Johann Jacob Bräuner
Physicalisch- und Historisch-Erörterte Curiositæten;
Oder:
Entlarvter Teufflischer Aberglaube
von Wechselbälgen / Wehr-Wölffen, Fliegenden Drachen, Galgen-Männlein, Diebs-Daumen, Hexen-Tantz, Holung auf dem Bock, Irrwischen,Spiritu Familiari, Festmachung, Wütenden Heer, Lösel-Nächten, Alpdrücken, Nessel-Knüpffen, Hexen-Buhlschafft mit dem Teuffel, Crystallen Schauern, Wahrsagungen und andern dergleichen.
Durch welche der leidige Satan einfältige und unwissende Leute zum Aberglauben reitzet, und in seine Stricke zu verleiten suchet, also fürgestellet und erläutert: Was von solchen Sachen zu halten und zu glauben ist. Auch bey jedem Capitel einige rare und recht wunderwürdige Historien, nebst noch andern seltsamen und lesenswerthen Sachen, zu nützlicher Erbauung und Zeitkürtzung in 50. curiosen Materien fürgestellet.

Vorrede

Vorrede.
Nach Stand und Würden
Geehrter Leser.

Wenn der unerschrockene und standhaffte Bekenner, der muthige und tapffere Streiter, der reinen Evangelischen Wahrheit, unser seeliger Vatter D.M. Lutherus, alle höllische Eigenschafften des Fürsten der Finsterniß, des leidigen Teuffels, zugleich und auf einmahl beschreiben wil: so läst er sich deßwegen in seinem überaus schönen und geistreichen Hymno, Ein veste Burg ist unser GOtt etc. (welchen er auf seiner Reise nach Worms; zu Oppenheim Anno 1521. oder auch, wie andere melden, zu Coburg 1530. verfertiget haben sol,) gleich am End des 1. Verses kurtz und gut also vernehmen:


Der alte böse Feind / mit Ernst ers jetzt meynt /
Groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist /
Auf Erd ist nicht seins gleichen.

Macht / List und Grausamkeit / also werden uns die drey höchstverderbliche Haupt-Anläuffe des argen bösen Feindes, welche ihm auch die H. Schrifft selbsten zueignet, in angezogenen pathetischen Worten B. Lutheri, ausdrücklich nahmhafft gemacht.

Mächtig und von grosser Gewalt ist demnach Satanas seiner Natur nach, als ein Geist davon zeuget Paulus Ephes. VI. 12. Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpffen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nemlich mit den Herrn der Welt, die in der Finsternüß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Wenn die Herrn Emblematici den mit Pantzer / Schild / Spieß und Schwerd /mächtig gerüsteten, und ungeheuren Riesen Goliath fürstellen, so schreiben sie die Worte dazu:


Inde timetur.
Die Größ / die Stärck / der Waffen Pracht /
Ihn schröcklich und gewaltig macht.

Gleich also ist Satanas, der starcke gewappnete Höllen Riese / Luc. XI. 21. der ungeheure Behemoth, dessen Knochen fest wie Ertz, und seine Gebeine wie eiserne Stäbe sind. Hiob. XL. 13. der entsetzliche und starcke Leviathan, der uns nicht viel Flehens macht noch heuchlet, und gegen welchen mit aller unsrer Macht nichts gethan ist, und wir uns selbst gelassen den Streit mit ihm unmöglich ausführen können, sondern bald verlohren sind. Cap. XLI. 21. & 27. Alleinohnmächtige Macht des sonst sehr mächtigen Herrn der Welt! Nichtige und hinfällige Gewalt des Fürsten der Finsternüß, welche sich unter die selbstständige Allmacht dessen, der alle unumschränckte Gewalt hat im Himmel und auf Erden, Matth. VIII. 18. erzitternd und erbebend schmiegen, und biegen muß. Einen starcken, doch aber angeschlossenen Retten-Hund, welcher nur in seiner ihm gemessenen Weite umherlauffen kan, begleitet der Sinn-Spruch:


Non plus ultra.
Biß hieher und weiter nicht /
Ist dir Ziel und Lauff gericht.

Was ist Satanas anders, als der grosse und starcke Höllen-Hund, welchen die unendlich starcke Hand des Allmächtigen mit ewigen und unzerbrechlichen Ketten der Finsternüß unauflößlich angeschlossen hat, 1. Pet. II. 4. damit er nicht hinlauffen, beissen und reissen kan, wie und wo er wil. Und ob er gleichPaulum, das auserwehlte Rüstzeug GOttes, mit Fäusten schlug, II. Cor. XII. 7. Hiob, den gerechten und schlechten, der doch alles Böse meydete, und desselben gleichen an Frömmigkeit im Lande nicht war,Hiob I. 1. an seinem Leibe mit bösen und gifftigen Schwären stäupete, Cap. II. 7. dessen Vieh und andere Haab und Güter, durch Feuer und Feinde verherete und verderbte, auch seine Kinder und Gesinde plötzlich und ohnverwarnter Sache ums Leben brachte,Hiob. I. 4. usque 22. Machte er gleich Saul, den ersten Israelitischen König, unruhig, 1. Sam. XVI. 14. Erwürgte er gleich die sieben Junge Männer Saræ, der Tochter Raguelis, im Schlaffe, Tob. VI, 15. Sprang er gleich auf jene verwegene Teuffels-Banner und für witzige Geister-Beschwerer, zerkratzte und zerhackte sie jämmerlicher weise, daß sie auch den Ort, wo sie Ritter zu werden vermeinten, mit verwundetem und nacketem Leibe schmertzlich und schimpfflich verlassen musten. Actor. XIX. 16. Und richtet er hier und da noch mancherley Schaden und Unglück an; so zeuget zwar solches alles von seiner Macht und Gewalt, was er bereits gethan, und auch noch gern thun möchte und könte, wenn ihm der grosse GOtt den vollen Zügel fahren liesse, aber dieser ists, der ihm Zaum und Gebiß ins Maul leget, daß er nicht überall und zu aller Zeit, wenn er wolte, seine Macht und Gewalt ausüben kan. Und ob ihm gleich je zuweilen der allein weise GOtt zulässet, jene, die Frommen, damit sie sich nicht ihrer hohen Offenbahrung überhebeten, und auch zu mehrerer Stärckung ihres Glaubens, und eintzigem Vertrauen auf die Gnade GOttes, mit Fäusten zu schlagen; 2. Cor. XII. 7. & seqq. und diese, die Gottlosen, aus Zorn und gerechtem Gericht, und wohlverdienter Straffe ihres ruchlosen Wesens halber, zu plagen, in Schaden und Verderben zu setzen, und sie in seinen Stricken gefangen zu führen nach seinem Willen, 2. Tim. II. 25. so ist und bleibet ihm doch, dem allen ohngeacht, der unumstößliche Gräntz-Stein des gerechten und heiligen Willens GOttes gesetzt; mit den Worten umschrieben:


Non plus ultra.
Biß hieher / und weiter nicht /
Ist dir Ziel und Lauff gericht.

Und diesen ist Satanas zu keiner Zeit vermögend zu überschreiten. Er hat derohalben keine Macht, ja nicht einmahl über die unvernünfftige und verächtliche Schweine, Matth. VIII. 30. noch vielweniger hat er Macht und Gewalt über die vernünfftige Creaturen GOttes, als über die Menschen, und unter diesen ins besondere über die Glaubige, denen er ohne GOttes Willen und Zulassung nicht vermag ein Härlein zu krümmen, wird auch noch einstens mit aller seinerMacht und Gewalt zu Schanden werden. Siehet also nun Satanas, daß er mit Macht oder Gewalt nichts auszurichten Erlaubnüs bekommt; so kommt er flugs in veränderter Masque, als ein sehr


Listiger und verschlagener Geist herzu geschlichen, und verstellt sich betrüglicher Weise in einen Engel des Lichts / 2. Cor. XI. 14. Um eine mit vielen bunten Blumen, und wohlriechenden Kräutern bedeckteNatter stehet der Sinn-Spruch:


Latet anguis in Herba.
Unter dieser Blumen-Zier
Liegt ein böß und gifftig Thier.

In einer solchen verdeckten Gestalt præsentirte sich dieser Ertz-Betrieger und Lügner von Anfang, der Teuffel / die alte Schlange / welche mit ihrer List die gantze Welt verführet hat, Apoc. XII. 9. unserer ersten Mutter Eva im Paradiese, um das erste Meister-Stück seiner Schwartzen Kunst ins Werck zu setzen. Ey wie konte ihr doch dieser Tausendkünstler in Zurückhaltung seiner eigentlichen Drachen-Gestalt einen so artigen blauen Dunst für die Augen machen, wie wuste er doch mit hohen und falschen Schein-Gründen das Verbott des Allerhöchsten zu verstimmlen, verkehren, und gantz anders zu deuten, die gedrohete schwere Todes-Straffe aber klüglich auszureden, hergegen eine gewiß zu erhaltende Weißheit, Herrschafft und Herrlichkeit unter einem theuren Endschwur anzupreisen; und Evam so lange mit süssen, schmeichlenden und schlüpfferigten Schlangen-Worten und angenehmen Zuspruch aufzuhalten, biß sie nach frecher Augen-Weide aus lüsterndem Appetit die stoltze Hand ausreckete, die verbottene Frucht behend ergriff, und nebst ihrem Manne dem Adam den unseeligen und verbottenen Biß drein thäten; dadurch sie sich und uns allen den zeitlichen und ewigen Tod samt allem Unglück an Halß gegessen, und in die ewige Dienstbarkeit und Sclaverey des Satans gestürtzet haben. Daraus wir aber (GOtt sey ewig Danck)durch den Sieg des Lammes in seinem Blut wiederum erlöset und befreyet worden. Satanas aber, der uns gerne aufs neue in sein Netz zu ziehen Belieben träget, gehet deßwegen Tag und Nacht auf Parthey aus, leget aller Orten gefährliche Stricke, braucht viele listige Räncke und Anläuffe / uns wiederum unter seine Herrschafft und Sclaverey zu bringen. Unter solchen teufflichen Fündlein aber ist nichts gemeiners, und welches viele Menschen für ein geringes achten, als der verdammliche Aberglaube / durch welchen so viele Leute verwicklet und eingeschläffert werden, daß er fast mehr für keine Sünde gehalten werden wil, und ist der rechte und wahre Glaube dergestallt verdunckelt, daß Einfältige und Unwissende zwischen dem Rechten und Aberglauben fast keinen Unterscheid machen können. Welches wir täglich erfahren an einfältigen Fuhrleuten, welche des Morgens ihre Rosse (oder Pferde) nicht eher einspannen, biß sie ihnen vorhero den Rücken mit Saltz bestreuet, in der aberglaubischen Meynung / dadurch zu verhindern, daß solchen durch Zauberey kein Schade zugefügt werden könte. Item, ein schwanger Weib soll durch keinen Nothstall für einer Schmiede gehen, sonst müste sie ihr Kind länger tragen, und schwere Geburt haben. Item, so man über ein Kind geschritten, wachse es nicht fort, man schreite denn wieder zurück. Item, wenn ein Mensch im Hauße stirbt, soll man ein Fenster im Logiment aufmachen, daß die Seele hinaus fahren könte. Item, es soll kein Verlobter seiner Braut ein Buch geben, sonst zerblättere sich die Liebe. Und was des aberglaubischen Zeugs und Dinges noch mehr ist; worüber doch, leyder! so fest und steiff gehalten wird, daß man das aberglaubische Volck davon abzuhalten grosse Mühe haben muß; da inzwischen des wahren GOttes und des lieben Gebets gantz und gar dabey vergessen wird. Wenn das fürwitzige und neubegierige Volck einem liederlichen Gauckler oder pralendem Marckschreyer, der doch nur jedermann mit lauter Betrug die Augen blendet, oder sonsten sehr viele und handgreiffliche Lügen herzusagen weiß, um nur dadurch seine nichts-taugende Waaren an den Mann zu bringen, oder auch denen Einfältigen das Geld aus dem Beutel zu locken, hauffenweiß zulaufft, Beyfall gibt, und ihm noch darzu seine nichts nutzende Mischmaschereyen abkaufft; so stehet das Lemma dabey:


Habeat sibi.
Wers glaubt / was er gelogen /
Der wird mit Recht betrogen.

Auf eben die Art macht es auch der listige und verschlagene Teuffel / und treibet beständig unter denen Leuten sein verdammtes Gauckelspiel undheillose Krämerey / sie dadurch im Aberglauben je mehr und mehr zu verstricken, weil er wohl weiß, daß die jetzige Welt sehr curieux neubegierig ist, und sich um alles bekümmert, ja auch von den allergeheimsten und raresten Sachen der Welt Unterricht zu haben verlanget; und durch solche Neugierigkeit kauffen die Menschen zu ihremmercklichen Schaden und Verderben dem Satan seine betrügliche u. vergifftete Waaren öffters ab. Wir wollen hier zum Exempel setzen, was nicht für Teufels-Werck getrieben wird durch das verdammliche Crystall-Schauen derWahrsagerinnen / als des Teufels Affen und Meerkatzen / womit er die Leute zum Stand locker. Item, wie auf mancherley Art curiöse und Mannsüchtige ledige Weibs-Personen ihre Gauckeley in den H. Weyhnachts-Zeiten des Nachts treiben, um zu erfahren, was sie für Männer bekommen werden; Item, was auch noch für Teuffels-Wercke mit Diebs-Daumen /Galgen-Männlein / Spirit Famil. Festmachen /durch Wahrsager und Oracula, Nativi tät stellen /Zeichendeuten / Seegensprechen / Tage wählen /und dergleichen Sachen mehr getrieben werden, welches alles leichtsinnige und so genannte Christen für ein geringes achten, nicht bedenckende, wie sie dadurch in des Teuffels Stricken gefangen, und schändlich hinter das Licht geführet werden, daß das Sprüchwort an ihnen wahr wird:


Habeat sibi.
Wers glaubt / was er gelogen /
Der wird mit Recht betrogen.

Und hieher ist auch noch dieser greuliche Betrug des Satans zu rechnen, womit er diejenige arme Menschen, so mit ihm in einem würcklichen Bund stehen, überlistet und gefangen hält, da er ihnen unter mancherley Ganckel-Possen viele vermeinte Reichthümer / wollüstige gute faule Tage / und sonst noch tausenderley Ergötzlichkeiten mehr verschaffet und geniessen lässet; ex. gr. ihnen verborgene Schätze zeiget / sie in der Lufft auf mancherley Arten zu ihren Versammlungen, Täntzen und Mahlzeiten abholet oder sonsten wunderbarlicher Weise schnell und in sehr kurtzer Zeit viele Meilen Wegs weit von einem Ort zum andern herum führer; ferner ihnen durch subtile Verblendungen mancherley Verwandlungen in Wehrwölffe / Katzen und dergleichen als Schlaffenden einzubilden pfleget, it. mit ihnenvermeinte Buhlschafft und Unzucht treibet, und in ihnen, als den Kindern des Unglaubens / seinWerck und Wesen hat, wodurch er sie aber jemehr und mehr von Gott und seinem Heil. Wort abwendet, je vester und vester in seine Banden und Stricke verwicklet, und sie endlich, wo sie sich nicht von demselben noch hier in der Gnaden-Zeit durch wahre Busse und Glauben an Christum loß reissen, gar in die Hölle ziehet, und zu seinen ewigen Sclaven macht und behält.

Endlich ist auch Satanas ein grausamer und boßhaffter Feind / ein Ertzbösewicht / welcher immerdar seine feurige Pfeile auf uns loßdrücket, Ephes. VI. ℣. 16. ja seine Boßheit ist grösser als aller Menschen Boßheit. Wenn ein zorniger Mörder, oder grimmiger Löwe umher gehet, und auf Blut lauret, so setzet man zu solchen Sinnbildern das Lemma:


Nulli parcit, occidit.
Niemand schont er / seine Wuth
Geht auf Leben, Leib und Blut.

Satanas ist eben der rechte Haupt-Bandit undMörder von Anfang / Joh. VIII. ℣. 44 der über uns alle einen grossen Zorn hat, Apoc. XII. ℣. 12. er ist der grimmige und brüllende Löwe / welcher Tag und Nacht herum gehet und uns gäntzlich mir Leib und Seel zu verschlingen suchet, 1. Pet. V. ℣. 8. er ist gantz unersättlich in seiner Boßheit und Grausamkeit / und kan solche zu keiner Zeit unterlassen. War es demnach nicht eine neidische und sehr grosse Boßheit / daß er denen nach dem Ebenbilde GOttes erschaffenen ersten Menschen diese ihre grosse Glückseeligkeit im Stande ihrer Unschuld mißgönnete, und sie durch seine boßhaffte List zur Ubertrettung des göttlichen Befehls verleitete? War es nicht eine teuffelische Grausamkeit und verleumderische Boßheit, daß er durch sein verdammtes Geschwätz und lügenhaffte Läster-Zunge der von GOtt selbst belobten Frömmigkeit des gerechten Hiobs eine gantz andere Farbe anstrich, Hiob. 1. ℣. 8–10. und dadurch gleichsam GOtt dahin bewoge, ihn und alle das Seinige seiner (doch in gewissen Gräntzen eingeschlossenen) Grausamkeit zu übergeben; welche er auch nach allen ihm vergönnten Käfften tyrannisch gnug ins Werck setzte? Cap. I. & II. Und mit was unerhörter und erschrecklicher Grausamkeit und Boßheit wütet und tobet er nicht in denjenigen elenden und erbarmungs-würdigen Menschen, welche ihm der gerechte GOtt aus heiligen Ursachen zur leiblichen Besitzung übergiebt, die betrübteste und entsetzlichste Exempel davon sind so wol in heiliger als auch Profan-Schrifften in ziemlicher Menge zu finden und zu lesen. Und von aller dieser seiner Grausamkeit und Boßheit nun stehet Satanas noch nicht ab, er treibet sie vielmehr ohnausgesetzt biß auf den heutigen Tag beständig fort, und das entweder durch sich selbst / da er zu grosser Betrübniß und Kummer mancher Eltern auf GOttes Verhängniß ihnen ihre rechte leibliche junge zarte Kinder, wann sie solche nicht dem Macht-Schutz des Allmächtigen fleißig anbefehlen, frevel- und boßhaffter weise wegstehle, und an deren statt unrechte ungestallte Monstra, Kielkröpffe oder Wechselbälge legen soll, die durch ihr fürchterliches Geschrey /Unersättlichkeit / wüstes und unflätiges Bezeigen /grossen Schrecken, Last und Ungelegenheit verursachen, welche unmenschliche Teuffels Banckert aber Satanas öffters durch fast lächerliche Mittel, (absonderlich aber durch inbrünstiges Gebet zu GOtt) wieder wegzunehmen, und die rechte natürliche und leibliche Kinder herbey zu schaffen gezwungen werde. Ferner treibt auch Satanas grosse Grausam keit und Boßheit durch seine liebe getreue Reichsgenossen / als Hexen / Unholden und Zauberer / in denen er sein Werck hat, und sie unauffhörlich anreitzet durch mancherley lose Verzauberung, Gifftmischung und andere böse Teuffels-Künste überall und an allen Orten, wo sie nur können Schaden, Verderben, Jammer, Unglück, Elend und Hertzeleyd an Menschen, Vieh, Hauß, Hoff und denen Früchten und Gewächsen der Erden an- und auszurichten. Und dieses gottlose Teuffels-Geschmeiß scheuet sich auch im geringsten nicht, durch ihr verfluchtes Zauber-Wesen ihrem Nächsten u. Neben-Menschen Schaden u. Leyd zuzufügen, und das geschiehet entweder durch Verlähmung derer Glieder / Benehmung ehelicher Wercke / verzauberte Liebe, mancheböse Kranckheiten oder durch dergleichen zauberische Thaten noch mehr; an welchen allen, wann sie geschehen können, oder würcklich gar geschehen sind, Satanas, als ein grausamer und boßhaffter Schadenfroh, allen seinen Lusten und Gefallen hat, auch wünschet und hefftig verlanget, daß alle Menschen seiner Boßheit und Grausamkeit herhalten müsten. Ein Wandersmann, der durch einen ungeheuren und unsichern Wald reisen muß, schläffet nicht, sondern siehet sich beständig um, ob etwa ein Mörder oder reissendes Thier herfür springen möchte, ihn zu verderben, deßwegen hält er seine Waffen in guter Bereitschafft, um dem sich ereignenden Uberfall Widerstand zu thun; und da gut ihm das Sprüchwort:


Orat & vigilat.
Dieweil er in Gefahr /
So nimmt er seiner wahr.

Ein frommer und rechtschaffener Christ, so auch durch diese Welt-Wüste reisen muß, ist fast keine Stunde sicher, in welcher er sich nicht des grausamen Anfalls des boßhafften Seelen-Mörders undheißhungeringen Löwens / des Satans / und allerseiner geschwornen Werckzeugen und Gehülffen zu befürchten hat, deßwegen muß es stets bey ihm heissen:


Orat & vigilat.
Dieweil er in Gefahr /
So nimmt er seiner wahr.

Er wachet demnach in steter Nüchterkeit und Mässigkeit, und spricht: Ich steh hier auf der Wacht /und gebe fleißig acht, wenn dieser komt gegangen, der meine Seel will fangen. Er betet aber auch dabey im Geist und Glauben, weil er wohl weiß, daß des Gerechten Gebet viel vermag / wenn es ernstlich ist. Jacob. V. ℣. 16. er betet im starcken Vertrauen, erhöret zu werden im Nahmen JEsu Christi, also: Für dem Teuffel uns bewahr! dann groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist /auf Erd ist nicht seins gleichen.

Nun in gegenwärtigem Buch, Physicali sch und Historisch erörterte Curiosit äten oder Entlarvter Teuflischer Aberglaube genannt, findet der geehrte Leser eine ziemliche Anzahl Materi en, Ide en /Reali en / Curiosa, merckwürdige Exempel und wunderbare Historien / welche von dem, was bißher gesaget worden, mehrere und weitläufftigere Nachricht geben werden. Sonderlich redet der Author, Herr Joh. Jacob Bräuner seel. gewesener Phil. &. Med. Doctor allhier, hierinnen von der vielfachenList, Betrug und Gauckel-Possen des leidigen Teuffels / als wodurch er am allermeisten die unvorsichtige Menschen von GOtt und seinem Wort abzuwenden Gelegenheit und Gehör findet. GedachterHerr Verfasser aber hat dieses nützliche und Lobens-würdige Werck mit grossem Fleiß aus sehr vielen, theils noch nicht bekannten Authoren genau und richtig zusammen getragen, und seinem Nächsten und Neben-Menschen zum nützlichen Gebrauch ausgefertiget.

Es dienet demnach dieses Buch denen einfältigen und aberglaubischen, wie auch denen boßhafften Leuten, eines theils in ihrem unverantwortlichen Teuffels-Affenwerck zum wohlmeinendem Unterricht /daß sie sich von solchen Gotts-vergessenen und verdammlichen Wegen abziehen lassen, denen unwissenden aber treulich, doch nur kürtzlich zur Unterweisung / und auch noch denen von GOtt abweichenden aberglaubischen, und nach verbottenen Künsten greiffenden Menschen zur heilsamen Warnung / sich von diesen bösen Wegen abschröcken zu lassen; Dergeehrte Leser bediene sich demnach dieser curiös en Materien nicht nur zur angenehmen und nützlichen Zeitkürtzung, sondern auch zu seiner Erbauung, Warnung und Verbesserung.

Er aber, der hochgelobte Sohn des Allerhöchsten, Jesus Christus, welcher erschienen ist die Wercke des Teuffels zu zerstöhren, 1. Joh. III. v. 8. zertrete, als der mächtige und siegreiche Schlangen-Treter / Gen. III. v. 15. den Satan, die alte Schlange, samt allem seinem vegiffteten Saamen und verfluchten Mitgliedern unter unsere Füsse in kurtzem, Rom. XVI. v. 20. Demselben treuen Heyland befehle ich dich, geehrter Leser / zu allen Zeiten. Lebe wohl.

J.G.P.


Franckfurther Oster-Meß, 1737.

Verzeichnüß
Aller in diesem Buch enthaltener curiösen Materien.

I.


Von Wechselbälgen oder Kielkröpffen. Bl. 1

II.


Von der Hexen Buhlschafft mit dem Teuffel. 15

III.


Von Nixen oder Wasser-Geistern. 30

IV.


Vom Hexen-Tantz. 40

V.


Von Holung auf dem Bock. 57

VI.


Vom Crystall-Schauen. 68

VII.


Von Lösel-Nächten. 87

VIII.


Von gezauberter Liebe. 98

IX.


Von ehelicher Wercke Verlust. 112

X.


Vom Alpdrücken. 126

XI.


Von Nachtgängern. 138

XII.


Vom Nativität-Stellen. 152

XIII.


Von der Wünschel-Ruthe. 170

XIV.


Von den Bergmännlein. 192

XV.


Von Irrwischen, und was davon zu halten. 212

XVI.


Von fliegenden Drachen. 219

XVII.


Von Allraunen, Galgen-Männlein, Diebs-Daumen. 225

XVIII.


Von verborgenen Schätzen. 238

XIX.


Von Wehrwölffen, ob solche für wahrhafft zu halten. 246

XX.


Von Gespenstern. 263

XXI.


Vom Kobold oder Hütgen. 278

XXII.


Von falschen Gespenstern. 288

XXIII.


Von Meer-Wundern. 319

XXIV.


Von Panqueten der Geister. 329

XXV.


Wie Gespenstern zu begegnen, und was man davon halten sol. 346

XXVI.


Vom Vestmachen. 361

XXVII.


Vom wütenden Heer. 373

XXVIII.


Vom Geheim-Geist, oder Spiritu familiari. 389

XXIX.


Vom Wahrsagen und Oraculis. 403

XXX.


Von Calender-Wahrsagereyen. 431

XXXI.


Von der Physiognomia. 446

XXXII.


Von der Chiromantia. 469

XXXIII.


Vom Aberglauben guter und böser Zeichen. 487

XXXIV.


Vom Traum-Auslegen. 504

XXXV.


Von Gespenstischer Todes-Verkündigung. 525

XXXVI.


Von Wettermachern. 545

XXXVII.


Von unterschiedenem Licht bey Nacht. 566

XXXVIII.


Von unterschiedenen Wunderthieren. 581

XXXIX.


Von Riesen und Zwergen. 607

XL.


Von Wunder-Geschöpffen GOttes im Wasser. 624

XLI.


Von Wunder-Geschöpffen GOttes im Feuer. 638

XLII.


Von Wunder-Geschöpffen GOttes in der Lufft. 660

XLIII.


Von Wunder-Geschöpffen GOttes auf Erden. 680

XLIV.


Von Cometen und Regenbogen. 698

XLV.


Von Erdbeben. 717

XLVI.


Von Sieben-Schläffern. 738

XLVII.


Von D. Faust und seinem Famulo Wagner. 752

XLVIII.


Vom grossen Christoffel. 775

XLIX.


Von Menschen, so unter der Erde wohnen. 791

L.


De Diebus Criticis & Annis climacteribus. 803

1. Von Wechselbälgen oder Kiehlkröpffen

[1] I.

Von Wechselbälgen oder Kiehlkröpffen.

Gleichwie der leidige Teuffel und abgesagte Menschen-Feind seine Boßheit auf vielerley Weise auslässet, so läßt sich solcher mehrmahl würcklich mercken, wie er seine Tücke an dem weiblichen Geschlecht, sonderheitlich an den armen Kindbetterinnen und derer zarten Leibes-Frucht, ausüben möchte: und strebt den Säuglingen sonderlichen nach, selbige zu fällen, weil er sich besorgen muß, daß ein oder das andere unter solchen seyn möchte, welches ihm seiner Zeit einen Abbruch und Stöhrung an seinem teuffelischen Reich thun mochte: Sonderlich greifft er diese Kindbetterinnen mit allerhand Schrecken, auch offt mit Schwermuth, an, raubet ihnen auch zu mehrmahlen die Kindlein von der Seite hinweg, und leget ihnen ein anders an derer Stelle, welche sodann Wechselbälg oder Kiehlkröpff genannt werden. 1 Und solchen Wechsel-Raub [1] Raub begehet er gemeiniglich durch seine ergebene Zauberer oder Zauberinnen, welche er unsichtbar machet, und also in die Stuben oder Kammern hinein practiciret, wiewohl solche auch zuweilen den Kindbetterinnen zu Gesicht kommen und ihnen mancherley Plage anthun; sonderheitlich denen, die sich und ihr Kindlein nicht jedesmahl treulich dem Schirm und Schutz GOttes des Allmächtigen befehlen. Derohalben hoch nothwendig, daß sonderlich Kindbetterinnen durch ein eyfrig Gebet in ihrer Kindbetts-Zeit eine Schutz-Wehr bauen, und mit dem Läger der Heil. Engel umringen. Wie denn leider! zu bedauren, daß manche mehr sinnen, wie sie sich mit ihrem Kindlein prächtig aufputzen und prangen können, als dem hochnothigen H. Gebet nachsinnen. 2 Und schreibt Er. Francisci aus Schererzeri Tract ätlein von Gespenstern, wie einer Sechswöchnerin diese Awentheuer begegnet: In der Stuben, da sie ihr Kindbett hielte, schlieff eine gar alte Frau, welche auch kurtz hernach, durch den Tod, ihres Alters entladen wurde. 3 Dieselbe ward, sowol mit innerlichen im Gewissen, als auch mit äusserlichen Versuchungen, von den Gespenstern jämmerlich geängstiget, also, daß sie gedachter Schererzius mit tröstlichem Zusprechen täglich aufrichten muste. Wie diese Wittib nun bisweilen an dem Leib und Gemüth einen Anfall ausgestanden, pflog sie dieser ihrer [2] beschwägerten Kindbetterin, als ihrer Hauß-Wirthin, eine Warnung zu geben, sie solte um Mitternacht ja nicht schlafen, sondern fleißig wachen, weil etwas kommen und ihr Kind wegraffen würde.

Nach etlichen Tagen ist ein Gespenst auf diese Kindbetterin wie eine schwere Last gefallen, und hat sich hin und wieder über sie geweltzet, hatte auch das Kind weggerissen, wenn es die Mutter nicht mit ihren Armen umfasset und vest gehalten. Hierauf hat sie sich, nach ausgestandenem Schröcken, sehr übel befunden, und an dem obern Leib eine schwere Kranckheit erlitten, die GOTT gleichwohl endlich gemindert.

Unterdeß hat man doch Exempel, daß der böse Geist seine Tücke, auf GOttes Verhängniß, würcklich ausgeführet, wo nehmlich das Liebe Gebet, als die eigentliche Wehr und Waffen darwider, nicht genugsam gebrauchet werden, daß alsdenn ein falsches Kind der Mutter an statt ihres weggeraubten Säuglings an die Stelle geleget worden. Wie mir denn ein schröcklich Exempel bekannt, so Anno 1673. da ich mich Studirens wegen in Padua aufgehalten, einer armen Bauers-Frau, unweit selbigen Orts, begegnet: 4 solcher ist von einer alten sichtbarlichen Zauberin ihr Kind bey Mitternacht im Schlaff an der Brust ausgewechselt worden; als aber solche eben mit zur Thür hinaus wischen will, ist ihr der Kindbetterin Bruder, ein Geistlicher, in [3] der Stuben-Thür entgegen getreten: und als er das Kindlein schreyen gehöret, welches diese Zauberin alsobald auf den Boden niedergeleget, hebt es der Geistliche voller Schrecken auf, und trägt es seiner Schwester an das Bett: da er sie aber bey dem Nacht-Licht erblicket, siehet er, daß solche ein Kindlein schlafende an ihrer Brust säugete: wecket selbige auf, zündet ein Licht an, und befindet, daß das von ihm aufgehobene Kind mit dem saugenden einerley Gestalt, Wickelbinde und alles mit dem andern gleich hat worüber sie gewaltig erstaunet, und Mutter, Vater, Geistlicher noch Umstehende alle nicht wissen können, welches der Mutter ihr rechtes Kind sey. 5 Und also hatte der Satan die Leut verblendet, daß sie solche nicht unterscheiden konten: Diese arme Eltern hielten bis an Morgen fleißig Wache, zeigeten solches hernach ihrem Geistlichen, welcher das Kind getaufft hatte, an, solcher ermangelte nicht, beyde zu segnen, und mit Weyh-Wasser zu besprengen, aber da wolte sich kein Unterscheid finden, noch ausweisen, ausser daß die Kindbetterin sagete, wie das eine so unmäßig saugete, daß das andere nichts vor selbigem in der Brust finden könte: woraus die Verständigsten schliessen wolten, daß solches das zugelegte Kind seyn müsse: worauf der Kindbetterin gerathen worden, demjenigen, so allzustarck saugete, die Brust zu entziehen, und solches [4] mit Wasser abspeisen, hingegen dem andern ihre Brust fleißig geben solte, so auch geschehen, worauf das verdächtige Kind Tag und Nacht geschryen. Endlich am 5ten Tag kommt ein ander benachbart altes Weib in die Stube, und wil der Kindbetterin ihr Leid klagen, erbietet sich auch, bey selbiger über Nacht zu wachen, und reichete nach dem verdächtigen Kind, man wolte aber solches von ihr nicht anrühren lassen, sondern schaffete solche, weil sie ohnedem sehr zerkratzt, auch braun und blau um die Augen ausgesehen, mit Manier wieder fort, und ließ selbige Nacht 2. bekannte Weiber bey der Kindbetterin, und weil beyde Kinder auch fein ruhig samt der Wöchnerin schliefen, waren selbige sonder Sorge: da aber die eine Frau, als die Kindbetterin erwachet, zu der Wiegen kommen, worin das schreyende Kind gelegen, war nichts mehr als s.h. die voller Unrath gemachete Windeln in der Wiegen anzutreffen: woraus jedermann schloß, daß dieses alte Weib, so Abends also zerkratzt, auch die Zauberin gewesen, welche der Satan also gezeichnet hatte, die hernach auch das unrechte Kind wieder weggetragen. Hierauf ist die Kindbetterin und Kindlein bis zu Ende ihrer 6.Wochen in guter Ruhe verblieben.

Wir wollen allhier nicht anführen, sondern in einem absonderlichen Capitel melden, was einige gelehrte Leute von Erzeugung [5] solcher Wechsel-Kinder geschrieben, und auf was Art dieselbe durch Vermischung mit dem Satan geschehen könte, sondern allhier etliche Exempel von solchen Kiehlkröpffen erzehlen.

Paulus Frisius Nagoldanus in seinem Bericht von Hexen und Unholden im 5. Punct schreibt: 6 Zu Heßloch bey Odernheim im Gow gelegen, hat sichs auf eine Zeit zugetragen, daß ein Kellner, oder Hofmann gesessen, der sich mit seiner Köchin heimlich, und zwischen ihnen beyden also verlobt, weil sie sich nicht öffentlich verheyrathen dürfften, inmassen er ein Diener der Geistlichen war, so solte doch ihre Beywohnung eine Ehe seyn, und wolten sich auch nicht anders gegen einander verhalten, als Ehe-Leute: Und als sie ein Kindlein miteinander erzeuget, hat sie GOtt der HErr also heimgesuchet, daß er sie mit einem Wechsel-Kind gestrafft hat. 7 Das hat nicht wollen wachsen, es hat nicht wollen zunehmen, es hat Tag und Nacht geheulet und geschryen, und immer gefressen. Endlich ist die Frau Raths worden, sie wolle ihr Kind gen Neuhausen auf die Cyriacks-Wiegen tragen, und wiegen lassen, und aus dem Cyriacks-Brunnen ihm zu trincken geben, so möchte es besser mit ihm werden; denn zu selbiger Zeit hatten die Leute einen grossen Glauben daran, so man ein Kind zu Neuhausen wiegen liesse, auf der grossen Cyriacks-Wiegen, das nicht gedeyhen [6] wolte, solte es sich gewißlich in 9. Tagen entweder zum Leben oder zum Tod verändern. 8 Als sie nun zu Westhoven mit dem Kind in den Klawer kommen, unter welchem sie getragen, daß sie gekeucht und geschwitzt hat, also schwer ist es ihr worden, ist ihr ein fahrender Schüler begegnet, der hat zu ihr gesaget: Ey Fräulein, was traget ihr für einen Unflath, es wäre nicht Wunder, daß er euch den Halß eindruckte; hat sie geantwortet: Es wäre ihr liebes Kind, und wolte nicht gedeyhen oder zunehmen, und darum wolle sie es zu Neuhausen wiegen lassen. Er aber sprach: Es ist nicht euer Kind, sondern es ist der leibhaffte Teuffel, werfft den Schelmen in die Bach; Als sie aber nicht wolte, sondern immer darauf beharrete, es wäre ihr Kind, und küssete es, sprach er ferner: Euer Kind stehet daheim in der Stuben-Kammer hinter der Arcken in einer neuen Wiegen, diß ist der Teuffel, werfft den Unflath in die Bach: das hat sie mit Weinen und Heulen gethan. Und alsobald ist ein solch Geheul und Gemurmel unter derselben Brücken, so daselbst über die Bach gehet, als ob es ein Hauffen Wölffe und Bären wären, entstanden. Und als sie heimkommen, hat sie ihr Kindlein frisch und gesund in einer neuen Wiegen gefunden. Also hat GOtt der HErr ohne Zweiffel das Kindlein erhalten, die Zeit über als sie dem Teuffel [7] das Wechsel-Kind gesäuget hat. Vid. Hildebrand. pag. 108.

Folgende Geschicht wird ebenfalls von gedachtemHildebrand, in Entdeckung der Zauberey p. 109. beschrieben, welche wahrhafftig geschehen seyn soll. 9 Nahe bey Breßlau wohnete ein nahmhaffter Edelmann, der hatte im Sommer viel Heu und Krummet aufzumachen, darzu ihm dann seine Unterthanen fröhnen musten: Unter diesen ward auch beruffen eine Kindbetterin, so kaum 8. Tage im Kindbett gelegen; wie sie nun siehet, daß der Juncker ihrer nicht verschonen wolte, auch niemand hatte, den sie an ihrer Stelle senden konte, gehet sie und nimmet ihr Kindlein mit ihr hinaus, leget es auf ein Häufflein Gras, ging von ihm, und halff Heu machen.

Als sie nun etliche Stunden gearbeitet, und zu ihrem Kinde, dasselbe zu säugen, gehen will, siehet sie das Kind an, schreyet hefftig, schläget die Hände übern Kopff zusammen, und klaget männiglich, das wäre nicht ihr Kind: weil es so geitzig ihr die Milch entzöge und so unmenschlich heulete, so sie an ihrem Kinde nicht gewohnt wäre. Sie klagete solches dem Juncker, der sagte: Frau, wann euch bedünckt, daß diß nicht euer Kind, so thut eins, und traget es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und streicht es mit der Ruthe hefftig, so werdet ihr Wunder sehen. [8] Die Frau folgete solchem Rath, ging hinaus, und strich das Wechsel-Kind mit der Ruthen, davon es sehr geschryen hat, da brachte der Teuffel das gestohlne Kind wieder, und sprach: Da hasts, und mit dem nahm er sein Kind hinweg: Diese Geschicht ist lautbar, und bey Jungen und Alten derselben Gegenden um und in Breßlau kundig.

Bey Halberstadt (schreibt gemeldter) hat ein Mann auch einen Kiehlkropff gehabt, der nicht nur seine Mutter, sondern auch noch 5. andere Säugerinnen augesauget, und über das sehr viel gefressen und sich seltsam geberdet. 10 Diesem Mann haben Leute den Rath gegeben, er solte das Kind zur Wallfahrt gen Hockelstadt zur Jungfrau Maria geloben, und daselbst wiegen lassen. Diesem folgt der Bauer und trägt ihn dahin in einem Korbe: wie er aber mit ihm über ein Wasser gehet, und auf dem Steg oder Brücke ist, so ist ein Teuffel unten im Wasser, der ruffet ihm zu und spricht: Kiehlkropff, Kiehlkropff, da antwortet das Kind so im Korbe saß, das vorher kein Wort geredet hatte, ho, ho; deß war der Bauer ungewohnt, und sehr erschrocken; darauf fraget der Teuffel im Wasser ferner: Wo wilt du hin? Der Kiehlkropff sagte: Ich will gen Hockelstadt zu unser lieben Frauen und mick allda laten wiegen, dat ick mög etwa diegen. Wie solches der Bauer hörete, daß das Wechselkind [9] reden konte, welches er zuvor nie von ihm vermercket, wird er zornig, und wirfft das Kind alsbald ins Wasser, mit dem Korb, darinn ers truge; da sind die zween Teuffel zusammen gefahren, haben geschryen: ho, ho, ha, mit einander gespielet, sich mit einander überworffen, und sind darnach sogleich verschwunden. 11

Solche Wechselbälge oder Kiehlkröpffe supponir Satan in locum verorum filiorum und plaget die Leute damit: Denn diese Gewalt hat der Satan, daß er die Kinder auswechselt und einem für sein Kind einen Teuffel in die Wiege leget, das denn nicht gedeyhet, sondern nur frisset und sauget: Aber man saget, daß solche Kiehlkröpffe über 18. oder 19. Jahr nicht alt werden.

In Lutheri Tisch-Reden lieset man, vor (damahl) 8. Jahren war zu Dessau eins, das ich D. Martin Luther gesehen und angegriffen habe, welches 12. Jahr alt war: 12 seine Augen und alle Sinne hatte, daß man meynete, es wäre ein recht Kind, dasselbe thät nichts, denn daß es nur fraß, und zwar so viel, als irgend 4. Bauren, oder Trescher. Es fraß, schiß und seichte: und wann man es angriff, so schrye es; wanns übel im Hauß zugieng, so lachte es, und war frölich, gieng es aber wohl zu, so weinete es, diese zwey Tugenden hatte es an sich, so sagte ich zu den Fürsten von [10] Anhalt: Wenn ich da Fürst oder Herr wäre, so wolte ich mit diesem Kind in das Wasser in die Molda, so bey Dessau fliest, und wolte das Homicidium daran wagen. Aber der Churfürst zu Sachsen, so mit zu Dessau war, und die Fürsten zu Anhalt, wolten mir nicht folgen, da sprach ich: So solten sie die Christen in der Kirchen ein Vater Unser beten lassen, daß der liebe GOtt den Teuffel hinweg nehme, das thät man täglich zu Dessau, so starb dasselbe Wechselkind im andern Jahr darnach.

Aus obangeregten Geschichten fället demnach die Frage für, ob denn solche Kiehlkröpffe oder Wechselbälge für rechte Menschen oder verlarvte Teuffel anzusehen? und ob sie ein rechter Cörper oder nur eine blosse Larve oder Gespenst wären? 13 Und im Fall sie ein wahrer Cörper, woraus doch derselbe möge eigentlich erzeuget seyn?

Er. Francisci schreibt: Es ist kaum zu zweifflen, daß wo nicht allemahl, (denn man weiß, daß ein solches Wechselkind zuweilen auch wohl verschwunden sey) doch gleichwohl gemeiniglich die Kiehlkröpffe einen rechten cörperlichen Leib haben: angemerckt, manche derselben allmählig erkranckt, ausgedorret und gestorben sind; darzu man, des Exempels halben, sich nicht weit umsehen noch in die Ferne gehen dürffte. Dannenhero nicht zu läugnen, daß sie insgemein eine materialische Substantz [11] haben. Woher aber? das bleibe doch noch die unbeantwortete Frage.

Es vermuthen und sinnen etliche behutsame Theologi, der Satan verstelle nur die gestohlene Kinder mit einer lüstlichen Gestalt, (sonderlich, weil sie insgemein von Leibe hager und kurtz seyn, aber einen grossen dicken Kopff haben) und gebe ihnen ihr recht natürlich Kind wieder; aber darum so verstellt, daß sie es hassen sollten und beweget werden, ins Wasser zu werffen, oder zu verbrennen; und also an ihrem eigenen Fleisch einen Mord zu begehen.

Nun dürffte es bisweilen, aber gewißlich wunderselten, also damit ergehen; denn das widrige, nemlich, daß es das recht natürliche Kind nicht seye, stehet leicht darbey abzunehmen; weil er auf eifferiges Gebet offt gedrungen wird, das rechte wieder herbey zu schaffen, nachdem man ihm das falsche auf den Mist hinaus geworffen, oder von ihm selbst hingegen wieder gehohlt worden. Allermassen ein gewisser geistlicher Scribent im Zweiffel gestanden, ob der Teuffel nicht etwa die Eltern nur also verblende, daß sie ihr leiblich Kind für ein unnatürliches ansehen? welche Sorgfalt dann nicht allerdings zu verwerffen. Unterdessen fället doch vermuthlich, der Wechselbalg sey selten ein natürliches Kind. Wiewohl man doch auch nicht kecklich sagen darff, es sey ein blosses Gespenst oder nichts anders, als [12] der Teuffel; sondern lieber es für einen solchen Leib halten, den der Satan herbey gebracht und daselbst hinein gefahren.

Aber woraus sollte er denselben wohl zusammen richten? der Satan, sprechen etliche, kan gar leicht dasjenige, was etwa ein gottloser Mensch, ein Weichling nemlich, aus verdammter Sodomitischer Geilheit und Lust-Seuche, ausserhalb fleischlicher Vermischung, oder ehelicher Beywohnung von sich gelassen, nach einer von seiner leichtfertigen Vetteln, behende und aufs allerschnelleste übertragen und zu dem Ort der Empfängniß hinein parthieren: davon nachmahls, vielleicht auf GOttes Verhängniß, ein solcher Wechselbalg gebohren werde; welcher doch darum mit nichten ein Mensch, sondern, wofern er etwa in ihm selbst ein rechtes Leben habe, nichts anders als etwa ein Thier, oder etwas, so demselben ähnlich sey; Andere sagen, es werde bloß allein, aus dem weiblichen Saamen und Monats-Geblüt, etwas solches gebohren, welches der Satan an statt einer Seelen belebe, bewege, und dadurch rede. Ich will nicht dafür sprechen, daß solches nicht bisweilen geschehe; doch gleichwohl eben so wenig dafür halten: daß nicht offtmahl der Teuffel einen solchen Cörper nur aus einem Aas oder Schind-Leiche künstlich zusammen füge und darein fahre. Denn am allerseltsamsten wird es das rechte natürliche, [13] aber nur vom Teuffel unkanntlich gemachte Kind seyn. Jedoch begehre ich auch nicht zu läugnen, daß bisweilen eine solche blosse Verblendung vom bösen Geist gespielet werde.

Es gibt bisweilen Wechselbälge, die man nicht wohl anders, als für Teuffels-Bruten schätzen kan. Es mögen solchen nun gleich Teuffel aus einem Aas einen Cörper erkünstlen und darein fahren, oder sonst den Leuten die Augen verblenden, daß sie einen Leib zu sehen sich einbilden, da solches doch nichts anders, als vielleicht ein blosser Augen-Betrug ist.

Delrio lib. 2. Disquisit. Magic. quæst. 15. p. 180. erzehlt, daß ein solcher verstellter Teuffel müsse der Knab gewesen seyn, welchen seiner Zeit ein Bettler in Spanien durch Gallicien und Austurien, mit höchster Beschwer und Ermüdung auf den Schultern herum getragen; Als einsmahls ein Ordens-Mann diesen Wunder-schweren Buben unterweges an einem seichten Fluß angetroffen, und aus Mitleiden hinter sich auf sein Pferd genommen, mit äusserster Mühe und Krafft kaum durch das Fließ-Wasser hinüber tragen können: an jenseits Ufer bald hernach hat man den Bettler ergriffen, und hat derselbe bekannt, dieser sey kein rechter Knabe, sondern der Teuffel gewesen, welcher ihm versprochen hätte, er wolte alle Leute bewegen, ihm Allmosen zu [14] geben, so lang er ihn also in Gestalt eines krancken Knabens herum tragen würde. 14

Wir wollen es allhier bewenden und fernerem Bedencken gelehrter Theologorum überlassen, indessen in folgendem von teufflischer Vermischung mit den Hexen ein weniges gedencken.

Marginalien

1 Wie der Teuffel die rechte Kinder verwechselt.
2 I. Geschicht.
3 Kindbetterin wird gewarnet.
4 II. Geschicht.
Ein Kind wird ausgewechselt / die Hex aber darbey betreten.
5 Wechselkind kan von dem rechten nicht unterschieden werden.
6 III. Geschicht.
7 Eigenschafften eines Wechsel-Kindes.
8 Soll zu Neuhaus in St. Cyriacus-Wiege geleget werden.
9 IV. Geschicht. Ein Kind wird einer Bäuerin auf dem Heumachen ausgewechselt.
10 V. Geschicht. Wechselbalg sauget 5. Weiber aus.
11 Wird ins Wasser geworffen.
12 VI. Geschicht.
13 Frage / ob solche Kiehlkröpffe rechte Menschen seyn.
14 Teuffel läßt sich in Kindes-Gestalt von einem Bettler herum tragen.

2. Von der Hexen Buhlschafft mit dem Teuffel

II.

Von der Hexen Buhlschafft mit dem Teuffel.

Voriges Capitel gibt fernere Anleitung etwas zu untersuchen, ob der leidige Satan in Gestalt eines Mannes mit den Hexen Buhlschaft pflegen, und aus solcher Vermischung Kinder gezeuget werden können. 1 Nun ist es eine gemeine Sage, daß der Teuffel nicht allein in Gestalt eines Menschen erscheine, sondern auch, daß sich die Geister fleischlicher Weise mit Weibern vermischen, und aus solchem Beyschlaff Kinder zeugen können: welche man Campsiones, oder Wechselkinder, verworffene Kinder und Wechselbälge zu nennen pfleget, wie vielerley Historien davon bey unterschiedenen Autoren beschrieben worden. Wann man es aber reifflich überleget, so wird sich finden, daß alles wider die Natur und die Heil. Schrifft [15] lauffe. Denn es können (1) Geist und Leib, derer Natur und Eigenschafft gantz und gar ungleich seyn, sich zu solchem Werck keinesweges schicken: dann dieweil die Geister weder Fleisch noch Beine haben, Luc. 24. so können sie auch mit fleischlicher Lust gegen die Weiber nicht entzündet werden. So (2) die unreinen Geister zu solcher Unkeuschheit Lust und Begierde hätten, und auf einerley Weise vermöchten zu vollbringen, so würden sie solche Schande vielmehr unter einander selbst, als mit dem Menschen treiben. (3) Möchten und könten die geistliche Creaturen fleischlich mit den Weibern zu thun haben, wie sollten wir auch bisweilen nicht sehen, daß etliche aus dem Beyschlaff von den Weibern ohne des Mannes Saamen gebohren würden. (4) Das vornehmste, um Kinder zu zeugen, ist die Krafft des Hertzens, so die natürliche Wärme mäßiget, damit sie ihre Würckung vollbringen; dieweil dann der Teuffel keine lebendige Seele, die im Hertzen entspringet und die gebahrende Krafft nicht an sich nehmen, und andere nothwendige Stücke darzu zu thun nicht vermag, so mögen auch aus dem Beyschlaff des Teuffels und der geilen Weiber keine Kinder erzeuget werden. (5) So nun der Teuffel in männlicher Gestalt die Weiber solte können beschlaffen und schwächen, wie würde man dann die versehrte Zeichen der Jungfrauschafft, [16] wovon MoysesDeut. 22, 13. seq. ein gewisses Zeichen giebt, erkennen und schliessen können. So hat auch 6) die Heil. Schrifft alle Boßheit des Satans bekannt gemachet, aber daß er mit Menschen fleischlicher Weise sollte zu thun haben, davon wird in solcher kein Wort gemeldet. Vid. Thummium tract. de Sagor. impiet. quæst. 4. p. 25. Also ist es (7) teufflisch und gotteslästerlich. Denn niemahls ist ein Mensch gefunden worden, der aus einem Geist und aus einem Weib gebohren ist. (Ausgenommen unser HErr und Heyland Christus JEsus, der ohne Zuthun eines Manns von dem H. Geist, aus der gebenedeyeten Jungfrauen Maria ist in diese Welt, aus grosser Gnade und Barmhertzigkeit gegen uns, gebohren worden. Luc. 1, 34.) Was die Heydnischen Poeten von solcher Materie gedichtet, dienet bey uns zu keinem Beweiß. Endlich ist es vielmehr eine Phantasia und Einbildung, daß die bösen Geister mit den Weibern buhlen sollten. Ob wohl die Hexen offtmahls bekennen, daß sie von ihren Buhlen, da doch dero Ehemann bey ihnen im Bette gelegen, beschlaffen worden, der es nicht empfunden, wäre auch wohl öffter unter dem Volck geschehen, und dannoch nicht gemercket worden. Wie denen geilen und wollüstigen Menschen offt zu träumen pfleget, daß sie eine leibliche Vermischung begehen, da es doch nur im Schlaff ist.

[17] Wir wollen allhier zu des geneigten Lesers ferneren Beurtheilung einige Historien anführen, wie denn der Spanier / Anton Torquemada / in der dritten Tagreise meldet, daß der Teuffel eine Jungfrau, adelichen Geschlechts, zu Calaris oder Cagliari betrüglich mißbrauchet: 2 diese schöne, reiche von grossem Ansehen, und dem Schein nach mit vielen Tugenden begabte Tochter, verliebte sich in einen Ritter, in ihrer Nachbarschafft, betrachtete solchen mit sonders grosser Affection und Liebes-Neigung, offenbahrete ihm aber ihre Gedancken in keine Wege. 3 Nach Verlauff einiger Zeit, da der Jungfer ihr Liebes-Feuer sich in eine geile Brunst verwandelte, bediente sich der Teuffel dieser Gelegenheit, nahm die Gestalt gedachten Ritters an sich; machete bey der Jungfer vertrauliche Kundschafft, und erhielt so viel, daß sie ihm, nach versprochener Ehe, allen fleischlichen Willen bezeigete, niemahls in anderer Meinung, als würde sie von dem eingebildeten Ritter bedienet, und dergestalten ließ sie ihn etliche Monden lang nächtlicher Weile in ihre Kammer kommen, in welcher Zeit der Teuffel sie beredete, daß sie ihm niemahl keinen Boten schicken solte, damit ihre Sache verschwiegen bliebe, und wann er ihrer ansichtig würde, wolte er sich gleichfalls stellen, als ob er sie nicht kennete: daher kame, daß, ob sie schon zu Zeiten den rechten Ritter sahe, sie doch ihrer Abrede [18] nach kein Zeichen einiger Liebe an sich spühren ließ. Eine Zeit hernach gab die Mutter der Jungfrau ein Heiligthum, solches an ihrem Halß zu tragen, daran sich der erdichtete Ritter stellete, ob hätte er einen Abscheu darvor, und blieb gäntzlich bey der Jungfer aus: Also paßirten viele Monden vorbey, in welcher aber der natürliche Ritter sich an einem andern Ort verliebte; wie aber die Jungfrau solches hörete, so wolte sie für Eifer fast vergehen, und weil sie solchen schmertzlichen Verdruß nicht länger endulden konte, sändte sie ihm einen Boten und ließ ihn bitten, er möchte doch zu ihr kommen, sie hätte etwas mit ihm zu reden.

Der Ritter als ein höfflicher Ritter, so zwar von allem keine Wissenschafft hatte, gab ihr die begehrteVisite, fande sie auch gantz allein, und verlangte an sie, was sie gutes bey ihm zu befehlen hätte: Als die Jungfrau solche frembde Reden hörete, als ob er sie kaum kennete, fing sie an sich wider ihn zu beklagen, daß bereits eine geraume Zeit verflossen, in welcher er sich ihrer entschlagen, und sie weder zu sehen, noch mit ihr mehr zu reden gewürdiget. 4 Der Ritter verwunderte sich sehr, als dem, was zwischen ihr und dem Gespenst ergangen, gantz unwissend war: worauf die Jungfrau mit den Worten heraus brach, sagende: Es brauche jetzo seines Verstellens gar nicht, sintemahl kein Mensch bey ihnen wäre: fuhr auch endlich mit Zorn und Schelten [19] heraus, und sprach: Dieweil er ihrer Liebe so lange genossen, wäre es nicht billig, daß er sie gedachte zu verlassen, sondern an dem, daß er seinem Versprechen ein Genüge thun müsse, weil er ihr die Ehe zugesaget: und wann er anders Sinnes sey, wolte sie es nicht allein GOtt und der Welt klagen, sondern auch keinen Fleiß spahren ihn zu zwingen, sein Versprechen zu vollziehen, wann er es nicht mit gutem Willen thun wolte.

Der Ritter über dieses Zureden noch mehr bestürtzt, gab ihr die Antwort, daß er von ihrer Sprache gar nichts verstünde, und müsse sie sich sehr irren. Uber welche Antwort die Jungfer vermeinte rasend zu werden, sagende: Wisset ihr nicht, daß ihr so und so mit mir umgangen seyd? und erzehlte ihm von Punct zu Punct, alles, was ihr von dem Betrüger, unter der Gestalt des Ritters, begegnet wäre; und sagte weiter: Ihr könnet nicht anders, sondern müsset mein Ehemann seyn, und ich eure Frau.

Der Ritter noch weiter bestürtzt, fing an, ihr das Gegentheil zu bezeugen wie sie sich irrete, nur solches zu gedencken, um wie vielmehr zu erweisen; Und als sie deswegen streitig wurden, nennte ihm die Jungfer den Tag ihrer Verlöbniß, an welchem ein hohes Fest gewesen sey. 5

Der Ritter betheurete mit einem Eid, daß er nicht allein an selbigem Tage, sondern 3. Wochen schon vorhero, weder in der [20] Stadt noch in seinem Hause, sondern mehr als 50. Meilen von dannen gewesen wäre, mit Versprechen, solches klar zu erweisen, protestirte aber, wofern sie jemand unter seinem Nahmen betrogen, so könnte und wolte er keine Schuld haben.

Die betrogene Jungfer war über solche Aussage sehr betrübt und traurig, und fing an, etlicher sonderbarer Sachen in vergangener That sich zu erinnern, woraus sie bald abnahm, daß kein sterblicher Mensch solche verrichten können. Woraus sie endlich so viel abmerckete, daß es alles des Teuffels Betrug gewesen wäre. Und nachdem der Ritter wieder von ihr abgeschieden, fing sie an, des Teuffels Betrug mehr und mehr zu überlegen, verfluchte ihre fleischliche Begierden, veränderte ihr Gemüth, begab sich in ein Kloster, allwo sie die Zeit ihres Lebens vollendete: Hieraus ist zu schliessen, wie der Teuffel geschäfftig ist, den inwendigen Unflath fleischlicher Begierden in den Gottes-vergessenen Menschen sich zu Nutzen zu machen.

Wir lesen bey Jacob Sprenger / daß ein Zauberer zu Coblentz gesessen, welcher in Gegenwart seines Weibes und Gesellen solche fleischliche Ubungen verrichtete, da doch von keinem nicht das geringste von einem Weibe gesehen worden. 6

Auch schreibt Johannes Franciscus Picus, Printz von Miranda, der doch selbst der Zauberey halber nicht so gar unverdächtig gewesen, er habe einen Zauberischen Priester [21] gesehen, genannt Benedict Bern, seines Alters 80. jährig, der ungescheuet ausgegeben, er habe mehr denn 40. Jahr mit einem Geiste, der in der Gestalt eines Weibs, unerkannt von männiglich, stets sein Gefährt gewesen, fleischlich zugehalten, und habe diesen seinen geistlichen Leib-Wärter Harmone genannt. Schreibt auch ferner, von einen andern Priester, seines Alters 70. Jahr, der mehr als 50. Jahr mit einem in Weibs-Gestalt bösen Geist sich beflecket. Welchen beyden aber der Lust mit des Feuers Gluth zur zeitlichen Strasse gebüsset worden. Vid. Hildebrand von Zauberey pag. 102.

Erstgedachter Autor continuiret folgend: 7 Und damit wir eine neuliche noch in frischem Gedächtniß habende Geschicht einführen, ist kundbar von einer Aebtißin, Magdalena von Creutz genannt, bürtig von Corduba in Hispanien, die, nachdem sie bey ihren Schwestern und Ordens-Frauen in Verdacht kam, als ob sie eine Hexin wäre und darneben, wann sie verklaget würde, das Feuer sehr befürchtete: da gedachte sie der Beschwerlichkeit vorzubauen, und bey dem Pabst hierüber Ablaß zu erlangen; bekannte derowegen, daß in stehendem 12. jährigen Alter ein böser Geist in Mohren. Gestalt zu ihr kommen, der sie um ihre Ehre angestrenget, dem sie zu Willen worden, und von der Zeit an mehr denn 30. Jahr [22] aneinander bey ihm gelegen, und der teuffelischen Lüsten gepfleget. 8 Ihr Buhle hat sie auch der Treu geniessen lassen, und bey nahe eine Heilige aus ihr gemachet; dann wann sie in der Kirche war, ward sie in die Höhe gehoben; und wann die andern Schwestern zur Communion giengen, so flog nach der Consecration, im Angesicht ihrer aller, die Hostie zu ihr in die Lufft. Darum hielten sie ihre Ordens-Frauen für heilig, ja selbst der Priester meynete nicht anders, dieweil ihm damahls eine Hostie gemangelt hatte; auch thät sich bisweilen das Gemäuer voneinander, auf daß sie nur die Hostien sehen möchte. Sie hat gleichwohl von Pabst Paulo dem dritten Pardon erlangt, nachdem sie die Aergerniß, wie sie saget, bereuet gehabt. Aber ich halte dafür, sie seye durch ihre Eltern gleich aus Mutter-Leib dem Satan für eigen übergeben gewesen.

