Bindfaden, einen Kochkessel, ein Beil, eine Säge und einen Hammer, welches alles mir in der Folge vortrefflich zu statten kam; aus dem Wachs und Bindfaden machte ich mir Kerzen.

Der Maure ließ sich noch einmal zum Besten halten. »Müley, sagte ich zu ihm, – er hieß Ismael, das sie kurz Müley aussprechen, – unsers Patrons Flinten sind alle im Boot, könntest du nicht etwas Pulfer und Schroot verschaffen? vielleicht könnten wir einige Aleamies – eine Art Seevögel – für uns schiessen; ich weiß, daß [51] unser Patron immer Munition im Vorrath im Schiffe hat.« »O ja, antwortete er, ich will gleich was holen«; brachte dann einen großen ledernen Beutel, der ungefähr anderhalb Pfund Pulfer enthielt, und noch einen andern Beutel mit fünf bis sechs Pfund Schroot und einigen Kugeln, und legte das alles in's Boot. Zu gleicher Zeit hatte ich in der Kajüte noch etwas Pulfer gefunden, und damit eine leere Flasche angefüllt; und so mit allem Nothwendigen versehen, segelten wir hinaus zum Fischen. Die Wache des Kastells am Eingang des Hafens kannte uns schon, und ließ uns ungehindert vorbeifahren. Eine Meile vom Hafen geyeten wir die Segel und setzten uns zum Fischen, ich zog aber keinen Fisch heraus, damit ihn der Maure nicht sähe. Nach einiger Zeit sagte ich: »Das geht nicht, so kriegt unser Herr keine Fische; wir müssen weiter hinaus.« Er, der daraus kein Arg hatte, war es gleich zufrieden, und da er vorn im Boote stand, hitzte er gleich die Giek auf, ich aber stand am Steuerruder und drehte erst bei, als wir eine Meile weiter gesegelt waren, als ob ich hier wieder fischen wollte, gab dann dem Xury das Steuerruder und gieng zum Mauren, der sich über das Vordertheil hinausbückte und bereits fischte, faßte ihn unversehens zwischen den Schenkeln und warf ihn über Bord. Er kam Augenblicks in die Höhe, denn er schwamm wie ein Kork, rief mir bittend zu, ihn einzunehmen und betheuerte, mir überall hin folgen zu wollen; allein ich legte meine Flinte auf ihn an und sagte: »Ich will dir kein Leid thun, du schwimmst gut und die See ist [52] still, mache also, daß du fort und an's Land kömmst; näherst du dich aber, so schieß ich dich vor den Kopf, denn ich bin entschlossen, meine Freiheit zu haben.« Er wandte sogleich um, und schwamm dem Ufer zu, das er auch ohne Zweifel erreicht haben wird. Ich hätte ihn wohl auch mitnehmen können, aber ich traute ihm nicht, und mochte auch nicht unser Drei ernähren. Als er fortschwamm, sagte ich zu dem Jungen: »Xury, wenn du mir treu seyn willst, so will ich dich wohl halten; aber du mußt dich in's Gesicht schlagen, und mir bei Mahomed und deines Vaters Bart Treue schwören, sonst muß ich dich auch in die See werfen.« – Xury lächelte mich in seiner Unschuld an, so daß ich unmöglich Mißtrauen in ihn setzen konnte, und schwor mir, getreu zu seyn, und mit mir bis an der Welt Ende zu gehen.

So lange mich der fortschwimmende Maure noch sehen konnte, steuerte ich so dicht bei dem Winde als möglich, damit man denken möchte, ich segle nach Europa. Der Wind war Nord-Nordost und mir gar nicht günstig; wär er südlich gewesen, so würde ich die Küste von Spanien gewiß erreicht haben; allein er mochte wehen, aus welcher Ecke er wollte, mein Entschluß war fest, der Sklaverei zu entziehen. Sobald aber der Abend dämmerte so machte ich eine Wendung, sammelte Süd, und lenkte meinen Lauf etwas östlich, damit ich näher an der Küste in stillerm Wasser bliebe, und bei dem frischen Winde gieng die Fahrt so schnell daß ich den folgenden Nachmittag um drei Uhr, als [53] wir landwärts steuerten, wenigstenshundert und fünfzig Meilen südlich vonSalee, weit über das Gebiet des Kaisers von Marokko oder irgend eines maurischen Königs hinaus seyn mußten, denn wir sahen keine Menschen. Wer hätte auch vermuthen sollen, daß ich südwärts, so recht gegen die barbarische Küste, segeln würde, wo wir nicht einmal das Land betreten konnten, ohne uns der Gefahr auszusetzen, von Negern umringt und getödtet, oder von wilden Thieren gefressen zu werden? aber die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, schreckte mich so sehr, daß ich den guten Wind benutzte und, ohne stille zu halten und zu ankern oder an's Land zu steigen, fünf Tage in einem fort segelte.

Nun aber wandte sich der Wind nach Süd um, und da wagte ich es erst, gegen die Küste zu steuern. Wenn dir auch, dachte ich, eines ihrer Schiffe nachsetzt, so werden sie's nun wohl aufgeben. Ich ließ eines Abends den Anker in der Mündung eines kleinen Flusses fallen, ohne zu wissen, in welcher Gegend, unter welcher Breite, bei welcher Nation; ich sah keinen Menschen, und wünschte auch keinen zu sehen; mein einziger Wunsch war frisches Wasser. Wir hatten uns vorgenommen, an's Land zu schwimmen, wenn es finster seyn würde; als es aber Nacht war, hörten wir ein so schreckliches Bellen, Brüllen und Heulen wilder Thiere, daß der arme Xury sich beinahe zu Tode ängstigte, und mich inständig bat, ja nicht vor Anbruch des Tages an's Ufer zu gehen. »Gut, sagte ich, wenn wir aber nun am Tage Menschen sehen, [54] die für uns eben so gefährlich sind als diese Bestien?« – »O dann, antwortete er lachend, nehmen wir die Flinte und machen sie alle davon laufen.« Xury's Rath war gut, ich befolgte ihn, und es war mir lieb, den Jungen so muthig zu sehen; um ihm noch mehr Herz zu machen, gab ich ihm ein Schlückchen aus dem Flaschenfutter des Patrons. So blieben wir die Nacht über vor Anker liegen, aber an Schlafen war nicht zu denken, denn nach einigen Stunden sahen wir ungeheure Thiere von unbekannter Art an den Strand kommen, sich im Wasser herumwälzen und abkühlen, wobei sie ein solches Geheule machten, daß ich nie etwas so Entsetzliches gehört habe.

Xury war in Todesangst und, die Wahrheit zu gestehen, ich nicht weniger, und sie stieg noch mehr, als wir eine dieser Bestien gegen unser Boot heranschwimmen hörten, denn sehen konnten wir sie nicht, aber nach ihrem Geschnaube zu urtheilen, mußte sie ungeheuer sehn. Xury versicherte, es sey ein Löwe, er hatte wahrscheinlich recht, und rief mir zu, den Anker zu lichten und fortzurudern. – »Nein, erwiederte ich, wir können ja das Ankertau länger ausschlüpfen lassen, und so das Boot weiter seewärts legen, weit kann sie uns doch nicht nachfolgen«; aber kaum hatte ich Zeit dies zu sagen, als ich das Thier nicht weiter als einige Ruderlängen von uns merkte, und nicht wenig erschrack. Ich holte gleich meine Flinte aus der Kajüte, und gab Feuer, worauf das Thier auch sogleich umkehrte, und [55] dem Ufer zuschwamm. Unmöglich läßt sich das schreckliche tausendstimmige Getöse beschreiben, das auf diesen Schuß – der erste, der hier je gehört worden seyn mochte – sowohl am Strande als weiter gegen das Innere des Landes entstand. Dies überzeugte mich vollends, daß gar nicht daran zu denken sey, bei Nacht an's Ufer zu gehen; ob wir uns sogar am Tage hinwagen dürften, war eine andere Frage; denn in die Hände der Wilden zu fallen, war eben so sehr zu fürchten als die Beute der Löwen und Tiger zu werden. Dennoch mußten wir durchaus Wasser holen, dessen wir keine Kanne mehr vorräthig hatten.

Endlich, als es heller Tag war, entschied Xury diese Frage, indem er sich anbot, »Wasser zu suchen und mir zu bringen, wenn ich ihm einen Krug mitgeben wollte.« Ich fragte, »warum denn gerade er hingehen wollte, und ich im Boot bleiben sollte?« Der gutherzige Junge antwortete mir mit so vieler Liebe, daß ich ihm von der Zeit an herzlich gut seyn mußte:»Wenn die wilden Leute kommen, so fressen sie mich, und du kannst fortgehen.« Ich fiel ihm um den Hals, und sagte:»O, sie sollen keinen von uns essen; wir wollen beide gehen, und wenn die wilden Leute kommen, so schiessen wir sie todt.« Hierauf aßen wir ein Stück Brod, nahmen einen Schluck aus dem bekannten Flaschenfutter, ruderten dann so nahe an das Ufer als es rathsam schien, und wadeten, jeder mit einem Gewehr und einem Kruge, an das Ufer. Aus Furcht vor den Wilden [56] ließ ich das Boot nicht aus den Augen; aber Xury eilte gegen eine Niederung, die er etwa eine Meile landeinwärts entdeckt hatte, kam aber gar bald wieder in vollem Laufe zurück. Ich glaubte, er würde von einem Wilden verfolgt oder von einem Thiere erschreckt, und lief ihm entgegen, um ihm zu Hülfe zu kommen; als ich ihm aber näher kam, sah ich etwas über seine Schultern herabhängen; es war ein Thier, das er geschossen hatte, und einem Hasen ähnlich sah, doch längere Beine hatte. Wir waren recht froh darüber; aber noch größer war meine Freude, daß er gutes frisches Wasser gefunden, aber keine Wilden gesehen hätte. Wir füllten also unsere Krüge, bereiteten dann den Hasen, liessen uns ihn vortrefflich schmecken, und setzten hierauf unsere Fahrt weiter fort.

Die Gegend, wo ich mich nun befand, lag zwischen dem Gebiete des Kaisers von Marokko und dem der Neger, und war nur von wilden Thieren bewohnt, weil die Neger ihn aus Furcht vor denMauren verlassen und sich südwärts gezogen haben; diese aber verliessen ihn wegen seiner Unfruchtbarkeit, und kommen nur, zwei- bis dreitausend Mann stark, wie eine kleine Armee, dahin auf die Jagd der Löwen, Tiger, Leoparden und anderer grimmigen Thiere.

Von meiner erstern Reise her wußte ich zwar wohl, daß die kanarischen Inseln und die vomgrünen Vorgebirge nicht weit von diesen Küsten entfernt seyn konnten; da es mir aber an Instrumenten fehlte, um die Höhe aufzunehmen, und ich mich auch nicht mehr eigentlich erinnern konnte, unter welcher Breite [57] die einen und andern lagen, so wußte ich nicht, wo ich mich nach ihnen umsehen und auf sie lossteuern sollte, sonst hätte ich sie vielleicht auffinden können. Meine Hoffnung war, daß wenn ich mich an der Küste hielte, ich in die Gegend käme, wohin die Engländer handeln, und vielleicht eines ihrer Schiefe antreffen würde, das mir beistehen und uns aufnehmen könnte.

Einige Male glaubte ich den Piko oder den hohen Berg auf der kanarischen Insel Teneriffa zu erblicken, und hatte nicht wenig Lust, mich in die offene See hinaus zu wagen, in Hoffnung sie zu erreichen. Zwei Versuche schlugen fehl, indem widrige Winde mich zurück trieben; auch fand ich, daß die See für mein kleines Fahrzeug zu hoch gieng, daher hielt ich mich, wie vorher, an den Küsten, und landete verschiedene Male, um frisches Wasser einzunehmen; wir fanden, daß wir uns deßwegen nicht soviel Mühe wie das erste Mal geben durften, denn nach halb abgelaufener Ebbe fanden wir nicht weit über der Mündung süßes Wasser in den Flüssen.

Eines Morgens früh legten wir an einer hohen, aber nicht langen Landspitze vor Anker still, um, wenn die Fluth stärker anströmte, mit ihr weiter hinauf zu treiben. Allein Xury, der, wie es scheint, ein schärferes Gesicht als ich hatte, sagte leise zu mir: »Wir würden wohl am besten thun, uns weiter vom Ufer zu entfernen, denn siehst du dort das schreckliche Ungeheuer, das an dem Abhange des Hügels schläft?« Ich blickte hin, und sah wirklich einen fürchterlich großen Löwen, der im[58] Schatten des überhängenden Hügels ruhete. – »Ei, Xury, laufe geschwind hin, sagte ich,und tödte mir das Thier.« Der gute Xury erschrack gewaltig, und rief: »Ich ihn umbringen! er macht nur einen Bissen aus mir.« – Dann bedeutete ich ihm, nur stille zu seyn, nahm unsere größte Flinte, die fast eine Musketenkugel schoß, lud sie stark mit Pulver und ein paar Stücken Eisen, und legte sie vor mich hin; lud dann die zweite Flinte mit zwei Kugeln und die dritte mit fünf Kügelchen; zielte hierauf mit der ersten Flinte, so gut ich nur konnte, dem Löwen nach dem Kopfe; allein da er die Pfote über die Schnauze hielt, traf ihn der Schuß über dem Knie, und zerschmetterte ihm den Knochen. Brummend fuhr er auf, fiel aber bald wieder nieder, erhob sich von neuem auf drei Füßen, weil er den vierten zerbrochen fühlte, und fieng das entsetzlichste Gebrülle an, das ich je gehört habe. Ich war ein wenig bestürzt, ihn nicht auf den Kopf getroffen zu haben, feuerte sogleich die zweite Flinte ab, und traf ihn gerade auf den Kopf, obgleich er anfieng fortzuhinken, so daß er zusammenstürzte und, ohne laut zu werden, mit dem Tode rang. Jetzt bekam Xury Herz und wünschte an's Ufer zu gehen, sprang, als ich ihm es erlaubte, sofort in's Wasser, schwamm mit der einen Hand an's Ufer, und hielt mit der andern die Flinte über Wasser; als er ganz nahe an dem Thiere war, setzte er ihm die Flinte in's Ohr, schoß ihm durch den Kopf und gab ihm den Rest.

Dies war nun wohl eine Jagd, aber keine Speise, und ich bereute die drei unnütz verschwendeten Schüsse; [59] allein Xury wollte doch etwas davon haben und ihm den Kopf abhacken. Allein das mußte er bleiben lassen, und sich bloß mit einer Pfote begnügen, die er mir voller Freuden brachte, und deren Größe mich in Erstaunen setzte. Mir fiel ein, ihm die Haut abzustreifen. Wir machten uns also gleich darüber her, aber Xury verstand besser damit umzugehen, als ich, der sehr ungeschickt dazu that. Wir brachten den ganzen Tag damit zu, und brachten das Fell endlich herunter, das wir dann über der Kajüte ausbreiteten, wo es die Sonne in wenigen Tagen austrocknete; es diente mir dann zu einem guten Lager.

Nach diesem Aufenthalt segelten wir ungefähr zehn Tage nach einander südwärts, lebten sehr sparsam von unserm Mundvorrath, der stark auf die Neige gieng, und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht war, den Fluß Gambia oder Senegal oder irgend einen Ort in der Gegend um das grüne Vorgebirge zu erreichen, wo ich ein europäisches Schiff zu finden hoffte, denn ich wußte, daß alle Schiffe, die nach der Küste vonGuinea, nach Brasilien und Ostindien segeln, an diesem Vorgebirge oder an den nach ihm benannten Inseln zu landen pflegten. Und wäre das auch nicht gewesen, so hätte ich dennoch keinen andern Lauf als gegen diese Inseln zu nehmen gewußt; auf diesem Punkte beruhte meine Rettung; ich mußte ihn erreichen, oder ein Schiff finden, oder umkommen.

Als wir nun, wie gesagt, zehn Tage lang unsere Reise fortgesetzt hatten, so bemerkten wir, daß das[60] Land bewohnt zu werden anfing, denn wir erblickten im Vorbeifahren Menschen, die längs dem Strande hinliefen, uns nachsahen, und ganz nackt und schwarz waren. Ich wollte gleich zu ihnen an's Land gehen, aber Xury widerrieth es mir. Ich bemerkte, daß sie unbewaffnet waren; nur Einer hatte einen langen Stab in der Hand, und das wäre, meinte Xury, eine Lanze, die sie sehr weit und gewiß werfen könnten; doch näherte ich mich so weit, daß ich vom Boot aus mit ihnen sprechen konnte. Ich suchte mich, so gut ich konnte, durch Zeichen verständlich zu machen, daß ich Lebensmittel zu bekommen wünschte, worauf sie mir winkten, mit dem Boot stille zu halten; ich gey ete also mein Segel auf, und legte bei, während dem einige dieser Neger landeinwärts liefen, und nach kaum einer halben Stunde zwei Stücke getrocknetes Fleisch und etwas Korn mitbrachten. Nur war jetzt die Frage, wie wir es habhaft werden könnten, denn wir trauten ihnen nicht, und sie fürchteten sich vor uns. Endlich fielen sie auf ein Mittel, das für uns Alle gleich sicher war, denn sie legten die Nahrungsmittel auf dem Strande nieder, und zogen sich dann eine ziemliche Strecke zurück, bis wir Alles an Bord gebracht hatten, worauf sie sich wieder näherten. Wir gaben ihnen durch Zeichen unsern Dank zu verstehen, das Einzige, was wir ihnen zu geben hatten. Doch bald zeigte sich eine Gelegenheit, ihnen einen großen Dienst zu erweisen; denn als wir noch stille lagen, rannten zwei ungeheuer große Raubthiere in der größten Wuth vom Gebirge gegen die See herab: ob es das Männchen war, welches das [61] Weibchen verfolgte, ob es aus Lust oder aus Raubgier geschah, ob es etwas Gewöhnliches oder Ausserordentliches war, ließ sich nicht bestimmen; doch schien letzteres wahrscheinlicher, denn diese Thiere lassen sich sonst selten als nur bei Nacht sehen, und das Volk, besonders die Weiber, liefen im größten Schrecken davon; nur der Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien schienen die Neger gar nicht anfallen zu wollen, sondern stürzten sich in's Wasser, und schwammen, wie es schien bloß zur Lust, da herum. Ich hatte gleich eine Flinte geladen, und auch die andern beiden durchXury laden lassen, und da mir diese Thiere zu nahe kamen, schoß ich das eine gerade durch den Kopf, daß es sogleich sank; es kam aber bald wieder herauf, tauchte bald auf, bald unter, rang mit dem Tode, und suchte das Ufer zu erreichen, krepirte aber, ehe es noch dahin kommen konnte, theils an der Wunde, theils an dem eingeschluckten Seewasser. Die andere Bestie, von dem Blitze und Knall erschreckt, schwamm an den Strand, und lief dem Gebirge zu, ohne daß ich in der großen Entfernung erkennen konnte, was es eigentlich für ein Thier war.

Auch die Neger entsetzten sich über alle Beschreibung über das Feuer und den Knall meiner Flinte; einige fielen vor Schrecken zur Erde, und schienen vor Furcht zu sterben. Als sie aber sahen, daß ich ihnen winkte an das Gestade zu kommen, und daß das Thier todt auf dem Wasser schwamm, faßten sie Herz, waren aber sehr verwundert und neugierig, wie ich es in solcher Entfernung mochte getödtet haben.

[62] Ich merkte bald, daß die Neger nach dem Fleische lüstern waren, und wünschten, ich möchte ihnen die Beute überlassen; ich war auch gleich zu dieser Gefälligkeit bereit, schlang dem Thiere ein Tau um eine Pfote, und warf ihnen das andere Ende zu; sie schleppten es so an das Ufer, wo wir dann fanden, daß es ein zierlich gesteckter Leopard war; sie machten sich gleich darüber her, und obgleich sie keine Messer hatten, so streiften sie mit einem scharfen Holze das Fell so fertig, ja noch fertiger als wir mit Messern, ab. Sie bezeugten mir ihren Dank dadurch, daß sie mir von dem Fleische anboten, statt dessen ich aber die Haut verlangte, die sie mir nicht nur sehr gerne gaben, sondern auch noch mehr von ihren andern Lebensmitteln brachten, die ich mit Dank annahm, obgleich ich sie nicht kannte. Ich gab ihnen auch durch Zeichen zu verstehen, daß ich Wasser nöthig habe, indem ich einen Krug in der Hand umkehrte, um ihnen zu zeigen, daß er leer sey. Hierauf riefen sie einigen Weibern zu, welche so nackt als die Männer waren, von denen zwei ein großes irdenes, wie es schien in der Sonne gebranntes Gefäß brachten, und es für mich hinsetzten, wie sie es mit den Lebensmitteln gemacht hatten. Ich schickte Xury mit unsern drei Krügen an das Ufer, und erhielt sie alle gefüllt.

Ich war nun mit Wurzeln und Korn, wie es das Land hervorbrachte, mit Fleisch und mit Wasser auf lange Zeit versehen, nahm dann von diesen gutherzigen Negern Abschied, und segelte, ohne zu landen, eilf Tage fort, bis ich sah, daß die Küste, in einer Entfernung [63] von vier bis fünf Meilen, sich weit hinaus in die See erstreckte. Da die See stille war, so steuerte ich in die offenbare See hinaus, und umsegelte diese Landspitze in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen. Als ich vorüber war, sah ich auf der andern Seite seewärts ganz deutlich Land, welches ich für die Inseln des grünen Vorgebirges, die Landspitze für das Vorgebirge selbst hielt, und so war es auch wirklich. Jene lagen aber noch sehr entfernt von mir, und ich war unentschlossen, wohin ich steuern sollte; denn verstärkte sich der Wind, so konnte ich beide verfehlen. In dieser Ungewißheit saß ich ganz tiefsinnig in der Kajüte, als Xury, den ich am Steuerruder gelassen hatte, plötzlich schrie: »Herr, Herr! ein segelndes Schiff!« Er war vor Schrecken ganz ausser sich, weil er so einfältig war zu glauben, es könne kein anderes Fahrzeug als das unsers Patrons seyn, der uns nachsetzte, obgleich wir viel zu entfernt waren, als daß er uns hätte einholen können. Ich sprang hurtig aus der Kajüte, erblickte das Schiff und erkannte es sogleich für einportugiesisches, das, wie ich vermuthete, nach Guinea wollte, um Neger zu holen; als ich aber seinen Lauf näher beobachtete, ward ich bald überzeugt, daß es einen ganz andern Weg nahm, und daß es sich der Küste nicht nähern würde. Ich segelte und ruderte nun zugleich aus allen Kräften ihm nach, fand aber bald, daß es unmöglich sey, es einzuholen. Obgleich ich beinahe alle Hoffnung dazu aufgegeben hatte, steuerte ich doch mit vollem Segel darauf los, und sie mußten durch ihre Ferngläser [64] mein Boot entdeckt und für ein europäisches erkannt haben, das zu einem verunglückten Schiffe gehöre, denn sie verminderten ihre Segel, um mich zu erwarten. Dadurch aufgemuntert, band ich die Flagge unsers Patrons in Schau, und feuerte zugleich eine Flinte los; sie sahen sowohl das Nothzeichen, als den Rauch obgleich sie den Knall, wie sie mir nachher sagten, nicht gehört hatten. Nun waren sie so menschenfreundlich, alle Segel einzuziehen, beizudrehen und mich zu erwarten, so daß ich nach Verlauf von drei Stunden an der Seite des Schiffes lag. Sie fragten mich auf portugiesisch, spanisch undfranzösisch, wer ich sey? allein ich verstand keine von diesen Sprachen. Endlich fand sich ein schottischer Matrose an Bord, dem ich sagte, daß ich ein Engländer und aus der Sklaverei der Mauren von Salee geflüchtet wäre. Hierauf ließ man mich an Bord kommen, und nahm mich mit meinem Xury sehr gütig auf.

Das Entzücken über meine Rettung war über allen Ausdruck, und aus Dankbarkeit bot ich dem Kapitän meine ganze Habe dafür an. Allein er erwiederte sehr großmüthig: »Ich werde nichts annehmen; würde ich mir das Ihrige zueignen, so müßten Sie, so weit von Ihrem Vaterlande entfernt, Hungers sterben, und ich würde also Ihr Leben nicht gerettet haben. Ich habr Sie so aufgenommen, wie ich in ähnlichen Umständen selbst aufgenommen zu werden wünsche. Nein, Sennor Inglese, ich will Sie aus christlicher Liebe nach Brasilien [65] bringen, und was Sie besitzen, soll Ihnen dort alles wieder zugestellt werden, es wird Ihnen zum Unterhalt und zur Rückreise sehr dienlich seyn.«

So edelmüthig sein Versprechen war, so pünktlich ward es auch erfüllt. Er verbot Jedermann, etwas von meiner Habe zu berühren, gab mir dann ein so genaues Verzeichniß von Allem, daß auch sogar die drei irdenen Krüge nicht vergessen waren, damit ich Alles zurück bekommen möchte, und nahm Alles in gute Verwahrung. Er sah, daß mein Boot sehr gut war, und frug mich, ob und wie theuer ich es ihm verkaufen wollte? Da er sich aber so gütig gegen mich bewies, so wünschte ich es ihm umsonst zu überlassen; das wollte er aber durchaus nicht, und gab mir eine Handschrift auf achtzig Stücke von Achten, zahlbar bei unserer Ankunft in Brasilien. Er bot mir auch sechszig Stücke für meinen Jungen Xury. Ich sagte ihm aber geradezu, daß ich dies Anerbieten sehr ungern annehme, nicht weil ich ihm denselben nicht gern überliesse, sondern weil es mich schmerzte, die Freiheit des guten Jungen zu verkaufen, der mir so treulich beistand, meine eigene zu erlangen. Er billigte meine Gründe; doch fand er einen Ausweg, der uns alle drei befriedigte: Er gab dem Jungen eine Verschreibung, ihn in zehn Jahren frei zu lassen, wenn er ein Christ würde. Xury nahm sie mit Freuden an, und ich überließ ihn unbedenklich an unsern Retter.

Unsere Reise war sehr glücklich, schnell und ohne Zufälle, und am zweiundzwanzigsten Tage ankerten wir [66] schon in der Bai Todos los Santos oder Allerheiligen-Bai. Die gütige Begegnung des edlen Kapitäns kann ich nie genug rühmen. Für die Reise wollte er nichts annehmen; er gab mir zwanzig Dukaten für das Fell des Leopards und vierzig für das des Löwen; auch verkaufte ich ihm zwei meiner Flinten, das Flaschenfutter und den Rest des Wachsklumpens, von dem ich einen Theil zu Lichtern verbraucht hatte; so löste ich zweihundert und dreißig Stücke von Achten 1, und mit diesem Kapital trat ich in Brasilien an's Land, und hatte nun zu überlegen, was ich unternehmen wollte.

Fußnoten

1 Ein harter Piaster oder Persoduro, auch schlechtweg Duro und Escudo de Plato genannt, enthält 8 Silberrealen, heißt daher auch ein Stück von Achten, und beträgt 1 Rthlr. 9 Gr. 6 Pf. bis 1 Rthlr. 10 Gr. 9 Pf.

Dritter Abschnitt

Dritter Abschnitt.

Aufenthalt in Brasilien, Reise und Schiffbruch.


Kurze Zeit nach unserer Ankunft empfahl mich der gute Kapitän in dem Hause eines Mannes, der eben so redlich als er selbst und Besitzer eines Ingenio, nämlich einer Zuckerpflanzung, war. Da ich mich einige Zeit bei ihm aufhielt, ward ich bald mit der Art, [67] den Zucker zu pflanzen und zu bereiten, bekannt, sah auch, wie gut diese Pflanzer lebten, wie sie sich in Kurzem bereicherten und bekam Lust, mich da niederzulassen, wenn ich Erlaubniß erhalten könnte, eine Pflanzung anzulegen, die ich auch durch die Vermittlung des Pflanzers erhielt. Nun ließ ich mich naturalisiren, kaufte soviel unangebautes Land, als mein mitgebrachtes und mein in England gelassenes Kapital, das ich kommen lassen wollte, zureichen mochte, und entwarf einen Plan zur Einrichtung meiner Pflanzung.

Diese war schon einigermaßen im Gange, als mein gütiger Freund, der Schiffskapitän, nach Europa zurückzusegeln bereit war, denn er brachte mit Ladung und Reiseanstalten über ein Vierteljahr zu. Ich hatte ihm schon früher von dem kleinen Kapital gesprochen, das ich in London zurückgelassen hatte. Er gab mir den freundschaftlichen, vernünftigen Rath: »Da alle menschlichen Dinge Zufällen unterworfen wären, so sollte ich erst nur die Hälfte, das ist hundert Pfund, kommen lassen, das Uebrige könnte ich, wenn es gelinge, nachher immer auf ähnliche Weise erhalten; wenn es aber fehlschlüge, so bliebe mir doch noch die andere Hälfte zur Hülfe übrig.« Jetzt erbot er sich, dies Geschäft in Europa zu besorgen, wenn ich ihm die nöthigen Briefe, Wechsel und Vollmachten mitgeben wollte, und mir den Betrag bei seiner Zurückkunft mitzubringen. Wem hätte ich mich besser anvertrauen können, als diesem redlichen und einsichtsvollen Freunde, dem Retter meines Lebens?

Ich schrieb also der Wittwe des englischen Kapitäns, [68] und gab ihr eine umständliche Nachricht von meiner Sklaverei, meiner Flucht, der Aufnahme und dem leutseligen Betragen des portugiesischen Kapitäns und von meiner jetzigen Lage, nebst der Anweisung über das Geld, das sie mir schicken möchte. Diesen Brief und die übrigen Papiere übergab ich dem redlichen Freunde den Abend vor seiner Abreise, dankte ihm nochmals für seine Güte, umarmte ihn herzlich, wünschte ihm eine glückliche Reise, und kehrte dann auf meine Pflanzung zurück.

Hier war mein nächster Grenznachbar ein Portugiese, der von englischen Eltern geboren war. Er hieß Wells, und befand sich mit mir in ähnlichen Umständen, denn sein Kapital war, wie das meinige, nur gering, und wir pflanzten in den zwei ersten Jahren bloß für unsern Unterhalt, ohne an Gewinn denken zu können. Wir wurden recht gute Freunde. Unsere Pflanzungen kamen indeß so in Aufnahme, daß wir im dritten Jahre Tabak pflanzen, und jeder ein großes Stück Feld zu Zuckerrohr fürs künftige Jahr einrichten konnten. Je mehr sich aber unsere Anlagen verbesserten und ausdehnten, desto mehr fühlten wir den Mangel an Arbeitern, und ich sah, daß ich nicht wohl gethan hatte, meinen Xury von mir zu lassen. Leider war es mein gewöhnlicher Fall, wider mein eigenes Wohl zu handeln; es blieb mir nichts übrig, als auszuhalten. Doch bald gieng es besser.

Während dem ich so meine Pflanzung verbesserte, und über das Ausbleiben meines portugiesischenKapitäns ungeduldig wurde, langte er eben wohlbehalten [69] in Brasilien an. Er hatte durch englische Kaufleute in Lissabon meinen Brief und meine Anweisung der Witwe übermacht, worauf sie ihm nicht nur das verlangte Geld, sondern auch ein Geschenk für seine mir bezeigte Güte schickte. Der Kaufmann in London legte mein Kapital an solche englische Manufakturwaaren, als Tuch, Stoffe, Boys, und andere Dinge, die der Kapitän verlangt hatte, und in Brasilien sehr geschätzt und gesucht werden, so daß ich sie mit großem Vortheil absetzte und mehr als den vierfachen Werth aus dieser Ladung lösete. Mein guter Haushalter, der Kapitän, hatte aus eigener kluger Fürsorge vielerlei Werkzeuge, Eisenwerk und Geräthe beigelegt, und die fünf Pfunde, die ihm die Wittwe zum Geschenk gemacht hatte, dazu angewandt, mir einen Bedienten zu verschaffen, der sich verbindlich machte, mir sechs Jahre zu dienen. Alles das hatte ich nicht verlangt, denn bei seiner Abreise war ich noch gar zu unerfahren; es war her sowohl für meine Person als für die Pflanzung von dem größten Nutzen, und ich hielt mein Glück für gemacht, und die Freude hatte mich bei ihrem Empfang ganz ausser mich gesetzt. Für Alles das wollte der gute Kapitän durchaus keine Erkenntlichkeit von mir annehmen, ausser ein wenig Tabak und zwar, wie er sagte, weil ich ihn selbst gebaut hätte.

Nun gieng es mit meiner Pflanzung rasch vorwärts, und ich war bald unendlich weit vor meinem Nachbar voraus, denn ich versah mich mit noch einem zweiteneuropäischen Knechte, und kaufte über das noch einen Negersklaven, und schon im folgenden Jahre [70] gieng es weit über meine Wünsche. Ich hatte auf eigenem Grund und Boden fünfzig große Rollen Tabak reinen Gewinn, nach Abzug dessen, was ich mit meinen Nachbarn für allerlei Bedürfnisse umgetauscht hatte. Jede Rolle wog hundert Pfund; sie wurden alle wohl verwahrt, und auf die Rückkunft der Flotte von Lissabon aufgehoben.

Wäre ich in dem Zustand geblieben, in dem ich mich jetzt befand, so hätte ich noch all des Glücks geniessen können, das, wie mich mein Vater versicherte, den Mittelstand stets so sicher begleitete; ich war nun auf diese obere Stufe des niedern Lebens gekommen, die er mir so sehr anpries. Allein, wie es öfters zu gehen pflegt, daß ein gemißbrauchtes Glück das Mittel zu unserm Unglück wird, so gieng es auch mir; denn so wie mein Vermögen zunahm, so fieng auch mein Kopf an, sich mit einer Menge von Projekten anzufüllen, die so oft das Verderben der besten Köpfe sind. Um die rasche und unmäßige Begierde, schneller empor zu steigen, als die Natur der Sache es erlaubte, und zugleich meine thörichte Neigung, in der Welt herum zu wandern, zu befriedigen, verließ ich eine ruhige, stille Lebensart, die Natur und Vorsehung sich vereinten mir anzubieten und mir zur Pflicht zu machen, obgleich meine Vernunft mir deutlich zeigte, wie wohl ich mich dabei befinden und mein wahres Wohl befördern würde. Allein meiner warteten ganz andere Dinge, und ich mußte der eigensinnige Schöpfer meines eigenen Unglücks werden.

Ich hatte mich auf eine Beschäftigung eingelassen, die meiner unruhigen Neigung, die Welt zu sehen, an[71] der ich so viel Vergnügen fand, um derenwillen ich das Haus meines Vaters verlassen und seinen guten Rath verschmähet hatte, geradezu entgegen war. »Das alles,« sagte ich oft zu mir selber, »hätte ich ja inEngland bei meinen Eltern und Freunden eben so gut thun können, als hier unter Fremden und Wilden, in einer Wildniß und in einer Entfernung von fünftausend Meilen, wo ich nie etwas von jenen Gegenden vernehme, wo ich bekannt bin. Ich lebe hier wie ein Mensch, der einsam auf eine wüste Insel verschlagen worden ist, wo er Niemand als sich selbst hat.« Wie billig war es nicht, daß das einsame Leben, die gänzliche Verlassenheit, die ich mir jetzt nur dachte, dereinst mein Loos ward, und mich für die unbillige Vergleichung bestrafte. – Möchten doch alle Menschen, die ihren gegenwärtigen erträglichen Zustand mit einem schlimmern vergleichen, bedenken, daß die Vorsehung sie leicht in diesen versetzen und durch eigene Erfahrung von ihrem vorigen Besserseyn überzeugen könne. –

Da ich nun bereits vier Jahre in Brasilien lebte, und meine Pflanzung so schnell in Aufnahme kam, so ist leicht zu denken, daß ich die Sprache erlernt und sowohl unter den Landbesitzern als den Kaufleuten zu San-Salvador, welches unser Seehafen war, Freunde und Bekannte gehabt haben werde. Es hatte oft Gelegenheit gegeben, mich mit ihnen von meiner Reise nach der Küste von Guinea und von der Art zu unterhalten, wie man dort handele, und für Glaskorallen, Spielzeug, Spiegel, Messer, Scheeren, Beile und dergleichen Kleinigkeiten, Goldstaub, Elefantenzähne [72] und besonders Negersklaven in Menge erhalte. Dieser letzte Punkt reizte vorzüglich ihre Aufmerksamkeit. Damals war dieser Handel noch sehr unbedeutend und ein Monopol der Könige von Portugal und Spanien, so daß nur wenige Neger und sehr theuer verkauft wurden.

Ich hatte eines Tages mit einigen Kaufleuten und Pflanzern sehr umständlich darüber gesprochen. Am nächsten Morgen kamen drei von ihnen zu mir, und sagten, sie hätten schon lange und besonders diese Nacht über dem Negerhandel nachgedacht, und kämen jetzt, mir einen geheimen Vorschlag zu thun. Als ich ihnen Stillschweigen versprochen hatte, fuhren sie fort: »Sie hätten Alle Pflanzungen wie ich und Mangel an Sklaven, und wären Willens, ein Schiff nach Guinea auszurüsten, um Neger zu holen; da man aber selbige nicht öffentlich verkaufen dürfe, so wollten sie selbige insgeheim aus Land setzen und unter sich auf ihre Pflanzungen vertheilen. Nun wäre bloß die Frage: ob ich als Superkargo des Schiffs mitgehen und den Negerhandel übernehmen wolle? Wollte ich das, so sollte ich gleichen Antheil wie sie an den Negern haben, ohne etwas zu den Kosten beitragen zu müssen.«

Dieser Vorschlag war allerdings sehr vorteilhaft für Jemand, der keine eigene und so blühende Pflanzung besaß wie ich, der bereits ein bedeutendes Kapital auf selbige verwendet hatte, vortrefflich eingerichtet war, und nur noch drei oder vier Jahre wie bisher fortzufahren brauchte, um ein Vermögen von vier- bis fünftausend Pfund Sterling zu besitzen. Für mich[73] aber war dieses Anerbieten zu geringe und seine Annahme die größte Thorheit von der Welt. Aber so wenig ich das erste Mal dem Hange zum Reisen widerstehen konnte, eben so wenig vermochte ich es jetzt. Ich pflegte meine gegenwärtige Lage mit Widerwillen anzusehen, und nahm also den Vorschlag unbedenklich und unter dem einzigen Bedingniß an, meine Pflanzung bis zu meiner Zurückkunft treulich zu besorgen, und im Fall eines Unglücks sie demjenigen zu übergeben, den ich zum Nachfolger ernennen würde. Hiezu machten sie sich nun Alle verbindlich, und wir machten darüber einen förmlichen Vertrag. Der Eine war schon seit einiger Zeit mein Mitpflanzer geworden, und die beiden Andern ernannte ich zu meinen Faktoren. Hierauf setzte ich auch mein Testament auf, ernannte den Retter meinens Lebens, den portugiesischen Schiffskapitän, zum Haupterben, unter dem Beding, die Hälfte meines Vermögens in Legaten an meine Verwandten und an die gute Wittwe in England zu übermachen. So brauchte ich alle mögliche Vorsicht, meine Pflanzung in gutem Stand zu erhalten und mein Vermögen in Sicherheit zu setzen. Hätte ich doch nur die Hälfte dieser Klugheit angewandt zu überlegen, was ich thun oder nicht thun sollte, so hätte ich nie eine so gefahrvolle Reise unternommen, zumal da ich Gründe hatte, ein besonderes Unglück für mich selbst zu befürchten.

Aber ohne dies alles der geringsten Beachtung zu würdigen, gieng ich, nachdem das Schiff ausgerüstet und alles der Verabredung gemäß zu meiner Reise eingerichtet war, den 1. September 1659, an eben dem [74] Tag, an dem ich mich aus dem väterlichen Hause entfernt hatte, in einer eben so unglücklichen Stunde an Bord unsers Schiffes von 120 Tonnen, welches mit sechs Kanonen und, nebst mir, dem Schiffer und seinem Jungen, noch mit vierzehn Mann besetzt war. Die Ladung war nicht groß, und bestand in Spielsachen und andern Kleinigkeiten, wie wir sie zu unserm Handel mit den Negern brauchten.

Wir giengen noch an demselben Tag unter Segel, und steuerten längs den Küsten von Brasilien nordwärts in der Absicht, den 10. oder 12. Grad Nordbreite zu erreichen, und von dort, wie damals gewöhnlich war, nach der afrikanischen Küste zu segeln. So lange wir an unsern eigenen Küsten hinsegelten, hatten wir das schönste Wetter, aber eine große Hitze. Als wir auf der Höhe des VorgebirgsSan-Augustino waren, verloren wir das Land aus dem Gesichte, denn wir steuerten Nordost beiOst gegen die Insel Fernando de Noronha, liessen sie aber rechts liegen, und passirten nach ungefähr zwölf Tagen die Linie.

Unsere letzten Beobachtungen gaben 7 Grade 22 Minuten Nordbreite, als ein heftiger Sturm ausSüdost, der nach Nordost umschlug, sich daselbst setzte, und so heftig tobte, daß wir zwölf Tage nach einander vor Top und Takel trieben und ein Spiel der Winde waren. Jeden Tag fürchteten wir von den Wellen verschlungen zu werden, und keiner von uns Allen dachte an Rettung seines Lebens. Ein Matrose und ein Schiffjunge fielen über Bord, und ein anderer starb am hitzigen Fieber. Der Sturm ließ am zwölften Tage etwas [75] nach, und der Steuermann machte, so gut sich es thun ließ seine Beobachtung; er fand daß wir ungefähr 11 Grade Nordbreite, aber 22 Längen-Grade westlich vom Kap S. Augustin, jenseits dem Amazonenfluß, gegen die Küste vonGuiana und den Orinokko waren getrieben worden. Wir überlegten, wohin wir unsern Lauf nehmen wollten, denn das Schiff hatte einen Leck bekommen und war ohne Ausbesserung nicht im Stande, nach Afrika hinüber zu segeln; der Schiffer meinte also, es wäre das Beste, gerade nach Brasilien zurückzukehren; dies wollte ich aber schlechterdings nicht zugeben, und wir kamen endlich überein, nach Barbados zu segeln, welches wir in vierzehn Tagen zu erreichen hoffen konnten, und steuerten dem zufolge Nordost bei West, vertrauensvoll, auf einer der britischen Inseln Hülfe zu finden.

Aber unsere Reise war ganz anders bestimmt. Unter dem 12. Grad Nordbreite überfiel uns ein zweiter Sturm, der uns mit solcher Heftigkeit westwärts trieb, und so weit von bewohnten Gegenden verschlug, daß wir keine Hülfe mehr zu hoffen hatten. Eines Morgens, als der Wind immer heftiger wüthete, und die Noth am höchsten war, rief ein Matrose plötzlich: Land! Alles eilte sogleich auf's Verdeck, um zu sehen, welches Land zu unserer Rettung sich zeigte; allein kaum war ich aus der Kajüte, als das Schiff auf einer Sandbank fest saß, und die Wellen überall darüber herstürzten, so daß wir den augenblicklichen Untergang befürchteten, und uns vor dem Schaum und Spritzen in die meistbedeckten Winkel flüchteten. Man [76] muß selbst in solcher Noth gewesen seyn, um sich unser Entsetzen lebhaft genug vorstellen zu können. Zuerst waren wir ganz betäubt, saßen da, und sahen uns unbeweglich an, jeden Augenblick den Tod erwartend, denn in dieser Welt schien wenig mehr für uns zu thun zu seyn.

Wenn der Wind nicht durch eine Art von Wunder sich plötzlich umdrehte, so konnte sich das Schiff nicht losarbeiten, und mußte in wenigen Augenblicken zertrümmern. Der einzige Trost, der uns blieb, war, daß das letztere nicht geschah und, nach des Schiffers Versicherung, der Wind sich etwas legte, ohne jedoch seine Richtung zu verändern. So wenig uns das helfen konnte, so wurden wir doch dadurch aus dem gefährlichen Zustande von Betäubung gerissen und zur Thätigkeit belebt, auf unsere Rettung zu denken. Die Schaluppe, welche am Hintertheile des Schiffes nachgezogen wurde, war durch beständiges Anstoßen schadhaft geworden, hatte sich losgerissen, und war versunken oder in's Meer hinaus getrieben. Das Boot lag an Bord, allein es schien unmöglich, selbiges in's Wasser zu bringen. Doch da war keine Zeit, sich erst viel zu besinnen; Jeder half dem Schiffer, und es gelang uns, es auszusetzen; wir sprangen sogleich Alle hinein, und liessen es treiben, wie Wind und Wellen es jagten, und überliessen uns – eilfe an der Zahl – der Barmherzigkeit Gottes.

Der Zustand, worin wir uns befanden, war schrecklich, denn obgleich der Wind beträchtlich abgenommen hatte, so gieng doch die See so fürchterlich hoch gegen [77] das Ufer, und konnte – nach dem Ausdruck der Holländer – mit Recht die wilde See heißen; das Boot konnte diese Bewegung nicht aushalten, es war zu leicht und zu sehr beladen. Segel hatten wir keine, und hätten uns ihrer auch nicht bedienen können. Wir arbeiteten also mit den Rudern dem Lande zu, aber mit so schwerem Herzen, als ob wir dem Tode entgegen giengen, denn wir waren überzeugt, daß, wenn wir uns dem Strande näherten, das Boot an selbigem durch den Woogensturm zertrümmert werden müßte; wir beschleunigten also unser Verderben mit eigenen Händen, indem wir dem Lande zuruderten.

Ob die vorliegende Küste eine Insel oder festes Land, ob es bewohnt oder wüste, ob das Ufer felsig oder sandig hoch oder flach war, das alles wußten wir nicht; der einzige Schimmer von Hoffnung, die uns noch blieb, war, daß wir vielleicht in eine Bai oder Meerbusen oder in die Mündung eines Flusses kommen und daselbst ebenes Wasser finden möchten. Allein von dem Allem zeigte sich gar nichts; im Gegentheil, als wir dem Gestade näher kamen, war das Land noch schrecklicher als die See, denn es ragte hoch und felsig aus den tobenden Fluthen.

Wir mochten ungefähr anderhalb Meilen fortgerudert oder vielmehr fortgetrieben seyn, als eine berghohe Welle hinter uns daher rauschte und mit Untergang bedrohte; sie stürzte auch wirklich mit solcher Wuth über das Boot, daß selbiges umschlug, wodurch wir getrennt wurden, und in den Abgrund versanken, ohne nur zu [78] einem Ausruf: O Gott, erbarme dich! – Zeit zu haben.

Es ist nicht möglich, die Verwirrung meiner Gedanken auszudrücken, da ich in die Tiefe sank; denn so gut ich auch schwimmen konnte, war mir es doch unmöglich, mich von den Wellen loszuarbeiten, daß ich hätte Athem holen können, bis endlich die ungeheure Wooge, die mich weit gegen den Strand fortgerissen oder vielmehr hingeworfen hatte, sich zurückzog, und mich auf dem Trockenen, aber von der Bewegung und dem eingeschluckten Meerwasser bis auf den Tod ermattet, zurückließ. Da ich mich auf festem Grunde fühlte, und das Felsenufer ganz nahe sah, so blieb mir soviel Geistesgegenwart und Athem, daß ich mich schnell aufraffte, und aus allen Kräften dem Strande zulief, ehe eine andere Welle mich zurückspühlte; das war aber nicht zu vermeiden, denn sie rauschte, hoch und wüthend, schon nahe hinter mir her, so daß mir nichts anders übrig blieb, als den Athem an mich und durch Schwimmen den Kopf über dem Wasser zu halten, und dem Lande zu nähern. Die Wassermasse begrub mich zwanzig bis dreißig Fuß tief in ihrem Schooße, und ich fühlte, daß ich mit äußerster Gewalt und Schnelligkeit fortgerissen werde und zugleich in die Höhe käme. Es war auch hohe Zeit, daß ich, zu meiner Rettung, mit Kopf und Händen über die Oberfläche des Wassers hervorschoß, denn bloß vom Anhalten des Athems, das ich nicht länger hätte aushalten können, wäre ich bald erstickt. Ich fühlte mich sehr erleichtert und mit neuem Muthe belebt, obgleich ich mich kaum einige Sekunden [79] über Wasser zu halten vermochte, indem es mich wieder, doch nur auf Augenblicke, bedeckte, und dann sich an dem Strande zu brechen und zurückzuweichen begann; als ich das merkte, arbeitete ich mich vorwärts, und fand bald Grund, stand dann einige Minuten stille, um Luft und Kraft zu schöpfen, und rannte dann so schnell als möglich gegen das Ufer. Aber noch zweimal stürzten die Wellen über mich her, hoben mich empor, und warfen mich gegen den Seestrand, das letztemal so stark gegen das Felsenriff, wo ich mit Seite und Brust anprallte, daß ich mein Bewußtseyn verlor, und wenn die Wellen noch einmal über mich gestürzt wären, es mir das Leben gekostet hätte; sie kamen zwar noch, aber, da sie dem Strande so nahe waren, nicht mehr so hoch, und ich hatte zum Glück noch soviel Zeit, mich ein wenig zu erholen, klammerte mich an einem Felsenstück fest, und hielt den Athem so lange zurück, bis die Wooge sich gebrochen und zurückgezogen hatte. Dann kletterte ich die Klippen hinauf, und setzte mich, von den Anstrengungen ganz ermattet, an dem Ufer nieder. Ich war nun sicher vor dem Wasser und der Gefahr, blickte zum Himmel, und dankte Gott, der mich vom nahen Tode errettete, wozu ich nur vor einigen Minuten kaum einen Schatten von Hoffnung sah.

Das Entzücken der Seele über eine so unerwartete Rettung aus der unvermeidlichen Todesgefahr geht über allen Ausdruck. Ich wundere mich jetzt nicht mehr über die Gewohnheit, einen Wundarzt in Bereitschaft zu halten, dem Missethäter, der nichts als den Tod erwartet, im Augenblick seiner Begnadigung eine [80] Ader zu öffnen, damit die plötzliche Ueberraschung ihm nicht den Tod bringe, denn allzuschnelle Freude wirkt oft gefährlicher als der stärkste Schmerz.

Ich warf meine Augen auf das gescheiterte Schiff, das in weiter Ferne, von den schäumenden Wellen umbrauset, mir beinahe unsichtbar war. Gott, dachte ich bei mir selber, wie war es möglich, das Land zu erreichen! Ich gieng nun an dem Strande umher, und, hingerissen vom Gefühl meiner Rettung, erhob ich die Hände und machte tausend Bewegungen und Geberden, die ich nicht beschreiben kann. Der Gedanke, daß alle meine Gefährten ertrinken mußten, daß kein Einziger als gerade ich allein dem Tode entrann, entzückte und erschreckte mich zugleich. Von ihnen allen sah ich nie einen wieder, nicht einmal das geringste Zeichen von ihnen, ausser drei Hüte, eine Mütze und zwei Schuhe, die nicht zusammen gehörten.

Die Freude über meine Erhaltung gieng bald vorüber, um mich sehr traurigen Betrachtungen zu überlassen. Wie schrecklich war meine gegenwärtige Lage! Ich war ganz durchnäßt, hatte keine andern Kleider, weder Speise noch Trank, um mich zu erlaben, und was das Schlimmste war, ich hatte keine Waffen, um Thiere zu meinem Unterhalte zu tödten, oder mich gegen sie zu vertheidigen, und hatte also keine andere Aussicht, als von wilden Thieren gefressen zu werden oder Hungers zu sterben; denn ich hatte nichts bei mir als ein Messer, eineTabakspfeife und in meiner Dose einen kleinen Rest von Durchnäßtem Rauchtabak. Das war mein ganzer Vorrath; in halber Verzweifelung [81] lief ich hin und her, um etwas zur Befriedigung meines Hungers und Durstes zu suchen, und fand einige hundert Schritte vom Ufer, zu meiner großen Freude und Erquickung, frisches Wasser; aber etwas zu essen fand ich nirgends, ich nahm daher, nach Seemanns Sitte, Rauchtabak in den Mund.

Die Nacht nahete sich. Schwere, tiefhängende Wolken, die der Wind langsam fortwälzte, vermehrten die Dunkelheit. Ich befand mich in einer einsamen, öden Gegend, mit einzeln stehenden Bäumen besetzt, die jetzt in tiefer Finsterniß begraben waren. Nur der Wind, der in den Zweigen der Bäume rauschte, der fortdauernde Regen, das Getöse der Wellen, die sich am Ufer brachen, und in weiter Ferne der dumpfrollende Donner liessen sich durch die nächtliche schauervolle Stille hören. Das alles erfüllte mein Herz mit Bangigkeit, wozu noch die Furcht vor reissenden Thieren kam, welche gewöhnlich des Nachts auf Raub ausgehen. Das einzige Mittel, das mir zu meiner Sicherheit einfiel, war, auf einen dichtbewachsenen Baum zu steigen, der nahe bei mir stand und einer Tanne ähnlich, aber dornicht war. Zu meiner Verteidigung hatte ich mir einen knotigen Stock abgeschnitten, bestieg, damit bewaffnet, mein Nachtquartier, und setzte mich in eine solche Lage, daß ich nicht in Gefahr war, herunterzufallen. Aeusserst ermüdet sank ich bald in einen tiefen Schlaf und ruhte so sanft, daß ich bei meinem Erwachen mich neu belebt fühlte.

Es war schon heller Tag und kein Wölkgen am blauen Himmel; der Sturm hatte sich gelegt, und die[82] ruhige See glänzte im lieblichsten Sonnenschein, von sanften Winden gekühlt. Was mich am meisten verwunderte und erfreute, war, das Schiff kaum eine Meile vom Ufer, aufrecht und unbeweglich im Sande liegen zu sehen, wohin es während der Nacht, durch die Fluth aufgehoben, war getrieben worden.

Der erste Gedanke bei diesem trostvollen Anblicke konnte wohl kein anderer seyn, als mich an Bord zu begeben, Lebensmittel zu suchen, und soviel von der Ladung zu retten, als möglich wäre. Dahin gieng nun mein einziges Bestreben, und das natürlichste war, mich nach unserm Boot umzusehn, um damit an das Schiff zu fahren. Ich ward es auch ungefähr zwei Meilen links von mir gewahr, stieg dann vom Baum herab und gieng längs dem Strande hin, fand aber ungefähr auf halbem Wege die Mündung eines kleinen Flusses, der hier wohl eine halbe Meile breit und also zu weit war, um hinüber zu schwimmen. Noch weniger konnte ich schwimmend zum Schiffe gelangen, da die Entfernung noch einmal so groß war. So verstrich der ganze Morgen unter vergeblichen Entwürfen und Bemühungen, etwas auszudenken und etwas zu finden, um meinen Hunger zu stillen.

Als ich nicht lange nach Mittag an das Gestade zurückkam, fand ich die Ebbe beinahe verlaufen und das Wasser so weit zurückgezogen, daß ich trockenen Fusses mich dem Schiffe auf drei- bis vierhundert Schritte nähern konnte. Voll Freude zog ich mich sogleich aus, doch behielt ich meine langen Beinkleider und mein [83] Hemde an, warf meine Kleider auf den Strand und schwamm zum Schiffe, wo ich eine neue, nämlich die Schwierigkeit fand, an Bord zu kommen, denn es lag in niedrigem Wasser auf dem Grunde fest, und ragte hoch über selbiges heraus. Zweimal schwamm ich um das Schiff herum und ward endlich ein Tau-Ende gewahr, das ich mich wunderte nicht gleich das erstemal erblickt zu haben; es hieng am Vordertheil so tief herab, daß ich es, wiewohl nicht ohne Mühe, erhaschen und mich daran auf denBock schwingen konnte, der tiefer im Wasser lag als der Hintertheil, der auf einer Sandbank ruhte.

Hier ward mein Schmerz über den Verlust meinem Gefährten erneuert, denn ich sah deutlich, daß, wenn wir an Bord geblieben wären, keiner sein Leben verloren hätte, und ich nicht so ganz verlassen in einer Einöde geblieben seyn würde, denn wir hätten aus den Schiffstrümmern und dem vorräthigen Holz, mit Hülfe des Schiffszimmermanns und seiner Werkzeuge, ein Fahrzeug erbauen und nach bewohnten Gegenden und von da wieder zu den Unsrigen gelangen können.

Mein erster Gang war in die Brodkammer, welche im Hintertheil des Schiffs und alles, was sie enthielt, in trockenem und unverdorbenem Zustande war. Ich füllte meine Taschen mit Schiffzwieback undKäse, um zu gleicher Zeit zu essen und mich mit andern Dingen zu beschäftigen, da keine Zeit zu verlieren war. Wir hatten einen Hund und zwei Katzen an Bord, die mir sogleich nachliefen, besonders der Hund, der Hunger [84] und Durst litt und mir außerordentlich schmeichelte; die Katzen mochten wohl Mäuse gefangen haben. Auch mir war es lieb, lebendige Geschöpfe zu finden; ich gab ihnen sogleich zu fressen und zu saufen, und dann folgten sie mir auf allen Schritten nach. Als ich ans Land zurückfuhr, ließ ich die Katzen an Bord, der Hund aber sprang ins Wasser und schwamm mir nach, worauf ich ihn auf den Floß hob, und an das Land nahm, wo er viele Jahre lang meine Freude und treuer Begleiter war.

Ich fand in der Kajüte mein Flaschenfutter, und stärkte mich durch einen guten Schluck Rum zu der bevorstehenden Arbeit. Mir fehlte jetzt nichts als ein Boot, um Alles, was mir nützlich war, ans Land zu bringen. Statt mich nun hinzusetzen und zu wünschen, was nicht zu haben war, machte ich mich an die Arbeit, einen Floß zu bauen, und sah mich vorerst nach Balken, Stangen und Brettern, so wie auch nach Zimmermannswerkzeugen um, und fand zwei oder drei Stücke Zimmerholz, ein Paar vorrätige Bramstangen und einige Raaen; dann öffnete ich die Zimmermannskiste, und nahm Sägen, Beile, Hammer und Nägel. Ich warf nun vier Stücke von dem vorräthigen Rundholz über Bord, und band jedes mit einem Tau an das Schiff, damit sie nicht wegtrieben. Hierauf stieg ich an der Seite des Schiffes herab, band die vier Vorenden neben einander so fest als mir möglich war zusammen; eben so auch die hintern Enden, und nagelte dann einige Bretter kreuzweise darüber, auf welchen ich nun sicher herumgehen konnte; allein der Floß war zu [85] leicht, um eine hinlängliche Last zu tragen; ich sägte also eine der Bramstangen in drei gleiche Theile, und verstärkte damit meinen Floß. Die Hoffnung mich mit allerlei Bedürfnissen zu versehen, machte mir die schwere Arbeit leicht, so daß ich gerne that, was mir vorher unmöglich gewesen wäre.

Meine nächste Sorge war jetzt, womit ich meinen Floß beladen und die Fracht vor dem Ueberspühlen des Seewassers sichern sollte. Das war aber bald entschieden. Ich öffnete drei Matrosenkisten, leerte sie, und ordnete selbige auf dem Floße; füllte dann die Eine mit Schiffszwieback, Reis, drei holländischen Käsen, fünf Stücken geräuchertem Fleisch und einem Säckchen, worin sich ein Rest Gersten und Waizen gemischt befand, das zum Futter für das Federvieh bestimmt gewesen, welches leider ersoffen war. Von Getränke fand ich mein und einige andere Flaschenfutter, worin sich mehrere Flaschen Rum und Kordialwasser befanden; diese setzte ich sorgfältig neben die Kiste. Gewehr, Pulfer und Blei schienen mir ganz unentbehrlich, sowohl zur Vertheidigung als zum Unterhalt. In der Kajüte waren zwei gute Vogelflinten, ein Paar Pistolen, ein Beutel mitSchroot, ein anderer mit Kugeln, vier Pulferhörner und zwei Säbel, womit ich die andere Kiste anfüllte. Ich erinnerte mich auch, daß einige volle Pulferfässer auf dem Schiffe waren, und fand sie nach langem Suchen; zwei davon waren ganz trocken, und ich brachte sie mit großer Mühe und nur mit Hülfe des Ladetakels auf den Floß herunter. Ich sah eben unschlüssig[86] umher, womit ich die dritte Kiste anfüllen könnte, da bemerkte ich, daß die Fluth bereits anströmte, und meine am Strande liegenden Kleider wegschwemmte, die ich auch nie wieder fand. Dies erinnerte mich, auf Kleidungsstücke zu denken, und ich nahm vorn aus meinem eigenen Vorrath das Nöthigste, soviel als ich in die Kiste bringen konnte. Als ich nun das Schiff verlassen wollte, und bei der Zimmermannskiste vorbei gieng, kam sie mir so nützlich und unentbehrlich vor, daß ich sie unmöglich zurück lassen konnte, und brachte sie auch noch auf den Floß herab.

Jetzt war ich darauf bedacht, wie ich meine kostbare Ladung an's Land bringen könnte, da ich weder Segel noch Steuerruder hatte; ich fand zwar einige theils ganze, theils zerbrochene Ruder, die zu der verlornen Schaluppe gehört hatten, womit ich meinen Floß zu lenken hoffte; doch würde eine Mütze voll Wind meiner Fahrt bald ein Ende gemacht haben. Drei Dinge machten mir jedoch Muth. Die See war still und eben; die Fluth strömte dem Ufer zu, und der schwache Wind wehte ebenfalls dahin. So günstige Umstände konnte ich nicht unbenutzt lassen; ich machte meinen Floß vom Schiffe los und trieb fort. Ungefähr eine Meile gieng die Fahrt vortrefflich, nur merkte ich, daß der Floß mehr nordwärts als nach der Stelle hintrieb, wo ich zu landen gedachte, woraus ich schließen mußte, daß die Mündung des kleinen Flusses, der zwischen mir und dem Boot gelegen hatte, diesen Zug verursachte; dies machte mir Hoffnung, in diese Bucht als in einen Hafen einzulaufen, und meine Fracht in Sicherheit zu [87] bringen. Meine Vermuthung war richtig, denn ich entdeckte bald die Oeffnung in der Küste, in welche die Fluth immer stärker eindrang, je mehr ich mich ihr näherte. Ich lenkte also meinen Floß, so gut ich konnte, um in der Mitte des Fahrwassers zu bleiben; dennoch hätte ich beinahe einen zweiten Schiffbruch gelitten, über den ich mich wahrscheinlich zu Tode gegrämt hätte, denn da ich die Küste gar nicht kannte, so stieß mein Floß, der beinahe einen Fuß in's Wasser gieng, mit einem Ende auf eine Untiefe, und da das andere flott bliebt, so fieng meine Ladung an gegen diese Seite zu gleiten. Ich stemmte meinen Rücken gegen die Kisten, um sie in ihrer Stelle zu erhalten, und suchte zu gleicher Zeit den Floß mit dem Ruder von der Sandbank abzubringen; allein meine Kräfte reichten zu dieser doppelten Anstrengung nicht zu, und doch durfte ich aus meiner unbequemen und mühevollen Stellung keinen Augenblick weichen; fast eine halbe Stunde mußte ich darin aushalten, bis die steigende Fluth endlich meinen Floß wieder flott machte, worauf ich durch Stoßen und Rudern in die Mündung des kleinen Flusses einlief. Ich sah mich nach einer bequemen Stelle zum Anlanden um, und fand eine kleine Einbucht am linken Ufer, wohin ich den Floß nicht ohne Beschwerlichkeit hineinleitete, und bald soviel Grund fand, mich mit dem Ruder fortzustoßen; aber die Begierde zu landen setzte mich abermals in Gefahr, meine ganze Ladung zu verlieren; denn das Land auf beiden Seiten des Flusses war hoch und neigte sich steil gegen die Bucht herab, so daß die vordere Ecke meines Floßes [88] so hoch anlief, daß die Fracht an der andern tiefer liegenden Seite herunter fallen mußte; zum Glück merkte ich die Gefahr frühe genug, um ihr vorzubeugen, und meinen Floß mit dem in den Boden gesteckten Ruder so lange festzuhalten, bis ich Wasser genug hatte ihn auf eine flache Stelle zu bringen, die ich bemerkt hatte; hier steckte ich zwei meiner mitgebrachten zerbrochenen Ruder an die Aussenseite des Floßes in den Grund fest, und lag auf diese Art so lange vor Anker, bis die Ebbe sich einstellte, das Wasser abgelaufen und mein Floß mit der ganzen Ladung auf dem Trockenen in Sicherheit war. Meine Freude über diese gelungene Unternehmung läßt sich durch keine Worte ausdrücken. Mein Leben war nun auf lange Zeit vor Gefahr und Mangel gesichert.

Meine erste Sorge war nun, auf Entdeckungen auszugehen. Noch wußte ich nicht, ob ich auf festem Lande oder auf einer Insel, in einer bewohnten oder unbewohnten Gegend, und der Gefahr vor wilden Thieren ausgesetzt war oder nicht. Nicht über eine Meile von mir sah ich einen steilen Berg, der unter einer Reihe anderer, die sich westwärts hinzog, der höchste zu seyn schien. Ich faßte sogleich den Entschluß, alles am Ufer stehen zu lassen, und ihn zu besteigen; ich nahm eine Vogelflinte, eine Pistole, Pulfer und Schroot, und erkletterte mit größter Beschwerlichkeit den Gipfel. Hier erblickte ich nun meine ganze Lage, sah, daß ich mich auf einer nicht sonderlich großen, felsichten, unangebauten und wahrscheinlich unbewohnten Insel befand. So weit mein Auge reichte, war kein Land zu sehen, [89] als zwei kleine, einige Meilen entfernte, westwärts liegende Inseln und in weiter Ferne eine hohe Küste, die ich nicht deutlich erkennen konnte. Von wilden Thieren sah ich keines, ausser zwei bis drei Hasen ähnlichen Thieren, wohl aber eine große Menge Vögel. Auf meinem Rückwege schoß ich einen derselben, der auf einem Baume saß, und mich ohne Furcht erwartete. Dies mochte wohl seit der Erschaffung der erste Schuß in dieser Gegend gewesen seyn, denn er setzte das ganze Gehölz in Bewegung, und aus allen Theilen desselben flog eine unzählbare Menge Geflügel mit lautem, verwirrtem Schnattern und Schreien auf, und durchirrte die Lüfte; doch sah ich keinen, dessen Stimme, Farbe und Gestalt mir bekannt war. Der Geschossene war ein Raubvogel, unserm Habicht ähnlich, doch mit kleinern Fängen und Klauen, und sein Fleisch war ungenießbar.

Gewißheit giebt Beruhigung, selbst im Elende; zufrieden kehrte ich zu meinem Floße zurück, und brachte den übrigen Theil des Tages zu, meine Ladung an's Land zu setzen. Nur die Furcht vor wilden Thieren beunruhigte mich, so daß ich nicht wußte, wo ich eine Ruhestelle finden sollte; in der Nähe fand sich kein Baum, und ich konnte mich nicht entschließen, auf der Erde zu schlafen, oder meine Güter zu verlassen. Die einbrechende Nacht endigte meine Unentschlossenheit; ich stellte alle Kisten und Bretter in ein Viereck um mich her, und machte mir eine Art Hütte, aß etwas Zwieback, that einen Trunk frischen Wassers, und schlief, von der angestrengten Arbeit ermattet, bald [90] und unbesorgt ein. Mein Hund legte sich nebenbei und bewachte mich.

Vierter Abschnitt

Vierter Abschnitt.

Arbeiten auf dem Schiffe und an seiner Wohnung.

Ehe ich weiter fortfahre, muß ich bemerken, daß, nachdem meine ersten Einrichtungen getroffen waren, ich ein Tagebuch von allen Vorfällen hielt, die mir seit dem Tage meines Schiffbruches begegnet waren. Ich setzte selbiges so lange fort, als meine Tinte dauerte. Um nun eine Sache nicht zweimal zu erzählen, rücke ich hier einen Auszug aus diesem Tagebuch ein, und werde dann das Uebrige aus dem Gedächtnisse nachholen.

2. Oktober 1659. Ich wachte neu gestärkt auf, frühstückte etwas Zwieback und Rum, überlegte dabei, daß mein Aufenthalt auf dieser Insel wahrscheinlich von langer Dauer seyn werde, hielt es für klug, dem Mangel so weit hinaus als möglich vorzubeugen, und daß ich aus dem Schiffe noch eine Menge nützlicher Dinge erhalten könnte, beschloß daher, nichts anderes vorzunehmen, bis ich alles, was aus dem Wrack zu haben wäre, heraus und an das Land gebracht hätte, weil der erste einbrechende Sturm das Schiff nothwendig zertrümmern würde. Ferner gieng ich mit mir selbst zu [91] Rathe, ob ich mit dem Floß wieder zum Schiffe fahren oder dahin schwimmen sollte. Letzteres schien mir besser, ich entkleidete mich in meiner Hütte, und behielt nur meine langen Beinkleider an, schwamm dann bei niedrigem Wasser zum Schiffe, machte einen andern Floß, aber durch Erfahrung und Furcht geleitet, machte ich ihn weniger unbehülflich, und überlud ihn nicht so, wie das erstemal. In desZimmermanns Vorrath fand ich mehrere Säcke mit Nägeln und Schrauben von allerlei Größe, ein paar Dutzend Beile und Aexte und, was ich vorzüglich schätzte, einen Schleifstein. Aus des Konstabels Vorrath nahm ich einige Hebeisen, zehn Musketen und noch eine Vogelflinte, ein volles Pulferhorn, einen großen Beutel mit Vogelschroot, zwei Fäßchen mit Musketenkugeln; eine große Rolle dünngeschlagenesBlei, die mir aber für jetzt zu schwer und nicht so nöthig war, als eine Hangmatte mit Bettzeug, ließ ich an Bord, nahm diese und alle Kleidungsstücke, die ich nur finden konnte, und ein vorräthiges Vormarssegel, um mir ein Zelt zu machen. Mit dieser Ladung kam ich zu meiner großen Freude glücklich an's Land.

Während meiner Abwesenheit war ich nicht ohne Besorgniß, meine Lebensmittel möchten aufgezehrt worden seyn, fand aber bei meiner Zurückkunft kein Merkmal eines fremden Gastes, ausser daß eine Art wilder Katze auf einer Kiste saß, bei meiner Annäherung herabsprang, einige Schritte davon ruhig und unbesorgt sitzen blieb, und mir steif in's Gesicht sah, als ob sie Luft hätte, mit mir bekannt zu werden; ich zielte mit [92] der Flinte nach ihr, das bekümmerte sie aber gar nicht, weil sie damit unbekannt war; ich warf ihr ein Stückchen Zwieback zu, auf den sie zugieng, ihn beroch, verzehrte, und dann näher kam, um noch mehr zu erhalten; da aber mein Vorrath klein war, so fand ich nicht für gut mehr zu geben, und als sie das merkte, lief sie davon.

Das erste, was ich nun vornahm, war, mit dem mitgebrachten Segel und Rundholz ein Zelt zu errichten, und alles, was durch Sonne und Regen Schaden leiden könnte, in selbiges zu bringen. Die leeren Kisten stellte ich um das Zelt herum, um es vor jedem Anfall von Menschen und Thieren zu sichern und vermachte den Eingang mit Brettern, vor welche ich auswendig eine umgekehrte Kiste aufstellte. Hierauf bereitete ich mein Bett auf die Erde, legte meine geladene Flinte und zwei Pistolen neben mich, und schlief zum erstenmal wieder, nach gewohnter Bequemlichkeit, sanft und ruhig bis an den Morgen.

3. Oktober. Heute schwamm ich wieder an Bord, machte einen neuen Floß und zwar nicht ohne große Schwierigkeit, weil ich aus Unbedachtsamkeit die Werkzeuge und Materialien meistens an's Land gebracht hatte; doch fand ich noch von beiden genug, um mir zu helfen, und nahm diesmal soviel Taue, dünne Stricke und Bindfaden, als ich finden konnte, ferner alle Segel vom größten bis zum kleinsten, nebst einem Stück Kannevas zum Ausbessern derselben mit; ich bedauerte nur, daß ich die größern Segel in Stücken zerschneiden mußte, um sie auf den Floß bringen zu können, sie konnten [93] mir daher nicht mehr zu Segeln, sondern bloß als grobe Leinwand dienen.

4.-23. Oktober. Diese Zeit über war viel Regen, doch mitunter auch einzelne schöne Tage, die ich benutzte an Bord zu gehen; allein der Mangel an Holz auf dem Schiffe und besonders die täglich um drei Viertelstunden später eintretende Ebbe nöthigten mich, mit dem Floß dahin zu fahren, weil ich sonst nicht Zeit zur Verfertigung und Beladung eines neuen gehabt hätte. Was mir das größte Vergnügen machte, war die Entdeckung von einer Tonne voll Brod, drei großer Fässer mit Rum oder Branntewein, eines Tönnchens feinen Mehls und einer Büchse voll des schönsten Zuckers. Dies kam mir ganz unerwartet, weil ich auf dieser sechsten Reise nichts mehr von Belang und sonderlich keine Lebensmittel zu finden glaubte. Ich brachte alles auf den Floß, und mußte die Brodtonne leeren, weil sie mir zu groß und schwer war, stellte sie dann auf den Floß zurechte, füllte sie wieder zu und bedeckte sie. Auch auf der zehnten Hinfahrt hatte ich ein ähnliches Glück. Ich glaubte die Kajüte genau durchsucht zu haben, und nichts finden zu können, und doch fand ich noch ein Kästchen mit mehrern Schubladen und darin ein halb Dutzend Scheermesser, ein Dutzend Messer, Gabeln und Löffel, eine große und zwei kleine Scheeren, Nadeln von allerlei Größe, groben und feinen Zwirn und endlich verschiedenes Gold- und Silbergeld, ungefähr 50 Pfund Sterling an Werth, bei dessen Anblick ich mich eines spöttischen Lächelns und des Ausrufs nicht enthalten konnte: »O du unnützes [94] Zeug! wie sehr empfinde ich jetzt, daß du nicht Bedürfniß, sondern nur Zeichen desselben bist. Ein Stück Eisen ist mir hier mehr werth, als eine ganze Schiffsladung von Gold und Silber. Du verdienst nicht, daß ich dich von der Erde aufhebe und mitnehme; bleibe wo du bist oder versinke ins Meer.« Mit diesen Worten schwang ich den Arm; – doch besann ich mich eines Bessern, wickelte den Fund in ein Stück Segeltuch und steckte ihn zu mir, in der Hoffnung, einst wieder in die menschliche Gesellschaft zurückzukehren, wo Geld das unentbehrlichste Bedürfniß ist.

24. Oktober. Ich hatte nun das Schiff bereits von Allem, was mir nützlich seyn und ich fortbringen konnte, entblößt, und sogar die Ankertaue undKabeln in Stücke gehauen, alle Stangen und Raaen gestrichen und entzwei gesägt, alles Eisenwerk und einen guten Theil der Deckplanken abgerissen, und in verschiedenen Frachten an's Land gebracht. Gerne hätte ich auch die Kanonen mitgenommen, sie waren aber so schwer und unbehülflich, daß ich sie nicht fortbringen konnte, und mich mit einem Theil des eisernen Beschlägs begnügen mußte. Für heute hatte ich noch eine sehr beträchtliche Ladung, und während ich sie auf dem Floß stauete, bemerkte ich, daß der Himmel stark bewölkt und der Wind stürmischer ward. Da ich nun befürchtete, der Sturm möchte das Schiff zu Grunde richten, so ließ ich nichts zurück, sondern nahm auch die beidenKatzen mit, die sich bisher mit Mäusen erhalten hatten, und stieß vom Schiffe ab; allein Fluth und Wind waren so stark, und mein Floß war so überladen, daß [95] derselbe, als ich an meinen Ankerplatz fahren wollte, heftig anstieß und umschlug, und ich nebst meiner ganzen Fracht in's Wasser fiel. Ich schwamm an's nahe Land, in der Hoffnung, bei der Ebbezeit von den versenkten Sachen noch vieles, besonders das Eisenwerk, zu retten, von dem ich mir großen Nutzen versprach. Noch vor Abend tobte ein völliger Sturm. Doch ich war da schon in meinem Zelt, wo ich, mit allen meinen Reichthümern umgeben, ganz sicher lag.

25. Oktober. Der Sturm wüthete die ganze Nacht hindurch mit der größten Heftigkeit, und hatte das Schiff zertrümmert und versenkt. Als ich mich des Morgens nach demselben umsah, war es verschwunden, und nur bei der tiefsten Ebbe war noch ein wenig von dem Wrack zu sehen. Ich war wohl etwas bestürzt; doch tröstete mich die Betrachtung, daß ich keine Zeit verloren, keine Anstrengung gescheut hatte, alles was mir dienen konnte, zu retten. Ich schlug mir also das Schiff ganz aus den Gedanken, und richtete sie einzig und allein darauf, mich vor Hitze, Nässe und Stürmen, vor wilden Menschen und Thieren in Sicherheit zu setzen. Mein gegenwärtiger Aufenthalt, den ich bloß gewählt hatte, um dem Wrack nahe zu seyn, befand sich auf einem feuchten, morastigen Boden, hatte kein frisches Wasser in der Nähe, war den Sonnenstrahlen und Stürmen von allen Seiten ausgesetzt, und vereinigte mit einem Worte alles, was der Gesundheit, der Bequemlichkeit und Sicherheit zuwider war; ich mußte also durchaus eine bessere Wohnstelle suchen.

26. Oktober. Heute war der Himmel heiter, ein[96] wahrer Frühlingstag. Die Regenzeit schien mit dem nächtlichen Sturme ihr Ende erreicht zu haben; zwar war der Morgen noch trübe, aber gegen 10 Uhr klärte das Wetter sich auf. Bei der Ebbezeit fand ich meine versenkte Ladung größtentheils auf dem Trockenen, und brachte sie an das Land; auch die Katzen hatten selbiges glücklich erreicht. Ich nahm daher meine Flinte, und gieng dem Berge zu, den ich schon einmal bestiegen hatte, um einen neuen Wohnplatz zu suchen, und fand gegen Abend, was ich wünschte. Ein Hügel, dessen Seite eine hohe, senkrechte Felsenwand bildete, machte es Menschen und Thieren unmöglich, von seinem Gipfel herabzusteigen, und deckte vor den brennenden Sonnenstrahlen; eine nordwestlich, den kühlen Winden offen liegende grasreiche Ebene, die sich längs dem Felsen hundert Schritte hinzog, fünfzig breit war, senkte sich wie ein grüner Blumenteppich auf allen Seiten sanft gegen die niedere Gegend regelmäßig hinab, und hatte von Nordost bisSüdost eine ausgedehnte Aussicht auf das Meer, so daß ich jedes Fahrzeug, das in diese Gewässer käme, entdecken und zu meiner Erlösung aus dieser Einöde benutzen konnte. Am Fuße der Felswand war, ungefähr in der Mitte, eine Wölbung, wie der Eingang einer Höhle, aber ohne Tiefe. Vor derselben wählte ich meine Wohnstelle, und nahm sie zum Mittelpunkt eines Halbkreises, den ich sogleich zog, und mit Zweigen absteckte. Zwanzig Schritte rechter Hand sprudelte eine frische Quelle zwischen den Felsenritzen hervor, wässerte einen Theil der kleinen Wiese, und schlängelte dem Seestrande zu, der ungefähr 2 Meilen entfernt war.

[97] 27. Oktober. Heute war ich beschäftigt, gerade vor der Vertiefung im Felsen ein geräumiges Zelt aufzuschlagen, und nachher Alles dahin zu tragen, was mir am unentbehrlichsten war, obschon der Weg vom Ufer des Flusses bis zu meinem neuen Wohnort eine halbe Meile betrug, denn ich arbeitete aus allen Kräften, und schlug auch einige starke Pfähle in die Erde, um die Hängmatte daran aufzuhängen, die dem Schiffer zugehört hatte, und in der That sehr gut war. Ich schlief diese Nacht das erstemal in meinem neuen Lager, und zwar, durch Arbeit und Hin- und Herlaufen ermüdet, ganz vortrefflich.

28.-31. Oktober. In diesen Tagen war ich keinen Augenblick müßig, und that nichts anderes, als daß ich meine Güter in meine neue Wohnung trug. Die Kisten und Bretter stellte ich wieder um mein Zelt her, wodurch es mehr Festigkeit erhielt, und mir statt einer Einzäunung gegen wilde Menschen und Thiere diente. Auch war ich auf diese Art in der Mitte meiner Habseligkeiten, die ich alle bequem und nahe an der Hand hatte. Nur die Ankertaue, das schwere Holz und Eisenwerk und was sonst nicht Gefahr lief, durch Nässe oder Thiere beschädigt oder weggetragen zu werden, ließ ich im Zelt am Ufer stehen. Als ich den letzen Tag mit diesen Arbeiten fertig war, bis um Schlafengehen ausruhete und etwas Speise genoß, fiel mir ein, daß es sehr vorteilhaft seyn würde, meine Zeit ordentlich einzutheilen. Wenn es nicht regnete, wollte ich frühe in der Morgenkühle ein paar Stunden herumgehen, um etwas für meinen Unterhalt zu schießen, und das [98] Land kennen zu lernen. Nach diesem wollte ich bis 10 oder 11 Uhr arbeiten, um diese Zeit meine Mahlzeit halten, dann während der Tageshitze bis 3 Uhr schlafen, und endlich wieder bis zur Abenddämmerung arbeiten.

1. November. Ich machte heute mit der neuen Ordnung den Anfang, nahm meine Flinte und gieng dem Walde zu, der eine halbe Meile vor mir sich längs her Bergkette hinzog. Ich schoß zwei Vögel, die den Enten glichen und sehr gut zu essen waren. Ich nahm meinen Rückweg bei meinem Ankerplatz vorbei, und brachte meinen Kalender zu meiner neuen Wohnung, wo ich ihn an der Felsenwand rechts neben der Höhlung aufrichtete. Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes auf dieser Insel fiel mir ein, daß ich meine Zeitrechnung verlieren würde, wenn ich die Tage nicht bemerkte; ich steckte also ein abgesägtes Stück von einer mitgebrachten Bramraa stehend in die Erde, nagelte ein Brett kreuzweise darauf fest, und schnitt mit dem Messer die Worte: – Ich kam den 30. September 1659 auf diese Insel – mit großen Buchstaben ein. Darunter zog ich untereinander, von einem Ende zum andern, in der Weite von zwei Zoll, eingekerbte Linien, fieng dann links auf der obersten Linie an, jeden Tag eine zolllange Kerbe einzuschneiden, am siebenten Tag eine längere, und jeden ersten Monatstag eine noch längere, die über die Standlinie herabgieng. Auf diese Art hielt ich meine Zeitrechnung.

2. November. Heute fieng ich meinen Zaun oder Mauer an, und es ist unglaublich, welche unsägliche Mühe und Arbeit mir dieser Bau verursachte. Besonders [99] die Pfähle im Walde zu hauen, zu bezimmern und noch mehr, sie nach Hause zu tragen und einzurammen, wo ich oft einen ganzen Tag auf zwei Pfähle verwenden mußte; denn aus Furcht vor einem Angriffe machte ich sie viel dicker als ich nöthig gehabt hätte, so daß ich sie kaum aufheben konnte. Es ist genug, zu bemerken, daß ich nicht weniger Zeit als von heute bis zum 14. April des nächsten Jahrs zubrachte, dieses Pfahlwerk zu beendigen, obgleich sein Umfang nicht mehr als dreißig Schritte betrug, denn der Halbmesser war zehn und der Durchmesser von einem Ende des Halbkreises zum andern längs der Felswand zwanzig Schritte. In diesen Halbkreis setzte ich zwei Reihen Pfähle, sechs Zoll auseinander. Um sie in den Boden zu schlagen, zog ich einen Graben, zwei Fuß breit und tief, richtete die Pfähle auch sechs Zoll von einander, und trieb sie erst mit einem schweren Stück Holz in die Erde, bis sie fest standen, nachher bediente ich mich des Hebeisens, wodurch die Arbeit schneller vor sich gieng. Hierauf warf ich die ausgegrabene Erde wieder in den Graben und stampfte sie fest. Das dickste Ende stand ungefähr acht Fuß hoch über der Erde, und war oben zugespitzt. Dann füllte ich den Zwischenraum beider Reihen mit den Stücken Ankertau, indem ich sie eins auf's andere legte, bis an die Spitze. Ich befestigte dieses Pfahlwerk inwendig noch mit Stemm-Pfählchen, wodurch es eine so große Stärke erhielt, daß weder Mensch noch Thier es durchbrechen oder drüber wegkommen konnte. In diese Wohnung brachte ich nachher Alles, was ich theils am Ufer des Flusses geladen, theils ausserhalb [100] der Mauer niedergelegt hatte, und machte dann den Eingang, der bisher offen geblieben war, zu, und stieg auf einer kleinen Leiter auf die Mauer, zog sie nach mir herauf, und ließ sie an der andern Seite herunter, so daß ich hinabsteigen konnte; inwendig ließ ich sie angelehnt stehen, auswendig aber verbarg ich sie in eine nahe, mit Gebüsch bedeckte Felsritze. Doch jetzt kehre ich wieder zu meinem Tagebuch zurück.

3. November. Auf meinem Morgenspaziergang bemerkte ich mit Vergnügen, daß es viele Ziegen auf der Insel gab. Allein sie waren so scheu, so schlau und schnell im Laufe, daß es äusserst schwer war, eine zum Schusse zu kriegen; doch glückte es mir, eine zu schiessen, die ein säugendes Junges bei sich hatte, welches nicht nur bei ihr stehen blieb, bis ich kam und sie aufhob, sondern als ich sie wegtrug, folgte es mäckernd nach bis zu meinem Zelt. Ich hoffte es aufziehen zu können, allein es war zu jung, ich konnte es nicht zum Fressen bringen, und ich sah mich genöthiget, es zu schlachten und selbst zu essen. Diese beiden Thiere versahen mich auf acht Tage mit Fleisch, wodurch ich meinen vom Schiff geretteten Vorrath sparen konnte, womit ich, vorzüglich mit dem Brote, sehr genau wirthschaftete. Späterhin, als ich diese wilden Ziegen besser beobachtet hatte, bemerkte ich, daß sie sogleich davon liefen, wenn sie auf den Höhen waren, und mich, selbst in großer Entfernung, gewahr wurden; weideten sie aber in den Thälern, und ich befand mich auf den Hügeln, so schienen sie mich gar nicht zu bemerken, wenn ich ihnen schon ziemlich nahe war. Aus dieser oft bestätigten [101] Erfahrung zog ich den Schluß, diese Thiere müßten in einer höhern Stellung mehr Spürkraft haben, oder ihr Auge so gebaut seyn, daß es die niedriger liegenden Gegenstände leicht, die höher befindlichen beinahe gar nicht erblicken könne. In der Folge erleichterte ich mir diese Jagd dadurch, daß ich erst die Anhöhe erstieg, und oft reiche Beute machte.

4.-12. November. Während dieser Zeit unterließ ich meine täglichen Streifereien nicht, und arbeitete fleißig an meiner Einzäunung. Anfangs haute ich einen Pfahl, machte ihn zurechte, trug und setzte ihn an Ort und Stelle; allein ich fand bald, daß meine Arbeit weniger mühsam seyn und schneller fördern werde, wenn ich erst alle Pfähle im Walde umhiebe, dann einen nach dem andern behaute, und so jede Arbeit besonders verrichtete, bis sie beendigt sey, wodurch ich Behendigkeit und Geschicklichkeit erlangte.

13. November. Heute regnete es, welches mich angenehm erfrischte, die große Hitze abkühlte, und die Erde befeuchtete. Als ich mich eben dessen erfreute, fieng es an ganz entsetzlich zu wetterleuchten, und ein heftiger Donnerschlag erfolgte. Schnell wie der Blitz selbst bebte mir der Gedanke durch die Seele: o mein Pulfer! Da mir meine Vertheidigung und mein Unterhalt beinahe einzig davon abzuhangen schien, so war die Angst, es durch einen einzigen Schlag zu verlieren, so groß, daß die Gefahr, durch dessen Entzündung mein Leben einzubüßen, mir gar nicht einfiel. Der Eindruck, den dieser Schrecken auf mich machte, war so stark, daß ich alle Arbeit liegen ließ, und mich, sobald [102] der Sturm vorüber war, vor allen Dingen damit beschäftigte, aus einem alten Segel Beutel zu verfertigen, um meinen Vorrath an Pulfer darin zu vertheilen. Die drei Fäßchen enthielten jedes 50 Pfunde; ich machte wohl 100 Säckchen, die ein bis zwei Pfunde halten mochten, und legte sie an verschiedenen trockenen Orten so weit aus einander, daß keines von dem andern angesteckt werden konnte.

14.-16. November. Diese drei Tage waren wieder sehr schön, und ich brachte sie, wie die vorhergehenden, mit Verfertigung der Pulferbeutel zu, denn die Arbeit gieng erst langsam von der Hand. Auch unterließ ich keinen Morgen, auf die Jagd zu gehen, und schoß eine wilde Katze, deren Fleisch zu nichts taugte, ihr Fell aber war sehr weich; ich zog es ihr ab, und dies brachte mich zu dem Entschluß, in Zukunft von allen erlegten Thieren das Fell abzustreifen und aufzubewahren.

17. November. Nach meinem Morgenspaziergang machte ich mich wieder an meine Pfähle im Walde.

18.-30. November. Ich setzte diese Arbeit mit großem Fleiße fort. Als ich am Morgen bei meiner Zurückkunft an den Seestrand kam, sah ich mancherlei Arten von Seevögeln, die mir alle unbekannt waren, bemerkte auch zwei oder drei große Seethiere, die, als ich mich näherte, sogleich untertauchten, daß sie mir entgiengen, und ich nicht wußte, was ich aus ihnen machen sollte.

1.-13. Dezember. In einer Einöde, wo man von aller menschlichen Gesellschaft verlassen lebt, und[103] mit einer harten und langsamen Arbeit beschäftigt ist, kann sich nur wenig Merkwürdiges ereignen. Freilich ist auch das Wenige für den Einsamen von Wichtigkeit, nicht aber für den Leser. Ich übergehe daher vieles. An einem dieser Tage schoß ich einen großen Vogel, der sehr gut zu essen, mir aber völlig unbekannt war.

14. Dezember. Auf meinem Morgenspaziergang, den ich selten unterließ, und von dem ich eben so selten nach Hause kam, ohne etwas Eßbares mitzubringen, entdeckte ich bald dieses, bald jenes, das mir nützlich seyn konnte. So fand ich heute eine Art wilder Tauben, die aber nicht wie Waldtauben in einem Baum, sondern wie die Haustauben in den Höhlen der Felsen nisteten. Ich nahm einige Junge, und bemühte mich, sie zahm aufzuziehen, welches zwar gelang; als sie aber älter wurden, flogen sie davon, denn ich hatte damals noch kein Getreide; ich fand jedoch oft ihre Nester, und nahm bald ihre Jungen, bald ihre Eier weg, die ein sehr schmackhaftes Gericht abgaben.

15.-24. Dezember. An diesem letztern Tage war ich mit dem Fällen des zu meinem Pfahlwerk nöthigen Holzes fertig geworden; ich hatte nämlich den Umfang desselben berechnet, und gefunden, daß ich für jede Reihe auf jeden Schritt fünf Pfähle haben müßte. Anfangs hieb ich große Bäume um, spaltete sie, und machte mehrere Pfähle aus der Dicke eines Stammes, fand aber nachher gerathener, nur junge Bäume auszusuchen und zu fällen, weil nicht nur die Arbeit viel leichter und kürzer war, da ich sie nicht zu spalten und zu bezimmern brauchte, sondern ich vermuthete, die [104] Rinde würde noch zu ihrer Dauerhaftigkeit beitragen.

25. Dezember. Da ich mich erinnerte, daß heute ein großer Festtag der christlichen Kirche sey, so enthielt ich mich aller Arbeit, doch darin bestand dessen ganze Feier, ohne mich weiter darum zu bekümmern. Ich machte einen Spaziergang, kam wieder nach Hause, speisete eine junge Taube, einigeEier, ein Stückchen Zwieback, nahm einen guten Schluck Rum und gieng dann schlafen. Als nach vier Uhr die größte Hitze vorüber war, gieng ich noch einmal spazieren, und dieser Müßiggang, der durch keinen Zweck, durch keine Beschäftigung zerstreut wurde, fand seine Strafe durch sich selbst. Zufälligerweise kam ich an die Stelle, wo die Meeresfluthen mich an den Strand geworfen hatten; dies brachte das Andenken an alles, was mir begegnet war, lebhaft vor meine Seele zurück, und erfüllte mich mit schwermüthigen Gedanken.

Die Ansicht meines Zustandes war fürchterlich. Da mich der schreckliche Sturm mehrere hundert Meilen von dem vorgesetzten Laufe meiner Reise und von den gewöhnlichen Handelsbahnen abgetrieben, und auf diese abgelegene Insel verschlagen hatte, so glaubte ich Ursache zu haben, es als ein Verhängniß des Himmels ansehen zu müssen, in dieser Einöde und in diesem verlassenen Zustande mein Leben zu endigen. Bei diesen Betrachtungen vergoß ich häufige Thränen, und war ganz in Traurigkeit versunken. Endlich erholte ich mich, und meine Vernunft gewann die Oberhand. »Warum – sagte ich zu mir selbst – warum sollte die göttliche [105] Vorsehung ihre Geschöpfe so völlig niederbeugen, so ohne Hülfe verlassen und elend machen, daß ein solches Leben kaum des Dankes werth scheint? Es ist wahr, ich befinde mich von allen Menschen getrennt, in einer verlassenen Lage. Aber wo sind meine Gefährten? waren wir nichtEilfe im Boot? wo sind die andern Zehne? und ist es nicht besser hier als dort zu seyn?« – Hier wies ich mit dem Finger auf's Wasser, das zu meinen Füßen den Strand bespühlte. Alles Uebel muß man mit dem darin enthaltenen Guten und mit dem noch Schlimmern, das nahe dabei war uns zu betreffen, vergleichen. Dies that meiner Schwermuth Einhalt, und ich kehrte im lieblichsten Mondesschimmer nach Hause.

26.-31. Dezember. Des Morgens gieng ich nicht spazieren, sondern machte mich mit neuem Eifer an meine Arbeit, die darin bestand, meine Pfähle zu behauen, und oben und unten spitzig zu machen. Doch that ich dies im Walde, und sie wurden um soviel leichter. Uebrigens war die Hitze sehr groß, und ich gieng um 10 Uhr nach Hause, hielt meine Mahlzeit und legte mich schlafen; nach 3 Uhr gieng ich wieder an die Arbeit, und es war mir sehr angenehm, daß ich im Schatten arbeiten konnte. Nach 6 Uhr gieng ich wieder nach meiner Wohnung, denn um 7 Uhr war es in den längsten Tagen schon Nacht, und diese Hin- und Hergänge, die über eine halbe Meile betrugen, konnten mir für einen Spaziergang gelten.

1. Jenner 1660. Heute früh machte ich meine gewöhnliche Aussflucht, schoß eine junge Ziege, und lähmte [106] eine andere, so daß ich sie lebendig fieng und an einem Stricke nachführte, wo ich sie verband und so sorgfältig pflegte, daß sie am Leben blieb, und das zerschossene Bein völlig genas. Diese Ziege ward nach einiger Zeit so zahm, daß ich sie frei herumlaufen und auf dem kleinen grünen Platze vor meiner Wohnung weiden ließ, ohne daß sie verlangte zu entlaufen, im Gegentheil folgte sie mir überall nach, wie mein Hund, mit dem sie sich sehr gut vertrug. Der geschossenen Ziege zog ich das Fell ab, bereitete mir ein Stück davon, aß einige Eier und Zwieback, und nahm einen Trunk Kordialwasser. Dieses war die ganze Feier dieses Neujahrstags, denn nachdem ich während der größten Hitze geschlafen hatte, arbeitete ich bis gegen halb 7 Uhr im Walde an meinen Pfählen, weil ich dadurch traurigen Gedanken zuvorkommen oder sie verscheuchen wollte.

2.-5. Jenner. An diesem letzten Tage war ich mit dem Behauen und Zuspitzen der Pfähle fertig geworden, und fieng nun an, selbige nach Hause zu tragen, womit ich bis zu Ende des Monats fertig wurde, denn da mir dieses Hin- und Herlaufen genug Bewegung gab, so gieng ich nur dann auf die Jagd, wenn es nöthig war.

6. Jenner. Auf meinem heutigen Spaziergange gieng ich weiter westlich als sonst in die Thäler, die gegen die Mitte der Insel hin lagen, und fand eine weit größere Menge Ziegen als vorher, aber eben so scheu. Ob die Jagd, die ich auf sie machte, selbige hieher getrieben oder ob sie von jeher hier häufiger[107] waren, da diese Gegend weit bessere Weiden hatte, kann ich nicht entscheiden. Ich machte den Versuch, meinen Hund auf diese Ziegen zu hetzen, um wo möglich einige lebendig zu fangen, sie eben so zu zähmen, wie das Junge, das ich zu Hause hatte, und eine ganze Heerde zu ziehen, damit es mir nicht an Lebensmitteln fehlen möchte, wenn mein Pulfer und Blei alle wäre. Allein ich hatte mich sehr in meiner Erwartung betrogen; so scheu und furchtsam diese Ziegen waren, so setzten sie sich doch meinem Hund vereinigt entgegen, und er merkte die Gefahr zu wohl, als das er sich derselben ausgesetzt hätte, er schmiegte sich vielmehr an mich an, und ich ließ es dabei bewenden.

7.-31. Jenner. In dieser Zwischenzeit hatte ich nun meine Pfähle alle nach Hause gebracht, und fieng heute an, die äussere Reihe einzusetzen, oder vielmehr, ich fuhr damit fort, weil ich, wie bemerkt, anfangs schon einige dreißig eingerammet hatte.

1.-18. Hornung. Ich arbeitete während dieser Zeit an meinem Pfahlwerk mit gutem Fortgange, denn der Felsen beschattete die Stelle, wo ich beschäftigt war, und es schien mir, daß sich die große Hitze abkühlte.

19. Hornung. Heute fieng es an zu regnen, da es jedoch weder stark noch anhaltend war, so ließ ich mich dadurch nicht an meiner Arbeit stören.

20. Hornung. Kein Regen; die Witterung war kühler und angenehmer als vorher, und das Erdreich war sehr erfrischt.

21. Hornung. Häufiger Regen den ganzen Tag[108] und die Nacht durch, so daß ich an der Arbeit gehindert und in meinem Zelt zu sitzen genöthigt war, welches mich aber nicht völlig vor dem Regen schützen konnte. Ich beschloß also, noch ein größeres Zelt, über das, so ich jetzt bewohnte, aufzuschlagen, und nahm die zwei größten Stücke von den Segeln, die ich leider hatte zerschneiden müssen, nähete sie wieder zusammen und die nöthigen Schleifen daran.

22. Hornung. Ich benutzte diesen Morgen, wo es nicht regnete, um in dem Walde einige dünne gerade Baumstämme zu fällen; vom Abholze machte ich kleine Pfählchen, und brachte in zwei Gängen alles nach Hause. Es war bereits Nachmittag und fieng wieder an, doch nicht stark, zu regnen. Demungeachtet war gegen 5 Uhr mein großes Zelt aufgerichtet und schützte mich nicht nur weit besser als vorher, sondern bedeckte auch einen guten Theil meiner Güter.

23.-28. Hornung. Es regnete alle diese Tage und Nächte, doch nicht ohne Aufhören, und ich arbeitete täglich an meiner Einzäunung.

1.-10. März. Der Regen dauerte, obwohl nicht ununterbrochen, fort, war aber oft sehr heftig und mit Windstößen begleitet. Da ich ein unbehagliches Frösteln fühlte, sobald ich nicht beschäftigt war, so setzte ich meine Arbeit fort, wenn es nicht zu stark regnete, so daß ich heute mit der äussern Reihe meines Pfahlwerks fertig wurde.

11.-14. März. Ich fieng die zweite Reihe an, mußte aber an letzterm Tage die Arbeit liegen lassen, weil der heftige Regen, der beinahe mein Zelt niedergeschlagen [109] hätte, den ganzen innern Raum überschwemmte, da das Wasser jetzt keinen Abfluß hatte, und mich nöthigte, Löcher zwischen den Pfählen zu machen, welches auch gelang.

15.-31. März. Die Regenzeit währte beinahe ohne Aufhören fort, und war mit Stürmen und Ungewittern begleitet. Ich gieng selten auf die Jagd, und nur auf die Ziegen, weil eine einzige mir auf eine Woche Unterhalt verschaffte, und nur einen Gang und einen Schuß erforderte. Meine Arbeit setzte ich fort, wenn es nur einigermaßen möglich war. In der Zwischenzeit nahm ich eine andere vor. Ich hatte bis jetzt weder Tisch noch Stuhl gehabt, und ohne diese war ich nicht im Stande, weder mit Vergnügen zu essen noch zu schreiben, noch verschiedene andere Dinge zu thun. Ich saß gewöhnlich auf einer Kiste und eine größere diente mir statt des Tisches. Dieser letztere versprach mir schon allein so viele Bequemlichkeit, daß ich mich in den Stunden, wo ich an meiner Mauer zu arbeiten gehindert war, damit beschäftigte, einen Tisch zu machen, und ich brachte ihn in diesen Zwischenstunden in acht Tagen zu Stande, doch war ich nur halb damit zufrieden, denn ich war anfangs ein elender Stümper; Zeit und Nothwendigkeit machten mich aber bald zu einem so guten Meister, als es nur Jemand unter solchen Umständen seyn konnte.

1.-14. April. Noch dauerte die Regenzeit fort, doch waren in den letzten Tage einige schön, und die guten Zwischenräume etwas länger, so daß ich am letzten derselben endlich mit der zweiten Pfahlreihe[110] nicht nur zu Ende kam, sondern auch den bisher offengelassenen Eingang, der sich rechts an der Felswand befand, schließen konnte. Wenn mich der Regen an dieser Hauptarbeit hinderte, so wandte ich diese Zwischenzeit auf die Verfertigung eines Stuhls und einer kurzen Leiter an, mit denen ich ungefähr zu gleicher Zeit fertig ward. Die letztere machte mir weit weniger Mühe als jener, der meine Geduld erprobte, denn er brach mir, selbst unter der Arbeit, etliche Male in Stücken, und ich hatte genug zu thun, ihm ein erträgliches Ansehen zu geben; er war schwer, unbehülflich und doch nicht solide. Ich hatte sowohl den Stuhl als den Tisch aus den kurzen Stücken von Brettern gemacht, die ich vom Schiffe gebracht hatte, und es ist mir noch jetzt unbegreiflich, warum ich nicht Tische und Stühle von daher mitgebracht habe, da ich doch weniger brauchbare Dinge mitnahm.

15. April. Diese Nacht schlief ich ganz vortrefflich. Das Gefühl der Sicherheit vor jedem feindseligen Anfall, dem ich bis jetzt ausgesetzt gewesen war, trug unstreitig das meiste dazu bei, obgleich ich noch nicht das Geringste bemerkt hatte, das mir hätte Gefahr drohen können. Alles, was ich besaß, hatte ich in meinen Hofraum getragen, ehe ich ihn vollends schloß. Allein Alles lag unter und über einander in solcher Unordnung, daß ich fast keinen Platz hatte, mich zu bewegen, und wenn ich etwas suchte, mußte ich vieles aus der Stelle rücken, weil ich oft nicht wußte, wo das Gesuchte sich befand. Da ich nun merkte, daß die Felswand aus einem lockern Sandsteine bestand, der sich leicht bearbeiten [111] ließ, so nahm ich mir vor, da wo die Natur schon vorgearbeitet zu haben schien, tiefer einzugraben, um mir und meinen Gütern Raum zu verschaffen; allein zu dieser Arbeit fehlte es mir an drei unentbehrlichen Werkzeugen, nämlich an einerHaue, einer Schaufel und einem Schiebkarren oder Korbe. Die erste glaubte ich durch mein Hebeisen ersetzen zu können, obgleich sie sehr schwer waren. Ich gieng also in den Wald, um hartes Holz zu einer Schaufel zu finden, und fand den Baum, der in Brasilien der Eisenbaum genannt wird, oder ihm wenigstens sehr ähnlich war. Von diesem hieb ich ein Stück ab und trug es nach Hause; beides kostete mir unendliche Mühe, denn es war sehr schwer und so hart, daß ich meine Axt daran beinahe zu Schanden gemacht hätte.

16.-18. April. Die Härte des Eisenholzes, der Mangel an guten Werkzeugen und an Geschicklichkeit waren Ursache, daß ich nicht weniger als drei Tage an dieser Schaufel zu arbeiten hatte, bis ich's so weit brachte, daß sie tauglich zu dem war, wozu ich sie bestimmte; da aber der breite Theil nicht mit Eisen beschlagen war, so konnte sie freilich nicht so lange dauern, wie die eisernen in Europa.

19.-20. April. Da mir biegsame Ruthen zum Korbflechten mangelten, und ich noch keine gefunden hatte, auch keine Zeit mit Nachsuchen verlieren wollte, obschon ich einige Geschicklichkeit dazu besaß, so dachte ich erst auf einen Schiebkarren. Da hätte ich mir nun alles zu machen getraut, bis auf das Rad, wozu ich aber keine Möglichkeit sah. Ich gab also den Schiebkarren [112] sowohl als den Korb auf, und nagelte mir aus Brettern und Stäben ein Machwerk zusammen, das einer Mulde, worin die Handlanger den Maurern den Mörtel zutragen ähnlich sah, und mir wirklich gute Dienste leistete.

21. April. Heute früh fieng ich nun meine Mineurarbeit an, und sie gieng sehr gut vorwärts. Ich grub erst einen Gang gerade in den Felsen hinein, der etwa 35 Fuß tief, 10 breit und 7 hoch war. Hierauf grub ich auf jeder Seite zwei Kammern, zwischen denen ich ungefähr 3 Fuß dick Felsen stehen ließ, theils um das Gewölbe zu stützen, theils um die Kammern zu trennen; die beiden vordern dienten mir rechts zum Schlafzimmer und links zurKüche, und hatten 12 Fuß in's Gevierte. Die beiden hintern waren 20 Fuß weit in's Gevierte, und waren zum Magazin und zum Keller bestimmt. Alle waren gleich hoch, wie der Mittelgang. Die ausgegrabene Erde oder Sandsteine trug ich durch mein Zelt hinaus, schüttete sie inwendig an den Fuß meines Pfahlwerks, und machte damit eine Terrasse, die rund herum lief, 3 Fuß breit und 2 hoch war. Die übrige Erde warf ich nachher über die Mauer, und dieser Anwurf ward beinahe so hoch als die Mauer, und gab ihr eine außerordentliche Festigkeit. Die Böschung stach ich nachher steiler ab, und belegte sie mit Rasenstücken, die sich bald begraseten, so daß Niemand vermuthen konnte, daß eine Wohnung dahinter war.

1.-31. Mai. Diesen ganzen Monat hindurch war ich mit meiner Höhle beschäftigt, und brachte sie so zu Stande, wie ich sie oben beschrieben habe. Ich glaubte, [113] an diesem letzten Tage mit meinem Gewölbe fertig zu seyn, als auf einmal eine so große Menge Schutt herunterfiel, daß ich nicht ohne Ursache heftig erschrack, denn wäre ich eben darunter gewesen, so hätte ich weiter keinen Todtengräber nöthig gehabt.

1.-4. Junius. Diese vier Tage brachte ich mit dem Herausschaffen des heruntergefallenen Schuttes zu, und um ähnliche Zufälle in Zukunft zu verhüten, nahm ich mir vor, die Decke über mich zu stützen.

5.-9. Junius. In diesen Tagen richtete ich im Mittelgange vier und in jedem der Nebengewölbezwei Stützen auf, die aus starken jungen Baumstämmen bestanden, über welche ich starke Bretter von der Haut des Schiffs kreuzweise überlegte, wodurch ich meine Gewölbe in Sicherheit setzte.

10.-18. Junius. Diese Zeit wandte ich dazu an, Nägel in die Wände und Stützen einzuschlagen, und Bretter an die Wände zu befestigen; die in Reihen stehenden Stützen waren mir sehr bequem, und dienten mir zugleich zu Abtheilungen in meinen Gemächern, ich vermehrte sie also deßwegen nachher im Keller und im Magazin.

19.-25. Junius. Nachdem alles mit Brettern und Nägeln versehen war, brachte ich alle meine Reichthümer nach und nach in meine Gewölbe, alle Eßwaaren und Getränke in den Keller, das Uebrige, wo es hingehörte, in das Schlafzimmer, in dasMagazin und in den Mittelgang. Auf diese Art hatte ich nun meine Gewehre, mein Handwerkszeug, meine Nägel und anderesEisenwerk, kurz alles an seiner Stelle [114] und mir bequem an der Hand; meine Gewölbe sahen jetzt nicht anders aus, als ein allgemeines Magazin wo Ordnung und Reinlichkeit herrschte, und es war kein geringes Vergnügen für mich, meine Vorräthe von allen nothwendigen Dingen so groß zu sehen, daß ich auf viele Jahre keinen Mangel zu befürchten hatte.

Da ich bei dieser Arbeit Alles, was ich besaß, nachsehen mußte, um jedes dahin zu legen, wohin es gehörte, so fand ich vieles, das ich nicht bemerkt hatte, als ich meine Güter vom gestrandeten Schiffe rettete; denn wenn die Kisten nicht zu groß und schwer waren, so nahm ich mir nicht die Zeit, sie zu öffnen, sondern brachte sie, so wie ich sie fand, auf den Floß und an's Land. Unter diesen Dingen, die ich nun wie neue Geschenke betrachtete, war ein bedeutender Vorrath an weißem Papier, Federn, Tinte, verschiedene gedruckte und geschriebeneBücher, die sich sowohl in meinem eigenen als in des Schiffers, Steuermanns, Konsta bels und Schiffzimmermanns Vorrath befanden; ferner drei bis vier Kompasse, mathematische Instrumente, fünf Ferngläser, Sonnenuhren, Land- und Seekarten, Schiffsbücher und eine Menge Kleinigkeiten, die ich vielleicht als unnütz zurückgelassen hätte, wenn sie mir an Bord zu Gesichte gekommen wären, und die mir nachher sehr nützlich waren. Dagegen fand ich bei verschiedenen Gelegenheiten, daß mir noch viele Dinge fehlten, die mir sehr nöthig gewesen wären, die ich in der Folge selbst verfertigen, durch andere ersetzen oder missen mußte. Der Abgang derKerzen, die ich [115] auf dem Schiffe gefunden und mitgebracht hatte, nöthigte mich bald, sie durch eineLampe zu ersetzen, wenn ich nicht gegen 7 Uhr, wo es gewöhnlich schon finster war, zu Bette gehen wollte. Ich erinnerte mich wohl an den Wachsklumpen, aus dem ich auf meiner Fahrt längs der afrikanischen Küste Lichter gemacht hatte; allein das half hier nichts. Ich machte mir also ein Schüsselchen von Thon, trocknete es in der Sonne, drehte mir die Dochte von Schiffswerg, und benutzte das Fett der Ziegen. Dadurch erhielt ich Licht, obgleich es nicht so schnell brannte wie Kerzen. Auch muß ich erinnern, daß ich ein altes Musketenschloß zu einem Feuerzeuge eingerichtet hatte, das mir gute Dienste leistete.

Fünfter Abschnitt

Fünfter Abschnitt.

Das Erdbeben.