Von einem Gespenst, welches von einem Jüngling beschlafen, wird von Petro Loyero de Spectris ausÆliano Phegonte, des Kaysers Adriani Freygelassenen, erzehlet, also: 9 Daß zu seiner Zeit ein Patricius, Nahmens Demostrates, mit seinem Weibe Charito eine eintzige Tochter, Nahmens Philinion, von vortrefflicher Schönheit, habe gezeuget, die aber in eine jählinge Kranckheit gefallen und Todes verblichen, auch mit grossem Hertzeleyd ihrer Eltern, die sie auch darauf balsamiret, mit schönen Kleidern, [23] Kleinodien und anderem Schmuck ausgezieret, zur Erden bestatten lassen. 10 Es begab sich aber, daß ein Jüngling, Nahmens Machates, bey dem Demostrate einkehrete, und, nachdeme er sich vorher ein wenig erquickt, in einer besonderen Schlaf-Kammer noch etwas saß, kame zu ihm ein schönes Weibsbild, mit frölichem Angesicht und holdseligen Geberden, und grüssete ihn aufs freundlichste; als er darüber sehr erschrack, trat sie etwas näher zu ihm, lachete ihn sehr freundlich an, und sprach: Wundere dich nicht, mein Machates, ich bin deines Wirthes Tochter, ich habe viel von deinen guten Qualitäten und deiner Geschicklichkeit gehöret, und mich auch alsobald in dich verliebet, ich komme selber, wiewohl wider geziemende Anständigkeit weiblichen Geschlechts, zu dir, und bitte dich um Liebe, die du mir mit deiner freundlichen Umfahung wollest wiederfahren lassen. Und, damit ich deiner Liebe geniessen möge, habe ich diese Nacht-Zeit erwählet, da sie alle im Hause in tiefem Schlaf liegen. Der Jüngling umfieng sie alsobald, that nach ihrem Begehren, und ergetzte sie mit den Confituren, die er durch seinen Diener in die Kammer bringen ließ. Ehe aber der Morgen anbrach, nahm die Philinion von ihrem Buhlen mit vielem Küssen und Umfahen wiederum ihren Abschied, vorgebende, sie müste sich beyzeiten wieder in ihre Kammer machen, damit es etwa Vater und Mutter [24] nicht mercken möchten; versprach aber, auf künfftige Nacht ihn wieder zu besuchen, da sie noch ferner ihrer Liebe pflegen wolten: verehrete ihm darauf, zu holdseligem Andencken, einen schönen Ring von ihrem Finger, und ihr künstlich-genehetes Brusttuch: welches Machates annahm, und ihr hingegen verehrete einen eisernen Ring, den er, nach selbiger Gewohnheit, an seinem Finger truge, und eine künstlich silberne und überguldte Schale. Als sie nun hinweg war, kame die Mutter, ihre liebe Tochter freundlich zu empfangen; denn sie hatte von ihrer Magd erfahren, daß sie die verstorbene Philinion durch die offenstehende Thür mit dem Frembdling an dem Tisch sitzen gesehen, aber sie fand sie nicht mehr: in der folgenden Nacht fand sie aber Gelegenheit ihrer Tochter ansichtig zu werden, und, nebst Ausgiessung vieler Thränen, zu küssen. Aber als die Philinion sich über diese ungestüme Sorgfältigkeit beklaget und ihrer Eltern zukünfftig Elend bedauret, verschwandt der Geist, und blieb der Cörper todt und kalt liegen. Als dieses nun Stadt-kundig war, lief der Stadhalter mit etlichen aus dem Rath zu dem Grabe der verstorbenen Philinion, zu sehen, ob auch ihr Leichnam anzutreffen, aber sie funden dasselbe leer, und nichts mehr darinnen, als den Ring und die verguldete Schale, mit welchem die Jungfrau von dem Machate war verehret worden.

[25] Niemand soll hier glauben, daß ein Verstorbener in eigener Person dem Leibe oder der Seele nach könne wieder kommen, sondern der Teufel, als ein unreiner Geist, hat den Jüngling zur Hurerey verleitet. Erscheinen aber solche Gespenster, die dem Verstorbenen ähnlich, so sind es böse Geister, die solche Gestalt, oder ja bisweilen der Verstorbenen Cörper, an sich nehmen, und damit die Leute zu allerhand Aberglauben verführen. Vid. Reuter vom Reich des Teuffels /p.m. 1167.

Ganfred. Antiscod. lib. 3. c. 26. und Ulric. Molitor, in seinem Büchlein von Hexen und Unholden,Dial. 7. schreiben eine wunderliche Geschicht, so sie für eine gantze Wahrheit ausgeben, daß ihm ein sehr Adelicher Jüngling und guter Schwimmer gesaget, wie er zu Nacht beym Mond-Schein in dem Meer gebadet, und ein Weib, das ihm nachgeschwommen, beyn Haaren ergriffen habe, der Meynung, es wäre seiner Mit-Gesellen einer, der ihn unter das Wasser tauchen wolte, welche er habe angeredet, aber kein Wort abgewinnen mögen. 11 Worauf er sie mit seinem Mantel bedeckt, mit sich heimgeführet, und zuletzt ihm öffentlich und ehrlich vermählet. Als ihn aber seiner Gesellen einer auf eine Zeit darum gescholten, daß er ihm ein Gespenst vermählet, sey er darüber entrüstet worden, habe sein Schwerd gezuckt, und gedrohet, [26] den Sohn, welchen er mit ihr gezeuget, für ihren Augen umzubringen, wann sie nicht reden und anzeigen wolte, wannenher sie käme. Darauf sie gesaget, wehe dir armen Menschen, daß du mich nöthigest zu reden, denn damit wirst du um dein Weib kommen, ich wäre bey dir geblieben und hätte dir viel genutzt, so du mir das auferlegte Stillschweigen vergönnet hättest. Nun aber wirst du mich nicht mehr sehen, und ist hiemit verschwunden, der Knab aber wuchs, und fieng auch an im Meer zu baden, ward auch zuletzt von diesem vermeinten Weibe auf dem Wasser, in Gegenwart vieler Leute, vor ihren Augen verzuckt. Bey angeführtem Autore p. 1161.

Noch eins will zum Beschluß dieses Capitels anhero fügen. 12 Nicht weit von R. an der Tauber kam in eines ehelichen Mannes Hauß einer, dem Ansehen nach als ein Edelmann, mit zwey Dienern, deren einer pfeiffen, der andere aber geigen konte, der gab für, er wäre derowegen kommen, daß er seine züchtige und wohlgezogene Tochter zur Ehe begehre, richtete Gastmahl an, banquetirte, tantzete und war frölich, wie die Freyer pflegen. 13 Der Wirth merckte, daß es nicht recht zugienge, sprach zu seinem Gaste, es wäre eine ungleiche Heurath, edel und unedel schickten sich nicht zusammen, er solte sich anderswo bewerben; als aber der Gast nicht ablassen wolte, und sich ein andermahl wieder einstellete, da ladet [27] der Wirth einen Geistlichen zu sich, mit dem er über Tisch aus der Heil. Schrifft redete: solches verdroß den Gast, sprechende: Wenn man will frölich seyn, soll man nicht von andern Dingen reden. Da fuhr der Wirth heraus, und sagete: Ihr seyd Buben und unsere Feinde, ihr seyd kommen mich und die Meinigen zu beschädigen, es soll euch aber, so GOtt will, nicht gelingen, wir sind getaufft und trauen auf unsern HErrn Christum, der wird uns alle Wider eure Macht und List zu schützen wissen: alsobald fuhren die Bösewichter davon, liessen einen bösen unleidlichen Gestanck hinter sich, und blieben 3. Leichname, welche vom Galgen entführet worden, in der Stube liegen. 14 Wenn nun der Satan einen solchen angenommenen Manns-Leib bewegen und mit sich herum führen kan, und nach seinem Gefallen daraus würcken; so kan er ja auch leicht vergossenen Saamen erwischen, einem Weibe beybringen und sie dadurch schwängern. Wie denn die Hexen selber von dieser Buhlschafft bekennen, daß ihnen keine rechte natürliche Lust darbey sey, wie bey natürlicher Männer-Gesellschafft, und sey der Saame unlieblich und kalt.

Allein hierwider muß man (1) wissen, daß es nicht genug sey zu erweisen, was der Teuffel könne, sondern man muß anzeigen, was ihm GOtt der HErr zugelassen habe. 15 Gewiß kan der Teuffel viel, er ist listig [28] und darbey mächtig, dennoch ohne GOttes Willen konte er den Hiob nicht am Leibe antasten, und uns ein eintziges Haar an unserm Leib kräncken. Man muß (2) auch nicht allein hier fragen, was der Teuffel könne, sondern ob er jemahls eine Beschwängerung bewerckstelliget, und haben wir bereits oben erwiesen, daß es (3) wider die Schrifft und wider die Natur sey. Daß einige sagen wollen, schreibt Peter Goldschmidt in seinem höllischen Morpheus §. 73. der Teuffel könne generiren Krafft des gestohlenen Seminis aut malitia aut defluxu corporis deperditi, ist die grösseste Thorheit. Zumahlen, daß ein Physicus gestehen und nothwendig zugeben muß, daß alsobald der Semen extra destinatos ad generationem à natura locellos projectum, vim plasticam verliehre, und zur Fermentation gantz untüchtig sey. Vid. Wier. lib. 2. c. 37. p.m. 498. seq. Sperling. Instit. Phys. lib. 2. c. 4. quæst. 11. p. 385. Was auch einige darwiderphantasiren wollen, die da sagen, daß die Teuffel in forma Sucubæ den Saamen von den Männern empfangen, und wiederum in forma incubi den Weibern es beybringen und also Kinder zeugen können. Vid. Thom. p. 1. q. 51. art. 3. Conimbr. lib. de generat. 1. c. 4. q. 10. Es bleibt aber darbey und hält die Wahrheit, daß der Teuffel in angenommener Gestalt gantz und gar nicht generiren könne, auch nicht per delatum [29] semen, sondern wo ein Kind gezeuget ist, muß es entweder ein gestöhlenes oder auch ein Teuffel selbst gewesen seyn: wie Lutherus in den Tisch-Reden tit. 24. saget. Ein mehres hiervon kan beyFrommanno de fascinat. magica lib. 3. part. 6. c. 19. gelesen werden.

Marginalien

1 Ob der Teuffel mit Hexen sich fleischlich vermischen kan?

2 I. Geschicht.


3 Teuffel verstellt sich in eines Ritters Gestalt / treibt Unkeuschheit in dessen Gestalt mit der geilen Jungfer.


4 Der redliche Ritter wird in Anspruch genommen.

5 Der Betrug wird erwiesen.
6 II. Geschichte
Münch hat lange Jahr mit einem Teuffel zugehalten.
7 III. Geschicht.
8 Aebtißin gestehet von selbst ihre Buhlschafft mit dem Teuffel.
9 IV. Geschicht.
10 Gespenst kommt zu einem Jüngling / welcher mit solchem Unkeuschheit treibet.
11 V. Geschicht.
Ein adelicher Jüngling fähet eine Buhlschafft im Wasser / und vermischet sich mit solcher.
12 VI. Geschicht.
13 Teuffel im adelichen Aufzug / will eines Wirths Tochter zur Ehe haben.
14 Wie solcher abgewiesen wird.
15 Solcher Beyschlaff wird widersprochen.

3. Von Nixen oder Wasser-Geistern

III.

Von Nixen oder Wasser-Geistern.

So wird unter den gemeinen Leuten viel Sagens und Mährlein von Wasser-Nixen erzehlet, welche solche einfältige Leute auch gantz gewiß glauben und andern wieder erzehlen; es ist aber meistens nur ein erdichtet Wesen, und kein Glaube zuzustellen, wiewohl auch nicht zu läugnen, daß sich böse Geister an- unter- und auf dem Wasser sehen lassen, welche auch Wasser-Männlein und Wasser-Weiblein genennet werden, diese sind es, so wir eigentlich den Nix, in LateinNixas, heissen. 1 Solche Nixen aber gehören eigentlich unter die verdammten Geister, dieweil solche daher nicht unter die Menschen zu zehlen; sintemahl GOtt dem menschlichen Geschlecht den Erdboden zu bewohnen gegeben: zu den guten Engeln kan man sie auch nicht rechnen, denn dieselbe thun den [30] Menschen kein Böses, und machen ihnen kein Schröcken: so find es auch keine Meer-Wunder, weil es denenselben an Verstand und Wissenschafft mangelt, wohl aber ist uns wissend, daß die bösen Geister in der Lufft, im Wasser, im Feuer und auf Erden, theils auch unter der Erden, ihren unruhigen Aufenthalt haben, da sie dann dem Menschen überall nachschleichen um selbigem an seiner Seel oder Leib zu schaden, oder zu ängstigen. Jedoch ist nicht zu schliessen, ob wäre einer sonderbaren Gattung Teuffel das Wasser zu ihrer Wohnung zugeeigenet, als zu einer ihrer Gefängniß. Nein, sondern die Teuffel beziehen alle Elementa, nachdem ihnen ungezweiffelt ihr Obrister Fürst Lucifer Ordre gibt. Daß nun solche Wasser-Gespenster, Leute in Lebens-Gefahr bringen, oder sonst Furcht und Schröcken einjagen, davon werde einige Exempel beybringen, wann vorher etwas von der gemeinen unwissenden Leutlein Fabel-Werck erinnert, damit sie selbst das Gute von dem Falschen unterscheiden können, als:

In Leipzig ist für dem Ranstädter Thor ein Wasser, so die Elster genannt, und allda in die Pleisse fället, in welches bey Sommer-Hitze viel junges Volck zu baden pfleget; solches Wasser aber hat einen betrüglichen Lauff, denn zuweilen hat es eine ungemeine Tieffe, zu Zeiten auch an einigen Orten Sand-Bäncke, sonderlich einen, welcher insgemein das Studenten-Baad [31] genennet wird, von diesem ist die gemeine Sage, daß solches alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie dann auch die Wahrheit, daß fast alle Sommer ein Mensch darinn ertrincket, und wird davon geglaubt, als ob der Wasser-Nix einen hinunter drückte, daß er ersauffen müste: allein es hat damit eine gantz andere Beschaffenheit, und verhält sich, wie folget: Wenn junge Leute, welche den Leib vorher sehr erhitzt, sich jähling abkleiden und auf ihr Schwimmen sich verlassende, so schnell ins Wasser springen, so erstarren von des Wassers ungemeinen Kälte die allzuhefftig erhitzte Nerven, und verursachet einen Krampff, da sich dann auch die besten Schwimmer nicht mehr helffen, sondern untergehen und ertrincken müssen. 2 Wovon unterschiedene Exempel von einigen angeführt werden könten, welche von ihren Cameraden errettet und wieder heraus gezogen worden, beym Leben erhalten, und hernach über solchen Krampff geklaget haben.

Nun ist wohl nicht zu zweifflen, daß der Satan auch die Menschen durch seine List und Tücke zu fällen suchet, wie an einem Exempel bey meinem Gedencken geschehen, daß Kinder miteinander gespielet, und sie nahe am Wasser bedunckt, als wären viel schöne bunte Läpplein am Ufer aufgehencket, welche denn die Kinder gern erlangen wollen, unter welchen sich eines Messerschmidts Töchterlein von 6. Jahren gewaget, mit [32] einem Stöcklein solche Läpplein zu sich zu ziehen, ist aber geglitschet, und in den Strohm kommen, und hat in Gegenwart noch anderer 6. Kinder, seiner Gespielen, zu der Eltern Leid-Wesen jämmerlich ertrincken müssen: dieweil nun die gesammte Kinder einhellig gesaget, wie so schöne Läpplein solches von mancherley Farben gewesen, so sind solche doch, so bald das Kind in den Strohm gefallen, nicht mehr zu sehen gefunden worden. Ungezweiffelt hat der abgesagte Menschen-Feind diese Kinder dergestalt verblendet, und also gereitzet, bis eines durch seine List verunglückt worden.

Ein anderes, wiewohl abergläubiges Histörigen wird von einem solchen Nix-Weibel erzehlt, welche unweit Leipzig offt auf der Strasse gesehen wurde, dieselbe gehe unter andern Bauers-Weibern auf den Wochen-Marckt mit einem Trag-Korb, und kauffete allerhand Victualien, gienge auch mit den Marckt-Leuten wieder zurück, redete aber mit niemand ein eintziges Wort, grüssete und danckete auch niemand auf der Strasse, aber wo sie etwas kauffete, konte sie so genau, wie andere Weiber dingen und handlen. 3 Einsmahl giengen ihr 2. Weiber auf dem Fuß nach, und sahen, wie sie an einem kleinen Wasserlein ihren Trag-Korb niedersetzete, im Augenblick aber seye Korb und Wasser-Weiblein verschwunden und nichts mehr zu sehen gewesen: In ihrer Kleidung war zwischen ihr und andern [33] Bauers-Weibern kein Unterscheid gewesen, ausser, daß derselben Nieder-Kleider 2. zwerch Hand hoch gantz naß gesehen hatten: Weil nun solches bloß allein von gemeinem Volck und niemand glaubwürdiges erwiesen worden, so muß man solches vielmehr für ein Mährlein als Geschicht halten, welchem nachfolgende fast zu vergleichen ist.

Nahe bey der Elbe, allwo ein kleines Wässerlein in selbige fället, so zuvor von Köten gen Barby rinnet und sich mit der Saale vermenget, wird erzehlet, daß ein Mann in Gestalt eines Bauers in ein nahe gelegenes Dorff kommen, und die daselbstige Wehmutter aufs demüthigste gebeten mit ihm zu gehen, und seiner Frauen, um gute Belohnung, in ihren Kindes-Nöthen an handen zu stehen: Die Hebamme war willig und gehet getrost mit dem Mann seines Weges; als er aber von der Strasse abwiche, wurde die Hebamme besorgende und fraget, wo er sie hinführete, und wo er wohnete, sie wisse ja Weg und Steg so gut, als ein Mensch im Lande; der Mann aber tröstete sie gar freundlich, bis sie zwischen Tag- und Nacht-Scheid an das Wässerlein kamen: allda sagete er, Wehmutter, fürchte dich nicht, es geschiehet dir kein Leid, folge mir nur getrost nach; damit schluge er mit seinem Stecken in das Wasser, welches sich voneinander theilete, und die Hebamme bedunckete, sie gehe unterwärts, wie in einen [34] Keller: kame endlich mit dem Mann in eine schlechte Bauern-Stube, worinnen eine Lampe und ein ander Licht brennete, und fande niemand mehr, als ein schlecht Bauers-Weiblein auf einem Pausch Stroh liegen, welche in Kinds-Geburt arbeitete; die Hebamme voller Angst, konte nun nicht anders, als ihr Amt verrichten, und der Bauer, ihr Führer, that alle Handreichung, bis endlich ein Mägdlein hervor kame, das einen grossen dicken Kopff, eingebogene Nase und aufgewurstete Lippen hatte: Nachdem nun alles verrichtet, und solch Kind in grobe Windeln eingewickelt worden, begehrte die Hebamme, ungeachtet es Nacht war, der Mann solte sie nun wieder auf die Straß bringen, allein er sagete, du kanst nicht eher gehen, bis daß du zuvor deinen Lohn hast, und brachte einen leinen Sack voller Geld, allerhand groß und kleiner Sorten an Gold und Silber, und schüttete einen ziemlichen Hauffen auf den Tisch, sagete: Allhier Frau, nehm zum Lohn, was dir gefällig, aber die furchtsame Hebamme nahm nicht mehr als ein 4. Groschen-Stück, und sagete, so viel gehöret mir, gleichwie andere Bauers-Weiber geben: dieses war der Mann zufrieden, und brachte sie mit einem gar duncklen Licht wieder an das Ufer, und sagete: Hiemit gehe hin; es hat dir ein guter Geist gesaget, daß du nicht mehr nehmen solst, sonst würdest du deine Wohnung nimmer gesehen haben, und schenckt ihr damit [35] noch ein Stücklein Geld, so 4. Lothschwer an Silber, aber kein Gepräge darauf mehr zu erkennen gewesen. 4 Womit diese erschrockene Frau bey 3. Viertel-Stund weit in finstrer Nacht wieder nach ihrem Dorff geeilet, und glücklich nacher Hause kommen. Und als sie solches ihren Nachbarn erzehlet, haben selbige bejahet, wie sie eine geraume Zeit um selbige Gegend ein schwanger Weib gesehen, sie aber nicht gekennet hätten. Daß diese Geschicht mehr einem Mährlein gleichet, will fast jedermann Beyfall geben, wenn nicht das Stücklein alt Silber-Geld von der Hebamme jedermann gezeiget worden. Es fallen über solche vielerley Gedancken, einige halten es für ein teufflisches Blendwerck und Gauckeley, andere glauben es für eine wahrhaffte Geschicht, und wollen damit behaupten, daß solches die Kiehlkröpffe oder Wechselbälge wären: was aber davon zu glauben, kan in folgendem ersehen werden.

Christoph Hundhagen in Disput. de potestate Dæmon. cap. ult. §. 5. schreibt, daß ungefehr für 80. Jahren in dem Meißnischen Städtlein Delitsch bey Nacht ein Gespenst eine Kindbetterin mit der Stimme ihres Mannes heraus geruffen und geschryen, das Hauß brennete. 5 Sobald sie hervorgangen, ist sie augenblicklich aufgehoben, durch die Lufft geführet, und an den nächsten Fluß niedergesetzt worden: darinnen sie ohngezweiffelt [36] auch ersäufft wäre, wenn sie nicht gebetet hätte, und GOtt um Hülffe angeruffen.

So berichtet auch Stiefflerus, daß sich in der Stadt Meissen begeben habe, und noch bey Mannes-Gedencken: Wie etliche Becken-Knechte am andern Tage des Heil. Pfingst-Fests unter der Mittags-Predigt, oberhalb der Ziegel-Scheuren, gleich dem Baumgarten über in der Elbe gebadet, und einer unter ihnen, der sich auf seine Fertigkeit im Schwimmen verlassen, zu seinen Cammeraden gesaget: dafern sie ihm einen Thaler aufsetzten, wolte er dreymahl nacheinander unausgeruhet dieses Wasser hin und wieder beschwimmen. Den andern beyden kam solches unglaublich für, und willigten in solch Versprechen: Nachdem solches der verwegene Mensch zweymahl geendet, und nunmehr zum drittenmahl nach dem Sieben-Eychen-Schloß zu hinüber schwimmen wolte: siehe, da springt ein grosser Fisch, wie ein Lachs, vor ihm in die Höhe, und schläget ihn mit sich ins Wasser hinab, also, daß er jämmerlich zu Grunde gehen und ertrincken müssen. Worauf den Häschern von der Obrigkeit anbefohlen worden, solchen noch selbiges Tages zu suchen, die ihn auch oberhalb der Brücken gefunden, und hat man an seinem gantzen Leibe gezwickte Mähler gesehen, so mit Blut unterlauffen waren: da man gar leicht die Narben erkennen konte, welche ihm [37] von dem Nix oder Wasser-Geist gemachet worden. Pag. 460. in seinem Historien-Schatz, ex Francisci höllischem Proteo p. 414.

Herr Baron Valvasor in seiner historisch-topographischen Beschreibung des Hertzogthums Crain meldet unter anderen, daß in dem Fluß Laybach, bey der gleich also benahmsten Stadt Laybach, ein Gespenst wohnete, welches man daselbst den Nix oder Wassermann nennet, derselbe habe sich sowohl bey Nachts-Zeit den Fischern und Schiff-Leuten, als auch andern bey Tage, so bekannt gemachet, daß fast jedermann davon zu erzehlen wisse, solches steige aus dem Wasser hervor, und lasse sich in menschlicher Gestalt blicken. Insonderheit hat sich derselbe Wasser-Teuffel Anno 1547. bey einem Reigen in der Stadt Laybach eingefunden, und als sich daselbst die gantze Nachbarschafft unter einer Linde zu erlustigen, beysammen gefunden, und nach gehaltenem Mahl einen Tantz gethan, ist ein schöner wohl gekleideter Jüngling endlich darzu kommen, der die gantze Versammlung gantz höfflich gegrüsset, auch allen Anwesenden freundlich die Hand geboten, welche gantz weich und kalt gewesen, und allen, von denen sie berühret, eine ungewöhnliche Empfindung erreget hat. Solcher hat hernach eine zwar wohlgestallte, aber frisch und freche Junfrau, Nahmens Ursula Schäfferin, aufgezogen und zum Tantz geführet, die sich auch nach [38] seiner Weise meisterlich bequemen und in alle lustige Possen zu schicken gewust; allein diese beede haben sich allgemach von dem Nix-Tantz-Platz entfernet, bis sie an den Fluß Laybach gekommen, allda sie beyde in den Strohm gesprungen, in Gegenwart vieler Schiff-Leute, und den Zusehern Augenblicks aus den Augen verschwunden, auch hernach niemahls mehr gesehen worden. 6

Eben dieser Autor berichtet, daß das Gespenst nunmehr besser Ruhe gebe, welches man dem öfftern Sagen und Weite des Flusses zurechnete: jedoch füget er herzu, er habe gleichwohl, als er zu Laybach, ohngefehr vor 34. Jahren studirt, selber gesehen, daß, als einsmahl ein Burger, mit Nahmen Schmiedler, bey heller klarer Nacht von einer Hochzeit heimgehen wollen, und gantz allein die sogenannte Brod-Kammer vorbey gangen, ein Mann in einem schwartzen langen Rock von dem Wasser herauf gestiegen, sich zu diesem Mann genahet, denselben zum Wasser geführt, und hinein gestossen, da er denn ohne Zweiffel hätte, weil das Wasser eben groß war, ertrincken müssen, wann er sich nicht hätte an die Schüpffen, allwo man die Becker, so das Brod zu klein backen, ins Wasser schüpfft, so lang gehalten, bis die Wacht herzu geeilet, und ihn wieder aus dem Wasser gezogen, worauf das Gespenst sich geschwind ins Wasser gestürtzt, vermuthlich aus Unmuth, [39] daß man ihm den damahls übel bezechten Schmiedler wieder entrissen. 7

Hildebrand in seiner entdeckten Zauberey nennet solche Wasser-Teuffel auch Nixen, der die Menschen zu ihm hinein ins Wasser zeucht, als Jungfrauen und Mägde, mit welchen er hernach zuhält und Teuffels-Kinder zeuget. Denn sonst Kinderzeugen allein ein göttlich Werck ist, und da muß unser HErr GOtt Schöpffer seyn. Denn wir nennen ihn ja allzeit Vater, und muß auch die Conceptio per constituta media & per homines in einem Momento geschehen. Denn er gebrauchet zur Schöpffung der Menschen, als ein Mittel, und durch dieselbe würckt er alleine, und nicht durch den Teuffel. Darum so müssen es gestohlene Kinder seyn, wie denn der Teuffel wohl Kinder stehlen kan: wie denn bisweilen Kinder von 6. Wochen verlohren werden. Oder müssen Suppositii seyn, Wechsel-Kinder, die die Sachsen Kiehlkröpff nennen.

Marginalien

1 Was die Nixen sind.
2 Warum offt die Leut ertrincken.
3 Nix-Weiblein gehet mit andern zu Marckte.
4 Wasser-Nix hohlet eine Hebamme zu seinem Weib. Will solcher den Lohn geben.
5 Gespenst führet eine Kindbetterin ans Wasser.
6 Wasser-Nix führet eine Jungfer vom Tantz weg.
7 Teuffel stösset einen Mann ins Wasser.

4. Vom Hexen-Tantz

IV.

Vom Hexen-Tantz.

Unter allen Bergen, derer sehr viel in Teutschland seyn, ist fürnehmlich zu rechnen der sogenannte Blocksberg, selbiger kan rings herum auf 16. Meilwegs gesehen werden, von [40] welchem man hält, daß den 1. May in S. Walpurgis Nacht, die Unholden ihre Hexen-Fahrt auf demselben zu haben pflegen, wie Johann Prætorius hievon ein absonderliches Büchlein geschrieben, wovon wir etwas, so allhier dienlich, anführen wollen. 1 Damit sie nun ihre Reise wohl mögen verrichten, so gebrauchen solche dazu unterschiedeneInstrumenta, als lebendige Thiere: Böcke, Ziegen, Kälber, Säue, Wölffe, Katzen, Hunde; theils gebrauchen sie leblose Dinge, als Ofen-Krücken, Spinnrocken, Ofen- Mist- und Heu-Gabeln, Schauffeln, Besem und Mulden. etc. wie davon Bodinus lib. 2. Dæmonum c. 4. schreibt. 2 It. Hildebrand in seiner Theurgia fol. 117. Bevor aber solche dahin fahren, beschmieren und salben sie sich zuvor mit einer ihnen vom Teuffel gegebenen Salbe: und warum solches geschehe, dessen führet der Autor der hundert Erquick-Stunden einige Ursachen an: denn es komme zuweilen, daß die Hexen etwas furchtsam seyn, und der Wegfahrt nicht trauen, oder sie sind so subtil und zart von Leibe, daß sie das harte Angreiffen des Teuffels nicht vertragen können. 3

Darum so erhärtet er durch solche Salbe oder Oel ihre Glieder, bildet ihnen auch ein, daß eine solche Salbe eine hohe Krafft und bewährte Macht bey sich habe. Sonst thut er es auch darum, damit er gleich als ein Affenspiel, die Göttliche Sacramenta [41] vorbilde, und durch vorhergehende Ceremonien seinen Bezauberungen eine Zierde angewinne und anstreiche.

Warum aber die Hexen zu solchem ihrem Convent und Hexen-Sabbath gebracht würden, schreibt Balduinus, cas. Conscient. lib. 3. cap. 5. cas. 7. geschehe darum, daß sie erstlich ihren Bund mit dem Teuffel wieder erneuerten: Item, daß sie Macht vom Teuffel bekämen, zu schaden. 4 Auch daß sie Rechenschafft geben von ihren Thaten, die sie gethan haben. Und daß die verfluchte Eltern ihre Kinder dem Teuffel aufopfferten, und zu solcher unglücklichen Gesellschafft mit verführten, auch endlich, daß sie mit diesen ihren Zusammenkünfften bezeugeten, daß sie bereitwillig wären ihm zu dienen.

Allhier fället billig die Frage ein, ob es wohl zu glauben sey, daß die Zauberer, und Unholden in ferne und abgelegene Oerter zu ihrem Hexen-Tantz, und auf den Brockersberg und an andere Enden leibhafft fahren oder geführt und gebracht werden. 5 Davon seynd hier unterschiedene Meinungen, etliche wollen, daß die Hexen und Unholden wahrhafftig mit den Leibern ihre Fahrt sollen anstellen, und an fern abgelegene Oerter ihre Reise also machen könnten: Und beweisen solches mit folgenden Gründen: Erstlich, weil es dem Teuffel nicht unmöglich sey, solche Fahrt mit ihnen anzustellen, und zweytens, weil solches [42] durch viel Exempel glaubhafft gemachet werde.

Oben angeregter Balduinus cas. conscient. lib. 3.c. 5. cas. 7. saget: Man kan nicht läugnen, daß der Teuffel nicht bisweilen solte die Leiber seiner Leibeigenen anderswo hinbringen können. Und daß die Hexen-Fahrt leiblich sey, beweiset auch der Autor der 100. Erquick-Stunden mit gar viel sowohl weltlich-als geistlichen Historien, und setzt hinzu: Auch hindert und hemmet nichts die Schwere desselben, oder dessen widrige Rückhaltung. Denn des Teuffels Macht und Krafft ist weit grösser, als welcher gantze Berge kan aus ihrem Sitz heben. Auch thut nichts diese Meinung zu hintertreiben, daß man vorschützet, die Geschwindigkeit solcher Fahrt, die in gar kurtzer Zeit einen Weg von grosser Weite, verrichtet.

Man findet ja in weltlichen Historien unterschiedene Exempel davon, P. Grillandus quæst. 7. de Sortileg. erzehlt von einem Weibe aus S. Sabinen-Pfarre, nahe bey Rom, daß sie eine Meisterin in der Teuffels-Kunst gewesen. 6 Sie kame deswegen auch bey ihrem Mann in Verdacht, welcher, ob er sie wohl zur Rede setzte, doch nichts erfahren konte. Gleichwohl dachte er der Sache nach, endlich mit List zu erforschen, und sahe einmahl sein Weib sich des Nachts mit einer Salbe beschmieren, noch geschwinder als ein Vogel entweichen, und aus der [43] obern Kammer in das andere Hauß fahren. Er gieng ihr nach, fand sie aber nicht, sahe nach der Haußthür, die war verschlossen, darüber er sich höchlich verwunderte: Den folgenden Tag fragete er sie abermahl in Ernst, jedoch gantz vergeblich; darum hielt er ihr alles für, was er vorige Nacht von ihr gesehen, ergreifft einen Stab, und prügelt sie wohl, drohete ihr auch noch ein ärgers, doch solte es ihr geschencket seyn, wann sie die Wahrheit gestehen wolte. Weil sie also sahe, daß ferner laugnen umsonst, erzehlt sie ihrem Mann alles, und bittet um Verzeihung, darzu der Mann willigte, wann sie ihn zur Versammlung mitnehmen wolte, welches sie ihm gern zusaget, auch vom Teuffel erlaubt wurde. Wie er nun an den Ort kam, sahe er das Spiel, den Tantz und alles Ubrige; Man setzte ihn auch an die Tafel, und weil er die Speisen sehr ungeschmackt sahe, begehrte er ein wenig Saltz, konte aber so bald keins haben, bis nach vielem und offtmahligem Fordern, man eins brachte: da sagte er: Hor laudato sia Dio, pour venne questo Sale: Nun GOtt sey gelobet, daß Saltz kommen. Auf welche Worte die Teuffel alle verschwunden, sammt allen den Gästen, also, daß er bey ausgelöschten Lichtern nacket und bloß allein da bliebe, bis es Morgens frühe etliche Hirten ersehen, die ihn berichteten, daß er nahe der Stadt Benevento im Königreich Neapolis, [44] und also wohl über 100. welsche Meilen von seiner Heymat sey: derowegen, wie reich er sonst war, hat er doch nach Hauß betteln müssen, und so bald er heim kommen, hat er sein Weib als eine Zauberin bey der Obrigkeit angeklaget, und alles erzehlet, worauf sie auch ihren verdienten Lohn empfangen.

Samuel Heinr. Reuter ex Paul Robers letzte Schale des güldenen Leuchters lit. T. 1. & 11. schreibt aus dem Torquemada, eines Spaniers und gelehrten Mannes, der argwohnete, daß sein Nachbar ein Zauberer wäre; aus grossem Verlangen, die Wahrheit hievon recht zu wissen, gesellete er sich zu ihm, und gieng mit ihm also um, daß er zuletzt die Heimlichkeit erfuhr: 7 der Zauberer hielt von der Zeit an, sich der Sach auch anzunehmen, welchem der andere Gehör gab, und bestimmten einen Tag, sich in der Versammlung zu finden. 8 Als die Nacht dieses Tages kam, führet der Zauberer seinen Gesellen durch etliche Berge und Thäler, die er sein Lebtag nicht gesehen; und düncket ihn, daß sie in wenig Zeit einen weiten Weg gereiset wären. Nachmahls, als sie in ein Feld kommen, gantz mit Bergen umgeben, sahe er eine grosse Anzahl Männer und Weiber, die sich versammleten, und kamen alle zu ihm, waren sehr frölich und danckten ihm, daß er sich auch in ihre Gesellschafft begeben, liessen ihn darneben verstehen, daß er der glückseligste in der Welt sey, [45] und sich über die massen wohl darbey befinden werde. Es war mitten im Felde ein fast hoher und köstlicher Thron: und in der Mitten desselben ein heßlich abscheulicher Bock. Dasselbemahl nun stiegen alle, die in der Versammlung waren, um etliche Staffel hinauf zum Thron, und küsseten diesen Bock in Hindern. Als der fürwitzige Spanier diesen so schröcklichen Greuel sahe und hörete, ob er wohl von den Zauberern erinnert ward, was er thun sollte, konte er doch länger nicht Gedult haben, sondern fing an zu schreyen, und mit voller Stimme GOtt um Hülffe anzuruffen. Alsobald erhube sich ein groß Getümmel, und so erschröcklicher Donner, als ob der Himmel und Erden in Abgrund versincken wolten, also daß dieser Fürwitzige gantz plump verdüstert und unempfindlich todt bliebe. Und alldieweil er in dem Wesen war, vernahm er nichts von dem, was weiter geschahe, und da er wieder zu sich selbst kommen, war es bereit Tag, und befand sich in fast rauhen Bergen gantz zerbrochen und abgemattet, daß ihn deuchte, daß er nicht ein Bein an sich hätte, das gesund und gantz wäre. Und da er wissen wolte, an welchem Ort er seye, gieng er hinab ins ebene Land, allda er Leute gefunden, welche in der Sprache mit denen Spaniern unterschieden; Und wuste er also nichts auszurichten, und muste nur seine Meinung durch Zeichen zu verstehen geben, [46] daß sie ihm zur Hülffe kamen. Da er nun so gar allein reisete, zog er gegen Niedergang, und schweiffete 3. gantzer Jahr herum, bis er mit unzehlbahrer Mühe wieder in Spanien kommen; und da er in seinem Hause war, entdeckte er alles das, was sein böser Fürwitz ihm zu sehen und zu erkennen gegeben, auf welches der Zauberer und andere von der Gesellschafft, von der Obrigkeit gerichtet worden.

Eben gedachter Autor erzehlet auch aus Balduinis Brussi. in Epist. Medic. 50. eine Historie, die zu seiner Zeit in Holland passiret. Es war, spricht er, in dem Dorff Ostbrouck, nicht weit von Utrecht, eine Wittib, bey welcher ein Knecht in Diensten war. 9 Dieser Knecht hatte zu unterschiedenen mahlen gemercket, daß diese Wittib, wenn sich das Gesinde schlaffen geleget hatte, bey später Nacht in den Stall gieng, und die oben den Baaren vest-gemachte Heu-Rötze angriffe. Solches observirte er gar offt, und beschloß endlich, wann die Frau solches wieder thun werde, und abwesend seye, daß er es ihr gleich nachmachen wolte: welches dann auch von ihm geschahe. Es bekame ihme aber solches Nachmachen sehr schlecht; Dann er plötzlich darauf in die Lufft gehoben, und in ein klein Städtlein, welches Wyck heisset, niedergesetzt worden, und zwar daselbst in eine unter-irdische Höhle, woselbst er eine ziemliche Menge Zauberin antraff, [47] unter welchen auch seine Hauß-Mutter begriffen, welche mit einander von ihrem Zauber-Wesen discurirten. Als die Wittib ihren Knecht ansichtig wurde, verwunderte sie sich zuerst über seine plötzliche Ankunfft, fragete ihn darnebst, auf was Weise er dahin kommen. Darauf der Knecht erzehlte, wie es geschehen. Das Weib aber ward darüber zornig, fürchtete sich, daß der Knecht die Sache verrathen möchte, und berathschlagete sich mit ihrer Zauber-Gesellschafft, ob sie denselben tödten oder lebendig lassen wollten: Es ward aber der Schluß, daß er möchte lebendig bleiben, wann er sich mit dem theuresten Eyd verpflichtete, keines von dem, was er gesehen, zu entdecken. Der Knecht solches hörend, schweret ihnen hoch, Treu und Glauben zu halten. Indeß fügete sich die Zeit herbey, daß sie sich zum Abmarsch fertig machten, da dann wieder berathschlaget wurde, ob der Knecht solte lebendig bleiben oder nicht? Endlich aber ward abermahl geschlossen, er solte nach nochmahl gethanem Eyd, nichts zu sagen, das Leben behalten. Als solches geschehen, nahm ihn seine Haußfrau auf den Rocken, und führte ihn unter des Teuffels Geleit mit ihr fort. In solcher Lufft-Reise erblickte die zauberische Wittib einen grossen Fisch-Teich oder Weyher, oder vielmehr einen kleinen stehenden See, in welchem viel Schilff gewachsen, und ließ den Knecht [48] von den Schultern da hineinfallen, damit er von ihrer Boßheit nichts entdecken solte, und gedachte, er solte in solchem Wasser ertrincken: allein sie fehlete in ihrer Hoffnung; indem durch sonderbare Gnade GOttes der Knecht erhalten ward, als der nicht ins Wasser, sondern in den Schilff herab fiel, und keinen tödtlichen Schaden erlitte, wiewohl er von allen seinen Gliedern fast kein eintziges, als die Zunge, gebrauchen konte. Brachte also mit Winseln und Weheklagen die restirende Nacht zu, bis bey Tag die vorüber gehende Leute ihn höreten, aufsucheten und in dem Schilff miserable antraffen, da er weder gehen noch stehen konte, denn ihm beyde Hüfften verrenckt waren. Als er den Leuten auf Befragen den gantzen Handel erzehlet, wie es ihm in seiner Lufft-Fahrt ergangen, ward er endlich auf einen Wagen geleget, und hinein nach Utrecht bracht, allwo er die Sache dem Richter Johann Colenburg kund gethan, welcher in der Sache genaue inquirirte, und die Zauberin zur Hafft bringen ließ, die auch bald ihre Boßheit bekannte, und darauf zu gebührender Straff gezogen worden. Vid. & hanc hist. apud Sim. Majolum in Diebus Canicul.

Bartholomæus Spinæus qu. de Strigib. cap. VI. meldet, daß zu Bergom ein junges Mägdlein bey ihrer Mutter gewohnet, und doch des Nachts in Venedig in ihres Schwähers Bette gantz nacket gefunden [49] worden, und als sie des Morgens von ihren Anverwandten erkannt, und gefraget worden, wie solches zugehe, daß sie ohne Kleider und gantz nacket dahin komme? den Verlauff also erzehlet: 10 Ich lage, sagte sie, über Nacht gantz Woll-nacket in meinem Bette zu Hause, und sahe, wie meine Mutter aus dem Bette aufstund, da sie meinete ich schlieff, und sich nacket mit einer Salbe schmierete und sich damit auf einen darzu bereiteten Stock setzete, als wenn sie reiten wolte, ehe ich es recht gewahr ward, fuhr sie zum Fenster hinaus, und ich sahe sie nicht mehr; Ich stund darauf auch aus meinem Bette auf, und nahm eben diese Salbe und beschmierete mich, und bin also meiner Mutter nachgefahren, fand dieselbe auch bey diesem Bette, in dem Vorhaben, daß sie diesen Knaben tödten wolte, da ich solches sahe, erschrack ich, und weil meine Mutter sich über meiner Ankunfft entsetzete, und mich bedrohete, fing ich an den Nahmen JEsu und unser H. Mutter anzuruffen, und von Stund an verschwand meine Mutter wieder, und ich blieb hier nacket und bloß. 11 Nachdem der Schwäher dieses von dem Mägdlein erfahren, hat er solches dem Patri Inquisitori Bergomensi referirt, welcher darauf die Zauberin einziehen ließ, und nach beschehenem Examen und gethaner Bekänntniß zur gebührenden Straffe bracht.

[50] Paulus Grillandus in seinem Buch de Sortilegiis schreibt, daß im 1524. Jahre er von einem Herrn sey gebeten worden, mit ihm in das Schloß S. Pauli, im Hertzogthum Spolet, zu reisen, drey Hexen zu verhören, und ihnen nach Gestalt der Sachen ihr Recht zu sprechen. 12 Die jüngste unter diesen dreyen bekannte ihnen, es wäre nun wohl 14. Jahr, daß eine alte Hexe sie zur Versammlung anderer Hexen geführet; daselbst wäre ein Teuffel gewesen, der sie dazu beweget, daß sie GOtt, ihren Glauben und Religion verschwören, und hingegen mit einem Eyde, den sie mit Handauflegen auf ein Buch, darinnen etliche seltsame, frembde unbekannte Schrifften gestanden, sich dem Teuffel, ihme zu allem Gebot, treu und gehorsam zu seyn, pflichtig gemachet habe. Und von derselben Zeit an seye sie stets zu Nacht, wenn man sie beruffen, zu dem Hexen-Fest gefahren, und habe alle die, so sie dazu bereden können, mitgeführet. Auch sagete sie, daß ihr der Teuffel ewige Freude und Glückseligkeit zugesaget. Bekannte auch ferner, daß sie Zeithero vier Menschen und viel Vieh habe getödtet, und durch Ungewitter die Früchte verderbet. Sagete auch, wenn es sich begäbe, daß sie auf angesetztem Versammlungs-Tag nicht erschiene, und keine wahrhäffte wohlgefassete Ursach habe, so werde sie des Nachts also geplaget, daß sie weder schlaffen noch ruhen könne. Und wenn [51] sie auf seyn müsse, so höre sie eine Stimme eines Menschen, den sie ihr klein Meisterlein nennen, und bisweilen auch Meister Märtinlein. Darauf, wenn sie sich mit dem besonderen Schmeer hat gesalbet, steige sie auf einen Bock, den halte sie bey den Zoten, der sey denn gantz willig zu der Fuhr, und werde damit gantz plötzlich unter den grossen Nußbaum gen Benevent geführet, allda sie eine Unzahl Zauberer und Hexen finde. Wann sie denn daselbst ihrem Fürsten wiederum Gelübd und Huldigung gethan, so thue man einen Tantz darauf, darnach sitze man zu Tische; und zuletzt vermische sich ein jeder Hellbutz mit dem, oder derjenigen, oder die er in Verwahrung und befohlener Anruffung hat. Wann nun dieses alles verbracht, so kehre jedes wiederum auf seinem Bock zu Hause. Uberdiß beteten sie auch in ihren Häusern insonderheit den Teuffel an. Auf solch Bekäntniß sind sie gegeneinander verhört, confrontirt, und noch andere darzu verklaget worden, welche, nachdem sie der Ubelthat bekannt gewesen, hat man sie lebendig, sammt ihren Salben und Pülverlein, verbrannt. Vid. Hildebrands entdeckte Zauberey 130.

Alle dieses Hexen-Werck aber wird von vielen Gelehrten für ein Fabel-Werck gehalten, oder daß es eine starcke Einbildung der verderbten Phantasey seye. 13 Siehe Malebranchium de inquisitione veritatis [52] lib. 2. cap. ult. oder daß der Teuffel nur durch Zauberey den Leuten die Augen verblende, und als ein Tausendkünstler ihnen im Schlaf allerley seltzame Sachen ein bilde: daß sie vermeinen, sie wären anderswo, und lebten wohl, pflegeten und genössen allerley Freude und Wollust, da sie sich doch daheim auf der Banck, in ihrem Zimmer, oder im Bett befinden. Petrus Martyr l. 1. Samuelis c. 28. schreibt: Damit die Zauberer und Hexenmeister die bösen Geister zu sich locken, pflegen sie mit solchen Salben, die den Schlaff verursachen, sich zu schmieren, und dann legen sie sich in ein Bett, und schlaffen so hart und veste, daß sie nicht aufwachen, ob man sie gleich mit Nadeln steche oder mit Feuer brenne. Unterdessen bildet ihnen der Satan im Schlaff solche seltzame Phantasien ein, daß sie ihnen bedüncken lassen, sie seyen bey herrlichen Gastereyen, sie tantzen und leben in aller Lust und Freude.

Lutherus Tom. I. Jenens. in Erklährung der zehen Gebot, gibt gar viel den Zauberern nach, aber daß sie auf bösen Böcken, Besen, Gabeln und dergleichen reiten, ausfahren und zu ihrer Gesellschafft ziehen sollten, will er nicht zulassen, und saget, daß es nicht glaublich sey: Er setzet auch aus D. Johann Geilers Kaysersberg, weyland Thum-Prediger zu Straßburg, eine Historie, von einer alten Vettel, welche, damit sie ihren Prediger, der solch ihr Lufftfahren, [53] als ein falsch, erdichtet und eingebildet Werck verworffen, Lugen straffen möchte, denselben zu sich gefordert habe, und in seiner Gegenwart sich gesälbet, darnach sich auf eine Gabel gesetzt, als wolte sie gleich davon fahren, aber sie sey alsobald eingeschlaffen, und hab sich wunderlich herum geweltzet, bis sie endlich von der Banck, und ein Loch in Kopff gefallen. 14 Wie sie nun erwachet, und zu sich selbst kommen, habe sie wunderliche Sachen, die sie mittler Zeit gesehen und gehandelt hätte, angezeiget. Sie sey aber durch die Wunde, so sie von dem Fall bekommen, überzeuget worden.

Joh. Baptista Porta schreibt, lib. 2. Magiæ nat. c. 26. daß die Imagination und Einbildung eines Dings bey dem Menschen und sonderlich bey den Weibs-Personen, so mit Hexen-Werck und Zauberey umgehen, gar viel thue, daß, wann sie sich mit Salben, so sie aus etlichen Stücken zugerichtet haben, geschmieret, und davon entschlaffen seyn, sie nicht anders vermeinen, als fahrrn sie stracks dahin zu einer herrlichen Mahlzeit, Seitenspiel, Tantzen, und schönen Jung-Gesellen, da es doch nur lauter Imagination ist. 15 Da ich nun (saget gemeldter Autor) solchen Dingen zum fleißigsten nachforschete, und hin und her gedachte, weilen ich selbst daran sehr zweiffelte, ist mir eine alte Vettel vorkommen, welche mir freywillig [54] versprochen und zugesaget, sie wolle mir in Eil und in kurtzer Zeit hierauf antworten und Bericht thun, ließ also mich und die andern, so als Zeugen bey mir waren, abtreten und hinaus gehen. Nachdem sie sich nun ausgezogen, und mit einer Salben, wie wir solches durch eine Klunse oder Spalt der Thür gesehen, überall geschmieret, ist sie, Krafft derselben schlaffmachenden Salben, niedergefallen, und in einen harten tieffen Schlaff gesuncken: Als wir nun zugefahren und die Thür eröffnet, auch ihr die Haut recht wohl gebläuet, hat sie doch so hart und vest geschlaffen, daß sie keine Schläge gefühlet, noch empfunden, derowegen sind wir wieder hinaus gangen, der Sachen weiter auszuwarten. Indessen ist die Krafft des Schmierens ziemlichermassen verloschen, daß also ihre Würckung aufgehöret, und das Weib vom Schlaff erwachet; da hat sie viel Narren-Werck zu erzehlen angefangen, als wie sie über Berg und Thal und alle Wasser gefahren sey. Wir sagten beständig nein darzu, und ob wir ihr schon die Schläge an ihrer Haut vorweiseten, die sie von uns in solchem Schlaff bekommen hatte, so blieb sie doch auf ihrer Meinung, und wolte recht haben, und war all unser Einreden und Vorreden vergebens.

Im Buch Malleus judicum oder Gesetz-Hammer der unbarmhertzigen Hexen-Richter. Cap. Ob die [55] Hexen auf Besen / Gabeln / Stecken zum Tantz und Wohlleben ausreiten und fahren / §. 4. Es ist doch wahrlich wider alle Vernunfft und die Natur, daß eine erwachsene Person sollte durch ein Rauch-Loch fahren, welches offt so eng ist, daß kaum eine Faust kan hinein gebracht werden. Ja wann sie gar bekennen, daß sie zu Zeiten durch ein Löchlein geschlupffet seyen, dadurch einer kaum einen Finger stecken könnte. Wer solches glaubet, der kan auch glauben, daß ein Kameel durch ein Nadel-Oehr gehe, ein Fuder Wein in ein ohmiges Faß, und ein Malter Korn in einen Fingerhut. Sprichst du aber, man sage, was man wolle, so siehet man doch gleichwohl die Hexen auf solchen Täntzen, und kennet sie? Antwort, so sie jemand siehet, der siehet keinen Menschen oder leiblich Wesen, sondern ein Gespenst, dadurch mancher unschuldiger Mensch in ein böses Geschrey und um sein Leben kommet. Es sind aber ohne Zweiffel die, so solche Hexen-Täntze wissen zu zeigen, die Personen kennen, und angeben, solche Leute, die dem Teuffel gar nahe verwandt seyn, ihm zu seinen Lügen und Mord helffen, Bestallung und Sold von ihm haben, welche ärger und sträfflicher sind als die Hexen, vid. etiam Augustin. Lercheimer cap. 13.

Marginalien

1 Blocks-Berg wird für der Hexen Sammel-Platz gehalten.
2 Auf was Weise solche dahin fahren.
3 Warum sich solche zuvor salben müssen?
4 Weßwegen die Hexen also zu ihrem Convent fahren.
5 Ob solche auch würcklich dahin fahren.
6 I. Geschicht.
Ein Hexen-Weib nimmet ihren Mann mit sich in ihre Versammlung.
7 II. Geschicht.
8 Ein Spanier fähret zur Gesellschafft mit in die Hexen-Versammlung.
9 III. Geschicht. Ein Knecht schmieret sich mit der Frauen Salbe.
10 IV. Geschicht.
11 Eine Tochter wird näcket gen Venedig geführet durch ihrer Mutter Salbe.
12 V. Geschicht.
Bekäntniß einer Hexe von ihrem Hexen-Tantz.
13 Alle solche Hexen-Täntze werden für Fabel-Werck gehalten.
14 Ein Exempel von solcher Hexen-Salbe.
15 Noch ein ander dem obigen entgegen gesetztes Exempel.

5. Von Hohlung auf dem Bock

[56] V.

Von Hohlung auf dem Bock.

Es ist unter dem gemeinen Volck ein allgemeines bekanntes Wesen, daß sie sagen, der oder diese hat ihren Buhlen auf dem Bock zu sich holen lassen: warum aber gemeiniglich vom Bock und nicht auch von andern Thieren gesaget wird, will daraus erhellen, dieweil der Bock eines der allergeilesten Thiere ist, in welcher Gestalt der Teuffel seinem Anhang auch zum öfftern und am allerliebsten zu erscheinen pfleget, und sich nicht allein in solcher Gestalt von den fahrenden Hexen, sondern auch von unzüchtigen und geilen Vetteln, ihre unreine Brunst zu löschen, gebrauchen lässet, indeme solche ihres abwesenden Buhlens Gegenwart durch seine Würckung und Hülffe herbey schaffen, und in Bocks-Gestalt zu ihnen bringen muß; Sonderlich, wann sich eine Manns-Person mit solchen unzüchtigen Höllen-Bränden verwickelt hat, so können sie ihr Verlangen leichtlich vom Satan erhalten, daß ihr ruchloser Buhle auf einem solchen gehörneten Roß zu ihnen zu kommen, gehorsamen muß. Wo aber ein solch geil Weibs-Bild jemand, der darzu [57] nicht Lust hat, oder sich nicht mit solcher befleckt, holen lassen will, so hat der Teuffel wenig und gar keine Krafft, dergleichen Reuterey ins Werck zu setzen.

Daß man aber wehnen wolte, es müsse eben ein Bock seyn, der solchen Vetteln ihren unzüchtigen Buhlen zuführen solte, ist eben nicht gewiß, dann der Teuffel hat nicht nöthig, einen andern Leib oder Creatur oder Thier zu entlehnen, daß gedachtes Gesindel darauf getragen werde, sondern er kan solches als ein starcker und mächtiger Geist wohl durch seine eigene Krafft viel hurtiger und geschwinder zuwege bringen und werckstellig machen. Daß er sich aber zuweilen anstelle, als ob er diesen oder jenen in Bocks-Gestalt durch die Lufft führete, solches mag wohl eine Verblendung oder solche Verstellung seyn.

Ich will eine Geschicht allhier anführen, die mir noch in frischem Angedencken ist. 1 Als ich Anno 1672. mich Studirens wegen in Erfurt aufgehalten, hat sich begeben, daß eine Dienst-Magd, welche bey einem Schreiner gedienet, sich mit einem Färber-Gesellen in unziemende Bekanntschafft eingelassen, und, weil sie beysammen in einem Hause gedienet, ihr leichtfertiges Wesen geraume Zeit ausgeübet; als aber der Gesell solcher überdrüßig worden, fortgereiset, und zu Langen-Saltze in Arbeit bey einem Meister gestanden, hat die Magd, ihren geilen Lüsten ein Genüge zu thun, [58] am Heil. Pfingst-Tage, da alles im Hause, ausser der Lehr-Jung, in der Kirche gewesen, sich auch durch einen mit dem Satan gemacheten Bund dieses Mittels bedienet, und ihren Buhlen auf dem Bock holen lassen, das also zugangen: Die Magd hat gewisse Kräuter bey dem Feuer kochen müssen, und sobald solche zu sieden kommen, hat auch ihr Buhle müssen zugegen seyn. 2 Nun begiebt es sich, als das Häfelein bey dem Feuer stehet und brodelt, daß der Lehr-Jung, umwissend, was darinn ist, solch Häfelein näher zum Feuer ruckt, und seine Leim-Pfanne an dessen Stelle setzet: sobald aber solch Häfelein nahe zu der Feuer-Hitze gekommen, hat sich etlichmahl in solchem eine Stimme hören lassen, sagende: Komm /komm / Hansel / komm. Komm / komm / Hansel /komm: Indem aber der Bube seinen Leim rühret, fället es hinter ihm nieder, wie ein Sack, als er sich umschauet, siehet er einen Mannskerl im Hemde hinter sich liegen, und hebt ein jämmerlich Geschrey an, die Magd kommt gelauffen, auch andere im Hause wohnende Leute, um zu sehen, warum der Bube so hefftig geschryen hat, und finden den guten Gesellen als einen vom tieffen Schlaff erwacheten Menschen also im Hemde liegen, der sich aber indessen ermuntert hat, und auf Befragen geantwortet: Es wäre ein grosser schwartzer Bock, so gantz zotig gesehen, zu ihm für sein [59] Bett gekommen, der hätte ihn also geängstet, daß er ihn alsobald auf seine Hörner gefasset, und züm grossen Fenster mit ihm hinab gefahren, er wisse weiter nicht, wie ihm geschehen wäre, hätte auch nichts sonderliches empfunden, und befände sich an jetzo allhier einen so weiten Weg, dann gegen 8. Uhr hätte er noch zu Langensaltz im Bette gelegen, und jetzo wäre es zu Erfurt kaum halber neun: er könne anders nicht glauben, als daß ihm die Cathrin, seine alte Magd, neben welcher er vormahls allhier bey einem Meister gedienet, dieses Stücklein gemachet: indem sie ihm bey seiner Abreise gesaget, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wolte sie ihn auf dem Bock hohlen lassen. Nachdem man solchem Gesellen aber ein paar Hosen und Rock, samt aller Nothdurfft entlehnet, hat man indessen die Dienst-Magd verwahrlich gehalten, bis ihr Meister und Frau nacher Hause kommen, welche man scharff examiniret, und bedrohet, so sie nicht die Wahrheit gütlich sagen wolte, man sie der Obrigkeit als eine Hexe überantworten würde: aber das Mensch hebet an hertzlich zu weinen, und bekennet, daß sie solches Kunststück zwar nicht gelernet, auch mit dem Satan keine Bündniß hätte, doch hätte sie ein alt Weib, welches sie auch nahmhafft gemachet, solches beredet, welches sie gelernet, wenn sie die Kräuter, die ihr auch das alte Weib geben, sachte würde kochen lassen, so müsse [60] alsobald ihr Buhle erscheinen, er seye auch so weit, als er immer wolle: Obschon der Meister und Frau diese alte Vettel wohl kenneten, solche auch offt in ihrem Hause aus- und eingehen lassen, so hatten selbige Bedencken, davon viel Wesens zu machen, und erliessen die Magd ihrer Dienste, den Färber-Gesellen aber mit einer guten Vermahnung wieder seine Strasse gehen.

Erasmus Francisci beschreibt in seinem höllischen Proteo folgende Geschichte: 3 Ein berühmter Kriegs-Obrister, der unterschiedenen Potentaten gedienet, wurde in seiner noch unverheyratheten Jugend von einer verwittweten jungen Obristin zur Ehe gewünschet, weil er damahl allbereit eine Ober-Officier-Stelle bedienete: es wolte aber diesem jungen Officier, der seine Fortun noch suchete, diese Parthey nicht allerdings gefallen. 4 Denn es gieng die Mummelung, als ob diese Obristin von verbotenen Künsten der Finsterniß nicht rein wäre, oder aufs wenigste sich böser Künstler Raths bedienete. Deßwegen, wenn er um ihres verstorbenen Herrn gehabter Kundschafft zu ehren, sie, die Wittib, dann und wann besuchete, und aus seinem Quartier bey Dantzig zu ihr ritt, sich nicht lange bey ihr verweilete, auch gabe er ihren Schmeicheleyen in seinem Hertzen wenig Gehor, sondern bedienete sich, jetziger Welt Art nach, der gewöhnlichen Complimenten: aber damit war der jungen Wittib nichts gedienet, [61] sie wünschete auch Liebes-Worte, oder vielmehr Liebes-Wercke: nemlich ein eheliches Versprichen von ihme zu hören. Hingegen konte er sie nicht lieben, sondern vielmehr hassen, welcher Eckel auch Ursach gab, daß er sich nicht lang bey ihr aufhalten können.

Es schiene aber aus allen Umständen, als wenn diese Obristin ein Kunststücklein an diesem jungen Officier probiret hätte, und ihm etwas im Trunck beygebracht, so einigermassen an ihm gehafftet: denn wiewohl er vor ihrer Person einen Abscheu hatte, und wenn er bey ihr ware, bald wieder von ihr weg zu seyn wünschete, so ereignete sich doch allwege das Widrige, denn wenn er von ihr weg war, wurde ihm fast angst und bange, bis er wieder zu ihr kame. Und wenn sie beysammen waren, so hörete das Verlangen alsobald wieder auf, und fühlete, daß sein Hertz von ihr abgewandt, also, daß an statt des Sehnens, solches mit Reu und Leid erfüllet wurde, ohnangesehen dieseSyrene in ihm das angezündete Feuer bey der Gluth zu erhalten keine Mühe verspahrete.

Einsmahls wurde er zur Nacht so unruhig, daß er nicht im Bett verbleiben konte, sein Pferd sattelte, und um Mitternacht nach ihrem Quartier reiten muste: wie er aber wieder im Zurückreiten war, stürtzte er mit dem Pferd in einen Graben, welcher Fall ihm leicht das Lebens-Licht auslöschen [62] können, wenn er nicht vom Schutz der H. Engel wäre erhalten worden: welcher Fall ihn also abgeschröcket, daß er solchen für eine widrige Bedeutung aufgenommen, daß er alles solchen Reitens und zu Fuß nach dieser Wittib zu gehen, unterlassen hat.

Als er aber nach einer Zeit in seinem Bette ruhete, kommt einsmahls bey Nacht zu ihm vor sein Bette ein grosser schwartzer Bock, welcher ihn mit seinen Hörnern aufweckete und zum Bett heraus nöthigte. Worüber er hefftig erschrocken, seinem Knecht in der Neben-Kammer ruffete, aber es war alles in so tieffem Schlaff begraben, daß er niemand ermuntern konte. Darauf er, nachdem er sich GOtt befohlen, aus dem Bette sprang und hinlauffen und für der Kammer klopffen wolte: aber der Bock wolte ihn so weit nicht kommen lassen, sondern verrennet ihm die Thür, dringt auf ihn zu, und strebt ihn auf die Hörner zu setzen. Er stößt hingegen mit Füssen hefftig von sich, erwischet endlich eine an der Wand stehende Partisan, und wirfft dieselbe dem Bock vor; treibt auch denselben, welcher sich hiervon so stellete, als ob er die Spitze in etwas scheuete, damit zurück, und verfolgte ihn, bis er (der Bock) nach dem Ofen zu allgemach zurück wiche: woselbst er in einem Winckel überlaut zu meckern anhebt, und darauf verschwindet. Hiemit ist dieser Officier des gehörneten Postillions wieder entlediget worden. Besorglich [63] muß er der Weibs-Person einige Hoffnung, sie zu ehelichen, gemacht haben, und da er hernach gespühret, daß sie ihn durch falsche Künste zu sich ziehen wollen, sein Hertz wieder abgewendet.

D. Gokelius im Tractat vom Beschreyen und Bezaubern p. 18. schreibt: 5 Als vor vielen Jahren, da ich noch Physicus zu Gingen gewesen, etliche Catholische Bauren-Knechte von Memmingen, einem Würtembergischen Gräntz-Dorff gegen der Pfaltz Neuburg, (eine halbe Stunde von Gingen) an einem Sonntag frühe um 8. Uhr nach Bachagel, einem Pfaltz-Neuburgischen Dorff, in die Kirche gehen wolten, und auf dem Felde waren, kame unversehens ein starcker zottiger Bock, schloff einem jungen Kerl aus ihnen zwischen die Füsse, und risse ihn den übrigen aus den Augen hinweg, und fuhr mit ihm in die Lufft. 6 Dieser wurde in 2. Stunden von dar 14. Meilweges weit nach Mönchen gebracht, vor der Stadt nieder gesetzt, allwo er die Uhr 10. schlagen gehöret: Zu diesem voller Schrecken bebenden Bauers-Knecht kame seine Mutter, mit Vermelden, daß sie nun etliche Jahre nichts von ihm gehöret, auch nicht gewust hätte, wo er sich aufgehalten, habe ihn demnach auf einem Bock hohlen lassen, damit sie ihn wieder sehen und mit ihm Sprache halten könte. Dieser aber hat in der Angst seiner Mutter nicht viel Gehör gegeben, sondern ist in die Kirche [64] zu den P.P. Capucinern gangen, denen er den gantzen Handel geklaget; welche ihm zur Antwort gegeben, weilen der Teuffel diese Macht durch Verhängniß GOttes über ihn bekommen, müsse er nicht gottselig gelebet, auch nicht fleißig gebetet haben. Er soll künfftighin frömmer seyn, und fleißig beten, so werde ihm dergleichen Unfall nicht mehr wiederfahren. Dieser Mensch ist nach 4. Wochen wieder gen Memmingen gekommen, und hat den gantzen Verlauff vielen Leuten desselben Dorffs, als auch dem Herrn Vogten und Speciali zu Heidenheim erzehlet; ist auch vorhero von seinen Gespanen, die bey ihm gewesen, ruchtbar worden.

Schererzius de Spectris c. 9. de Hirco nocturno, gedenckt: 7 Es habe bey seiner Zeit sich ein Handwercksmann mit einer alten Vettel heimlich verlobet; solche aber hernach sitzen lassen, und mit einer Jungfrau offentlich Hochzeit gehalten, ungeachtet ihme die vorige Alte gedrohet hatte, welches er aber in den Wind geschlagen: bis daß er mit dieser heimgeführet und öffentlich zu Bette gehen sollen, da ihme dann die Drohungen und Rach-Worte der vexirten Alten beygefallen; von welcher Erinnerung er mit so hefftiger Bangigkeit geängstiget worden, daß er die erste Nacht einige Gäste zu sich geladen, und um GOttes Barmhertzigkeit willen gebeten, sie sollen [65] doch bey ihme bleiben, weil ihme vom Satan einige Gefahr obhanden wäre. 8

Solche seine Furcht war auch nicht vergeblich, denn recht in der Mitter-Nacht-Stunde trat ein grosser gehörneter Bock gerad auf den Bräutigam zu und begehrte, er solte sich aufsetzen. Da es dann grosse Mühe brauchete, diesen gehörneten unbescheidenen Boten ungeschaffter Sache wieder hinweg zu bringen. Da thät das liebe Gebet das beste, sonderlich des mit anwesenden Pfarrers, welches den Geforderten ohne Zweiffel am kräfftigsten und noch viel stärcker geschützt, als die Arme der andern beyden Beywesenden, welche den Bräutigam kaum und schier gar nicht mehr aufhalten konten. Worauf doch der Bock-Bote endlich mit einem grauerichen Gemurmel zurück gewichen.

Nachdem sich nun solcher junger Ehemann über ausgestandenen Schutz ausser Gefahr geschätzt, und die bußfertige Abbitte gegen GOtt und Bereuung des verübten alten, allerdings vergessen, auch alle Sinne und Gedancken auf den Liebs-Altar brünstiger geiler Lüste geopffert hatte, und darüber der Empfehlung in den Schutz und Schirm GOttes vergessen, und die Küß-Andacht vorhergehen lassen, denn der Erfolg beweiset es, daß er müsse so sicher und sorgloß gewesen seyn. Denn in der andern Nacht, da er nichts weniger mehr befahrete, war der Bock wieder da, riß ihn[66] aus dem Bette, gienge mit ihm durch, und hinterließ die Braut im Bett allein. Nachdem er aber weidlich umher geführet worden, setzte ihn der Bock also beängstiget oben aufs Dach des Hauses, am Rauch-Schlott oder Schornstein, nieder, da man ihn frühe Morgens nacket und bloß sitzen findet, und die Dach-Schindelen abnehmen müssen, bis man ihn, der schier halb todt, konte wieder herab ins Hauß bringen.

Darauf lage er etliche Monate kranck und schwach im Bette, als es aber ein wenig besser mit ihm worden, lebte er hernach mit seiner jungen Frauen in täglichem Zanck, bis daß er, solches Unfriedens müde, sich in das Soldaten-Leben begabe, und im Krieg in Ungarn sein Leben beschloß.

Zu K. in Pommern hatte ein Saltz-Knecht ein altes Weib, die eine Zauberin ware, bey der er nicht gern bliebe, und derohalben einsmahls vorgab, er wolte in Hessen, nach seiner Heimath wandern, allda seine Freunde zu besuchen; weil sie aber besorgete, er dörffte nicht wieder kommen, wolte sie ihn nicht weglassen, nichts destoweniger, reisete er fort. 9 Wie er nun etliche Tagreisen zurück geleget, kommt auf dem Wege von hinden zu ein schwartzer Bock, schlupfft ihm zwischen die Beine, erhebt und führet ihn wieder zurück, und zwar gerade zu, durch Feld und Wald, über Wasser und Land, in wenig Stunden, und setzt ihn vor dem Thor nieder, in Angst, [67] Zittern, Schweiß und Ohnmacht. Das Weib heist ihn mit hönischen Worten willkommen, und spricht: Schau / bist du wieder da? so soll man dich lehren daheim bleiben. Hierauf that sie ihm andere Kleider an, und gab ihm zu essen, daß er wieder zu sich selbst käme.Lerchheimer in lib. vom Bock- und Gabelfahren.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 Ein Färber-Gesell wird von Langen-Saltze auf dem Bock gen Erfurt geführet.
3 II. Geschicht.
4 Bock will einen Kriegs-Officier aus dem Bett hohlen.
5 III. Geschicht.
6 Eine Mutter läßt ihren Sohn auf dem Bock hohlen.
7 IV. Geschicht.
8 Ein Hochzeiter wird bey seiner Braut vom Bock aus dem Bette genommen.
9 V. Geschicht.
Ein alt Weib läßt ihren Mann auf dem Bock zurück hohlen.

6. Vom Crystallschauen

VI.

Vom Crystallschauen.

Es gibt uns die heutiges Tages fast bezauberte Welt Anlaß, etwas von Crystallsehern und Spiegelschauern zu gedencken; da mancher, wann er etwas verlohren hat, zur Wahrsagerin gehet, die ihm in ihren Crystall oder Spiegel die Gestalt dessen anzeigen soll, der es soll gestohlen haben. 1 Auch lauffen einige dahin, wann sie sonst einer verborgenen Sache halber Raths fragen und sich derselben erkundigen wollen; Wenn einem der Zauberer oder Zauberin in einem schönen und künstlich-gemachten Crystall Zeichen und Figuren vorstellet, daraus der Fragende Bescheid ersehen kan; so wird dasselbe Zauber-Wesen, Crystallseherey genennet, wann aber der Zauberer die Zeichen und Figuren anweiset in einem [68] klaren und reinen Spiegel, so wird es Spiegelschauen genennet.

Die Arten aber solcher Zauber-Spiegel beschreibtPetrus Goldschmidt in seinem verworffenen Zauber- und Hexen-Advocat en c. 14. §. 2. unterschiedlich und nicht einerley, & Casp. Schotto in Physic. Curios. lib. 4. cap. 13. §. 1. in etlichen kan man sehen, die Gestalten der Diebe, Feinde und dergleichen, wie auch die Gestalten der Thiere, der Wasser, der Kriegs-Battallien, der Belagerungen, und alles, was die Menschen machen oder gemachet haben, es seye bey Tag oder bey Nacht gewesen. In der andern Art siehet man keine Gestalten, sondern allein Worte, Reden, Consilia, Anschläge, sie mögen gesaget oder geschrieben seyn. Ingleichem, an welchem Orte, und von welchen dieselbe sind vorgenommen, nebst allem, was darauf beschlossen und zu solchem bewogen hat. Allein diß ist zu observiren und zu præsupponiren, daß es schon geschehene, vergangene, und keine künfftige Dinge seyn müssen. Die dritte Art stellet alles vor, was gantz geheim ist, und sehr rar, und in den Schrifften verborgen lieget.

In Lutheri Tisch-Reden p. 208. wird gedacht, daß der Teuffel auf eine Zeit einem armen Gesellen in sichtbarer Gestalt erschienen, und habe ihm grossen Reichthum versprochen, wann er die Tauffe und die[69] Erlösung, die durch Christum geschehen, verläugnen und nimmer Busse thun wolle: 2 als er nun eingewilliget, habe er ihm ein Crystall gegeben, daraus er wahrsagen können, und dadurch habe er einen grossen Zulauff und Nahmen bekommen; Endlich habe ihn der Teuffel meisterlich betrogen, daß er unschuldige Leute aus dem Crystall Diebstahls halber angeben, darauf er eingezogen worden, hat seinen Bund, den er mit dem Teuffel gemachet, bekennet, ernstliche Busse gethan, und ist mit Feuer verbrannt worden. 3

Daß der Teuffel in solchen Sachen seine Schüler offt betrüge, und mit Lügen berichtet, erhellet aus folgender Historie, so sich zu Neapolis zugetragen hat. 4 Es war einsmahls Christoph Wagner, D. Fausti Famulus, dahin kommen, und hatte vernommen, wie ein reicher Kauffmann auf dem Meer wäre beraubt und umbracht worden, und die bey sich habende Güter ihm genommen, welche um viel 1000. Gulden geschätzt worden, als aber seine Erben davon gern gewissen Grund gehabt hätten, was es damit für Bewandtniß und wer der Thäter gewesen wäre, bothen sie groß Geld aus, dem, der etwas davon entdecken und offenbaren würde, da gedachte Wagner, das wird eine gute Sache für dich seyn, und gab sich bey den Erben an, wie er die Kunst könte, und offt versuchet und probirt hätte. [70] Nun waren diese Leut auch aberglaubisch, wie dann die Welschen viel darauf halten, auch selbst bisweilen gute Zauberer seyen, dann nicht allein die Pfaffen und Münche, sondern auch etliche Päbste selbst sind gute Zauberer gewesen. Die liessen den Wagner seine Kunst gebrauchen, verhiessen ihm 200. Thaler; da nahm er ein Crystall, beschwur sie, und hielt es gegen die Sonne, da sahe man ein Bild darinn, eines reichen Kauffmanns zu Neapolis, welches sie wohl erkannten und sahen, der solte die That an dem andern auf dem Meer begangen haben; nun war dieses wahr, daß er mit ihm ausgefahren, und kamen gleichwohl nicht wieder mit einander, er ward verklagt für der Obrigkeit, und gefraget, ob er nicht wüste, wo dieser Kauffmann geblieben wäre? dieser gab zur Antwort: Er wäre für ihm her geschiffet, ob er wäre versuncken oder verschlagen worden, oder ob er irr gefahren, könnte er nicht wissen, gleicher Gestalt wurden auch die Diener gefraget, welche alle diese Antwort gaben. Und da man es bey solchem nicht wolte bleiben lassen, zoge man sie alle gefänglich ein, marterte sie, und fienge an einem Knecht an, der bekannte, als er gepeiniget ward, daß sie ihn ermordet hätten. Darauf wurde auch der Herr eingezogen, welcher auch aus Pein bekannte, was der Knecht gesaget hatte: worauf man das [71] Urtheil fällete, man solte sie, als Meer-Räuber, zum Tode bringen.

Unterdessen so kommt der Kauffmann, den man vermeinet erschlagen zu seyn, frisch und gesund wieder zu Land, ohne allen Schaden, und war von dem Wind verschlagen worden, daß er an einem Ort 5. Wochen hatte still liegen müssen. Da sahen diese Leichtglaubige, daß sie vom Wagner betrogen worden, und begehrten von ihm, er solte das Geld wieder herausgeben; als er aber nicht gewollt, sondern mit dem Geld davon gangen, da folgeten sie ihm mit denSerganten nach, von welchen ihn einer bey dem Arm erwischete, und fest hielt, aber Wagner fuhr in die Hohe, und nahm diesen Menschen-Fischer mit sich hinauf, und als er ihn ziemlich in die Höhe gebracht, liesse er ihn wieder auf die Erde fallen, daß er ein Bein brach: als solches die andern sahen, wolte ihm keiner mehr nacheilen. Hiermit kame Wagner davon, und hätte der Teuffel bald ein erbärmlich Spiel anrichten sollen. Vid. Hildebrands entdeckte Zauberey /pag. 143. Item Reuters Reich des Teuffels / p.m. 898.

Aus Joh. Rüstens alleredelster Zeit-Verkürtzung /pag. 255. seqq. schreibt Erasmus Francisci im Sitten-Spiegel fol. 64. seq. 5 Eine Jungfrau zu N.N. welche sowohl von Gestalt, als Geschlecht, fürnehm war, verliebte sich in einen feinen Jungen Gesellen, welcher solche Liebe mit [72] gleicher Gegen-Gunst vergalte, also, daß sie beyde sich zu verehelichen hertzlich wünscheten; aber beyderseits Eltern wolten, aus tragenden Ursachen, darein keine Verwilligung geben, welches beyden Verliebten grossen Kummer machete.

Wie nun der Satan sich aller menschlichen Leidens-Regungen, wider derer Heyl und Wohlstand, zu bedienen trachtet, also strebete er auch dahin, wie er durch eine eigensinnige und den Eltern ungehorsame Liebe die Leute in Göttliche Ungnade und Hertzeleid bringe, und gebrauchet zu solcher Verführung Leute, die schon von ihm verführet sind, als Unholden, Wahrsagerin und dergleichen Geschmeiß, wie er denn bey diesem verliebten Paar auch dergleichen Mittel ergriffen.

Eine alte Vettel, welche schier in allen fürnehmen Häusern solcher grossen Stadt einen Zutritt hatte, kame zu dieser in Lieb verstrickten Jungfrau, dieselbe in ihrer Traurigkeit zu trösten, und sagete ihr, was sie gern hörete: nehmlich, die Person, in welche sie verliebt wäre, würde ihr endlich doch noch unfehlbar zu Theil werden. Und dieses war ein Liedlein, welches die Jungfrau gern hörete: sie begehrete aber von der Alten hierüber bessere Erläuterung, fragende, wovon ihr solches eigentlich wissend wäre? Das Weib sprach: Ich habe die Gnade von GOtt, künfftige Dinge vorher zu entdecken: darum kan mir dieses so wenig, als auch viel anderes, verborgen seyn. Euch[73] aber allen Zweiffel an der Wissenschafft, so ich von eurer künfftigen Heyrath habe, zu benehmen, so will ich euch, wie es damit gehen werde, in einem Crystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben sollet. Allein wir müssen eine solche Zeit darzu ausersehen, da eure Eltern nicht daheim seyn, alsdenn sollet ihr Wunder erfahren.

Die thörichte Jungfrau lässet sich solch Anerbieten gefallen, und, nachdem solches abgeredet, erwartet sie der Zeit, da ihre Eltern auf ihr Land-Gut gefahren, worauf sich diese alte Vettel alsobald bey der Jungfrau einfindet, weil aber diese Jungfrau bey dem Weib allein zu bleiben sich fürchtet, und darob ein Grausen empfindet, gehet sie hinauf in die Studir-Stube des damahligen Präceptorn ihres Bruders, nehmlich des Joh. Rüstens, welcher damahls noch ein Student gewesen, nachmahls aber als ein gelehrter Poet und zierlicher Redner durch seine Feder gar berühmt worden, und diesen Verlauff selbst umständlich beschrieben, demselben vertrauet sie ihr Vorhaben, mit hoher Bitte, er wolle doch hinab kommen, und mit darbey seyn, wenn ihr die Wahrsagerin die so hoch verlangete Sache, nehmlich das bevorstehende Heuraths-Glück, im Crystall würde vorstellig machen.

Es bemühete sich solcher aber sehr, ihr diesen sündlichen Vorwitz auszureden, und eines solchen von GOtt hoch verbottenen Handels müßig zu gehen, woraus ihr leicht [74] ein Unglück entstehen könte. Aber es war alles vergeblich, sie wolte, ungeachtet alles Bittens, den Ausgang, durch Crystall-Guckerey, mit ihrem Liebsten erkundigen: Er ließ sich endlich, auf flehentliches Bitten, erweichen, und ging mit der Jungfrau hinab in ihr Zimmer, um wundersam zu vernehmen, was doch diese alte Wettermacherin fürbringen werde. Da sie nun in die Kammer kamen, fanden sie das Weib sehr beschäfftiget, sie zoge ihr Wahrsager-Geräthlein aus einem kleinen Korbe, sahe aber ungern, daß die Jungfrau diesen Rüst mit sich bracht hatte, und sagete, sie könne es ihm aus den Augen ansehen, daß er von ihrer Kunst nicht viel halte: Hierauf säumte sie nicht lange, ihr Expergefex (wie es derAuror gibt) zu machen: sie breitete ein blau seiden Tüchlein, worauf wunderliche Bilder von Drachen, Schlangen und anderm Unzieffer genähet, über die Taffel, setzte auf dieses Tuch eine grüne gläserne Schale, und legete darein ein ander Gold-farben seidenes Tuch, endlich setzte sie auf besagtes Gold-farbenes Tuch eine ziemlich grosse crystallene Kugel, und bedeckte dieselbe gleichwohl auch mit einem weissen Tüchlein, nicht anders, als ob sie ein groß Heligthum verhüllete: bald hierauf hub sie an etwas bey sich selbst zu murmelen, auch wunderlich sich zu geberden, und wie nun solche Ceremonien geendet waren, nahm sie die Crystall-Kugel mit grosser Reverenz und [75] Ehrerbietung aus der gläsernen Schale, rief die Jungfrau, samt dem Studenten, zu sich gegen das Fenster: zeigete ihnen die crystallene Kugel, darin sie anfänglich nichts sahen, bald aber trat in dem Crystall die Braut hervor, in überaus köstlicher Kleidung, und zwar eben so prächtig angethan, als sie an ihrem Hochzeit-Tage gewesen.

Ob nun gleich die Braut überaus herrlich erschien, sahe sie doch in diesem Crystall sehr betrübt und jämmerlich aus, hatte auch darbey eine solche Todten-Farbe, daß man sie ohne grosses Mitleiden nicht betrachten konte. Sie schauete das Bild an, mit nicht geringem Schrecken, welcher aber bald hernach sich ungleich grösser vermehrete, als gerad gegen der Braut über der Bräutigam hervor kam, mit einem so grausam und greßlichen Gesicht, (da er doch sonst ein gar freundlicher Mensch war) daß man dafür hätte erzittern mögen: Er war gestieffelt und gespornet, hatte einen grauen Reise-Mantel mit güldenen Knöpfen um, unter welchem er 2. neue Pistolen hervor langete, und in jeder Hand eine hielt, die in der Lincken richtete er an seine eigene Brust, oder vielmehr aufs Hertz, die in der Rechten setzte er der Jungfer Braut für den Kopf; hierüber wurden diese beyde Anschauer mit einem solchen grossen Schröcken überfallen, daß sie weder aus noch ein wusten: bis er endlich die eine Pistol, die er der Liebsten recht an die Stirn [76] gesetzt, loßdruckte, mit einem dumpfigen Knall oder Puffen. Darob erstauneten diese Crystallschauer nicht anders, als ob das Wetter bey ihnen niedergeschlagen hätte. Sie stunden gantz erstarret, bis sie endlich halb gehend, halb kriechend zur Kammer hinaus kamen, allwo sie sich wieder etwas erquicketen.

Der alten Hexe war bey der Sache auch nicht wol zu Muthe, als welche nicht gedacht hatte, daß es also ausschlagen werde, weßwegen sie über Halß und Kopff zum Hause hinaus lieff; auch so bald nicht wieder kommen ist. Unterdessen konte gleichwol dieser eingenommene Schröcken die so fort glimmende Liebe in ihrem Hertzen nicht auslöschen; hingegen aber auch den schweren Stein, als den Widerwillen ihrer Eltern, nicht aus dem Wege räumen: denn derer Entschliessen blieb gantz in alter Meinung. Und beharrete sowohl ihr Stieff-Vatter als Mutter in dem Schluß, daß diese Heyrath nicht vollzogen werden solte: sondern brachten es vielmehr durch Bedrohung und aus Zwang dahin, daß die Jungfer einem fürnehmen Fürstlichen Bedienten in der Nachbarschafft die Ehe versprechen muste: diese aufgedrungene Heyrath gebahr aber bey der Jungfer eitel Hertzeleid, sie verbrachte ihre Zeit mit lauter Seuffzen, Heulen und Weinen, und ihr erster Geliebter ergab sich dem Unmuth und Verdruß zu eigen, daß er dadurch [77] in die äusserste Verzweifflung gerissen wurde.

Inzwischen wurde die Hochzeit angesetzt, und wegen Erwartung unterschiedlicher Fürstl. Personen, welche diesem Fest solten beywohnen, so viel herrlicher darauf zugerichtet: wie nun der Tag herbey kam, daß die Braut in ihrem grösten Gespräng solte abgehohlt werden, sandte die Fürstin ihre mit 6. Pferden bespannte Leib-Kutsche nebst etlichen Hof-Dienern, und einigen Reutern in die Stadt, welchen sich der Braut fürnehmste Anverwandte und Freunde, theils zu Pferde beyfügeten, und in zierlicher Ordnung zur Stadt hinaus reiseten.

Dieses aber hatte der erste Liebste alles gar genau ausgekundschafftet, und war der Meinung, dem andern, ungeachtet er weit höheres Standes war, seine Liebste nicht so schlechterdings zu überlassen, wes wegen er ein paar gute neue Pistolen in Bereitschafft hatte, des Vorsatzes, mit der einen die Braut, mit der andern aber sich selbst vom Leben zu helffen. Zu solchem vorhabenden doppelten Mord hatte er ein wohlgelegenes Hauß, so etwa das 10. oder 12. von dem Thor war, ausersehen, bey welchem die Braut fürbey fahren muste: indem selbe nun in ihrem grösten Pracht mit den Wagen und Reutern, unter Zuschauen einer grossen Menge Volcks, daher gefahren kame, gab der verzweiffelte Liebhaber [78] Feuer in die Kutsche; es ging aber dem Satan nicht nach seinem Willen, denn der Schuß geschahe ein wenig zu frühe, also, daß die unschuldige Braut gantz unverletzt bliebe, und allein einer adelichen Damen, die im Schlag saß, ihr Haupt-Schmuck, den sie etwas hoch trug, vom Kopf herab geschossen ward; worüber sie aus Schröcken in Ohnmacht sanck, deswegen auch aus der Kutsche gehoben, und in das nächste Hauß getragen werden muste, sie daselbst zu erquicken.

Indem aber fast alles der Kutsche zueilete, und der Thäter merckte, daß er gefehlt hatte, flohe er durch das Hauß zur Hinter-Thür geschwind hinaus, sprang über ein ziemlich breit Wässerlein und kame also, wie eifrig man ihm auch nachsetzte, davon.

Nachdem nun diese Unruhe ein wenig gestillet, verfolgete die Braut ihre Reise, die Hochzeit würde auch mit gröstem Pracht vollendet, wiewohl mit geringem Vergnügen der betrübten Braut, welche nun allgemach ihrer Crystallschauung nachdachte, und den Erfolg davon zu Gemüth zoge. So war auch ihr neuer Ehegespann ein harter, boßhaffter und feindseliger Mensch, derselbe tractirte hernach dieses tugendhaffte und holdselige Fräulein nicht aus menschlich- sondern vielmehr bestialische Weise, sie muste täglich seine Fäuste prüfen, und ward von ihm in allen Gesellschafften verschimpfft, [79] ungeachtet sie ihm ein liebstes Kind zur Welt gebohren hätte. Von solchem übelen Tractament erwuchs aber der Kummer, welcher solche in noch bester Jugend bey 30. Jahren von der zeitlichen Welt nahm: Und diß war die Straffe, wenn man von GOtt abweichet, und sich mit satanischem Wahrsagen behelffen will.

Von solchem Crystallschauen schreibt Jonas Jacobus Boissardus lib. de divinitat. c. 5. und Zeiler in dial. 99. folgende Geschicht: 6 Als einmahl ein vornehmer adelicher Herr von grosser Wissenschafft, wegen begangener Mordthat, sich ausserhalb Vaterlandes aufhalten muste, kame er in Kummer, es werde ihm sein schön junges Weib bey seiner Entfernung nicht getreu seyn, sondern sich mit andern in Buhlschafft einlassen. 7 Wie er nun mit solchen Sorgen beschäfftiget, verfügete er sich einsmahls mehr aus Fürwitz, als Ernst, zu einer solchen teuffelischen Wahrsagerin, und begehrte von ihr, sie solte in den Spiegel sehen, zu erfahren, was seine Ehe-Liebste, von welcher er nun zehen Tag entfernet war, zu Hauß verrichten möchte. Die Zauberin verspricht ihm, seinem Verlangen ein Genüge zu thun, und benennet ihm einen Tag, da er wieder kommen solte: dieser stellete sich auch ein, und nahm unterschiedene gute bekannte Freunde zu sich, derer er sich als Zeugen bey dieser Begebenheit bedienen wollte. Wie sich nun solche bey der Zauberin [80] eingefunden, nahm sie ihr Mägdlein, ein Kind von 8. Jahren, lösete solchem die Haare auf, besprengte es mit Weyh-Wasser, murmelte darzu etliche zauberische Worte, und stellete das Kind in einen mit allerhand wunderlichen Charactern bezeichneten Circul, und hieß solches, daß es sich in dem gegenwärtigen Zauber-Spiegel fleissig umsehen solte. Die Zauberin fragte sie zu dreyen mahlen: Was siehest du? Das Mägdlein antwortete mit unterbrochener zitterender Stimme, indem sie vorher ihre Augen und gantzen Leib seltsam verdrehet: Ich sehe eine schöne grosse Stube mit schönen Schildereyen gezieret, einen künstlich gesetzten Ofen, unter dem Boden sehe ich einen schönen Leuchter hangen, und an den Wänden auf Thresoren allerhand gülden und silbern Gefässe, die Bäncke sind mit kostbaren Decken und Pulstern belegt, und auf dem Tisch lieget ein Mantel mit einem Hut und Degen. Hierauf war sie ein wenig stille, sagete aber bald wiederum: Ich sehe einen weissen Hund bey dem Ofen liegen, und sonst nichts. Uber Vermuthen sagete das Kind wiederum: Ja itzo sehe ich eine Jungfrau, die auf dem Haupt einen Zierrath von Sammet träget, etc. mit einem feinen Kleide angethan etc. weiß aber nicht, was das schwärtzlichte sey, so sie auf ihrer Hand liegen hat, und mit dem Speichel und mit dem rechten darinnen, glatt und weich machet, und darbey lächelt. Ich sehe, fuhr sie fort, einen Jüngling mit gelblechten [81] Haaren hinter dem Ofen stehen, daß er die Hosen hat bis an die Knie sincken lassen; als dieses der Edelmann hörete, und aus Beschreibung des Kindes befindet, daß es seine Ehefrau sey, wurde er über alle massen erschrocken, und, weil er nicht geringen Argwohn auf solchen gestalten Jüngling hatte, er würde mit seiner hinterlassenen Liebsten nicht viel gute Seyde spinnen, gieng er mit verwirretem Gemüth von dieser Zauberin hinweg, und gedachte nicht anders, als wie er seiner Ehe-Frau, wegen treuloser Thät, mit diesem Jüngling das Leben nehmen möche; und ritte sporenstreichs nacher Hause; daß er innerhalb 10. Tagen über 100. Meilen reisete. Weil er aber, wegen begangenen Mords, nicht sicher in die Stadt gehen dörffen, ließ er seine Frau auf das nächste Dörff zu sich forderen, führete sie beyseits; fragete sie mit blossem Degen, ob nicht auf die und die Zeit ein junger Gesell, oben entblösset, vor ihr gestanden sey? Die Frau fällt ihm zu Füssen, bittet ihn, sich nicht so jäh zu übereilen; es sey wahr, daß auf erzehlte Zeit und Weise vergleichen vorgangen, es sey aber ihr Bruder gewesen, welcher zu ihr kommen, und sich beklaget, er hätte ein sehr böses Geschwär über der Hüffte, dem sie ein Pflaster aufgeleget, da er dann das Wammes abgezogen, und das Hembd ein wenig herab gestreifft habe, wie er dessen selbst ein lebendiger Zeuge [82] seyn könte. Auf solche freymüthige Bekänntniß des Weibes wird der Mann anderes Sinnes, und an statt des vorgenommenen Mords umarmet er sie, als seine Gemahlin, mit tausend Liebkosungen, begibt sich nach genommenem Abschied wiederum in sein Exilium, und ward froh, daß er seine Hände nicht mit unschuldigem Blut besudelt. Verfluchte darauf das Crystallsehen, und alle zauberische Künste, als einen Betrug und Verführung des Teuffels.

Wir wollen noch eine Historie, so G.P. Harßdörffer im 7ten Theil seiner jämmerlichen Mord-Geschicht in der 151. Historie beschreibet, hieher setzen, als folget: 8 Valdrea, eine Wittib, hatte ihre Treue lange Jahre über, bey einer Fürstin in Franckreich mit wohlgeleisteten Diensten, als eine Silber-Beschliesserin, beglaubet, und ihr viel schöne Pfenning zusammen gesparet, daß sie also bey Hof in allem Uberfluß gelebet, und ihr nichts gemangelt, als die Kunst gute Tage ohne Laster und Sünde zu ertragen. 9 Dieses alte verdorrete Holtz begunte sich mit neuer Liebe anzufeuren, und ob sie wohl so schön, als ein krancker Spanier, und so freundlich, als ein gesunder Affe, vermeinte sie doch, daß sie noch wohl Liebens-würdig und so klüg, daß sie frembdes Wasser auf ihre Mühle leiten könte. In diesem Wahn richtete sie ihre Neigung auf einen [83] jungen Schrifftling, genannt Mastick, welcher ein sehr schöner und wohlgeberdet er Jungling war, darbey arm, daß er kein ander Mittel hatte, sich hoch zu schwingen, als die Schreib-Feder, so nach und nach stärcker werden solte. Valdrea gab diesem Mastick viel gute Worte, er ihr aber hingegen wenig Gehör, daß sie ihn auf Begebenheit in ihr Zimmer führte, und ihm ihre schöne Ducaten zeigete; allein diesen Jüngling konten solche auch nicht so weit blenden, daß er sie zu eheligen willigen solte, und richtete also diese Versucherin nichts aus, weil dieser Mastick einen Abscheu für diesem lebendigen Grab und alltägigen Fegfeuer hatte. Als nun dieser Jungling die alte Magoram mit hönischen Schelt-Worten unbescheiden verachtete, hat sie ihre Lieb in Haß, und die Holdseligkeit in Zorn verkehret, und Tag und Nacht gesonnen, wie sie sich an dem undanckbaren Gesellen rächen möchte. Es fügete sich aber nachgehends, daß etliche Nacht-Diebe mit falschen Schlüsseln in das Zimmer kamen, in welchem das Silber-Geschirr verwahrlich gehalten worden, und von demselben ein groß Antheil verwendeten. Hierüber wolte Valdrea fast verzweifflen, wiewohl sie ausser allem Verdacht und nicht daran schuldig war. Man forschete aller Orten nach, es konte aber nichts erkundschafftet werden; Valdrea hatte eine alte Gevatterin, Nahmens Ginetta, welche eine [84] berühmte Hexenmeisterin und alles in ihren Crystall und Zauber-Spiegel sehen ließ. Zu dieser verfügete sich Valdrea, und, nachdem sie auf eine gewisse Zeit beschieden worden, hat sie ihr vorgewiesen etliche gantz unbekannte Angesichter, wie selbige das Silber-Geschirr entwendet hätten. Hiermit aber war ihr noch nicht gedienet, weil sie nicht wuste, wo selbe zu betreten waren. Was beginnet aber dieses alte rachgierige Weib? Sie sagete zu ihrer Gevatterin, daß ihr dadurch noch nicht geholffen wäre, und hätte dieser Diebstahl nicht geschehen können, sonder Hülff und Rath eines Hauß-Genossen, welcher ohne allen Zweiffel Mastick seye, solte darbey auch seine Gestalt erscheinend machen. Ginetta aber verspricht die Gestalt Masticks in einem Spiegel darbey vorzuzeigen, damit war Valdrea zufrieden, und zeiget solches ihrer Fürstin unverzöglich an, daß sie doch eine Dienerin wolte mitschicken, welche sie wolte sehen lassen, wie Mastick um den neulichen Diebstahl gute Wissenschafft habe. Ob nun wohl die Fürstin nicht darein willigen, und sich des Satans Rath bedienen wolte, hat ihr doch Valdrea die Sache so leicht gemachet, daß sie ja auch ihren Spiegel, wegen des gebräuchlichen Schmuckes zu Rath ziehe etc. Nachdem nun die Fürstin eine Dienerin, Lamberta genannt, dahin gesendet, und die Sache besagter massen angehöret, daß nehmlich Mastick Wissenschafft [85] und als ein Beystand der Diebe sein Antheil von dem gestohlenen Silber habe, hat man diesen unschuldigen Schreiber in die Hafft, und endlich gar in die peinliche Frage werffen lassen. Der Jüngling war zart, und bekannte aus Schmertzen, was ihm nie zu Sinne kommen, kein Verdacht konte wider ihn, weil man von dem Zauber-Spiegel nichts melden dürffen, aufgebracht werden, als daß er offt zu spielen pflegete, und keine Mittel dazu habe. Ob er sich wohl Anfangs entschuldiget, daß er von gewonenem Geld spielete, wolte es doch nichts helffen, und kame noch darzu, daß er ein Gasconier war, da die Kinder gerne lange Finger macheten, also würde er sonder Zweiffel nicht aus der Art schlagen. Kurtz zu sagen, der armeMastick wurde zum drittenmahl peinlich gefraget, und als ein Hauß-Dieb zum Strang verurtheilet; seinem Beicht-Vater aber bekennete er, daß er diesen Diebstal weder begangen, noch begehen helffen, mit Bitte, solches nach seinem Tode anzusagen, und daß er solches aus Marter bekennet, u.s.f. Valdrea sahe ihn hinrichten, und freuete sich, daß sie sich wegen ihrer Verachtung mit seinem Tod gerächet. Seine Unschuld muste aber bald auf ihren Kopffkommen. Denn wenig Tage hernach wurde ein Mörder eingezogen, welcher bekennet, daß er besagtes Silber-Geschirr entwenden helffen, und daß seine Gesellen in Engelland [86] entwichen, ihm aber seinen Antheil zuvor zugestellet. Mastick, sagete er beständig, wäre von allem diesem unwissend gewesen, und auf diese Bekänntnus wolte er sein Leben enden, wie dann auch erfolget. Uber dieses schwätzete Ramberta von der Ginette Kunst oder vielmehr Zauber-Spiegel, und wurde Valdrea benebens der Hexen, und Ramberta in das Gefängniß gesetzt, da dann der gantze Verlauff sich eröffnet, und die zwo Alten gehenckt und verbrannt, Ramberta aber, weil sie aus Einfalt ihrer Fürstin gefolget, der Gefängniß wieder erlassen.

Aus angeführten Exempeln zeiget die Erfahrung, daß der Teuffel allzeit die Leute entweder affet, oder aber Unschuldige im Crystall anzeiget, wordurch er viel Jammer und Hertzleid anzurichten pfleget. Darum soll jedweder Christ für solchem Crystall- und Spiegelschauen einen Abscheu haben, damit er durch solche sein Gewissen nicht verletzt und die arme Seel in Gefahr gerathe.

Marginalien

1 Was darin für ein Unterscheid.
2 I. Geschicht.
3 Teuffel gibt einem ein Crystall / bekommt schlechten Lohn.
4 II. Geschicht.
Teuffelischer Betrug eines Crystallen.
5 III. Geschicht.
Unglückseliges Crystallschauen.
6 IV. Geschicht.
7 Eine wunderbare Crystallschauung.
8 V. Geschicht.
9 Einer wird durch die Crystallschau unschuldig erhenckt.

7. Von Lösel-Nächten

VII.

Von Lösel-Nächten.

Es wird für eine erschröckliche Tod-Sünde gehalten, wann der Mensch sein Glück, Wohlfahrt [87] und zeitliches Wohlergehen von dem leidigen Teuffel zu erfahren suchet, und von selbigem vorher berichtet seyn will, der doch alle seine dißfalls gegebene Antwort auf solcher aberglaubiger Leute zeitliches und ewiges Verderben richtet, und gar nichts anders suchet, als wie er solche in sein Netz immer weiter und weiter verstricken möge. 1 Sonderheitlich sind noch itziger Zeit insgemein das gemeine Volck, besonders aber die geilen und mannsüchtigen Dirnen, mit dieser aberglaubischen Seuche behafftet, welche allerhand leichtsinniges Gauckelwerck treiben, um dadurch zu erfahren, was sie für Männer überkommen werden: theils lassen sich durch alte Vetteln, die bereits schon mit dem Teuffel einen Bund gemachet, zu dieser Seelen-schädlichen Unsinnigkeit verleiten, und bedienen sich darzu sonderlich der Heil. Weyhnachts-Zeit, ihre verwegene Künste auszuüben, und an statt sie sich auf die Menschwerdung und Geburt ihres Seelen-Brautigams, selbigen mit reinem Hertzen zu empfahen, bereiten solten, so dienen solche zu dieser Zeit dem Teuffel, und gebrauchen darzu 1. die St. Andreas- Nacht, 2. St. Thomas-Nacht, 3. Heil. Christ-Nacht, 4. H. Neu-Jahrs-Nacht, und Heil. drey Königs-Nächte, und noch andere mehr, in welchen sie so mancherley Teuffels-Tant fürzunehmen wissen, wormit sie GOtt und die H. Engel betrüben, dem Teuffel aber eine erwünschte [88] Freude machen. Unter diesen Gauckeleyen müssen ihnen die Creutz-Wege dienen, oder auch nur ihr Küchen-Herd, auf welchen sie sich Mutter-nacket setzen, und ihre gewisse Sprüche zum H. Andreä hersagen: da dann sie insonderheit verwarnet werden, so ihnen jemand erscheinet, ja kein Wort zu reden. Dergleichen Exempel mir noch von meiner Jugend bekannt, da ein gewisser Buchbinder zu Leipzig am St. Andreas-Abend bey einem seiner Mit-Meister gewesen, und sich bis Mitternacht verspätet, Namens Tillman Thorall, als er aber bey Mondschein nacher Hause über den St. Nicolaus-Kirchhoff gehet, und an einem Pfeiler, s.h. sein Wasser lassen will, trifft er allda eine Dirne Mutter-nacket stehen, hinter dem Pfeiler im Winckel angelehnt verborgen, worüber der Mann zwar hefftig erschrocken, sich dannoch gefasset und gefraget: Was machest du allhier? 2 Das Mensch aber noch in hefftigerem Schröcken für so einem langen grossen Mann, (der darzu, wegen habender Trauer, in einem langen Mantel gegangen,) will, ihrer gegebenen Instruction nach, nicht antworten, bis er selbige bey den Armen fasset, und herfür in den Mondschein ziehet, allda hebt sie an hefftig zu schreyen, worzu eben ein Stunden-Ruffer kommt; da sie nun siehet, daß sie nicht unter Teuffeln, sondern Menschen sey, bekennet sie ihr Verbrechen, und bittet, daß man sie gehen [89] lasse: so auch geschehen, und diese wird an die St. Andreas-Nacht Lebenslang gedacht haben. Andere, die etwas furchtsamer sind, bedienen sich leichterer Gauckenspiel, werffen einen von den Füssen abgezogenen Schuh rücklings zur Stuben-Thür hinein, oder begehren, daß ihnen ihr Liebster sein Messer zuwerffen, oder ein Zeichen geben soll, was seine Profession ist; ja vielerley solche Sachen, die man, um Aergerniß wegen, allhier zu gedencken Scheu träget. Wir wollen aber alle christliche Hertzen allhier treulich warnen, dem Teuffel nicht so viel Raum zu geben: weil Exempel fürhanden, daß solche verdammliche Leichtsinnigkeiten von GOtt nicht ungestrafft bleiben, denn entweder gibt GOtt solchen Vetteln keine gesegnete Heurath, oder verhanget, daß solche sonst in Spott, Schande und Gefängniß gerathen, und da ja noch ein oder die andere zur Ehe kommet, erfolget gemeiniglich in selbiger Zanck, Streit und Unfriede, wo nicht gar ein schmählicher und unseliger Tod.

Zu fernerer Abmahnung folgen allhier einige Geschichte, so sich bey dergleichen Gauckeleyen zugetragen haben, als: 3 Vor ohngefehr 25. Jahren hat sich in einer gewissen Stadt ein einfältiges Weibsbild zu dergleichen Handel bereden lassen, und an einem Creutz-Wege übernachtet: massen denn solche Wercke der Finsterniß auch im Finstern getrieben werden müssen, daselbst [90] selbst ist solche durch ein Gesicht so hefftig erschröcket worden, daß man sie frühe Morgens als für todt angetroffen, und obgleich die Lebens-Kräffte wieder kommen, dennoch der Verstand ausblieben, derowegen man keinen rechten Bericht von ihr erhalten können, weil die Sinne alle verstreuet gewesen, und nicht gewust, was man sie fragete; ausgenommen, daß sie nach etlichen Tagen mit Seufftzen gesprochen: Ach! verzeihe es GOtt der Alten / wie hat sie mich armes Kind angeführet! 4 Kurtz vor ihrem Ende ist sie wieder zu völliger Vernunfft kommen, und hat so viel berichtet: Daß, nachdem sie die gewöhnliche Mißbräuche an dem Creutz-Wege abgestattet, ihr gegen über auf dem Dach eine feurige Todten-Bahr erschienen, worüber sie in solchen Schröcken gefallen, daß sie davon in gedachte Kranckheit gerathen. Vid. Erasm. Francisci höllischen Proteus, p. 811.

Aus gedachtem Autore wollen wir noch einige dergleichen Exempel anführen. 5 Vor einigen Jahren trieb gleicher Fürwitz ein junges wohlgestalltes Mägdlein in Oesterreich, die ihres gleichen noch wohl zu Ehren bekommen hätte, so sie es mit GOtt und Ehren angefangen, der Zeit ihres Glücks erwartet, und auf die Göttliche Vorsehung ihr Vertrauen gesetzet. Der Mensch kan es ja nicht besser treffen, noch [91] sicherer gehen, als wenn er die Vorwissenheit seines Glücks oder Unglücks derjenigen Allwissenheit heimstellet, welche zu den Ihrigen spricht: Ich will dich mit meinen Augen leiten! Wer aber mit des Teuffels Augen, der ein Geist der Finsterniß ist, vor sich aus und ins Zukünfftige schauen will, der muß anstossen und fallen, wie es auch dieser Oesterreicherin ergangen ist. Diese hat, auf Einrathen einer alten Vettel, dem Satan wohl befohlenen und in seinen Diensten verruntzelten Mutter, zu Mitternacht, mit darzu erfordernden Ceremonien, ihren Liebsten zu sehen begehrt; worauf ein Schuster mit einem Dolch daher tritt, ihr denselben zuwirfft, und darauf schnell wieder aus dem Gesicht kommet. Sie hebet den nach ihr geworffenen Dolchen auf, und versperret denselben in eine Truhe: und nach kurtzer Zeit wird ihr eben ein so gestallter Schuster zu Theil. Etliche Jahre nach ihrer Verehelichung gehet sie einsmahls nach der Vesper an einem Sonntag zu ihrer Truhen, etwas herfür zu suchen, so sie den folgenden Tag als eine Arbeit fürnehmen wolle, als sie solche Truhe eröffnet, kommt ihr Ehemann zu ihr, und will in die Truhe sehen; sie aber erschrocken, widerstehet solchem, worauf er sie mit Gewalt von der Truhen stösset, und im Hineinschauen seinen verlohrnen Dolch erblicket, welchen er alsobald erwischet, und begehret kurtz um zu wissen, wie sie solchen [92] bekommen hätte, weil er denselben zu einer gewissen Zeit verlohren? Allein in solcher Besturtzung wuste sie sich auf keine Ausrede zu besinnen, sondern bekennete frey heraus, dieses wäre derselbe Dolch, den er ihr in selbiger Nacht hinterlassen, da sie um ihn gebetet hätte: Hierauf ergrimmete der Schuster, und sprach mit einem erschröcklichen Fluch: Hur, so bist du die Dirne, welche mich in selbiger Nacht so unmenschlich geängstiget hat, und stößt ihr damit den Dolch mitten durchs Hertz, wofür ihm hingegen des Henckers Schwerd durch den Halß gedrungen. Diese Begebenheit wird bey unterschiedenen Autoren, wiewohl mit andern Personen, Ort und Umständen, mehr erzehlet.

Frommannus in Fascinatione Magica lib. 3. Part. 6. c. 7. p. 79. setzt ein sonderbar Exempel, und berichtet: 6 Es habe bey seinen Eltern eine Magd gedienet, welche durch dergleichen Mittel eine Weissagung ihres Heuraths-Glücks gesuchet, und von ihrer Edel-Frauen, in derer Diensten sie damahls gestanden, sich bereden lassen, diese verfluchte Weise zu begehen, und drey Gläser auf den Tisch zu stellen, das erste voll Wasser, das zweyte voll Bier, das dritte voll Wein zu füllen, und das hätte sie in Gessellschafft zweyer Mit-Dienerin verrichten müssen; jedwede aber hätte drey Gläser vor sich gesetzt, die Edle Frau aber, in der Cammer stehend, hat durch die offenbleibende[93] Stubenthür dem gantzen Verlauff zugeschauet; wie die drey Dirnen fasennacket am Tisch gesessen, und auf den Anblick ihres Liebsten geharret.

Hierauf ist zum ersten ein Hauß-Knecht (oder vielmehr der in dessen Gestalt verstellte Geist) hinein getretten, hat das Glaß mit Wasser genommen und sich davon gemacher. Nechst diesem ist einer wie ein Büttner (Bänder) erschienen, und hat das vor der andern Magd stehende Bier-Glaß erwischet, und darauf seinen Abtritt genommen, der dritte händigte ihm selbst das Wein-Glaß ein, und trat als ein Dorff-Schulmeister, in schwartzer Kleidung und leinen Strümpffen, auf, dieser gieng mit dem Wein-Glaß davon.

Es soll auch solche stumme Vorsagerey der Ausgang bestättiget haben, wie die dritte Magd besageten Frommannischen Eltern angezeiget; die erste, welcher das Glaß mit Wasser gehört, ist mit einem Knecht in Ehe und Wehe gekommen, hat schmales Brodt mit ihm beissen und ihren Durst mit Wasser stillen müssen, vermuthlich also den Schweiß des Angesichts offt mit Thränen vermischet. Die andere ist besser berathen worden, mit einem wohlhabenden Büttner, bey demselben sie keine Noth gelitten, im Fall sie nicht etwa sonst eine böse Ehe mit ihm geführet: worbey zu erkennen; daß dergleichen [94] also angefangene Heyrathen hernach selten ohne Zwykracht, oder Widerwärtigkeit bleiben. Was sie aber selbst, die dritte, welche dieses erzehlt hat, für einen Bräutigam gewonnen, ist dem Autor unwissend; weil sie aus seiner Eltern Diensten und auch gar aus ihrer Heimath hinweg gekommen. Da sie etwa auch einen Schulmeister auf dem Land geheyrathet.

Zu dieser Materie schickt sich zwar besser seuffzen als lachen; doch kan man es kaum ohne Gelächter lesen, was vor vielen Jahren etlichen Mann-lüsternen Dorff-Nympffen in Crayn widerfahren. 7 Als sie sich am Heil. Christ-Abend, vertraulich auf einen nächtlichen Spatzier-Gang in einen kleinen Wald zu einer Brunnquell verbunden.

Ein junger Bauerkel hatte unvermerckt alles angehöret, was diese zwey junge Dirnen mit einander geredet, und welchen Ort sie ihre Wasser-Weissagung bestimmet hatten, weil er denn trefflich gern eine von diesen beyden zur Braut gehabt, gieng er vor ihnen hinaus heimlich in den Wald, nach der bezielten Brunnquell. Und weil dieselbe von einem hart daran stehenden Baum überzweiget war, schätzete er solchen Baum gar dienlich und bequem zu seinem Wunsch, nemlich, daß die beyde Bauren-Magde sein Ebenbild im Brunne erblicken möchten, erwählte also solchen [95] zu seinem Gerüste, darauf er eine und auch des Wahrsagers-Geistes Person zu spielen wünschte: kletterte also auf den Baum, und setzte sich auf den Ast, welcher über dem Wasser-Pfuhl hervor gieng; allda wartete er mit heisser Begierde ihrer Ankunfft. Er hoffete, der Betrug solte ihm desto besser gelingen, weil er ihnen unter andern diesen Vergleich abgehorchet hatte, daß keine ein Wort reden oder hinter sich schauen solte: wie ihnen vermuthlich eine alte Vettel solchen Unterricht mitgetheilet hatte. Denn sonst hätte er besorgen müssen, die ziemlich klare Nacht dürffte ihn für ihrem Anblick nicht sattsam verbergen.

Nachdem diese beyde also ihrem Vorgänger gefolget, und die Brunnquell im Gehöltz erreichet hatten; guckten beyde ins Wasser, in Vermuthung einen jungen braven Baurenkerl darin ansichtig zu werden. Wie jener solches merckte, lenckt und streckt er den Kopf auf den Ast, besser vorwärts hinaus, nach aller Möglichkeit, damit das Wasser seine Gestalt desto besser empfangen möchte. Aber der Ast, so bereits etwas alt und brecherlich, oder sonst eine solche grobe Bürde nicht ertragen können, zerbrach, ehe es sich diese Bauren-Mägdlein versahen; darüber dann dieser sich gezwungen fand, an statt eines Ebenbildes, oder Schattens, sich selbsten als das lebendige Original ihnen [96] im Wasser zu erscheinen. Denn er fiel hinab, plumpte und platzte in die Brunnquell hinein, mit so schröcklichem Geräusche, daß ihnen diese zwo einbildeten, der lebendige Teuffel führe von oben herab, und stürtzte sie in das Wasser, nahmen, mit grossem Entsetzen, die Flucht, mit einem gleichen Wett-Rennen nach ihrem Dorff zu; aber sie sind hernach in grosse Kranckheit gefallen, und hat es die eine gar mit der Haut bezahlen müssen.

Es wird von einem ansehnlichen Mann bezeuget, wie Erasm. Francisci im Proteo p. 818 schreibet, wie sich zu N. N. in Schlesien, als er sich daselbst bey Hofe aufgehalten, begeben habe, daß drey Hof-Jungfrauen in einer heiligen Nacht sich an einen gedeckten Tisch gesetzt, und über das drey Teller an so viel ledige Stellen geleget, für ihre erwartende Liebsten, welche auf ihr Einladen erscheinen solten; worauf nur zween Cavallier hinein gekommen, und sich zu zween Jungfrauen an den Tisch gesetzet: 8 der dritte verhoffete Beysitzer aber ausgeblieben. 9 Als nun dieselbe darüber traurig und ungedultig worden, endlich, nach langem vergeblichen Harren, aufgestanden, und sich ins Fenster geleget, erblicket sie gegen sich über einen Sarg, darinnen eine Person lieget, die ihr gantz gleich gestaltet; worüber sie hernach erkrancket ist, und auch in kurtzer Zeit darauf gestorben.

[97] Es wird von dieser Materie vielerley geschrieben, noch mehr aber davon erzehlet, und ist wohl zu glauben, daß darunter auch viel Mährlein mit unterlauffen, jedennoch ist nicht zu läugnen, daß gar viel hiervon vorgehet und noch alle Jahr ausgeübet wird: und hat doch unter allem der leidige Teuffel sein Spiel, welcher niemahls feyret, den Menschen in Versuchung zu bringen, um selbigen durch solche kleine Possen nach und nach einzuschläfern, damit er ihn allgemach in seine Klauen erhasche, worzu hernach ein guter Geist und ernstlich Gebet gehöret, sich wieder herauszuwicklen. Der heilige GOtt regiere alle Christen-Hertzen durch seinen heiligen guten Geist, daß keiner sich von seinem Tauff-Bund absondere, und dem höllischen Satan sich solcher Gestalt zu dienen verpflichte, und dadurch an seiner Seelen Heyl Schaden und Mangel leiden möge.

Marginalien

1 Was solche seyen.


2 Eine Magd wird an St. Andreas-Nacht Mutter-nacket auf einem Kirchhofe / ihre Gauckeley zu machen / angetroffen.


3 I. Geschicht.

4 Eine Weibs-Person treibt Löselerey / die ihr aber übel bekommet.
5 II. Geschicht.
6 III. Geschicht.
7 IV. Geschicht.
Etliche vorwitzige Mägde wollen ihren Liebsten sehen.
8 V. Geschicht.
9 Drey Hof-Jungfrauen wollen ihren Liebsten sehen /welches ihnen aber übel bekommet.

8. Von gezauberter Liebe

VIII.

Von gezauberter Liebe.

Es fället allhier zu fragen für, ob boßhaffte Leute solche Liebes-Zauberey, oder mit zauberischer List, die Weiber- und Männer-Gunst zuwege bringen können? das ist, ob die [98] Weibs-Personen Mittel haben, Manns-Personen zu zwingen, daß sie ihnen nachlauffen und sie lieben müssen, & vice versa, ob auch Manns-Personen zuchtige Weibs-Personen zu ihrer Liebe vermögen können? 1 Damit man aber mich recht verstehe, so ist allhier die Frage nicht, ob boßhaffte Leute solche Liebs-Träncklein solten können bereiten, wodurch der Mensch gleichsam toll, rasend und unsinnig werde; denn nach des Poeten Ovidii Worten:


Philtra nocent animis, vimqne furoris habent.


Und hat leider! die Erfahrung genugsam gelehret, daß auch in diesem Stück die natürliche Mittel gemißbrauchet werden. So hat Cæsonia ihren Gemahl, den Kayser Caligulam, mit dem Liebes-Tranck wütend gemachet. Sueton. in vita Caligulæ cap. 25. Calischenes hat den Kayser Lucium Lucullum hiemit umbracht. Und schreibt auch der hochberühmte Aristoteles, daß ein Weib ihren Ehemann mit gleichem Banquet hingerichtet. Vid. Reuter von Gewalt des Teuffels / pag. 1152. seq.

Pfitzerus über das ärgerliche Leben D. Fausti p. 387. schreibt eine notable Historie, folgendes Inhalts: 2 Ein Teutscher von Adel hat sich lange Zeit in der schönen Stadt Neapolis aufgehalten, [99] und mit einer Hof-Dirne, derer Thüre allen offen gestanden, brünstiger Liebe gepflogen; sogar, daß sie geraume Zeit über sich aller andern Geschäffte enthalten, und allein dieses Teutschen abgewartet. 3 Wer Welschland durchreiset, weiß, wie diese Syrenen beschaffen sind, und daß derjenige, der ihrem Gesange zuhöret, kein Geld im Beutel behalte, auch mehrmahl kein gesundes Glied an seinem Leibe davon bringet. Dieser Teutsche muste Doriclea (also wollen wir diese Hof-Docke nennen) die Arbeit theuer genug bezahlen, und erfahren, daß er einer unersättlichen Menschen-Fresserin zu Theil worden; wie ihn die Liebe also verblendet, daß er sich willig zu aller Möglichkeit verstanden, und an statt der ritterlichen Ubung, so er erlernen sollen, hat er alle seine Gelder bey der Doriclea verfochten. Nach geraumer Zeit wird er nach Hause entboten, und von diesem Gold ziehenden Demant noch lange über bestimmte Zeit aufgehalten. Endlich, als es muste geschieden seyn, bittet Doriclea diesen Frembden noch einmahl zur Mahlzeit, und setzet ihm zurCollation allerhand Zuckerwerck und Schlecker-Biß lein auf, unter welchen einige Zeltlein, die sie ihm mit auf den Weg gibt, weil er aus Traurigkeit, oder sonst gefassetem Unwillen, nicht essen wollen. Damit nimmet er seinen Abschied, nicht sonder Thränen, weil sie sich (wie er geglaubt) seiner als ein Ehe-Weib [100] gehalten. Als er nun auf halben Weg nach Capua kommen, fället das Pferd unter ihm zu Boden, und will nicht wieder aufstehen. Er steiget herunter, gürtet den Sattel auf, und zäumet den Gaul ab, solcher bleibt aber als halb todt liegen. In Ermangelung aber aller Labung gibt er dem Roß die Zeltlein, welche ihm Doriclea als eine Magenstärckung geben, zu essen. Sobald das Pferd solche in den Leib bekommen, stehet es wieder auf, und läufft zuruck, und also ungezäumt und ungesattelt, nach Neapoli vor der Doriclea Thür, und zwar so schnell, daß es unter Weges niemand aufhalten können. Der Teutsche ging hernach, so geschwind er konte, fragete allerwegen, wo das ledige Pferd hingelauffen, und wurde dahin gewiesen, wo er sein Pferd gantz rasend, an die Thür der Doriclea schlagend, gefunden, und, als solche herunter kommen, auf sie springen wollen; dadurch sich denn gezeiget, daß der Teutsche mit dem gemeinet, was dem Pferd beygebracht worden. Als der Teutsche solches gesehen, hat er sich ein ander Pferd gemiethet, und GOTT gedancket, daß er ihn für diesem Schandbalg behütet, weil er nicht allein seine Reise hinterlassen, und Doriclea nachlauffen, sondern auch gewißlich rasend worden und von Sinnen kommen wäre; allermassen dergleichen Liebs-Geträncke [101] und Buhler-Speisen solche Würckung zu haben pflegen.

Ich rede aber (saget Reuter) in diesem Handel von einer solchen Zauber-Kunst, wodurch, Krafft etlicher Wörter, oder sonsten unnützer närrischen Mittel, die Leut zu unehrlicher Liebe solten können gefordert und beweget werden. Ich halte dafür, daß dieses Fürgeben ein herrlicher Deck-Mantel sey, womit mancher geiler und unkeuscher Mensch, der seinen Wollüsten nachlebet, seine Ehre trachtet zu vertheidigen und vorwenden kan, es müsse ihm gemachet seyn, daß er von dieser oder der nicht lassen könne.