Nun war mein Hausrath und meine Wohnung in der besten Ordnung, und eigentlich fieng ich erst jetzt an, bequem zu leben und mein Tagebuch zu halten, so wie der vorhergehende Auszug zeigt. Ich setzte dieses Tagebuch, worin ich Alles auf's genaueste anmerkte, so lange fort, als mein Vorrath von Tinte, der in einer nicht vollen Flasche bestand, dauerte, die endlich durch vieles Zugießen von Wasser so blaß wurde, daß es mit dem Schreiben ein Ende hatte, denn frische[116] Tinte konnte ich nicht zuwege bringen, und alle Versuche mißlangen.

26. Junius. Als ich diesen Morgen von meinem gewöhnlichen Spaziergang nach Hause kam und an der Quelle einen wahren Labetrunk gethan hatte, bemerkte ich einige Schritte davon zehn bis zwölf Aehren Gerste und eben so viel Waizen, beides so schön und vollkommen, als die, so ich je in England gesehen habe. Ausser diesen waren noch zwanzig bis dreißig Halme Reis da, die ich gleich erkannte, weil ich bei meinem Aufenthalte in Afrika denselben kennen gelernt hatte. Meine Verwunderung, mein Erstaunen gieng über jeden Ausdruck, da ich hier, in einem Klima, wo sonst kein Getreide und kein Reis wächst, beides fand, und ich fieng an, auf den Gedanken zu kommen und mich glücklich zu preisen, daß Gott um meinetwillen ein Wunder gethan und in dieser Wildniß ohne ausgestreute SaatReis und Getreide zu meinem Unterhalt wachsen ließ. Dies rührte mich so sehr, daß ich weinte. Ich hatte bisher wenig an Religion gedacht, und Alles, was mir begegnet war, blos für einen Zufall oder höchstens für eine Schickung Gottes angesehen, und es war mir nie eingefallen, darüber nachzudenken.

27.-28. Junius. Auf mehreren Spaziergängen, wo ich beinahe jeden Winkel durchsuchte, um mehrGetreide oder Reis zu finden, war es mir unmöglich, nur ein Körnchen zu entdecken, und dies bestärkte mich desto mehr in dem Glauben an die unmittelbare Einwirkung Gottes, der diese Aehren mir so nahe [117] aufsprossen ließ, damit ich sie desto leichter fände. Meine Gedanken waren ausschließlich auf diesen Gegenstand gerichtet. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit das Säckchen mit dem Rest gemischter Gerste und Waizen, wobei denn auch die von mir unbemerkten Reiskörner waren, an dieser Stelle ausgeleert hatte, weil ich das Säckchen zu etwas anderm brauchen wollte. Das Wunder hörte sogleich auf und mit ihm meine Dankbarkeit, da ich darin nur etwas ganz Gewöhnliches fand. Indessen war es doch, in Ansehung meiner, eben so sehr ein Zeichen der besondern Güte Gottes gegen mich, als ob ein wirkliches Wunder geschehen wäre, da sie es veranstaltete, daß noch so viele Körner unversehrt blieben, und gerade zur rechten Säezeit und an der rechten Stelle ausgeschüttet werden mußten, wo es unter dem Schatten der Felswand aufkeimen und gedeihen konnte, da es sonst an einer weniger günstigen Stelle von der Hitze verbrannt oder verderbt worden wäre.

29. Junius. Ich vernachläßigte meine kleine Erndte nicht, und sammelte selbige heute mit größter Sorgfalt ein, um ja kein Körnchen zu verlieren, in Hoffnung, mit der Zeit einen hinlänglichen Vorrath an Getreide zu Brod und an Reis zu andern Speisen zu erhalten. Sie bestand in drei Händen voll Getreide und noch einmal so viel Reis, und da ich glaubte, daß gerade jetzt die beste Zeit zum Säen wäre, so grub ich mit meiner hölzernen Schaufel ein kleines Stück Erdreich um, welches ungefähr dreißig Schritte links von meiner Wohnung lag, wo die Grasebene sich zu [118] senken anfieng. Unter der Arbeit fiel mir ein, daß es wohlgethan seyn möchte, nicht Alles auf einmal zu säen, da ich doch nicht gewiß war, ob jetzt die rechte Säezeit wäre; ich säete also nur zwei Drittel, und das war mein Glück, denn von der ganzen Saat gedieh nicht ein einziges Körnchen; sie schoß zwar anfangs lustig auf, aber die Hitze der trockenen Jahreszeit, wo keine Feuchtigkeit den Wachsthum beförderte, war Schuld, daß Alles verdorrte.

30. Junius. Heute war ich wieder in Gefahr, lebendig verschüttet zu werden. Ich war eben vor dem Eingange meiner Höhle, bereit auszugehen, und ward heftig erschreckt, als von der Decke des Mittelgewölbes wieder eine Menge Schutt herabfiel und die aufgestellten Stützen entsetzlich krachten. Aus Furcht, darunter begraben zu werden, flog ich gleich die Leiter hinauf und über die Mauer weg, aber kaum hatte ich aussen die Erde berührt, als ich deutlich merkte, daß ein schreckliches Erdbeben die Insel erschütterte, denn der Boden, wo ich stand, erbebte in weniger als acht Minuten dreimal durch eben so viel Stöße, die so heftig waren, daß die stärksten Gebäude eingestürzt wären; ein großes Felsenstück rollte, eine halbe Meile von mir, mit donnerndem Getöse von dem Gipfel des Berges, an dessen Fuß meine Wohnung stand, herab, die See gerieth in eine grausenerregende Bewegung, und die Erdstöße mochten unter der Wasserfläche wohl noch stärker als auf dem Lande gewesen seyn.

Meine Angst war desto größer, da ich nie einErdbeben erfahren hatte, und ich lag betäubt und beinahe [119] erstarrt unter einem Baum. Der weithallende Donner des herabgestürzten Felsens weckte mich aus der Betäubung, und erfüllte mich mit Entsetzen vor dem Gedanken, daß mein Zelt, mein Alles, unter dem eingestürzten Hügel begraben und ich ganz entblößt seyn werde. Die Bangigkeit preßte mir die Worte: »Gott erbarme dich meiner!« aus, aber ohne daß ich etwas dabei dachte. Als auf den dritten Stoß keine Erschütterung nachfolgte, faßte ich wieder etwas Muth, doch nicht genug, um es wagen zu dürfen, in meine Wohnung zurückzukehren; ich blieb trostlos und niedergeschlagen auf der Erde sitzen, ohne zu wissen, was ich anfangen sollte, und bemerkte, daß der Himmel sich bewölkte und sich ein starker Wind erhob, der in weniger als einer halben Stunde zum schrecklichsten Orkan ward, den man sich denken kann. Die See ward ganz mit Schaum bedeckt, die Brandung brach sich heulend am Felsenstrand, entwurzelte Bäume schleuderte der Sturm weit von ihrer Stelle, und die ganze Natur schien im Aufruhr zu seyn. Erst nach drei Stunden ließ das Toben nach, und es fieng nun an, sehr stark zu regnen. Da fiel mir endlich ein, daß dieser Sturm und Regen natürliche Folgen des Erdbebens wären, dieses also vorüber seyn müßte und ich mich nun wohl nach Hause wagen dürfte. Der Regen trieb mich noch mehr dahin und ich kam ganz durchnäßt daselbst an, setzte mich in mein Zelt und lebte gleichsam neu auf, als ich sah, daß der Schaden ganz unbedeutend war. Der Regen war so heftig, daß er mich in mein Mittelgewölbe zurückzugehen nöthigte, obgleich ich noch immer [120] bange war, es möchte über mich zusammenstürzen; als ich aber nichts Abschreckendes mehr bemerkte, so ward ich ruhiger, und um meine Lebensgeister wieder zu stärken, nahm ich einen Schluck Kordialwasser, mit dem ich, so wie mit dem Rum, sehr sparsam war, weil ich wußte, daß keiner mehr zu haben wäre, wenn dieser alle seyn werde.

1. Julius. Der Regen dauerte die ganze Nacht und den größten Theil des heutigen Tages, so daß ich nicht an's Ausgehen denken konnte. Ich hatte also Zeit, über meine Lage nachzudenken. »Wenn die Insel öftern Erdbeben ausgesetzt ist«, – dachte ich, »so muß ich durchaus eine andere Wohnung suchen, mir eine leichte Hütte oder ein Zelt aufrichten, sie mit einer Mauer, wie hier, umgeben, denn in dieser Höhle werde ich über kurz oder lang mein Grab finden.« Die Furcht, lebendig begraben zu werden, verscheuchte mir den Schlaf, und doch erlaubte mir die Besorgniß vor wilden Thieren nicht, ausser meinem Walle zu schlafen. Ich dachte hin und her, wohin ich meine Wohnung verlegen sollte. Wenn ich aber um mich her Alles in der schönsten Ordnung, mich so versteckt und vor jeder andern Gefahr gesichert sah, so kam es mir gar zu schwer an, diesen Aufenthalt mit einem andern zu verwechseln, besonders wenn ich an die unsägliche Mühe und Beschwerlichkeiten dachte, die ich erlitten und die mir auf' s neue bevorstanden. Der Umstand, daß ich dennoch in dieser Wohnung bleiben müßte, bis die neue fertig wäre, welches eine desto längere Zeit erforderte, da ich einen ganzen statt nur eines halben Kreises mit [121] Pfählen einschliessen mußte, beruhigte mich eine Zeit lang, so daß ich die Ausführung auf eine unbestimmte Zeit verschob, wozu denn ein anderes Geschäft auch noch das Seinige beitrug. Ich beschäftigte mich den ganzen Tag, den herunter gefallenen Schutt herauszuschaffen, womit ich auch fertig wurde, denn es war nicht so viel als ich vor Schrecken glaubte.

2. Julius. Als ich längs dem Seestrande von der Jagd zurückkam, sah ich bei niederm Wasser etwas im Sande liegen, das mir wie eine Kiste vorkam; ich gieng dahin und fand eine kleine Tonne und einige Trümmer von dem gescheiterten Schiffe, die der letzte Sturm an's Ufer getrieben hatte. Der Wrak selbst hatte seine Lage völlig verändert, denn der Vordertheil, der vorher tief im Wasser gelegen hatte, lag jetzt auf dem Sande, wenigstens 6 Fuß über der Wasserfläche; der Hintertheil hingegen war zertrümmert, von dem Uebrigen getrennt und lag umgekehrt auf der Seite, wobei sich eine Menge Sand aufgehäuft hatte, so daß ich zur Ebbezeit trockenen Fußes dahin gehen konnte, da ich sonst eine Viertel Meile dahin zu schwimmen hatte. Darüber verwunderte ich mich sehr, dachte aber, daß das Erdbeben diese Veränderung verursacht habe. Da nun durch eine solche Gewalt das Schiff noch mehr auseinander gebrochen war, so spühlte die Fluth täglich eine Menge Sachen an das Land. Ich fieng meine Arbeit damit an, die Tonne weiter auf den Strand zu wälzen und dann zu untersuchen, wo ich dann fand, daß sie Pulfer enthielt, aber Wasser geschöpft hatte, so daß, wie bei einem der drei zuerst an's Land [122] gebrachten, das äusserste Pulfer hart wie ein Stein zusammen gebacken und dabei keine Gefahr zu besorgen war, so stellte ich es zu dem andern unvertheilt in's Magazin. Auch was ich von den Trümmern am Ufer fand, trug ich so weit hinauf, daß es bei der Fluth nicht weggeschwemmt werden konnte, und gieng dann auf dem Sande an das Schiff, um zu sehen, ob noch etwas daraus zu holen seyn möchte; hier gab ich mir viele Mühe, in das Fahrzeug selbst zu kommen, doch das war weit schwerer, als ich vermuthet hatte, weil das Schiff ganz mit Sand angefüllt war. Ich begnügte mich, heute einen guten Theil des mir im Wege liegenden Sandes aufzuräumen, und das oben erwähnte Tönnchen nach Hause zu bringen.

3. Julius. Ich gieng früh mit einigen Werkzeugen zum Wrak und sägte einen Deckbalken desBaks durch, und konnte nun den Sand besser wegräumen. Dann lösete ich drei Bretter, und bekam verschiedene Bolzen und anderes Eisenwerk; da aber die Fluth anzuströmen begann, so sah ich mich genöthigt, mit der Arbeit aufzuhören. Das Eisenwerk trug ich an's Ufer, und mußte schon bis an die Knie im Wasser waten; die Balken und Bretter ließ ich an's Land treiben, und schichtete sie an einer Stelle, wo sie nicht weggespühlt werden konnten, auf, um sie trocknen zu lassen, wodurch sie an ihrem Gewicht verloren, und also leichter wegzutragen waren.

4. Julius. Ich sägte mehrere Balken des Wraks entzwei, und lösete mehrere Deckplanken ab, die ich mit der Fluth an's Land treiben ließ, und nachher zu den [123] andern brachte und aufschichtete. Vorher hatte ich aber viel Sand wegeräumt, so daß ich hoffen konnte, noch eint und anderes zu bekommen.

5. Julius. Da ich wegen der Fluth nicht immer am Wrak arbeiten konnte, wie ich denn heute früh noch zu viel Wasser fand, indem die Ebbe noch nicht abgelaufen war, so kehrte ich wieder nach Hause, und holte meine Angelschnur, wenn ich sie so nennen darf, denn es war keine Angel daran, sondern nur ein Stückchen gekrümmter Eisendraht. Die Schnur bestand aus zusammengedrehtem Segelgarn, ich hatte sie mir den vorigen Abend zurechte gemacht, weil ich bei meiner Arbeit auf dem Schiffe eine Menge Fische gesehen hatte. Nach langem Harren fieng ich einen kleinen Delphin, den ich sehr gut fand. So hatte ich nun wieder eine neue Speise zum Abwechseln, und gieng nachher öfters fischen, trocknete die meisten an der Sonne, und aß sie dann gedörrt. Indessen hatte mich der Fischfang so lange aufgehalten, daß ich nur einige Bretter losmachen konnte, die ich zu den andern legte.

6.-8. Julius. Ich fand, daß der Wrak durch seine eigene Schwere eingesunken war, weil ich mehrere Deckbalken entzwei gesägt hatte; viele Stücke lagen los und der innere Raum zum Theil offen, so daß ich hineinsehen konnte. Zum Theil aber war er noch mit Sand und Wasser gefüllt. Als dieses verlaufen war, räumte ich jenes vollends weg. Ich hatte Hebeisen mitgenommen, und spürte verschiedene Kisten, die ich los arbeitete, aber nicht fortbringen konnte.

9. Julius. Heute entdeckte ich die Bleirolle [124] wieder, die durch ihre Schwere und Gestalt tief in den Raum gesunken war; ich lief nach Hause, um zwei Beile zu holen und wollte versuchen ein Stück davon abzuhauen, indem ich die Schärfe des einen darauf setzte und mit dem andern darauf schlug; da es aber bereits Fluthzeit und das Blei anderhalb Fuß unter Wasser war, so konnt ich keinen sichern Schlag thun, der das Beil eingetrieben hätte.

10.-15. Julius. Ich arbeitete alle diese Tage, wenn ich von der Jagd zurück gekommen war, auf dem Wrak, und machte ungefähr 100 Pfund Blei in vielen größern und kleinern Stücken los; wäre die Rolle nicht zu schwer zum Umwälzen gewesen, so hätte ich mit weit weniger Mühe das ganze Stück aufrollen und nach und nach wegbringen können. Ich bekam auch viel Zimmerholz, Bretter und zwei- bis dreihundert Pfund Eisen. Alles das brachte ich nicht nach Hause, sondern nur dahin, wo ich das Holz aufgeschichtet hatte.

16. Julius. Diese Nacht war ein starkes Ungewitter, von einem ziemlich heftigen Wind begleitet. Auch fand ich den Wrak noch mehr eingesunken und am Strande verschiedene Stücke Holz, die der Wind und die Fluth dahin getrieben hatten. Ich machte mit dem Hebeisen noch mehrere Balken und Bretter los. Als die Fluth mich hinderte weiter zu arbeiten, gieng ich auf die Jagd, und schoß ein paar Tauben.

17.-25. Julius. Bis heute hatte ich keinen Tag versäumt, auf dem Wrak zu arbeiten, nur die Zeit ausgenommen, wenn ich während der Fluthzeit auf[125] die Jagd gieng; sobald aber die Ebbe kam, war ich gleich wieder an der Arbeit. Anfangs hatte ich fortgefahren, mit dem Hebeisen, mit Beil und Sägen überall Stücke loszumachen, so daß endlich das Fahrzeug völlig auseinander fiel, und die Fluth verschiedeneFässer mit Lebensmitteln, die aber insgesammt durch das Meerwasser verdorben waren, ferner mehrere Kisten, die der Schiffsmannschaft gehört hatten, vorzüglich aber eine große Menge Bretter und Zimmerholz, woran sich zum Theil noch Eisen befand, an das Land schwemmte, welches alles ich in Empfang nahm, und höher an's Ufer hinauf zu meinem aufgestapelten Holzhaufen brachte, der nun so groß war, daß ich mir ein hinlängliches Fahrzeug hätte bauen können, wenn ich nur das Bauen verstanden hätte.

26. Julius. Schon seit einigen Tagen war die Witterung unbeständig und mit Regengüssen und Windstößen untermischt, die jedoch nur kurz, aber sehr heftig waren, so daß der Wrak völlig auseinander gieng, und da der Wind seewärts wehte, so trieb er die letzten Trümmer vom Ufer weg in die See hinaus, und ich bekam nichts mehr davon zu sehen, als ich diesen Morgen an den Strand gieng; dies war mir ganz gleichgültig, denn ich hatte es täglich so erwartet, es war auch nichts mehr darauf, das der Mühe, die ich mir gab, werth gewesen wäre, und ich war gewissermaßen froh, davon befreit zu seyn. Dafür ward ich auch auf eine angenehme Art entschädigt, denn ich fand die erste Schildkröte, die ich noch hier erblickt hatte. Ich brachte sie nach Hause, und fand ein Schock Eier in [126] ihrem Leibe, und ihr Fleisch schien mir das angenehmste und wohlschmeckendste, das ich je gegessen, da ich seit meiner Ankunft auf dieser Insel kein anderes als von Ziegen und Vögeln gespeiset hatte.

27.-31. Julius. Ich hatte bei den vielen Arbeiten meine Werkzeuge, besonders meine drei Aexte und meine Messer, beinahe ganz stumpf gemacht; auch die Beile waren größtentheils nicht mehr zur Arbeit tauglich, obgleich ich deren eine Menge hatte, weil wir sie zum Tauschhandel für die Neger mitgenommen hatten; aber theils durch meine Ungeschicklichkeit, theils durch das harte Holz meines Pfahlwerks und des Schiffsgebäudes waren sie so schartig geworden, daß es höchst nöthig war, sie zu schleifen. Nun hatte ich zwar einen Schleifstein, der aber kein Fußgestelle hatte, und den ich so nicht gebrauchen konnte. Es kostete mich nicht weniger Nachdenken als einem Staatsminister der wichtigste Punkt in der Politik. Doch kam ich damit zu Stande, und ersann mir ein Gestell mit einer Schnur und Fußtritt, daß ich den Stein mit dem Fuß drehen konnte, und beide Hände zum Schleifen frei behielt. Diese Arbeit kostete mich nicht weniger als fünf Tage Zeit, denn ich hatte vorher dergleichen niemals gesehen, wenigstens nie darauf gemerkt, wie sie gemacht waren. Mein Schleifstein drehte vortrefflich, und that mir sehr gute Dienste; ich benutzte die verlornen Stunden und besonders die Regenzeit, um meine Werkzeuge zu schleifen und stets brauchbar zu erhalten.

Die Vernunft ist das Wesen und der Ursprung der Meßkunst, und ein Jeder, der alles ihr zufolge abwägt, [127] abmißt und beurtheilt, kann durch Uebung ein Meister in allen mechanischen Künsten werden. Ich hatte vorher keines der verschiedenen Handwerke getrieben oder auch nur gesehen, wozu mich jetzt die Noth zwang, und doch fand ich mit der Zeit durch Nachdenken, Fleiß und Arbeit, daß ich alles machen konnte, was ich brauchte, und brachte oft bloß mit einem Beile und Messer eine Menge von Sachen zuwege, – freilich mit vieler Mühe und Zeit, – die sonst niemals auf die Art waren gemacht worden. Wenn ich z.B. anfangs eine Planke nöthig hatte, so war ich genöthigt, einen so dicken Baum zu fällen, als sie breit werden sollte, ihn dann auf beiden Seiten so lange zu bezimmern, bis er so dünn als nöthig war, und ihn endlich mit dem Hobel vollends eben zu machen; so bekam ich nun freilich aus der ganzen Dicke eines Baumes nur ein Brett, zu dem ich auf keine andere Art gelangen konnte als durch Arbeit, Geduld und Zeit, die aber auf diese Weise eben so gut als auf eine andere angewendet war, denn was hatte ich sonst zu thun? Späterhin fand ich jedoch Holz, das sehr gern und schnurgerade spaltete, so daß ich leicht viele Bretter aus einem Stamme verfertigen konnte. Auch lehrte mich oft der Zufall Dinge, die ich nie durch Nachsinnen und Fleiß erfunden hätte.

Sechster Abschnitt

[128] Sechster Abschnitt.

Die Krankheit.


1.-4. August. Schon seit einiger Zeit bemerkte ich zu meiner großen Betrübniß, daß mein Brodvorrath stark auf die Neige gieng, und ich schränkte mich auf ein einziges Stück Zwieback täglich ein. Dies setzte mich nur desto mehr in Thätigkeit, eine zweite Saat vorzunehmen, da auch die Regenzeit heranzunahen schien, denn es war mir leicht gewesen, zu entdecken, daß die Hitze der trockenen Jahreszeit der wahre Grund und gewesen war, daß ich meine erste Saat einbüßte. – Ich suchte mir also ein fruchtbares Stück Erdreich aus, nämlich ungefähr 100 Schritte rechts von meiner Mauer, am Abhange des Hügels, wo die Nähe der Felsenquelle, ohne gerade darüber zu fließen, die Erde hinlänglich befeuchtete und erfrischte. Ich grub ein kleines Stück um, und besäete einen Theil mit Getreide, den andern mit Reis, behielt aber doch, aus Furcht Alles zu verlieren, auf den schlimmsten Fall noch ein Drittel meines Saamens zurück. Da ich ihn nun einige Zeit vor der Herbst-Nachtgleiche säete und diese Saat nun die Regenmonate September und Oktober zur Befeuchtung hatte, so gieng sie lustig auf und gab zu seiner Zeit eine sehr gute Erndte.

5.-9. August. Die Witterung ward rauh, was mir für die Jahrszeit und diesen Himmelsstrich anfangs[129] ungewöhnlich schien; es fiel ein dünner kalter Regen, der mir nicht wohl bekam. Ich fühlte Frost und Kopfschmerzen, brachte die Nächte unruhig und schlaflos zu, oder ward in oft unterbrochenem Schlummer durch grausende Träume aufgeschreckt. Bei Tage quälte ich mich mit traurigen Vorstellungen über meinen verlassenen Zustand und über den Ausgang meiner Krankheit. Seit jenem Sturm zu Yarmouth betete ich heute zum erstenmale zu Gott, wußte aber kaum, was ich sagte, denn meine Gedanken waren in der größten Verwirrung.

10. August. Heute war ein förmliches Fieber da, der Paroxismus heftig und dauerte ganzer sieben Stunden, abwechselnd Frost und Hitze mit darauf folgendem ermattendem Schweiße.

11. August. Ich fühlte mich viel besser aber äusserst schwach, dennoch mußte ich auf die Jagd gehen, weil ich nichts zu essen und doch großen Hunger hatte, wie das bei kalten Fiebern gewöhnlich ist. Ich schoß eine Ziege und schleppte sie mit größter Anstrengung meiner Kräfte nach Hause, wo ich sie zerschnitt, mir einige Stücke bratete und sie mit großem Appetit verzehrte. Ich hätte sie lieber gedämpfet und eine Brühe darüber gemacht, hatte aber keinen Topf. Die Kessel der Schiffsmannschaft waren zu groß und mir jetzt zu schwer, sie aus dem Magazin zu holen.

12. August. Das Fieber war heute heftiger als nie, so daß ich den ganzen Tag ohne Speise noch Trank zu Bette lag und vor Durst fast verschmachtete, denn ich war viel zu schwach, um aufzustehen, über die Mauer zu steigen und mir frisches Wasser zu holen. [130] Während drei ganzen Stunden that ich nichts als ausrufen: »Gott erbarme dich! – Herr hilf mir! – Gott stehe mir bei!« Als die Heftigkeit des Anfalls nachließ, schlief ich vor Entkräftung ein, wachte erst in tiefer Nacht wieder auf, fühlte mich sehr erfrischt, aber von Durst gequält, und hatte doch keinen Tropfen Wasser zu meiner Labung. Gegen Morgen schlief ich wieder ein, und ward durch einen fürchterlichen Traum aus dem Schlummer aufgeschreckt.

13. August. Mir träumte, ich säße ausser der Mauer, an der Stelle, wo ich das Ende des Erdbebens erwartete. Da stieg aus schwarzen Wolken ein Riese in glänzender Rüstung auf die Erde, die unter seinen Tritten erbebte; die ganze Luft um ihn her leuchtete von Flammen und schlängelnden Blitzstrahlen, vernichtend war sein Blick und drohend seine Anrede:»Stirb, Fühlloser! den nichts zur Buße erweckt!« – Bei diesen Worten schwang er seinen Speer gegen mich, und lange nach meinem Erwachen bebte ich noch vor Entsetzen, da ich mir doch schon bewußt war, daß es nichts als ein Traum sey.

Ein dunkles Selbstgefühl bestätigte die Wahrheit dieser Anklage, und war vermuthlich Ursache des Traums. Der Religionsunterricht, den ich bei Hause empfangen, die liebevollen Ermahnungen meines Vaters, waren durch einen achtjährigen Umgang mit Seefahrern, Mauren, Pflanzern und Kaufleuten, durch eine Reihe sonderbarer Ereignisse, durch den Drang der Umstände und durch das unruhige Streben meines Hangs zum Herumschwärmen längst verdrängt worden. Als ich in [131] das Elend der Sklaverei kam; als ich mich davon befreite; bei meiner gewagten Fahrt längs den Küsten von Afrika; bei meiner Rettung durch den menschenfreundlichen portugiesischen Kapitän; während meinem Aufenthalt in Brasilien; bei meinem letztenSchiffbruch an dieser Insel: fiel es mir gar nicht ein, daß meine widrigen Schicksale eine wohlverdiente Strafe meines Betragens seyen; ich hatte nicht das geringste Gefühl von Furcht vor Gott in Gefahren, noch von Dankbarkeit für seine Hülfe. Das Entzücken über meine Lebensrettung im Augenblicke, da meine Gefährten alle ertranken; die Rührung bei dem Anblick des so unerwartet aufgewachsenen Getreides; der Eindruck des Erdbebens: waren nichts als vorübergehende Gefühle, die sich in einer gewissen Betäubung der Seele verloren.

Jetzt aber, als meine Lebensgeister unter den Schmerzen einer schweren Krankheit erlagen, als die Natur von der Heftigkeit des Fiebers erschöpft war, und die Schrecken des Todes sich mir naheten, jetzt fieng das erwachte Gewissen an, mir Vorwürfe über meinen vorigen Lebenswandel zu machen, der wie ein schlammichter Strom, durch Leidenschaften und Stumpfsinn getrübt, dahinfloß, und mich in zeitliches und ewiges Verderben fortriß. Diese Betrachtungen preßten mir während meiner Krankheit Worte der Angst aus, die einem Gebete ähnlich waren. Besonders jetzt, da ich durch den Traum tief bis in mein Innerstes erschüttert war, stieg meine Bangigkeit auf's höchste. »Jetzt« – rief ich – »sind die letzten Worte [132] meines guten Vaters erfüllt; ich habe seinen treuen Rath nicht befolgt und habe jetzt Zeit zur Reue, aber Niemand zu meiner Rettung. – O Gott! sey du meine Hülfe, denn ich bin in großer Noth.« Dies war das erste Gebet, das ich seit vielen Jahren gethan, das von Verlangen und Hoffnung begleitet, wirklich diesen Namen verdiente.

Nachdem ich dadurch beruhigt und die Angst über meinen Traum vorüber war, fühlte ich mich durch den Schlaf ein wenig gestärkt, und da ich auf den folgenden Tag einen neuen Anfall des Fiebers befürchten mußte, so stand ich auf, um für den jetzigen und künftigen Hunger und Durst zu sorgen. Das Erste, was ich that, war, aus dem Flaschenfutter eine große viereckigte Flasche zu nehmen, sie auszuspülen, mit frischem Wasser zu füllen, und um diesem das Kalte und Rauhe zu benehmen, ein wenig Rum beizugießen. Dann setzte ich sie auf den Tisch und diesen an mein Bette, damit ich sie ohne Mühe erreichen könnte. Hierauf bratete ich mir ein Stück Ziegenfleisch, konnte aber, meines Hungers ungeachtet, nicht viel davon essen; dies war der erste Bissen, bei dem ich mich erinnern kann, daß ich Gott von Herzen um seinen Segen dazu anrief. Dann gieng ich ein wenig in meinem Hofraume, wo meine zahme Ziege weidete, umher, war aber sehr schwach und traurig über meinen Zustand. Mein Hund schien Theil an meinem Leiden zu nehmen und war immer bei mir. Ich gab ihm ein rohes Stück Ziegenfleisch und Wasser, worüber er hastig herfiel; auch die [133] Ziege ließ sich das Wasser wohl schmecken und hüpfte munter herum. Des Abends bratete ich mir einige Schildkröteneier in der Asche, und aß sie aus der Schale. Da ich noch nicht die geringste Neigung zum Schlafe fühlte, so zündete ich meine Lampe an, setzte mich neben mein Bette und war einige Zeit in Nachdenken verloren, besonders ängstigte mich der Anfall des Fiebers, den ich auf morgen erwartete. Da erinnerte ich mich, daß dieBrasilianer den Taback als eine Universal-Arznei gegen alle Krankheiten gebrauchten, und ich besaß einen ziemlichen Vorrath davon, der theils roh, theils schon ganz zubereitet war. Ich schlich in den Keller, um ihn aus der Kiste zu holen, wo ich ihn aufbewahrte. Der Himmel selbst schien mir das eingegeben zu haben, denn in eben dieser Kiste fand ich ein Rettungsmittel nicht nur für meinen Leib, sondern auch für die Seele, denn hier fand ich neben dem Taback auch die Bücher, die ich aus dem Schiff gerettet hatte, unter welchen, nebst einigen katholischen Gebetbüchern und andern portugiesischen Büchern, die meinen Schiffsgefährten zugehört hatten, auch drei sehr gute Bibeln, die mir aus England nachBrasilien waren geschickt worden, in die ich aber noch keinen Blick gethan hatte. Eine derselben, nebst dem Taback, brachte ich in mein Zimmer, und legte sie auf den Tisch.

Wie ich den Taback bei meiner Krankheit gebrauchen sollte? ob er gut oder schädlich wäre? wußte ich gar nicht, doch machte ich damit verschiedene Versuche. Ich kauete ein Stückchen von einem Blatte im Munde, [134] legte ein anderes etliche Stunden in Rum, um davon beim Schlafengehen zu trinken, legte endlich ein Blatt auf Kohlen und zog den Dampf mit Mund und Nase bis zum Ersticken ein, und ward so berauscht davon, daß ich, noch ehe die dritte Operation beendigt war, das Lesen nicht aushalten, sondern nur folgende Worte, die mir beim Aufschlagen der Bibel zuerst in die Augen fielen, bemerken konnte:»Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« – Diese Worte, die so ganz auf meine Lage paßten, machten einen so starken Eindruck auf mich, daß ich selbst in meinem durch die heftige Arznei betäubten Zustande davon innigst gerührt ward, auf meine Kniee sank, und zum erstenmal in meinem Leben mein Abendgebet verrichtete und Gott bat, mich nach seinem Versprechen, wenn ich ihn anriefe in der Noth, zu erretten. Nachdem ich so gebetet, trank ich von dem Rum, in dem der Taback lag, der kaum trinkbar und so stark war, daß er mir augenblicklich mit Heftigkeit zu Kopfe stieg, worauf ich auch sogleich zu Bette gieng, und in einen tiefen Schlaf fiel.

14. August. Ich wachte nicht eher auf, als bis es, dem Stand der Sonne nach, nicht weit von 3 Uhr Nachmittags seyn konnte, ich glaube sogar, daß ich diesen ganzen Tag verschlafen habe und erst den folgenden Tag erwacht bin, denn ich fand in der Folge, daß mir ein Tag in meiner Zeitrechnung fehlte. Bei meinem Erwachen befand ich mich so frisch und gestärkt und empfand einen so guten Appetit, daß mein Gemüth ganz froh und heiter wurde. Ich that eine kräftige [135] Mahlzeit von Schildkröteneier, die mir sehr wohl bekam.

15. August. Ungeachtet heute mein guter Tag war – wie ich glaubte – so fühlte ich dennoch einen kleinen Anfall von Fieberfrost und große Schwäche. Es war heute ein schöner Tag; ich nahm meine Flinte, gieng etwas in's Freie, schoß ein paar Seevögel, und setzte mich dann sehr ermüdet in den Sonnenschein, der mir sehr wohl that. Als ich nun die vor mir liegende Insel mit ihren Thälern, Hügeln und Felsen, die vor mir wallende, unbegränzte See erblickte, so fragte ich mich: Wer hat die Erde, das Meer, die Sonne erschaffen? oder sind sie durch sich selbst entstanden? Unmöglich! Eine höhere Macht gab ihnen das Daseyn, und eben diese Macht erhält und regiert sie, folglich kann nichts ohne ihr Wissen und Willen geschehen, und sie weiß also, daß ich hier, daß ich einsam und verlassen bin. Dies beruhigte mich und ich gieng getröstet und vertrauensvoll auf die Vorsehung nach Hause. Diesen Abend wiederholte ich meine Tabackarznei, aber nicht so stark und nicht so lange, wie das erstemal. Dies machte mich wieder schläfrig, und nachdem ich meine Lampe angezündet und Wasser in meiner Flasche geholt hatte, gieng ich früh zu Bette und schlief sehr wohl.

16. August. Ich verspürte nichts mehr von meiner Krankheit als eine völlige Entkräftung; wahrscheinlich hatte mich die Arznei so heftig angegriffen, denn erst nach mehreren Wochen sammelte ich meine Kräfte so ganz wieder, wie vorher, fühlte aber ein gewisses Wohlbehagen, wie während der Genesungszeit gewöhnlich ist.

[136] 17.-26. August. Ich war jetzt im Anfang der Regenzeit, doch gab es noch einzelne schöne Tage, die ich nie vorbei ließ, ohne des Morgens und Abends auszugehen, doch immer nur auf kurze Zeit, wie ein Mensch der sich von einer schweren Krankheit erholt. Ich lernte daraus, daß nichts Nachtheiligeres für die Gesundheit ist, als bei'm Regenwetter viel auszugehen, besonders ausser der eigentlichen Regenzeit, weil der Regen, der in den trockenen Monaten fällt, fast immer mit Stürmen begleitet ist, welche die schwüle Luft plötzlich abkühlen.

27.-31. August. Wie trostvoll ist doch die Religion! wie seelerhebend das Gebet! wie groß ist ihre Macht! Doch Niemand fühlt es so sehr, wie der Verlassene. Wenn keine Hülfe von Menschen zu hoffen ist, so sinkt der Einsame zutrauensvoll der Vorsehung in die Arme, sie hebt ihn aus dem Staube empor, ist ihm unendlich mehr als alle menschliche Weisheit.

Indem ich allmählig wieder neu auflebte, und nicht mehr so düster auf meine Lage hinblickte, beschäftigte mich vorzüglich der Gedanke an den Bibelspruch:»Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« Da die Noth der Krankheit vorüber war, so machte ich die Anwendung von dem Versprechen der Rettung auf die Befreiung aus dieser Insel, und je unmöglicher mir diese schien, desto größer ward meine Sehnsucht, wieder zu Menschen zu kommen. Oft aber erscheinen ungesucht und unerwartet Augenblicke der Erleuchtung. Mir fiel ein, daß ich mich durch jene ungeduldige Sehnsucht zu [137] sehr hinreissen ließ, daß ich die Rettung von meiner Krankheit, die durch Entbehrung jeder menschlichen Hülfe noch weit bedauernswürdiger und gefahrvoller war, ganz vergesse. Um diese Rettung hatte ich ja Gottangerufen und Gott habe mich auch wirklichgerettet, aber ich hätte ihn nicht darum gepriesen. Auf's innigste gerührt, sank ich sogleich auf meine Kniee und dankte Gott laut und mit thränenden Augen für meine Genesung. Jetzt fieng ich an mir von jenem Trostspruche eine weit richtigere Auslegung zu machen. Mein einsames Leben kam hierbei selten mehr in Betracht, und selbst meine Genesung war späterhin nicht mehr der Hauptgegenstand, auf den ich ihn anwandte.

1.-15. September. Ich hatte es mir zum Gesetze gemacht, alle Morgen und Abend eine zeitlang in der Bibel zu lesen, ohne mich eben an eine gewisse Ordnung und Anzahl von Kapiteln zu binden; im Gegentheil schlug ich sie meistens von ungefähr auf, und die erste Stelle, die mir auffiel, bewog mich entweder weiter zu lesen oder Betrachtungen darüber anzustellen, vorzüglich wenn sie besondere Beziehung auf meinen Zustand hatte. So geschah es daß ich mich dieser Tage an jenen schreckenvollen Traum und an den Vorwurf erinnerte: »daß nichts mich zur Buße erweckt habe.« Bei'm Oeffnen der heiligen Schrift fiel mein Auge auf die Stelle:»Gott hat ihn erhöhet zum Fürsten und Heiland, zu geben Buße und Verzeihung der Sünden.« Ich rief, Herz und Hände emporgehoben: »O Jesus, du erhöheter Fürst und Heiland, verleihe Du mir Buße!« [138] Von dieser Zeit an kann ich sagen, daß ich mit einem Gefühle meines Zustandes und mit der wahren, schriftmäßigen Zuversicht auf Gottes Verheissung betete, und Hoffnung hatte, Gott werde mich erhören. Obgleich nun meine äußere Lage sich immer gleich blieb, so war doch nun mein Inneres viel beruhigter als vorher, meine Gedanken waren durch das öftere Lesen der Bibel und durch das Gebet auf höhere Dinge gerichtet, und ich fühlte einen Trost und Muth, die mir vorher ganz unbekannt waren. Jetzt fühlte ich lebhaft, daß die Errettung von Sünden eine viel größere Wohlthat und Glückseligkeit sey, als Rettung von Leiden und Gefahr.

16.-29. September. In der ersten Zeit meines Aufenthalts war ich durch angestrengte Arbeit, die sich mir nacheinander aufdrängte, von traurigen Betrachtungen über meinen Zustand abgehalten worden, und das war mein Glück, denn diese würden meine Thätigkeit gelähmt und meine Lage verschlimmert haben. Zwar kann ich nicht läugnen, anfangs durch meine Verlassenheit ganz niedergebeugt worden zu seyn. Ich lief öfters, besonders bei meinen Spaziergängen, auf die Gipfel der Berge, um wo möglich ein Fahrzeug zu entdecken, bildete mir wohl gar ein, ich sähe in weiter Entfernung ein Segel, und wenn ich dann fühlte, daß meine Ungeduld mich getäuscht hatte, setzte ich mich hin, weinte wie ein kleines Kind und vergrößerte dadurch mein Elend. Doch die Furcht, daß ein Sturm das Schiff zertrümmern möchte, ehe ich die Ladung zu meinem Nutzen gerettet; der langdauernde Bau meines Pfahlwerks, die Ausgrabung meiner Felsenhöhle, [139] ließen mir keine Muße, an etwas anderes zu denken. Aber meine Krankheit gab mir hingegen Zeit, mich mit schwermüthigen Gedanken zu quälen, denen ich ohne Zweifel unterlegen seyn würde, wenn nicht die Hand der Religion mich der nahen Verzweiflung entrissen, emporgehoben hätte. Nun gewann die Vernunft die Oberhand über meine Kleinmüthigkeit. Ich konnte zwar das Unglückliche meines verlassenen Zustandes weder vergessen noch verkennen. Ich befand mich auf einer öden, einsamen Insel, die von allen Ländern gesitteter Nationen viele hundert Meilen entfernt und also keine Hülfe von daher zu hoffen war. Ich war einsam, ohne die Gesellschaft auch nur eines Menschen, ohne Beistand in Krankheit und Gefahr, und wenn der Vorrath von meinem Pulfer, von meinen Lebensmitteln und Kleidern erschöpft seyn wird, womit sollte ich mich vertheidigen, ernähren und kleiden? Wenn die Zeit, Regen, Stürme, Ungewitter und Erdbeben meine Wohnung verwüsten, meine Werkzeuge vernichten, meine Saat verheeren, wie soll ich mich dann vor Mangel, Blöße und Gefahr schützen? Das alles war gewiß sehr niederschlagend, allein die Betrachtung der guten Seite meiner Lage richtete mich auf. Die Insel schien zwar öde, denn ich hatte noch keine Spur von Menschen und von reissenden Thieren, die mir Gefahr droheten, entdeckt, dagegen lag sie in einem Klima, wo der Mangel an Kleidern nicht sehr fühlbar, der Boden aber sehr fruchtbar zu seyn schien. Ich hatte Werkzeuge und Fleiß, um die Erde zu bauen, mir alle Bequemlichkeiten zu verschaffen und zugleich die Zeit zu verkürzen. [140] Meine Vorräthe an Waffen, Munition, an geistigen Getränken, an Werkzeugen, waren hinreichend, mich zu beschützen und zu ernähren, bis meine Hoffnung auf eine Erndte erfüllt wäre, da ich mir bereits vorgenommen hatte, auf mehrerlei Art für die Zeit zu sorgen, wo meine jetzigen Vorräthe erschöpft seyn würden, so daß ich vor Mangel, so lange ich lebte, ziemlich gesichert wäre. Ich mußte mich glücklich schätzen, daß ich gerettet wurde, da doch alle Uebrigen ertranken, daß das Schiff von dem Orte wo es zuerst gestrandet, losgehoben, so nahe an das Ufer getrieben und so lange unzertrümmert blieb, daß ich Zeit gewann, alles daraus zu retten. Was hätte ich in dem entblößten Zustande, wie ich auf die Insel kam, anfangen sollen, wo mir alles, alles mangelte, Flinten, Pulfer, Lebensmittel, Kleider, Betten, Werkzeuge, und wie reichlich war ich jetzt damit versehen, wie schön, wie ordnungsvoll lag alles um mich her? Diese Betrachtungen trösteten mich, und ich zog daraus den Schluß, daß in der Welt kaum ein Zustand so elend sey, der nicht etwas wirklich Gutes, oder wenigstens eine Befreiung von andern Uebeln enthalte.

30. September. Sobald ich den Werth der Religion erkannte, so machte ich es mir zur Pflicht den Sonntag zu feiern, den ich bisher so sehr vernachläßigt hatte. Ich zählte daher sogleich die Kerben nach, und fand daß das Jahr meines Aufenthalts in wenigen Tagen zu Ende und demzufolge der Jahrstag meiner Ankunft auf dieser Insel nahe sey. Ich feierte ihn heute mit dankerfülltem Herzen, und flehete Gott um seinen fernern [141] Schutz. Erst nach Untergang der Sonne nahm ich einige Speise zu mir, und gieng dann zu Bette.

Siebenter Abschnitt

Siebenter Abschnitt.

Erste Entdeckungsreise zu Lande.


1.-6. Oktober. Bis jetzt hatte die Regenzeit fast ununterbrochen fortgedauert, aber seit Anfang dieses Monats gab es mehrere und längere Zwischenräume; dagegen waren die Regengüsse weit heftiger und mit Windstößen begleitet, so daß ich es im Zelt, das mein gewöhnliches Wohnzimmer war, nicht aushalten konnte, sondern mich in meine Vorhöhle zurückziehen mußte. Ich benutzte die gute Zeit in diesen Tagen dazu, mein Zelt dadurch von dem eindringenden Regen zu sichern, daß ich es nicht nur mit gepichter Leinwand, die auf dem Schiffe über die Lucken gelegt werden, bedeckte, sondern ich machte Löcher in die Felswand, gerade über den Eingang meiner Höhle, um Stangen darein zu legen, deren dickeres Ende auf dem Pfahlwerk ruhte. Diese überlegte ich mit großen Baumblättern, mit Zweigen und Binsen wie ein Schaubdach.

7.-15. Oktober. Die neue Bedachung schützte mich vortrefflich, doch machte sie mein Zelt und besonders die Höhle etwas dunkel. Das Wetter heiterte sich in den letzten Tagen lieblich auf, die Regenzeit schien [142] vorüber zu seyn, und Alles kündigte die Wiederkehr der guten Jahreszeit an. Die Vögel zwitscherten in den Gebüschen, die ganze Natur schien neu belebt, Alles sproßte mit starkem Triebe hervor, und ich bemerkte mit großem Vergnügen, daß mein Getreide vielversprechend hervorkeimte. Ich machte den längsten Spaziergang seit meiner Genesung, und schoß eine Ziege, die ich nicht ohne Mühe ziemlich spät und ermüdet nach Hause brachte. Ich bemerkte, daß eine meiner Katzen – beide waren Weibchen – schon seit einigen Tagen fehlte, und glaubte, sie müsse entlaufen oder von einem wilden Thiere geraubt worden seyn.

16. Oktober. Ich hatte jetzt keine dringenden Geschäfte. Meine Erndte war fern, meine Wohnung nach meinem Sinne bequem eingerichtet und vor jedem Anfall, sogar vor der Ansicht in Sicherheit gesetzt; ich sah nicht mehr so oft und sehnsuchtsvoll nach der See, um ein Schiff auszuspähen, das mich abholen möchte, und noch weniger hatte ich die Ladung eines gestrandeten Fahrzeugs vom nahen Versinken zu retten. Je weniger ich nun mit Handarbeit beschäftigt war, desto geschäftiger war meinGeist, und ich fühlte den Einfluß des unstäten Bestrebens, der mich immer zu rastloser Thätigkeit antrieb, und in meinem jetzigen Zustande war das ein Glück. Ich sann hin und her, was ich jetzt vornehmen wollte. Da fiel mir ein, eine Entdeckungsreise in das Innere der Insel vorzunehmen, ehe die große Hitze mir selbige beschwerlich machte. Ich war jetzt bereits über ein Jahr hier und kannte doch den Ort meines Aufenthalts so wenig oder gar nicht, [143] daß ich mich selbst verwunderte, nicht eher daran gedacht zu haben. Mein entferntester Spaziergang war der gewesen, als ich am 6. Jenner auf die Ziegenhetze gieng, und betrug höchstens vier Meilen. Ich entschloß mich also, gleich heute meine Reise anzutreten, allein ein Umstand war Schuld, daß ich sie auf den folgenden Tag verschob. Da die Insel sehr gebirgig aber ohne gebahnte Straße war, so dachte ich, daß es gut seyn möchte, einen Kompaß mitzunehmen, um die Richtung und meinen Rückweg nicht zu verfehlen. In der Kiste, wo ich sie aufbewahrte, fand ich unter andern nautischen Instrumenten einen Quadrant, und dieser leitete mich auf den Gedanken, die Lage der Insel durch eine Höhenmessung der Sonne zu bestimmen, und da die Luft sehr helle, der Himmel unbewölkt und der Mittag nicht mehr ferne war, so wollte ich diese günstigen Umstände nicht unbenutzt lassen, und am folgenden Morgen desto früher abreisen, wozu ich mich heute desto besser vorbereiten konnte. Das Resultat meiner Beobachtung war, daß der Berg, welcher in dieser Gegend der höchste war, den ich schon am Tage nach meiner Landung und auch jetzt bestiegen hatte, sich 9 Grade 22 MinutenNordbreite befand. Die Längengrade war mir unmöglich zu bestimmen. Nach dieser Ortsbestimmung kehrte ich nach Hause, machte Anstalten zu meiner Entdeckungsreise, indem ich Speise bereitete, und mir eine Jagdtasche von Segeltuch mit einem Tragbande verfertigte, das etwa 4 Finger breit war und mir über die linke Schulter nach der rechten Seite hieng.

[144] 17. Oktober. Schon bei Aufgang der Sonne war ich mit meiner Flinte und Jagdtasche, welche ein gebratenes Stück Ziegenfleisch, etwas Zwieback, ein Fläschchen mit Rum, ein Pulferhorn und Schrootbeutel enthielt, auf dem Wege, und gieng in Begleitung meines Hundes zuerst nach der Anfuhrt, wo ich mit meinen Flößen gelandet hatte; von da wandte ich mich links dem Ufer nach, Strom aufwärts, und nach einem Weg von ein paar Meilen fand ich, daß die Fluth nicht tiefer landeinwärts gieng und sich in einem Bache klaren, frischen Wassers endigte. An beiden Ufern lag eine Reihe grasreicher und angenehmer Wiesen, die ein langes, breites und ebenes Thal bildeten, und sanft gegen die waldigten Anhöhen hinanliefen, wo derTaback bereits grün und frisch in großer Menge emporschoß. Auch sah ich Aloepflanzen undZuckerrohr, aber wegen Mangel an Wartung alles verwildert und unvollkommen. Ich suchte dieKassavewurzel, woraus die Indianer eine Art Brod machen, fand aber keine, entweder weil sie noch nicht stark genug oder gar nicht vorhanden war. Eine Menge anderer Pflanzen und Gewächse keimten, sproßten und blüheten um mich her, und erfüllten die Luft mit Wohlgerüchen; sie waren mir aber sowohl ihrem Namen, ihren Früchten und Eigenschaften nach völlig unbekannt, denn ich hatte sowohl in England als in Brasilien vernachläßigt, Pflanzen und Kräuter nebst ihrer Benutzung kennen zu lernen. Ueber der Betrachtung aller dieser Gegenstände, dem Hin- und Hergehen und dem unbefriedigten Nachforschen nach jener Brodwurzel, [145] neigte sich die Sonne schon ihrem Niedergange, und ich glaubte zu entfernt zu seyn, um noch vor einbrechender Nacht meine Felsengrotte zu erreichen. Ich nahm also mein Abendbrod zu mir, suchte dann ein Lager auf einem Baume, an dessen Fuß mein Hund das seinige fand, und mir zur Wache diente. Dies war die erste Nacht, die ich seit dem Bau meiner Wohnung ausser derselben, auf ähnliche Art wie die erste meines Aufenthalts auf dieser Insel, zubrachte.

18.-19. Oktober. Mein Lager schien mir diesmal nicht so bequem als das erstemal, ich war daher schon in der Morgendämmerung auf den Füßen, setzte einige Zeit meinen Weg fort und ließ gegen Süd jene lange Bergkette liegen, an deren äußerstem Ende gegen Ost sich meine Wohnung befand; die nörd liche Bergreihe war nicht so hoch, und näherte sich jener, so daß ich in ein schmäleres aber eben so anmuthiges Thal kam als das erste war. Nach ungefähr einer Stunde war es heller Tag; die Sonne strahlte über die Berge herauf, und ich befand mich neben einem Bach, der am Fuße eines buschichten Hügels hervorrieselte. Hier setzte ich mich nieder, um mein Morgenbrod zu verzehren und auszuruhen. AuchTreu, mein Hund, ließ es sich, so wie das frische Wasser, herrlich schmecken. Das Thal eröffnete sich nach Westen, und da es sich zugleich dahin sanft neigte, so durchschlängelte der Bach die reizende Gegend, die sich im schönsten Schmucke des Frühlings vor mir ausbreitete. Ich stieg ein wenig den Hügel hinan, wo ich Alles übersehen konnte. Alles war grün und blühend, ein lachender [146] Garten. Zahlreiche, dichte Gruppen von Orangen-, Limonien-, Kokos- und andern Fruchtbäumen waren im schönsten Flor, ein wahrer Blüthenhain, der Boden war ein herrlicher Blumenteppich. Von der hohen südlichen Bergkette rauschten Wasserfälle herab, und schlichen dann wie Silberfäden durch's Gebüsche und über grasreiche Wiesen plätschernd dem Mittelbache zu, der bald, durch ihre Gewässer bereichert, als ein schöner Fluß dahinströmte. Das Vergnügen, das mir dieser herrliche Anblick und der entzückende Gedanke, daß ich Besitzer und Herr dieses Paradieses sey, gewährte, ward so lebhaft in mir, daß ich mich lange nicht von dieser Stelle und den angenehmen Vorstellungen, die sich meiner bemächtigten, losreissen konnte. Endlich stieg ich herab, und verfolgte meinen Weg das Thal entlang, ungefähr drei Meilen weit, wo die Strahlen der höher steigenden Sonne mich nöthigten, den Schatten, der sich mir auf allen Seiten zur Kühlung anbot, zu suchen. Ich setzte mich unter einen Pomeranzen-Baum, der Erfrischung und Wohlgerüche um mich her verbreitete, und zu gleicher Zeit Früchte und Blüthen trug. Ich getrauete mir zwar nicht, davon zu essen, vermischte aber den Saft mit einem Trunk frischen Wassers, und ward herrlich erquickt. Um die Aeste der herumstehenden Bäume schlangen sich die weit ausgebreiteten Ranken derWeinrebe, und versprachen reichen Genuß. Unter diesen angenehmen Umgebungen und dem Rauschen ferner Wasserfälle überfiel mich ein sanfter Schlaf, und als ich erwachte, mochte es schon gegen 4 Uhr Nachmittags seyn.

[147] Für diesmal mit meinen Entdeckungen zufrieden, nahm ich meinen Rückweg, mit dem Entschlusse, wenn die Jahrszeit weiter fortgerückt seyn würde, wieder hieher zu kommen, und zu sehen, welchen Nutzen ich mir von der vielversprechenden Fruchtbarkeit dieser herrlichen Gegend ziehen könnte. Auch war ich darüber sehr nachdenkend, wie ich die Trauben, den Taback und das Zuckerrohr in meinen Nutzen verwenden könnte, da mir so viele Werkzeuge und Hülfsmittel zur Bearbeitung fehlten. Der Schlaf hatte mich so erfrischt und gestärkt, das Thal war so schattig, und ein neuer Labetrunk hatte mich so erquickt, daß ich mit raschen Schritten fortwanderte, und zu meiner nicht geringen Verwunderung noch vor Einbruch der Nacht an den Ort kam, wo ich die vorige Nacht geschlafen hatte, denn ich sah mich nicht so um, wenigstens hielt ich mich nicht so auf, wie am Morgen, und da ich während meines zweimaligen Schlafes nicht das Geringste bemerkt hatte, das mir Gefahr drohte, so zog ich vor, auf der Erde zu schlafen, zumal mein Hund sehr wachsam war. Ich ruhte ganz vortrefflich und stand wieder mit Tagesanbruch auf, und da ich diesmal nicht den Krümmungen des Baches nach, sondern gerade und ohne Aufhalt auf die letzte Abstufung der Bergreihe, wo meine Wohnung lag, zugieng, so kam ich schon gegen 9 Uhr erhitzt und ermüdet daselbst an. Ich brachte von dieser Reise etwa zwei Dutzend Pomeranzen und einen Hasen, oder ihm ähnliches Thier mit, das mein Hund diesen Morgen aufgescheucht und ich geschossen hatte. Ziegen traf ich viele an, weil ich aber in der [148] Tiefe gieng, und mich mit keinem dieser Thiere beladen wollte, so machte ich nicht Jagd auf sie. Ich ruhete diesen ganzen Nachmittag aus, und war ausserordentlich froh, wieder in meiner Heimath zu seyn, wo ich aller Bequemlichkeit und Sicherheit genoß. Bei dieser Muße, wo der Eindruck noch ganz neu war, blieb mir das Bild der einnehmenden Gegend, die ich entdeckt hatte, unaufhörlich gegenwärtig, und ich mußte gestehen, daß ich mich in der schlechtesten Gegend der ganzen Insel niedergelassen hatte, und da ich ohnedies wegen der Gefahr bei Erdbeben entschlossen war, meinen Wohnplatz anderswo zu verlegen, so schien mir keine Gegend sich besser dazu zu schicken, als dieses Thal, dessen Fruchtbarkeit, anmuthsvolle und vor Stürmen jenseits des Wassers und des Waldes gesicherte Lage, alle meine Erwartungen zu befriedigen schien. Gleichwohl wenn ich bedachte, daß ich dort zwischen Berg und Wald eingeschlossen, weit von der Seeküste entfernt war, also keine Errettung aus dieser einsamen Insel erwarten konnte, sollten auch Fahrzeuge in diese Gewässer kommen, da hingegen mein jetziger Wohnsitz wegen seiner hohen Lage und freien Aussicht auf die See zur Entdeckung von Schiffen der beste auf der ganzen Insel sey, so konnte ich mich unmöglich entschließen, ihn zu verlassen.

20.-21. Oktober. Der erste dieser beiden Tage war ein Sonntag, und da ich ihn jetzt feierte, so hatte ich Zeit, über die Veränderung meines Wohnplatzes zu berathschlagen. Ich war anfangs sehr schwankend in meinen Meinungen, wollte, wollte nicht und wollte[149] wieder. Die Annehmlichkeit, Fruchtbarkeit und Sicherheit des reizenden Thals zog mich an, endlich aber entschied doch die Aussicht auf eine mögliche Errettung und die Anhänglichkeit an meine Felsenwohnung, dieselbe nicht zu verlassen. Zwar fiel es mir schwer, den Genuß jenes Lustgartens aufzugeben, und ich fand einen Ausweg, der alle meine Wünsche befriedigte. Ich wollte mir im Thale einen Landsitz anlegen, wo ich einen Theil der schönen Jahrszeit zubringen könnte. Ich nahm mir daher vor, gleich in den nächsten Tagen dahin zurück zu kehren, und einen Platz auszusuchen.

22.-26. Oktober. Ich nahm diesmal eine Axt, eine Säge und einige andere Werkzeuge mit mir, um gleich Hand an die Arbeit zu legen, und ohne wieder an den Landungsplatz zu gehen, wanderte ich längs dem Fuße der südlichen Bergreihe dem Blumenthale zu, ohne mich weiter aufzuhalten als um mein Frühstück zu nehmen, und langte daselbst munter an, denn die Hitze hatte noch nicht ihren höchsten Grad erreicht, und die Berge, deren Gipfel zwar größtentheils felsig, die Abhänge aber waldig waren, beschatteten meinen Weg in seiner ganzen Länge. Ich gieng wieder auf den nämlichen Hügel, und nachdem ich mein Mittagsbrod genossen, die Werkzeuge und meine Jagdtasche an die Zweige eines Orangenbaums aufgehängt, und die Flinte an den Stamm angelehnt hatte, legte ich mich an dessen Fuß nieder, und Treu streckte sich ebenfalls in's Gras. Als ich erwachte gieng ich weiter. Beide Bergketten zogen sich zurück und bildeten ein weites Thal, das sich in eine große Ebene verflächte, die in der Ferne von [150] einer langen Reihe blauer Hügel begränzt wurde, deren Besichtigung ich auf eine andere Zeit verschob. Nach einigen Stunden kam ich zurück zu dem Baum, wo ich meine Werkzeuge gelassen hatte. Zwischen diesem Hügel und dem Bache, der hier schon als ein kleiner Fluß durch's Thal schlängelte, war eine etwas erhöhet liegende Ebene, ungefähr 300 Schritte breit, die sich längs dem Flusse mehrere tausend Schritte hinzog. Ungefähr in ihrer Mitte, doch dem Ufer näher, steckte ich einen Stab ein, den ich zum Mittelpunkt meines Landsitzes bestimmte. Gegen das Ufer hin sah ich Bäume, die den Weiden oder Pappeln ähnlich waren; von diesen hieb ich ein paar hundert Stäbe, ungefähr 2 Zoll dick, und 7 Fuß lang, die ich unten zuspitzte. Mit dieser Arbeit brachte ich den Rest des Tages hin. Den andern Morgen nahm ich die Logleine von unserm Schiffe, die ich mitgebracht hatte, um sie als Maaßstab zu gebrauchen, befestigte das eine Ende an dem Stabe des Mittelpunkts, zählte dann 100 Fuß zum Halbmesser meines Umkreises ab, und bezeichnete diese Weite wieder mit einem Stabe; dann spannte ich die Schnur an, schlug einen Stab ein, und wiederholte dies alle zehn Schritte, womit mein Zaun abgesteckt war. Jetzt konnte ich leicht berechnen, wie viel Stäbe ich zu zwei Reihen nöthig hatte, wenn ich sie 5 Zoll auseinander setzte, und um die Arbeit besser zu fördern, nahm ich zur innern Reihe nur zolldicke Stäbe und flocht, soweit die abgehauenen Zweige hinreichten, die äussere Reihe etwa drei Fuß hoch ein.

27. Oktober. Als ich heute noch vom Aufgang[151] der Sonne bis gegen 9 Uhr gearbeitet, war ich so weit mit dieser Einzäunung fertig. Da ich nun bei'm Frühstück fand, daß mein Speisevorrath aufgezehrt war, so machte ich mich sogleich auf den Rückweg, der ungefähr zehn Meilen betrug. Ich schoß drei wilde Tauben, und kam sehr müde nach Hause, denn nicht nur hatte ich in diesen Tagen sehr angestrengt gearbeitet, sondern ich hatte an meinem Werkzeuge und an meiner Jagdtasche voll Pomeranzen und Limonien eine unbequeme Last; so gerne ich nun etwas Warmes gespeiset hätte, das ich nun eine ganze Woche lang nicht genossen hatte, so begnügte ich mich doch mit einem Stückchen Zwieback und einem Trunk aus meiner Felsenquelle, mit Limoniensaft vermischt, denn ich sehnte mich wieder nach meiner guten Hängmatte, wo ich auch sogleich einschlief.

Achter Abschnitt

Achter Abschnitt.

Verschiedene Beschäftigungen.


28.-31. Oktober. Schon auf dem Rückwege war ich sehr beschäftigt zu überlegen, was ich nun in den nächsten Tagen vornehmen wollte. Es ist höchst sonderbar, daß der, so auf die Zukunft Wohnungen baute, gar nicht auf die Nothwendigkeit dachte, die zum Kornschneiden, Dreschen, Mahlen und Brodbacken unentbehrlichen [152] Geräthe zu verfertigen, da mir doch ohne sie die reichlichste Erndte keinen Genuß brachte, obgleich diese der Gegenstand meiner täglichen Sehnsucht war. Statt dessen beschloß ich, meine Höhle zu erweitern, nicht bloß um mehr Raum, sondern auch in der heissen Jahrszeit mehr Kühle zu bekommen, indem es sehr angenehm war, darin zu arbeiten. Allein ich fand ganz andere Beschäftigung! Mein erster Gang war, den Wachsthum meines Getreides zu beobachten; aber welch ein Schrecken befiel mich, als ich mich in Gefahr sah meine ganze Erndte, meine schönste Hoffnung zu verlieren! Ziegen, Haasen und andere Thiere, durch die zarten Blättchen der aufkeimenden Saat angelockt, ließen sich dieselben vortrefflich schmecken, und fraßen sie, sobald sie hervorsproßten, so kurz ab, daß sie nicht in Halmen aufschiessen konnte. Das Erste, was ich that, war meine Flinte zu holen und unter sie zu feuern; ich erlegte eine Ziege und einen Hasen, und ihr Fleisch sättigte meinen Hunger und meine Rache. Des Nachts band ich meinen Hund mit einer langen Schnur an einen Pflock, wo er wachen, umherlaufen, und durch Bellen die Bestien verscheuchen konnte, welches auch gelang, nachdem ich beides einige Male wiederholt hatte. Um aber die Saat, wie ich glaubte, vor jedem weitern Unfall zu sichern, machte ich einen vier Fuß hohen Zaun um das Feld, und da dieses nur klein, die Thiere aber ziemlich groß waren, so war es nicht nöthig, die Einfriedigung enge und dicht zu flechten, daher war ich schon zu Ende des Monats damit fertig.

1.-15. November. Sobald der Zaun beendigt[153] war, arbeitete ich täglich 5 Stunden an der Erweiterung meiner Höhle, verlängerte den Mittelgang um 10 Fuß, machte ihn aber nur 6 Fuß breit, da mir die allzu große Breite des vordern Theils Schuld am Einsturz zu seyn schien. Dann ließ ich neben dem Magazin den Fels 3 Fuß dick stehen und grub, indem ich mich links wandte, einen Gang, der nur 4 Fuß breit, 15 Fuß lang und eben so hoch als die übrigen Gewölbe war. Meine Jagdspaziergänge setzte ich fast täglich fort, und zwar größtentheils links dem Abhange des Berges entlang, weil er bewaldet und daher schattig war; hingegen rechts endete die kleine Ebene vor meinem Gezelte einige hundert Schritte davon an der Fels wand, wo diese sich bis an den Gipfel des Gebirgs aufthürmte, theils in übereinander geworfenen Steinmassen bis an den Strand und weit in die See hinauslief, so daß hier nicht weiter fortzukommen war.

16. November. Wenn ich mein Kornfeld besuchte, mußte ich nach dieser Seite, doch nicht so weit hingehen. Dies that ich heute wieder, aber kaum nahete ich mich, als eine Menge von allerlei Vögeln aus dem Getreide aufflog und sich auf die nächsten Bäume setzte; ich feuerte sogleich unter sie, und kaum gieng der Schuß los, als sich eine Wolke von Geflügel erhob, die ich noch gar nicht zwischen den Aehren bemerkt hatte. Während ich bestürzt eine Weile stillstand, naheten die Vögel schon wieder, setzten sich auf die nächsten Zweige, lauerten auf meine Entfernung, und kaum war ich zum Schein einige Schritte weggegangen, so fielen die Diebe über das Getreide her, worüber ich so ergrimmte, [154] daß ich noch einmal auf sie feuerte. Der Schmerz und die Furcht, meine Erndte und mit ihr jede Hoffnung zu verlieren in Zukunft Brod zu essen, waren desto größer, da ich kein Mittel sah, sie in Sicherheit zu setzen. Ich untersuchte den Schaden, fand ihn auch beträchtlich, doch nicht so groß als ich befürchtete, weil die Aehren noch zu grün waren, so daß sich vom Uebrigen noch immer eine gute Ausbeute erwarten ließ, wenn es möglich wäre, die Vögel zu verscheuchen. Lieber wollte ich Tag und Nacht mit meinem Hunde den Acker bewachen, als meine Erndte verlieren. Als ich die 5 oder 6 erschossenen Vögel aufhob, fiel mir ein, sie als Scheuchen aufzuhängen, setzte an vier Stellen diese Warnungszeichen auf, und die Wirkung war vollständig, denn nach ein paar Tagen war kein Vogel mehr auf meinem Kornfelde zu erblicken.

17.-30. November. Ich setzte die Aushöhlung meines Felsens mit Thätigkeit fort. Nachdem ich den Gang 15 Fuß verlängert hatte, wandte ich mich noch einmal links, und hoffte täglich fertig zu werden; allein der Monat gieng, aber nicht meine Arbeit zu Ende; ich kletterte zuweilen oben auf den Felsen um nachzusehen und mit dem Kompaß die Richtung genauer zu bestimmen. Vor Ungeduld hätte ich beinahe meine Arbeit eingestellt. Gleichwohl, da ich einmal gelernt hatte, an nichts zu verzweifeln, setzte ich mein Werk fort, und hatte kaum eine Stunde gearbeitet, als ich das Tageslicht eindringen sah. Ich kam in eine Spalte der Felswand, die ungefähr in der Mitte zwischen der Mauer meines Hofraumes und der Quelle zu Tage [155] auslief, und worin ich gewohnt war meine Leiter zu verbergen, wenn ich ausgieng. Ich machte nun vollends den Ein- und Ausgang bequem. Das war nun wieder ein Widerspruch in meinem Betragen, denn mit ausserordentlicher Anstrengung hatte ich mich eingeschlossen, und öffnete jetzt ohne Ursache mit eben so großer Beschwerlichkeit meinen Wohnsitz; so lange ich mit dieser Aushöhlung beschäftigt war, fiel mir nicht die geringste Besorgniß ein, und jetzt da ich kaum erlangt hatte, was ich suchte, ward ich besorgt, obgleich ich mich vor keinem lebendigen Geschöpfe bedroht glaubte, denn das größte Thier, das ich bis heute auf der Insel erblickt hatte, war eine – Ziege. Jetzt stand ich auf dem Punkt, die Oeffnung wieder zu verschliessen, aber so weit kam es doch nicht, aber da ich den Schutt nun auf dieser Seite hinaustrug, legte ich ihn so, daß der Eingang inwendig wie verschüttet und verdeckt war, und stark mit einer Thüre verschlossen werden konnte; auch ließ ich das Gesträuche, das die Felsenspalte von aussen verbarg, stehen, so daß Niemand als ich sie entdecken und den Weg finden konnte.

1.-9. Dezember. An diesem letzten Tage hatte ich jene Arbeit zu Ende gebracht. Es war auch hohe Zeit, denn auf meinem Landhause warteten neue Beschäftigungen auf mich.

10.-15. Dezember. Diese Tage brachte ich dort zu; ich fand alles in der besten Ordnung, die meisten Früchte theils beinahe, theils ganz reif, theils auch solche, die ich früher nicht gekannt oder nicht bemerkt hatte, z.B. Melonen, die in Menge auf der Erde[156] lagen. Die Pomeranzen und Zitronen waren schon überreif; von den Trauben hingegen waren nur noch wenige in voller Reife, und so anlockend sie auch seyn mochten, aß ich deren doch nur wenige, weil ich aus Erfahrung wußte, daß ihr häufiger Genuß entkräftende Abführungen und Fieber verursachte; ich fiel jedoch späterhin auf einen Ausweg sie unschädlich zu machen, nämlich sie an der Sonne zu trocknen und als Rosinen aufzuheben, und ich fand in der Folge, daß sie eben so angenehm als die frischen Trauben zu essen und weit gesünder waren. Den ersten Tag hatte ich mich vorzüglich damit beschäftigt, ein Gezelt aufzuschlagen, und hatte zu dem Ende ein Segel mitgenommen, die Stangen und Pflöcke aber in der Nähe umgehauen; dann hatte ich auch eine Menge Gras theils ausgerauft, theils mit dem Messer abgeschnitten und an der Sonne gedörrt, um mir ein weiches und trockenes Lager zu bereiten, auf dem ich mich sehr wohl befand. Ich machte am letzten Abend zwei Haufen, den einen von Limonien und Orangen, den andern von reifen Trauben, um sie in den folgenden Tagen abzuholen, und gieng den andern Morgen mit einem Vorrath nach Hause.

16. Dezember. Als ich in meiner Wohnung anlangte, fand ich meine Trauben theils durch ihre eigne Schwere und Reife, theils durch die Bewegung meiner Schritte zerdrückt und größtentheils verdorben, die Limonien und Pomeranzen hingegen waren noch in gutem Zustande.

17. Dezember. Heute kehrte ich nach meinem Landhause zurück, um die in Haufen gelegten Orangen [157] und Zitronen abzuholen, und nahm noch einiges Bettzeug als Hauptkissen, eine Decke und ein kleines Stück Segeltuch mit, um darauf zu liegen. Zu meiner Verwunderung und Bestürzung fand ich die Baumfrüchte und Trauben auseinander gewühlt, hin und her geschleppt, zertreten, angebissen und einen guten Theil davon verzehrt, woraus ich schloß, daß wilde Geschöpfe in dieser Gegend sich aufhalten müßten; welche? wußte ich zur Zeit noch nicht, aber späterhin fand ich Haasen ähnliche Thiere, die wahrscheinlich diese Verheerung angerichtet hatten. Da nun die Trauben weder in Haufen aufbewahrt, noch, wie ich gethan, in Säcken fortgetragen werden konnten, so sammelte ich so viel, als reif waren, und hieng sie zum Trocknen an die äussersten Baumzweige; von denCitronen, Pomeranzen und Melonen legte ich eine so schwere Fracht zurechte, als ich glaubte tragen zu können.

18. Dezember. Sehr ermüdet kam ich mit meiner Last nach Hause und legte sie an kühle Stellen, um sie aufzuheben. Als ich aus meinem Keller kam, war ich nicht wenig verwundert, meine verlaufene und verloren geschätzte Katze mit drei Jungen zu finden. Dies kam mir desto sonderbarer vor, da diewilden Katzen, von denen ich am ersten Tag nach meiner Ankunft auf der Insel eine auf den Kisten sitzend gefunden und nachher eine geschossen hatte, von einer ganz andern Art zu seyn schienen; dennoch mußte sie sich mit einer von diesen begattet haben.

19.-24. Dezember. In diesen Tagen gieng ich dreimal zu meinem Landhause, um Melonen, Zitronen [158] und Pomeranzen zu holen. Um mir das Tragen zu erleichtern und doch zugleich mehr fortbringen zu können, nahm ich die Mulde mit, die ich mir verfertigt hatte, um den Schutt aus meiner Höhle zu bringen, und sie that mir dabei vortreffliche Dienste. Auch waren meine Trauben, die ich noch in den letzten Tagen ansehnlich vermehrt hatte, durch die Sonne zu herrlichen Rosinen getrocknet und zugleich so sehr zusammengeschrumpft, daß ich auf einmal den ganzen Vorrath sehr leicht wegbringen konnte.

25. Dezember. Heute war Weihnachtstag und ich feierte ihn mit gerührtem Herzen für die vielen Wohlthaten, womit der gütige Vater der Menschen meinen Zustand so merklich verbessert. Ich bewunderte seine Allmacht und Liebe, die mir einen Tisch in der Wüste bereitet hatte. Ich empfand, daß ich durch ein eben so großes Wunder hier meinen Unterhalt als Elias in der Wüste durch die Raben fände, und daß ich an keinen unbewohnten Ort hin hätte verschlagen werden können, der so vortheilhaft für mich gewesen wäre, als diese Insel, wo ich freilich keine Gesellschaft aber auch keine wilden Menschen und Thiere, keine giftigen Ungeziefer und Pflanzen fand, die mein Leben bedrohten. Mit diesen und ähnlichen Betrachtungen feierte ich dieses Fest, und stärkte mich zur völligen Ergebung in den Willen der göttlichen Vorsehung.

Neunter Abschnitt

[159] Neunter Abschnitt.

Die Erndte.


26.-31. Dezember. Nun stand mein Getreide und mein Reis in voller Reife, und lud mich ein, den Segen in Empfang zu nehmen, der auf so wunderbare Weise mir in dieser Wüste aufkeimte, und mir jetzt golden entgegen wallte. Aber in dem Augenblick, wo ich Hand anlegen wollte, fragte ich mich, mit welchen Werkzeugen ich den Schnitter abgeben sollte? Ich hatte keine Sense, keine Sichel, besann mich aber auf ein paar Säbel, die ich aus dem Schiffe gerettet hatte; von diesen nahm ich den breitesten, rieb den Rost ab, und nachdem ich ihn geschliffen, schnitt ich die Aehren ganz oben weg, und da meine Erndte, obwohl sehr ergiebig, doch nur sehr klein und der wenigen Saat angemessen war, so war ich bald damit fertig. Dennoch erhielt ich ungefähreinen Scheffel Getreide und zwei Scheffel Reis, die ich zu Hause mit den Händen ausrieb, aber ich sah wohl, daß der ganze Ertrag kaum zu einer neuen Saat, vielweniger zu meinem Unterhalt hinreichte; ich faßte daher den Vorsatz, erst noch einmal zu säen, und nicht eher etwas davon zu genießen, bis ich Vorrath genug von einer Erndte zur andern und hinlängliche Saat zu einer neuen hätte. Hierin ward ich noch mehr bestärkt, da ich nicht wußte, wie ich jetzt mein Korn mahlen, von [160] Kleien säubern, wie und worin ich das Mehl zu Teige kneten und zu Brod backen sollte. Auf einmal stellten sich alle Schwierigkeiten, Mängel und Hindernisse dar, an die ich noch gar nicht gedacht hatte. Wenige Menschen haben wohl je daran gedacht, wie viele Mühe, Uebung und Geschicklichkeit, welche Menge von Werkzeugen, Vorrichtungen und andern Dingen erforderlich sind, um einen Bissen Brod hervorzubringen.

Ich machte diese lange, beschwerliche Erfahrung. Für's Erste hatte ich keinen Pflug, um mein Feld umzuackern. Diesen Mangel ersetzte ich durch dieSchaufel von Eisenholz, die ich aber erst wieder ausbessern mußte. Dann fehlte mir eine Egge; nach langem Nachdenken fiel ich darauf, einen schwerenBaumast abzuhauen und zu entblättern, und über das angesäete Feld hin- und herzuschleppen, welches denn freilich mehr aufkratzte als eggte, aber doch ziemlich meiner Erwartung entsprach. Dann nöthigten mich die ungebetenen Gäste, das ganze Feld einzufriedigen; zur Erndtezeit mußte ich das Kornschneiden, nach Hause bringen, dreschen, von der Spreue sondern; dann fehlte es an einer Mühle, an Sieben, an Salz und Sauerteig, an einem Ofen und sogar an den Materialien und Werkzeugen, um alles das zu verfertigen, ohne welches ich das Getreide weder mahlen, noch reinigen, noch einmengen, noch backen konnte. Ich entschloß mich also noch vor der Regenzeit, die bald eintreten mußte, meine Saat in die Erndte zu bringen, und während sie mich in meine Wohnung verschloß, an solchen Geräthen [161] zu arbeiten, die mir unentbehrlich waren, um Brod zu bekommen, wonach meine Sehnsucht um desto größer ward, da mein Zwieback zu Ende war.

1. Jenner 1661. Der Neujahrstag war mir schon in meiner Kindheit wegen den vielen Geschenken, jetzt aber wegen den Betrachtungen wichtig, die er veranlaßte. Auch feierte ich ihn nebst dem Weihnachtsfeste desto mehr, da mir die Tage, auf welche die beweglichen hohen Feste, Ostern undPfingsten fielen, unbekannt waren. Ich fieng meine Feier mit Oeffnung der Bibel an und fand die trostvollen Worte: »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.« Ich wandte sie auf mich an, denn ich war traurig, daß ich heute mein letztes Stückchen Zwieback genießen sollte, das ich seit einigen Tagen auf diesen verspart hatte; dazu kam noch, daß ich wenigstens ein halbes Jahr warten mußte, ehe ich wieder Brod bekam. Aber dieser trostreiche Wunsch belebte mich auf's Neue.»Nun denn! – rief ich, – verläßt Gott mich nicht, was thuts, wenn ich auch von der ganzen Welt verlassen bin.« Ich dankte Gott mit gerührtem Herzen, daß er dem Kaufmann in England, der mir meine Sachen nach Brasilien sandte, in den Sinn gab, die Bibeln dabei zu legen, und daß ich sie mit zu Schiffe nahm und daraus rettete.

In dieser Gemüthsverfassung trat ich das neue Jahr an. Um aber die allzugroße Umständlichkeit und den Tagebuchsstyl zu vermeiden, werde ich in der Folge nur dann die Tage bemerken, wenn sie vorzüglich merkwürdig [162] sind. Der Drang der Bedürfnisse und meine eigene Thätigkeit erlaubten mir nicht müßig zu seyn. Wie schon bemerkt, hatte ich meine Zeit ordentlich eingetheilt, doch die allmählige Verbesserung meiner Lage gab Anlaß zu einiger Abänderung. Dreimal des Tags las ich in der Bibel und verrichtete mein Gebet. Alle Morgen, wenn es nicht regnete, gieng ich aus, um etwas zu schießen, oder etwas anderes zu meinem Unterhalt zu holen; dies nahm mir zwei bis drei Stunden. Nicht viel weniger Zeit hatte ich zur Zubereitung und Aufbewahrung meiner Speisen nöthig. Gegen 11 Uhr, besonders wenn die Sonne im Zenith stand, war die Hitze so groß, daß nicht daran zu denken war mich zu rühren, viel weniger zu arbeiten, so daß mir kaum 4 oder 5 Nachmittags- und Abendstunden zur Arbeit übrig blieben. Zuweilen verwechselte ich die Jagd- und Arbeitsstunden, so daß ich des Abends jagte und des Morgens arbeitete, wenn ich Etwas gern bald fertig gehabt hätte, oder der Regen dazu Anlaß gab. Uebrigens wird man diese kurze Arbeitszeit desto weniger zu kurz finden, wenn man außer der Hitze des Klima's noch die Mühsamkeit bedenkt, womit ich Alles, theils aus Unkunde, theils aus Mangel an Materialien, Werkzeugen und andern Hülfsmitteln bewerkstelligen, und oft einen Monat zu einer Arbeit anwenden mußte, die ein paar Handwerker sonst in einem Tage gefertigt hätten.

Meine Mahlzeiten waren so eingerichtet: Zum Frühstück aß ich einige Trauben; zu Mittage ein Stück gebratenes Ziegenfleisch, oder Vögel, oder [163] Fische, oder endlich Schildkröte, welches letztere ein Leckerbissen für mich war, denn seit meiner Ankunft fand ich in den ersten Tagen dieses Jahres erst die zweite Schildkröte, sie war aber sehr groß und hatte über ein Schock Eier, von denen zwei oder drei meine Abendmahlzeit ausmachten.

Ich glaubte besser zu thun, mein Getreide undReis in der Gegend meines Sommerhauses zu säen. Ich begab mich also in den letzten Tagen desJenners mit meiner Saat und meiner Schaufel dahin. Als ich den Zaun ansichtig ward, fiel mir ein, mein Korn inwendig zu säen, weil ich dann keine andere Einfriedigung nöthig hatte. Mir blieb daher etwas von beiden Samen übrig, weil der Platz zu klein war, um alles auszusäen, doch beruhigte mich das auf den Fall eines Mißgeschicks. Ich arbeitete mehrere Tage an der Bestellung meines Ackerfeldes mit der Schaufel und einem Baumaste. Pomeranzen und Zitronen fand ich noch, auchTrauben, die aber bereits so überreif waren, daß die Beeren bei der geringsten Berührung abfielen, doch waren sie vortrefflich. Zu Anfang Februars kam ich sehr ermüdet mit einer Ladung von Orangen und Limonien nach Hause, und zwar zu meinem Glück, denn wenig Tage nachher fieng schon die Regenzeit an, und nun regnete es Tag für Tag mehr oder weniger, bis in die Mitte Aprils, und oft so heftig und anhaltend, daß ich viele Tage nicht aus meiner Klause kommen konnte, denn ich hütete mich, seit meiner Krankheit, sorgfältig vor dem Naßwerden, daher ich mich, so viel möglich war, [164] mit allem Nöthigen versah, um nicht Mangel zu leiden, und genöthigt zu seyn auszugehen und sie zu holen.

Ich fand, daß die Jahrszeiten hier nicht wie in Europa in Frühling, Sommer, Herbst undWinter, sondern in trockene und Regenzeit jährlich zweimal abwechselten. Letztere trat oft früher oder später ein, und dauerte länger oder kürzer, so wie die Winde giengen; überhaupt war es wie folgt: im halben Februar, im März und halbenApril war Regenzeit, da die Sonne in oder nahe bei der Frühlings-Nachtgleiche ist; von der zweiten Hälfte Aprils bis in die erste Hälfte Augusts dauerte die trockene Zeit; die Sonne war nördlich der Linie. Vom halbenAugust bis in die Hälfte Oktobers war wiederRegenzeit und die Sonne im oder nahe bei'mWendekreis des Steinbocks; von der zweiten Hälfte Oktobers bis in die erste Februars war die zweite trockene Jahrszeit, die Hitze aber auf meiner Insel nicht so groß wie in der ersten, weil die Sonne südlich der Linie stand.

Ich hatte während dieser Regenzeit Muße genug, die Geräthe zu meiner Erndte und zu allem, was ich bis zum Brodbacken nöthig hatte, zu verfertigen, aber ich konnte sie nicht so benutzen, wie ich mir vorgesetzt hatte; die Schuld lag an mir, weil ich vor dem Regen nicht überlegt hatte, was ich dazu bedurfte. Jetzt that ich's, aber zu spät.

Um das Korn zu schneiden, hatte ich einen Säbel zugeschliffen, da aber die künftige Erndte weit beträchtlicher werden mußte, so machte ich auch den andern [165] Säbel scharf, um desto besser fortzukommen. Um das Korn von den Aehren abzulösen, zog ich vor, es wieder mit den Händen auszureiben, was mir nicht soviel Mühe kostete, als alles, was zum Dreschen nöthig war, zuzubereiten. Die größte Schwierigkeit war, mein Getreide zu mahlen. Von der Einrichtung einer Mühle hatte ich keinen Begriff. Endlich fiel mir ein, das Korn zu stampfen, aber worin? Da war weder Mörser noch Stößel auf der ganzen Insel zu finden; ich überlegte also, wie ich welche machen wollte, und hielt für das Beste, den Mörser von Stein und den Stößel von Eisenbaumholz zu machen; da ich aber weder von diesem Holz vorräthig hatte, noch den Stein meines Felsens hart genug fand, so war ich genöthigt, diese Arbeit bis nach der Regenzeit zu verschieben. Durch dasStampfen blieben Mehl und Kleie vermischt; ich mußte also ein Sieb haben, um das Mehl von den Hülsen abzusöndern. Das war nun wieder eine neue Schwierigkeit, denn ich hatte nichts von allem, was ich hätte brauchen können, um entweder das Mehl zu sichten oder um ein Sieb zu verfertigen. Zwar hatte ich Ziegenhaare, aber nichts um sie zu spinnen und zu weben, wenn ich es auch gekonnt hätte. Ich gieng in mein Magazin, und durchwühlte die Kisten und Kasten, und fand endlich einige dünne, sehr grobe kattunene Halstücher unter den Kleidern eines Matrosen. Aus diesen machte ich mir drei Siebe, indem ich sie an rund gebogene und zusammen geflochtene Weidenruthen ausspannte. Das Nachsinnen und die Verfertigung oder [166] Zubereitung dieser wenigen Geräthe beschäftigten mich bis zu Ende der Regenzeit, und das Erste, was ich unternahm, als die trockene Zeit eintrat, war, meinen Landsitz zu besuchen, unterwegs ein Stück Eisenbaumholz zu einemStämpfel zu hauen, und einen tüchtigen Stein zu einem Mörser zu suchen.

Mein Landhaus fand ich im blühendsten Zustande, denn nicht nur war die Einzäunung noch fest und ganz, sondern die in die Erde gesteckten Stäbe waren alle ausgeschlagen und hatten lange Zweige getrieben, wie die Weidenbäume; dieser Anblick überraschte mich sehr angenehm, und ich machte mich sogleich darüber her, beschnitt sie, richtete sie gerade, und es ist kaum zu glauben, wie schnell sie aufschossen. In weniger als drei Jahren gewann diese lebendige Hecke das schönste Ansehen, und beschattete den größten Theil des innern Raums. Dies brachte mich auf den Entschluß, noch mehr von diesen schnell wachsenden Stäben abzuschneiden, und meine alte Wohnung damit zu umpflanzen, sowohl um sie besser zu verbergen, als zu beschatten. Jedes Mal, wenn ich nach Hause gieng, nahm ich soviel mit, als ich bequem tragen konnte, und pflanzte sie in einem Halbkreise in mehrere Reihen, ungefähr 10 Schritte von meiner Mauer, herum; sie schossen auch in Kurzem auf, und entsprachen völlig meiner Erwartung.

Dagegen war es mir unmöglich, einen tauglichen Stein zu einem Mörser zu finden. Erstlich waren keine von den losen Stücken groß genug, um sie aushöhlen[167] zu können, so daß sie genug Korn faßten und doch Dicke genug behielten, um das Stampfen auszuhalten. Was aber in dem festen Felsen war, konnte ich nicht anders, als durch Sprengen mit Pulfer loskriegen. Ungeachtet der Ungewißheit des Erfolgs und des sichern Verlursts meines Pulfers, wollte ich dennoch den Versuch wagen, fand aber keine Steinart hart genug, um das Gewicht und die Bewegung des Stößels auszuhalten, und mein Korn zu zermalmen, ohne es mit Steinsand zu vermischen. Nachdem ich wohl 14 Tage umsonst damit verloren hatte, entschloß ich mich, einen Klotz von dem harten Holz des Eisenbaums zu suchen, den ich dann auch leicht fand. Da der ausgehöhlte Mörser leichter fortzubringen war, so bearbeitete ich ihn an der Stelle, wo der Klotz lag. Zuerst behaute ich ihn mit dem Beile von aussen, daß er die Gestalt eines Mörsers erhielt, sägte dann erst den Boden, damit er gerade stehe, ungefähr drittehalb Fuß hoch von Stamme ab und stellte ihn auf; das gelang vortrefflich, obwohl nicht ohne Mühe, weit größer aber ward sie, um ihn auszuhöhlen, wegen der Härte des Holzes; ich wandte alle meine Werkzeuge dazu an, und nach acht Tagen hatte ich nicht nur sehr wenig gefördert, sondern ich sah, daß ich den Klotz verdarb, und hätte die Arbeit beinahe unbeendigt liegen lassen; doch die Sehnsucht nach Brod und meine gewohnte Beharrlichkeit spornten mich an, das angefangene Werk zu vollenden. Ich hatte in Brasilien gehört, daß die Wilden ihre Kanots mit Feuer aushöhlten, und auf diese Art brachte ich denn endlich meinen [168] Mörser in achtundzwanzig Tagen zu Stande. Hierauf machte ich aus dem Eisenbaumholze einen Stößel, der mich nicht weniger als 6 Tage Arbeit kostete.

Jetzt war es um einen Backofen zu thun. Ich wollte ihn erst aus Steinen ausführen, da sie leicht zu behauen waren; dazu hatte ich aber keine Werkzeuge, und dann auch keinen Mörtel. Ich hoffte also Thonerde zu finden, und damit leichter meine Absicht zu erreichen. Erst nachdem ich mehrere Tage gesucht, fand ich sie, und brachte einen mehr als hinreichenden Vorrath nach Hause.

Schon lange hatte ich darüber nachgesonnen, wie ich einige irdene Geschirre verfertigen könnte, die ich sehr nöthig brauchte, um Flüssigkeiten aufzunehmen; jetzt kam noch hinzu, daß ich dergleichen zu Zubereitung des Brodes bedurfte, ich wollte also Töpfe machen, so groß als möglich, und dann auch Backsteine, um einen Backofen zu errichten.

Der Leser würde mich bedauern oder auslachen, wenn ich ihm umständlich erzählte, wie es mit meiner Töpferarbeit gieng. Ich machte eine Masse, bald aber war sie nicht steif genug, ihre eigene Schwere auszuhalten, und fiel zusammen, sobald ich etwas daraus formte; bald hatte ich sie zu naß an die Sonne gesetzt und die Gefäße bersteten; bald war die Masse zu spröde und bröckelte auseinander, wenn ich sie kaum berührte. Nach vielen vergeblichen Versuchen fand ich doch endlich die rechte Mischung, und brachte nach sechs Wochen zwei ungestaltete, plumpe Gefäße zuwege, die großen Schüsseln nicht unährlich waren; so wenig es mir mit [169] diesen großen gerathen wollte, so gelang es mir doch mit den kleinen Töpfen, Näpfen, Krügen und vorzüglich mit flachen Schüsseln; da ich bemerkte, daß das flache Geschirr leicht zu verfertigen war, so beschloß ich, statt Backsteinen, und aus diesen den Ofen zu machen, einige große flache Gefäße zu verfertigen, ungefähr 2 Fuß im Durchmesser, nicht über 6 Zoll hoch, und verhältnißmäßig stark. Dies Alles trocknete die Sonne so hart, daß ich hoffte, das Feuer bei'm Backen würde mir die letzten Gefäße nicht beschädigen. Die Erstern aber entsprachen meiner Absicht gar nicht, denn auf dem Feuer drang das Wasser heraus, und meine beiden Schüsseln zersprangen zu meinem großen Verdrusse.

Da ich mir eines Abends ein Stück Ziegenfleisch bei einem starken Feuer gebraten hatte, und selbiges auslöschen wollte, fand ich in der Asche eine Scherbe von meiner Töpferarbeit, sie war glühend roth und hart wie Ziegelstein. Ha! dacht' ich: wenn ein Stück sich so vortrefflich brennen läßt, so wird es ja mit den Gefäßen auch wohl angehen, und ich beschloß, sogleich den Versuch zu machen, von meinen unförmlichen Gefäßen einige zu brennen. Von einemBrennofen nach Töpferart hatt' ich nicht den geringsten Begriff; und eben so wenig von Glasur; daß meine gerettete Bleirolle dazu dienlich seyn könnte, war mir ganz unbewußt. Ich grub ein Loch in die Erde, setzte drei von meinen getrockneten Gefäßen hinein, legte Brennholz und Reisig rings herum, und einen Haufen Asche darunter, zündete alles an, und fuhr mit dieser Feuerung fort, bis ich sah daß die Gefäße glühend roth und doch keines [170] zersprungen war. Jetzt bedeckte ich das Loch mit Holz und Rasen, um die Hitze beisammen zu halten, ließ sie so 5 bis 6 Stunden stehen, bis ich merkte, daß eines davon, zwar nicht zerbarst, aber doch zu schmelzen anfieng, denn der Sand, der mit dem Thon vermischt war, würde durch die große Hitze zu einem Glasflusse geworden seyn, wenn ich sie nicht allmählig linderte, bis die Töpfe nach und nach ihre Röthe verloren. Damit das Feuer nicht zu schnell ausgehen möchte, blieb ich die ganze Nacht dabei wach, und des Morgens hatte ich drei Gefäße so hart gebrannt als ich es nur wünschen konnte, und eines davon vollkommen glasuret.

So gering diese Sache scheinen mag, so groß war meine Freude darüber. Ich hatte nun ein Geschirr, welches das Feuer aushalten konnte, und kaum konnte ich es erwarten bis sie abgekühlt waren, eines davon mit Wasser an's Feuer zu setzen, um ein Stück Ziegenfleisch darin zu kochen; ich machte mir eine vortreffliche Suppe, indem ich etwas von meinem übriggebliebenen Reis hinzu that, und nur wer, wie ich, so lange Zeit ohne etwas Gekochtes zu genießen zugebracht hat, kann sich vorstellen, wie herrlich mir diese neue Speise schmeckte, obgleich mir die beste Würze, das Salz, fehlte, denn der Schiffsvorrath war beim Schiffbruch geschmolzen, oder verloren gegangen, denn ich fand keines, so wenig als auf der Insel, so sehr ich auch anfangs darnach suchte; und durch Hülfe des Meerwassers mir Salz zu bereiten, war mir ganz unbekannt. Erst nach vielen Jahren entdeckte ich zwischen den Klippen der Südküste ganz unvermuthet eine [171] Menge des schönsten Salzes, wovon ich mir große Vorräthe nach Hause schaffte; jedoch hatte ich anfänglich beinahe eben so viel Mühe, mich wieder daran zu gewöhnen, als mir die Entbehrung desselben zuerst unangenehm gewesen war.

Kaum hatte ich so herrlich abgespeist, so nahm ich meine übrigen Gefäße, vorzüglich die, welche den Ofen vorstellen oder ersetzen sollten, stapelte sie so gut möglich aufeinander, machte ein verhältnißmäßiges Feuer dazu, und es gelang mir eben so gut oder noch besser als das erstemal; zwar zersprangen mir einige, dagegen aber waren die andern desto vorzüglicher gebrannt. Nach diesem so wohlgerathenen Versuch ist es kaum nöthig zu erinnern, daß ich mir in Zukunft niemals von diesen Gefäßen fehlen ließ; ich lernte allmählig die erforderliche Hitze und andere Kunstgriffe kennen, so daß mir niemals kein Brennen fehl schlug. Die gefällige Form fehlte freilich allen meinen Gefäßen, allein die Schönheit wurde an keiner Sache vom Bedürfniß, sondern von der Muße erfunden.

Diese Arbeit beschäftigte mich bis in die Mitte desJulius, und sobald ich damit fertig war, begab ich mich zu meinem Landhause, wo ich alle Baum- und Erdfrüchte im herrlichsten Zustande fand. Alles lockte und winkte mir zum Genuß. Meine Saaten fiengen schon an reif zu werden, und versprachen eine reiche Erndte. Jetzt ward ich besorgt, worin ich mein Korn nach Hause bringen und aufbewahren sollte? einKorb wäre wohl das Dienlichste dazu. Da fiel mir ein, daß die Zweige des Baumes, von dem ich die Stäbe zur [172] Einfriedigung meines Landhauses genommen hatte, und die jetzt im sanften Westwinde um mich her schwankten, wohl eben so biegsam und tauglich zum Korbflechten seyen als Soolweiden oder andere ähnliche Bäume, und ich machte auf der Stelle einen Versuch damit. Ich hieb eine hinlängliche Menge Zweige, doch nicht vom Zaune, sondern von den außen frei stehenden Bäumen ab, und setzte mich vor mein Zelt. Jetzt kam mir meine jugendliche Neugierde trefflich zu statten, daß ich als Knabe so gerne in die Werkstätte eines neben meinem Vater wohnenden Korbmachers hingieng, seiner Arbeit zusah, und genau Acht gab, wie er sie anfieng, fortsetzte und vollendete, auch wohl, wie Kinder zu thun pflegen, selbst Hand anlegte und hierdurch alle Handgriffe lernte. Ich brachte auch wirklich zwei gute Körbe zu Stande, fand aber bald, daß sie nicht von Dauer seyn würden, weil die Zweige grün waren, doch hoffte ich, sie würden mir gut genug für diese Erndte seyn. Ich füllte also einen derselben mit Melonen, Pomeranzen, Zitronen, und legte obenauf einige Trauben, brachte das alles glücklich, aber mit vieler Mühe nach Hause, denn der Korb war etwas zu groß, daher die Last zu schwer, und überdas unbequem zu tragen; ich machte mir also noch denselben Abend ein Paar vier Finger breite Tragriemen von Segeltuch, und des andern Tags bei meinem Landsitz einen Tragkorb, womit ich meine Sachen sehr bequem tragen, und dabei die Hände frei haben konnte. Auf diese Weise brachte ich eine Menge Melonen und Baumfrüchte, grüne und gedörrte Trauben, und als meine Erndte [173] reif und geschnitten war, auch diese in meine alte Wohnung; so wie eine große Menge von den Baumzweigen zum Korbflechten, welche ich erst an die Sonne gelegt und hatte austrocknen lassen.

Während diesen mannigfaltigen Beschäftigungen überraschte mich die Regenzeit in meinem Landhause, und nöthigte mich, ohne Zeit gehabt zu haben meinen Acker zu bestellen, in meine alte Wohnung zurückzukehren; denn obgleich ich dort ein Zelt aufgeschlagen hatte, so war hier weder eine Felswand, die mich vor Stürmen schützte, noch eine Höhle, in die ich mich flüchten konnte, wenn der Regen, wie oft geschah, in Strömen herabfloß.

Ich konnte nun sagen, daß ich bisher, im eigensten Sinne des Worts, um mein Brod gearbeitet hatte. Dahin war nun meine erste Sorge gerichtet, als die Regenzeit mich in meine Höhle einsperrte. Zwar hielt mich erst der Umstand davon ab, daß ich mein Feld nicht hatte bestellen können; als ich aber meinen Getreidevorrath besichtigte, fand ich ihn so ansehnlich, daß ich ihn noch lange nicht in einem Jahre verzehren konnte, denn ich hatte zwanzig Scheffel Getreide und noch mehr Reis. Nun bedachte ich mich auch nicht länger, ganz freien Gebrauch davon zu machen, denn seit langer Zeit hatte ich kein Brod gegessen. Ich wußte durch die Erfahrung, wenn es Zeit war zu säen, und daß ich jährlichzweimal säen und erndten konnte. Ich blieb jedoch noch unentschlossen, ob ich in Zukunft nur einmal des Jahrs oder [174] zweimal säen wollte; künftige Versuche sollten endlich darüber entscheiden.

Ich nahm also von meinen Kornähren, rieb sie aus, stampfte das Korn und sichtete das Mehl, knetete es dann zu Teige, und machte Brode oder vielmehr flache Kuchen daraus, weil ich keinen Sauerteig hatte. Hierauf machte ich ein großes Feuer auf dem Heerd an, und als selbiges nun zu lebendigen Kohlen und glühender Asche ausgebrannt, und der Boden recht durchhitzt war, kehrte ich alle Asche rein weg, legte meine Brode darauf, deckte nun meine zwei großen zusammen passenden Gefäße darüber, und häufte die glühenden Kohlen und Asche darauf und herum, und so wurden meine Brode so gut, als im besten Ofen gebacken. Zwar ist nicht zu läugnen, daß meine ersten Versuche nicht ganz gelangen, aber in kurzer Zeit ward ich ein vollkommener Bäcker, und sogar ein Pastetenbäcker, denn ich machte mir verschiedene Arten von Kuchen und Puddings und allerlei Backwerk. Man kann sich leicht vorstellen, welche Annehmlichkeit diese Vermehrung und Vervielfältigung von Speisen in meinen einsamen Zustand brachte, und welche Beruhigung ich für die Zukunft darin fand, denn ich sah, daß es Gott gefiel, mich in dieser Wildniß mit Brod reichlich zu versehen, und daß ich keinen Mangel zu befürchten hatte, wenn auch mein Vorrath an Pulfer und Blei ausgehen sollte.

Da nun mein Kornvorrath so ansehnlich geworden war, so mußte ich darauf bedacht seyn, ihn besser aufzubewahren, denn theils hatte ich Körbe, irdene [175] Gefäße, und überhaupt alles, was tauglich war meine Erndte zu fassen, damit angefüllt, und da diese nicht in großer Menge vorhanden und meistens klein waren, den Rest in meinem Keller aufgeschüttet, so konnte es aber nicht bleiben. Ich fieng also an, vier große und tiefe Körbe zu flechten, stellte sie zu hinterst in meinen Felsengang und füllte sie mit den abgeschnittenen Kornähren; freilich hätte ich weniger Platz nöthig gehabt, wenn ich sie gleich ausgerieben und bloß die Körner aufbewahrt hätte; aber ausserdem, daß mich das zu lange und zu langweilig beschäftigt haben würde, glaubte ich daß sich das Korn in den Aehren besser aufbehalten lasse, und begnügte mich, jederzeit nur soviel auszureiben, als ich zur Saat und zum Gebrauche nöthig hatte, wobei ich denn nicht unterließ, den gemischten Waizen und die Gerste von einander zu söndern.

Zehnter Abschnitt

Zehnter Abschnitt.

Zweite Entdeckungsreise zu Lande.


Während dieser Regenzeit flocht ich mir nicht nur einen andern Tragkorb, sondern auch noch eine Menge anderer Körbe zu allerlei Gebrauch, denn da ich in dieser Arbeit Meister war, so gebrauchte ich Körbe zu allem, wozu sie dienlich seyn konnten. Ich ließ sie mir nachher nie wieder ausgehen, und ersetzte den Abgang gleich durch neue.

[176] Eine andere Arbeit fiel mir auch während dem Korbflechten ein, wozu die große Hitze schon längst den Wunsch in mir erregt hatte. Das war ein Sonnenschirm, den ich dann auch sehr nöthig hatte, und zwar eben sowohl gegen den Regen als die Sonnenstrahlen, weil ich viel ausser meiner Wohnung seyn mußte. Ich hatte deren in Brasilien gesehen, wo sie sehr gebräuchlich sind. Es kostete mich aber nicht wenig Mühe und beinahe drei Wochen Arbeit, und ich verdarb wohl zwei oder drei, ehe es mir damit gelang. Die größte Schwierigkeit war, ihn so zu machen, daß ich ihn zusammenlegen konnte, sonst hätte ich ihn nicht anders als ausgespannt tragen können, was mir oft eben so unbequem gewesen wäre, als ihn zu Hause beiseits zu setzen. Ich bedeckte ihn mit Ziegenfellen, die Haare auswärts, so daß er den Regen wie ein Wetterdach, die Sonnenstrahlen aber so gut abhielt, daß ich selbst in der größten Hitze viel bequemer als vormals bei kühlem Wetter ausgehen, und, wenn ich ihn nicht brauchte, zusammenlegen und unterm Arm tragen konnte.

Mit diesen Arbeiten war die schöne Jahrszeit wieder eingetreten, und zwar ehe ich noch ganz mit dem Sonnenschirme fertig war; ich verschob also auf mein Landhaus zu gehen, ehe ich mich dessen bedienen konnte, obgleich dies gewöhnlich mein erster Gang nach der Regenzeit war. Jetzt aber beschloß ich, nicht nur dahin, sondern auch so weit jenseits zu gehen, bis ich an das Ufer der See käme, um meine Insel je länger je besser kennen zu lernen.

[177] Ich nahm also meine Flinte, nebst einem größern Vorrath von Pulfer und Blei, einige meiner Brode, ein großer Bündel mit Rosinen in meinem Tragkorbe, ferner ein Beil und meinen Sonnenschirm, und trat so ausgerüstet, in Begleitung meines Hundes, die Reise an. Den Rest dieses Tages und die darauf folgende Nacht brachte ich auf meinem Landsitze zu, der jährlich schöner ward, und mir immer größeres Vergnügen machte.

Den andern Morgen setzte ich dann meine Wanderschaft fort, bekam nach einer Stunde die See zu Gesichte, und entdeckte in einer Entfernung von 40-50 Meilen ganz deutlich Land, denn es war ein schöner, heiterer Morgen. Es war hoch, und dehnte sich vonWest gegen Westsüdwest aus; ich konnte aber nicht erkennen, ob es festes Land oder eine Insel war; auch wußte ich mir nicht zu erklären, welcher Theil von Amerika es seyn möchte. Nachdem ich darüber einige Zeit nachgedacht, so schien es mir nicht unwahrscheinlich, daß, wenn jenes ferne Land die Küste der spanischen Länder in Amerika wäre, wie ich aus meinen gemachten Beobachtungen vermuthete, so müßten von Zeit zu Zeit einige spanische Schiffe hin- und herfahren; geschähe dies aber nicht, so müßte dieses Land zwischen dem spanischen Gebiete und Brasilien liegen, welches von Wilden bewohnt wird, die unter allen die grausamsten Kannibalen oder Menschenfresser sind. 1 Ich hatte folglich große Ursache, [178] mich glücklich zu schätzen und Gott zu danken, der Alles zum Besten lenkt, daß ich nicht auf jene Küsten verschlagen wurde.

Unter diesen Beobachtungen gieng ich ganz gemach weiter, und gelangte nach ein paar Stunden an den Strand. Hier ward ich auf's Neue in der Meinung bestärkt, daß ich meinen Wohnsitz auf der schlechtesten Seite der Insel gewählt hatte. Hier, so wie bei meinem Landsitze, herrschte ein beinahe ununterbrochener Frühling; der Boden war mit Blumen und Gras, die Bergneigen mit den schönsten Bäumen und Gesträuchen geziert, die mit Früchten beladen oder mit Blüthen geschmückt waren; Wohlgerüche dufteten umher. Eine zahllose Menge von Vögeln verschiedener Art belebte die Gebüsche, die mir aber ausser den Papageien und Penguinen alle unbekannt waren. Ich fand in den niedrigen GründenHasen und Füchse, die jedoch von denen inEuropa etwas verschieden waren, auch konnte ich mich nicht entschließen von jenen zu essen; die Ziegen waren hier viel zahlreicher, und der Strand war mit unzähligen Schildkröten bedeckt, da ich hingegen in der Nähe meiner Wohnung, in mehr als anderthalb Jahren [179] nur zwei gefunden hatte. Obgleich ich mir's nun gestehen mußte, daß diese Gegend viel anmuthiger, reizender und fruchtbarer war als die, wo ich wohnte, so empfand ich doch nicht die geringste Lust, hier zu wohnen; im Gegentheil, ich sah mich hier als Fremdling auf einer Reise an, der sich nach seiner verlassenen Heimath sehnt. Denn meine Felsenwohnung ward mir so recht heimisch, und sogar mein Landsitz war mir blos als vorübergehender Aufenthalt und Ergötzung angenehm.

Ich reisete noch ungefähr 12 Meilen rechts der Küste entlang, und nachdem ich hier einen Grenzpfahl am Ufer aufgerichtet hatte, kehrte ich um, indem ich mich entschloß, nach Hause zu kehren, und die nächste Entdeckungsreise, von meiner Wohnung aus, auf der andern Seite anzutreten, und links dem Strande nach zu gehen, bis ich wieder zu meinem Zeichen kommen würde.

Ich machte auf dieser Reise keine großen Märsche vorwärts, gieng aber so oft seitwärts, bald hier bald da von meinem Wege ab, um Entdeckungen zu machen, daß ich des Abends jederzeit sehr müde war, wenn ich mein Nachtquartier unter einem Baume nahm, wo ich mich mit Stäben, die ich in die Erde steckte, dergestalt umzäunte, daß kein wildes Thier mir zu nahe kommen konnte, ohne mich aufzuwecken.

Bis jetzt hatte mich diese Reise ausserordentlich ergötzt. Um der Rückreise mehrere Manchfaltigkeit zu geben, nahm ich einen andern Weg als den ich gekommen war, in der Hoffnung, leicht die rechte Richtung zu treffen, um geraden Wegs nach meiner Wohnung [180] zu kommen, ohne den Landsitz zu berühren; allein kaum war ich zwei, drei Meilen gegangen, so befand ich mich in einem großen Thale, das überall mit Bergen und Wäldern so eingeschlossen war, daß ich ganz meine Straße verlor. Zu allem Unglück ward die Luft immer neblichter und dichter, je mehr sich das Thal verengte und zwischen den Anhöhen hinwand, je tiefer ich mich darin verwickelte, so daß ich also die Sonne nicht sehen und mich nach ihr richten konnte. Ich irrte daher vier Tage ängstlich herum, und sah mich endlich genöthigt, die Seeseite, und daselbst meinen Grenzpfahl wieder aufzusuchen, um mich zurecht zu finden, und also den Weg zweimal zu machen. Von da aus gieng ich in kleinen Reisen nach Hause, denn die Hitze war ausserordentlich, und meine Flinte mit Munition, mein Tragkorb, mein Beil, mein Sonnenschirm belästigten mich sehr.

Auf dieser Reise machte ich eine zweifache Beute. Die vielen Papageien, die ich sah, machten mich sehr begierig, einen zu fangen, um ihn zahm zu machen und sprechen zu lehren, wovon ich mir eine ausserordentliche Freude versprach, da ich so lange Zeit kein Wort gehört hatte. Es gelang mir nach einigen fehlgeschlagenen Bemühungen, einen jungen zu erhaschen, den ich mit einem Schlage auf einen Flügel gelähmt, und dadurch verhindert hatte, weiter zu fliegen. Als er sich ein wenig erholt hatte, nahm ich ihn mit mir: es vergieng aber eine beträchtliche Zeit, ehe ich ihn zum Reden bringen konnte.

Der andere Fang war ein Zikelchen, das mein[181] Hund überfiel, ich war aber früh genug bei der Hand, um es ihm unverletzt zu entreißen; ich machte mit einer Schnur, deren ich jederzeit bei mir trug, ein Halsband, und führte es, nicht ohne viele Mühe, bis zu meinem Landhause, wo ich es zurückließ, als ich des andern Morgens nach Hause kehrte, weil ich fürchtete, es möchte mich zu sehr aufhalten, denn mich verlangte gar sehr in meiner Wohnung zu seyn, von welcher ich beinahe einen Monat entfernt war.