Jacob Vallyck / Pfarrer zu Geoossen / in seiner Vorrede von Zauberern / Hexen und Unholden /berichtet: 4 Als einmahl eine junge Gesellschafft beyeinander war, und ein junger Gesell sich rühmete, er könne den Jungfern etwas eingeben, daß sie ihn lieb gewinnen, und ein junges Mägdlein, ihrem Fürwitz nach, sagete: Es möchte ihr doch der Junggesell etwas eingeben, dann sie wisse gewiß, daß ihr solches keinesweges könne schädlich seyn; so hat der gute Gesell, der doch nichts von diesen Dingen wuste, noch auch dergleichen zugerichtetes Gifft oder Philtrum nicht bey sich hatte, ihr aus seiner Tasche ein Stück Kuchen zu essen geben, und gesprochen, das wäre das [102] bereitete Kraut, mit welchem er könte die Liebe erwecken. 5 Alsobald trieb sie den Narren mit ihm, und sprach: Ey, mein Freund, wie hab ich dich anjetzo so lieb. Da es nun Abend war, ging ein jeglicher nach Hause, und war auf dieses Ding kein Dencken mehr; die Jungfrau ging auch nach ihrem Bette, konte aber weder rasten noch ruhen, so tieff lag ihr dieses im Sinn, und sprach immer bey sich selber: Ich wolte wohl, daß ich das teufflische Werck nicht eingenommen hätte; ist zuletzt aufgestanden, und so lang bearbeitet gewesen, bis sie zu dem vorigen Gesellen kommen, und von ihm geschwächet worden.

Es geschiehet aber nicht allemahl, wenn Weibs-Personen in eine thörichte blinde Liebe gerathen, daß ihnen solches durch Zauberey, oder Liebes-Träncke, beygebracht worden; sondern ihr eigener geiler Wille gibt ihnen zum Theil dazu Anlaß, daß sich solche selbst in Unglück stürtzen, wie mir dergleichen Stucklein noch in frischem Andencken ruhet, als folget: 6 Zu Insprug, in Tyrol, war meiner Zeit eine feine wohlgestallte Tochter, dieselbe wolte ihr Vater, als ein wohlhabender Handwercks-Mann, an einen Silberschmied verheyrathen, obwohl solche dessen gar keinen guten Willen hatte, ihn auch, ungeachtet dero Eltern fleißiges Ermahnen, nicht bey sich leiden konte, so [103] vermeynete jedermann, es wäre diesem Menschen von jemand angethan. 7 Es wurde hin und wieder gesonnen, bis endlich die Gedancken auf einen Secretarium fielen, welchen man beschuldigen wolte, er habe diesem Mägdlein die Liebe zu essen geben: solches wurde endlich auch dem Secretario zu wissen gemachet, derselbe aber, als einer, welcher Zeit Lebens mit dem Mägdlein keine Conversation noch Bekanntschafft gehabt, hielte solches für Spaß, und bemühete sich, diese Braut kennen zu lernen; wie nun der Teuffel geschäfftig, Unglück anzustifften, und, wo er nicht selbst Gewalt hat hinzukommen, seine Ergebene gebrauchet: also muste auch eine alte Vettel das Werckzeug seyn, solche Bosheit auszuüben. Dieses alte Weib hatte (weil sie offt in der Braut Hause aus-und eingegangen) von dem Handel gehöret, bediente sich der Gelegenheit der Jungfrau zu sagen, wie eifferig dieser Secretarius sey, mit derselben in Bekanntschafft zu kommen, beredete solche auch, daß sie des folgenden Morgens den Inn hinauf, zu den Sieben-Schläffern genannt, mit ihr spatziren solte, dahin dieser Junggesell auch gantz gewiß kommen würde, so auch beydes erfolget: und bey der ersten Zusammenkunfft ward unter diesen beyden das Liebes-Feuer dergestalt angezündet, daß man weder Philtra, noch andere zauberische Sachen, [104] vonnöthen hatte. Was geschiehet? Der Secretarius wird mit der nächsten Post nacher Wien beruffen, mit Befehl, unterweges zu Schweitz für seinen Herrn in Bergwercks-Sachen etwas zu verrichten, und sich etwa 3. Tage daselbst aufzuhalten. Als dieses die Braut erfähret, gehet sie eiligst zu diesem Secretario, bittet ihn um aller Heiligen willen, er möchte sie doch mit sich nacher Wien fahren lassen, sie wolle gern dem Nollesiner bis nacher Lintz den Beytrag zum Lohn entrichten; dieser Secretarius, der auch nicht von Eisen und Stahl war, bewilligte ihr Begehren, mit Bedeuten, daß sie sich Morgens frühe um 6. Uhr bereit halten, und über die Inn-Brücke, allwo der Nolesiner wohnete, ihr Couffré bringen solte. Alles war dem armen Mägdlein nach ihrem Wunsch: die Reise ging wohl von statten, und wurde die Tochter in ihrer Eltern Hauß nicht eher vermisset, als bis ihr gegen Abend ihr Liebster eine Visite geben wollen; es wurde fleißig nach ihr gefraget, aber kein Mensch konte von ihrer Abreise Nachricht geben, weil sich solche nicht in des Nollesiners Quartier, sondern unten am Inn- auf dem schmalen Weg zum Secretario eingesetzt hatte: worüber dero Eltern und Hochzeiter nicht in geringen Kummer gesetzt worden. Inzwischen fuhren diese beyde ohngehindert ihres Weges, und saumete sich der Secretarius [105] auch wegen seiner Ordre in Schweitz keinen völligen Tag, sondern beschleunigte seine Reise best-möglichst, bis nacher Saltzburg, allwo sich beyde, als nunmehr über die Gebühr vertraulich, wie Mann und Weib, zusammen hielten, kamen auch, wiewohl mit kurtzen Tag- Reisen, bis nacher Lintz, in Ober-Oesterreich, allwo sie sich der Donau, bis Wien, bedienen wolten; inzwischen aber war endlich dem Hochzeiter und Vatter Bericht eingelauffen, wohin sich diese Tochter gewendet hatte, welche insgesammt mit der eiligsten Post solche verfolget, und in Lintz, wiewohl nicht beysammen, angetroffen, denn der Secretarius hat allda seiner Herrschafft Herrn Bruder gefunden, mit welchem er zu Land gen Wien gereiset, der Tochter aber alleInstruction geben, wie sie auf dem Wasser vollend hinab fahren könte: aber leider! die arme Tochter wurde von ihrem Vatter übel angelassen, und muste, mit ihrem höchsten Leidwesen, zurück nacher Insprug reisen, allwo sie von ihren Eltern ziemlich eng in den Schrancken gehalten worden. Es wäre auch solche bald mit ihrem Hochzeiter zur Copulation kommen, wenn solches nicht von der Heil. Fasten-Zeit verhindert gewesen. Mithin wolte dem guten Hochzeiter auch von seiner Braut nichts Gutes träumen, und kame ihm diese so schnelle Abreise gar verdächtig für, daß also die Hochzeit bis [106] nacher Pfingsten verzögert worden, unter welcher Zeit die Braut ihr dick wachsender Bauch allgemach verrathen wolte, wie solche mit ihrem Reise-Gespan gelebet: weßwegen sie auch von ihrem Hochzeiter verlassen, und muste mit Schanden seiner Zeit eine junge Tochter zur Welt bringen, wozu sie hernach keinen Vater zeigen konte. Ist also, wie Anfangs gedacht, nicht allemahl mit Liebes-Träncken gethan, sondern der teufflische Antrieb und Geilheit sind Ursachen, daß manches Mägdlein um ihr Kräntzlein gebracht wird; da heißt es wohl: Wer gern tantzt, dem ist bald gepfiffen. Wer seinen geilen unzüchtigen Affecten nicht genugsam widerstehet, der kan leicht, sonder und mit Liebes-Träncken, in Unehrbarkeit gerathen.

Es gibt zwar wohl solches Gesindel, welche mit dergleichen Stücklein umgehen können, daß eines dem andern diese Tücke beweisen kan. 8 Wie D. Paullini in seiner Dreck-Apotheck cap. 14. p.m. 258. seq. von Liebes-Träncken schreibt, als: zu Halberstadt erzehlte mir Herr Michael Wirtzler, Rector bey der Martins-Schule, wie er einen Schreiner-Gesellen gekannt, dem ein Mägdlein etwas beygebracht, daß er nicht von ihr bleiben können. Seine Mutter aber habe ihm ein paar neue Schuhe gekaufft, und Johannes-Kraut hinein gestopfft, worin er nach Wernigeroda geschwind, und fast in [107] einem Trab, lauffen müssen, daß ihme der Schweiß mildiglich über den Kopff und Wangen herab getreuffelt. Wie er dorthin kommen, und sich ein wenig abgekühlet, ließ er ihm eine Kanne Breyhan geben, goß solche nach und nach in den rechten Schuh, und trunck es stehend nach einander aus: worauf er der Hure spinnen-gram wurde, also, daß er nicht einmahl ihren Nahmen ohne Ungedult anhören mochte.

Gockelius in Tractatu vom Beschreyen und Verzaubern gedenckt folgender Geschicht p. 112. Ich kenne einen Pommerischen Cavallier, so damahls unter den Münsterischen Völckern Capitain war, nun aber Obrister ist, dem auch eine geile Metze ein Träncklein beybracht, und dermassen bethört hatte, daß er offt aufstehen, und wider seinen Willen mit Verdruß ihr nachlauffen muste: 9 wie ihm aber einst ihr Mist in seine Schuh geleget ward und er darinn eine Stund lang gangen, und sich satt gerochen hatte, ward die Liebe auch stinckend. 10 Dieses Stücklein wuste Ovidius schon, darum saget er:


Ille tuas redolens Phineu medicamina mensas,
Non semel est stomacho nausea facta meo.

Einem andern ward in einem Brey etwas [108] unwissend von gedorretem Koth der Liebgewesenen gegeben, und dadurch eine abscheuliche Antipathia erwecket.

Gedachter Autor schreibt ferner: 11 Ein fleißigerStudiosus Medicinæ, mein ehmahliger guter Freund, ward offt von des Nachbars Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. 12 Einst schlieff er bey ihrem Bruder in ihres Vaters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch aber kam er nicht zu ihr; Nur des Nachts, mehrentheils um 12. Uhr, stund er leise auf, lieff für des Mägdleins Hauß, küssete die Haußthür 3 mahl und lieff wieder davon. Wie es seine Schlaff-Gesellen merckten, verwiesen sie ihm seine Thorheit, doch konten sie ihn nicht davon abhalten. Einst wollte er sein Kleid bey dem Schneider umwenden lassen, da fand man in den Hosen einen leinen Beutel, und in demselben einen Hasen-Schwantz, krause Haar, (vielleicht von einem ungenannten Ort der Dirne abgeschnitten) und die Buchstaben S.T.T.I.A.M. welche einige so verdollmetschten: Satanas te trahat in amorem mei. So bald aber das Säcklein mit Schwantz, Haaren und allem verbrannt war, hatte dieser Tropff wieder Ruhe.

Stephanus Paschasius aus Francisco Petrarcha lib. 1. epist. 3. schreibt, so zwar einer Fabel nicht ungleich; von einem Zauber-Ringe, welcher in dem Mund eines todten Weibs-Bildes [109] solte gefunden worden seyn, und den Carolum Magnum dermassen bethöret, daß er dieses schöne Weibs-Bild mit Hindansetzung seiner nöthigen Reichs-Geschäfften nicht allein im Leben, sondern auch im Tod so inbrünstig geliebet, daß er es balsamiren, und aufs herrlichste bekleiden lassen, ja mit höchster Verwunderung mit zu Bett genommen, gehertzet und geküsset habe. 13 Nachdem aber der Bischoff zu Cölln beym Altar eine Stimme mitten unter seinem Gebet gehöret; die Ursach solcher närrischen Liebe des Kaysers läge unter der Zungen des verstorbenen Weibs-Bildes verborgen / und er bey Abwesenheit des Kaysers ein klein Ringlein mit einem Edelgestein unter der Zungen des todten Cörpers hervor gethan, sey nachmahls dem Kayser an statt voriger Liebe ein solcher Grauen angekommen, daß er befohlen, man sollte den todten Leichnam hinaus schaffen, er begehre denselben nicht länger um sich zu haben, vielweniger mit demselben zu liebkosen. Der Kayser aber habe hingegen den Bischoff dermassen geliebet, daß er stets muste um ihn seyn. Weil nun dieses dem Bischoff beschwerlich fiel, und merckte, daß dieses ohne Zweiffel von dem Ring herkäme, den er aus dem Munde des todten Leichnams genommen, habe er solchen in einen tieffen [110] Abgrund des nächst-anliegenden Sumpffs geworffen.

Gokelius in obangeführtem Tractat p.m. 63. schreibet: Weiter beschädigen böse zauberische Leut die Menschen durch Philtra, Liebes-Träncker, undHippomanes oder gang mir nach, dadurch die Leut grossen Schaden nehmen, und gemeiniglich raubsinnig werden, oder gar das Leben darüber einbüssen müssen; wie solches unterschiedene Exempel bezeugen: Welches Stephano, einem Ritter zu Neapolis, begegnet, welcher durch einen Liebes-Tranck in Unsinnigkeit gerathen. Ein solches Exempel lieget mir noch im Sinn, daß ein junges Weib zu Bern in der Schweitz, welche nicht gar eine gute Fama hatte, auch von etwa ihrem Buhlen ein solch Bißlein bekommen, so sie kaum. 8. Stund im Leib, da es solche Würckung that, und das Weib tormentirte, daß sich niemand in ihren Humour finden konte: ich ward zu solcher beruffen, sahe, daß etwas in ihrem Leib war, welches ungewöhnlich seyn müste, gab ihr alsobald ein starck Vomitiv, welches bey derer Würckung nicht als lauter Pech-schwartze Materie in grosser Menge von ihr heraus gestossen, aber es wolte doch seine völlige Würckung nicht thun, denn die Frau wurde des andern Tages raubsüchtig, daß man solche bewachen muste, ist aber nach 14. Tagen gestorben.

[111] Noch ein Goldschmieds-Geselle in Schwäbisch-Gemünd, welcher eben auch mit dergleichen Philtro begabet worden, ist mir unter die Cur kommen, solcher war auch seines Verstandes beraubet; bey welchem aber gar kein Remedium anschlagen wollen.

Weßhalben junge Leut treulich zu warnen sind, sich nicht mit allerley losen Gesindel in unzuläßliche Gesellschafft einzulassen, denn des Teuffels Nachstellungen seynd so mannigfaltig, daß selbe von keinem Menschen ergründet werden können.

Marginalien

1 Liebes-Träncklein / etc. was damit zu verstehen.
2 I. Geschicht.
3 Teutscher gibt seine Liebes-Zeltlein seinem Roß.
4 II. Geschicht.
5 Wie der Teuffel unter solcher Liebs-Bannerey sein Spiel treibet.
6 III. Geschicht.
7 Eine Jungfrau verliebt sich ohne Philtrum.
8 IV. Geschicht.
Ein Gesell bekommt einen Liebes-Trunck / und wie er davon entlediget wird.
9 V. Geschicht.
10 Ein Cavallier bekommt einen Liebs-Tranck / wird davon entlediget.
11 VI. Geschicht.
12 Närrische / Würckung gemachter Liebe.
13 VII. Geschicht.
Zauber-Ring wird im Mund eines todten Weibs-Bil des gefunden.

9. Von ehelicher Wercke Verlust

IX.

Von ehelicher Wercke Verlust.

Es wird vielfältig disputiret pro & contra, ob es müglich oder nicht müglich sey, daß Hexen und Zauberer Manns- und Weibs-Personen mit Nesselknüpffen, Schloßzuschliessen, auch andere zauberische Worte, können zu den ehelichen Wercken untüchtig machen: also, daß solcher eins dem andern die eheliche Pflicht nicht leisten könne. 1 D. Ulrich Molitor will, nebst dem beweißlichen Schaden, diese Frage bekräfftigen aus den geistlichen Rechten, dem Zeugniß der alten Kirchen-Lehrer, [112] wie auch aus seiner eigenen Erfahrung. Denn in dem dritten Gespräch seines Buchsvon Hexen und Unholden / schreibt er also: Es stimmen warlich hiemit überein die geistlichen Rechte, und bezeugen, daß ein Mensch, der sonst von Natur nicht kalt, dennoch durch Zauberey zu ehelichen Wercken könne untüchtig gemachet werden; wie wir denn auch in den Gesetzen einen besondern Titul haben: De frigidis & maleficiatis, von den kalten und bezauberten Personen. Daher auch der Pabst Hismarus in cap. Si per Sortiarias 33. quæst. 1. saget: Wann der Beyschlaff aus GOttes heimlichem, doch allerwegen gerechten Urtheil, und des Teuffels Anstifften, durch Hülffe der Hexin- und Zauberinnen, nicht folget, sollen die Verzauberten mit bußfertigen Hertzen und demüthigem Geiste GOtt und dem Priester vollkommlich beichten, und ihre Sünde bekennen, etc. Da sehet ihr ja, daß der Text sage, daß durch des Teuffels Anstifften die ehelichen Wercke verhindert werden. Und wiewohl diese Canon zur Erörterung dieser Sache allein genug wäre, (denn die Canones müssen von jedermann gebilliget und angenommen werden, wie auch in Cap. 1. de Constit. stehet) so halten und bekennen doch solches eben auch die alten Lehrer. Der heilige Thomas sagt, in 4. super sententias distinct. 34: Die Zauberey bringe zuwege, daß einer ein [113] Weib nicht beschlaffen, des andern aber wohl mächtig werden möge. Derohalben auch Hostiensis in Summa lib. 4. rubrica 17. von den Kalten und Verzauberten gesaget: Bisweilen werden die Männer durch Zauberey so untüchtig gemachet, daß sie sich mit einem Weibe fleischlich vermischen können, und sonst mit keiner andern. Bisweilen wird ihnen die Mannheit also genommen, daß sie sich mit allen andern Weibs-Personen begehen, einer aber allein nicht mächtig werden können. Ich, sagt D. Ulricus Molitor, bin auch selbst 18. Jahr lang vor dem Rath zu Costnitz (in Curia Constantiensi) ein Advocat und Fürsprach gewesen, wie auch heutiges Tages, und sind mir solcher Sachen viel zu Handen kommen, da die Weiber ihre Männer vor dem Richter verklaget, daß sie zu ehelichen Wercken untüchtig und unmännlich wären. Die geschworne Aertzte, welchen die beklagte Männer zu besichtigen anbefohlen war, haben auch gesaget, sie wären von Natur nicht so kalt, sondern sie wären durch Zauberey allererst ihrer Mannheit beraubet worden; worauf denn das Urtheil ergangen, daß die Partheyen einander noch ein Jahr lang solten Beywohnung thun, die eheliche Wercke nach Vermögen weiter versuchen, mittlerweil aber offt fasten und Allmosen geben, damit GOtt, der den Ehestand eingesetzt, ihnen dieser Zauberey abhelffe.

[114] Petrus Bornellus aber will solches nicht gestehen,art. 4. Obs. 65. und hält es für gantz unmöglich; auch, so etwas dergleichen geschehen solte, müste solches natürlichen Ursachen, entweder für sich selbst, oder auch zufälliger Weise, beygemessen werden: fürnehmlich der starcken Einbildung, welche hierbey viel vermöge. Dieser Meinung ist auch Joh. Wierus de Præstig. Dæmon. lib. 4. cap. VI. daß man hält, wie daß etliche gebunden werden, daß sie zum Beyschlaff unbequem seyn, gleich als entmannet, dasselbe kan wohl geschehen aus natürlichen Ursachen, so die natürliche Instrumenten, die zum Beyschlaff gehören, geschwächet oder verletzet werden, aus der Natur oder aus Beyfall, oder aus innerlicher oder äusserlicher Artzney oder Gifft. Daher die Theologi einen legem de frigidis & maleficiatis; das ist, von denen, die zum Beyschlaff unmännlich seyn, gestellet haben; derohalben muß man diß Gebrechen nicht allezeit auf Zauberey legen, und den Unschuldigen beschweren. Und wie ich bekannt habe, daß die Partheyen, so zu der Generation dienlich seyn, von dem Satan verletzt können werden, also will ich auch verneinen, daß diß geschehen solte durch bösen Willen, oder närrisches Wünschen eines alten, einfältigen, tollen Weibes: wiewohl sie von dem Satan darzu mit falscher Einbildung gebracht werden könne, daß sie es vermeinet und bekennet [115] gethan zu haben. Derselbige Künsler kan wohl machen, daß der Entmannete mit einer Frauen den Beyschlaff ausrichten kan, so er ihn alsdenn unverhindert läßt in den natürlichen Partheyen, und wiederum soll er bey einer andern Frauen ohnmächtig seyn, darum, daß ihm dann der Satan die Glieder wieder verletzt. In Italia, und insonderheit zu Rom, vermeinen etliche herrliche Curtisanen, oder lose Huren, daß sie die Männer ohnmächtig machten, so sie den Riemen oder Nestel den Männern aus den Hosen stehlen und verknüpffen, und daß sie sie wieder frey und loß machen, wenn sie ihnen den Riemen wieder geben; also meynen auch etliche von des Wolffes Schaam, wenn die in jemands Nahmen gebunden und aufgelöset wird. Von diesem aberglaubigen und närrischen Binden könte ich weitläufftiger schreiben; aber all dieses Binden hat keine Macht, und ist es, daß diß einige Werck darauf folget, so kommt es, durch des Teuffels Würckung, aus dem Aberglauben, auf daß er seinen Vasallen, oder Lehen-Leuten, seinen guten Willen und treuen Dienst erzeigen möchte, und sie ihm wiederum treu bleiben und nicht meineidig werden.

Rod. à Castro lib. 3. cap. 6. de nat. Mul. schreibt, daß solches alles könne oder vermöge entweder durch Geträncke, vergrabene Wurtzeln und Kräuter, in die Kleider [116] und Bettstätten verborgene Sachen, u.s.f. geschehen, und kan also derjenige, der mit innerlicher oder äusserlicher Artzney, oder Gifft, den Beyschlaff eines Menschen zurück gehalten, wiederum zulassen, daß er einer andern Person mächtig werde, wenn er ihn in seiner natürlichen Würckung unverhindert läßt.

Was nun die geistlichen Rechte, und das Zeugniß der alten Kirchen-Lehrer betrifft, so reden sie entweder nach der altväterischen Meynung der aberglaubischen beydnischen Welt, wie der Poet Virgilius in der 8. Ecloga schreibet:


Necte tribus nodis trinos Amarylli colores
Necte Amarylli modò: & Veneris dic vincula necto.

Id est:


Geh, Magd, und nimm der Faden drey,
Kein Farbe wie die ander sey,
Daran solt du drey Knoten machen
Und sprechen auch zu diesen Sachen:
Ich knüpff, ich knüpff zu diesen Band,
Damit sey itzt mein Buhl gebannt.

Dahero auch der heilige Augustinus tract. 7. in Johann. davon die unterschiedliche Manier der Zauberey erzehlet, eine Art, die er Legaturam nennet, wormit die Ehe-Leute gebunden werden, hinzusetzet. Oder sie reden nach dem Wahn der verführten [117] Weiber, welche mit falscher Einbildung von dem Satan darzu gebracht werden, daß sie vermeinen und bekennen, ein solches gethan zu haben, welches sie doch nicht verstehen noch begreiffen. Oder sie reden von der Zauberey, die durch Gifft und andere boßhaffte Sachen zuwege gebracht werden; denn können sie mit ihrem Gifft der Menschen Gesundheit schwächen, dem Leibe seine Krafft und Stärcke benehmen, und die innerliche Feuchtigkeiten zerstöhren, so ist es ihnen auch nicht unmüglich, daß sie die Krafft der menschlichen Besaamung, welche in etlichen innerlichen Gefässen verfasset ist, verhindern: Es sey, daß sie Gefässe des Saamens durch ihr Gifft erkalten, oder sonst Haß und Uneinigkeit zwischen den Ehe-Leuten erwecken. Bis so weit S.H. Reuter im Reich des Teuffels / p.m. 1156. seqq.

Wenn man sich aber auf die öfftere Erfahrung und derer Beweiß-Gründe beruffen will, derer leider! genug angewiesen werden können, daß sogenannte Verknüpfung und Verhinderung des ehelichen Wercks, durch Göttliche Zulassung, von dem leidigen Satan und Feinde des Heil. Ehestandes, durch seineInstrumenta und Werckzeuge, als Hexen und Zauberer, herkomme, so wird man Exempel genug finden, welche die Verneinung gäntzlich übernhauffen werffen. 2 Unter andern kan angeführet werden, folgende Geschicht:

[118] Hildebrand. in seiner entdeckten Zauberey pag. 96. Item M. Wolffgang Buttner, Pfarrer in der Grafschafft Manßfeld, in Epitome historiarum beym andern Gebot, auch Pfitzerus in vita D. Fausti p. 473. schreiben: 3 Im Bißthum Straßburg hat ein fürnehmer Graff mit einer jungen Dirnen gebuhlet, und sie wohl an seinem Hof gehalten: er ward aber anderes Sinnes und Raths, und nahm ihm eine junge und eheliche Gräfliche Fräulein zur Ehe, veränderte seine Unzucht und lebete ehrlich und ehrbar: denn die junge Braut brachte zuwege, daß man die Concubin muste von Hof abschaffen. 4 Weil solches aber die unzüchtige und freche Beyschläfferin verhöhnete, berathschlagete sie sich mit einer alten Zauber-Hexe, dieselbe gabe ihr in einem Hafen allerley seltsame Sachen, die muste sie in des Grafen Brunn versencken; welches alles dahin gerichtet, daß der Graf seine junge Gräfin mit ehelicher Vermischung in 3. Jahr lang nicht bedienen konte; welches auf beyden Theilen nicht wenig Kummer machete. Es begab sich aber, daß der Graf nach dreyen Jahren an dem Ort, wo sich seine gewesene Beyschläfferin aufhielte, durch die Gasse ritte, wo solche ihre Wohnung hatte, und da er vom Roß abgestiegen, mit einem Diener solchem Hause vorbey gehet, redete sie den Grafen an, und befragete ihn, wie er mit seiner Gemahlin [119] lebe? ob sie sich wohl vertrügen? und ob sie auch Kinder mit einander gezeuget? Er hatte aber auf die Concubin gantz keinen Argwohn, sondern antwortete ihr freundlich, und saget: Ja, wir dürffen nicht klagen, und mangelt uns nichts, dancken auch GOtt fürnehmlich, daß er uns 3. feine junge Söhne bescheeret hat, welche mir und meinem Gemahl sehr lieb seyn, auch viel Freude an ihnen haben. Von dieser Rede erschrack diese Concubin, und entfärbte sich unter den Augen; da solches der Graff vermerckte, fraget er sie, warum sie so fleißig nach seinem Stand und Wesen fragete? darauf antwortete sie: Herr Graf! ich freue mich gäntzlich solcher eurer Gnaden-Wohlfahrt, aber der Teufel müsse die alte Hur wegführen, die mir einen Topff in euren Brunnen zu werffen zugerichtet, womit euch an ehelicher Beywohnung mit eurer Gemahlin zu verhindern. Lasset in eurem Brunn, der mitten im Hof stehet, suchen, da werdet ihr den Hafen mit mancherley Zauberey angefüllet finden, denn so lange dieser Hafen, mit dem, was drinnen ist, im Brunn lieget, würdet ihr samt eurer Gemahlin wohl bezaubert seyn und bleiben: der Graf lachete, und sprach: GOtt hat der Hure und der alten Hexe ihre Schalckheit verhindert, und gienge fort, reisete mit Freuden heim, ließ sobald den Brunn ausfegen, und fand alles, was die Concubin [120] gesaget hatte, übergab diesen Handel des Orts weltlichen Gericht, welche die Concubin und Hexe zur Hafft nahmen, und nachdem der Hafen zuforderst verbrannt, auch beyden ihre wohlverdiente Straffe gaben, da die Concubin mit dem Schwerdt gerichtet, die Hexe aber zum Scheiterhauffen verdammet worden. Hernach hat der Graf mit seiner Gemahlin in aller Vergnügung gelebet, auch Söhne und Töchter zusammen gezeuget.

Grillandus de Sortileg. cap. 96. n. 15. erzehlet fast ebenmäßig in folgender Geschicht; welches Exempel sich zwischen zweyen Brüdern zugetragen: 5 daß der Aelteste, der darzumahl Hochzeiter war, und etwan den Jüngern nicht nach Manier recht gekleidet, oder sonst verdrüßlich gewesen, hat dieser auf den Hochzeit-Tag unter währender Trauung, ein Mahl-Schloß genommen, solches zugeschlossen, und in den Brunnen des Hauses geworffen; ist darauf verreiset, und nach Verfliessung vier Jahren erst wieder nach Hause kommen. 6 Da er nun keine Leibes-Erben und Kinder in seines Bruders Hause gesehen, den Bruder aber sehr mager und fast kräncklich angetroffen, deswegen ihn befraget, woher doch solches komme? hat er von ihm die Antwort erhalten: daß ihm ein böser Mensch, dieses Stück angethan hätte; und wann er wüste, wer er wäre, wolte er ihm das Messer durchs Hertz stossen, [121] u.s.f. darauf sich alsobald der Bruder des Schlosses erinnerte, und freywillig bekannte, daß dieses Schloß im Brunnen wieder zu finden seye. Er hätte es aus Fürwitz gethan und so böse nicht gemeinet. Worauf dann sobald der beleidigte Bruder ergrimmet, diesem seinen Jüngern, das zu allem Unglück in Handen habende Messer in die Brust gestossen, daß er alsobald todt hinter den Tisch gesuncken. Nach welchem also der Brunn ausgeschöpfft, das vermaledeyete Schloß gefunden und aufgethan, ist ihm zwar von Stund wiederum geholffen, er aber darüber zu einem Bruder-Mörder geworden.

Unter allen solchen Bubenstücken aber ist keines gemeiner oder schädlicher, so man Verheyratheten zufüget, als das verdammte Nestel-Verknüpffen, welches auch so gemein worden, daß die Kinder damit umgehen und dasselbe mit einer unverschämten Frechheit treiben, ja ungestrafft, daß man sich solcher Bubenstück nicht mehr scheuet, noch verhohlen hält, sondern sich vielmehr solches unredlichen Handels darbey rühmet, als ob es nichts zu sagen hätte. 7 Bodinus de Dæmonomania lib. 1. c. 6. schreibt: Wir lesen bey Herodoto, daß dem König Amasia aus Egypten, auf dergleichen Weise seine Mannheit sey aufgehalten und verbunden worden, daß er seiner Gemahlin, derLeodice, nicht ehelich beywohnen können; [122] gleicher Gestalt haben auch des Königs Theodorici aus Franckreich Concubinen solche Ligaturen gegen der Königin Hermanbergin gebrauchet. Wie bey Paulo Æmilio vom Leben des Königs Clotarii des andern / zu finden. Die Epicurischen Philosophi lachen und spotten wohl solcher Wunder-Geschicht, aber sie werden wohl kleinlaut, und erschröcken, wann solche Meister auf Nessel-Knöpffen, welche man allenthalben findet, dermassen hinter sie kommen, daß sie ihnen auch durch keine Kunst zu rathen oder zu helffen wissen.

Allhier kan man etliche Sachen anmercken. Erstlich, daß die fleischliche Beywohnung durch zauberische Künste kan gehindert werden. Damit auch dieTheologi übereinkommen, und selbst auch Thomas von Aquin schreibet: daß es wohl müglich sey, so viel ein eintzig Weib belanget, gegen derselbigen einzigen unmännisch verstrickt seyen, aber nicht gegen andere oder viele. Zum andern, daß solches durch ein verborgen, und gleichwohl gerechtes Urtheil GOttes, der solches zuläßt, geschehe. Drittens, daß der Teuffel solche Ligaturen zubereite. Zum vierdten, daß man in diesen Zufällen seine Zuflucht zum Fasten und Beten gegen GOtt nehme. Uber diß vierdte Stück aber ist insonderheit wohl zu mercken, und daraus zu lernen, wie eine Gottlosigkeit es sey, durch teufflische Mittel, wie ihrer [123] viel thun, sich solcher Bindung zu entladen.

Noch ist es viel wunderlicher, daß die kleinen Kinder, so der Zauberey gantz unerfahren, dieses Nessel-Knüpffen auch ins Werck richten können, wann sie allein etliche Wort sprechen, und einen Knopf an einen Nessel machen. Auch fället mir jetzt ein, daß ich den Hauptmann Riole, General-Lieutenant zu Blois, habe hören erzehlen, wie ein Weib in der Kirchen einen Buben gesehen, der, als man zwey Eheliche hat eingesegnet, unter seinem Hütlein einen Nestel geknüpffet; und darüber auch mit dem Nestel begriffen worden, aber alsobald davon geflohen.

Bey oben angeregtem Hildebrando lieset man ferner pag. 91. Als ich noch zu Poictirs auf die grossen Gerichts-Täge, wie man sie nennet, des Königl. Procurators Vice-Regent war, im Jahr 1567. da begabe es sich, daß man etliche Hexen vor mir verklagete, als ich nun zu Hause kehrete, und den geklagten Handel, wie er in der That beschaffen, meiner Wirthin erzehlete, welche dann eine angesehene wohlgeachtete Frau war; da erzehlte sie dargegen: als ein hocherfahren Weib auf solche Kunst, in Beywesen Jacobs von Beauvois, des Insinuation-Schreibers, und meiner, die wir beyeinander in gleicher Herberge lagen, daß es wohl funffzigerley Art und Weisen des Nessel-Knüpfens [124] hätte: als eine, damit man allein einen Ehemann könne einhalten. Die andere, damit man allein ein Eheweib verhindern könte: und solches auf das Ende hinein, auf daß, so eines ob seines Ehe-Gemahls Unvermögen und Ohnmächtigkeit einen Verdruß trüge, es dadurch gereitzet würde, mit andern Ehebruch zu begehen. Zudem, sagte sie, daß man den Mann am leichtesten dißfalls aufhalten könte. Ja, man könte auch einen auf einen Tag, auf ein Jahr, auf all sein Lebelang, oder zum wenigsten so lange, als der Nestel verknüpft bleibe, in der Krafftlosigkeit verstrickt halten. Auch wäre ein Geschlecht der Verknüpffungen, da eins das andere lieb hätte, aber nichts desto minder aufs äusserste verhasset werde: Und eine andre Weise, da sie inbrünstig einander lieben, aber wenn sie einander ehelich machen sollen, zusammen heßlich kratzen und schlagen. Item, daß man Personen verstricken könne, die wohl einander ehelich beywohnen, aber keine Kinder zeugen könten. Ingleichem auch, daß man Ehe-Leute finde, die gantz und gar nicht zu verstricken wären. So auch könten sie den Leuten das Harnen verstricken, welches sie vernagelen heissen, wovon ihrer viel sterben müsten.

Und dieweil solches im Land Poictu so sehr eingerissen und gemein worden, hat Anno 1560. der peinliche Richter zu Niort, auf ein schlechtes Angeben einer jungen [125] Hochzeiterin, die ihre Nachbarin deshalben verklagt gehabt, daß sie ihrem Bräutigam den Riemen verknüpfft, dieselbe in einen finstern Thurn geworffen, und ihr gedrohet, sie ihr Lebtag aus dieser Gefängniß nicht zu lassen, sie habe dann den verknüpfften Mann entbunden. Darauf die Gefangene zwey Tage hernach den jungen Ehe-Leuten entboten, wiederum beyeinander zu schlaffen; sobald nun der Richter vernommen, daß die Verstrickten des Zauber-Bandes entlediget, hat er diese Gefangene auch wieder aus der Gefängniß ledig gelassen.

Marginalien

1 Frage / ob solche eheliche Wercke durch Teuffels-Kunst können verhindert werden?
Wird von einigen bejahet / und von andern widersprochen.
2 Hierüber werden einige Exempel angeführet.
3 I. Geschicht.
4 Einem Grafen wird seine Mannheit benommen.
5 II. Geschicht.
6 Ein Bruder nimmt des andern seine Mannheit durch Schloßeinschlagen.
7 Vom Nestelknüpffen.

10. Vom Alp-Drücken

X.

Vom Alp-Drücken.

Das Alp-Drücken ist eine gantz gemeine und bekannte Sache, wovon Gelehrte und Ungelehrte zu sagen wissen, ja es wird offtmahl mehr davon geredet, als geglaubet werden kan: Es ist an und für sich selbst etwas, so die Leute des Nachts im Schlaff befället, und dergestalt drucket, daß sie sich weder bewegen noch ruffen können; aber alles dieses ist eine gantz natürliche Sache. Die Physici nennen diese Kranckheit Incubus, Ephialtes, ist eine Kranckheit, da bisweilen in einem harten Schlaff dem [126] Menschen der Athem also gehindert wird, daß man nicht reden oder um Hülffe ruffen kan. 1 Auch haben solche Leute im Traum die Einbildung, daß ihnen was auf der Brust liege; ja viele wollen närrischer Weise behaupten, sie haben ein Männlein, oder dergleichen was, über das Bett hinauf kriechen, und daß es sich ihnen auf die Brust geleget, verspühret: solches aber wiederfahret sowohl Alten, als Jungen, und dauret zu Zeiten auf eine halbe und gantze Stunde, meistentheils aber auch vergehet es bald wieder. Sie reden auch im Schlaff, allein sie sind nicht zu verstehen. Wenn sie wieder erwachen und alle Zufälle fürbey seyn, so verspühren sie annoch ein Zittern und Mattigkeit der Glieder, gleich ob sie geprügelt wären.

Es begegnet aber dieses Ubel meistentheils denen, so auf dem Rücken liegen, sonderlich, wann solche die Arm beyde über den Kopff legen. 2 Herr D. Zwinger in seinem gewissen Artzt saget p. 106: Viel kleinglaubige und einfältige Weibs-Bilder, welche sich doch einbilden, alle Klugheit im Sinne zu führen, bereden sich und andere, daß solches entweder von einem Gespenst, oder von einer Verzauberung, herrühre: dadurch die Leute als im Schlaff erschröcket werden. Es ist ein vermessene Einbildung, da die Leute viel Kranckheiten, welche schwer zu heilen, gleich von einer Verzauberung herziehen wollen. [127] Die alten Medici, so sich in der Zergliederung des menschlichen Leibes und der Chymie nicht zuviel vertiefft, halten dafür daß solche Kranckheit von einigen aus dem mit Speisen allzusehr angefülleten Magen aufsteigenden Dünsten herkomme, dadurch nehmlich der Magen und die Brust ausgedehnet, und die zu dem Athemziehen nöthige Bewegung des Zwerchfells aufgehalten werde. Weilen sich aber dieses Ubel auch bey solchen Leuten erzeiget, welche ihren Magen bey der Abend-Mahlzeit gantz nicht beschweren, als glaube ich vielmehr, daß solches auch herrühre von einemHalitu narcotico, oder einem dicken, wüsten, sauerlechten Dampff, so sich mit den flüchtigen Lebens-Geistern (sonderlich denen, welche sich aus dem achten Paar der Nerven in die Brust, Lungen, und dieMusculen derselben als Organa respirationis fliessen) vermischet, und dieselbige also entschläffert, daß sie gantz matt durch ihre Nerven gehen, und hiemit auch das Athemziehen hindern, welche Hinderung denn Anlaß gibt zu dergleichen Träumen und Einbildungen, nicht anders als bey den Jünglingen der häuffig in den Saamen-Gefässen gesammlete geistreiche Saame im Schlaff liebreiche Gedancken so lange erwecket, biß ihnen der Saame auch wider Willen ausfliesset. Ich achte also mit vielen Gelehrten, daß bey solcher Kranckheit eine gichterische Zusammenziehung der [128] Nerven in dem Zwerchfell, in den Musculen der Brust, oder auch in den Lufft-Röhren der Lunge vorgehe, welche durch verhinderte Bewegung solcher Theilen den Athem verhalte.

Diejenigen, derer Geblüt mit sauren melancholischen Feuchtigkeiten angefullet, sind diesem Ubel mehr unterworffen, und bekommen dasselbe bisweilen, sonderlich wenn sie auf dem Rücken liegen, da das Geblüt Mühe hat, sich durch die grosse Blut-Adern, Venam cavam, in die rechte Höhle des Hertzens und darauf ferner durch die Lungen in die lincken Höhlen desselben zu schwingen.

Etliche schreiben, wenn einer auf dem Rücken liege, so fasse und drücke der Rück-Grad, und was drunter ist, das Hertz am nachsten; aus dieser Anhaltung werde die Bewegung des Hertzens in etwas verhindert. Wo nun die Bewegung gehemmet werde, da sammlen sich um das Hertz viel Dünste und grobe Qualme, welche hernach ins Gehirn steigen, und allerhand abentheuerliche Schreck-Bilder vorstelleten, gleichsam als wenn ein Gespenst da wäre, welches auf der Brust liege; ja, wenn das Hertz also gepresset werde, so werde auch die Lunge zugleich mit gedruckt, und der Stimme der Paß verleget, also, daß, welche mit diesem Affect beladen waren und anderer Leute Hülff schreyen und begehren wolten, doch die Lunge nicht bewegen, noch [129] eine Stimme von sich geben könten. Andere sagen, wenn der Mensch auf dem Rücken liege, so könten die Spiritus animales nicht herunter kommen, und die Lungen und Thoracem bewegen; dieweil das Gehirn, in welchem diese Lebens-Geister gezeuget werden, das Cerebellum druckte, und also den Gang durch die spinalem medullam denen Spiritibus verstopffte. Vid. M. Gottfr. Voigt im ersten Hundert seines physicali schen Zeit-Vertreibers.

Andere halten dafür, daß dieser Alp, oder Maren, Gespenster seyn, welche von den Füssen hinan kriechen, und den gantzen Leib einnehmen, ja die Leute also verpflichtet halten, daß sie um keine Hülffe schreyen können. Bernhard Gordon. de pass. cap. part. 2.624.

Noch andere sagen, daß diese Alp oder Maren verfluchte Menschen seyn, die keine Ruhe haben, bis sie in der Nacht in den Schlaff-Kammern herum gekrochen, und die Leut gedrucket. 3 Sie geben auch vor, daß, wenn gleich alle Fenster und Löcher zugemachet wären, sie dennoch wohl durch ein gebohrtes Löchlein kriechen könten; wann aber solches eiligst zugestopffet würde, so müsten sie bleiben, und könten nicht wieder von dannen kommen, wenn auch gleich Thür und Thor aufgethan würden. Sie sagen ferner, der Alp steckte seine [130] Zunge den Leuten ins Maul, wenn er sich über diejenigen ausbreitete, und sie also einnehme: daher es dann auch komme, daß die Leut sprachloß würden, und sich ihres Schreyens nicht bedienen könten. Solchem Unheil vorzukommen, müsse man sich ins Bett verkehrt legen, und die Füsse hinlegen, wo der Kopff gelegen, und zum andern nicht auf dem Rücken, sondern auf dem Bauche liegen, damit der heranschleichende Alp, wenn solcher den Kopff suchete, die Post-Prædicamenta finde, und allda seine Zunge hinein schiebe; alsdenn fände er sich beschimpfft, und käme nicht wieder. Sie erzehlen auch, daß jemand einen solchen Alp vertreiben wollen, und habe eine scharffe Hechel auf seinen Bauch geleget, damit er solche Spitzen in sich stossen möchte, wenn er über ihn käme; aber der Alp sey klüger gewesen, und hätte die Hechel umgewendet, und also dem Men schen in den Bauch gedruckt. Vid. Joh. Prætorium in seiner neuen Welt-Beschreibung / part. 1.

Obwohl von oben angeregten M. Prætorii angezogenen Fabeln nichts zu schliessen, so ist doch im Gegentheil zu Zeiten der Teuffel auch nicht müßig, den Menschen, auf Göttliche Verhängniß, auf dieserley Art zuzusetzen: darum auch erfahrne Medici den Alp in natürlichen und unnatürlichen unterscheiden, und solches durch Exempel beglaubet machen, worunter fast denckwürdig [131] und lächerlich scheinet, was bey D. Kœnig in Heptad. Cas. Consc. Miscell. c. 2. und beyFreudio quæst. 79. zu lesen ist: 4 Ein gewisser Rechts-Gelehrter lage in einer berühmten Reichs-Stadt in einem ordentlichen Wirths-Hause, und zehrete auf seine Kosten; ein wohlgefärbter lebhaffter Mann, der bey jedermann gar geliebt, aber noch unverheurathet lebete, derselbe ward schier alle Nächte angefochten, und mit diesem Ubel fast bis auf den Tod geplaget, von Kräfften erschwächet und erschöpffet. 5

Er bediente sich der Aertzte Rath, und gebrauchete fleißig, was ihm geordnet worden, aber alles vergeblich und sonder Frucht; indessen hielt diß nächtliche Drücken immerfort an, mattete und mergelte ihn aus. Endlich kommt ein Landfahrer, der gab ihm den Rath, wenn der Druck aufgehöret, solle er stillschweigend vom Bett aufstehen, und in ein Glaß sein Wasser abschlagen, hernach solch Glaß mit Pergament überall wohl verbinden, und in eine verschlossene Truhe setzen, als denn erwarten, was nachgehenden Tages darauf erfolgen wurde. Der Jurist folgete diesem Rath, und da er abermahl über alle massen abgemattet worden, that er, wie ihm der Landfahrer gesaget. Darauf erschien folgenden Tages um 9. Uhr eine alte runtzlechte Vettel, welche in Gegenwart seiner und seines Rathgebers mit vielen Thränen bittet, er solle doch die Truhe [132] aufsperren, und das vermachete Glaß mit Harn ausschütten, im widrigen würde sie, wegen Verhaltung ihres Harns, das Leben einbüssen müssen. Er wolte solches aber nicht thun, sondern schändete sie hefftig aus, und verzog eine gantze Stunde, ehe er ihr Hülff wiederfahren ließ. Weil sie aber ohne Unterlaß heulete und weinete, ließ er sich erbitten und bewegen die Truhe zu eröffnen, und goß das Glaß aus Aufstehenden Fuß aber fieng sie an im Zuschauen aller Anwesenden ihr Wasser lauffen zu lassen, welches längst der Gassen bis an ihr Hauß währete, woraus man erkante, daß sie eine Hexe ware, und diesem Menschen zeither solche Plage angethan hatte, denn von selbiger Zeit an ist er gleich gesund und von dergleichen Drucken nicht mehr beschweret worden.

Ein dergleichen erzehlt D. Frommann lib. 3. de fascinat. Magica part. X. Sect. 2. c. 5. p. 966. wie er berichtet, in seinem Vaterland auch kund und ruchtbar worden: 6 Nehmlich, daß einer, den gleichfalls der Alp gedruckt, eben dergleichen von jemand erlernetes Mittel zu Handen genommen, sein aufgefangenes Wasser bey der Nacht in ein Glaß gethan, und 3. Tage lang fleißig verwahret habe. Nach derer Verfliessung sey die Magd im Hause zum Mann gekommen, und hätte gebeten, daß er doch das Glaß wider den Boden werffen wolle. Dessen er sich zwar Anfangs [133] geweigert, doch endlich erbitten lassen, auf ernstlich Angeloben, daß sie ihm weiter nicht beschwerlich oder schädlich fallen wolle. Da er nun das Glaß aus der Hand geworffen und zertrümmert, hat diese Hex, noch unverruckten Fusses, einen gantzen Strudel Wasser von sich geströhmet, und ihren so lang bishero zusammen gesparten nassen Schatz auf einmahl ausgelediget. Sie ist aber nachmahls, nachdem sie reiff zur Straff gewesen, auf dem Scheiterhauffen verbrannt worden.

Noch ein Exempel führet Francisci in seinem Proteo an, von zwey Jungfern, welche Schwestern, und von ihren Eltern wenig Verlassenschafft, sich mit künstlicher Hand-Arbeit, in einem Bestand-Zimmer, in einer gewissen Stadt, ehrlich hinzubringen sucheten. 7 Selbige wohneten in einem Hauß, da es wegen eines Gespenstes nicht allerdings rein war: Allda sehr offt, ja manche Woche wohl 3 bis 4 mahl des Nachts, so bald sie im Bettlagen, etwas auf sie gefallen, und mit überaus schwerer Bürde gedruckt hat, daß sie weder schreyen noch Hülff ruffen können; welches ihnen nicht allein im Schlaff, sondern auch wachend widerfahren. Ist öffters auch bey Mondschein, wie ein düsteres Schatten-Bild, zu ihnen kommen, und hat sich auf ihr Bett geworffen. Uber dieses klageten sie nicht nur über die Nacht allein, sondern, daß solches auch bey hellem [134] Tage von ihnen in ihrer Wohn-Stube und Kammer gesehen würde, habe auch zu mehrmahlen bey heiterm Tage ein Gewerffe und Poltern in der Stube angerichtet, daß fast niemand darvor bleiben konnen; bis ihnen endlich gerathen worden, solch Zimmer zu verlassen: und nachdem dieses geschehen, hätten sie beyde guten Frieden und Ruhe gehabt. Woraus zu schliessen, daß solch Drücken nicht allemahl Hexen sind, sondern, daß sich auch vielmahl der Satan in derer Gestalt einfinde.

Heurnius in Tract. de Morb. Capitis cap. 30. erzehlt, so unlängst (seiner Zeit) in diesen Jahren etlichen Personen begegnet ist. Ich erinnere mich, schreibt er, daß, als ich noch ein kleiner Knabe war, ich neben einer ehrbaren und gar tugendhafften Matron schlieff, indem dieselbe einsmahls im Schlaff lage, erblickte ich einen schwartzen Kerl, der sich über sie auf das Deckbett zu legen schien: des Morgens klagete sie, der Alp hätte sie befallen; Ich, ob ich schon nur ein Knab war, durffte ihr doch von solchem schwartzen Kerl nichts sagen, weil er mich bedrohet hatte, wofern ich etwas davon ausschwätzen würde.

Eine Geschicht von einem Alp, welche auf dem Schloß Torgau in meiner Kindheit passiret, will allhier noch mit anhencken: 8 Als ich noch ein Knab war, muste [135] ich in der Kammer bey einem Dienstmägdlein schlaffen, welches meiner seligen Mutter aufzuwarten pflegete: in derselben Kammer aber muste auch die Köchin, wiewohl in einem besondern niedrigen Bettlein liegen. 9 Dieselbe beschwerte sich auch, daß manche Woche zu zwey bis dreymahlen sich etwas zu ihrem Bett nahete, und sie dermassen peinigte, daß sie unmöglich einen lauten Schrey thun könte: wordurch fast eine solche Furcht erwüchse, daß man ungern mehr in solcher Kammer schlaffen könte: als nun solches ruchtbar worden hat sich dieser Alp in 14. Tagen nicht mehr in der Kammer spühren lassen: worauf mein seliger Vater allerhand Argwohn geschöpffet, und weilen man genaue Achtung auf das Gesind hatte, ist auf den Laquay gemuthmasset worden, daß derselbe, weil er offt mit der Köchin allerley Schertz getrieben, unfehlbar der Alp seyn müsse, weswegen gedachter mein Vater dem Schreiber, welcher in einer Kammer mit dem Laquay geschlaffen, einen Thaler versprochen, wann er hinter diesen Possen kommen könte: dieser aber wurde dadurch ein guter Wächter, hielt sich bey der Sache, um des versprochenen Thalers willen, gantz geheim, und da einmahl, als sie in ihre Kammer zu Bett gehen wollen, der Laquay sich niederzulegen gesäumet; thate der Schreiber als ob er schon eingeschlaffen; damit schliche der gute Laquay heimlich [136] aus der Kammer, und wolte, wie er sonst mehr zu thun gepfleget, die Köchin drucken: über eine kleine Weile schleichet solchem der Schreiber barfüßig nach, und findet der Magd Kammer offen, ziehet solche Thür zu, und weil dieselbe eine Anwurff-Kette hatte, vesperrete er damit die Thür, daß niemand heraus kommen konte: und gehet damit nach meiner Eltern Zimmer, klopffet leise an, und sagete, wie er vermeinet, daß er den Alp in der Magd Kammer gefangen hatte: ob es aber gleich schon über Mitternacht war, stehet doch mein Vater auf, und nimmet zu sich einen Corporal mit 2. Mußquetirern, gehet nach der Kammer, und findet in solcher den leibhafften Alp, welcher eben beschäfftiget gewesen, zum Fenster hinab zu springen, so doch sonder Lebens-Gefahr nicht geschehen konte: lässet den so lang gefürchteten Alp in Arrest nehmen, die Köchin aber in eine andere Kammer sperren, bis an folgenden Morgen: allwo beyde ihre bisher geübete Leichtfertigkeit gütlich gestanden, die dann beyde nach gewöhnlichen Rechten mit 14. tägiger Gefängnuß bestraffet, und aus dem Dienst geschaffet worden, der Laquay aber hat allzeit hernach den Nahmen Alp behalten müssen.

Marginalien

1 Was solches eigentlich für eine Kranckheit ist.
2 Verschiede Meynungen / wovon solches Ubel entstehe.
3 Fabelhaffte Meynung von dem Alp.
4 I. Geschicht.
5 Offter ist doch der Satan dabey im Werck.
6 II. Geschicht.
7 III. Geschicht.
8 IV. Geschicht.
9 Von einem natürlichen Alp.

11. Von Nacht-Gängern

[137] XI.

Von Nacht-Gängern.

So werden hin und wieder, ausser der Heil. Schrifft, vielerley Geschichte von den Nachtwanderern, oder mondsüchtigen Leuten, wie dieselbe bey nächtlichen Zeiten auf Lebensgefährlichen Wegen, hin und wieder klettern könten, beschrieben; auch unter dem Schutz der heiligen Engel ohne Schaden erhalten würden, daß der böse Feind in dergleichen Zufällen keine Macht habe, solchen kranck-behaffteten Menschen einiges Leyd zuzufügen, unter was für eine Art Kranckheiten aber solche Nachtwanderey zu zehlen, davon hat meines Wissens noch keine gelehrte Feder genugsamen Bericht gegeben; unter was für Krafft und Würckung doch ein solcher Mensch so wunderliche Wege, ohne Halßbrechen oder Fallen und Hindernus, gehen könne. Ja, es ist bey solchen Nacht-Gängern noch bey vielen streitig, ob solche auch dasjenige thäten, was insgemein von ihnen gesaget werde, ob sich diejenige, so solches wollen gesehen haben, nicht selbst irreten; daß solche Menschen da oder dort herum geklettert wären: oder ob solche, die davon erzehlen und es selbst gesehen zu haben vermeinen, [138] nicht etwa in einem tieffen Schlaff gelegen, und es ihnen also getraumet hätte.

Es wird aber von zweyerley Arten solcher mondsüchtigen Leute geschrieben, als eine, wie obgedacht, die des Nachts einher wandern; und wieder andere, welche nur verzuckt wären: 1 welche gleich als Todte da liegen, und auch mehrmahls für todt gehalten werden; wie dergleichen Felix Maurer im Wunder der Welt Part. 1. pag. m. 80. angemerckt: daß ein Gelehrter berichtet, wie ein Schulmeister zu Wimbach, einem Schwartzenburgischen Dorff in Thüringen, vor ohngefehr etlich zwantzig Jahren kranck darnieder gelegen, also, daß er auch dem Ansehen nach Todes verblichen. 2 Wie nun sein Weib und andere Angehörige vermeineten, daß er gestorben wäre, sandten sie jemand nach Angstett, weil Wimbach des Pfarrers zu Angstett sein Filial ist, und bestellten bey dessen Vater, als damahligen Pfarrer, das Begräbniß. Weil aber in gedachtem Wimbach damahls noch mehr Patienten lagen, die dessen Vater öffentlich zu besuchen pflegete, war er gleich auf dem Wege begriffen, als der Schulmeisterin Bote ihm begegnete, und den Tod des Schulmeisters vermeldete; als aber der Vater zum ersten Patienten kam, vernimmt er alsbald, daß eben jetzo der verstorbene Schulmeister wäre wieder lebendig worden, und [139] redete von nichts anders, als von allerhand Gesichtern, die er in seinem vermeinten Tod gesehen hätte. Der Pfarrer begab sich alsobald dahin, und befand es also: der Schulmeister gab vor: es hätte der HErr Christus ihn in die Hölle geführet, und ihm den Ort und die Qual der Verdammten gewiesen, und nennete bey seiner Erzehlung viel bekannte und unbekannte, auch noch am Leben befindliche Personen, auch die er sein Lebtag nicht gesehen hatte, welche ihm alle in der Hölle als Verdammte gewiesen worden, mit Vermeldung ihres Verbrechens, und war wunderlich, daß er die Gestalten derer, die er gesehen, so genau beschrieb, daß auch diejenige, so solche im Leben gekannt hatten, sagten: Es wäre gleichsam, als ob der Schulmeister ihnen als der accurateste Kunst-Mahler die Person fürmahlete und für Augen stellete, ohnerachtet der Schulmeister selbst solche niemahl gekannt hatte. Am allerwundersamesten aber war es, daß er einige vornehme Personen, die noch am Leben waren, und die er doch sonst ausser seiner Entzuckung niemahls gesehen, noch gekannt, oder viel von ihnen gehöret, dennoch in der Hölle mit gewisser Marter beleget, wolte gesehen haben, und erzehlte die darbey vermerckte Umstände so nachdencklich, daß sich jederman verwunderte. Wie dieser Schulmeister nun allerhand solche Ding umständlich genug beschrieben [140] hatte, sagte er: Nun hätte er ausgerichtet, was ihm befohlen worden wäre: nun wollte er sich auch vom HErrn Christo lassen in den Himmel führen. Und lag hierüber eine Stande gantz stille, und verschied hoffentlich selig.

So hat man auch Exempel, daß Menschen also als Entzuckt- oder Todte zur Erden gefallen, haben eine geraume Zeit also gelegen, und, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, mehrmahls von weit-entlegenen Orten her allerhand Relation bracht, und wenn man mit Gelegenheit an solchen Orten nachgeforschet, hat man erfahren, daß alles aufs genaueste eingetroffen, wie wir denn uns erinnern, von einem Lappländer dergleichen Historie gelesen zu haben. 3 Es soll einsmahls ein Frantzoß an einen sehr weit-entlegenen Ort verreiset gewesen seyn, und da er so sehnlich Verlangen getragen hätte, zu wissen, was sein Weib und Kind zu Hause machen würden, hat sich ein dergleichen Lappländer, der eben zugegen gewesen, erboten, um die Gebühr innerhalb wenig Stunden Nachricht zu bringen. Dieser hätte dem Lappländer ein gewiß Geld verheissen, jedoch mit dem Beding, daß er ihm ein gewisses Zeichen aus seiner, des Frantzosen, Heymath aufweisen und mitbringen würde, daß er die Wahrheit sagete. Obwohl der Frantzoß nicht vermeynete, daß ihm der Lappländer solches verheissen würde, hat [141] er sich dessen doch entbotten. Hierauf wär der Lapplander, nachdem etliche seines gleichen mit Trommeln um ihn her gestanden und getrommelt, schnell zur Erden gefallen, und etliche Stunden als todt gelegen, bis er wieder zu sich selbst gekommen, und dem Frantzosen nicht allein alles erzehlet hätte, in was für Zustand er sein Weib und Kinder angetroffen, sondern hätte auch seiner Frau ihren Trau-Ring, den der Frantzoß ihr bey seiner Vermählung gegeben, zur Versicherung, daß er wahrhafftig Nachricht hätte, ihm überreichet. Dieser hat solchen gekennet und mit Erstaunen angenommen. Und da er nach geraumet Zeit von seiner fernen Reise wieder nach Hause kommen, und alsbald an seiner Frauen Finger den Trau-Ring vermisset, hat er sie um solchen gefraget, die ihm denn zur Antwort geben, daß, als sie sich einsmahls in seiner Abwesenheit gewaschen, und den Ring auf den Tisch geleget, ohnerachtet niemand zu selbiger Zeit bey ihr, als ihre Magd, in der Stube gewesen, und als sie solchen nach dem Waschen wieder anstecken wollen, wäre solcher verlohren gewesen: und ob sie wohl die Magd, als die unfehlbare Diebin, zur Hafft bringen lassen, welche auch gebührend bestrafft worden, hätte sie dennoch ihren Ring nicht wieder bekommen können. Wie nun der Frantzoß genau nach Zeit und Stunde geforschet, wäre alles accurat eingetroffen [142] mit der Zeit, in welcher der Lappländer verzuckt gelegen hätte. Worauf er der Frau diese Begebenheit erzehlt, und, zu ihrer grossen Verwunderung, den Ring wieder an ihren Finger gesteckt. Aus dieser Historie will der Autor urtheilen, daß bey entzuckten Personen die Seele wahrhafftig aus dem Liebe müsse abgeschieden seyn, und weil der Lappländer so schnell einen so weiten Weg hin und her seinen Geist hätte können wandern lassen, welcher Geist oder Seele zugleich die Gewalt habt, einen Ring so weit mit sich hinweg zu nehmen, so glauben wir, daß mehrmahl auf solche Weise auch Gespenster und Polter-Geister erscheinen können. Ob zwar will gezweiffelt werden, daß diese Begebenheit warhafft geschehen sey, so muß man doch nicht glauben, daß der Geist des Lappen selbst solche Reise verrichtet, sondern vielmehr, wenn es eine wahrhaffte Geschicht wäre, daß solches mit Hülff des Teuffels geschehen sey.

Weil aber unsere Meynung nicht ist, allhier von den entzuckten Geistern der Menschen, sondern allein von den Nachtwanderern zu reden, so setzen wir diese Materie an Seiten, und sagen, wie offtmahl solche Menschen grosse Wunder-Dinge, ohne ihr Wissen und Willen, vollbringen können, welche des Nachts bey Mondschein im Schlaff aufstehen, zum Fenster hinaus steigen, in andere Häuser [143] lauffen, und auf solche Wege steigen, darauf sich am Tag niemand zu wandelen unterstehen würde, die die verschloßne Thüren öffnen, gehen dadurch ein und aus, und machen sie unvermerckt wieder zu, steigen offtmahls auf die Dächer und andere ungewöhnliche Oerter, gehen auch wieder in ihr Bette und schlaffen, und wenn sie erwachen, wissen sie nichts von allem, was sie gethan haben, oder vermeinen, es habe sie geträumet. Nachdencklich ist es aber, daß so lange niemand solchen Nachtwanderern in den Weg kommet und in ihren Irr-Wegen mit Nahmen ruffet oder stöhret, sie auf schmalen höltzernen Rinnen und andern gefährlichen Wegen, ohne einigen Schaden, hinlauffen können, wie die Katzen; sobald aber, als sie mit ihrem Nahmen geruffen werden, besinnen sie sich, und wissen im Augenblick nicht weiter zu kommen. Derowegen es nicht rathsam ist, daß man solche Leute stöhre und anrede, weil sie alsdenn gefahrlich fallen würden.

Lavater P. 1. c. 10. schreibt: Ich habe gehört, daß Leute gewesen, die im Schlaff solche Dinge gethan, welche sie wachend nicht hätten thun können. So nun jemand solche Menschen bey Nacht würde wandeln sehen, sie seyen denn gekleidet oder nacket, und nachmahls von einem solchen Menschen hören, daß er zu Hause auf seinem Bette gewesen, würde er nicht anders [144] meynen, als daß er sein Gespenst gesehen habe, solches würde auch geschehen, wenn jemand solche Menschen in seinem Hause umwandeln hören werde.

Horstius de natura Noctamb. c. 1. berichtet, daß im Schlosse Bernstein drey Brüder, Adeliches Geschlechtes, eine Zeitlang beysammen geschlaffen; davon stieg einer einmahl des Nachts im Schlaff nackigt aus dem Bette, nahm sei Hembd mit sich, in stillschweigend zum Fenster, ergriff das Seil, so oben an der Rolle herunter hing, damit man alles auf die Bühne hinauf zu ziehen pfleget, und kletterte daran bis oben hinauf; wie er nun hinauf war, da fand er ungefehr ein Elster-Nest, daraus nahm er die Jungen mit sich herunter und leget sich ins Bett. 4 Als er nun des Morgens erwachete, sagte er zu seinen Brüdern, er wolle ihnen einen wunderlichen Traum erzehlen: Es hätte ihm geträumet, daß er oben auf das Hauß gestiegen und ein Elster-Nest verstöhret, und die Jungen mit sich herunter genommen. Indem nun die andern ihn auslacheten, und er sein Hembd suchete, fand er darinnen die lebendige junge Elstern, und wie sie darauf alle auf den Thurn stiegen, sahen sie, daß das Elster-Nest verstöhret und zerrissen war.

Galenus I. de Musc. motu, schreibt, daß er selbst fast eine gantze Meile, bey tausend Schritte, schlaffend gangen, und [145] nicht erwachet, bis er sich an einen Stein gestossen, und alsdenn befunden, daß ihm solcher Weg, den er zu reisen willens, nicht sauer worden.

P. Salius Diversus de affect. particular. cap. 18. schreibt: Ich kenne einen Jungengesellen, dem da träumte, daß er seiner Geschäffte halber ausreiten wolte, stehet derowegen vom Schlaff auf, ziehet seine Kleider mit Stiefeln und Sporen an, steiget aufs Fenster und sticht die Sporen in die Wand, und schreyet, als wenn er auf dem Pferdt sasse; wie er nun vom Schlaff erwachet und gesehen, daß er leicht hätte können um sein Leben kommen, da erschricket er hefftig, und fraget mich des andern Tages um Rath. Einen andern hab ich curirt, der von Natur zänckisch war, diesem träumte offt, wie er sich mit andern schlüge: derowegen stunde er vom Bette auf, nahm seinen Degen, zoge ihn aus, und schlug um sich herum, wo er zu kam, nicht anders, als wenn er seinen Mann vor sich hätte. Endlich hat man ihm alles Gewehr müssen aus der Kammer nehmen, und allein schlaffen lassen, damit er nicht ihm selbst, oder einem andern, Schaden zufügen möge. Uber dieses kenne ich auch einen Künstler, der im Schlaff die Treppen auf- und nieder stieg und im gantzen Hauß herum ginge, wie er nun einsmahls nacket in sein Gewölb ging, und daselbst aufschloß, begegneten ihm ohngefehr seine Leute, und [146] redeten ihm zu, daß er davon erwachete, und wie er gesehen, daß er nacket, hat er sich aufs höchste geschämet, und gefürchtet, man möchte ihn deßwegen für einen Narren halten, und ist also wachend seiner Wege gangen. Kornmann de mirac. schreibt, daß ein solcher Schlaffgänger einen Knaben unwissend habe umbracht, und Sennerrus Paralip. IX. ad lib. 1.pract. med. erzehlet aus dem Henrico ab Heer in Observat. medic. von einem Jüngling, der des Nachts aufgestanden, Verse gemachet, dieselbe zu Papier gebracht, und um öfftern hergelesen, auch laut darbey gelachet. Als er aber erwachet, habe er nichts davon gewust, sondern seye hefftig erschrocken, da man ihm die Verse und seine Hand gezeiget. Als er eine Frau genommen, soll er offt das Kind des Nachts im Schlaff aus der Wiegen gerissen, hin und her getragen, auch alle Heimlichkeiten entdecket haben, darüber sie ihn nun gefraget, daß er sich selbst zum höchsten verwundert, wie die Frau solches erfahren habe.

Ein gewisser Gelehrter hat in seiner Jugend eine Magd gekannt, welche in Illmenau bey seinem Bruder, dem damahligen Amtmann, gedienet, die einmahl um Mitternacht aufgestanden, und ohnerachtet das Amt-Hauß mit einem blinden Schloß wohl verwahret ware, sie dennoch ohne Schlüssel hinaus gewandert, und so nacket, als sie GOtt erschaffen hat, den [147] Marckt hinunter gelauffen; weil es aber die andere Magd, sammt seiner Schwester, zeitlich innen worden, haben diese der entlaufenen nachgeruffen, worauf sie alsobald unter eines Burgers Hauß-Thür stehen gelieben, und hat sich geschämet bey hellem Mondschein wieder heim zu gehen, daher die andere Magd ihr den Rock hat bringen müssen, und hat er des andern Tages die Magd selbst helffen verlachen, hat aber damahls die wunderliche Eigenschafften der Mann-süchtigen Personen noch nicht in Betrachtung ziehen können. 5 Vid. Maurers grosse Wunder der Welt / Part. 1. p.m. 90.


In Hamburg hat sich folgender Casus zugetragen: 6 Es sey ein gewisser unbewohnter Thurn daselbst, in welchen offt in Jahr und Tag kein Mensch komme, und dessen Thür also stets verschlossen bliebe; es hätte äber ein daselbstiger Goldschmieds-Junge einsmahls in acht genommen, daß im Sommer die Mauer-Schwalben oben in dieses Thurns Mauer hecketen, welches Schwalben-Nest nicht gar weit von einem Loche, das oben im Thurn wie eine offene Thür durch die Mauer heraus gehe, seye, da hätte er manchmahl gedacht, wenn er nur solte zu dem Schwalben-Nest kommen, und solche ausnehmen. Hierauf hätte sich begeben, daß an einem nicht weit von diesem Thurn stehenden Gebau wäre gearbeitet [148] worden, an welchem des Nachts sowohl, als am Tage, grosse Leitern gelegen wären. Einsmahls aber, da andere im Hause aufgestanden, wäre der Jung im Bette vermisset, seine Kleider aber bey dem Bette gelegen, und niemand hätte ihn zu suchen gewust, es wäre aber eine Leiter von dem vorig-gedachten geleget gewesen, als ob jemand hätte darauf wollen in den Thurn steigen, hätte aber, weil die Leiter wohl 6. Ellen bis an gedachtes Loch zu kurtz gewesen, solches unterlassen müssen. Weil es aber gleichwohl bey jedermann einen Verdacht erwecket, aus was Ursache solche grosse Leiter müsse an den wüsten Thurn geleget seyn, als hätte man veranstaltet, daß die Thüre eröffnet würde; und als man solchen hinauf gestiegen, und sich umgesehen, hätte man den Goldschmieds-Jungen oben bey dem grossen Loch auf einem Schutt-Hauffen in tieffem Schlaff liegend gefunden, also, daß man ihn kaum erwecken können. Da solcher nun erwachet wäre, hätte er nicht gewust, wo er sey, und wie er dahin kommen, am allermeisten aber hätte sich jedermann verwundert, wie er, als ein schwacher Knab, solche grosse Leiter an den Thurn bringen können, welches doch der stärckste Bauer alleine zu thun nicht vermocht hätte, ingleichem, wie er hätte von der Leiter vollends an das Loch steigen, da doch solche etliche Ellen zu kurtz gewesen; weßwegen [149] zu verwundern, ob es doch hat natürlicher Weise zugehen können.

Oben erwehnter Autor schreibt: 7 Mir fället noch eine seltsame Begebenheit ein, derer sich auch noch viele erinnern werden, wie vor ohngefehr zwey und dreyßig Jahren ein Schuler in Arnstadt sich sehr betruncken hatte, und in solcher Völlerey in sein Hospitium ging, seines Hospitis Degen in die Hand nahm, wieder hinaus vor die Thür lieff, und mit vielem Fluchen und Lästern seinen Wirth heraus forderte. Da aber die Nachbaren und Burger in der Zimmer-Gasse daselbst zulieffen, dieser Unfug zu stillen, lieff der bezechte Schüler ins Hauß hinauf, auf den Boden, stieg hurtig zu einem Dach-Fenster hinauf, auf das Dach, bis an den Forst, als ob er auf ebener Erde tantzete, risse die Ziegel auf, und warff damit nach denen, die ihn in Arrest nehmen solten, bis er endlich, durch gütliches Zureden, dahin gebracht wurde, daß er wieder herab stieg, er ward aber von den Burgern in Arrest genommen, worbey er, weil er sich gewaltig widersetzte, auch sein Antheil Schläge bekommen, da man ihn denn in die Wacht-Stube unters Rath-Hauß führete, und ob ihm wohl die Herren Geistliche und Herren Præceptores zuredeten, war doch alles sonder Frucht, bis er den Rausch ausgeschlaffen hatte. Alsdann wuste er von allem nicht das wenigste, was er gethan[150] hatte: und wann er nüchtern hätte wieder sollen auf das Dach steigen, und darauf, gleich trunckener Weise, herum hüpffen, wäre es ohne Lebens-Gefahr nicht geschehen. Ob nun wohl dieser Casus nicht unter die Mann-süchtigen zu zehlen, so ist doch die Frage, welcher gestalt dieser trunckene Mensch auf solchem gefährlichen Wege erhalten worden.

Wann man nun nach der Ursach solcher Nachtgänger ihrer Bewegung fragen möchte, so könte zur Antwort folgen: daß die Spiritus animales oder die Lebens-Geister und Musculen den halb-schlaffenden Leib bewegen und fortbringen, vermittelst der Phantasie und Einbildung, die mit ihren Traum-Bildern und Gesichtern beschäfftiget ist. Worzu dann auch offtmahls viele sonderliche Ursachen helffen können, als der Mond, feuchte Lufft, Trunckenheit, unmäßige Speiß und Tranck, wie auch Melancholey und des Gehirns übele Beschaffenheit, wie Vossius de idol. cap. 25. recht dafür hält. Daß aber solche Nachtgänger nicht fallen, entstehet nicht daher, wie Lemnius de occult. nat. mirac. lib. 2. c. 5. vermeinet, daß ihre Cörper von den erhitzten Spiritibus viel Wind und Lufft bekommen, und also leichter geworden, sondern wegen der Sicherheit, wie Vossius und Sennerrus l.c. dafür halten, und weil die Spiritus animales sich in den äusserlichen Gliedern [151] aufhalten, daß sie ein Ding fest anfassen können. Und darum, wann solche Nachtwanderer aufgeweckt werden, daß sie ihre Gefahr sehen, und die Spiritus aus den Musculis und Spann-Adern nach dem Hertzen hingezogen werden, so sincket der Leib, und sie fallen herunter. Ein mehrers von dieser Ursachen hat Hr. Felix Maurus im grossen Wunder der Welt / Part. 1. p. 27. seq. gar bedächtiglich beschrieben.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 Von einem entzückten Schulmeister.
3 II. Geschicht.
Von einem entzuckten Lappländer.
4 III. Geschicht.
Von einem Nacht-Wanderer.
5 IV. Geschicht.
6 V. Geschicht.
7 VI. Geschicht.

12. Vom Nativität-Stellen

XII.

Vom Nativität-Stellen.

Es wird von niemand widersprochen werden, daß die Sternkündigkeit eine sehr nützliche und fürtreffliche Wissenschafft ist, woraus man viel Dinge ersehen kan, sofern solche nicht mit Aberglauden gebrauchet wird. 1 Das ist aber eine grosse Vermessenheit, daß die Horocopisten oder Nativität-Steller aus der Geburts-Stunde des Menschen wissen und ihm weissagen wollen, was für Glück oder Unglück, welche Kranckheiten, Heyrathen und dergleichen ihm zukommen werden. Item, wie es dem Menschen in seinem Leben, Stand und Beruff ergehen solle: was er werde für ein Weib oder Mann bekommen, und was heut oder morgen aus ihm werden [152] wird. Ob er fromm oder gottloß, reich oder arm, gesund oder kranck, vornehm oder schlecht, angenehm oder verhaßt seyn werde, und was für Glück oder Unglück er hahen solle? wie auch, ob der Mensch im Bett oder im Krieg sterben, durch Räuber umkommen, im Wasser ertrincken, im Feuer verbrennen, oder eines guten ober bösen Todes von der Welt scheiden werde, und was der Fälle mehr seyn mögen. Vid. Hildebrand. Kunst- und Wunderbuch par. 3.

L. Dunte. decis. cas. cons. cap. 3 qu. 3. berichtet: Der Himmel ist, ihrer Meinung nach, in zwölff Häusser eingetheilet, darinnen die Planeten ihre Behausung haben: Das 1te Hauß soll anzeigen, wie es um die Gesundheit stehe: (nachdem dieser oder ein anderer Planet darinnen scheinet, und sonderlich, wie sie reden, ein Herr des Hauses ist.) Das 2te Hauß soll innen haben den Reichthum. Das 3te Hauß, Schwägerschafft, und wie sich ein Mensch mit Schwägern vertragen werde. Das 4te, die liegende Güther: Das 5te, die Kinder, ob derer wenig oder viel, Knaben oder Mägdlein seyn werden. Das 6te, die Art der Haußhaltung, was für Art Knechte und Mägde er haben werde. Das 7te, was er für ein Eheweib bekomme. Das 8te, weß Todes er sterben. Das 9te, was Glaubens er seyn werde. Das [153] 10te, zu was Dignitäten er kommen. Das 11te, ob er treue oder falsche Freunde haben werde. Das 12te, ob er werde gefangen werden. So besiehet er demnach erstlich das Hauß, darnach den Planeten, der das Hauß innen hat. Und nachdem sich das zusammen reimet, zeiget er an, was für Glück oder Unglück vorhanden, da müssen zwey Planeten seyn benefici, als Jupiter und Venus, und zwey malefici, als Saturnus und Mars; Mercurius ist ihnen so ein guter Geselle, der habe die Natur, daß, in welches Hauß er kommet, und dessen Brodt er esse, dessen Lied er singe. Sol und Luna haben auch ihre Würckung, nachdem sie stehen.

Und wie sie solches lehren, so wollen sie es auch mit Exempeln glaubhafft machen, wie Nicolaus Pfitzerus mit folgendem anweiset, da er spricht: Daß der Fürst der Redner, M.T. Cicero, so jämmerlich sey um seinen Kopf kommen, vermeynet Cardanus de Genitur. Gen. X. sey hergekommen von seiner unglückhafften Nativität, oder Geburts-Stunden: darinnen er den feurigen Blut-Stern Martis und einen feindseligen Gegenschein des tückischen Sterns Saturni und mit dem Jove gehabt hätte. 2 Daß Kayser Nero sich selbst so schändlich ermordet, sey daher gerühret, weilen in seiner Geburts-Stunde der Blut-durstige Martis-Stern in dem siebenden Himmels-Hauß, unglückselig in dem Krebs, [154] in einem gesechsten Schein des heimtückischen Saturni gestanden, obgedachtenCardani Zeugniß nach Genit. XL. Daß der Hertzog von Mayland, Callacius Sfortia, von dreyen zusammen geschwornen Buben mit 13. Wunden umgebracht worden, sey geschehen, dieweil er in seiner Geburts-Stunde die Sonne in dem Wassermann, einem gewaltsamen Zeichen, und den Blut-Stern Martis gleich gegen über stehend gehabt, schreibt abermahl Cardanus Genit. XLIV. Daß der tapffere Krieges-Held, Carolus Borbonius, sein Leben vor der Stadt Rom, durch einen feindlichen Schuß habe einbüssen müssen, schreibt man ebenmäßig der bösen Constelation zu, in welcher er das Licht dieser Welt erstesmahl gesehen: dann er den obersten Planeten, den tückischen Saturnum im ersten Hause, mit dem Drachen-Schwantz und den gewaltsamen Stern Herculis gehabt habe. Virgan, in Isagog fol. 722. Daß Heinricus, der andere dieses Nahmens, König in Franckreich, im Jahr Christi 1559. den 28. Junii, auf dem Beylager seiner Tochter, der Princeßin Elisabeth, im Turnier verwundet worden, darüber er, als er kaum das 40ste Jahr erreichet, sein Leben einbüssen müssen, wurde seiner unglückseligen Geburts-Stunde zugeschrieben. Daß der theure Held, Churfürst Moritz, von einem treulosen Buben verrätherisch und zwar [155] hinterwärts erschossen worden, solle durch eine böse Geburts-Stunde verursachet seyn: da doch andere, und sonderlich der Jesuit, Alexander de Angelis, vermelden, daß die Sternseher in Churfürst Moritzens Geburts-Linien und Stern nichts finden können, welches auf einen plötzlichen und gewaltsamen Tod geziehlet habe. Ja gantz vermessentlich ist dieses von solchen vornehmen Mathematicis gehandelt gewesen, unter welchen auch Cardanus einer ist, welcher dem HErrn Christo seine Nativität aus den Sternen, als Zeichen des Himmels, gestellet, wovon wegen Aergerniß besser zu schweigen ist. Dahero alles solches, was diese Astronomi von dieser Wissenschafft schreiben, nichts, als für ein erdichtetes Werck zu halten. Dieweil die Wissenschafft aller zukünfftigen Dinge GOtt dem HErrn einzig und allein zuzueignen ist. Und was wolte doch auch ein Mensch für Wissenschafft aus den Sternen hohlen, da der Prediger Salomon cap. 10. v. 14. sagt: der Mensch weiß nicht, was gewesen ist, und wer will ihm sagen, was nach ihm werden wird? Und warlich, es kommt nicht von den Sternen, sondern alles von GOtt, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum, Syr. 11. v. 14. Er gibt Weißheit und Verstand, Reichthum und Ehre, darzu ein langes Leben. 1 Reg. 3. v. 12. 13. Er hilfft ihm zu einem treuen [156] Ehegatten: Prov. 19. v. 14. Er stärckt ihn, Esai 41. v. 10. und macht ihn schön Ezech. 31. v. 9. und reich ohne Mühe, Prov. 10. v. 22. und sein Leben und Sterben stehet in GOttes Hand. Ps. 31. v. 16.

Die Altväter haben dieses auch genugsam erfahren, und in ihren Schrifften allzeit solchen losen Weissagungen widersprochen: Lactantius lib. 3. c. 17. schreibt: Es sind teufflische Erfindungen, daß man aus den Sternen, Eingeweid der Thiere, und aus den Gebärden der Vögel weissagen will, selbst auch, da man aus den Götter-Sprüchen und der Necreomantischen Kunst sich ein solches zu thun unterstehet, und was sonst die Menschen entweder öffentlich oder heimlich, auszuwürcken fich bemühen, welche Dinge alle doch an und für sich selbst falsch. Epiphanius lib. 1. rom. 1. nennet sie eine unbeständige und irrige Kunst, wie auch eine unsinnige Thorheit. Der fürtreffliche Arragonische Konig Alphonsus, welcher sonst die Gelehrten sehr hoch hielt, und zu selbiger Zeit keinem in der Stern-Kunst weichen dörffen, hat alle Nativität-Steller von seinem Hof verbannet; weil solche unsichere Wissenschafft von den aberglaubischen Egyptern und Chaldäern ihren Ursprung hätte: sagete auch, als er gefraget worden, warum er den Nativität-Stellern keine Ehre erzeigete: Das Gestirn regieret [157] die Thoren / aber ein weiser Mann weiß /daß ihm das Gestirn nichts zu gebieten hat.

Als ein Astrologus in seinem Prognostico ungescheuet gesetzt hatte: 3 Henricus VII. König in Engelland, würde selbiges Jahr mit Tod abgehen: da ließ der König den Astrologum mit freundlichem Schreiben gantz ehrerbietig abhohlen, und in seiner Gegenwart fragen: ob er in seiner Kunst gewiß wäre? und ob einer aus dem Gestirn etwas gewisses schliessen und anzeigen könne? da nun solches der Astrologus bejahete, und vermeinete, er würde seiner Kunst halber hoch geehret und gerühmet werden, hat der König ihn gefraget, ob er ihm dann auch selbsten eine Nativität gestellet, und wüste, was ihm begegnen würde? und weil die Weyhnachts-Feyertäg vor der Thür, ob ihm wissend, wo er seine Feyertäge halten würde? Da er aber gesaget: nein, das wisse er nicht, hat der König geantwortet: wohlan, so bin ich gelehrter als du, dann ich weiß es; und befiehlt alsobald ihn in den Thurn zu werffen, und nicht eher heraus zu lassen, bis das Jahr vorüber, in welchem gleichwol der König am Leben geblieben. Endlich, so zeiget auch die gesunde Vernunfft, daß diese Betrüglichkeiten und die Kunst billig zu verwerffen ist. Dann es werden ja auf der breiten und weiten Welt wohl alle Tage viel tausend Menschen zu einer Zeit [158] gebohren, und sind gleichwohl nicht einerley Natur, sie lernen und treiben nicht einerley, es begegnet ihnen nicht, einem wie dem andern, gleichmäßiges Glück oder Unglück; welches sonst geschehen müste, so die Stern etwas darbey thäten. Man müste auch schliessen, daß, die im Krieg und auf einen Tag erschlagen werden, oder ein Schiff, so auf dem Meer untergehet, keine andere Leute eingenommen hätte, als solche, welche von den Sternen, schon von ihrer Geburts-Stunde an, darzu bestimmet gewesen, und viel andere Sachen mehr.

Lassenius in seinen adelichen Tisch-Reden im andern Gespräch sagt: Jener Dieb, als er zum Galgen geführet wurde, machete viel Redens daher, warum es unrecht wäre, daß man also mit ihm verfahre; unter andern gab er auch diese Ursache, wie er zum Stehlen gebohren, dieweil dieses oder jenes Planeten Constellation bey seiner Geburt sich ereignet; dem aber ein anderer weißlich antwortete: Bist du zum Stehlen gebohren, so bist du auch zum Hangen gebohren. Hatte also dieser Gesell die Prædestinationem stellarem, oder Stern-Folge, ihm allzu hoch gezogen. Ein hochberühmter Theologus und Chronologus wies einstens dem Herrn Philipp Melanchthoni seine Nativität; als er sie nun besehen, lächelte er, gibt sie ihm wieder, und spricht: Non plus fata, [159] quam pia vota valent; i.e. Gebt euch zufrieden, ein starck Vater Unser kan alle Affecten aufhalten. Abraham Buchholtzer / der vornehme Historicus, saget: Er wisse nur eine Nativität, so allein frommen Christen gemein wäre, in welchem Horoscopo sey GOtt der Vater; im mittlern Himmel JEsus, der Welt Heyland: im sechsten hause der Heil. Geist; im dritten der Teuffel, die Sünde und der Zorn GOttes; im vierten Moises und das Gesetz; im fünfften die Propheten und Aposteln, mit der Glaubens-Form; im sibenden die Sacramenta; im achten die Buß, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe; im neunten das Vater Unser und das Gebet insgemein; im zehenden das Creutz und Gedult; im eilfften der Tod; im zwölfften die allerheiligste Auferstehung von den Todten und die ewige Seligkeit, da der Saturnus nicht über uns, sondern unter uns seyn, und seiner an der uns verübten Grimmigkeit wegen Straff leiden werde, mit dem Anhang, wie die Beträchtung nach seinem Sinne werde, und daß wegen unglücklicher Stirnung des Saturni und Satanæ er sich wenig bekümmere.

Andere werffen ein, man könne doch erweisen, daß die Prædictiones bisweilen eingetroffen, als zum Exempel: 4 Daß der König Henricus IV. dieses Namens am 14ten Martii 1610. zu Pariß in seiner [160] Kutsche erstochen worden, hat ihm auch solches ein Astrologus zuvor verkündiget. Davon schreibt Emanuel von Meteren lib. XXVII. der Niederländischen Historien: Man saget, spricht er, daß den König der Hertzog von Vendome, sein Bastart-Sohn, desselbigen Tages gewarnet habe, weilen der Medicus la Brosse, ein alterAstrologus, gesaget hätte, er solle sich diesen Tag wohl vorsehen, denn es würde ihm nach dem Leben gestellet werden. Der König soll geantwortet haben:La Brosse wäre ein alter Narr, und Vendome ein junger, weil er dem alten Glauben gäbe: aber die Wahrheit hat sich nichts destoweniger gefunden; denn um 4. Uhr Nachmittag ließ der König seine Kutsche anspannen, und wolte mit dem Duc de Suily, seinemThresorir, ins Arsenal oder Zeughauß fahren, Ordnung zu dem künfftigen Triumph, so bey dem Einzuge der Königin und des jungen Dophins solte gehalten werden, anzustellen. Zu ihm sassen in der Kutsche die Hertzogen von Espernon und Mombasson, benebenst zween anderen Herren. Der König wolte nicht, daß ihm die Leib-Guarde damahls folgen solte. Als er nun kam in die Gassen, Lascronerie genannt, bey dem unschuldigen Kindlein, war ihm ein Mörder nachgefolget, der lang auf ihn gepasset hatte, ein grosser starcker Mann. Da nun dem König ein Karrn in den Weg [161] fuhr, dadurch der Kutscher etwas stille halten muste, drange dieser Mörder unter dem Volck hervor, und gabe ihm mit einem an beyden Seiten schneidenden Messer, eines Schuhes lang, zween Stiche zur Lincken hinein, nach dem Hertzen, dadurch die grosse Hertz-Ader entzwey geschnitten worden, daß der König sobald die Sprache verlohr und vorwärts todt niederfiele.

Noch ein ander merckwürdiges Exempel erzehltGe. Ph. Harßdörffer in der 27. Historie des andern Theils grossen Schau-Platzes jämmerlicher Mord-Geschichte von Cariton, einem Edelmann zuUrbino, folgendes Inhalts: 5 Cariton, ein Edelmann zu Urbino, hatte sich von Jugend auf mit zulässigen Wissenschafften nicht vergnügen lassen, und allezeit gelehrter als gottsfürchtiger seyn wollen; sonderlich liesse sich selbiger gelüsten, das Zukünfftige zu wissen, und hatte ihm der Satan durch die Stern-Kunst mit einer ungefehr eingetroffenen Wahrheit viel Lügen verkaufft. Er hatte den Planeten-Lauff in seiner Geburts-Stunde zu Papier gebracht, und auch andere Erfahrne dieser Kunst davon urtheilen lassen, welche alle einmüthiglich geschlossen, er werde keines natürlichen Todes sterben, sondern durch seinen Tochter-Mann ermordet werden. Dieses schwebte ihm unabläßlich in den Gedancken, und wie die bösen Zeitungen [162] mehr, als die guten, einzutreffen pflegen, also schwebte ihm auch dieses stetig in den Gedancken. Er hatte drey Töchter, die nöthigte er alle drey ins Closter zu gehen, damit er keinen Tochter-Mann für seinen Augen zu sehen bekomme. Die zwo ältesten willigten gern in ein so einsames Leben, die jüngste und fleischeste, Eugesta genannt, nahm ihr eine Bedenck-Zeit, welche sie nach und nach verlängerte, und endlich ungescheuet sagete, sie hätte kein Nonnen-Fleisch, und fühlete, daß ihr diese Art zu leben unerträglich, und ihr Gemüth von GOtt darzu nicht gewiedmet: Nachdem nun mit Drohen und Straffen bey ihr nichts zu erhalten, sperrete sie ihr Vater in ein Gefägniß auf sein Land-Gut, da sie weder Sonn noch Mond bescheinen konte, der Hoffnung, sie solte noch froh seyn, daraus in ein Closter zu gehen. Der Verwalter dieses Land-Guts hatte nicht wenig Mitleiden mit dieser unschuldig Gefangenen, und erzehlteMarso, einem Edelmann, der in der Stadt Urbino sich wegen begangener Ableibung nicht dörffen sehen lassen, und auf dieses Schloß in Bauren-Kleidern geflohen war, daß sie, die Jungfrau, wegen ihres Vaters Aberglauben allda gefangen läge. Dieser Marso verliebte sich von hören sagen, und begibt sich also, unbekannter Weise, in des Verwalters Dienst, daß er in wenig Tagen Gelegenheit bekame, diese Eugestam zu [163] sehen, zu lieben, und von ihr geliebt zu werden. Daß der alte Cariton in ihr Versprechen nicht willigen würde, aus seinen besorgenden Ursachen, wusten die bey den Verliebten gar wohl, und entschlossen sich deßwegen, die Flucht zu nehmen, und nach Livorno zu entweichen, welches auch mit Gelegenheit geschehen. Cariton wurde alsbald innen, daß seine Tochter entkommen, und mit einem Bauren-Knecht, Sylvio genannt, (diesen Namen hatte Marso angenommen) nach Livorno gereiset. Hierüber betrübte sich Cariton Tag und Nacht, weil er diesen nicht kennete, der sonder Zweiffel schon sein Tochter-Mann seyn werde, und so viel er Unbekannte ansahe, meynete er allezeit, dieser werde ihn umbringen. Es fügete sich aber, daßCariton den Hertzog von Urbino mit einer bösen Rede beleidigte; und deßwegen nach Livorno fliehen muste; weilen etliche hundert Cronen auf seinen Kopff geboten worden. Also kame Cariton auch nach Livorno, willens nacher Spanien abzusegeln; Marso erkennete ihn alsobal, weil er ihn zuvor bey Hof gesehen, Cariton aber kennet Marso nicht, und will ihnEugesta mit einem Fußsall, benebenst ihrem Manne, um Gnade bitten. Als sich deßwegen Marso eines Tages mit Cariton nebst 2. guten Freunden zu besprechen, anmelden lassen, bildet er ihme ein, es wären Leute, die ihn greiffen und zur Verhafft [164] bringen wolten, nimmet derohalben seine Pistolen und Degen, tritt vor die Thür, und indem sich Marso neiget, schiesset er über sein Haupt hinweg, weßwegenMarso vermeynete, sein Schwieger-Vater wolle ihn ermorden, entblösset den Degen, sich zu vertheidigen, und durchrennet sich Cariton selbsten, daß er zu Boden sanck, Marso aber auch am Arm verletzt worden. Cariton lebete noch bis auf den Abend, und erzehlete den Mißverstand, welcher unter ihnen beyden vorgangen, bereuete seinen Aberglauben, und bate schrifftlich bey seinem Fürsten, als auch bey seinem Tochter-Mann, um Verzeihung, Marso wurde auch vor Gericht frey gesprochen, und erhielt hernach bey seinem Hertzoge gnädige Lands-Huldigung.

Magnus Gabriel Block schreibt in seinem Tractat von der Nichtigkeit der Astrologiæ, p. 100. & 101. 6 Es habe ihn ein alter und glaubwürdiger Mann berichtet, wie er in seiner Jugend in Holland gewesen, und zugleich mit andern Schweden bey einer ehrbaren Wittwen zu Tisch gangen, sie aus einer sonderbaren Gelegenheit mit ihrer Wirthin zu schertzen angefangen, als solte sie nach Verlauff eines Monden sterben; sie nahm solches Anfangs nicht zu Hertzen: weil sie aber von ungefehr in selbigem Monat kranck ward, fing sie an darüber Gedancken zu machen, fassete [165] zuletzt den Argwohn, als wüsten die Schweden mehr, als andere Leute, und möchten sie wohl vielleicht aus Lappland seyn, wovon sie viel Historien erzehlen hören; sie zog sich dieses immer mehr zu Sinne, hatte allzeit darbey ihre Grillen, und starb vor Verlauff des Monats. Und ferner Martinus Hortensius von Delfft in Holland, und Professor Matheseos in Amsterdam, that eine Reise in Italien, da er seine Nativität stellete, woraus er sich selbst verkündigte, daß er Anno 1639. sterben solte, welches auch erfolgete. Er verkündete darneben, daß zwey seiner Reise-Cameraden nicht lange darnach leben solten: der eine von diesen starb bald darauf, der andere, der, wie man vermeinet, Daniel Heinsius soll gewesen seyn, ward so betrübt und abgezehret, daß es nicht weit fehlete, er hätte desHortensii Wahrsagung mit der Wahrheit bestättiget: Ist dannoch bis ins 1683. Jahr am Leben blieben, wieBoilett bezeuget. O der schönen Wissenschafft, sagetDescardes epist. ad Merser. & epist. Boxhorn. p. 144. die da gut ist, Leut umzubringen, welche sonst vielleicht nicht kranck worden wären, wann man es ihnen nicht vorher verkündiget hätte.

Im Gegentheil bezeuget auch die Erfahrung, daß dergleichen Prædictiones das meiste Theil falsch gewesen. 7 Jener reiche Bauer liesse ihm seine Nativität stellen, [166] und da der Sternseher ihm eigentlich die Stund und Minute sagete, und ihn beredete, es festiglich zu glauben, beschliesset er bey sich ein richtig Testament zu verlassen, darüber die Erben nicht zu zancken, das ist: alles zu verzehren. Er fienge es mit guter Rechnung an, und führete es auch also hinaus, daß auf bestimmten Tag dies Todes alles fein sauber aufgezehret gewesen; aber die Rechnung hatte weit gefehlet, dann der Tod ist noch manches Jahr ausgeblieben, und hat den Mann genöthiget, sein Brodt für den Thüren zu erbetteln; Da er diese Worte allemahl darzu gebrauchet: Gebt mir armen Mann / der sich in der Rechnung verstossen hat. Vid. Lassenii Tisch-Reden, l.c. Philippus Camerarius erzehltOper. Subcis. cent. prim. c. 41. daß ein reicher Mann in Lyon, welcher eben durch Anleitung seines Planeten die vermeynte Todes-Stund voraus gesehen, alle seine Güther den Armen gegeben, aber nachmahls die übrige Zeit seines Lebens, welche sich annoch auf ein hohes Alt er erstrecket, betteln müssen. Pabst Johannes der XXII. dieses Nahmens, der etliche den XX. etliche den XXI. nennen, (vorhero Petrus Hispanus) war des Himmels Lauffs wohl erfahren, stellete ihm selbst seine Nativität, und beredete sich selbst, er würde gar alt werden, [167] und lange den Päbstlichen Stuhl besitzen; ließ sich dessen auch offentlich bey den Seinen vernehmen; aber im vierdten Monath hernach, welcher war der achte seiner Regierung, ward er durch Einfallen eines Gewölbes oder Kammer, so er allererst im Pallast zu Viterbo neu erbauen lassen, erschlagen: blieb zwar nicht alsobald todt, sondern er ward unter dem Gehöltz und Steinen hervor gearbeitet, und starb am siebenden Tage. Im Jahr Christi 1277. Videatur Nigrinus in der Päbstlichen Inquisition pag. 488. Es hatte diese Thorheit auch wohl erkannt der Landgraf Wilhelm von Hessen, darum als er über das Buch Joh. Garcæi de Judiciis Geniturarum kam, und darinnen auch seine Nativität gestellet, und sein Alter auf 46. Jahr, 9. Monath, 1. Tag, 22. Stunden, 40. Minuten auscalculirt fande, hat er an dem Rande seinen Nahmen und darbey die Worte aus dem 31. Psalm V. 16. geschrieben: Meine Zeit stehet in GOttes Händen; welche Rechnung dann auch besser eingetroffen, indem er allererst 15. Jahr hernach, und also im 60. Jahr gestorben. Vid. Aug. Pfeiffer in Antimelancholico. l. 1. cap. 29. p. 551.

Aber Gabriel Blok schreibet hierüber in seinen Anmerckungen über die Astrologische [168] Prognostica, und Wahrsagereyen §. 4. also: Niemand wird mir einen unter allen, so sich mit Wahrsagen bemengen, zeigen, der nicht 100. mahl unwahr gesaget. 8 Wann er einmahl die Wahrheit getroffen hat, und wann sich solches zuträget, geschiehet es gemeiniglich auf solche Weise, daß entweder der Wahrsager selbst, oder einer seines gleichen, die Application des Wahrsagens hernach gemacht, nachdem eine Sache sich begeben und vorbey ist: auf allgemeine und verwickelte Worte, von doppeltem Verstand, von welchen man vorhin bereits einen grossen Vorrath gesammlet hat, ehe man sich auf die Wege zum Wahrsagen begeben; daneben man ein unverschämtes und Stahl-hartes Angesicht angenommen, welches sich nicht entfärbet, wann man in Unwahrheit betretten wird. Da man noch wohl hundert Ausflüchte im Vorrath hat, auch zugleich allerhand ungereimte Ausdeutungen des rechten Verstandes der Wahrsagung, als Ursachen des Mißtritts, wann man darüber ertappet wird.

Der Autor dieser Meinung schreibet: Ich verwerffe dann hiemit nicht alle Astrologie, sondern sage vielmehr, daß es eine herrliche und fürtreffliche Kunst sey, daraus man viel ersehen und lernen könne; Aber ich läugne allerdings, daß sie sich über die Dinge, welche allein von Göttlicher Schickung, des Menschen freyen [169] Willen, und andern zustossenden Händeln herrühren, erstrecken solle, nachdem selbst dieser Zeiten witzigste Astronomi, Heuelius, Cassini, Huigens, Bilberg, Krock und andere mehr, einhellig bezeugen, daß die sogenannte Astrologia divinatrix lauter Eitelkeit und Thorheit sey.

Marginalien

1 Was davon zu halten.
2 Exempel / was auf gestellte Nativität erfolget.
3 I. Geschicht.
4 II. Geschicht.
5 III. Geschicht.
6 IV. Geschicht.
7 V. Geschicht.
8 Nativität trifft unter 100. kaum einmahlen.

13. Von der Wünschel-Ruthe

XIII.

Von der Wünschel-Ruthe.

Die Wünschel-Ruthen seynd gemeiniglich Instrumenta, derer sich die Bergleut bedienen, damit zu suchen, wo ein oder das andere zu Metall in Gebürgen anzutreffen: bevor wir aber darüber unsere Meynung entwerffen, wollen wir vorhero betrachten, was Theophilus Albinus in seinem Tractat, so er nennet: das entlarvte Idolum der Wünschel-Ruthe / geschrieben: und zwar 1.) was für Nahmen die Wünschel-Ruthe, und woher sie solchen habe? 1 2.) Was der Ursprung und Erfindung der Wünschel-Ruthe seyn möchte? 3.) Woher die Wünschel-Ruthe pfleget genommen zu werden? 4.) Was wegen der Zeit der Wünschel-Ruthe zu observiren gewesen? 5.) Was bey Schneidung [170] und Gebrauch derselben für Umstände beobachtet werden? 6) Was der Ruthen Gestalt und zu ihrer Führung erforderet? 7.) Und von wem die Ruthe fruchtbarlich könne geführet werden. Alles dieses wird aus Simon Heinrich Reuters Reich des Teuffels / und Maurers grossen Wunder der Welt Part. 1. mit folgendem beschrieben.

Den Anfang von dem Nahmen zu machen; so heisset solche im Lateinischen: Virga aurifera, Metalloscopia, Metallica, und insgemein Virgula divina s. divinatrix. 2 Sie wird auch genennet Mercurialis, nach dem Zeugniß Matth. Wille, aus dem Ezlero pag. 486. seq. entweder vom Stern und Planeten dieses Nahmens, weil sie dessen Natur nahe komme, und Bewegung mache. Oder vom Mercurio, welcher ein Mann von Erfindung vieler Künste gewesen, so er die Menschen gelehret, und daher für einen GOtt gehalten worden: welcher sich auch zwischen den Göttern und Menschen als einen Boten habe gebrauchen lassen. Und der ein trefflicher Physicus gewesen, daß er auch mit seiner Ruthe und Kräutern habe Todte erwecket, dahero er nach dem Tode unter die Götter gezehlet worden. Und bey uns Teutschen wird sie die Glücks-Ruthe genennet, insgemein aber die Wünschel-Ruthe; entweder von dem alten [171] Worte wünschelen, welches nach des Pantomysteri Meynung so viel ist, als wanckeln, schwandern, quas. Virga vacillans; oder von Wünschen, weil man von ihr hoffet, sie werde entdecken und offenbahren, was man wünschet. Matth. Wille. qu. 1. oder von Winden, weil sie sich in der Hand drehet und windet. Id. ib.

Den Ursprung und die Erfahrung der Wünschel-Ruthe bringen etliche auf die Zeiten Noá und dessen Nachkommen, weil Thubalkain Genes. 10, 2. von denen Historicis für einen Vater der Bergleut in Europa gehalten werde, und sey Hiob / weil er ein sonderbahrer verständiger Mann, vielleicht auch ein Ruthen- Gänger gewesen, Hiob. 28, V. 1. 5. 3 Andere ziehen den Ursprung der Wünschel-Ruthen auf die Zeiten Mosis, dessen in der Schrifft offt-ermeldter Stab eine Wünschel-Ruthe gewesen seyn soll. Aber diese Gründe stehen auf schlechtem Fuß: und muß wohl eine andere Ursache seyn, woher solche stamme, wie an seinem Ort melden werde.

Das Gesträuch, davon man vor Zeiten allein die Wünschel-Ruthen gebrochen, war insgemein die Hasel-Staude. 4 Derer gedenckt oben angeführter F. Maurer: Wann auf einer Hasel-Staude eine Mispel wächset, ist eine solche Ruthe stärcker, massen beobachtet worden, daß singulari [172] quadam Sympathia unter dergleichen Stauden eine weisse Feld-Schlange ihren Auffenthalt habe. Und die Gäbelein, welche gegen Aufgang der Sonnen wachsen, sind viel kräfftiger als andere: wann man dergleichen Ruthen ut creaturam Dei suam ad rem creatam durch ordentliche Priester weyhen lässet, oder ohne Aberglauben bey dero Schneidung das Creutz machet, auch heilige Worte mit Andacht und dem Lob GOttes spricht, mag es nicht schaden, sondern ehender den erwünschten Seegen bringen. Heut zu Tage ist alles Holtz tüchtig darzu, als Büchen, Bircken, Tannen, Aeschen, Erlen, Eichen, Apffelbaumen, Birnbaumen, Kirschbaumen, etc. Ja selbst könne man darzu gebrauchen, Drat, Papier, Degen, Fischbein, Lichtputzen, Besen, Knackwürste, Linial, Schneider-Scheeren, Buchbinder-Pressen, Messer und Gabel Creutz-weise in einander gesteckt, Tobacks-Pfeiffen, Bücher mit höltzern Taffeln, Eimer-Rincken, Kessel-Reiffen, Faß-Tauben, in Summa alles, was schnellen und in den Händen gehalten sich niederziehen könne. Doch sind die Ruthen unterschiedlich, indem etliche mit einerley Ruthen alles Metall gesuchet, etliche zu jedem Metall eine besondere gebrauchet, und etliche nur einerley Gehöltze, zu unterschiedenen Zeiten nach der Planeten Regierung gebrochen.

[173] Zu welcher Zeit die Wünschel-Ruthe müsse geschnitten werden, darinn seynd die Rutheler noch nicht einig, etliche geben vor, sie müsse geschnitten werden an einem Sonntag nach dem Neumonden, frühe Morgens, ehe die Sonne aufgehet, und zwar am besten im Monath Sept. und Decembr. 5 Keppelius, Berg-Inspector zu Annaberg, hat darzu recommendirt den Char-Freytag; oder so die Noth solche Zeit nicht erwarten könne, an einem Sonntag, da der Mond voll sey, und zwar auch frühe vor der Sonnen Aufgang. Andr. Libavius beym Vallemont vor der Sonnen Aufgang in zunehmenden Monden, um Mariä Verkündigung, nehmlich um das Æquinoctium Vernum; etliche sagen, sie müsse geschnitten werden an einem Mittwoch, zu der Stunde, da der Mercurius regiere, andere haben sie am Oster-Tage, oder in der H. Christ-Nacht, am glücklichsten vermeynet zu schneiden, oder an denen Solstitiis. Schaub. Dissert. Acad. Marpurg. §. XI. n. 2. Noch andere haben vorgeben, man solle und müsse sie in der S. Johannis-Nacht nacket zwischen 11. und 12. Uhr holen und schneiden, und dieses sollen die besten seyn; scheinet auch, ob wäre bey diesen, wann gewisse Worte dazu gesprochen werden, der Satan am nähesten mit im Spiel.

[174] Man ist auch nicht einig in den Ceremonien, die bey dem Schnitte geschehen. 6 Etliche sagen, es müsse mit einem Schnitte geschehen; andere mit drey Schnitten im Nahmen der Heil. Dreyfaltigkeit. Doch hierinnen kommt man insgemein überein, daß der, so die Ruthe schneiden will, gegen der aufgehenden Sonne stehen müsse, und sie unterwärts schneiden, und dabey ein vest Vertrauen darauf haben. 7

Bey dem Gebrauch der Ruthe gehen auch viel Dinge im Schwang. Etliche legen alles Metall von sich, wenn sie die Ruthe brauchen wollen: andere dargegen, um die Ruthe zu determiniren, nehmen das Metall und etwas von den Dingen, die sie suchen, darzu in die Hand, ander massen sie nicht wissen können, worauf die Ruthe schläget. Und solchergestalt können sie auch wissen, was vor Metall in den Gängen verborgen liege, nehmlich eben das, was von dem Metall in die Hand führe; und wann das Metall nicht fürhanden sey, dergleichen man bey der Ruthe in den Händen habe, so schlage sie nicht, obschon sonst viel andere Metallen zugegen. Es werden aber auch nunmehro viel Dinge mit der Ruthe gesuchet, davon man nichts in die Hand nehmen kan, als Wasser, Diebe, Mörder, gestohlne Sachen und Reinsteine. Andere, um glücklich bey der Ruthe zu seyn, sollen das Evangelium S. Johannis: Im Anfang war das Wort /beten. [175] Vallemont schreibt, daß etliche bey der Ruthe die Worte des 23. Psalms appliciren: Dein Stecken und Stab tröste mich.

Von der Gestalt und Figur der Ruthen vid. Kircherum & Schottum. 8 Man gebrauchet darzu allerley, wie oben angewiesen; und was derer Führung betrifft, so hat man bishero davon keine Gewißheit anzeigen können: doch soll die Ruthe recht müssen gehalten und regieret werden, dafernes fruchtbarlich abgehen soll. Die ausführliche Nachricht davon ist bey oben gedachtem Albino zu lesen.

Von dem Gebrauch der Wünschel-Ruthe ist auch viel zu sagen. 9 Ich will solches aus dem Albino hieher setzen, damit man augenscheinlich sehe, wie sehr die Welt dadurch geblendet worden. Erstlich hat man damit die vergrabene Schätze aufgesuchet, hernach ist sie aber auch zu den unter-irdischen Quellen, Brunnen und sonst verborgen liegenden Wassern applicirt worden, und zwar mit solchem vermessenen Vorgeben, daß die Ruthe zugleich Anweisung thun könte, wie tieff das Wasser liege, wie starck es sey, und was es decke, ob es Kieß, Leimen, Sand oder Felß, und wie viel desselben sey. Martin. Mauritius von den Lassungen der alten Juden referirt aus dem Jesuit Stengel / daß zu seiner Zeit die Ruthe [176] nicht nur die Metallen angezeiget, sondern, daß man dieselben auch gebrauchet hätte, wenn man viele andere Dingediviniren und wissen wollen. Denn eine gantz stracke Ruthe, welche niemand angerühret, habe sich rund gebeuget, ob wolte sie einen Circul machen, wann man den Nahmen dessen, was man wissen wolle, pronunciiret. Vallemontius muß sein Zeugniß auch selbst beytragen, wann er saget: Ich habe sonst noch unterschiedene Personen gefunden, welche gar sonderliche heimliche Dinge mit der Ruthe entdecken. Ich kan auch nicht unreferirt lassen, (spricht Albinus) was mir allhier von einer Weibs-Person, so noch am Leben, freywillig sub Sigillo confessionis ist erzehlt worden. 10 Nehmlich, sie habe in ihrer Jugend in einer vornehmen Stadt gedienet, und sey mit einem Gärtner-Bursch daselbst in Bekanntschafft gerathen, der sie dahin gebracht, daß sie ihm und er ihr die Ehe gantz sancte versprochen, doch mit Bedingung, daß, weil sie noch beyde jung, er noch etliche Jahr reisen, und sie sodann unfehlbar heyrathen wolle; sie soll inzwischen sein eingedenck halten, er auch wolle ihr fleißig schreiben, als er auch gethan, wie davon etliche Briefe, die sie noch bey Handen hat, selbst gesehen. Nach einiger Zeit meldet sich ein anderer Freyer an, und wirbet ernstlich um sie; sie entschuldiget sich aber, sie habe ihr Theil, und hoffe, er werde sich nun bald wieder einstellen. [177] Dieser will nicht ablassen, vorwendend, es werde jener nimmermehr wieder kommen. Das bestürtzte Mensch weiß nicht, was sie wählen soll, und bekommet von einer ihrer Bluts-Freundinnen Unterricht: Es sey ein Mann an einem gewissen Ort in solcher Stadt, der habe ein Wünschel-Ruthe, dadurch er den Leuten sagen könte, was sie zu wissen verlangen. Das Mensch lässet sich bethören, und gehet mit besagter Frau zu dem Wahrsager, um ihn um die Gebühr zu fragen; ob ihr alter Freyer wiederkommen werde, oder ob sie den neuen nehmen solle? da seye der Mann, nachdem er ihr Anbringen vernommen, vor eine Schlange getreten, habe eine eiserne oder draterne Wünschel-Ruthe hervor gelanget, welche gestaltet gewesen wie ein Bogen, oder bey nahe wie ein grosser Nadelschafft, derer beyde Ende er in die Hand genonmmen, und nach gemacheten Ceremonien mit der Ruthe zu reden angefangen, dabey die Ruthe sich immer geneiget und in der Hand gedrehet. Nach allen vorgetragenen Fragen habe ihr der Wahrsager gegen Erlegung 4. Groschen den Bescheid gegeben: Sie könne den ersten Freyer noch wohl bekommen, wenn sie es erwarten könte, der Abwesende meyne es treuer mit ihr, als sie es mit ihm, worüber sie nicht gewust, was sie anfangen sollen. Nachdem aber eine Zeitlang kein Brief erfolget, habe der neue Freyer [178] selbst einen schreiben lassen, und darinn fingirt, es sey jener gestorben, welches er durch andere Leute zu berichten gebeten; darauf habe sie sich diesem versprochen und Hochzeit gemachet. Es sey aber bald darauf jener wiederkommen und habe ihre Untreu angeklaget, und ihr propheceyet, es werde ihr mit diesem Mann nicht wohlgehen; massen auch geschehen, denn ihr Mann sey von solcher Zeit an kranck worden und habe keine gesunde Stunde gehabt, bis er gestorben; sie aber habe solch Creutz nicht sowohl mit der Untreu, als mit der Abgötterey der Wünschel-Ruthe verdient zu haben, geglaubt.

Es wurde auch noch ein anderer Casus erzehlt, der sich wegen eines Diebstahls zugetragen, da man obiger, eben in dieser Stadt, ihre beste Kleider gestohlen, sie aber hätte die Diebe durch den Wünschel-Ruthen-Mann erfahren, und ihr Bestes wieder bekommen. 11

Ein Königlich-Frantzösischer Gerichts-Procurator zu Lyon / Nahmens Viginay, beschreibt eine unerhörte Geschicht von einem Bauer, welcher, durch Anführung der Wünschel-Ruthe, einen Mörder mehr als 45. Meilen zu Lande und 30. Meilen zu Wasser verfolget, also: Den 5. Julii 1692. um 10 Uhr gegen Abend, wurde zu Lyon ein Weinhändler mit seiner Frau in einem Keller todt geschlagen, [179] das Geld, welches sie in einem nahe dabey befindlichen Cabinet, so sie zur Schlaff-Kammer mit braucheten, verwahret, zu stehlen, welches alles mit solcher Behendigkeit und in der Stille verrichtet worden, daß niemand im Anfang etwas davon gemercket, wordurch die Mörder sich aus dem Staub machen konten. 12 Einer der Erschlagenen Nachtbarn aber kennete einen wohlhabenden Bauer, Nahmens, Jacob Aymar / der denen Mördern und Räubern nachsetzen konte, wurde beruffen und vor den Königlichen Gerichts-Procurator bracht, der versprach, wann man ihm den Ort, wo der Mord geschehen, zeigen würde, damit er sich die Impression davon recht machen könne, er den Rechtsschuldigen gantz gewiß auf dem Fuß nachfolgen, und sie, sie möchten auch seyn, wo sie wolten, aufzutreiben sich getrauete; sagete darbey, daß er nichts mehr, als seine zu rechter Zeit, von rechtem Holtz ohne Umstände geschnittene Wünschel-Ruthe gebrauchete, welcher er sich sonst, das Wasser, Bergwerck und vergrabene Schätze zu suchen, bedienete. Worauf der zu den peinlichen Sachen bestellte Richter den Bauer in solch Gewölb schickte, wo die That geschehen war: allda kame er gantz aus sich selber, sein Pulß schlug ihm, wie er in hefftigen Fiebern pfleget, und die Ruthe, so er in der Hand hielt, schlug an den zweyen Orten, wo man die beyden entleibten Cörper gefunden hatte.

[180] Des andern Tages ging er aus der Stadt über die Brücke, so über die Rone gehet, stets seiner Ruthe nach, und lenckte sich auf die rechte Hand, dem Fluß die Länge hinauf; die drey Personen, so ihn begleiteten, bezeugeten, daß er mannichmahl die Spur aller drey Mitschuldigen, und auch bisweilen nur ihrer zwey, gewahr wurde: bey dieser Ungewißheit führete ihn seine Ruthe bis an das Hauß eines Gärtners, da wurde er deren Anzahl vergewissert; dann, als er dahin kam, behauptete er mit aller Macht, daß sie um den Tisch gesessen, und unter 3. Flaschen, welche in der Cammer waren, eine angerühret hätten, auf welche auch die Ruthe gantz sichtbarlicher Weise schlug. Endlich bekannten 2. Kinder von 9. bis 10. Jahren, daß 3. Kerl, welche sie beschrieben, sich, weil sie die Thür offen gelassen, in das Hauß geschlichen, und Wein aus der Flaschen, welche der Bauer bemerckt, getruncken hätten.

Auf dieser Kinder Aussage ging der Bauer mit seiner Gesellschafft eine halbe Meil am Ufer der Rone hinunter, allda wurden sie die Fußtapffen dieser Vögel gewahr, worauf sich der Bauer die Rechnung machete, daß sie sich aufs Wasser begeben hätten, und folgete ihnen auch so genau nach, als auf dem Lande, und ließ sich mit seinem Schiffe der Spur nach unter einem Bogen der Brücke wegführen, wordurch man sonst nicht zu fahren pflegete; [181] dahero muthmassete man, weil die Vögel vom rechten Weg abgewichen, daß sie keinen rechten Schiffer müsten gehabt haben. Auf solcher Reise liesse der Bauer aller Orten, wo diese Vögel geländet, anfahren, und wuste, mit grosser Werwunderung der Wirthe und Zuseher, die Betten, darin sie gelegen, die Tische, woran sie gespeiset, und die Geschirr, so sie rühret, zu zeigen. Endlich kam er in das Lager bey Sablon, allda er eine viel stärckere Bewegung bey sich fand, und hielt sicher dafür, daß er diese Mörder unter der Menge der Soldaten ausspühren würde. Er dorffte aber, sich dessen zu versichern, seine Ruthe nicht gebrauchen, aus Beysorge, von den Soldaten Ungelegenheit zu bekommen. Gieng also, der Ursach wegen, wieder auf Lyon, von dar man ihn zu Wasser mit Recommendations-Schreiben wieder zu Wasser nach Sablon schickete. Er traff aber diese Schelmen nicht mehr da an, verfolgts sie aber und war stets hinter ihnen her, bis a la foire de Beaucaire, in Languedock, und zeigete auf diesem Weg alle Betten, Tisch und Stühle, so sie berühret.

Als er nun zu Beaucaire war, und auf der Gassen suchete, führete ihn die Wünschel-Ruthe vor die Thür eines Gefängnisses, da er ausdrücklich sagete, daß einer von solchen Vögeln darin wäre; als man nun aufgemachet, wiese man ihm 14. [182] bis 15. Gefangene; er ging vor alle mit der Ruthe, sie bewoge sich aber vor keinem, als vor einem, mit Nahmen Bossu, welcher kaum vor einer Stunde wegen eines geringen Diebstahls eingekommen war. Der Bauer sagte stracks, daß dieses unstreitig einer der Mörder-Gesellen wäre, und machete sich darauf fort, die andern aufzusuchen, und befand, daß sie einen Fußsteig, der auf den Weg nach Nismes führete, gegangen wären; ward also diesesmahl weiter nichts vorgenommen, als daß man den Bossu nach Lyon führete, welcher dem Bauer widersprach, und schwur, daß er keine Wissenschafft von dem Mord hätte, und noch niemahl zuLyon gewesen wäre.

Unterdessen führete man ihn eben den Weg zurück, den er auf der Flucht genommen, und von dem Wirth, wo er zur Herberg gelegen, erkannt wurde; gestunde zu Bagnols, daß er in eben dem Hause, als er dieRone hinunter in Gesellschaft zweyer Kerl gereiset wäre, gewesen. Er gestunde, daß es 2. Provenzaler wären, so ihn vor einen Diener angenommen, und ihn gezwungen, sich in die That mit zu mengen, er aber hätte dabey weder gemordet noch geraubet; und, daß diese Provenzaler diesen Diebstahl und Mord allein begangen, davon er nicht mehr als sechs und einen halben Thaler bekommen. Diese Bekänntniß ware dem Bauer [183] fast lieb, weil daraus abzunehmen, daß er sich nicht geirret hatte. Und was das allermercksamste, so konte der Bauer den gantzen Weg lang nicht hinter dem Bossu hergehen, weil ihm allezeit gantz übel ums Hertz war; derowegen muste er allzeit voran gehen.

Der Bossu bekannte bey dem ersten Examen zuLyon, daß den Tag, da der Mord geschehen, zween Kerl, so Provenzalisch geredet, ihn in einen Kauff-Laden geführet, allda sie zween Holtz-Aexte gekaufft, und um 10. Uhr auf den Abend hätten sie alle drey sich zugleich bey einen Weinhändler begeben, welchen sie veranlasset, daß er mit seiner Frauen, unter dem Vorwand, eine grosse Flasche voll Wein zu füllen, in den Keller gangen, darauf wären die Provenzaler, ohne ihn mitzunehmen, mit den armen Leuten hinunter gestiegen, und hätten sie mit den Aexten todt geschlagen: darauf wären sie wieder in den Laden kommen, hätten einen Kasten eröffnet, und daraus 130. Thaler, 8. Louis d'Or, und einen silbernen Gürtel gestohlen; hätten sich darauf hurtig davon gemachet, und in einen grossen Hof verstecket, da sie denn des Tages darauf zur Pforte, nahe an der Rone, heraus gangen, und in eines Gärtners Hauß, in Beyseyn zweyer Kinder, getruncken. Bekannte auch, daß sie an dem Fluß einen Kahn loßgemachet, und im Lager zuSablon und zu Beaucaire gewesen, und daß sie eben[184] bey dem Wirth gelegen, allwo sie der Bauer, desto besser Kundschafft von ihnen haben, durchführen lassen.

Diese des Bossu Bekänntniß erläuterte viel Dinge, dahinter man zuvor nicht kommen können. Dann man fand in dem Laden, so sie an statt der Kammer brauchten, eine neue Holtz-Axt, so gantz blutig, und eine Flasche, so fast voll Wein gefüllet war.

Unterdessen wurde dem Bossu der Process mit allem Fleiß gemachet, und als der Bauer wieder kam, wurde dieser Missethäter, so sich nur von 19. Jahren ausgab, lebendig gerädert zu werden, verurtheilet, und als er vor dem Hause des Weinhandlers vorbey geführet wurde, lase man ihm das Urtheil vor. Es war nun der arme Sünder kaum vor das Hauß gebracht, so bate er aus freyen Stücken die guten Leute um Verzeihung, und bekannte, daß er schuld an ihrem Tod wäre, indem er diesen Diebstahl angegeben, und zu der Zeit, da der Mord geschehen, Schildwacht gehalten hätte.