Wieder in meiner Heimath zu seyn, ihrer Bequemlichkeiten zu genießen, und besonders in meiner Hangmatte zu schlafen, das war eine wahre Wollust für mich, für die ich keine Worte finde. Zwar war die erste Hälfte meiner Reise höchst angenehm gewesen, die zweite hingegen ein ermüdendes Herumirren, ohne bekannten Aufenthalt, ohne Bequemlichkeit, ohne ruhigen Schlaf, und zuletzt ohne Brod und Fleisch, voll Besorgniß, in der Wildniß keine eßbaren Früchte und keinen Ausweg zu finden. Hingegen meine sichere Felsenwohnung, mit allem Nothwendigen so reichlich versehen, so schön geordnet, war mir so angenehm, daß ich mir fest vornahm, mich niemals mehr allzuweit und so lange davon zu entfernen. Auch ruhete ich eine ganze Woche von den Beschwerlichkeiten meiner Reise aus, that mir recht gütlich, um mich von meiner Ermüdung zu erholen, und beschäftigte mich diese Zeit über mit nichts anderm, als meinem Papchen, dem ich den Namen Poll gab, einen Käfig zu flechten, doch ohne dabei die Besorgung meines Hauswesens zu vernachlässigen. Ich erinnerte mich auch meines gefangenen Zikelchens, [182] und gieng hin, es zu holen; ich fand es sehr matt, wahrscheinlich vor Durst, denn an guter Weide, sowohl an Gras als an Zweigen, schien es ihm hier nicht zu fehlen; ich gieng also gleich hin, um Wasser zu holen, legte ihm auch noch zarte Zweige von andern Gesträuchen vor, was ihm beides sehr wohl bekam; dann band ich ihm die Schnur um, allein der Hunger oder die Einsperrung hatten es so zahm gemacht, daß ich dies gar nicht nöthig gehabt hätte, denn es lief mir von selbst wie ein Hund nach. Da ich nun fortfuhr, es fleißig zu füttern, so ward es so schmeichelnd und artig, daß es mich niemals mehr verlassen wollte, und mein beständiger Hausgenosse blieb. Nun hatte ich zwar ein Paar Ziegen, die sich bald sehr wohl zusammen vertrugen, allein beide waren Weibchen, und daher keine Zucht davon zu erwarten, die mir Unterhalt verschaffen konnte, wenn mein Vorrath an Pulfer und Blei alle seyn würde.

So setzte ich meine gewohnte Lebensweise fort, war bald auf meinem Landsitze, bald in meiner Wohnung am Felsen. Sehr dringende Arbeiten hatte ich eben nicht. Ich machte mir zu hinterst in meinem Mittelgange eine Grube, um daselbst einen beständigen Vorrath von Thonerde aufzubewahren. Wenn ich von einem Spaziergange in dortige Gegend nach Hause kam, brachte ich gewöhnlich eine mäßige Last davon mit. Auch wenn ich vom Landhause zurückkehrte, kam ich nie leer, sondern brachte jederzeit bald Melonen, bald Baumfrüchte, bald Trauben, bald Zweige zum Korbflechten, baldStäbe zum Umpflanzen [183] meiner Wohnung zu rück, so daß ich ohne große Anstrengung immer einen hinlänglichen, ja überflüssigen Vorrath von allen Bedürfnissen hatte, welche die Insel lieferte. MeinKorn und Reis, nebst den vorerwähnten Früchten, machten mir die Jagd weniger nothwendig, so wie auch die jungen Tauben, die Taubeneier, dieSchildkröten und ihre Eier ebenfalls dazu beitrugen, mir mein Pulfer ersparen zu helfen, womit ich sehr haushälterisch war. Die wichtigste Arbeit war, ein Feld zu bestellen, um eine neue Saat auszustreuen. Ich beschloß eben soviel zu säen als das letzte Mal, aber nicht im Raume meines Landhauses, weil die Umzäunung jetzt zu viel Schatten machte. Dies nöthigte mich zwar, den Acker einzufriedigen, allein ich that es mit den Stäben von dem Baume, der so schnell und gerne wuchs, indem ich sie einen Zoll dick und vier Fuß lang schnitt und fünf Zoll weit auseinander, zwischen selbige aber nur ganz dünne Zweige setzte. Dann grub ich drei Stücke neben einander um, nämlich zwei für Waizen und Gerste, und eines für Reis. Diese Stücke, welche ich nachher immer beibehielt, doch untereinander abwechselte, lagen auf meinem Wege nach dem Landhause, ungefähr 300 Schritte von meiner Felswand, doch mehr links als das erste Mal, wo ich Mißwachs hatte.

Während dem ich mich mit allem diesem beschäftigte, nahete sich die Regenzeit der Herbst nachtgleiche, und ich begieng am 30. September, auf eben die feierliche Weise, wie das erste Mal, den Jahrstag [184] meiner Ankunft auf dieser Insel, auf der ich mich bereits zwei Jahre befand, und nicht mehr Aussicht hatte befreit zu werden, als damals. Ich dankte Gott von Herzen für alle seine Wohlthaten, für die vielen Annehmlichkeiten und Erleichterungen, die er mir in diesem Jahre geschenkt, und besonders dafür, daß er mir den Mangel an menschlicher Gesellschaft, durch die Mittheilung seiner Gnade erträglicher machte, mich unterstützte, tröstete und aufmunterte, mich hier fest auf seine Vorsehung zu verlassen, und dort auf seine ewige Gegenwart zu hoffen; ich fieng an es innigst zu fühlen, daß mein Leben jetzt weit glücklicher war, als da ich ohne Religion, ohne Gefühl und ohne Bewußtseyn höherer Dinge, wie im Taumel, den größten Theil meiner Tage verlebte. Vormals, wenn ich auf die Jagd oder sonst ausgieng, überfiel mich, mitten in der größten Ruhe, plötzlich wie ein Sturm eine wahre Seelenangst über meinen Zustand, wenn ich alle die Felsen, Berge, Wälder und Einöden anblickte, wo ewiges Schweigen herrschte, wo ich von den unermeßlichen Schranken des Ozeans ohne Rettung eingeschlossen und von der ganzen übrigen Welt getrennt war; ich rang die Hände, und sah die Erde mit starren Blicken an, bis ich wie ein Kind weinte, wodurch der Schmerz, der sich selbst er schöpft zu haben schien, vorübergieng. Jetzt aber las ich täglich das Wort Gottes, und machte von allen seinen Tröstungen die Anwendung auf meinen Zustand; meine Schmerzen, meine Freuden, meine Neigungen waren ganz verändert, ich bekam an ganz andern Dingen [185] Geschmack, und meine Vergnügungen waren vollkommen neu.

Fußnoten

1 Unter den vielen Uebersetzungen, Bearbeitungen, Nachahmungen und Beurtheilungen des Robinson Crusoe, ist oft gesucht worden, die Menschenfresserei der Wilden zu bezweifeln oder gar abzuläugnen, und sie bloß für einen Wahn der damaligen Zeit zu erklären. Aber noch erst kürzlich erfahren wir aus Krusensterns Reise, daß die Bewohner der Insel Nukahiwa in der Südsee wirkliche Anthropophagen sind.

Eilfter Abschnitt

Eilfter Abschnitt.

Der Schiffsbau.


Während dieser ganzen Regenzeit gieng ich beinahe nicht ausser meine Pfähle, denn es fehlte mir nicht an Beschäftigung, und unter der Arbeit lehrte ich meinenPapagei sprechen, der nun gar vertraut mit mir zu werden anfieng; er lernte bald seinen eigenen Namen:Poll, aussprechen. Bald lernte er auch meinen Namen: Robinson, nebst andern schmeichelhaften Worten reden, so daß ich die größte Freude an ihm hatte; und welch eine Wollust war es für mich, nach mehr als zwei Jahren ein ausgesprochenes Wort von einer andern als meiner eigenen Stimme zu hören! So kurz und unbedeutend unsere Unterredung war, so hatte ich doch nun jemand um mich, der mich zu verstehen schien, mit dem ich vertraut redete, und der mir zuweilen, statt der Antwort, ein Robinson oderPoll dazwischen plauderte.

Die irdenen Gefäße, die ich gemacht hatte, reichten zu meinem Bedürfnisse nicht hin; sie waren zu klein, selbst das, worin ich kochte, enthielt kaum soviel als ich für eine Mahlzeit bedurfte; die andern neuen waren noch kleiner. Die übrigen Gefäße, die ich hatte, [186] bestanden in zwei Fäßchen, die fast ganz voll Rum waren; zwei Pulfer-Tönnchen, die ich ausleerte, als ich mein Pulfer vertheilte, und jetzt mit andern Dingen angefüllt waren; zwei andere vollePulferfäßchen in meinem Magazin, worin das naß gewordene Pulfer war; zwei Fäßchen voll Gewehrkugeln; etwa ein Dutzend gläserne Flaschen, theils runde, theils viereckigte; letztere gehörten zu den verschiedenen geretteten Flaschenfuttern, und enthielten Kordialwasser und andere gebrannte Wasser; endlich einen großen Kessel aus dem Schiffe, der aber viel zu groß war, um für mich allein zu kochen.

Das Erste, was ich vornahm, waren zwei Körbe, die ich bei der Töpferarbeit brauchen wollte. Dann gieng ich an diese und machte zwei große und einige Dutzend kleinere Gefäße. Als ich die großen mit vieler Sorgfalt geformt hatte, und sie so weit getrocknet waren, daß ich sie bewegen konnte, setzte ich sie in jene beiden Körbe, die ich dazu bestimmt hatte, so daß ich nun, ohne sie anzufassen, selbige hin und her bewegen konnte; die übrigen setzte ich auf Bretter, um im Schatten auszutrocknen, bis ich sie nach verlaufener Regenzeit an die Sonne setzen konnte.

Nach diesem bemühte ich mich, ein größeres Faß als meine Tönnchen zu machen; ich zimmerte und hobelte, und machte Dauben, Böden undReife, konnte aber nie dazu gelangen, die Böden einzusetzen oder die Dauben so dicht zusammenzupassen, daß sie Wasser gehalten hätten; ich schlug sogar eins der leeren Pulferfäßchen auseinander, um desto genauer zu untersuchen, [187] wie sie gemacht waren, allein es wollte mir nicht gelingen; ich mußte zum erstenmal eine Arbeit ungefertigt aufgeben, und hatte selbst noch die größte Mühe, das auseinander geschlagene wieder zusammenzufügen, und zwar nicht so gut, daß es Wasser gehalten hätte.

Mit diesen Bemühungen gieng die Regenzeit zu Ende; ich setzte meine Töpfe an die Sonne, und als sie recht hart gebacken waren, wieder auf ihre Bretter, denn mir war eine ganz andere Unternehmung zu Kopf gestiegen, als meine Töpferwaare zu brennen.

Wenn unsere wesentlichsten Bedürfnisse befriedigt sind, dann erweitern sich unsere Wünsche und Begierden. Jenes ferne Land, das ich auf meiner letzten Entdeckungsreise so deutlich erblickt hatte, kam mir in den letzten Wochen der Regenzeit nicht aus den Gedanken, und ich konnte der Versuchung, es näher kennen zu lernen, nicht widerstehen. Trotz aller Gefahren, welche die große Entfernung, die Unbekanntheit mit der, wahrscheinlich von Kannibalen bewohnten Küste und dergleichen Bedenklichkeiten, mir vorstellten, sann ich doch Tag und Nacht auf Mittel, dahin zu kommen, denn ich bildete mir ein, ich hätte festes Land, eine von gesitteten Menschen bewohnte Gegend erblickt, wo ich leicht Mittel und Wege finden könnte, wieder nach Brasilien oder nachenglischen Besitzungen oder gar nach Europa zu kommen.

Wie sehr wünschte ich jetzt die Schluppe mit dem Gieksegel zu haben, worin ich mit Xury eine Reise [188] von mehr als tausend Meilen, längs der Küste von Afrika gemacht hatte! das hieß das Unmögliche wünschen. Der erste Gedanke nach diesem war, nach dem Boote unsers Schiffes hinzugehen, und zu untersuchen, in welchem Zustande es wäre. Ich schwamm bei niedriger Ebbe, bei der Anfuhrt über die Bucht, und fand es nicht weit von der Stelle, wo es zuerst gelegen hatte; aber jetzt lag es, durch die Gewalt der Stürme und Fluthen umgekehrt, gegen einen hohen Sandhügel angelehnt, ganz auf dem Trockenen. Die Hauptschwierigkeit war, es wieder auf den Kiel zu setzen. Ich gieng daher in den Wald, hieb Hebebäume und Walzen, und brachte sie nebst meinen eisernen Hebeln und andern Werkzeugen zum Boote, um zu versuchen, ob ich es aufrichten und in's Wasser bringen könnte, wo dann der erlittene Schaden leicht wieder auszubessern wäre, und ich ein vortreffliches Boot hätte, um mich auf die See zu wagen. Nach einer vergeblichen Anstrengung sah ich die Unmöglichkeit ein, es von der Stelle zu bringen. Hierauf kam ich auf den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, so daß es von selbst herab auf die Stützen und Walzen fallen mußte; als dies wirklich geschehen war, blieb es mir doch unmöglich, solches vorwärts bis an das Wasser fortzuschieben, und ich war genöthigt, nach einer mühevollen Arbeit von drei bis vier Wochen, die ganze Sache aufzugeben.

Aber der mißlungene Versuch fachte nur desto mehr meinen Muth und meine Begierde an, und ich nahm [189] mir vor, selbst ein Boot, das ist, wie die Indianer, ein Kanot, zu machen, indem ich dasselbe zuerst von aussen bezimmerte, und dann mit Feuer inwendig aushöhlte, wie ich es mit meinem Mörser gemacht hatte. Dies hielt ich nicht nur für möglich, sondern sogar für leicht, und weidete mich schon an dem Gedanken, wie viel mehr Bequemlichkeit ich hätte als alle Neger und Indianer, die den Gebrauch des Eisens nicht kannten; freilich hätte ich auch überlegen sollen, daß, wenn ich auch das schönste Kanot zu Stande gebracht haben würde, es mir wegen Mangel an Beistand, unmöglich seyn werde, solches in's Wasser zu lassen, und daß dieser Mangel eine weit größere Schwierigkeit für mich sey, als der Mangel an Werkzeugen für die Wilden. Man sollte denken, daß wenn ich anders die vergebliche Mühe, die ich kürzlich mit der Schluppe hatte, nicht ganz und gar vergessen hätte, die Möglichkeit, das Boot ins Wasser zu bringen, mein erster Gedanke hätte seyn sollen, da es weit leichter war, damit 50 Meilen über See zu fahren, als es 50 Ellen weit über Land zu schieben, um es flott zu machen. Statt dessen fieng ich es mit diesem Boot so thöricht an, als ein Mensch, der seiner Sinne nicht mächtig ist, und wenn mich bisweilen der unwillkommene Gedanke an die Schwierigkeit, das Boot in's Wasser zu bringen beunruhigte, so beseitigte ich ihn mit der Antwort: »Laß nur erst das Boot fertig seyn, das Uebrige wird sich schon finden;« und es fand sich auch nachher, daß ich das schönste Boot auf festem Grund und Boden besaß, das aber nie flott gemacht werden [190] konnte. Das hieß also wohl eine Sache sehr verkehrt anfangen.

Mit einem Wort, mein Eigensinn behielt die Oberhand; ich suchte, und fand eine der schönsten Zedern, und zweifle sehr, daß Salomo eine ähnliche zum Tempelbau in Jerusalem gehabt habe. Der Durchmesser des Stammes, zwei Fuß über der Erde, betrug 5 Fuß 10 Zoll, und in einer Höhe von 22 Fuß betrug er noch 4 Fuß 10 Zoll, wo er allmählig dünner ward, und sich in die Aeste verzweigte. Zwanzig Tage hackte ich an dem Stamme, um ihn zu fällen;vierzehn Tage um ihn von den Aesten und Zweigen zu reinigen, und die weit ausgebreitete Krone abzuhauen; und nicht weniger als einen ganzen Monat, ihm die äußere bauchförmige Gestalt eines Boots zu geben, damit es aufrecht auf dem Wasser schwimmen konnte. Endlich kostete es mich einVierteljahr, die inwendige Aushöhlung zu machen und auszuarbeiten, daß ein vollkommenes Boot daraus wurde, und das that ich ohne Feuer, bloß mitBeil, Schlegel und Meißel.

Wie ich nun damit fertig war, hatte ich auch eine herzliche Freude daran, denn das Boot war wirklich viel größer und besser als irgend ein aus einem einzigen Baume gemachtes Kanot, das ich je gesehen hatte, und konnte 26 Mann fassen, folglich war es mehr als hinreichend, um mich und alle meine Güter aufzunehmen. Manchen Tropfen Schweiß hatte es mich gekostet, und wäre mir's gelungen, es flott zu machen, so hätte ich wahrscheinlich die tollste Reise gewagt und mich in's tiefste Elend gestürzt.

[191] Es lag zwar nicht weiter als 50 Ellen vom Wasser, aber es gieng gegen das Ufer etwas bergan, doch darum ließ ich den Muth nicht sinken; wer läßt sich die Mühe verdrießen, wenn er für seine Befreiung zu arbeiten glaubt? Dies gab mir die Entschlossenheit, die Anhöhe wegzuräumen und nach dem Strande hin abhängig zu machen. Allein das half nichts, denn ich konnte das Kanot nicht von der Stelle bringen. Hierauf nahm ich mir vor, einen Kanal vom Ufer bis an das Boot zu graben, und maß die Entfernung sorgfältig aus, berechnete die erforderliche Tiefe und Breite, und am Ende meines Ueberschlags fand ich, daß ich mit meinen zwei Händen wenigstens zehn Jahre bedürfe, um den Kanal zu vollenden, denn das Ufer lag so hoch, daß ich am höhern Ende 20 Fuß tief hätte graben müssen. Alle meine Anschläge, Anstrengungen und Beschwerlichkeiten waren nicht vermögend, mein Kanot flott zu machen, und so sehr es mich schmerzte, war ich doch gezwungen, mein Unternehmen aufzugeben. Jetzt erst, aber leider zu spät, sah' ich meine Unbesonnenheit ein, und welche Thorheit es ist, ein Werk anzufangen, ehe man gehörig erwogen hat, ob unsere Kräfte zur Ausführung hinreichen, und wir die Kosten bestreiten können.

Während diesen Arbeiten hatte ich gleichwohl nicht unterlassen, von Zeit zu Zeit mein Landhaus und mein Kornfeld zu besuchen, denn ich hatte Ursache zu befürchten, daß ich wieder mit den vierfüßigen und geflügelten Korndieben zu schaffen haben würde. Nach der Regenzeit hatten aber die Stäbe und Schößlinge [192] hinlänglich ausgeschlagen, um diese durch jene verflechten und das Feld vor Gewild sichern zu können; und ohne abzuwarten bis das Geflügel herbei käme, machte ich aus alten Lumpen etwa ein Dutzend Vogelscheuchen, die ganz meine Erwartung erfüllten.

Als nun die Erndtezeit gekommen war, brachte ich den reichen Vorrath an Baum- und Erdfrüchten und gedörrten Trauben nach Hause, und beschloß, in Zukunft nur einmal und zwar in der letzten Hälfte des Jahrs zu säen, weil die Hitze nicht so groß ist, als in der ersten, und ich also bei meiner Arbeit weniger davon zu leiden, noch zu befürchten hatte, daß mein Korn verdorre.

Einige Tage nachdem ich mit dem Einsammeln fertig war, fieng die Regenzeit an, und nun hatte ich Muße genug zu bereuen, daß ich beinahe eine ganze Jahrszeit verloren hatte, um mit unsäglicher Mühe eine Thorheit zu begehen.

Ich benutzte jetzt die Monate meiner Einsperrung, um meine Töpferarbeit zu brennen, welche auch sehr zu meiner Zufriedenheit ausfiel, und mir vielerlei Bequemlichkeit gewährte. Auch hatte ich schon längst gewünscht, eine Tabackspfeife zu haben; wie gerne hätte ich einen guten Theil von meinem Gelde für ein Dutzend dergleichen gegeben? Wir hatten zwar auf dem Schiffe Pfeifen gehabt, allein ich war theils so sehr auf wichtigere Dinge aufmerksam, daß ich sie anfänglich vergaß, theils, weil ich nicht wußte, daß Taback auf der Insel war, sie vernachlässigte, und nachher, als ich darnach suchte, keine mehr finden[193] konnte, woran wahrscheinlich zuletzt meine große Eile schuld war, und die, welche ich mit auf die Insel gebracht hatte, war mir durch Zufall zerbrochen; jetzt machte ich mir eine aus meinem gewöhnlichen Thon; sie war freilich ein ungestaltes Ding, ziegelroth gebrannt wie andere Töpferwaare von meiner Fabrick, da sie aber doch hart war und den Rauch vortrefflich durchließ, so war ich so sehr darüber vergnügt, daß ich über wenige von meinen Erfindungen und Künsteleien eine so große Freude empfunden habe.

Nach diesem setzte ich während ganzer fünf Jahre meine Lebensweise auf ähnliche Art fort. Ich baute zu seiner Zeit meine Felder und sammelte Waizen, Gerste, Reis, ferner Trauben, Pomeranzen, Limonien und Melonen ein, gieng auf die Jagd und den Fischfang; war Zimmermann, Töpfer, Korbflechter und was sonst das Bedürfniß verlangte. Ich feierte dieSonntage, Weihnachten und Neujahrstage, und besonders den Jahrstag meiner Ankunft auf der Insel. Meine Tinte war schon längst alle, so daß ich nicht mehr das, was mir Merkwürdiges begegnete, aufschreiben konnte. Da ich damit sehr umständlich gewesen war, so ergötzte ich mich zuweilen mit dem Durchlesen meines Tagebuchs, und es fiel mir auf, daß zufällig die Tage zusammentrafen, an welchen mir etwas Besonderes begegnet war, so daß ich, wenn ich abergläubisch gewesen wäre, ich wohl Ursache genug gehabt hätte, gewisse Tage für glücklich oder unglücklich zu halten.

An eben dem Monatstage, zum Beispiel, da ich[194] meine Eltern und Freunde verließ, und mich in Hull einschiffte, ward ich von dem Saleeschen Seeräuber gefangen und zum Sklaven gemacht. An eben dem Tage, da ich aus dem Schiffbruche auf der Rhede von Yarmouth gerettet ward, entkam ich auch mit dem Boote aus Salee. An meinem sechsundzwanzigsten Geburtstage, den 30. September 1659, ward mein Leben auf eine so wunderbare Weise bei dem Schiffbruche erhalten, als ich an das Ufer dieser Insel verschlagen wurde, so daß also mein gesellschaftliches und mein einsames Leben aneinem Tage begannen.

Ich lebte hier in der Einsamkeit wirklich besser, als ich vorher in der Gesellschaft gelebt hatte, und wenn mich auch zuweilen – was eben so natürlich als verzeihlich war – die Sehnsucht nach Umgang mit Menschen anwandelte, so beruhigte ich mich mit dem Gedanken, daß die Beschäftigungen mit mir selbst, und der Umgang mit Gott, dem vollsten Genuß der menschlichen Gesellschaft weit vorzuziehen sey. So lebte ich denn ganz zufrieden, da mein Gemüth durch die Ergebung in den Willen Gottes beruhigt war, und ich mich seiner Führung gänzlich überließ. Ich betrachtete die Welt als einen sehr entfernten und mir ganz fremden Aufenthalt, mit dem ich nichts mehr zu thun, von dem ich nichts zu erwarten noch zu wünschen hatte; sie kam mir gewissermaßen so vor, wie sie uns einst in der Ewigkeit vorkommen mag, nämlich als ein Ort, wo ich einige Zeit gelebt, nun aber längst verlassen habe, und ich [195] konnte wohl zu ihr sagen: »zwischen mir und dir ist eine große Kluft befestigt.«

Meine Hauptbeschäftigung während diesen fünf Jahren war, ein anderes Kanot zu bauen, denn das erste mußte ich als ein Denkmal meiner Unbesonnenheit liegen lassen wo es war, und es diente mir jetzt zur Warnung für die Zukunft. Ich war diesmal denn auch klüger; zwar konnte ich keinen tauglichen Baum finden, der näher am Ufer gewesen wäre, denn die Insel war entweder mit einem Felsenriffe oder mit Dünen umgeben, und die Vegetation fieng erst eine gewisse Strecke vom Strande an; ich mußte also weit landeinwärts suchen, gieng aber längs dem Ufer des Bachs, wo ich mit den Flößen gelandet hatte, und fand endlich, etwa 30 Schritte davon, was ich suchte. Ich fällte, bezimmerte und höhlte den Baum, grub dann einen Kanal, der 6 Fuß breit und 4 Fuß tief war, und brachte mein Kanot glücklich in den Bach, und von da an die Anfuhrt in der Bucht; nicht weniger als zwei Jahre brachte ich mit dieser ganzen Arbeit zu, und obgleich mein Fahrzeug viel zu klein war, um das 50 Meilen entfernte feste Land zu erreichen, so wußte ich mich doch kaum vor Freude zu fassen, als ich es flott und vortrefflich schwimmen sah. Hierauf machte ich an beiden Seiten meines Boots Kästchen und Behältnisse, um darin Pulfer und Blei, Proviant und andere Bedürfnisse, sowohl vor dem Regen als dem Spritzen der Wellen trocken zu erhalten, auch machte ich eine besondere Höhlung mit einer Klappe, um meine Flinte hineinzulegen, und vor Nässe zu sichern. Ferner [196] setzte ich einen Mast ein, machte aus meinem großen Segelvorrath ein dreieckigtes Segel, brachte ein Steuerruder an, das ich nicht ohne Mühe in acht Tagen zu Stande brachte, versah das Boot mit einem Dreganker, und fand bei dem ersten Versuche, daß es vortrefflich segeln würde. So machte ich denn von Zeit zu Zeit eine kleine Fahrt auf der Bay herum, denn ich wagte mich nicht in die offene See.

Zwölfter Abschnitt

Zwölfter Abschnitt.

Entdeckungsreise zu Wasser.


Endlich konnte ich doch der Begierde, rings um die Insel zu fahren, und den ganzen Umfang meines kleinen Königreichs zu besehen, nicht länger widerstehen, denn da ich schon eine Landreise bis an die andere Seite der Insel gemacht hatte, so erregten die damaligen Entdeckungen in mir den Wunsch, auch die andern Theile der Küste zu sehen, und dazu war mein Boot vortrefflich. Ich beschloß also, diese Entdeckungsreise nicht länger aufzuschieben.

Zu diesem Ende versah ich mein Fahrzeug hinlänglich mit Mund- und Schießvorräthen, mit zwei großen Ueberröcken, welche sonst den Matrosen auf der Wache gedient hatten, sowohl um darauf zu liegen als mich in kühlen Nächten damit zu bedecken; auf dem Hintertheil steckte ich meinen ausgebreiteten Sonnenschirm, [197] um bei Tage die ausserordentliche Hitze abzuhalten, und so begab ich mich am 6. November im siebenten Jahre meines Königreichs oder meiner Gefangenschaft an Bord, und segelte ab; allein diese Reise nahm eine ganz andere Wendung, als ich vermuthet hatte.

Als ich die Bay hinaus gesegelt war, bemerkte ich an der südlichen Seite ein Felsenriff, das sich zwei Meilen weit in die See erstreckte, von dem einige Klippen über, andere unter der Wasserfläche waren. Am Ende des Riffs lief eine trockene Sandbank in gleicher Richtung noch eine gute Meile weiter in's Meer hin, so daß ich einen großen Umweg machen mußte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte. Diese unwillkommene Entdeckung nöthigte mich, wieder dem Lande zuzusteuern, und dort zu ankern. Hierauf nahm ich meine Flinte, stieg ans Land, und dann auf einen Hügel, von dem ich das ganze Felsenriff übersehen konnte. Hier bemerkte ich nun einen heftigen Strom, der von der Nordküste der Insel kam, und nach Südost, sehr nahe an der äussersten Spitze der Sandbank hinlief. Die genaue Beobachtung dieser Strömung war für mich von der höchsten Wichtigkeit, denn wenn sie mein Fahrzeug nur berührte, so mußte es von ihrer Gewalt ergriffen, und in die weite See hinausgetrieben werden, so daß ich die Insel aus den Augen verlieren und kaum mehr wieder erreichen würde. Von der Südseite kam ein ähnlicher Strom, dessen Richtung Ost-Nordost war, der sich aber viel weiter von der Sandbank entfernte, sich aber nothwendig in der Entfernung [198] von einigen Meilen mit dem nördlichen Strom vereinigen mußte. Das Wasser beider Ströme war sehr trübe, das übrige aber helle und zwischen denselben ohne sonderliche Bewegung. Diesen Beobachtungen zufolge mußte ich so nahe an der Sandbank hinsteuern, als es ohne Gefahr zu stranden möglich war, um nicht in den nördlichen Strom zu fallen, und durch ihn fortgerissen zu werden; dann mußte ich nahe an der Sandbank die Spitze umsegeln, um auch an der Südseite zwischen der Strömung und der Küste zu bleiben. Allein der Südostwind war dem nördlichen Strom gerade entgegen, wehete frisch und verursachte daher eine heftige Brandung an dem Riff und an der Sandbank. Aus dieser Ursache war es unmöglich, die Reise fortzusetzen, denn wegen der Brandung war es sehr gefährlich, mich nahe an das Ufer zu halten, und wegen der Strömung durfte ich mich nicht weit davon entfernen. Ich blieb zwei Tage in einer kleinen Einbucht an der Küste liegen, aber den dritten Tag, da der Wind sich in der Nacht gelegt hatte und die See ganz ruhig schien, gieng ich gleich nach Aufgang der Sonne unter Segel. Allein mein Beispiel möge unbehutsamen Seefahrern zur Warnung dienen! Kaum war ich an die Spitze jener Sandbank gekommen, und nur die Länge meines Boots von ihr entfernt, als der Strom dasselbe ergriff, und mit solcher Heftigkeit fortriß, daß alle meine Bemühungen vergeblich waren. Die Tiefe war weit größer als die Länge meines Kabels; kein Wind regte sich, um mir durch Segeln aus der Strömung zu helfen, und diese war so stark, [199] daß mein Ruder nichts dagegen vermochte. Jetzt schien ich verloren, denn nach dem Zusammenfluß beider Ströme mußten sie mich mit vereinter Kraft so weit in die See hinaustreiben, daß mein Untergang unvermeidlich schien; zwar nicht der See wegen, denn die war – ausser den Strömen – ruhig, aber wegen Mangel an Lebensmitteln, welche in zwei Dutzend Broden, einem Topf voll geröstetemReis, das beinahe meine tägliche Kost war, einer halben gebratenen Ziege, einer Schildkröte, die ich Abends zuvor gefangen, und einem großen Kruge voll frischen Wassers bestanden; aber wie gering war das gegen den unermeßlichen Ozean, wenn ich auf mehrere tausend Meilen hinausgetrieben wurde, wo ich kein Land zu finden hoffen konnte. Nun sah ich, wie leicht es ist, aus einem elenden Zustande in einen noch elendern zu gerathen. Nun blickte ich nach meiner öden verlassenen Insel, als dem angenehmsten Aufenthalt zurück, und mein wünschenswerthestes Glück, meine größte Sehnsucht war, wieder daselbst zu seyn; ich fühlte es sehr tief, daß wir den Werth einer Sache nie gehörig zu schätzen wissen, bis wir ihrer beraubt sind; ich streckte meine Hände nach ihr und rief: o du glückselige Einöde! wie undankbar war ich, daß ich dich verließ! o! gelangte ich wieder zu dir, nie, nie wollte ich dich wieder verlassen! Soll ich dich nie wieder sehen? Wirklich war ich über 15 Meilen von ihr entfernt, und konnte sie kaum noch erkennen; hätte ich sie ganz aus dem Gesichte verloren, oder wäre eine Wolke oder düsteres Wetter dazwischen gekommen, so würde ich nie gewußt haben, in welcher [200] Richtung ich wieder auf sie zusteuern sollte, denn ich war so unvorsichtig gewesen, keinen von meinen Kompassen mitzunehmen, weil ich nur längs der Küste hinzusteuern dachte. Meine Kräfte waren von rudern und Angst erschöpft. Endlich gegen Mittag spürte ich ein kleines Lüftchen in meinem Gesicht, das mir wieder Muth einflößte; eine Viertelstunde darauf erhob sich ein sanfter Südostwind, ich richtete sogleich meinen Mast auf, setzte mein Segel bei, und arbeitete, aus dem Strome zu kommen; sah auch bald, daß derselbe nicht mehr so trübe und heftig war, und eine andere Richtung nahm, indem er sich an einigen östlich liegenden Klippen brach und theilte, so daß der Hauptstrich dieselben in Nordost liegen ließ und südlich lief, der andere hingegen prellte von der Klippe ab, und strömte erst schwach, dann stärker nach Nordost; so trieb und segelte ich, von Fluth und Wind begünstigt, sehr schnell dem nördlichen Theil der Insel zu. Nachdem ich mit Hülfe dieses Gegenstroms einige Meilen fortgesteuert hatte, bemerkte ich, daß derselbe sich von der Küste entfernte und mich zu weit nördlich ableiten würde, so daß ich in Gefahr stand, die Insel zu verfehlen; ich benutzte daher den zunehmenden Wind, lenkte etwas westlicher, und kam bald aus dem Strom in stilles Wasser. Jetzt gieng meine Fahrt nicht mehr so schnell, ich war aber derselben nun völlig Meister, und kam gegen sechs Uhr Abends an das nördliche Ufer meiner lieben Insel. Nachdem ich etwa drei Meilen längs demselben westlich hingesegelt war, um eine sichere Bucht zu finden, fand ich eine sehr gute Einfuhrt, deren Mündung [201] eine halbe Meile breit seyn mochte, die aber immer schmäler und endlich bloß ein kleiner Fluß wurde; hier lief ich ein und befestigte mein Fahrzeug an einer bequemen Stelle, die im Schatten einiger Bäume, mit Fleiß für dasselbe gemacht zu seyn schien.

Sobald ich den Fuß auf das Land gesetzt hatte, überfiel mich eine so lebhafte Freude über meine Rettung, daß ich Gott auf den Knieen dafür dankte. Nur derjenige, der von der unvermeidlichsten Todesgefahr geängstiget, aus Mörderhänden gerettet, oder auf dem Schaffot unverhofft begnadigt wird, nur der kann sich ungefähr eine Vorstellung von meinem Entzücken machen, und ich nahm den festen Entschluß, nie wieder daran zu denken, mich auf die offene See zu begeben. Nachdem ich mich erholt und durch Speise erquickt hatte, legte ich mich ganz ermattet im Schatten der Bäume nieder, und schlief bald ein.

Des andern Morgens überlegte ich während dem Frühstück, wie ich meine Rückreise antreten sollte. Ich entschloß mich, mein Fahrzeug hier zu lassen, und den Rückweg zu Fuße zu machen; ich nahm nichts als meine Flinte und meinen Sonnenschirm mit, denn die Hitze war sehr groß. Da ich mir schon früher vorgenommen hatte, die Entdeckung der Ost- undNordküste meiner Insel dergestalt zu vollenden, daß ich wieder zu dem Grenzpfahl gelangte, den ich aufgerichtet hatte, so nahm ich jetzt meinen Weg nach West, und nach zwei Stunden entdeckte ich mein Zeichen, wie ich es aufgestellt hatte. Nachdem ich die größte Hitze über im Schatten einiger Bäume ausgeruht hatte, setzte [202] ich meine Reise fort, und kam gegen Abend auf meinem Landsitz an, stieg wie gewöhnlich über den Zaun, legte mich im Schatten nieder, um auszuruhen, und von der Hitze und dem weiten Weg ermüdet, schlief ich bald ein.

Wer kann sich mein Entsetzen lebhaft genug vorstellen, als ich durch eine Stimme aufgeschreckt wurde, die mich verschiedene Male bei meinem Namen rief: Robin! Robin! wo bist du? Robin, wo kommst du her? armer Robinson Crusoe, wo bist du gewesen? Ich war in einen so tiefen Schlaf gesunken, daß ich nicht ganz davon erwachte, sondern halb wachend, halb schlafend, durch ängstliche Träume beunruhigt ward, bis endlich das wiederholte Rufen:Robin, Robinson Crusoe! mich völlig erweckte. Als ich nun überzeugt war, daß mich kein Traum täuschte, weil das Rufen immer fortdauerte, so wäre ich vor Todesangst beinahe gestorben, wenn ich nicht meinen Poll auf dem Zaune bemerkt hätte, der sich in seinem Geplauder nicht stören ließ, auch gleich zu mir kam, als ich ihn rief, sich auf meinen Finger setzte, seinen Schnabel dicht an meine Wangen schmiegte und fortfuhr zu rufen: Robin, armer Robinson! wo bist du gewesen? wo kömmst du her? u.dgl., denn anfangs, wenn mich die Betrübniß über meine verlassene Lage anwandelte, waren dies meine gewöhnlichen Ausrufungen, die denn Poll von mir gelernt hatte. Obgleich ich nun wußte, daß niemand anders als er es war und seyn konnte, so stand es doch eine gute Weile an, ehe ich mich recht von meinem Schreck erholte, denn [203] ich konnte gar nicht begreifen, und kann mirs noch jetzt nicht erklären, wie das Thier so weit von meiner Wohnung, und gerade hierher kam; das gesellige Geschöpf machte sich nichts daraus, sondern setzte sein Geschwätz und seine Schmeicheleien fort, gerade als wenn es, vor Freude mich wieder zu sehen, ganz entzückt gewesen wäre. Den andern Morgen nahm ich's mit nach Hause und stutzte ihm ein wenig die Flügel.

Nun ruhete ich mehrere Tage von meinen Fährlichkeiten zu Wasser und zu Lande aus, und hatte Zeit genug, die Gefahr zu überdenken, in der ich mich befunden hatte. Freilich hätte ich gar zu gerne mein Boot in der Nähe meines Wohnsitzes gehabt, aber der bloße Gedanke an die heftigen Seeströme machte, daß mir das Herz vor Angst pochte, und das Blut in den Adern gerann. So mußte ich also zufrieden seyn, und mein Fahrzeug, daran ich über zwei Jahre gearbeitet hatte, ehe ich es brauchen konnte, in so weiter Entfernung lassen, als ob ich keines gehabt hätte.

Dreizehnter Abschnitt

Dreizehnter Abschnitt.

Die Ziegenheerde.


Ich lebte ungefähr sechs Jahre in Stille und Einsamkeit vor mich hin, und da ich durch Ergebung in den göttlichen Willen vollkommen getröstet, gestärkt und über meinen Zustand beruhigt war, so fühlte ich mich, auch ohne menschliche Gesellschaft, recht glücklich.

[204] Der ernsthafteste Stoiker würde gelächelt haben, wenn er mich mit meinen Hausgenossen bei Tische gesehen hätte. Vorerst war ich König, und Besitzer der ganzen Insel, unumschränkter Herr über Leben und Tod aller meiner Unterthanen. Ich hielt Tafel wie ein Monarch, und speisete ganz allein in Gegenwart meines ganzen Hofstaats. Poll war mein Günstling, und hatte allein die Erlaubniß zu sprechen, von der er beliebigen Gebrauch machte. Er saß gewöhnlich auf der Lehne meines Stuhls, und nahm sich auch wohl die Freiheit, mir auf die Schulter zu steigen. Treu, mein Hund, saß mir wie ein bejahrter treuer Diener zur Rechten, und genoß aus meinen Händen die Belohnung seiner Anhänglichkeit; er war lange Jahre mein ergebener Gefährte gewesen; was er mir holen konnte, das durfte mir nicht fehlen, und an Unterhaltung ließ er es auch nicht ermangeln; es fehlte ihm nichts als die Sprache; jetzt war er alt und gebrechlich, und hatte, zu meinem Bedauern, nicht seines Gleichen gefunden, um sein Geschlecht fortzupflanzen. Meine beiden Katzen suchten, wie ein paar Hofschranzen, mit gekrümmtem Buckel meine Gnade zu erschmeicheln, lauerten auf einen gnädigen Bissen und zankten sich knurrend darum, wenn ich ihnen den zuwarf. Das waren aber nicht mehr die Katzen, die ich vom Schiffe gebracht und längst mit eigenen Händen begraben hatte, sondern eine Nachkommenschaft von ihnen, welche anfangs so zahlreich wurde, daß sie mir beschwerlich fielen, in meine Wohnung kamen, plünderten und raubten, bis ich endlich genöthigt war, auf sie zu [205] schiessen und sie auszurotten; endlich verliessen sie mich, und liefen in den Wäldern herum, und ich hatte nur diese zwei, ein Männchen und Weibchen, zahm gemacht und zu meinem Vergnügen behalten.

Zu dieser Zeit – es war bereits das eilfte Jahr meines Hierseyns – hatte ich auch schon eine Heerdezahmer Ziegen, welche sich, so oft ich zu ihnen kam, mit geselliger Zutraulichkeit an mich drängten und mir das Futter aus den Händen fraßen; sie waren mein größter Reichthum, und brachten mir eben soviel Vergnügen als Nutzen und Annehmlichkeit in meine Haushaltung. Es mochten ungefähr fünf Jahre seyn, als ich merkte, daß mein Pulfer auf die Neige gieng, denn ich war schon genöthigt gewesen, eins der naß gewordenen Tönnchen zu meinem Gebrauche zu öffnen, worin sich ungefähr noch 30 Pfund gutes Pulfer befanden, der Rest war durch das eingedrungene Seewasser zusammen gebacken, und nachdem es getrocknet, steinhart und unbrauchbar geworden, denn nach verschiedenen gemachten Versuchen wollte es sich nicht mehr entzünden; ich warf es also weg, und vertheilte das gute wieder in meinen Säckgen an vielen Stellen, wo es trocken und sicher lag. Ich fieng nun ernstlich an zu überlegen, was ich anfangen wollte, wenn ich kein Pulfer mehr hätte, das ich auf keine Art zu ersetzen wußte; wie sollte ich Ziegen und Vögel schießen? wie sollte ich mich im Fall der Noth vertheidigen? und soweit durfte ich es doch auf keinen Fall kommen lassen. Ich war nun ernstlich darauf bedacht, Ziegen zu fangen. Zwar hatte ich deren schon zwei gehabt; die eine [206] war schon längst vor Alter gestorben, und die andere war auch bereits ziemlich alt. Ich hatte keinen andern Nutzen als das Vergnügen geselliger Hausthiere an ihnen gehabt, und sie zu schlachten konnte ich daher nie übers Herz bringen; es wollte mir nie gelingen, ein junges Böckgen dazu zu bekommen, denn sie waren weit wilder als die Weibchen, und wenn ich auf sie schoß, so verwundete ich sie zu stark oder nicht genug, so daß sie entweder todt blieben oder davon liefen.

Jetzt da die Noth gebot, legte ich ihnen Schlin gen, um sie zu fangen, besonders hätte ich gerne eine trächtige Ziege gehabt; es mochten sich auch wohl mehrere darin verwickelt haben, aber meine Stricke waren zu mürbe, und wenn ich eine Beute zu lösen glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen und die Lockspeise weggefressen. Ich versuchte es also mit Fallgruben, und machte in den Gegenden, wo die Ziegen gewöhnlich weideten, verschiedene lange und tiefe Gruben, legte ein Geflechte von dünnen Ruthen darüber, bedeckte dieses mit einem schweren Steine und mit Gras, streute Reis und Getreide darüber, und nach mehrern mißlungenen Versuchen gelang es mir, in der einen Grube einen alten Bock, und in der andern drei Zickelchen, ein männliches und zwei weibliche, zu fangen.

Der alte war so wild, daß ich ihm nicht zu nahen wagte, um ihn lebendig zu fangen, und ihn zu tödten war wider meine Absicht, denn das Fleisch der Böcke, besonders der alten, war unangenehm; ich ließ ihn also laufen, und da er sich eben so sehr vor mir fürchtete, als ich mich vor ihm, so rannte er mit großen[207] Sprüngen auf und davon. Damals wußte ich noch nicht oder erinnerte mich nicht daran, daß der Hunger auch Löwen bändigt. Ich hätte ihn nur drei bis vier Tage lang hungern lassen, ihn dann zum Wasser führen und mit Korn füttern sollen, so würde er so zahm wie meine Zickelchen geworden seyn. Diese nahm ich behutsam eins nach dem andern aus der Fallgrube, band sie mit Stricken zusammen, und brachte sie nicht ohne Mühe nach Hause, und es währte mehrere Tage, ehe sie fressen wollten; endlich, als der Hunger sich fühlen ließ, und ich ihnen Gerstenähren vorhielt, reizte sie das zum Fressen, und sie wurden in kurzer Zeit zahm, denn es sind gelehrige und zuthätige Geschöpfe, wenn man sie nur recht zu behandeln weiß.

Jetzt hatte ich also den Anfang einer Heerde und freute mich schon im Voraus, sie um mich her weiden zu sehen, und in Zukunft, ohne mein Pulfer zu vermindern, Ziegenfleisch genug zu haben. Allein ich sah auch, daß, wenn sie sich vermehrte, mein Hofraum nicht groß genug wäre, um ihnen genug Weide zu geben, und sie immer über den Zaun, oder durch den Felsengang in's Freie zu führen, war mir auch zu mühsam, und stand mir desto weniger an, da ich befürchten mußte, daß wenn sie größer wären, sie vielleicht davon laufen würden.

Um diesem vorzubeugen, wählte ich vor allen Dingen einen schicklichen Platz, der hinlänglich Weide, Wasser und Schatten hatte, und beschloß, ihn einzufriedigen, damit weder meine zahmen Ziegen entfliehen, noch die wilden sich hineindrängen, sich mit ihnen vermischen, [208] und sie durch ihre Gesellschaft wieder wild machen möchten. Ich fand ein herrliches Stück Wiesenland, wo eine klare Wasserquelle hervorsprudelte, über Blumen und fettes Gras fortschlängelte, und sich in einen Bach ergoß, der weiterhin dem kleinen Flusse zueilte; das eine Ende stieß an das dicke Gehölze am Fuß der südlichen Bergreihe, das andere dehnte sich in die Ebene, und war etwa tausend Schritte von meinem Landhause entfernt.

Ich fieng nun an dieses Stück einzufriedigen, indem ich wieder von den leichtwachsenden Weidenstäben dazu nahm, und da ich mir meine Heerde schon sehr zahlreich dachte, so wollte ich für die Zukunft arbeiten, um nicht genöthigt zu seyn, den Platz späterhin erweitern zu müssen. Voraussicht ist allerdings eine nützliche, lobenswerthe Tugend, doch aber mit Einschränkung. Der verständige Leser wird mir wohl wenig Klugheit zutrauen, und mich mit vielem Recht auslachen, wenn ich ihm gestehe, daß nach meiner ersten Anlage die Einzäunung nicht weniger als zwei Meilen Umfang bekommen hätte. Er wird bemerken, daß ich die Lehre, die mein altes Kanot mir so warnend zuwinkte, nicht benutzt habe. Die Albernheit bestand nicht in dem Zeitverlust, sondern darin, daß in einem so weitläufigen Bezirke meine Ziegen eben so wild, und eben so schwer zu fangen seyn mußten, als im Freien, und daß es mir wohl selten gelungen wäre, eine zu erhaschen. Mein Zaun war bereits bis an die 100 Ellen fortgerückt, als mir dieser Gedanke erst einfiel; ich hielt sogleich inne, lenkte um, und beschloß, [209] nur einen Platz von 100 Ellen ins Gevierte einzufriedigen. Damit brachte ich beinahe zwei Monate zu, und ließ bei der Arbeit meine jungen Ziegen angebunden um mich herum grasen; ich belustigte mich zuweilen mit ihnen; sie fraßen mir die Gerstenähren oder den Reis aus der Hand, und als der Zaun fertig war, hatte sie der tägliche Umgang schon so zahm gemacht, daß sie mir überall mäckernd nachliefen und um eine Hand voll Körner blökten. Nach anderhalb Jahren bestand meine Heerde aus zwölf, sowohl Böcke als Ziegen und Zickelchen, und zwei Jahre später hatte ich schon zweiundvierzig Stücke, obgleich ich so viel davon geschlachtet hatte, als ich zu meinem Hausbedarf nöthig fand; späterhin fügte ich noch einige kleine Hürden von 25-30 Fuß ins Gevierte hinzu, und machte Thüren, damit ich sie aus dem großen Umfang dahin treiben, einschliessen und besser mästen konnte.

Es gieng mir mit den Ziegen, wie es mit vielen Dingen zu gehen pflegt, ohne ihre ganze Nutzbarkeit zu kennen. Lange hatte ich deren zwei ohne Nutzen; nachher eine Heerde, und begnügte mich, blos von Zeit zu Zeit eine zu schlachten. Ein Zickelchen, das ich saugen sah, führte mich erst lange nachher auf den Einfall, meine Ziegen zu melken. Seitdem erhielt ich täglich ein bis zwei Eimer Milch, und sie ward eines meiner liebsten Lebensmittel. Nach mehreren mißlungenen Versuchen lernte ich auch Butter und Käse machen, und litt nie daran Mangel, obgleich ich vorher nie keine dieser Künste getrieben hatte.

Ich hatte es nun so weit gebracht, daß meine [210] Lebensart viel erträglicher war als vorher. Ich hatte gelernt, meinen Zustand immer mehr von der guten als von der unangenehmen Seite, mehr das was ich hatte, als was mir fehlte, zu betrachten. Ich brachte oft ganze Stunden mit der Vorstellung zu, wie ichs wohl hätte machen müssen, wenn es die gütige Vorsehung nicht so wunderbarer Weise gelenkt hätte, daß das Schiff näher an das Ufer getrieben wurde, daß ich dazu kommen, und alles, was es zu meiner Equickung und Unterstützung enthielt, an das Land bringen konnte. Ohne das hätte es mir an Werkzeugen zum Arbeiten, an Waffen zur Vertheidigung und zur Versorgung mit Lebensmitteln gänzlich gefehlt. Wie ich dann nicht anders als ein Wilder hätte leben, und wenn ich etwa eine Ziege, einen Vogel, eine Schildkröte oder Fische gefangen hätte, ich sie roh wie ein Raubthier mit den Zähnen und Nägeln hätte verreißen, und vielleicht gar hätte umkommen müssen, ehe es mir gelang, dergleichen zu erhaschen. Solche Vorstellungen erfüllten mich mit Dankbarkeit für meine gegenwärtige Lage, bei allen ihren Beschwerlichkeiten und Entbehrungen, und ich empfehle jedem meiner Leser, in allen Umständen zu bedenken, wie viel schlimmer ihr Zustand noch werden könnte, wenn es Gott gefiele, sie darein zu versetzen. Die Vergleichung meiner jetzigen Lage mit dem Zustande, wie ich ihn anfänglich befürchtete, gewährte mir ein so inniges Vergnügen, daß ich es nicht auszudrücken vermag, tröstete und stärkte mich für die Zukunft, und war also für mich von dem größten Nutzen, und würde es wohl für Jeden in einer ähnlichen [211] Lage seyn. All unser Mißvergnügen, über das, was uns fehlt, scheint bloß aus dem Mangel an Dankbarkeit für das zu entspringen, was wir haben.

Meine Lage hatte das Sonderbare, daß viele meiner Leidenschaften weder Nahrung noch Anwendung fanden, und obgleich dies auf einer Seite eine wirkliche Entbehrung war, so fand ich dafür auf der andern Ersatz. Wünsche und Begierden hatten bei mir hier nicht Statt; Herrschsucht, Stolz, Hoffahrt und Habsucht fanden hier keinen Reiz. Ich war Herr über dieInsel und alles was sie enthielt; ich konnte michKaiser oder König nennen; hier war kein Mitwerber, kein Empörer, der mir meine Alleinherrschaft streitig machte; der unersättlichste Geizhals würde von seinem Laster geheilt worden seyn, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre, denn ich besaß mehr als ich brauchte. Schoß ich mehr Gewild als ich nebst meinem Hund und beiden Katzen verzehren konnte, so mußte es unbenutzt verderben; von meinem Reis und Getreide hätte ich ganze Schiffsladungen erhalten können, säete ich aber mehr als ich zu meiner Nahrung bedurfte, so mußte es umkommen; ich ließ daher nicht mehr wachsen, als mein Hausbedarf erforderte; ich hatte Trauben genug, um eine ganze Flotte mit Wein und Rosinen, so wie mit Pomeranzen und Limonien zu befrachten, konnte aber den Ueberfluß nicht genießen; ich hatte Zimmerholz, um eine Flotte zu bauen, fällte ich aber mehr Bäume, als nöthig war, so mußten sie auf der Erde liegen bleiben und verfaulen, denn ich konnte sie zu nichts als zur [212] Feuerung, und zwar bloß zum Kochen brauchen. Mit einem Worte: ich lernte aus Erfahrung, daß alles Gute in der Welt für uns nur insofern und nicht länger gut ist, als wir Gebrauch davon machen können. Den Beweis fand ich an meinen 50 Pfund Sterling, mit denen ich nichts anzufangen wußte; wie gerne hätte ich den ganzen Plunder für eine Hand voll Rübensamen, Bohnen oderErbsen, oder für eine Flasche voll Tinte gegeben, so aber hatte ich nicht den geringsten Vortheil davon, sondern sie hatten Zeit, unbenutzt schimmlicht zu werden, und hätte ich eine Schiffsladung Diamanten gehabt, sie wären für mich ohne den geringsten Werth gewesen, weil sie mir zu nichts dienen konnten. Mein gegenwärtiger Zustand war wohl ganz geeignet, diese und ähnliche Betrachtungen zu veranlassen, denn ich war nun schon so lange hier gewesen, daß viele von den aus dem Schiffe geretteten Dingen entweder ganz oder zum Theil abgenutzt, oder gar nicht mehr vorhanden waren.

Vorzüglich giengen meine Kleider zu Ende, und das war für mich ein wahres Herzeleid, obgleich die Hitze so groß war, daß man keine Kleidung nöthig zu haben schien; allein eben diese Hitze war Ursache, daß ich nicht nackt gehen konnte, denn sie brannte mir an den unbedeckten Stellen oft Blasen auf die Haut, hatte ich aber ein Hemd an, so bewegte es die Luft, wenn sie darunter spielte, und machte mir eine angenehme Kühlung; überdas schützten mich die Kleider gegen die Moskiten oder Stechmücken, die in diesem Klima eine große Plage sind. Eben so wenig konnte ich's ertragen, [213] ohne Hut oder Mütze zu gehen, weil mir sonst die Sonnenstrahlen heftige Kopfschmerzen verursachten; aber auch ohne diese wichtigen Beweggründe war mir der Gedanke,nackt zu gehen, unausstehlich.

Ich war so glücklich gewesen, fünf bis sechs Dutzend theils weiße, theils gestreifte Hemden auf dem Schiffe zu finden; von diesen aber blieben mir jetzt nicht mehr als acht bis zehn Stücke, welche ich sehr schonte, weil ich oft kein anderes Kleidungsstück als das bloße Hemd auf dem Leibe ertragen konnte. Es waren ferner, ausser meinen eigenen Kleidern, mehrere Matrosen-Kamisole und lange Beinkleider da, die mir bei der Arbeit am bequemsten, aber aus diesem Grunde längst unbrauchbar waren; auch fand ich vier oder fünf dicke Ueberröcke, welche die Matrosen auf der Wache oder bei schlechtem Wetter anzogen, aber hier waren sie mir zu warm, und dienten mir nur, das Lager weich zu machen, dennoch, als alles Uebrige oft zusammengeflickt und abgetragen war, sah ich mich genöthigt, aus den Wachtröcken kurze Kamisole und lange Beinkleider zu machen; meine Schneiderei war eine wahre Pfuscherei, dem ungeachtet hoffte ich eine lange Zeit damit auszukommen. Späterhin war ich aber gezwungen, noch andere Maßregeln zu ergreifen, um mich zu bedecken.

Ich habe schon gesagt, daß ich die Felle aller vierfüßigen Thiere, die ich schoß, trocknete und aufhob; freilich waren mehrere so hart geworden, daß ich sie nicht zu Kleidungsstücken brauchen, noch weniger gerben konnte, andere aber waren weich geblieben und thaten mir vortreffliche Dienste. Das erste, was ich daraus [214] machte, war eine Mütze oder Hut – wie man's nennen will – das Haar auswärts gekehrt, damit der Regen abtriese und die Sonnenstrahlen abprallten. Da ich nun den großen Nutzen davon spürte, verfertigte ich mir in der Folge eine ganze Kleidung von Fellen, und wer mich in England in dieser Tracht gesehen hätte, würde entweder vor Schrecken oder vor Lachen krank geworden seyn; ich selbst konnte mich des Lachens nicht enthalten, wenn ich mich in diesem Aufzug nach Yorksshire dachte; da mich aber hier in meiner Einsamkeit Niemand sah, so war mir wenig daran gelegen, wie meine Figur aussah, für den Leser hingegen möchte eine Beschreibung derselben nicht überflüssig seyn.

Den Kopf bedeckte eine hohe spitzige Mütze von rohen Ziegenfellen, mit einem hinten herabhängenden Zipfel, um die Sonne und den Regen vom Nacken abzuhalten, da unter diesem Himmelsstriche für die Gesundheit nichts Schädlicheres ist, als der Regen auf dem bloßen Leibe, daher die Wilden lieber ganz bis an den Hals in's Wasser stehen, als sich beregnen lassen. Wamms und Beinkleider waren weit und los, denn sie sollten mich mehr kühl als warm halten. Das erstere reichte bis an die Schenkel; die Beinkleider waren aus dem Felle eines alten Bocks gemacht, und giengen bis unter die Kniee, die Haare aber waren so lang, daß sie bis über die Waden herabhiengen, daher ich keine Strümpfe nöthig hatte, hingegen waren meine Füße mit einer Art Halbstiefeln bedeckt, die wie Kamaschen an den Seiten offen waren, und zusammen gebunden werden konnten. Ueber mein Kleid hatte [215] ich einen Gurt, ebenfalls aus Ziegenfell, worin statt des Säbels, auf der einen Seite ein Beil, auf der andern eine Säge steckte; an einem andern, über die linke Schulter hängenden Riemen von Ziegenfell hiengen, unter dem rechten Arm, zwei vom Schiff gerettete lederne Beutel mit Schroot und Pulfer. In meinem Tragkorbe auf dem Rücken trug ich meine Lebensmittel, wenn ich weit wanderte, oder andere Bedürfnisse. Auf der Schulter hatte ich meine Flinte, und den Kopf bedeckte mein unförmlicher, aber sehr zweckdienlicher Sonnenschirm, der mir nächst der Flinte so unentbehrlich war, daß ich ohne beide nie ausgieng. Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so mülattisch, als von einem Manne, der dieselbe, zwar täglich mehr als einmal wusch, und auch oft badete, sonst aber nicht schonen konnte, desto eher zu vermuthen war, da ich nur 9 bis 10 Grade von derLinie entfernt lebte. Den Bart hatte ich vor einigen Jahren bis zu einer Viertelelle wachsen lassen, da er mir aber beschwerlich fiel, und ich Scheeren und Barbiermesser genug hatte, so schnitt ich ihn ab, ausser daß ich auf der Oberlippe einen stattlichenKnebelbart stehen ließ, wie ich bei einigenTürken in Salee gesehen hatte, denn die Mauren sind nicht gewohnt welche zu tragen.

Solchergestalt war meine Figur wohl nicht angenehm und meine Kleidung nicht zierlich, denn ich war ein schlechter Schneider; aber in der Folge gelang es mir doch, sie recht bequem zu machen, und ich nahm in diesem Handwerk, so wie in allen mechanischen[216] Künsten, die mich die Nothwendigkeit treiben lehrte, immer mehr zu, und ich glaube, ich hätte mit der Zeit einen guten Zimmermann, Bäcker, Töpfer und so weiter abgegeben, besonders wenn man bedenkt, wie wenig Werkzeug ich hatte. Ich brachte es wirklich zu einer unerwarteten Vollkommenheit in der Töpferarbeit, denn es gelang mir eine Drehscheibe zu verfertigen, womit ich viel besser und leichter arbeiten, die Gefäße rund machen, und ihnen sogar eine gefällige Form geben konnte. In derKorbflechterarbeit war ich – wie schon bemerkt – ein ausgelernter Meister, und machte Körbe von allerlei Größe und Gestalt, so wie es die verschiedenen Bedürfnisse verlangten, und meine Erfindungskraft es mir an die Hand gab. Ich hatte zum Beispiel verschiedene Tragkörbe gemacht. Wenn ich eine Ziege geschossen hatte, so konnte ich sie an einen Baum hängen, das Fell abstreifen und sie in Stücken schneiden; wenn ich eine Schildkröte gefangen hatte, so konnte ich sie aufhauen, die Eier und so viele der besten Stücke, als mir nöthig schien, davon nehmen und nach Hause tragen; das Uebrige von beiden aber ließ ich liegen oder warf es in's Meer.

Ich war nun alle Stände der Menschheit durchwandert, war Jäger, Fischer, Ackersmann, Hirte, Handwerker, Künstler gewesen, und befand mich jetzt im Genuß der erfundenen Bequemlichkeiten. Meine Tafel war so manchfaltig und reichlich besetzt, daß der Markt von Leaden-Hall kaum mehr liefern konnte, und ich hatte Ursache Gott zu danken, daß er in einer Einöde, wo ich anfangs nichts [217] anders als die Gefahr, Hungers zu sterben, vor mir sah, mir nicht nur keinen Mangel ließ, sondern sogar Ueberfluß und Leckerbissen schenkte. Die Herbeischaffung meiner Lebensmittel kostete mich jetzt keine große Mühe mehr. Annehmlichkeit, Ordnung und Reinlichkeit herrschten überall.

Die Wohnung an der Felswand war eigentlich mein Hauptquartier, und ich nannte sie mein Schloß, meine Burg, oder meine Festung. Das Zelt vor derselben diente mir zum gewöhnlichen Aufenthalt; ward das Regenwetter gar zu schlimm, so zog ich mich in die Vorhalle meiner Höhle zurück, die wie ein Arsenal anzusehen war, wo alle meine Waffen, nebst andern Geräthen, in der schönsten Ordnung aufgehängt waren oder auf Laden standen; daneben links im Eingange war mein Schlafzimmer und dahinter mein großes Magazin. Alle meine Vorräthe und Gefäße, die sich nicht zusammen vertrugen, waren von einander abgesondert. Hier standen große irdene Töpfe, nebst fünfzehn bis zwanzig Kör ben, deren jeder vier bis fünf Scheffel halten mochte, worin ich meine Vorräthe an Lebensmitteln, vorzüglich an Reis und Getreide theils ausgerieben, theils in Hülsen, theils endlich in abgeschnittenenKornähren aufbewahrte. Rechts war meineKüche, wo sich die kleinen Vorräthe und Geschirre befanden, die ich täglich brauchte, dahinter war derKeller, wo ich meinen Rum, Branntewein und andere starke Getränke, nebst Trauben, Orangen, Limonien und dergleichen aufhob. Das Pfahlwerk, welches den vor dem Zelte befindlichen [218] Hofraum umschloß, unterhielt ich sorgfältig, und es war im besten Zustande. Die Stäbe, die ich zehn Schritte von meinem Pfahlwerk bereits in fünf oder sechs Reihen herumgepflanzt hatte, waren um diese Zeit schon groß geworden, und hatten sich so weit und dichte ausgebreitet, daß Niemand die Wohnung eines Menschen hier vermuthen konnte, und gaben derselben Kühlung, Anmuth und Sicherheit. Die Gräben, welche das Wasser ableiteten, waren in gutem Zustande.

Auf ähnlichem gutem Fuß war auch mein Landhaus eingerichtet, das ich gewöhnlich meine Sommerlaube hieß. Die Bäume, welche die Einzäunung bildeten, waren jetzt so stark geworden und so hoch gewachsen, daß sie den ganzen innern Raum bedeckten und so sehr beschatteten, daß kein Sonnen strahl durchdringen konnte. In der Mitte stand mein Zelt, dem ich es so wenig als dem Zaun an sorgfältiger Unterhaltung fehlen ließ; er war mit den nöthigsten Bedürfnissen und Bequemlichkeiten versehen, so daß ich mich daselbst aufhalten konnte, wenn ich wollte, ohne genöthigt zu seyn, mich mit einigem Transport zu belästigen, denn ich hatte ein gutes weiches Bette, und brachte einen guten Theil der schönen Jahrszeit hier zu.

Nicht allzuweit vom Schlosse, etwas mehr landeinwärts, lag mein Ackerfeld in einem fruchtbaren Boden, immer wohl angebaut und besäet, und mein Fleiß ward durch eine sehr ergiebige Erndte belohnt. Hätte ich mehr Korn oder Reis nöthig gehabt, so lag gleich daneben eben so fruchtbares Erdreich im Ueberfluß.

[219] Weiterhin, näher gegen die Sommerlaube, war meine Viehzucht: damit die Ziegen nicht durchbrechen konnten, hatte ich mehrere Reihen von den leicht wachsenden Stäben so dicht an einander herumgepflanzt, daß man kaum eine Hand durchstecken konnte; so daß diese Einfriedigung weit stärker ward als die beste Mauer, nachdem sie einige Jahre gestanden war; ich war auch sehr besorgt, sie immer gut zu unterhalten, und war sogar in der Folge genöthigt, viele Stäbe auszureissen, weil sie zu dicht gesetzt waren und einander am Wachsen hinderten. Aus allem diesem kann man sehen, daß ich keine Mühe sparte, um alles zu Stande zu bringen oder zu erhalten, was meine Nothdurft zu erfordern schien.

Um mein Landhaus her lag mein Obstgarten, wo ich eine Menge der vortrefflichsten Zitronen, Pomeranzen und Melonen einsammeln konnte. Hier war auch mein Weinwachs, auf den ich mich vornehmlich wegen meiner Winterkost vonRosinen oder gedörrten Trauben verließ, die ich auch als die besten und angenehmsten Leckerbissen unter allen meinen Vorräthen, mit vorzüglicher Sorgfalt zog, denn sie waren nicht nur angenehm, nahrhaft und erfrischend, sondern auch sehr gesund und eine wahre Arznei.

Ich konnte mich nun als den Besitzer einesSchlosses und eines Landsitzes ansehen: jenes diente mir zum Winteraufenthalt, zur Sicherheit in Gefahr, und zur Besorgung der Regierungs- und anderer Geschäfte; dieses war ein angenehmer Aufenthalt in der schönen Jahreszeit; zwischen beiden lagen meine andern ländlichen [220] Anlagen, so daß ich sie alle auf meinem Wege hatte, und der Reihe nach besuchen konnte, ohne Umwege zu machen. Meine Laube selbst lag auf der Hälfte des Weges zwischen meiner Wohnung und dem Orte, wo mein Fahrzeug lag, das ich zuweilen besuchte.

Zu allem diesem hatte ich das vollkommenste Be sitzungs- und Erbrecht, so gut als irgend einGutsherr in England, und so sonderbar diese Ansicht für einen Einsiedler, wie ich war, scheinen mag, so war sie doch für mich angenehm und beruhigend, gab meinen Besitzungen in meinen Augen einen höhern Werth, und meinen Beschäftigungen eine größere Wichtigkeit, so daß ich diese lieber und besser besorgte.

Vierzehnter Abschnitt

Vierzehnter Abschnitt.

Vestigia me terrant.


Schon lange hatte sich in mir der Wunsch geregt, mein Boot in der Nähe zu haben. Ich dachte oft auf Mittel und Wege, wie ich es um die Insel herumbringen könnte. Zuweilen gab ich mich auch ohne dasselbe zufrieden, und faßte wohl gar den Entschluß, der zwar viel sicherer, aber auch viel beschwerlicher war, ein anderes Boot zu bauen, um auf jeder Seite der Insel ein Fahrzeug zu haben. Ehe ich aber die Arbeit anfieng, [221] beschloß ich, noch einmal bis an die Mündung der Bucht zu gehen, den dortigen Hügel zu besteigen, die Lage des Ufers und vorzüglich die Beschaffenheit der Ströme zu erforschen, und meine Maßregeln darnach zu nehmen. Da ich jetzt für kein Boot zu sorgen hatte, gieng ich den nächsten Weg über Land nach der Seeküste, und erkannte auch nach einigen Stunden die Anhöhe, auf der ich gewesen war, um damals die See zu beobachten. Ich bestieg sie auch jetzt, und zu meinem größten Erstaunen ward ich allgemeine Ruhe und Stille im Meere gewahr. Die See war wie ein Spiegel; da war kein Strom, keine Brandung. Die natürlichste Erklärung dieser befremdenden Erscheinung war wohl, sie der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Fluth zuzuschreiben, aber ungeachtet ich ein Seefahrer gewesen, und jetzt der Bewohner einer Insel war, die mitten im Ozean lag, wo dieses Wunder der Natur sich täglich und stark ereignete, fiel ich nicht gleich darauf, sondern zerbrach mir lange den Kopf mit Nachdenken, bis ich endlich durch die langsam zunehmende Höhe des Wassers darauf geleitet wurde. Ich nahm mir daher vor, die Sache einige Zeit zu beobachten, und stieg nach eingetretener Ebbezeit abermals auf den Hügel, und sah nun den Strom wieder ganz deutlich, doch mit dem Unterschied, daß er in seiner jetzigen Richtung von der ehemaligen abwich, und beinahe eine halbe Meile von der Spitze der Sandbank entfernt vorbeiströmte; da er hingegen bei meiner Fahrt dicht an selbige andrang, mein Fahrzeug ergriff und fortriß, was er heute nicht gethan haben würde. Jetzt ward es[222] mir leicht, die ganze Sache zu erklären. Die Ebbe kam aus West und vereinigte sich mit dem Lauf eines oder mehrerer Flüsse, die in eben dieser Richtung sich aus der Insel in's Meer ergossen; der mehr südliche oder nördliche Strich des Windes verursachte die größere oder geringere Abweichung und Entfernung des Stromes von der Sandbank. Diese Bemerkung überzeugte mich, daß ich nur die Zeit derFluth zu benutzen hatte, um mein Boot ohne die geringste Gefahr in meine Anfuhrt zu bringen. Aber die Gefahr, in der ich gewesen war, hatte einen so bleibenden Eindruck auf mich gemacht, daß noch mehrere Jahre verflossen, ehe ich das Wagstück unternehmen durfte.

Ich entschloß mich nun, von hier aus die Ost- und Nordseite der Insel bis zu meinem Grenzpfahl zu umgehen, und mein Kanot im Vorbeigang zu besuchen. Ich mußte erst die Ebbe abwarten und bei niedrigem Wasser über die Mündung des Bachs setzen; dann gieng ich längs dem linken Ufer desselben hinunter, wandte mich hierauf nordwärts, und kam Abends wieder an einen Fluß, der weit größer war als alle, die ich noch gesehen hatte, und aus einer gebirgigen, meist mit Wald bedeckten Gegend daher strömte, und sich östlich in die See ergoß. Erst des andern Morgens, nachdem die Ebbe ganz abgelaufen und ich ziemlich weit aufwärts gegangen war, konnte ich schwimmend hinübersetzen, und ich war überzeugt, daß er viel zu jenem heftigen Strome im Meer beitrug. Ich fand noch einige andere unbedeutende Bäche in meinem Wege, über welche ich schwamm oder durchwatete. [223] Diese ganze Küste war unfruchtbar, hügelicht, felsicht und mit Gesträuchen besetzt; die Küste war sandig und senkte sich flach gegen die See herab, und die Reise war nichts weniger als angenehm. Gegen Abend langte ich bei meinem Fahrzeug an, schlief diese Nacht darin, und setzte dann frühe meine Reise weiter fort. Aber jetzt komme ich zu einem neuen Auftritt meines einsamen Lebens.

Als ich noch ungefähr zwei Meilen von dem Grenzpfahl entfernt war, sah ich, zu meiner äussersten Verwunderung, im Sande die deutliche Spur einesMenschenfußes. Wie vom Blitze getroffen blieb ich vor Schrecken bei diesem Anblick stehen. Wie seltsam und widersprechend sind doch unsere Neigungen! das Gefühl des gegenwärtigen Augenblicks erregt und bestimmt unsere Begierden. Heute lieben, wünschen, suchen wir, was wir morgen hassen, fürchten und fliehen, vor dem wir sogar zittern, wenn wir es uns nur als möglich denken. Ich, der in der Einsamkeit schon so lange Zeit von aller menschlichen Gesellschaft abgesondert gelebt, und sie so oft, so sehnlich gewünscht hatte, hätte entzückt seyn sollen, menschliche Spuren anzutreffen; ich, der mein Leben so viele Jahre in einer gänzlichen Todesstille zugebracht und mir oft vorgestellt hatte, daß die Gegenwart eines einzigen Menschen mir ein Auferstehen vom Tode zum Leben, und das größte Glück dieses Lebens seyn würde; – ich bebte und zitterte jetzt vor Schrecken, nicht über den Anblick eines Menschen, sondern eines bloßen Fußtapfens. Betäubt stand ich da, wie eingewurzelt; ich lauschte, [224] blickte um mich her, sah aber und hörte nicht das Geringste. Ich bestieg eine kleine Anhöhe, wo ich eine weit ausgedehnte Aussicht vor mir hatte; ich gieng wieder an das Ufer zurück, um zu sehen, ob noch mehrere Fußtritte im Sande abgedrückt wären, oder ob mich Angst und Einbildung vielleicht getäuscht hatten. Allein Zehen, Fersen, alle Theile und die ganze Form eines Menschenfußes, waren recht eigentlich zu sehen und gar nicht zu verkennen, aber auch keine andere Spur als nur allein diese zu entdecken, und wie sie so einzig hieher gekommen seyn mochte, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Dieser geringe Umstand erneuerte plötzlich mein Entsetzen, die Furcht beflügelte meine Schritte, und ich eilte im stärksten Laufe meiner Felsenburg zu, sah oft zurück, ob mich Jemand verfolgte, erschrack vor jedem Strauche, erbebte vor jedem Stamme, fürchtete bei jedem Rauschen eines Blattes einen hervorbrechenden Wilden, und weiß bis diese Stunde nicht, ob ich über die Leiter oder durch den Felsengang in mein Schloß kam, denn geängstigter kann kein gescheuchter Hase zu seinem Lager, kein gejagter Fuchs zu seinem Baue flüchten, als ich in diesen Zufluchtsort.

Ich konnte vor Besorgnissen und fürchterlichen Einbildungen die ganze Nacht kein Auge zuthun. Meine aufgeregte Fantasie beschäftigte sich bereits damit, Gespenster und sogar den Teufel in das Gemälde zu bringen, das sie mir vorgaukelte. Ich sah keine Möglichkeit, wie Menschen, ohne Schiff, auf meine Insel gekommen wären, und doch konnte ich keine Spur von Schiffen [225] oder nur von mehrern Fußtritten entdecken, da doch der Boden rund und weit umher eben so flach, sandig und locker war. Nachgerade schien es mir doch wenig mit der bekannten oder beglaubten Schlauigkeit des Satans übereinzustimmen, an einem so abgelegenen und von mir nur selten und zufällig besuchten Ort den Abdruck eines Menschenfußes im Sande zu hinterlassen, wo er von den nahen Meeresfluthen so leicht verspühlt werden konnte, daß tausend gegen eins zu wetten war, er würde mir nie zu Gesichte kommen, da ich auf der ganz entgegengesetzten Seite der Insel wohnte; er konnte ja wohl andere Künste anwenden, um mich zu versuchen oder zu erschrecken. Diese und ähnliche Gründe befreiten mich gänzlich von der Furcht, daß der Teufel persönlich hier im Spiel sey.

Damit aber war meine Furcht nicht gehoben; lange Einsamkeit macht die Menschen scheu, furchtsam und einbildisch. Ich hatte den Kopf voll von Menschenfressern, die mir wenigstens eben so fürchterlich schienen als Satan. Es konnten ja Wilde von jenem festen Lande seyn, das ich einst gesehen hatte und besuchen wollte. Winde oder Ströme konnten sie mit ihren leichten Kanots an diese Küste verschlagen haben, und da sie just an dem ödesten Theil landeten, fühlten sie eben so wenig Lust zu bleiben, als ich, sie zu sehen; aber sie konnten mein Kanot gesehen und daraus geschlossen haben, daß die Insel bewohnt sey; sie konnten bald in verstärkter Anzahl wieder kommen, mich aufsuchen, schlachten, braten und fressen; sie konnten meine Ziegen, Getreide und Geräthe wegnehmen oder zerstören, [226] und mich vor Hunger und Mangel umkommen lassen. Nun machte ich mir Vorwürfe über meine Bequemlichkeit, daß ich nicht mehr Korn als für den Bedarf eines Jahrs gesäet hatte, als ob nicht Mißwachs oder andere Zufälle Brodmangel verursachen konnten, und ich nahm mir fest vor, künftig jederzeit einen Vorrath auf zwei bis drei Jahre einzusammeln. Bald aber verlor ich so sehr alle Ueberlegung, daß ich auf den tollen Vorsatz gerieth, alle meine Gebäude, Umzäunungen, Felder und Pflanzungen einzureissen, meine Heerde auseinander laufen zu lassen, damit nicht die geringste Spur einer Wohnung zu sehen, nicht die kleinste Lockung oder Veranlassung für die Wilden da sey, die Insel oft zu besuchen, weiter nachzuspüren, und mich zu finden. So ist die Furcht vor der Gefahr tausendmal schrecklicher als die Gefahr selbst, und tausendmal peinigender ist die Angst als der Gegenstand, der uns ängstigt. So beraubt uns die Furcht des Gebrauchs gerade derjenigen Mittel, die uns die Vernunft zur Hülfe anbeut.

In solchen Gedanken, Beängstigungen und Vorsätzen verlebte ich drei Tage und Nächte, ohne mich über meine Mauer hinaus zu wagen, bis mich der Mangel an frischem Wasser – denn mit Speisen war ich überflüssig versorgt – nöthigte, zur Felsenquelle zu gehen. Anfangs sah ich ängstlich umher, Alles war still und ruhig, und ich faßte nach und nach wieder Muth. Der erste Schritt ist immer der schwerste; als ich so weit war, und ein wenig vor der Felswand hin und her wandelte, fieng ich an, mir über meine Zaghaftigkeit Vorwürfe zu machen. Meine Ziegen waren in dieser [227] Zeit nicht gemelkt worden, welches gewöhnlich mein Abendzeitvertreib war, und ich mußte befürchten, daß, wenn es länger unterblieb, es ihnen Schaden verursachen und die Milch gar vertrocknen möchte, und ich fand nachher, daß einigen bereits die Euter verdorben waren.

Bei diesem Gedanken konnte ich nicht länger verweilen, ohne sogleich hinzugehen; ich frühstückte, nahm überdas einen guten Schluck Rum, dann nahm ich mein gewöhnliches Geräthe, und steckte ausserdem noch ein Paar Pistolen in den Gürtel. Unterwegs fiel mir ein, daß diese Spur wahrscheinlich nichts anders als der Abdruck meines eigenen Fußes wäre, als ich aus meinem Boot an's Ufer stieg. Dies erhob meinen Muth noch mehr, und ich fieng an, mich mit den Erzählern von Gespenstermährchen und Spuckgeschichten zu vergleichen, die sich endlich selbst mehr als ihre Zuhörer davor fürchten, und mir vorzuwerfen, daß mich mein eigener Schatten geängstigt habe.

Ich gieng also wieder hin und her, auf mein Landgut, zu meinen Ziegen, auf mein Kornfeld, zu meinen Pflanzungen, aber doch nicht mit der vorherigen Ruhe und Unbefangenheit. Wenn man gesehen hätte, wie schüchtern ich vorwärts gieng und mich umsah, wie oft ich meinen Korb ablegen und davon laufen wollte, so würde man in der That haben glauben müssen, daß mich ein böses Gewissen verfolgte, oder der Schrecken mich jagte.

Nach einiger Zeit fieng ich an, etwas dreister zu werden, und mich immermehr in der Meinung zu bestärken, [228] es wäre bloße Täuschung und nichts weiter als der Abdruck meines eigenen Fußes, aber mein Gefühl wollte sich nicht so leicht als der Kopf bereden lassen; um den Zweifel zu lösen, entschloß ich mich, an Ort und Stelle zu gehen, den streitigen Punkt – die Fußspur – noch einmal recht genau zu betrachten, sie mit meinem Fuße nachzumessen, und zu sehen, ob dieser genau in jene paßte, so daß ich überzeugt seyn müsse, es sey der Eindruck meines eigenen und keines andern Fußes. Als ich aber an den Strand kam, so zeigte sichs vorerst, daß ich bei meiner Anlandung mit dem Boot unmöglich hier herum konnte am Lande gewesen seyn, denn es lag beinahe vier Meilen weit entfernt. Hierauf, als ich meinen Fuß dagegen maß, so befand er sich viel kleiner als die Spur, obgleich diese der Abdruck eines nackten Fußes, der meinige aber bedeckt war, und endlich entschied dieser letzte Umstand die Sache unwidersprechlich, daß es die Fußtapfe eines andern und zwar wilden Menschen war. Je höher diese Gewißheit stieg, desto mehr bemächtigte sich Schrecken und Angst meines ganzen Wesens, so daß ich zusammenbebte, vor Frost wie ein Fieberkranker klapperte, und völlig überzeugt nach Hause eilte: es müßten entweder mehrere Wilde auf der Insel gewesen, oder vielleicht gar diese bewohnt, und ich daher der Gefahr, überfallen zu werden, täglich ausgesetzt seyn.

Diese Gedanken und die noch ganz frischen Eindrücke der Angst und Furcht, machten mir den Kopf ganz verwirrt, und beunruhigten mich die ganze Nacht so sehr, daß ich kein Auge schließen konnte. Erst gegen Morgen [229] schlief ich ganz ermattet ein, und so fest und gut, daß ich nur spät erwachte, und mich weit ruhiger fühlte als vorher. Jetzt konnte ich auch gelassener darüber nachdenken, und kam nach vielen Einwendungen auf den ganz natürlichen Schluß: daß diese so anmuthige und fruchtbare, in einer mäßigen Entfernung vom festen Land gelegene Insel nicht so ganz verlassen seyn könne, als es mir bis jetzt schien, und daß, wenn sie auch nicht bewohnt wäre, so könnten doch die Bewohner vom festen Lande oder von andern Inseln, freiwillig oder gezwungen, mit ihren Booten hierher kommen. Zwar hatte ich in denfünfzehn Jahren meines einsamen Aufenthalts auch nicht einen Menschen gesehen, und daraus ließ sich folgern, daß es nur sehr selten wiederfahre, sie auch sobald möglich suchten wieder wegzugehen, und nicht leicht eine Nacht sich aufhielten, um nicht der Begünstigung der Fluth und der Tageshelle zu entbehren. Sonach hatte ich keine andere Gefahr zu besorgen, als den Wilden bei einer solchen Landung zufälligerweise zu begegnen, und ich hatte nichts weiter zu thun, als behutsam auf sie Acht zu geben, und sobald ich ihre Anwesenheit bemerkte, mich in meinem sichern Schlosse still zu halten. So richtig diese Folgerung war, so war sie doch nicht hinreichend, mich zu beruhigen, und die bloße Entdeckung einer menschlichen Spur verursachte mir eine Menge von Besorgnissen und beschwerlichen Arbeiten, die mein Leben mit Bitterkeiten überhäuften.

Das Schlimmste bei der Sache war, daß diese Unruhe mir allen Trost, alle Hoffnung raubte, die mir[230] sonst die Religion gab. Verschwunden war nun mein voriges Vertrauen auf die Vaterliebe Gottes, von der ich doch so wunderbare Beweise erfahren hatte. Die Furcht hatte sich meiner so bemächtigt, daß ich mich selten in der ruhigen Gelassenheit und der gewohnten Ergebung in den Willen Gottes befand, um zu ihm zu beten, und wenn es auch geschah, so war es mehr die Stimme eines Menschen, der beständig in großer Trübsal, Bedrängniß und Gefahr schwebt, und mehr an diese als an die Vorsehung denkt. Hier muß ich aus eigener Erfahrung bemerken, daß ein Herz voll Liebe, Ruhe und Dankbarkeit viel geschickter zum Gebet und voll Zutrauen auf Erhörung ist, als wenn es stets durch ängstliche Besorgnisse bestürmt und aus seiner gewöhnlichen Lage aufgeschreckt wird. Ich ergriff nun nicht die rechten Mittel, mein Gemüth zu beruhigen, denn hätte ich, wie vorher, Gott in meiner Noth angerufen, und mich für meine Beschützung und Rettung auf ihn verlassen, so würde ich entschlossener und muthvoller gewesen seyn, so aber war ich zaghaft, zerstreut, und ich empfand, daß die Furcht mir nichts als Schaden that, und dennoch konnte ich mich ihrer nicht erwehren.

Nun bereute ich, daß ich mir einen Ausgang aus meiner Höhle gegraben hatte, der nicht durch das Pfahlwerk eingeschlossen und gesichert war. Das Erste, was ich also vornahm, war, die zwei oder drei inneren Reihen der Bäume, die ich schon vor zehn oder zwölf Jahren einige Schritte von jenem Pfahlwerk gepflanzt hatte, zu einer zweiten Pallisadirung einzurichten, wozu [231] es weiter nichts bedurfte, als zwischen selbigen in der Länge und Tiefe dicke Weidenstäbe zu pflanzen, wodurch nach wenigen Jahren ein so dickes Gehäge entstand, das desto undurchdringlicher war, da ich es etwa 3-4 Fuß hoch mit dünnen Zweigen verflocht, die auch in den Boden gesteckt waren und fortwuchsen, auch unablässig Erde von aussen, und Schutt aus meiner Höhle von innen, zwischen und an selbige anwarf. Diese Befestigung führte ich nicht nur über den Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, so daß ich niemals in Gefahr kommen konnte, Mangel an Wasser zu leiden.

Als dieses geschehen war, bepflanzte ich den ganzen Abhang der kleinen Wiese vor meinem zweiten Walle mit mehr als zwanzigtausend Stäben von dem weidenähnlichen Holze, doch ließ ich einen freien Raum von beinahe hundert Schritten zwischen diesem Gebüsche und dem Baumwall, damit ich meine Feinde von weitem sehen, und sie sich nicht durch die Bäume gedeckt, nähern konnten; auf diese Art hatte ich schon nach zwei Jahren ein dichtes Gebüsche, und nach fünf Jahren einen so dichten und starken Wald, daß er in der That undurchdringlich war, und kein Mensch vermuthen konnte, daß dahinter etwas anderes als eine Wildniß, geschweige die Wohnung eines Menschen wäre. Durch diesen Wald veränderte ich täglich meinen Weg, damit er nicht betreten und dadurch bemerkbar würde. Ueber den äussern Wall gieng ich nicht anders als mit Hülfe einer Leiter, denn ich hatte keinen Eingang gelassen. Ich setzte sie an die Felswand; sie war ungefähr [232] zehn Fuß lang und reichte an eine flache Stelle die von unten nicht sichtbar war, und sich bis über die Quelle in's Innere erstreckte, wo ich die nachgezogene Leiter wieder anstellte, herunter stieg, mich dann erst zwischen beiden Wällen befand und dann gewöhnlich durch den Felsengang hinein gieng. Wenn die Leiter weggenommen war, so konnte kein Mensch, ohne den Hals zu brechen, hinein kommen. In den innern Wall hatte ich sieben Schießlöcher gemacht, nicht größer als daß ich meinen Arm durchstecken konnte; durch diese Löcher pflanzte ich sieben von meinen zehn geretteten Musketen, indem ich Gestelle für sie zurecht machte, auf denen sie wie Kanonen auf ihren Lafetten ruhten, so daß ich sie in zwei Minuten alle abfeuern konnte.

Auf diese Weise ergriff ich alle Maßregeln, welche die Klugheit mir zu meiner Sicherheit eingeben konnte, brachte mit allen diesen Arbeiten acht bis neun Monate zu, und arbeitete doch mit größter Anstrengung, denn ich hielt mich nicht eher für sicher, bis ich damit zu Stande war. Auch wird man in der Folge sehen, daß sie nicht ohne Nutzen waren.

Während diesen Arbeiten versäumte ich meine übrigen Angelegenheiten nicht ganz, obgleich die Besorgnisse, in denen ich jetzt lebte, allen weitern Erfindungen und Anschlägen, die ich zur Verbesserung meines Zustandes entworfen hatte, ein Ende machten.

Vorzüglich lag mir meine Ziegenheerde am Herzen, denn sie gab mir nicht nur Ziegenfleisch zum Essen, so oft als es mir beliebte, ohne nöthig zu haben, durch Schießen mein Pulfer zu vermindern, noch mich durch [233] den Knall zu verrathen, sondern ich hatte an ihnen auch eine lebendige Vorrathskammer an Milch, Butter und Käse, wenn ich auch noch fünfzig Jahre in dieser Einsamkeit leben müßte. Diese Vortheile hätte ich nun nicht gerne eingebüßt, aber um sie zu erhalten, boten sich mir nur zwei Mittel dar; entweder an einem schicklichen Orte eine Höhle unter der Erde zu graben und meine Ziegen alle Nächte hinein zu treiben, oder mehrere kleine Stücke Landes an verschiedenen versteckten und von einander entfernten Orten einzuzäunen, in deren jedem ich vier bis sechs Ziegen halten könnte, so daß, wenn ja der großen Heerde oder einem dieser kleinen Einschläge ein Unglück begegnen sollte, ich doch im Stande wäre, sie mit wenig Mühe und Zeit nachzuziehen. Das Letztere schien mir besser.

Dem zufolge suchte ich in den unzugänglichsten Theilen der Insel einige verborgene Stellen, die nicht allzu entfernt von meiner Wohnung wären. Ich war noch nie in die südliche Bergreihe, die sich von meinem Schlosse bis an das westliche Ende der Insel erstreckte, gedrungen; jetzt glaubte ich in den dazwischen liegenden Thälern die größte Sicherheit zu finden. Hohe Felsen mit dichten Waldungen umgeben, bildeten dunkle, wilde Schluchten, die wohl nie der Fuß eines Menschen betreten hatte; auch waren sie keineswegs einladend, aber für meine Absicht vortrefflich, denn ich fand hier bald was ich suchte: verschiedene kleine Rasenplätze, mitten in hohen dichten Wäldern, so daß schon die Natur sie beinahe umzäunte, und ich nicht halb so [234] viel Mühe anzuwenden hatte, sie völlig einzuschließen, indem ich zwischen die großen Bäume von meinen Weidenpfählen einschlug, und die Zweige verflocht. Zwei derselben waren von einem kleinen Bache durchflossen, und in den dritten konnte ich ohne große Mühe eine Quelle leiten, denn überall sprudelten Quellen hervor, und überhaupt herrschte in diesen Thälern Schatten und Feuchtigkeit. Nach und nach, so wie eine fertig war, brachte ich in jede einen Bock und drei Ziegen; in weniger als drei Monaten war ich auch mit dieser Arbeit zu Ende. Nachher entschloß ich mich, auch in meinem Hofraum, nämlich zwischen beiden Wällen, auf der Seite, wo die Quelle war, jeder Zeit ein Böcklein und ein Paar Ziegen zu halten, wozu ich immer die schönsten auswählte, weil sie mir zugleich zum Vergnügen dienen sollten, da ich sie so zahm machte, daß sie mir überall nachliefen und aus der Hand fraßen.

Die dichte Baumpflanzung der äußern Einzäunung war bereits so hoch aufgewachsen, daß sie mir alle Aussicht benahm, und da ich jetzt nicht nur das Meer, sondern auch das Land zu beobachten hatte, um zu entdecken, ob keine Wilden da waren, so machte ich eine zweite Leiter von ungefähr 25 Fuß Länge, um von der flachen Stelle der Felswand, wohin ich mit der ersten Leiter stieg, bis über selbige auf den Hügel zu kommen, wo ich denn, durch kleines Gesträuche gedeckt, noch ungefähr 50 Schritte höher klettern konnte, und eine freie sehr ausgedehnte Aussicht hatte. Diese Stelle hieß ich meine Warte oder Observatorium. Wenn ich herabstieg, [235] so legte ich jederzeit die Leiter auf der Fläche des Felsens nieder, so daß meine Sicherheit keineswegs gefährdet war.

Fünfzehnter Abschnitt

Fünfzehnter Abschnitt.

Die Grotte.


Nachdem ich nun alle Sicherheitsanstalten getroffen hatte, ward ich etwas beruhigter, hielt mich aber viel eingezogener als ehemals, und verließ meine Wohnung selten anders, als um meinen täglichen Geschäften, welche die Jahrszeit mit sich brachte, nachzugehen. Auch war ich viel behutsamer, und nahm mich besonders mit Schießen in Acht, damit Niemand es hören möchte. Auch in dieser Rücksicht war es sehr gut für mich, daß ich mich mit einer zahmen Zucht von Ziegen versehen, und also nicht mehr nöthig hatte, sie in den Wäldern zu jagen, und wenn ich zur Seltenheit eine wilde Ziege fangen wollte, so machte ich Fallgruben, so daß ich in zwei Jahren meine Flinte kaum ein einziges Mal abfeuerte, obgleich ich niemals ohne selbige und zwei geladene Pistolen im Gürtel ausgieng; ausserdem trug ich an einem selbstverfertigten Gehänge einen Säbel, aber ohne Scheide. Nun setze man zu der vorherigen Beschreibung meines Aufzugs noch dieses Schwert und die Pistolen, so wird man gestehen müssen, [236] daß meine Figur in den Augen eines Jeden fürchterlich seyn mußte.

Als ich einst auf meinem Landsitze war, gieng ich von da weiter, und hielt mich mehr links, um an das Ende der südlichen Bergkette zu kommen, welches nicht ganz, wie ich vorher glaubte, bis an die See gieng, sondern ungefähr eine Meile davon sich süd-südwest umbog. Ich gieng ein paar Meilen über mehrere Hügel am Fuß des Gebirges weg, und es schien mir in einer Entfernung von drei oder vier Meilen an eine Bucht zu stoßen, die tief ins Land hineingieng; wahrscheinlich war dort die Mündung eines Flusses, der zwischen hohen Felsen, die längs der See nach Ost liefen, hervorströmte; gewiß kann ich's nicht sagen, denn weiterhin, und selbst auf diese Stelle bin ich nachher nicht wieder gekommen. Als ich auf die westlichste Spitze dieser Hügel zurückkam, und gegen die See hinaus sah, da dünkte mich, ein Boot auf der See zu erblicken; ich hatte zu meinem Verdrusse keines meiner Ferngläser bei mir, und die Entfernung war so groß, daß ich nicht recht erkennen konnte, ob es ein Boot war oder nicht, obgleich ich so steif und so lange hinsah, bis meine Augen es nicht länger auszuhalten vermochten. Ich nahm mir vor, in Zukunft niemals ohne Fernrohr auszugehen.

Als ich den Hügel herab und näher an den Strand kam, konnte ich gar nichts mehr davon sehen. Hier, wo ich vorher niemals gewesen war, ward ich bald überzeugt, daß es keine so seltene Sache seyn müsse, menschliche Fußtapfen anzutreffen, denn es ist unmöglich, [237] meine Bestürzung und mein Entsetzen sich vorzustellen, als ich das ganze Ufer mit Hirnschädeln, Händen, Füßen und andern Theilen, nebst halb und ganz benagten Knochen des menschlichen Körpers bestreut sah. Vorzüglich fiel mir ein Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben, darin ihr Feuer gemacht und ihre abscheuliche Mahlzeit zubereitet und verzehrt hatten.

Dieser Anblick hatte mich so sehr ausser Fassung gesetzt, daß ich an keine eigene Gefahr dachte, und wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen wäre, wenn die Natur sich nicht durch ein heftiges Erbrechen geholfen hätte, wodurch ich mich etwas erholte. Ich konnte es nicht aushalten, noch einen Augenblick länger an diesem Orte zu verweilen, sondern wandte mein Gesicht von diesem Scheusal ab, und eilte, so geschwind ich konnte, nach meiner Sommerlaube zurück. Als ich eine halbe Meile gegangen war, stand ich plötzlich, wie vom Blitz berührt, stille. Der Gedanke an diese Unmenschlichkeiten erfüllte mich mit Entsetzen über eine solche Ausartung der menschlichen Natur. Wenn ich gleich schon oft davon reden gehört hatte, so war ich doch der Sache nie, und zwar so unerwartet, nahe gewesen. Als ich ein wenig von meiner Bestürzung zu mir selbst kam, blickte ich mit der tiefsten Rührung und mit thränenden Augen zum Himmel, und dankte Gott, daß er mich in einem Theil der Erde ließ geboren werden, wo eine so gräßliche Gewohnheit, Men schen zu fressen, unerhört war, und selbst die grausamsten mit Abscheu [238] erfüllte. Ich dankte ihm, daß er mich an derjenigen Seite der Insel stranden und mich ansiedeln ließ, wo höchst selten, vielleicht gar nie, die Wilden landeten, daß bei meinen Entdeckungsreisen und sonst bei meinen öftern Hin- und Hergängen ich sie nie angetroffen, sie mich nie gesehen, und mein Boot nicht gefunden hatten, aus dem sie geschlossen hätten, daß Einwohner auf der Insel wären, und vielleicht weiter nach mir gesucht hätten. Ohne Zweifel waren sie schon lange vorher, ehe ich die Spur im Sande entdeckte, und auch seither öfters am Ufer gewesen, und ich konnte nicht ohne Entsetzen daran denken, was aus mir geworden seyn würde, wenn ich auf sie gestoßen oder sonst von ihnen entdeckt worden wäre, da ich noch nackt und ohne Waffen, oder ehe ich noch in Sicherheit war, oder da ich mit einer Vogelflinte, die nur mit Vogeldunst geladen war, unbesorgt überall herumlief, und mich durch öfteres Schießen selbst verrathen konnte, oder endlich da ich mit dem Entladen des Schiffs, mit meinem Festungsbau, mit meiner Laube und andern Arbeiten beschäftigt war. Wie sollte mir zu Muthe gewesen seyn, wenn ich, statt eines menschlichen Fußtapfens, unvermuthet fünfzehn bis zwanzig Wilde auf einmal erblickt, sie mich verfolgt und eingeholt hätten? Ich würde wahrscheinlich nicht Geistesgegenwart genug gehabt haben, das zu thun, was ich hätte thun können und sollen. Endlich lösten sich alle diese Fragen und Vorstellungen in Dankbarkeit gegen die Vorsehung auf, die mich so liebevoll vor dergleichen Unfällen bewahrt, von denen ich mich desto weniger hätte retten können, [239] da ich kaum eine schwankende, unerklärbare Furcht vor Menschen und Thieren hatte.

In einer solchen dankbaren Gemüthsverfassung kam ich zu meiner Laube und des andern Tags nach meiner Burg zurück. Allein die Unruhe nahm bald wieder überhand, denn der Abscheu vor dem, was ich gesehen, hatte einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich zwei Jahre lang immer tiefsinnig und traurig blieb; welches mir mein Leben viel mehr verbitterte als selbst in den ersten Tagen meines Hierseyns, wie sich ein Jeder leicht vorstellen kann, der da weiß, was eine fortdaurende, beständige Angst und Furcht ist. Ich wagte es kaum, einen Nagel einzuschlagen, aus Besorgniß, man möchte das Geräusch davon hören; vor allen Dingen war ich in tausend Aengsten, daß der Rauch von meinem Feuer, den man bei Tage so weit sehen kann, mich verrathen möchte. Deßwegen, wenn ich Brod zu backen, Töpferwaare zu brennen oder andere Arbeiten zu verrichten hatte, wozu ein starkes Feuer erforderlich war, bediente ich mich der Holzkohlen. Ich kam nämlich auf den Einfall, wie ich mich noch erinnerte, in England gesehen zu haben, Holz unter Torferde anzustecken bis es zu Kohlen würde, dann löschte ich das Feuer, trug die Kohlen nach Hause, und bediente mich derselben statt des Holzes, ohne Gefahr durch den Rauch mich zu verrathen.

Wenn ich nun meine jetzige beängstigte Lage, in der ich meines Lebens nicht mehr froh werden konnte, mit dem angenehmen Zustande verglich, in dem ich vor der Entdeckung des Fußtapfens lebte, so erbitterte [240] mich dies so sehr gegen die Wilden, die mich meiner Ruhe beraubt hatten, daß ich mich entschloß, eine blutige Rache an ihnen zu nehmen. Ich könnte viele Bände anfüllen, wenn ich alle Anschläge herzählen wollte, die ich in meinen Gedanken ausbrütete, entwarf und wieder verwarf, um diese verhaßten Feinde meines Wohlseyns zu vertilgen, oder wenigstens sie so zu erschrecken, daß ihnen die Lust, wieder zu kommen, auf immer vergehen sollte. Bald wollte ich unter dem Platz, wo sie ihr Feuer anmachten, eine Grube machen, fünf bis sechs Pfund Pulfer hinein thun, und wieder mit einer dünnen Schichte Erde zudecken, damit wenn sie ihr Feuer angesteckt haben würden, die Mine sich plötzlich entzünden und Alles in die Luft sprengen möchte. Bald wollte ich mich mit meinen drei doppelt geladenen Flinten, zwei Pistolen und meinem Säbel an einem bequemen Ort in Hinterhalt stellen, sie belauschen, und mitten in ihrem blutigen Gastmahl auf sie losfeuern, wo ich dann gewiß zu seyn glaubte, mit jedem Schuß zwei bis drei zu tödten oder zu verwunden, und wenn ich dann mit Säbel und Pistolen über sie herfiele, sie ohne Zweifel alle, wenn ihrer auch zwanzig wären, umzubringen. An diesen Entwürfen ergötzte ich mich einige Wochen, und war so voll davon, daß ich nicht nur im Traume auf sie feuerte, sondern wirklich ganze Tage damit zubrachte, vortheilhafte Stellen aufzusuchen, wo ich mich in Hinterhalt stellen konnte. Um mich noch mehr zur Rache anzufeuern, überwand ich meinen anfänglichen Abscheu, gieng oft zu dem Platze, wo die Spuren der Unmenschlichkeit [241] umherlagen, und fand an der Seite eines Hügels einen schicklichen Ort, wo ich sie unbemerkt landen sehen, mich durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in einem hohlen Baum verbergen und lauern konnte. Hier wollte ich meine Plane ausführen. Die Musketen lud ich jede mit drei bis vier kleinen Kugeln und ein paar Stückgen zerhackten Eisens, die Flinte mit einer Hand voll des gröbsten Schroots und die Pistolen ebenfalls mit drei bis vier kleinen Kugeln; so ausgerüstet und mit Pulfer und Blei zu mehrern Ladungen versehen, machte ich mich zu meinem Kriegszuge bereit. Was die Mine betrifft, so unterließ ich sie gänzlich, denn für's Erste wollte ich nicht aufs Ungewisse so viel Pulfer auf einmal wagen, da mein ganzer Vorrath kaum noch in 50 Pfunden bestand; zweitens konnte ich nicht sicher seyn, ob die Wilden gerade an der Stelle, wo die Mine lag, Feuer machen würden, oder wenn dies auch geschähe, ob sie sich gerade zu rechter Zeit entzünden und Tod und Verderben unter sie verbreiten würde; denn wenn das Feuer ihnen nur ein wenig die Haare versengte und nicht genug erschreckte, daß sie den Ort auf immer verliessen, so stand die Wirkung mit dem Werthe meines Pulfers in keinem Verhältniß.

Nachdem ich nun meine Entwürfe in's Reine gebracht, und in der Einbildung schon ausgeführt hatte, gieng ich jeden Morgen bald auf meine Warte, bald auf einen Hügel, der ungefähr drei Meilen von meiner Burg entfernt war, um die See zu beobachten, ob keine Boote an der Insel landeten. Als ich drei bis vier Monate täglich meine Wache gehalten hatte, ohne das Geringste, [242] weder am Ufer, noch auf der grenzenlosen See, so weit als meine Fernröhre reichte, zu entdecken, so ward ich dieser beschwerlichen Sache überdrüssig.

Sobald mein Eifer nachließ, fieng meine Meinung, in Rücksicht der Handlung, an sich zu ändern, und ich begann mit kälterm Blute zu überlegen, welches Recht und welchen Beruf ich hätte, mich zum Richter und Rächer über diese Menschen aufzuwerfen. Sie wissen nicht, daß sie ein Verbrechen begehen, und halten es für kein größeres Unrecht, Kriegsgefangene zu tödten, als wir einen Ochsen zu schlachten. Wer ihr Feind ist, wird von ihnen bekriegt, umgebracht oder gefressen; das ist nun einmal ihr Kriegsrecht und eine Sitte, die die jetzt Lebenden nicht erfunden, sondern von ihren Vätern gelernt, und diese von ihren Vorfahren seit undenklichen Zeiten ererbt haben. Hieraus folgte ganz natürlich, daß im Grunde diese Menschen eben so wenig Mörder wären, als die Christen, welche oft Kriegsgefangene niederhauen, nachdem sie bereits ihre Waffen weggeworfen und sich ergeben haben. So grausam diese Wilden einander behandeln, so käme dies doch in gar keine Vergleichung mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und Peru verübt, und ganze Stämme und Völker ausgerottet hätten, so daß alle Nationen in Europa und in Spanien selbst nur mit dem äussersten Entsetzen von dem empörenden und fühllosen Betragen dieser blutdürstigen Eroberer sprechen, und sie verabscheuen. Diese Betrachtungen entwaffneten meine Rachbegierde, und ich fand es unbillig, diese Wilden feindselig anzugreifen, so lange sie mich nicht beleidigten [243] und zur Selbstvertheidigung nöthigten, denn in Rücksicht auf mich wären sie unschuldig und die Verbrechen, die sie gegen einander ausübten, giengen mich nichts an.

Ueberdas mußte ich mir selbst gestehen, daß meine Anschläge gar nicht geeignet wären, mich von den Wilden zu befreien, sondern vielmehr mich in das Verderben zu stürzen, das ich eben vermeiden wollte. Was konnte ich einzelner Mensch gegen sie ausrichten, wenn deren zwanzig bis dreissig mit ihren Wurfspiessen, Bogen und Pfeilen, womit sie so gewiß als wir mit einer Flinte treffen, auf mich losstürmten? Ausserdem dürfte ja nur ein Einziger von ihnen entkommen, der seinen Landsleuten das Vorgegangene erzählte, so würden sie zu Tausenden zurückkehren, um den Tod ihrer Gefährten an mir zu rächen. Ich folgerte hieraus, daß weder die Menschlichkeit noch die Klugheit mir erlaubte, mich mit diesen Wilden auf irgend eine Art einzulassen; im Gegentheil mußte ich mich auf das sorgfältigste verbergen, und alles vermeiden, was sie auf die Vermuthung leiten könnte, daß ein menschliches Geschöpf die Insel bewohnte.

Die Religion unterstützte diese Vernunftschlüsse, so daß alles sich vereinigte, um mich zu überzeugen, daß die blutdürstigen Entwürfe, die ich gegen diese Fremdlinge gefaßt hatte, meinen Pflichten geradezu entgegen wären. Diese Betrachtungen rührten mich so sehr, daß ich Gott knieend dankte, daß er mich abgehalten habe, eine That zu begehen, die ich jetzt für keine geringere Sünde als einen vorsetzlichen Mord[244] hielt, und ich flehte ihn, mich nicht in ihre Hände fallen, noch weniger mich verleiten zu lassen, die meinigen an sie zu legen, es wäre denn, daß die Selbstvertheidigung es mir zur Pflicht mache. In diesen Gesinnungen blieb ich fast noch ein ganzes Jahr, und war so wenig streitsüchtig gestimmt, daß ich nicht ein einziges Mal auf den Hügel gieng, um die Wilden auszuspähen, damit ich nicht in Versuchung gerathen möchte, meine feindseligen Anschläge gegen sie zu erneuern.

Es schien mir auch durch eine lange Erfahrung gewiß zu seyn, daß die Wilden diese Insel niemals in der Absicht besuchten, um etwas zu suchen, weil sie wahrscheinlich nicht erwarteten, etwas zu finden, indem sie in den waldigten oder felsigten und sandigten Gegenden, wo sie zu landen pflegten, und etwas tiefer einwärts mochten besucht haben, nichts antrafen, das ihnen angenehm oder dienlich gewesen wäre. Ich war nun über achtzehn volle Jahre hier gewesen, und hatte nichts mehr als einen Fußeindruck im Sande und die Ueberreste ihrer Blutmahlzeit angetroffen. Es schien also eine ausgemachte Sache zu seyn, daß ihre Besuche auf der Insel nicht häufig waren, und ich konnte hier noch achtzehn Jahre eben so verborgen als bisher bleiben, wenn ich mich nicht selbst ihnen entdeckte, wozu ich nicht die geringste Ursache hatte, da ich sie nicht mehr bekriegen wollte, und nichts mehr wünschte, als im Frieden ungestört zu leben.

Nachdem ich nun mit meinen Entschliessungen so weit gefördert war, schien mir, ausser meiner Eingezogenheit, zur völligen Sicherung meiner Lage und[245] Beruhigung meines Gemüths nichts mehr zu fehlen, als mein Boot von der Stelle, wo es mich verrathen könnte, in die von meiner Burg nicht weit entfernte Bay zu bringen. Ich begab mich daher eines Morgens frühe von meiner Laube, wo ich Geschäfte gehabt und die Nacht zugebracht hatte, dahin. Ich kann nicht läugnen, daß, als ich es bestieg, und nun damit vom Lande abtrieb, mich ein kleiner Schauer anwandelte und beinahe zurückgehalten hätte; allein die größere Gefahr überwand die geringere, da ich mich mit der Vorstellung stärkte, daß ich die Zeit der Ebbe undFluth beobachtet und wohl berechnet hätte, und ohne Gefahr benutzen konnte. Das Wetter war herrlich; mit einem frischen Nordwind segelte ich der wachsenden Fluth entgegen; ich lenkte gerade nachOst, wo die Sonne in voller Pracht über den Rand des Wasserspiegels empor stieg; dann steuerte ichSüd, und trieb endlich mit der Fluth in die Bay und die Mündung des kleinen Flusses hinauf; die Fahrt gieng ohne den geringsten Zufall glücklich zu Ende, und seit langer Zeit hatte ich keine so lebhafte Freude empfunden, als die war, da ich mein Boot mit Mast, Segel, Anker und allem was darin war, etwas höher als die Anfuhrt, wo ich ehemals mit meinen Flößen gelandet hatte, in eine kleine Bucht legte, wo es zwischen etwas hohen Ufern von Gesträuchen beschattet, vor Wind und Wellen und vor jedem Anblick sicher lag.

Ich glaubte nun für meine Sicherheit alles gethan zu haben, was menschliche Vorsicht und Klugheit zu erfinden vermöchten, und doch belehrte mich der [246] Zufall, daß es leicht sey, meine Sicherungsanstalten so sehr durch neue zu vermehren, daß ich beinahe aller vorigen hätte entbehren können; doch nicht Zufall, sondern ein neuer Beweis der alles zum Besten leitenden Vorsehung war es, daß ich eine Entdeckung machte, welche mir in der höchsten Noth eine letzte Zuflucht versprach.

Ich war eines Morgens unschlüssig, was ich unternehmen sollte; einerseits wandelte mich die Neugierde an, auf Beobachtung auszugehen, ob ich keine Spur fände, daß seit jenem Siegesmahle – von dem ich die Ueberreste gefunden, und die längst von Regen und Sonne gebleicht, theils auf dem Strande herum, theils durch die Winde und Wellen im Sande vergraben lagen – Wilde gelandet hätten. Anderseits fühlte ich die Nothwendigkeit, meinen erschöpften Kohlenvorrath zu ergänzen. Da nun die Neugier nicht so groß als das Bedürfniß war, so gieng ich in das felsigte Thal, wo meine kleinen Ziegenheerden waren, und wo ich Kohlen zu brennen pflegte, weil ich in dieser gebirgigten und waldigten Gegend weniger durch den Rauch verrathen zu werden zu befürchten hatte.