Wenn man wegen der Reinn-Mahl, Marcksteine und Gräntzen streitig worden, hat man gleichfalls nach vielem Disputiren, auch wohl Processiren, seinRefugium endlich zur Ruthen genommen, und dadurch vermeinet gefunden zu haben, was niemand anders auswicklen können. 13 Ja man ist gar zum Schergen oder Büttel worden, [185] und hat angefangen, Diebe, Mörder und Ehebrecher damit aufzusuchen; und dabey hat es die Curiositê noch nicht gelassen, denn es wird erzehlet von einer Jungfrau und Kauffmanns- Tochter, daß sie, vermittelst der Ruthe, die Gebeine der canonisirten Heiligen von andern, welche nichtcanonisirt, unterscheiden können; sie soll auch die Probe wohl erwiesen haben, indem ein ansehnlicher Mann, den dieses Wunder genommen, Reliquien herbey schaffen lassen, eine Art von Gebeinen, so von Rom kommen waren, über welcher sich die Ruthe mit grosser Ungestümm herum gedrehet; und einander Paquet, darinnen nur einige Stücker Zeug, welche einem Carmeliter von Burgund, so aus allzu grosser Frömmigkeit gestorben war, gedienet hatten, da die Ruthe einen gantz andern Effect gethan, und schier keine Bewegung gehabt, und das Mägdlein, so sie geführet, ausgeruffen: Ach! ach! es muß hierin nichts von einem rechten Heiligen seyn. Besiehe von mehrerm Gebrauch und Nutzen der Wünschel-Ruthe dasPanto-Mysterium cap. 6.

Hier fraget es sich nun, ob solches natürlich zugehe, oder nicht? oder, ob es durch Hülff und Mitwürckung des Teuffels sich practiciren lasse? oder, ob es nicht eine Chimæra sey, und alles auf ein bloß Gedicht hinaus lauffe. Etliche meynen, es könne natürlich geschehen, aber man müsse [186] die Würckung ad admiranda und miracula naturæ bringen, deren Känntniß nach dem Fall sehr verdunckelt worden. Und so nimmt man seine Zuflucht sobald zu den occultis qualitatibus, oder dem Magnetismo, bald zu den Atomis und Materiæ subtili, oder zu der animæ mundi, dem allgemeinen Welt-Geist, als einem Principio universali. Denn die Natur habe ihren eigenen und einfältigsten Mechanismum, dadurch die gantzeUniversal-Bewegung und Regung in der Natur entstehe, in allen Corporibus und Elementen, durch alle sechs Species und Arten der Bewegung, durch die Generation, Corruption, Augmentation, Diminution, Alteration, und endlich den Motum localem, da einCorpus von einem Ort zum andern beweget werde.


Andere gestehen, daß das Schlagen der Ruthe wohl könne natürlich seyn, und entweder von der Elasticität dependiren, welche ist ein Zug und Druck der Natur durch die Lufft, wodurch das wider die Natur gekrümmete und verkehrte wieder in seinen natürlichen, geraden und ordentlichen Statum gehet; oder von des Ruthen-Gängers seinem Willen entstehen, der die Ruthe in seiner Gewalt hat, und sie seines Gefallens halten, führen und gehen lassen kan, wie und wann er will; aber solche heimliche Dinge zu entdecken, wie das Panto-Mysterium [187] vorgibt, kan ohne Beystand und Hülfffe des Teuffels nicht geschehen.

Es schreibt auch das Panto Mysterium cap. 6. von dem Gebrauch der Ruthen: daß man in genere alles vergangene, alles abwesende, verborgene und verlohrne dadurch erforschen könne, in specie habe die Wünschel-Ruthe ihren Nutzen 1). in Bergwercken, mit Erfindung der Ertz-Gänge und Berg-Arten, nicht in allein auf dem Berge, sondern auch auf dem Papier, wie die Gänge nach den Plagis mundi streichen, wie tieff man einschlagen müsse, und was unterweges sich findet. 14 2.) In Aufsuchung der Quellen und Brunnen-Graben; woher die Quell komme, wie tieff man darnach graben müsse. Item ob die Quelle starck oder schwach, oder ob gar kein Wasser zu finden? 3.) In Verfertigung der Minen, und Erforschung feindlicher Minen, ohne contraminiren, daß man nur oben darüber hergehet und wissen könne, wo der Ort untergraben, wo die Minirer stecken, wo Pulver stehe, u.s.w. 4.) Weg und Stege zu Wasser und Land ohne Nachfragen und Magneten zu finden. 5.) Mahlsteine, Gräntzen und veränderte Wege, wo sie ordentlich seyn sollen, auszufinden. 6.) Vergrabene Schätze und versetztes Geld und Kleinodien zu erforschen. 7.) Flüchtige Diebe, Mörder und Ubelthäter aufzusuchen und einzuhohlen, zu erforschen, welcher unter vielen der Dieb etc. so man nur die [188] Nahmen auf den Tisch schreibet. 8.) Verlohrne und verirrete Leut, auch verirretes Vieh zu finden. Zu wissen, ob ein guter Freund auf der Reise schon vorbey oder ob er noch zurück seye. 9.) Allerhand verworffene und verlohrne Dinge im Hause zu finden: man schreibet nur mit Kreide auf den Tisch die Gemächer, und suchet alsdann mit der Ruthe nur in dem Gemach, darauf die Ruthe geschlagen hat. 10.) Zu wissen und zu erfahren, wo dieser oder jener gesessen, was er angerühret, wo er im Bett gelegen, u.s.w. 11.) Ob jemand todt oder lebendig, ob er einheimisch oder nicht, ob er gesund oder kranck, ob er einem günstig oder ungünstig; ob eine Frau schwanger oder nicht, ob sie einen Sohn oder Tochter trage, welcher unter vielen ein Dieb, der liebste, wer die Braut haben soll. etc. 12.) Wie hoch es an der Uhr seye, wie weit es bis nach Leipzig oder Nürnberg, etc. wie viel diese oder jene Waare koste? wann einer gebohren und geheyrathet habe, und dergleichen. 13.) Allerhand natürliche und künstliche Dinge zu wissen: Zum Exempel, wie hoch die Sonne von der Erden; Ob Sina 500. Meilen näher gelegen als es in den Land-Karten gesetzt? ob die Wünschel-Ruthe auch untermÆquatore und unter den Polis schlage? ob die Planeten bewohnt oder nicht, etc. ob es wahr oder falsch, was gewisse Historici [189] und Philosophi vorgeben? Defecta in Geschichts-Büchern zu ersetzen, vermittelst angestellter Fragen. Historische Controversien in der Jahr-Zahl, Art und Personen zu unterscheiden. Ob der sogenannte Jude ein solcher sey, oder sich fälschlich dafür ausgebe. 14.) Ob dieser oder jener Heiliger inrerum natura oder nicht? 15) Spuhr der wilden Thiere, Hasen-Läger, etc. zu finden. Item, wo Fische oder Krebse im Wasser stecken? 16.) Zu erkundigen, ob das Erdreich, darauf man bauen will, guten Grund habe? wo Steine, Leimen und Thon stecken? wo Heyden-Gräber zu finden? ob der Ort auf dem GOttes-Acker, wo man ein Grab hinmachen will, schon mit Todten-Cörpern untersetzt? 17.) Wo dieser oder jener,e.g. Bischoff Benno zu Meissen, Lutherus und dergleichen begraben sind? ob ein prætendirtes Heiligthum recht ein solches sey, oder erdichtetes? ob ein Buch des vorgesetzten Autors Schrifft, oder ein Scriptum supposititium ist? in einer Schlacht gebliebene Herrn und Generals, die gantz unerkänntlich, zu unterscheiden, und dergleichen. 18.) Den Feind zu recognosciren, und ihm nachzugehen. 19.) Spanische Silber-Flotten, wo sie im Meer versuncken, und dergleichen aufzusuchen. 20.) Die Wünschel-Ruthe zu combiniren und daraus allerhand Machinen und perpetua mobilia, [190] und automata, e.g. fliegende Gerüste, so einem Menschen anzugürten, künstlich zu erfinden etc.

Was mich betrifft, (schreibt Hr. Reuter) so gestehe ich gern, daß, so solche Dinge damit practiciret werden, der Teuffel nothwendig mit im Spiel seyn müsse; aber ich kan nicht glauben, daß es allerdings wahr sey, was so breit davon ausgegeben wird, und mag sie also nicht mit Unrecht Virga ventosa genennet werden. Es suchen die Rüthler dadurch ihren Nutzen bey den Menschen, auch wohl eiteln Ruhm und Verwunderung. Dem Autori des Panto-Mysterii ist es nicht allwege gelungen, wie er hin und wieder selbst gestehet, und ist sonderlich denckwürdig, der in Gegenwart des Herrn Thomasii und noch einer andern Person begehret habe, man solte auf 3. Papier die Namen des Pabsts, Lutheri und Calvini, schreiben, so wolle er mit der Licht-Putze, als seiner itzigen præsenten Wünschel-Ruthe, das Papier entdecken, darunterLutheri Nahme geschrieben stehe, daß es nicht angangen, sondern gefehlet gewesen; worüber er sich abercap. 6. also entschuldiget: Die Ruthe fehle in Kleinigkeiten mehr, als in wichtigen Materien; Dann die Seel seye so edel, als daß sie sich in alle Lappalien einlassen solte. Item, NB. der Mensch fehle wohl öffters darinnen, als er treffe, daß er bey der Gabe GOttes demüthig [191] werde. Ja, es sind die Rüthler mehr als zu oft über der Ruthen zu Spott worden. Siehe Theoph. Albinum sect. 2. cap. 1. § 3. 4. Johann Leonhard Martini, der Artzney Doctor und Practicus zu Hanau /hat aus unterschiedlichen Briefen vornehmer und gelehrter Leute, welche die Verspottung der Wünschel-Ruthe vorgestellet, und deren Systemata über einen Hauffen geworffen, dargethan, daß entweder nichts als Schelmerey in dem Gebrauch der Ruthen stecke, oder das Geheimniß nicht natürlich sey.

Marginalien

1 Wer davon geschrieben.
2 I. Von deren Nahmen.
3 2. Von dieser Erfindung
4 3. Wovon solche zu bereiten.
5 4. Zu welcher Zeit dieselbe zu schneiden.
6 5. Was für Ceremonien bey dem Schneiden in Acht zu nehmen.
7 6. Von ihrem Gebrauch.
8 7. Von Gestalt und Figur derselben.
9 8. Fernerer Gebrauch.
10 I. Geschicht.
11 II. Geschicht.
12 Wünschel-Ruth entdeckt eine Mordthat.
13 Mehrer Gebrauch.
14 Würckung der Wünschel-Ruthe.

14. Von den Berg-Männlein

XIV.

Von den Berg-Männlein.

Es ist unter den gemeinen Leuten viel Sagens von den Berg-Männlein, von welchen viele Fabel-Dichter den Unwissenden so viel Sachen vorgebildet und glaubend gemachet, daß man auch mit gutem Recht denTheophrastum Paracelsum unter einen von derer Meistern zehlen kan. Dieser hat aus den Lügen-Gedichten der alten Philosophen so viel herfür gesuchet, und mit einem Färblein bestrichen, daß man fast glauben solte, es wäre alles davon die lautere und reine Wahrheit. Seine Meynung [192] will allhier kürtzlich zusammen ziehen, und als folget, den geneigten Lesern mitheilen. Lasset uns derowegen sehen, was er von Nymphen, Sylvanen, Pigmäen und Salamandern für Fabel-mäßige Sachen geschrieben.


Es mögen die Nymphen, Sylvanen, Pigmäen und Salamandern Geist-Menschen genennet werden, dieweil man dieselbe für Menschen ansiehet, aber sie sind nicht aus Adam, sondern geschiedene Creaturen von Menschen und Thieren. In etlichen Stücken kommen die Geist-Menschen mit andern Menschen überein, in etlichen aber sind sie unterschieden. Was ihre Natur betrifft, so kommen sie in folgenden Stücken überein. 1.) Die Geist-Menschen haben Fleich und Blut, und Bein, aber keine Seele, darum auch Christus für sie nicht gestorben. 1 Darum ist GOtt wunderbar in seinen Wercken, aber nicht alle seine Wercke sind uns täglich für Augen, sondern seltzam, doch sollen wir der Dinge Wissenschafft tragen, daß sie seyen, und doch als käme es uns im Schlaff vor, denn wir können die unendliche Weißheit GOttes nicht genugsam ergründen, damit wir GOTT den Schöpfer genug und recht in seinen Wundern erkenneten. Die Geist-Menschen gebähren Kinder, sie reden, essen, trincken und wandelen, sie haben ihre Gradus wie [193] wir aus Adam: als sie sind arm, reich, witzig und thörigt, sie müssen sich auch der Arbeit ihrer Hände pflegen, und Kleidung suchen. Sie haben Vernunfft und Weißheit zu regieren, wie auch die Justitiam; weil sie aber die Seel nicht haben, darum haben sie auch keinen Willen GOtt zu dienen, und in seinem Wege zu wandeln. Doch haben sie sonst ihren ehrbaren Handel der Natur, und wie die Adamici die nächsten bey GOtt, also sind diese die nächsten bey Adamico, und werden deshalber auch Menschen geheissen. Sie haben ihre Künste, Sitten und Gaben subtiler und gröber, wie die Adamici; Sie werden kranck und gesund wie unsere Adams-Menschen, aber ihre Artzney nehmen sie aus der Erden; Sie sterben wie die Menschen, aber geschieden ohne Seel, das ist: Es stirbt alles an ihnen ab, und nicht an uns, ihr Fleisch fanlet wie das andere Fleisch und ihre Gebeine.


Die Geist-Menschen sind auch in vielen Stücken von andern Menschen unterschieden; dann Caro Adami ist ein groß irdisches Fleisch, und kan man es fassen wie Holtz und Stein, aber ihr Caro ist nicht aus Adam, wie dieses, ist ein subtil Fleisch, und kan man es nicht binden oder fassen, denn es ist nicht aus Erden gemacht, es dringet [194] alle Mauren durch und weichet nicht, es bedarff keiner Thür und Lochs, und zerbricht doch nichts; sie sind auch geschwinder als die Menschen, und was ihr Wesen und Substanz betrifft, so haben sie einen Geist und Leib, aber keine Seele. 2

Die Geist-Menschen sind dann 1.) zwar über das Vieh, aber unter dem Menschen: sie haben keine Seel, wie das Vieh, aber sie reden und lachen wie Menschen, und darum sind sie dem Menschen näher als das Vieh: sie sind gegen dem Menschen wie ein Affe, der dem Menschen das gleicheste Thier ist an Gebärden und Wercken, oder wie eine Sau in ihrer inwendigen Anatomie gegen dem Menschen: sie sind doch besser, denn eine Saue und Affe, weil ihnen allein die Seele mangelt. 2.) Ein Geist-Mensch ist unser Bildniß, wie wir das Bildniß GOttes. Wie nun homo Adamicus nicht GOtt, sondern nur in der Bildniß GOtt gleich ist, also sind auch diese darum nicht Men schen, wegen ihrer Bildniß, sondern bleiben in ihrem Geschöpffe.

Dann sind die Wohnungen dieser Geist-Menschen viererley, nach den 4. Elementen, in welchen sie leben. 3 Die Wasser-Leut werden Nymphæ oder Undenæ; die Lufft-Leute Sylvani oder Sylvestres; die Berg-Leute Gnomi und Pygmæi, und die Feuer-LeuteSalamandræ und Vulcani genennet. Den Undenen [195] ist das Wasser ihre Lufft, den Gnomis die Erde, und denSalamandris das Feuer, die Sylvani aber enthalten sich in unserer Lufft, sind bey uns die nächstem und nehmen den nächst-förmigen Tod bey uns. Wie ein Fisch nun kan leben in dem Wasser, also konnen diese seyn in den ihnen verordneten Elementen, und ersauffen, ersticken und verbrennen nicht.

Die Undenæ haben die Gestalt der Menschen, Mannes und Weibes, wohnen im Wasser und fliessenden Bächen, und kommen offt so nahe, daß sie die Lufft-Leute ergreiffen, so darein baden oder reiten. 4 Die Sylvestres sind wie Menschen, doch etwas gröber, länger und stärcker als wir, nähren sich wie Menschen, aber in den Wildnissen in den Wäldern. DieGnomi sind klein bis zwey Spannen, und haben ihre Behausung in den Bergen, darum findet man offt seltzame Gebäu in den Höhlen der Erden, und ist das Gewölb kaum einen Elenbogen hoch. Die Salamandræ sind schmahl, lang und dünne, leben im Feuer, und haben aus der Erden und vom Feuer ihre Nahrung.

Daß diesem so ist, kan man nicht läugnen; die erste Art wird offt gesehen von den Leuten, die sich aufs Wasser begeben; die zweyte, von denen, die da wandern in den Wäldern und Wildnissen; die dritte in den Bergwercken bey guten Ertzen, und [196] die vierte Art Leute findet man in dem Berg Æthna, allwo ihr Zimmerwerck und andere wunderliche Dinge können gehohlet werden. In allen Dingen sind sie uns fast gleich, allein, daß sie sterben als das Vieh, ohne Auferstehen am jüngsten Gericht. Sie essen und trincken, und haben ihre Kleidung, wofür sie auch arbeiten müssen, doch nach der Art ihrer Welt, welche ihre eigene Natur hat, die uns nicht zu ergründen ist. Sie haben ihre Zucht und Regiment, doch nach angebohrner Natur, wie die Immen ihren König haben, und die Schnee-Gänse und andere Thiere ihre Vorflieger. Ihnen scheinet auch die Sonne und das Firmament, sowohl, als uns, und hindert den Bergmännlein die Erde nichts, denn dieselbe ist ihnen an statt der Lufft, wordurch der Mond und Sonne zu ihnen hindurch scheinet. Ihr Schlaffen und Wachen ist wie der Menschen. Sie sind den Kranckheiten sowohl unterworffen, als wir, und haben Apostem, Fieber, Blattern und andere Zufälle mehr.

Die Geist-Menschen bleiben nicht allezeit an ihren Oertern, und in ihren Wohnungen, sondern erscheinen offtmahl den Menschen, wie die Geister, Engel und Teuffel, auf daß offenbar werde, was davon zu glauben und zu halten; Also hat man Berg-Leute nicht allein gesehen, sondern auch mit ihnen geredet, Gold und bisweilen Schläge von ihnen empfangen, [197] (wie weiter gemeldet werden soll) offtmahls sind Wasser-Leute an den Gestaden der Wasser gefunden, und gefangen weggeführet worden, daß sie nachmahls mit den Menschen gehandelt und gewandelt haben, und die Wald- und Feuer-Leute haben sich manchmahl auch sehen lassen.

Die Nymphæ erscheinen in menschlichen Kleidern, mit menschlichem Ansehen und Begierden; die Wald-Leute sind grob und rauch; die Berg-Leute erscheinen kurtz, doch etwa in halber Manns-Länge; dieÆthnische erscheinen feurigt und gehen feurigt in allem ihrem Wesen und Gewand. 5

Die Geist-Menschen können die Menschen nicht wegführen, dann sie haben keine Gewalt über sie. 6 Sie können sie auch nicht bringen an die Oerter, dieweil sie durch ihre Choas nicht durchdringen können; darum bleiben die Geist-Menschen, wann sie sich mit den Menschen vermählt, bey den Menschen, wohnen und sterben auch offtmahls bey ihnen, weil sie der Menschen Choas ertragen und erdulten können.

Die Feuer- und Berg-Leute werden für Geister und Gespenster gehalten; ob sie wohl Fleisch und Blut haben, wie andere Menschen, sind sie doch schnell und behende, wissen auch alle zukünfftige Dinge, und können von geschehenen, gegenwärtigen und zukünfftigen Dingen den Menschen Nachricht geben. DieUndenæ halten auch die Art der Geister in dem Verschwinden; [198] doch die Sylvani sind etwas gröber. Wer nun eine Undenam zum Weibe hat, der muß sie nicht zum Wasser kommen lassen, oder auf dem Wasser beleidigen, noch ein Berg-Mensch muß beleidiget werden an seinem Ort, sonst verschwinden sie, werden verlohren und nicht wieder gefunden; dero Mann aber muß nicht meynen, daß sie todt sey, und daß er also ein ander Weib könte nehmen, dann die Ehe ist noch gantz, sie aber wird am jüngsten Tage, weil sie Mann und Kind verlassen, der Pflicht halber, und von wegen der Seelen, so sie aus der Pflicht bekommen, erscheinen müssen. Gemeldte Geist-Menschen haben auch ihre Miß-Geburten: unter den Nymphen, oder Wasser-Leuten, sind die Syrenen und Wasser-Münche, worzu auch der Venus-Berg und die Melusima gebracht werden. Unter den Sylvanen, Lufft- oder Wald-Leuten, die Gigantes, oder Riesen, und unter den Erd- und Berg-Leuten die Pygmæi, oder Zwerge.

Es sind aber solche Geschöpffe nicht ohne Ursache geschaffen, sondern von GOtt zu Hütern über die Natur gesetzet; die Gnomæi, oder Pygmæi und Vulcani, hüten die Schätze der Erden, dann wo sie seyn, da seynd mächtige Schätze; diese vermehren und verbergen sie, daß sie nicht an den Tag kommen, bis zu seiner Zeit. So man sie denn sindet, wird gesaget, vor[199] Zeiten gingen allda Bergmännlein und Erd-Leute, aber nun erscheinen sie nicht mehr, denn es ist die Zeit, daß sie sollen offenbar werden; denn also sind die Schätze der Erden ausgetheilet, daß sie von Anfang der Welt für und für gefunden werden.

Die Feuer-Leute hüten die Schätze, die in den Feuerstätten gefunden werden, und, wann das Feuer abgehet, succedirt das Erdmännlein, und wartet der Dinge, und nach Abgang seiner Wache werden sie den Leuten offenbar. Die Sylvestres hüten die Schätze, so am Tage liegen, und von den Feuer-Leuten ausgeschmiedet und verlassen sind, und bisher noch nicht offenbar worden. Die Undenen sind Hüter der Schätze, so in nassen Meer liegen, und welche auch von den Feuer-Leuten verlassen worden; und was dergleichen Fabuleyen mehr.

Dieses ist also, was Paracelsus geschmiedet, und als ein Göttliches Orackel und himmlische Wahrheit vorgestellet: wir wollen aber annoch kürtzlich untersuchen, was es für eine Beschaffenheit über diese Dinge habe, und was davon zu halten. Nymphen, Sylvanen und Pigmæen waren auch bey den alten Heyden bekannt; die Nymphen werden in schöner jungfräulicher Gestalt abgemahlet, und sind derselben fast unzehlbar viel. Die Heyden, weil sie keinen Begriff hatten, daß GOtt an allen Orten könne gegenwärtig seyn, [200] eigneten ihm noch Unter-Götter zu, die ihm in der Mühwaltung müsten behülfflich seyn. Diese hatten beynahe alle ihre Nymphen in Diensten, welche nach den Oertern, an welchen sie wohneten, und nach den Aemtern, die ihnen aufgetragen waren, unterschiedene Nahmen empfangen hatten. Dryades undHamadryades wurden genennet die in den Wäldern wohneten, und darüber ihre Sorge hatten; die Oreades und Orestiades stunden den Bergen vor; die Napææ den Thälern und Gründen; die Limoniades den Feldern und Wiesen; die Nereides, Nerinæ, Oceanitides, oder Oceaniæ, dem Meer; die Najades, oder Naides, den Brunnen; die Potamides den Flüssen und dieLimnades den Sümpffen. Was aber von den Syrenen bey den Heyden gesaget wird, ist entweder eine Fabel, oder eine übelverstandene Historie.

Wir wollen allhier die andern von Parcelso vermeinte Geist-Menschen an die Seite setzen, und allhier, unserm Vorhaben nach, etwas von den Berg-Männlein gedencken, welche mehr für böse Geister, als Geist-Menschen zu halten, die sich unter der Erden, in den Berg-Gruben, in sichtbarer Gestalt den Arbeitern sehen lassen, welches nicht nur die Berg-Leute, sondern auch manche gelehrte Scribenten, bezeugen. Olaus Magnus vergewissert es mit folgenden ausdrücklichen [201] Worten: Man weiß gewiß, daß die Teuffel, welche man Wigtelein oder Berg-Männlein nennet, denen Einwohnern des Landes an Handen gehen, und viel Arbeit verrichten, sonderlich in den Stellen und Bergwercken, da sie die Steine zerbrechen und zerschlagen, und alsdann in die Eymer werffen, womit man sie heraus ziehet, die Rollen einheben und die Seiler darum thun, als wolten sie gleichsam viel ausrichten. Sie lassen sich auch bisweilen sehen, und erzeigen sich in angenommener Gestalt der Berg-Leute, verlachen, verblenden sie, und treiben allerhand Gespötte mit ihnen, um sie dadurch zu betrügen: ruffen sie bisweilen an einen andern Ort, wenn sie dahin kommen, ist niemand fürhanden. Sie werffen ihnen etwas unter die Hand, und wann solches die Arbeiter wollen angreiffen, so ist nichts mehr da, sondern verschwindet.

Fast dergleichen zeiget Lavaterus, wann er schreibt: Die Metall-Gräber bezeugen, daß in etlichen Ertz-Gruben Gespenster oder Geister sich sehen lassen, die nach der Berg-Leute Weise bekleidet; die lauffen herum in den Schächten, Bergen und Ertz-Gängen, scheinen sich mit allerley Arbeit zu bemühen, da sie doch nichts thun; Adern auszugraben, das Ausgegrabene zusammen zu tragen, in die Eymer auszuschütten etc. Man saget, daß sie Wunder-selten den Berg-Leuten was [202] Leids thuen, dafern sie von denselben nicht ausgelacht, oder mit Schelt-Worten angegriffen werden: dann so werffen sie nach ihnen mit Sand-Steinlein, oder grobem Sand) oder verletzen sie auf andere Weise. Man saget aber, daß sie gemeiniglich in solchen Ertz-Gruben wandeln, da viel Ertz stecket.

Lavater de Spectris part. 1. c. 16. erzehlt oben angeführter massen, aus der Feder eines gelehrten und gottsfürchtigen Mannes, der es ihn vergewissert, daß bey Tafuns, in dem Graupünterischen Alp-Gebürge, wäre eine Silber-Grube, darein der Burgermeister des Orts, Namens Peter Boul, ein braver Mann, viel Geldes gesteckt, auch keinen schlechten Gewinn daraus erhoben; in selbiger Gruben ist ein Berg-Teuffel gewesen, welcher, wann die Arbeiter das Gegrabene in die Eymer schütteten, gemeiniglich am Freytag, sich sehr geschäfftig angestellet, und das Metall aus einem Gefäß in das andere gegossen, welches der Burgermeister sich nicht hätte verdriessen lassen; doch aber, so offt er in den Berg fahren, und wieder heraufsteigen wollen, mit dem Zeichen des Creutzes gesegnet, und niemahls von dem Geist beleidiget worden. 7 Es begab sich aber, eines Tages, daß der Berg-Teuffel sich sehr ungestümm und beschwerlich erzeigete: darüber ward einem Arbeiter der Kopff warm, also, daß er ihn mit vielen Schelt-Worten [203] sich fort trollen hieß, an den Galgen, und darzu im Zorn weidlich fluchete. Wie nun das Gebet des Menschen Harnisch wider den Bösewicht ist, also ist der Fluch seine Entwaffnung und Blössung gegen der Gewalt des Teuffels, und das ereignete sich allhier alsofort: denn der Geist erwischete den wünschenden und fluchenden Bergknappen beym Kopff, und setzte ihm denselben so übel zurecht, daß das Antlitz auf den Rücken zu stehen kam; doch ist der Mensch nicht todt davon, sondern noch eine Zeit hernach mit also verdrehetem Kopff und verkehrtem Angesicht im Leben geblieben, gestaltsam ihn viele Leute, so zu des Lavateri Zeiten noch gelebet, wohl gekannt und in solcher Mißgestalt gesehen haben; jedoch ist er wenig Jahre nach solcher Verstellung des Haupts gestorben.

Georgius Agricola, ein Mann, der in Bergwercken und dessen Gelegenheiten ungemeine Erfahrung gehabt, ertheilet in Dialogo de re metallica, qui inscribitur Bermannus, durch seine Gezeugniß und ausführliche Beschreibung uns die Versicherung, daß es keine Mährlein seyen, was man von den Berg-Gespenstern insgemein saget. 8 Wir mögen, spricht er, darüber lachen, oder nicht, so ist doch gleichwohl aus der Erfahrung genugsam bekannt, daß in etlichen Berg-Stuben eine Art von Teuffeln herum gehe, derer etliche den Metall-Gräbern keinen Schaden thun, sondern [204] nur in den Gruben, oder Schachten, herumschweiffen, und fleißig zu arbeiten scheinen, da sie doch nichts verrichten; denn bald durchgraben sie einen Gang, oder Ader, bald fassen sie das (vermeintlich) Gegrabene in den Eymer, bald arbeiten sie an der Rolle, als wolten sie etwas hinauf ziehen, bald vexiren sie die Berg-Leute und machen dieselben irre; Am allermeisten thun sie solches in denen Gruben, daraus viel Silber gegraben, oder zu erlangen gehoffet wird. 9 Andere aber sind gar schädlich, wie der, welche für etlichen Jahren die Ertz-Gruben zu St. Annaberg, so man die Rosen-Cron heisset, dermassen verunsicherte, daß er 12. Bergknappen, wie vielen Leuten bekannt, umgebracht, auch deßwegen solche Grube, ohnangesehen sie Silber-reich war, verlassen worden.

Bald darnach schreibt er: Etliche unter ihnen, sind, wie gedacht, so böß, daß die Berg-Leute sie scheuen, wie die Pestilentz, und für ihnen fliehen. 10 Andere hingegen sind sanfftmüthiger, und die Berg-Gräber sehen es nicht ungern, sondern wünschen vielmehr, daß dieselbe offt herzu kommen, und sich mit ihrer (Gauckel-) Arbeit hören lassen. Auch machet eben dieser Autor zwischen den Berg-Teuffeln eben dergleichen Unterscheid, und berichtet, daß etliche sehr trutzig, grausam und schrecklich anzusehen; darbey ziehet er abermahl an, zum Exempel, den Annabergischen [205] Geist, in der Rosen-Cron, mit fernerm Bericht, daß derselbe erschienen in Gestalt eines sehr lang-häl sigten Pferdes, mit grimmigen Augen, und einen Dampff aus seinem Rachen geblasen, und, wie vorhin gesaget, 12. Arbeiter ums Leben bracht. Berichtet auch, daß ein solcher der Schneeberger gewesen, der eine schwartze Kappe getragen, und in der Georgens-Grube einen Bergknappen von der Erden aufgehoben, und auf die oberste Stätte der allertieffsten Hölen, (oder Gewölbes) so ehmahls Silber gab, nicht niedergesetzt ohne Verletzung seines Leibs. Und bey den Türcken ist ein Jud gezwungen worden, eine Gewinn-reiche Grube zu quittiren, von einem Metall-Teuffel, der den Leuten offt erschienen in Gestalt einer Geiß mit güldenen Hörnern.

Schwenckfeld und Schickhusius erzehlen von einem Venetianischen Kauffmann, daß, als derselbe den sogenannten Riesen-Grund, an den Böhmisch-Schlesischen Gräntzen, durchgesuchet, er endlich auf eine Wiese, unfern von dem Ursprunge des Flusses Zacke, gekommen, und daselbst unter gar hohen Felsen viel Goldes und Edelgestein-Werck gegraben; davon ihn zu verhindern, ein böser Geist sich gar sehr bemühet habe, und deswegen mancherley Gestalt an sich genommen; dessen ungeachtet der Venetianer dennoch tapffer fortgegraben, gleich als sehe er dergleichen [206] nichts, da gleichwol die Einwohner so viel Muths nicht haben, diesem Kauffmann es nachzuthun; weil ihrem falschem und furchtsamen Wahn nach, selbiges Gespenst sehr viel Leuten den Halß umgedrehet haben solle. 11 Balbinus in Miscell. Histor. Bohem. l. 1. c. 6. §. 2. p. 13. in fine. Dieser Autor schreibt, daß, wie schier auf oder an allen Böhmischen Metall-Bergen Kirchen der Heiligen stehen, also unter denselben die Berg-Höhlen von den bösen Geistern bewohnet werden, welche in der Finsterniß daselbst, nehmlich in den Ertz-Gruben, dominiren; Insonderheit berichtet Zacharias Theobaldus von den Geistern in dem Cubikenischen District, daß sich dieselbe den Metall-Gräbern offt ins Gesicht stellen, wie alte Männer, so 3. Ellen lang, denen der Bart bis an den untersten Bauch herab lange; und zwar bisweilen in Bergmanns-Kleidern, mit Laternen, Schlägern, Hämmern und andern Geräth, aufgezogen kämen; und so man ihrer nicht spottet, noch ihnen sonst einige Widerwärtigkeit zufüge, sondern sie mitfrieden läßt, werden sie einem keine Beschwerniß machen.


Aus einem geschriebenen Buch von dem Cutnensischen Bergwerck gedencket ersterwehnter P. Balbinus, daß man sie zu Cutna offt, in grosser Anzahl habe gesehen, zu den Berg-Gruben heraus und [207] hinein fliegen; und wann kein Bergknapp drunten, sonderlich, wann ein groß Unglück und Schade obhanden gewesen, habe man die Geister hören scharren, graben, stossen, stampfen und andere Berg-Arbeiten mehr vorstellen; bisweilen auch wol nach gewisser masse, wie die Schmiede auf dem Ambos pflegen, das Eisen umkehren, und mit Hämmern schlagen. 12 In eben derselbigen Berg-Höhle höret man auch vielmahls klopffen, oder hämern und bicken, als ob 3. oder 4. Schmiede etwas stiessen, dannenhero solche Geister von den Böhmen Hauß-Schmiedlein benahmset werden: wiewohl diese nicht nur den Berg-Gruben, sondern auch in manchen Häusern gehöret werden, vorab, wenn eine merckliche Veränderung zu Freud oder zu Leyd vorgehen soll.


In der berühmten Berg-Gruben zu Küttenberg / welche man Smytna genannt, haben Anno 1509. und die böse Geister auf eine Zeit angefangen gewaltig zu arbeiten. 13 Man hörete viel Täge und Nächte nach einander von aussen zu, wie geschafftig sie sich erzeigeten, mit Graben und anderer Arbeit: solches wird in der Cuttnensischen Historie für eine Vorbedeutung gehalten des Todes-Falls der Bergleute daselbst, die hernach in selbiger Gruben das Leben eingebüsset: in selbiger historischen Beschreibung wird vermeldet, daß [208] zehen Jahre hernach eben daselbst die Teuffel in grosser Anzahl, und in unterschiedener Gestalt, aus unterschiedlichen Orten, durch die Lufft geflogen, und von unterschiedenen Burgern des Orts gesehen worden.


Manche wunderliche Köpffe werffen alle diese Erzehlungen unter die Mährlein, und wenn sie ja nicht läugnen können, daß die Berg-Leute offt etwas solches sehen oder hören, begehren sie doch nicht zu gestehen, daß es Berg-Geister seyn, sondern schreiben es den starcken Einbildungen zu. Wenn aber solche Einbildungen hierbey Raum fänden, würde der verständige hocherfahrne Medicus, Thomas Bartholinus, der sonst in allen seltsam-lautenden Sachen nach Möglichkeit natürliche Ursachen hervorsuchet, und, wofern sich nur der geringste Schatten derselben äussert, alsofort die Natur für eine Würckung solcher Begebenheiten erkennet, nicht schreiben: Die Norwegischen Berg-Gruben machen, daß wir an den unter-irdischen Teufflein nicht zweiffeln, sintemahl diese daselbst nicht selten erscheinen. Und solches zu beglauben, zeucht er an aus einem Schreiben seines Sohns Christophori Bartholini, der aus Curiosität mit seinem Oheim, Johann Finch, die Silber-Gruben allda besichtiget, folgende Nachricht:

[209] Den Berg-Arbeitern bringen fürnemlich die unter-irdische Gespenster Hoffnung zu guter Ausbeute, wenn sichs begibt, daß man sie erblickt. 14 Ich selbst (saget er) habe mit demjenigen Bergmann geredet, dem, als er in der Gruben gearbeitet, ein Berg-Teuffel, mittelmäßiger Natur und Gestalt, mit einem langen Bart, aber über den gantzen Leib schwartz, an die Seiten getreten. Als dieser schwartze Gesell ankommen, redete er kein Wort, sondern bot dem Arbeiter aus einer Büchsen ein Toback-Pulver dar; derselbe aber ward darüber ungedultig, daß ihn der Geist in seiner Arbeit irre machete, und warff die Tobacks-Büchsen aus der Hand zur Erden. Hierauf flohe ihm der Erd-Teuffel gleich ins Gesicht; dieser setzte sich zur Wehr, mit seinem in der Hand haltenden Instrument; zog aber bald den Kürtzern, muste die Flucht ergreiffen, und aus der Gruben hinauf eilen; indem er nun den Schacht hinauf zu steigen sich äusserst bemühet, fühlete er auf seinem Rücken eine überaus grosse schwere Bürde, daß er solcher Gefahr sich mit äusserster Krafft-Anstreckung kaum entziehen konte. Endlich ist er doch durch Gottes Hülfe entrunnen, hat sich aber von den Nägeln des Teuffels sehr übel zugerichtet und verwundt, sein Hembd zerrissen, auch sonst überall seinen Leib wie eine gemahlte Taffel gebräunet, geblauet und blutrünstig gefunden, also, daß ihm [210] Zeit Lebens die Wund-Mahlen aus seinem Gesicht nicht vergangen.

Es hausen aber nicht nur in unsern Europäischen Berg-Gruben dergleichen Gespenster, sondern auch in andern Theilen der Welt. 15 Die Schwartzen, oder Mohren, in Guinea, pflegen von den Ertz-Gruben und Schachten daselbst Wunder-seltsame Sachen zu er zehlen: nehmlich, daß man daselbst ein groß Getümmel und Geschrey höre, und sich niemand, aufs wenigste kein Heyde, unterstehen dörffte, allda etwa allein zu verbleiben, imgleichen, daß die Berg-Leute und Gold-Gräber offtmahls mit Gewalt heraus gejaget werden, da sie doch niemand sehen können: daß auch zum öfftern ein güldener Hund oder dergleichen Thier sich sehen lasse, doch gleich wieder pflege zu verschwinden, und was dergleichen Gespenster mehr.Vid. Neu-Africanische Reise-Beschreibung / fol. 460.


Dieweil nun diese Exempel uns genugsame Anleitung geben zu glauben, auch genugsam überführen, daß solche unter-irdische Gespenster keine blosse Einbildung noch Phantasey sey, die wir Menschen uns hierüber zu machen pflegen, sondern in einem würcklichen Wesen bestehe: also werden doch manche Menschen lüstern zu wissen, wofür man doch solche Geister eigentlich ansehen und halten solle, ob es rechte Geister, [211] oder ob sie für Mittel-Geschöpffe zwischen Thieren und Menschen zu achten? so ist solches bereits Anfangs berührt, und nicht nöthig, weiter etwas zu melden.

Marginalien

1 Fabelhaffte Meynung von den Geist-Menschen und derer Eigenschafft.
2 Wie weit Geist-Menschen mit andern Menschen unterschieden.
3 Viererley Art der Geist-Menschen / und wo sich solche aufhalten.
4 I. Undenæ, wie solche gestalt.
5 2. Nymphen wie solche erscheinen.
6 Geist-Menschen wie weit sich deren Gewalt erstreckt.
7 I. Geschicht.
Berg-Geister drehen einem Arbeiter den Halßum.
8 Berg-Geister werden in Schachten gesehen.
9 Thun den Leuten selten schaden.
10 Etliche solcher Berg-Geister sind auch sehr schädlich.
11 Böser Geist verhindert die Schatz-Gräber.
12 Böse Geister lassen sich in Bergwercken sehen.
13 Böse Geister arbeiten in Bergwercken.
14 II. Geschicht.
15 Berg-Gespenster werden auch in andern Theilen der Welt gefunden.

15. Von Irrwischen - und was davon zu halten ist

XV.

Von Irrwischen / und was davon zu halten ist.

Was wir Teutschen Irrwisch nennen, ist bey den Physicis Ignis fatuus genannt, die gemeinen Leute halten solche mehrentheils für teufflisches Gauckel-Werck; andere seynd gar in der ungründlichen Meinung, ob seyen es verlohrne Seelen, welche annoch im Leben; die Marck- und Mahl-Steine versetzt, und zu ihrer Nachbaren Schaden ausgegraben, deßwegen so unruhig im Feld als feurige Männer umher lauffen müsten: auch halten einige dafür, daß selbige die Leute des Nachts verführeten und offt gar in Leib- und Lebens-Gefahr bringen, und wissen davon vielerley Exempel zu erzehlen:

An- und für sich selbsten ist solche Feuerscheinende Materie eine entzündete feiste Ausdämpfung, so aus der Erden entstehet, und offter nur als ein Schweffel-Kertzlein brennet: dahero sich solche Irrwische [212] gemeiniglich auf den schweffelichten Boden, dürren Heyden, auch auf GOtts-Ackern, Gerichts-Stätten, auch an feisten sumpfigen Oertern, ja auch auf den breiten Feldern, wo viel Menschen-Blut, auch von Vieh vergossen worden, sehen lassen, welche denn unterschiedene brennende Fackeln, oder Lichter vorstellen, die zuweilen zusammen schiessen und ein Licht werden, bisweilen aber wieder von einander fahren und sich in viel Feuer-Flammen vertheilen. 1


Ob nun wohl solche Irrwische ein natürliches Wesen sind, so geschiehet dannoch wohl, daß öffters der Teuffel darunter sein Gauckel-Spiel treibet; aber theils Menschen seynd auch selbst Ursach, wann ihnen durch solche Nacht-Lichter ein Unfall begegnet, zumahlen nicht zu läugnen, daß viel Menschen, die solchen nachgefolget, in Wasser, schlammigte Oerter, oder auf Irr-Wege gerathen seyn: es sind aber die Irr-Lichter daran nicht Ursachen, sondern solche Leute selbst, welche davon in unzeitige Furcht gerathen und selbigen nachgaffen: denn dieses Feuer suchet allzeit wieder seinen Ort, da es entsprungen, und trachtet immer wieder dahin zu kommen, um sich mit den feurigen, fetten und schweffeligten Effluviis zu vereinigen. 2 Wahr ist es, daß sich solche dem Menschen ziemlich nahen, und auf den Leib kommen, [213] und bey vielen grosse Furcht und Schröcken erregen, so ihnen aber von der blossen Einbildung gemachet wird. M. Johann Gottwalt in Disput. de Meteor. Ignit. § 49. ist der Meynung, als wann solche Irrlichter lauter Teuffels-Spiele; und will sagen, wann man solche nur von weitem, auch nur mit Zischen ruffete, sie ungesäumt herbey kämen, und dieselben, so ihnen geruffen, grausam quäleten, einige gar tödteten.


Daß, wie oben gemeldet, der Satan als ein abgesagter Feind dem Menschen sonderlich bey Nacht-Zeit allerley Fallstricke stellet, ist nicht zu zweifflen, und kan also sein Spiel auch unter solchen Irr-Lichtern treiben, wie Fromondus lib. 2. de Meteor. c. 2. es dafür gehalten, da er also schreibet: 3 Daß einer seiner Anverwandten, als derselbe bey der Nacht gereiset, mitten auf dem Feld von 3. oder 4. Irr-Lichtern urplötzlich umgeben, und dergestalt darüber erschrocken sey, daß er sich alsobald auf die Erde niederlegen müssen; Da dann die Irrlichter eine Zeitlang allda verblieben, und etliche Schritt weit von ihm, ohne einige Bewegung still gestanden. Endlich aber, nachdem er eine Zeitlang auf der Erden gelegen, und GOTT um Schutz angeruffen, von ihm weggesprungen, und weiter denn eine Meil Weges über die Mosel gefahren, kaum aber, [214] da er ein paar Schritt fortgegangen; da sey er wie vorhin wieder von ihnen umringet worden: worauf er sich wieder auf die Erde geworffen, und nicht eher wieder aufgestanden, bis solche davon geflogen: welche Bewegung gemeldter Fromondus billig für verdächtig gehalten, und geurtheilet, daß solche von einen bösen Geist regieret worden. Ich kan allhier nicht umhin dem geneigten Leser ein sicher Exempel zu erzehlen, so mir nebst noch 2. guten, dermahlen in Speyer noch lebenden Freunden selbst be gegnet. 4 Unser 3. waren 1675. in unsern Geschäfftenzu Neustadt an der Hard / in der Pfaltz gelegen, und verspäteten uns etwas, jedoch weil wir des Weges wohl nach Speyer kundig, entschlossen wir uns noch den halben Weg bey Mondschein zu gehen, als wir aber kaum zur Stadt heraus waren, begegnete uns ein unbekannter Mann, der sagete: Wann wir auf Speyer wolten, hätten wir Gefahr, dann es wäre vor etlichen Stunden eine gar starcke Frantzösische Parthey aus Philippsburg gegangen, solten uns also fürsehen, daß wir nicht unter dero Hände geriethen. Meine 2. Reise-Gefährden aber wolten sich daran nicht kehren, sondern entschlossen uns, dannoch fortzureisen: als wir aber von der Stadt, die etwas tieff lieget, auf die Höhe kamen, und der Mond schön leuchtete, sahen wir von ferne über hundert Wacht-Feuer, und[215] hielten dafür, wie solches ein groß Lager mit Kriegs-Volck wäre, und entschlossen uns selbiges zu umgehen, je länger wir aber forteileten, und uns immer aufwärts Landes hielten, so war dannoch solches Lager allzeit wie zuvor an unserer Seiten, endlich wanderten wir alle 3. so lang, daß wir des Nachts um 11. Uhr ein Doff erreicheten, und als wir uns besahen, waren wir zu Freymarsheim, einem im Bißthum Speyer gelegenen Dorff, unweit Landau, die Müdigkeit triebe uns, aus Mangel eines- Wirths-Hauses, bey dasigen Pfarrherrn, M. Nägelein, um Nacht-Herberge zu bitten, so er auch willig eingeraumet: nachdem wir also bis am Morgen geruhet, sendete der Pfarrherr nach seinen im Dorff wohnenden Bauren, ihnen Nachricht von gemeldeter Frantzösischen Parthey zu geben: aber einer davon betheurete: daß er vorigen Tages bis Nachmittag 3. Uhr in Philippsburg gewesen, und nicht die geringste Bewegung einiger Mannschafft von dieser Garnison gemerckt, worauf wir unsern Weg nach Speyer nahmen, und über den Platz giengen, wo wir vorige Nacht die vermeinte Wacht-Feuer gesehen, es war aber nicht das geringste davon zu spühren, und wolte auch kein Mensch derer Orten einige Soldaten gesehen haben. Hieraus lasse ich den geneigten Leser urtheilen, ob solche viele Nacht-Feuer nicht eben auch teufflische Spückungen [216] gewesen, welche uns 4. Stund Weges weit bey der Nacht also umgetrieben: von dem Mann aber, der uns nahe bey der Stadt gewarnet, will ich nicht sagen, ob es ein natürlicher Mensch, oder ein in eines Menschen Gestalt verstellter Geist gewesen ist.

Ein Exempel solcher Irr-Lichter beschreibetErasm. Franciscus im Höllischen Protheo p.m. 174. folgend: 5 Es erzehlete mir vor vielen Jahren ein ehrbarer Mann, der mein Reise-Gefährd war, daß er vor kurzer Zeit, in Gesellschafft eines fürnehmen Manns, zwischen Nürnberg und Nördlingen bey Nacht, weil die Eilfertigkeit solche zu Gehülffen erheischete, geritten, und ehe dann sie hinter Kuntzenhausen an die Brücke gekommen, eine Fackel aus selbigem Städtlein mit sich genommen, worauf unweit vom Wasser etliche Irrwische neben ihnen her zu flackern angefangen: weßwegen sie um so viel mehr die Fackel angezündet, um der Brücken, weil von dem hohen Wasser derselben ein guter Theil überschwemmt und verdeckt war, destoweniger zu verfehlen, noch von derselben herab in den Strom zu verfallen, welches ihnen auch bey nahe schier widerfahren; wann nicht der Mann, welcher mir solches erzehlete, aus offtmahliger Bereisung selbiges Weges, des rechten Strichs wäre kundig gewest. Dann die Irr-Lichter, welche eine Weile hinter oder [217] neben ihnen her geflattert, begunten sich zu mehren, und sie fast irre zu machen: indem etliche derselben vor ihnen her fliegend, sich auf die Brücke stelleten, etliche über dem Wasser zur Seiten der Brücken; etliche auf das Stück der Brücken, welches unterm Wasser stunde. Und wie diese zween Reitende eben an den Ort gelangeten, da der beflossene Anfang der Brücken seyn muste; wolte dem fürnehmen Mann schier bange werden, und ihm sein Pferd abwärts zur Seiten weichen; welches ihn dann gewißlich in die Tieffe geführet hätte, dafern nicht sein voran reitender und diese Brücke wohl erfahrner Reise-Gefährd ihm zugeruffen, er solte still halten, auch etliche Schritt zurück geritten, und ihn wieder auf den rechten Pfad gebracht hätte; Hernach ermahnete er ihn, ihm nur stets hertzhafft zu folgen. 6 Also ritten sie mit höchster Behutsamkeit, durch das über die Brücke hinlauffende Gewässer, bis sie den trockenen Theil desselben erreicheten, als unterdessen bebesagte Nacht-Lichter, unweit von ihnen hin- und wieder hüpffeten, und hernach wiederum voraus fliegend, und um und neben dem End-Stück der Brücken, welches gleichfalls unter dem Wasser verborgen lag, ihre Gauckeley und Flatter-Wesen anfiengen. Woraus dann solche nicht unfüglich geschlossen, daß ein Gespenst mit im Spiel wäre, und daß, wofern sie nicht [218] ein brennend Wind-Licht mitgenommen hätten, einem von ihnen besorglich, im Strohm, seine zwey Stirn-Lichter würden erlöschet seyn.

Viele unterstehen sich, wann Beten nicht helffen will, solche mit Schelten und Fluchen von sich zu treiben, die Fuhr-Leute schnellen und klatschen mit ihren Peitschen; allein alles dieses hat keinen Grund, das beste ist, wenn man reisen muß, daß man sich des Tages bediene, dann die Nacht hat GOtt Menschen und Viehe zu ihrer Ruhe erschaffen: auch ist die Nacht, dem gemeinen Sprich-Wort nach, nicht des Menschen Freund: schliesse demnach, daß soche Irrwische, oder Irr-Lichter, zwar eine natürliche Sache, worunter aber vielerley Teuffels-Wercke mit untermischet seyn, welche den Menschen in Unfall zu bringen suchen. 7

Fußnoten

1 Was die Irr-Lichter seyen.

Wovon solche entstehen.

2 Teuffel treibt sein Gauckelspiel darunter.

3 I. Geschicht.

4 II. Geschicht.

5 III. Geschicht.

6 III. Geschicht.

7 Irrwische wollen weder dem Veten noch dem Fluchen weichen.

16. Von fliegenden Drachen

XVI.

Von fliegenden Drachen

Je fliegende Drachen sind unterschiedener Arten, dann einige werden von blossem auf leichte Späne geleimtem Papier gemachet, und mit Faden bey sanfftem Wind in die Lufft gelassen, welche sich dann so hoch schwingen, daß sie in den Städten [219] über die höchsten Kirch-Thürne steigen, und von einfältigen Leuten, welche davon keine Wissenschafft haben, für etwas wundersames gehalten werden. 1 Ein solcher gemachter Drache errettete einsmahls einige Jesuiter aus der Hand einiger Barbarischer Indianer, wie Kircherus L.X. luc. & umbr. P. II. 7. experim. 4. anführet: Selbige lagen im Kercker gefangen und konte man sie weder durch Bitten noch Bedrohungen erledigen; endlich drohete einer, dafern sie sie ja nicht loß liessen, würden sie bald grausame Zeichen und Wunder in der Lufft sehen, und folgentlich GOttes Zorn handgreifflich spühren. Wie solche Indianer aber dennoch einen Weg wie den andern auf ihren trotzigen Köpffen blieben, machete einer einen papiernen Drachen, schnitte auf dessen Bauch mit Indianischen Worten: GOttes Zorn. Mitten war eine Mixtur von Schweffel, Pech und Wachs zubereitet, daß das gantze Werck davon erleuchtet wurde, und itzt-besagte Worte gantz feurig gläntzeten und sehr vernehmlich gelesen werden konten; sobald die Indianer das Ding in der Lufft ersahen, erschracken sie dermassen, daß sie augenblicklich die Gefangene loß gaben, und die Jesuiten hertzinniglich ersucheten, für sie zu beten, daß GOtt seinen Zorn von ihnen abwenden wolle: worüber der Drach sich in der Lufft entzündete und im Rauch aufgienge.

[220] Eine andere Art fliegender Drachen beschreibet Lavaterus in seinem Buche von Gespenstern und Nacht-Geistern / part. 1. c. 11. 2 Die Naturkündiger, spricht er, lehren, daß offtmahl dicker Rauch oder Dampff aus der Erden hervor komme und angezündet werde; wie auch, daß eine schwefflichte Materie in den Höhlen und Adern der Erden hervor, so hoch als ein Baum, breche, und vergehe wieder plötzlich; welches auch zu einer brennenden Materie, die einen Ausgang suchet, gebracht werden mag. Und ist ein gemeiner Irrthum bey dem Pöbel-Völck, wann sie im untersten Theil der Lufft feurige Zeichensehen, die hin und wieder schweben, daß sie alsobald fürgeben und darzu schwören, der böse Feind kehre bey seinen lieben Getreuen ein, und bringe ihnen durch den Schornstein eines und das andere zu, oder sagen, der Stäpgen ist durch den Schornstein diesem oder dem ins Hauß geflogen. 3 Und ist dieser Irrwahn, wie Fel. Maurer im grossen Wunder der Welt / p. 211. anführet, bevorab bey den Thüringern, so tieff eingewurtzelt, daß auch keine Gegen-Rede darwider etwas vermögen kan, da doch diese Zeichen nichts anders seyn, als lauter natürliche Dinge; dann die Dünste, die durch die Krafft der Sonnen in die Lufft gezogen, oder auch wohl von dem Wind hinauf getrieben sind, und durch das Mittel-Theil der Lufft, welches [221] kalt ist, nicht hindurch dringen können, verharten endlich, und werden durch die Widerprellung der Sonnen-Strahlen, (per reflexiones solares) oder durch die Hitze des Unter-Theils der Lufft angezündet, bis sie, nachdem sie lange genug in der Lufft hin und wieder geschwebet, verzehret seyn. 4

Gottfried Voygt im ersten Hunder seines neu-vermehrten Phyisicalischen Zeit-Vertreibers in der 55. Frage schreibt: Die gemeinen Leute bilden ihnen ein, der fliegende Drach sey nichts anders, als der Teuffel; daher, wann sie ihn sehen, so creutzigen und segnen sie sich und ihr Korn, mehr aus Aberglauben, als aus Frömmigkeit; setzt er sich aber gar auf einen Schornstein, oder kommt an ein Fenster, so sagen sie alsbald, der und der, wer er ist, hat ein Verbindniß mit dem Teuffel, er hat den Drachen, er kan hexen, und was dergleichen mehr. 5 Aber wie der Pöbel viel und fast alles ohne Verstand redet, also saget er auch dieses wider Vernunfft und die Wahrheit. Dann es ist falsch, daß der fliegende Drache nichts anders, als der Teuffel sey, und bisweilen siehet man eine feuerige Materie, die von der Bewegung einer kalten Wolcken dermassen gekrümmet wird, daß sie eine Drachen-ähnliche Gestalt gewinnet. Und solches ist ein natürlich Ding, [222] welches die Naturkündiger Meteoron nennen, gleichwie der Blitz, die fallende Sterne, und dergleichen mehr. Es hat seine natürliche Ursachen, nehmlich, die Sonne und andere Sterne ziehen aus der Erde viel und mancherley Dünste, oder subtile Cörperlein, mit sich, welche theils wässerig seyn; daher entstehen die Wolcken, der Regen, Schnee, Hagel etc. theils fett und schweffelicht, daher entstehen die feurigen Zeichen, oder Meteora, die in der Lufft gesehen werden, als der Blitz,Ignis lambens, scintillæ volantes etc. und aus diesen entstehet auch der feurige Drache. 6 Dann wann die schweffelichten Effluvia in die Höhe steigen, und sich versammlen, also, daß sie in der Mitte dicke beysammen, am Ende aber etwas dünner sind, und hernach angezündet werden, ss gibt es solche Form und Figur von sich, als sonsten die Drachen pflegen zu haben; daß er aber bald hieher, bald dorthin flieget, kommt daher, dieweil das Feuer, als das leichteste Element, von Natur in die Höhe steiget, und die dicken, fetten und schweffelichten Effluvia wollen gern hinunter, weil sie schwer sind; keines aber geschicht, das Feuer kan die schwere Materie nicht mit sich hinauf führen, und die schweren Dünste können das leichte Feuer nicht mit sich herunter ziehen, weil eines so viel da ist, als das andere, darum schwebet der Drache immer so in der Mitte, und fällt [223] bald auf diese, bald auf jene Seite, und wird hernach von Winden und andern Dingen, davon die Lufft beweget wird, hin und her getrieben. Daß er sich aber bisweilen auf die Häuser setzet, ist (1) die Ursach, weil er in der Mitte dick und schwer ist, und daher von Natur herunter zu steigen sich bemühet; (2) Hernach kommen auch die Winde herzu, welche ihn treiben bis an die Gipffel der Häuser, die den Wind aufhalten: bisweilen sind auch Regen-Wolcken in der Lufft, welche durch ihre Schwere immer mehr sincken, und das Meteoron zugleich weiter hinunter treiben, und weil die Lufft um die Häuser etwas gelinder und wärmer ist, als anderswo, so nimmt deswegen der Drache am meisten seine Zuflucht dahin; dahero will er auch bisweilen gern in die Schornsteine kriechen, weil aus denselben mancherley Fett und warme Dünste empor steigen, welche dem brennenden Meteoro oder Drachen eine angenehme Nahrung machen, und durch die natürliche Sympathia, oder Liebe, nach sich ziehen: Derohalben sollen leichtglaubige und einfältige Leute nicht den Schluß machen, wann sich solch ein Drach auf ein Hauß oder Schornstein anleget, die in solchem Hauß wohnende redliche Leute beschreyen und ausruffen, als ob solche mit dem Satan einen Bund gemachet und Zauber-Volck wären, weil sich solche Blame gar schwer wieder auslöschen [224] lässet, weilen mir noch ein solch Gedächtniß im Sinn ruhet, daß sich in meiner Kindheit ein solcher Drach zu Leipzig auf eines im Brühl wohnenden alten Riemers Hauß geleget, wovon hernach diese fromme alte Leut den Nahmen ihr Lebtag behalten, und der Drachen-Riemer genannt werden musten. 7

Marginalien

1 Fliegende Drachen werden von Papier gemacht /helffen etlichen Jesuiten in India aus dem Gefängniß.


2 Andere Art solcher Drachen.

3 Wovon solche entstehen.
4 Sind natürlich.
5 Was gemeine Leut von solchen halten.
6 Näherer Unterricht von dergleichen Drachen.
7 Warum solche auf die Häuser fallen.
Warnung an solche falsche Urtheiler.

17. Von Allraunen oder Galgen-Männlein

XVII.

Von Allraunen oder Galgen-Männlein.