Indem ich nun hierzu Holz fällte, ward ich hinter dem Gesträuche, das ich zum Theil weggeräumt hatte, eine dunkele Oeffnung in der Felsenwand gewahr, die sehr tief hinein zu gehen schien, und in die gewiß kein Wilder oder irgend ein anderer Mensch einzutreten gewagt hatte, dem nicht, wie mir, jeder Ort, wo ich mich verbergen konnte, anlockend gewesen wäre. Auch war ich dreist genug, den Eingang vom Gesträuche [247] frei zu machen und hineinzugehen, aber ich war weit geschwinder heraus, denn als ich mich ein wenig umsehen wollte, erblickte ich ein Paar fürchterlich große Augen, die mir in der Dunkelheit wie zwei Sterne entgegen funkelten. Als ich wieder im Freien stand, und nichts weiter sah noch hörte, blieb ich stehen und faßte mich wieder; ich fieng an, mich vor mir selbst zu schämen, der beinahe zwanzig Jahre ganz allein auf einer öden Insel gelebt, so Manches erfahren und selbst ein furchtbareres Aussehen hatte, als Alles, was in der Höhle sich befinden mochte. Ich nahm also einen Feuerbrand und trat herzhaft drei oder vier Schritte in die Höhle, fuhr aber bald so erschrocken zurück, daß mir der Schweiß ausbrach, und meine Haare sich emporsträubten, denn ich hörte einen vernehmlichen Seufzer, wie von einem Menschen, der große Schmerzen leidet, darauf folgte ein unverständliches Geflüster, wie von halb ausgestoßenen Worten, und dann wieder ein lautes Stöhnen. Dennoch faßte ich von neuem Herz, erhob meinen Muth durch den Gedanken, daß Gott allmächtig und allgegenwärtig sey, daß er mich überall beschützen könne, und trat nun getrost in die Höhle, wo ich denn bei dem Leuchten meines Feuerbrandes fand, daß der Gegenstand, der mir einen so heftigen und wiederholten Schrecken eingejagt hatte, nichts weiter als ein großer Ziegenbock war, der eben vor Alter sein Leben aushauchte; doch glaubte ich ihn noch hinaus bringen zu können, rüttelte ihn, und er selbst strengte sich an aufzustehen, war's aber nicht im Stande; ich ließ ihn also liegen, indem ich dachte, [248] daß, so lange er lebte, er gewiß jeden Andern wie mich erschrecken würde, der in die Höhle zu gehen wagte.

Ich hatte mich nun von meiner Furcht völlig erholt, und konnte die Höhle in Augenschein nehmen, soviel das flackernde Licht meines Feuerbrandes erlaubte. Sie war zwölf Fuß weit und sechs hoch, aber von sehr unregelmäßiger Figur, so daß kaum zwei Männer neben einander gerade stehen konnten, indem die Natur allein, ohne Beihülfe der Kunst, sie geformt hatte. Ich bemerkte auch, daß zu hinterst eine Oeffnung noch tiefer hinein gieng, sie war aber so niedrig, daß man auf Händen und Füßen hineinkriechen mußte. Ich ließ es heute bei diesen Beobachtungen bewenden, und beschloß, den folgenden Tag mit Licht wiederzukommen; heute aber setzte ich meine Köhlerarbeit fort, richtete den Meiler – wenn ich ihn so nennen darf – zu, und steckte ihn an, dann melkte ich meine Ziegen und kam spät nach Hause.

Des andern Morgens kam ich mit sechs großen Talglichtern, die ich schon seit mehrern Jahren aus Bocksfett zu machen gelernt und eine weit bequemere und hellere Beleuchtung davon hatte, als von den Lampen. Davon steckte ich nun zwei an, und wollte in die Höhle gehen, ward aber durch den alten Bock gehindert, der noch so viel Kraft gesammelt haben mußte, um bis an die Oeffnung zu kommen, wo er todt blieb. Ich löschte also meine Kerzen wieder aus, machte eine Grube an der Seite des Eingangs, um den Bock daselbst zu begraben, welches mir endlich nach vieler Mühe gelang, denn das Thier war groß und schwer, und [249] die Grube tief, um meine Nase vor üblem Geruch zu sichern.

Hierauf steckte ich meine beiden Kerzen wieder an, und trat in die Vorhöhle, wo ich nichts Neues entdeckte; desto neugieriger war ich, die Oeffnung näher kennen zu lernen, die im Hintergrunde lag. Ich steckte also die eine Kerze in die Erde, und nahm die andere mit, kroch auf allen Vieren wohl zehn Schritte fort, und nachdem ich mich durchgearbeitet hatte, fieng die Decke an immer höher zu werden. Es war doch wohl dreist, so in ein enges Loch zu kriechen, wo ich ganz ohne Vertheidigung war, und nicht wissen konnte, wie weit es gieng und was ich etwa antreffen möchte; doch daran dachte ich jetzt gar nicht, so unähnlich ist sich der Mensch. Ein trotzig und verzagt Ding.

Auf der ganzen Insel habe ich nie einen so herrlichen Anblick gehabt als die Decke und die Seiten dieser innern Grotte, welche gewiß über zwanzig Fuß hoch war. Ich befand mich in der schönsten natürlichen Wölbung, deren Wände die Flamme meines Lichts tausendfach zurückstrahlten; alles schimmerte um mich her in hellem, vielfarbigem Glanze. Ob es Diamanten oder andere kostbare Steine oder Metalle waren, kann ich nicht sagen; Gold scheint mir das wahrscheinlichste. Der Boden war trocken und eben, mit feinem Kies bedeckt, nirgends keine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen Ausdünstungen oder eckelhaften Thieren. Nur die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dicke Finsterniß, die hier herrschte, fand ich anfänglich daran auszusetzen; bald aber, als ich überlegte, daß diese [250] Grotte ein Ort der Sicherheit und Zuflucht seyn sollte, war das ein desto größerer Vortheil. Diese Entdeckung machte mir die größte Freude, und ich faßte sogleich den Entschluß, diejenigen Sachen, die mir am liebsten und wichtigsten waren, ohne Aufschub hieher zu bringen.

Ich brachte einige Wochen mit dieser Beschäftigung zu, und brachte vorzüglich meine beiden Flinten, die ich nicht täglich brauchte, und die drei Musketen, die nicht auf Lafetten lagen, dahin. Bei dieser Gelegenheit mußte ich auch mein letztes Pulfertönnchen, das ich aus der See aufs Trockene gebracht hatte, öffnen, und ich fand, daß das Wasser zwei bis drei Zoll tief eingedrungen, und das Pulfer eben so weit zu einer harten Rinde zusammengebacken, das Innere hingegen, wie der Kern in einer Schaale, vollkommen gut erhalten war, so daß ich in der Mitte einige dreißig Pfund sehr gutes Pulfer bekam, welches ich, nebst noch etwa zwanzig bis dreißig Pfund vom übrigen Vorrath auf ähnliche Weise in der Grotte vertheilte, und niemals über fünf Pfund Pulfer in der Burg behielt. Auch das Blei, das mir übrig geblieben war, bewahrte ich, so wie das gerettete Geld und viele andere Dinge, die ich nicht oft brauchte, in der Grotte, wodurch ich auch Raum im Schlosse gewann. Wenn ich von fünfhundert Wilden angegriffen werden sollte, so war ich überzeugt, daß sie mich hier nie finden, und fänden sie mich auch, sich nicht unterstehen würden, in diese Höhle zu dringen. So hätte ich mich jenen alten Riesen vergleichen können, die, wie man erzählt, in Felsenhöhlen und Löchern wohnten, wo ihnen Niemand beikommen konnte.

Sechszehnter Abschnitt

[251] Sechszehnter Abschnitt.

Das spanische Schiff.


Ich war nun im dreiundzwanzigsten Jahr meines Aufenthalts auf dieser Insel, und des Orts und der Lebensart so gewohnt, daß ich es allenfalls zufrieden gewesen wäre, meine übrige Lebenszeit hier zuzubringen, und in dieser Einöde zu sterben, wenn ich nur vor der Gefahr, durch die Wilden beunruhigt zu werden, hätte gesichert seyn können. Es waren bereits wieder mehrere Jahre verflossen, ohne daß ich das Geringste von den Wilden bemerkt hatte; dies gab mir einen Theil meines vorigen Selbstvertrauens und meiner Zufriedenheit wieder, und mein Hauswesen nahm auch nach und nach wieder seine vorige Gestalt an; ich hatte mir sogar einige Vergnügen und Zeitvertreibe verschafft, die meinen Zustand viel angenehmer machten, als er vorher war. Zwar war mein guter, treuer Hund schon vor mehrern Jahren vor Alter gestorben, nachdem er nicht weniger als sechszehn Jahre mein unzertrennlicher Gefährte gewesen war. Ich erzog von Zeit zu Zeit ein Paar junge zahmeKatzen, welche sich immer sehr zuthätig und schmeichelnd zu mir hielten; die übrigen ersäufte ich. Ausserdem hielt ich, wie schon gesagt, einige zahmeZiegen, nebst einem Böckchen, die ganz an mich gewöhnt waren und mich überall begleiteten. Vorzüglich aber hatte mein Poll nicht nur so vielerlei schwatzen [252] gelernt, sprach Alles so deutlich und richtig aus, und war so zutraulich, daß ich meine größte Lust an ihm hatte, sondern ich hatte noch mehrere Papagayen, die allerlei plauderten und Robin Crusoe ruften, obwohl keiner so gut wie Poll, mit dem ich mir mehr Mühe gegeben hatte, als mit den übrigen. Da man in Brasilien glaubt, daß diese Vögel über hundert Jahre leben, so mögen vielleicht noch jetzt die Papagayen, die ich auf der Insel gelassen habe, ihr Robin Crusoe rufen, das einen Engländer, der das Unglück hätte, dahin verschlagen zu werden, nicht wenig in Erstaunen oder gar in Schrecken setzen würde. Auch hatte ich verschiedene Land- und Seevögel, die ich von Zeit zu Zeit fieng, ohne daß ich ihre Namen zu nennen wußte, zahm gemacht, ihnen die Flügel gestutzt, und sie in dem Gebüsche vor meiner Burg herumfliegen lassen, so daß es ganz belebt war, indem sie darin nisteten und sich vermehrten.

Auch mein Vertrauen auf die Vorsehung hatte sich wieder eingefunden, und ich richtete mich täglich durch Gebet und Lesung der heiligen Schrift wieder auf. Die Gedanken über die unerforschlichen Wege Gottes, über seine Güte, Gerechtigkeit, Weisheit und Allmacht, und über meine Pflicht, mich ohne Widerrede seinem Willen zu unterwerfen, auf ihn zu hoffen, und zu ihm zu beten, beschäftigten mich manche Stunden und Tage, ja wohl ganze Wochen und Monate. Eine besondere Wirkung derselben zu meiner Beruhigung kann ich nicht übergehen.

Als ich eines Morgens früh wachend noch zu Bette [253] lag, und mich mit beunruhigenden Gedanken über die Gefahr vor den Wilden beschäftigte, kamen mir jene trostvollen Worte in den Sinn: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.« Hierauf verließ ich mein Bette, und fühlte mich gestärkt und in mir den Antrieb, Gott ernstlich um Errettung anzuflehen. Nach verrichtetem Gebet öffnete ich die Bibel, und die ersten Worte, die mir in die Augen fielen, waren folgende: »Harre des Herrn! sey getrost und unverzagt und harre des Herrn!« Es läßt sich durch keine Worte ausdrücken, wie sehr mich diese Bibelstelle tröstete; ich legte gerührt und mit innigem Danke das Buch nieder, und war nicht mehr traurig.

Auf diese Art war ich seit einiger Zeit – meine größere Behutsamkeit ausgenommen – wieder zu meiner vorigen stillen und ruhigen Lebensart gekommen, da mir in derselben wirklich nur sehr wenige Dinge fehlten; deßwegen erweiterten sich auch wieder meine Wünsche. Ich gerieth auf den Einfall, ob ich mir nicht aus meiner Gerste Malz verschaffen, und mir dann Bier brauen könnte, das nicht nur für mich ein neuer, längst ersehnter Genuß, sondern auch für mein Brodbacken vom besten Erfolg gewesen wäre, weil ich dadurch Sauerteig und, statt bloßer Kuchen, wirkliches Brod erhalten hätte. Freilich war das ein gewagter Einfall, und ich machte mir selbst Vorwürfe darüber, da es mir beinahe an Allem fehlte, was zum Brauen unentbehrlich war. Ich hatte keinen Hopfen, nichts, um es zur Gährung zu bringen, keinen tauglichenKessel [254] und keine Tonne, ob ich gleich zu wiederholten Malen ganze Wochen und Monate damit verloren hatte, sie zu Stande zu bringen. Indessen, da ich selten etwas unternahm, und nicht davon abließ, bis es mir gelang, so zweifle ich nicht, daß ich endlich damit zu Stande gekommen wäre, wenn nicht die Furcht vor den Wilden meine Erfindungskraft und Beharrlichkeit geschwächt und auf andere Gegenstände geleitet hätte; damals lag mir die Sorge für meine Sicherheit näher am Herzen, als die für meinen Gaumen oder für meine Bequemlichkeit.

Da verfloß meine Zeit in Einsamkeit und tiefem Schweigen – wenn ich meine Gespräche mit Poll ausnehme – als auf's Neue meine Ruhe gestört und meine Rachbegierde geweckt wurde. Es war im Monat Dezember, und die Zeit der Erndte, wo ich genöthigt war, öfter als sonst hin und her zu gehen. Als ich nun einst in der Morgendämmerung auf das Feld gieng, sah ich zu meiner großen Bestürzung den Wiederschein eines Feuers, das, nicht etwa da, wo sonst die Wilden landeten, sondern auf meiner Seite am Strande, höchstens zwei Meilen von mir entfernt seyn konnte. Ich war in der That außerordentlich erschrocken, und zog mich hurtig in mein Wäldchen zurück. In den ersten Augenblicken war ich so betäubt, daß ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, und in der größten Besorgniß, die Wilden möchten die Insel durchstreifen, mein stehendes oder geschnittenes Getreide gewahr werden, daraus schließen, daß Menschen hier wohnten, und ihre Nachforschungen nicht aufgeben, bis sie mich [255] gefunden hätten; in dieser Angst eilte ich in meine Burg, zog die Leiter mir nach, setzte Alles in streitfertigen Stand, indem ich meine Artillerie und Kleingewehr, nämlich meine Musketen, die Flinten und die Pistolen mit mehreren Kugeln und Eisenstücken lud, und war entschlossen, mich bis auf den letzten Hauch zu vertheidigen, wobei ich nicht vergaß, Gott um seinen Beistand und um Rettung aus dieser Gefahr anzurufen. In dieser Verfassung blieb ich ungefähr zwei Stunden; aber nun fieng ich an ungeduldig zu werden, und konnte es nach einer Weile nicht mehr aushalten, länger in der ängstlichen Ungewißheit zu bleiben; ich gieng also auf meine Warte, und ward vermittelst meines Fernglases wenigstens neun Wilde gewahr, die um ein hell loderndes Feuer herum saßen, um, wie ich vermuthete – deutlich konnte ich's nicht sehen – eine ihrer Blutmahlzeiten zu halten, denn die Hitze war so groß, daß das Feuer nicht zum Wärmen angemacht seyn konnte, dem ungeachtet fiengen sie einen Tanz an, wobei ich ihre Stellungen und Gebehrden deutlich bemerken konnte. Sie waren ohne die geringste Bedeckung, es war mir aber unmöglich, zu unterscheiden, ob auch Weiber dabei waren. Sie hatten zwei Kanots bei sich, die sie auf den Strand gezogen hatten, und da es eben die Zeit der Ebbe war, so schien es, daß sie die Zeit der Fluth abwarten wollten, um die Insel wieder zu verlassen. Ich hatte richtig geurtheilt; denn kaum strömte die Fluth nach West, so sah ich sie alle ihre Boote besteigen und fortrudern. Die Bemerkung, daß die Wilden nicht anders als mit der Ebbe ankommen könnten, [256] war für mich sehr beruhigend, da ich nun überzeugt war, daß ich die ganze Dauer der Fluthzeit über, – wenn sie nicht bereits am Lande waren – in aller Sicherheit auf meiner Insel herum gehen und meine Geschäfte verrichten konnte.

Sobald sie eingeschifft waren, nahm ich meine Flinte, Pistolen und Säbel, gieng dann in völliger Rüstung nach der Stelle, wo diese Kannibalen ihr Siegesmahl gehalten hatten, und sah da die gräßlichen Spuren ihrer Grausamkeit; Blut, Knochen und andere Theile von menschlichen Körpern. Hierauf begab ich mich auf den Hügel, wo ich das erste Mal ähnliche Ueberreste gefunden hatte, und erblickte in weiter Ferne drei Kanots, welche dem festen Lande zuruderten; als ich an das Gestade hinab kam, sah ich, daß auch hier gleiche Unmenschlichkeiten statt gefunden hatten. Dies erfüllte mich auf's Neue mit Rachgedanken und mit dem Vorsatz, die Ersten, die ich zu Gesichte bekäme, über den Haufen zu schießen, wenn ihrer auch noch so viele wären. Ich brachte nun meine Zeit wieder bald in großer Besorgniß zu, diesen Menschenfressern in die Hände zu fallen, bald wieder im Eifer, sie anzugreifen und aufzureiben; bald bediente ich mich der größten Vorsicht und Behutsamkeit, die man sich nur denken kann, bald aber gieng ich beherzt umher, ohne zu befürchten, daß sie unversehens kommen und mich überfallen könnten, daß, wenn ich auch einen Trupp von zehn, zwölf getödtet hätte, in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten immer wieder andere kommen würden, und daß, wenn ich auch immer siegte, ich endlich kein geringerer[257] Mörder als diese Unmenschen seyn würde, welche wohl einst mit hundert und mehr Kanots wieder kommen und sich an mir rächen würden.

Indeß gieng ein ganzes Jahr und drei Monate vorüber, ehe ich das Geringste wieder von ihnen sah oder hörte. In der Regenzeit dürfen sie sich ohnehin nicht auf's Meer, wenigstens nicht so weit wagen. Ob sie in dieser Zwischenzeit da gewesen, ist mir unbekannt, denn ich fand keine neuern Spuren. Die Unruhe meines Gemüths während diesen fünfzehn Monaten war sehr groß; ich ward oft durch Träume von den Wilden, vom Todtschlagen, Verfolgen und Verfolgtwerden aus dem Schlafe aufgeschreckt, und bei Tage quälten mich bald Rachelust, bald mancherlei Beängstigungen.

Es war, wo ich nicht irre – denn ich setzte täglich meinen hölzernen Kalender fort – am 16. März, daß ein heftiger Sturm, welcher mit Donner, Blitz und Regenströmen begleitet war, den ganzen Tag und den größten Theil der Nacht hindurch tobte. An demselben Abend saß ich, in ernstliche Gedanken über meine Lage vertieft, und hatte eben die Bibel zur Hand genommen, um darin zu lesen und mich dadurch aufzurichten, als ich plötzlich durch einen dumpfen Knall, der einem entfernten Kanonenschusse ähnlich schien, in das größte Erstaunen gesetzt ward. Diese Bestürzung war von ganz anderer Art, und erregte, wie man leicht denken kann, ganz verschiedene Gefühle in meinem Gemüthe. Ich kletterte in größter Eile auf mein Observatorium; ehe ich es noch erreichte, hörte ich einen zweiten Schuß, und als ich oben stand, verkündigte [258] mir ein Aufflammen den dritten, dessen Knall auch in weniger als einer halben Minute mein Gehör traf; er kam von Ost, aus der Gegend, wohin mich einst die Ströme getrieben hatten. Dies konnte nichts anders als ein Schiff in der Noth seyn, welches einem andern, das mit ihm segelte, durch Nothschüsse seine Gefahr anzeigen wollte. Ich hatte Gegenwart des Geistes genug, zu denken, daß wenn ich ihm nicht helfen könnte, so möchte es doch vielleicht mir helfen können, brachte deßwegen so geschwind als möglich einen beträchtlichen Haufen Holz oben auf der Warte zusammen, und steckte ihn an, obgleich der Wind sehr stark wehte; er brannte auch bald hellauf, so daß er von der See aus sogleich entdeckt wurde, denn das Fahrzeug that mehrere Kanonenschüsse nach einander. Ich blieb die ganze Nacht hindurch auf der Warte, um mein Feuer zu unterhalten; die Kanonenschüsse aber hörten nach einer Stunde gänzlich auf; ich vermuthete also, die Schiffsmannschaft werde sich in die Boote begeben haben und nach der Insel rudern, wo die Flamme ihr zum Leuchtfeuer dienen mußte. Meine Hoffnung war desto mehr gegründet, da gegen Anbruch des Tages der Wind nachließ und schönes Wetter eintrat. Als es nun heller Tag geworden war, sah ich etwas auf der See, das ich für ein Schiff hielt, aber wegen der allzugroßen Entfernung, selbst mit den Ferngläsern, nicht unterscheiden konnte, denn die Luft war auf der See noch trübe. Da ich nicht wußte, von welcher Nation diese Seefahrer waren, so wechselten Furcht und Hoffnung bei mir ab, und machten, daß ich mich nicht unbehutsam bloßgeben [259] durfte, ich spähte also nur theils von meinem Observatorium, theils an dem Rande meines Wäldchens, welche Landsleute die Ankömmlinge seyn möchten, entdeckte aber keine Spur ihres Daseyns; hingegen ward ich gewahr, daß das Schiff unbeweglich an derselben Stelle liegen blieb, machte also den Schluß, es müßte vor Anker liegen oder gestrandet seyn. Um meiner Sache gewiß zu werden, nahm ich meine Flinte und Pistolen und gieng nach dem felsigten Hügel, wo ich die Ströme beobachtet hatte, und da das Wetter jetzt völlig klar und heiter war, so konnte ich ganz deutlich den Wrak eines Schiffes sehen, das in der vorigen Nacht an jener entfernten Klippe gescheitert war, wo einst auch unser Fahrzeug das gleiche Schicksal hatte, und welche, bei jener verunglückten Umseglung meiner Insel die Gewalt der Strömung brachen und einen Gegenstrom verursachten, durch dessen Begünstigung ich der verzweifeltsten, hoffnungslosesten Lage, dem augenscheinlichen Verderben, glücklich entgieng. So ist, was dem Einen Rettung bringt, oft des Andern Verderben.

Dieser Anblick machte nicht nur einen schmerzhaften Eindruck auf mich, sondern erregte auch mancherlei Vermuthungen, denn der Umstand, daß ich nicht das geringste von dem Schiffsvolke bemerkte, war mir beinahe unerklärbar. Die trübe und dunkle Nacht war freilich Ursache, daß sie die Insel nicht sahen, denn sonst müßten sie sich bemühet haben, mit ihrem Boote sich an das Land zu retten, aber ihre Nothschüsse, die weit schneller auf einander folgten, nachdem mein Feuer hell brannte, bewiesen, daß sie es bemerkt hatten, [260] und da es sehr hoch über die Meeresfläche erhöhet war, so mußten sie Land in der Nähe vermuthen; sie mochten sich wahrscheinlich in ihr Boot geworfen haben, da aber die See hoch gieng, und Ebbezeit war, von dem Strom, in dem ich ehemals gewesen, in die weite See fortgerissen worden seyn, wo Elend und Verderben ihrer harrten, und wo sie vielleicht einander vor Hunger auffressen müßten. Dann dachte ich wieder, daß sie vielleicht ihr Boot verloren hatten, wie das durch vielerlei Zufälle geschehen kann, besonders wenn die ungestümen Wogen das Schiff zu heftig umherwerfen, daß die Boote zertrümmern oder über Bord fallen, oder daß man genöthigt wird, dies selber zu thun. Dann hoffte ich wieder, die andern Fahrzeuge, mit denen das Schiff in Gesellschaft war, wären der Schiffsmannschaft auf ihre Nothschüsse zu Hülfe gekommen, und hätten sie zu sich an Bord genommen. Das alles waren aber bloße Muthmaßungen, und diese armen Leute waren in jedem Fall zu bedauern. In meiner Lage hatte dies die gute Wirkung, daß ich darin eine neue Ursache fand, Gott zu danken, der auch in meinem verlassenen Zustande so väterlich für meine Rettung und für mein Glück gesorgt, da bereits zwei Schiffe an den Klippen dieser Insel Schiffbruch gelitten, und ausser mir kein Mensch davon gekommen war, denn daß dies das Schicksal dieser bedauernswürdigen Leute war, schien doch das Wahrscheinlichste.

Keine Worte sind ausdrucksvoll genug, meine Sehnsucht in ihrer ganzen Stärke darzustellen: daß auch nur ein Einziger sich zu mir gerettet haben möchte, [261] damit ich doch mit Jemanden sprechen und umgehen könnte; meine Begierde war so heftig, daß ich sie unwillkührlich ganz laut äusserte, und die Worte: – nur ein Einziger! – wohl tausend Mal wiederholte. Die ganze Zeit meines einsamen Lebens war mein Verlangen nach Umgang mit Menschen nie so unwiderstehlich, der Schmerz über dessen Entbehrung nie so überwältigend gewesen, als in diesem Augenblicke. Es giebt geheime Triebe, die durch nahe, oder durch die Einbildungskraft vergegenwärtigte Gegenstände aufgeregt, so heftig werden, daß ihre Entbehrung unerträglich wird. Die Naturforscher mögen dies erklären; ich begnüge mich damit, die Thatsache so darzustellen, wie ich sie erfahren habe. Meine Sehnsucht ward so rege, daß ich bei jedem Ausrufe meine Hände so zusammenschlug, meine Finger so fest in einander preßte, und meine Zähne knirschend so fest schloß, daß ich sie lange nicht von einander zu bringen vermochte.

Plötzlich fiel mir der Gedanke ein, mit dem Boot an den Wrak zu fahren, in der Hoffnung, noch lebende Menschen anzutreffen, denen ich nicht nur das Leben retten, sondern auch dadurch mein eigenes angenehmer machen und mein ungestümes Verlangen befriedigen könnte. Die Gewalt dieses Eindrucks auf mein Gemüth war so stark, daß ich ihr nicht zu widerstehen vermochte, und ihn für einen Wink hielt, dem ich folgen müßte. Ich eilte daher nach meiner Burg, um Alles zu meiner vorhabenden Fahrt zu veranstalten. Ich nahm einen bedeutenden Vorrath vonBrod, einen Korb voll Rosinen, eine FlascheRum und einen großen Krug [262] frischen Wassers, und vergaß diesmal meinen Kompaß nicht. Mit diesen Bedürfnissen beladen, gieng ich zu meinem Boote, schöpfte das Wasser heraus, machte es flott, und ordnete meine Fracht in die Behältnisse, kehrte dann nach Hause, um mehr zu holen, brachte eine zweite Ladung, welche aus einem großen Sack voll Reis, noch ein paar Dutzend Broden oderKuchen, einem Käse, noch einem Krug voll frischen Wassers und einer Flasche Ziegenmilch bestand. Das alles brachte ich mit Schweiß und Mühe in mein Boot, betete zu Gott mich zu begleiten und stieß vom Strande. Nachdem ich mit derEbbe längs dem Ufer des Bachs und der Bucht fortgetrieben war, kam ich an die Spitze der Sandbank, und nun kam's darauf an, auf die offenbare See hinauszufahren. Das Unternehmen war sehr gewagt, denn ich bemerkte den Strom, der in seiner ganzen Heftigkeit, doch etwas entfernter, vorbei rauschte; jetzt hätte ich zwar die Spitze leicht umfahren können, obgleich bei dem wehenden Südwind der südliche Strom sich derselben weit mehr näherte als das vorige Mal, aber meine Fahrt sollte, quer über den nördlichen Strom, nach der im Nordost liegenden Klippe gehen.

Dies alles schlug meinen Muth so sehr nieder, daß ich schon mein Unternehmen aufgeben wollte, ausstieg, mein Boot wirklich auf den Sand zog, und mich tiefsinnig zwischen Verlangen und Furcht auf einen Sandhügel setzte, um zu berathen was zu thun sey. Wenn ich wartete, bis die Fluth eintrat, so trieb sie mich nach Nordwest, der Strom der Ebbe hingegen nach [263] Südost, in beiden Fällen entfernte ich mich vom Wrake; die Entscheidung war sehr schwer, und ich weiß nicht, wozu ich mich würde entschlossen haben, wenn nicht der Wind sich so sehr verstärkt hätte, daß ich gewiß seyn konnte, die Strömung zu überwältigen. Ich begab mich sogleich wieder in's Boot, und lavirte in dem stillen Gewässer zwischen dem nördlichen Strome und der Sandbank hin und her, um Fahrt zu erhalten, und als das Boot Trieb genug hatte, setzte ich in der Richtung Nordnordwest glücklich, obgleich mit starker Abtrifft, hinüber, und nun war ich meiner Sache gewiß, lenkte nach Nordost um, steuerte dem Wrak zu, und in weniger als zwei Stunden war ich schon da; es mochte bereits Nachmittags 3 Uhr seyn.

Das Schiff, seiner Bauart nach ein spanisches, bot den bejammernswürdigsten Anblick dar; der Vordertheil steckte zwischen zwei Klippen fest, auf welche es mit großer Gewalt getrieben worden seyn mußte; denn der große Mast und Fockmast waren dicht über dem Verdeck abgebrochen, und hiengen an dem verwickelten Tauwerk über Bord, der Bugspriet hingegen war noch ganz, der Hintertheil aber war noch flott, und durch das Ungestüm der Wellen größtentheils zertrümmert.

Als ich nahe an das Fahrzeug kam, zeigte sich ein Hund der mir entgegen bellte, und, sobald ich ihn rief, in's Wasser sprang und zu mir schwamm; ich nahm ihn in's Boot und sah, daß das arme Thier vor Hunger und Durst halb todt war; ich reichte ihm Brod, das er mit der Gier eines Wolfs verschlang, der vierzehn Tage im Schnee gehungert hat; darauf gab ich ihm[264] auch Wasser, wovon er hastig und bis zum Bersten gesoffen haben würde, wenn ich nicht Einhalt gethan hätte, aber es war mir zu viel an der Erhaltung dieses Geschöpfs gelegen, das mir meinen alten Treu ersetzen sollte. Nachdem er den ersten Hunger gestillt hatte, konnte er mir nicht genug seine Freude ausdrücken, und ich würde mich an seinen Schmeicheleien gern länger vergnügt haben, wenn nicht dringendere Geschäfte meiner gewartet hätten; ich gieng also an Bord, und als ich zurück kam, fand ich ihn schlafend.

Ausser dem Hunde war nichts Lebendiges mehr auf dem Schiffe. Das Erste, was sich mir darstellte, waren zwei Männer, die im Vordertheil des Schiffs sich fest umarmt hielten und in dieser rührenden Stellung ertrunken waren; wahrscheinlich schlugen die Wellen mit solcher Gewalt über das Fahrzeug her, als es auf den Klippen fest saß, daß das überströmende Wasser sie erstickte, eben als ob sie unter Wasser gewesen wären.

Wäre der Hintertheil des Schiffs fest gesessen und ganz geblieben, wie der Vordertheil, dieser aber zertrümmert gewesen, so wäre mir wahrscheinlich meine Mühe reichlich belohnt worden, denn nach dem, was ich fand, zu schliessen, muß das Fahrzeug große Schätze an Bord gehabt haben, und, nach seinem Laufe zu urtheilen, von Buenos Ayres oderRio de la Plata, südwärts von Brasilien in Südamerika, nach Havannah und von da weiter nach Spanien bestimmt gewesen seyn; das Schicksal hatte aber ein Anderes über die armen Seefahrer bestimmt, welche von all dem Reichthum keinen Genuß hatten.

[265] Auch ich suchte nicht sowohl nach Schätzen als nach solchen Dingen, die mir in meiner Lage von wirklichem Nutzen seyn konnten, aber der größte Theil schien mir vom eingedrungenen Seewasser sehr gelitten zu haben. Als die Ebbe abgelaufen war, sah ich unten im Raum mehrere Fässer, die vermuthlich Wein oder Branntewein enthielten; sie waren aber zu groß, als daß ich sie hätte aus der Stelle bringen können, hingegen fand ich ein kleines Tönnchen von ungefähr zwanzig Maaß und brachte es nebst verschiedenen Kisten auf mein Boot, ohne erst zu untersuchen, was sich darin befinden möchte. In der Kajüte waren einige Musketen und ein großes Pulferhorn, worin sich vier Pfund Pulfer befinden mochten, dieses nahm ich mit, die Musketen aber nicht, weil ich deren genug hatte. Was mir aber das größte Vergnügen machte, war eine Feuerschaufel, eine Zange und ein Rost, die mir auch nachher von vielem Nutzen waren; überdas fand ich zwei kleine kupferneKessel und eine Schokoladekanne. Mit dieser Ladung machte ich mich auf den Rückweg, und kam von der wachsenden Fluth und hellem Mondschein begünstigt, eine Stunde in der Nacht, in Begleitung meines Hundes, auf der Insel an. Ich war viel zu müde, um noch in die Burg zurückzugehen, labte mich und ihn vor Schlafengehen noch mit Speise und Trank, und schlief dann im Boote ruhig und unbesorgt, denn ich hatte nun wieder einen Wächter, den ich schon oft vermißt hatte.

Die Sonne war bereits über die Meeresfläche herauf, als ich erwachte. Nachdem ich gefrühstückt und[266] dem Hunde, der immer noch sehr hungrig war, auch seinen Theil gegeben hatte, brachte ich meine ganze Fracht an's Ufer, und fieng an, sie Stück für Stück durchzusehen. Das Fäßchen enthielt Rum, aber nicht von der Art und auch nicht so gut, wie der in Brasilien. In den Kisten fand ich Manches, das mir fehlte; Vieles das mir sehr nützlich und anderes, das mir sonst sehr angenehm war. In der ersten, ein Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, in welchem sich sechs mit Silber beschlagene Flaschen befanden, von denen jede anderhalb Maaß vortrefflichen Kordialwassers enthielt. Ferner zwei Töpfe mit eingemachten Zuckersachen, welche so wohl vermacht waren, daß das Salzwasser nicht eindringen und sie verderben konnte. Dann mehrere Hemden, zwei Dutzend weiße leinene Schnupftücher und einige bunte Halstücher; alles das war mir sehr willkommen, denn es war mir besonders angenehm und erfrischend, bei schwüler Hitze, angestrengter Arbeit oder starkem Laufe das Gesicht abzutrocknen. Zu unterst in der Kiste fand ich noch drei große Beutel voll Stücken von Achten, deren, wie ich nachher fand, eilf hundert waren; in dem einen waren auch sechs Pistolen in Gold, und etliche kleine Stücke ungemünzten Goldes in ein Papier gewickelt, die ungefähr ein Pfund wogen. Wie gerne hätte ich dieses Gold und Silber für ein Dutzend Paar englische Schuhe und Strümpfe hingegeben! das waren Dinge, die ich schon längst vermißte, und wonach mich sehr verlangte; ich fand zwar an den Füßen der beiden Ertrunkenen zwei Paar Schuhe und noch ein Paar in einer Kiste, aber [267] sie waren nicht so gut und bequem wie die englischen. Hier fand ich noch mehrere Kleidungsstücke und drei Flaschen mit feinem Schießpulfer oder sogenanntem Vogeldunst. In einer dritten Kiste waren noch fünfzigStücke von Achten in Realen, aber kein Gold, und einige geringe Kleidungsstücke, woraus zu schliessen war, daß sie einem Matrosen, so wie die beiden andern einem Offizier und Unteroffizier angehört hatten. Was mir neben den Hemden, Schnupftüchern und Kleidungsstücken die größte Freude machte, waren 10 Bücher weißes Papier, 6 Bund Federn, ein Schreibzeug mit allem Zubehör, 2 Federmesser und eine große Flasche voll Tinte.

Mehr hatte ich nicht gerettet, und es war, wie schon bemerkt, Schade, daß nicht der hintere Theil des Schiffs sich in so gutem Stande wie der vordere befunden hatte, denn ich bin versichert, daß ich mein Boot einige Mal mit Gold hätte beladen können, das mich einst, wenn ich so glücklich war, wieder nachEngland zu kommen, zum reichen Mann gemacht hätte, bis dahin aber in meiner Grotte ganz sicher lag. Dahin brachte ich heute den ganzen Fund, das Boot an seine gewohnte Stelle, und den Ueberrest meiner Lebensmittel in meine Burg, wo ich Alles ruhig und in Ordnung fand, wie ich es gelassen hatte. Die Ankunft meines Hundes machte zwar anfangs die beiden Katzen und die Ziegen etwas scheu, denn er war jung und lebhaft, allein das gab sich bald, und sie gewöhnten sich in kurzer Zeit recht gut zu einander.

Siebenzehnter Abschnitt

[268] Siebenzehnter Abschnitt.

Die Kannibalen.


Nach diesem fieng ich wieder an, nach meiner alten Weise zu leben und meine häuslichen Arbeiten zu besorgen, nur daß ich dabei behutsamer war, und nicht so oft ausgieng, denn wenn ich mich auf mein Landhaus begab, das bekanntlich gegen West lag, so durfte ich mich nicht unbewaffnet dahin wagen; hingegen nach Ost, wo freilich die Gegend nicht so fruchtbar und angenehm, aber von den Wilden unbesucht und völlig sicher war, gieng ich ohne so viele Vorsicht und ohne eine solche Last von Waffen, die mir höchst beschwerlich fiel, aber unentbehrlich schien. Es kam mir mehrere Male in den Sinn, wieder nach dem gescheiterten Schiffe zu fahren, allein die weite und gefährliche Fahrt und die geringe Aussicht zu einer ersprießlichen Beute hielten mich schwankend zurück, und ich weiß nicht, was ich noch gethan haben würde, wenn nicht in einer stürmischen Nacht der Wrak völlig zu Grunde gegangen wäre; denn als ich des Morgens mit dem Fernrohre dahin sah, konnte ich keine Spur mehr davon erblicken.

Meine jetzige Lebensart gab mir nicht hinlängliche Beschäftigung, denn wenn ich des Jahrs einmal mein Feld bestellt und das Einsammeln der Erndte und anderer Früchte beendigt hatte, so blieb mir nichts weiter [269] zu thun übrig, als meine Ziegen zu melken, Butter und Käse zu machen, meine Speisen zuzubereiten, und von Zeit zu Zeit einige Körbe zu flechten, oder Töpfe zu brennen, womit ich aber so wohl versehen war, daß es nur selten und mehr aus Thätigkeit als aus Mangel geschah. Mein Lesen in der Bibel setzte ich täglich fort, nahm auch die andern Bücher aus meinen Kisten, die meistens nur die Schiffahrtskunde betrafen. Diese gaben den Anlaß, daß ich nicht nur Lust bekam hin- und herzustreifen und wenigstens die nächstgelegenen zwei Inseln, sondern auch das entfernte feste Land zu besuchen, und ich glaube wirklich, daß wenn ich das wohlgebaute Boot, mit dem ich aus Salee flüchtete, oder ein ähnliches gehabt hätte, ich würde mich auf gut Glück in die weite See gewagt haben, um irgend eine europäische Niederlassung aufzusuchen, und wieder zu Menschen zu kommen. Die fehlgeschlagene Hoffnung, wo ich das, was ich am sehnlichsten wünschte, und schon so gewiß und so nahe glaubte, nämlich auf dem gescheiterten Fahrzeuge Jemanden zu finden, hatte diese Reiseplane wieder aufgeregt, und ich verfiel oft darauf, zu untersuchen, welchen Theil von Amerika die Wilden, die zuweilen an der Insel landeten, eigentlich bewohnten, und ob es nicht möglich wäre mich so einzurichten, daß ich eben sowohl an ihrer Küste, als sie an der meinigen, landen könnte? Was ich da anfangen, was aus mir werden sollte, wenn ich drüben wäre, und wie ich den Nachstellungen der Wilden oder selbst ihren Händen entgehen sollte? daran dachte ich nicht einmal. Meine ganze Seele war jetzt nur damit beschäftigt, wie ich [270] mit meinem kleinen Boote das feste Land erreichen könnte. Käme ich an das feste Land, so könnte ich vielleicht sogleich Hülfe finden, oder wenn das nicht wäre, längs der Küste hinschiffen, wie ich es an der von Afrika gemacht hatte, bis ich ein bewohntes Land fände, oder einem christlichen Schiffe begegnete, das mich aufnähme, und das Schlimmste, das mir wiederfahren könnte, wäre der Tod, und damit hätte all mein Elend auf einmal ein Ende. Mein gegenwärtiger Zustand schien mir jetzt wieder der elendeste zu seyn, und ich sann Tag und Nacht auf Mittel, von dieser Insel wegzukommen.

Es war in der Regenzeit, im März des vierundzwanzigsten Jahres seit meiner Ankunft in dieser Einöde, als ich eine ganze Nacht schlaflos zubrachte, obschon ich ganz gesund war. Es würde eben so unmöglich als überflüssig seyn, die unzähligen Gedanken aufzuzeichnen, die sich in meinem Kopfe durcheinander drängten. Unter andern gieng die ganze Geschichte meines Lebens, wie ein Miniaturgemälde, oder vielmehr wie Bilder einer Zauberlaterne vor mir vorüber, und erweckte bald fröhliche, bald traurige Betrachtungen in mir. Da ich jetzt wieder Papier, Tinte und Federn besaß, so schrieb ich nicht nur wieder dasjenige auf, was mir täglich begegnete, sondern auch aus dem Gedächtniß, was sich ereignet hatte, seitdem ich nicht mehr hatte schreiben können.

Die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustande ist eine allgemeine Seuche, aus welcher gewiß die größere Hälfte alles Elends entspringt, das die Menschen [271] betrifft, und ich kann hierin allen zu einem warnenden Beispiele dienen. Ohne jetzt auf meine ersten Thorheiten, meine Widersetzlichkeit gegen den Willen und den vortrefflichen Rath meines Vaters und auf meine Entweichung zurückzukommen, so war doch meine unruhige Gemüthsart die Quelle alles mir seither zugestoßenen Elendes. Hätte ich in Brasilien meine Begierden einzuschränken gewußt, und mich damit begnügt, meine Pflanzung zu besorgen und zu verbessern, so würde ich längst über hundert tausend Moidoren im Vermögen haben; welche Thorheit war es daher, das Gewisse für das Ungewisse zu verlassen, um Neger zu holen, die ich vor meiner Thüre hätte kaufen können; der Unterschied des Preises war so unbedeutend, daß es nicht werth war, mich einer so großen Gefahr auszusetzen. Hier stellte sich diese nun in ihrer ganzen Größe dar, dann auch meine glückliche Rettung und die frühern Jahre meines Aufenthalts auf dieser Insel; ich verglich meine damalige ruhige Lage mit der Furcht, den Beängstigungen und Besorgnissen, in denen ich seit dem Augenblick der Entdeckung des menschlichen Fußtapfens gelebt hatte. Ich zweifelte keineswegs, daß die Wilden auch vorher die Insel oft besucht haben, aber die Unbekanntheit mit dieser Gefahr war für mich ein eben so großes Glück als das, ihr nicht ausgesetzt zu seyn. Wie unendlich gütig ist doch die göttliche Vorsehung, daß sie den Erfolg der Dinge vor den Augen des Menschen verborgen hat, so daß er oft unter tausend Gefahren ruhig und heiter umher wandelt, weil er sie nicht entdeckt. Wie oft gieng ich damals [272] unbesorgt und in der tiefsten Sicherheit herum, da vielleicht nur ein Gesträuche, ein Baum, ein Hügel, die Zeit der Ebbe und Fluth, oder die zufällige Annäherung der Nacht zwischen mir und der schrecklichsten Gefahr lag, von den Wilden ergriffen und gefressen zu werden. Ich würde gegen mich selbst ungerecht seyn, wenn ich sagte, daß ich nicht tief gerührt war und Gott von Herzen für die Rettung dankte, die mir nicht einmal bekannt war. Dann ward ich auf's Neue gegen diese Unmenschen ergrimmt, und machte wieder mancherlei Entwürfe, ihnen aufzulauern, sie anzufallen und zu vernichten; so widerspruchsvoll und wankelmüthig ist der Mensch.

Der Wirrwar meiner Gedanken beunruhigte mich so sehr, daß mein Blut in eine ausserordentliche Wallung gerieth, und mein Puls so schnell wie im Fieber schlug. Gegen Morgen, als schon die Dämmerung grauete, fiel ich vor Ermattung in einen wohlthätigen Schlaf. Da träumte mir, ich befände mich auf meinem Morgenspaziergang, und käme an die Ostküste, nächst meiner Anfurth, wo zwei Kanots landeten, aus denen eilf Wilde mit einigen Gefangenen stiegen, um diese zu verzehren. Einer derselben, den sie eben schlachten wollten, entlief ihnen und suchte sich in dem Gebüsche zu retten, das meine Burg umgab. Ich kam ihm mit Freundlichkeit entgegen und suchte ihm Muth einzuflößen. Er fiel vor mir nieder und schien mich um Beistand gegen seine Verfolger zu bitten, von denen ich aber keinen bemerkte. Es schien mir hierauf, daß ich ihm die Hand reichte, mit ihm auf der Leiter über [273] den Wall in meine Burg stieg, wo er mein Knecht wurde. Nun glaubte ich an ihm einen Steuermann zu haben, der mich nach dem festen Lande bringen und mir sagen würde, wohin ich gehen oder mich nicht hinwagen dürfe, was ich zu thun oder zu unterlassen hätte. Das Entzücken über meine nahe Befreiung war unaussprechlich, und mit nichts als mit dem Mißvergnügen und der Bestürzung zu vergleichen, da ich bei'm Erwachen fand, daß alles nur ein Traum sey, welches mich in die größte Niedergeschlagenheit versetzte. Doch leitete mich dies auf die Idee, wo möglich einen Wilden, den sie zum Abschlachten bestimmt und hieher gebracht hätten, aus ihren Klauen zu erretten; ich hoffte dadurch ihn mir, als dem Retter seines Lebens, so dankbar, und durch eine freundliche Behandlung so ergeben zu machen, daß er Alles für mich thun würde; ich beredete mich sogar, selbst mit zwei oder drei Wilden wohl fertig zu werden, und sie so zu zähmen, daß sie meine Sklaven seyn und allen meinen Befehlen gehorchen müßten, wobei ich denn schon verhüten wollte, daß sie mir keinen Schaden zufügten. An diesen Vorstellungen weidete ich mich lange, aber auf der andern Seite ward meine Freude merklich getrübt, daß diese Unternehmung großen Schwierigkeiten ausgesetzt sey, gar leicht mißlingen und zu meinem eigenen Verderben gereichen könnte. Dann beunruhigten mich auch wieder die Zweifel gegen die Rechtmäßigkeit derselben; die Gründe, worauf sie sich stützten, habe ich bereits auseinander gesetzt, und es wäre daher überflüssig, sie zu wiederholen.

Meine Wünsche und Bedenklichkeiten, Gründe und [274] Gegengründe kämpften lange gegen einander, und nach vieler Unruhe und Unentschlossenheit behielten denn doch die ersteren die Oberhand über alles Uebrige, und ich war fest entschlossen, was es auch koste, einen Wilden in meine Hände zu bekommen, und ich rechtfertigte meinen Vorsatz mit dem Grunde, daß die Wilden meine Feinde, die Störer meiner Ruhe waren. Man merkt wohl, daß die Leidenschaft mir diesen Grund eingab, denn er ist falsch.

Nachdem einmal mein Entschluß gefaßt war, kam es darauf an, wie ich ihn ausführen sollte. Nach mehreren entworfenen, abgeänderten, verworfenen und erneuerten Planen, hielt ich mich an den schon einmal gefaßten, nämlich Wache zu halten, um ihre Ankunft und ihr Benehmen zu erspähen, im Uebrigen den Erfolg abzuwarten, und meine Maaßregeln den Umständen gemäß zu ergreifen.

Demnach gieng ich täglich auf Kundschaft aus, besonders nach den westlichen und südwestlichen Küsten der Insel. Meine Schüchternheit war gänzlich verschwunden, und anstatt dem Anblick dieser Kannibalen auszuweichen, brannte ich vielmehr vor Begierde, sie anzutreffen. Aber es verlief eine lange Zeit, ehe sich dazu Gelegenheit zeigte; doch dämpfte diese Zögerung keineswegs mein Verlangen, sondern dieses ward nur desto heftiger, je länger sich die Befriedigung desselben verzog.

Endlich, nach anderhalb Jahren, erblickte ich eines Morgens meine Feinde, aber nicht ohne große Bestürzung, denn es waren nicht weniger als fünf Kanots,[275] und da jedes sechs oder mehr Wilde zu enthalten pflegte, so war es allerdings viel gewagt, ich so allein ihrer dreißig anzufallen. Sie waren an der Nordostküste, jenseits der Bucht, ans Land gestiegen, und zogen etwas links von mir, wo eine sich hinunterziehende Waldspitze sie bald meinen Augen entzog, so daß ich nicht wissen konnte, wie weit landeinwärts sie gegangen waren, welches mich sehr beunruhigte. Statt sie aufzusuchen, kehrte ich in meine Burg zurück, machte Alles zu einer tüchtigen Vertheidigung zurechte, wie ich schon einmal in einem ähnlichen Falle gethan hatte. Nachdem ich in dieser Verfassung eine gute Weile gewartet und gelauscht hatte, ob ich kein Geräusch von ihnen hörte, ward ich ungeduldig, und stieg mit dem Fernglase auf meine Warte, wo ich sie ungefähr hundert Schritte vom Ufer sogleich entdeckte; sie hatten ein großes Feuer angemacht und tanzten mit mancherlei Geberden und Stellungen um selbiges herum. Darauf entfernten sich Einige, und holten aus einem Kanot zwei Unglückliche, von denen ich sogleich den Einen niederstürzen sah, der vermuthlich mit einer Keule zu Boden geschlagen wurde; ohne Verzug warfen sich drei Unmenschen über ihn her, öffneten ihm den Leib und zerlegten ihn in Stücke, indeß der Andere jede Minute ein ähnliches Schicksal erwartete; als er aber bemerkte, daß die Umstehenden mehr auf den Erschlagenen als auf ihn Acht gaben, so ersah er seinen Vortheil, nahm Reißaus, und rannte, von der Liebe zum Leben beflügelt, mit unglaublicher Schnelligkeit gegen den Meerbusen gerade auf meine Wohnung zu, was mich desto mehr in Schrecken setzte, [276] da eine ganze Schaar ihn verfolgte; doch fieng ich bald an mich zu erholen, als ich ihn hinter der Waldecke hervorkommen und nur von Dreien verfolgt sah, über die er jeden Augenblick einen so beträchtlichen Vorsprung nahm, daß wenn er diesen schnellen Lauf nur eine halbe Stunde aushalten konnte, sie ihn nie einholen würden; wenn er aber nicht von ihnen erhascht werden wollte, so mußte er nothwendig über die Bay schwimmen, die hier schon gegen fünfzig Schritte breit war und hohe Ufer hatte; allein die Fluth war ihm günstig und er warf sich ohne Anstand in's Wasser, schwamm in dreißig bis vierzig Sätzen hinüber, erkletterte mit Leichtigkeit das Gestade, und setzte seinen Lauf mit ausserordentlicher Schnellfüßigkeit fort. Von seinen Verfolgern blieb einer stehen, und kehrte bedächtlich und zu seinem Glück zum Blutschmause zurück; die beiden andern waren beherzter, und schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so viel Zeit dazu als dieser.

Jetzt war ich gewiß, daß mein Traum in Erfüllung gehen, der Fliehende in meinem Wäldchen Schutz und Schirm suchen und sich retten werde, und ich fühlte einen unwiderstehlichen Drang ihm beizustehen, wozu die Vorsehung mich deutlich zu berufen schien, um mir einen Gehülfen und Gefährten zu gewinnen. Ich stieg in größter Eile von meiner Warte herunter, nahm zwei Flinten, die ich bereits geladen hatte, stieg über meinen Wall, und lief gerade gegen die Bucht hin, wo ich, da der Weg kurz war und sich sanft bergab senkte, mich bald zwischen dem Entflohenen und den [277] Nachsetzenden befand. Jenem rief ich laut zu, allein der Furchtsame erschrack eben so sehr über mich als über seine Feinde; aber ich winkte ihm mit der Hand nach mir zu, und gieng auf jene los, fiel über den nächsten her, und schlug ihn mit dem Gewehrkolben zu Boden, denn ich wollte nicht gerne meine Flinte abfeuern, aus Besorgniß, durch den Knall mich dem nahen Schwarm zu verrathen, obwohl die Entfernung und die Unbekanntheit mit Feuergewehr es höchst unwahrscheinlich machte, daß sie sich selbigen erklären konnten. Der Gefährte des Erschlagenen stand bestürzt einige zwanzig Schritte hinter ihm stille, ich nahete mich ihm, und bemerkte, daß er den Pfeil auf den Bogen legte, deßwegen kam ich ihm vor, und schoß ihn Knall und Fall nieder.

Dieser Knall, die Flamme, der Rauch erschreckten den armen Wilden so sehr, daß er wie eingewurzelt stille stand, und er schien mehr geneigt, zu fliehen, als sich mir zu nähern; ich rief und winkte ihm wiederholt, er möchte doch zu mir kommen. Er schien es auch zu verstehen, kam einige Schritte näher, stand stille, trat wieder vorwärts und hielt wieder inne. Ich bemerkte wohl, daß er vor Angst zitterte, obschon er seine Feinde todt und sich von ihnen befreit sah, allein er fürchtete gefangen und wie sie getödtet zu werden. Ich winkte ihm abermals, und suchte ihm durch alle erdenkliche Zeichen und freundliche Worte und Blicke Muth einzuflößen. Dies bewog ihn, sich zu nähern, er kniete aber alle zehn oder zwölf Schritte, um mir seine Dankbarkeit oder Unterwürfigkeit zu bezeugen. Ich lächelte [278] ihm entgegen; endlich kam er ganz nahe, kniete wieder, küßte die Erde, ergriff meinen Fuß, und setzte sich ihn auf den Kopf, den er auf den Boden gelegt hatte, welches vermuthlich ein Zeichen seyn sollte, er wolle mein Sklave seyn. Ich reichte ihm die Hand, hob ihn auf, that freundlich gegen ihn, und suchte auf alle mögliche Art ihm Muth zu machen.

Allein es gab noch mehr zu thun. Der Wilde, den ich mit dem Kolben niedergeschlagen hatte, war nicht todt, sondern nur betäubt, fieng an wieder zu sich selbst zu kommen und sich zu regen. Ich zeigte dies meinem geretteten Wilden, der hierauf einige Worte aussprach, die ich zwar nicht verstand, mich aber entzückten, da sie seit fünfundzwanzig Jahren die ersten menschlichen Laute waren, die ich, ausser meiner eigenen Stimme, hörte. Doch es war jetzt keine Zeit, mich diesen angenehmen Betrachtungen zu überlassen, denn der Verwundete hatte sich schon so weit erholt, daß er aufgerichtet saß, und mein Schützling fieng bereits an bange zu werden. Ich richtete meine Flinte auf Jenen, um ihn zu erschiessen, allein Dieser hatte schon so viel Zutrauen zu mir gewonnen, daß er mir zu verstehen gab, ich möchte ihm meinen Säbel leihen. Kaum hatte er ihn, als er auf seinen Feind zulief, und ihm mit einem Streiche den Kopf so fertig als der geschickteste Scharfrichter abhieb, welches mich verwunderte, da ich glaubte, der Säbel müßte für ihn eine unbekannte Waffe seyn, allein ich hatte nachher Gelegenheit zu erfahren, daß die Wilden Schwerter haben, die von so hartem und schwerem Holz und so scharf sind, daß sie [279] damit so gut als wir mit eisernen ihre Feinde mit einem Hiebe niedersäbeln. Nach einer so wohl gelungenen That kam er hüpfend zurück, und legte den Säbel nebst dem Kopfe mit lautem Lachen und seltsamen Geberden zu meinen Füßen.

Nichts erregte aber mehr sein Erstaunen, als daß ich den andern von seinen Feinden in so weiter Entfernung getödtet hatte. Er wies daher auf ihn, und ich erlaubte ihm, dahin zu gehen; er näherte sich demselben, betrachtete ihn aufmerksam, wandte den Körper bald auf diese, bald auf jene Seite, untersuchte vorzüglich die Wunde in der Brust, woran er sich inwendig verblutet hatte; nach langer, verwunderungsvoller Betrachtung kam er mit dem Bogen und den Pfeilen des Erlegten zurück, und ich gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er mir folgen sollte, weil sonst mehrere seiner Feinde nachkommen möchten. Er war aber vorsichtiger als ich, und antwortete mir durch Zeichen, er wolle vorher die Todten begraben, damit sie die andern nicht finden könnten, und auf meine Einwilligung waren in einer Viertelstunde beide Leichname im Sande verscharrt.

Während dieser Arbeit überlegte ich, daß es vorsichtiger seyn möchte, ihn nicht in meine Burg, sondern in die Grotte zu bringen, wohin ich ihn auch führte. Dies traf zwar nicht mit meinem Traume zu, aber die Behutsamkeit verdiente den Vorzug. Hier reichte ich ihm Brod, getrocknete Weinbeeren und frisches Wasser, welche Gerichte er köstlich fand und mit vielem Appetit verzehrte; dann wies ich ihm einen Bündel Reisstroh [280] an, um darauf von der Ermüdung auszuruhen, die ihm die Lebensgefahr und die angestrengte Flucht verursacht hatten.

Während seinem Schlafe hatte ich Gelegenheit und Muße, ihn zu betrachten. Er war ein wohlgewachsener, schlanker Bursche von mittlerer Größe und ungefähr fünfundzwanzig Jahren; alle seine Glieder zeugten von Stärke und Behendigkeit; sein männlich schönes Gesicht war ohne Wildheit, und aus seinen Zügen sprach, besonders wenn er lächelte, etwas von der Sanftheit, die sonst nur den Europäern eigen ist; seine Gesichtsfarbe war zwar dunkel, aber nicht so schwarzgelb, wie die der Eingebornen von Brasilien, sondern olivenfarbig, die etwas Angenehmes an sich hatte; seine schwarzen Haare waren nicht wollicht-kraus, sondern lang und wallend; das Gesicht war rund, die Stirne hoch, die Augen voll Feuer, der Mund wohlgeformt und voll glänzend weißer Zähne.

Nach diesen Bemerkungen verließ ich die Grotte, um in dem nahe gelegenen Gehäge meine Ziegen zu melken, bei welcher Beschäftigung mich mein Indianer, der kaum eine halbe Stunde geschlafen hatte, antraf. Sobald er mich erblickte, lief er eilends auf mich zu, legte sich demüthig vor mich hin, setzte meinen Fuß auf seinen Kopf, wie er schon gethan hatte, und suchte auf alle mögliche Art seine Dankbarkeit, seine Unterwerfung und Ergebenheit auszudrücken. Ich verstand den größten Theil seiner Zeichen, bezeugte ihm meine Zufriedenheit und mein Wohlwollen, und suchte mit ihm zu sprechen. Zuerst gab ich ihm zu verstehen, er sollte [281] mich Herr nennen, und er sollteFreitag heißen, weil ich meinem Kalender zufolge glaubte, daß der heutige Tag so hieße; dann lehrte ich ihn die Wörter Ja und Nein aussprechen, und ihre Bedeutung verstehen, womit ich den heutigen Sprachunterricht beendigte. Hierauf gab ich ihm Brod und etwas Milch in einem Topfe, ließ ihn sehen, wie ich Brod drein brockte, aß und trank, und winkte ihm, ein Gleiches zu thun; das that er auch, und bezeugte mir, daß es ihm vortrefflich schmecke.

Achtzehnter Abschnitt

Achtzehnter Abschnitt.

Freitag.


Ich blieb den übrigen Theil des Tages und die folgende Nacht in der Grotte; des andern Morgens aber nahm ich ihn mit in die Burg, um ihn zu kleiden, denn er war ganz nackt. Vorerst gab ich ihm ein Paar lange leinene Beinkleider, die ich in einer der Kisten fand, welche ich von dem letztgestrandeten Schiff gerettet hatte; dann nahm ich mir vor, ein Wamms von Ziegenfellen und eine Mütze von Hasenfell, so gut es meine Geschicklichkeit erlaubte, für ihn zu machen, denn ich war bereits ein guter Schneider geworden; doch für jetzt war ich zufrieden, daß er Beinkleider hatte.

[282] Hierauf bestieg ich meine Warte, um zu sehen, ob die Wilden fort wären, und sah deutlich durch das Fernglas den Ort, wo sie gewesen waren, von ihnen selbst und ihren Kähnen war aber nicht das Geringste zu entdecken; ich konnte also ganz sicher seyn, daß sie sich entfernt hatten, ohne sich um die zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern.

Doch damit war ich noch nicht zufrieden; ich hatte nun einen Begleiter, fühlte also mehr Herz und folglich eine größere Neugierde; daher nahm ich meinenFreitag mit mir, bewaffnete ihn mit Bogen und Pfeil, nebst dem Säbel, womit wohl umzugehen er schon gezeigt hatte, gab ihm überdies eine Flinte für mich zu tragen, nahm selbst zwei derselben, und so marschirten wir dahin, wo die Wilden ihre Blutmahlzeit gehalten hatten, denn ich wollte nähere Kundschaft einziehen. Als wir bei der Stelle vorbeigiengen, wo er seine Feinde begraben hatte, wies er genau auf den Fleck hin, und machte ein Zeichen, sie auszugraben und zu verzehren; allein ich bezeigte ihm meinen Abscheu, und winkte ihm mit der Hand, seinen Weg fortzusetzen, welches er sogleich that; das Blut erstarrte mir aber in den Adern bei dem grausenvollen Anblick am Strande. Ueberall war die Erde mit Blut gefärbt; hier und da lagen Menschenknochen von Schenkeln und Füßen; drei Hirnschädel, fünf Hände und mehrere große Stücke Fleisch, halb gegessen, zerrissen und geschunden, und Freitag gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene zu ihrem Siegesschmause mit herübergebracht hatten, davon drei aufgefressen [283] wären, und der Vierte – indem er auf sich selbst wies – wäre er; daß zwischen seinem Stamme und dem nächst angrenzenden ein großes Gefecht vorgefallen, und in selbigem von beiden Seiten eine große Menge Gefangene gemacht worden sey, welche man an verschiedene Orte gebracht und auf ähnliche Art, wie die Unmenschen es hier gemacht haben, verzehrt habe.

Ich hieß Freitag alle Knochen, Fleischstücke und andere Merkmale des abscheulichen Schmauses auf einen Haufen sammeln, ein großes Feuer machen, und sie zu Asche verbrennen, wobei sich der Appetit nach Menschenfleisch auf's Neue bei Freitag regte und bewies, daß er ein ächter Kannibale war; allein ich äusserte einen solchen Abscheu und Unwillen über den bloßen Anschein, daß er es nicht wagte, es merken zu lassen, denn ich hatte ihm im Betretungsfall auf gewisse Art mit dem Tode gedroht.

Als wir wieder in die Burg zurückgekommen waren, machte ich mich sogleich an die Arbeit, umFreitag zu kleiden, womit ich des andern Tages fertig wurde, und er schien sehr vergnügt darüber, so gut als ich gekleidet zu seyn. Zwar stellte er sich anfangs sehr ungeschickt an; die Beinkleider plagten ihn am meisten, und die Wammsärmel drückten ihm die Schultern und Arme; als ich aber, wo er klagte, ein wenig nachhalf und weiter machte, so gewöhnte er sich bald daran, und zog endlich seine Kleidung sehr gerne an.

Ich überlegte auch, wo ich ihm sein Quartier anweisen wollte, damit ich von ihm nichts zu befürchten und er doch seine Bequemlichkeit haben möchte. Dazu [284] schien mir nichts Besseres als in dem Zwischenraum meiner beiden Einzäunungen ein kleines Zelt aufzuschlagen. Dies that ich und zwar dicht am Felsen, auf der Seite der Quelle, wo der Eingang in die Höhle war, den ich von innen heraus gegraben und mit einer Thüre verwahrt hatte; diese verriegelte ich des Nachts, und nahm auch meine Leiter hinein. Mein innerer Hofraum war mit einem vollkommenen Dach bedeckt, denn ich hatte nicht nur die langen Stangen, die, auf dem innern Pfahlwerk gestützt, sich an die Felsenwand lehnten, wohl unterhalten und erneuert, sondern auch vermehrt, mit kleinen Stäben, statt der Latten, in die Quere versehen, und mit starkem Reisstroh dicht belegt. Die Oeffnung, durch welche ich mit der Leiter aus- und eingehen konnte, hatte ich mit einer Fallthüre geschlossen, weil ich sie selten brauchte. Freitag konnte also auf keine Art in meine Höhle oder in den innern Hofraum kommen, denn er hätte die Thüre mit Gewalt sprengen müssen, und die Fallthüre wäre heruntergefallen, und beides hätte einen solchen Lärm gemacht, daß ich nothwendig davon hätte erwachen müssen. Das Gewehr, nebst Pfeilen und Bogen, nahm ich sämmtlich in die Höhle, wo Alles seine angewiesene Stelle hatte.

Allein ich hatte alle diese Vorsicht gar nicht nöthig, denn auf der ganzen Welt gab es wohl nie einen treuern, redlichern Diener als mein guter Freitag. Da war kein Eigensinn, keine Hinterlist, sondern lauter Gutwilligkeit, Ergebenheit und Anhänglichkeit. Er liebte mich aus vollem kindlichem Herzen wie einen[285] Vater, und ich darf wohl sagen, daß er bei jeder Gelegenheit sein Leben gern aufgeopfert haben würde, um das meinige zu retten. Davon gab er mir so häufige Proben, daß ich von seiner Liebe und Treue gänzlich überzeugt wurde, so daß ich alle Vorkehrungen zu meiner Sicherheit einstellte, weil sie seinetwegen ganz überflüssig waren.

Die guten Eigenschaften meines Freitags boten mir oft Stoff zu allerlei Betrachtungen dar, die mich zuweilen nur allzuweit fortrissen. Ich suchte mir zu erklären, warum Gott, welcher diesen Wilden eben die Vernunft, die Seelenkräfte, die Leidenschaften, Neigungen, Fähigkeiten und Empfindungen des Wohlwollens, der Wohlthätigkeit, Dankbarkeit, Aufrichtigkeit, Treue, das Gefühl von Recht und Unrecht verliehen, dieselben in solcher Finsterniß und Barbarei habe versinken lassen, daß sie keinen oder einen ganz verkehrten Gebrauch davon machten, da sie doch, wenn es ihm gefiele, eben so geschickt zu einer würdigen und nützlichen Anwendung derselben wären als wir. Warum es Gott gefallen, so vielen Millionen Menschen die beglückenden Kenntnisse zu entziehen, die er uns verliehen, und von denen wir, obgleich durch Offenbarung und Natur belehrt, einen so schlechten Gebrauch machen. So vermessen ist die Vernunft, wenn sie es wagt in die Geheimnisse der Regierung des Weltalls einzudringen und das zu meistern oder zu tadeln, was so unendlich über sie erhaben ist. Mit eben so vielem Recht könnte der Stoff den Künstler fragen: Warum bearbeitest du mich so?

[286] Dieser Gedanke hielt mich von weitern Grübeleien ab, und ich machte mir's zum Geschäfte, meinenFreitag alles zu lehren, wodurch er mir nützlich und behülflich werden konnte; dazu gehörte vorzüglich die Sprache. Er war der gelehrigste Schüler, den man sich nur denken kann, und ich hatte meine größte Freude an ihm, denn er war ununterbrochen fleißig, immer froh und heiter, und nichts machte ihn vergnügter, als wenn er mich verstehen oder sich mir verständlich machen konnte. Nur das wünschte ich, ihm vor der unmenschlichen Gewohnheit, Menschenfleisch zu essen, all den Abscheu einzuflößen den sie verdient, und ich glaubte dies am besten dadurch zu erreichen, wenn ich ihm anderes Fleisch zu kosten gäbe. Ich nahm ihn daher in den ersten Tagen nach seiner Ankunft eines Morgens mit mir, in der Absicht, ein Zickelchen aus meiner Heerde zu schlachten. Unterwegs sah ich eine Ziege mit zwei Jungen im Schatten eines Strauches liegen. Ich winkte Freitag, still zu stehen, und schoß eins von den Jungen, welches ihn so sehr erschreckte, daß er zitterte, und so verstört aussah, daß ich jeden Augenblick glaubte, er würde vor Angst zu Boden sinken, denn er glaubte, ich wolle ihn umbringen, riß sein Wamms auf und befühlte sich, ob er nicht verwundet wäre, dann nahte er sich, kniete nieder, umfaßte meine Kniee und sprach vielerlei Dinge, die ich zwar nicht verstehen aber doch leicht errathen konnte, daß er um sein Leben bat. Ich nahm ihn bei der Hand und lächelte ihn freundlich an, um ihm seine Furcht zu benehmen, dann zeigte ich ihm das Zickelchen, das er vor Schrecken gar nicht bemerkt [287] hatte, und winkte ihm, es zu holen. Während dem er hinlief, lud ich meine Flinte. Er brachte es mir, nachdem er es überall besehen und nicht begreifen konnte, wie es wohl getödtet worden wäre. Um ihm das verständlich zu machen, wies ich auf meine Flinte, zeigte ihm dann einen Papagey, der in Schußweite auf einem Baume saß, und den Boden unter ihm, hieß ihn dann dahin sehen, schoß, und nun sah er auch den Vogel fallen; dennoch erschrack er eben so sehr als zuvor, und da er nicht bemerkt hatte, daß ich die Ladung in die Flinte that, so veranlaßte dies den Wahn, sie enthielte einen unerschöpflichen Vorrath von Tod und Verderben für Menschen und Thiere, sie möchten nah oder fern seyn, und hätte ich es ihm nicht ernstlich untersagt, er würde mich und die Flinte nach seiner Art angebetet haben, denn er sprach mit ihr, wenn er sich allein glaubte, als ob sie ihn verstehen könnte, um – wie er mir seither sagte – sie zu bitten, ihn nicht zu tödten, und es währte lange, ehe er es wagte, sie zu berühren.

Nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, winkte ich ihm, den geschossenen Vogel zu holen, und lud meine Flinte, während er hingieng und lange ausblieb, denn der Papagey, der nicht sogleich todt blieb, war noch eine Strecke fortgeflattert, doch endlich fand und brachte er ihn mir; hierauf gab ich ihm auch das Zickelchen, und wir kehrten nach Hause, wo ich Letzteres in Stücke zerlegte und einen Theil davon noch denselben Abend an einer guten Brühe kochte. Freitag ließ sich diese Speise recht gut schmecken. Den [288] folgenden Tag bewirthete ich ihn mit einem guten Ziegenbraten; ich nahm den übrigen Theil des Zickelchens, band dessen Hinterfüße an eine Schnur, und hieng diese an einen Stab der quer über zwei andern lag, die ich stehend in die Erde gesteckt hatte, dann wies ich Freitag, wie er von Zeit zu Zeit den Braten wenden müßte, worüber er sich höchlich verwunderte; als er aber davon gekostet hatte, konnte er nicht Ausdrücke und Zeichen genug finden, um mir zu sagen, wie vortrefflich ihm das Gebratene schmecke, das er auch jederzeit dem Gekochten weit vorzog, und sobald er sich in der Folge besser verständlich machen konnte, versicherte er mich, er wolle nie wieder Menschenfleisch essen, was ich mit Vergnügen vernahm. Nur das Salz wollte ihm nicht behagen, er verzog den Mund, spühlte ihn mit frischem Wasser aus, und es vergieng eine geraume Zeit, ehe er sich daran gewöhnen konnte.

Da ich nun unser Zwei zu ernähren hatte, und doch den verhältnißmäßigen Vorrath auf mehrere Jahre haben wollte, so war es nöthig, entweder zweimal zu säen, oder ein desto größeres Ackerfeld einzuzäunen und zu besäen. Ich wählte das Letzte, wobei Freitag mir mit Lust und Fleiß arbeiten half, denn er ward gerührt, als ich ihm bedeutete, daß ich seinetwegen jetzt mehr Brod, und also mehr Arbeit haben müßte, als für mich allein, damit wir keinen Mangel leiden möchten, und erwiederte: ich sollte ihm nur sagen, was er thun solle. Er lernte auch bald Korn stampfen und sichten, Brod backen, und war in kurzer Zeit in diesen und andern häuslichen Arbeiten so geschickt als ich, [289] und so willig, daß er Alles für mich thun wollte und konnte.

Unstreitig war dies das angenehmste Jahr meines Aufenthalts auf dieser Insel, und nach Verfluß weniger Monate verstand Freitag schon die Benennungen von den meisten Dingen, die ich verlangte, und von den meisten Orten, wo ich ihn hinschickte, und zu Ende des Jahres konnte er schon ziemlich gut englisch sprechen, so daß ich mich meiner Zunge auch wieder zu Gesprächen bedienen konnte. Ausser dem Vergnügen der Unterhaltung fand ich auch täglich mehr Freude an diesem guten Burschen, dessen sanfte Gemüthsart, Redlichkeit und treue Anhänglichkeit mir ihn immer theurer machte; er liebte mich mehr, als er je vorher etwas geliebt haben mochte. Als er in der englischen Sprache so weit gefördert war, hielt ich es für meine unerläßliche Pflicht, ihn in der christlichen Religion zu unterrichten. Vorher aber wünschte ich zu erfahren, ob diese Wilden eine Art von Religion hätten. Dies veranlaßte folgendes Gespräch:

Robinson. Weißt du, wer dich erschaffen hat?

Freitag. Mein Vater.

Rob. (Genöthigt es auf andere Art anzufangen). Wer hat das Meer, die Erde, die Berge, die Wälder gemacht?

Fr. Ein alter Mann, Namens Benamuki, der auf einem hohen Berge wohnet, älter ist als die Erde, Sonne, Mond und Sterne, und alle Dinge überlebt.

Rob. Erweisen ihm nicht alle Dinge Ehre und Lobpreisungen?

[290] Fr. Alle Dinge sagen O! zu ihm. – Das ist: beten ihn an.

Rob. Wohin kommen die Leute in deinem Vaterlande nach ihrem Tode?

Fr. Sie kommen alle zu Benamuki.

Rob. Und die Kriegsgefangenen, die ihr aufgefressen habt?

Fr. Auch sie gehen alle zu Benamuki.

Rob. Hast du ihm auch schon O! gesagt?

Fr. Nein, junge Leute dürfen niemals zu ihm gehen, sondern nur allein die Owokakies, welches alte Männer sind, und O! zu ihm sagen. Wenn sie dann wieder vom Berge herab kommen, so erzählen sie, was Benamuki ihnen gesagt hat.

Hieraus ergiebt sich, daß sogar unter den rohesten Völkern Pfaffentrug herrsche, um die Ehrfurcht des Volkes der Priesterschaft zuzusichern. Ich suchte dem guten Freitag die List ihrer Priester zu erklären, dann aber machte ich ihm ein Bild des wahren Gottes, der Alles, was ist und lebt, Sonne, Mond, Sterne, Erde und Meer, die Menschen, Thiere und Pflanzen erschaffen habe, durch seine Allmacht und Vorsehung erhalte und regiere. Ich bemühte mich, ihm auch einen Begriff vom Evangelium Jesu Christi, der uns erlöse, und vom heiligen Geist, der uns führe, warne und heilige, beizubringen, zugleich aber dem Irrthum vorzubeugen, daß der Erschaffer, der Erlöser und der heilige Geist drei verschiedene Götter seyen. Alle drei sind Eins. Erschaffung, Erlösung und Heiligung können nur einen Urheber haben, Gott, den wir verehren[291] und anbeten, der unsere Bitten hört und von dem Alles kömmt. Dann ließ ich mich darauf ein, ihm von dem Satan zu reden, daß er Gottes Feind sey im Herzen der Menschen, und alle Bosheit anwende, dessen gute Absichten zu hintertreiben, die Menschen zum Bösen zu verführen und das Reich Christi zu zerstören.

Freitag nahm die Lehre des Evangeliums mit Freude und gläubigem Herzen an, und machte die Bemerkung: daß Gott, der unsere Bitten höre, obgleich er weit über der Sonne und den Sternen wohne, weit größer seyn müsse als Benamuki, der nichts höre, wenn man nicht zu ihm auf den Berg gehe, wo er sich aufhält, und der doch eben nicht gar weit entfernt sey. Mit ähnlichen und andern unschuldigen Fragen und Bemerkungen setzte er mich aber nicht selten in Verlegenheit, besonders hatte er gegen das, was ich ihm vom Satan sagte, gar viel einzuwenden, und meinte, wenn Gott so allmächtig sey, so müsse er denselben tödten, damit er nichts Böses mehr verüben könne. Dieser kathegorische Ausspruch verwirrte mich nicht wenig, denn, obgleich ein alter Mann, war ich doch nur ein junger Theologe, und wenig geschickt, dergleichen Zweifel zu lösen, und bei meinem Unterricht war weit mehr guter Wille als Wissenschaft. Ich that also, als ob ich ihn nicht verstanden hätte, und fragte ihn etwas anderes, allein es war ihm zu viel, um eine befriedigende Antwort zu thun, und er wiederholte seine Aeusserung sehr deutlich. Ich war so sehr in die Enge getrieben, daß ich ihm die Erklärung schuldig[292] bleiben mußte; um meine Verlegenheit zu verbergen, schickte ich ihn zur Quelle, um Wasser zu holen, und betete unterdessen um Erleuchtung. Als Freitag gar bald wieder zurückkam, verlangte er noch einmal zu wissen, warum Gott den boshaften Satan nicht tödte oder schon längst getödtet habe? Da ich Zeit gehabt nachzudenken, so frug ich ihn: Warum hat Gott mich oder dich und deine Landsleute nicht sogleich getödtet, wenn wir ihn durch schlechtes Betragen beleidigten? Da wir immer nachsichtiger gegen uns selbst als gegen Andere zu seyn pflegen, so machte meine Gegenfrage unserm Gespräche ein Ende.

Ungeachtet Freitag mich noch öfters in ähnliche Verlegenheit setzte, so war mir doch die Unterhaltung mit ihm eben so angenehm als lehrreich. Eine innige Freude durchströmte meine Seele, mein Kummer ward mir leichter und meine Wohnung angenehmer, wenn ich bedachte, daß ich in dieser Einsamkeit wäre bewogen worden, die Hand zu suchen, die mich hierher gebracht, und überdies noch die Seele eines armen Wilden zu retten, und ihn kennen zu lehren Jesus Christus, der da ist das Wort, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Um jedoch jenen Verlegenheiten auszuweichen, suchte ich nachher alle Lehrsätze unberührt zu lassen, die noch nicht befriedigend erwiesen oder nicht vollkommen auf die Bibel gegründet sind, deren Erkenntniß mehr ein Gegenstand theologischer oder philosophischer Untersuchungen als eines heilsbegierigen Herzens ist, und mit deren Erklärung die Christen, die in der Hauptsache eins sind, unvereinbar getrennt bleiben. Freitag [293] ward bald ein guter Christ, und ich gestehe gern, daß, indem ich ihm eine Sache zu erklären suchte, ich mich selbst in manchen Stücken belehrte. Ich fand bei dieser Gelegenheit weit mehr Vergnügen als vorher, in der Bibel zu lesen, und mich zu bemühen, den wahren Sinn des Gelesenen zu verstehen. 1

Fußnoten

1 Der Verfasser Defoe läßt ich an dieser und andern Stellen in weitläuftige theologische Betrachtungen aus, die der Uebersetzer bedeutend abgekürzt hat. Religion ist Sache des Gemüthes und nicht des Verstandes. Man soll das Heilige nicht zu viel besprechen, und nicht glauben, daß wenn es nur häufig genannt werde, es auch schon da sey.

Neunzehnter Abschnitt

Neunzehnter Abschnitt.

Erkundigungen.


Unter solchen und ähnlichen Beschäftigungen und Gesprächen lebten wir drei Jahre glücklich und so zufrieden, daß ich gar nicht wünschte, von dieser Insel wegzukommen, sogar nicht einmal das feste Land zu besehen, dessen Nähe mich vorhin so oft beunruhigt und angelockt hatte; wohl aber wandelte mich die Neugierde an, es wenigstens durch Freitag kennen zu lernen, wozu denn ein Ausflug nach meinem Landhause besondere Veranlassung gab. Dort hatten wir Früchte einzusammeln, und mußten einige Tage verweilen, unter denen ein Sonntag [294] war. An dessen Nachmittag führte ich ihn an die Südwestküste meiner Insel, wo er sich sogleich wieder erkannte, und mir dann erzählte, daß er einmal hier einem Siegesmahle beigewohnt hatte, wo man zwanzig Männer, zwei Weiber und ein Kind verzehrt hatte. Um mir diese Anzahl deutlich zu machen, da er auf englisch noch nicht so viel zu zählen wußte, legte er drei Reihen Steine auf den Boden, nämlich in die erste zwanzig, in die zweite zwei und in die dritte einen, und hieß mich sie zählen. Da die Luft sehr helle war, so bestiegen wir einen der Hügel am Fuß der südlichen Bergkette. Freitag sah mit angestrengter Aufmerksamkeit gegen die entfernte lange Küste, und fieng dann auf einmal an zu tanzen, zu jubeln und auszurufen: O Freude! dort, sieh dort mein Land, mein Volk! Sehnsucht und Entzücken strahlten aus seinen Augen, und ergossen sich in Ausrufungen, bald in englischer, bald in seiner Sprache. Der ungekünstelte Natursohn bemerkte nicht, wie beunruhigend und folglich unangenehm die Bemerkung für mich war, daß er sich von mir weg in sein Land zurück wünschte, denn eine erneuerte Einsamkeit wäre mir jetzt unausstehlich und weit unerträglicher als vormals gewesen; ich eilte also, ihn von dieser Stelle wegzuführen, und in dieser Gegend meine Geschäfte so schnell als möglich zu beendigen. Mein Argwohn nahm täglich zu, dauerte mehrere Wochen, und so lange unterließ ich nicht, ihn auszuforschen, wozu ich Muße genug hatte, denn die Regenzeit war kurz nachher eingetreten. Ich war zurückhaltender und weniger freundlich als sonst. Allein ich that dem [295] Herzensjungen Unrecht; alle seine Antworten waren so aufrichtig und unbefangen, daß ich nicht die geringste Nahrung für meinen Argwohn darin finden konnte; alles athmete Ergebenheit, Dankbarkeit und Unschuld, so daß er nicht einmal mein verändertes Betragen bemerkte. Eines Abends fragte ich ihn: »du möchtest also gerne wieder zu deinen Landsleuten zurückkehren?«

Freitag. O ja, ich möchte wohl meinen Vater, Verwandte und Freunde wieder sehen.

Rob. Und wolltest wieder ein Wilder werden, Menschen schlachten und ihr Fleisch verzehren.

Fr. Nein, nein! ich will meinen Bekannten sagen, daß sie kein Menschenfleisch, sondern Thierfleisch, Kornbrod, Milch essen sollen.

Rob. Und wenn sie darüber böse werden, dich todtschlagen und selbst aufessen?

Fr. O sie schlagen mich nicht todt, sondern werden gerne von mir lernen.

Rob. Nun dann, so gehe wieder zu deinen Landsleuten.

Fr. O es ist viel zu weit, wie wollte ich bis dahin schwimmen können?

Rob. Ich will dir ein Boot geben, und darin sollst du in dein Land zurückkehren.

Fr. Warum bist du böse auf mich? Was hab' ich dir zu Leide gethan, daß du mich fortschicken willst?

Rob. Ich bin gar nicht böse auf dich, und wollte dir Freude machen; hast du mir nicht selbst gesagt, du möchtest wieder in dein Land?

Fr. O ja, ich will gerne hingehen, aber du mußt[296] auch mitkommen; Freitag ist nicht gerne da, wo sein Herr nicht ist.

Rob. Ich mit dir gehen? Deine Leute würden mich ja gleich todtschlagen und verzehren.

Fr. O nein, das wird nicht geschehen; ich will schon machen, daß sie dich viel lieb haben, will ihnen sagen, du hättest Freitags Leben gerettet und seine Feinde getödtet.

Rob. Aber was sollte ich dort, wo ich nicht das Geringste zu thun wüßte?

Fr. Du kannst dort sehr viel Gutes machen, die wilden Menschen lehren gut seyn, sie lehren Gott kennen, zu ihm beten, sie lehren Acker bauen, Korn pflanzen, Brod backen, neu leben.

Rob. Ach Freitag, du weißt nicht, wie schwer das ist; geh du nur bin!

Fr. O schlage mich lieber todt, als daß du mich fortschickst; mag nicht leben, ohne bei dir zu seyn.

Dies sagte er tief gerührt und mit thränenden Augen, so daß ich von seinem festen Willen, mich nie zu verlassen, völlig überzeugt und seinetwegen beruhigt ward, ihm meine vorige Liebe wieder schenkte, ihm herzlich die Hand drückte, und versprach, uns nie zu trennen, worüber er seine Freude nicht genug auszudrücken wußte.

Dies Gespräch veranlaßte mich, durch Fragen noch mehr von seinem Volke zu erfahren, wo er mir dann besonders viel von ihren Kriegen erzählte. Besiegt ihr eure Feinde, oder werdet ihr von ihnen überwunden?

[297] Fr. Wir schlagen sie immer. Mein Volk streitet am besten.

Rob. Du und deine Gefährten sind aber doch gefangen, zum Theil erschlagen und verzehrt worden.

Fr. Sie mehr waren als wir, und nahmen doch nur ein, zwei, drei und mich. Aber am andern Ort, wo ich nicht war, da nahm mein Volk nicht nur ein, zwei, drei, vier, aber gar viele, große Menge.

Rob. Wie kannst du denn das wissen, da du nicht dabei und selbst gefangen wardst?

Fr. Weil wir sie immer schlagen, am besten streiten.

Rob. Warum haben dich die von deiner Parthei denn nicht aus den Händen deiner Feinde gerettet?

Fr. Die Feinde brachten uns Gefangene gleich in das Kanot, aber meine Landsleute hatten keine Kanots bei sich.

Rob. Wenn ihr Gefangene habt, was macht dein Volk mit ihnen?

Fr. Mein Volk ißt sie alle auf, alle, alle.

Rob. Wohin führt ihr sie denn?

Fr. Auf die nächste, beste Insel; auch auf diese.

Rob. Bist du denn auch schon hier gewesen?

Fr. O ja, mehr als einmal, aber nicht da, wo ich weglief, sondern wo die Sonne weggeht. – Er wies nach West.

Rob. Wie weit ist es von hier bis an das feste Land?

Fr. Vom Morgen bis an den Abend. (Er konnte sich nicht anders erklären, um eine Tagreise aus zudrücken.)

[298] Rob. Ist denn keine Gefahr, daß so kleine Fahrzeuge zu Grunde gehen?

Fr. Niemals, nur muß man sich in Acht nehmen, nicht in einen Strom zu fallen, der einen weit in's Meer hinaus führt; auch weht ein Wind des Morgens und ein anderer des Abends.

Ich glaubte, er wolle von der Ebbe und Fluth reden, welche er irrig den Winden zuschrieb, allein seither gab ich darauf Acht, und bemerkte, daß wirklich ein Land- und Seewind in diesen Gewässern abwechselte, welches von der heftigen Zu- und Abströmung des mächtigen Flusses Orinoko herrührte, in dessen Mündung meine Insel lag.

Rob. Glaubst du denn, daß es möglich wäre, von dieser Insel an jenes Land zu kommen?

Fr. O ja, du kannst dahin fahren in zwei Kanots.

Rob. In zwei Kanots? was willst du damit sagen? –

Nun gab er sich viele Mühe, mit Worten und Geberden sich mir verständlich zu machen, und ich brachte endlich mit eben so viel Mühe heraus, daß das so viel bedeuten sollte, als ein Boot, das so groß als zwei Kanots wäre. Dieser Theil von unserm Gespräche war mir sehr angenehm, und weckte aufs neue die Hoffnung in mir, mit Hülfe Gottes und meinesFreitags Gelegenheit zu finden, diese Insel zu verlassen, und wieder in bewohnte Gegenden und zu gesitteten Menschen zu kommen. So wenig bedurfte es, um schlafende Neigungen zu erwecken. Ich that noch eine Menge Fragen nach diesen Gewässern, nach den Küsten, nach dem Lande, dessen Einwohnern [299] und den benachbarten Völkerschaften, und Freitag beantwortete sie mit der größten Offenherzigkeit und so gut er's verstand, konnte mir aber von den letztern nichts weiter sagen, als daß sie Karibs hießen. Hieraus merkte ich, daß dies die Karaiben wären, die den Landesstrich von der Mündung des Orinoko bis nach Guiana und St. Martha bewohnen, und daß die Küsten, die sich von West bis Nordwest ausdehnten, und ich für festes Land hielt, die an der nördlichen Spitze jenes Flusses liegende Insel St. Trinidad sey.

Er erzählte mir auch, daß weit jenseits dem Monde – nämlich westwärts wo er untergieng – weiße Menschen wohnten mit Bärten wie der meinige – wobei er darauf wies – welche viele Leute getödtet hätten. Es war hieraus leicht zu errathen, er spreche von den Spaniern, deren Grausamkeiten inAmerika überall bekannt und allen Nationen ein Gegenstand der Verabscheuung sind, die sich mit dem Haß von Vater auf den Sohn fortgepflanzt hat.

Dieses Gespräch leitete mich auf den Einfall, ihm das auf dem Strande liegende, ganz in Stücken zerfallene Boot zu zeigen, in welchem wir uns vom gescheiterten Schiffe hatten retten wollen. Ich führteFreitag zu dessen Trümmern, und als er sie eine Weile stillschweigend betrachtet hatte, sagte er: So ein Boot wäre an das Land geschwommen, wo seine Nation wohnte. Ich verstand ihn nicht gleich, begriff aber endlich so viel, daß ein ähnliches Boot, welches wahrscheinlich einem europäischen Schiffe angehörte, das in diesen [300] Gewässern verunglückt war, an die Küste seines Vaterlandes getrieben worden seyn müsse. Die Beschreibung, die er davon machte, bestärkte meine Vermuthung, und beschäftigte mich so sehr, daß mir nicht einfiel zu fragen: ob auch Menschen in dem Boot gewesen, ob sie gerettet worden und woher sie gekommen wären? Freitag aber erinnerte mich selbst daran, indem er hinzusetzte: Wir haben die weißen, bärtigen Leute vom Ertrinken gerettet.

Robinson. Waren denn weiße Menschen in dem Boote?

Freitag. O ja, das ganze Boot war voll. (Es waren deren siebenzehn, die er mir auf ähnliche Art mit Steinen aufzählte.)

Rob. Und was ist denn aus ihnen geworden? Wo sind sie?

Fr. Sie wohnen bei meinen Landsleuten.

Rob. Wie kömmts, daß ihr sie nicht erschlagen und verzehrt habt?

Fr. Wir essen nur die Kriegsgefangenen, aber diese leben noch, wir haben ihnen Lebensmittel gegeben und Bruderschaft mit ihnen gemacht.

Rob. Ist es schon lange, daß sie bei euch wohnen?

Fr. Sie sind schon seit vier Jahren bei uns.

Dies erinnerte mich an das Schiff, das eben um dieselbe Zeit im Angesicht meiner Insel gescheitert, auf dessen Wrak ich gewesen, doch Niemand gefunden hatte, da sich die Mannschaft, als sie ihr Fahrzeug zertrümmert und sich ohne Rettung sah, in's Boot begeben hatte, mit selbigem wahrscheinlich an die Küste von [301] Freitags Vaterlande war getrieben worden. Diese konnte, nach dem Bau des Schiffs zu urtheilen, keine andern als Spanier oder Portugiesen seyn, und nun schien es mir möglich, mitFreitags Hülfe zu ihnen und gemeinschaftlich auf selbst gebautem Schiffe in Gegenden zu gelangen, wo Europäer wohnten, von wo es dann leicht wäre, in unser Vaterland zurückzukehren. Dies war nun der Gegenstand aller meiner Gedanken, denn nun hatte ich die Wahrscheinlichkeit des Gelingens vor mir.

In unsern Gesprächen beschrieb ich ihm nun die Länder von Europa, besonders England, unsere Religionsgebräuche, unsere Sitten, Wissenschaften, Künste, Fabriken und Handwerke, unsere Städte, Gebäude und die großen Schiffe, in denen wir nach allen Ländern der Erde fahren. Ich erzählte ihm von unsern Kriegen zu Wasser und zu Lande, besonders aber von dem Schiffe, auf welchem ich mich selbst befunden, auf welche Art es an jener Klippe zertrümmert und untergegangen, und wohin es nachher durch die steigende Fluth getragen worden, wie ich mich gerettet und auf diese Insel gekommen sey, wie lange ich nun schon hier gelebt, wie ich gearbeitet und alles zu Stande gebracht hätte, wie er es jetzt sehe. Ich zeigte ihm auch die Felsen, an denen das andere Schiff zerschmettert worden, und daß dieses wahrscheinlich das nämliche gewesen, auf welchem sich die bärtigen weißen Männer befunden hätten, welche jetzt bei seinen Landsleuten wohnten. An allem dem nahm er jenen lebhaften Antheil, den unbekannte Dinge so leicht erregen.

[302] Da ich nun seinetwegen ganz beruhigt war, entdeckte ich ihm das für ihn so große Geheimniß des Schießpulfers, der Kugeln und des Schießgewehrs, lehrte ihn schießen und zielen, worin er es mir gar bald zuvor that. Dann gab ich ihm eine Flinte, ein Pistol und ein Messer, woran er große Freude hatte, und machte ihm ein Gehänge, um ein Beil darin zu tragen, welches nicht nur in vielen Fällen ein gutes Gewehr ist, sondern bei öftern Gelegenheiten, besonders in unserer Lage, weit nützlicher war als ein Säbel.

Eines Tages, bei unserm Abendspaziergang, führte ich Freitag zu meinem Boote, welches ich immer noch in der Bay, aber seit mehreren Jahren, aus Furcht vor den Wilden, nicht gebraucht, sondern im Wasser versenkt hatte; theils damit sie es nicht sehen möchten, theils damit es nicht verfaule. Nachdem wir es heraufgezogen, und vom Wasser geleert hatten, setzten wir uns beide in selbiges, und ruderten auf dem Meerbusen herum, und ich fand, daß er ganz vortrefflich damit umzugehen, und es schneller fortzubringen und wieder aufzuhalten wußte, als ich selbst. »NunFreitag, wollen wir in diesem Boot zu deinen Landsleuten gehen?« fragte ich ihn. – Aber er hielt das Boot für viel zu klein, um darin so weit zu fahren. Hierauf sagte ich ihm, ich hätte wohl ein größeres. Als wir nun jenes wieder an seine Stelle gebracht hatten, doch ohne es zu versenken, gieng ich mit ihm an dem Ort vorbei, wo das große Boot war, das ich vor einigen zwanzig Jahren gemacht hatte, und nicht in's Wasser bringen konnte, und das jetzt, theils von[303] der Sonne ausgetrocknet und zersprungen, theils durch Wind und Regen halb verfault war. Dieses Kanot, meinte Freitag, wäre groß genug, und da könnte man doch genug Brod, Fleisch und Trank darein thun.

Da ich nun immer eine unüberwindliche Neigung fühlte, die siebenzehn Europäer aufzusuchen, und mit ihrer Hülfe mich und sie wieder in die Gesellschaft gesitteter Menschen zu bringen, so machte ich mich mit Freitag unverzüglich und ernstlich darüber her, ein tüchtiges Boot zu bauen, um darin mit all meinen Habseligkeiten die ferne Reise anzutreten.

Hierzu fanden sich nun Bäume im Ueberfluß, um eine ganze Flotte, nicht nur von Böten, sondern von großen Schiffen zu bauen; das war aber nicht genug, sondern der Baum mußte so nahe am Ufer stehen, daß das verfertigte Kanot leicht in's Wasser gebracht werden könnte. Freitag, der sich besser als ich darauf verstand, fand bald einen tüchtigen Baum, der demjenigen ähnlich war, den wir Brasilienholz nennen, und eine Mittelgattung zwischen diesem und dem Nikoraguaholz seyn mochte, denn er war beinahe von eben der Farbe und Geruch.

Freitag wollte nach Gewohnheit seiner Landsleute das Boot vermittelst des Feuers aushöhlen, allein ich zeigte ihm, wie wir das mit unsern Werkzeugen mit viel weniger Mühe aushauen könnten, und da ich ihm gelehrt hatte, wie er selbige, besonders die Aexte, handhaben sollte, kamen wir nach angestrengter Arbeit von einem Monat mit unserm Boote glücklich zu Stande, hatten es recht hübsch gemacht und der Aussenseite eine [304] geschickte Form gegeben, um leicht und im Gleichgewicht auf dem Wasser zu schwimmen. Es kostete uns aber wohl noch eine Zeit von zehn oder vierzehn Tagen, um selbiges so zu sagen Zoll für Zoll, vermittelst Hebel und großer Walzen, ins Wasser zu bringen.

Als es nun endlich flott war, fragte ich Freitag, ob wir uns in diesem Fahrzeug wohl hinüber wagen dürften? O ja, erwiederte er, wenn schon ein starker Wind wehen würde. Er nahm hierauf die Ruder des kleinen Boots, aber ungeachtet sie zu klein waren, sah ich mit Erstaunen, mit welcher Geschicklichkeit und Schnelligkeit er das große Boot zu regieren, zu wenden und fortzurudern wußte. Von den Segeln und von der Einrichtung und Wirkung des Steuerruders war ihm aber nicht das Geringste bekannt, und ich machte mir eine Freude, in's Geheim daran zu arbeiten, und ihn damit zu überraschen, denn ich wollte unser Fahrzeug mit Mast und Segeln, Steuerruder, Anker und Tauen versehen.

Ein Mast war leicht zu bekommen. Ich suchte und fand eine junge Zeder, die sich vortrefflich dazu schickte, und nicht weit entlegen war, da es deren eine große Menge auf der Insel gab. Ich zeigteFreitag, wie er sie umhauen, zurechte machen und ihr eine taugliche Gestalt geben sollte, dann sollte er sie bis zum Boote tragen; ferner ließ ich ihn vier Ruder machen, um bei Windstille, wo man nicht segeln kann, fortrudern zu können. Er war auch recht fleißig und geschickt, und machte alles zu meiner Zu friedenheit.

Während dem war ich beschäftigt, die Segel zu[305] verfertigen, was aber nicht so leicht war als ich anfänglich glaubte, denn die Stücke von alten Segeln, und selbst das Segeltuch, das noch neu war, als ich es vom Schiff brachte, lagen nun seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in einer Ecke, und waren zum Theil verfault. Ich fand jedoch einen Theil noch brauchbar, und brachte mit vieler Mühe ein Stagsegel und ein Gieksegel nebst dem nöthigen Tauwerk zu Stande, machte auch ein Steuerruder und befestigte es an dem Fahrzeuge. Der Dreganker und dessen Tau vom kleinen Fahrzeug, die in meinem Magazin lagen, ließ ich durch Freitag in das neue Fahrzeug tragen. Alle diese Arbeiten kosteten mich eben so viel Zeit und Mühe als der Bau des Fahrzeugs.

Nachdem nun alles fertig und das Boot völlig aufgetakelt war, wozu Freitag gar große Augen machte, setzte ich mich mit ihm zu Schiffe, um auf der Bay herumzusegeln, und er war voll Verwunderung, wenn er mich das Boot mit dem Steuerruder hin und herwenden, und durch die Segel, die ich nach dem Winde richtete, forttreiben sah. Diese Fahrten auf dem Meerbusen wiederholte ich nun täglich, um Freitag in der Schiffskunst zu unterrichten, und nach einiger Uebung lernte er recht geschickt mit dem Steuerruder und mit den Segeln umgehen. Nur denKompaß konnte ich im nicht begreiflich machen. Er konnte aber einmal für jetzt dieser Kenntniß desto eher entbehren, da ich das Steuerruder handhabte, und es in diesen Gegenden selten Nebel oder trübes Wetter giebt, so daß man bei Tage die Küsten und bei Nacht die Sterne sehen [306] kann, ausser in der Regenzeit, wo es aber Niemanden einfällt, weder zu Wasser noch zu Lande zu reisen.

Eben, als wir mit dem Bau und der Zurüstung des Boots fertig waren, trat diese herbstliche Regenzeit ein, im Anfang des siebenundzwanzigsten Jahres meiner Gefangenschaft auf dieser Insel, obgleich die letzten drei Jahre, da ich meinen guten Freitag bei mir hatte, mein Aufenthalt diese Benennung nicht verdiente, sondern sehr angenehm war. In dieser Zeit setzte ich meine ehemalige Lebensart fort, bestellte mit Freitags Hülfe meine Landwirthschaft, gieng oft zu meinem Landhause, grub, pflanzte, umzäunte, sammelte mein Korn, mein Reis, meine Baumfrüchte, Melonen und Trauben ein, trocknete diese letztern, besorgte meine Ziegen, und schlachtete deren nach Bedürfniß, gieng aber selten auf die Jagd, backte Brod, machte Töpferarbeit, flocht Körbe, worinFreitag große Geschicklichkeit zeigte; meinHund, meine Papageien, Katzen undZiegen machten mir immer noch viele Freude. Ich feierte die mir bekannten Festtage, die Sonntage und das Jahrsgedächtniß meiner Ankunft, mit eben der Dankbarkeit gegen Gott, wozu ich jetzt noch mehr Ursache hatte als vorher, da ich so viele Proben seiner Güte und gegenwärtig so große Hoffnung hatte, wieder in die Gesellschaft der Menschen zurückzukehren.

Sobald die Witterung stürmisch zu werden anfieng, setzten wir unser Fahrzeug in Sicherheit in eine Aushöhlung, die ich Freitag, neben der Stelle, wo das kleine Boot lag, hatte graben lassen, worin es gerade[307] Raum und Tiefe genug hatte, um beständig flott zu bleiben, und auch bei der höchsten Fluth und dem heftigsten Sturm sicher lag; um es vor Regen zu sichern, machten wir ein Dach über die Stelle, und in dieser Verfassung erwarteten wir die Monate November oder Dezember, um die Fahrt anzutreten. Diese war unsere tägliche Unterhaltung, und wir machten alle Anstalten zur Ausführung. Wir sorgten für unsern Mundvorrath; auch legte ich viele Dinge zurechte, die ich mitnehmen wollte, fand aber endlich, daß es besser wäre, erst hinzufahren, und die Leute zu sehen und mit ihnen zu sprechen, ehe ich etwas Weiteres unternähme; setzte daher Alles wieder an seinen Ort.

Zwanzigster Abschnitt

Zwanzigster Abschnitt.

Die Geretteten.


Jetzt war die schöne Zeit eingetreten, und wir waren sehr beschäftigt, alles zu unserer Abfahrt einzurichten, welche in acht oder zehn Tagen vor sich gehen sollte. Eines Morgens schickte ich Freitag an den Strand, um eine Schildkröte zu holen, wie wir von Zeit zu Zeit, sowohl des Fleisches als der Eier wegen, zu thun pflegten. Jetzt wollte ich eine bedeutende Menge von Lebensmitteln mitnehmen, weil ich hoffte, den unter die Wilden gerathenen Europäern damit eine Freude und sie mir gefällig zu machen. Aber [308] Freitag kam viel eher wieder, als ich vermuthen konnte. Er flog über den Zaun, wie einer, der kaum den Boden berührte, und rief mir schon von der Höhe desselben zu: O Herr, Herr, o Jammer! ein, zwei, drei Kanots! ein, zwei, drei! Nach seiner Art sich auszudrücken, glaubte ich, es wären sechs Kanots gelandet, sah aber nachher durch das Fernglas, daß ihrer doch nur drei waren. Ich merkte, daß dem guten Burschen sehr bange war, indem er sich einbildete, das wären keine andern als seine Feinde, welche ihn gefangen hatten, und jetzt bloß seinetwegen gekommen wären, um ihn in Stücken zu zerhacken und aufzuessen. Er zitterte und bebte, und war vor Schrecken ganz ausser sich. Ich suchte ihm Muth einzusprechen, und ihm begreiflich zu machen, daß nach so langer Zeit seine Feinde gar nicht mehr an ihn denken konnten, und daß ich in eben so großer Gefahr wäre, von ihnen gefressen zu werden, als er. Ich holte hierauf einen Trunk Rum, womit ich so gut gewirthschaftet hatte, daß mir noch ein guter Vorrath davon übrig blieb, und dieser that mehr Wirkung als alle Trostgründe.

Robinson. Freitag, wir müssen mit ihnen fechten; kannst du das wohl?

Freitag. O ja, ich schiesse auf sie; aber es sind ihrer gar Viele.

Rob. Hat nichts zu bedeuten; die, welche wir nicht tödten, werden vor dem Gewehr, vor dem Knall und der Flamme erschrecken. Wenn ich dich aber vertheidige, willst du mir auch treulich beistehen, und alles thun, was ich dir sage?

[309] Fr. Ja Herr? ich will sterben, wenn du sagst, daß ich für dich sterben soll.

Als ich ihn nun in dieser guten Stimmung sah, ließ ich ihn die drei Musketen und eine Flinte aus der Grotte holen, und stieg während der Zeit auf meine Warte, um zu sehen, was ich entdecken könnte, und vermittelst meines Fernglases sah ich, daß einundzwanzig Wilde in drei Kähnen gelandet waren, und zwar an der Südostküste meiner Insel, welches mich desto mehr verwunderte, da ich auf dieser Seite niemals die geringste Spur von den Wilden bemerkt hatte, weil dieses Ufer just zwischen den beiden Strömen lag, die in Nord und Süd der Insel so heftig gegen Ost strömten. Der Ort, wo sie sich befanden, war ein flacher, niedriger Strand von lauter Sand, beinahe ohne Vegetation, ausser daß ein paar hundert Schritte davon die Spitze eines dicken Waldes war, der sich bis an die Felsen hinaufzog, die jenseits meiner Quelle sich aufthürmten, und zum Theil über einander geworfen waren. Ich bemerkte auch, daß sie zwei Gefangene bei sich hatten, und aus keiner andern Ursache gekommen waren, als sie zu ihrem Siegesmahl zu schlachten.

Dies erneuerte meinen Grimm und Abscheu gegen diese Wilden; ich stieg herab mit dem Entschlusse, sie alle umzubringen, und konnte kaum erwarten bisFreitag zurück war. Sobald er kam, lud ich jede Muskete mit zwei Stückchen zerhackten Eisens und mit fünf kleinen Kugeln, die Flinten mit grobem Schroot und die Pistolen jede mit zwei Kugeln. Hierauf gab ich Freitag ein Pistol in den Gürtel, nebst einem Säbel [310] und Beil am Gehänge, überdas zwei Musketen und seine Flinte, nebst einem großen Beutel mit Pulfer und Blei. Das andere Pistol steckte ich gleichfalls ein, und nahm die andern Schießgewehre, nebst meinem Säbel, steckte auch einige Büschel Rosinen, zwei Brode und ein Fläschchen mitRum in den Tragekorb, um uns zu erquicken, zu stärken und Muth zu machen.

So gerüstet zogen wir aus. Ich gab Freitag den Befehl, ganz dicht hinter mir herzugehen, nicht zu schießen oder das Geringste zu thun, bis ich es ihm heissen würde, auch sich nicht zu rühren noch ein Wort zu sprechen. Dann gieng ich längs dem Rande des Gehölzes hin, bis fast vorn an die Spitze, so daß ich ihnen schon auf einen Schuß nahe wäre, ehe sie mich entdecken konnten.

Während wir so schweigend hingiengen, kamen mir meine Bedenklichkeiten über die Rechtmäßigkeit eines Angriffs auf diese armen Wilden in den Sinn, und mein Entschluß fieng an zu wanken. Nicht die Furcht vor ihrer Anzahl, denn schon allein war ich ihnen überlegen, und noch mehr durch den Beistand meines mir so ganz ergebenen Freitags; sondern die Ueberlegung, welche Nothwendigkeit mich bewegen könne, meine Hände in Blut zu tauchen, und Leute anzufallen, die mir kein Leid zugefügt hätten.Freitag wäre noch eher zu rechtfertigen, denn sie waren seine erklärten Feinde, mit denen er im wirklichen Kriege begriffen, und ihm daher erlaubt sey, sie anzugreifen, ich aber hatte keine solche Gründe für mich anzuführen. Diese und ähnliche Gedanken drängten sich den ganzen Weg [311] über so sehr im Kopfe herum, daß ich mir vornahm, mich ihnen bloß zu nähern, ihre Blutmahlzeit mit anzusehen, mich aber in nichts einzulassen, es müßte denn etwas vorfallen, das mich berechtigte, mehr zu unternehmen.

Mit diesem Entschluß gelangte ich nebst Freitag mit aller möglichen Vorsicht und Stille an das Ende des Waldes, so daß nur noch die äussersten zwei, drei Bäume mich vor den Wilden verdeckten. Hier winkte ich Freitag, bis zum letzten Baum heranzuschleichen, und zu sehen was sie machten. Er that es, und berichtete mir, daß man sie deutlich sehen könnte um ein Feuer hersitzen, und einen Gefangenen verzehren. Auch läge ein anderer nahe dabei auf dem Sande, an Händen und Füßen gebunden, den sie bald todt schlagen würden; dieser wäre keiner von seinen Landsleuten, sondern ein weißer bärtiger Mann von denen, die in einem Boote zu ihnen gekommen wären. Grausen und Entsetzen erfüllten mich, sobald er mir von einem weißen Menschen sprach, ich eilte zum vordersten Baum, und sah ganz deutlich mit meinem Fernrohr, einen weißen Mann gebunden auf der Erde liegen, der bekleidet, und ohne Zweifel ein Europäer war. Meine ganze Seele gerieth in Feuer bei diesem Anblick, und sofort hatten alle meine Bedenklichkeiten ein Ende; ich hielt es nicht nur für erlaubt, sondern für Pflicht, einen Christen aus den Händen dieser Unmenschen zu retten.

Ein Gebüsch zog sich von der Waldspitze noch ungefähr hundert Schritte nach dem Strande, wo die[312] Wilden waren, und da es sich etwas links bog, konnte ich gar leicht unentdeckt bis dahin kommen; als ich beinahe das Ende erreicht hatte, fand ich einen kleinen Sandhügel oder Düne, wo ich, kaum achtzig Schritte von den Kannibalen entfernt, ungesehen alles überschauen konnte, und bemerkte, daß ich keinen Augenblick zu verlieren hatte, da zwei Wilde sich bereits bückten, um dem weissen Manne die Füße loszubinden, ihn dann zum Feuer zu führen und zu schlachten. Ich hieß Freitag thun wie ich, legte dann die beiden Flinten auf die Erde; er legte gleichfalls seine Flinte und eine Muskete auf den Boden, und nun zielten wir jeder mit einer Muskete gegen die Wilden, und feuerten zu gleicher Zeit, ich auf die beiden nächsten, welche den Weissen losbanden, Freitag auf die, welche um das Feuer saßen. Ich tödtete den Einen und verwundete den Andern, er aber hatte zwei erlegt und drei verwundet. Der Schrecken und die Verwirrung, die der Knall und die Wirkung unsers Gewehrs unter den Wilden verbreitete, ist unbeschreiblich. Die Verwundeten, eben so sehr durch Angst als Schmerzen gequält, strengten sich an zu entfliehen, fielen dann hin, und wälzten sich in ihrem Blute; die übrigen, die nur leicht oder gar nicht verwundet waren, sprangen auf, und liefen hin und her, denn sie wußten nicht, woher das Verderben kam. Freitag hatte seine Augen auf mich gerichtet, damit er mir alles nachthun könne. Sobald wir losgefeuert hatten, legte ich meine Muskete ab, und nahm meine Flinte, Freitag die andere, und als ich ihn schußfertig sah, feuerten wir zugleich unter die erschrockenen [313] Wilden; da unsere Flinten bloß mit grobem Schroot geladen waren, so stürzten nur zwei zu Boden, verwundet aber waren so viele, daß die meisten blutig und heulend herumliefen, von denen nachher noch drei zur Erde fielen. Nachdem wir die abgeschossenen Flinten weggelegt, und ich die letzte, er aber die dritte Muskete aufgenommen hatte, rief ich ihm zu: Nun mir nach! Mit diesen Worten und lautem Geschrei stürzten wir aus dem Gebüsche hervor, und mit starken Schritten auf die Feinde los. Von den beiden, welche den Weißen losbinden wollten, lag der eine todt neben ihm, der andere, nur verwundet, war geflohen und in einen Kahn gesprungen, wohin ihm noch vier andere folgten. Als ich dies bemerkte, rief ich Freitag, er sollte auf sie feuern, welches er auch sogleich und so richtig that, daß ich glaubte, er hätte sie alle fünfe getödtet, denn sie fielen alle zu Boden, doch standen drei gleich wieder auf, die andern blieben liegen; wahrscheinlich waren sie todt oder schwer verwundet.

Ich begab mich während dem zum Gefangenen, schnitt mit meinem Messer die Binsen entzwei, womit er gebunden war, hob ihn dann auf, und fragte ihn auf portugiesisch: wer er sey? Er antwortete: Christianus, war aber so entkräftet, daß er kaum sprechen und stehen konnte. Ich reichte ihm mein Rumfläschchen, aus dem er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn sichtbar stärkte; ich gab ihm auch ein Stück Brod, und nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie sehr er mir für seine Rettung verbunden wäre, allein ich sagte ihm auf so gut spanisch [314] als ich konnte, wir wollten uns nachher sprechen, jetzt müßten wir fechten, und reichte ihm ein Pistol und meinen Säbel; kaum hatte er selbige gefaßt, als er ganz neu von Muth und Kraft beseelt schien; er fiel mit Ungestüm über seine Feinde her, und hieb im Augenblick deren zwei nieder; es ist wahr, daß sie sich gar nicht vertheidigten, denn die Bestürzung und der Schrecken über unser Feuern hatte sie ganz gelähmt, so daß sie unsern Anfällen eben so wenig als ihre Haut unsern Kugeln zu widerstehen vermochten.

Ich hielt meine Flinte ohne loszufeuern, um wenigstens einen Schuß im Vorrath zu haben, und nicht ganz vertheidigungslos zu seyn, da ich dem Geretteten mein Pistol und Säbel überlassen hatte. Ich riefFreitag, und hieß ihn seine Muskete bei mir lassen und die abgeschossenen Gewehre holen, was er auch mit unglaublicher Geschwindigkeit that. Wir luden sogleich das mir gelassene und auch die hergeholten Gewehre; ich gab ihm dann eine Muskete, und sagte ihm, mehr bei mir zu holen, wenn er dessen bedürfe. Jetzt bemerkte ich, daß der Spanier mit einem Wilden im heftigsten Kampf begriffen war, der mit einem hölzernen Schwerte auf ihn einhieb; allein Jener, der so kühn und brav war, als man sich's nur vorstellen kann, vertheidigte sich geschickt, und hatte dem Indianer schon zwei große Wunden in den Kopf gehauen, doch dieser, ein starker Kerl, hatte den Spanier gefaßt, und da er noch schwach war, unter sich auf die Erde geworfen, wo er ihm den Säbel aus den Händen zu entwinden suchte; der Spanier ließ ihn weislich fahren, zog [315] schnell sein Pistol hervor und schoß seinen Gegner durch den Leib, ehe ich ihm noch zu Hülfe eilen konnte, so daß er auf der Stelle todt blieb.

Freitag blieb seinerseits auch nicht müßig, verfolgte die Flüchtlinge, und gab allen die er einholen konnte, oder die verwundet auf der Erde lagen, mit seinem Beil den Rest. Der Spanier bat mich um meine Flinte, mit der er zwei Wilden nachsetzte und sie auch beide verwundete, da er sie aber nicht einholen konnte, so flohen sie in den Wald, wo sie aufFreitag stießen, der den Einen sogleich niederschlug, der Andere aber kehrte gleich um, lief nach dem Strande, warf sich ins Wasser, und schwamm dem Boote nach, worin zwei Todte oder schwer Verwundete und drei Lebende waren, die sich zu retten suchten. Diese vier waren die Einzigen, die wirklich davon kamen, die übrigen siebenzehn wurden entweder auf der Stelle getödtet, starben an ihren Wunden, oder wurden durch Freitag beim Nachsetzen erschlagen.

Die Viere im Kanot arbeiteten mit großer Anstrengung, um sich zu entfernen, und es gelang ihnen, aus dem Schusse zu kommen, denn obgleich Freitag sehr gut und zweimal nach ihnen schoß, so sah ich doch keinen fallen. Er sagte, wir müßten eines ihrer Kanots nehmen und sie verfolgen, und in der That war mir vor ihrem Entrinnen bange, weil ich befürchtete, sie möchten ihre Landsleute zur Rache aufhetzen, in hundert oder mehr Kähnen wieder kommen, und durch ihre Menge uns zu Grunde richten; ich lief also gleich mit Freitag ans Ufer, und sprang in einen Kahn, [316] war aber nicht wenig verwundert, hier noch einen an Händen und Füßen gebundenen Wilden zu finden, der vor Angst halb todt war. Ich zerschnitt sogleich die Bande und suchte ihm aufzuhelfen, allein er konnte weder sprechen noch sitzen, noch weniger stehen, und er stöhnte ganz erbärmlich, weil er wahrscheinlich glaubte, er werde nur losgebunden, um geschlachtet zu werden. Ich gab Freitag mein Rumfläschchen, mit dem Befehl, dem Wilden einen Schluck zu geben und ihm zu sagen, er hätte gar nichts zu befürchten. Beides belebte ihn so, daß er im Boote aufsaß. Als aber Freitag ihm jetzt in's Gesicht sah, so fieng er an ihn zu küssen, zu umarmen, an sein Herz zu drücken; er schrie, lachte, sang, tanzte, hüpfte, rang die Hände, sprang wie ein Unsinniger herum, und es dauerte lange, ehe ich die Ursache seines seltsamen Betragens erfahren konnte; endlich als er wieder ein wenig zu sich selber kam, sagte er mir, der Gerettete wäre sein – Vater.

Es hätte wohl den Fühllosesten Thränen entlocken müssen, zu sehen, in welches Entzücken die kindliche Liebe den guten Freitag über den unvermutheten Anblick seines Vaters und dessen glückliche Errettung versetzte, und es ist unmöglich, die Ausbrüche seiner Zärtlichkeit zu beschreiben, denn unzählige Male sprang er in das Boot und wieder heraus, setzte sich bald bei ihm nieder, öffnete sein Kleid, um den Kopf seines Vaters an seiner Brust zu erwärmen; bald nahm er seine Hände und Füße, die von dem starken Zuschnüren mit Binsen starr und steif und ganz aufgeschwollen waren, und rieb sie mit seinen Händen. Als [317] ich das merkte, gab ich ihm etwas Rum, sie damit zu waschen, welches dem Alten sehr wohl that.

Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es anfänglich nicht übers Herz bringen konnte, ihn von selbigem abzurufen; endlich aber fragte ich ihn, ob er seinem Vater Brod gegeben hätte? Er schüttelte den Kopf, schlug sich in's Gesicht, und bekannte, daß er's nicht gethan, sondern es schon vorher selbst aufgegessen habe. Ich gab ihm ein Büschel Rosinen, den Rest Brod und noch ein wenigRum für sich selbst, was er aber alles seinem Vater brachte. Dann sah ich ihn aus dem Kanot springen und mit der Schnelligkeit eines Pfeils davon rennen, denn er war der schnellfüßigste Läufer, den ich je gesehen habe; all mein Rufen und Schreien war vergebens, und ich verlor ihn in wenigen Augenblicken aus dem Gesichte; ehe aber eine Viertelstunde vorbei war, kam er zurück, und ich bemerkte, daß er viel behutsamer gieng, weil er etwas in den Händen trug. Er war nämlich bis in die Burg gewesen, hatte einen Krug geholt und für seinen Vater mit Wasser gefüllt, wobei er zugleich noch einige Brode mitbrachte, die er mir gab; ich that auch einen guten Trunk Wasser, der mich ausserordentlich erquickte, so wie auch seinen Vater, der vor Durst beinahe ohnmächtig wurde.

Als dieser getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch Wasser im Kruge wäre? und schickte ihn damit nebst einem Brod zu dem Spanier, der dessen eben so sehr als wir bedurfte, und auf dem Rasen im Schatten eines Baums ausruhte. Als Freitag mit dem [318] Wasser und Brod zu ihm kam, saß er auf, aß und trank; ich gieng auch zu ihm, und reichte ihm eine Handvoll Rosinen. Er blickte mich mit allen Zeichen der innigsten Dankbarkeit an, war aber, ungeachtet er so brav gefochten hatte, so schwach und erschöpft, daß er nicht auf den Beinen zu stehen vermochte, denn sie waren durch das feste Binden ganz aufgeschwollen, und schmerzten ihn sehr, ich sagte ihm also, er möchte nur still sitzen, um sich zu erholen. Ich hieß Freitag dessen Knöchel mit Rum waschen und reiben. Während dieser Beschäftigung drehte er alle Augenblicke seinen Kopf herum, um zu sehen, was sein Vater machte, und als er ihn nicht mehr in seiner vorigen Stellung sah, flog er so schnell, daß seine Füße kaum die Erde berührten, zu dem Boote, wo er fand, daß sein Vater sich niedergelegt hatte, um zu ruhen, worauf er sogleich zurückkam, und seine Geschäfte beendigte.

Alles das verhinderte uns, die flüchtigen Wilden zu verfolgen, und sie waren uns schon aus dem Gesichte, als wir wieder an sie dachten; dies war ein Glück für uns, denn es erhob sich ein heftiger Wind, der den übrigen Theil des Tages und die ganze Nacht anhielt, und uns in einem so leichten Kahn gewiß sehr gefährlich geworden wäre.

Hierauf sagte ich dem Spanier, daß wir nach meiner Wohnung zurückkehren wollten, wo ich besser für ihn sorgen könnte, allein er war noch immer so schwach, daß er nicht stehen konnte. Freitag aber nahm ihn mit Leichtigkeit auf seinen Rücken, und trug ihn in das Kanot, wo er ihn erst auf den Rand, und dann bequem [319] neben seinen Vater niedersetzte, hierauf das Boot vom Ufer stieß, und so weit in die Bucht hinauf ruderte, bis er dahin kam, wo unser Fahrzeug lag. Hier ließ er sie, und als er zurück und neben mir vorbei lief, fragte ich, wohin er wolle? Das andere Kanot holen, antwortete er, damit flog er davon, und war beinahe eben so geschwind bei dem ersten Boote als ich.

Aber nun war die Schwierigkeit, die beiden Geretteten in meine Wohnung, und zwar über den Wall zu bringen. Freitag wußte lange nicht, was er anfangen sollte, und ich war nicht wenig verlegen, denn eine Oeffnung in das, mit so vieler Mühe aufgerichtete und so stark gewordene, Pfahlwerk zu machen, war mir gar nicht gelegen. Endlich sagte ich ihnen, sie möchten hier am Ufer sitzen bleiben und ein Stündchen warten, dann machten ich und Freitag mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre, und so trugen wir sie beide bis auf den freien Platz, zwischen dem äussern Walle und dem umgebenden Gebüsche, wo wir denn ein hübsches Zelt aufrichteten, einen Tisch und ein paar Stühle nebst einer Bank hineinsetzten, auch zwei Lagerstätten von gutem Reisstroh zurecht machten, und auf jede ein Bettuch, um darauf zu liegen, und einen Wachtrock zum Decken ausbreiteten.

Sobald ich meine Gäste unter Dach gebracht und ihr Lager bereitet hatte, war ich auch auf eine gute Mahlzeit bedacht. Ich befahl Freitag, eine jährige Ziege von meiner Heerde zu schlachten, und dann aussen vor dem Stalle Feuer anmachen, schnitt dann das Hinterviertel in Stücke, ließ es kochen, thatReis und [320] Gerste hinzu, und machte ein gutes Gericht von Fleisch und Suppe zurechte, und dann setzten wir uns, zwar etwas spät, zu unserm Mittagsmahl, wo ich meinen Gästen zusprach, es sich schmecken zu lassen. Freitag war dabei mein Dollmetscher, sowohl bei dem Spanier als bei dem Alten, denn jener redete die Sprache der Wilden sehr gut.

Nachdem wir gespeiset hatten, hieß ich Freitag seinen Vater fragen, was er von den Wilden dächte, die sich in dem Kanot entfernt hatten, und ob sie wohl in allzu großer Anzahl wiederkommen möchten, um sich zu rächen? Seine Meinung war, daß ihr Fahrzeug dem stürmischen Gegenwinde desto weniger widerstehen konnte, da sie kaum den vierten Theil ihres Weges gemacht hätten, da er sie überfiel, und daß sie also nothwendig ertrinken müßten; wenn sie aber nicht zu Grunde giengen, so würden sie unvermeidlich an Küsten verschlagen werden, wo feindliche Stämme wohnten, die sie eben so gut als Kriegsgefangene auffressen würden. Sollten sie endlich, wider Vermuthen, so glücklich seyn, in ihre Heimath zu kommen, so würden sie ihre Landsleute eher abschrecken als aufmuntern, je wieder an dieser Insel zu landen, denn er hätte gehört, daß sie, von Furcht und Gefahr geängstigt, einander zuriefen: Die beiden Gestalten, ich und Freitag, wären nicht Menschen, sondern böse Geister, die mit Blitz und Donner bewaffnet vom Himmel herabgestiegen seyen, sie zu vertilgen, denn ein Mensch könne nicht Donnersprechen, und ohne eine Hand zu bewegen, Feuer schleudern und in der Ferne tödten; gewiß müßte diese [321] Insel bezaubert seyn, so daß, wer hieher komme, durch das Feuer vertilgt werde. – Dies alles war nicht unwahrscheinlich, da ich jedoch den Erfolg nicht genau wußte, so war ich eine geraume Zeit nicht ohne Besorgniß, und mit meiner ganzen Armee beständig auf der Hut. Doch da wir unser Viere und wohl bewaffnet waren, so hätte ich mir wohl getraut ihrer Hundert anzugreifen. Da jedoch keine Wilden erschienen, so verschwanden nach und nach meine Besorgnisse.

Als wir uns noch eine Weile unterhalten hatten, überließ ich meine Gäste der so sehr bedürftigen Ruhe, und stieg mit Freitag in meine innere Wohnung, wo wir nicht lange zögerten, uns ebenfalls zu Bette zu legen, denn wir waren Beide auch sehr müde. Dennoch konnte ich nicht sobald einschlafen, als ich gewünscht hätte, denn die Begebenheiten dieses Tages und ihre wahrscheinlichen Folgen beschäftigten mich zu sehr. Meine Insel war nun bevölkert, und ich war nun so eitel, mich einem Könige zu vergleichen. Die Insel war unstreitig mein Eigenthum. Ich war unumschränkter Herr und Gesetzgeber, meine Unterthanen waren mir alle die Rettung ihres Lebens schuldig, und ich konnte hoffen, daß sie bereit wären, es im Nothfall zur Rettung des meinigen zu wagen. Auch war es merkwürdig, daß, obgleich ich nur drei Unterthanen, doch jeder seine eigene Religion hatte.Freitag war ein Protestant, sein Vater einHeide und der Spanier ein Katholik. Ich war aber entschlossen, vollkommene Gewissensfreiheit zu gestatten.

Des andern Morgens früh machte Freitag ein[322] gutes Frühstück zurechte, und als es fertig war, hieß ich ihn den Spanier und seinen Vater holen; das gute Lager und ein ruhiger Schlaf hatten Beide vollkommen hergestellt, nur ihre Füße schmerzten sie noch, doch konnten sie den Wall ohne Mühe übersteigen, und ich gab ihnen, nachdem wir gefrühstückt hatten, etwas Branntewein, um ihre geschwollenen Knöchel damit zu reiben. Als sie damit fertig waren, zeigte ich ihnen meine Wohnung, worüber sich Beide, doch aus verschiedenen Beweggründen, und jeder auf eigene Art verwunderten; der Spanier über den Ueberfluß und die Ordnung, der Indianer über die Menge unbekannter Dinge, die sie hier erblickten, und Freitag hatte genug zu thun, diesem alles zu erklären.

Diesen und einige folgende Tage gieng ich mitFreitag unsern Geschäften nach, ohne die beiden Ankömmlinge zur Mitarbeit aufzufordern, obgleich wir ihretwegen allerdings mehr zu thun hatten; nachdem aber der Schmerz an ihren Händen und Füßen sich verloren hatte, boten sie sich selbst an, uns beizustehen, und verlangten, ich sollte ihnen Beschäftigung geben. Ich hieß also vorerst Freitag, der so gern bei seinem Vater verweilte, mit diesem seine Arbeit theilen, und ihn dazu anweisen, und während ich die leichtern Arbeiten vornahm, wobei der Spanier mir an die Hand gieng, unterhielt ich mich mit ihm über das, was alle meine Gedanken beschäftigte, nämlich über die Art und Weise, eine Reise an das feste Land zu thun (wo ich, wie Freitags Vater versicherte, um seinetwillen die beste Aufnahme von seiner Nation zu erwarten hätte), [323] um dort mit Hülfe seiner Gefährten ein Fahrzeug zu bauen, und nach bewohnten Gegenden zu segeln. Zuerst erkundigte ich mich, wer er und seine Gefährten wären, und Folgendes war seine Antwort:

»Er heiße Don Gusman und sey von Valladolid. 1 Er war Kapitän eines spanischen Schiffes, das von Rio de la Plata nach Havanna gehen, und daselbst seine Ladung, die vorzüglich in Häuten und Silber bestand, gegen europäische Waaren umtauschen wollte; durch einen Sturm habe er einige seiner Leute verloren, aber kurz nachher durch fünf portugiesische Matrosen, die er von einem gescheiterten Schiffe aufgenommen, ersetzt. Mit diesen und eilf spanischen Seeleuten sey er, nachdem das Fahrzeug durch einen zweiten Sturm in der Nacht an einem Felsen zerschmettert worden, in die Schluppe gestiegen, und beinahe halb todt vor Hunger, Mühe und Gefahr an die kannibalische Küste verschlagen worden, wo sie in Gefahr waren, von den Eingebornen gefressen[324] zu werden; doch wurden sie noch gut aufgenommen, lebten zwar mit denselben in Frieden, erhielten aber so wenig und schlechte Lebensmittel, daß sie kaum hinreichten, nicht vor Hunger zu sterben. Sie hatten freilich einige Feuergewehre und Säbel bei sich, da sie aber in den ersten Tagen ihrer Landung das wenige Pulfer und Blei verbraucht hatten, um sich Unterhalt zu verschaffen, so waren die Ersteren völlig unbrauchbar geworden. Sie litten den größten Mangel, und hatten schon oft berathschlagt, die Flucht zu nehmen; aber wohin? Da sie weder ein Schiff, noch Werkzeuge hatten, eines zu bauen, noch Lebensmittel, um selbiges mit hinlänglichem Vorrath zu versehen, so waren Thränen und Verzweiflung jeder Zeit das Ende ihrer Berathschlagungen gewesen.«

Hierauf fragte ich ihn, wie er wohl glaubte, daß seine Gefährten einen Vorschlag zu ihrer Rettung aufnehmen würden?

Gusman. Wie Leute, die in der größten Noth stecken, die man sich nur denken kann, die den äussersten Mangel an Kleidern, Lebensmitteln und den nöthigsten Bedürfnissen leiden, und das Wenige, was ihnen gereicht wird, bloß der Gnade der Wilden zu danken und keine Hoffnung haben, jemals aus diesem Elende befreit zu werden, und zu den Ihrigen zu kommen.

Robinson. Das Beste wäre demnach, sie Alle herüber zu holen, wo wir dann mit so vielen Händen wohl ein Fahrzeug werden zu Stande bringen können, das groß genug seyn wird, uns Alle, nebst einem hinlänglichen [325] Vorrath von Lebensmitteln aufzunehmen, um uns entweder nach Brasilien oder nach irgend einer spanischen Kolonie zu bringen. Wenn sie dann aber, zur Vergeltung, daß ich sie von ihrem Elend gerettet, sie bewaffnet, gepflegt, und zu ihren Landsleuten gebracht habe, mir übel begegnen, mich zum Gefangenen machen, in ihre Bergwerke oder in die Inquisition schleppen und tödten, welches bekanntlich jedem Engländer wiederfährt, der das Unglück hat, auch mitten im Frieden, in ihre Hände zu fallen, so würde mein Zustand weit beklagenswerther seyn als jetzt.

Gusman. Meine Gefährten sind alle redliche und ordentliche Menschen, die das Elend ihrer jetzigen traurigen Lage viel zu tief fühlen, als daß sie nicht den leisesten Gedanken verabscheuen sollten, Jemand, dem sie ihre Rettung schuldig wären, unfreundlich zu begegnen.

Robinson. Die Dankbarkeit ist eine seltene und nur wenigen Menschen eigene Tugend, und gewöhnlich bestimmt nicht die Wohlthat, sondern der Eigennutz, die Art den Wohlthäter zu behandeln.

Gusman. Um Sie gänzlich hierüber zu beruhigen, will ich mit dem alten Mann mich wieder zu ihnen begeben, mit ihnen sprechen, ihnen Ihre Bedingnisse mittheilen, und selbige mit einem körperlichen Eide beschwören lassen, und Ihnen den von Allen unterschriebenen Vertrag zurückbringen. Ehe ich abreise, will ich Ihnen aber selbst schwören, so lange ich lebe, Sie ohne Ihren Befehl nie zu verlassen, Ihnen treu und gehorsam zu seyn, Ihnen in allem beizustehen, und [326] wenn meine Landsleute sich widersetzlich oder untreu bezeigen sollten, auf Ihre Seite zu stehen und Sie bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen.

Auf diese Versicherungen und Bedingnisse hin glaubte ich es wagen zu dürfen, seinen Gefährten zu Hülfe zu kommen, und Gusman nebst Freitags Vater zu ihnen abzusenden, um den Vertrag zu schließen.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen, und den Veranstaltungen zur Abreise, waren nun einige Monate seit ihrer Ankunft verflossen. Während dieser Zeit hatte ich ihnen gezeigt, wie ich mit Gottes Hülfe mir meinen Unterhalt verschaffte; sie hatten mein Landhaus, mein Kornfeld, meine Fruchtbäume und meine Ziegenheerden gesehen, und sie sollten in den nächsten Tagen abreisen; aber Gusman machte mir eine Bemerkung, aus der so viel Klugheit und Aufrichtigkeit hervorleuchtete, daß ich seinen Rath befolgen, und die Abholung seiner Landsleute noch auf ein halbes Jahr verschieben mußte.

Als er nämlich meine Vorräthe an Reis und Gerste sah, äusserte er sich, daß sie zwar für mich undFreitag überflüssig, und selbst jetzt für Vier, nicht aber für Zwanzig zureichend wären; noch weniger würden wir hinlängliches Saatkorn und Schiffsvorrath übrig haben. Ich möchte daher ihn und die beiden Indianer noch mehr Feld, zu so viel Saat als ich missen könnte, umgraben und besäen lassen, und die Erndte erwarten, damit der Vorrath hinreiche, und seine Gefährten nicht aus Mangel an Lebensmitteln aus einer Noth in die andere versetzt würden, und dadurch in Versuchung [327] gerathen möchten, ihre Verpflichtungen unerfüllt zu lassen. Ich wüßte ja wohl, daß selbst die Kinder Israel, so sehr sie über ihre Errettung ausEgypten frohlockten, doch gegen Gott ihren Erretter sich auflehnten, als sie in der Wüste Mangel litten.

Dieser Vorschlag war nicht nur an sich selbst vortrefflich, sondern kam auch zur gelegensten Zeit, weil wir gleich Hand anlegen konnten. Wir machten uns alle Vier an die Arbeit, so gut es mit den hölzernen Werkzeugen gehen wollte, Land umzugraben, und in Zeit von einem Monat, an dessen Ende die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerfeld eingezäunt und zurechte gemacht, daß wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krüge voll Reis säen konnten, und hatten so viel übrig behalten, um bis zur Erndtezeit damit auszukommen.

Da wir jetzt die Wilden nicht zu fürchten hatten, so giengen wir unbesorgt auf der ganzen Insel herum, um alles Nothwendige zu unserer Befreiung, die uns ausschließlich beschäftigte, zu veranstalten. Als es Zeit war, Trauben zu trocknen, ließ ich deren eine solche Menge an die Sonne hängen, daß wir sechszig bis achtzig Fässer hätten anfüllen können, wenn wir inAlikante gewesen wären, wo die besten Rosinen gemacht werden; sie machten eines unserer vorzüglichsten Nahrungsmittel aus, denn sie sind sehr nahrhaft und gesund.

Ehe die Regenzeit eintrat, brachten wir auch eine große Menge biegsamer Zweige zusammen, und beschäftigten uns während derselben, eine beträchtliche Anzahl [328] von Körben zu flechten, die uns zur Aufbewahrung unserer Vorräthe unentbehrlich waren.

Zugleich war ich darauf bedacht, meine Heerde zahmer Ziegen zu vermehren. In dieser Absicht gieng ich abwechselnd mit dem Spanier auf die Jagd, wohin uns Freitag begleitete; wir schossen die alten Ziegen und fiengen die Jungen, und auf diese Art brachten wir an die zwanzig junge Ziegen zusammen, die ich mit den übrigen erzog.

Ich zeichnete verschiedene zu unserm Vorhaben taugliche Bäume, und ließ sie durch Freitag und seinen Vater fällen, zeigte ihnen und Gusman, der die Aufsicht darüber hatte, wie ich Dielen gezimmert, und ließ sie zwölf Stücke derselben, jedes 2 Fuß breit und 30-35 Fuß lang, von gutem Eichenholze anfertigen, welches freilich nicht ohne große Anstrengung geschah.

Als die Erndtezeit kam, arbeiteten wir mit Lust und Eifer an Einsammeln; sie war zwar keine der ergiebigsten, denn ich hatte verhältnißmäßig weit reichere erlebt, aber doch völlig befriedigend, denn wir erhielten über zweihundert und dreißig Scheffel Gerste und beinahe eben so viel Reis. Daran hatten wir nicht nur bis zur nächsten Erndte genug, wenn bereits die 16 Gefährten Gusmans hier gewesen wären, sondern auch um ein Schiff damit hinlänglich zu versehen, um jede von Europäern bewohnte Küste von Amerika zu erreichen. Nachdem wir unsere Vorräthe unter Dach in Sicherheit gebracht hatten, fanden wir für gut, das Feld noch einmal zu bearbeiten und zu besäen, weil [329] wir zum Schiffsbau, wegen Mangel an Werkzeugen, noch eine geraume Zeit uns hier aufhalten mußten.

Nachdem nun unser Feld bestellt war, setzten wir unser Boot in Bereitschaft, damit Gusman mit dem alten Indianer absegeln könnte, um zu sehen, was mit den, auf dem von mir immer so benannten festen Lande befindlichen Europäern anzufangen wäre. Den Tag vor seiner Abreise setzte ich ihm in portugiesischer Sprache einen schriftlichen Befehl auf, des Inhalts: »Keinen Menschen mitzubringen, der nicht in Gegenwart von Freitags Vater bei den heiligen Sakramenten und dem Evangelium schwören würde, mich, Robinson Crusoe, für ihren obersten Befehlshaber zu erkennen, mir treu und gehorsam zu seyn, mir nie keinen Schaden zuzufügen, mich nie anzugreifen, noch wider mich zu fechten, sondern im Gegentheil, mir gegen Jedermann beizustehen, mich zu vertheidigen, meinen Nutzen nach Möglichkeit zu befördern, mir dahin zu folgen, wohin ich sie führen werde, sich meinen Befehlen und meiner Leitung nie zu widersetzen, noch weniger mich zu zwingen in ein Land zu gehen, wohin ich nicht wollte, u.s.w.«

Dies alles sollte von einem Jeden unter ihnen unterschrieben und beschworen werden. Mit dieser Instruktion versehen, begab sich Gusman mit Freitags Vater in meinem kleinern Boote auf die Reise. Ich gab Jedem von ihnen eine Muskete nebst ungefähr acht Ladungen Pulfer und Blei, wobei ich ihnen sehr empfahl, damit haushälterisch zu seyn. Ich versorgte sie mit so viel Brod und Rosinen, daß sie für sich und [330] die Spanier auf acht Tage genug hatten. Ich gab auch dem Don Gusman ein Fläschchen mit Tinte und einige Federn mit, zum Unterschreiben des Vertrags, und verabredete noch ein Zeichen mit ihnen, das sie bei ihrer Wiederkehr vom Mast sollten wehen lassen, damit ich sie schon in der Ferne, noch ehe sie landeten, sogleich erkennen könnte.


Ende des ersten Bändchens.

Fußnoten

1 Im Original hat dieser Spanier keinen Namen, was eben so unbequem als unangenehm ist. Warum gerade dieser Name ihm hier beigelegt wird, kommt daher, daß er denselben in nachstehender Schrift führet, wo sich die Fortsetzung und der Beschluß der Geschichte der Insel des Robinson Crusoe befindet: »Derdänische Avanturier oder wunderbare Begebenheiten und Reisen des Herrn von R ..., eines Verwandten des Robinson Crusoe u.s.w. Frankfurt und Leipzig 1752. Zweiter Theil, Seite 197 bis 270.« Da nun der vorerwähnte Name so gut als jeder andere ist, so ward er vorgezogen.

Einundzwanzigster Abschnitt

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Einundzwanzigster Abschnitt.

Die Freibeuter.


Sie segelten am Tage des Vollmondes im Dezember 1686 mit gutem Winde ab, und nachdem ich undFreitag sie bis an den Strand begleitet, glückliche Reise und baldige Zurückkunft gewünscht hatten, kehrten wir zurück nach Hause. Freitag war bei dem Abschied von seinem Vater sehr betrübt, und ich selbst war gerührt, doch dabei vergnügt, denn nachsiebenundzwanzig Jahren und einigen Tagen war dies die erste Anstalt, die ich zu meiner Befreiung aus dieser Einöde wirklich ausgeführt hatte, und die vernünftigerweise die größte Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs versprach. Alle meine Gedanken und Beschäftigungen waren jetzt ausschließlich auf meine nahe Abreise, auf meine Ankunft in England, und alles dessen, was dort meiner wartete, gerichtet. Ich machte ein schriftliches Verzeichniß von allem, was ich mit nach Europa nehmen wollte, worunter vorzüglich die von beiden Schiffen geretteten Sachen und das Geld sich befanden, das jetzt wieder [4] in seinen vollkommenen Werth trat, und legte alles zurechte, um weder etwas zu vergessen, noch aufgehalten zu werden.

In dieser Stimmung erwartete ich die Zurückkunft Gusmans und seines Begleiters mit Ungeduld, und da bereits acht Tage verflossen waren, nicht ohne Unruhe wegen den übrigen Spaniern, als Freitag mich eines Tages frühe aus dem süßesten Morgenschlummer weckte, indem er freudenvoll ausrief:Herr! Herr! sie sind gekommen! sie sind wieder da!

Ich sprang sogleich auf, warf meine Kleider über, und unbekümmert um alle Gefahr, lief ich ohne Gewehr dem Strande zu; aber wie groß war nicht meine Bestürzung, als ich kaum aus dem Wäldchen trat, das meine Wohnung umgab, und meine Augen gegen die See richtete, eine Schluppe erblickte, die mit einemGiek- und Foksegel dem Ufer zu steuerte, und kaum noch eine Meile entfernt war. Das war nicht mein Boot, kam auch nicht von der Nordseite, sondern von Südost her, und ich rief Freitag, der schon voraus eilte, ängstlich zurück, mit dem Befehl, sich verborgen zu halten, denn das wären diejenigen nicht, welche wir erwarteten, und ich wüßte nicht, ob es Freunde oder Feinde wären. Wir kehrten erschrocken in unsere Burg zurück, wo ich sogleich mit dem Fernglase meine Warte bestieg, wie ich jederzeit zu thun pflegte, wenn ich etwas befürchtete, und selbiges unentdeckt beobachten wollte. Hier sah ich nun bei dem ersten Blicke ein Schiff, das nicht über zwei Meilen von der Küste entfernt, gegen Südost vor Anker lag, und ich bemerkte [4] ganz deutlich, daß sowohl das Schiff, als das Boot von englischer Bauart waren.

Keiner von Allen, die diese Geschichte lesen, wird im geringsten zweifeln, daß diese Entdeckung mich desto mehr mit Entzücken erfüllen mußte, da ich die größte Ursache zu glauben hatte, dieses Schiff werde ohne Zweifel mit meinen Landsleuten, folglich mit meinen Freunden bemannt seyn, aber diese Freude ward sogleich durch eine Menge von Zweifeln und Besorgnissen verdrängt. Was konnte wohl ein englisches Schiff in diesen Gewässern suchen, wo die Engländer keinen Handel treiben, wo kein Weg von oder zu ihren Handelsplätzen führte, wohin kein Sturm sie bei der schönen Witterung verschlagen haben konnte? Es war also höchst wahrscheinlich, daß sie in keiner guten Absicht hier landeten, und ich hielt es der Klugheit gemäß, mich verborgen zu halten, um nicht in die Hände von Freibeutern zu fallen.

Niemand verachte die geheimen Ahnungen, die uns zuweilen vor unbekannten, ja unmöglich scheinenden Gefahren warnen, und einen andern Weg anweisen, als den unsere Neigung oder unsere Geschäfte uns gehen hießen, wo es sich nachher zeigt, daß wenn wir diesen eingeschlagen, und uns dem geheimen Winke widersetzt hätten, wir unserm Verderben entgegengegangen wären. Ob diese Ahnungen gewisse Enthüllungen einer unsichtbaren Welt, oder Spuren eines Umgangs mit Geistern sind, kann und will ich nicht entscheiden, daß wir aber deren wirklich haben, werden wohl Wenige läugnen, die auf sich selbst aufmerksam sind. [5] Die Gegenbeweise gründen sich auf Vernunftschlüsse; da steht Meinung gegen Meinung, Stimme gegen Stimme, vielleicht Vorurtheil gegen Vorurtheil. Genug, ich hatte mir schon längst zur Regel gemacht, diesen heimlichen Antrieben zu folgen, wenn ich auch keinen andern Grund dafür anzugeben wußte, als daß ich sie verspürt hatte, und ich befand mich wohl dabei.

Ich war nicht lange auf meinem Hügel gewesen, als die Schluppe sich dem Ufer näherte, da sie aber nicht genug nach Nord fuhr, um die Bucht zu entdecken, so lief sie auf den flachen Strand, welches mir sehr lieb war, denn sonst hätten sie so zu sagen gerade vor meiner Thüre gelandet; so aber konnten sie nun mein Boot in der kleinen Bay nicht leicht entdecken, daraus auf meine Gegenwart schliessen, mich aufsuchen und berauben, doch war ich nicht ohne Besorgnisse. Als sie aus dem Boot gestiegen waren, sah ich deutlich, daß es Engländer, wovon acht mit Säbeln bewaffnet, drei aber ohne Waffen, und wie mir schien, gebunden waren; ein paar von jenen hielt ich anfänglich für Holländer, allein es zeigte sich nachher, daß ich mich geirrt hatte.

Die Gefangenen schienen sehr bekümmert und hoben zuweilen ihre Hände stehend empor; einer derselben schien vor Betrübniß und Verzweiflung ausser sich, und machte die rührendsten und heftigsten Gebehrden. Ich konnte mir nicht erklären, was es eigentlich mit dieser Sache für eine Bewandniß hätte, sondern stand in banger Erwartung da, und fürchtete, die drei Gefangenen möchten getödtet werden, ja einmal sah ich [6] schon wirklich einen von ihren Begleitern den Säbel aufheben, doch blieb es bei der Drohung.Freitag, der auch auf die Warte gekommen war, meinte, die Engländer wollten gewiß ihre Gefangenen eben so gut auffressen als die Wilden, und ich hatte Mühe, ihm das auszureden, aber umbringen, fügte ich hinzu, das möchte leider wohl geschehen. Der Unterschied schien ihm eben nicht groß zu seyn.

Jetzt wünschte ich, die Spanier mit Freitags Vater bei mir zu haben, um diese Unglücklichen zu befreien und zu rächen, da ich aber ihrer Hülfe entbehren mußte, so überlegte ich, wie es am besten anzufangen wäre, mich unentdeckt an sie heranzuschleichen, die drei Gefangenen zu retten, denn ich bemerkte kein Schießgewehr bei ihren Verfolgern, und sah, daß diese an dem Ufer und gegen die Waldspitze, wo wir auf Gusmans Feinde gefeuert hatten, hin und her giengen, ohne sich um die Gefangenen zu bekümmern, welche sich auf die Erde setzten und sich der Verzweiflung überließen. Dies erinnerte mich an jenen schrecklichen Augenblick, wo ich zuerst den Strand erkletterte, mich umsah, nichts als meinen Untergang vermuthete, und an jeder Lebenshoffnung und Hülfe verzweifelte; so saßen auch jetzt diese drei armen Verlassenen am öden Strande, in dem Schmerzgefühl ihres Unglücks verloren, und ahneten nicht, wie nahe ihre Befreiung eben in dem Augenblick war, wo sie sich ohne Rettung glaubten. So kurzsichtig sind wir arme Sterbliche, und anstatt uns mit dem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung zu stärken, die uns oft durch eben die Mittel [7] dem Verderben entreißt, die dasselbe befördern sollten, lassen wir den Muth sinken, und machen uns dadurch nur desto unglücklicher.

Als die Schluppe am flachen Strande angelegt hatte, war gerade Hochwasser, und während die Seeleute ausgestiegen, die Gefangenen etwas entfernt davon sich selbst überlassen hatten, und landeinwärts gegangen waren, um das Land zu besehen, war dieEbbe bereits eingetreten, und das Boot lag auf dem Trocknen; zwei Matrosen, die in selbigem zur Wache blieben, und zu viel Branntewein getrunken haben mochten, schliefen bald ein, bis einer von den herumstreifenden zurückkam, und die übrigen herbei rief; allein ihre vereinigten Kräfte reichten nicht zu, die Schluppe los zu arbeiten. Nun, nun, – sagte Einer – sie wird mit der nächsten Fluth schon wieder flott werden. Diese Sprache ließ keinen Zweifel übrig, daß sie wahre englische Seeleute wären, die wohl am wenigsten Klugheit und Vorsicht besitzen. Damit liessen sie es gut seyn und giengen auf's Neue im Lande herum.

Die ganze Zeit über war ich auf meiner Warte geblieben, hatte alles das beobachtet, und war überzeugt, daß sie die Schluppe vor Einbruch der Nacht nicht flott machen konnten, und meine Absicht war, nicht eher etwas zu unternehmen, wo ich dann mehr Freiheit hatte, sie auszuspähen und zu behorchen. Jetzt stieg ich von meiner Warte, wo ich über eine Stunde zugebracht hatte, herab in meine Burg, und war herzlich froh, daß ich so gut verschanzt war. Indessen, da [8] ich wußte, daß ich's nun mit ganz andern Feinden zu thun hatte, als mit den Wilden, setzte ich mich in Verfassung, um mich auf das Aeusserste zu vertheidigen. Ich lud die auf Lafetten stehenden Musketen jede mit drei Kugeln und zerhacktem Eisen, die Flinten mit grobem Schroot und die Pistolen mit zwei kleinen Kugeln. Während der Zeit machte Freitag das Frühstück zurecht, denn an's Essen hatte ich nicht gedacht; das ließ ich mir nun recht gut schmecken, stieg dann von Zeit zu Zeit auf die Warte, um zu sehen, was die Fremdlinge unternehmen möchten. Die Einen giengen in der Gegend, wo sie ihr Boot hatten, hin und her, oder lagen im Schatten des Waldes, der sich bis gegen den Strand hinzog, die Meisten aber sah ich nicht, und befürchtete, sie möchten gegen die Anfuhrt, wo mein Boot lag, oder gar in's Innere des Wäldchens kommen, das meine Burg umgab, doch konnte ich nichts von ihnen hier wahrnehmen. Gegen zwei Uhr Nachmittags, da die Hitze am drückendsten war, war Keiner mehr zu erblicken; sie hatten sich wahrscheinlich in das Dickicht des Waldes begeben, um zu schlafen. Die drei Unglücklichen aber, wegen ihres Schicksals zu sehr bekümmert, konnten nicht schlafen, saßen im Schatten eines Baumes, eine Viertelmeile von meinem Burgwäldchen, und weit von ihren Verfolgern, die hier weder Hülfe für sie, noch ihre Flucht befürchteten, denselben aus dem Gesichte.

Diese Umstände schienen mir zu günstig, um sie zu vernachlässigen, und meinen Rettungsplan länger zu verschieben. Ich nahm zwei Flinten, eine Pistole und[9] einen Säbel, gab Freitag, der ein vortrefflicher Schütze geworden war, drei Musketen, einen Säbel und eine Pistole, die er wie ich in den Gürtel steckte. Mein Ansehen war furchtbar, mit diesen Waffen in meiner Ziegenfellkleidung und hohen Mütze und dem schrecklichen Knebelbart; Freitag sah etwas weniger gespensterhaft, doch immer fürchterlich genug aus. So marschierten wir auf die drei Männer zu, ent schlossen, sie zu retten, und einige Nachricht von ihrem Zustande zu vernehmen. Ich kam ganz nahe an sie heran, und ehe noch mich einer von ihnen bemerkte, rief ich ihnen zu: »Wer sind Sie, meine Herren

Sie fuhren erschrocken auf, entsetzten sich aber noch weit mehr, als sie mich in meinem abentheuerlichen Aufzuge erblickten, und es schien, daß sie eher auf Flucht als mir Antwort zu geben bedacht waren, daher sagte ich: »Fürchten Sie sich nicht vor mir, an dem Sie unerwartet einen Freund und Erretter finden.« Einer von ihnen nahm den Hut ab, und antwortete sehr ernsthaft: So muß er denn vom Himmel unmittelbar zu unserer Hülfe herabgesandt seyn, denn von Menschen ist keine zu erwarten.

Rob. Alle Hülfe kommt von Gott. Sie scheinen mir in großer Noth zu seyn; ich sah Sie an's Land steigen, und einer von Ihren Begleitern den Säbel drohend gegen Sie aufheben. Zeigen Sie mir an, wie ich Ihnen beistehen kann.

Er. Sind Sie ein Engel oder ein Mensch? (Bei dieser Frage schien der gute Mann ganz ausser sich zu seyn, und die Thränen flossen die Wangen herab.)

[10] Rob. Ein Engel würde wohl in besserm Anzuge und mit andern Waffen erscheinen; ich bin ein Mensch, ein Engländer, und bereit, Ihnen beizustehen; zwar sind wir, wie Sie sehen, nur Zwei, aber hinlänglich mit Gewehr versehen, um Sie alle zu bewaffnen; machen Sie mich also mit ihrem Unglück und der Art, Sie demselben zu entreissen, bekannt.

Er. Eine ausführliche Erzählung möchte wohl bei den kostbaren Augenblicken und der Nähe unserer Mörder zu lange seyn; jetzt nur soviel. Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen mich empört, und mich nebst diesen beiden wackern Männern, davon der eine mein Steuermann, der andere ein Passagier ist, hier ausgesetzt hat, wo wir nichts als den Tod erwarteten.

Rob. Wo sind diese Unmenschen, und haben sie Schießgewehr?

Kapitän. Sie haben zwei Flinten bei sich, und eine dritte liegt noch im Boote. Dort in dem nahen Gebüsche schlafen sie, und ich fürchte, daß, wenn sie uns sprechen hören, sie uns Alle niedermachen.

Rob. So kommt mit mir, damit sie uns weder sehen noch hören, und wir die Sache genauer überlegen können. (Mit diesen Worten zogen wir uns in größter Stille in das Burgwäldchen zurück, wohin sie mir willig folgten.)

Rob. Da Ihre Feinde eingeschlafen sind, so wäre es leicht, sie alle zu tödten; laßt uns also gleich über sie herfallen; oder wollen Sie solche lieber zu Gefangenen machen?

[11] Kap. Zwei von ihnen sind wahre Bösewichte, die keine Gnade verdienten; könnte man sich derselben versichern oder niedermachen, so würden die Andern ohne Zweifel zu ihrer Pflicht zurückkehren.

Rob. Sir, wenn ich nun alles zu Ihrer Befreiung wage, wollen Sie dagegen einige Bedingungen eingeben?

Kap. Ich und das Schiff, wenn wir uns dessen bemächtigen können, sollen in allen Dingen Ihren Befehlen unterworfen seyn, und sollte es auch mit dem Schiff nicht gelingen, so bin ich bereit Ihnen in allem gehorsam zu seyn, und mit Ihnen zu leben und zu sterben. (Eben das versicherten auch die beiden andern Männer.)

Rob. Gut! Ich habe nur zwei Bedingnisse. Erstlich, so lange Sie bei mir auf dieser Insel sind, begeben Sie sich aller Gewalt und stehen unter meinen Befehlen und Gehorsam; die Waffen, die ich Ihnen anvertraue, geben Sie mir auf erstes Verlangen zurück, und geloben, mir und dem Meinigen nicht den geringsten Schaden zuzufügen, sondern vielmehr meinen Vortheil nach Möglichkeit zu befördern. Zweitens: Wird das Schiff erobert, so bringen Sie mich, meinen Diener und alle meine Habseligkeiten unentgeldlich nach England zurück.

Kap. Diese höchst billigen Forderungen lasse ich mir nicht allein sehr gerne gefallen, und verspreche sie aufs redlichste zu erfüllen, sondern ich werde mein Leben jederzeit als ein von Ihnen erhaltenes Geschenk ansehen, und nöthigen Falls für Sie wagen.

Nachdem Er und seine Gefährten mir nun alle [12] möglichen Versicherungen gegeben, theilte ich die drei Musketen nebst Pulfer und Blei unter sie, wofür sie mir ihre Dankbarkeit bezeugten. Nun glaubte ich den Angriff nicht länger aufschieben zu dürfen, sondern hielt für das Beste, Alle auf einmal auf die Meutlinge zu feuern, da sie noch schliefen; wer nicht fiele, und sich ergeben wolle, könne man begnadigen, und übrigens der Vorsehung die Leitung der Schüsse überlassen. Allein der Kapitän sagte sehr bescheiden: so sehr er Ursache hätte, mit dem Betragen seiner Schiffsmannschaft unzufrieden zu seyn, so sehr würde es ihn doch schmerzen, um zweier Bösewichte auch die sechs Andern zu tödten. Seine Menschlichkeit erwarb ihm meine ganze Hochachtung, aber die Nothwendigkeit eines schnellen und entscheidenden Entschlusses war zu dringend, um in halbe Maßregeln zu willigen, die beinahe ohne Ausnahme Ursache alles Mißlingens sind, und ich drang daher auf unverweilten Angriff, als wir mitten in unserm Gespräche zwei Erwachte aus dem Gebüsche treten sahen. Sind das, fragte ich, die beiden Schuldigsten? Als der Kapitän dies verneinte, so erwiederte ich: da die Vorsehung selbst sie aufgeweckt zu haben scheint, so mögen sie sich retten; wenn aber die Uebrigen entkommen, so ist es bloß Ihre Schuld.

Jetzt war auch kein Augenblick mehr zu verlieren. Der Kapitän und seine beiden Gefährten nahmen sogleich die Musketen auf, die ich ihnen gab, und rückten vorwärts. Bei dem Geräusche, das ihr Gang und ihre Waffen verursachten, erwachte ein Dritter von den Seeleuten, sah sich nach der Ursache desselben um, und [13] rief seine Kameraden, die erschrocken aufsprangen, aber in demselben Augenblick feuerten der Steuermann und der Passagier so glücklich, daß einer der beiden Anstifter der Meuterei auf der Stelle todt blieb, der andere aber stark verwundet zur Erde fiel, und die Uebrigen um Hülfe rief; allein der Kapitän, der seinen Schuß weislich aufgespart hatte, warf ihm sein Verbrechen vor, und schlug ihn mit dem Gewehrkolben nieder. Ein Dritter war auch leicht verwundet, die übrigen Drei, als sie mich nebstFreitag herankommen sahen, baten um Gnade. Gleich darauf kamen auf das gehörte Feuern, auch die beiden, die zu ihrem Glück sich zuerst entfernt hatten, herbei, und als sie den Kapitän und seine Gefährten, die ihre Gefangenen gewesen waren, mit Schießgewehr bewaffnet sahen, welche die Letztern sogleich wieder geladen hatten, auch mich nebst Freitag gewahr wurden, die sie nicht kannten, und nicht wußten, wie viel Andere noch kommen möchten, so unterwarfen sie sich gleichfalls, und unser Sieg war voll ständig.

Der Kapitän verwies ihnen ihre Meuterei, doch wolle er ihnen das Leben schenken, und sie niemals verklagen, wenn sie selbige bereuten, und schwören wollten, ihm beizustehen, um das Schiff wieder zu erobern. Sie versprachen alles, was man verlangte, und gaben die größten Versicherungen ihrer Treue und Aufrichtigkeit; der Kapitän war geneigt, ihnen zu glauben und ihnen das Leben zu schenken, wozu ich zwar, jedoch mit dem Bedingniß einwilligte, daß sie, so lange sie auf der Insel wären, an Händen und[14] Füßen gebunden in Sicherheit gebracht würden. Diese Strenge schien mir unerläßlich, um unsere Gefangenen in Furcht, und von unsern Berathschlagungen entfernt zu halten. Ich ließ sie daher sogleich an den Händen binden, und durch den Steuermann undFreitag nach der Grotte bringen, wo ihnen auch die Füße gebunden wurden; wenn sie sich auch ihrer Bande hätten entledigen können, so war es doch unmöglich, daß sie etwas sehen oder hören oder den Rückweg finden konnten. Ich hatte den Verwundeten verbinden, und ihnen Mundvorrath geben lassen. Ich versprach ihnen Freiheit, wenn sie sich still hielten, sonst aber den Tod bei dem geringsten Versuche, sich zu befreien.

Ich überlegte hierauf mit dem Kapitän, was nun weiter zu thun seyn möchte? Es waren noch sechs undzwanzig Seeleute an Bord, welche wußten, daß sie wegen ihrer Meuterei nach den Gesetzen ihr Leben verwirkt hatten. Zwar seyen mehr Verführte als Verführer, und unter jenen mancher Redliche, der nichts mehr wünschte, als zur Ordnung zurückzukehren, aber unter diesen, welche, sobald sie nach England oder nach englischen Kolonien gebracht würden, nichts als den Strang zu erwarten hatten, würden es die Meisten auf das Aeusserste ankommen lassen. Mit offenbarer Gewalt war also nichts auszurichten, und wir mußten suchen, die Leute am Bord durch List in eine Schlinge zu locken, und zu verhindern, nicht in zu großer Anzahl anzulanden und uns zu überwältigen, und dies konnte nur dadurch bewirkt werden, daß wir uns ihrer Schluppe bemächtigten.

[15] Hier fiel mir nun sogleich ein, die eine wäre bereits in unserer Gewalt, und der andern möchte es wohl möglich seyn uns auf ähnliche Art zu bemeistern, da die noch am Bord befindliche Mannschaft ganz gewiß das Boot an Land senden werde, um zu sehen, wo die Schluppe mit ihren Kameraden geblieben sey. Das Erste, was wir zu thun hatten, wäre also, diese unbrauchbar zu machen, damit sie nicht fortgebracht werden könne, und dann abzuwarten, was weiter erfolgen würde.

Nachdem ich dem Kapitän dies alles erklärt und vorgestellt, und seinen Beifall erhalten hatte, giengen wir mit dem Passagier zur Schluppe, nahmen Ruder, Mast, Segel, eine Flinte, ein Pulferhorn, eine Flasche Rum, eine mitBranntewein, Zwieback und ein StückZucker von fünf bis sechs Pfund schwer, heraus; das alles war mir sehr willkommen, besonders derZucker, wovon ich schon seit vielen Jahren keinen gesehen hatte. Als wir alles weggenommen hatten, machten wir ein großes Loch in den Boden des Boots, so daß es nicht so geschwinde zugestopft und dieses unmöglich weggebracht werden konnte. Eben als wir damit fertig waren, kamen der Steuermann undFreitag zurück, und mit ihrer Hülfe zogen wir die Schluppe so hoch auf den Strand, daß auch die höchste Fluth sie nicht erreichen, viel weniger wegschwemmen konnte. Hierauf ließ ich Freitag ein paar Schaufeln holen, womit wir eine Grube machten, und die beiden Leichname darin begruben.

Für jetzt war nichts weiter vorzunehmen, wir nahmen also unsere Beute und Waffen, nebst den zwei[16] andern Flinten, die wir im Gebüsche an einen Baum gelehnt fanden, und giengen meiner Burg zu. Ungefähr auf halbem Wege hörten wir eine Kanone vom Schiffe abfeuern, um wahrscheinlich der Schluppe ein Zeichen zu geben, wieder an Bord zu kommen, und als es nicht kam, hörten wir von Zeit zu Zeit noch mehrere Schüsse. Ich beschleunigte daher meine Schritte, um meine Wohnung und meine Warte zu erreichen. Der Kapitän und seine beiden Gefährten bewunderten meine Festung, und wie ich sie so vollkommen in einem Walde verborgen habe, der, da er bereits zwanzig Jahre gepflanzt und das Wachsthum der Bäume hier viel schneller als in England, jetzt so dicht war, daß man schlechterdings nirgends durchkommen konnte, als auf dem kleinen sich durchschlängelnden Pfad, den ich, damit er weniger betreten und nicht bemerkbar sey, in etwas abwechselte, so daß er nur mir und Freitag bekannt war; dies wäre meine Burg, sagte ich ihm, ich hätte aber auch noch ein Landhaus, wo ich einen Theil der schönen Jahrszeit zubringe, das ich ihm zu einer andern Zeit zeigen wolle.

Ich führte ihn und seine Begleiter sogleich auf die Warte, wohin Freitag uns Ferngläser brachte; hier sahen wir, daß das Schiff am Fokmast eine blaue Flagge in Schau aufgehißt hatte, um dem Boot ein Zeichen zu geben, sogleich an Bord zu kommen; da aber dies eben so wenig half, als die wiederholten Kanonenschüsse, so setzten sie das andere Boot aus. Um dieses genauer beobachten zu können, blieben wir oben, und ich ließ Freitag allerlei Erquickungen für meine Gäste [17] holen, auch Ziegenfleisch theils braten, theils mit Reis kochen, um eine Mahlzeit mit ihnen zu halten.

Als das Boot näher kam, bemerkten wir, daß nicht weniger als zehn Mann darin und mit Schießgewehr versehen waren; wir konnten sie ganz deutlich sehen; der Kapitän erkannte die Leute alle, und schilderte mir ihren Charakter. Leider – sagte er – sind unter allen nur drei brave Bursche, und durch Furcht und die Ueberlegenheit der andern zu dieser Meuterei verführt oder vielmehr gezwungen worden. Die übrigen und besonders der Hochbootsmann, welcher die Schluppe kommandirt, sind die ärgsten Bösewichte, von denen wir alles zu befürchten haben. Leute in unsern Umständen, erwiederte ich, müssen keine Furcht kennen, da jede andere Lage der unsrigen vorzuziehen, und sogar der Tod als eine Rettung aus selbiger anzusehen ist. Ich erzählte ihm kürzlich meine Geschichte, die er und seine Gefährten mit großer Aufmerksamkeit und Verwunderung anhörten, besonders rührte ihn die Art, wie ich Lebensmittel und Pulfer erhalten hatte, und daß es schien, als ob die Vorsehung mich bloß hieher gebracht und mein Leben so wunderbar erhalten hatte, im das ihrige zu retten. Nun denn, sagte ich, wenn Sie das glauben, so fassen Sie auch Muth und Vertrauen. Es ist gut, daß eben die Schlimmsten von den Uebrigen abgesondert sind, desto eher können wir hoffen, ihrer Meister zu werden; nur Eins macht die Sache schwierig, daß nämlich drei brave Bursche dabei sind, die wir schonen und uns zu eigen machen müssen. Diese mit Nachdruck und Streitlust ausgesprochenen Worte [18] erhoben seinen Muth, und er war entschlossen, alles zu wagen. Indessen hatte ich noch wenig Hoffnung zur Eroberung des Schiffes, sondern sie war mehr auf die Spanier gerichtet, die ich täglich erwartete.

Unter diesen Gesprächen kam die Schluppe an den Strand, und ruderte denselben entlang, bis dahin, wo die erst angekommene lag; hier stieg die ganze Mannschaft an's Land, und zog ihre Schluppe hoch auf den Strand hinauf, welches mir sehr angenehm war, weil ich befürchtet hatte, sie möchten sie flott und mit einer Wache besetzt lassen, so daß es uns unmöglich gewesen wäre, dieselbe wegzunehmen; auf diese Art hingegen war es desto weniger schwer, da bald die Zeit der höchsten Fluth und der ähnliche Fall eintrat, wie mit dem Boote. Hierauf giengen sie Alle zu diesem, und wir konnten ihre Bestürzung deutlich erkennen, da sie darin ein großes Loch und selbiges ausserdem seiner ganzen Zurüstung beraubt sahen. Dann erhoben sie insgesammt zwei oder drei Mal einen lauten Ruf, und da dieser seine Absicht verfehlte, indem keiner von ihren erstgelandeten Kameraden darauf antwortete, so stellten sie sich in einen Kreis, und schossen ihre Gewehre auf einmal los, daß es von Felsen und Wäldern wiederhallte. Als auch hierauf nicht das geringste Zeichen des Daseyns und des Lebenserfolg te, bemerkten wir ganz deutlich ihren Schrecken, und sahen sie nach ihrer Schluppe eilen, sie flott machen, einsteigen und vom Strande abstoßen, aber, nachdem sie kaum ein paar Ruderschläge gethan hatten, wieder kommen; wahrscheinlich hatten sie sich über fernere Maßregeln berathen, [19] und wollten jetzt auf nähere Erkundigungen ausgehen, um zu erfahren, wo ihre Vermißten geblieben seyn möchten. Wirklich stiegen sieben aus, und giengen mit einander landeinwärts, drei aber blieben in der Schluppe, welches unsern Absichten sehr entgegen war; denn wenn wir uns auch der sieben, auf Entdeckung ausgegangenen, bemächtigten, so half uns das nicht im geringsten, wenn die Schluppe uns entwischte und an Bord fuhr, wo denn das Schiff fortgesegelt seyn würde; denn es war nicht möglich, uns dieses Boots zu bemächtigen, da es sich in einiger Entfernung vom Ufer vor Anker legte.

Die Sieben, welche an's Land gestiegen waren, hielten sich geschlossen zusammen, und kamen gerade gegen meine Burg zu; als sie aber das Wäldchen zu unwegsam fanden, giengen sie längs demselben hin, und bestiegen einen der Hügel, die sich von meiner Felsenwand westlich hinzogen, und von denen sie eine ausgedehnte Aussicht, besonders über den flachen Theil der Insel gegen Nordost hatten. Als sie den Gipfel erreicht hatten, fiengen sie wieder an zu rufen. Es schien, daß sie sich nicht weiter landeinwärts wagen durften, und sie setzten sich nieder, um wahrscheinlich über ihr ferneres Benehmen zu berathschlagen. Wie gerne hätten wir sie einschlafen gesehen, wie die Erstgelandeten; sie waren aber zu sehr voll Furcht und Schrecken, um nur an Schlaf zu denken, zumal die Sonne sich bereits ihrem Niedergange näherte. Wir machten allerlei Entwürfe, sie anzugreifen, aber sie waren entweder zu gefahrvoll, oder zu wenig entscheidend, [20] oder zu unsicher in ihrem Erfolge und in keinem Falle befriedigend. Es blieb uns also nichts übrig, als abzuwarten, ob uns der Zufall nicht etwa begünstigen möchte, und ihn dann nach Möglichkeit zu benutzen; allein er schien eine sehr ungünstige Wendung für uns nehmen zu wollen, denn wir sahen den ganzen Trupp wieder nach der Schluppe zugehen. Dies war uns sehr ungelegen, und brachte den Kapitän fast zur Verzweiflung, bis ich eine List ersann, um sie wenigstens abzuhalten in die Schluppe zu steigen, und wieder an's Schiff zurück zu fahren. Sie gelang vortrefflich.

Ich hieß den Obersteuermann mit Freitag linksweg nach eben den Hügeln hinschleichen, wo die Seeleute herkamen, doch einwärts dem Walde, um von diesen nicht bemerkt zu werden, und wenn sie dann in einer angemessenen Entfernung hinter selbigen angekommen wären, so sollten sie von Zeit zu Zeit laut rufen, und dies so lange wiederholen, bis die Andern antworteten; wenn dies dann geschehe, so sollten sie selbige durch fortgesetztes Schreien von einem Hügel des südlichen Gebirgs zum andern locken, um sie recht tief in's Gehölze zu verwickeln, doch dabei wohl Acht geben, nicht von ihnen entdeckt oder eingeholt zu werden, auch nicht gegen meinen Landsitz, noch weniger über das Gebirge in das Thal, wo die Grotte war, einzulenken, damit die dort befindlichen Gefangenen nichts hören möchten; wenn sie dann endlich die Andern so weit mißgeleitet hätten, daß sie vor Einbruch der Nacht sich nicht zurechte finden könnten, so sollten sie [21] selbst auf dem kürzesten Wege so bald möglich zurückkommen.

Die Meutlinge riefen eben denen in der Schluppe zu, mit derselben an Land zu legen, als der Obersteuermann und Freitag den ersten Ruf thaten; jene machten sogleich Halt, und beantworteten ihn mit einem lauten Gegenruf, worauf ein neuer Schrei der Unsrigen erfolgte. Sogleich kehrten jene unter beständigem Rufen um, und giengen den fortgesetzten Lockungen immer weiter nach.

Jetzt war der günstigste Augenblick, die Leute bei der Schluppe zu überfallen, und uns derselben zu bemächtigen, denn sie lag am Strande, und es war nur ein Einziger darin geblieben; von den beiden Andern lief der Eine dem Trupp nach, und holte ihn bald ein, der Andere aber gieng bis zu einem etwa zwanzig Schritte entfernten Gesträuche, wo er sich niederlegte; der Kapitän gieng behutsam voraus, und zuerst auf diesen zu, und tödtete ihn durch einen Kolbenschlag auf den Kopf; ich aber und der Passagier giengen auf die Schluppe los, wo sich der Matrose ebenfalls auf die Bank niedergelegt hatte; wir legten ihm die Mündung des Gewehrs auf die Brust, und befahlen ihm, sich zu ergeben; er war so heftig erschrocken, daß er nicht einmal antworten konnte, und unbeweglich liegen blieb. Als der Kapitän auch herbei kam, bat er uns, diesen zu schonen, denn er sey ein braver Bursche; durch diese Rede erholte sich der arme Kerl von seinem Entsetzen, bat den Kapitän knieend um Verzeihung, und schwor, uns bis auf den letzten Blutstropfen treu [22] zu seyn, was er auch redlich erfüllte. Er hieß Robertson.

In der Grotte befanden sich sechs Gefangene, worunter einer verwundet war, zweien war nicht zu trauen, auf die drei Uebrigen aber glaubte der Kapitän sich verlassen zu können; wir entschlossen uns also, sie frei zu lassen, uns durch sie zu verstärken, um dem andern Trupp gewachsen zu seyn. Das Erste, was wir unternahmen, war, auch diese Schluppe so hoch auf den Strand zu ziehen, daß sie selbst mit der höchstenFluth nicht wegtreiben konnte, und da dieselbe kaum vor einer Viertelstunde den höchsten Stand erreicht hatte, so hatten wir sie nicht weit zu schleppen, doch geschah es nicht ohne große Anstrengung, da wir nur Viere waren, obschon wir Mast, Segel, Ruder und alles, was darin war, herausgenommen hatten, und dann mit uns in die Burg trugen.

Als wir daselbst anlangten, war die Sonne bereits untergegangen. Ich führte meine Gäste in mein Gezelt vor der Felswand, zeigte ihnen auch mein Schlafzimmer und meine Küche, und sie konnten sich nicht genug, sowohl über die erstaunliche Arbeit eines einzigen Menschen, als über die Menge und Ordnung aller vorhandenen Dinge verwundern. Ich hatte Licht angesteckt, und etwas Speise und Trank geholt, um uns zu stärken. Während dem kamen der Steuermann und Freitag zurück, und liessen sich's auch gut schmecken. Sie hatten ihren Auftrag vortrefflich ausgerichtet, indem sie durch Rufen und Antworten auf das Geschrei der ihnen folgenden Kameraden diese von Hügel zu [23] Hügel so weit entfernt, irre geführt, ermüdet, und dann plötzlich ohne weitere Antwort oder Zurechtweisung im Dunkel eines waldigen Thales, bei zunehmender Dämmerung, verlassen hatten, so daß sie vor zwei Stunden, also bei dunkler Nacht, nicht zurück seyn konnten, da sie keinen Weg kannten. Nachdem wir abgespeiset hatten, mußte derKapitän, der Passagier und Robertson mit Freitag, der unermüdlich war, die drei Gefangenen aus der Grotte holen, die mir als brave Kerls waren gerühmt worden, mit denen wir dann unsererNeune waren, die durch unsere gerechte Sache und den vielversprechenden Erfolg muthvoll und gestärkt,acht verzweifelten, aber sehr abgematteten, erschrockenen, und durch ihre verlassene Lage und die Vorwürfe ihres Gewissens feige gewordenen Meutlingen, überlegen seyn mußten, da wir den Vortheil des Angriffs, der Dunkelheit und der genauen Kenntniß der Gegend für uns hatten.

In einer halben Stunde kam der Kapitän mit seinen Begleitern und den drei Gefangenen zurück. Ich machte diesen lebhafte Vorstellungen über das Schändliche und Gefahrvolle ihrer Meuterei, versprach ihnen aber gänzliche Vergessenheit derselben, wenn sie mir mit einem feierlichen Eide angelobten, uns bis in den Tod getreu zu seyn, und uns beizustehen, das Schiff wieder in Besitz zu nehmen; diesen Eid legten sie mit Freuden und tiefer Rührung ab; nachdem ließ ich ihnen Speise, und hierauf Waffen geben. Dies alles geschah auf dem freien Platze zwischen dem äussern Wall und dem Burgwäldchen, denn ich fand nicht für [24] gut, sie mit dem Innern bekannt zu machen. Unsere Gewehre bestanden aus meinen drei Musketen, drei Vogelflinten und zwei Pistolen, und aus den drei Gewehren, die wir aus der ersten und zwei aus der zweiten Schluppe bekommen hatten, folglich aus zwölf Feuergewehren, ohne die, welche meinen Wall vertheidigten, und aus fünf Säbeln, wovon zwei mir gehörten.

Unsere Feinde kamen eine gute Stunde später bei dem Burgwäldchen vorbei, in welchem wir uns versteckt hielten, und ihre Gespräche deutlich vernehmen konnten; da die Angst die Einen voraustrieb, und die Ermattung die Andern zurückhielt, so waren sie ziemlich weit auseinander, so daß jene diesen zuriefen, geschwinder zu gehen, aber sie antworteten, daß sie vor Müdigkeit halbtodt wären, welches uns sehr angenehm zu hören war. Der Kapitän und einige Andere meinten, man sollte jetzt über sie herfallen; da wir aber die zwei Bessern in der Dämmerung nicht unterscheiden konnten, die ich doch eben so ungern als meine eigenen Leute der Gefahr des Todes oder der Verwundung bloßstellen mochte, theils weil sie brave Bursche waren, theils weil wir ihrer zur Eroberung des Schiffs bedurften, so stellte ich ihnen das vor, und hielt sie zurück, hieß aber Freitag nebst dem Passagier so nahe an die Feinde heran schleichen, als es unentdeckt geschehen konnte, und ich folgte mit den Uebrigen, am Rande meines Wäldchens, nach.

Es ist unmöglich, ihre Bestürzung lebhaft genug zu schildern, als sie nicht nur das Wasser größtentheils[25] abgelaufen, und die Schluppe auf dem Trockenen, sondern auch diese der Ruder, des Masts und der Segel beraubt sahen. Wir hörten diese abergläubigen Menschen in den kläglichsten Jammertönen einander zurufen, sie müßten sich in einer bezauberten Insel befinden, die von Gespenstern oder bösen Menschen bewohnt wäre, von welchen sie zerrissen oder sonst niedergemacht würden, wie ihre Kameraden. Der Hochbootsmann, der Anstifter der ganzen Meuterei, der ärgste Bösewicht und jetzt der feigste Kerl von Allen, lief mit gerungenen Händen hin und her, und wußte vor Angst nicht, was er thun sollte; auch die Uebrigen waren in Verzweiflung, giengen bald in's Boot, bald wieder heraus, bald an's Ufer, bald nach den nahen Gebüschen, bald hielten sie sich ganz still, bald beklagten sie ihre Lage, bald riefen sie ihre verloren geschätzten Kameraden bei ihrem Namen.

Der Hochbootsmann kam mit zwei Andern gegen die Stelle, wo der Kapitän stand, welcher so sehr gegen ihn erbittert war, daß er kaum warten konnte, bis er nahe genug war, um ihn nicht zu verfehlen, doch hielt er, obwohl mit Mühe, an sich, so daß der Steuermann Zeit gewann, sich neben ihn zu stellen; dann feuerten sie beide zugleich auf die drei Meutlinge. Der Hochbootsmann blieb auf der Stelle, der Andere ward am Arm und der Dritte im Unterleib verwundet, woran er nach einer Stunde starb.

Diese Schüsse und das Geschrei der Verwundeten setzten Alles in Bewegung; ich rückte sogleich mit den bei mir habenden vier Matrosen vor, und derPassagier [26] nebst Freitag kamen auch heran, während dem der Kapitän und Steuermann ihre Gewehre wieder ladeten, und sich dann zu den beiden Letztern stellten. Es war so dunkel, daß es unmöglich war, unsere Stärke zu beurtheilen, da der Wald hinter uns die Finsterniß vermehrte, und ganz voll Truppen seyn konnte. Ich hieß Robertson den Feinden zurufen, um zu vernehmen, ob sie sich ergeben wollten?

Er rief also: Thomas Smith! Thomas Smith! Dieser erkannte ihn sogleich an der Stimme, und antwortete: Bist du's, Robertson? Ja, erwiederte dieser, um Gotteswillen ergebt Euch, sonst seyd Ihr alle des Todes; der Hochbootsmann und drei Andere sind todt, Wilhelm Frie ist tödtlich und zwei Andere sind leicht verwundet, und ich nebst den Uebrigen gefangen. Hierauf entgegnete Smith: wem sollen wir uns ergeben, und werden wir Pardon erhalten? Jener sagte hierauf: Dem Kapitän müßt Ihr Euch ergeben, der mit fünfzig Mann hier steht. Dieser nahm hierauf selbst das Wort: Ihr kennt meine Stimme, Smith! Ich schenke Euch allen das Leben, ausser Atkins. Ach! um Gotteswillen, rief dieser kläglich aus, ach Kapitän, gebt mir auch Pardon, was habe ich mehr gethan als die Andern? Der Kapitän antwortete: Ich kann dir nichts versprechen,Atkins, denn Du bist viel schuldiger als alle Uebrigen. Ergebt Euch ohne Einwendung, sonst kömmt Keiner davon. Dies wirkte; sie legten das Gewehr nieder, und der Kapitän nahm sie mit den sechs ihm treuen Männern seines Schiffs gefangen, und führte sie durch das Wäldchen auf den freien Platz [27] zwischen diesem und dem äussern Walle. Hier redete er sie mit Nachdruck an, verwies ihnen ihr Vergehen, stellte ihnen die traurigen Folgen desselben vor, da sie wahrscheinlich Seeräubereien hätten treiben wollen, und endlich den verdienten Lohn mit dem Strange erhalten hätten. Ihr glaubtet mich an eine öde Insel auszusetzen, aber es gefiel Gott, es so zu leiten, daß ein BritteGouverneur derselben ist, von dem jetzt euer Leben abhängt; da er Euch durch mich selbiges geschenkt hat, so wird er Euch vermuthlich nach England senden, um den Gerichten übergeben zu werden. Sie schienen Alle sehr niedergeschlagen zu seyn, und ihr Verbrechen zu bereuen, baten auch den Kapitän sehr demüthig um Verzeihung und um seine Verwendung bei dem Gouverneur.

Unter diesem vielbedeutenden Titel meinte er niemand anders als mich; da aber mein Anzug demselben keineswegs entsprach, so hielt ich mich mitFreitag zurück, denn es war von der größten Wichtigkeit, den sinnreichen Einfall des Kapitäns zu benutzen, obgleich es nicht verabredet war. Ich ließ durch Freitag dem Steuermann heimlich sagen, zu mir zu kommen, und sagte ihm in wenigen Worten meine Absicht, die er als ein verständiger Mann sogleich begriff. Er begab sich wieder zumKapitän, und sagte ihm: Sir, der Gouverneur verlangt Sie zu sprechen. Melden Sie, erwiederte er, Seiner Exzellenz, daß ich zu Dero Befehl stehe und gleich kommen werde. Die fünf Gefangenen glaubten nun nicht anders, als der Gouverneur befinde sich mit Truppen in der Nähe. Auch [28] demKapitän theilte ich meine Meinung mit, und bezeugte ihm zugleich meinen Dank für seinen vortrefflichen Einfall. Dann trat ich mit ihm hervor, und er sagte ihnen, daß ich vom Gouverneur beauftragt sey, über ihr Betragen zu wachen, und sie mit dem Nöthigen zu versorgen; daß sie ohne meine Erlaubniß sich nirgends hinbegeben sollten, und daß der geringste Versuch zu entfliehen die augenblickliche Folge haben würde, auf die Festung gebracht und erschossen zu werden. Da sie mich nicht als Gouverneur kannten, so war es mir leicht, mehrere Rollen zu spielen, was mir sehr gut gelang; ich sprach sehr viel vom Gouverneur, von der Festung und von der Garnison, band dann mit Hülfe Freitags die Gefangenen mit Stricken, und führte sie in die Grotte zu den zwei Andern, ein Gefängniß, das für so erschrockene Menschen desto fürchterlicher, je weniger es andern ähnlich war. Wir wälzten einen Stein vor den Eingang, und thaten als ob wir Schildwache stehen, und von Zeit zu Zeit ablösen liessen. Zu dem Ende sandte ich Freitag bald allein, bald mit einem Andern während der Nacht zur Grotte, um die Gefangenen zu belauschen. Da ihr Schicksal von ihrem Betragen abhieng, so konnte ich versichert seyn, daß sie sich stille halten würden, zumal ich ihnen keinen Mangel ließ.

Da für jetzt nichts weiter zu thun war, ließ ich fürRobertson und die Drei, die sich von der ersten Schluppe mit uns vereinigt hatten, in der Geschwindigkeit zwischen beiden Wällen ein Zelt aufschlagen, und eine Streue von Stroh zurecht machen, sandte[29] ihnen auch Speise und Trank; Freitag mußte jedesmal die Leiter in's Innere zurückziehen.

Hier hielt ich nun mit dem Kapitän, demSteuermann und Passagier Rath, wie wir uns des Schiffs bemächtigen könnten; die Unternehmung mußte noch vor Anbruch des Tages ausgeführt werden, und es mochte bereits zehn Uhr seyn, wir hatten also keine Zeit zu verlieren. Ich glaubte meine Befreiung schon so gewiß und nahe, daß ich mich beredete, die gefangenen Seeleute würden sich gerne zur Wiedereroberung des Schiffs gebrauchen lassen. Ich ersuchte also den Kapitän mit dem Steuer mann, nach der Grotte zu gehen, um zu erforschen, wie Manchem derselben noch zu trauen wäre, um uns durch sie zu verstärken; Freitag zeigte ihnen mit einer brennenden Kerze den Weg dahin.

Der Kapitän wiederholte ihnen seine Verweise, und stellte ihnen vor, daß der Hochbootsmann, der Anstifter der Meuterei, nebst vier seiner eifrigsten Gehülfen getödtet, folglich die Verschwörung so gut als vernichtet sey, da ihr Haupt fehle; es würde also eben so nutzlos als gefahrvoll für sie seyn, wenn sie in ihrer Widersetzlichkeit beharren wollten, da derGouverneur entschlossen sey, nur diejenigen zu begnadigen, welche redlich das Ihrige dazu beitragen würden, das Schiff wieder zu erobern, die Uebrigen aber würden in Ketten gelegt, und nach England oder in eine brittische Kolonie gebracht und den Gerichtshöfen übergeben werden, ausser Atkins, dem er anzukündigen habe, daß er morgen früh würde aufgehängt werden. [30] Es herrschte in dieser Anrede eine Strenge, welche die größte Wirkung that. Atkins fiel auf die Kniee, und flehete den Kapitän, sich bei dem Gouverneur für ihn zu verwenden; die Andern beschworen ihn ebenfalls Alles anzuwenden, damit sie nicht den Gerichten überliefert würden. Gut, antwortete der Kapitän, ich werde Verzeihung für Euch zu erhalten suchen, aber wie gesagt, das ist nicht genug; das Schiff wieder zu erobern, das ist die Hauptsache, von der alles abhängt. Jetzt versprachen sie ihm nach Matrosenart mit den gräulichsten Verwünschungen, ihm bis auf den letzten Blutstropfen treu zu seyn, ihm das Schiff ohne anders wieder zu schaffen, mit ihm zu gehen, wohin er sie führen wolle, da sie ihn für den Retter ihres Lebens, für ihren Vater hielten, worauf er entgegnete, daß er Seiner Exzellenz von ihren Gesinnungen Rapport machen, ihre Bitte bestmöglich unterstützen, und ihnen von dem Erfolg Nachricht geben wolle. Als er mir dies gemeldet, ich mich aber in der Zwischenzeit mit dem Passagier berathen hatte, erwiederte ich, unsere Sicherheit erfordere, nicht allzu nachgiebig zu seyn, und sandte ihn mit der Antwort zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Unternehmung zugelassen werden, dagegen sollte Atkins nebst den zwei Verwundeten als Geiseln im Gefängniß bleiben, und ohne weiteres Urtheil sogleich aufgehängt werden, wenn die Andern ihren Eid brechen würden; diesen mußten sie dem Gouverneur auf das feierlichste in die Hand des Kapitäns schwören, der dazu beauftragt war, denn – sagte er – ihr seyd nicht meine Gefangenen, sondern [31] die des Gouverneurs. Nach abgelegtem Eide brachte er die sechs Freigelassenen mit, und nun bestand unsere ganze, zur Wegnahme des Schiffs bestimmte Mannschaft aus folgender Anzahl. Erstlich: der Kapi tän, der Obersteuermann und der Passagier. Zweitens: fünf Freigelassene von der ersten Schluppe. Drittens: Robertson, Thomas Smith und drei Freigelassene von der zweiten Schluppe, also in allem dreizehn Mann. Atkins und zwei Verwundete lagen gefangen in der Grotte, und Fünfe waren todt. Ich und Freitag konnten aber der Unternehmung auf das Schiff nicht beiwohnen, denn wir durften unsere Insel, unsere Güter und die Gefangenen nicht verlassen.

Jetzt war das Letzte aber das Schwerste, die Wegnahme des Schiffs, noch übrig. Wir hatten schon, während der Kapitän zu den Gefangenen gegangen war, das Loch im Boote zugemacht, und dieses sowohl als die Schluppe mit dem Steuerruder, Mast, Segeln und Riemen ausgerüstet, worüber der Steuermann die Aufsicht übernommen hatte. Dann hielt ich mit ihm, mit dem Kapitän und dem Passagier Kriegsrath, und wir kamen darin überein, daß man wo möglich Gewalt und List zugleich anwenden müsse, um jene durch diese zu verstärken, denn es waren noch sechszehn Mann auf dem Schiffe, welche mit allem Erforderlichen versehen, und vermuthlich entschlossen waren, sich bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen, oder mit dem Schiff davon zu segeln.

Als nun beide Fahrzeuge zur Abfahrt bereit waren,[32] begleitete ich nebst Freitag den Kapitän mit seinen Truppen bis zur Anfuhrt, wo sie sich einschifften. Er, der Passagier und fünf Mann bestiegen die Schluppe, der Steuermann ebenfalls mitfünf Mann das Boot, und nachdem ich ihnen Glück zu ihrer Unternehmung gewünscht hatte, fuhren sie um Mitternacht ab, ich aber blieb bis gegen zwei Uhr, von Hoffnung, Furcht, Ungewißheit und Ungeduld geschmeichelt oder gequält, am Strande, denn ich würde im vortrefflichsten Bette doch nicht haben schlafen können; aber ungefähr um diese Zeit wurden vom Schiffe sieben Kanonenschüsse gethan; dies war das verabredete Zeichen der gelungenen Ausführung, und man muß so lange als ich auf einer öden Insel gelebt haben, um das Entzücken zu fühlen, das mich durchströmte, als ich jetzt das Zeichen meiner Befreiung vernahm. Ich sank auf meine Kniee, und das glühendste Dankgebet stieg zum allgütigen Vater empor, der mich diesen langersehnten Augenblick erleben ließ. Dann gieng ich mit Freitag nach Hause und zu Bette, wo ich vor Ermattung, die ich erst jetzt zu verspüren begann, sehr bald in einen tiefen Schlaf fiel, aus dem ich durch einen starken Kanonenschuß geweckt wurde. Ich warf mich sogleich in die Kleider, und bestieg mit einem Fernglase meine Warte, wo ich schon den Kapitän fand, der mich mit den Worten umarmte: O mein Freund! Mein Erretter! Dort liegt Ihr Schiff; es gehört Ihnen nebst allem, was wir besitzen.

Jetzt wandte ich meine Augen gegen die See, und erblickte das Schiff, kaum eine Meile vom Strande[33] entfernt, in der Bucht vor Anker liegen, denn sobald er sich desselben bemächtigt hatte, war er, durch Wind und Fluth begünstigt, bis dahin gesegelt, um mir näher zu seyn, und nachdem er alle Anordnungen getroffen, und dem Steuermann den Befehl während seiner Abwesenheit übertragen hatte, war er in der Pinasse, bis zu der Anfurt, wo mein Boot lag, gefahren, so daß er beinahe vor meinem Burgwäldchen ausstieg.

Jetzt war meine Befreiung gewiß. Ein gutes Schiff wartete meiner, um mich dahin zu bringen, wo ich's begehrte. Dieses Glück wirkte so heftig auf mich, daß ich lange sprachlos da stand, und in Ohnmacht gesunken wäre, wenn die Umarmungen des Kapitäns es nicht verhindert hätten; er gab mir einen stärkenden Schluck Kordialwassers. Dies brachte mich wieder zurechte, doch mußte ich mich auf die Erde setzen, und es verfloß eine gute Weile, ehe ich wieder sprechen konnte. Der Kapitän, der eben so entzückt, aber nicht so hart angegriffen war, wie ich, sagte mir tausend zärtliche Dinge, und meine Rührung löste sich in sanfte Thränen auf, so daß ich bald mein Bewußtseyn und die Sprache wieder erlangte. Jetzt umarmte auch ich meinen Befreier, der vom Himmel zu meiner Erlösung gesandt schien, und die wundervolle Verkettung der Umstände war mir ein neuer Beweis von der Leitung einer gütigen und weisen Vorsehung, die selbst an den entferntesten Enden der Erde Rettung herbeizuführen weiß.

Als ich mich erholt hatte, stiegen wir in meine Wohnung herab, wo Freitag bereits aufgeräumt und [34] das Frühstück bestellt hatte; aber der Kapitän sagte: Er hätte mir ein Frühstück vom Schiffe gebracht, und ich möchte Freitag zu der Anfurt senden, um seinen Leuten zu sagen, selbiges herbeizubringen. Dieser lief auch gleich hin, und während dem erzählte mir der Kapitän, wie es mit der Eroberung des Schiffs zugegangen.

Als sich die Schluppe dem Schiffe näherte, befahl er dem Robertson, der wachenden Schiffsmannschaft zuzurufen, sie brächten das Boot nebst den darin befindlichen Matrosen, die sie erst spät und nach langem Suchen gefunden hätten; mit diesen und ähnlichen Berichten wußte er sie so lange hinzuhalten, bis die Schluppe an Bakbord gelegt hatte. Der Kapitän und der Passagier erstiegen zuerst das Schiff, und säbelten den Bootsmannsmaat und den Zimmermann nieder, die ihnen zuerst begegneten, ohne sie zu kennen; die andern Fünfe hielten sich auch sehr brav, so daß man desHalbdeks bald Meister war. Gleich darauf legte auch das Boot an Steuerbord an, und nachdem die Mannschaft hinaufgeklettert war, wandte sie sich gegen den Bak, um auch den Vordertheil des Schiffs zu säubern; von da drangen sie in die Vorlucke und in die Wohnstelle des Kochs, den sie mit zwei andern Meutlingen zu Gefangenen machten. Nach diesem wurden die Lucken geschlossen, damit die Mannschaft, zwischen den Decken, den Uebrigen nicht zu Hülfe kommen möchte. Der Kapitän und der Steuermann liessen dann die Verdecke und Lucken, besonders die zur Pulferkammer und die Gewehrkiste besetzen, und befahl[35] dann dem Steuermann, mit drei Mann die Kajüte anzugreifen, wo der neue Kapitän, von dem Getümmel erweckt, bereits aus dem Bette gesprungen, und nebst zwei Matrosen sich bewaffnet hatte. Sobald jene die Thüre aufsprengten, gaben diese Feuer auf sie, so daß einer getödet und zwei leicht verwundet, dem Steuermann aber der linke Arm zerschmettert wurde, was ihn aber nicht hinderte dem neuen Kapitän eine Pistolkugel durch den Kopf zu jagen; als die beiden Matrosen ihn fallen sahen, so ergaben sie sich. Jetzt waren nur noch acht Mann, denen man zurief, sich zu ergeben, sonst wären sie des Todes; sie weigerten sich auch keinen Augenblick, man öffnete eine Lucke und ließ sie heraufsteigen. So war denn der rechtmäßige Kapitän ohne fernern Widerstand wieder im Besitz seines Schiffs, worauf er sogleich befahl, der Festung das verabredete Zeichen, durch sieben Kanonenschüsse, zu geben, welches auf die Schiffsmannschaft einen tiefen Eindruck machte.

Zweiundzwanzigster Abschnitt

Zweiundzwanzigster Abschnitt.

Robinsons Abreise.


Ehe noch der Kapitän seine Erzählung geendet hatte, kam Freitag mit den Leuten der Pinasse, und hatte genug zu thun, alles über den Wall zu bringen, denn ausser dem Frühstück brachten sie noch ein prächtiges [36] Geschenk, das sich recht für einen Gouverneur schickte. Es bestand in einigen Flaschen Kordialwasser, in sechs Bouteillen Maderawein, zwei Pfund vortrefflichen Taback nebst einigen Tabackspfeifen, sechs Stücke Schweinfleisch, zwei große Stücke Rindfleisch, ein Sack voll Erbsen und eine Menge Zwieback; ferner zwei Flaschen Limoniensaft, eine Schachtel mit Zucker und eine mit Muskatenblüthe, nebst vielen andern nützlichen und angenehmen Dingen. Was mich am meisten freute, waren sechs ganz neue Hemden mit eben so viel Halsbinden, sechs Paar Strümpfe, zwei PaarHandschuhe, eben so viel Schuhe, einen Hut und ein vollständiges Kleid, das er kaum einmal angezogen hatte. Mit einem Worte, er beschenkte mich mit allem, um mich vom Kopf bis zum Fuße zu kleiden. Der Kapitän wünschte, daß ich mich sogleich ankleiden möchte, damit ich vor seinen Leuten als Gouverneur erscheinen und die nöthigen Befehle selbst ertheilen könnte, weil dies auf sie einen größern Eindruck und für den Erfolg eine bessere Wirkung haben würde. Jetzt konnte ich wirklich für einenGouverneur gelten, aber man kann leicht denken, daß ich mich anfangs nicht recht in die Kleider schicken konnte, da sie theils nicht eigends für mich gemacht waren, theils aber und vorzüglich weil ich schon seit so vielen Jahren keine ähnlichen getragen hatte.

Während dem Frühstück berathschlagten wir uns über verschiedene wichtige Gegenstände. Erstlich, was mit Atkins und den beiden andern Geiseln anzufangen wäre; alle drei waren unverbesserliche Bösewichte, die man in [37] Fesseln mitnehmen, und inEngland oder in der ersten englischen Kolonie den Gerichten übergeben mußte; aber der menschlicheKapitän war sehr abgeneigt, mit solcher Strenge gegen sie zu verfahren. Das Beste schien, sie auf der Insel zu lassen, und ich versprach ihm, es dahin zu bringen, daß sie es für eine Gnade ansehen und darum bitten müßten.

Nachdem ich also angekleidet war, gieng ich mit dem Kapitän und einer Bedeckung zu der Grotte, ließ die drei Kerls vorführen und sagte ihnen, daß ich theils durch den Rapport ihres Kapitäns, theils durch das Verhör ihrer Mitschuldigen von ihrer Verschwörung völlig unterrichtet sey, daß ihre Absicht gewesen wäre, mit dem Schiffe Seeräuberei zu treiben, daß sie aber in eben die Grube gefallen wären, die sie Andern gegraben hätten, da das Schiff durch meine Anordnungen wieder seinem rechtmäßigen Befehlshaber zugestellt worden sey, daher ich auch befohlen hätte, den gefangenen neuen Kapitän an die große Raa aufzuhängen. Sie möchten jetzt, wenn es möglich wäre, etwas zu ihrer Rechtfertigung anführen, um mich abzuhalten, sie, als auf der That ertappte Seeräuber, neben ihn hängen zu lassen. Atkins antwortete im Namen Aller: Sie wüßten nichts anders anzubringen, als daß sie sich auf die Parole des Kapitäns ergeben und er versprochen hätte, bei Sr. Exzellenz ein gutes Wort für sie zu sprechen, und daß ihre Kameraden, für welche sie Geisel waren, sich bei der Eroberung des Schiffs treu und wacker bezeigt hätten; sie bäten also um Gnade.

[38] Da ich, war meine Antwort, Befehl habe, mit dem ersten Schiffe nach England zurückzukehren, und daher sogleich mit diesem abreisen werde, so weiß ich nicht wohl, welche andere Gnade ich Euch erweisen könnte, als Euch auf dieser Insel zurückzulassen, denn Euch mitnehmen können und wollen wir nicht, und in England erwartet Euch unvermeidlich der Strang. Sie wählten also das Erstere, und um sie in diesem Entschlusse zu bestärken, ließ ich den erschossenen Kapitän an der großen Raa aufhängen, und bedrohte sie mit dem nämlichen Schicksal, wenn sie sich nicht bis zur Abreise des Schiffs ruhig verhielten.

Als ich sie nun entschlossen sah, auf der Insel zu bleiben, unterrichtete ich sie umständlich in allem, was selbige betraf, vom Klima, von ihrerFruchtbarkeit, vom Säen, Pflanzen undErndten, vom Brodbacken, Korbflechten, von meiner Töpferarbeit, von meinemSommerhause und den dortigen Früchten, von der Grotte, von den Wilden, von meinenZiegen, und wie ich sie zu melken, Butter und Käse zu machen, oder sie zu schlachten pflegte. Dann sagte ich ihnen, daß siebzehn Spanier und Portugiesen nächster Tage landen würden, für welche ich ihnen Briefe und Verhaltungsbefehle zustellen wolle, welche sie sogleich bei ihrer Ankunft dem Don Gusman zu übergeben hätten. Endlich versprach ich, ihnen nicht nur meine Vorräthe zu überlassen, sondern auch den Kapitän zu bewegen, ihnen ihre Kisten nebst noch einigen andern nützlichen Dingen zurückzulassen, wofür sie nicht genug danken konnten.

[39] In diesem Augenblick kam der Kapitän, der sich auf das Schiff begeben hatte, wo zu der nahen Reise viel anzuordnen war. Als er hörte, wovon die Rede war, schien er nicht einwilligen zu können, aber ich antwortete, daß es meine Gefangenen und nicht die seinigen wären, und gab ihnen ein Zeichen, sich zu entfernen, und Freitag mußte ihnen meinLandhaus zu ihrer Wohnung anweisen, denn in der Festung oder in der Grotte wollte ich sie nicht haben, so lange ich noch auf der Insel war, und bis meine Güter sich an Bord befänden.

Nachdem sie fort waren, berathschlagten wir uns wegen der Abreise. Wir fühlten beide einen heftigen Drang fortzukommen. Er, weil er so glücklich und unvermuthet wieder zu seinem Schiff gelangt war, und nichts so sehr wünschte, als damit wieder in England in Sicherheit und von seiner Mannschaft entledigt zu seyn, indem er eine große Abneigung gegen sie fühlte. Ich hatte wohl noch stärkere Gründe, da ich schon über ein Viertel-Jahrhundert mich aus dieser Einsamkeit sehnte. Zwar hätte ich wohl gewünscht, vor meiner Abreise die Spanier noch zu sprechen, und sie allenfalls mitzunehmen, aber Letzteres hatte seine Schwierigkeit, unter andern die Abneigung zwischen den Britten und Spaniern, und ich tröstete mich damit, daß sie Leute genug und mit allen Werkzeugen hinlänglich versehen wären, um ein Fahrzeug zu bauen, das sie nach ihren nicht sehr entfernten Kolonien bringen könnte, wenn es ihnen hier nicht gefiele, von wo aus sie dann leicht nach Europa kommen könnten. Freilich [40] hätte Freitag gerne seinen Vater noch gesehen, aber er war mir so sehr ergeben, daß er mir folgen und mich gar nicht aufzuhalten suchen wollte.

Allein ungeachtet unsers Drängens und Treibens konnten wir vor drei Tagen nicht absegeln, denn ich mußte das, was ich mitnehmen wollte, an Bord bringen lassen, so wie auch der Kapitän die Lebensmittel, die ich ihm überließ, einnehmen wollte, auch ergänzte er nicht nur, sondern erneuerte ganz seinen Wasservorrath. Dies alles wurde dann, in den zwei letzten Tagen, mit der größten Thätigkeit bewerkstelligt, so daß wir wirklich am dritten Tage segelfertig waren. Diese Zeit hatte ich dazu verwendet, alles was ich mitnehmen wollte, aus der Festung und aus der Grotte zum Strande und an Bord bringen zu lassen; ferner einen ausführlichen Brief, nebst Verhaltungsregeln an die Spanier aufzusetzen. So oft es seine Geschäfte erlaubten, besonders des Abends, brachte der Kapitän seine Zeit größtentheils bei mir zu, wo wir bei einer Schale Punsch, zu der er Rum und Zucker und ich die Limonien lieferte, von unserer bevorstehenden Reise sprachen. Ich hatte ihm auch meinSommerhaus und meine Grotte gezeigt, welches ihm so wohl als dem Passagier, der ihn stets begleitete und ein sehr artiger Mann war, nicht wenig Verwunderung und Vergnügen machte.

Und jetzt, da ich meine Insel verlassen sollte, konnte ich mich nicht ohne tiefen Schmerz davon losreissen; meine Ankunft, mein Aufenthalt, meine Beschäftigung, meine Land- und Seereisen, meine Ziegen, meine [41] Papageien, mein Sommerhaus, meine Pflanzungen, alles drängte sich in mein Andenken, und erschwerte mir den Abschied, sogar meine Leiden, z.B. mein Schiffbruch, dasErdbeben, meine Krankheit, hatten etwas Anziehendes für mich, nur die Angst bei Erblickung des Fußtapfens und meine darauf folgenden Besorgnisse waren mir höchst unangenehm, und ich machte die vielleicht nicht seltene Erfahrung, daß selbst die Unannehmlichkeiten des Lebens im Stande sind, angenehme Rückerinnerungen zu erwecken, wenn nicht Thorheit oder Fehler von unserer Seite damit verwebt sind.

Es war am 19. Dezember 1686, nach dem Schiffskalender, als ich des Abends um 8 Uhr bei schönem Mondscheine die Insel verließ und an Bord gieng, nachdem ich 27 Jahre, 2 Monate und 19 Tage daselbst zugebracht hatte, am nämlichen Tage, da ich in dem Boote mit Xury von Salee entfloh. Wegen den Strömen und Klippen wollten wir aber erst nach Anbruch des Tages unter Segel gehen, und diese Verzögerung gab Anlaß zu einem Vorfalle, der aufs Neue beweist, wie ungleich die Ansichten und Gedanken der Menschen sind.

Von den Leuten, die man auf dem Schiffe zu Gefangenen gemacht hatte, fand man für gut, zwei der Schlimmsten ebenfalls auszusetzen und auf der Insel zu lassen, wohin sie denn auch gebracht worden waren, allein gegen 5 Uhr des Morgens kamen sie an das Schiff geschwommen, und baten um Gotteswillen, man möchte sie wieder an Bord nehmen. Nach langer Weigerung [42] nahm sie der Kapitän wieder auf. Als man sie fragte, was sie bewogen hätte, die Insel zu verlassen, da sie doch in England nichts als die Todesstrafe zu erwarten hätten, antworteten sie, wenn sie auch auf der Stelle gehangen werden sollten, so wollten sie das lieber, als auf der Insel mit den Bösewichten zu bleiben, welche sie zu Tode peinigen würden. Da man sie indeß nicht unbestraft lassen konnte, so erhielten sie eine tüchtige Tracht Schläge. Dagegen fand es sich, daß zwei Andere, die doch bereits eine ähnliche Strafe erhalten hatten, während der Nacht mit dem kleinen Boot an den Strand gefahren, dasselbe dort gelassen, und in's Innere der Insel entwichen waren, weil sie dennoch fürchteten, in England dem Richter überliefert zu werden, oder weil sie auf der Insel, wo sie mit Andern Wasser geholt hatten, von Atkins und seinen Kameraden zu diesem Schritte verleitet worden waren. Der Kapitän sandte die Schluppe an den Strand, um das kleine Boot zurück und zugleich den auf der Insel Bleibenden ihre Kisten und Kleider, noch etwa fünfzig Pfund Pulfer und allerlei Gemüsesämereien, die ich mir oft gewünscht hatte, zu bringen; ich ließ ihnen noch versprechen, wenn es möglich wäre, ein Schiff zu senden, um sie mit allerlei Bedürfnissen zu versehen oder sie abzuholen, und empfahl ihnen sehr ernstlich, meine Verhaltungsbefehle dem Don Gusman unfehlbar einzuhändigen, welches, wie ich nachher erfuhr, sie auch gethan haben.

Diese Vorfälle hatten unsere Abreise verzögert, und die Sonne war bereits hoch über den Horizont, als wir [43] unter Segel giengen, und die Insel mit fünfzehn Kanonenschüssen begrüßten, welche von dem Echo erwiedert wurden. Ich hatte zum Andenken meine große Mütze von Ziegenfellen, meinenSonnenschirm, meinen Papagei und meinenHund mitgenommen, auch das Geld, welches ich auf unserm und dem spanischen Schiffe gefunden, nicht vergessen. Es war so lange ungebraucht in meinem Keller gelegen, und ganz schimmlicht geworden, so daß man es kaum erkennen konnte, und durch Reiben wieder rein gemacht werden mußte, um in Umlauf gesetzt werden zu können. Der Wind, die Ebbe, und der daher entstehende bekannte Strom, beschleunigten so sehr den Lauf unsers Schiffs, daß wir in weniger als zwei Stunden die Insel aus dem Gesichte verloren, und bis dahin war weder ich noch Frei tag vom Verdeck abzubringen; wir sahen nicht ohne Thränen die letzten Felsengipfel in den Fluthen verschwinden.

Unsere Reise war glücklich, und wir ließen am 11. Juni 1687 auf der Rheede von Spitsead die Anker fallen. Die Gefühle, die mich beinahe überwältigten, als ich die Küsten meines Vaterlandes, eine mir nicht unbekannte Rheede, die vor uns liegenden StädtePortsmuth und Gosport, und hinter uns die liebliche Insel Wight wieder sah, lassen sich leichter ahnen als ausdrücken, da ich bereits über dreissig Jahre aus England abwesend war. Ich gieng mit dem Kapitän, mit dem Passagier und mitFreitag nach Portsmuth, wo wir zu Mittag speisten, aber ich war hier beinahe eben so fremde als Freitag, denn die vielen großen Schiffe, noch weit mehr die Menge großer [44] Häuser in langen Straßen gereihet, das Volksgedränge, und am meisten die Pferde und Wagen, in ein unbeschreibliches Erstaunen setzte. Ich und der Passagier entschlossen uns, des andern Morgens mit der Post nach London zu reisen, da der Kapitän sich hier einige Tage aufhalten mußte, und der Wind die Durchfahrt bei Dover verspäten konnte. Freitag kehrte also mit demKapitän an Bord zurück, um unsere nothwendigsten Bedürfnisse abzuholen, und des andern Tags reiseten wir in einer Postchaise ab, deren Schnelligkeit ein neues Wunder für Freitag war, der sich jetzt in einer bezauberten Welt zu befinden glaubte.

In London erkundigte ich mich zuerst nach der Wittwe, welcher ich mein kleines Vermögen anvertraut hatte; ich fand sie noch bei Leben, aber in sehr ungünstigen Umständen, denn sie war zum zweiten Mal Wittwe, und hatte viele Unglücksfälle erlebt. Ich zerstreute vor allem aus ihre Besorgnisse wegen dem, so sie mir schuldig war, weil die Auslieferung desselben für sie höchst drückend, wohl gar unmöglich gewesen wäre. Ich versprach ihr, sie darüber nicht zu beunruhigen, dankte ihr für ihre mir bezeigte Güte, und wünschte ihr dieselbe erwiedern zu können.

Nach ungefähr acht Tagen reisete ich nach York, wo meine Aussichten sich keineswegs verbesserten. Mein Vater und meine Mutter waren schon längst gestorben, und ich fand Niemand mehr von meiner Familie bei Leben als zwei Schwestern und zwei erwachsene Söhne meines, erst nach dem Tode meiner Eltern zurückgekommenen zweiten Bruders, der erst vor wenigen Jahren [45] gestorben war, und einiges Vermögen hinterlassen hatte. Da man auch mich längst für todt hielt, weil ich auf die ergangenen Vorladungen nicht zur bestimmten Zeit geantwortet oder mich eingefunden hatte, so war mein Antheil unter die übrigen Geschwister vertheilt worden, und sie befanden sich nicht in der Lage, mir das Geringste zu erstatten, so daß mir nichts übrig blieb, als das Wenige, was ich von meiner Insel mitgebracht hatte, und zu meinem Unterhalt nicht hinlänglich war. So war ich kaum wieder unter Menschen, als mich Nahrungssorgen quälten, und mich nöthigten, auf weitere Hülfsquellen zu denken. Natürlich mußten meine ersten Gedanken auf meine Pflanzung in Brasilien fallen, und ich überlegte, ob ich dahin oder nur nach Lissabon gehen, oder vorerst nur dahin schreiben sollte, um meine kleine Habe zu schonen.

Da ich in York nichts weiter zu finden wußte, so kehrte ich nach London zurück, wo in der Zwischenzeit der Kapitän mit seinem Schiffe glücklich angelangt war. Ich ließ sofort meine Sachen in die Wohnung bringen, die ich gemiethet hatte, und einige Tage nachher erhielt ich ein Geschenk, das ich in meiner Lage für eine wahre Wohlthat ansehen konnte. Der redliche Kapitän, der mich zurückgebracht hatte, machte den Rheedern einen so vortheilhaften Bericht von meiner Mitwirkung für die Wiedereroberung des Schiffs, das sonst für sie verloren gewesen wäre, daß sie einen der Ihrigen zu mir sandten, um mir ihren Dank zu bezeugen, und ein Geschenk von 200 Pfund Sterling zu machen. Dieses machte meiner Unentschlossenheit ein [46] Ende, und setzte mich in den Stand, in eigener Person nach Lissabon zu reisen, um daselbst Erkundigungen über meine Pflanzung und über meinen Mitpflanzer einzuziehen, der mich ohne Zweifel für todt halten mußte.

Dreiundzwanzigster Abschnitt

Dreiundzwanzigster Abschnitt.

Reisen.


Ich unternahm die Reise nach Lissabon, wo ich in Begleitung meines Freitags, den ich nie von mir ließ, und der, wenn es möglich war, mir je länger je mehr Beweise seiner Anhänglichkeit und Treue gab, zu Ende des Septembers anlangte.

Vor allem aus erkundigte ich mich nach dem alten portugiesischen Kapitän, der mich so menschenfreundlich auf der offenen See aufgenommen, und so väterlich behandelt hatte. Er war sehr alt geworden, hatte das Seeleben verlassen, und seinem Sohne, der ihn schon in seiner Jugend auf seinen Reisen begleitet hatte, die Führung seines Schiffs und seines Handels nach Brasilien überlassen. Wir hatten Mühe, uns wieder zu erkennen, als ich ihm aber sagte, wer ich sey, so umarmte er mich mit der ihm eigenen Herzlichkeit, und freute sich, daß er mich noch lebend wieder sehen könne, nachdem er so lange meinen Tod beklagt[47] hatte. Ich erzählte ihm hierauf meine Geschichte seit meiner Abreise aus dem Hafen San Salvador, die ihn in nicht geringe Verwunderung setzte, und als ich damit zu Ende war, fragte ich ihn, ob er mir Nachricht von meiner Pflanzung geben könne?

Hierauf erwiederte der redliche Greis: er sey seit neun Jahren nicht in Brasilien gewesen, damals aber wäre mein Mitpflanzer noch bei Leben gewesen, hingegen wären die beiden von mir ernannten Faktoren gestorben. Indessen zweifle er gar nicht, daß es mir leicht seyn werde, einen ausführlichen und wahrscheinlich günstigen Bericht über meine Pflanzung zu erhalten, weil meine beiden Faktoren, auf die Nachricht von meinem Tode, den Befehl erhalten hatten, dem Prokurator Fiskal die Rechnung der Einkünfte meines Antheils abzulegen, welcher selbige auf den Fall, wenn ich nicht wieder käme, um mein Eigenthum anzusprechen, sich zugeeignet hatte, wovon ein Drittel für den König und zwei Drittel für das Kloster St. Augustin wären bezogen worden, um zur Unterstützung der Armen und zur Bekehrung der Indianer zur katholischen Religion verwendet zu werden; sollte aber ich oder ein von mir dazu Bevollmächtigter erscheinen, um die Rückgabe meines Vermögens zu verlangen, so würde diese nicht verweigert werden, mit Ausnahme dessen, was zu wohlthätigen Handlungen angewandt worden sey. Er versicherte mich überdas, daß der Intendant der königlichen Einkünfte, und der Verwalter des Klosters, von meinem Mitpflanzer jährlich eine [48] Rechnung von dem Ertrag erhalten, und die Hälfte desselben bezogen hätten.

Hierauf erkundigte ich mich, ob er glaube, daß es sich der Mühe lohne, Ansprüche auf die Pflanzung zu machen, und ob keine Schwierigkeiten dabei zu befürchten wären.

Ja freilich, rief er, lohnt sich's der Mühe! Ihr Mitgenosse ist sehr reich geworden, und der dem König zugefallene Drittheil Ihrer Einkünfte belief sich jährlich über 200 Moidoren. 1 Uebrigens wird es keine Schwierigkeit haben, zum Besitz Ihres Vermögens zu gelangen, da Ihr Mitpflanzer noch lebt, und Zeuge Ihres Eigenthumsrechts ist, und Ihr Name noch immer in dem Verzeichniß der Pflanzer sich befindet. Er versicherte mich, daß die Erben meiner Faktoren sehr redliche und reiche Leute wären, die nicht allein mir behülflich seyn würden, in den Besitz meiner Pflanzung gesetzt zu werden, sondern sie müßten auch eine bedeutende Geldsumme für mich in Händen haben, welche von den Einkünften derselben herrührt, welche Ihre Eltern bezogen, ehe sie vor ungefähr zwölf Jahren genöthigt wurden, selbige dem König und dem Kloster zu überlassen.

Ich bezeigte ihm meine Unzufriedenheit, daß meine Faktoren so eigenmächtig über mein Vermögen zu schalten beliebt hatten, da es ihnen doch bekannt war, daß ich ihn – den Kapitän – in meinem Testament zu meinem Haupterben eingesetzt hätte.

[49] Er erwiederte, daß er das Testament nicht hätte geltend machen können, da er keine Beweise meines Todes vorzuweisen hatte, sonst würde er sich in den Besitz des Vermögens gesetzt haben. Indessen habe er das Testament in die Register eingetragen, und auch sonst keine Formalität unterlassen, seine Rechte geltend zu machen. Was Ihnen aber weniger anständig seyn wird – fuhr er fort – ist, daß auf die allgemein verbreitete und geglaubte Nachricht von Ihrem Tode, Ihr Mitpflanzer und Ihre Faktoren mir einen Vorschlag thaten, den ich auch annahm, mich mit ihnen über die Einkünfte der sechs ersten Jahre abzufinden, welche ich auch wirklich empfangen habe; sie waren aber nicht beträchtlich, weil damals viel auf die Pflanzung selbst verwandt wurde, worüber ich Ihnen Rechnung geben werde. Nach einigen Tagen that er's wirklich, und es fand sich, daß er mir 470 Moidoren schuldig blieb, die er in Tabackrollen, Zuckerkisten, Melasse und Rum empfangen hatte, ausser fünfzehn Tabackrollen und 60 Zuckerkisten, die in einem Schiffbruche verloren gegangen waren. Uebrigens zeigte die von meinem Mitgenossen und meinen beiden Faktoren unterschriebene Rechnung, daß meine Pflanzung sich jedes Jahr ansehnlich verbessert hatte. Hierauf holte er eine lederne Börse, zählte mir daraus 160 Moidoren in Gold, und sagte mir, daß er viele Unglücksfälle erfahren habe, die ihn hinderten, mir für jetzt mehr auf Rechnung oder das Ganze einzuhändigen; für das Rückständige gab er mir zur Sicherheit einen Vertrag wegen der Hälfte des Antheils den er und sein Sohn an der Fracht [50] eines Schiffes hätte, das von diesem geführt und in Kurzem ankommen würde, wo ich denn gänzlich befriedigt werden sollte.

Die Redlichkeit des guten Greisen rührte mich bis zu Thränen, und ich dachte an die vielen von ihm erhaltenen Wohlthaten mit erneuerter Lebhaftigkeit und Dankbarkeit zurück. Zuerst bat ich ihn, mir offenherzig zu sagen, ob die Entbehrung der mir bezahlten Summe ihn im geringsten in Verlegenheit setze? und er erwiederte, daß es ihm freilich einigermaßen unbequem falle, das Geld aber gehöre mir, der es vielleicht noch bedürftiger wäre als er.