Unter andern aberglaubigen Dingen ist auch bekannt und viel Redens gemachet worden, von den Allraunen oder Galgen-Männlein, von GOtt abgewichene Menschen zu bereichern, ihnen täglich Gold zuzulegen, Liebes-Händel zu befördern, Unfruchtbare zu erfreuen, und allerhand Glückseligkeiten zu bringen, etc. 1 Und scheinet, daß dieses Gedicht von den Allraunen nichts neues, sondern für vielen hundert, ja wol tausend Jahren und mehr, schon mag im Schwang gegangen seyn, wie solches der Nahme Theil bezeuget. Johann Rüst in seiner alleredlesten Thorheit der gantzen Welt schreibet: Daß man [225] aus dessen Nahmen Rhun oder Alruhnwelches ein uraltes Teutsches Wort, dessen Alterthum abnehmen könte: denn es wären diejenige, welche bey den alten Teutschen zukünfftige Dinge verkündiget, Ruhnen genennet worden. 2

Was wir eigentlich Allraun nennen, beschreiben die Kräuter-Lehrer in gantz anderer Meynung, wird im Lateinischen Mandragora genannt. 3 Und lehret davon Barthol. Zorn in Botanologia p.m. 420. was solches für ein nutzbar Gewächs, und wie dessen Kraut und Wurtzel zu gelauchen ist: Ein anders hingegen ist, was von der Mandragora oder Allraun die Landstreicher und Wurtzel-Krämer ausgeben: so von dem Harn eines gehenckten Diebs erwachsen soll; ob wohl solches lauter Betrügerey und Gauckelwerck ist, so werden solche doch umb viel Geld verkaufft, und damit dem Teuffel viel Dienst geleistet, wie solchesMatthiolus offenbaret, vid. Bartholin. Cent. 2. Hist. anal. c. 51. Theoph. Paracels. de vitâ longa l. 3. c. 4. 4 Solche Allraun aber zu erhalten, beschreibt Delrio lib. 4. disq. mag. c. 2. qu. 6. sect. 4. also: Es soll selbiges eine Wurtzel seyn, die einen Menschen bilde, und unter dem Galgen gewachsen, aus dem Saamen oder Urin, der von den erhenckten Dieben herunter trieffe; oben soll sie breite Blätter und gelbe Blumen haben: bey derer Ausgrabung soll grosse [226] Gefahr seyn; dann wann sie ausgerissen wird, soll sie schröcklich heulen und schreyen, daß derjenige, so sie ausgräbet, alsobald sterben müsse; damit man aber diesem Ubel vorkomme, müsse man am Freytag vor der Sonnen Aufgang die Ohren mit Baumwolle, oder Wachs oder Pech wohl verstopffen, und hingehen an den Orth, da sie wachse, drey Creutz darüber machen, und die Erde rings herum abgraben, daß die Wurtzel nur noch mit kleinen Fäsergen in der Erde stecken bliebe; darnach soll man sie mit einer Schnur einem Hund an Schwantz binden, demselben ein Stück Brodt vorhalten, und alsobald davon lauffen, wann nun der Hund nach dem Brodt eilete, und auf solche Weise die Wurtzel mit heraus zöge, so müste er alsobald von dem Geschrey solcher Wurtzel zu Boden fallen und sterben. Die Wurtzel müsse man alsdann nehmen, mit Wein abwaschen, in roth und weiß Seiden-Zeug wicklen, in ein Schächtelgen legen, alle 4. Wochen mit einem weissen Hemmetgen bekleiden, und darbey sich gewisser Worte gebrauchen, also, daß ja bey Leib nichts ausgelassen würde; wann das geschehen, so antwortete es mit dem Haupt auf alle Fragen, und offenbare zukünfftige Dinge. Der Jüdische Geschicht-Schreiber Josephus meldet in seinem 7. Buch, Cap. 23. von Wort [227] zu Wort folgends: Diß Orts aber, (verstehe zu Macherunta, welche Herodes Ascalonita erbauet) da die Kling gegen Mitternacht um die Stadt gieng, war ein Platz mit Nahmen Baraas, darauf auch eine Wurtzel also genannt zu wachsen pfleget; dieselbe ist Feuer-farb, und wann man den Abend zu ihr gehet, so erscheinet sie als ein Blitz, läßt sich aber nicht bald ausgraben, sondern weich hinter sich, und bleibt nicht an voriger Stätte, so lang und viel, bis man Weiber-Harn oder ihre Menses darauf giessen thut, und wann man sie gleich darauf anrühret, ist man gleich darauf des Tods eigen, er thue dann dieselbe Wurtzel an der Hand also hinweg tragen. 5 Sie ist aber auch auf ein andern und nemlich auf diesen Weg zu bekommen: Erstlich muß man sie gantz und gar umgraben, und nur ein wenig im Erdreich davon hafften lassen; folgends einen Hund daran binden, und wann der Hund demjenigen, der ihn angebunden hat, nachlauffen will, so zeucht er die Wurtzel leicht heraus, er stirbt aber auch alsobald davon, und wird an dessen Statt, der die Wurtzel ausgegraben hat, dem Tod aufgeopfert, nachmahls haben sich diejenige, so sie anrühren, keines ferneren Schadens zu besorgen, und ist gleichwohl diese Gefahr einer eintzigen Krafft und Tugend halber, so diese Wurtzel hat, wohl zu übersehen, denn der bösen Menschen Geister, [228] Dæmonia oder Teuffel genannt, welche in die Lebendige gefahren, und die sonst keine Hülffe darwider haben oder wissen, umbringen, werden durch mehr-gedachte Wurtzel, wann sie den Krancken allein dargereichet, verjaget und ausgetrieben, so weit Josephus etc. Dergleichen Art und Ceremonien beydes diese Wurtzel und das Galgen-Männlein auszugraben, veranlassen zu glauben, daß fast beydes einerley; und daß der leidige Teuffel so wohl bey Grabung dieser Wurtzel, als dem Galgen-Männlein der Principal und der Vollbringer oder Würcker derjenigen Dingen sey, so diesen beyden Stücken von den aberglaubigen Leuten zugeschrieben werden. Erasmus Francisici schreibt in seinem höllischen Protheo p.m. 489. daß der böse Geist in der Allraun-Wurtzel seyende, auf des Burgermeisters Befehl in die Cantzley getragen, und daselbst seiner Ankunfft erwarten müsssen: unterdessen viel Wesens und Protestirens gemachet, also gar, daß er geredt, und doch niemand den Redenden gesehen; sobald als der Burgermeister in die Cantzley getretten, sey er schweigend worden; und das Urtheil ohne einzig Widersprechen und Protestiren, leiden müssen, daß man den Allraun unter den Galgen durch den Hencker begraben solte. 6

In einem gewissen Tractat vom Galgen-Männlein /[229] dessen Autor sich Israel Fronschmidt nennet, pag. 626. stehet ein ausführlicher Bericht, von solchen Galgen-Männlein: das gemeine Volck saget und glaubt, daß man solche unterm Galgen grabe, wann an solchem ein Ertz-Dieb, das ist ein solcher Dieb, dem das Stehlen angebhoren, entweder, weil seine Mutter, indeme sie mit ihm schwanger gangen, auch gestohlen, oder wenigstens zu stehlen Lust gehabt, und derselbe seine Jungferschafft noch habend, das Wasser lauffen lässet, so wachse ein solch Galgen-Männlein daraus, so auch Allraun genannt wird, welches hernach zu gewisser Zeit, und mit gewissen Ceremonien, allerdings wie obgedachte Wurtzel Baraas, gegraben wird, hernach werde es in rothem Wein gewaschen, in ein zart leinen und seyden Tüchlein gewickelt, alle Freytag gebadet und in ein Lädel gethan, und ihm alle Nacht ein Stück Geld zugeleget, dafür man am Morgen frühe zwey finde; man müsse es aber nicht überladen, sonst stehe es ab, und sterbe: ein Ducat in einer Nacht, gehe noch hin, aber doch selten; wer aber sicher gehen und das Männlein nicht übertreiben will, sondern seiner Dienste lang geniessen will, mag ihm kühnlich und ohngefehr alle Nacht einen halben Thaler zulegen; Diß ist es, was der gemeine Mann von solchen Galgen-Männlein [230] saget, und von denen, die sich auf solche verdammte Weiß bereichern wollen, in acht genommen und vollbracht wird. 7 Uber dieses wird auch gesaget, wann der Besitzer eines solchen Galgen-Männleins sterbe, so erbe es der jüngste Sohn, und müsse man dem Todten, so das Galgen-Männlein hinterlassen, ein Brodt und Stücklein Geld in Sarg legen und solches mit ihm begraben lassen, wann aber der Erb, dem das Galgen-Männlein zukünfftig zufallen soll, vor dem Vater stirbt, so werde derselbe auch mit Brodt und Geld begraben, wie dem Possessori widerfahren sollen; und alsdann falle das Galgen-Männlein dem ältesten Sohn oder Erben zu. 8

Endlichen will noch anhero fügen, was M. Johann Prætorius in seiner neuen Welt-Beschreibung von allerley Wunder-Menschen von unterschiedenen Betrügereyen, so die Landfahrer brauchen, von solchen Galgen-Männlein geschrieben: Die Wurtzel des Allrauns ist mit ihrem abwärts erstreckten zwey-zackigten Ast einem Menschen und dessen zweyen Schenckeln etwas ähnlich, aber der obere Stamm gleichet dem Menschen gantz nicht. 9 Es werden aber allerley Wurtzeln also zubereitet, daß sie etwas von menschlicher Gestalt vorbilden: man gräbt die Bryonia oder Stickwurtz mit Haber bestecket in [231] die Erde, bis dieselbe ausschläget, welche getrocknet dem Haupt-Haar gleich siehet. Die Art dieser Zubereitung deutet Matthiolus in cap. 71. l. 14. Diascor. an: In die noch grünende Wurtzel des Schilff-Rohrs, des Hunds-Kürbs und anderer Pflantzen schnitzlen die Betrüger sowohl Manns- als Frauen-Bilder, und stecken in dieselben Oerter, da sie das Haar wollen haben, Gersten oder Hirsen-Körner, darnach machen sie eine Grube, und bedecken solche so lange mit wenigem Sand, bis erwehnte Körnlein Wurtzeln schiesssen, so aufs höchst innerhalb 20. Tagen geschiehet; hierauf nehmen sie es wieder aus, und beschneiden die aus den Körnern angewachsene Wurtzeln mit einem scharffen Messerlein, und formiren sie also, daß sie die Gestalt der Haupt-Bart- und anderer Haare des Leibes abbilden. Matthiolus hat diese Art der Aufputzung des Alrauns zu Rom von einem Landstreicher gelernet, welcher selbige leichtglaubigen Leuten um grosses Geld verkaufft. In der Kunst-Kammer zu Neapolis des Imperati sind 2. solche gemachte Alraunen zu sehen, welche gar wohl die Gestalt von einem Menschen præsentiren.

Eine solche betrügliche Art ist mir für Augen kom men, da mir ein ansehnlicher Kriegs-Officier ein Alraun gezeiget, welche er für 10. Ducaten erkaufft hatte, und [232] groß Wesen davon zu machen wuste, massen er solche allezeit für eine rechte Alraun gehalten; es war aber unter seinem Regiment ein Gefreyter, der konte solche auch zurichten, und offenbahrete seine Kunst in meiner und etlicher Gegenwart, sagende: Im Brach-Monat nehme er einige Frösche von ziemlicher Grösse, ziehe ihnen die Haut über die Ohren, spanne solche, wann er sie ausgeweidet, aber wieder mit einer andern Wurtzel ausgefüllet, und die Haut am Bauch wohl über einander geleget, auf ein Bret, und stecke Forder- und Hinter-Füsse wohl angespannet an, bereitete hernach aus der Schmeer-Wurtz einen Kopff, in welche er Haber-Körner gesteckt, von welcher in kurtzer Zeit Haar-Gestalt daraus wüchse, und wenn alles bey gelinder Sonne getrocknet, legete er alles in gute Ordnung, welches denn eine ziemliche Menschen-Gestalt præsentirte, das Haupt befestigte er mit einer Nadel, und nähete selbigem um den Halß ein zart blau Bändlein, damit man den Betrug nicht sehen möchte, solches legete er hernach auf ein taffet Bettlein in eine mit blau Papier ausgefütterte Feder-Schachtel, und ließ sich ein helles crystallen Spiegel-Glaß darüber schneiden, welches alles wir mit gröster Verwunderung anschaueten. 10 Und dieses war eben ein solch Alraun, worauf unser Officirer so groß Vetrauen gesetzt, und bereits etliche hundert Gulden, in[233] Hoffnung gutes Glücks, verspielet hatte.

Noch wäre dieses alles nur ein blosser Betrug, wenn nicht der leidige Satan darunter Spiel machete, und solchen von GOtt abweichenden Leuten den Betrug vergrösserte, und sich selbst in solche Alraun verbergete, um mit solchen Geldbegierigen Leuten endlich in den Abgrund der Hölle zu fahren: und diejenige, so ihnen einbilden, von des Teuffel Hülffe reich zu werden, die finden sich hefftig betrogen: denn der Teufel kan nichts geben, wie solches D. Faust erfahren, als er einsmahls Geld von seinem Geist gefordert, der ihn aber hefftig darüber ausgefiltzet, und zu seinen Künsten gewiesen, solches dadurch zuwege zu bringen. 11 Es ist zwar ausser Zweiffel, daß dem Teuffel bekannt sey, wo alle verborgene Schätze liegen, aber daß er völlige Gewalt darüber habe, solche nach seinem Gefallen zu erheben, und zur Verführung der armen nothleidenden Menschen, oder zu Contentir- und Ersättigung seiner Geitzhälfe, zu verwenden, ist schwer zu glauben: vielmehr ist dafür zu halten, daß er die Seinige in immerwährender Armuth stecken zu lassen sich befleißige, damit sie destomehr, um reich zu werden, sündigen, und desto unaussetzlicher in seinem Dienst verharren müssen: und wenn er einem, dem Ansehen nach, gleich etwas zukommen lässet, [234] so führet er es doch an einem andern Ort wie der doppelt hinweg, wie folgendes Exempel ausweiset: Ein Corporal / ein Mann von sechtzig Jahren / hatte mit dem Satan einen Bund; dieser muste ihm alle Tage sieben Gulden schaffen, welcher solche aber auch alle Tage verschwenden muste, und nicht einen Heller davon über Nacht behalten durffte: so durffte er auch kein Kleid tragen, das durchaus gantz neu gewesen wäre, sondern es muste auf alles, Rock, Hosen, Hembd, Strümpff, etc. allzeit ein alter Blacken geflickt seyn: woraus ohnschwer abzunehmen, wie solcher Menschen-Feind mit seinen Ergebenen umgehet, damit dieser Corporal täglich im Sünden-Schlamme umgeweltzet worden, und an keine Bekehrung gedencken können.

Es ist eine erschrecklicke Sache, daß der böse Geist einige Menschen dahin verleiten kan, zu ihrem ewigen Verderben glaubend zu machen, daß gleichsam der Geist eines erhenckten Diebs mit dessen Saamen oder Urin vereinbahret, in der Erde ein Männlein formire, der hernach andern Geld stehle, und solches seinem Besitzer zubringe; ja es ist zu bedauren, daß solche arme Leute so gar sehr von ihrem Schöpfer abweichen, und sich unter des Teuffels Joch muthwillig ergeben. 12 Du Narr! wilt du deinem Ertz-Feind zu Gefallen, und dir selbst zur Verdammniß, [235] glauben, die Seele eines erhenckten Diebs stecke in der Wurtzel, und stehle auch nach des Diebs Tod, dich reich zu machen; bedencke doch, daß du solcher Gestalt nicht besser bist, als der abgestraffte Dieb selbst: es ist aber nicht die arme Seel, wie du vermeynest, denn dieselbe wird nunmehr nach dem gerechten Urtheil GOttes, nachdem der Leib seine Straffe ausgestanden, an ihrem bestimmten Ort seyn; sondern es ist der leidige Teuffel, dem du dienest, der dir das wenige Geld bringt, und dir auch deinen Lohn geben wird, dafern du ihn nicht alsobald abschaffest, und dich wiederum zu dem wahren GOtt wendest. Damit du aber den Satan desto leichter resigniren möchtest, so wisse, daß sich der Satan auf gar vielerley Art befleißiget, die Menschen zu lehren, wie sie ehrliche Leute bestehlen mögen, dadurch solche zu sich in die ewige Verdammniß zu ziehen. 13 Von den Diebs-Daumen etwas mit wenigem zu gedencken, davon weiß fast jedermann zu sagen, wovon allhier nur eine Geschicht anführen will, welche sich mit einem verwittweten Haffner zugetragen: der hatte sich in einer bekannten Stadt mit des Glöckners, eines Buchbinders, Tochter ehelich verlobt; und weil am Fortgang der Hochzeit kein Zweiffel war, unterließ sie nicht, dessen irdene Waar auf dem Wochen-Marckt, [236] wie andere Häffners-Weiber zu thun pflegeten, zu verkauffen, zu solchem Ende stellet ihr der Hochzeiter etwas in ein Tüchlein gewickelt zu, mit Anzeigung, wenn sie solches bey sich haben würde, daß sie als denn einen guten Marckt und schnellen Abgang der Waaren haben solte: die vorwitzige Braut beschauete und zeigete auch andern Häffners-Weibern das vermeinte Talisma, fande aber einen Diebs-Daumen, daran der Nagel fast lang gewachsen war; alsobald war Feuer im Dach; und weil das Handwerck ohne das einander hasset, wurde der Lermen desto grösser: kurtz geredt, der Hochzeiter wurde eingesetzt und examinirt, von ihm aber vorgegeben, daß er solchen Diebs-Daumen von einem auf seiner Wanderschafft bekommen hätte, welcher durch den Hencker verbrannt, der Haffner aber auf diesesmahl wieder loßgelassen worden. Wir erfahren noch offtermahl, daß an den Hoch-Gerichten den aufgehenckten armer Sündern die Daumen abgeschnitten, solche auch wohl gar um derer willen davon gestohlen und weggetragen werden, und sind solche Leute, die sich solcher bedienen, eigentlich nicht unter die Hexen und Zauberer zu rechnen, dennoch stehen solche gar nahe, gäntzlich mit des Teuffels Netz bestrickt zu werden.

Marginalien

1 Allraun ist eine aberglaubige Sache.
2 Derer Alterthum.
3 Mandragora.
4 Allraun wird unterm Galgen gesuchet.
5 Baraas / wie solche gegraben werde.
6 Allraun wird unter den Galgen begraben.
7 Fronschmidts Bericht von den Galgen-Männlein.
8 Wenn der Besitzer des Alrauns stirbt.
9 Prætorii Bericht von dem Betrug mit den Galgen Männlein.
10 Wie betrüglich solche Alraune bereitet werden.
11 Satan machet sich gern zu solche Galgen-Männlein.
Ist nicht vermögend jemand reich zu machen.
12 Warnung für dem Allraun.
13 Diebs-Daumen / Geschicht davon.

18. Von verborgenen Schätzen

[237] XVIII.

Von verborgenen Schätzen.

Es hat die verdammte Geld-Liebe der meisten Menschen Hertzen also eingenommen, daß dieselbe gantz abtrünnig von GOtt gemachet werden, und sich deßwegen dem allgemeinen Menschen-Feind, dem Satan, unterwürffig machen: ja die Geld-Liebe beherrschet dergestalt die Gemüther, daß solche, um dessen willen, auch in die gröste Grausamkeiten verwilliget, ja den Menschen dergestalt befässelt, daß solcher alle Christliche Liebe verlöschet, den Glauben bricht, die Ruhe verstöhret, und zu allerley Betrug, Stehlen und Morden, Anlaß gibt; und wie viel solche unbesonnene Geld-Geyer brechen den Bund, so sie in der H. Tauff mit GOtt aufgerichtet, und verbinden sich mit dem leidigen Teuffel, daß er ihnen verborgene Schätze zeigen soll, von welchem sie doch gar kahl abgefertiget, und betrogen werden, wodurch sie nicht allein um ihren unschätzbaren Schatz, nehmlich um die Gnade GOttes, das Verdienst ihres Erlösers JEsu, und den Trost des Heil. Geistes, und also um ihrer gantzen Seelen Heyl und Seligkeit [238] kommen, und in den ewigen schmählichen Tod gebracht werden. 1

Nun ist zwar nicht zu läugnen, daß viel Reichthum und Schätze unter der Erden verborgen liegen, die entweder von Natur, auch zum Theil von Menschen, dahin verborgen worden, welches bey Kriegs-Zeiten öffters zu geschehen pfleget, wovon hernach die Leut absterben, daß solche nicht mehr für das Tage-Licht kommen, worbey der Teuffel hernach seine Gauckeley treibet, doch aber nicht die Gewalt hat, selbige zu nehmen, noch auch jemand seiner Ergebenen damit zu beschencken: jedennoch verblendet solches viel Menschen, sonderlich diejenige, welche in der Geld-Liebe ertruncken sind, und sich mit deme, was ihnen GOtt gibt, nicht begnügen lassen wollen. 2 Was diese Schätze anlanget, welche gottlose Leute aus Geitz oder Neid, auch wohl gar bey dem Eingraben dem Teuffel übergeben haben, an solchen ist wohl nicht zu zweifflen, daß derselbe damit nach seinem Gefallen verfahren kan; jedoch müssen die Menschen darbey der Leichtglaubigkeit den Zügel nicht so gar sehr schiessen lassen, und gefället es dem Teuffel sehr wohl, wenn man ihm viel Gewalt zuschreibt, darzu er doch ohne GOttes sonderbahre Zulassung keine Gewalt hat. Jedennoch ist gewiß, daß der Teuffel viele Menschen unter der leidigen Hoffnung des Schatzgrabens äffet und am Seil führet, [239] weil ihme wohl bewust, wie sehr der Mensch dem Gold und Geld nachhänget: dannenhero hält er sich auch gern an dergleichen Orten auf, da er weiß, daß solche Leute wohnen, die es ihnen gleich viel seyn lassen, ob sie vom Segen GOttes oder des Teuffels Hülff reich werden können. 3 Denn wo sich irgendwo ein Glantz oder Licht-Schein in einem Winckel des Hauses sehen lässet, oder der Satan sonst sein Gauckel-Spiel treibt, so beredet sich der Geld-gierige Mensch stracks, es müsse ein Schatz allda verborgen liegen; er suchet, er gräbt, und gebrauchet dabey abgöttische Ceremonien, auch wohl gar zauberische Hülff, und läufft damit in vollem Rennen in des Teuffels Netz hinein. Und damit ihm solch armer Mensch ja nicht wieder entrinne, so erhält ihn der Teuffel in steter Begierde zum Schatzgraben und Geldfinden, verblendet ihm zuweilen die Augen, und machet, als ob an diesem oder jenem Ort Geld läge, und hat man Exempel, daß den Leuten einige Thaler oder alte Müntzen zu theil worden, und das übrige, was sie gesehen hätten, sey ihnen verschwunden. Denn heisset es, der Schatz ist fort geruckt, da doch Gold und Silber natürlicher Weise nicht verschwinden kan. Sind also Schätze, die da fortrucken, niemahlen natürliche Schätze, sondern teufflische Verblendungen. Die aber recht in Gold, Silber oder andern Juwelen zu Kriegs-Zeiten [240] vergraben worden, werden weder verschwinden, noch fortrucken.

Viele solcher Schatz-begierigen Leute verwenden noch wohl das wenige, was sie würcklich haben und sauer erworben, an allerhand betrüglich Völcklein und sogenannte Schatz-Gräber, welche solche arme Leute vollend in ihrem Aberglauben einschläfferen und mit ledigem Geschwätz aufhalten können, bis sie ihren Beutel gespickt, worauf solche hernach hunderterley Ausflüchte haben, warum der Schatz noch nicht könne gehoben werden. 4 Zu dieser Leichtglaubigkeit verleiten solche Schatz-Begierige noch wohl gelehrte Leute mit ihren dißfalls in Druck gegebenen Anleitungen, wie- und auf was Weise man solche Schätze graben soll, wie unter anderen Wolffgang Hildebrand /ein sonst gelehrter Mathematicus, in seinem Kunst-und Wunder-Buch / p.m. 300. ex Theoph. Paracelso Tom. IX. in Philosophia occulta beschreibet: Von den Schätzen und verborgenen Geld, so in- und unter der Erden liegen, ist hier auch etwas weniges zu reden, wie die erkennet, erfahren und überkommen werden, und was sich offt für Ubel und Wunder bey denselben zutraget. 5 Erstlich euch fürzuhalten, bey was Zeichen man einen Schatz, der unter der Erden verborgen, erfahren kan: auf daß man wisse und nicht wehne, soll man acht [241] geben, wo sich nächtlicher Zeit viel Gespenster sehen und hören lassen, und sich etwa sonst Ungestümmigkeit zuträget, die Leute, so zu Nacht darüber gehen, sehr erschröcken, oder die sonst eine Furcht ankommt, daß offt solchen Leuten der kalte Schweiß ausgehet, ihnen alle Haar, wie man saget, zu Berg stehen, und sonderlich geschiehet solches viel an Sambstags-Nächten, auch so die Leute mit Lichtern darüber gehen, löschet es ihnen die Lichter aus, als ob ein rechter Wind darein gienge so geschichts auch offtmahls, wann ein verborgener Schatz in einem Hause lieget, lassen sich daselbsten an schweren Nächten viele Gespenster sehen, und groß Gerumpel hören. Wann sich nun solche Zeichen zutragen, sehen und hören lassen, ist gemeiniglich die Ursache, daß da ein Schatz eingegraben und verborgen lieget, und soll man solches keiner andern Ursache zumessen, dann dieser allein. Und sind der Schätze zweyerley; einer mag gefunden und überkommen werden, der andere nicht. Diß ist aber nur der Unterscheid, der eine, welcher gefunden und überkommen mag werden, ist ein Schatz von dem Gelde, so wir selbst machen, und von uns herkommt. Das soll nun und muß ein jeglicher Schatz-Gräber wissen, und auf die Zeichen, wie gemeldet, Achtung geben: dann die Wünschel-Ruthe ist betrüglich, sie gehet so gern etwan nur auf einen Pfennig, der verlohren [242] worden; so seynd auch die andern Visionen, Spiegel, Crystall und dergleichen, wie es die nigromantischen Schatz-Gräber gebrauchen, auch falsch und betrüglich, derohalben sich auf solches nicht zu verlassen. Nun aber von dem Graben zu reden, wie man die Sachen soll angreiffen, und nach dem rechten Process glücklich und fürsichtiglich zu handlen, geschicht auf diese Weise: Anfänglich hebe an zu graben in der Influenz Lunæ oder Saturni, und wann der Mond gehet im Stier, Steinbock und Jungfrau, und brauche sonst keine Cermeonien nicht, darrfst auch keinen Circul machen, oder einige Beschwerung darüber thun, allein grabe frölich hinein, und habe nicht seltsame Gedancken noch Imaginationes der Geister halber, sonst erscheinen dir von Stund an wunderliche Phantasien, und ist doch nichts leibliches da, sondern ist nur ein Gesicht und Erscheinung, die nicht zu fürchten ist; darum sollen die Gräber miteinander reden, singen und frölich seyn, und unverzagt und gutes Muths, und keinesweges das Reden verbotten seyn, wie die Unerfahrnen dieser Dinge sagen, etc. So weit Paracelsus. Es ist aber diese des Paracelsi Lehre ein lediges Geschwätz, womit dennoch viele Leute sich bethören und an der Nase herum führen lassen. Ich will, zum Abschröcken solcher Schatz-begierigen und Geld-süchtigen Leute, ein Exempel anhero fügen, welches [243] der berühmte JCt. D. Benedict Carpzov, in Pratica Rerum Criminalium beschreibet: Ein gewisser Mann, welchen die von denScabinis eingehohlte Belehrung mit den Anfangs-Buchstaben H.K. bezeichnet, hat bekannt, daß er etlichen Leuten zugesaget, verlohrne Dinge wieder zu verschaffen, und daß er vor ungefehr 3. Jahren einen Geist, mit Nahmen Sybille, auf einen Freytag Abends dreymahl nacheinander geladen, welcher auch jedesmahl als ein kleines Kind in menschlicher Gestalt, in weiß-grauen langen Kleidern, mit einem seltsamen wunderbarlichen Angesicht und krummen langen Nasen, auf dem Haupt lange dörnene Sträuche, in Gestalt einer Cron, habend, erschienen; weil aber H.K. in den ersten zweyen mahlen nichts erfragen können, habe er ihn zum drittenmahl geladen, und bey dem Gehorsam, womit er dem obristen Teuffel Beelzebub verwand, beschworen: worauf er erschienen, und als er ihn willkommen geheissen, auch nochmahlen in vorangezeigetem Nahmen beschworen, daß er ihm anzeigen solte, an welchem Orte im Hause der verborgene Schatz fürhanden, und womit er denselben bekommen könte, hätte ihme darauf der erschienene Geist, Sybille, mit kleiner subtilen Stimme vermeldet: Er solte nehmen geweichet Wachs, dasselbe mit Myrrhen und Weyhrauch vermischen, ein Licht daraus machen, solches anzünden, und einer [244] kleinen unbefleckten Dirnen in die Hand geben, daß sie damit im Hauß herum ginge, an welchem Ort dasselbe Licht auslöschen würde, daselbst wäre das Geld und der verborgene Schatz fürhanden; wie er solches von dem Geist, Sybillen, gehöret, hätte er gebeten, daß er in dem Friede, wie er gekommen, wieder hinscheiden solle: wie dann geschehen, un er darauf die Kunst gebraucht, und einen Thaler werth dafür empfangen: mehr hätte er nicht gethan; er hätte aber ein Glaß zu Amsterdam, das heisse das Violen-Glaß, wann er das hätte, wolte er darein wohl alle böse Geister laden.quæst. 50. fol. m. 330. 6


Ist es der Mühe wohl werth gewesen, für einen Thaler so viel Ceremonien zu machen? Der Teuffel hat vermuthlich anderswo von seinen Creaturen einen Thaler genommen und dahin geleget: damit er nicht gar mit Schanden bestünde, und der Lügen überzeuget würde, indem daß er gesaget: Daselbst wäre Geld und der verborgene Schatz fürhanden. Hat also eine kleine Wahrheit mit einer grosssen Lügen zusammen geknüpfft, indem er den einigen Thaler das Geld und auch zugleich einen Schatz tituliret. Aber das Beste und der fürnehmste Schatz, welchen ihm der Teuffel aufgehoben und endlich zugeschantzt, ist dieser, daß er ihm durch die Beschwerungen eine rothe Corallen-Schnur von [245] Blut um den Halß zuwege gebracht, indem ihn das rechtlich Urtheil zum Schwerd verdammet.

Marginalien

1 Verborgene Schätze / was davon zu halten?
2 Viel lieget in der Erden verborgen. Teuffel hat nicht Gewalt über die Schätze.
3 Viele werden damit betrogen.
4 Falsche Schatz-Gräben.
5 Paracelsi Lehre / wie man Schätze graben soll.
6 Historie von einem Schatz-Gräber / und dessen Lohn.
Lichtlein zu machen / damit Schätze zu suchen.

19. Von Wehr-Wölffen - ob solche für wahrhafft zu halten

XIX.

Von Wehr-Wölffen / ob solche für wahrhafft zu halten.

Es ist eine gemeine Sage, und wollen einige eine gantz gründliche Wahrheit daraus machen, wird auch von unterschiedlichen Scribenten beygebracht, daß Zauberer und Hexen sich in Wölffe, Katzen, Hunde und dergleichen andere Thiere verwandeln können, Felder, Wälder und Häuser durchlauffen, und den Menschen und Vieh nicht geringen Schaden zufügen könten. 1

Daß sich aber solche Menschen in rechte natürliche Wölffe verändern solten, scheinet eine wahre Unmöglichkeit zu seyn, denn wie kan doch die Seele des Menschen ihren Leib verlassen, und in eines Thieres Leib fahren; oder der Leib müste bey vereinigt-bleibender Seel in eines Viehes oder Thieres Leib sich wesentlich veränderen, derer doch eines so wenig geschehen kan, wie das andere. 2 Das erste anlangende, so muß auf Absonderung der Seele vom Leibe gleich der Tod erfolgen, der Mensch untergehen [246] und verderben; das Verstorbene aber wieder lebendig zu machen, ist ein Werck, so weder Engel noch Teuffel zuwege bringen können, sondern einig und alleine von GOtt geschehen muß. Augustinus de Civit. Dei lib. 18. c. 8. schreibt: Es lautet ungereimt und wider alle Vernunfft, daß Leute solten in Wölffe verändert werden. 3 Ich glaube, daß nicht allein nur nicht die Seele, sondern auch der Leib, in keine Wege durch der Teuffel Kunst und List, oder Macht, wahrhafftiglich in Gliedmassen, oder Lineamenten unvernünfftiger Thiere verkehrt werden könne. Ist also glaublicher, daß der Satan die Leute mit falschen Gesichtern und Fürstellungen betrüge: und kan dieser Lügen-Geist solchen Betrug auf unterschiedene Art anspinnen: Denn erstlich kan er selber eine Gestalt der Thiere anziehen, und entweder aus der Lufft, wie auch aus andern Elementen das Bild eines Wolffs künstlen, und selbiges nach Art eines natürlichen Wolffs regieren.

Erasmus Francisci ex Lerchheimers Bedencken von dieser Frage apud Dedekium. Vol. II. Consilior. f. 434. schreibt: 4 daß ein Bauer in eines Vogts Hauß kommen, und zur Nacht allda gegessen: Nachdem er sich nun wohl angefüllet, fällt er plötzlich von der Banck hinter sich, als wann ihn der Tropf schlüge; der Vogt, der das Ding, wie er [247] vermeint, verstund, ließ ihn also unangerührt liegen, und befahl seinem Gesind schlaffen zu gehen; Morgens fand man vor der Stadt ein todt Pferd, auf der Weyd liegen, welches mit einer Sensen mitten von einander gehauen, die lag darbey; der Vogt ließ seinen Gast einziehen, der bekennete: er hab es gethan, es sey eine Hexe da herum geflogen, wie eine Licht-Flamme, welcher die Wehr-Wölffe feind, und müssen sie verfolgen, nach dieser hätte er gehauen mit der Sensen, da sie sich aber unters Pferd verborgen, als es gieng und grasete, sey der Hieb durchs Pferd gangen; also hat solcher Mensch bekannt; das er nicht gethan hat, sondern ihm nur geträumt. Ferner erzehlt gemeldter Autor: 5 Ich bin einmahl mit einem Kirchen-Diener, meinem Freunde, in eines Land-Vogts Hauß gegangen, der einen sogenannten Wehr-Wolff im Gefängniß hatte, solchen ließ er für uns bringen, daß wir uns mit ihm besprechen solten, und erkundigen, was es doch für eine Beschaffenheit mit solchen Leuten hätte? der Mensch gebärdete sich wie ein Unsinniger, lachete, hüpffete, als wann er nicht aus einem Thurn, sondern aus einem Wolleben käme; bekannte nebst vielem andern teufflischen Betrug und Gespenst, daß er am Oster-Tage Nachts bey seinem Gesind in Wolffs-Gestalt gewesen wäre, [248] welches Ort mehr als 20. Meil von dannen wäre, und ein Fluß darzwischen, zweymahl so breit als der Rhein zu Cöllen. 6 Wir frageten: wie kamst du aus dem Gefängniß? Ich zoge die Füsse aus dem Stock und flohe zum Fenster hinaus. Wie kamst du dann übers Wasser? Ich flog darüber. Was machtest du bey den Deinen? Ich gieng umher, besahe, wie sie lagen und schlieffen. Warum kehrtest du dann wieder ins Gefängniß? Ich muste wohl, mein Meister wolte es so haben. Rühmte seinen Meister sehr; da wir ihm sageten, es wäre ein böser Meister, sprach er: Könnt ihr mir einen bessern geben, den will ich annehmen; er wuste von GOtt so viel, als ein Wolff. Es war erbärmlich den Menschen anzusehen und anzuhören, wir baten für ihn, und erhieltens, daß er loß wurde, sonst hätte er müssen brennen. Nun lag ja dieser über 20. Meil im Thurn, darum konte er nicht daheim gewesen seyn, und der vorige die gantze Nacht in der Stube, und konte also nicht aussen auf dem Feld gewesen seyn, und die That mit dem Pferd begangen haben. Der Teuffel hat beydes gethan, und solchen armen Menschen, die in so starckem tieffen Schlaff gelegen, eingebildet, daß solche es gemeynet und bekannt haben.


Dergleichen starcke Träume, Einbildung und Melancholie gibt es insonderheit viel [249] in den Mitternächtigen Nördlichen Orten, da die grobe dicke Lufft dem Satan zu seiner Würckung bequem, darum sich auch daselbst mehr Leute aus Schwermuth und Bekümmerniß selbst entleiben. Ist also, wie oben angedeutet, dem Satan keinesweges möglich, eines Menschen Seel hinweg und wieder ein zu führen.

Wir wollen allhier noch einige von andern für wahr gegebene Geschichte von solchen verwandelten Menschen anführen, dem geneigten Leser zu bedencken, anheim stellen: 7 Nic. Rem. Garzon meldet: Als der Groß-Hertzog in Rußien den Zauberer Lycaonem, welcher sich offt in einen Wolff verändert, und den Bauren grossen Schaden gethan hatte, gefangen, und mit eisernen Ketten gebunden hielte, hat er ihm befohlen, er solte seine Wolffs-Verwandelung sehen lassen, und sich seinem Gebrauch nach in ein solch Thier verwandeln: Lycaon versprach dieses mit Bitte, er solte ihn nur mit seinen Hütern ein wenig auf die Seite gehen lassen, wie nun solches geschehen, setzte er sich nieder, verrichtete seine Zauberey, und bekam alsobald eine Wolffs-Gestalt, sperrete den Rachen auf, funckelte mit den Augen, und wütete so grimmig, daß die Hüter genug zu halten hatten, darauf ließ der Hertzog zween junge starcke Jagd-Hunde auf ihn loß, die den Wolff anfielen, und zerrissen, [250] daß er seine menschliche Gestalt nicht wieder bekommen konte. 8


Pucerus de divinatione p. 170. schreibt hiervon: Es ist mir allzeit sehr lächerlich und fabelhafft fürkommen, was ich habe erzehlen hören von der Verwandelung, da die Menschen zu Wölffen werden: aber daß es nicht allerdings falsch und erdichtet sey, habe ich verstanden von gewissen und glaubwürdigen Leuten, und welche, daß sie alle Jahr, die nächsten 12. Tage nach dem Geburts-Fest Christi, durch Lieffland und andern angräntzenden Ländern sich begeben solte, erlernet haben aus den Bekänntnissen derjenigen, die um solche That und Bubenstücken sind ergriffen, und peinlich sind examinirt und befraget worden. 9 Es soll aber also zugehen: Wann der Christ-Tag verflossen, so gehet ein Junge, welcher mit dem einen Bein hincket, herum, fordert solche dem Teuffel ergebene Leut, derer eine grosse Anzahl ist, zusammen, und heisset dieselbe ihm nachfolgen; Wann nun etliche darunter seynd, die da zaudern und säumig, ist ein anderer grosser langer Mann da, mit einer von eisern Drat und Kettlein geflochtenen Peitsche, der hauet auf sie zu, und treibt sie mit Zwang, daß sie fortgehen müssen. 10 Er soll so grausam auf die Leut peitschen, daß man nach langer Zeit die Flecken und Narben auf ihrem Leib sehen kan: die ihnen[251] auch grosse Schmertzen machen und verursachen. So bald sie nur angefangen ihm zu folgen, gewinnet es das Ansehen, als wann sie ihre vorige Gestalt abgelegeten, und in Wölffe verwandelt würden, da kommen denn ihrer etliche 1000. zusammen, ihr Führer gehet vor ihnen hermit einer eisernen Geissel, dem folget der gantze Hauffe nach; wann sie nun aufs Feld geführet sind, fallen sie das Vieh grausam an, und alles, was sie nur ergreiffen können, das zerreissen sie, und thun grossen Schaden, aber die Menschen selber zu verletzen, ist ihnen nicht vergönnet noch verstattet. Kommen sie an das Wasser, so schläget ihr Führer mit seiner Ruthen oder Geissel in das Wasser, und theilet es von einander, daß sie trocknes Fusses übergehen können. Nach Verfliessung aber zwölff Tage kommen sie wieder zu ihrer vorigen Gestalt, und werden wieder zu Menschen.

Remigius gedencket lib. 2 c. 5. daß ein Weib gewesen, welches sich mit einem Schäffer nicht wohl vergleichen können, und dannenhero als eine Zauberin ihre Teuffels-Künste gebrauchet, und sich in einen Wolff verwandelt, und also die Heerde angefallen, und ziemlichen Schaden gethan; sey aber von dem herzulauffenden Schäffer durch einen Beil-Wurff an der Hüfft verwundet worden; darüber sie sich in den angelegenen Busch begeben, und daselbst nach abgelegter [252] Wolffs-Gestalt ihren empfangenen Schaden mit einem Stück, welches sie vom Kleide abgerissen, verbunden, das häuffig heraus fliessende Blut zu stillen, weilen aber der Schäffer dem blessirten Wolff nachgefolget, in Meinung denselbigen zu überwältigen, und das verwundete Weib angetroffen, als habe er selbiges bey dem Richter angegeben, und darauf den Lohn der Zauberey empfangen. 11

Sennertus erzehlt aus dem Mund eines fürnehmen Mannes, daß, nachdem man ein gewisses Weib, auf Anzeigen, daß sie sich in einen Wolff verwandelt, gefänglich eingezogen, und sie solches auch selbst hätte gestanden; Hat der Magistrat ihr zugesaget, das Leben zu schencken, wann sie dessen würde eine Probe thun, da sie nun solches zu thun versprochen, wann sie nur ihre darzu bedürfftige Salbe zur Hand hätte: 12 so hat man dieselbe aus ihrem Hauß geholt, und ihr gebracht; womit sie dann den Kopf, Halß, Achseln und andere Glieder des obern Leibs, geschmieret, bald hernach aber in Gegenwart des Raths niedergefallen, und von einem tieffen Schlaff befallen worden: nach dreyen Stunden aber ist sie jähling wieder aufgestanden, und nachdem gefraget worden, wo sie unter dieser Zeit gewesen? und was sie so lang gemachet hätte? hat sie geantwortet: sie wäre verwandelt worden in einen Wolff, hätte nahe bey einer von dannen gelegenen [253] Stadt erstlich ein Schaaf, hernach auch eine Kuh zerrissen. 13 Solches nun, ob es sich also in der That verhielte, in Erfahrung zu bringen, hat man bey dem Magistrat selbigen Orts Nachfrage gethan, und vernommen, daß dem freylich also sey, und daß ein solcher Schade unter der Heerde würcklich geschehen wäre: daraus dann Sennertus mit guter Vernunfft schließt, es hab es der Teuffel im Nahmen dieser Hexen, indem dieselbe in vestem Schlaff gelegen, verrichtet, und ihr im Schlaff eine solche Vorstellung gemachet, daß sie sich selbst für die Thäterin gehalten. Vid. Sennert. de Morb. occult. lib. 6. part. 9.c. 5.

Bodinus lib. 2. dæmon. c. 5. und auch andere muthmassen: Es könne mit des Teuffels Macht die Seele per ecstasin oder durch eine Entzuckung von dem Leibe getrennet werden, un also in die Welt hin und wieder herum wallen, endlich aber verfüge sie sich selbst nach selbst eigenem Belieben wieder in ihre gewöhnliche Wohnung: In solchem Trennungs-Stande sey der Leib erstarret und todt, die Seele aber geselle sich zu einem wahrhafftigen oder zu einem vom Teuffel præparirten Wolffs- oder andern Thieres-Leib, verübe alsdann darinnen, welches sie wolle, bis sie endlich nach gethanem beliebigen Wercke von dem Teuffel hin in ihren eigenen Leib wiederum gebracht werde.

[254] Aber, schreibt Johannes Prætorius, die Seel eines Menschen kan nicht verwandelt werden in die Seel eines Wolffs, noch der menschliche Leib in einen Wolffs-Leib: Es ist unsere Seel viel edeler und unser Leib viel herrlicher, als daß er also solte können verwandelt werden. Ja es kan die Seel des Menschen sich nicht von ihrem Leibe scheiden, daß sie fahre in eines Wolffs Leib, denselben zu bewegen und lebend zu machen; und kan solches der Teuffel selbst nicht ins Werck richten, viel weniger die Hexen. Daß es der Teuffel nicht könne, ist daher offenbar, weil er es weder auf natürliche Weise, noch übernatürlich, verrichtet. Nicht übernatürlich, weil es allein GOtt zukommt, über die Natur thun. Nicht natürlich, weil die Natur Wölffe, Katzen, Hunde nicht zeuget, ohne durch den Saamen dieser Thiere. Ist also solches nur ein Blendwerck des Teuffels, welcher die Menschen also betrüget, sie entzucket und solche falsche Einbildung in ihnen würcket. Vid. Prætor. vom Blocksberg / Part. 2. c. 6. § 10.


Hiermit stimmet auch überein der Autor des Buchs / genannt Malleus judicum, c. 3. ob die Hexen in Wölffe, Katzen und Hunde, u.s.f. verwandelt werden. §. 5. O wie eine falsche, unvernünfftige Meynung! Wenn ein Leib einmahl ohne [255] Seel ist, so ist er schon todt, sintemahl der Tod anders nichts ist, denn eine Absonderung dieser beyden, Leibs und der Seelen; wer aber todt ist, den kan kein Teuffel wieder lebendig machen, dieweil solches allein GOttes Werck ist. Daß aber solche Leute nicht fühlen, wenn man sie schon mit Nadeln oder Pfriemen stüpfft, oder auch sie brennet, wie etliche vorgeben, folget noch lange nicht, daß derowegen die Seele von ihnen frey seyn müsse, denn sie athemen ja, und regen die Brust sowohl, als andere Schlaffende, allein daß sie in einem tieffen Schlaff liegen, dergleichen Kranckheiten auch wohl nur aus blossen natürlichen Ursachen allein herrührend, von den Medicis observirt werden, wiewohl in diesem Sopore Dæmoniaco, über die natürliche Ursachen, des Teuffels Gespenst mit unterlaufft, zudem kan man doch Artzneyen zurichten, dadurch der Mensch in so tieffen Schlaff fället, daß er nichts, wann man ihm schon ein Glied vom Leibe gar ablösete, davon empfindet; ist also offenbar, wann die Hexen-Leiber eine andere als Menschen-Gestalt haben, daß solches Gespenst des Satans sey, dadurch sowohl andere Menschen am Gesicht, als die Hexen selbst am Verstand und Einbildung geblendet werden.

Andere Autores wollen es mit rechtem Ernst behaupten, daß sich solche Menschen in Wölff verwandeln können. 14 Petrus [256] Mamorius schreibt in einem kleinen Tractat, so er von den Zauberern gemachet, daß, als er in Sovoya gewesen, er allda die Verwandelung der Menschen in Wölffe gesehen habe. Johannes Fincelius lib. II. von Wunder-Zeichen / schreibt, daß zu Padua ein solcher Menschen-Wolff oder Wollf-Mensch gewesen seye, deme man, als man ihn ergriffen, die Wolff-Tappen abgehauen, und seye er gleich auf der Stätte an Händen und Füssen gestümmelt gewesen. Heinrich von Colle in Tractat. de Lamis, hält solche Verwölffung für gantz unzweiffelhafftig und gewiß; deßgleichen auch Ulricus Molitor in seinem Büchlein von Hexen und Unholden, Dialog. ro. Siehe mehrere Exempel beym Bodino lib. 2.cap. 6. von der Lycanthropia oder Wolffssucht /und ob der Teuffel die Menschen in Thiere und Vieh verwandeln könne.

Sprengerus part. 1. quæst cap. 9. und aus demselben Steinhard. in epist. histor. p. 83. & 84. und andere mehr, schreiben, wie sich Weiber in Katzen verwandelt haben und beschädiget worden seyn. 15 Undrecitirt Caspar Goldwurm eine Historie davon, mit folgenden Worten: Der Teuffel läßt auch Fromme, Unschuldige und Einfältige nicht unangefochten, sondern verwandelt sich, nur Schaden zu thun, in [257] mancherley Gestalt: denn im Bißthum Straßburg (die Stadt und Ort wird mit Fleiß zu nennen unterlassen) ist ein frommer ehrsamer Mann gewesen, welcher auf eine Zeit in seinem Hoff gestanden, und Holz zum Brennen gespalten, ist eine Katze in heßlicher und grosser Gestalt zu ihm kommen, und mit Gewalt, ihm Schaden zu thun, an ihn gesprungen, welche er mit aller Macht von sich zu treiben bemühet gewesen; indem kommt eine andere, viel heßlich- und grösserer Gestalt, und stehet der ersten Katzen bey, und beängstigen den guten Mann sehr hart, daß er sich hinten und vornen wehren muß, dieselbe zu vertreiben; endlich kommt die dritte Katz auch darzu, und eine springt ihm unter das Gesicht, die andere auf den Nacken, die dritte greiffet ihn mit Beissen an den Beinen an, und als er GOtt in solcher Noth angeruffen, und sich ihm gäntzlich befohlen, indem wird er ergrimmet, und schlägt um sich, und in dem Springen der Katzen trifft er eine auf den Kopff, die andere auf den Rücken, die dritte an die Füsse, und hat sich also ihrer mit grosser Mühe und Arbeit erwehret und sie vertrieben. Nachdem solche fort, hat er wieder angefangen sein Holzhauen zu vollführen; indem kamen bald hernach zwey Stadt-Knechte, nehmen und binden ihn als einen Ubelthäter; und führen ihn vor den Richter, der Richter aber war zornig und wolte den armen Mann [258] nicht zur Verhör kommen lassen; sondern befiehlet, daß man ihn in den tieffsten Thurn der Ubelthäter werffen solte. Der arme Mann beklagte sich mit weinenden Augen der Unbilligkeit, und begehrte seine Unschuld anzuzeigen, daß er möchte verhört werden. Der Richter aber war je länger je mehr über ihn ergrimmet; und wolte ihm auch sonst niemand die Ursache seines Zorns erklären; aber andere Raths-Personen erbarmten sich des guten Mannes, und redeten dem Richter zu; daß er ihme Audienz zu geben willigte: Da er aber von den Richter und Raths-Verwandte gestellet ward, wolte ihn der Richter noch nicht ansehen; doch endlich ruffete der arme Mann die andern umsitzenden Personen an, und bate, daß man ihm doch anzeigen wolle, was er verschuldet hätte. Da fieng der Richter an, und fragte mit zornigen Worten: Du Bösewicht, wie darffst du solche deine Ubelthat verläugnen; und zu verbergen suchen; hast du nicht auf diesen Tag die drey ehrlichen und fürnehmsten Matronen dieser Stadt dermassen verwundet, daß sie zu Bette liegen, und sich weder regen noch bewegen können. Da solches der arme Mann gehöret, ward er erquickt, und bedachte die Zeit und Stunde, in welcher er den Katzen-Kampff gehalten und überstanden hatte, und sagete: Herr Richter, ich weiß, daß ich mein Lebtag keinen Weibs-Person geschlagen oder beschädiget, [259] ich will auch mit euren und meinen Nachbarn erweisen, daß ich denselben Tag und Stunde in meiner sauren Arbeit, Holtz zu hauen, gestanden bin. Darauf der Richter wieder zornig geantwortet: Siehe, wie kan sich der Bösewicht so frey vertheidigen, dieweil doch die That öffentlich da ist; da bedachte sich der Mann, was ihm in derselben Zeit mit den Katzen wiederfahren ware, und sagete: Herr Richter, ich erinnere mich und gestehe, daß ich unvernünfftige Creaturen, 3. Katzen, aber keine Weiber, geschlagen habe, und mich meines Leibs und Lebens für ihnen mit Gewalt habe erretten müssen. Darüber erschracken die umsitzenden Raths-Personen, und begehrten von ihm, daß er nun den Handel, wie es sich begeben hätte, erzehlen und offenbaren solte. Da fieng er an, ihnen den gantzen Handel, wie es zugegangen wäre, zu erzehlen, gleich oben kürtzlich vermeldet worden. Darüber sie sich alle entsetzten, und vermerckten wohl, daß es ein teufflisch Werck gewesen wäre, und gaben den armen Mann ledig und loß, verboten ihm aber, daß er es bey Lebens-Straff niemand offenbaren solte, damit solche ansehnliche Personen nicht in Schande und Schaden gebracht werden möchten.

Daß sich ein Weib in einen Hasen verwandelt, erhellet aus folgender Geschicht: Petr. Goldschmid in seinem verworffenen Zauber- und Hexen-Advocaten /[260] cap. 24. §. schreibt: Es habe Herr J.W. Scheffer. Licent. Med. & Archiat. Reg. in Dännemarck, für wahrhafftig erzehlet, was sich bey dem bekannten Holcken, adelichen Sitz bey Nieburg, in Fünen gelegen, in seiner Anwesenheit daselbst begeben: Der Jäger desselben Guts war mit zwey Hunden und dem Jäger-Jungen ausgegangen, einen Hasen zu hetzen: Es trug sich aber zu, daß sie in einem Bauren-Hauß, so selbigem Hof zukame, zu Nacht blieben. 16 Da aber der Jäger sich zu Bett geleget hatte, blieb der Junge in der Stuben auf der Banck liegen, und seine Hunde legten sich vor ihm auf die Erden. Um Mitternacht-Zeit kam die Wirthin desselben Hauses hinein in die Stube, und weil sie meynete, daß der Jäger-Junge schlieffe, verfügete sie sich hin zu dem warm-eingeheitzten Ofen, und kleidete sich Mutter-nacket ab, und beschmierte sich mit einer Salbe über den gantzen Leib, und setzte, nach gethaner Beschmierung, die Salbe oben über den Kachelofen, kleidete sich darauf wieder an, und gieng zur Stuben hinaus: der Jäger-Jung, welcher dieser Frauen ihr Salben wohl beobachtet hatte, urtheilte, es müsse eine gute Salbe und zur Stärckung der Glieder dienlich seyn; Zohe seine Schuhe aus, nebst den Strümpffen, und beschmierte seine Füsse, an welchen er Schmertzen empfunden, weil er mit den Hunden den vorigen [261] Tag, auf gefrohrner Erde, etwas herum gewandelt, und nachdem er sich beschmieret hatte, schmierete er auch seinen Hunden die Füsse mit solcher Salbe. Am folgenden Morgen machete sich der Jäger frühe auf, und hieß den Jungen mit den Hunden wiederum ins Feld gehen. Da dann geschahe, daß ein Hase, so sich vor ihnen gedrückt hatte, weil sie nahe auf ihn zukamen, aufstund, der Jäger hetzte demselben die Hunde nach, welche nebst dem Jungen der Hunde schnell zu lauffen anfiengen, in unerhörter Geschwindigkeit den überaus schnellen Hasen verfolgeten, also auch, daß, eher sich der Jäger es vermuthen konte, Junge, Hunde und Hase ihme aus dem Gesicht kamen. Weil aber der Jäger nicht folgen konte, auch nicht erblickte, wo der Lauff hingangen war, als machte er sich nach langweiligem Warten auf den Weg zum Hof hin. Als er aber ohnweit vom Hofe in dem angelegenen Dorffe kommt, findet er Jungen und Hunde für einem Backofen, der nach Lands-Manier von Leimen etwas abwärts vom Hause gesetzt war, stehen, also, daß ihnen die Zunge vom starcken Lauffen zum Halß heraus gienge, und der Junge absonderlich Athem-loß war. Der Jäger sich dessen verwunderend, spricht demselben nach Landes-Manier zu: wie ihn der Teuffel mit den Hunden dahin geführet hätte? dem der Jung antwortete, er wäre [262] dem Hasen nachgelauffen, welcher in den Backofen gesprungen wäre, und sich jetzo in ein Weib verwandelt hätte: Als der Jäger darauf in das Ofenloch hinein schauete, befand er die Sache also, und daß das Weib ihre Wirthin wäre: als sie hierauf auf den Hof kommen, hat der Jung den gantzen Handel dem Herrn erzehlen müssen.

Marginalien

1 Was sie seyn.
2 Ob sich Menschen in solche / oder andere Thiere /verwandeln können.
3 Wird vom Augustinuo und andern widersprochen.
4 I. Geschicht.
5 II. Geschicht.
6 Falsche Meynung von einem solchen Wehr-Wolff.
7 III. Geschicht.
8 Zauberer muß sich für dem Hertzog zum Wolff machen.
9 IV. Geschicht.
10 Wie die Hexen zusammen geruffen werden.
11 V. Geschicht.
Wehr-Wolff wird von einem Schäfer verwundet.
12 VI. Geschicht.
13 Hexe muß sich für der Obrigkeit zum Wolff machen.
14 Einige Autores wollen behaupten / daß würcklich Wehr-Wölffe seyen.
15 Drey fürnehme Hexen suchen in Katzen-Gestalt einen armen Mann zu beschädigen.
16 Ein Weib verwandelt sich in einen Hasen.

20. Von Gespenstern

XX.

Von Gespenstern.

Es gibt viel Leut, welche alles, was man nur von Gespenstern schreibt, für Schatten-Werck, Mährlein und falsche Einbildungen halten wollen, und wollen durchaus nichts von solchen halten noch glauben; derohalber vonnöthen, beweißlich darzustellen, daß die Gespenster wahrhafftig offt, entweder dem Gesicht, oder Gehör oder Gefühl nach, sich spühren lassen. 1 Wiewohl auch nicht zu widersprechen, daß bey vielen die Einbildungs-Krafft, Furcht, Schröcken und Bestürtzung erwecken kan, indem solche offt vermeinen, sie sehen etwas, da es doch an ihm selbst nichts ist, dannenhero man auch wunderselten vernehmen wird, daß behertzte Leut ein Gespenst gesehen; Ein [263] Trunckener kan leicht durch sein verderbtes Gesicht mit einer irrigen Einbildung betrogen werden: denn der überflüßige Wein und Brandwein kan ihm leicht eine falsche Einbildung machen, als ober da oder dort Gesichter und Gespenster sehe: gleichem Betrug ist auch das Ohr unterworffen, sonderlich bey denen, die Schwachheit am Gehör haben; dann bey veränderlicher Lufft und Wetter krachet offt etwas am Getäffel an der Wand, Banck, oder Tisch, wovon solche Leut ihnen einbilden, sie hätten etwas gehöret. Nichtweniger kan das Gefühl und Geschmack ebenfalls irren und betrogen werden: vielfältigmahl werden auch durch Leichtfertigkeit und Betrug falsche Gespenster angedichtet, welche hernach Anleitung geben, daß viele von den wahrhafften Gespenstern weder etwas wissen noch glauben wollen.

Die Römisch-Catholische halten die Gespenster für Englische, teufflische oder menschliche Geister, welches entweder selige, oder im Feg-Feuer noch begriffene oder verdammte Seelen eines Verstorbenen seyn, die Protestirende oder sogenannte Reformirte werden den Nahmen eines Gespenstes den Heil. Engeln nicht leichtlich zueignen, auch zum Theil wohl gantz und gar allen Erscheinungen, Gespenstern und Polter-Geistern widersprechen wollen: von den West-Indianern[264] werden solche für theils böse, theils gute Götte gehalten. 2 Bey den alten Heyden aber werden solche entweder für den guten oder bösen Genium jewedes Menschen oder jeglicher Nation angesehen.

Ob nun wohl von den Gespenstern, derer Natur und Wesen mancherley Meynungen fallen, so dienet doch gleichwohl zur Vergewisserung, daß schier kein Land unter der Sonnen, welches nicht von Gespenstern zu sagen wüste: und falllet gemeiniglich der allgemeine Schluß dahinaus, daß es würckliche Erscheinungen gäbe, ohnangesehen davon nicht einerley Urtheil gefället wird. 3 Und haben gar viel alte Heyden viele denckwürdige Sachen davon ihren Schrifften einverleibet; auch viel gelehrte und verständige Christen, Römisch-Catholischer, Evangelischer und Reformirter Religion gar viel Händel, so von Gespenstern verübet, durch ihre Feder abgesasset, welche allhier anzuführen für unnöthig achte: Gesetzt auch, daß solches nicht geschehen wäre, so können doch solche Gespenst-Vernichter und Widersprecher durch die Feder des Heil. Geistes einer unverschämten Eigensinnigkeit überführet werden. Dann dieselbe schreibt mit hellen und klaren Worten: Die Jünger des HErrn hätten gemeinet, daß sie ein Gespenst seyen: ob wohl die Widersprecher vorwenden, diß gelte für keinen Beweiß, weils es sich die [265] Jünger nur so eingebildet; aber welche eine kahle, liederliche und nichtige Ausrede ist doch dieses, wann nur bloß allein bey Matthäo am 14. stünde, die Jünger hätten gesagt: Es ist ein Gespenst; so möchte solch eiteles Fürgeben noch ein wenig gefärbter heraus kommen; aber St. Marcus gibt es also: Sie meyneten / es wäre ein Gespenst und schryen; welche Rede Marci 6. V. 49. unwiedertreiblich zu verstehen gibt, es gebe Gespenster. Der HErr Christus nimmet auch den Jüngern solchen Wahn, als ob sie würcklich anjetzo nicht ihn, sondern einen Geist oder Gespenst erblickten, mit einem solchen Beweiß, der zugleich bestättiget, daß jemahlen Geister, (oder Gespenster) würcklich erschienen, indem er sagt: Ein Geist hat nicht Fleisch und Beine / wie ihr sehet / daß ich habe.

Und wann alle Gespenster eine getichtete falsche Einbildung wären, so müste die Göttliche Wahrheit gar sehr fehlen, indem sie durch den Mund Esaia weissaget: Feld-Geister werden da hüpffen / Es. 13. V. 21. Ein Feld-Teuffel wird dem andern begegnen / der Kobald wird auch daselbst herbergen und seine Ruhe finden / Es. 34. V. 14. Moyses beschuldiget die abtrünnige Israeliten Levit. 17. V. 17. & Deut. 32 V. 17. daß sie [266] den Feld-Teuffeln geopffert haben. 4 So auch werden solche Leute, die den Gespenstern widersprechen, zu allen Zeiten widerleget durch die peinliche Bekänntnisse der Hexen: sintemahl dieselbe sämtlich berichten, wie und welchergestalt ihnen der Teuffel erschienen sey.

Daß wahrhafftig Gespenster seyn und geglaubet werden müssen, bestättiget uns die monathliche Unterredung Mens. Julii 1689. in folgendem: Die Erfahrung hat empfunden Martinus Schookius, weyland Professor honorar. zu Franckfurt an der Oder. 5 Dieser gelehrte Mann kam einstens auf der Reise zu N. in ein Wirths-Hauß, konte aber, weil dasselbe schon mit Leuten angefüllet war, kein ander Nacht-Quartier bekommen, als in der mittlern Stuben, darin niemand zu übernachten verlangete, weil es, des Wirths eigener Aussage nach, allzu unsicher darinnen war. Schookius, seines Grund-Schatzes eingedenck, nehmlich, daß keine Gespenster zu glauben, befahl dessen ungeachtet, man solte ihm, als der sich nicht fürchtete, nur das Bett allda aufmachen, und legete sich, nach eingenommener Mahlzeit, zur Ruhe; aber um Mitternacht gehet der Lermen an, und kommt jemand zur Stube hinein gepoltert, marchiret fein gerade in die Kammer, nach dem Bett zu, der gute ehrliche Schookius vergaß hierüber aller seiner [267] Hertzhafftigkeit, erschrack recht von Hertzen, und verkroch sich vor Angst, mit allen seinen Principiis, unter die Decke. Das Gespenst aber, welches in einem alten Deutschen Kleide, und in Gestalt eines für diesem erstochenen Soldatens aufzog, wolte ihm seine Dubia recht aus dem Grunde solviren, hob derohalben die Decke auf, nahm Schookium heraus, stieß ihn unter das Bett, und legete sich hinein an seine Stelle; nach einer Stunde aber stund es auf, und trollete sich wieder davon. Indessen befande sich Schookius in tausend Aengsten, und lernete beten. Als aber kein Gespenst sich mehr merckenließ, kroch er hervor, legete seine Kleider an, ging hinunter, und bezahlte den Wirth; dieser, der seine Veränderung wohl merckete, fragete, ob er kein Gespenst gespüret hätte? Er antwortete: Wer weiß, wer mir den Schabernack gethan. Doch ist er nachmahls nicht mehr so verwegen gewesen.