Es leuchtete aus seinen Reden und Handlungen so viele Güte und Wohlwollen, daß ich nur durch mein eigenes Bedürfniß und den Vorsatz selbst nach Brasilien zu gehen, abgehalten werden konnte, ihm die ganze Summe zurückzugeben. Ich nahm 100 Moidoren, und quittierte ihn dafür, gab ihm 60 Moidoren und seine Papiere mit der Bemerkung zurück, mit dem Uebrigen hätte es keine Eile, und Sicherheit hätte ich von ihm keine nöthig, er möchte sich also gänzlich darüber beruhigen, worüber er mir seine Erkenntlichkeit bezeugte. Meinen Vorsatz, selbst nach Brasilien abzureisen, tadelte er zwar nicht, rieth mir aber, vorerst einige vorläufige Schritte zu thun.

Als er erfuhr, daß Schiffe bereit wären, nach Brasilien zu segeln, mußte ich meinen Namen und meine Pässe aus England in ein öffentliches Register eintragen lassen, wozu er die eidliche Erklärung fügte, daß ich bei Leben, und wirklich dieselbe Person und [51] Eigenthümer der Pflanzung wäre, die ich selbst angebaut hätte. Von diesem wurde mir ein authentisches Aktenstück ausgefertigt, welches ich nebst einer Vollmacht an einen Handelsmann von seinen Bekannten in S. Salvador absenden, und den Erfolg bei ihm erwarten sollte, der über alle Erwartung günstig war, denn in weniger als sieben Monaten erhielt ich von den Erben meiner Faktoren ein Päckgen mit folgenden Papieren:


1) Eine Rechnung vom Ertrage meiner Pflanzung während den ersten sechs Jahren nach abgeschlossener Rechnung mit dem Kapitän, der zufolge mir zu gut kamMoidoren 1174

2) Eine Rechnung vom Ertrage derjenigen Jahre, welche der obrigkeitlichen Verwaltung meiner Einkünfte vorhergiengen 3241

3) Eine Rechnung vom Prior des Klosters, welches über vierzehn Jahre zwei Drittheile meiner Einkünfte bezogen hatte, welcher mit Redlichkeit erklärte, noch in Händen zu haben 872

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Moidoren 5287


Was der Prior zu wohlthätigen Zwecken verwendet hatte, war er aber nicht verpflichtet, mir zu erstatten, und von dem Drittheil, den der Fiskal für den König bezogen hatte, erhielt ich weder Rechnung noch Geld.

Das Päckgen enthielt ausserdem noch ein Beglückwünschungsschreiben von meinem Mitpflanzer, voll Freundschaftsversicherungen von ihm und seiner ganzen Familie, nebst einem Bericht über den Zustand der [52] Pflanzung, ihres Ertrags, ihres Flächeninhalts und eine Einladung, dahin zu kommen, um selbst Besitz davon zu nehmen, oder ihm wenigstens anzuzeigen, wem er meinen Antheil zu übergeben habe? Diesem Briefe war beigefügt: ein Geschenk von sechs Kistchen vortrefflicher eingemachter Früchte, von hundert Stückchen ungeprägten Goldes, etwas kleiner als Moidoren, und sechs schönen Leopardshäuten, aus denen sich schließen läßt, daß er und die andern Antheilhaber späterhin Schiffe nach Afrika geschickt hatten, die glücklicher waren als ich.

Zu gleicher Zeit empfieng ich von den Erben meiner Faktoren, als Bezahlung der mir schuldigen 4415Moidoren, zwölfhundert Zuckerkisten, achthundert Tabackrollen und den Rest inGold.

Da die Schiffe aus Brasilien flottenweise nach Europa kommen, und zugleich die Briefe und Güter mitgebracht hatten, so befanden sich diese schon auf dem Tajo in Sicherheit, ehe ich noch ihre Absendung erfahren hatte. Die dadurch verursachte Freude war so plötzlich und heftig, daß ich wahrscheinlich auf der Stelle des Todes gewesen wäre, wenn mir der gute Kapitän nicht sogleich ein Gläschen Kordialwasser gereicht hätte, doch war das nicht hinlänglich, und mir mußte zur Ader gelassen werden.

So sah ich mich nun auf einmal im Besitz von fünfzigtausend Pfund Sterling in Geld oder Waaren, und eines jährlichen Einkommens in Brasilien von wenigstens tausend Pfund, deren ich so sicher war, als irgend ein Britte in seinem Vaterlande, aber mit dem[53] Besitz fühlte ich auch alle Besorgnisse, die von dem Reichthum unzertrennlich sind, und die bei mir noch durch den Umstand erhöhet wurden, daß ich ein wahrer Neuling in der Welt war. Doch hielt mich das nicht ab, meinem Wohlthäter, dem alten Kapitän, dem ich, nächst Gott, alles zu danken hatte, Beweise meiner Dankbarkeit zu geben. Ich gab ihm die empfangenen 100 Moidoren nebst einem Empfangschein für die übrigen 370, und einer Verpflichtung zu einer jährlichen Rente von 100 Moidoren, und nach seinem Tode eine von 50 für seinen Sohn. Zugleich ertheilte ich ihm Vollmacht, meine Einkünfte in Brasilien zu beziehen, und mir zu übermachen.

Als die Flotte bereit war, nach Brasilien abzusegeln, beantwortete ich die daher empfangenen Briefe und fügte kostbare Geschenke von englischen Tüchern und andern Fabrikaten, von italienischen seidenen Stoffen, Brabanter Spitzen und Leinwand u. dgl., bei. Meinem Mitpflanzer dankte ich für seine Beglückwünschung und Einladung, versprach ihm, nicht nur ihn zu besuchen, sondern auch den Rest meiner Tage in Brasilien zuzubringen, und ersuchte ihn, den Betrag meines Antheils jährlich dem alten Kapitän zu übersenden. Den Erben meiner Faktoren dankte ich ebenfalls, und übersandte ihnen eine Erklärung und Empfangschein des ganzen mir schuldigen Ertrags. DenPrior ersuchte ich, 500 Moidoren seinem Kloster und die übrigen 372 den Armen zu schenken, und empfahl mich dabei seiner und der übrigen Klosterherren Fürbitte.

[54] Nachdem ich auf diese Art meine Angelegenheiten in Amerika in Ordnung gebracht hatte, waren die weit schwierigen in Europa noch zu berichtigen, um mein Vermögen in Sicherheit zu setzen. Mein erster Gedanke fiel auf die Wittwe, die so redlich meine Sachen verwaltet hatte, allein sie war alt und kränklich, so daß ich mich bei ihrem, wahrscheinlich nicht sehr entfernten Tode in gleicher Verlegenheit befunden hätte. Auch unter meinen Verwandten fand ich Niemand, dem ich die Leitung meiner Angelegenheiten hätte anvertrauen können. Meine beiden Schwestern wohnten auf dem Lande, zwar nicht in Dürftigkeit, aber doch nicht in günstigen Umständen; die Eine war Wittwe, die Andere von ihrem Gatten getrennt. Meine Neffen waren zu jung, Bekannte hatte ich gar keine, so daß mich zuerst die Nahrungssorgen und jetzt die Bürde des Reichthums drückten, die mir auf meiner Insel unbekannt waren. Jetzt hatte ich keine Grotte, wo ich meine Güter ohne Schloß und Riegel in Sicherheit aufbewahren konnte. Mein guterKapitän besaß zwar all den guten Willen und die seltene Redlichkeit, von der ich so vielfältige Proben erhalten hatte, aber auch er war alt, und seinen Sohn kannte ich nicht, das Haupthinderniß aber, sie dem Einen oder Andern von diesen beiden anzuvertrauen, war der Wunsch, mein Vermögen in England zu haben. Zwar fiel mir auch oft ein, mich in Brasilien niederzulassen, aber dort, wie in Portugal, war der Religionszwang zu groß, als daß ich mich dazu hätte entschließen können; freilich hatte ich ehmals keine ähnlichen Bedenklichkeiten.

[55] Es blieb mir also nichts anderes übrig, als nachEngland zurückzukehren. Als ich mich daher beinahe ein Jahr in Lissabon aufgehalten, meine Waaren zu Gelde gemacht, und abzureisen entschlossen war, so fand sich nun eine neue Verlegenheit, ob ich nämlich zur See oder zu Lande dahin gehen wolle. Ich war jene gewohnt, und meine beiden letzten Reisen waren sehr glücklich gewesen, dennoch fühlte ich eine solche Abneigung dagegen, daß ich zweimal mein Gepäcke wieder an's Land bringen ließ, und wohl mir, daß ich diese geheime Ahnung nicht vernachläßigte, denn das eine Fahrzeug ward von einemalgierischen Seeräuber weggenommen, und das andere litt Schiffbruch bei Torbei, so daß nur drei Personen ihr Leben retteten.

Mein alter Freund rieth mir also, über Madrid und Paris nach Calais zu gehen, wo ich dann nur die unbedeutende Ueberfahrt nach Dower über Meer zu machen hätte. Da ich eben keine große Eile und nicht Ursache hatte, die Reisekosten zu scheuen, so nahm ich seinen Vorschlag an, und er gab sich Mühe, mir Gesellschaft zu finden, welche in dem Sohn eines englischen Handelsmanns von Lissabon bestand; dieser fand noch zwei andere Kaufleute, wozu sich den Tag vor der Abreise noch zwei portugiesische Reisegefährten gesellten, welche nachParis reiseten. Da Freitag mich in einem Lande, wo er ganz unbekannt war, nicht wohl bedienen konnte, so hatte ich noch einen englischen Bedienten angenommen, der Engländer hatte auch einen, die zwei Kaufleute und die zwei [56] Portugiesen behalfen sich mit zwei Bedienten; wir waren also zusammen sechs Herren und fünf Bediente, alle wohl beritten und bewaffnet, und meine Reisegefährten beehrten mich mit dem Titel ihres Kapitäns, sowohl, weil ich der Aelteste war, als weil ich zwei Bedienten hatte.

Mit Rührung und Thränen nahm ich von meinem lieben alten Freund Abschied. Auch kann ich hier nicht unberührt lassen, daß ich mich nach Xury erkundigte, und mit Freuden vernahm, daß er ein Christ geworden und sich sehr wohl betrage, daß ihn derKapitän laut seinem Versprechen frei erklärt habe, und er jetzt als Bedienter bei seinem Sohne auf Reisen sey.

Wir hielten uns einige Zeit in Madrid auf, um den Hof und die übrigen Merkwürdigkeiten zu besehen, und reiseten ungefähr in der Mitte Oktobers ab, um noch bei guter Zeit über die Pyrenäen zu kommen, aber in Pampelona vernahmen wir, daß auf der Nordseite des Gebirgs schon so viel Schnee gefallen wäre, daß nicht durchzukommen sey. Die Kälte war auch bereits so groß, und für mich desto unerträglicher, da ich den größten Theil meines Lebens im heißesten Klima zugebracht, und kaum noch vor acht Tagen in Kastilien eine große Hitze ausgestanden hatte. Der arme Freitag war noch weit übler daran, da die Kälte, und besonders Eis und Schnee, ihm ganz unbekannte Dinge waren.

Der unaufhörlich fallende Schnee zwang uns, gegen drei Wochen lang in Pampelona zu bleiben, denn die Straßen waren ungangbar und desto gefährlicher, [57] da der Schnee, nicht wie in den nördlichen Ländern durch Frost so hart wird, daß man ohne Gefahr darüber gehen kann, sondern bei jedem Schritte einsinkt. Da also jeder Aufschub die Sache verschlimmerte, so rieth ich meinen Reisegefährten, nach Fuentarabia zu gehen, uns da einzuschiffen und über Meer nach Bordeaux zu fahren. Sie waren dazu willig, und den andern Morgen wollten wir abreisen, als vier französische Edelleute in unsern Gasthof traten, welche jenseits des Gebirges, eben so wie wir diesseits aufgehalten worden, und endlich so glücklich waren, einen Wegweiser zu finden, der die Wege so gut kannte, daß er sie ohne Gefahr und Zufall hierher gebracht habe. Wir ließen den Mann sogleich holen, und er versprach, uns durch den nämlichen Weg über das Gebirge zu bringen; vom Schnee sey nichts zu befürchten, desto mehr aber von den Wölfen, die, beinahe verhungert, in ganzen Trupps herumschwärmten, man müßte daher wohl bewaffnet seyn. Von diesen fürchteten wir nichts – sagten wir – denn wir seyen wohl mit Waffen und Ladung versehen, wohl aber vor zweibeinigten Wölfen, die sich auf der französischen Seite aufhielten, und die Reisenden beraubten: doch davor wäre keine Gefahr, versicherte er, und wir kamen mit einander wegen des Preises überein. Zwölf französische Reisende, die genöthigt worden waren zurückzukehren, und, wie wir, auf bessere Gelegenheit zu warten, schlossen sich mit ihren Bedienten an uns, und so reiseten wir am zweiten Tage hernach, den 15. November 1687, von Pampelona ab.

[58] Wir waren nicht wenig verwundert, zu sehen, daß unser Wegweiser uns wohl zwanzig Meilen auf der Straße nach Madrid zurückführte, wo wir wieder ein angenehmes Klima und keinen Schnee fanden. Dann aber wandte er sich auf einmal links in's Gebirge, wo Klippen und Abgründe uns auf allen Seiten Schrecken einjagten; aber er wußte uns so geschickt durch Umwege hin und her zu leiten, daß wir, ehe wir es noch vermutheten, und ohne große Beschwerde, die Höhe des Gebirgs erreichten, von wo er uns in weiter Ferne die schönen Gefilde von Languedoc zeigte, deren lachendes Grün mit den rauhen Felsen um uns her sehr abstach; aber wir hatten noch einen langen Weg zurückzulegen, ehe wir dahin gelangten. Jetzt fiengen wir an, abwärts zu gehen; die Kälte war hier auch stärker, und es fiel täglich Schnee, aber unser Wegweiser sprach uns Muth zu, das Schlimmste wäre überstiegen, und da er wirklich unser Vertrauen besaß und verdiente, so setzten wir unsere Reise getrost fort.

Bis jetzt hatten wir noch keine Wölfe gesehen. Eines Nachmittags aber ward unser Wegweiser, der etwas voraus ritt, und aus unserm Gesichte war, durch zwei Wölfe und einen Bären angegriffen, wodurch er so sehr die Besonnenheit verlor, daß, statt seine Waffen zu ergreifen, er bloß zu schreien anfieng. Da Freitag ihm am nächsten war, so hieß ich ihn schnell hinreiten, um nach der Ursache zu sehen; als er sie entdeckte, rief er uns zu, doch ohne sich aufzuhalten, legte dem Wolf, der den Wegweiser gepackt hatte, die Pistole an den Kopf, und schoß ihn auf der Stelle todt; der andere, [59] der das Pferd angefallen hatte, entfloh auf den Schuß, der Bär aber, der noch nicht völlig herangekommen war, blieb stehen.

Es war ein großes Glück für uns und unsern Wegweiser, daß Freitag, des Angriffs der wilden Thiere gewohnt, dem Wolf ganz nahe gekommen war, um ihn zu tödten, ein Anderer, der aus der Ferne geschossen hätte, würde vielleicht den Führer getroffen, und uns in dieser unbekannten Wildniß desselben beraubt haben. Er hatte zwei Wunden, eine im linken Arm und die andere im Schenkel erhalten, die aber nicht gefährlich waren. Das Pferd hatte noch weniger gelitten, indem der stark mit messingenen Bügeln belegte Zaum es einigermaßen beschützt hatte.

Sobald wir Freitags Zuruf und bald darauf den Schuß hörten, so eilten wir mit verdoppelten Schritten vorwärts, und sobald die Bäume und Gesträuche uns nicht mehr im Wege standen, sahen wir, was geschehen war, sorgten sogleich dafür, den Wegweiser zu verbinden, und durch einen Schluck Branntewein zu stärken. Während wir genöthigt waren, uns wegen diesem Verbande aufzuhalten, bemerkten Einige den Bären mit nicht geringem Schrecken, denn er war von ausserordentlicher Größe, und schien mehr sich nähern als entfernen zu wollen; Andere machten sich schon bereit, ihn zu erschiessen, als Freitag bat, ich möchte ihm erlauben, uns zu belustigen. Was, rief ich, er frißt dich auf!. Allein Freitag blieb dabei, uns zu belustigen, dann wolle er den Bären auffressen. Nach erhaltener Erlaubniß zog er seine Stiefel und Strümpfe aus, gab [60] selbige nebst dem Pferde seinem Mitbedienten zu halten, nahm ein Gewehr, und lief mit Schnelligkeit zum Bären, der ihn unbeweglich erwartete. Freitag sprach allerlei, als ob ihn jener verstünde, und um ihn in Bewegung zu setzen, warf er ihm einen Stein an den Kopf. Wenn der Bär nicht durch Hunger getrieben oder gereizt wird, so fällt er die Menschen nicht an, ist er aber gereizt, wozu nicht viel gehört, so läßt er nicht ab, bis er sich gerächt hat. Er lief also gleich auf Freitag los, der sich uns in schnellem Laufe näherte. Da wir ihn in Gefahr glaubten, so wollten schon Einige auf seinen Verfolger feuern, und ich war recht böse auf ihn, allein er winkte, man möchte nicht feuern, und ihn machen lassen, weil wir sonst keine Belustigung haben würden; dann wandte er sich seitwärts, und bestieg eine nahe Eiche, an welche er sein Gewehr angelehnt hatte; der Bär kletterte ihm wüthend nach. Bis jetzt hatten wir noch gar nichts Belustigendes bemerkt, im Gegentheil war mir nicht wohl bei der Sache, da ichFreitag sich bis auf das Aeußerste eines Astes zurückziehen und den Bären ihm auch dahin folgen sah. Jetzt, rief er uns zu, wolle er ihn tanzen lehren, und fieng an, sich auf dem Aste zu schaukeln. Diese Bewegung machte, daß der Bär, der schon auf der Mitte des Astes stand, sich behutsam zurückzog. Freitag hielt sogleich still, und bat ihn, er möchte nur zu ihm kommen; der Bär that auch gleich einige Schritte vorwärts, bis Freitag sich wieder wiegte. Dies Spiel dauerte einige Zeit, daß der Bär bald vorwärts bald zurückgieng, und die drolligen Gebehrden des Bären belustigten uns; da [61] aber der Abend nahete, und das Verband längst fertig war, rief ich ihm zu, er möchte enden. Freitag gieng also bis an das äusserste Ende des Astes, hieng sich mit beiden Händen an selbigem fest, so daß er sich tief herunter bog, und er leicht auf die Erde springen konnte. Der Bär getraute sich nicht, ihm zu folgen, sondern zog sich gegen den Stamm zurück und längs demselben herab, aber kaum berührte er den Boden, so legte Freitag seine Flinte ihm in's Ohr, schoß ihn auf der Stelle todt, und lachte dann seinem wohlgelungenen Spiele lauten Beifall zu. Er hatte uns wirklich Alle belustigt, und würde es noch mehr gethan haben, wenn nicht der hereinbrechende Abend und das entsetzliche Geheul der Wölfe unsere Freude merklich vermindert hätte; denn seit jenem Gebrülle auf der afrikanischen Küste erinnere ich mich nicht, so etwas Schreckenerregendes gehört zu haben. Dies hinderte uns auch, Freitags Rath zu befolgen, und dem Thier seine Haut abzuziehen, die sehr schön war; wir hatten aber noch drei Stunden zurückzulegen, ehe wir unser Nachtquartier erreichten; auf diesem Wege war nur wenig Schnee aber desto mehr Wölfe, die durch Hunger in die niedrigen Gegenden getrieben, schon vieles Vieh und sogar Menschen umgebracht hatten; auch versicherte unser Führer, daß wir noch eine gefährliche Stelle, eine kleine Ebene zwischen zwei Gehölzen, zu betreten haben, und gewiß Wölfe antreffen würden.

Schon im ersten Gehölze sahen wir fünf bis sechs Wölfe über den Weg laufen; sie schienen uns aber nicht zu bemerken. Unser Wegweiser bat uns, zu eilen und [62] unsere Waffen bereit zu halten, denn es würde eine große Menge Wölfe den vorigen folgen. Wir thaten es, hielten jedoch seine Aengstlichkeit für Feigheit oder für die Folge seiner Wunden, allein es zeigte sich, daß es Vorsicht war. Wir waren kaum auf die kleine Ebene gekommen, so erblickten wir einige Dutzend Wölfe, die an den Knochen eines Pferdes nagten; wir störten sie nicht, und sie ließen uns unbemerkt vorbei. Als wir ungefähr die Hälfte dieser zwei Meilen langen Ebene zurückgelegt hatten, hörten wir links von uns ein verstärktes Geheul, und sahen bald darauf über hundert dieser wüthigen Bestien gerade auf uns zulaufen.

Ich bat meine Gefährten, in zwei geschlossenen Trupps zu halten, und abwechselnd zu feuern, und da jeder von uns sechs Flinten- und Pistolenschüsse bereit hatte, so möchten sie ihre Zeit nicht mit Laden verlieren.

Das Feuer der ersten Hälfte tödtete vier, und verwundete zwölf bis fünfzehn Wölfe, war aber nicht hinreichend, die übrigen zurückzuscheuchen; da ich gehört hatte, daß das Geschrei der Menschen die Thiere zurückschrecke, so thaten wir zusammen einen lauten Schrei, und als wir ihn zum zweitenmal wiederholten, so eilten sie in vollem Laufe davon, welches uns Zeit gab, wieder zu laden, und unsern Weg fortzusetzen.

Es dämmerte bereits sehr stark, und je dunkler es wurde, desto mehr nahm das Geheul in den umliegenden Wäldern zu, und bald bemerkten wir Haufen von mehrern hundert Wölfen von allen Seiten herankommen. Wir setzten uns in Trab, und erreichten das[63] Ende der Ebene, wo ein Hohlweg uns durch das zweite Gehölze führen sollte, den wir aber ganz mit Wölfen angefüllt fanden. Zu gleicher Zeit hörten wir einen Schuß, und sahen bald darauf ein gesatteltes Pferd, von fünfzehn bis zwanzig Wölfen verfolgt, hervorsprengen, welches bald von ihnen eingeholt werden mußte. Die rasenden Bestien im Hohlwege schienen uns mit einer Beute beschäftigt zu seyn, und wir fanden auch nachher die ganz zerfleischten Leichname von zwei Männern und ein todtes Pferd, welche von diesen wilden Bestien waren zerrissen worden, und wahrscheinlich hatte einer von jenen geschossen, denn wir fanden ein abgefeuertes Gewehr neben ihnen liegen, das wir mitnahmen. Da wir hofften, sie noch aus ihren Klauen retten zu können, so wollten wir auf die Wölfe feuern, als sie auf uns losrannten. Zum Glück lagen einige gefällte Bäume in der Nähe, hinter welchen wir uns aufstellten, und abwechselnd auf sie feuerten. Dies geschah viermal, und obgleich wir, da sie so dicht in einander und so nahe bei uns waren, daß sie ihre Vorderpfoten auf die Baumstämme setzten, eine große Menge derselben tödteten und verwundeten, so brachten wir sie nur auf wenige Schritte und kurze Zeit zum Weichen; es scheint, daß unsere vielen Pferde ihren Heißhunger und ihre blinde Wuth vermehrten. Während der Zwischenzeit ließ ich durch meinen Bedienten auf dem vor uns liegenden Balken eine lange Reihe Pulfer streuen, und er war kaum damit fertig, als die Bestien eine neuen Anfall wagten, der ihnen aber sehr übel bekam, denn die schnelle Entzündung des [64] Pulfers, bei der jetzt völlig eingebrochenen schwarzen Nacht, verblendete und erschreckte den ganzen Haufen, daß er sich zurückzog, und eine Menge verbrannter Bestien zurückließ, über welche wir mit dem Säbel herfielen, nachdem wir noch eine Generalsalve auf die Abziehenden, mit einem lauten Schrei begleitet, gethan hatten, der in den nahen Wäldern wiederhallte, und unsere Feinde völlig zerstreute, und das Geheul der Verwundeten schreckte sie ab, wieder zu kommen; zwar hörten wir bei Fortsetzung unserer Reise ihr Gebrülle immer fort, und es schien uns sogar, sie in der Nähe lauernd zu bemerken, doch kamen wir nach einer Stunde, ohne weitern Zufall, aber nicht ohne Besorgnisse in dem Dorfe an, wo wir die Nacht zubringen wollten, und wo Alles unter den Waffen stand, um sich und ihre Heerden zu vertheidigen, welche in den vorhergehenden Nächten durch Wölfe waren beunruhiget und zum Theil beschädiget worden.

Unser Führer befand sich des folgenden Morgens so übel, daß er uns nicht weiter begleiten konnte; nachdem wir ihn reichlich bezahlt und einen andern gedungen hatten, reiseten wir nach Toulouse, wo wir weder Schnee noch Wölfe, sondern einen blühen den, weit ausgedehnten Garten und fruchtbare Gefilde fanden. Als wir unsere Reiseabentheuer erzählten, war man eben so sehr erstaunt, daß wir einen Führer fanden, der kühn genug war, uns zu leiten, als daß wir so glücklich durchgekommen waren, und man tadelte es sehr, daß wir vom Pferde gestiegen waren, weil dies die Wölfe nur dreister gemacht habe; hingegen lobte[65] man meinen Einfall, Pulfer zu streuen und zu entzünden, und schien diesem allein unsere Rettung zuzuschreiben. Uebrigens wären dergleichen Zufälle in dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Indessen machte dies einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich diese Gefahr für eine der größten ansehe, die ich während meinem ganzen schicksalvollen Leben erfahren habe, und nie vergessen werde; auch wollte ich lieber zehn Seereisen thun, als noch einmal diese Gebirge, in einer solchen Jahrszeit bereisen, wenn ich auch jede Woche einen Sturm ausstehen müßte.

Ich hielt mich nicht lange in Paris auf, sondern reisete nach Calais, setzte von da nach Dower über, wo ich den 11. Jenner 1688, bei der größten Kälte, eintraf. Noch denselben Tag reisete ich mit der Post nach London, wo ich den andern Tag gesund, aber mich nach Ruhe sehnend, anlangte.

Meine erste Verrichtung war, meiner alten Freundin, der guten Wittwe, einen Besuch zu machen, ihr alles zu erzählen, und in welchen glücklichen Um ständen ich mich jetzt befände, woran sie den innigsten Antheil nahm. Dann gab ich ihr eine Versicherung für eine lebenslängliche Rente von jährlich hundert Pfund Sterling, und einen Empfangschein für das, was sie mir noch schuldig blieb. Hierauf bat ich sie, meiner Haushaltung vorzustehen, da ich wegen ihrer so oft erprobten Güte, Redlichkeit und Klugheit Niemand in der Welt wüßte, der so sehr mein Zutrauen verdiene und besitze, wie sie. Sie nahm den Vorschlag mit Freuden an, und zog nach wenigen Tagen zu mir, in eine schöne, [66] geräumige Wohnung, die ich gemiethet hatte. Sie war meine Rathgeberin, und ihr allein hatte ich's zu verdanken, daß, nachdem meine Wechsel bezahlt waren, ich mein ganzes Vermögen in Sicherheit brachte; keine Sorge, keine Mühe war ihr zu groß, wenn sie mir eine Gefälligkeit, einen Dienst erweisen konnte.

Zu gleicher Zeit sandte ich auch meinen Schwestern jeder hundert Pfund Sterling, mit dem Versprechen, ihnen diese Summe lebenslänglich als eine jährliche Pension zu versichern. Meine beiden Neffen nahm ich unter meine Vormundschaft. Da sie beide einiges Vermögen hatten, so ließ ich den ältern als einen Mann von Stande erziehen, und sorgte dafür, daß er diesen Stand behaupten konnte. Der jüngere hatte Neigung zur Seefahrt, und da ich aus Erfahrung wußte, wie unwiderstehlich sie ist, so anvertraute ich ihn einem braven und geschickten Schiffskapitän, mit dem er einige Reisen nach Westindien that, und da er nach fünf Jahren, als ein talentvoller, unternehmender und tapferer Seemann, dessen Zufriedenheit und Lob verdient und erhalten hatte, so empfahl ich ihn einem reichen Handelsmanne, der ihm die Führung eines seiner Schiffe anvertraute.

Während dem ersten Jahr meines Aufenthalts inLondon dachte ich oft an meine Pflanzung inBrasilien, und an die Nothwendigkeit, mich selbst dahin zu begeben; allein ich war jetzt ein besserer Christ als ehmals, und konnte mich nicht entschliessen, Gebräuche einer Religion mitzumachen, zu der ich mich nicht bekannte; dann hatte das Land, die Gesellschaft und die Lebensart wenig Annehmlichkeiten für mich, dagegen [67] empfand ich die meiner jetzigen Lage in ihrem ganzen Umfange, so daß ich mich entschloß, lieber meine Pflanzung zu verkaufen. Ich schrieb deßwegen an meinen treuen Freund und Rathgeber in Lissabon, bat ihn um seine Meinung und seinen Beistand. Er antwortete mir bald, daß der Verkauf nicht die geringste Schwierigkeit haben würde, und er hielt für das Beste, sie ohne Umstände den Erben meiner Faktoren anzutragen, welche zur Stelle wohnten, reich, und ohne Zweifel erfreut wären, diese Besitzung an sich zu bringen, und mehr als Andere dafür bezahlen würden. Dieser Rath schien mir so verständig, daß ich einwilligte, und acht Monate nachher schrieb mir der Kapitän, daß mein Antrag angenommen worden, und wenn ich mit dem Preise zufrieden wäre, ein Kaufmann in Lissabon den Auftrag habe, mir 330,000 Stücke von Achten auszubezahlen. Ich nahm das Anerbieten ohne Bedenken an, unterschrieb die in Lissabon ausgefertigte Verkaufsakte, und sandte sie ohne Zeitverlust an meinen Freund mit dem Auftrage zurück, das Kapital der ihm zugesicherten Rente zu behalten, und mir den Rest zu übermachen, welches auch in sehr kurzer Zeit durch gute Wechsel geschah, und nachdem ich auch diese Summe in Sicherheit gesetzt, lebte ich in London glückliche Tage.

Ohne Zweifel wird jeder meiner Leser glauben, daß ich nun dieses ruhigen Glücks, zu dem ich erst in meinem sechsundfünfzigsten Lebensjahre gelangte, bis an meinen Tod unveränderlich genoß, ohne mich fernern Besorgnissen, Beschwerlichkeiten und Gefahren bloßzustellen. So vernünftig aber diese Vermuthung [68] ist, so wenig war ich's selbst. Eben diese geschäftslose Ruhe, nach einem so arbeitsamen Leben, war Ursache, daß ich mich wieder nach Beschäftigungen sehnte. Ich war eines thätigen Lebens und des Reisens gewohnt, hatte keine Familie, keine Freunde und wenig Bekannte, war reich, gesund, und für mein Alter voll Stärke und Lebhaftigkeit. Kein Wunder also, daß ich wieder entfernte Reisen unternahm.

Fußnoten

1 Moidoren sind eine Goldmünze (Moeda doura Lisbonnina) von 4800 Reis – 33 francs de France.

Vierundzwanzigster Abschnitt

Vierundzwanzigster Abschnitt.

Aufenthalt in England.


Meine Lebensgeschichte bestätigt vollkommen Horazens Spruch: »daß ein irdenes Gefäß den zuerst angenommenen Geruch nie ganz verliert 1 Nach einem fünfunddreißig Jahre langen Kampf gegen vielartige und fast beispiellose Unglücksfälle, genoß ich jetzt alles, was zum Glücke des Lebens beitragen kann. Meine Fortun war gemacht, in Sicherheit, und vermehrte sich täglich, so daß ich meine Einkünfte nicht zu verzehren vermochte, weil ich nicht die geringste Neigung hatte zu glänzen, sondern geräuschlos aber anständig für mich lebte. Wer hätte nun nicht glauben sollen, daß der angeborne Hang zu Reisen und Abentheuern, wo nicht ganz, doch so sehr verschwunden seyn würde, und ich desto weniger an neue Reisen gedacht [69] haben sollte, da von allen Beweggründen, die sonst dazu Gelegenheit geben, auch nicht einer vorhanden war.

Aber nach einem so thätigen Leben war meine jetzige Lebensart gar zu ruhig und geschäftlos; die Neigung zu reisen erwachte auf's Neue. Es war ein Rückfall in eine alte Krankheit. Meine Insel, meine Pflanzungen, die zurückgelassene Kolonie, waren der einzige und unaufhörliche Gegenstand meiner Gedanken, meiner Träume, meiner Wünsche und meiner Gespräche, so daß ich selbst fühlte, daß ich mich dadurch langweilig und lächerlich machte, ohne die Kraft zu haben, mich derselben enthalten zu können.

Die gute Wittwe, welche meinem Hauswesen vorstand, bemerkte mein Thun und Lassen mit theilnehmendem Herzen, suchte mich zu beruhigen, zu zerstreuen, und da alles vergeblich war, so sann sie darauf, mich an eine verständige, liebenswürdige Gattin zu verheirathen, und hoffte, die würde wohl bald dem Unwesen ein Ende machen. Ich ließ mich gerne dazu bereden, und bald war ich wirklich der glückliche Gatte des besten Weibes. Aber nach ein paar Jahren fieng der Gedanke an meine Insel wieder an mich zu quälen. Oft täuschte mich meine Einbildungskraft so sehr, daß ich glaubte, wirklich vor meiner Burg zu stehen, Freitags Vater, den Spanier und die ausgesetzten Engländer zu sehen, und ich sprach sogar wachend mit ihnen, nach ihren verschiedenen Verhältnissen. In einem Traume erzählten mir die beiden Ersten von der Bosheit der Engländer, welche ihre Erndten und Vorräthe vernichteten, um sie durch Hunger aufzureiben, [70] oder sie sonst zu ermorden suchten, worüber ich mich so sehr entrüstete, daß ich die Bösewichte zum Strange verurtheilte. Mein Traum war zwar nicht völlige Wahrheit, kam ihr aber doch sehr nahe. Ich mag nicht über Träume und Ahnungen entscheiden, und lasse Jedem sein Recht, sie der Einbildungskraft zuzuschreiben, und mit vielen Gelehrten zu glauben – oder wenigstens zu behaupten – daß wir den Schatten für Wirklichkeit halten.

Meine Frau dachte anders. Als sie sah, daß der Wunsch, meine Insel noch einmal zu sehen, zu einer solchen Heftigkeit stieg, daß sie ihn weder durch Thränen, noch Vorstellungen, weder durch Seufzer, noch Gründe und Bitten zu schwächen vermochte, sondern daß meine Begierde mit jedem Widerstande zunahm, so fieng sie an zu glauben, daß die Vorsehung selbst diese Reise verlange, und daß nur meine zärtliche Liebe zu ihr mich davon abhalte, und da sie sich eine Gewissenssache daraus machte, das Hinderniß einer so wichtigen Reise zu seyn, die durch göttliche Eingebung anbefohlen zu seyn schien, so bot sie sich selbst an, meine Begleiterin zu seyn. Diese Bereitwilligkeit und ihre zärtliche Betrübniß rührten mich so sehr, daß ich in mich gieng, und mein Vorhaben genauer überlegte. Ich erwog alles: meine ungemeine Liebe zu ihr, ihre zärtliche Anhänglichkeit an mich, den Gedanken, bald Vater zu werden, meine hohen Jahre, meine glückliche Lage, die Gefahren der See, und nach einem langen Streite zwischen Vernunft und Leidenschaft, ward ich endlich Herr über mich selbst, so wie man es, nach meiner Ueberzeugung, jeder Zeit seyn wird, wenn [71] man nur ernstlich will. Was am meisten zu diesem glücklichen Ausschlage beitrug, war der Vorsatz, mich mehr als bisher zu beschäftigen, weil ich fand, daß die Muße der Thätigkeit meines Geistes, aus Mangel an soliden Gegenständen, mir nur Zeit und Stoff zu Träumereien gab.

Ich kaufte mir daher ein Landgut in der GrafschaftBedford, das aber vieler Verbesserungen bedürftig und fähig war, und mir also Gelegenheit gab, alles auszuführen, was ich auf meiner Insel hätte thun können. Das Wohnhaus war sehr artig, wohl gelegen, und so weit von den Küsten entfernt, daß ich nicht leicht in Gefahr stand, durch den Anblick der See und der Schiffe, oder durch die Erzählungen der Seeleute an meine Thorheiten erinnert, oder die Lust zu Seereisen geweckt zu werden.

Ich richtete mich daselbst bald auf's Beste ein, kaufte Wagen, Pflüge, Pferde, Ochsen, Schaafe, und ward in kurzer Zeit ein wahrer Landwirth, ich baute meinen eigenen Herd, hatte keine Zinsen zu bezahlen, war völlig Meister zu pflanzen, auszurotten, einzufriedigen, zu bauen, niederzureissen, wie ich's gut fand, und der ganze Ertrag war für mich, und die Verbesserungen des Gutes für meine Kinder, denn meine Gattin hatte mich bereits mit einem Knaben und einem Mädchen beschenkt, die mich zum glücklichsten Vater machten. Ich führte das angenehmste Leben, dachte nicht mehr an meine Insel und meine Abentheuer, und befand mich wirklich in dem von meinem Vater so oft angepriesenen, beneidenswerthen Zustande. Diese [72] Zeit war gewiß die glücklichste und zufriedenste meines ganzen Lebens.

Ach wie bald ward dieses Glück, diese Ruhe gestört! Meine Gattin, sie, die mir Alles war, starb in ihrem dritten Wochenbette, nachdem wir kaum vier selige Jahre mit einander verlebt hatten. Ihre zärtlichen und verständigen Gespräche hatten einen stärkern Eindruck auf mich gemacht, als meine Vernunft und Erfahrung, als die Lehren meines verständigen Vaters, und die Thränen meiner lieben Mutter, und ich hatte mich tausendmal glücklich geschätzt, durch ihre Sanftmuth und liebevolle Anhänglichkeit beglückt worden zu seyn.

Ihr Tod vernichtete das ganze Gebäude meiner Glückseligkeit, meiner Zufriedenheit, meiner Hoffnungen. Alle Freude schien von meinem Gute verbannt, alles wie ausgestorben zu seyn, und ich war, mitten unter meinen Hausgenossen, einsam, ohne Hülfe, ohne Trost, wie auf meiner Insel, und mitten in meinem Vaterlande so fremd, wie einst in Brasilien. Ich ließ meine Geschäfte gehen und stehen, wie sie wollten, und hatte an der ganzen Landwirthschaft einen unüberwindlichen Eckel. Meine kleine Familie, mein niedliches Landhaus und seine herrlichen Umgebungen hatten keinen Reiz mehr für mich. Das emsige Bemühen betriebsamer Menschen um mich her verursachte mir Aerger und Widerwillen. Ich sah die Reichen durch Thorheiten und Laster verarmen, durch Wollust sich erschöpfen und durch zu öftern Genuß für jede Lebensfreude fühllos werden; ich sah den Armen seine äussersten Kräfte anstrengen, um sich empor zu schwingen, [73] arbeiten, um zu leben, und nur leben um zu arbeiten, und sich unaufhörlich in diesem endlosen und ermüdenden Kreise herumtreiben; so sah ich Alle auf verschiedenen Wegen dem allgemeinen Ziel und Wunsch, dem Glücke nachjagen, und getäuscht, ermattet, nur Schmerzen und Reue erhaschen.

Solche Betrachtungen und die Vergleichung derselben mit der ruhigen Lebensweise auf meiner Insel, wo ich nicht mehr Land bauete, als zu einer hinlänglichen Aussaat nöthig war, nicht mehr säete, als der jährliche Bedarf bei einer ergiebigen Erndte erforderte, wo ich nur eine kleine Heerde, sowohl zu meinem Unterhalt als zu meinem Vergnügen aufzog, wo ich sogar das Gold verschimmeln ließ, ohne es in achtundzwanzig Jahren nur einmal anzusehen, alle diese einseitigen Ansichten brachten natürlich die Insel und meine Abentheuer in meine Erinnerung zurück, erregten auf's Neue den nur eingeschlummerten Hang zu Seereisen. Doch die Schwierigkeit der Ausführung und besonders die Trennung von meinen Kindern, so wie die Vorstellungen der guten Wittwe, meiner alten erprobten Freundin, hielten mich von einem allzuraschen Entschluß ab. Der Verdruß und die Langeweile, die ich bei allem empfand, was mir kurz vorher die angenehmsten Beschäftigungen und Erholungen gewährt hatte, und die Ueberzeugung, daß die Einsamkeit des Landlebens meinen Kummer und meine Unruhe vermehre, bewogen mich, mein Landgut zu verkaufen, und wieder nach dem geräuschvollen London zu ziehen. Aber was gewann ich dabei? der Ueberdruß begleitete mich dahin, und ich fand hier nicht mehr Zufriedenheit [74] als auf dem Lande. Ich hatte hier keine Beschäftigung, ich lief ohne Zweck hin und her, fühlte mich das werthloseste, unbedeutendste Geschöpf, ein Müßiggänger, was mir, an ein thätiges Leben gewohnt, desto unerträglicher war, und nach wenigen Wochen war mir das großstädtische Getümmel eben so verhaßt, als die Stille meines ländlichen Aufenthalts. Auch verachtete ich meine jetzige Lebensweise bald so sehr, daß ich diejenige auf meiner Insel der Menschenwürde weit angemessener schätzte, wo ich einen ganzen Monat auf die Verfertigung einer Planke verwendete.

Es war zu Anfang des Jahrs 1693, wo ich eben darauf sann, gegen welchem Orte ich London vertauschen wollte. Ich verglich meine gegenwärtige Lage und meine Begierde zu reisen mit allen Verumständungen, und hatte jetzt den Entschluß gefaßt, nachLissabon zu gehen, meinen alten Freund um Rath zu bitten, und wenn er meine Entwürfe billigte, eine Vollmacht zu verlangen, um meine Insel zu bevölkern, und daselbst eine Kolonie anzulegen. Kaum war ich darüber im Reinen, als mein Neffe hereintrat, der von seiner ersten Reise, die er als Schiffskapitän nach Bilbao gemacht hatte, zurückkam, und mir erzählte, daß ihm von einigen Handelsleuten der Antrag geschehen sey, für sie eine Reise nach Indien undChina zu thun. »Und wie wär' es, fuhr er fort, wenn Sie mit mir giengen? Ich muß Brasilien berühren, von da ist's nicht weit bis zu Ihrer Insel, und ich führe Sie hin, wenn Sie wollen.«

Nichts scheint mir so sehr die Wirklichkeit eines[75] zukünftigen Lebens und das Daseyn einer Geisterwelt zu beweisen, als das Zusammentreffen unserer Gedanken mit denen anderer Menschen, ohne die geringste vorhergegangene Mittheilung und der sie begünstigenden Umstände. Mein Neffe wußte nicht das Geringste von meiner neu aufgewachten Lust, zu reisen, so wie auch seine neue Reise und ihre Richtung mir gänzlich unbekannt war. »Ach, welcher Dämon, rief ich, gab Ihnen ein, mir diesen unseligen Vorschlag zu thun?« Er war über diese Frage bestürzt, da er aber bemerkte, daß ich gar nicht so abgeneigt schien, so erwiederte er: »Ist denn, lieber Onkel, dieser Vorschlag so verwerflich? Es scheint mir so natürlich, zu wünschen, Ihr kleines Königreich wieder zu sehen, das Sie mit weit mehr Zufriedenheit beherrscht haben, als andere Monarchen die ihrigen.«

Bald waren wir einverstanden, denn der Vorschlag stimmte viel zu gut mit meinen Wünschen überein, und es kam bloß darauf an, daß mein Neffe von denRheedern die Erlaubniß bekam, mich mitzunehmen. Noch war die Bedenklichkeit übrig, wie ich wieder von meiner Insel zurückkommen sollte, da ich, ungeachtet meiner Sehnsucht, nicht Lust hatte, weiter zu reisen, noch weniger, ohne Kolonie, dort zu bleiben, und mein Leben in kümmerlichen Umständen zu beschliessen. Ich schlug ihm vor, mich auf seiner Rückreise wieder abzuholen, aber dazu durfte er die Erlaubniß nicht erwarten, da dies einen großen Umweg und einen Zeitverlust von mehrern Monaten verursacht haben würde, und wenn er das Unglück haben sollte, Schiffbruch zu leiden, [76] so fand ich mich in der nämlichen traurigen Lage, aus welcher ich endlich das Glück hatte befreit zu werden.

Endlich fand ich Mittel, auch dieses Hinderniß zu beseitigen; ich schlug nämlich vor, alle Stücke, die zu einer vollständigen Schluppe gehören, nebst einigen Zimmerleuten mitzunehmen, die sie im Fall der Noth zusammenfügen und auf der Insel vollends fertig machen könnten, und dieses Fahrzeug sollte mich, wenn ich es verlangte, nach dem festen Lande übersetzen. Mein letzter Entschluß war bald gefaßt, denn die Antriebe meines Neffen stimmten so sehr mit meinem Hang überein, daß nichts im Stande war, mich von der Ausführung abzuhalten, und da meine Frau todt war, so fand sich Niemand mehr, der genug Antheil an mir nahm, um mich von meiner Thorheit abzubringen, als meine Freundin, die gute Wittwe, welche mir mit aller Lebhaftigkeit, aber umsonst, mein Alter, meinen Reichthum, die unnöthige und gefahrvolle Reise, und vorzüglich meine beiden Kinder vorstellte. Ich erwiederte, daß meine Sehnsucht unüberwindlich, mein Entschluß unabänderlich sey, und daß ich glaubte, mich gegen die Vorsehung zu versündigen, wenn ich der innern Stimme, die mich dahin riß, nicht nachgebe; so verwegen ist der Mensch, die Stimme seiner Leidenschaften für Winke des Himmels auszugeben, um seine Thorheiten zu beschönigen!

Als sie sah, daß alles vergebens war, um mich zur Vernunft zu bringen, so gab sie mir jeden guten Rath und Beistand, um alles, was zu meiner Bequemlichkeit und Nutzen auf der Reise diente, anzuschaffen, und [77] besorgte alles mit der ihr eigenen Treue und Thätigkeit, besonders aber suchte sie durch tausend vortreffliche Rathschläge alles für das Wohlseyn und die Erziehung meiner Kinder anzuordnen, und um hierin nichts zu vernachlässigen, machte ich mein Testament, lieferte mein Vermögen in sichere Hände, so daß ich überzeugt seyn konnte, daß meine Kinder nichts davon einbüßen würden. Die Erziehung derselben übergab ich der Wittwe selbst, und setzte ihr ein reichliches Auskommen fest, um anständig und bequem leben zu können. Auch fand ich nachher, daß nie ein Geschenk besser angewandt war, als dieses, denn sie betrug sich mit einer Klugheit, einer Mutterliebe und Treue, als ob es ihre eigenen Kinder gewesen wären. Sie lebte noch lange genug, um bei meiner Zurückkunft Beweise meiner Dankbarkeit zu erhalten.

Fußnoten

1 Quo semel imbuta recens, servabit odorum Testa din. – Horat. Epist. lib. 1.

Fünfundzwanzigster Abschnitt

Fünfundzwanzigster Abschnitt.

Neue Seereise.


Mein Neffe war zu Anfang des Jenners 1694 bereit abzusegeln, und ich gieng am 8. mit meinem Freitag an Bord der kleinen Fregatte, die in denDünen vor Anker lag, und noch denselben Abend giengen wir unter Segel. Ich war nicht ohne Besorgnisse. Meine erste Reise nach Guinea war die einzige gewesen, von der ich so zurückgekommen war, wie ich mir's vorgesetzt [78] hatte, und ich schien bestimmt, zu Lande unzufrieden, zur See unglücklich zu seyn. Indeß lief diese Reise glücklicher als die vorherigen ab, obgleich wir anfangs durch Gegenwinde aufgehalten und nordwärts getrieben wurden, die uns zwangen, in den Hafen von Galway in Irland einzulaufen, und dreiundzwanzig Tage daselbst zu bleiben. Dieser kleine Unfall ward dadurch reichlich vergütet, daß die Lebensmittel hier in Ueberfluß und sehr wohlfeil waren, so daß, anstatt unsere Vorräthe zu vermindern, wir selbige ansehnlich vermehrten. Ich kaufte für mich, oder vielmehr für meine Insel, zwei Kühe und mehrere Kälber und Schweine.

Um die lange Zeit dieses Aufhalts auszufüllen, will ich dem Leser den Bestand meiner reichen Ladung anzeigen. Vor allem aus hatte ich mein zerlegtes Fahrzeug an Bord, ferner allerlei Tücher, Stoffe und Leinwand, um meine Insulaner wenigstens sieben Jahre lang zu kleiden; ausserdem Hüte, Handschuhe, Schuhe, Strümpfe, Bettzeug, Kessel, Töpfe und anderes Küchengeräthe, Nägel, Hacken und viel anderes Eisenzeug, auch unverarbeitetes Eisen und Kupfer; hundert Feuergewehre, als: Flinten, Pistolen, dann Säbel und Lanzeneisen, vorzüglich aber zwei metallene Kanonen, hundert Tönnchen Pulfer, und eine Menge Kugeln und Schroot von allem Kaliber. Ich hoffte dadurch im Fall der Noth, und durch Anlegung eines Forts, die Insel in den bestmöglichen Vertheidigungsstand zu setzen.

An Menschen hatte ich vorerst einige Bediente, die während meines Aufenthalts auf der Insel für mich [79] arbeiteten, und denen es freistehen sollte, mich bei meiner Abreise zu begleiten oder auf der Insel zu bleiben. Es fanden sich unter selbigen zwei Zimmerleute, ein Schlosser und ein Böttcher, der aber ausserdem eingeschickter Drechsler undTöpfer, und im Stande war, allerhand Arbeiten in Holz und Thon zu verfertigen, daher wir ihn denTausendkünstler nannten. Ausser diesen hatte ich noch einen Schneider, den ich sehr nützlich fand, weil er ausser seinem Handwerk noch vielerlei verstand. Er hatte sich zuerst angeboten, mit meinem Neffen noch Ostindien zu schiffen, aber nachher ließ er sich bereden, in meiner Kolonie sich anzusiedeln.

Am 5. Februar giengen wir wieder unter Segel, mit einem frischen Winde, der viele Tage uns begünstigte. So gieng unsere Fahrt schnell, aber ohne irgend einen bemerkenswerthen Zufall, bis am 20. fort, als gegen Abend ein Matrose, der auf Schildwache gewesen war, mit der Nachricht in die Kajüte trat, daß er in der Ferne einen hellen Schein gesehen und einen Kanonenschuß gehört habe, und gleich darauf sagte der Bootsmann, er selbst hätte einen zweiten gehört. Nun lief Alles auf's Halbdeck, aber es verstrich eine ziemliche Weile, ehe wir etwas bemerken konnten. Endlich aber ward der Schein wieder sichtbar, und nahm zusehends an Helle und Größe zu, so daß wir vermutheten, daß ein Schiff in Brand gerathen seyn müsse, weil nach unserer Schätzung in Westnordwest, in welcher Richtung die Helle sich zeigte, auf fünfhundert Meilen kein Land seyn konnte, und die gehörten Kanonenschüsse überzeugten [80] uns, daß wir nicht sehr weit davon entfernt waren; allein die Luft war neblicht, so daß wir nichts deutlich unterscheiden konnten. Da uns der Wind just dahin trieb, und nach einer halben Stunde sich der Nebel zerstreute, so erblickten wir ein brennendes Schiff, das mitten auf der erleuchteten Meeresfläche schwebte, aus welchem die knisternden Flammen und gerötheten Rauchwolken wellend emporsprühten. Dieses schrecklich prächtige, aber höchst traurige Schauspiel rührte mich desto inniger, da es mir den verlassenen Zustand in's Gedächtniß zurückbrachte, wo ich auch mitten auf der See verlassen herumirrte, und von demportugiesischen Kapitän so gütig aufgenommen ward. Freilich war die Lage des brennenden Schiffs, besonders wenn es allein war, noch weit bejammernswürdiger.

Wir liessen sogleich fünf Kanonenschüsse nach einander thun, und hiengen alle unsere Schiffslaternen an die Raaen, um den Verunglückten die Nähe eines Schiffs anzuzeigen, damit sie alle Mühe anwenden möchten, um sich in ihrer Schluppe nach unserer Seite hin zu retten. Wir segelten behutsam der Feuersbrunst näher. Plötzlich flog das brennende Schiff mit einem entsetzlichen Krachen in die Luft, das Feuer erlosch, und dicke Finsterniß ruhete auf den Fluthen; wahrscheinlich war der eine Theil durch das entzündete Pulfer gesprengt, und der andere versenkt worden. Wir wurden alle durch diesen grausenvollen Anblick und Knall erschreckt, obgleich wir nichts anderes erwarten konnten. Wir nahmen den mitleidigsten Antheil an diesen Unglücklichen, die entweder in den Flammen umgekommen [81] waren oder in ihren Booten in Angst und Ungewißheit herumirrten. Da letzteres wahrscheinlicher war, so liessen wir die ganze Nacht hindurch von Zeit zu Zeit eine Kanone abfeuern, um ihnen zum Signal zu dienen.

Gegen Anbruch des Tages entdeckte man durch die Ferngläser zwei mit Menschen überladene Boote, welche auf das Schiff zuruderten, aber durch Gegenwind zurückgehalten wurden, und alle ihre Kräfte anstrengten, ihn zu bemeistern. Sie machten allerlei Signale, die wir nicht nur beantworteten, sondern auch mehr Segel beisetzten, um desto schneller bei ihnen zu seyn, welches denn auch in weniger als einer Stunde geschah. Es waren wenigstens sechszig Menschen, Männer, Weiber und Kinder, theils Seeleute theils Passagiers.

Der Schiffer erzählte uns, daß das aufgeflogene Fahrzeug ein französisches Schiff von 300 Tonnen, und von Quebek in Kanada nachFrankreich bestimmt gewesen sey. Das Feuer war durch die Unvorsichtigkeit des Gehülfen am Steuerruder, an der Wohnstelle der Matrosen ausgebrochen, die zwar herbeiliefen, und dasselbe gelöscht zu haben glaubten, allein es mußten Funken an einige Stellen gefallen seyn, wo man sie weder sehen, noch ihnen beikommen konnte, von da aus verbreiteten sie sich so schnell, daß alle Mühe und Kunst vergeblich, und nur in der Flucht Rettung zu finden war. Zum Glück hatten sie eine Schluppe, ein Boot und eine Jölle, die sie mit Lebensmitteln und frischem Wasser beladeten. Aber diese Vorräthe würden kaum hingereicht haben, sie während höchstens zwölf Tagen vor dem Hungertode zu schützen, [82] in welcher Zeit sie hofften, die Bank von Neufundland zu erreichen, und sich daselbst so lange durch den Fischfang zu erhalten, bis sie das Land erreichen konnten; sie hatten aber so viele Unfälle, als Stürme, Gegenwinde und Regengüsse zu befürchten, daß ihre Rettung einem Wunder ähnlich gewesen wäre. In dieser Lage war ihr einziger Trost, daß sie dem Feuertode entgangen waren, und hofften, etwa ein Schiff zu entdecken, das sie aufnehmen würde. Während sie sich mit diesen Hoffnungen trösteten, vernahmen sie mit unbeschreiblichem Entzücken den Kanonenschuß, der von vier andern gefolgt, ein Zeichen war, daß ein Schiff in der Nähe sey, das ihnen Rettung anbiete. Sie strichen sogleich die Segel und legten die Masten nieder, weil der Wind ihnen entgegen war, und ruderten, um wenigstens nicht abzutreiben, den von Zeit zu Zeit folgenden Kanonenschüssen und den aufgehängten Laternen, die sie späterhin erblickten, zu. Sie hatten uns mit drei Flintenschüssen ebenfalls Signale gegeben, die wir aber nicht bemerkt hatten. Endlich entdeckten sie mit unbeschreiblichem Vergnügen, daß wir sie im Gesicht hatten.

Es ist ganz unmöglich, die manchfaltigen und ausserordentlichen Gebehrden und Stellungen zu schildern, durch welche diese armen Menschen das Entzücken über ihre unerwartete Rettung ausdrückten. Der Schrecken, die Furcht, die Betrübniß, sind weit leichter darzustellen, als die Aeusserungen einer plötzlichen, auf jene unmittelbar folgende Freude, die zu den seltsamsten und oft widersprechendsten Ausschweifungen hinreißt.

[83] Die Einen schienen in Thränen zu zerfließen, Andere zerrissen in einer Art von Verzweiflung ihre Kleider, noch Andere schienen wirklich rasend, liefen hin und her, stampften mit den Füßen, rangen die Hände. Einige tanzten, diese lachten, jene sangen, Andere fluchten; die Einen entsetzten sich noch über die Gefahr, während die Andern sich darüber lustig machten. Alle schienen dem Tollhause entlaufen zu seyn. Diese Aeusserungen folgten oft mit der sonderbarsten Schnelligkeit und Verschiedenheit bei denselben Menschen aufeinander, so daß der, welcher wie vom Blitze gerührt unbeweglich dastand, den Augenblick nachher die sonderbarsten Sprünge machte, sich das Haar ausraufte, und mit lauten Ausrufungen ohne Sinn umherlief. Mehrere fielen in Ohnmacht, Einige hielten sich ganz still, Andere machten das Kreuz, und nur Wenige waren im Stande zu beten, und Gott für ihre Rettung zu danken. Alles das drückte sich mit desto mehr Lebhaftigkeit und Seltsamkeit aus, da esFranzosen waren, die sich mehr als Andere zu den äussersten Ausschweifungen hinreißen lassen, und beinahe der Hälfte mußte eine Ader geöffnet werden, um die Aufwallungen ihrer Freude zu mäßigen. Es befanden sich unter ihnen zwei Geistliche. Der älteste sank wie todt nieder, als er das Schiff betrat. Der Schiffsarzt wandte alles an, um ihn wieder in's Leben zu bringen, und vermittelst des Reibens, einiger Arzneien, und der Oeffnung einer Ader, wo das Blut erst nur tropfenweise, doch bald stärker floß, brachte er's so weit, daß der Kranke die Augen öffnete, und nach einer Viertelstunde wieder sprechen konnte. [84] Als er verbunden war, wandelte er auf dem Verdeck umher, und versicherte, er befände sich ganz wohl; der Arzt reichte ihm eine Herzstärkung, aber bald darauf ward er völlig wahnsinnig, und erst den andern Morgen erwachte er gesund aus seinem Taumel.

Der jüngere Geistliche besaß weit mehr Seelenstärke, und war ein Muster eines vernünftigen und wahrhaft frommen Mannes. Sobald er an Bord kam, warf er sich auf den Boden, um Gott für seine Rettung zu danken. Als er einige Minuten in dieser Stellung verweilt hatte, kam er auf mich zu, und bezeigte mir auf die rührendste Weise und mit thränenden Augen seinen Dank für die ihm und seinen Unglücksgefährten erwiesene Hülfe. Ich erwiderte ihm, daß ich nichts als die Pflichten der Menschlichkeit erfüllt, und selbst Ursache hätte, Gott zu preisen, daß ich so glücklich gewesen, so vielen Menschen das Leben retten zu können.

Dieser würdige Geistliche suchte hierauf seine Mitgefährten zu besänftigen, und durch Bitten und Ermahnungen ihre Freude in die Schranken der Mäßigkeit zurückzubringen; es gelang ihm aber nur bei Wenigen, denn die Uebrigen waren ausser Stande, seine Lehren zu benutzen. Auch war uns ihre Ausgelassenheit den ersten Tag sehr lästig; aber nachdem wir ihnen so gut als möglich ihre Wohnstellen angewiesen, und sie durch Schlaf ihre aufgeregten Leidenschaften beruhigt hatten, so waren sie ganz anders, still und ordentlich, und bezeugten uns Alle ihre Dankbarkeit auf alle mögliche Art, mit der gefühlvollsten Herzlichkeit.

Der Schiffskapitän und der junge Geistliche besuchten [85] mich des andern Tags, und wünschten mit mir und meinem Neffen zu sprechen, um uns über das zu berathen, was weiter für sie zu thun wäre, denn unsere Vorräthe reichten nicht zu, sie nach Ostindien mitzunehmen, und Niemand von ihnen bezeigte Lust, eine so weite Reise zu machen, oder sich auf einer unbekannten Insel, die nur mir bekannt war, niederzulassen.

Sie fiengen damit an, uns ihren innigsten, wärmsten Dank recht herzlich auszudrücken, und boten uns, im Namen aller ihrer Unglücksgenossen, mehrere Kostbarkeiten an, die sie so glücklich gewesen waren, in der Eile aus den Flammen in ihre Schluppen zu retten.

Mein Neffe schien geneigt, ihr Geschenk anzunehmen, und dann so viel für sie zu thun, als ihn gut däuchte. Allein ich stellte ihm die Sache in ihrer wahren Gestalt und mit meinem eigenen Beispiel bekräftigt vor, als der menschenfreundliche Portugiese mich rettete; was wäre aus mir geworden, wenn er sich dafür mit all meiner Habe bezahlt gemacht, und mich ohne Geld gelassen hätte? Es gelang mir, ihn anders zu stimmen, und ich erwiederte daher den Beiden: »Wir sind überzeugt, daß wir von Ihnen denselben Beistand würden erhalten haben, ohne ihn so theuer bezahlen zu lassen. Wir nahmen Sie auf, um Sie zu retten, und nicht um Sie alles dessen zu berauben, was Sie aus dem brennenden Schiffe retteten; das hieße Sie den Flammen oder der Wassersnoth entziehen, um Sie dem Hungertode preis zu geben. Wir werden daher nicht das Geringste annehmen. Wir haben nur gethan, was die Menschlichkeit uns zur[86] Pflicht machte, und wir in ähnlichem Falle wünschten behandelt zu werden. Weit bedenklicher und schwieriger ist der Umstand, Sie nach Ihrem Verlangen irgendwo an Land zu setzen, von wo aus Sie nachFrankreich zurückkehren könnten. Unser Schiff ist nach Ostindien bestimmt, und darf nicht so weit von seinem Laufe sich entfernen. Alles was wir thun können, ist, ihn dahin zu richten, wo zu vermuthen ist, daß wir Schiffe antreffen, die aus Westindien nach Europa zurücksegeln, oder sie inBrasilien, wo wir anlegen werden, auszusetzen.«

Der erste Theil meiner Antwort befriedigte sie eben so sehr, als der zweite sie mit Besorgnissen erfüllte, und sie beschworen uns, da wir schon so weit nordwestlich von unserm Kurs uns befanden, die Fahrt noch bis Neufundland fortzusetzen, wo sie ein Fahrzeug miethen, und nach Kanada zurückkehren wollten.

Nachdem ich mich mit meinem Neffen berathen hatte, so willigten wir desto eher in ihr Verlangen, da wir, ohne Mangel zu befürchten, so viele Menschen nicht mit nach Ostindien oder auch nur nachBrasilien mitnehmen konnten. Wir setzten also unsern Lauf nach ihrem Wunsche fort, und ich versprach ihnen, daß wenn der Wind unsere Absicht vereiteln sollte, ich sie auf Martinique aussetzen würde.

Wir hatten zwar in weniger als acht Tagen zwei heftige Windstöße auszustehen, nachher aber war und blieb das Wetter sehr schön und der Wind östlich. Wir trafen mehrere westindische nach Europa segelnde Schiffe an, aber keines wollte von unsern Passagieren aufnehmen, [87] und so mußten wir wohl bisNeufundland steuern, wo wir endlich unsere Franzosen an's Land setzten. Nur der junge Geistliche und vier brave Matrosen blieben bei uns zurück. Für jenen hatte ich eine wahre Vorliebe und Hochachtung, und diese leisteten uns auf der ganzen Reise sehr gute Dienste.

Nun wendeten wir unsern Lauf südwärts, und hatten einige 20 Tage nur schwachen Wind, als wir am 19. März 1694, ungefähr um 27 Grad, 5 MinutenNordbreite, ein großes Schiff entdeckten, das gegen uns hintrieb, und durch einen Kanonenschuß ein Nothzeichen gab. Wir bemerkten, daß es die Vorbramstänge, die große Stänge, den Besansmast und den Bugspriet verloren hatte, und fanden, als wir nahe genug herankamen, um es anzusprechen, daß die Mannschaft desselben sich in eben so beklagenswerthen Umständen befand, und eben so sehr unserer Hülfe bedurfte, als die ausgesetzten Franzosen.

Das Schiff kam von Barbados, und war nachBristol bestimmt, ward aber einige Tage vor dem Absegeln durch einen Sturm von seinen Ankern losgerissen und in die See hinausgetrieben. Was ihr Unglück vergrößerte, war, daß die Vorräthe kaum zur Hälfte an Bord, der Kapitän und Steuermann eben am Lande, und also keine erfahrne Seeleute zu Schiffe waren. Einige Tage nach dem ersten überfiel sie ein zweiter Sturm, der das Fahrzeug entmastete und ab trieb, und in den erbarmenswürdigen Zustand versetzte, worin es sich jetzt befand. Ihre Beseglung war so dürftig, daß sie keine bestimmte Richtung halten konnten, und da [88] Niemand Ansehen genug besaß, um die wenigen Lebensmittel haushälterisch abzutheilen, so starben sie beinahe vor Hunger; seit acht Tagen hatten sie kein Brod, kein Fleisch mehr, und von allen Vorräthen blieb ihnen nichts als eine halbe Tonne Mehl, etwas Zucker und Rum, und zum Glück einige Fässer mit Wasser. Der Bootsmann, der zu mir an Bord kam, und den schrecklichen Zustand des Schiffs beschrieb, erzählte mir, es befänden sich unter den Passagiers ein junger Mann mit seiner Mutter und ihrer Magd, welche sich am Abend vor dem Sturm an Bord des Schiffs begeben hatten, das sie segelfertig glaubten. So lange ihre mitgebrachten Erfrischungen vorhielten, vermochten sie ihr Leben zu fristen, aber nachdem sie aufgezehrt waren, so litten sie wahre Hungersnoth, denn der allgemeine Mangel erstickte alles Mitleid der rohen Seeleute. Er glaubte, sie wären bereits Hungers gestorben, denn, da er ihnen nicht helfen konnte, so hatte er vermieden, sich nach ihnen zu erkundigen. Er selbst, der die Leitung des Fahrzeugs übernommen, sich aber mit dem gleichen Antheil, wie die Uebrigen, begnügt hatte, sah, so wie seine sechs Ruderer, die kaum dieRiemen zu bewegen vermochten, Todtengerippen ähnlich.

Ich ließ ihnen sogleich Speise reichen, aber diese Hülfe hätte ihnen beinahe tödtlich werden können, denn sie fielen so hastig darüber her, daß alles von den Folgen ihres Heißhungers zu fürchten war, und kaum hatten sie einige Bissen genossen, als sie sich übel befanden. Der Bootsmann befolgte unsern Rath, langsam [89] zu essen, aber die Uebrigen hörten in ihrer Wuth nichts, und verschlangen die Speisen dergestalt, daß den folgenden Tag Zwei dem Tode nahe waren. Dieser Anblick war desto angreifender für mich, da er mich an meine eigene Lage nach dem Schiffbruch erinnerte, als ich den öden Strand meiner Insel betrat, und nicht das Geringste zu meiner Nahrung erblickte, und sogar befürchtete, den wilden Thieren zur Speise zu dienen. Die Theilnahme ist nie stärker, als wenn man sich in ähnlicher Lage befunden hat.

Die Nachricht von dem jungen Mann, seiner Mutter und ihrer Magd, die wahrscheinlich den schrecklichsten, den Hungertod, gelitten hatten, rührte mich so heftig, daß ich mich nicht begnügte, dem Hochbootsmann, der mit Nahrungsmitteln auf das Fahrzeug geschickt wurde, diese beklagenswerthen Passagiere auf's dringendste zu empfehlen, wenn noch etwas für ihre Rettung möglich wäre, sondern nachdem der Schiffskapitän, so nannten wir jetzt den Bootsmann des andern Schiffs, sich erholt hatte, ließ ich mich mit ihm auf selbiges übersetzen, wo ich alles in einer Art Tumult antraf.

Unser Hochbootsmann war mit einem Boot nebst einem Vorrath von Brod und Fleisch auf das Schiff gekommen, und hatte sogleich Anstalt getroffen, Letzteres im Schiffskessel abkochen zu lassen. Aber die ausgehungerten Menschen wurden bei'm Anblick der Speisen beinahe rasend, und wollten die Küche bestürmen, um selbige mit Gewalt wegzunehmen. Allein der Hochbootsmann that seine Pflicht mit eben so viel Festigkeit als [90] Klugheit; er stellte zehn von seinen zwölf Matrosen als Wache vor die Küche, und widersetzte sich ihrem Andrang und Geschrei mit Gewalt und zu ihrem eigenen Besten. Er suchte ihnen begreiflich zu machen, daß sie sonst, statt ihr Leben zu erhalten, den Tod an den Lebensmitteln essen würden, aber das war tauben Ohren gepredigt, und nur die Aufmerksamkeit der Wache vermochte sie abzuhalten. Um sie nach und nach zu besänftigen, ließ er Zwieback in die Suppe tauchen, und theilte solchen in kleinen Stücken unter sie aus, indem er ihnen vorstellte, daß er bloß zu ihrer Erhaltung nur so wenig auf einmal reichen lasse. Aber diese vernünftigen Vorstellungen würden desto weniger gefruchtet haben, da der Genuß des Wenigen sie nur desto begieriger nach Mehrerm machte, und wer weiß, was erfolgt seyn würde, wenn ich nicht eben mit ihrem Bootsmann angelangt wäre, und meinen Ermahnungen die Drohung beigefügt hätte, ihnen gar nichts mehr zu geben. Die Furcht, alles zu verlieren, hielt sie von weiterm Unfug ab, und ich ließ ihnen allmählig mehr Speise reichen, bis sie endlich soweit hergestellt waren, daß man ihre Eßlust ohne Besorgniß befriedigen konnte, und alles besser ablief, als ich's erwartete.

Weit trauriger war der Zustand der Passagiere. Da das Schiffsvolk schon anfangs wenig Lebensmittel hatte, so theilte man ihnen nur sehr kleine Portionen zu, und späterhin vernachlässigten sie selbige ganz, so daß sie seit sechs oder sieben Tagen keine Speisen erhalten hatten. Die Mutter war, nach allgemeinem Zeugniß, eine wohlerzogene, verständige Frau, die, aus wahrer [91] mütterlicher Zärtlichkeit für ihren Sohn, jeden Bissen für ihn aufhob, aber dadurch endlich alle Kräfte verlor. Als unser Hochbootsmann in ihre Wohnung trat, fand er sie zwischen zwei Stühlen am Boden sitzend, gegen das Schiffsbord angelehnt, den Kopf auf die Brust gesenkt, und obwohl noch lebend, doch mehr einem Leichnam ähnlich. Er that alles, um sie in's Leben zurückzubringen und zu stärken; sie öffnete die Lippen, und gab sich viele aber vergebliche Mühe zu sprechen, und schien zu verstehen, was er zu ihr sagte; endlich wies sie mit dem Finger auf ihren Sohn, als ob sie ihn bäte, für diesen zu sorgen; für sie käme die Hülfe zu spät. Der gerührte Bootsmann suchte jedoch ihr etwas stärkende Fleischbrühe beizubringen; allein obgleich ihm das mit einigen Löffeln voll gelang, so war dennoch die Mühe verloren, denn sie starb in der folgenden Nacht. Ihr Sohn, dessen Leben sie mit dem ihrigen gerettet hatte, befand sich in einem nicht viel bessern Zustande, beinahe erstarrt in einem Bettchen, schien halb todt, und hatte den Rest eines ledernen Handschuhs im Munde, von dem er das Uebrige verzehrt hatte. Der Bootsmann brachte ihm ebenfalls einige Löffel voll Fleischsuppe bei; aber obgleich sein Magen sie nicht vertragen konnte, so erholte er sich nach einigen Uebelkeiten, da er jung und stärker als seine Mutter war.

Die Magd lag neben dieser am Boden, und kämpfte mit dem Tode. Ihre rechte Hand hielt krampfhaft das Bein eines Stuhls, die andere lag über dem Kopfe, und die Füße stemmten sich gegen den Tisch, und man [92] hatte die größte Mühe, sie aus dieser Lage zu bringen; es gelang dem Wundarzt, sie herzustellen, sie schien aber mehrere Tage lang den Verstand verloren zu haben, denn nicht der Hunger allein und die Todesangst, sondern auch die Leiden ihrer Herrschaft, für welche sie, nach dem Zeugnisse des Schiffsvolks, die größte Ergebenheit hatte, quälten sie eben so sehr.

Wer diese traurige Geschichte liest, muß bedenken, daß man, auch bei der größten Menschlichkeit, auf dem Meere dennoch zuweilen gezwungen ist, selbige einzuschränken, und daß man nicht so viel thun kann, als auf dem Lande, wo der längere Aufenthalt auch mehr gestattet. Wir konnten nicht lange bei dem Fahrzeuge verweilen, oder in seiner Gesellschaft weiter segeln, da es mastlos, folglich ein schlechter Segler war. Alles was wir thun konnten, war, ihm neue Bramstängen an den großen und an den Besansmast zu geben, und sie aufzutakeln. Dann tauschten wir fünf bis sechs Tonnen Rindfleisch, eine mit Speck, und einen bedeutenden Vorrath von Zwieback, Mehl und Erbsen gegen drei Kisten mit Zucker und einige Tonnen Rum ein, und verliessen selbiges, nachdem wir den Jüngling und die Magd auf ihr inständiges Bitten an Bord genommen hatten.

Der Jüngling war ein artiger, wohlgezogener Mensch von siebzehn Jahren. Er hatte sich an den Wundarzt unsers Schiffs gewandt, um von mir, den er für den Schiffskapitän hielt, die Erlaubniß zu erhalten, mit seiner Magd auf unser Schiff genommen zu werden. Der Wundarzt stellte ihm anfangs die weite[93] Reise und die der vorigen ähnlichen Gefahren vor; aber er bestand auf seiner Bitte, indem es ihm gleichviel gelte, wohin er gehe, wenn er nur von den Mördern seiner Mutter wegkomme, deren Tod ihn desto mehr betrübte, da er kurz vorher auch seinen Vater auf den barbadischen Inseln verloren hatte. Freilich scheint es, daß man etwas mehr für die Rettung dieser Unglücklichen hätte thun können; aber Noth hat kein Gebot, und der Hunger kennt keine Menschlichkeit, keine Freundschaft, keine Verwandtschaft, ist ohne Mitleid, ohne Gefühl, ohne Reue.

Auf die Vorstellungen des Wundarztes willigte ich ein, und nahm sie mit allem, was ihnen angehörte, an Bord, ausser eilf Kisten mit Zucker, zu denen man nicht gelangen konnte. Da aber der Jüngling eine Verschreibung für selbige hatte, so mußte mir der Schiffskapitän eine Verpflichtung unterschreiben, sobald er in Bristol angelangt seyn werde, sich zu dem Kaufman Roger, einem Verwandten des jungen Menschen, zu begeben, und ihm, nebst einem Brief von mir, alles Eigenthum der verstorbenen Wittwe, das er noch an Bord hatte, zu überliefern. Allein alle diese Vorsichtsanstalten scheinen überflüssig gewesen zu seyn, denn man hat nie etwas von diesem Fahrzeug erfahren, das wahrscheinlich zu Grund gegangen ist.

Hierauf setzten wir unsern Lauf bei schönem Wetter fort, und kamen ohne weitere bedeutende Ereignisse in die Gegend, wo meine Insel liegen sollte; wir hatten aber viele Mühe sie zu finden, kreuzten oft vor ihr vorbei, ohne sie zu erkennen, weil ich sie nun von einer [94] Seite sah, wo ich sie zuvor von der See her nie zu Gesicht bekommen hatte, denn wir segelten auf der Nordwestseite, ich hingegen war auf der Ost-und Südostseite sowohl gelandet als abgesegelt. Wir betraten mehrere Inseln in der Mündung desOrinoko, ohne die rechte zu treffen, und ich fand, daß ich mich ehmals getäuscht hatte, als ich die ausgedehnten Küsten für das feste Land hielt, denn es ergab sich, daß es nur eine Insel von bedeutender Länge oder vielmehr eine Inselgruppe war, die sich so sehr ausdehnte, und die Wilden, die von Zeit zu Zeit meine Insel besuchten, waren nicht eigentliche Karaiben, sondern Bewohner dieser Inseln, die theils bewohnt, theils auch unbewohnt waren. Auf der einen trafen wir Spanier an, die ich für meine Zurückgelassenen hielt; aber sie waren es nicht, sondern von der Insel Trinidad gekommen, um Salz und Perlmuscheln zu holen; ihr Fahrzeug lag unfern in einer Bucht am Strande. Endlich am Morgen des 10. Aprils 1694, nachdem wir sowohl mit unserer eigenen als mit derjenigen Schluppe, die wir von dem französischen verbrannten Schiffe erhalten hatten, und sehr gut war, eine Menge Inseln besucht hatten, erblickte ich meine Insel von der Südostseite, und erkannte sie sogleich, obwohl in beträchtlicher Entfernung.

Wir steuerten nun auf selbige zu. Ich rief nun sogleich Freitag, und wies ihm die Insel; er sah eine Weile starr hin, klatschte dann mit den Händen, sang, machte vor Freude allerlei Sprünge, und zeigte dann mit dem Finger, indem er ausrief: »Dort, [95] dort, die Burg, dort die Warte!« – Nun, Freitag, werden wir Jemand finden? wird dein Vater da seyn? Bei der Nennung seines Vaters ward er plötzlich still, und dem gefühlvollen Jungen glänzten Thränen in den Augen; »ach, rief er, nie, nie werd' ich ihn wieder sehen; ach, er war schon alt, ist jetzt längst gestorben.« Ungeachtet ihm die Thränen häufig über die Wangen herabrollten, entdeckte er mit seinem scharfen Gesicht dennoch Menschen, obwohl wir noch über eine halbe Stunde entfernt waren. »Dort, rief er, auf dem Hügel hinter der Burg, sehe ich viele Menschen.« Ich schaute hin, konnte aber selbst mit dem Fernrohr nichts erblicken, weil ich es, wahrscheinlich wegen der Heftigkeit meiner Empfindungen, nicht gut gerichtet hatte. Ich hatte Mühe, Freitag zurückzuhalten, daß er nicht in's Wasser sprang, um an's Land zu schwimmen.

Sobald er mir gesagt hatte, daß er Menschen sähe, ließ ich gleich die brittische Flagge aufhissen, und zwei Kanonen abfeuern, um ihnen zu zeigen, daß wir Freunde seyen, und wir sahen bald darauf bei der kleinen Bucht einen dicken Rauch empor wallen. Ich befahl sogleich, das Schiff in dieser Bucht vor Anker zu legen und eine Schluppe auszusetzen, die ich mit der weißen Friedensflagge schmücken, zugleich aber mit sechszehn wohlbewaffneten Leuten besetzen ließ, auf den Fall, daß ich nicht meine zurückgelassenen Freunde antreffen würde. Dann fuhr ich mit Freitag und mit dem jungen französischen Geistlichen, der durch meine Erzählung von meinem Aufenthalt und den Begebnissen auf der [96] Insel gereizt wurde, mich dahin zu begleiten, an's Land, wo die steigende Fluth uns bis in den kleinen Meerbusen, nahe bei der Burg, meiner ehemaligen Wohnung, trieb.

Sechsundzwanzigster Abschnitt

Sechsundzwanzigster Abschnitt.

Ankunft auf der Insel.


Als wir an den Strand legten, kam uns eine Menge von den Inselbewohnern, alle bewaffet, und mit einer Friedensfahne, entgegen. Ich befahl, daß Jedermann im Boot bleiben soll, weil ich allein aussteigen, und mich ihnen zu erkennen geben wollte. Aber Freitag war nicht zurückzuhalten, denn er hatte schon in weiter Entfernung seinen Vater erblickt und erkannt, der den Uebrigen langsam und von weitem nachfolgte. Er flog wie ein Pfeil auf ihn zu, drängte sich mit Ungestüm durch Alle hindurch, fiel ihm mit ausgebreiteten Armen um den Hals, drückte ihn mit aller Heftigkeit der kindlichen Liebe an seine Brust, küßte ihn, setzte ihn auf den Stamm eines Baumes, kniete vor ihm, und sah ihm, ohne ein Wort zu sprechen, steif in's Gesicht, indeß ihm Thräne auf Thräne über die glühenden Wangen herabflossen; bald ergriff er plötzlich seine Hände und küßte sie; bald stand er auf, setzte sich bald wieder zu ihm, blickte ihn von[97] Neuem an, als wenn er sich an ihm nicht satt sehen könnte. Auch dem rohesten Menschen würde sein zärtliches Benehmen Zähren entlockt haben.

Seit diesem Augenblick ließ er ihn nicht mehr von der Seite, gieng mit ihm am Ufer spazieren, führte ihn wie eine Geliebte am Arm, lief alle Augenblicke in's Boot, bald um ein Stück Zucker, bald ein Glas Branntewein, bald Zwieback für ihn zu holen, und schien oft ganz verlegen, womit und wie er ihm seine Liebe bezeugen sollte. Nachmittags ward seine Freude noch ausschweifender, und hatte ganz den Ausdruck eines wilden Natursohns; er setzte den Alten auf die Erde, tanzte mit tausend lächerlichen Stellungen und Gebehrden um ihn her, erzählte ihm bald singend, bald lachend, bald sprechend, von seinen Reisen und Begebenheiten seit ihrer Trennung. Mit einem Worte: wenn sich die kindliche Liebe mit der Stärke und Zärtlichkeit eben so oft und allgemein bei den Christen fände, so würde nichts überflüssiger als das fünfte Gebot seyn.

Mit eben so viel Vergnügen, das sich aber auf andere Art ausdrückte, ward ich von den Insulanern bewillkommt; ich würde nicht aufhören, wenn ich alle Freundschaftsbezeugungen der guten Leute erwähnen wollte. Der Erste, der sie anführte und die Fahne trug, war Don Gusman, den ich aus den Händen der Wilden gerettet hatte; ich erkannte ihn beim ersten Anblick, er aber hatte Mühe, sich zu überreden, daß ich es wirklich sey. Wie, Senor, rief ich ihm auf portugiesisch zu, kennen Sie mich nicht mehr? Vor Erstaunen sprachlos, als er mich endlich erkannte, gab er Fahne und Flinte [98] seinem nächsten Begleiter, und umarmte mich mit Entzücken und Herzlichkeit, und einer Menge der schmeichelndsten Komplimente, die ihm die spanische Höflichkeit eingab, indem er um Verzeihung bat, das Antlitz seines Retters nicht sogleich erkannt zu haben, das ihm ehmals wie das eines Engels erschien.

Hierauf wandte er sich gegen seinen Begleiter, um die Uebrigen herbeizurufen, der auch bald mit eilf Andern sich mir näherte; aber an ihren Kleidern würde man weder ihn noch sie für spanische Edelleute angesehen haben. Er wandte sich sogleich gegen mich und sagte: »Hier, mein Herr, sind meine Gefährten, die, wie ich, Ihnen ihr Leben zu danken haben.« Dann sagte er auch ihnen, wer ich sey, und welchen Dank sie mir schuldig wären, worauf einer nach dem andern sich mir näherte, und mich nicht wie gewöhnliche Seeleute, sondern mit den höflichsten und ausgesuchtesten Ausdrücken und mit hohem Anstande bewillkommten. Ich gestehe gern, daß ihre Höflichkeit und Lebensart der meinigen überlegen war, und mich in Verlegenheit setzte, weil ich ihre Komplimente nicht erwiedern konnte.

Hierauf bot mir Don Gusman an, mich in die Burg zu führen, und wieder in den Besitz derselben zu setzen, bedauerte aber zugleich, daß er mir nicht so viele Verbesserungen und Verschönerungen zeigen könne, als ich zu erwarten berechtigt wäre. Ich willigte gern in sein Begehren, aber ehe wir uns von dem Boot entfernten, mußte dieses zu dem Schiffe zurückfahren, um Speisen, die ich bereits zu einer Mahlzeit bestimmt hatte, herbeizuholen. Dann traten wir in Begleitung [99] seiner Landsleute unsern Weg an, aber ohne meinen Führer würde ich meine ehmalige Wohnung eben so wenig haben finden können, als ob ich nie da gewesen wäre. Sie hatten eine solche Menge Bäume, und so dicht in einander gepflanzt, und sie waren während so langer Zeit so hoch aufgewachsen, daß die Burg für jeden Andern, als ihre Bewohner, ganz unzugänglich war, indem man nur durch verwickelte, labyrintische Fußsteige dahin gelangen konnte.

Ich befragte ihn um die Ursache dieser so sehr angehäuften Befestigungen; worauf er antwortete: »Ich würde die Nothwendigkeit derselben leicht einsehen, wenn er mir ihre umständliche Geschichte seit ihrer Ankunft würde erzählt haben. Obgleich Ihre Abreise mich in das größte Schrecken setzte, so war ich doch zugleich entzückt, daß Sie das Glück hatten, ein Fahrzeug zu Ihrer Befreiung und Rückkehr zu finden. Aber gewiß habe ich in meinem ganzen Leben kein größeres Entsetzen gefühlt als das bei der Nachricht von Ihrer Entfernung. Doch hoffte ich immer, Sie würden einst wieder hierher zurückkommen, und eine süße Ahnung machte es mir fast zur Gewißheit.«

Er fügte hinzu, daß er mir eine lange Geschichte zu erzählen habe, denn sie wären mit den drei englischen Bösewichten, die ich zurückgelassen hätte, in einer weit schlechtern Lage gewesen, als mit den Wilden, wo sie ein so trauriges Leben in lauter Gefahr und Entbehrungen lebten, und – setzte er hinzu, indem er ein Kreuz machte – »wären sie zahlreicher, oder wir weniger gewesen, so wären wir längst im Fegfeuer. [100] Ich hoffe, mein Herr, daß Sie es nicht übel nehmen werden, wenn ich Ihnen sage, daß die äußerste Nothwendigkeit und die Sorge für unsere Erhaltung uns zwang, sie nicht nur zu entwaffnen, sondern auch uns zu unterwerfen, denn sie wollten nicht nur unsere Herren, sondern selbst unsere Mörder seyn.«

Ich erwiederte ihm, daß ich schon bei meiner Abreise alles von der Bosheit dieser Elenden befürchtet, und gewünscht hätte, Ihre Ankunft zu erwarten, um Sie förmlich in den Besitz der Insel zu setzen, indem ich Ihnen die drei Engländer nach Verdienen unterordnete; und daß ich, weit entfernt, etwas dawider einzuwenden, höchst zufrieden wäre, daß Sie an meiner Stelle daran gedacht, und es auch ausgeführt hätten.

Die Geschichte, die mir Don Gusman von ihrer Ankunft und seitherigem Aufenthalt erzählte, ist so merkwürdig, und in so naher Beziehung mit dem, was ich schon früher von meiner Insel angeführt habe, daß ich überzeugt bin, die umständliche Mittheilung derselben werde das höchste Interesse für meine Leser haben. Sie werden sich noch erinnern, daß ich ihn mitFreitags Vater absandte, um die übrigen Spanier abzuholen, und in dem großen Kanot auf meine Insel zu bringen, wo wir uns dann berathen und unsere Kräfte vereinigen wollten, um wieder nach Europa oder wenigstens zu Christen zu kommen. Zu dieser Zeit hatte ich noch nicht die geringste Aussicht zu meiner Befreiung, und konnte eben so wenig als zwanzig Jahre früher die Ankunft eines englischen Schiffes vermuthen, [101] das mich aus meiner Einsamkeit wieder zu Menschen bringen würde. Als daher der Spanier mit seinen Landsleuten undFreitags Vater bei ihrer Zurückkunft mich nicht mehr, sondern drei Fremdlinge an meiner Stelle fanden, so war ihre Bestürzung desto größer, da sie diese im völligen Besitz meines Eigenthums sahen, das sie mit mir zu theilen hofften.

Während diesen Gesprächen waren wir durch mancherlei Umwege in meiner ehemaligen Burg angelangt, und ich ward bei Erblickung so vieler Gegenstände, die mich an vielerlei Kummer, Beschwerlichkeit, Angst und Noth, aber auch an mehrere Annehmlichkeiten erinnerten, in eine Rührung versetzt, die mir Thränen auspreßte. Wie ein Mensch, der nach langer Abwesenheit zu dem Aufenthalt seiner Jugendjahre zurückkömmt, wo jeder Baum, jeder Winkel an eine kindliche Ergötzlichkeit oder Schmerz erinnert, betrat ich den Vorhof und die Höhle, die ich mein Schloß nannte. Mit süßer Erinnerung überlief ich die ganze Geschichte meines mühevollen Lebens, und konnte mich nicht enthalten, den Umstehenden bei jedem Kunstwerke zu erzählen, wie mich der Zufall darauf geführt, wie lange ich daran gearbeitet, und dann über meine gelungene Arbeit frohlockt hatte; ich konnte beinahe meines Erzählens kein Ende finden.

Während dem war das Boot mit den Speisen, die ich an Bord zu einer Mahlzeit hatte zurichten lassen, angelangt, und wir waren Alle höchst vergnügt; so fröhliche Gesichter und Herzen waren noch nie in dieser Einöde gewesen. Aber ich brannte vor Ungeduld, die [102] Geschichte der Kolonie während meiner Abwesenheit zu erfahren, daß ich gleich nach aufgehobener Tafel mich mit Don Gusman auf die Seite begab, um mit ihm allein zu seyn. Ich fragte ihn nun um die Ursache, die ihn damals so lange auf dem festen Lande aufgehalten hatte, und er fieng nun seine Erzählung folgendergestalt an.

Siebenundzwanzigster Abschnitt

Siebenundzwanzigster Abschnitt.

Geschichte der Kolonie.


»Die Ursache unserer verzögerten Zurückkunft war keine andere als die Schwierigkeit, Fahrzeuge zu finden, worin ich meine Gefährten nebst den wenigen geretteten Habseligkeiten aufnehmen und herüber bringen konnte, denn das Fahrzeug, in dem ich mitFreitags Vater hinüber gefahren war, konnte uns nicht alle Achtzehn fassen, wie wir geglaubt hatten.

Unsere Hinfahrt war bei dem schönen Wetter und dem stillen Meere glücklich aber langsam. Nichts kann aber mit der Verwunderung meiner Landsleute verglichen werden, als sie mich wiedersahen, denn sie glaubten nach dem Gefechte mit den Wilden, denen ich in die Hände gefallen war, nichts anders, als daß ich von ihnen wäre aufgefressen worden. Die Erzählung von meiner Errettung setzte sie in Erstaunen, die frohe [103] Botschaft von ihrer nahen Befreiung in ein unaussprechliches Entzücken, und der Anblick der Lebensmittel, der Waffen und Munition überzeugte sie, daß sie von keinem angenehmen Traume getäuscht würden.

Wir machten nun sogleich Anstalt, die ersehnte Insel zu erreichen, und dazu war kein anderes Mittel, als von den Wilden ein paar Kanots zu borgen, ein Betrug, den die Nothwendigkeit verzeihlich zu machen schien. Nach einigen Tagen schifften wir uns ein, denn unser Gepäcke war zu gering, um uns aufzuhalten, und ruderten, unter dem Vorwande, auf einen Fischfang auszugehen und die Beute mit den Wilden zu theilen, von der Küste ab, wurden aber durch widrige Winde und Strömungen zurückgehalten, und genöthigt, an mehrern Inseln anzulegen, welches uns so lange aufhielt, daß wir erst drei Wochen nach meiner Abfahrt von der Insel wieder daselbst anlangten.

Die einzige redliche That der zurückgelassenen Britten war, daß sie uns Ihren Brief und die für uns bestimmten Vorräthe einhändigten. Dem Brief war ein ausführlicher Unterricht beigefügt, über alles was die hiesige Haushaltung betraf, wie und wenn wir säen, erndten, wie wir backen, kochen, Gefäße machen, Ziegen erziehen, melken, Butter und Käse machen, und überhaupt für unsere Bedürfnisse und Bequemlichkeiten zu sorgen hätten. Zum Glück verstanden zwei der Unsrigen genug Englisch, um daraus den Nutzen zu ziehen, den Ihre Menschenliebe dabei beabsichtigte.

Im Anfang herrschte zwischen uns und den Engländern [104] ein gutes Verständniß, wir lebten sehr einig zusammen im Schlosse, und da ich und Freitags Vater die hier nothwendige Lebensart schon aus Erfahrung kannten, und meinen Landsleuten Anleitung dazu gaben, so nahm unsere Kolonie sehr bald eine günstige Wendung. Die Engländer hingegen bedünkten sich zu vornehm um zu arbeiten, und begnügten sich, auf der Insel herumzuschweifen, aus bloßem Muthwillen Papageien zu schießen, Schildkröten umzuwenden, ohne daß diese zu Tode geplagten Thiere den geringsten Nutzen für uns hatten; dann kamen sie des Abends nach Hause und ließen sich das Nachtessen wohl schmecken. Da sie nun nicht den geringsten guten Willen zum gemeinen Besten zeigten, so konnte die Einigkeit zwischen uns und ihnen nicht lange bestehen. Für ihren Müssiggang würden wir um des Friedens willen Nachsicht gehabt haben, aber man kann mit Wahrheit behaupten, daß der Müssiggang die Wurzel alles Bösen, oder vielmehr, daß man eigentlich selten ganz müssig ist, sondern, daß wer nicht etwas Nützliches thut, meistens etwas Schädliches begeht. Die Engländer waren nicht zufrieden, keine Arbeit zu thun, sondern sie verhinderten uns, die oft nothwendigsten Geschäfte zu verrichten. Sie waren hierhin dem Hunde jenes Gärtners ähnlich, der selbst nicht fressen und auch nicht leiden wollte, daß Andere sich sättigten.

Die ersten Zwistigkeiten waren zu unbedeutend, um ihrer zu erwähnen, aber die Bosheit der dreiBritten überstieg bald alles, was man sich vorzustellen vermag. Ihre Feindseligkeit äusserte sich mit einer unbeschreiblichen [105] Frechheit, die jeder Billigkeit der gesunden Vernunft, ja ihrem eigenen Vortheil ganz entgegen war, so daß ihnen auch nicht die geringste Beschönigung ihres Betragens übrig blieb. Ich war nicht im Stand, dasselbe ganz zu beurtheilen, weil ich es nur aus den Berichten der Spanier kannte, die ihre Ankläger, und folglich zu leidenschaftlich und einseitig waren, um mich darauf zu verlassen; aber ich war bald genöthigt zu gestehen, daß ihre Anklagen gerecht waren.

Zwei Tage nach unserer Ankunft stellten sich noch zwei andere Engländer ein, die sich sehr über die drei beklagten, welche wir in der Burg fanden, welche jene schon in den ersten Tagen daraus vertrieben, und ihnen jede Nahrung verweigert hatten. Wir suchten sie mit ihren Landsleuten zu versöhnen, aber die drei wilden Bestien wollten nichts davon hören, auch nicht zugeben, daß sie im Schlosse wohnen durften. Sie waren daher genöthigt, sich von uns zu trennen, und da nur Arbeitsamkeit und Geschicklichkeit sie vor Mangel schützen konnten, so wählten sie die nördliche Gegend der Insel zu ihrem Aufenthalte. Hier erbaueten sie zwei Hütten, die eine zu ihrer Wohnung, die andere zum Vorrathshause, wozu wir ihnen nicht allein behülflich waren, sondern ihnen auch Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und mehrere Ziegen gaben. Sie fiengen auch sogleich an, das Feld zu bestellen, zu graben, zu ackern, zu pflanzen, und ihre Besitzungen zu umzäunen. Zwar hatten sie anfangs nur wenig säen können, doch war ihre Erndte zureichend, um sie hinlänglich mit Brod und Saatkorn zu versehen, und da [106] der Eine auf dem Schiffe Unterkoch gewesen war, der sehr gute Suppen, Puddings und andere wohlschmeckende Speisen zuzubereiten verstand, so weit ihr Reis, ihre Milch, Butter und das Fleisch von wilden Ziegen es gestattete, so befanden sie sich in kurzer Zeit in einem behaglichen Zustande, indem wir sie bis zu ihrer ersten Erndte mit einem Theil der nöthigsten Lebensmittel versahen.

So weit waren sie gefördert, als die drei Bösewichte aus bloßem Muthwillen herkamen, um sie zu beleidigen. Sie sagten: die Insel gehörte nur ihnen allein; nur sie wären durch den Gouverneur in Besitz derselben gesetzt worden, also hätte, ausser ihnen, Niemand einiges Recht, darauf zu wohnen, zu bauen, zu pflanzen, ohne ihre Einwilligung und ohne dafür Abgaben an sie zu entrichten. Die guten Leute glaubten, ihre Landsleute scherzten, und luden sie ein, in ihre Wohnung zu treten, um, wie sie sagten, ihren Palast zu beschauen, und sich mit ihnen über die verlangten Abgaben zu verständigen. Der Eine setzte hinzu, daß, wenn jene wirklich Landesherren wären, so hofften sie, bei gutem Anbau des Erdreichs einige Jahre von allen Abgaben befreit zu werden, und ersuchte sie, einen Notar kommen zu lassen, um, wie es bei andern Territorialherren üblich wäre, einen Vertrag ausfertigen zu lassen. Diese Spötterei brachte sie vollends auf, sie tobten und fluchten abscheulich, und einer gieng hin, nahm vom Herde, wo sie eben ihr Mittagsmahl zubereiteten, einen Feuerbrand, und steckte die Hütte an, indem er sagte: er wolle ihnen weisen, ob's nur Scherz sey. Es [107] gelang dem Einen, das Feuer zu löschen, ehe es überhand nahm, während der Andere das Gewehr des Mordbrenners ergriff, und ihn zurückdrängte. Dadurch ward er so wüthend, daß er eine nahe stehende Stange faßte, und seinen Gegner damit erschlagen haben würde, wenn dieser dem Streiche nicht ausgewichen wäre; sein Kamerad nahm nun auch sein Gewehr, und streckte den Bösewicht mit einem Kolbenschlage zu Boden, ehe seine Gefährten es verhindern konnten. Gefahr und Rache machten jene so herzhaft, daß sie diese bedrohten, bei der ersten Bewegung niederzuschiessen, und nun kam's zum Vertrage, welcher dahin auslief, daß sie sich zurückziehen wollten, wenn man ihnen gestattete, ihren verwundeten Kameraden wegzutragen. Dieser lag noch immer besinnungslos am Boden, und kam nicht eher zu sich, als bis sie ihn schon eine gute Strecke fortgetragen hatten. Die beiden braven Männer thaten sehr übel, ihre Feinde nicht zu entwaffnen, und uns anzuzeigen, was geschehen war, denn dadurch hätten sie sich für die Zukunft manche Verfolgung von diesen, eben so feigen als wüthenden Bösewichtern erspart, welche auf nichts anders als Rache sannen, ihnen mehrmals ihre Erndten zertraten, Ziegen erschossen, und sie endlich durch noch viele andere Bubenstreiche zur Verzweiflung brachten, das sie weder Tag noch Nacht vor ihren Nachstellungen sicher waren.

Zwei von meinen Landsleuten, welche vom Landhause, wo sie Geschäfte hatten, nordwärts auf die Jagd gegangen waren, trafen die beiden arbeitsamenEngländer im Walde an, welche ihnen erzählten,[108] was sie von den Andern zu erdulden hätten, so daß sie ohne unsere Unterstützung in Gefahr wären, Hungers zu sterben.

Als unsere Gefährten nach einigen Tagen wieder in der Burg anlangten, erzählten sie uns, was vorgefallen war, und nun konnten wir uns den Zustand des Verwundeten erklären.

Bei Tische machten wir ihnen Vorstellungen über ihr unmenschliches Betragen gegen ihre eigenen Landsleute, die ihnen nichts zu Leide gethan hatten, und nichts suchten, als durch Fleiß ihren Lebensunterhalt zu finden. Atkins antwortete unter Flüchen und Drohungen: das gehe uns nichts an; ihre Landsleute hätten nichts auf der Insel zu schaffen, wohin sie ohne Erlaubnis gekommen wären; sie hätten kein Eigenthumsrecht, und daher sollte es ihnen nie erlaubt seyn, weder zu bauen, noch zu pflanzen. – ›Dann aber müßten sie ja verhungern.‹ – Das mögen sie, meinetwegen, oder zum Teufel fahren. – ›Aber was sollen sie denn thun?‹ – Unsere Sklaven seyn, und für uns allein arbeiten. – ›Ei, woher haben Sie denn das Recht? Sie haben sie ja gar nicht um's Geld gekauft, noch zu Gefangenen gemacht.‹ – Die Insel gehört uns Dreien ausschließlich. Der Gouverneur hat sie uns allein geschenkt, und Niemand hat hier etwas zu befehlen, als wir, und um dieses zu beweisen, wollen wir ihre Hütten, Pflanzungen und Heerden zerstören. – ›Dem zufolge müßten auch wir Ihre Sklaven seyn!‹ – Ei, freilich, ihr werdets auch gleich erfahren. Was war auf solchen Unsinn, der mit den niedrigsten Schimpfreden vermischt [109] war, zu antworten? Spott und Verachtung drückte sich auf Jedes Angesicht aus, ohne eine Sylbe zu erwiedern. Dies erregte die Galle der drei Bösewichte, sie ließen allerlei Drohungen fallen, die wir nur zum Theil verstanden, und wenn der Eine nicht ausser Stande gewesen wäre, so möchte schon diese Nacht etwas vorgefallen seyn; indessen hielten wir uns gewarnt und auf unserer Hut. Wir bemerkten, daß sie über heimlichen Anschlägen brüteten.

Sobald der Verwundete hergestellt war, setzten sie ihr feindseliges Betragen gegen ihre beide andern Landsleute fort, die sich endlich entschlossen, diesen Mißhandlungen auf einmal ein Ende zu machen. Sie erschienen also eines Morgens vor dem Schlosse, und forderten die drei Taugenichtse bei Namen heraus; da diese des Abends vorher nicht nach Hause gekommen waren, welches Einer von uns ihnen anzeigte, so kehrten sie sogleich um, indem sie nicht ohne Grund vermutheten, jene möchten etwas gegen sie im Sinne haben, und so war's auch.

Unter dem Vorwande auf die Jagd zu gehen, waren sie gleich nach dem Mittagsmahle dem Landhause zu gegangen, wo sie, wie wir nachher vernahmen, nach einigem Herumstreifen die Nacht zubrachten. Ihr Vorsatz war, ihre Landsleute des andern Morgens vor Tage im Schlafe zu überfallen, die Hütten in Brand zu stecken, und jene entweder schlafend zu verbrennen, oder, wenn sie dem Feuer entfliehen wollten, sie niederzuschiessen. Allein, ermüdet von der Jagd, und zu träge, [110] sich zu rechter Zeit aufzumachen, verspäteten sie sich, und kamen erst nach Aufgang der Sonne zu den Hütten.

Atkins, der Beherzteste, trat zuerst hinein, und rief dann den Andern zu: Das Nest ist leer, die Vögel sind ausgeflogen, und der Teufel soll sie und diejenigen holen, die uns verrathen haben; denn es schien ihnen eine ausgemachte Sache zu seyn, daß wir sie vor der Gefahr gewarnt hätten, und sie verbanden sich unter den gräßlichsten Flüchen, sich an uns zu rächen. Hierauf rissen sie beide Hütten nieder, daß kein Stück auf dem andern blieb, und man kaum ihre Spur erkennen konnte; zerschlugen das Hausgeräthe und die Werkzeuge, oder zerstreuten sie bei'm Weggehen dergestalt, daß man nachher einige derselben über eine Meile weit von der Wohnstelle fand; sie zerstörten die Einfriedigung der Ziegenheerde, die sie theils tödteten, theils verjagten, und rissen zuletzt alle Bäume und Pflanzen aus, so daß die Verheerung einer tatarischen Räuberhorde Ehre gemacht hätte. Zufrieden mit ihrem Bubenstück kehrten sie frohlockend zum Landhause, und von da zur Burg zurück.

Durch ein sonderbares zusammentreffen der Umstände hatten sich beide Partheien sowohl im Hingehen, als im Zurückkommen verfehlt, denn als die Beiden ihre Gegner nicht im Schloß gefunden, so kehrten sie auf dem nämlichen Wege zu ihrer Wohnung, wo sie selbige zu finden hofften; denn obgleich sie nur zwei gegen drei waren, so würde doch das Gefecht sehr blutig gewesen seyn, denn beide Theile waren aufs äußerste gegen einander erbittert. Aber die Vorsehung, immer weise [111] und gütig, entfernte sie von einander, je eifriger sie bemüht waren, sich zu finden; denn als jene nach Hause oder vielmehr auf den Schauplatz der Zerstörung kamen, waren die Andern bereits weit davon entfernt. Man stelle sich das Entsetzen der guten Leute bei dem Anblick der Verwüstung vor; der Schmerz überwältigte sie dergestalt, daß sie erst sprachlos, dann jammernd die Hände rangen; doch bald machten Thränen und Klagen der Rachgier Platz; hier war nichts zu thun, sie kehrten also mit schnellen Schritten zur Burg zurück, um uns zu erzählen, was ihnen begegnet war. Wir wußten aber schon alles, und hatten ihnen selbst zu erzählen.

Die Dreie waren nämlich, bald nachdem jene fortgegangen waren, um sie aufzusuchen, auf der Burg angelangt, prahlten nun mit ihrer abscheulichen That, als ob sie noch so ehrenvoll gewesen wäre, und durch das Gelingen derselben übermüthig gemacht, vergaß sich der Eine so sehr, dem nächsten Spanier den Hut vom Kopf zu schlagen und zu drohen: ›so soll's Euch auch gehen, wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt.‹ Aber er hatte sich an den Unrechten gewandt, denn dieser, obgleich sonst sanft und gelassen, aber darum nicht weniger beherzt, und überdas gewandt und kraftvoll, streckte ihn sogleich mit einem einzigen Faustschlage ohnmächtig zu Boden; Atkins, um seinen Kameraden zu rächen, schoß sein Pistol auf jenen ab, und verwundete ihn, doch nur leicht am Ohre, aber die Menge herabströmenden Bluts und der Schmerz ließ ihn glauben, daß seine Wunde gefährlich sey, und [112] erbitterte ihn so sehr, daß er das nächste Gewehr ergriff und Atkins würde niedergemacht haben, wenn wir nicht dazwischen getreten wären, und ihn ersucht hätten, ihn nicht zu tödten. Da er nun mit Grund behauptete, es sey hohe Zeit, den Beleidigungen dieser Ruhestörer Einhalt zu thun, so fielen wir über sie her und entwaffneten sie.

Als sie sich ausser Stande gesetzt sahen, uns zu widerstehen, so gaben sie es näher und baten, man möchte sie doch nicht ihrer Waffen berauben. Doch diese Bitte ward geradezu abgeschlagen, da sie ihre Landsleute so barbarisch mißhandelt und uns selbst mit Sklaverei bedroht hatten. Wir erklärten, daß wir ihnen nicht das Geringste zu Leide thun und fortfahren wollten, ihnen beizustehen, wenn sie sich ruhig verhalten würden. Aber die Verweigerung ihres Ansuchens machte diese abscheulichen Kerls auf's Neue wüthend; sie nahmen ihren Kameraden, der sich von seiner Betäubung wieder erholt hatte, mit, und entfernten sich unter Schimpfworten und Drohungen, sich empfindlich zu rächen, wenn sie schon keine Waffen hätten. Wir warnten sie, sich wohl zu hüten, unsern Pflanzungen und Heerden Schaden zu thun, weil wir sie sonst wie wilde Thiere niederschießen, und diejenigen ohne Gnade aufhängen würden, die uns nach der geringsten Beschädigung in die Hände fielen. Allein sie fuhren fort zu fluchen, zu drohen, zu schimpfen, wir aber verachteten sie zu sehr, um ihnen weiter ein Wort zu sagen, und ließen sie gehen. Die zwei andern Engländer waren aber viel zu sehr erbittert und entschlossen, [113] ihre Verfolger zu betrafen; es gelang uns jedoch sie zu besänftigen, da wir ihnen vorstellten, es wäre wenig ehrenhaft, wenn sie die Entwaffneten mit Feuergewehr angreifen würden, wir versprachen ihnen aber, diese zur vollständigen Genugthuung und Entschädigung anzuhalten, wenn sie versprechen wollten, nicht anders als zu ihrer Selbstverteidigung die Waffen gegen jene zu gebrauchen, wozu sich diese endlich bequemten. Wir hatten dabei keinen andern Zweck, als Blutvergießen zu verhüten, und zu unser Aller Glück den Frieden zu befestigen, denn es war ja Raum genug für uns Alle, und es ist zu bedauern, daß bei einer so geringen Anzahl wir nicht in Freundschaft leben konnten.

Es war zu vermuthen, daß wenn der Zorn sich gelegt haben werde, die drei Wichte, durch Mangel genöthigt, sich bald wieder einstellen würden, das sie von Waffen, Geräthen und Lebensmitteln entblößt, ohne unsern Beistand nicht leben konnten. Auch kamen sie wirklich am fünften Tage, des Herumstreifens müde, und beinahe verhungert, – denn sie hatten nichts als einige Eier zu ihrem Unterhalt gefunden, – zur Burg, und da sie mich nebst noch zwei Andern unweit derselben antrafen, so baten sie in den beweglichsten, demüthigsten Ausdrücken und Gebehrden, wieder in unsere Gesellschaft aufgenommen zu wer den. Ich begegnete ihnen zwar mit Güte, sagte ihnen jedoch, daß ihr Betragen gegen uns und besonders gegen ihre beiden Landsleute, so abscheulich und boshaft gewesen wäre, daß ich es nicht wagen dürfe, sie aufzunehmen, ohne vorher von diesen und jenen die Einwilligung erhalten zu haben; [114] ich würde sie Alle zusammen berufen, ihnen die Bitte vorlegen, und nach Verlauf einer Stunde ihnen die Antwort mittheilen. Der Hunger ließ ihnen die verlangte Stunde eine Ewigkeit vorkommen, sie flehten auf's dringendste um Brod, und ich ließ ihnen ein tüchtiges Stück Ziegenfleisch, einen gebratenen Papagei nebst Brod reichen, welches sie gierig verzehrten.

In unserer Versammlung entstanden lebhafte Wortwechsel, da die Einen zur Verzeihung und Nachsicht stimmten, hingegen die Andern, und vorzüglich die beiden Engländer darauf drangen, man müsse sie als Mordbrenner und Räuber mit dem Tode bestrafen. Ich machte dann den Vermittler, und es gelang mir nach vieler Mühe, beide Theile zu vergleichen. Man ließ dann die drei wartenden Engländer eintreten. Nachdem ihre beiden Landsleute ihnen die wohlverdientesten Vorwürfe gemacht, eröffnete ich ihnen, daß sie nur unter der Bedingung, alles in den vorigen Stand herzustellen, wieder in die Gesellschaft aufgenommen werden könnten. Sie unterwarfen sich ohne Widersetzlichkeit, halfen die Hütten wieder aufbauen, die Einfriedigungen herstellen, die Bäume pflanzen, die Grundstücke beackern und besäen, und überhaupt alles in den besten Stand setzen, soweit es möglich war, denn freilich konnten sie den Pflanzungen nicht die Vollkommenheit geben, die sie vor der Zerstörung hatten.

Wir lieferten aus dem Magazin die Sämereien, die Werkzeuge und Lebensbedürfnisse, so lange es die Noth erforderte, und nun endlich fiengen wir an in[115] Ruhe und Frieden zu leben. Nur war es unmöglich, die drei Britten länger zur Arbeit anzuhalten, als bis sie diejenige, welche ihnen zur Entschädigung ihrer Landsleute aufgelegt war, beendigt hatten. Kaum waren sie damit fertig, so überließen sie sich dem Müssiggange wie vorher. Wir sagten ihnen, sie möchten nach Belieben herumstreifen, und wir wollten gerne für sie arbeiten, wenn sie nur die Ruhe nicht störten und nichts beschädigten. Dies dauerte ein paar Monate, und da wir hofften, es würde Dauer haben, so gaben wir ihnen ihre Waffen wieder, da sie uns auf ihren Streifzügen wenigstens Gewild erlegen, und dergestalt doch etwas zum gemeinen Besten beitragen konnten. Aber kaum waren sie wieder bewaffnet, als diese unverbesserlichen Bösewichte ihr voriges Betragen erneuerten. Es war wirklich zu verwundern, daßdrei trotzige und doch feige Kerls neunzehn beherzte Männer so ungestraft beleidigen durften.

Eine unvermuthete, die ganze Kolonie bedrohende Gefahr verzögerte die Ausbrüche ihres bösen Willens. Schlaflosigkeit oder quälende Träume von Gefechten und Blutvergießen ließen mir einst in einer Nacht keine Ruhe, und nöthigten mich, aufzustehen. Das wir nicht in Hangmatten, sondern jeder auf einer Lagerstätte von weichen Ziegenfellen, angekleidet schliefen, so hatt' ich nichts weiter zu thun, als das Oberkleid und die Schuhe anzuziehen und hinauszugehen. Alles war still, der Himmel helle und mit Sternen besäet; die hohen, um die Burg gepflanzten Bäume beengten mir die Aussicht, und es war nicht das Geringste zu[116] sehen oder zu hören. Beruhigt legte ich mich wieder zu Bette, aber kaum schlief ich wieder ein, als mich die Unruhe auf's Neue ängstigte und weckte. Ich stand also wieder auf, und hoffte eben so unbemerkt hinauszugehen als das erstemal, allein einer meiner Landsleute fragte: wer aufstehe? Ich erzählte ihm meine Unruhe und meine Besorgnisse. Er stand ebenfalls auf; wir giengen zusammen in den Vorhof, und da sagte er mir: solche Ahnungen wären nicht zu verachten; gewiß bedroht uns ein Unglück. Wo sind die Engländer? Wir giengen zu ihren Hütten, die wir ihnen ausser dem Pfahlwerk aufgerichtet hatten, damit sie nicht wider unsern Willen in das Innere der Burg kommen könnten, wir fanden sie aber so ruhig schlafend, daß sie uns nicht bemerkten. Von dieser Seite war also nichts zu befürchten. Hierauf bestiegen wir die Warte, wo wir aber sehr bald im Nordost den Wiederschein eines Feuers wahrnahmen, und ein fernes Getöse wie von Menschenstimmen hörten. Als wir zu oberst standen, erblickten wir zwei Feuer, welche die Küsten erhellten, und eine bedeutende AnzahlWilder voraussetzten, die Entfernung und die Dunkelheit waren aber zu groß, um sie zu erkennen.

In dieser Lage waren nur zwei Entschlüsse zu nehmen, entweder, wir hielten uns verborgen, damit dieWilden keinen Verdacht schöpften, daß die Insel bewohnt sey, und dies wäre allerdings das Klügste gewesen; oder dergestalt über sie herzufallen, daß keinEinziger davon käme. Um diese Absicht zu erreichen, mußten wir ihnen den Weg zu ihren Kanots abschneiden [117] und diese zerstören. Leider geschah keines von beiden. Neugier verrieth uns, und halbe Maßregeln waren, wie sie es jederzeit sind, die schlimmsten, die auf lange Zeit unsere Ruhe und Sicherheit störten.

Der Anblick der Wilden hatte uns zu sehr betroffen, um nicht unsere Gefährten sogleich aufzuwecken, und sie von der Gefahr zu benachrichtigen. Hätten wir sie doch ruhig schlafen lassen! Es war uns unmöglich sie zurückzuhalten; sie wollten mit eigenen Augen, und zwar in der Nähe sehen, wie sich die Sache verhalte. Statt also auf die Warte zu steigen, begaben sie sich in die Gegend, wo die Wilden ihr Wesen trieben, und bemerkten, daß sie sehr zahlreich und ihre Feuer über eine halbe Stunde von einander entfernt waren. Was uns am meisten beunruhigte, waren kleine Trupps, die hin und her streiften, unsere Felder und Wohnungen entdecken, und daraus schließen möchten, daß die Insel bewohnt sey; besonders war uns um unsere Heerden bange, durch deren Beraubung oder Vernichtung wir mit Hungersnoth bedroht wurden.

Wir beratheten, was das Beste seyn möchte, und der Schluß war: 1) die Heerde in Sicherheit zu bringen; 2) Freitags Vater hinzusenden, um zu forschen, welches die Absicht der ungebetenen Gäste seyn möchte. 3) Wenn sich selbige in einem Trupp vereinigten und vom Strande, also von ihren Kanots entfernten, jene anzugreifen und diese zu zerstören, unterdessen aber alle unsere Waffen zusammenzubringen und zu laden.

Um diesen Entschluß auszuführen, giengen zweiSpanier und eben so viele Engländer zu unsern [118] Heerden, und trieben selbige in das Thal, wo die Grotte, der vortrefflichste Sicherheitsort, sich befand, und schloßen sie in die Vorhöhle ein; von da giengen sie in die Burg, brachten Brod und Branntewein mit. Sechs Spanier giengen ebenfalls in die Burg, um alle Waffen und hinlängliche Munition zu holen. Ich blieb mit den übrigen acht Spaniern und mit Atkins an der Stelle, wo wir die Wilden beobachteten, um nach Umständen gegen sie zu verfahren, denn wir hatten Gewehre bei uns. Freitags Vater war bereitwillig, seinen Auftrag zu erfüllen, zog sich ganz nackt aus und lief hin; seine Abwesenheit dauerte beinahe zwei Stunden, und sein Bericht lautete wie folgt:

›Es waren Wilden von zwei feindlichen Stämmen, die sich Tags zuvor eine Schlacht geliefert, und sowohl Fliehende als Verfolgende auf dieser Insel gelandet hätten, um ihre Kriegsgefangenen zu verzehren; die Nacht, welche sie überfiel, veranlaßte dieses zufällige Zusammentreffen, welches, durch die beiden Feuer entdeckt, ihre Lust in Wuth verwandelt hätte, so daß kein Zweifel sey, sie würden bei Anbruch des Tages einander hier eine neue höchst blutige Schlacht liefern.‹ Der gute Alte rieth, man möchte sich verborgen halten, da die Wilden, sowohl Sieger als Besiegte, nicht ermangeln würden, gleich nach dem Gefechte sich einzuschiffen, ohne daß wir das Geringste von ihnen zu befürchten hätten.

Aber dieser kluge Rath war bei den Meisten, und vorzüglich bei den Engländern, in den Wind geredet. Das tägliche Einerlei der Einsamkeit erhöht die Neugierde, [119] und dieser ward die Klugheit, die Sicherheit, das Glück der Insel aufgeopfert, und nur mit Mühe ließen sich diese ausser sich gesetzten Menschen bereden, wenigstens vorsichtig zu handeln, und unter dem Schutz der Gehölze einen Umweg bis dahin zu nehmen, wo sie alles beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden, wozu dann die Dunkelheit der frühen Tageszeit das Ihrige beitrug.

Sobald die Morgenröthe Licht genug verbreitete, griffen sich die Wilden mit der äussersten Wuth an, und zeigten eben soviel Tapferkeit als Geschicklichkeit und Gewandtheit. Das Gefecht dauerte zwei Stunden, ohne daß der Sieg sich auf eine Seite neigte, dann aber fiengen die, welche uns am nächsten waren, an zu weichen, und die Sieger verfolgten sie mit Nachdruck und großem Geschrei, so daß wir einige Zeitlang fürchteten, die Flüchtlinge möchten ihre Sicherheit in eben dem Walde suchen, in dem wir uns verborgen hielten. Wir zogen uns daher in die Burg zurück, fest entschlossen, Alles niederzumachen, was sich uns nähern und uns entdecken würde. Die Engländer waren aber viel zu neugierig und unbändig, um zu gehorchen, und hielten sich in dem Gehölze, das die Burg umgab, versteckt. Nur drei Flüchtlinge suchten sich darin zu verbergen, und fielen denEngländern in die Hände, welche sie niedergesäbelt haben würden, wenn nicht noch einige Spanier, die sich verspätet hatten, herbeigesprungen wären, und sie vermocht hätten, ihnen das Leben zu schenken. Nicht Menschlichkeit, sondern theils Neugierde, den fernern Verlauf des Gefechtes zu beobachten, theils [120] die Vorstellung der Spanier, sich der Gefangenen als Sklaven bedienen zu können, rettete diese vom Tode; sie wurden aus Vorsicht mit Stricken gebunden und bewacht. Nach der Erzählung derBritten hatten sich die geschlagenen Wilden gerade gegen ihre Kanots zurückgezogen und sich eingeschifft. Die Sieger feierten ihren Triumph mit einem zweimaligen Siegesgeschrei, hielten dann ihre Mahlzeit, wie es schien, mit großer Eßlust und Freude, und verliessen gegen 3 Uhr Nachmittags die Insel, so daß wir von allen diesen Fremdlingen befreit wurden.

Da mir die Zeit bis dahin zu lang wurde, so schickte ich einige meiner Landleute hin, um sich zu denEngländern zu halten, und mir von Zeit zu Zeit Nachricht zu bringen. Als ich die Einschiffung der Wilden vernahm, ließ ich zwei Spanier nebstFreitags Vater in der Burg zurück, um diese und die Gefangenen zu bewachen, und gieng mit den Uebrigen, um das Schlachtfeld zu besehen. Wir zählten einige dreißig Todte, die theils durch Pfeile, theils durch Hiebe von schweren hölzernen Säbeln, deren wir mehrere fanden, ihr Leben verloren hatten; sie waren sehr übel zugerichtet, die Köpfe gespalten, oder Arm und Beine zerschlagen, und nicht ein Einziger zeigte die geringste Lebensspur, ein Beweis, daß sie sich mit Wuth und, obgleich verwundet, bis auf den letzten Blutstropfen schlagen. Die Sieger bringen ihre und die feindlichen Verwundeten mit sich fort.

Dieser gräßliche Anblick machte die sonst störrischen Britten für einige Zeit ganz zahm; sie halfen uns die [121] Todten begraben, und die Landarbeiten besorgen; sie gestanden unverhohlen, daß der bloße Gedanke, den Wilden in die Hände zu fallen, und von ihnen wie Rindfleisch oder Schaafsbraten aufgefressen zu werden, sie mit dem größten Abscheu und Schrecken erfülle.

Die Kolonie war jetzt einig; die allgemeine Gefahr hatte die Zwietracht verbannt, und wir hielten Rath, um zu untersuchen: ob es nicht vortheilhaft wäre, diese Seite der Insel, wo die Wilden am häufigsten zu landen schienen, zu verlassen, und eine sicherere Gegend zu bewohnen? Es ward viel dafür und dawider gesprochen, und die Mehrheit entschied: zu bleiben. Die fruchtbare Gegend im Westen der Insel ward eben so oft und noch öfter von den Wilden besucht; dort hatte ja der Gouverneur – Robinson – die ersten Spuren derselben entdeckt; die übrigen Küstengegenden waren theils unfruchtbar, theils unbewohnbar, und im Innern der Insel zu wohnen, würde uns alle Hoffnung benehmen, jemals befreit zu werden, wenn auch Jemand käme, um uns abzuholen, der, wenn er die Burg zerstört fände, glauben müßte, wir wären bereits fort oder gestorben. Jedoch entschloßen wir uns einstimmig, den Landbau nur in der Gegend des Lanhauses zu treiben, und alle Heerden im Thal der Grotte zu lassen, und ihnen verschiedene Einschläge einzufriedigen; die übrigen Aecker und Heerden hingegen zu zerstören, damit nichts andeute, daß die Insel bewohnt sey. Aus Vorsicht sollten auch die Gefangenen nichts weder von der Grotte noch von den Viehheerden erfahren, folglich nie in das Thal kommen, damit sie nichts verrathen [122] könnten, wenn sie, wider Vermuthen, Mittel fänden, die Insel zu verlassen. Alle diese Beschlüsse wurden genau befolgt, und in der Folge hatten wir Ursache, uns dazu Glück zu wünschen.

Die Burg war bekanntlich mit einem dichten Walde umgeben; allein wir dehnten selbigen bis an die kleine Bucht, und längs ihrem Ufer bis an die Küste aus; auch an der Westseite des Burghügels, wo sonst die Kornfelder waren, bis an den Eingang in's Grottenthal, den wir dadurch verdeckten, und oben von der Warte an der Rückseite derselben herunter pflanzten wir eine unzählbare Menge der so leicht wachsenden Weiden dicht in einander, und ließen keinen Zugang, so daß es schwer, beinahe unmöglich war, die Burg zu finden.

Aber diese auf die Zukunft berechneten Anstalten waren unzulänglich, um uns sogleich zu genügen, und wir befestigten den Wall noch mit Pallisaden, so auch die Rückseite der Burg. Die Nützlichkeit dieser Vorkehrungen zeigte sich zwei Jahre nachher. Wir wurden zwar in dieser Zwischenzeit schon einmal in Schrecken gesetzt, da einige Spanier, welche sich in aller Frühe nach der Westseite der Insel begeben hatten, einige zwanzig Kanots der Wilden entdeckten, die gerade auf die Küste zukamen; sie langten im größten Schrecken auf der Burg an, nachdem sie sowohl uns Alle, als die Engländer von der Gefahr benachrichtigt hatten. Wir hielten für das Klügste, uns still, verborgen zu halten, und nur bei Nacht auf Entdeckung auszugehen, woraus sich dann ergab, daß die Wilden nicht gelandet, [123] sondern vorbeigefahren seyn mußten, denn es fand sich keine Spur ihres Daseyns. Wir kamen also diesmal mit dem bloßen Schrecken und vierundzwanzigstündigem Hausarrest davon.

Da Atkins und seine beiden Gefährten träge Müssiggänger waren, so schien es uns am gerathensten, ihnen die drei Gefangenen als Sklaven zu überlassen, damit diese für sie arbeiten, und die Kolonie auf diese Art, wo nicht einigen Nutzen beziehe, doch weniger belästigt sey. Es waren starke, rüstige Bursche, welche ihnen desto nützlicher waren, da sie bald wieder ihre vorige Lebensweise begannen; auch behandelten sie ihre Gehülfen nicht so wie Sie, HerrRobinson, mit Freitag gethan; zwar ernährten sie solche, zwangen sie aber zu übermäßiger Arbeit, machten sich dadurch bei ihnen so verhaßt, daß sie im Nothfall nicht den geringsten Beistand, sondern vielmehr Aeusserungen ihrer Rache zu gewärtigen hatten, da hingegen Freitag jeden Augenblick bereit war, sein Leben für seinen Herrn zu wagen.

Kurz nach jener befürchteten Landung der Wilden geriethen wir mit den Britten in neuen Zwist, daAtkins den einen der Sklaven, der etwas nicht nach seinem Sinn gemacht haben sollte, mit einer Axt erschlagen wollte, was aber durch seine Wuth selbst mißlang, jedoch verwundete er dessen Schulter gefährlich; der Spanier eilte herbei, und bat ihn, sich zu mäßigen, wodurch aber Atkins noch wüthender ward, so daß er nun den Spanier selbst zu tödten strebte; dieser wich dem Schlage aus, und schlug jenen mit seiner Schaufel, [124] womit er eben beschäftigt gewesen war, zu Boden, ward aber durch einen andern herbeieilenden Britten zur Erde geworfen; zwei andere Spanier, so wie der dritte Engländer, eilten herbei, um die Ihrigen zu unterstützen. Glücklicherweise war keiner mit Feuergewehr, sondern nur mit Aexten und Schaufeln bewaffnet, doch hatte einer der Britten ein verborgenes Seitengewehr bei sich, und verwundete zwei Spanier, die nebst Andern herbeieilten. Die ganze Kolonie war in Verwirrung; die drei Engländer wurden sogleich verhaftet. Sie waren Verräther und Bösewichte, die jedes Verbrechens fähig und der Kolonie höchst schädlich waren. Es ward erwogen, was mit ihnen anzufangen sey. Ich erklärte ihnen, daß, wenn sie meine eigenen Landsleute wären, ich sie sogleich würde aufhängen lassen, da alle Gesetze die Erhaltung der Gesellschaft bezweckten, und daher die Gerechtigkeit erfordere, daß alle die, welche ihren Untergang bewirkten oder suchten, aus derselben verstoßen würden; da sie aber Britten wären, so würde ich sie, aus Achtung für einen Engländer, dem wir Alle unser Leben zu danken hätten, nicht selbst, sondern durch ihre eigenen Landsleute, die beiden andern Engländer, verurtheilen lassen. Aber diese lehnten den Auftrag ab, da sie sich in ihrem Gewissen verpflichtet fühlten, sie ohne anders aufknüpfen zu lassen. Der Eine fügte noch hinzu, daß Atkins ihnen den Vorschlag gethan, sich alle Fünfe zu vereinigen, um dieSpanier während dem Schlafe zu ermorden. Wie! sagte ich, mich zu Atkins wendend, uns Alle wolltet ihr ermorden? Der Bösewicht war so unverschämt, [125] mit einem derben Fluche zu versichern, er beharre noch jetzt auf seinem Vorsatze. Eine so unbegreifliche Bosheit empörte mehrere der Uebrigen, so daß sie sogleich für seinen Tod stimmten, um den beiden Andern zum abschreckenden Beispiel zu dienen. Aber ich wollte nicht in den Tod des Atkins willigen, weil ich durch einen Britten vom Untergang war errettet worden. Es war unmöglich, mich von diesem Entschlusse abzubringen, und da die Gemüther gewöhnlich sich zur Milde neigen, so behielt diese auch in dieser Berathung die Oberhand, und der Schluß fiel dahin aus: 1) daß sie von allen Waffen, Munition und allen Werkzeugen, womit sie schaden könnten, entblößet werden sollten; 2) daß sie aus der Gesellschaft verstoßen, und von den Wohnungen der Uebrigen auf eine bestimmte Weite entfernt bleiben müßten; 3) daß weder die beiden andern Britten, noch die Spanier mit ihnen sprechen, oder den geringsten Verkehr haben dürften; und 4) daß, wenn die Verbannten die ihnen vorgeschriebene Gränze überschreiten, oder den Wohnungen, Pflanzungen und Heerden den geringsten Schaden zufügen, oder sonst Unordnung stiften würden, jeder Kolonist befugt seyn solle, sie, wie wilde Bestien, zu erschiessen. Auf meine Vorstellung ward dies strenge Urtheil dadurch gemildert, daß man ihnen hinlängliches Getreide zu achtmonatlichem Unterhalt und zur Besaamung ihrer Felder gab; man fügte hiezu noch sechs Milchziegen, vier Böcke und sechs Zickelchen, nebst den nöthigen Werkzeugen, doch gegen das ausdrückliche und eidliche Versprechen, sich dieser letztern weder gegen ihre Landsleute, noch gegen [126] die Spanier oder zum Schaden derselben zu bedienen. Da sie aber dies Versprechen verweigerten, so gab man ihnen weder Waffen noch Werkzeuge, sondern nur etwas Lebensmittel, und ließ sie laufen. So wurden sie aus der Gesellschaft verbannt. Aber schon nach einigen Tagen kamen sie wieder, um mehrere Lebensmittel zu holen, und sagten: sie hätten einen schicklichen Ort gefunden, um sich daselbst anzusiedeln und anzubauen. Er lag ganz nördlich, nicht weit ostwärts von der Stelle, wo ich nach meiner ersten gefahrvollen Reise, wo ich so fern von der Insel abgetrieben worden, wieder gelandet hatte, also weit genug von uns. Da sie nun weit geschmeidiger geworden, und das von ihnen verlangte Versprechen ablegten, so gab man ihnen alle obgemeldten Vorräthe und Werkzeuge, aber keine Waffen. Sie errichteten zwei kleine Hütten, an einer fruchtbaren, auf drei Seiten mit Waldung umgebenen Stelle, und wenn sie an der vierten von den leichtwachsenden Weiden pflanzten, so waren sie nicht leicht zu entdecken.

In diesem Zustande lebten sie ungefähr sechs Monate. Ihre Erndte war aber gering, denn sie hatten neben dem Feldbau viel andere Geschäfte zu besorgen, hatten nur ein kleines Stück Erde angebaut, waren ungeschickt, und dachten erst daran, einen Keller zu graben, als die Regenzeit eintrat, und einen Theil ihrer Vorräthe verdarb, so daß man sie wieder mit andern unterstützen mußte. Dies demüthigte sie, benahm ihnen Muth und Lust zur Arbeit; sie wurden ganz niedergeschlagen, da sie kein Ende ihres Elendes sahen, und entschlossen sich endlich, eine Reise auf's feste Land [127] zu unternehmen, woher die Wilden gekommen waren, dort einige Gefangene zu holen, um für sie zu arbeiten. Die Art der Ausführung dieses Entschlusses setzte nicht nur sie, sondern auch die ganze Kolonie in die größte Gefahr. Denn diese Bösewichte thaten nie etwas, ohne dabei zugleich mit Bosheit und Dummheit zu verfahren.«

Achtundzwanzigster Abschnitt

Achtundzwanzigster Abschnitt.

Fortsetzung der Geschichte der Kolonie.


»Ungefähr neun Monate, nachdem man sie verbannt hatte, kamen sie eines Morgens alle Drei zum Schlosse, und verlangten mit Bescheidenheit, mit dem Gouverneur zu sprechen. Ich versammelte meine Landsleute, und ließ mich dann mit ihnen in Unterhandlung ein. ›Sie beklagten sich über ihren Zustand, der ihnen nicht erlaubte, sich alles Nöthige zu verschaffen, und ihres Lebens froh zu werden, so daß endlich der Mangel sie mit dem Hungertode bedrohe. Sie baten also, man möchte sie mit Waffen und Munition versehen, ihnen erlauben, eines der Boote zu nehmen, womit sie sich an's feste Land begeben könnten, wodurch dann die Kolonie von ihrer Gegenwart befreit wäre.‹ Freilich wären die Kolonisten hiermit höchst zufrieden gewesen, doch bewog uns die Menschlichkeit, ihnen vorzustellen, [128] sie würden auf dem festen Lande in's äusserste Elend gerathen, und gewiß zu Grunde gehen. Allein die Britten fielen uns gleich in's Wort: ›das würde auch hier unvermeidlich geschehen, und wenn sie erschlagen würden, wären sie aller Uebel frei, und mit einem Wort, sie wollten fort, wenn man ihnen auch keine Waffen geben wollte.‹ Hierauf versicherte ich sie, man würde ihnen, wenn sie auf ihrem Entschlusse beharrten, das zu ihrer Vertheidigung Nothwendige nicht verweigern, obgleich man selbst nur wenige Waffen und Munition besitze, rieth ihnen aber, doch die Sache noch erst zu überlegen. ›Das wäre schon überlegt und entschieden,‹ erwiderten sie. Man gab ihnen also zwei Flinten, ein Pistol mit einiger Munition, einen Säbel und drei Beile, nebst Vorrath auf einen Monat und einer lebenden Ziege. Hiermit setzten sie sich muthig in's Boot, obwohl sie beivierzig Meilen zu schiffen hatten. Der Wind war günstig, das Boot mehr als groß genug, und obschon der Mast nur eine bloße Stange, und das Segel aus vier Ziegenfellen zusammengesetzt war, sie auch bessere Seeleute als Landbauer waren, fuhren sie lustig ab; wir wünschten ihnen gute Reise, und hofften, sie nicht wieder zu sehen. Sowohl die zurückgebliebenenBritten als wir Spanier, wünschten uns Glück, von diesen Unholden befreit zu seyn, lebten auch seit ihrer Abfahrt sehr zufrieden und ruhig, und nichts war uns daher unerwarteter und unerwünschter als ihre Zurückkunft, die schon nach drei Wochen erfolgte. Einer der Engländer war eben mit seiner Landarbeit beschäftigt, [129] als er drei Bewaffnete sich ihm nähern sah; er flüchtete sogleich im schnellsten Laufe, und berichtete die Spanier mit größtem Schrecken, daß Fremde auf der Insel gelandet seyen. – Aber welche Fremde? Sind es Wilde? – Nein, nein, es sind Bekleidete mit Feuergewehren. Nun dann, wenn es Europäer sind, so haben wir nichts zu fürchten, da sie uns eher nützlich als schädlich seyn werden. Während dem waren jene auch herangekommen, und riefen diesen zu. Man erkannte sogleich ihre Stimmen, und das erste Erstaunen machte einem andern Platz, da man die Ursache ihrer so schnellen Rückkehr nicht errathen konnte. Ehe man sie in's Schloß einließ, befragte man sie genau um alles, was diese veranlaßt haben mochte? wo sie gewesen wären, und was sie ausgeführt hätten? Hierauf antworteten sie: ›Nach zwei Tagen wären sie glücklich an jener Küste angelangt, an der eine außerordentliche Menge von Menschen sich ihrer Landung mit Spießen und Pfeilen zu widersetzen bereit war; sie wären daher dem Strand entlang weiter nördlich gefahren, und hätten dann befunden, daß das was wir für festes Land hielten, eine große Insel wäre, welche west- und nordwärts noch mit vielen andern Inseln umgeben war. Auf einer der westlichen Inseln hätten sie gelandet, und ein geselliges Volk angetroffen, das ihnen Wurzeln und Fische gegeben hätte; die Weiber wetteiferten mit den Männern, um sie mit Lebensmitteln zu beschenken, und wären oft genöthigt gewesen, solche weithin auf ihren Köpfen zu tragen. Dort wären sie vier Tage geblieben, und hätten sich [130] nach den Einwohnern der übrigen Inseln erkundigt, und vernommen, daß es grausame Menschen wären, die Menschenfleisch äßen, dies thäten sie aber nie, ausser ihre Kriegsgefangenen am Siegesmahle.‹ Auf die Frage: wann sie zuletzt ein solches gehalten hätten, zeigten sie den Mond indem sie zwei Finger ausstreckten, womit sie zwei Monate andeuten wollten, denn ihre ganze Unterhaltung geschah durch Zeichen. Sie setzten auf ähnliche Art hinzu: ihr großer König hätte noch 200 Gefangene, die man für ein künftiges Mahl mästete. Dies machte die Engländer neugierig, selbige zu sehen; die Wilden aber verstanden sie falsch, und glaubten, jene wünschten auch einige zu essen, und versprachen ihnen solche für den folgenden Abend, indem sie die Hand nach Ost ausstreckten und von da bogenweise nach West senkten. Dies verstanden die Britten erst damals recht, als jene ihnen fünf Weiber und eilf Männer zum Geschenk auf ähnliche Art herbeiführten, wie man Vieh zu Markte bringt. Obgleich nun diese Britten uns so große und vielfältige Beweise ihrer unmenschlichen Gefühllosigkeit gegeben, so erfüllte sie doch schon der bloße Gedanke, Menschenfleisch zu essen, mit Abscheu und Entsetzen, und dennoch fürchteten sie sich, die Wilden durch Weigerung, ihr Geschenk anzunehmen, zu erzürnen, obwohl die Anzahl der Opfer sie in nicht geringe Verlegenheit versetzte; sie entschlossen sich also selbige anzunehmen, und beschenkten jene mit einem Beile, einem alten Schlüssel, einem Messer nebst fünf Gewehrkugeln, was ihnen sehr zu gefallen schien, obschon sie deren [131] Gebrauch nicht kannten. Hierauf banden sie den Gefangenen die Hände rückwärts und die Wilden trugen sie selbst ins Boot. Aus Furcht, ihre Dankbarkeit durch Abschlachtung eines oder mehrerer derselben bezeugen zu müssen, eilten sie, sich vom Strande zu entfernen, nachdem sie durch Zeichen Abschied gekommen hatten. Auf einer der nächsten Inseln ließen sie acht von ihren Gefangenen laufen, weil ihre Anzahl zu groß und ihnen lästig war.

Während ihrer Rückreise suchten sie sich mit ihren übrigen Gefangenen zu verständigen, kannten sich aber ihnen gar nicht begreiflich machen, indem die Erwartung, geschlachtet zu werden, sie so sehr ängstigte, daß alles was sie hörten, ihnen nur darauf Bezug zu haben schien, und sie erhoben ein entsetzliches Geschrei, besonders die Weiber, als man ihre Bande lösete, weil sie jetzt den Augenblick ihres Todes vorhanden glaubten. Sogar wenn man ihnen Nahrung reichte fürchteten sie sich eben so sehr, weil sie sich einbildeten, man suche dadurch bloß sie zu mästen, und wenn der Blick eines Engländers auf den Einen oder Andern fiel, so bildete er sich ein, er sey besonders zum Schlachtopfer bestimmt, und noch eine Zeitlang, nachdem sie auf unserer Insel angelangt, und mit Milde behandelt wurden, wähnten sie noch täglich, bald zum Frühstuck bald zum Abendessen dienen zu sollen.

Als die drei Abentheurer ihren Reisebericht geendet hatten, fragte ich nach ihren mitgebrachten Gefangenen, und sie antworteten: daß sie solche in einer ihrer Hütten gelassen, und nur hergekommen waren, um Lebensmittel, [132] die ihnen gänzlich mangelten, zu erhalten. Ich entschloß mich, selbst dahin zu gehen, und alle Spanier, die beiden andern Engländer und sogar Freitags Vater begleiteten mich. Wir fanden selbige gebunden, weil ihre Gebieter dies nöthig gefunden hatten, um zu verhindern, daß jene nicht mit dem Boote entfliehen möchten. Sie saßen ganz nackt am Boden; die drei Männer waren rüstig und gewandt, 30 bis 35 Jahre alt, und die fünf Weiber waren recht wohl gebildet, hatten angenehme Gesichtszüge, waren aber sehr braun von Farbe, zwei davon 30 bis 40, zwei andere 25 bis 26 Jahre alt und die fünfte ein junges Mädchen von ungefähr 16 Jahren; zwei wären selbst in London für schön gehalten worden, wenn ihre Farbe weiß gewesen wäre. Sie hatten etwas sehr Angenehmes in ihrem Gesichte, und eine Haltung voll lieblicher Bescheidenheit, das besonders auffiel, nachdem man sie bekleidet hatte, obschon die Kleidung eben nicht geeignet war, ihre Schönheit zu erhöhen.

Die Spanier, welche durchaus Männer voll Sanftmuth, Redlichkeit und Bescheidenheit waren, errötheten bei dem Anblick dieser Nuditäten, und hatten Mitleiden mit diesen armen Geschöpfen, die voll Angst und Furcht waren, und jeden Augenblick für den letzten ihres Lebens zitterten. Um sie wo möglich zu beruhigen, erhielt Freitags Vater Befehl, zu sehen, ob er mit jemand von ihnen sprechen könne; nur eine der Frauen vermochte ihn einigermaßen zu verstehen; dies war hinlänglich, sie durch die Versicherung, daß ihre Eigner Christen wären, welche niemals Menschenfleisch äßen, von [133] ihrer Angst zu befreien, und daß sie ihres Lebens ganz sicher seyn könnten; dies versetzte sie sogleich in das größte Entzücken, das sie durch tausend Sprünge und manchfaltige possierliche Gebehrden und Ausrufungen ausdrückten, woraus sich ergab, daß sie von verschiedenen Stämmen waren.

Die Frau, welche die Dollmetscherin machte, mußte den Uebrigen die Frage vorlegen: Ob sie, als Sklaven, für diejenigen arbeiten wollten, die sie hergebracht hatten, um ihnen das Leben zu retten? Diese Fragen beantworteten sie dadurch, daß sie herumtanzten, bald dies, bald jenes in die Hände nahmen, und von einem Platze zum andern trugen, womit sie zeigen wollten, daß sie zu allen Diensten bereit wären.

Da ich befürchtete, daß diese Weiber neue Streitigkeiten und Schlägereien veranlassen möchten, so fragte ich die drei Britten, was sie mit denselben vorzunehmen Willens wären, und ob sie solche als ihre Weiber oder Sklavinnen behalten wollten? Sie erwiederten: Sowohl für's eine als das andere. Ich bemerkte hierauf: daß ich sie daran nicht zu verhindern gedächte, doch schien es mir, um Unordnung zu vermeiden, es wäre besser, daß sich Jeder mit einer Frau begnügte, ohne sich mit den übrigen einzulassen. Dieser Vorschlag ward ohne Schwierigkeit genehmigt, und die drei Engländer boten sogar den Spaniern die zwei überzähligen Weiber an, die aber solches aus verschiedenen Beweggründen ablehnten; Alle bezeigten Abneigung, Nichtchristinnen zu heirathen. Die fünf Engländer theilten sie daher unter sich, und dabei war nichts so [134] sehr zu verwundern, als die Leichtigkeit und Friedfertigkeit, womit die Wahl unter diesen rohen Seefahrern getroffen wurde, da es sich doch leicht hätte fügen können, daß zwei das nämliche Weib gewählt hätten. Zwar, um dies zu vermeiden, ward das Loos gezogen, wer zuerst, und in welcher Ordnung die Wahl statt finden sollte, und hier zeigte sich eine neue Sonderbarkeit, indem derjenige, der zuerst wählen konnte, nicht die schönste, sondern die älteste sich zueignete, worüber die Andern sich nicht wenig lustig machten; aber Atkins war klüger, als sie Alle, denn er sah weniger auf die Annehmlichkeiten, als auf die nützlichen Eigenschaf ten seiner künftigen Gehülfin. Auch bestätigte der Erfolg seine Erwartungen. Als er seine Erwählte abholte, ward sie, ungeachtet aller vorhergegangenen Versicherungen, mißtrauisch, und befürchtete, zum Abschlachten abgesondert zu werden; sie erhob daher ein entsetzliches Geschrei, wozu die Andern heulend einstimmten, das sie eben so wenig wußten, was man mit ihnen vorhatte, und sie beruhigten sich nicht eher, als bis Freitags Vater ihnen das Räthsel lösete. Nachdem diese Nachricht ihr Wehklagen in Jubel verwandelt, und die Wahl beendigt war, bezog Jeder wieder seine Wohnung. Die Spanier mit Freitags Vater und drei Sklaven, die sie den Wilden genommen, blieben auf der Burg, die sie ansehnlich erweitert hatten, und die als der Hauptort der Kolonie anzusehen war. Die beiden Engländer führten ihre Frauen in ihre schon bewohnten Hütten, wozu sie noch einige neue erbauten. Die drei Abentheurer bezogen ebenfalls ihre verlassenen [135] Hütten südöstlich des Pfahls; da diese aber mit ihren Geräthen angefüllt waren, so erbaueten sie sogleich fünf neue Hütten, die nördlich von den übrigen lagen, so daß nun die erste Anlage zu drei abgesonderten Ansiedelungen vorhanden war.

Als ich diese Niederlassungen besuchte, waren sie schon im besten Zustande, doch die der beiden Britten weit blühender, obgleich die ihnen zugefallenen Weiber in Thätigkeit und Anstelligkeit den drei andern weit nachstanden; übrigens waren alle fleißige, gute Geschöpfe, aber es war ein Glück für die drei arbeitsscheuen Britten, daß ihre Weiber sie zum Theil zu ersetzen vermochten, denn sonst wären ihre Besitzungen sehr vernachläßigt worden. Ihre bessern Landsleute hatten ihre Wohnungen mit einer ungeheuern Menge von Bäumen umpflanzt, dadurch verborgen, und beinahe unzugänglich gemacht, und obschon ihre Pflanzungen einmal durch die drei Abentheurer und ein andermal durch die Wilden waren verheert worden, so fand ich sie dennoch im blühendsten Zustande. Ihre Weinreben waren so schön angebaut, als in den besten Weinländern, und die Trauben, obwohl wegen jenen Verheerungen zuletzt gezogen, waren so vortrefflich als die vorzüglichsten der Insel. Ausser dem Anbau ihrer Felder hatten sie im tiefsten Dickicht des Waldes eine Höhle ausgegraben, um ihnen zum Zufluchtsorte zu dienen, die nur durch labyrintische Fußsteige zugänglich und ihnen bei einem Ueberfall der Wilden nachher vom größten Nutzen war, um sich, ihre Weiber, ihre Ziegen und Geräthe zu verbergen.

[136] Die drei andern Engländer, obwohl ihre Sitten durch die Veränderung in ihrer Lebensart bedeutend gemildert worden, behielten doch ihren Hang zur Faulheit; sie hatten freilich, mit Beistand ihrer Weiber und Sklaven, die aber nicht mehr zu thun verstanden, als was ihnen angezeigt wurde, Erdreich eingezäunt, bebaut und besät, aber kaum konnte man die Früchte von dem vielen Unkraut unterscheiden. Erst nachdem die Weiber allerlei Kenntnisse im Anbau des Landes von den beiden andern Britten erlernt hatten, gieng es damit, so wie mit der Haushaltung, besser, die Männer aber schwärmten herum, jagten, fischten, suchten Schildkröten, deren Eier und die von Tauben, thaten alles, nur das nicht, was nützlich und nöthig war.

So weit war der Zustand der Inselbewohner gediehen, als eines Morgens fünf bis sechs Kanots voll Wilder an der Nordwestküste der Insel landeten. Dies verursachte, als eine sehr gewöhnliche Sache, wenig Aufsehens, da diejenigen, welche die Wilden entdeckten, die übrigen Kolonisten davon benachrichtigten, wo sich dann alle verborgen hielten, bis jene sich entfernt hatten. Aber diesmal trat der Umstand ein, daß man nach der Abfahrt der Wilden drei derselben am Ufer schlafend fand, die sich vielleicht verirrt hatten, und zu spät zurückgekommen waren. Das sie kein Boot hatten, um fortzukommen, so waren die Kolonisten in nicht geringer Verlegenheit, was mit ihnen vorzunehmen sey. Nach vielen Berathungen entschloß man sich, sie zu wecken, und da man sie nicht tödten wollte, zu Gefangenen zu machen, um zu verhindern, daß sie bei [137] fernerm Herumstreifen durch die Insel die Hütten und Pflanzungen nicht entdeckten. Diese armen Wilden waren sehr bestürzt, als sie sich von Unbekannten von fremdartigem Aussehen umringt und gebunden sahen; sie befürchteten, wie alle diese Stämme, geschlachtet und verspeiset zu werden. Mit Hülfe der andern Sklaven beruhigte man sie deßhalb, und führte sie zuerst zum Landhause, und nachher zu den Hütten der beiden Britten, die am nächsten lagen, denen man sie als Gehülfen überließ. Nach einiger Zeit ward einer derselben vermißt, und man hörte nichts weiter von ihm. Er mußte wahrscheinlich von seinen Landsleuten angetroffen haben, und mit ihnen zurückgekehrt seyn. Diese Vermuthung verbreitete viele Besorgnisse unter den Kolonisten, weil es den Wilden nun nicht länger verborgen bleiben konnte, daß die Insel bewohnt sey. Zum Glück hatte der Flüchtling nur das Landhaus und die Hütten der beiden Britten, auch nur wenige der übrigen Einwohner gesehen, wußte nichts von den Feuergewehren, noch von den Grotten und Zufluchtsörtern, wohin man sich zurückziehen konnte, so daß er nur sehr unvollständige Nachrichten zu geben vermochte.

Die erste Gewißheit, daß ihre Vermuthungen und Besorgnisse nicht ungegründet waren, war die Entdeckung, daß zwei Monate nachher, kurz nach Aufgang der Sonne, sechs Kanots, jedes mit acht bis zehn Wilden bemannt, an der Nordküste, ungefähr eine Meile von der Stelle wo sich die Wilden eine Schlacht geliefert, und den Wohnungen der beidenBritten, angelegt hatten. Wenn die ganze Kolonie sich in dieser Gegend befunden [138] hätte, wäre das Uebel nicht groß gewesen, und wahrscheinlich keiner der Gelandeten entwischt, aber es war unmöglich, daßzwei Männer deren fünfzig mit Vortheil bekämpfen konnten. Zum Glück hatten die Beiden, die in der Gegend ein frühes Geschäft hatten, ihre Feinde schon auf der See in bedeutender Entfernung wahrgenommen, und benutzten die kostbaren Augenblicke, die beiden Gefährten des Flüchtlings zu binden, und durch zwei der Sklaven, die mit den Weibern gekommen waren, nebst den vorzüglichsten Haus- und Ackergeräthen nach der Grotte bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit sandten sie den Dritten zu den Spaniern, um ihnen die Gefahr anzuzeigen, und Hülfe zu verlangen. Während dem trieben sie die Ziegenheerde in den Wald, um die Wilden glauben zu machen, daß es wilde Ziegen wären, zogen sich dann ebenfalls nach der Grotte, wo sie ihre Gewehre luden und den Erfolg erwarteten. Als sie auf ihrem Rückzuge einen Hügel bestiegen, entdeckten sie, daß die Wilden gerade auf ihre Hütten anrückten, welche auch nach kurzer Zeit, zu ihrem Schrecken, in Flammen aufgiengen, denn dies war auf lange Zeit ein großer Verlust für sie. Nach Abbrennung der Hütten verbreiteten sich die Wilden überall hin, nach Beute suchend, und vorzüglich um die Einwohner zu entdecken. Da die Grotte zu sehr verborgen, das Gebüsch zu dicht und unzugänglich war, so setzten die beiden Unglücksgefährten ihren Rückzug etwas weiter fort, gegen die Seite hin, woher ihnen Beistand kommen mußte, in Hoffnung desto eher unterstützt zu werden, und je mehr die Wilden sich zerstreuten, mit desto [139] kleinern Haufen streiten zu müssen. Sie stellten sich endlich am Eingange eines dichten Gehölzes auf, wo ein großer, von Alter ganz hohler Baum sie in Schutz nahm. Nach kurzer Zeit sahen sie schon zwei Wild gerade auf sie zu kommen; etwas weiter hin folgten drei, und in noch größerer Entfernung noch fünf andere, die alle den gleichen Weg einschlugen. Auch bemerkten sie noch andere Trupps, die in verschiedenen Richtungen fortzogen, als ob sie Gewild auftreiben wollten. Beide Britten waren unentschlossen, ob sie sich noch weiter zurückziehen oder Stand halten wollten. Die Furcht, daß, wenn sie den Wilden zu viel Zeit liessen, es ihnen doch noch gelingen möchte, die Grotte zu entdecken, entschied sie zur Gegenwehre, und da die zwei nächsten Wilden zur Seite ablenkten, so feuerte der eine auf die drei folgenden, besonders da sie ihren entlaufenen Sklaven unter ihnen erkannten, der auch nebst einem Andern auf der Stelle todt niederfiel; der dritte ward leicht an der Schulter verwundet, aber der Schrecken und der Schmerz machten, daß er mit lautem Heulen zur Erde viel. Die fünf noch Kommenden, mehr über den Knall erstaunt als mit ihrer Gefahr bekannt, blieben sogleich stehen. Der Schuß hatte eine Menge von Geflügel aufgescheucht, das mit vielstimmigem Gekreische verwirrt herumflatterte. Als die Wilden sahen, daß es etwas stiller ward, und unwissend was vorgefallen war, näherten sie sich furchtlos bis zu ihren gefällten Kameraden; hier aber drängten sie sich um sie her, und befragten den Verwundeten, was ihnen denn begegnet sey, ohne zu vermuthen, daß sie im [140] nächsten Augenblicke der gleichen Gefahr bloßgestellt wären. Der andere Britte feuerte nun auch in diesen Haufen, davon Einer tot und Einer verwundet niederfiel; auch die drei Andern stürzten vor Schreck zur Erde, daher die Britten glaubten, sie wären alle getroffen, und waren so unvorsichtig, ohne vorher zu laden, auf ihre Feinde loszugehen, fanden aber zu ihrer großen Bestürzung noch fünf lebend, davon freilich einige, doch nicht schwer, verwundet waren; sie fielen sogleich über sie her und schlugen sie mit den Kolben nieder, ausser einem, der vor ihnen auf die Knie gesunken, und mit bittenden Gebehrden und Worten um Gnade flehte; sie banden ihn mit einem Stricke an den Fuß eines Baumes, luden dann schnell ihre Gewehre, und setzten den zwei Ersten nach, die die Furcht in Lauf gesetzt hatte; sie erblickten solche schon in bedeutender Ferne gegen das Meer zu, was sie sehr beruhigte, denn sie hatten befürchtet, daß sie nach ihrem eigenen Zufluchtsorte fliehen und denselben entdecken möchten. Sie kehrten also nach dem Baume zurück, waren aber nicht wenig verwundert, den gebundenen Wilden nicht mehr zu finden; die Stricke lagen aufgelöset am Boden, und weit umher war kein Wilder zu sehen, so daß sie verlegen waren, wohin sie sich wenden sollten. Die Besorgniß für ihre Weiber entschied sie, erst zu ihrer Höhle zu eilen; auf dem Wege dahin fanden sie Spuren, daß die Wilden bis in die Nähe derselben gekommen waren, doch ohne solche zu entdecken, weil der angepflanzte Wald zu dicht war. Das ferne Feuern hatte die Weiber sehr erschreckt, nun aber beruhigten sie sich [141] desto eher, da auch sieben Spanier zu Hülfe herbeikamen; die zehn andern, mit Freitags Vater und ihren Sklaven, waren zu dem Landhause gegangen, wo sie ihr Vieh und ihre Vorräthe in Sicherheit gebracht hatten, um sie nöthigenfalls zu vertheidigen; die Wilden waren aber nicht bis dahin gekommen, und sie fanden alles in Ordnung. Die beiden Engländer, verstärkt und ermuthigt durch die Ankunft der sieben Spanier, bei denen sich auch der an sie abgeschickte Sklave und der durch sie an den Baum gebundene Wilde befanden, ließen diesen wie der binden, und durch zwei Spanier nach der Höhle abführen und daselbst bewachen, giengen dann mit den fünf Uebrigen weiter, um die Wilden zu verfolgen, denn es galt jetzt Krieg auf Ausrottung derselben. Als sie jenen Hügel erreicht hatten, wo sie noch ihre abgebrannten Hütten rauchen sahen, aber keine Wilde entdeckten, giengen sie weiter vorwärts, wo sie die See und Küste sehen konnten, und bemerkten, daß die Wilden sich eiligst in ihre Kähne warfen, um die ihnen so gefährliche Insel zu verlassen, dessen jene höchst erfreut waren. Zwei Tage nachher entdeckten wir drei an der Küste gestrandete Kähne, und zwei ertrunkene Wilde, woraus wir folgerten, daß, wo nicht alle, doch die meisten der Feinde zu Grunde gegangen wären, was freilich das Beste gewesen seyn würde, weil auch nur wenige der Geretteten ihre Landleute zu einer neuen Unternehmung antreiben konnten, obwohl, da der erste entwichene Sklave gleich zu Anfang erschossen worden, und sie, soviel bekannt, keinen der Kolonisten erblickt hatten, [142] so konnten sie das Wenige, was jener ihnen erzählte, bezweifeln, und die Lage der Insel im Innern nur sehr unvollkommen beurtheilen.

Die beiden unglücklichen Britten, nun auf's Neue des Ihrigen beraubt, erhielten nicht nur von uns, sondern selbst von den ihnen sonst so feindseligen Landsleuten alle mögliche Hülfe und Unterstützung, so daß in wenigen Tagen ihre Hütten hergestellt, und sie im Stande waren, durch eigene Anstrengung ihren Zustand zu verbessern. Leider war diese Hoffnung von kurzer Dauer, denn noch fünf oder sechs Monaten sah man eine Flotte von achtundzwanzig Pirogen voll Wilder daher rudern, welche mit Bogen, Pfeilen, Wurfspießen, hölzernen Säbeln und Keulen bewaffnet waren; sie landeten an der Nordküste, und liefen in die Mündung des östlichern Flusses hinein; und ihre Menge belief sich auf wenigstens 250 Köpfe, so daß die ganze Kolonie in Furcht und Schrecken versetzt wurde. Es war ein Glück, daß die Landung des Abends und mehr als zwei Stunden von den nächsten Wohnungen, nämlich die der beiden Engländer, geschah, so daß die Kolonisten Zeit gewannen, die nöthigsten Sicherheitsanstalten zu treffen. Diese bestanden jetzt, mehr noch als das vorige Mal, darin, sich so verborgen als möglich zu halten. Demzufolge brachen sie die kaum neuerbauten Hütten ab, weil es mehr als wahrscheinlich war, daß die Wilden, welche keine andern Spuren von Wohnsitzen als diese kannten, wiederum dahin kommen, und das vorige Spiel erneuern würden. Vieh und Geräthe wurden nach der Höhle gebracht, wo sich [143] alle Kolonisten bewaffnet versammelten und beratschlagten, nachdem auch die andern Engländer und Spanier ihr Vieh theils nach dem Landhause, theils in die Grotte des Thals, theils auch zwischen die Einbägungen der Burg gebracht hatten, um, wenn auch ein Theil verloren gehen, doch der andere gerettet werden könnte. Der Erfolg bewies, daß sie richtig geurtheilt hatten, denn der ganze Haufe Wilder rückte in vielen kleinen Abtheilungen, ohne die geringste Ordnung, gegen jene Hütten vor.

Dieser bedeutenden Anzahl Barbaren hatte die Kolonie nur eine unverhältnißmäßig geringe entgegen zu stellen; sie bestand aus 17 Spaniern, 5 Britten, Freitags Vater, 4 Sklaven, welche mit den drei Engländern und den Weibern angekommen waren, und sich bisher treu bezeigt hatten, und endlich 3 andere Wilde, die man bei dem vorigen Angriffe gefangen hatte, und die seither den Spaniern als Sklaven dienen mußten; also im Ganzen 30 Mann gegen 250. Hierzu sind noch zwei Weiber zu zählen, die sich nicht wollten abhalten lassen, mitzukämpfen. An Waffen hatten wir eben so wenig Ueberfluß. Sie bestanden in 12 Musketen, 3 Jagdflinten, 5 Gewehren, die man zu Anfang den Britten abgenommen hatte, 5 Pistolen, 2 Säbeln und 3 alten Halparten, in allem 30 Stücke. Freilich konnte man noch die Aexte und andere Werkzeuge dazu zählen, und zur Verteidigung gebrauchen, so wie einige hölzerne Säbel, Bogen und Pfeile, die die Wilden zurückgelassen. Die Europäer behielten die Feuergewehre für sich; jeder nahm auch eine Axt, [144] und gab auch jedem Sklaven und den beiden Weibern eine, nebst den Bogen und Pfeilen. Ich war Oberbefehlshaber, und Atkins, obwohl sonst ein Erzbösewicht, befehligte unter mir, denn er war tapfer, klug, unternehmend, und leistete bei dieser Gelegenheit die größten Dienste. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem Gebüsche postirt. Auch die Uebrigen waren bis gegen den Rand des Waldes vorgerückt und durch Gesträuche verdeckt.

Eine Art Vortrupp zerstreuter Wilder, gegen 50 Mann stark, rückte gegen den Wald vor, ohne etwas Feindliches zu bemerken. In einiger Entfernung folgten die übrigen, und bildeten nach und nach einen dichten Haufen. Nachdem jene vorbei und entfernt waren, ließ Atkins drei seiner Leute, die, wie Alle, ihre Gewehre mit mehrern Kugeln geladen hatten, auf den gedrängten Haufen feuern; die Zahl der Getödteten und Verwundeten war sehr bedeutend, und der Schrecken unbeschreiblich über das eben so unbekannte, als unerwartete Getöse. Aber ohne sie zu sich selbst kommen zu lassen, feuerten die drei Andern gleichfalls in das verwirrte Gedränge und mit ähnlichem Erfolge, und da die drei Ersten sogleich wieder geladen, wie auch die Letztern thaten, so feuerten jene noch einmal, und wechselten so einige Mal mit diesen ab. Zum Unglück war der große Haufen der Spani er zu entfernt, um den Vortrab zu unterstützen, denn hätten sie Alle vereint gefeuert, so wären wahrscheinlich die Feinde in kurzer Zeit alle aufgerieben worden. Das Wiederladen der Gewehre mit mehrern Kugeln nahm Zeit weg, und nur drei Schüsse [145] jedesmal war nicht hinlänglich, um eine so große Menge zu überwältigen, ehe die Kolonisten entdeckt wurden. Die Wilden des Vortrupps kamen auf das Knallen der Gewehre und den Tumult der Ihrigen zurück, und entdeckten Jene, die, statt sich, wie ihnen befohlen war, auf den Haupttrupp zurückziehen, immer fort feuerten, ohne die zurückkehrenden Wilden zu bemerken, die, sobald sie sahen, daß sie mit bloßen Menschen und nicht mit blitzenden Göttern zu streiten hatten, auch sogleich mit Bogen und Pfeilen selbige angriffen, so daß in Kurzem ein Spanier und ein Britte getödtet und Atkins verwundet wurde; auch einer der Sklaven, der mehrere Wilde erschlagen hatte, ward erschossen, dergestalt, daß Atkins nur noch drei Streiter bei sich hatte. Das nun ausser diesem Angriff von der Seite der große Haufe von vorn her eindrang, so zogen die Kolonisten auf ihre Hauptmacht, und nachdem diese mehrmals gefeuert hatten, mit dieser zugleich noch weiter zurück, da sie dem Andrang nicht zu widerstehen vermochten, und postirten sich auf einem Hügel im Walde, wo sie durch Gesträuch geschirmt waren, und dennoch mit Vortheil feuern konnten. Als sich jene zurückzogen, hatten sie ihre Todten liegen lassen. Die Wilden fielen wüthend über selbige her, zerstümmelten sie auf's abscheulichste; sie glaubten auch bereits einen vollständigen Sieg erfochten zu haben, begnügten sich ihnen wolkendicht Pfeile nachzuschicken, ohne sie zu verfolgen, bildeten einen Kreis und stießen zweimal ihr Siegesgeschrei in die Luft. Aber die Freude über ihren Sieg verminderte sich gar bald, als immer mehr [146] und mehr ihrer Verwundeten am Blutverlust dahin starben. Unter diesen Umständen war die Nacht eingebrochen, die jedoch durch Mondschein ziemlich hell war. Die Wilden schienen jeder weiteren Absicht unbewußt und unfähig zu seyn, und liefen in größter Verwirrung umher, ohne sich weit von ihren Verwundeten und Todten zu entfernen. Atkins hatte, obschon verwundet, sogleich nach ihrer Vereinigung mit dem Haupttrupp, darauf gedrungen, unverzüglich über die Wilden mit vereinigten Kräften herzufallen. Ich fand es aber besser, die Nacht zu erwarten, weil diese unsere geringe Anzahl verbergen, und durch gleichzeitige Angriffe von verschiedenen Seiten uns einen Anschein von Uebermacht geben konnte. Als nun die Nacht eingebrochen, theilten wir uns in drei Haufen, jeder von 8 und 6 Mann. Der eine umgieng die Wildenwestwärts, der andere gegen Süd, während der Haupttrupp von vorn her ganz nahe auf sie eindrang; und ehe wir noch bemerkt wurden, gab der erste derselben Feuer, dessen Wirkung schrecklich war. Die andern beiden Trupps feuerten ebenfalls nach einigen Augenblicken, und so fuhren sie abwechselnd fort, während der eine feuerte, luden die andern wieder, und überschütteten die Feinde mit Kugeln und Schroot, so daß eine große Menge derselben todt oder verwundet umherlagen, die Uebrigen aber dergestalt in Schrecken und Verwirrung verzweifelnd herumliefen, nicht wissend, wohin sie sich retten sollten, und die Gegend mit ihrem Geheul erfüllten. Jetzt glaubten die Kolonisten sey die rechte Zeit über sie herzufallen, und drangen von drei Seiten mit lautem [147] Feldgeschrei auf die Wilden ein. So lange diese nur das Feuer gesehen und gehört hatten, das im Dunkeln weit schrecklicher schien, wußten sie nicht, gegen wen sie streiten sollten; da nun aber die Kolonisten sichtbar wurden, ermuthigten sich jene, und schlugen tapfer mit Keulen und hölzernen Säbeln auf ihre Feinde los, schossen auch wieder mit Pfeilen, so daß mehrere Kolonisten und auch Freitags Vater verwundet wurden, aber der Verlust der Feinde, der über 180 betrug, verbreitete dennoch einen solchen Schrecken unter ihnen, daß ihr Widerstand nur kurz war, denn die Kolonisten erschlugen fortwährend eine Menge mit den Gewehrkolben, Säbeln und Aexten, und feuerten auch dazwischen, so daß die Flucht bald allgemein auf allen Seiten sich ausdehnte, weil sich Jeder durch schnellen Lauf zu retten suchte. Natürlich suchten sie an den Strand zu gelangen, wo ihre Kähne lagen, die sie auch, theils durch Umwege, theils geradezu erreichten, da die Kolonisten zu sehr abgemattet waren, um sie zu verfolgen, aber ein heftiger Wind, der eine starke Brandung gegen die Küste verursachte, setzte ihrer Abfahrt ein unübersteigliches Hinderniß entgegen, denn die steigende Fluth hatte ihre Kähne theils so hoch auf den Strand geworfen, daß sie nicht ohne unsägliche Mühe wieder flott gemacht werden konnten, theils wurden sie an einander oder an den Felsen zertrümmert. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch gegen 90 Mann belaufen mochten, auf einen Haufen, das Kinn auf die Kniee und den Kopf auf die Hände gestützt, [148] ohne Bewußtsein, wie sie sich aus ihrer bedrängten Lage ziehen könnten.

Die Kolonisten benutzten, ihres Sieges froh, die Flucht ihrer Feinde, um sich durch Speise, Trank und Ruhe etwas zu erholen, und entschloßen sich, nach kurzer Berathung, an die Küste vorzugehen, wo die Feinde gelandet und sich nun wahrscheinlich hingezogen hatten. Ihr Weg führte sie über die Gegend, wo der heftigste Kampf vorgefallen, und noch viele Verwundete umherlagen, deren Aechzen und Stöhnen sie mit Mitleid erfüllte. Da aber keine Hoffnung zu ihrer Rettung war, so machten sich die Sklaven über sie her, und schlugen sie mit Aexten völlig todt, um ihren Leiden ein Ende zu machen. Als sie sich den Feinden auf zwei, drei Schußweiten genähert hatten, ließ ich zwei Flintenschüsse ohne Kugeln abfeuern, um zu erproben, was die Wilden beginnen würden, und dem zufolge meine fernern Entschlüsse zu nehmen. Gleich bei'm ersten Schusse erhoben sie sich mit großem Geschrei, und flüchteten in die Wälder mit größter Schnelligkeit. Die Kolonisten hätten freilich lieber gesehen, daß der Wind sich gelegt oder gegen die See gewendet hätte, um die Flucht der Wilden zu begünstigen. Aber Atkins, der ungeachtet seiner Wunde immer thätig geblieben war, behauptete, man müsse den Zufall benutzen, um die Wilden von ihren Fahrzeugen abzuschneiden, diese zerstören und dadurch verhindern, daß auch nur Einer sein Land wieder erreiche, um mit neuen und zahlreichen Verstärkungen zurückzukommen, denen die Kolonie endlich unterliegen müßte. Einige wendeten [149] zwar ein: Die Wilden würden im Lande herumschwärmen, die Pflanzungen zerstören, die Heerden vernichten, und um dies zu verhüten, würde man Tag und Nacht wachen, auf die Wilden Jagd machen, und sie aufreiben müssen, statt die nöthigen Landarbeiten zu verrichten. Aber Atkins erwiederte: es sey, besser, mit Hunderten als mit Tausenden zu streiten, und dies schien so einleuchtend und entscheidend, daß einstimmig der Entschluß genommen ward, die Boote der Feinde zu verbrennen, was auch sogleich geschah. Als die Wilden dies sahen, liefen viele derselben mit kläglichem Geheule herbei, fielen auf die Kniee, und rangen die Hände; und ob man gleich ihre Worte nicht verstehen konnte, so war doch aus ihrer bittenden Stellung leicht der Schluß zu ziehen, daß sie um die Erhaltung ihrer Kähne und die Erlaubniß flehten, in ihr Land zurückkehren zu dürfen. Aber die Kolonisten waren zu sehr von der Nothwendigkeit überzeugt, ihren Vorsatz vollziehen zu müssen, und ruhten nicht, bis der letzte Kahn vernichtet war. Die Wilden verdoppelten ihr Jammergeheule, und liefen im Wahnsinn der Verzweiflung umher. So gelangten sie zufällig zu dem Landhause, das sie von Grund aus zerstörten, die Vorräthe vernichteten, die Erndte verheerten, die dorthin gebrachten Ziegen tödteten, ohne das Geringste davon zu ihrem Nutzen und Unterhalt zu verwenden. Zum Glück hatten sie die übrigen Wohnstätten nicht entdeckt.

Aber die Möglichkeit, daß es noch geschehen könnte, setzte die Kolonisten in die größte Verlegenheit. In den ersten Tagen verfolgten sie die Wilden, die zwar ihre [150] Waffen verloren hatten, sich aber zu zwei und drei vereinzelten, und durch die Schnelligkeit ihrer Füße leicht in die Wälder entschlüpften, da sie bemerkten, daß die Kolonisten den größern Haufen vorzüglich nachsetzten, und mehrere töteten. Der Zustand der Wilden war höchst beklagenswerth, aber die Kolonie war ebenfalls in völliger Zerrüttung, da ein Theil der Erndte, der Vorräthe und des Viehes vernichtet war, und die Feldarbeiten ganz vernachläßigt bleiben mußten. Ihr gegenwärtiger Zustand war weit ungünstiger als der Ihrige zu der Zeit war, als Sie schon gesäet, geerndtet und Ziegen erzogen hatten, obwohl Sie allein und keines Feindes bewußt waren. Die Kolonisten waren freilich nicht allein, sondern ihrer mehrere, hatten aber auch eine größere Anzahl Feinde, von denen sie alles Unheil zu erwarten hatten. Wie berathschlagten oft über die Art, wie unsere Lage zu einem endlich günstigen Ausgange zu bringen sey. Auf diese Art verliefen einige Wochen, während dem sich die Wilden vom Landhause immer mehr westwärts zurückzogen, und täglich sich verminderten, das sie von Hunger und Elend aufgerieben wurden. Die Kolonisten entschlossen sich, jene ganz in die Felsengebirge der südwestlichen Gegend hinzudrängen, um ihnen alle Gemeinschaft mit den allfällig landenden neuen Ankömmlingen abzuschneiden, und die Uebrigbleibenden wo möglich zu unterwerfen, und zu einem gewissen Grade von Civilisation zu bringen, damit sie sich durch den Anbau eines ihnen zu überlassenden Landstriches auf eine angemessene Art erhalten, und eines glücklichern Daseyns geniessen möchten, als vorher.

[151] Das geeignetste Mittel hierzu schien zu seyn, einen oder ein paar Gefangene zu machen, sie durch ihre Sklaven, die sich so treu bewiesen hatten, von den Absichten der Kolonisten unterrichten, und ihn dann wieder zu seinen Landleuten gehen zu lassen, um ihnen alles mitzutheilen, damit endlich zwischen beiden Theilen eine Uebereinkunft getroffen werden könne, wodurch die Ruhe der Kolonie und das Leben der Wilden gesichert würde. Um diesen meinen Vorschlag zu vollziehen, bedurfte es geraumer Zeit, denn die Wilden waren so scheu geworden, daß das geringste Geräusche sie in die unzugänglichsten Gegenden trieb. Endlich konnte man sich Eines derselben bemächtigen, der aber so furchtsam und erschrocken war, daß er anfangs weder essen noch trinken, noch auf das Zureden der Sklaven antworten wollte, bis er endlich, erst nach mehrern Tagen, durch die gütige Behandlung sich nach und nach beruhigte und erholte. Besonders gelang es Freitags Vater, der natürlich am meisten in den europäischen Sitten gefördert war, den Wilden zum Verständniß zu bringen und ihn zu überzeugen, daß man keine andere Absicht habe, als nicht nur ihm, sondern auch allen seinen Gefährten das Leben zu erhalten, ihnen einen Bezirk dieser Insel unter billigen Bedingnissen zu übergeben, und daß man ihnen, bis zu der Zeit wo sie so weit ge kommen wären, sich selbst zu erhalten, Lebensmittel, Sämereien, Werkzeuge, kurz alles Benöthigte liefern werde. Mit diesen Anerbietungen sandte man ihn an die Seinigen ab, mit dem Beifügen, daß, wenn sie in einer bestimmten Zeit selbige nicht annehmen würden, man gezwungen wäre, sie bis [152] auf den letzten Mann aufzureiben. Freilich war diese Drohung ein Zwangsmittel, aber bei solchen Menschen unvermeidlich, und zielte zu ihrem eigenen Besten. Sie waren sehr gedemüthigt und bis auf einige dreißig Köpfe vermindert; sie nahmen die Vorschläge und Bedingnisse willig an, und baten vorerst nur um Lebensmittel, die man ihnen auch sogleich verabfolgen ließ.Freitags Vater und drei Sklaven trugen ihnen Brod, Reiskuchen und Ziegenfleisch zu. Zehn Spanier und zwei Engländer, wohlbewaffnet, begleiteten sie dahin, wo die Wilden sich jetzt befanden. Man befahl ihnen, sich am Fuße eines Hügels zu setzen, um mit einander zu speisen, was sie denn auch mit gutem Appetit und vieler Erkenntlichkeit thaten.

Nachdem sie hinlänglich gesättigt waren, machte man ihnen die Bedingnisse bekannt, unter welchen man sie dulden und unterstützen werde. Nämlich für die bereits versprochenen Vortheile mußten sie sich verpflichten: 1) Den ihnen angewiesenen Bezirk ohne Erlaubniß nie zu verlassen; 2) die Wohnungen, Pflanzungen, Werkzeuge und Heerden der Kolonisten nie zu beschädigen oder zu entwenden; 3) wenn Letztere ihre Hülfe verlangten, solche unweigerlich zu leisten; 4) wenn sie andere Wilde entdeckten, sich in's Innerste ihrer Wohnungen zurückzuziehen, ohne mit jenen zu sprechen; 5) an einem bezeichneten Orte ein verabredetes Zeichen aufzustellen, daß Wilde gelandet seyen, oder daß sie selbst Hülfe oder Rath bedürften, die man ihnen dann auch nicht verweigern werde. Sie zeigten sich in der Folge als sehr gewissenhafte Beobachter dieser Bedingungen. [153] Sobald dies berichtigt war, führte man sie durch eine Schlucht der südlichen Gebirgskette ungefähr eine Wegstunde vom Landhause in ein von allen Seiten von Felsen umgebenes, fruchtbares Thal, das drei bis vier englische Meilen lang und anderthalb breit war. Man half ihnen sogleich eine hinlängliche Anzahl Hütten bauen, unterrichtete sie dann, die Ziegen zu melken, Brod zu backen, das Feld zu bestellen, Werkzeuge verfertigen, als Schaufeln, Körbe u. dgl., kurz alles was ihnen nützlich war. Man beschenkte sie mit zwölf Aexten, fünf Messern, einem Dutzend Ziegen, einigen Böcken und etwas Hausrath. So fiengen sie an, recht ordentlich sich einzurichten, und nach und nach in ihre Lage zu schicken; sie lebten friedlich unter sich, und arbeitsamer als sonst Wilde zu werden pflegen. Es fehlte ihnen nur an Weibern, um bald ein glückliches Völkchen zu bilden.

Nachdem dieser Krieg beendigt und diese neue Ansiedelung eingerichtet war, blieb die Kolonie in ungestörtem Frieden, bis zu meiner Ankunft, welche zwei Jahre nachher erfolgte. Zwar landeten von Zeit zu Zeit Kähne mit Wilden, um ihre Siegesmahlzeiten zu halten, aber ohne sich weiter um das ihnen unbekannte Innere der Insel zu bekümmern, da ihnen das Schicksal ihrer verunglückten Landsleute unbekannt geblieben, oder sie selbst von andern Stämmen waren, die von der ganzen Unternehmung nichts wußten.«

Neunundzwanzigster Abschnitt

[154] Neunundzwanzigster Abschnitt.

Robinsons fernerer Aufenthalt auf der Insel.


Dies wäre die Darstellung der Geschichte und des Zustandes meiner lieben Insel. Die Kolonie war in gutem Fortschreiten, und besonders die Indianer hatten einen bedeutenden Grad von Sittlichung erreicht, denn die europäischen Kolonisten behandelten sie fortwährend mit vieler Güte, und nur die Besorgniß eines möglichen Verraths, wenn andere Wilde landen und sich mit ihnen vereinigen sollten, war Ursache, daß jene auf der fortdauernden Einschränkung auf den angewiesenen Bezirk bestanden, da den Wilden der übrige Theil der Insel und die Stärke ihrer Bevölkerung unbekannt war.

Unter den mancherlei Kunstfertigkeiten, die man die Indianer gelehrt hatte, war auch das Korbflechten, in welchem sie es aber bald ihren Lehrern zuvorthaten. Es ist bekannt, daß unter vielen der neuentdeckten Völker das Korbflechten zu einer so großen Vollkommenheit gebracht ist, daß ihr Geflecht sogar Flüssigkeiten zu halten vermag. So weit hatten es diese Indianer zwar nicht gebracht, wendeten aber das Flechten auf vielerlei Bedürfnisse an, auf welche die Kolonisten von selbst nicht verfallen wären. So machten sie geflochtene Tische, Stühle, Schränke, Betten, Vogelbauer, Siebe u. dgl. mehr, alles mit der größten Solidität, Nettigkeit und zu großer Bequemlichkeit.

[155] Meine Ankunft war diesen Wilden sowohl als den übrigen Kolonisten von größtem Nutzen, da ich ihnen zum Behuf ihrer Arbeiten eine Menge Werkzeuge brachte, als Messer, Scheeren, Nadeln, Zwirn, Drechsler-, Schreiner-, Zimmermanns- und andere Werkzeuge, wodurch sie nicht nur in Stand gesetzt wurden, ihre Arbeiten leichter und besser zu verfertigen, sondern auch auf neue Gegenstände auszudehnen; so machten sie z.B. die Wände ihrer Hütten und die innern Abtheilungen von Flechtwerk, was ihnen in vielerlei Rücksichten, als für die Reinlichkeit und gegen die Hitze und Insekten nützlich und angenehm war. Die Kolonisten, besonders die Engländer, ahmten ihnen hierin nach, und ihre Hütten waren bei meiner Ankunft ganz von Flechtarbeit gemacht, vorzüglich war die des Atkins eine wahre Kuriosität, und hatte einen Umfang von mehr als 120 Schritten und zweiunddreißig Unterabtheilungen, von denen die innerste ein Achteck bildete, und weit stärker als die Umgebungen war. Ueberhaupt zeigte dieser sonst so abscheuliche Bösewicht, dem nichts heilig schien, und dessen Neigungen nur auf Zerstörung des Vorhandenen gerichtet waren, seit seiner Verheirathung, und seitdem er für sich selbst arbeitete, eine mildere Gemüthsart. Seine unaufhörliche Beweglichkeit und Unruhe, die sonst auf Alles und auf Nichts abzweckten, schien nun einen Ruhepunkt und eine Laufbahn gefunden zu haben, wo sie sich nützlich beschäftigen konnten. Sein Erfindungsgeist und sein Kunstfleiß befaßte sich mit Dingen, die ihm vorher ganz fremd und unbekannt gewesen waren. So z.B machte [156] er sich eine Feueresse, mit doppeltem Blasebalg, einen Ambos, wozu er das Eisen eines Hebels verwendete; auch brannte er Kohlen, und gelangte durch diese Einrichtung in den Stand, sich Nägel, Klammern, Hacken, Bolzen, Riegel, und sogar Schlösser und Schlüssel zu verfertigen. Es würde zu weitläufig seyn, eine umständliche Beschreibung seines geflochtenen Palastes zu machen. Natürlich bestanden die Winkel und Ecken aus starken Pfosten, und die innern Abtheilungen waren durch Flechtwerk abgesordert, das ganze Gebäude mit großen Palmblättern mehrfach gedeckt, so daß es gegen Regen, Wind und Hitze völlig gesichert war. Hier wohnte Atkins und sein Gefährte mit ihren Weibern und Kindern, und die Wittwe seines dritten Kameraden, der in dem großen Gefecht mit den Wilden getödtet, und eben derjenige gewesen war, der einst alle Spanier umzubringen gedroht, und den armen Sklaven mit der Axt so schwer verwundet hatte. Hier hatte er nun seinen verdienten Lohn empfangen, und seine Wittwe mit drei Kindern hinterlassen, welche Atkins, sein Gefährte und ihre Familien menschenfreundlich behandelten, und mit allen Bedürfnissen versahen. Aber ungeachtet der an diesem Gebäude angebrachten künstlichen Einrichtungen waren doch die beiden andern Engländer in der Hauptsache, nämlich im Landbau und in ihrer Lebensart, viel weiter gefördert und daher glücklicher als jene. Höchst merkwürdig ist es aber, daß sowohl diese zwei als die beiden andern nicht das geringste Zeichen von Religion äusserten, es wäre denn, daß ein nicht seltenes God damn, nach Matrosenart, [157] dafür gelten müßte. Sie besaßen kein Gefühl oder Kenntniß der christlichen Religion, und ihre Weiber und Kinder waren eben so unwissend. Nur die englische Sprache, wozu die Noth sie zwang, hatten sie ihnen nebst dem, was zum Hauswesen gehörte, gelehrt. Als ich auf der Insel anlangte, belief sich die Gesammtzahl der Kinder auf zwanzig, von denen keines mehr als sechs Jahre alt war, denn es waren kaum sieben, daß die drei Engländer ihre Weiber auf die Insel gebracht hatten. Letztere waren sämmtlich von sanfter Gemüthsart, und daher äusserst gehorsam gegen ihre Männer, dienstfertig unter einander, milde gegen die Kinder und thätig in allen ihren Verrichtungen. Es fehlte ihnen bloß an christlichem Unterricht.

Ich sah die Burg noch immer als die Hauptniederlassung auf der Insel, und die Spanier für den Hauptstamm der Kolonie an, und ihre Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Religiosität rechtfertigten die Vorliebe, die ich für sie fühlte. Daher wohnte ich auch bei ihnen, und wenn ich des Abends von meinen Wanderungen in die Burg zurückkam, so plauderten wir bis tief in die Nacht von unsern Schicksalen und Begegnissen. So verlangte ich einst zu vernehmen, wie sie zu den Wilden gekommen waren, von wo ich sie abholen ließ. Das erzählte mir Don Gusman kürzlich Folgendes:

Wir wurden unglücklicherweise an eine Insel geworfen, die von einem sehr armen, mit Lebensmitteln nur spärlich versehenen Volke bewohnt war. Wären wir von unserm Unglück nicht so betäubt und niedergeschlagen [158] gewesen, so würden wir ohne längern Aufenthalt weiter gefahren und an eine andere Insel gelangt seyn, wo wir wahrscheinlich Früchte, Fische und Ziegen in hinlänglicher Menge gefunden hätten, sowohl um unser Leben zu fristen, als unser Boot mit genugsamem Vorrath zu versehen, um Trinidad zu erreichen, von wo uns auf jene Insel Ziegen und Schweine waren gebracht worden; statt dessen blieben wir so lange bei jener Völkerschaft, bis uns kein Mittel übrig blieb, weiter zu kommen. Oft erhielten wir kaum so viel Wurzeln oder Kräuter, die nur der Mangel eßbar machte, um nicht Hungers zu sterben. Diese Wilden waren träge, und nur die Noth trieb sie an, dergleichen zu suchen, oder zu fischen; dagegen aber waren sie weniger grausam als die übrigen Stämme an diesen Küsten. Wir hofften daher, sie durch Unterricht und Beispiel zu gesitteten Menschen, zu Christen zu bilden; sie fanden es aber sonderbar, daß Fremdlinge, die, ohne sie, sich nicht zu nähren vermochten, sie schulmeistern wollten. Sie verlangten vielmehr, daß wir, aus Erkenntlichkeit für das, was sie an uns thaten, ihnen in ihren Kriegen gegen ihre Feinde beistehen sollten, was wir denn auch nicht verweigerten, obschon unsere Feuergewehre, wegen Mangel an Pulfer, beinahe unnütze und wir dem Pfeilregen ohne Vertheidigung ausgesetzt waren, bis es zum Handgemenge kam; dann aber bedienten wir uns unserer Flinten, in welche wir spitzige Stäbe von hartem Holz, statt der Bajonette, gesteckt hatten, mit Vortheil; auch waren uns drei Helleparten geblieben, so daß es uns gelang, in die Feinde zu dringen, [159] und sie in die Flucht zu treiben. Dennoch wurden einst Fünf von uns mit Keulen zu Boden geschlagen, davon ich einer war, und gefangen weggeführt, aber durch Sie gerettet wurde. Da dies aber den Uebrigen unbekannt blieb, so bedauerten sie mich als todt; desto größer war nachher ihre Freude, als sie mich mitFreitags Vater ankommen sahen, der ihnen Lebensmittel, einige Waffen, besonders aber die Hoffnung brachte, aus ihrer peinlichen Lage gerettet zu werden. Das Brod, dessen sie so lange entbehrt hatten, schien ihnen eine wahre Götterkost, und die Aussicht auf die nahe Befreiung brachte sie vor Freude fast zum Wahnsinn; denn der Mensch vermag sie weit weniger zu ertragen als Leiden.

Nachdem ich nun erzählt, wie ich die Kolonie bei meiner Ankunft gefunden, folgt nun der Zustand, in welchem ich sie verließ. Es lag gar nicht in meiner Absicht, jemand von den Kolonisten von der Insel zu entfernen, da es die übrigen zu sehr hätte schmerzen müssen, in verminderter Anzahl zurückzubleiben. Ich erklärte ihnen vielmehr, daß ich große Auslagen gemacht, um der Kolonie mehr Wohlstand und Sicherheit zu verschaffen, und statt sie zu vermindern, ich mehrere neue Kolonisten mitgebracht hätte, um ihre Anzahl zu vermehren, und durch ihre Künste ihnen eine Menge nützlicher Dinge, die ihnen bisher gemangelt, zu verfertigen.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft gab ich ihnen eine große Mahlzeit, zu deren Zubereitung der Schiffskoch mit seinen Gehülfen an's Land kommen mußte, um eine hinlängliche Menge von Speisen auftischen zu [160] können, wozu ich Rind- und Schweinefleisch nebst vielen andern Vorräthen, die Kolonisten hingegen fünf junge Ziegen lieferten, um der Schiffsmannschaft frisches Fleisch, daran sie schon seit langem Mangel litt, zu essen zu geben. Auch bewirthete ich meine Gäste mit zehn Flaschen Franzwein, eben so vielen englisches Bier und überdies noch Punsch, so daß wir Alle, so wohl am Lande, als an Bord, recht fröhlich waren.

Während der Mahlzeit ward natürlich vielerlei gesprochen, sowohl von ihren Gefechten mit den Wilden, als von ihren Zwistigkeiten unter sich, und der seit einiger Zeit erfolgten Versöhnung. Ich ermahnte sie mit Herzlichkeit und Ernst, sich nie wieder zu entzweien, sondern in guter Eintracht, worin ihr Glück und ihre Stärke bestehe, zu leben. Atkins erwiederte hierauf: daß er nichts mehr wünsche, und sich gern zu aller Freundschaft und gegenseitiger Dienstleistung verpflichte. Die Spanier erklärten: »Da Atkins durch sein kluges und tapferes Benehmen bei dem Angriff der Wilden sich um die Kolonie verdient gemacht, und durch sein bisheriges Betragen ihre Achtung erworben habe, so seye an das Vorhergegangene nicht mehr zu denken, und sie würden es sich zur Pflicht machen, Friede und Freundschaft zu unterhalten, und alles zum Wohl der Kolonie beizutragen.« Nach diesen, mir höchst angenehmen Erklärungen, schritt ich, nach vollendeter Mahlzeit, zur Vertheilung der mitgebrachten Geschenke. Ich fieng damit an, den Kolonisten die neuen Ankömmlinge vorzustellen, die ich mitgebracht hatte, unter welchen der Schneider, der Schlosser, die zwei Zimmerleute, [161] und vorzüglich der geschickte Künstler ihnen sehr willkommen waren. Der Schneider machte noch am nämlichen Tage alle nöthigen Vorbereitungen, um gleich am folgenden sein Geschäft anzufangen, und den guten Menschen, die dessen so lange entbehrt hatten, vorerst Hemden und dann die übrigen Kleider zu machen, wobei er die Weiber anlernte, um ihm helfen zu können, worin sie dann schnelle Fortschritte machten. Als die Zimmerleute und der Künstler Atkins Wohnung besahen, erklärten sie, daß dieser Mann ihrer Hülfe gar nicht bedürfe, es fehle ihm nichts alsWerkzeuge. Dies gab mir Anlaß, jetzt sogleich die mitgebrachten zu vertheilen, so daß jeder Kolonist eine Hacke, eine Schaufel, einen Rechen und ein Beil erhielt. Ausserdem ließ ich sie so viel Messer, Scheeren, Nähnadeln, Nägel und anderes kleines Eisenwerk nach Gutbefinden nehmen, da ich überzeugt war, daß sie solche nicht muthwillig vergeuden oder verderben würden. Jede besondere Kolonie bekam überdies noch eine Axt, einen eisernen Hebel und einige Schaufeln. Alles Uebrige, nebst Waffen und Munition, ward in das allgemeine Magazin in der Burg gebracht, woraus sich Jeder, mit Elaubniß des Gouverneurs, versehen konnte, und dieser Vorrath war so ansehnlich, daß sie im Stande waren, dem zahlreichsten Angriff zu widerstehen, indem sie doppelt und dreifach bewaffnet auftreten konnten. Es wäre unmöglich, den Eindruck und das Entzücken der Kolonisten bei dem Anblick dieser reichen und nützlichen Vorräthe auszudrücken. Sie dankten mir mit Freudenthränen in den Augen, nannten mich ihren Vater, Wohlthäter [162] und Retter, und versicherten mich, die Insel ohne meine Einwilligung nie zu verlassen, da ich in einer so großen Entfernung an sie und ihr Wohlseyn gedacht hätte.

Als ich die verschiedenen Niederlassungen auf der Insel besuchte, begleiteten mich, nebst meinem Neffen, dem Geistlichen und den Professionisten, auch der junge Mann, dessen Mutter auf dem Schiffe vor Hunger gestorben war, und seine Magd, welche ein artiges, sittsames Mädchen war. Als diese Beiden den aufblühenden Wohlstand der Kolonie bemerkten, und zugleich bedachten, daß sie in Europa völlig unbekannt waren, und in Ostindien nicht das Geringste zu suchen oder zu erwarten hatten, so baten sie mich, ihnen zu erlauben, auf dieser Insel zu bleiben, und der Kolonie mit gleichen Rechten, wie die Uebrigen, einverleibt zu werden, was ich ihnen herzlich gern bewilligte, ihnen sogleich ein gutes, hinlängliches Erdreich anwies, und durch die Zimmerleute in der Nachbarschaft der beiden Engländer, mit Hülfe der meisten Kolonisten, eine Wohnung errichten ließ, die nach Art derjenigen des Atkins geflochten und in wenigen Tagen vollendet war.

Die Burg war und blieb der Hauptort der Insel, und war, wie schon gesagt, von den Spaniern, von Freitags Vater und den ersten Sklaven bewohnt; ihnen gehörte auch das Landhaus und die Thalgrotte, wohin ein großer Theil der Vorräthe gebracht, und sie zum allgemeinen Magazin gemacht wurde. Auf diese Weise schien mir nun meine Insel im besten Zustande, und nichts zu wünschen übrig zu seyn. Aber der fanzösische [163] Geistliche war anderer Meinung. Wir hatten schon auf dem Schiffe und auch bei unsern Spaziergängen auf der Insel, über religiöse Gegenstände gesprochen, und ich hatte in ihm einen aufgeklärten, wohldenkenden und toleranten Mann gefunden. Als wir von dem Besuche bei Atkins allein zurückkamen, benutzte er diese Gelegenheit, als wir allein waren, und sagte: »Er habe schon seit einigen Tagen gewünscht, mit mir über wichtige Dinge zu sprechen. Er hatte mich, obwohl von einer andern Confession, als einen religiös denkenden Mann erkannt, und sey daher nicht wenig verwundert zu sehen, daß ich auf gewisse Mängel gar nicht zu achten scheine, die doch offenbar genug wären.« Und welche sind denn diese Mängel? fragte ich eben so verwundert. »Sie sind, erwiderte er, der Retter meines Lebens und mein Wohlthäter, und ich werde daher niemals etwas thun, ohne ihre Erlaubniß erhalten zu haben. Ich werde aber auch nichts unterlassen, womit ich glaube Ihnen oder Ihrer Kolonie oder dem Schiffsvolke von Nutzen seyn zu können, und das, was ich Ihnen mitzutheilen wünsche, schließt sich genau an Ihre Absicht, das Glück und Heil Ihrer Kolonie zu befördern, an. Es ist die Pflicht jedes guten Christen, die Menschen, welche ohne Gefühl und Erkenntniß Gottes in ihren Sünden dahin leben, auf den rechten Weg zu leiten. Nun aber leben Ihre Engländer ohne die geringste Aeußerung christlichen Sinnes und eben bei ihnen sind mir drei Mängel klar geworden, die der Kolonie zum Unsegen gereichen müssen. – Und die sind?« – »Ihre Engländer haben sich bei den Wilden Weiber [164] geholt, mit ihnen Kinder gezeugt, ohne sich rechtmäßig verehlicht zu haben.« – Nun wer hätte sie denn trauen sollen? Es war ja kein Geistlicher auf der Insel, und man besaß nicht ein Stückgen Papier, weder Federn noch Tinte, um den Ehekontrakt zu schreiben. Auch bat der Gouverneur so viel möglich Vorsichtsmaßregeln genommen, um jeder Unordnung vorzubeugen. – Dies Letzte macht nur einen geringen Theil der Ehestandspflichten aus. Diese bestehen erstens und hauptsächlich in der gegenseitigen Einwilligung zwischen Mann und Weib, in der Verpflichtung sich als solche gesetzmäßig zu betrachten und zu behandeln, sich alles nähern Umgangs mit andern Personen während der Dauer des Ehestands zu enthalten, und daß der Ehmann für Weib und Kinder nach Vermögen sorge. Von allem dem ist hier ist keine Spur, und die vierBritten können ihre Weiber und Kinder verlassen, sobald es ihnen gefällt. Zweitens scheint es mir unverantwortlich, daß diese Engländer, die doch für Christen gelten wollen, den Ihrigen kein Wort von Christenthum gesprochen haben; und endlichdrittens, ist auch den an der Südwestküste angesiedelten Wilden eben so wenig davon beigebracht worden, und doch müssen alle diese, sowohl die Einen als die Andern, als Ihre Unterthanen betrachtet werden. Für das bisher Vernachlässigte sind Sie zwar nicht verantwortlich, wohl aber für die fernere Vernachlässigung, da es Ihnen als Oberherr, als Christ und als Mensch daran gelegen seyn muß, einechristliche Kolonie gestiftet zu haben. Es ist daher [165] Ihre Pflicht, dafür zu sorgen, daß diesen drei Gebrechen sobald möglich abgeholfen werde.

Ich gestehe, daß ich durch die triftigen Gründe dieses würdigen Geistlichen überzeugt und nicht wenig bestürzt wurde, da ich nicht gleich wußte, wie ich mich zu benehmen hätte, und im ersten Augenblicke schon befürchtete, diese Eheleute sämmtlich trennen zu müssen, was unabsehliche Folgen haben müßte. Aber er beruhigte mich, indem er mich versicherte, daß da von keiner Trennung der Gatten die Frage wäre, und wenn ich ihm Erlaubniß geben wollte, so würde er die Sache zu meiner Zufriedenheit und zum Besten der Kolonisten zu besorgen trachten. Die erheilte ich ihm gerne, und war so eitel, ihm die Unterstützung mit meinem ganzen Ansehen zu versprechen. – Was dies betrifft, erwiederte er, so hängt es mehr von der Gnade Gottes als von Ihrer Autorität ab, und wir müssen, nachdem die Sache eingeleitet seyn wird, sie jener ganz allein überlassen. Aber, versetzte ich, dies wird eine längere Zeit kosten als meine Lage mir erlaubt, hier zu bleiben. Bei der Uebereinkunft mit den Rheedern habe ich mir ausbedungen, zwölf Tage auf meiner Insel zu bleiben. Höchstens ward mir gestattet, diesen Aufenthalt noch acht Tage zu verlängern, ich muß aber für jeden Tag 3 Pfund Sterling bezahlen, und ich sowohl als die Rheeder würden durch jede Verzögerung zu empfindlichen Verlust leiden, und wenn ich darauf bestehen wollte, würde man mich hier zurücklassen, was mir unerträglich wäre. Er bemerkte hierauf, daß die Bekehrung der Engländer und ihrer Familien, nebst einer bedeutenden [166] Anzahl Wilder, eines solchen Opfers doch wohl werth seyn möchte. Nun, erwiederte ich, wenn das ist, warum bleiben Sie, der ein Geistlicher ist, nicht hier, um ein Werk auszuführen, das sich vorzüglich für Sie schickt, und dem Sie weit besser gewachsen sind, als ich?

Die Frage rührte ihn ausserordentlich; er ward bald blaß, bald glühend roth, er schien verklärt, hub Augen und Hände gen Himmel, und rief: Dank sey dem Allmächtigen und Ihnen, werthester Herr, der mir einen so deutlichen Fingerzeig zu meinem wahren Berufe giebt, zu dem meine ganze Reise mich benimmt zu haben scheint. Hier gab er mir folgenden Bericht von den merkwürdigen Schicksalen derselben: »Mein erster Entschluß war, nach Martinique zu gehen. Ich schiffte mich zu St. Malo ein, aber das stürmische Wetter nöthigte uns, in den Tajo einzulaufen; hier stießen wir auf den Grund, litten Schaden, so daß das Fahrzeug entladen und ausgebessert werden mußte. In dieser Verlegenheit fand ich ein Schiff, das nach den Maderischen Inseln bestimmt war, aber durch die Unkunde des Kapitäns nach Fial trieb, wo er glücklicherweise seine Ladung von Getreide mit Vortheil absetzen konnte, dafür Salz einlud, und damit nach Neu-Foundland segelte. Da mir nichts anders übrig blieb, machte ich diese Reise mit. Als wir uns bereits in der Nähe befanden, begegneten wir einem französischen Schiffe, das nachQuebec in Kanada und dann von hier aus nachMartinique bestimmt war, wo ich zuerst hin wollte, daher beeilte ich mich, auf selbiges überzugehen, und wir langten glücklich [167] in Quebec an, wo aber der Kapitän starb, und die Abreise auf ungewisse Zeit verzögert wurde. Da ich hier nicht bleiben wollte, schiffte ich mich auf ein Fahrzeug nach Frankreich ein, das nämliche, das in offener See verbrannte, und wo Sie mich vom Untergang retteten. Da nun Ihr Schiff nach Ostindien bestimmt ist, wo ich nichts zu thun habe, und fünf Mal mich anders habe einschiffen müssen, ohne meinen Bestimmungsort erreichen zu können, so will ich nun hier auf dieser Insel bleiben, wo ich mein Missionsgeschäft, das sich mir von selbst anbietet, erfüllen kann.«

Ich ward sowohl durch seine Schicksale, als durch seinen Entschluß beinahe eben so getroffen, als er es durch meine Frage war. Fast hätte sich aber ein neuer Anstand erzeigt. Da ihm die Sprache der Wilden eben so unbekannt als ihnen die seinige war, so bat er mich, ihm Freitag hier zu lassen, mit dessen Sprachkenntniß er sein Bekehrungsgeschäft erfolgreicher zu betreiben hoffte, allein dies konnte weder mir noch Freitag, der sich um keinen Preis von mir getrennt haben würde, anstehen, versicherte ihn aber, daß Freitags Vater ihm hierin weit nützlicher seyn könne, womit er sich denn auch begnügte.

Es war nöthig, die vier Britten gewissermaßen zu dem vorzubereiten, was wir Willens waren auszuführen, da wir glaubten, daß sie dazu wenig geneigt seyn würden. Ich ließ sie daher vor mich kommen, stellte ihnen ihre völlig unchristliche Lebensart vor, zeigte ihnen die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Verheirathung, und des Unterrichts ihrer Weiber und[168] Kinder im Christenthume. Wider Erwarten zeigten sie sich Alle und vorzüglich Atkins sehr willfährig, und die Weiber, nachdem man ihnen die Sache erklärt hatte, waren sehr zufrieden. Atkins warf nun die Frage auf: da nur der Mangel eines Geistlichen verhindert habe, ihre Ehen einzusegnen, wo man nun einen solchen finden werde, um dies zu verrichten? Das war's wo ich ihn erwartete. Der Geistliche befand sich in der Nähe, aber nicht als katholischer Priester, sondern bloß schwarz gekleidet. Ich erwiederte daher: es wäre allerdings ein Geistlicher bei mir, der Morgen die Ceremonie vornehmen werde, bis dahin möchte er sich mit seinen Kameraden darüber berathen, was ihm aber gar überflüssig zu seyn schien, denn er sey bereit, und die Andern würden auch wohl nichts dagegen haben.

So glaubte ich alles desto eher in Richtigkeit, da der Geistliche die ganze Angelegenheit selbst angeregt hatte, und doch kam eben von ihm eine neue Schwierigkeit, denn er weigerte die Trauung vorzunehmen, so lange die Weiber nicht Christinnen wären, da dies Sakrament dadurch entweiht werden würde. Er begann also damit, den Engländern rührende Vorstellungen und die Nothwendigkeit begreiflich zu machen, vorerst ihre Weiber zu unterrichten, und mit dem Wesen des Christenthums bekannt zu ma chen. Ich diente ihm hierbei zum Dolmetscher, und durch vieles Zureden kamen wir endlich so weit, daß die Weiber an diesem Tage einen oberflächlichen Begriff davon erhielten, was besonders durch den Eifer des bekehrten Atkins, der eben so bekehrungssüchtig geworden, als er vorher gleichgültig [169] gewesen war, und durch die erbaulichen Bemühungen der jungen, vom Hungertode geretteten Magd gefördert ward, so daß der Priester einwilligte, zuerst die Weiber zu taufen, und hernach ihren Gatten anzutrauen, was denn, wie gesagt, am folgenden Tage statt fand, wo zugleich unser Tausendkünstler mit jener Magd kopulirt wurde. Der Geistliche schloß die Trauungsceremonie mit einer ernstlichen Ermahnung an die Engländer, fortzufahren, ihre Weiber und Kinder in der Religion zu unterrichten. Zu dem Ende theilte ich ihnen einige mitgebrachte Bibeln aus.

Diese Angelegenheit hatte mich in den letzten Tagen nicht wenig beunruhigt, ich war also herzlich froh, sie beendigt zu sehen, und meine Abreise zu beschleunigen. Als ich die nöthigen Zubereitungen machte, kam der junge Britte, den ich gerettet hatte, um mich zu bitten, einige Briefe an seine Verwandten in England, worin er ihnen Bericht von seinen Schicksalen und seinem gegenwärtigen Aufenthalt gab, mitzunehmen, und bei erster Gelegenheit an sie abzusenden. Er dankte mir auch für das ihm geschenkte Erdreich. Dies erregte bei mir die Idee, die ganze Insel unter die Kolonisten dergestalt zu vertheilen, daß jede Kolonie ihr Revier, und jeder Kolonist sein Eigenthum hätte. Mit Hülfe des Künstlers und Atkins war die Eintheilung der Ländereien in kurzer Zeit fertig, da mehr als hinlängliches Land vorhanden, und daher keine so gar genaue Abmessung erforderlich war; doch wurde die Begränzung einer jeden Pflanzung genau beschrieben, und darüber ein von mir unterzeichnetes Aktenstück ausgefertigt, [170] so daß allen Zwistigkeiten über Besitzthum für die Zukunft vorgebeugt wurde. Ich behielt mir die Territorialherrschaft der ganzen Insel, nebst einerAbgabe von jedem Grundstück vor, welche nach einer Frist von zehn Jahren mir oder meinem Beauftragten, oder meinem Nachfolger, jährlich zu entrichten seyn sollte, wozu sich Alle körperlich verpflichteten, worüber ebenfalls ein Dokument ausgefertigt, und von Allen entweder eigenhändig unterschrieben, oder einer um und für den andern bezeugt und gehuldigt wurde.

Dies führte natürlich zur Bestimmung der Regierungsform. Diese ward republikanisch eingerichtet Don Gusman blieb unter dem Titel eines Statthalters und Präsidenten an der Spitze der Kolonie, hatte die vollziehende Macht und eine Anzahl nach bestimmter Form gewählter Mitglieder, bildete die Gesetzgebung, und eine andere Anzahl das Gerichtstribunal. Diese ersten Grundlagen sollen dann bei vermehrter Volksmenge weiter ausgebildet werden. Man fand es auch vortheilhaft, die Wilden, die bis dahin abgesondert gewohnt und sich wohl betragen hatten, in die andern Pflanzungen aufzunehmen. Der Vorschlag ward ihnen durch den Präsidenten, der mit Freitags Vater sich zu ihnen begab, gemacht, und willig von Allen angenommen, und da ich auf keine Weise die Sklaverei auf meiner Insel dulden wollte, so stand es den Wilden frei, entweder ihr eigenes Land zu bauen, oder als Dienstboten um Lohn bei den übrigen Kolonisten zu dienen. Nur drei oder viere wählten das Erstere, die Uebrigen zogen vor, in Dienste zu [171] treten. So erhielten der junge Britte, der Künstler, der Schmied, der Schneider, die Zimmerleute und die übrigen neuen Ankömmlinge die nöthigen Gehülfen zum Anbau ihrer Grundstücke.

Durch diese neue Anordnung bestand die Kolonie aus zwei Hauptabtheilungen. Die erste aus den Spaniern mit Freitags Vater und ihren bisherigen Sklaven gebildet, besaß die Burg, und dehnte sich von da bis zu dem in der Ebene vorbeifließenden Flusse, und östlich bis an die diesseitige Küste,westlich aber bis an die Grenze des zum Landhause gehörigen Geländes. Im Süden gehörte ihnen die Grotte mit ihren Umgebungen. Die Engländer bewohnten nebst den neuen Ankömmlingen und den wenigen Wilden, die ihr eigenes Land bauten, den nördlichen Theil der Insel, dehnten sich südlich bis an den Fluß, der die erste Abtheilung begrenzte, und westlich bis dahin, wo der Pfahl gestanden, den ich bei meiner Entdeckungsreise durch die Insel aufgestellt hatte. Zwischen den Pflanzungen des Atkins und denen der zwei andern Engländer lag noch eine weite Strecke unbebauten Landes, auf welcher sich eben jene Ankömmlinge niederließen, und somit alles zu einem zusammenhängenden Ganzen vereinigten. Die Gegenden an der Nordost- und Westküste, wo die Wilden zu landen pflegten, blieben unbewohnt, damit die Kolonie mit jenen nicht in Berührung gerathe. Auch der Winkel in Südwest, wo bisher die jetzt unter den Kolonisten lebenden Wilden gewohnt hatten, blieb einstweilen unbewohnt.

[172] Nachdem ich alles, was für die Kolonisten bestimmt war, an Land bringen lassen, und zum Theil unter die Kolonisten vertheilt hatte, so blieben nur noch die zwei Feldstücke und die Theile der Schluppe, die zusammen gesetzt werden konnten, an Bord, aber in der Lage, worin ich die Kolonie gefunden hatte, schien es mir unnöthig, ihr solche zurückzulassen, weil ich befürchtete, die Artillerie könnte sie zu Angriffen auf ihre Nachbarn, die Schluppe aber einige Unzufriedene verleiten, die Insel zu verlassen. Ich sagte ihnen also nichts davon, und nahm solche mit auf die Weiterreise.

Dreißigster Abschnitt

Dreißigster Abschnitt.

Abreise.


Nach einem Aufenthalte von 25 Tagen verließ ich die Insel, nachdem ich den Kolonisten versprochen hatte, ihnen wo möglich aus Brasilien noch allerlei nützliche Dinge zu übersenden, wenn sich nur irgend eine Gelegenheit dazu finden lasse, besonders Rindvieh, Schaafe, Schweine, denn die beiden Kühe und das Kalb, die ich in England für sie an Bord genommen hatte, waren wir, wegen Verlängerung der Ueberfahrt und der Vermehrung der Mitfahrenden, genöthigt gewesen zu verzehren.

[173] Als ich Abschied nahm, begleiteten mich alle Kolonisten, Männer, Weiber und Kinder bis an die Mündung des Flusses, wo die Schluppe unsers Schiffes mich erwartete. Wir winkten uns noch lange zu, und als ich das Schiff bestiegen, und dieses die Anker gelichtet hatte, begrüßten wir die Insel mit fünf Kanonenschüssen, und setzten mit gutem Winde unsere Fahrt nach der Bay von Todos los Santos inBrasilien fort, die wir nach drei Wochen, doch nicht ohne ein Abentheuer bestanden zu haben, erreichten. Schon am dritten Tage nach unserer Abfahrt, bei sehr lauem Winde, trieben wir mit starker Strömung Ostnord-ostwärts, und entdeckten Nachmittags Land, doch konnten wir nicht erkennen, ob es Inseln oder Festland wäre, das es in bedeutender Entfernung im Osten lag. Nach ungefähr einer Stunde bemerkte man an der Küste viele Bewegung; derBootsmann bestieg den Fokmast mit dem Fernglase, und meldete, daß eine ganze Armee sich an der Küste einschiffe, wo wenigstens tausend Kanots versammelt und eine bedeutende Anzahl schon im Anzuge wären. Ich war nicht wenig bestürzt, weil ein Angriff mit solcher Ueberlegenheit nicht wohl ohne Blutvergießen ablaufen konnte. Mein Neffe und die Schiffsmannschaft, die auf der Insel so viel von Menschenfressern gehört hatten, fürchteten in den ersten Augenblicken schon, von den Wilden gefressen zu werden, da der Strom uns gegen die Küste trieb, und die Windstille uns keine Hülfe bot. Ich ermuthigte indeß meinen Neffen und seine Leute gar bald, ließ beide Schluppen aussetzen und bemannen, so daß eine am [174] Hintertheil, die andere am Vordertheil des Schiffes sich dicht anlegten, und da das Einzige, was zu befürchten war, darin bestand, daß es den Feinden, wegen ihrer Menge, gelingen möchte, das Fahrzeug in Brand zu stecken, so mußten die Leute in den Schluppen sich mit Gefäßen versehen, um nöthigenfalls zu löschen; auch auf dem Schiffe selbst ward alles, was Wasser enthalten konnte, gefüllt, und zum Gebrauche bereit gehalten; überdies war Alles bewaffnet, und Kanonen sowohl als Kleingewehr geladen. Währenddem war die feindliche Flottille, die aber nicht tausend sondern nur gegen 120 – 150 Kanots stark war, so nahe gekommen, daß wir uns gegenseitig konnten sprechen hören. Die Schluppen erhielten Befehl, zu verhindern, daß die Feinde nicht zu nahe kämen, aber dies gab gerade Gelegenheit zum Gefecht. Fünf oder sechs ihrer größten Kanots näherten sich der großen Schluppe auf einen Steinwurf; unsere Mannschaft machte ihnen ein Zeichen, sich zu entfernen; sie verstanden es recht wohl, statt dessen aber warfen sie einige 50 Wurfspieße gegen sie, wodurch ein Matrose gefährlich verwundet wurde. Unsere Leute erhielten jedoch Befehl, nicht zu feuern, und man reichte ihnen Planken vom Schiffe herab, um sich damit gegen fernere Wurfspieße oder Pfeile zu decken. Nun aber ruderte der ganze Schwarm muthig heran, und zwar gegen den Hintertheil unsers Fahrzeuges, und ich erkannte gleich, daß es von den nämlichen Wilden waren, die zuweilen auf meiner Insel zu landen pflegten. Als sie auf einen Wurf entfernt waren, kamen sie mehr vorwärts, so daß sie uns gerade gegenüber [175] still hielten. Nun befahl ich Freitag, sich auf's Halbdeck zu begeben, und sie zu fragen, was sie begehrten? Ihre Antwort bestand in einer Wolke von Pfeilen, und da der gute Freitag allein und ganz bloß stand, so erhielt er drei Wunden, woran er auf der Stelle erlag. Bis dahin hatte ich alles Feuern verhindert, nun aber vom Schmerz über den unersetzlichen Verlust meines treuen Gefährten überwältigt, kannte ich weder Mitleiden noch Erbarmen mehr, und ließ fünf Kanonen mit Kartätschen und eben so viele mit Kugeln geladen, in den dichten Haufen der Kanots abfeuern, und mit dieser einzigen Lage war das ganze Gefecht beendigt; eine Menge Kanots, deren Anzahl wir ungezählt ließen, ward theils zertrümmert, theils in Grund gebohrt, Alles was noch flott war, ruderte in solchem Schrecken und in so großer Verwirrung davon, daß noch viele Kanots an einander stießen und untergiengen. In ein paar Stunden war weit und breit keines mehr zu erblicken; dagegen schwammen eine Menge todter und verwundeter Wilder, auch viele noch unverletzte umher, die aber keine Fahrzeuge mehr hatten, so daß noch viele von denselben müssen ersoffen seyn. Wir fiengen einen der unverletzten, der schon beinahe eine Stunde lang in der Nähe des Schiffes herum schwamm. Leider hatten wir nach dem Tode meines unvergeßlichen Freitags keinen Dolmetscher, und die Sprache des Aufgefangenen war so unverständlich, daß selbst lange nachher, als er Englisch verstand, man seine Gurgellaute kaum verstehen konnte, und er [176] wußte auf unsere Frage nach dem Beweggrunde ihres feindseligen Angriffes nichts zu antworten.

Nachdem wir unser Schiff wieder in Ordnung gebracht, auch Freitag mit großer Feierlichkeit in's Meer versenkt hatten, segelten wir weiter, verloren das Land bald wieder aus dem Gesichte, und entdeckten es erst am fünfzehnten Tage nach dem Gefecht wieder, umsegelten dann Kap S. Augustin, und giengen drei Tage nachher in der Bucht Allerheiligen vor Anker. Mit der größten Mühe und den beschwerlichsten Einschränkungen erhielten wir Erlaubniß, mit den Einwohnern sprechen zu dürfen. Mir fiel dies am unangenehmsten, weil ich gern meinen ehemaligen Pflanzungsgenossen gesprochen hätte, doch war ich so glücklich, ihm meine Ankunft wissen zu lassen. Nur erst, nachdem er dem Gouverneur vorgestellt, daß ich ehmals dem Kloster S. Augustin 500 Moidoren und den Armen 200 geschenkt habe, erhielten wir Erlaubniß, das Land zu betreten, doch durften wir nichts ausladen, und wir wurden strenge beaufsichtigt. Allein es gelang mir doch, allerlei an's Land zu bringen, womit ich meinen Assozierten beschenkte, so wie auch er mich beschenkte.

Hier ließ ich nun mein Fahrzeug aus den mitgebrachten Stücken zusammen setzen, und dann beladen. Der vorzüglichste Theil der Ladung bestand aus drei Kühen, fünf Kälbern, fünfundzwanzig Schweinen, davon drei trächtig waren, zwei Stuten und einem Hengst. Was aber noch vorzüglicher war, und zum Bestand der Kolonie und zum Glück der Spanier insbesondere das Meiste beitragen sollte, waren dreiportugiesische [177] Weiber, die auf meiner Insel eine bessere Zukunft erwarteten, als sie hier hoffen konnten, besonders da sich noch andere Personen einfanden, die sich dort niederlassen wollten.

Mein Assozierter sprach mir nämlich von einem biesigen Pflanzer von seiner Bekanntschaft, der unvorsichtig genug gewesen, so daß man aus seinen Reden schloß, er sey kein Katholik, und daher Gefahr lief, der Inquisition in die Hände zu fallen, sich also zu entfernen und anderwärts anzusiedeln wünschte. Es gelang uns, ihn mit seiner Frau und zwei Töchtern der Verfolgung unbemerkt zu entziehen, und auf unser Schiff zu bringen, von wo er, als mein Fahrzeug zusammengefügt und segelfertig war, auf dieses übergieng. Wir Beide unterstützten ihn, indem mein Gefährte ihm Geld auf seine Pflanzung vorschoß, auch so viel, als möglich war, von beweglichen Gütern rettete und mitgab, ich aber dafür sorgte, daß er auf meiner Insel im nördlichen Theile ein hinlängliches Gelände erhielt, um eine neue Pflanzung einzurichten.

Ausser diesen meldeten sich noch Andere, um sich dort niederzulassen. Einer unserer Matrosen, der ehmals Pflanzer in Maryland gewesen, bekam Lust, wieder nach meiner Insel zurückzukehren, wo es ihm gefallen hatte. Das ich nun für mein Boot Mannschaft suchte, bot er sich dazu an, wenn ich ihm Land zu einer Pflanzung und eine Empfehlung an den Präsidenten mitgeben wollte. Ich stand keinen Augenblick an, ihm das zu versprechen, und gab ihm unsern Gefangenen als Sklaven mit, doch sollte er diesen auf der Insel als [178] freien Knecht behandeln. Das sowohl derportugiesische Pflanzer als der Matrose sich auf die Pflanzung wohl verstanden, auch vielerlei Gewächse und Saamen, unter anderm Zuckerrohr, nebst Ackergeräthen sich anzuschaffen und mitzunehmen wußten, so ließ sich mit Grund ein glücklicher Erfolg erwarten. Es fand sich ein tüchtiger Schiffer, nebst mehrern brasilianischen Seeleuten zur Bemannung des Boots, und als dieses in wenigen Tagen segelfertig war, gab ich dem Schiffer, der dasselbe befehligte, einen umständlichen Bericht über die Lage, Ansicht und Beschaffenheit meiner Insel, so daß er sie nicht verfehlen konnte; dann auch einen Brief an den Präsidenten, worin ich ihm die Weisung gab, den neuen Ankömmlingen bei den letzt Angesiedelten in der nördlichen Gegend hinlängliches Gelände, Kleidung, Geräthe und alles das, was sie zum Gedeihen ihrer Kolonie bedurften, zu liefern, denselben die gleichen Rechte, wie allen übrigen Pflanzern, zu ertheilen, die drei Weiber und die beiden Töchtern desBrasilianers mit seinen spanischen oderportugiesischen Gefährten zu verheirathen. Das Fahrzeug segelte ab, und kam glücklich auf der Insel an, und es läßt sich leicht denken, wie angenehm die Ladung den Kolonisten war; nach einem kurzen Aufenthalt kehrte es nach Brasilien zurück, wo mein Assozierter sich dessen noch einigemal bediente, um allerlei Bedürfnisse nach meiner Insel zu senden, wodurch die Kolonie ganz vorzüglich hätte gedeihen sollen. Allein den späterhin von ihm erhaltenen Briefen zufolge war [179] dies gar nicht der Fall, sondern sie gieng nach und nach zu Grunde.

Ich erfuhr die Schicksale dieser auf meiner Insel zurückgelassenen Kolonie erst nach vielen Jahren, als ich bei meiner Zurückkunft in England mehrere Briefe aus Brasilien vorfand, die zum Theil schon sehr alt waren. Der Zeitfolge gemäß gehörte das, was hierüber noch zu berichten ist, an das Ende meiner eigenen Geschichte; ich will es aber gleich hier einrücken, um nachher nicht mehr darauf zurückkommen zu müssen.

Mit den letzten Ankömmlingen bestand die Bevölkerung der Insel aus sechsundsechszig Seelen, ohne die Kinder. So lang Don Gusman lebte, und der Kolonie als Präsident vorstand, gieng alles nach Wunsch, allein nachdem er und mehrereSpanier, wie auch Atkins, gestorben, entstanden Zwistigkeiten unter den Ansiedlern, und da keiner einer vorzüglichern Achtung, und noch weniger einer hinlänglichen Autorität genoß, so ward die Unordnung immer größer und allgemeiner. Fünf der noch lebenden Spanier, eben die, welche die letztangekommenen Weiber und Mädchen geheirathet, benutzten die Ankunft des Fahrzeugs, das mein Genosse der Insel zugeschickt hatte, um nach Brasilien zu den Menschen und einige derselben von da in ihr Vaterland zurückzukehren. Als die Emigration einmal angefangen, bekamen auch Andere Lust dazu, welche durch mehrere Angriffe der Wilden vermehrt ward, die zwar zurück geschlagen wurden, aber doch viel Schaden verursachten, wobei verschiedene Kolonisten verwundet oder gar getödtet wurden. Da ihre letzte Hoffnung auf [180] mir beruhte, so schrieben sie mir nachLondon, wo ich auch nach meiner langjährigen Zurückkunft ihre Zuschrift fand, die aber schon fünf Jahre alt und es schon zu spät war, etwas für sie zu unternehmen, denn ich fand unter den andern dabei befindlichen Briefen die völlige Auflösung der Kolonie, und sogar die Verwüstung der Insel durch Erdbeben, wovon ich selbst ein drohendes Beispiel erlebt hatte.

Ausser was dies Naturereigniß bewirkte, muß ich mir selbst den Untergang der Niederlassung vorwerfen. Meine erste Abreise hätte ich ohne anders bis zur Zurückkunft Don Gusmans und seiner Gefährten aufschieben sollen, welches der Kapitän, der mir so viel Verpflichtung hatte, keineswegs würde verweigert haben. Dies hätte mir Gelegenheit gegeben, wenigstens vorläufige Einrichtungen zu treffen, wodurch die Engländer verhindert worden wären, alle den Unfug zu treiben, der schon damals die Kolonie zu vernichten drohte. Statt dessen ließ ich diese Unholde im Besitze der Insel. Wenn meine voreilige Abreise sich durch die Sehnsucht, nach einer so langen Abwesenheit, wieder in die menschliche Gesellschaft zurückzukehren entschuldigen liesse, so hätte ich nicht nur Zeit genug gehabt, während meinem letzten Aufenthalt nicht nur einen bloßen Umriß einer Staatsform, sondern bestimmte Einrichtungen zu treffen und einzuführen, um jeder zukünftigen Verwirrung vorzubeugen, besonders aber, um die Kolonie entweder mit Brasilien, wohin ich eben fuhr, oder mit andern europäischen Niederlassungen, die in der Nähe meiner Fahrt lagen, in Verbindung [181] und Handelsverkehr zu setzen, um ihre Erzeugnisse mit Vortheil abzusetzen, und gegen andere Bedürfnisse zu vertauschen. Besonders aber hätte ich nicht vernachlässigen sollen, meine Insel und ihre Bevölkerung unter Schutz der Regierung Großbritanniens zu setzen, die mir eine gesetzmäßige, erbliche Landesherrlichkeit nicht verweigert haben würde. Dadurch erst würde das Aufblühen, das Gedeihen und die Sicherheit derselben begründet worden seyn.

Man wird mich vielleicht fragen: ob der französische Geistliche, dessen Eifer, Weisheit und Menschenliebe ich so sehr bewunderte, mir hierüber keine Vorstellungen gemacht, und nach meiner Abreise nicht alles aufgeboten, um dem Verfall der Kolonie vorzubeugen. Hierauf dient, daß derselbe nicht auf der Insel zurückblieb, sondern mit mir abreisete, was ich vergaß anzuzeigen. Als die Taufe der Wilden und die Trauung vollzogen waren, glaubten wir, daß seine Gegenwart nicht weiter nöthig wäre, und so gerührt er schien und auch wirklich war, als er in meiner Frage einen Missionsberuf zu finden glaubte, so ließ er sich doch leicht bereden, die Insel mit mir zu verlassen, und so verständig er auch sprach, so scheint seine Weisheit sich doch ausschließlich auf seinen Bekehrungseifer beschränkt zu haben, denn von bürgerlichen Einrichtungen sprach er mir nie, und brach kurz ab, wenn ich ihrer erwähnte. In Brasilien fand er ein Schiff, mit dem er nach Lisbona zurückkehrte, nachdem er meine Genehmigung verlangt und erhalten hatte, die ich ihm gern bewilligte, und kein Recht zu haben glaubte, sie [182] zu verweigern. So veränderte sich hier wieder seine Bestimmung, und ob er Lisbona erreicht hat, ist mir, wie alles, was ihn weiter betrifft, völlig unbekannt geblieben. Ich verließ also meine Insel, die ich so sehr geliebt hatte, ohne wirksam für sie zu sorgen und vor ihrem Untergang zu sichern, sogar ohne ihr einen Namen beigelegt zu haben, und hiermit wird der Leser wohl thun, sich nicht weiter um sie zu bekümmern, um den Irrfahrten eines sechszigjährien Abentheurers zu folgen, den Erfahrungen und Unfälle nicht weise zu machen vermochten, und doch, wie man zu sagen pflegt, mit mehr Glück als Verstand sein Vaterland wieder betrat.

Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte in kurzer Zeit beendigt hatte, segelten wir über die Atlantische See gerade nach dem Vorgebirge derguten Hoffnung, wo wir uns nicht länger aufhielten, als um Wasser und Lebensmittel einzunehmen. Die Fahrt war glücklich. Ueberhaupt schien es, daß die Unglücksfälle zur See nun vorüber waren, und ich solche fernerhin zu Lande bestehen sollte. Unser Fahrzeug, das eigentlich zum Handel bestimmt war, hatte bis dahin noch wenig Gelegenheit gehabt, sich damit zu beschäftigen. Ostindien war seine Bestimmung, und wir hatten zu dem Ende einen Supercargo an Bord, der ein feiner und geschickter Mann war. Wir beschleunigten unsere Fahrt, um so schnell als möglich die Küste von Coromandel zu erreichen, weil wir am Kap vernommen hatten, daß zwischen England und Frankreich der Krieg wieder ausgebrochen sey, und [183] daß erst seit Kurzem ein französisches Kriegsschiff von 50 Kanonen, das zwei große Kauffahrteischiffe begleitete, amKap angelegt, und die nämliche Richtung genommen hatte, der wir folgten. Ich war daher nicht ohne Besorgniß. Indeß kamen wir glücklich, und ohne ihnen zu begegnen, wohin wir gedachten.

Einunddreißigster Abschnitt

Einunddreißigster Abschnitt.

Vorfälle auf Madagaskar.


Wir legten an der Ostküste der Insel Madagaskar an, deren Bewohner wegen ihrer Wildheit und Verrätherei sehr berüchtigt sind, doch hatten wir uns einige Zeit nicht zu beklagen. Da ich gewohnt war, überall, wo ich hinkam, alles zu untersuchen, landete ich Nachmittags nebst einiger Mannschaft. Die Einwohner betrachteten uns mit vieler Aufmerksamkeit, dies beunruhigte uns aber gar nicht, das wir bis jetzt in gutem Vernehmen mit ihnen standen, und nach dortiger Sitte einige grüne Zweige vom nahen Gesträuche abgeschnitten, und vor uns hin in die Erde gesteckt hatten. Dies ist dort ein Zeichen des Friedens, das von den Einwohnern in einem gewissen Abstande ebenfalls gepflanzt wird. Der Zwischenraum dient zum gegenseitigen Verkehr, aber kein Theil darf über die[184] Zweige der Gegenparthei hinausgehen, was sogleich für eine Kriegserklärung gelten würde. Auch darf man nicht anders als unbewaffnet in jenen Zwischenraum kommen. Wir hatten schon einige Tage friedlich mit ihnen verkehrt, und von ihnen für unbedeutende Waaren, als: Messer, Scheeren, Spiegel, Knöpfe und dergl., eilf Ochsen, die zwar klein, aber fett und recht gut waren, nebst andern Lebensmitteln eingehandelt, auch brachten uns die Weiber Milch, Früchte und allerlei Wurzeln, und alles schien im besten Vernehmen zu stehen. Dies bewog meine Gefährten, die Nacht über am Lande zu bleiben, und zu dem Ende hinter unsern Zweigen eine Hütte zu errichten.

Obwohl ich nun Anlaß zu diesem Ausfluge an's Land gegeben hatte, so fühlte ich doch eine Abneigung, daselbst zu übernachten. Die Wilden waren in weit größerer Anzahl als gewöhnlich, und ein ängstliches Vorgefühl bewog mich, die Schluppe zu besteigen, und mich daselbst zur Ruhe zu begeben, nachdem ich das Segel über selbige hatte ausspannen lassen. Gegen zwei Uhr nach Mitternacht entstand ein klägliches Geschrei und Hülferufen von unsern Leuten am Lande, welche verlangten, daß die Schluppe, die aus Vorsicht etwa einen Steinwurf vom Ufer lag, dahin käme, um sie aufzunehmen, was ich denn nebst den zwei wachhabenden Matrosen auch sogleich bewerkstelligte. Während dem hörten wir fünf Gewehrschüsse, welche in Kurzem zweimal wiederholt wurden, ein Zeichen, daß sie in großer Gefahr waren, da sie nur fünf Gewehre bei sich hatten, und alle abfeuerten. Wir hatten in der [185] Schluppe drei geladene Gewehre, und ruderten mit Anstrengung an's Land, hatten aber das Ufer noch nicht erreicht, als unsere Seeleute uns schon im vollen Lauf, von 400-500 Wilden verfolgt, entgegenrannten und ins Wasser sprangen, um sich desto schneller zu retten. Von den neun Matrosen retteten wir sieben, davon drei verwundet waren, indem wir nur mit Mühe sie in's Fahrzeug nahmen, da ihre Angst und Verwirrung uns daran hinderlich, und wir dem Angriff der Feinde eben so sehr ausgesetzt waren als sie, so wie auch ihr unordentliches Heranstürmen uns verhinderte, unsere Gewehre auf den Schwarm der Wilden abzufeuern, die uns mit Wurfspießen und Pfeilen überschütteten; zum Glück war die Dunkelheit noch so groß, daß sie nur auf's Ungewisse hinschossen, und Niemand von uns verwundeten, indem wir uns mit einigen Planken und den Bänken des Fahrzeugs einigermaßen deckten. Dies besserte jedoch unsere gefahrvolle Lage nur wenig. Zwar hatten wir uns, sobald alle Mannschaft im Boote war, vom Strande entfernt, waren aber noch nicht ausser dem Bereich ihrer Geschosse, denn Einige hatten aus angstvoller Unbesonnenheit den Dreganker fallen lassen, so daß wir auf der Stelle bleiben mußten, weil wir uns, indem wir den Anker stehend hätten lichten müssen, zu sehr bloßgestellt hätten. Unser Schiff lag, des sichern Ankergrundes wegen, über eine halbe Stunde vom Lande. Als man dort das Feuern hörte, vermuthete man sogleich, daß wir in Gefahr wären, und mein Neffe sandte unverzüglich eine mit zehn Mann bewaffnete [186] Schluppe zu unserm Beistande ab, lichtete auch die Anker, und näherte, so viel es die Vorsichtigkeit erlaubte, dem Strande bis auf eine halbe englische Meile. Sobald die Schluppe herannahete, riefen wir ihnen zu, nicht in die Schußweite der Feinde zu kommen. Hierauf mußte einer unserer Matrosen ein Tau nehmen, dessen eines Ende an unserm Boote befestigt war, und mit dem andern zur Schluppe hinschwimmen, damit sie uns hinziehen konnten; wir kappten dann unsern Kabel, und wurden auf diese Art vom Strande ab und seitwärts entfernt, um nicht zwischen dem Schiff und dem Lande zu bleiben, und jenes zu verhindern auf dieses zu feuern, was denn auch sogleich und mit gutem Erfolg geschah, indem das Geschütz mit Kartätschen geladen worden, und die Feinde, die sich sehr vermehrt hatten, und am Strande in dichten Haufen standen, eine große Niederlage erlitten, wie aus ihrem Geheule sich abnehmen ließ, dessen kurze Dauer ihre schnelle Flucht allgenugsam erklärte.

Als wir wieder an Bord gekommen waren, besprach man sich über diesen Vorfall, und besonders über die Veranlassung desselben. Der Supercargo, der schon mehrere Reisen in diese Gegenden gemacht hatte, behauptete, es müsse jemand von der Schiffsmannschaft die Einwohner zum Zorn gereizt haben, weil sie uns nicht feindselig würden angefallen haben, nachdem sie uns als Freunde aufgenommen hatten. So war es auch. Ein Matrose, Namens Tho mas Jeffery, der mit einigen andern auf dem Platze des Zwischenraumes für etwas Lebensmittel handelte, hatte ein junges [187] hübsches Mädchen beleidiget, worüber ein altes Weib, das Milch zum Verkauf gebracht hatte, ein großes Geschrei erhob, und da der Matrose demungeachtet nicht aufhörte, sondern das Mädchen mit Gewalt in's nahe Gebüsch zog, so lief die Alte zu ihren Landsleuten, die, durch ihre Anklage erbittert, sich sogleich versammelten, und den Entschluß faßten, sich zu rächen, und ihn auf die angezeigte Art vollzogen. Jeffery und noch ein anderer Matrose wurden erschlagen, ehe sie das Boot erreichen konnten, das uns dies aber unbekannt war, so gaben wir das gewöhnliche Signal, daß die am Lande befindliche Mannschaft an Bord kommen sollte, und um sie aufzunehmen, mußten die Schluppen während zwei Tagen abwechselnd längs der Küste kreuzen; doch vergebens! Um jedoch nichts unversucht zu lassen, entschloß ich mich, beim Einbruch der Nacht mit einiger Mannschaft nochmals das Land zu betreten, um jene wo möglich zu finden und zu retten. Dies war aber wohl die thörichtste Unternehmung, eine Anzahl rachedürstender Seeleute, über die ich im Grunde, alsPassagier, nicht die geringste Autorität hatte, an's Land zu führen, und mich zu überreden, ich würde sie nach meinem Sinne leiten können; denn obgleich derSupercargo mich begleitete, so hatte er doch eben so wenig Gewalt über die Mannschaft als ich, da sich solche lediglich darauf beschränkte, daß der Kapitän dahin fahren mußte, wo die Vortheile des Handels es verlangten.

Wir wählten zwanzig der entschlossensten Seeleute, deren Anführung der Bootsmann übernahm, und [188] landeten Abends um zehn Uhr an der nämlichen Stelle, wo die Einwohner unsere Leute überfallen hatten. Ich hoffte einige demselben dort anzutreffen, sie zu überraschen, und gefangen zu nehmen, um sie gegen die vermißten Matrosen auszuwechseln. Ich theilte die Mannschaft in zwei Trupps; den einen führte ich nebst dem Supercargo, den andern derBootsmann an. Wir rückten in größter Stille und von einander getrennt vor, ohne etwas zu entdecken, bis wir weiter kamen, wo der Bootsmann in der Dunkelheit über einen Leichnam zu Boden fiel. Auf sein Geschrei machten wir Halt, und da bald nachher der Mond aufstieg, stellte sich uns ein gräßliches Schauspiel dar. Dreißig bis vierzig zerstümmelte Einwohner, von denen einige noch ächzten, lagen umher, und bestätigten die Wirkung unsers Geschützes. Da ich nun leicht schließen konnte, daß wenn auch die beiden Matrosen in die Hände der Feinde gefallen wären, sie gewiß würden erschlagen worden seyn, so befahl ich wieder zum Schiffe umzukehren. Aber hier fand ich das Ziel meiner eingebildeten Gewalt. Der Bootsmann und der größte Theil der Mannschaft hatten weit andere Absichten, als ihre vermißten Gefährten aufzufinden, sondern wollten sich rächen, und vorzüglich plündern. Hätten sie mich um Erlaubniß ersucht, unsere Unternehmung fortzusetzen, würde ich sie ohne anders verweigert haben, sie begnügten sich aber damit, daß der Bootsmann mir kurzweg bedeutete, er und sein Trupp wollten nichtrückwärts, sondern vorwärts, und mich und meinen Trupp einlud, mitzugehen. Meine [189] Leute, denen die Absicht der Uebrigen wohl bekannt war, befragten sich untereinander, ohne auf mich zu achten. »Willst du mitgehen?« – Ei, ganz gewiß. – »Und ich bleibe nicht zurück.« – Und ich will auch dabei seyn. – Ich auch; ich auch, und so weiter. Alle ließen mich, denSupercargo und einen einzigen, mir ergebenen Matrosen, dastehen, und schlossen sich an jene an. Dieser letztere nebst einem Schiffsjungen, den man im Boot gelassen, waren die Einzigen nebst mir und dem Supercargo, die zurückblieben. Umsonst stellte ich ihnen ihre Pflichten gegen den Kapitän und gegen die Rheeder vor, den Schaden, den sie diesen verursachten, die Gefahr, der sie sich ohne Noth aussetzten, kurz alle Gründe, welche Vernunft und Menschlichkeit mir eingaben. Alles umsonst! Es war als ob ich mit dem großen Mast gesprochen hätte, so fühllos blieben sie, und versicherten mich nur, sie würden sich schon so zu benehmen wissen, daß sie ihren Zweck erreichten, und in einer Stunde wollten sie schon wieder das seyn.

Die Stadt – wenn sie diesen Namen verdient – glaubten wir bisher, nach Aussage der Einwohner, sollte nur eine halbe Stunde entfernt seyn; sie lag aber über eine teutsche Meile weit tiefer im Lande, was das Unternehmen desto gefährlicher machte, besonders da keine eigentliche Straße dahin führte, und das ganze Gelände was jenseits unsers Marktplatzes lag, uns gänzlich unbekannt war. Das, was wir für die Stadt gehalten hatten, war nur ein Dörfchen von wenigen Hütten. Jene aber zählte deren über zweihundert, von denen [190] einige bedeutenden Umfang hatten, und unordentlich weit umher zerstreut lagen.

Unsere Mannschaft war wohl bewaffnet, jeder hatte ein Gewehr mit Bajonet, ein Pistol und einen Säbel nebst hinlänglicher Munition, und ausserdem hatten sie dreizehn Granaten bei sich. In solcher Verfassung verliessen sie uns, um den abscheulichsten Anschlag auszuführen. Als sie bei dem Dörfchen waren, berathschlagten sie, ob sie solches angreifen wollten, da es aber ihrer Habsucht nicht genügte und sie befürchteten, wenn nur ein Einziger entkäme, die Stadt, die ihnen größere Beute darbot, ihnen nicht nur entgehen, sondern auch die Einwohner zum Kampfe aufregen würde, so beschlossen sie klüglich, das Dörfchen in Ruhe zu lassen, und in Stille auf die Stadt loszugehen; sie wußten aber nicht, wo sie lag. Zum Glück fanden sie eine Kuh, die in einigem Abstande vom Dorfe an einem Baume angebunden war, und es kam darauf an, ob sie in dieses oder in die Stadt gehörte; im letzen Fall konnte sie ihnen zum Wegweiser dienen; sie banden sie los, und sie schlug zu ihrer großen Freude den Weg zur Stadt ein, wohin sie ihr folgten. Alles lag im tiefsten Schlafe, da man sich keines Ueberfalls versah; nur in einem Hause bemerkte man wachende Menschen, die, wie man nachher erfuhr, einige der Vornehmsten und vorigen Tags verwundet worden waren.

Die Seeleute berathschlagten sich, als sie die Stadt erreicht hatten, auf's Neue, und beschlossen in aller Stille durch die Straßen zu wandeln, alles wohl zu beschauen, und darnach ihre Maßregeln zu treffen. Es[191] bleibt immer merkwürdig, daß Menschen, welche im Begriff standen, die unsinnigste Handlung zu begehen, die Art ihrer Ausführung so weislich überlegten. Hätten sie die Hälfte dieser Ueberlegung auf die Frage verwendet: ob sie die That unternehmen sollten oder nicht, so würde sie ganz gewiß unterblieben seyn. Sie theilten sich nun in drei Trupps, um den Platz so gut möglich zu rekognosziren. Bis dahin waren sie bloß von Raublust und der Hoffnung beseelt, Gold zu erbeuten, als ein Umstand ihre Plünderungssucht in Durst nach Rache verwandelte, und sie zur Tigerwuth entflammte. Der eine Trupp war kaum zwanzig Schritte weit gegangen, als sie einen Körper sahen, der am Arme an einem Baum gehangen war, und bei näherer Ansicht erkannten sie ihn für denjenigen ihres Schiffskameraden Jeffery, der ganz abscheulich mißhandelt war; sie riefen den Uebrigen, welche sogleich sämmtlich herbeieilten, und bei dem gräßlichen Anblick, erst erstarrt, dann empört, dann rasend, den Wilden Tod und Verderben schwuren. Ohne weiters die Lage des Orts zu untersuchen, steckten sie ihn an beiden Enden und in der Mitte in Brand. Das Knistern der aufsprühenden Flammen und der Rauch weckte die unglücklichen Einwohner mit Schrecken auf; wohin sie aber flüchteten, fanden sie nirgends Rettung, sondern liefen ihren Mördern in die Hände, die ohne Ansehen, Männer, Weiber, Kinder niedermetzelten, was ihr Stahl und Feuergewehr erreichen konnte.

Während dem befand ich mich in großer Besorgniß, obschon ich mir die Sache bei weitem nicht so schrecklich [192] vorstellte; als es aber in der Ferne zu dämmern und bald darauf röthlich aufzuglühen anfieng, stieg mein Entsetzen auf den höchsten Grad, und ich sowohl als der Supercargo bejammerten den unseligen Entschluß, gelandet zu haben, um zwei Taugenichtse zu suchen, die noch nach ihrem Tode so gräulichen Unfug veranlaßten.

Auch auf dem Schiffe sah man die Flammen, und man weckte den Kapitän aus dem Schlafe, der sich alsbald auf das Verdeck begab, und befahl, die Schluppe auszusetzen, und da er mich und den Supercargo in Gefahr glaubte, so kam er selbst mit noch zehn Bewaffneten ohne die Ruderer, – denn mehr durfte er das Schiff nicht von Mannschaft entblößen. – Er war bei seiner Ankunft nicht wenig verwundert, uns Vier, von allen Uebrigen verlassen, in unserm Boot zu finden. Zwar freute es ihn, uns wohlbehalten zu sehen. Als ich ihm aber, so viel ich wußte, bekannt machte, und da er das immer schnellere Feuern und die vermehrte Glut bemerkte, entschloß er sich, mit seiner Mannschaft vorzurücken, um die Uebrigen, die er in großer Gefahr glaubte, zu unterstützen. Vergebens suchte ich ihn durch alle möglichen Vorstellungen davon abzuhalten. Das hieß einem Tauben predigen; er beharrte auf seinem Entschluß, und ich nahm den, ihn zu begleiten. Er ließ also zwei Matrosen in seiner Schluppe, ich ließ die beiden bei mir Gebliebenen in der meinigen, und so rückten wir, ich, der Kapitän, der Supercargo, mit eilf Mann dahin, wo das Feuern des Kleingewehrs und die Hellung der Flammen uns hinzog. Als wir [193] näher kamen, hörten wir auch das Geschrei und den Jammer der Unglücklichen. Ich hatte nie etwas Aehnliches gesehen; wohl hatte ich aus Erzählungen vernommen, daß Olivier Cromwel die ganze Bevölkerung der Stadt Drogheda inIrland ohne Unterschied habe umbringen lassen; auch das durch Tilly in Magdeburg angerichtete Blutbad war mir aus der Geschichte bekannt; aber obgleich diese beiden Greuelscenen, an Zahl und Umfang, weit über diejenige waren, die sich hier meinen Augen darbot, so machte doch diese einen weit tiefern und schmerzlichern Eindruck auf mich. Eine Menge getödteter, verwundeter, verstümmelter, ganz und halb verbrannter Menschen wälzten sich in ihrem Blute auf den Brandstätten und Schutthaufen ihrer Hütten. Weiterhin brannten noch ganze Reihen derselben, und zwischen durch sahen wir eine Horde Mörder mit Feuer und Schwert unter den Flüchtlingen wüthen, und Alles niedermetzeln, was sie erreichen konnten. Wir standen vor Schrecken und Entsetzen einige Augenblicke still, und waren so sehr aus der Fassung, daß Keiner von uns wußte, was er that oder thun sollte. Da liefen drei nackte Weiber, von denen eines ein Kind auf dem Arm trug, gegen uns her, und zehn bis fünfzehn Männer folgten ihnen im schnellsten Laufe nach, alle von Todesangst getrieben und jämmerlich heulend, und von vier oder fünf unserer Leute verfolgt, die, da sie nicht so schnell laufen konnten, auf jene feuerten, so daß verschiedene blieben oder verwundet wurden; einige ihrer Kugeln pfiffen an uns vorbei, und sowohl um diesen auszuweichen als um den [194] Flüchtlingen zu zeigen, daß wir ihnen nichts zu Leide thun wollten, lenkten wir etwas seitab; denn als sie uns erblickten, glaubten sie in uns neue Verfolger zu sehen. Sie begriffen sogleich unsere Absicht, fielen mit aufgehobenen Händen und bittenden Worten vor uns nieder, um unsern Schutz zu erflehen, den wir ihnen, so gut wir konnten, mit Freundlichkeit zuwinkten, und vor sie hintraten, und sie sich hinter uns auf ein kleines Häufchen zusammendrängten.

Der Anblick dieser Greuel empörte mich dergestalt, daß wenn ich Feuergewehr gehabt hätte, ich ohne anders auf unsere eigenen Leute geschossen haben würde; ich sprach meinem Neffen heftig zu, seine Autorität geltend zu machen, und alles anzuwenden, seine Mannschaft zurückzurufen, und von fernerm Blutvergießen abzuhalten. Er rief auch sogleich den die hinter uns geflüchteten Wilden verfolgenden Seeleuten entgegen, zu uns heranzukommen. Es waren der Bootsmann nebst vier Matrosen, alle mit Blut besudelt und bereit, über jene herzufallen. DerBootsmann rief schon von weitem: »Willkommen Herr Kapitän zu unserm Beistand, die Hälfte ist noch nicht gethan, Keiner darf verschont, und dies ganze Volk muß vernichtet werden.« Seine Begleiter grinsten ihm ihren abscheulichen Beifall zu, und schon wollten sie sich auf die zitternden Einwohner stürzen, als ich ihnen drohend zurief, keinen Schritt vorwärts zu wagen, und mein Neffe vereinigte seinen Befehl mit meiner Drohung. Der Bootsmann erwiederte hierauf: »Wie! Herr Kapitän! wollen Sie unsere gerechte Rache verhindern? Kommen [195] Sie und diese Herren mit mir, um sich zu überzeugen, daß wir eher Lob als Tadel verdienen;« – und somit führte er uns zu dem Baume, an welchem Jeffery noch hieng. Bis dahin war uns die Veranlassung zu alle den Gräueln unbekannt geblieben, und der scheußliche Anblick des Ermordeten veränderte freilich die Sache; ich war aber zu sehr ergriffen, um die schon zu weit getriebene Rache zu billigen, sondern ließ meinem empörten Gefühl in heftigen Vorwürfen freien Lauf.

Nicht so mein Neffe. Seine Empfindlichkeit ward zwar auch rege, aber auf eine andere Weise. Ohne zu bedenken, daß Jeffery, der ohnedies ein schlechter Kerl gewesen, die Schuld an allem Vorgefallenen war, fand er sich gewissermaßen beleidigt, daß die Wilden die Bestrafung desselben eigenmächtig übernommen und vollzogen hatten. Er bemerkte mir: »Es sey seine Pflicht, seine Mannschaft zu beschützen und die Wilden, die er für Mörder halte, bis auf den letzten Mann zu vertilgen. Zudem befürchte er, wenn er ihnen nicht zu Hülfe eile, die Seinigen würden der Menge unterliegen, etc.« Während dem waren noch Mehrere von ihrer Blutarbeit herangekommen, und es bedurfte keiner weitern Rechtfertigung oder Anmuthigung mehr; der Bootsmann warf einen verächtlichen und feindseligen Blick auf mich, und kehrte zu dem brennenden Orte zurück, wohin ihm seine Mitschuldigen, und zu meinem größten Verdrusse auch mein Neffe mit seiner Mannschaft folgten, um die letzte Hand an ihr verruchtes Werk zu legen. Mir blieb nichts anders übrig, als mit dem [196] Supercargo zu unserer Schluppe zurückzukehren, und auch dies war nicht ohne Gefahr, denn das Feuern des Kleingewehrs in der Stille der Nacht, die Flammen der ausgedehnten Brandstätte, das Geschrei und das Getöse der Flüchtlinge hatte weit umher die Einwohner aus dem Schlafe geweckt, und sie versammelten sich auf verschiedenen Punkten, bewaffnet und sich durch Ausrufungen und drohende Gebehrden zur Rache aufmunternd. Bei den wenigen Hütten, die zwischen der unglücklichen Stadt und unsern Schluppen lagen, hatten sich schon bei Fünfzig vereinigt, aber es gelang uns, unbemerkt die Boote zu erreichen; wir stiegen sogleich ein, um an Bord des Schiffes zurückzukehren, sandten aber die Schluppe unverzüglich wieder an die Küste, um die Schiffsmannschaft zu retten, denn da es unterdessen heller Tag geworden war, und von allen Seiten die aufgebrachten Feinde zu einer beinahe unzählbaren Menge sich vermehrten, so blieb unsern Leuten nichts anders als ein schneller Rückzug übrig. Als ich mit dem Fernrohre nach dem Lande hinsah, bemerkte ich, daß der Brand, da er keine Nahrung mehr fand, zu löschen begann, und erwartete nun, daß unsere Leute nach allzuweit getriebener Rache endlich an Bord zurückkommen würden, da auch das Feuern des Kleingewehrs aufgehört zu haben schien; allein nach einer Stille von ungefähr einer halben Stunde erfolgte unerwartet eine Generalsalve, die daher rührte, daß unsere Mannschaft, die wirklich ihren Rückzug angetreten hatte, die Wilden bei dem kleinen Dorfe in großer Zahl vereinigt und bereit fand, ihnen den [197] Rückzug abzuschneiden; um dies zu verhindern feuerten sie Alle zugleich in den dichten Haufen, so daß einige Zwanzig todt, und noch weit mehr verwundet, hingestreckt wurden. Kurz nachher erblickte ich sie sämmtlich in vollem Laufe, und in solcher Unordnung gegen den Strand heranstürmend, daß die Eingebornen sie mit leichter Mühe würden aufgerieben haben, glücklicherweise hatte die Salve einen so zurückschreckenden Eindruck auf jene gemacht, daß, weit entfernt die Unsrigen zu verfolgen, sie sich während dem ganzen Ueberfall nicht einmal vertheidigt hatten, so daß auch nicht ein Einziger von unsern Leuten war verwundet worden; der Schrecken war noch größer als die Erbitterung gewesen.

Zweiunddreißigster Abschnitt

Zweiunddreißigster Abschnitt.

Zwistigkeit und Trennung.


Dies Ereigniß hatte meine ganze Stimmung verändert; das Betragen der Schiffsmannschaft hatte mich auf's Aeusserste empört, und ich war selbst mit meinem Neffen höchst unzufrieden, seine Pflichten gegen die Rheeder der sowohl als seine Untergebenen ganz hintangesetzt zu haben; ich machte ihm darüber bittere Vorwürfe, deren Richtigkeit er anerkannte, und daher auch, ohne Empfindlichkeit, sich damit entschuldigte, daß der Anblick des ermordeten Jeffery ihn so empört habe, daß das [198] Rachegefühl ihn überwältigte. Es war wirklich zu verwundern, daß mein Neffe sich bis dahin, und besonders bei dieser Gelegenheit, so nachgiebig erzeigte; denn der Leser wird schon öfters bemerkt haben, daß ich mir eine Autorität anmaßte, die mir im Grunde nicht zukam. Ich war nichts weiter alsPassagier, und hatte keine andere Begegnung zu verlangen, als was die gesellschaftlichen Verhältnisse forderten. Wenn aber mein Neffe aus Gefühl von Dankbarkeit und Ehrerbietung sich nicht über mein Betragen beschwerte, so war dies ganz anders bei der Schiffsmannschaft, die sich laut über meine Anmaßungen und die ihr gemachten Verweise beklagte, und erklärte, von mir keine Befehle annehmen zu wollen. Vorzüglich betrug sich der Bootsmann sehr feindselig gegen mich, so daß er von meinem Neffen mehrere Verweise erhielt, aber er nahm sich vor, sich anders, als durch bloße Aeußerungen, empfindlich an mir zu rächen.

Am folgenden Morgen giengen wir unter Segel, ohne uns weiter mit den Eingeborenen abzugeben, noch weniger den erschlagenen Jeffery in die See zu versenken; seine Kameraden hatten sich begnügt, ihn vom Baum abzunehmen und liegen zu lassen. So wenig Mühe gaben sie sich für den, den sie mit der Ermordung von 150 oder 200 Menschen gerächt hatten.

Unsere Bestimmung war erst nach dem persischen Meerbusen, von wo wir dann nach Bengalen segeln sollten, und wenn der Supercargo daselbst seine Geschäfte nicht mit Vortheil betreiben konnte, so sollten wir gerade nach China segeln.

[199] Als wir uns im persischen Meerbusen befanden, sandten wir eine unserer Schluppen an das Land. Wahrscheinlich aber vernachläßigte die Mannschaft die nöthige Vorsicht; sie ward von den Arabern überfallen, und es gelang ihr nur mit Mühe, sich in's Boot zu retten, nachdem sie fünf Mann verloren hatte, die entweder waren erschlagen oder als Sklaven weggeführt worden; die Zurückgekommenen waren sehr erschrocken, besonders der Bootsmann, der sie befehligt hatte. Ich war thöricht genug zu glauben, bei ihrer gegenwärtigen, niedergeschlagenen Stimmung einigen Eindruck auf sie zu machen, und sagte: das wäre die Strafe, für die auf Madagaskar verübten Grausamkeiten. Allein der Bootsmann fiel mir sogleich in die Rede, und hatte sogar einen Vers aus der Bibel bei der Hand, um mir zu beweisen, daß ihr Betragen auf jener Insel gerecht, hingegen meine Ansicht derselben völlig falsch sey, daher er erwarte und verlange, daß ich endlich aufhöre, ihnen Vorwürfe zu machen. Mein Neffe gebot ihm Stillschweigen, mich aber bat er sehr dringend, meine Verweise zu mäßigen, oder lieber gar einzustellen, da ich ja bemerken müßte, daß sie an ihnen verloren wären, für mich aber unangenehme Folgen haben könnten.

So blieben die Sachen, bis wir in Bengalen vor Anker giengen. Als ich mich aber einige Tage nach unserer Ankunft mit dem Supercargo an das Land begab, um den Tag über dort zu verweilen, und wir uns des Abends bereit machten, mit der Schluppe an Bord zurückzukehren, so erinnerte mich einer unserer [200] Matrosen, ich möchte mich nicht bemühen, an den Strand zu gehen, da die Mannschaft des Boots Befehl habe, mich nicht einzunehmen und an Bord zu bringen. Auf meine Frage: Wer ihm befohlen hätte, mich davon zu benachrichtigen, erwiederte er: derBootsmann habe sowohl ihm als der Mannschaft der Schluppe diese Befehle gegeben, und diese sey mit ihm völlig einverstanden. In diesem Augenblicke kam der Supercargo, der einige Geschäfte in der Stadt gemacht hatte, um mit mir an Bord zu gehen. Ich erzählte ihm das, und fügte hinzu, daß ich befürchte, es möchte eine Meuterei auf dem Schiffe im Werke seyn, und bat ihn, sich mit einem indischen Fahrzeuge dahin bringen zu lassen, und den Kapitän davon zu benachrichtigen. Da man ihn aber unweigerlich in die Schluppe nahm, so hätte es nur Verdacht erregt; er fuhr also mit dieser zurück. Indeß konnte er die Mühe sparen, dem Kapitän den Vorfall zu melden, denn kaum war ich am Morgen mit de Schluppe vom Schiff abgefahren, so trat der Bootsmann, der Konstabel, der Zimmermann und überhaupt alle Deckoffiziere zusammen, und verlangten bei'm Kapitän Audienz, wo der Bootsmann, als Wortführer, jenem die Beschwerden der Mannschaft gegen mich auseinander setzte und hinzufügte: »sie hätten mit Vergnügen gesehen, daß ich aus eigener Bewegung das Schiff verlassen, weil sie sonst den Entschluß gefaßt hätten, mich wider meinen Willen zu entfernen, indem sie meine Verweise nicht länger dulden wollten, und ich nicht befugt wäre, die geringste Autorität an Bord auszuüben; auch wäre gar wohl zu vermuthen, daß, wenn ich mit [201] ihnen nach England käme, ich sie vor dem Richter verklagen würde über das, was auf Madagaskar vorgefallen sey. Sie hätten sich verpflichtet, auf dem Schiff unter seinem, des Kapitäns, Kommando zu dienen, und würden es treu und redlich thun; sollte aber er, der Kapitän, oder ich selbst nicht in meine Entfernung willigen, so würden sie sämmtlich das Schiff verlassen.« Als der Sprecher hier geendigt, riefen die Uebrigen: Ja! wir Alle, Alle!

Hierauf erwiederte der Kapitän. »Er würde die Sache überlegen, setzte aber mit entschlossenem Tone hinzu: es sey die größte Ungerechtigkeit, mich, der einen so großen Antheil an der Schiffsladung habe, so zu sagen aus meinem Eigenthum vertreiben und berauben zu wollen, und wenn sie auf ihrem Beschluß beharrten, so würde er solche Maßregeln zu treffen wissen, daß es sie gereuen werde.« Allein weder Drohungen noch Vorstellungen vermochten das Geringste auf diese fühllosen Kerls; sie verwarfen alles, sogar den Vorschlag: der Bootsmann solle den Kapitän an's Land begleiten, um mit mir einen Vertrag nach ihrem Guthbefinden abzuschliessen. Sie antworteten kurzweg: sie wollten mit mir nichts zu thun haben, und dabei blieb es.

Der Kapitän ließ sich sogleich an's Land bringen, und traf unterwegs unsere Schluppe an, die den Su percargo an Bord fahren sollte; dieser kehrte nun mit jenem zu mir zurück, indem er ihn berichtete, was vorgefallen war, und fand, daß er's schon wußte, oder leicht vermuthen konnte. Ich war sehr froh, ihn ankommen [202] zu sehen, denn ich fürchtete, daß die Meuterer, die aller Verbrechen fähig sind, ihn an Bord in Verhaft behalten würden, was mich genöthigt haben würde, ohne Effekten und ohne Geld in der größten Verlegenheit zurückzubleiben. Als mein Neffe mir die ganze Lage der Dinge eröffnet hatte, und hinzusetzte: er würde nie zugeben, daß ich aus meinem Eigenthum verstoßen würde, so beruhigte ich ihn mit der Erklärung: auch ich hätte keine Lust, mit solchen Taugenichtsen etwas zu thun zu haben, und sey entschlossen, andere Gelegenheit zu suchen, um nach Europa zurückzukehren; er möchte nur dafür sorgen, daß ich alle meine Effekten nebst einer bedeutenden Geldsumme erhielte. Das versprach er mir sogleich, meinte aber doch, ich sollte mich nicht so leicht abwendig machen lassen; denn ihm that es sehr leid, sich von mir trennen zu müssen. Auch der Supercargo, mit dem ich auf der ganzen Reise im freundschaftlichen Verhältnisse gestanden, suchte mich zu bereden, meinen Entschluß zu ändern. Ich hatte aber einen solchen Widerwillen gegen das Schiffsvolk, und die Nothwendigkeit, in einem so engen Raume mit ihm zu leben, bekommen, daß ich auf meinem Entschluß bestand. Als sie sich überzeugt hatten, daß dies mein völliger Ernst war, so kehrte mein Neffe auf sein Schiff zurück, verwies der Mannschaft mit scharfen Worten ihr Betragen, erklärte aber zugleich, daß auch ich einen zu großen Abscheu vor ihnen habe, um auf dem nämlichen Schiffe mit ihnen weiter fahren zu wollen, und nichts weiter verlange, als daß man mir meine Habe übersende. Damit [203] waren sie sämmtlich wohl zufrieden, ausser jenem Matrosen, der sich immer zu mir gehalten hatte; dieser bat den Kapitän, ihn bei mir zu lassen, was ihm mein Neffe gern bewilligte. Er kam auch den folgenden Vormittag mit allem, was mir gehörte, zu mir, und bat mich, ihn als Bedienten zu behalten, wie er seit Freitags Tode bereits gethan hatte; dies war mir sehr lieb, da ich mich auf ihn verlassen konnte.

Demungeachtet befand ich mich in nicht geringer Verlegenheit, an einem ganz fremden, mehrere tausend Meilen von England entfernten Orte, wo ich keinen Menschen kannte. Es boten sich mir freilich mehrere Wege an, um dahin zurückzukehren. Entweder durch Indostan über Surate, Basra undAlev, von wo ich mich nach Konstantinopel oder Smyrna wenden, und weiter, entweder durchItalien und Frankreich oder durchDeutschland und die Niederlande nachEngland reisen konnte. Außerdem konnte ich auch mit ostindischen Schiffen die Rückreise machen.

Während den acht Tagen, daß das Schiff meines Neffen noch gegenwärtig war, kam dieser alle Tage zu mir in die Stadt, wo ich bei einer Engländerin ein hübsches Quartier bezogen, welche verschiedene, sowohl englische als französische, italienische und jüdische Kaufleute beherbergte, und wo auch der Supercargo sich eingemiethet hatte, damit wir uns die wenigen Tage noch genießen möchten. Durch seine Sorge und die meines Neffen erhielt ich, ausser einer bedeutenden Geldsumme, die ich baar besaß, und einer ansehnlichen [204] Menge englischer Waaren, die mir gehörten, von meinem Neffen 1000 Stücke von Achten baar, und einen Kreditbrief von 5000 Pfd. Sterling, so daß ich keinen Mangel zu befürchten hatte. Nachdem diese Geschäfte berichtigt waren, nahmen Beide mit großer Rührung von mir Abschied, und segelten den folgenden Tag ab; ich kann nicht verhehlen, daß ich mich nicht ohne Mißvergnügen zurückgelassen sah. Noch muß ich beifügen, daß mein Neffe mir, ausser jenem Matrosen, auch noch den Schreiber des Proviantmeisters zurückließ, welcher lieber bei mir bleiben als weiter zu fahren wünschte.

Nachdem das Schiff abgesegelt war, für mich sich aber noch keine Gelegenheit zur Abreise zeigte, so gewöhnte ich mich täglich besser an meinen hiesigen Aufenthalt, so daß ich ihn neun ganzer Monate verlängerte, während welcher Zeit ich meine Waaren, die von großem Werthe waren, mit beträchtlichem Vortheil absetzte, und wie ich es mir schon Anfangs vorgenommen hatte, erhandelte ich eine ansehnliche Partie Diamanten, so daß ich mein Vermögen in einem kleinen Besteck ohne die geringste Unbequemlichkeit verwahrte.

Während meinem dortigen Aufenthalte kamen mehrere Schiffe aus England und fuhren wieder dahin ab, und ich hätte daher leicht Gelegenheit gefunden, die Rückreise anzutreten, wozu mir auch mehrere Vorschläge gemacht wurden; ich hatte aber immer etwas, bald dies, bald jenes dagegen; ich wußte selbst nicht recht, was ich eigentlich wollte. Es wohnte in dem [205] nämlichen Hause, wo ich im Quartier lag, einenglischer Kaufmann, Namens Wilson, mit dem ich in guter Freundschaft lebte. Eines Morgens trat er in mein Zimmer und sagte: »Wir befinden uns in einem Lande, wo sich treffliche Geschäfte darbieten, und dennoch sind wir Beide müßig, als ob uns das nichts angienge. Lassen Sie uns etwas unternehmen, um nicht in dem allgemeinen Treiben unthätig die Zeit zu verlieren. Wenn Sie tausend Pfund Sterling daran wagen wollen, so lege ich eben so viel dazu; wir kaufen ein Schiff, werben Seeleute, kaufen eine tüchtige Fracht Waaren und segeln damit nachChina, wo Sie Ihre Neugier, fremde Länder zu sehen, befriedigen, und ich meinen Spekulationsgeist beschäftigen können. Sie sind Schiffskapitän und ich Supercargo. Wir hangen von keinenRheedern ab, arbeiten für uns selbst, und wenn uns die Umstände auch nur auf gewöhnliche Weise begünstigen, so erzielen wir mehr Vortheile als Andere.«

Dieser Vorschlag gefiel mir desto mehr, da ich anfieng meiner unthätigen Lebensart überdrüssig zu werden; denn seitdem ich meine mitgebrachten Waaren verkauft und beinahe in Taschenformat verwandelt, hatte ich gar nichts zu thun, als dem Zeitvertreibe nachzugehen. Der Mensch muß aber Etwas haben, das ihn antreibt, Etwas, das gethan seynmuß, ohne von seinem guten Willen abzuhängen, ohne jedoch zu sehr überhäuft zu seyn, so daß er diesem Etwas Zufriedenheit, Lebensgenuß und die gehörige Ruhe [206] aufopfern müsse, und sind dann seine Geschäfte in Uebereinstimmung mit seinen Neigungen, so ist der Mensch in einem glücklichen Zustande, falls keine andern widrigen Umstände sein Glück trüben. Der Handel war zwar meinen Neigungen wenig angemessen, desto mehr aber entsprach ihnen die Aussicht, meine Reiselust zu befriedigen. Ich willigte daher unbedenklich in seine Vorschläge. Noch am nämlichen Tage schossen wir die verabredeten Summen zusammen, machten den Entwurf des ganzen Unternehmens, und arbeiteten täglich an dessen Vollziehung. So emsig wir indessen diese betrieben, so vergieng doch eine geraume Zeit, ehe wir ein Schiff zu kaufen fanden, das für unsere Absichten paßte, und noch mehr Mühe hatten wir, die nöthige Anzahl tüchtiger Deckoffiziere und Matrosen zu bekommen, weil eben die Thätigkeit im Handel, die meinen Freund aufgeregt hatte, damals sehr groß war, die Ausführung erschwerte und vertheuerte. Es gelang uns jedoch, einen Schiffer, einen Steuermann, einen Bootsmann und Konstabel – allesEngländer, – einen holländischen Zimmermann und drei portugiesische Matrosen zu bekommen, die hinlänglich waren, um die Indier zu leiten und zu beaufsichtigen, die den übrigen Theil der Mannschaft ausmachten und leicht aufzufinden waren.

Nach zwei Monaten waren wir segelfertig, lichteten die Anker und nahmen unsern Lauf zuerst gegen Atschim auf Sumatra, von da nach Siam, wo wir einen Theil unserer Waaren mit Vortheil absetzten [207] und eine gute Partie Opium einhandelten, welches zu jeder Zeit, vorzüglich aber jetzt in China sehr gesucht war, und daher in hohem Preise stand. Auch machten wir in den drei Vierteljahren, die uns diese erste Reise wegnahm, vortreffliche Geschäfte. Es ist bekannt, daß die Angestellten der ostindischen Kompagnie in gar kurzer Zeit oft sechszig, achtzig, ja hunderttausend Pfund Sterling gewinnen; dies wird aber Niemand befremden, der diese Gegenden und die große Menge der Seehafen kennt, wo die Engländer freien Handel haben, und deren Einwohner alle fremde Waaren mit großer Begierde aufkaufen, oder gegen solche vertauschen, die man mit ungeheurem Vortheil anderswo absetzen kann. Ausser dem ansehnlichen Gewinn, lernte ich nicht nur den Handel, sondern machte auch große Vorschritte in der Schifffahrtskunde, worauf ich mich mit besonderm Fleiße legte, zu welchem Ende ich mich mit den vorzüglichsten Lehrbüchern und Instrumenten versehen hatte. Uebrigens beschränke ich mich aufmeine Begebenheiten, ohne auf die Beschreibung der Länder und Völker auszuschweifen, da man diese zahlreich genug findet. Diese erste gewinnvolle Reise spornte mich zu einer zweiten an, obgleich ich nichts weniger als gewinnsüchtig, noch geizig und überdies so reich war, daß ich meine Einkünfte kaum zur Hälfte zu verzehren vermochte. Aber die Reiselust, die jetzt, in meinem mehr als sechszigsten Lebensjahre, noch so lebhaft schien als in meiner Jugend, ließ mir keine Ruhe. War ich am Lande, so sehnte ich mich nach der See, und durchsegelte ich diese, so wünschte ich mich [208] auf's Land, und war ich in einem Lande, so verlangte ich ein anderes zu sehen, und da ich in Umständen war, diesen Hang zu befriedigen, so gab ich ihm ohne Bedenken nach. Ich befand mich inOstindien, einem Lande, von dem ich schon in meiner Jugend viel hatte erzählen hören, und wollte es nun auch besehen und gründlich kennen lernen, vorzüglich aber zog mich das Wunderland China an, und das Wenige, was ich davon gesehen, machte mich nur desto begieriger, es näher zu betrachten.

Ganz andere Beweggründe leiteten meinen Genossen, die mehr auf's Solide gerichtet waren. Um dieses möglichst zu befördern, hätte er sich's gar nicht verdrießen lassen, wie ein Postpferd, immer auf demselben Wege hin und her zu traben, im nämlichen Gasthofe einzukehren, wenn er nur seine Rechnung dabei fand. So hat Jeder seine besondern Neigungen, und obgleich die unserigen so abweichend waren, so begegneten sie sich doch auf einem Punkte, nämlich uns zu einer zweiten Reise eifrigst einzurichten. Sie war schon nach fünf Monaten glücklich beendigt, ohne daß uns etwas Interessantes zugestoßen wäre.

Herr Wilson fand, daß bei der Ausdehnung unserer Geschäfte unser Fahrzeug zu klein wäre, und drang darauf, solches zu verkaufen, und ein größeres dafür anzuschaffen. Mir war es ganz recht, da die Fahrt auf einem großen Schiffe weit angenehmer ist, man sich auch mehrere Bequemlichkeiten verschaffen kann, da man hingegen auf einem kleinen oft sehr eingeschränkt sich behelfen muß.

[209] Wenige Zeit nach unserer Rückkehr lief ein holländisches Schiff von 300 Tonnen in den Hafen ein, das sich recht gut für unsere Absicht zu schicken schien; ich vernahm auch bald, daß der Kapitän es zu verkaufen wünschte, weil er Willens wäre, den Seehandel zu verlassen, und mit einem Ostindienfahrer nach Europa zurückzukehren, indem er eine hinlängliche Fortun gemacht habe. Ich benachrichtigte sogleich Herrn Wilson davon, wir besahen und untersuchten das Schiff, in Begleitung eines Schiffsbaumeisters, und befanden es im besten Zustande, schlossen den Kauf, und bezahlten es dem Kapitän baar. Am folgenden Tage nahmen wir davon Besitz, indem ich mit der Mannschaft unsers kleinern Fahrzeugs mich dahin begab. Wir hatten uns entschlossen, auch die Mannschaft desselben in unsere Dienste zu nehmen, und ich wollte mit ihr darüber unterhandeln, war aber nicht wenig betroffen, als ich vernahm, sie hätten sich, bis auf fünf Mann, welche erst kürzlich angeworben worden, entfernt, nachdem sie nicht bloß ihre Besoldung, sondern jeder auch seinen Antheil an der Verkaufssumme erhalten. Diese Nachricht setzte uns in nicht geringe Verlegenheit, wir gaben uns alle Mühe, wo nicht alle, doch einige dieser Seeleute zu finden, vernahmen aber, sie wären ins Innere des Landes gegangen, der Kapitän aber bereits nach Batavia abgefahren, so daß keine Spur mehr von ihnen zu entdecken war. Dies mußte nothwendig Verdacht gegen sie erregen, aber es vergieng noch einige Zeit, ehe wir die Lage der Dinge erfuhren, und wären beinahe die Opfer einer abscheulichen Betrügerei geworden, denn [210] jene fünf Mann wußten uns nicht das Geringste davon zu berichten.

Wir glaubten indeß einen vortrefflichen Kauf gemacht zu haben, und obgleich wir wohl fühlten, bei unsern Erkundigungen nicht vorsichtig genug gewesen zu seyn, so zweifelten wir doch keineswegs, daß wir unser Fahrzeug rechtmäßig besaßen, warben daher die noch fehlende Mannschaft, sowohl Engländer als Holländer und Indier, befrachteten unser Schiff mit Waaren und Lebensmitteln, und segelten wieder nach der Bai von Siam, und erst, als wir diese verlassen hatten, bemerkten wir einige Tage nachher, daß wir einen Leck bekommen hatten, konnten aber nicht dessen Stelle entdecken; wir richteten daher unsern Kurs nach dem Flusse Cambodia, wo wir die Anker fallen liessen. Ich begab mich, wie man gewöhnlich that, wenn man einige Zeit in See gewesen, an's Land, und konnte dies desto eher, da ich, um mehr Muße zu haben, das Schiffskommando niedergelegt hatte, indem wir schon inBengalen mit einem braven und geschickten englischen Schiffskapitän, der eben ohne Anstellung war, Bekanntschaft gemacht und ihm den Befehl unsers Schiffes übergeben hatten.

Als ich kaum am Lande war, kam er Bootsmann eines englischen Ostindienfahrers, der weiter oben bei der Stadt Cambodia vor Anker lag, in mein Quartier, und begehrte, mit mir zu sprechen, indem es mich sehr nahe angienge. Und was wäre denn dies? fragte ich ihn verwundert, da mir der Mann ganz unbekannt war. Es ist, erwiederte er, die große Gefahr, [211] die Euch droht, die mich bewogen hat, Euch davon zu benachrichtigen, da Ihr sie nicht zu beachten, oder nicht zu kennen scheint, obwohl letzteres beinahe unglaublich ist. Wißt Ihr denn nicht, daß bei der Stadt Cambodia zweienglische und drei holländische Schiffe liegen, davon jedes Euch überlegen ist. Ich bemerkte ihm dagegen: daß, da zwischen England undHolland Friede sey, so glaubte ich weder von meinen Landsleuten, noch von den Holländern das Geringste befürchten zu müssen, und die einzige Besorgniß, die ich habe, ein Leck wäre, den unser Schiff bekommen hätte. »Nun in Wahrheit, versetzte er, ich dächte, Ihr hättet wohl wichtigere Gründe, besorgt zu seyn; ich glaubte, Euch einen wichtigen Dienst zu leisten, wenn ich Euch warnte, und riethe sogleich, und ohne nur an den Leck zu denken, die Anker zu lichten, und davon zu segeln, denn fünf bewaffnete Schluppen, eben von jenen fünf englischen undholländischen Schiffen, sind bereit, Euch anzugreifen, und als Seeräuber zu bestrafen, und ich sollte meinen, ein Rath von solcher Wichtigkeit hätte mir eine bessere Aufnahme verschaffen sollen.« – Ich bin kein Seeräuber, erwiederte ich, und war es nie, auch werde ich nicht undankbar seyn, wenn Ihr mir nähere und sichere Berichte hierüber geben könnt. – »Ihr habt keinen Augenblick zu verlieren, wenn Ihr Euch retten wollet, und die Geschichte, die Euch übrigens nicht unbekannt seyn kann, würde zu lang seyn, und Euch zu lange aufhalten, denn ich wiederhole es, und stehe dafür, daß kein Augenblick zu verlieren ist, wenn Ihr euer [212] Leben und das eurer ganzen Mannschaft nicht muthwillig auf's Spiel setzen wollet. Von eurer frühern Fahrt weiß ich nichts, wohl aber, daß, sobald unsere Schiffe das Eurige erkannten, alles vorbereitet wurde, um Euch mit Uebermacht anzugreifen. Die fünf Schluppen sind Euch auf dem Flusse weit überlegen, und wären schon da, wenn sie gegen dieFluth anrudern könnten; so aber müssen sie dieEbbe erwarten, und dies, so wie der frische Wind, begünstigen euere schnelle Abfahrt; ich habe aber einen Gefährten hier, dem eure ganze Geschichte wohl bekannt ist, ich will ihn holen, und er wird Euch alles erzählen.« – Es sey, versetzte ich, und ich werde Euch reichlich belohnen, wenn es sich zeigt, daß euer Bericht gegründet ist. – Hierauf erwiederte er: »Ihr scheint noch nicht überzeugt, sondern mißtrauisch zu seyn; wenn es Euch wirklich Ernst ist, mich zu belohnen, so ist dies leicht. Ich habe neunzehn Monate Besoldung auf einem jener englischen Schiffe zu gut, und mein Kamerad, ein Holländer, hat einesiebenmonatliche zu fordern; wollt ihr uns diese Ansprachen vergüten, und uns in euern Dienst nehmen, so sind wir zufrieden.«

Ich nahm ihn sogleich bei'm Wort, wodurch er sich ganz in unsere Gewalt übergab. Ich befahl ihm, unverzüglich seinen Gefährten zu holen, und begab mich zum Boote, wo beide bald darauf eintrafen, und mit mir zum Schiffe ruderten. Als wir uns soweit genähert hatten, daß man sich verstehen konnte, rief mir Herr Wilson zu, daß der Leck entdeckt und bereits verstopft sey. – Vortrefflich! Nur geschwind die Anker gelichtet, [213] auf und davon gesegelt, was das Zeug halten mag. – Herr Wilson machte große Augen, und that viele Fragen, aber ich bedeutete ihm, daß zu Erläuterungen jetzt nicht Zeit wäre, sondern Alles Hand anlegen müsse, um fortzukommen. Obgleich seine Neugierde eben so groß als sein Erstaunen war, so widersetzte er sich doch keineswegs mei nen Anordnungen, sondern unterstützte sie vielmehr durch Anmuthigung der Mannschaft. Die Fluth hatte zwar noch nicht Hochwasser erreicht, aber der günstige Wind, der zu unserm Glücke noch immer frisch seewärts wehete, brachte uns bald in die offene See.

Nun erzählte ich meinem Genossen die saubere Geschichte, in die wir verwickelt waren, und ließ, zur Ergänzung derselben, die beiden Männer in die Kajüte kommen. Der Holländer erzählte uns dann Folgendes: »Derjenige, der uns unter dem NamenKlosterhoven, als Kapitän, das Schiff verkauft hatte, war nur der Konstabel und ein Erzbösewicht. Als das Schiff an der Insel Sumatra anlegte, gieng der Kapitän mit dem Boot ans Land, ward aber nebst drei seiner Matrosen von den Eingebornen erschlagen, die Uebrigen entkamen nur mit großer Mühe dieser Gefahr. Der Schiffer floh mit Dreien in die Wälder, und nur ihrer Fünfe, die schon bei der Schluppe waren, flüchteten sich mit selbiger an Bord. Nun bemächtigte sich der Konstabel des Oberbefehls, segelte fort, ohne sich um die noch am Lande Gebliebenen zu bekümmern. Er, der Holländer, war einer der drei Flüchtlinge, die sich in die Wälder retteten, und hatte das Glück, als [214] er sich von seinen Kameraden entfernt hatte, um am Strande Fische oder Muscheln zu suchen, ein Boot anzutreffen, das eben Wasser eingenommen hatte, an Bord einesholländischen, von China kommenden Schiffes zurückkehren wollte, und ihn mitnahm, ohne warten zu wollen, bis er jene geholt hätte. Einige Zeit, nachdem dieser Chinafahrer in Batavia eingelaufen, erfuhr man durch zwei andere Matrosen, die sich auch gerettet hatten, daß der Konstabel das Schiff in Bengalen einem Trupp Seeräuber verkauft habe, die bereits ein englisches und zwei holländische reichbeladene Fahrzeuge gekapert hätten.« Dies gab uns nun völligen Aufschluß über unsere Lage. Denn gewiß hatte der Konstabel und sein Schiffsvolk Seeräuberei getrieben, und jene drei Schiffe weggenommen, und sein eigenes verkauft, um der Gefahr, gehangen zu werden, zu entrinnen. Wir glaubten, das Beste wäre, sogleich nach Bengalen zurückzukehren, wo wir Beide wohl bekannt waren, und wo wir uns mit Erfolg vertheidigen konnten; nur war zu befürchten, daß wir, noch vor unserer Ankunft daselbst, angegriffen und weggenommen, und unverhört, ohne Gnade aufgehängt werden möchten.

Wir überlegten sehr ernstlich, was zu thun sey, als der Kapitän in die Kajüte trat und meldete, man bemerkte fünf starkbemannte Schluppen, die uns verfolgten; ein Beweis, daß der Bericht der beiden Männer nur allzugegründet war. Ich ließ sogleich die Schiffsmannschaft auf den Halbdeck versammeln, und berichtete ihr unverholen unsere Lage und Gefahr, und daß [215] uns nichts übrig bliebe, als Gewalt mit Gewalt abzutreiben. Unbedenklich und muthvoll waren sie bereit, bis auf den letzten Mann zu fechten. Wir setzten daher alles zu einer verzweifelten Gegenwehr in Bereitschaft.

Die feindlichen Boote schienen eben so eifrig zum Angriff als wir zur Vertheidigung; sie setzten alle Segel bei, um uns einzuholen, und halfen noch mit den Rudern nach; auch gewannen sie beträchtlichen Fortgang über uns, besonders zwei, die wir durch unsere Fernröhren für englische erkannten, und den übrigen zuvoreilten. Als sie nahe genug waren, thaten wir einen Schuß – doch ohne Kugel – und hißten eine weisse Flagge auf, beides Signale, daß wir mit ihnen sprechen wollten; sie kehrten sich aber gar nicht daran, daher wir, mit ihren Absichten nur zu wohl bekannt, statt der weissen die rothe Flagge – die sogenannte Blutflagge – aufzogen, und zugleich hart über ihren Köpfen eine Kugel wegfeuerten, wodurch sie sich aber nicht abwendig machen liessen. Da nun die eine schon so nahe war, daß sie uns durch das Sprachrohr verstehen mußte, so warnten wir sie abzustehen, weil wir sie sonst in den Grund bohren würden; aber wir schienen Taubstummen zu predigen. Daher ließ ich ein paar Kugeln auf sie feuern, davon die eine über die nähere Schluppe hinflog, und den Hintertheil der Entfernteren zerschmetterte, was ihre Mannschaft nöthigte, die Segel einzuziehen und sich in den Vordertheil zu drängen, um nicht zu sinken. Auch dies vermochte nicht, die nähere Schluppe aufzuhalten, und sie kam so nahe gegen den Hinterbug, daß zwei Schüsse über sie weggiengen, [216] ohne zu treffen, was ihre Mannschaft bewog, die Hüte zu schwingen und uns zu verspotten. Aber wir machten eine kleine Wendung und zwei neue Schüsse, wovon einer mit Kartätschen, bessere Wirkung that; zwar hatte der Kugelschuß wieder gefehlt, aber jener fiel mitten in die Mannschaft und richtete schreckliche Verwüstung unter ihr an, und drei kurz darauf folgende Kanonenschüsse zertrümmerten das ganze Boot. Da unsere beiden Boote neben dem Schiffe flott und bemannt waren, so gab ich dem einen Befehl, der herumschwimmenden feindlichen Mannschaft zu Hülfe zu eilen, sie vom Ersaufen zu retten und so viel sie erfassen könnte, zu uns an Bord zu bringen. Unsere Leute thaten zwar ihr Bestes, konnten aber nur Drei auffangen, davon der Eine schon halb ertrunken war, weil von den Uebrigen die meisten verwundet untersanken, oder gegen die andere Schluppe hinschwammen, indem die drei folgenden Schluppen sich dieser nun auch genahet und Arbeit genug hatten, ihnen Beistand zu leisten, ohne sich weiter um uns zu bemühen. Sobald unser Boot die Geretteten an Bord brachte, setzten wir ohne Aufenthalt unsern Lauf mit immer günstigem Winde und veränderter Richtung fort, froh einer solchen Gefahr entgangen zu seyn. Nachdem unser Fahrzeug wieder ordentlich seinen Lauf fortsetzte, ließ ich die drei Aufgefangenen zu mir kommen; sie konnten mir aber nichts mehr sagen, als ich schon von jenen Beiden erfahren hatte. Sie blieben bei uns als Matrosen an Bord. Wir entschlossen uns vorerst, nach der Küste von Tunking, wohin nur wenige europäische Schiffe [217] segelten, hinzusteuern, um einen bequemen und zugleich abgelegenen Ort zu finden, wo wir unser Schiff, das dessen sehr bedurfte, ausbessern, dann nach China segeln und solches nebst unsern Waaren verkaufen könnten. Dem zufolge steuerten wir Nord-Nordost; aber die Fahrt ward immer unangenehmer, indem Windstille eintrat und wir anfiengen, Mangel an Lebensmitteln zu leiden. Vorzüglich aber war ich über unsere gefährliche und ungewisse Lage sehr niedergeschlagen. Nach meiner Zurückkunft von meiner Insel befand ich mich in England in der erwünschtesten Lage von der Welt; ich besaß ein mehr als hinlängliches Vermögen, um als ein Gentleman anständig zu leben, genoß der Achtung aller derjenigen, die mich kannten, und war nun im Verdacht eines schändenden Verbrechens, woran ich in meinem Leben nie gedacht hatte und von Herzen verabscheute, das mich nun der Gefahr eines schmählichen Todes oder wenigstens dem Verlust meines guten Namens aussetzte. Während geraumer Zeit träumte ich von nichts als von Gefechten, Verfolgungen, Schaffoten und Henkern, und dies machte mein Leben höchst elend. Die langsame Fahrt und die Geschäftlosigkeit boten mir nicht die geringste Zerstreuung und Aufheiterung dar, und ich würde wahrscheinlich ganz schwermüthig geworden seyn, wenn wir nicht endlich drei Wochen nach jenem Gefechte die Küste von Cochinchina entdeckt hätten, wo sich ein Fluß in die See ausmündete. Wir liessen der Mündung gegenüber die Anker fallen und setzten diePinasse aus, worin der Kapitän sich selbst an das Land fahren ließ, um eine [218] zuverlässige Rekognoszirung anzustellen, ob der Fluß unser Fahrzeug aufnehmen könne und ob keine Schiffe in dem umliegenden Hafen sich befänden. Der Erfolg entsprach unsern Wünschen: der Fluß, obwohl klein, war tief genug, unser Schiff über fünf englische Meilen weit einlaufen zu lassen, und andere Fahrzeuge waren weit und breit keine da. Wir hoben daher noch am nämlichen Tage den Anker, liefen in die Mündung des Flusses ein, und ankerten ungefähr drei englische Meilen aufwärts derselben, jenseits eines vorspringenden Hügels, der uns allen vorbeifahrenden Schiffen verbarg, da wir hingegen vom Gipfel desselben weit in die See hinausschauen konnten, und wirklich am folgenden Morgen zwei holländische Schiffe, am Nachmittage zwei englische und ein paar Tage nachher noch ein Schiff, das keine Flagge führte, aber uns doch an der Bauart ein holländisches zu seyn schien, in der Entfernung von sechs bis acht englischen Meilen, vorbei segeln sahen, welche alle den Lauf ostwärts, wahrscheinlich nach China, richteten. Sie bemerkten uns gar nicht, und wir waren hocherfreut, an diesem Zufluchtsorte so verborgen zu seyn. Demungeachtet waren wir nicht ganz ohne Besorgnisse, da bei der, wie es schien, etwas lebhaften Schifffahrt in diesen Gewässern, Andern dieser Ankerplatz besser als uns bekannt seyn, und sie bewegen konnte, neben uns vor Anker zu gehen. Die Lage dieser Flußmündung war höchstens zwanzig englische Meilen von der nördlichen Grenze von Cochinchina, gegen Tunking hin, entfernt. Ueberdies gehörten die Landeseingebornen in unsern nächsten [219] Umgebungen zu den barbarischsten Völkern der Erde; sie waren diebisch, grausam und verrätherisch, und dennoch waren wir genöthigt, wegen den Lebensmitteln mit ihnen in Verkehr zu treten, aber wir geriethen oft in Streitigkeiten mit ihnen, und hatten nicht wenig Mühe, uns vor ihren Betrügereien und Beleidigungen zu schützen. Sie lebten meist von Früchten, Gewild und Fischen, und überdies hatten sie noch die abscheuliche Gewohnheit, wenn Schiffe an ihren Küsten strandeten, die unglücklichen Schiffbrüchigen zu Sklaven zu machen, um sie ins Innere des Landes zu verkaufen, wie wir selbst würden erfahren haben, wenn wir ihnen nicht überlegen gewesen wären.

Als wir, wie bereits gemeldet, einen Leck bekommen, ihn nach langem Suchen gefunden und verstopft hatten, sahen wir, daß das Schiff verschiedentlicher Ausbesserung, besonders der Kalfaterung bedurfte, und der Ort, wo wir uns jetzt befanden, schien uns sehr bequem zu dieser Arbeit. Zu dem Ende legten wir das Geschütz des einen Bordes an das andere, so wie die Anker und andere schwere Gegenstände, um das Schiff so viel möglich auf die eine Seite zu legen, damit wir an der andern bis zum Kiel gelangen könnten. Wir hatten diese Arbeit am dritten Tage und schon vor Aufgang der Sonne angefangen, so daß die Landeseinwohner, als sie erwacht waren, das Fahrzeug sehr auf die Seite geneigt erblickten, und in ihrer Unwissenheit glaubten, es sey in der Nacht verunglückt, obwohl das Wetter sehr stille gewesen war. Sie sahen sofort das Schiff für gute Prise an, und wir bemerkten, [220] daß ich viele Thätigkeit und Lebhaftigkeit unter einem Haufen von hundert bis hundertfünfzig Menschen zeigte. Es mochte etwa gegen zwei Uhr Nachmittags seyn, als zehn bis zwölf Kanots, mit Leuten gefüllt, heran ruderten, ohne daß sie unsere Leute, die hinter dem Schiffe arbeiteten, ansichtig wurden; wir aber hatten sie schon lange entdeckt und beobachtet, und da wir uns nichts Gutes von ihnen versahen, so waren wir auf alle Fälle gefaßt, hatten in jeder Schluppe, worin die Arbeiter sich befanden, einige mit Feuergewehr bewaffnete Matrosen einsteigen lassen, und auch jenen Waffen geben lassen. Als nun die Indianer näher kamen, sahen sie wohl, daß wir das Fahrzeug nicht verlassen hatten, sondern noch gegenwärtig waren, worüber sie sehr betroffen waren, und Anfangs nicht gleich wußten, was sie thun sollten; da sie uns aber so ruhig sahen, und meinten, wir seyen erschrocken, so hofften sie, leichtes Spiel mit uns zu haben, und naheten sämmtlich mit großem Geschrei und drohenden Gebehrden, was einigen unserer Leute Furcht anjagte; zwei der Kanots waren so nahe an die Pinasse gekommen, daß bereits ein paar Arbeiter ergriffen wurden, der eine von diesen war aber ein rüstiger Kerl, dem wenig daran lag, Gefangener zu seyn, und da er eben eine Kelle voll Theer in der Hand hielt, so schwang er diesen brühheiß dem beinahe nackten Indianer auf den Leib; die brennende Suppe preßte ihm ein lautes Gebrülle aus, er sprang ins Wasser, um sich abzukühlen; als unsere übrige Mannschaft die gute Wirkung erblickte, bedienten sie sich des nämlichen [221] Mittels gegen die andringenden Feinde, und belustigten sich an ihren seltsamen Sprüngen und Geheul. »Die Suppe schmeckt – rief einer – denn sie singen und tanzen dazu.« Die Andern machten ähnliche Anmerkungen, und fuhren fort, die Indianer mit heißem Theer zu bespritzen. Die Wirkung war schnell und entscheidend; in weniger als einer halben Stunde waren wir von diesen lästigen Besuchern befreit, und hörten noch in weiter Ferne ihr abscheuliches Geheul, das mich an das jener Wölfe erinnerte, die uns auf den Pyrenäen anfielen. Es ist doch sonderbar, daß, da der Schmerz allen Menschen ein Geschrei auspreßt, dieses doch bei allen Völkern eben so verschieden ist als ihre Sprachen, da es doch nur der unwillkührliche Ausdruck des Leidens ist, der mit der Sprache selbst nichts gemein zu haben scheint. Uebrigens war ich sehr froh, so schnell und so wohlfeilen Kaufs, ohne Jemand getödtet zu haben, aus dieser, Anfangs so drohenden Gefahr gerettet zu seyn, und wahrscheinlich keine weitern Angriffe befürchten zu müssen; wir setzten also unsere Arbeiten mit so gutem Erfolge fort, daß unser Schiff nach fünf Tagen im besten Zustande und segelfertig war. Doch unterließen wir nicht, alle Sicherheitsanstalten zu treffen, um einen allfälligen Angriff der Feinde mit solchem Nachdruck zurückzuschlagen, der ihnen alle Lust benehmen würde, uns ferner zu beunruhigen.

Dreiunddreißigster Abschnitt

[222] Dreiunddreißigster Abschnitt.

Fortsetzung der Reise.


Den Tag nach Beendigung unserer Schiffsarbeiten lichteten wir den Anker, und trieben mit der Ebbe und der Strömung des Flusses durch die Mündung desselben hinaus, wo wir den Anker wieder fallen ließen, weil uns der Wind ungünstig geworden war, und erst nach zwei Tagen konnten wir weiter segeln. Wir nahmen den Lauf Nordost, eben so besorgt, englischen oder holländischen Schiffen zu begegnen, als die Kauffahrteischiffe im mittelländischen Meere sich vor den algierischen odertunesischen Seeschäumern scheuen. Nach einigen Tagen einer guten Fahrt drehten wir gerade nachNord, und behielten diese Richtung bis wir über den 22. Grad der Breite hinaus waren, und liefen dann gerade der Insel Formosa zu, um uns daselbst mit frischem Wasser und Lebensmitteln zu versehen, die wir auch in Ueberfluß, wohlfeil und von guter Qualität erhielten. Die Einwohner waren redlich und gesittet, was vielleicht noch von dem Christenthum herrühren mag, das ehemals eine Zeitlang auf dieser Insel blühete.

Als wir selbige verließen, segelten wir wiederumnordwärts und hielten und in gleicher Entfernung[223] von den chinesischen Küsten, und nachdem wir den 32. Grad erreicht hatten, entschlossen wir uns, in dem nächsten Hafen, den wir entdecken würden, einzulaufen. Zu dem Ende näherten wir uns den Küsten, und als wir noch ungefähr zwei Seemeilen davon entfernt waren, kam uns ein Boot entgegen, worin sich ein alter portugiesischer Seemann befand, der uns seine Dienste als Steuermann oder Loots anzubieten kam, was wir mit Vergnügen annahmen. Er stieg sogleich an Bord, und ohne zu fragen, wohin unsere Fahrt gehe, sandte er sein Boot zurück.

Da uns diese Küste unbekannt war, so erkundigten wir uns nach allen Umständen, und bedeuteten ihm, daß wir nach Nanking zu segeln wünschten. Dies schien ihn zu verwundern, und er fragte neugierig, was wir dort wollten? Es wäre besser gewesen, inMacao einzulaufen. Wir bemerkten ihm aber, wir wären nicht bloß Kaufleute, sondern Reisende, die gern Länder und Völker kennen lernen möchten, auch Willens wären, die berühmte kaiserliche ResidenzPeking zu besehen. Da meinte der gute Alte, der sehr umständlich und geschwätzig zu seyn schien, es wäre in diesem Fall besser, nach Ningpo, da näher läge, zu gehen, von wo wir dann leicht den großen Kanal erreichen könnten. Seine Widerreden machten mich ungeduldig, und ich sagte ihm: Ob er uns nachNanking bringen könne oder nicht? Er erwiederte: »daß er das leicht thun könne, indem ihm die ganze Küste wohl bekannt und erst vorigen Tages ein holländisches Schiff den nämlichen Kurs hingefahren sey. Er bemerkte, daß ich auf [224] seine Antwort bestürzt geworden, und setzte hinzu, wir hätten nichts zu befürchten, da, soviel bekannt, England undHolland nicht mit einander Krieg hätten; nur Seeräuber haben sich zu scheuen, von diesen aber hat man seit fünfzehn Jahren in diesen Gewässern nichts gehört, ausser einem einzigen, der sich vor Kurzem in dem Flusse Cambodia gezeigt habe, und beinahe von Britten und Holländern genommen worden wäre, wenn die vordern Schluppen von den andern besser wären unterstützt worden. Man hat aber eine so genaue Beschreibung von diesem Fahrzeuge, daß es seiner wohlverdienten Strafe nicht entgehen wird.« – Wie! rief ich, ohne Untersuchung? – »Die Form Rechtens, meinte er, möchte hier wohl überflüssig seyn; man packt sie, hängt sie, oder schmeißt sie ins Meer, und damit hat der Prozeß ein Ende.«

Dieser derbe Ausspruch mußte mich natürlich empören, und da der Mann uns nicht verrathen konnte, weil er auf unserm Schiff bleiben mußte, so sagte ich ihm unverholen, daß unser Schiff eben das Fahrzeug wäre, von dem so viel gesprochen würde, und daß ich eben darum weder in Macao, noch in irgend einen andern Hafen einlaufen wolle, der von Europäern besucht würde. Ich erzählte ihm hierauf den ganzen Verlauf der Sache, und fragte ihn dann: Ob er an Bord das Geringste bemerke, das einen Seeräuber andeute?

Der gute Greis war äusserst betroffen über diese Nachricht, und sagte: »da sey nichts anders zu thun, als das Fahrzeug sobald möglich zu verkaufen, und mit [225] einem andern, das wir miethen oder erhandeln könnten, nach Bengalen zurückzukehren, und hierzu böte Nanking hinlängliche Gelegenheit dar.«

Wir richteten nun unsern Lauf gerade nach dieser berühmten Stadt, wo wir am dreizehnten Tage nachher, an der Mündung des Flusses, den Anker fallen zu lassen bereit waren, als wir durch Boote, die Früchte und andere Lebensmittel an Bord brachten, vernahmen, daß am nämlichen Morgen zwei holländische Schiffe vorbeigefahren wären. Wenn wir da blieben, oder weiter nordwärts segelten, so konnten wir ihnen nicht entgehen, und unsere frühern Besorgnisse erneuten und erhöhten sich bis auf den höchsten Grad. Unser Portugiese rieth uns, nach einem kleinen Hafen, den er, wo ich nicht irre,Quinschang nannte, hinzusegeln, der ungefähr vierzig Seemeilen südwärts läge, wo keine andern fremden Schiffe einliefen, als die, welche Missionarien von Macao her dahin brächten, welche von da nach dem Innern von China reiseten, um das Christenthum zu predigen, und wo wir völlig sicher wären. Dort könnten wir dann überlegen, was weiter zu thun seyn möchte. Es wäre freilich kein Handelsort, ausser zwei oder drei Mal jährlich, wo eine Art Jahrmesse statt fände, und japanische Fahrzeuge anlangten, allerhand chinesische Produkte einzuhandeln, oder gegen die ihrigen zu vertauschen.

Schon des folgenden Tages segelten wir dahin ab, nachdem wir erst vielerlei Lebensbedürfnisse und frisches Wasser eingenommen hatten. Wegen widrigem Winde konnten wir diesen Ort nicht früher erreichen, als am [226] fünften Tage, so sehr wir uns auch darnach sehnten, und wie froh waren wir, als der Anker gefallen war. Noch am nämlichen Abend verließ ich nebst Herrn Wilson, dem andern Gefährten, den Bedienten und den alten Portugiesen, der uns wegen seiner Kenntniß der Sprache und der Sitten des Volkes von großem Nutzen war. Wie erfreut war ich, als ich mich in meiner Wohnung am Lande befand, und ich that laut und feierlich das Gelübde, jenes Unglücksschiff nicht wieder zu besteigen, und mein Mitgenosse stimmte herzlich ein.

Der portugiesische Greis, der eine ganz besondere Zuneigung zu uns gefaßt hatte, kam am andern Morgen, nachdem er schon einige Gänge durch das Städtchen gemacht hatte, zurück, und sagte: daß er uns eine bessere Wohnung und ein Magazin gefunden hätte, und nachdem wir solches besehen, mietheten und bezogen wir es sogleich. Es bestand bloß in einer Hütte, und in einem anstoßenden, weitläufigen Gebäude von Bambu, und war mit einer soliden Umzäunung vom nämlichen Holze umgeben, was uns Sicherheit gegen Diebe und Bequemlichkeit gewährte. Da wir nicht mehr unser Schiff besteigen wollten, so liessen wir unsere Möbeln aus der Kajüte in unsere Wohnung bringen, und richteten uns auf's Beste ein. In wenigen Tagen waren auch unsere sämmtlichen Waaren in unserm Magazin eingeordnet, so daß uns nichts weiter mangelte, als sie, nebst dem Schiffe, sobald möglich zu verkaufen. Bis dahin bewilligte uns der Stadtmagistrat eine Schildwache, die wir mit einer Ration Reis und [227] einer kleinen Münze bezahlten, was uns täglich nicht mehr als drei englische Pfennige kostete.

Als wir hier anlangten, war die letzte Jahrmesse schon seit einigen Wochen vorüber, doch fanden sich auf dem Flusse noch vier oder fünf chinesische Junken und zwei japanische Fahrzeuge. Unser alter Portugiese war eben so thätig als gesprächig, und brachte uns sowohl mit den Chinesen als den Japanern, denen diese Schiffe gehörten, in Bekanntschaft, wie auch mit drei Missio narien, davon der Eine ein Portugiese, der Andere ein Italiener und der Dritte ein Franzose war. Dieser, Pater Simon genannt, war eben so aufgeweckt und artig, als jene ein düsteres strenges Ansehen affektirten. Die Gesellschaft dieser Geistlichen und Seeleute machte unsern Aufenthalt weit angenehmer, als er sonst an einem so unbedeutenden Ort gewesen seyn würde.

Die Bekehrungsweise der guten Patres war sonderbar genug, und ihre Proseliten eben so sonderbare Christen. Ihre ganze Bekehrung bestand darin, daß sie den Namen Jesus Christ aussprechen, an ihn und die heil. Jungfrau einige Gebete in einer ihnen ganz unverständlichen Sprache herplappern und das Zeichen des Kreuzes machen konnten. In allem Uebrigen blieben sie in der krassesten Unwissenheit, und dennoch bildeten sich diese Missionarien gar viel darauf ein, diese Seelen, wie sie sagten, gerettet zu haben. Pater Simon sollte nicht, wie die beiden Andern, in dieser Gegend bleiben, sondern nach Peking abgehen, sobald ein Gefährte, den er vonMacao erwartete, angekommen [228] seyn würde. Jedesmal, wenn ich ihn sah, sprach er voll Dünkel von dieser Mission in der Kaiserstadt, die nach seinem Ausdruck so groß war, als Paris und London zusammengenommen, und er drang in mich, dahin mitzugehen. Obwohl ich eben nicht abgeneigt war, so konnte ich mich doch nicht dazu entschliessen, ehe unsere Geschäfte, der Verkauf des Schiffes und der Waaren abgethan waren, was an einem so kleinen Orte nicht so leicht und schnell geschehen konnte, als wir wünschten. Indeß gelang es doch früher, als wir hoffen durften.

Unser guter Alter, dessen thätige Dienstfertigkeit wir nie genug zu rühmen vermögen, bemühete sich unablässig, uns alle denkbaren Vortheile zu befördern. Eines Tages brachte er uns einen der japanesischen Schiffer, der unsere Waaren zu sehen wünschte. Nach deren Besichtigung nahm er vorerst unsern ganzen, sehr beträchtlichen Vorrath vonOpium ab, und bezahlte ihn sehr wohl mit Gold und Silberbarren. Da mir aber noch weit mehr daran gelegen war, des Schiffes los zu werden, – denn die Waaren konnten wir allenfalls auf kleinen Flußschiffen nach Nanking bringen lassen, und daselbst leicht absetzen – so sagte ich dem Alten, er solle darüber mit dem Japaner sprechen. Dieser schüttelte zwar Anfangs den Kopf, kam aber doch nach einigen Tagen mit Pater Simon, der ihm als Dollmetscher diente, wieder zu uns, und that folgenden Vorschlag: da er uns eine bedeutende Menge von Waaren abgekauft und baar bezahlt, ehe er daran gedacht habe, unser Schiff zu erhandeln, so sey seine [229] Kasse jetzt zu erschöpft, um es zu kaufen; wenn wir aber die Mannschaft und einen Theil der Waaren darauf lassen wollten, so sey er geneigt es zu miethen, damit nachJapan zu segeln, dort die Ladung zu verkaufen, mit andern Waaren zu beladen und nach Manilla zu senden, und nach dessen Zurückkunft nach Japan würde er's dann für sich kaufen und baar bezahlen. Ich war sehr geneigt den Vorschlag anzunehmen, aber es zeigten sich mehrere Schwierigkeiten zu beseitigen. Der Charakter der Japaner – obwohl weit besser als der der Chinesen, – dann der gänzliche Mangel einer Bürgschaft, machte uns sehr unentschlossen. Dann kam es auch vorzüglich darauf an, ob unser Kapitän und die Schiffsmannschaft geneigt wäre, diese Reise zu machen. Um Zeit zu gewinnen, antworteten wir, daß vorerst die Mannschaft befragt werden müsse, ohne welcher Einwilligung wir nichts beschließen könnten. Er begnügte sich mit dieser Antwort, und versprach nach drei Tagen wieder zu kommen.

Wir ließen am folgenden Tage dem Kapitän unsers Schiffes entbieten, zu uns zu kommen, stellten ihm dann den Vorschlag und unsere Bedenklichkeiten vor, und ersuchten ihn, die Sache wohl zu überlegen, sie dann der Mannschaft vorzutragen und uns seine und ihre Entschließung des andern Tages mitzutheilen.

Der junge Mensch, der mit mir von meines Neffen Schiffe gekommen, und mir als Schreiber behülflich war, verlangte aber noch am nämlichen Abend mit mir zu sprechen. Er stellte mir vor, daß der Vorschlag des Japaners große Vortheile verspräche, und rieth [230] mir, ihn nicht abzulehnen. Wenn ich aber nicht dazu geneigt wäre, so möchte ich ihn als Supercargo auf dem Schiffe anstellen und ihm diejenigen Waaren anvertrauen, die wir darauf lassen wollten, und daß er mir nach unserer Zurückkunft nach England darüber Rechnung tragen wollte, wo ich ihm dann denjenigen Antheil geben könnte, den ich und Herr Wilson gut fänden.

Ich theilte dies meinem Mitgenossen mit, der sogleich sich geneigt zeigte, weil er diesen jungen Mann schätzte, und an ihm gewissermaßen einen Gewährsmann in dieser Angelegenheit fand. Er willigte daher ein, ihm selber das Schiff als Eigenthum, und überdies diejenigen Waaren, die wir in China nicht absetzen konnten, zu seiner Verfügung zu überlassen, wofür er uns bei unserer Rückkehr nach England die Hälfte des Erworbenen herausgeben, die andere für sich behalten solle. Ich war weit entfernt, weniger freigebig seyn zu wollen als mein Mitgenosse, und da es sich fand, daß die Mannschaft geneigt war, die vorgeschlagene Reise zu machen, so ward am folgenden Tage der Vertrag zwischen uns auf vorbesagte Bedingnisse aufgesetzt, dreifach ausgefertigt und unterschrieben. Um nicht weiter hierauf zurückkommen zu müssen, füge ich gleich hier bei, daß der junge Mann mit dem Japaner den uns von ihm gemachten Vorschlag eingieng und ausführte, wobei Letzterer sich als ein wackerer Mann zeigte, und seinem jungen Gefährten Veranlassung und Unterstützung gewährte, so daß er nach acht Jahren mit einem großen Vermögen nach England zurückkehrte, [231] und mich und HerrnWilson mit der lobenswerthesten Redlichkeit befriedigte.

Während der Zeit, daß unser Schiff zu seiner Reise ausgerüstet und befrachtet wurde, machten wir es uns zur Pflicht, die beiden Männer, die uns den gegen uns gemachten Anschlag entdeckt hatten, zu belohnen. Freilich hatten sie sich gegen ihre Befehlshaber verrätherisch betragen, und uns mehr aus Eigennutz als aus Freundschaft bedient; dies konnte aber hier nicht in Betracht kommen, denn der Dienst, den sie uns leisteten, war für uns von der höchsten Wichtigkeit, da wir ihnen Leben, Ehre und Eigenthum zu verdanken hatten. Wir bezahlten ihnen daher vorerst ihre rückständigen Besoldungen, und überdies jedem zehn Pfund Sterling, und da sie tüchtige Seeleute waren, so ernannten wir sie zu Deckoffizieren, womit sie sehr zufrieden waren.

Wir sahen unser Schiff nicht ohne Rührung absegeln, und fühlten uns so sehr verlassen, in einem vonEngland unermeßlich entfernten Lande, wo eine andere Sprache, andere Religion, andere Sitten, andere Kleidung, eine andere Pflanzenwelt, andere Geschöpfe, ein anderes Klima, eine andere Natur, jeden Augenblick mich erinnerte, wie lange Zeit es bedurfte, ehe ich je mein Vaterland wieder sehen konnte.

Was uns einigermaßen tröstete, war der Umstand, daß wenige Monate nach der Abreise des Schiffes, das uns alle Bekannten entführt hatte, eine der Jahrmessen statt fand, die uns nicht allein Zerstreuung, sondern [232] wahrscheinlich auch Gelegenheit versprach, unsere noch übrigen Waaren abzusetzen, und dadurch der Mühe zu entheben, sie weiter zu schleppen, zumal wir geneigt waren, sie wohlfeil loszuschlagen, indem uns die bis bisherigen Spekulationen überflüssig begünstigt hatten. Ausserdem ließ es sich auch vermuthen, daß wir Schiffe finden würden, um entweder nach Macao oder Bengalen und von da dann leicht nach Europa zurückzukehren, eine Aussicht, die schon allein genügte, uns aufzuheitern. Wir erhoben uns aus unserer bisherigen düstern Lebensweise, machten mehrere Reisen in das Innere des Landes; besonders war die nach Nanking, die gegen sechs Wochen dauerte, sehr interessant. Diese Stadt ist sehr groß, die Straßen sind schnurgerade und schneiden sich in rechten Winkeln, aber die bunten Häuschen an beiden Seiten, ihre zeltartige Bauart, die Stangen mit Wimpeln und Fahnen, nebst dem unaufhörlichen Geklingel der Glöckchen, die an allen Haus- und Dachecken aufgehängt sind, geben ein kindisches, widriges Schauspiel. Die Stadt soll eine Million Einwohner enthalten, was mir aber unglaublich vorkommt. Ueberhaupt ist alles was von diesem Wunderlande in die Welt hinaus geschrieben wird, höchst übertrieben, und nur die ganz besondere Eigenthümlichkeit dieses Volkes erregte unser Erstaunen. 1 Freilich ist die Kriegsmacht dieses Reiches ungeheuer, aber nur [233] in der Anzahl, 840,000 Mann, worunter 240,000 Reiter, betragen soll 2, denn sie würde sich gegen eine wohlangeführte und durch ein Flotte unterstützte europäische Armee von 100,000 Mann nicht halten können, wenn nämlich diese nicht eingeschlossen, und durch Mangel an Kriegs- und Lebensbedürfnissen aufgerieben werden könnte.

Dagegen verdienen einige ihrer Nationalwerke alles Lob. Dazu gehören denn vorzüglich der große Kanal und die große Mauer, von welcher ich weiter unten sprechen werde.

Der sogenannte Kaiserkanal hat seine Richtung von Nord nach Süd, und durchschneidet die Hauptströme von China, beinahe unter rechten Winkeln, da diese meist von West nach Ost fließen und den Kanal entweder mit dem nöthigen Wasser versehen, oder das überflüssige aufnehmen und in's Meer ergießen. Es muß nicht leicht gewesen seyn, die allgemeine Verebnung zu Stande zu bringen, da man auf die Höhe der Flüsse hauptsächlich Rücksicht zu nehmen genöthigt war. Da wo der Kanal mit dem übrigen Boden gleiche Höhe hat, sind Gräben gezogen, um das überflüssige Wasser abzuleiten. War der Boden höher, so hat man Vertiefungen gemacht, die 60, oft 70 Fuß betragen. An andern Orten, wo der Boden niedrig, morastig oder selbst mit Seen bedeckt war, sah man sich genöthigt, hohe Dämme aufzuführen, welche dem [234] Kanal zur Unterlage dienen. Solche riesenmäßige Dämme sind zuweilen mehrere englische Meilen lang, und das Wasser des Kanals fließt in bedeutender Höhe über die Seen weg. Der Wasserstand des Kanals ist nicht überall gleich, daher ist man oft genöthigt, die Fahrzeuge von Menschen ziehen zu lassen, oder sie vermittelst starker Balken in die Höhe zu bringen, indem starke Rollen und Taue zum Aufwinden dienen. Wieder hat an andern Stellen das Wasser einen so starken Fall, daß die Fahrzeuge in einer Stunde mehr als Dreiviertel deutsche Meilen fortschießen; an vielen Stellen, wo der Kanal 30 Fuß breit ist, sind Schleußen, die aber nur aus starken Bohlen bestehen, welche in die Fugen eines eigenen Mauerwerks genau einpassen. Der Kanal läuft 600 Wegstunden weit, durchschneidet das ganze Reich, und wird zu jeder Jahreszeit mit großen Frachten häufig durchfahren; er ist das erhabenste Menschenwerk, das sich durch Riesengröße und Nützlichkeit auszeichnet.

Als wir von Nanking nach Quinschang zurückkamen, war in der Zwischenzeit der Gefährte des Paters Simon daselbst angelangt, und ihre Abreise nach Peking war bereits festgesetzt; PaterSimon drang nun stärker in mich, mitzureisen, und ich selbst hatte durch meinen letzten Ausflug noch mehr Lust bekommen, die große Kaiserstadt zu sehen. Es bot sich eine gute Gelegenheit dar, um diese Reise mit mehr Sicherheit und Bequemlichkeit zu machen. Ein Mandarin, der mit einem großen Gefolge nach der Hauptstadt reisete, nahm uns in selbiges auf, eine Gunst, [235] die wir sehr leicht erhielten, da sie ihm baaren Vortheil eintrug, denn wir mußten ihm die Lebensmittel und Fourage, die das Volk ihm umsonst liefern mußte, bezahlen; sein Intendant kam täglich mit großer Pünktlichkeit, uns den Betrag abzufordern. Indeß erhielten wir dafür unsere Ration richtig und reichlich. Wir waren unser Dreißig oder Vierzig, die ihm diesen Tribut entrichteten, was ihm ein Bedeutendes eintrug. Ueberhaupt ist nichts der Unterdrückung, der Plünderung und der Tyrannei derMandarinen zu vergleichen, als ihr Stolz und ihre Unwissenheit. Sie sind die Vizekönige undGouverneurs der Provinzen, und erhalten ihre Stellen durch Bestechung und Kriecherei. Keiner er hält ein solches Amt unter 60,000 Thalern, damit aber zugleich die stillschweigende Erlaubniß, ungestraft Weiber, Güter, Ehre und Freiheit ihrer Untergebenen zu rauben; nach einem oder wenigen Jahren ziehen sie mit einer zusammengeraubten Million ab, um einem ähnlichen Blutsauger Platz zu machen. Als wir den großen Kanal erreicht hatten, wurden Fahrzeuge zusammengebracht, um den Mandarin mit seinem ganzen Gefolge, zu dem wir nun auch gezählt wurden, fortzubringen. Auch die zum Fortziehen dieser Fahrzeuge nöthigen Leute wurden wie Vieh zusammengetrieben; man zwang bejahrte Männer und Familienväter, ihre eigenen Arbeiten zu verlassen, und das schwere Schiffziehen umsonst zu verrichten, und wenn sie aus Schwachheit und Alter zu langsam giengen, oder nicht mehr fort konnten, so ließ sie derMandarin auf die unbarmherzigste Weise [236] prügeln. Kamen wir bei einer Stadt an, so ward die Ankunft und Gegenwart desselben mit großem Pomp angekündigt. Vor ihm her giengen Soldaten, Henker, Kopfabhauer, Kettenträger, und Männer mit Prügeln, und die sklavische Menge fiel bei seinem Aufzuge auf die Knie. Dies sey genug von einem Volke, das über alle andere Nationen lobgepriesen wurde.

Unsere Reise – theils zu Lande, theils zu Wasser – dauerte beinahe einen ganzen Monat. Das Land war stark bevölkert und ziemlich gut angebaut, und die Landstraßen waren vortrefflich, aber es zeigte sich unter der Menge ein allgemeines Elend und große Dürftigkeit; auch vernahm ich, daß oft schreckliche Hungersnoth herrscht. Gegen diese Armuth sticht nichts so widrig ab, als der Prunk und Stolz, womit diejenigen, die auch nur etwas Weniges besitzen, sich brüsten, besonders gegen Fremde, denn sie verachten alle übrigen Völker der Erde. Ich belachte und bespottete diese Eitelkeit in unsern Gesprächen mit Herrn Wilson und mit Pater Simon. Wir begegneten einst einem solchen sich vornehm dünkenden Landjunker, und hatten die Ehre, ihn eine halbe Stunde weit bis zu seinem Landsitze, der in der Richtung unsers Weges lag, zu begleiten. Da wir keinen Dollmetscher bei uns hatten, so war freilich an kein Gespräch zu denken, es ist aber wahrscheinlich, daß er zu stolz gewesen wäre, mit uns zu sprechen, wenn er es auch gekonnt hätte, denn er wußte kaum, wie er sich drehen und halten sollte, um uns seine vermeinte Ueberlegenheit fühlen zu lassen, obschon er ein kleines, doch aber dickbeleibtes [237] Männchen war, das mit der dürren Magerkeit seines langbeinigten Gauls gar zu sehr abstach; alles Uebrige schickte sich aber gar vortrefflich zusammen. Seine Kleidung bestand aus einem abgenutzten, von schwarzem Seidenzeug reichlich mit gefalteten Streifen vom nämlichen Stoffe bordirten, weiten Gewande, mit langen, weiten Aermeln; dieses Prunkgewand bedeckt ein Unterkleid von großblumigtem Kattun. Sein Haupt war mit einem breiten, von Stroh geflochtenen Hut beschirmt, und dieser sowohl als alle andern Kleidungsstücke waren so eckelhaft unreinlich, daß man kaum die Grundfarbe derselben zu errathen vermochte. In der Hand hielt er eine Peitsche, womit er tüchtig auf seinen Gaul los arbeitete, doch würde dies zu seinem Fortkommen wenig gefruchtet haben, wenn nicht zwei Bedienten oder Sklaven, die zu Fuße folgten, und ebenfalls mit Peitschen bewaffnet waren, das Knochengerippe in Bewegung erhalten hätten. Ausser diesen Beiden folgten noch ein Dutzend andere Sklaven, deren Aufputz sich, nach dem was von der Kleidung ihres Herrn gesagt worden, leicht beurtheilen läßt. So war der Prachtzug dieses stolz auf seine Umgebungen herabblickenden Chinesen beschaffen, der von der nächsten Stadt kam, um seinen Landsitz mit seiner Gegenwart zu beehren. Da wir ein Halbstündchen in einem an der Straße liegenden Dorfe verweilten, er aber seinen Weg fortsetzte, so sahen wir ihn nachher im Hofe am offenen Thore seines Hauses seine Mahlzeit halten, wo er von allen Vorbeigehenden gesehen werden konnte, und eben darum schien er diesen Platz gewählt zu [238] haben, um sich bewundern zu lassen. Er saß unter einem Palmbaume, und obgleich dieser Schatten genug verbreitete, so hatte er doch noch einen großen Sonnenschirm über sein Haupt ausbreiten lassen, ohne Zweifel, um einen Thronhimmel vorzustellen. Zwei Sklavinnen brachten die Schüsseln mit Speisen, eine Dritte steckte ihm die Bissen in den Mund, und eine Vierte las von seinem Gewande die Brocken auf, die beim Kauen herabfielen. PaterSimon untersuchte die Speisen genauer, und versicherte mich, sie wären so schlecht, daß in Frankreich ein Hund sie verschmähet hätte; dennoch schien der Dickwanst zu glauben, wir bewunderten ihn. So kann Stolz und Eigendünkel trügen und zu Thorheiten verleiten!

Wir langten wohlbehalten in der Kaiserstadt an, ohne daß uns etwas Besonderes zugestoßen wäre, ausser, daß ich einst bei'm Uebergang durch einen Fluß in's Wasser fiel, und mich tüchtig durchnäßte. Die einzige Folge dieses unangenehmen Bades war, daß das Heft, worin ich meine Reisebemerkungen aufzeichnete, so verdarb, daß nichts mehr daraus zu enträthseln möglich war, daher mir denn auch die Namen der Orte, wo wir durchpassirten, ihre Entfernungen und anderes, was Land und Leute betrifft, entfallen ist.

Peking, bei den Chinesen Beid-sin genannt, liegt in einer von aller Waldung entblößten, trockenen Ebene, die westlich an eine hohe Bergkette gränzt, aus welcher einige kleine Flüsse herab und durch die Ebene fließen, wovon der eine ganz Peking umströmt. Der ganze Umfang beträgt mehr als vier deutsche Meilen, [239] und bildet ein längliches Viereck. Die Stadtmauern bestehen aus Backsteinen, und sind so breit, daß man oben darauf bequem reiten kann. Auch die Häuser sind von Backsteinen erbaut, und nur ein Stockwerk hoch, von denen man nur das Dach erblickte, indem sie in einem Hofe stehen, der durch eine Mauer von der Gasse getrennt ist. Die Straßen sind groß, breit und gerade, aber ungepflastert. Doch ich kehre zu meinen eigenen Abentheuern zurück.

Ich hatte nur den Bedienten, den vormaligen Matrosen, den ich von meines Neffen Schiff mitgenommen hatte. Her Wilson hatte ebenfalls nur einen englischen Bedienten. Ueberdies begleitete uns noch der alte Portugiese, welcher hoffte, in Peking bessere Gelegenheit zu seinem Fortkommen zu finden. Er war uns hier eben so ergeben, und so thätig als vorher. Mir waren kaum eine Woche in Peking, als er mich berichtete, er hätte eine sehr gute Nachricht für mich, die aber desto schlechter für ihn selbst wäre. Da ich hier allen Menschen eben so unbekannt war, als sie mir, so konnte ich natürlicherweise weder gute noch böse Nachrichten erwarten. Er meldete mir, es befinde sich eine zahlreiche Karavane russischer und polnischer Kaufleute in der Stadt, welche Willens wären, in fünf oder sechs Wochen nach Rußland abzureisen, und er wüßte für mich keine bessere Gelegenheit, um wieder nach Europa zu kommen, als diese, und wirklich war ich ganz entzückt, so daß ich ihm vor Freude kaum zu antworten vermochte, und ihn erst nach einigen Minuten endlich frug, ob dies denn auch ganz gewiß sey? [240] »O ganz zuverlässig, erwiderte er, ich habe einen Armenier, einen meiner alten Bekannten hier angetroffen, der von Astrachan kömmt, und von hier nach Tunking reisen wollte, wo wir uns das letzte Mal gesehen haben. Jetzt hatte er seinen Reiseplan verändert, wozu eben jene Karavane beitrug, denn er ist mit ihren Anführern bereits übereingekommen, mit ihr nach Moskwa abzugehen, und wenn er da seine Geschäfte beendigt hat, wieder nach Astrachan und von da erst künftiges Jahr nach Tunking zurückzukehren.«

Auf meine Frage: Was denn für ihn Nachtheiliges bei dieser Sache wäre? versetzte er: »Sie sind bisher so gütig für mich gewesen, haben mich auf der ganzen Reise frei gehalten, und nun reisen Sie nach Nord, und lassen mich hier ohne Pferd, ohne Schiff, ohne Geld dahin zurückzukehren, wo ich mit Ihnen hergekommen bin.« – Wenn Ihr nicht ganz dringende Beweggründe dazu habt, erwiederte ich, so sehe ich die Nothwendigkeit euerer Rückkehr nicht ein, Ihr könnt mit uns nach England kommen, wo Ihr leicht und beinahe wöchentlich Gelegenheit findet, nach Portugal zu reisen, und ich zweifle keinen Augenblick, Herr Wilson wird einwilligen, Euch solche Bedingnisse zu machen, daß Ihr zufrieden seyn werdet. Ich will sogleich mit ihm darüber sprechen. Dies schien ihn sehr zu freuen.

Ich sagte Herrn Wilson alles, was ich so eben erfahren, und er war auch sogleich bereit, die Reise mit der Karavane zu machen, als auch seinen Antheil zu der Belohnung des treuen Portugiesen beizutragen, der uns so große Dienste geleistet hatte. Wir liessen ihn [241] daher rufen. Er hatte während der Zeit die Sache auch näher überlegt, und bemerkte: »Die Reise wäre ausserordentlich lang und kostbar; nun vermuthe er zwar, daß wir ihn noch ferner frei halten, ja selbst ihm Reisegeld geben würden, um aus England nach Portugal zu gelangen, das er vor mehr als vierzig Jahren verlassen, und seitdem nicht wieder gesehen habe, sich also daselbst eben so fremd als hier in Peking, und was das Schlimmste, ohne alle Mittel befinden würde, um sein Leben zu fristen; an derchinesischen Küste hingegen könne er, da sie ihm sowohl bekannt sey, sein hinlängliches Auskommen verdienen, u.s.w.« Man sieht hieraus, wie richtig diese Menschen ihre Vortheile berechnen. Freilich wird Mancher einwenden, diese Art zu berechnen, sey gar beschränkt u. dgl.; sie steht aber mit ihrer Lage im Verhältniß, schweift nicht nach augenblicklichem Genusse, oder nach unerreichbaren Hirngespinsten, die die nachfolgende Wirklichkeit verkümmern, und hält sich an das Solide.

Wir beantworteten seine Aeusserungen durch das Anerbieten: ihn bis nach Portugal in Allem frei zu halten, und ihm über das bei seiner Abreise ausEngland eine Summe von 200 Pfund Sterling zu seinem fernern Fortkommen zu schenken, womit er, wenn es ihm in seinem Vaterlande nicht gefiele, leicht wieder nach Bengalen oder China zurückreisen könne. Dies Anerbieten war für den guten Alten eine unerwartete Fortun, die er weit über seine uns geleisteten Dienste schätzte; er überfloß in Danksagungen, und verpflichtete sich, uns fernerhin so dienstfertig, treu [242] und ergeben zu seyn, als seine geringen Kräfte erlaubten, und er hielt Wort.

Nachdem diese Angelegenheit zu unser Aller Zufriedenheit berichtigt war, machten wir eifrigst unsere Vorbereitungen zu unserer Abreise, die uns aber mehr Zeit kosteten als wir vermutheten. Zum Glück gieng es den Uebrigen nicht besser, und anstatt in sechs Wochen abzureisen, dauerte es wohl vier Monate, ehe die Karavane im Stand war, die Reise anzutreten. Diese Zwischenzeit liessen wir nicht unbenutzt verstreichen. Herr Wilson gieng mit denPortugiesen nach Quinschang, um einige dort gelassene Waaren theils zu verkaufen, theils nach Peking bringen zu lassen. Ich hingegen gieng mit einem Kaufmann, den ich in Nanking hatte kennen lernen, dahin, um für mich besonders Waaren einzuhandeln; sie bestanden in neunzig Stücken Damast, zweihundert Stücken von andern Seidenstoffen, davon ein Theil mit Goldstreifen durchzogen war, und ausserdem eine bedeutende Menge roher Seide, Thee und andern diesem Lande eigenthümlichen Waaren. Obschon ich kein eigentlicher Kaufmann war, so wollte ich doch nicht in diesem Lande gewesen seyn, ohne die vortrefflichsten Erzeugnisse desselben aus der ersten Hand anzukaufen. Der Ankaufspreis betrug gegen 3000 Pfund Sterling, und ich war bereits mit allem in Peking angelangt, als Herr Wilson daselbst eintraf.

Fußnoten

1 Robinson beurtheilte schon damals China ganz richtig. Man sehe die neuern Reisen von Macartney, Barrow und Andern.

2 Nach Barrow wäre sie sogar 1 Million 500,000 Mann stark.

Vierunddreißigster Abschnitt

[243] Vierunddreißigster Abschnitt.

Abreise von Peking.


Noch war die Karavane nicht reisefertig; wir hatten also Zeit genug, unsere eingebrachten Waaren einzutheilen und einzupacken, Kameele und Pferde zu kaufen, deren wir eine bedeutende Anzahl bedurften, als nämlich: zwei Kameele für uns Beide zu tragen, achtzehn für die Waaren, 2 Reitpferde für uns, und vier Saumrosse zum Fortbringen der Lebensmittel. Die ganze Karavane bestand aus hundert und zwanzig wohlbewaffneten Männern, denn die Steppen, welche wir zu passiren hatten, waren nicht ohne Gefahr, vonTataren, Kalmüken, Mongolen und anderm ähnlichem Gesindel angegriffen zu werden. Die Zahl der Pferde belief sich auf hundertfünfzig, und die der Kameele über zweihundert.

Die Gesellschaft bestand meistens aus Russen, unter denen sich wenigstens sechszig Einwohner vonMoskwa, auch mehrere Liefländer befanden, welche Letztere sehr artige Leute waren; was uns Beiden aber am meisten Vergnügen gewährte, waren fünf reiche Schotten, die das Reisen sowohl als ihre Geschäfte sehr wohl verstanden, und eben so wackere Männer als angenehme Gesellschafter waren.

[244] Es war gegen das Ende Februars 1703, als diese Reisegesellschaft die Kaiserstadt Peking verließ. Die erste Tagereise war nicht lang, und als wir den Ort erreicht hatten, wo wir verweilen sollten, wurden alle Reisenden, mit Ausschluß der Bedienten, durch die Wegweiser, deren fünfe waren, zusammengerufen, um, nach Gewohnheit, einen Rath zu halten. Vorerst ward der Antheil bestimmt, den Jeder zu einer gemeinschaftlichen Summe beizutragen habe, um Fourage und dergleichen Dinge anzuschaffen. Dann wurden Anführer ernennt, und die Marschordnung vorgeschrieben, damit, bei einem allfälligen Angriffe, die Vertheidigung ohne Verwirrung und mit Nachdruck statt finden könne. Ferner ward festgesetzt, daß Niemand, ohne Erlaubniß der Anführer, sich von der Karavane entfernen, also weder vorausgehen, noch zurückbleiben dürfe, bei Strafe einer Buße, die diesseits der Mauer gering, jenseits aber, wegen der größern Gefahr, bedeutend war, und ich sah in der Folge, wie nothwendig diese Strenge war, obwohl dadurch meine Neugierde zuweilen unbefriedigt bleiben mußte. Alle diese Anordnungen wurden, nachdem der Hauptanführer ihre Nützlichkeit und Nothwendigkeit, so wie das Beispiel aller Karavanen vorgestellt hatte, nicht aus Zwang, sondern freiwillig von Allen gut geheissen.

Diese Gegend war sehr bevölkert, und wir passirten viele Städte und große Dörfer, wo eine Menge Porzellantöpfer ihre schöne und berühmte Waare