Es stellen sich aber die Gespenster in vielerley Gestalt vor, und regieren gemeiniglich an solchen Orten, da Mord und Todtschlag geschehen, da groß Blutbad vorgegangen, oder etwa Leute sind umgebracht worden. Sie lassen sich nicht allein an einsamen Orten in Wäldern, Feldern, Wassern, sondern auch wohl in GOttes-Häusern spüren: wie sie denn gemeiniglich in der Mitternacht, oder Mittags-Stunden, auch zu heiligen Zeiten, auch in heiligen Zeiten, ihr Gepolter [268] und Spückerey gern treiben, und trachten durch ihre Erscheinung und Gepolter den Menschen zu erschröcken: ja es hat der Satan so vielerley Arten und List, dem Menschen zu schaden, daß solche allhier unmöglich zu beschreiben seyn. Und alles verhängt GOtt, den Frommen zur Bekehrung und Ubung ihres Glaubens und Gebets: auch zu mehrerer Fürchtigkeit in ihrem Wandel; denen Gottlosen aber geschicht es zur Straffe, und sonderlich den Atheisten, entweder zum Nachdencken und Erschröckung, oder zukünfftiger stärckerer Uberweisung ihres ruchlosen Wandels.


Zu mehrerer Bekräfftigung, daß es wahrhafftig Gespenster gibt, sollen dem geneigten Leser noch einige gründliche Historien allhier angeführet werden. 6 G.P. Harßdörffer im Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte hist. ult. schreibt, wie ein Gespenst, welches einem Frantzösischen Edelmann, Robert genannt, in Weltschland in der Nacht, als er irre geritten, erschienen, und ihn in ein Wirths-Hauß gewiesen, in welchem der Wirth und Gäste Mördern und Straffen-Räubern gleich gesehen, deßwegen sich Robert zum Feuer gesetzt, seinen Degen in acht genommen, seine Pistol fertig gehalten, und in einem Buch gelesen; zur Mitternacht kommt das Gespenst wieder, und weiset ihm, er solte folgen; welches er auch [269] gethan, und in einen Garten zu einem Brunnen geführet worden, allda das Gespenst verschwunden; er will nicht wieder zurück ins Hauß kehren, sondern erwartet mit grossem Verlangen des Tages, mit welches Morgenrothe er wieder verreiset; und der Obrigkeit des Orts darbey anzeiget, was ihm begegnet: da dann sobald nachgeforschet, und ein Kauffmann, der neulich ermordet, in dem Brunnen gefunden worden: deßwegen etliche von den Thätern ergriffen, und ihre gebührende Straffe anstehen musten. Zwey Tage hernach erscheinet das Gespenst Roberto wiederum, und verspricht ihm, drey Tage vor seinem Tode ihn zu warnen, weil er gethan, was recht gewesen: verschwindet darnach, und laßt ihn in tieffen Gedancken nachsinnen, ob es ein guter oder böser Geist. Nachdem er wieder in Franckreich gekehret, sich verheurathet, und in allem Wohlergehen lebte, kommt das Gespenst wiederum und sagete zu ihm: 7 Er solte sein Hauß beschicken, sich zum Tod bereiten, in dreyen Tagen würde er die Welt verlassen müssen. Robert läßt diese Erinnerung nicht ausser Acht, und schickt sich zum letzten Abschied, wiewohl er nach und nach an der Erfolgung zweiffelte, weil die 3. Tage verflossen, und er sich bey guter Gesundheit und aller Sicherheit befande. Als die Nacht der drey bestimmten Tage zu Ende, fängt der Hund, welchen [270] Robert in seiner Kammer schlaffen lassen, er springt aus dem Bett, ergreifft den Degen, eröffnet die Kammer und will das Gesind auffwecken, indem wird er auf der Stiegen durch und durch gestochen, daß ihm der Degen im Leib stecken bleibt, und der Thäter über seinen halb-todten Leichnam davon springet. Wer dieser Meuchel-Mörder gewesen, konte niemand wissen, allein wurde der Degen erkannt, daß er Sarmont, einem seiner besten Freunde, zuständig, der sich damahls in Holland aufgehalten. Robert verzeihet seinem Mörder von Hertzen, und befiehlt, man solte deswegen keine Nachfrage halten; und verstirbt also folgenden Tages sehr Christlich. Sarmont, des Verstorbenen Freund, hatte um Nerinam vor Robert gebuhlet, und war in dem Hause, vor seinem Verreisen nach Niederland, sehr wohl bekannt; dahero nahme Falsa, die Magd im Hause, Ursach auszugeben, Sarmont hatte ihren Herrn, den Robert, umgebracht, und hielte sich heimlich in der Gegend auf, wie der Degen beglaubt, oder hätte ihn verrätherischer Weise ermorden lassen, durch einen andern, Nerinam, die hinterlassene Wittib, zu freyen. Diese Verläumbdung wird hernach offenbar, als Falsa sich hoch schwangers Leibs und in Kinds-Nöthen befand, daß Morin, Sarmonts [271] Diener, welchen er wehrhafft gemachet, und mit seinem Degen beschenckt, nicht allein Vater zu ihrem Kind, sonder auch Roberts Mörder wäre: allermassen auch besagter Morin solche Wahrheit durch seine Flucht bestättiget.

Noch eine Geschicht von einem Geist aus besagtem Autore lib. citat. part. 3. Histor. 77. will allhier anführen: 8 Zu Stockholm hat sich ein Metzger in eine schöne Dienst-Magd verliebt, welche aber in seinen sündlichen Willen nicht einwilligen wollen, es sterbe dann sein Weib, und daß er sie eheliche. 9 Weil ihm nun die Alte nicht nach seinem Willen sterben wolte, und eben die Pest des Orts grassirt, hat er einen Sarg machen lassen, und des Nachts seinen Weib mit dem Schlacht-Beil ihr Haupt zerspaltet, sie in den Sarg geleget und vorgegeben, sie wäre an der Pest gestorben. Nach diesem hat er sich die Magd trauen lassen, und ist diese Mordthat niemand als ihm, dem Thäter, bewust gewesen. Worauf ein erschrecklich Gespenst im Hauß grosse Unruhe gemachet, daß er genöthiget worden, in ein ander Hauß zu ziehen, und dieses ledig stehen zu lassen. Es begibt sich aber, daß ein Reichs-Tag zu Stockholm ausgeschrieben worden, dahin auch eine adeliche Wittib verreiset, ihre Rechts-Sache daselbst fortzusetzen; als solche aber, wegen grosser Menge des Volcks, keine Herberg [272] finden konte, ist sie, ob man ihr schon die Beschaffenheit des Gespenstes in solchem Hause angedeutet, dannoch in selbigem eingekehret, mit Vorwenden, sie scheuete sich nicht, sondern vertrauete ihrem GOtt. Zu Mitternacht ist das Gespenst mit grossem Gepolter in die Stube kommen, worüber die Wittib sich mit dem Gesicht zur Wand gekehret und zu GOtt gebetet, bis das Gespenst verschwunden, welches sie ein wenig ruckwärts gesehen, und eine Weibs-Gestalt mit zerspaltenem Haupt erblicket. Dieweil ihr nun kein Leyd wiederfahren, ist sie die folgende Nacht, als das Gespenst wieder erschienen, behertzter gewesen, und hat es nach ihrem Gebet also angeredet: Alle gute Geister loben GOtt den HErrn. Worauf das Gespenst in der vorigen Gestalt ihr geantwörtet: Ich bin ein guter Geist, und lobe GOtt den HErrn. Als nun die Adeliche Wittib hierauf gefraget, warum dann dieser Geist sich in diesem wüsten Hause aufhalte? hat, nach Bericht der begangenen Mordthat, der Geist zu verstehen gegeben, der Leib könte nicht ruhen, bis ihr Mann von der Obrigkeit zu verdienter Straff gezogen würde. Sobald der Tag angebrochen, hat die Wittib der Obrigkeit alles angedeutet, welche das Grab eröffnet, und das zerspaltene Haupt in Augenschein genommen, darauf den Morder zur Hafft bringen lassen, welcher nach gestandener [273] That zu gebührender Straff gezogen worden.

Anno 1686. den 8. Junii, wurde aus Basel folgende Begebenheit geschrieben: Als zu itzt-benannter Zeit zwey Edel-Leute in Bünthen, auf dem Wege nach Chur, an einem Busch ein kleines Kind erblickt, welches in Leinen gewickelt dargelegen, habe der eine Edelmann, aus Mitleiden, seinem Diener befohlen abzusteigen, und das Kind aufzuheben, auf daß man es ins nächste Dorff mitnehmen könte. 10 Wie nun der Diener abgestiegen, das Kind angefasset und aufheben wollen, hat er es nicht von der Erden erheben können: worüber beyde Edel-Leute sich höchstens verwundern, und dem andern Diener auch befohlen, er solte gleichfalls absitzen, und dem ersten helffen, aber beyde haben mit gesammter Hand nicht so mächtig werden können, nur einmahl von der Stelle zu rucken. Nachdem solche aber lange genug daran gehoben und gezogen, hat das Kind angefangen zu reden, und gesaget, sie solten es nur liegen lassen, dann sie würden es doch nicht von der Erden wegbringen können. Unterdessen wolle es ihnen nur so viel anzeigen, daß es anjetzo ein köstliches und fruchtbares Jahr geben, aber sehr wenig Leute solches erleben würden; und sobald es solche Worte ausgeredet, sey es verschwunden. Worauf beyde von Adel in höchster Bestürtzung fortgerritten, es zu Chur dem Rath angezeiget, [274] und alles nebst ihren Dienern eydlich deponiret; dahero man der Gewißheit solcher Begebniß genugsam versichert ist. Was solches nun für ein Gespenst gewesen, will ich nicht zu entscheiden mich unterstehen.

Im Jahr 1644. am 18. Aug. zog Churfürst / Johann Georg der Erste / die Stadt Chemnitz vorbey; als seine Leut in einem Gehöltze selbiger Gegend ein wildes Weiblein fiengen, so nur einer Ellen lang, sonst aber recht menschlich gestaltet war. 11 Ihr Angesicht, Hände und Füsse waren gantz glatt: der übrige Leib aber aller rauch; selbiges Weiblein fieng an zu reden, und sagete: Ich verkündige und bringe den Frieden im Lande. Der Churfürst befahl, man solte sie wieder lauffen lassen; weil vor etwa 25. Jahren auch ein Männlein in gleicher Gestalt gefangen worden, welches den Unfrieden und Krieg verkündiget. Vid. Gottfr. Schultzens Chronik / im 1644. Jahr, worüber auch viel speculirt worden, ob solches ein Teuffels-Gespenst oder guter Engel gewesen.

Wierus lib. 2. cap. 22. de Præstig. schreibt von einem schädlichen und schalckhafften Geist, welcher sich in einem Dorff am Rhein finden lassen: 12 Derselbe machete viel falsche Miracul; und den Gaffern mancherley Possen und Spiel und Augen-betrügliche Blendungen vor; daran solche [275] Zuschauer, welche seine List nicht merckesten, ihre Lust un Kurtzweil hatten, und also manche Stunde, die sie hätten GOtt in ihrem Beruff zueigenen sollen, diesem Ertz-Betrüger zuwendeten. 13 Hierdurch hat er je länger je grösser Gewält erlanget, den Einwohnern allerley Beschwerung und Unlust zuzufügen, wie dann alle, die sich ob diesem Wunderthäter ergetzten, am Ende mit einem Bubenstück von ihm bezahlt worden: Anfangs ließ sich der Bößwicht von niemnd sehen; warff aber mit der Zeit nach den Leuten mit Steinen, und klopffte an die Thüren. Bald aber hernach verbarg sich dieser höllische Geist unter menschliche Gestalt, und beantwortete die ihm aufgegebene Fragen; entdeckte auch bald diesen, bald jenen Diebstahl, nebst andern Unthaten: beschuldigte aber auch offt manchen Unschuldigen, und warff also viel Leuten eine Klette an, woraus grosser Zwietracht und Feindschafft entstunde: Er fieng gleichfalls nach und nach an, Hütten und Scheuren anzuzünden, und manche gar abzubrennen.

Einen gewissen Mann aber setzte er insonderheit hefftig zu, wo derselbe gieng und stunde, stellete er sich ihm an die Seiten, und brannte ihm sein Hauß ab. Er verhetzte wider ihn die gantze Nachtbarschafft dermassen, daß er seines Lebens nicht sicher genug war; indeme der Ertz-Lügner und Verleumbder ihm auftichtete, um seiner [276] vielen Ubelthaten willen wäre der Ort verflucht und verschreyt. Also muste der arme Mann unter freyem Himmel bleiben; dann er wurde von jederman gescheuet und geneidet, als ein Mensch, an dem lauter Flüche klebeten, und der den bösen Geistern zur Plage übergeben wäre: weßwegen er nirgend eingenommen noch beherberget ward. Wolte nun der Mann seines Lebens in der Nachtbarschafft sicher seyn, so muste er ein glüend Eisen in den Händen tragen; und weil ihn solches nicht verletzte, wurde er endlich ausser Verdacht gelassen. Nichts desto weniger hat ihm dannoch der vermaledeyete Geist auf dem Acker sein Getrayd angezündet; weil dann von Tag zu Tage dieser Verfolgete noch, verhasseter, und für ein allgemeines Scheusal gehalten, brachte man zuletzt die Sache für den Bischoff zu Mayntz; welcher hierauf etliche Priester abfertigte, die das Feld daherum mit Weyh-Wasser und geweyhetem Saltz besprengen solten. Darauf gab der Bößwicht anfänglich nicht viel, sondern warff etliche mit Steinen, daß sie bluteten. Als man aber mit dem Gebet und Beschwerungen angehalten, hat er endlich aufgehöret zu toben, und hat sich weiter nicht mehr hören oder sehen lassen: Es würde aber ungezweiffelt dieser Höllen-Bube keine Macht bekommen haben, so viel Wesens anzurichten, wann sich die fürwitzige Leut nicht mit ihm ins Gespräch [277] eingelassen hätten: denn den verdammten Geist soll man viel zu gering achten, sich mit ihm in ein Gespräch einzulassen.

Fußnoten

1 Gespenster wollen viel nicht glauben.

2 Was einige von Gespenstern halten.

3 Aller Orten weiß man von Gespenstern zu sagen.

4 Gespenster werden erwiesen.

5 Einer / so kein Gespenst glaubt / hat es erfahren.

6 I. Geschicht.

Gespenst weiset einen Irrenden zurecht.

7 Zeiget ihm seine Todes-Stunde an.

8 II. Geschicht.

9 Gespenst zeiget eine Mordthat an.

10 III. Geschicht.

Gespenst läßt sich als ein Kind am Wege finden.

11 IV. Geschicht.

Wild Weiblein gefangen.

12 V. Geschicht.

13 Gespenst stellt lose Händel an.

21. Vom Kobald oder Hütgen

XXI.

Vom Kobald oder Hütgen.

Es wird unter gemeinen Leuten viel Sagens gemachet von dem Kobald oder Hütgen / von hunderten aber weiß kaum einer, was solches für ein Seelen-gefährlicher böser dienstbarer Geist ist. 1 Wierus l. 1. de Præstig. Dæmon. c. 22. § 5. saget: Die Kobalde sind eine Gattung von Gespenstern, oder Hauß- und Stall-Teuffeln, so zu Nachts, in denen Häusern, da man solche gern, hingegen keinen redlichen Eifer noch Vertrauen zu GOtt hat, herum gehen, und Knechts-Arbeit verrichten, auf beschehenes Ruffen erscheinen, die Stiegen herunter gehen, die Thür öffnen, Feuer schüren, Wasser schöpffen, Speise und alles, was sonst im Hause vonnöthen, zurichten, da sie doch indessen gantz nichts würckliches ausrichten: welches sich doch durchgehends nicht allemahl also verhält: sondern allein von solchen Kobaldischen Gespenstern zu verstehen, die der gottlose Haußwirth nicht ausdrücklich darzu fodert, [278] daß sie ihm knechtische Dienste thun sollen. Dann wann er sie darzu bestellt, und in seinen Dienst angenommen, so versorgen sie erst das Vieh, und theils andere häußliche Verrichtungen, wiewohl hingegen seiner Seel gar übel gedienet wird.

Georgius Agricola lib. de Animant. Subterran. setzet derselben zweyerley Gattung: deren eine den Leuten selten erscheinet; da sie (die Kobalden) doch täglich einen Theil der Arbeit verrichten, und des Viehes warten: diesen haben die Teutschen den Nahmen Kütel oder Gütel geben, weil sie den Menschen Gutes thun, und hold zu seyn scheinen. 2 Die andern aber nennet man Trullen, welche so männlich als weiblich Geschlecht annehmen; und bey manchen Nationen, sonderlich aber beyden Sujonibus, das ist: bey den alten Kügianern und Schweden in knechtischen Diensten gewesen seyn sollen.

Dieser Gattung sind auch, welches die Russen Coltri in ihrer Sprache genennet; dieselben unterhalten sie, schreibt Melitenius, gar wohl mit allerley Speisen. Sie halten sich auf in den Holtz-Stössen und an verborgenen Orthen im Hause; Stehlen aus frembden Scheuren das Getrayde, und pflegen es ihren Unterhaltern zuzutragen. Wann aber solche Geister an einem Ort Wohnung und Unterhalt verlangen, erklären sie dem Haußvater ihren Willen auf diese Weise: Sie tragen bey [279] Nacht etliche Scheiter Holtz zusammen, und werffen den Koth und Mist, von mancherley Thieren, in die Milch-volle Eymer: wann nun der Hauß-Wirth dessen gewahr wird, und weder die Scheiter von einander noch den Roß- oder Küh-Koth, Schaaf- oder Geiß-Lorber von der Milch heraus wirfft, sondern von der verunreinigten Milch mit sei nem gantzen Hauß-Gesinde isset, alsdann sollen sie daselbst erscheinen und bleiben.

Durch die zweyte Art der Kobalten verstehet Agricola die Gespenster, so man Bergmännlein nennet, weil sie in den Bergwercken meistens in Gestalt alter kleiner Männlein erscheinen, und daselbst mancherley Gauckeley treiben, den Bergleuten sowohl in der Kleidung und ertichteter Arbeit, als in der Gestalt, nachäffen, vielmahl auch wohl allerhand Ungelegenheit anrichten und Schaden thun. Wir wollen aber allhier von solchen Bösewichten nicht, sondern an seinem Ort, handeln, und nur allein von den sogenannten Kobalten oder Hauß-Teuffeln schreiben. So sollen dann hierauf etliche seltsame historische Muster dieses Awentheuer vorstellen, derer eins seyn soll: 3

Trithemius erzehlt eine Historie von einem Geist, der sich gar freundlich gegen die Leut gestellet, und im Bißthum Hildesheim, des mehrern Theils aber an dem Bischoffs-Hoff, da er sich in der Küchen [280] zum Dienst gebrauchen lassen, aufgehalten hat; davon desAutoris eigene Worte: Um diese Zeit hat ein böser Geist im Bißthum Hildesheim eine gute Weile sich sehen lassen, welcher, so offt er den Leuten erschienen, nichts anders, dann Bauer-Kleider angetragen, und einen Filtz-Hut aufgehabt hat; daher ihn auch das Bauers-Volck Hütgen / auf Sächsisch Hedekin / genannt haben. 4 Dieser Geist hatte seltsames wunderliches Werck gethan, war gern bey Leuten, redet mit denselben, und fraget sie allerhand, gab auch guten Bescheid, wann er gefraget wurde. Und das alles thät er zuweilen sichbarlicher-zuweilen unsichtbarlicher Weise; keinen fügete er Schaden zu, es wäre denn Sache, daß ihm von jemand etwas zu Hohn gethan worden. Dann wann ihm einer etwa eine Tück bewiesen, hat er es ihm so lang nachgetragen, bis er sich gerächet hat.


Da Burgkard / Graf zu Ruca / von Graf Herman von Winsenburg erwürget worden ware, und die Sachen sich so anliessen, als wann die Grafschafft Winsenburg ausgeplündert werden würde, ist gedachter Geist bey der Nacht zu Herrn Bernhard, dem Bischoff zu Hildesheim, ans Bett kommen, ihn gewecket und gesaget: Du Kahlkopff, stehe auf, rüste dich und mache dich mit Volck gefast, dann die Grafschafft Winsenburg stehet eines [281] Todtschlags halben ledig, sie wird sich dir leicht ergeben. Der Bischoff nicht faul, macht sich auf, bringt in der Eyl einen Hauffen Volck zusammen, fällt in die Grafschafft, nimmt dieselbe ein, und bringt sie also zu dem Stifft Hildesheim, doch mit Vorwissen und Verwilliung dazumahl gewesener Kayserlicher Majestät.

Derselbe Geist hat gedachten Bischoff auch sonst ungefraget offt vieler Gefahr halber gewarnet, hat sich auch sonst zeitlich an des Bischoffs Hoff sehen lassen, doch mehrentheils in der Küchen, da ist er den Köchen zur Hand gegangen, fleißig gedienet, und zeitlich Gespräch mit ihnen gehabt; da er endlich gar gemein worden, und sich so freundlich erzeiget, hat sich niemand mehr bey Hofe für ihm gefürchtet. Vid. Hildebrans Kunst- und Wunder-Buch Part. II.p.m. 316.

Von diesem Hütgen oder Kobald schreibt gedachter Autor ferner, wie auch bey Francisci höllischen Protheo p. 797. also: 5 Am Hofe dieses Bischoffs erschien Hütgen gar offt, und weil man seiner nun so sehr gewohnt war, daß keiner sich für ihm fürchtete, hat sich ein verwegener Küchen-Bube an ihn gemachet, allen Hohn und Spott angethan, auch, so offt er nur gekonnt, ihn mit Spühlich und unfläthigem Wasser übergossen und beschüttet. 6 Wann solches nun geschahe, klagete er es dem Koch, bat ihn, daß er dem Buben [282] wehren und von der Buberey abhalten wolte, wo nicht, so wolte er sich dermahleins selbst rächen, und dem Buben seinen Muthwillen wieder einträncken. Aber er fand bey dem Koch kein Gehör, sondern spottete sein noch und sagete: Bist du ein Geist / und fürchtest dich für einem solchen heylosen Buben? Da gab der Geist zur Antwort: Wohlan, dieweil ich dann mit Bitten nicht so viel erhalten kan, daß der Bub seiner Boßheit halben, die er mir ohn Unterlaß anthut, gestrafft werde, auch mich noch von dir dazu verspotten lassen muß, so solt du in kurtzem erfahren, wie hefftig ich mich für deinem Buben gefürchtet habe, und gehet zornig davon. Nicht lange hernach, als dieser Küchen-Jung auf einem Abend müde und voller Schlaff sich allein in der Küchen niederlegte und entschlaffen war, kommt der Geist über ihn, und druckt ihm die Kehl ein, erwürget ihn, und zerhackt ihn in kleine Stücklein, setzt dieselben in einem Hafen bey das Feuer auf dem Herde, fängt sie an zu sieden und zu kochen. Da das der Koch innen ward, ergrimmte er darüber, und fluchete dem Geist, was er konte: Uber solches ward der Geist zorniger, als über den Küchen-Jungen; that derhalben eins, und kame des folgenden Tages, da der Koch ein Gebratenes für den Bischoff am Spieß beym Feuer hatte, und zertruckte mit den Händen über solchen Braten gräuliche Kröten [283] und betrauffete damit den Braten über und über; auch rächete er sich ferner an dem Koch, als solcher zu einer andern Zeit über ihn geschmähet, und stürtzt ihn von einer Brücken in einen tieffen Graben hinab; er ließ auch den Wächtern auf der Stadt-Mauer und in den Flecken keine Ruhe, wann ihnen etwa bey Nacht die Augen zugehen wolten, und zwang sie mit Gewalt, daß sie wachen musten.

Noch eines, welches auch beyde obenbemeldte Autores schreiben, muß ich von solchen Kobald oder Hütgen allhier anführen: 7 Als auf eine Zeit ein Bürger verreisen wolte, dessen Weib andere lieber als ihren Mann im Bette hatte, ihre geile Lüste zu ersättigen, saget solcher Mann Spaß-weise zu dem Geist Hütgen: Mein Geselle, ich will dir mein Weib, bis ich wieder komme, anvertrauen, und es befohlen haben, daß du ihr fleißig hütest. 8 Da nun solch Weib, in Abwesenheit ihres Manns, ihre ehebrecheris. Huren-Buben einen nach dem andern bey der Nacht zu ihr einliesse, war Hütgen allwege sorgfältig, und legete sich zwischen solche beyde, daß ihn niemand sahe: und wann ein solcher Buhler sich des Kampffs mit dem Weibe unternehmen wolte, so warff er solchen herab auf die Erde, daß sie keiner berühren konte, oder sie ihren Willen mit einander hätten pflegen können; Und dieses that er allen ihren Buhlen, so sie zu sich lassen wolle. Als [284] nun der Mann wieder heim kame, und noch weit vom Hause war, lieff ihm Hütgen entgegen, und sprach mit Freuden zu dem Mann: Ach wie gern sehe ich es, daß du einmahlen wieder heim kommest, damit ich der mühsamen Arbeit abkomme, die du mir befohlen hast. Der Mann fraget ihn, wer er wäre? da antwortet er: ich bin Hütgen, dem du dein Weib befohlen hast, als du von hinnen reisetest: und nun siehe, ich habe sie dir bewahret, wiewohl mit grosser Macht und steter Arbeit, und liefere sie dir gantz ungeschändet wieder, aber das will ich dich gebeten haben, du wollest mir hinfort nimmermehr befehlen, ihr zu hüten, dann ich viel lieber und auch mit weit geringerer Arbeit alle Schwein in gantz Sachsen hüten wolle, dann deines eintzigen Weibes, so offt hat sie mir die Augen verkleiben, und mit Gewalt zur Huren werden wollen.

Mehr sehr verwunderliche Dinge seynd von diesem Geist verübet worden, davon viel zu schreiben wäre, und wann solche auch geschrieben würden, würden sie doch nicht alle geglaubet werden. Endlich hat besagter Bischoff Bernhard diesen Kobald durch der Kirchen-Diener Beschwerungen vertreiben, und, mehr Unheil zu verhüten, aus dem Bißthum zu weichen gezwungen. Wierus ex Trithemio. l.s.c.

Noch eine andere Begebenheit wird einem solchen Kobald zugeschrien: Anno [285] 1707. begab es sich, daß bey St. Ulrich zu Wien ein Metzger um eines Mannes wohlgeartete Tochter freyete: 9 weil aber ein Kollet-Schneider und wohlhabiger Wittwer bey seinen noch besten Jahren auch um solche Tochter warbe, konte solcher leichtlich, wegen guter Mittel, den Vorzug erhalten; des Tages aber, da er copulirt worden, und mit erbetenen Hochzeit-Gästen sich in seinem Hause frölich machen wolte, kam ihm schnell ein Reiffen im Unter-Leib an, und muste sich also dieser Hochzeiter an statt des Braut-Bettes ins Todten- oder auf sein Sterb-Bett bringen lassen, dann in 3. Stunden zog sich sein männlich Glied dergestalt in den Leib, daß wenig männliches davon gespühret werden konte: worüber er auch den dritten Tag sein Leben enden muste. 10 Die darüber betrübte noch jungfräuliche Wittib verblieb, vermöge ihres Hochzeiters Disposition, im Sterb-Hauß, und unterhielt einige ihrer Verwandten bey sich, einigen Trost zu haben; aber bald am ersten Tag nach des Hochzeiters Begräbniß fande sich ein solcher unsichtbarer Kobald im Hause, welcher grausam rumorte, und alles übereinander warffe, doch aber niemand beschädigte: Endlich machete solcher es so grob, daß er auch der jungen Frauen die Speisen von dem Tisch warff, die Teller umher stürtzte, und sogar die Trinck-Geschirr mit dem Wein verschüttete: endlich auch seinen [286] Muthwillen an den Speisen verübete, und allerhand Unreinigkeiten darein mischete: niemand konte ersinnen, wie solches zugehen mochte, weil sonst niemahl in solchem Hauß etwas dergleichen verspührt worden. Man ruffete fromme Capuziner-Münche zur Taffel, welche durch fleißig Gebet solchen Geist abwenden solten, aber es wolte alles nichts helffen; ja solche legeten auch ihrBreviarium und andere geweyhete Sachen auf das Trinck-Geschirr, diesem aber ungeachtet, schlug solcher Geist das gantze Geschirr mit Buch und Wein vom Tisch herunter, und wolte kein Beschweren noch Ausbannisiren an solchem Geist etwas helfen, bis endlich diese junge Frau das Hauß raumete, und sich wieder zu ihren Eltern begabe, da dann weder bey derselben, noch im Hause, ferner etwas zu hören oder zu sehen gewesen: welches alles man hernach dem ersten Freyer, dem Metzger, zumessen wollen, daß er beydes verübet, und durch eine Zauberin dem Kollet-Schneider nicht nur die Mannheit benehmen lassen, sondern auch solchen Kobald ins Hauß gesandt hätte; so ihm aber von niemand erwiesen werden konte.

In der Franckfurter Relation Anno 1675. p. 86. wird geschrieben, daß selbigen Jahres, am 18. Februarii, ein Weib von Kalbe einem Becker in einem Sack mit Saltz einen Kobalt ins Hauß practicirt; als nun der Sack im Hause stund, lieff solcher gantz hoch auf, darum [287] der Becker seinem Jungen befohlen, das Saltz nieder zu drucken; eher aber man sich solches versahe, warff der Kobald den Jungen mitten ins Hauß, schlug zugleich eine Kachel aus dem Ofen, auch etliche Krüge und Gläser entzwey, worauf die Leut von der Gasse zusammen gelauffen und alles mit Verwunderung gesehen haben. 11

Marginalien

1 Was solches für ein Geist sey.
2 Kobald läßt sich zu allerley Hauß-Diensten gebrauchen.
3 I. Geschicht.
4 Kobald ermahnet den Bischoff zu Hildesheim im Bett.
5 II. Geschicht.
6 Kobald zerreist und kochet einen Küchen-Buben.
7 III. Geschicht.
8 Kobald hütet eine Frau.
9 IV. Geschicht.
10 Kobald wütet in einem Hanse zu Wien.
11 V. Geschicht.
Wird in einem Sack weggetragen.

22. Von falschen Gespenstern

XXII.

Von falschen Gespenstern.

Es werden viel Dinge gehört und haben ihre Ursachen in der Natur, etwa machet eine Katze, Ratze oder Mauß ein Gerassel, daß mancher vermeynet, er höre ein Nacht-Gespenst, so im Hauß herum schwebet. Stampffet etwa ein Pferd mit den Füssen auf die Erde, oder wirfft der Wind etwas nieder, so wollen furchtsame Leute alsbald einen Polter-Geist gehöret haben. Es pflegen offt Wände, Tisch oder Bäncke bey verändertem Wetter des Nachts zu krachen, so wollen solche Leute alsbald meynen, es sey an solchen Orten nicht sicher; wird eine Rohrdommel oder sonst ein Vogel gehöret, naget etwa ein Holtz-Wurm in der Breter-Wand, so sollen alsbald Erd-Männlein daselbst seyn gehöret worden. [288] Und hiermit überfället manchen eine Furcht, als wann alles voll Gespenster um ihn sey.


Es berichtet Nicol. Remigius part. 3. dæmonolatr. folgendes: 1 In dem Jesuiter-Collegio zu Neapolis befand sich ein junger ziemlich gelehrter, jedoch von Natur furchtsamer Jesuit, der nahm das geringste Geräusch, so sich in dem Collegio hören ließ, ja das Rauschen der Blätter eines Baums, für ein Gespenst auf. 2 Offtmahl klagete er den Obristen und andern, daß aller Orten, die an seine Schlaff-Kammer anstiessen, es voller Gespenster wäre; er ward aber hierüber von ihnen verspottet. In einer Nacht, als jedweder in der Ruhe lag, entstunde ein Wind, der eine halb offenstehende Thür in einer Kammer hin und her schluge, derhalben einer von den Jesuiten, der dadurch an seinem Schlaff verhindert ward, aufstund, dieselbe zu zu machen: weil nun die Nacht sehr finster war, so verirrete er sich in seinem Wiederkehren, und wuste nicht, ob er, seine Kammer zu treffen, sich auf die lincke oder rechte Seite wenden muste; weil er aber doch wuste, daß er die Thür an seinem Zimmer offen gelassen, und alle andre zugeschlossen waren, so tappete er längst der Mauer hin, bald an die eine, bald an die andere Thüre, bös er die offenstehende Thür würde gefunden haben: endlich gerieth er ferne von seiner Kammer [289] an die Bibliotheck, da er hinein ging, der Meynung, daß es seine Kammer wäre, welche er nach sich zuthät; aber er merckte bald seinen Irrthum, und begunte, weil er keinen Schlüssel hatte, das Schloß wieder zu eröffnen, gewaltig an die Thür zu klopffen, auf daß jemand käme, der ihm wieder aufmachete. Nichts hatte leisere Ohren, als die Furcht des obgemeldten Jesuiten, der allzeit, wo er was hörete, ihm festiglich einbildete, daß es ein Gespenst sey, und begunnete, als er solch Klopffen hörete, in seiner Cammer zu zittern und zu beben, und fehlete wenig, daß er in dieser Angst vor diesem Geist nicht seinen eigenen Geist aufgegeben hätte; endlich stund er doch aus seinem Bett auf, lieff geschwind nach dem Superior, und bat ihn, er wolle doch nun mit ihm an den Ort, wo das Gespenst sey, gehen, damit er mit seinen eigenen Ohren hören möchte, was er niemahls hätte glauben wollen, und weßhalber man ihn stets, wann er etwas davon gesaget, nur verspottet hätte. Dieser Pater Superior ließ sich endlich bewegen, ging mit diesem jungen Jesuiten, hörete dieses Klopffen, und begonnete auch für wahrhafft zu halten, daß allhier ein Gespenst wohnete, welches also rumorete, und machete sich bereit mit seinen Beschwerungen, solche daselbst ins Werck zu setzen. Es wird die gantze Brüderschafft aus ihrem Schlaff aufgewecket, und ging in einer [290] Procession nach dem Ort, wo das Gepolter von dannen kam, mit Creutz und Bildern gewaffnet; unterdessen hielt der Beschlossene mit Klopffen tapffer an, und ging je länger je ungestümmer damit zu Werck, weil die Kälte der Nacht ihm, der nichts anders als sein Hembd anhatte, ziemlich auf die Haut drunge, und voll Zähnklappern machte. Als nun die Exorcisten, oder Beschwerer, mit aller Standhafftigkeit hinzu traten, so begunnte der halb Erfrohrne durch eine Klunse den Glantz des Lichtes zu sehen, und wolte aus Schaam sich nicht gern so nacket sehen lassen, und fing an zu ruffen: Thuet das Licht weg, kommet mit keinem Licht herein. Diese Stimme und Begehren machete diesen heraussen einen guten Muth, derhalben sie trotzig Antwort gaben: Ja so, nun wissen wir, was du für ein Geist bist; ein Geist der Finsterniß, weil du das Licht fliehest. Aber du must heraus, heraus must du, heraus, packe dich von hier nach dem Abgrund der Höllen, da du hingehörest. Der andere aber rieff und protestirte desto hefftiger, je näher ihm das Licht kam, daß man selbiges beyseit thun solte: dem Superior und übrigen Jesuiten wuchs der Muth über die massen sehr, vermeyneten, daß der Licht-fliehende Teuffel, der sich so sehr vor ihnen fürchtete, durch ihr Beschweren sehr voller Angst wäre, und begunten ihm noch mehr zuzusetzen. Je bessern [291] Kauff der arme sich selbst versperrete Tropff gab, jemehr wuchs denen heraussen das Hertz, daß sie endlich die Courage fasseten, die Thür aufzuschlieffen und hinein zu treten. Der im Hembd stehende Jesuit hätte sich wohl gern verborgen, aber er wuste nicht wohin, auch hatten sie ihn, den sie wegen ihrer Beschwerungen für einen gedemüthigten Geist hielten, an allen Seiten umringet, stürmeten einhelliglich auf ihn loß, und macheten seinen halberfrohrnen Leib mit dem vielen Besprengen des Weyh-Wassers noch mehr erstarrend, der doch niemals die Hitze der Höllen gefühlet hatte. Endlich wurde der Leut-scheuende Geist für ihren Mit-Collegen erkennet, und hiermit der Handel mit einem allgemeinen Gelächter beschlossen. Der Jesuit,Pater Schottus, hat dieses in seiner Physica Curiosa aus dem Mund eines noch lebenden Jesuiten aus Sicilien beschrieben.

Viele verlarven sich in Gespenster, wie davon Lavaterus de spectris part. 1. cap. 9. Pfizer in Anmerckungen über D. Fausts Leben; Auch Münster im Christlichen Unterricht von Gespenstern c. 4. schreiben: 3 Im Jahr Christi 1569. hatte ein fürnehmer Herr in der Stadt Augspurg eine Magd und etliche Diener, welche nach der Jesuitischen Lehr nicht viel frageten. 4 Der Hauß-Wirth aber, welcher der Römisch-Catholischen Lehre zugethan war, war hierüber sehr bekümmert, [292] klaget deswegen diese seine Noth, die er deswegen mit seinem Gesinde habe, einem Jesuiten, der ihm verheisset, in kurtzer Zeit seine Magd und Diener auf andere Meynung zu bringen, und solches künstlich auszurichten, hat er sich wie ein Teuffel verkleidet, und sich an einen Ort versteckt, die Magd und Diener zu erschröcken. Was geschicht? Die Magd kommt entweder ohngefehr, oder auf Geheiß ihres Herrn an den Ort, da sich der lebendige Teuffel aufhielt, der sie auch hierauf hefftig erschröckete und plagete, mit Vermelden, wann sie die Lutherische Ketzerey nicht verlassen, und die Catholische Lehr ergreiffen würde, so wolle folgende Nacht dieser Teuffel kommen und sie abhohlen. Die Magd klagete solches dem einen Diener, mit Verwarnen, diesen Ort des Hauses bey Nacht-Zeit zu vermeiden. Dieser aber vermerckte in etwas, daß es mit solchem Gespenst nicht richtig sey, und ließ sich nicht erschröcken, sondern als ihn fein Herr auch mit Licht schickete, wo er bey dem verborgenen Teuffel vorbey gehen muste, wischte der Teuffel wieder aus seinem Ort herfür, machete Anfangs ein mächtig Gepolter, und wolte mit ausgereckten Händen dem Diener ein Schröcken einjagen: solcher aber war resolvirt, und stieß mit seinem Gewehr den Hund durch und durch, daß er niederfiel, und sein Leben lassen muste; Dieses war der Lohn eines [293] solchen sich zum Teuffel machenden Menschens. Was haben doch die vermummete Mönche nicht für Teuffels-Gespenster gemachet; wie Anno 1509. der gleichen Schelmstücker vier Dominicaner-Mönche zu Bern, im Schweitzer-Land, gemachet, welche auch ergriffen, und daselbst auf dem Scheiterhauffen verbrennet worden, vid. Städlers Berner Chronick / und bey andern Autoren mehr.

Masenius gedencket eines gewesenen Soldatens,Johannes Bergensis, welcher, nachdem er endlichen ein Religios worden, zu erzehlen gepfleget. 5 Er sey einsmahls im Lutzenburger Lande, durch Hülff seines Spiel-Gesellens, den Schornstein herab gelassen worden, und mitten auf den dicken Stäben wie ein Hahn gesessen, die Schincken an ein Seil gebunden, und seinen Diebs-Gesellen hinauf zu ziehen, überreichet; indem bricht unversehens einer von den Stöcken, darüber er zu boden herunter fallen muste: Von diesem Geprassel erwachete der Pfarrer samt allen seinem Gesinde, welche mit einem Licht kamen, und dem ungebetenen Gast, so gefallen, aufhelffen wolten: dieser aber hatte sein gantz Angesicht mit Ruß beschwärtzt, und sich eine haßliche Teuffels-Gestalt gemachet, und laufft in solcher Gestalt unter die, die ihn mit Prügeln bewillkommen wolten, löschete ihnen das Licht aus, und [294] stellete sich nicht anders an, ob wär er der leibhaffte Teuffel, und machete den Pfarrer selbst fürchtend. Und als solcher mit seinen kräfftigen Sprüchen wider die Gewalt des Teuffels herfürwischete, begehrte der Dieb, man solte Thürn und Fenster öffnen, so wolle er von dannen fahren: da wurden sie alle froh, solchen bösen Geist loß zu werden, und öffneten Thür und Thore, damit wischete der böse Gast geschwind davon. Hierüber triumphirete der Pfarrer, dermassen, daß er ruffete: Mein! wie habe ich doch gleichwohl den Satan mit meinem Zusprechen geängstet, und ihm mein Hauß enge gemachet. Aber am Morgen wurde erst der gute Herr Pfarrer innen, wie ihm seine Schüncken unsichtbar worden; worüber andere den Pfarrer noch verlachet haben.

Vorgedachter Autor meldet auch: 6 Ein Schlosser wolte auf einen Marckt reisen, daselbst seine gemachete Arbeit zu verkauffen, redete deswegen mit seinem Nachtbar, und beschlossen mit einander, des folgenden Morgens frühe aufzuseyn, weil er aber viel früher als die andern aufgestanden, machete er sich auf den Weg, da er nun eine gute Meil Weges fortgegangen war, sahe er wohl, daß es noch gar frühe, wolte derowegen etwas ruhen, und auf seine Gesellschafft warten, und legete sich unwissend unter einem Galgen [295] auf einen grünen Waasen, an welchem man vor wenig Tagen einen Dieb aufgehencket hatte, und schlieff daselbst ein. 7 Wie nun der Tag anbrach, giengen seine Nachtbarn für dem Galgen vorbey, und rieffen zu dem Gehenckten: Holla / guter Gesell / wilt du nicht mit? du bist ja lang genug da gewesen: worauf der Schlosser erwachete, vermeinende, man hätte ihn geruffen: ja / ja / wartet nur ein wenig / ich komme. Die andern erschracken hefftig darüber und glaubten, es wäre der Gehenckte, der ihnen geantwortet hätte: der Schlosser aber lieffe ihnen nach, da lieffen die ersten aus Furcht desto stärcker, und höreten nicht auf zu lauffen, bis sie nach Bourgueil kamen, und erzehlten bey ihrer Ankunfft den grossen Schröcken und Furcht, so sie gehabt hätten, anders nicht vermeinende, als daß der Teuffel ihnen in Gestalt des gehängten Diebs nachgelauffen, bis endlich der Schlosser allda auch ankommen, und ihnen verwiesen, daß sie so starck fortgelauffen; wodurch die Sache an Tag kame, und weidlich dessentwegen verlachet worden.

In einer ansehnlichen fürnehmen Residentz-Stadt reiseten ein Wirth und 2. andere Weinhändler aus dem Wein-Geburge, woselbst sie einen guten Vorrath an Wein eingehandelt, und als selbe in der Rückreise nahe zum Galgen kommen, und wolberauschet [296] waren, sahen sie 3. Gehenckte, welche schon lange Jahr hingerichtet waren: da russete einer von den 3. Wein-Händlern: 8 Du, Bären-Wirth, diese 3. Gesellen, so da hencken, sind auch deine Gäste gewesen: Hey / sagete der Wirth / sie können heut zu Nacht zu mir kommen / und mit mir essen. 9 Was geschiehet: Als der Wirth also betruncken vom Pferd gestiegen, in seine Wohn-Stube gegangen, und sich niedergesetzet, ist ihm eine erschröckliche Angst ankommen, hat aber, wie er vorgegeben, niemand ruffen können. Als indeß der Hauß-Knecht gekommen, ihm seine Stieffel abzuziehen, lieget sein Herr halb todt im Sässel, der ruffet alsobald die Frau, und da solche kommen und ihren Mann mit Hertz-stärckenden Sachen ein wenig wieder zu recht gebracht, hat sie ihn befraget, wie ihm geschehen wäre? darauf er ihr erzehlt, wie er im Fürbeyreiten die 3. Gehenckte zu Gast geladen, und da er in seine Stube kommen, und sich niedergesetzt, seyen diese 3. Gehenckte in der häßlichen Figur, wie sie am Galgen zu sehen, in das Zimmer getretten, hätten sich an Tisch gesetzet, davon ihm einer gewinckt, zu ihnen zu kommen: bis endlich nach lang ausgestandenem Schröcken der Hauß-Knecht in die Stube getretten, da wären solche Geister alle 3. verschwunden. Dieses wurde von andern für eine blosse Einbildung des[297] Wirths gehalten, weil ihm etwa so trunckener Weise eingefallen, was er im Fürüberreiten spöttischer Weise den armen Sündern zugeruffen, worauf ihn hernach bedunckt hätte, als kämen solche zur Stube hinein. Und ob man diesem Wirth es gleichwohl aus dem Sinn reden wolte, muste er dannoch vom Schröcken bis an den dritten Tag im Bett liegen, nach welchem er fein ruhig sein Leben beschlossen.

Ich will allhier Gelegenheit nehmen noch eine Geschicht von einer für wahrhafft gehaltenen Erscheinung eines Geistes, welche in Happelii Relationibus Curiosis p.m. 251. Part. I. die Geister-Cavalcade betitelt, beschrieben wird, als folget: 10 Francis Taverner, etwa 25. Jahr alt, ein Diener des Mylord Chichester, Grafen von Donegal, ritte ums Jahr 1662. von Hilbourg etwas spät nacher Hause, und merckte, als er unweit Dumbridge war, daß sein Pferd still stehen blieb, welches ihn veranlassete herunter zu steigen, und in der Meynung, daß ihm etwa ein Schwindel zugestossen, ihm eine Ader am Maul öffnete, worauf er auch wieder fortritte. 11 Nicht lange darnach sahe er zween Reuter neben sich, die ihm bald zuvor kamen, hörete aber doch kein Gelaut, so etwa sonsten ein Pferd-Tritt zu verursachen pfleget, welches ihn sehr verwunderte, aber noch destomehr befremdete, als der dritte in einem weissen Rock gekleidete Reuter ihm [298] nahe an Arm geritten kam, der die Gestalt vonJames Haddock, einem vor 5. Jahren verstorbenen Manne und Einwohnern zu Malone, gantz natürlich hatte. Taverner war so behertzt, daß er ihn folgender massen befragte: In GOttes Namen / wer seyd ihr? und auch darauf zur Antwort erhielt: Er sey James Haddock, dessen er sich bey etwas, so er ihm sagen würde, erinnern könte: und darauf erzehlte er ihm, welchergestalt er, der Geist, nebst zwey andern Freunden, vor etwa 5. Jahren und drüber, ihn, den Haddock, in seines Vaters Behausung besuchet, und ihnen auf Befehl desselben Nüsse aufgetragen, weßhalber er nur unerschrocken seyn dörffte. Taverner erinnerte sich auch dieser Passage noch gar wohl, und weil er muthmassete, daß die voraus gerittene Reuter etwan die übrigen zween gute Freunde seyn möchten, fragete er ihn wieder gantz behertzt: Warum er denn eben ihn mit seiner Erscheinung beunruhigen möchte? welches vom Geist beantwortet wurde, daß es darum geschehen, weil er die meiste Courage hätte: so fern er nur mit ihm reden wolte, würde er ihm etwas anvertrauen. Taverner, der eben keinen sonderlichen Appetit spührete, in Gesellschafft dieser geistriger Reuter zu seyn, schlug ihm solches ab, und trennete sich auf einem Scheide-Wege von ihnen voller Erstaunung. Kaum waren sie voneinander [299] geschieden, so entstund ein so hefftiger Wind und erschreckliches Geheul, daß er genöthiget ward in äusserster Bestürtzung sein Pferd anzuspornen, hörete auch bald darauf ein Hahnen-Geschrey, als ein Zeichen benachbarter Häuser, welches ihn so viel wieder aufmunterte, daß er abstieg, sich auf die Erde legete, und seinem GOtt vor die Errettung aus dieser Gefahr inbrünstig danckete. Die folgende Nacht erschien ihm die Gestalt von James Haddock wieder, und befahl ihm zur Eleonora Welsch, an Davis zu Malone verheyrathet, zu gehen, die zuvor des James Ehe-Frau gewesen. Das Kind dieses Heddocks war an einem gewissen Renth-Brief, wegen der andern Verheyrathung seiner Mutter, vernachtheiliget worden, und darum solte er dieselbe befragen, ob nicht ihr Jungfern-Nahme Welsch sey; und wann sie solches bejahete, alsdann zu ihr sagen, daß ihr voriger Ehemann, James Haddock, ausdrücklich wolte, daß ihr Sohn den Renth-Brief wieder haben und behalten solte. Allein Taverner ließ sich durch einige sich selbst vorstellende Bewegungs-Gründe von dieser ihm seltsam aufgetragenen Botschafft abhalten, dahero er nach Verfliessung dieses Monats von dem Geiste aufs neue beunruhiget, und in entsetzlichen Gestalten mit harten Bedrohungs-Reden angemahnet wurde die Bottschafft auszurichten. Insgemein über fiel ihn vor der Erscheinung [300] ein hefftiges Grausen, und allemahl spührete man in seinem Angesicht eine merckliche Veränderung, welches seine Frau allemahl merckte, die zwar offt bey der Erscheinung zugegen war, aber nichts mercken oder sehen konte. Endlich ging er zu Davis Frauen nach Malone, und fragete sie, ob nicht ihr Jungfern-Nahme Eleonora Welsch wäre, weil er ihr in solchem Fall etwas zu offenbahren hätte; worauf sie ihm antwortete: Es wäre noch eine desselben Nahmens im Leben; und also kehrete Taverner wieder heim. Wie er nun in folgender Nacht in einem sehr tieffen Schlaff lag, erweckete ihn etwas, wordurch er sehr hart gedruckt ward, und wie er die Augen in die Höhe richtete, erblickete er sogleich desHaddocks Gestalt in einem weissen Kittel, welche ihn fragete, ob er die Bottschafft ausgerichtet; hieß ihn gutes Muths seyn, sahe ihn etliche mahl sehr freundlich an, und verschwand darauf in einem hellen Schein. Nach wenig Tagen ward er fast alle Nächte von dieser unangenehmen Visite incommodirt, und das Gespenst dräuete ihm zuletzt gar in Stücken zu reissen, wann er sich noch länger wegern werde, die verlangte Botschafft völlig auszurichten. Solches verursachete, daß er sein im Gebürg liegendes Hauß auf eine Zeitlang quittirte, und nach Belfast, einer im Norder Theil Irrlands gelegenen und seinem Herrn zugehörigen Stadt; in [301] der Graffschafft Autrim, des Kirchspiels Connor, sich begabe, woselbst er in der Behausung eines Schusters, Nahmens Pierre, logirte, mit welchem er auch noch in Gesellschafft zween anderer Männer die gantze Nacht aufblieb, und vor dem Camin-Feuer mit ihnen eine Pfeiffe Toback rauchete. Seine Gäste, die alle curieus waren, seinen Geist zu hören und zu sehen, wurden auch nach der Mitternacht gewahr, daß Tavernes Angesicht durch eine bleiche Farb sehr entstellet wurde, und daß er an allen Gliedern bebete und zitterte, er selbst aber merckte gleichfalls, daß das Gespenst in der nähesten Cammer seiner wartete; dannenhero fassete er sich so weit, daß er ein Licht ergriff, damit in die Cammer ging, und seinen Nachfolger hertzhafft fragete: Warum er ihm doch so unschuldig zusetzte? Das Gespenst antwortete: Die Ursache seiner Erscheinung sey abermahl nichts anders, als die übele Observance der ihm anvertraueten Bottschafft, wiederhohlte darbey die vorher gedachte Dräuungen, und nachdem es sich in vielerley ungeheure Gestalten verwandelt, verschwand es endlich zuletzt als ein Geist in einer weissen Gestalt. Des folgenden Tages ging Taverner, den diese Begebenheit aufs neue sehr betrübt und bestürtzt gemacht, nach des Mylord Chichesters Hauß, und erzehlte an einigen desselben Haußgenossen seinen unglückseligen Zustand mit wehmüthigem [302] Hertzen, welche es auch hinwiederum an des Mylords Capellan, Mr. James South, gelangen liessen, welcher ihm dann, nachdem Taverner ihm die Sache mit mehrern Umständen erzehlet, alsobald riethe, sich gleich nach Malone zu begeben, um dem Geist in dem verlangeten Dienst zu willfahren, er wolte selber sein Begleiter seyn. Sie macheten sich auch beyderseits auf den Weg, und wie sie unter Weges bey einem Prediger zuBelfart, Dr. Lewis Dows, einsprachen, und demselben die Sache erzehlten, schrieb er anfänglich alles einermelancholischen Phantasie zu, ließ sich aber durch die allzudeutliche Umstände bald zu einer andern Meynung überreden, wiewohl er dennoch sehr zweiffelhafft bliebe, ob man die Botschafft, wegen einiger zu hoffenden Zufälle, ausrichten solte, oder nicht. Kurtz, sie entschlossen sich alle drey, dahin zu gehen, thaten es auch, und wie sie dahin kamen, verrichteteTaverner die Botschafft gantz allein bey der Frauen, des Inhalts: Wie er dazu von ihres vorigen Mannes Geiste veranlasset worden, welcher ausdrücklich wolte, daß sie dem von ihr mit ihm erzeugten Sohne, mit einem gewissen Reuth-Briefe, wiederum zu seinem Rechten helffen solte, weil sie und ihr itziger Ehemann darinnen dem Knaben zu nahe gethan. Sobald er dieses gesaget, befand er sein Gemüth gar ruhig, danckete denen [303] beyden Geistlichen für die ihm darinnen geleistete Freundschafft, und ging von da nach seines Bruders Hause, zu Dumbridge, allwo er ein paar Tage verweilete. In der andern Nacht erschien der Geist abermahl, und fragete ihn etwas frölich: Ob er die Bottschafft vollbracht? Und als er die Frage mit Ja beantwortet, sagte das Gespenst: Er müste die Sache auch des Knabens Vormündern entdecken, damit alles vollkommen möchte ausgeführet werden. In solcher Unterredung fragete Taverner das Gespenst: Ob er sich auch von Davis einiger Rache zu besörgen hätte? Worauf der Geist Anfangs etwas zweiffelhafft zu antworten schiene, aber nachmahls doch sagete: Er wolle dem Davis in solchem Fall Unheil genug zufügen; mit welchem Worten er auch verschwand.

Des folgenden Tages muste Taverner alle bisher sich zugetragene Passagen seinem Mylord, dem Dr. Jeremias Taylor und Down, Connor und BischoffeDromor, in Beyseyn einer grossen Menge Volcks, alles Haar-klein erzehlen; worauf ihm der Mylord etliche Fragen fürsagete, die er dem Geist fürtragen solte, wenn er wiederum erscheinen würde, und noch desselben Tages wurde er nach Mylord Conway gesandt, welcher drey kleine Meilen davon wohnete, und daselbst nochmahls wegen der gantzen Sache verhört. Er blieb auch des Nachts allda, und etwa nach 9. [304] oder 10. Uhren, wie er mit seinem Bruder vor dem Fenster stund, veränderte sich sein Gesicht abermahl, und seinen gantzen Leib überfiel ein Schauer, welches die ordentliche Prognostica der Gegenwart seines Verfolgers waren. Aus Höfflichkeit, wie er in Mylords Hause keine Unruhe erwecken wolte, ging er mit seinem Bruder in den Hoff hinaus, sahe den Geist über die Mauer steigend zu ihm nahen, der ihn dann auch anredete: Ob er die Botschafft auch an die Vormünder abgeleget? Worauf er mit Ja geantwortet, und darbey sagete, was massen es ihn sehr befremdete, daß er noch nicht nachliesse ihn zu verfolgen. Das Gespenst sagete: Er hätte nichts zu befürchten, dann es würde ihn hinführo weder verfolgen noch schaden, sondern eintzig und allein den Vormund, wann er dem Knaben nicht werde Recht wiederfahren lassen, plagen. Sein Bruder erinnerte ihn der Fragen, so ihm der Mylord gesaget, die er dem Geist vorlegen solte, welches er auch that, aber keine Antwort erhielte, sondern an statt dessen den Geist unter dem Gelaut einer lieblichen Music über die Mauer wiederum verschwinden sahe. Worauf er ihm auch nicht mehr erschienen ist.

Bey dieser Geschicht ist merckwürdig, daß der Schuster Pierce, in dessen Hause und Gegenwart eine Erscheinung vorgegangen, gesaget, als er gefraget: Ob er [305] nichts gehöret oder gesehen hätte? Er wäre ihm vor seinen Augen die gantze Zeit über als ein dicker Nebel gewesen, und was der Geist zu Taverner geredt, von dem hätte er nichts verstanden, sondern es wäre eine sehr dunckele und hohle Stimm gewesen. In Summa, dem Knaben wurde der Renth-Brief zugeschrieben, und einer von seinen Vormunden, Nahmens John Costler, wie er sich hart verschworen und verflucht hatte, nichts von solchem Brief zu wissen, und dem Knaben mit einem Process zu dräuen begunte, bekame das Malheur, daß er kurtz darauf, als er sich truncken zu Pferdt gesetzt hatte, von demselben herunter stürtzte, und sogleich, ohne ein eintzig Wort zu sprechen, todt verbliebe.

Ein ander verlarvtes und falsches Teuffels-Gespenst beschreibet Happelius in seinem Schwäbischen Ariovist. Part. II. p. 62. also: Ein junger Spanischer Cavalier, Don Diego genannt, war von Jugend auf gewohnet, den Tag in die Nacht, und die Nacht in den Tag, durch liederliches Leben zu verkehren; denn wann andere Leute wacheten, so schlieff er, und wann andere Leute schlieffen, so wachete er, nur darum, damit ihm desto mehr Seltsamkeiten und wunderliche Begebnüsse aufstossen möchten. 12 Einsmahls zur Fastnachts-Zeit befande er sich bey guten Freunden zum Nacht-Essen; nachdem er sich aber [306] mit Speiß und Tranck wohl angefüllet, auch von theils Leuten übel geredet, etliche der Anwesenden auch dem Diego zuwider waren, machete er sich heimlich davon, anderwärts eine Conversation zu suchen, nimmet derowegen seinen Degen und gehet durch die allereinsamste Oerter der Stadt. Er hatte aber noch kaum die Helfft seines vorgenommenen Weges verrichtet, da er vor ein unbekanntes Hauß kam, dessen Thüre offen stund, aber gantz Stallfinster darinnen ware; weil er nun vorwitzig, anderer Leute Thun und Wesen auszuforschen, nahm er seinen Degen, jedoch sammt der Scheide, unentblöset in die Hand, ginge frech hinein durch einen langen Gang auf einen leeren Platz, da es gleichfalls gantz finster ware; hier stund er ein wenig still, sich die Gedancken machende, daß solches nicht von ungefehr geschehen. Weiter zu gehen bedünckte ihn eine Verwegenheit zu seyn, doch wolte er ferner sehen, was ihm aufstossen wolte: ginge derowegen zu der Wand tappend fort, und fand eine halb-offene Thür, welche er aufmachete, und als er hinein gehen wolte, auf eine falsche Staffel tratte, daß er 10. à 12. Schuh hoch in ein Loch hinunter fiele, doch so weit glücklich, daß ihm im Fallen weiter nichts geschahe, als daß er seinen Degen, weil er sich etwas anzuhalten vermeynete, verlohren.

[307] Sobald er hinunter gestürtzet, hörete er an einem Ort, der ihm etwas weiter von ihm zu seyn däuchte, eine Stimme, die da ruffte: Wer ist da? Don Diego, der von dem Fall sich noch nicht erhohlet, antwortete auf das erste Zuruffen nichts; da die Stimme zum andernmahl ruffte: Wer ist da? Diego antwortete hierauf: Ein einiger Mensch. Wanns ein Mann ist, sagete die Stimme, so kan er herein gehen. Nunmehr fing es den Spanier an zu gereuen, daß er sich seine Verwegenheit so weit hatte verleiten lassen. Weil er sich nunmehr weiter zu gehen verbunden achtete, ging er auf die Stimme zu, und kame in einen grossen Saal, da er (welches ihm erschrecklich vorkame) vier kleine Lampen in den 4. Ecken aufgehencket sahe, welche einen so geringen Schein gaben, daß man kümmerlich die Dinge, so allda sich befanden, unterscheiden konte.

Als er nun weiter fortschritte, præsentirten sich zwey in Schwartz gekleidete Männer, die als Leydklagende jeder auf einem Stuhl sassen, da einer, die Hand am Kopff haltende, als ob ihn schläfferte, der andere aber zu wachen schiene, gleichsam als ob sie einen todten Leichnam, der zu ihren Füssen in Capuciner-Habit steckte, auf einem Leichen-Tuch ausgestreckt läge, bewahreten.

Dieser entsetzliche Anblick machte den Diego etwas bestürtzt, doch erhohlte er sich [308] bald, da indessen der Schläffer erwachete, und alle beyde zugleich frageten: Bist du Don Diego? Ja, ich bin es, antwortete er; aber woher wisset ihr meinen Nahmen? Darnach hast du nicht viel zu fragen, sagete der andere mit gar rauher und wilder Stimme, gib du nur Antwort auf das, was wir dich fragen, dann daran hangen viele Sachen, die wir diese Nacht verrichten müssen. AlsDiego dieses hörete, wuste er nicht, wessen er sich entschliessen solte, fluchte auch bey sich selbst über seine unbesonnene Curiosität; doch fassete er einen Muth, alles, was ihm begegnen möchte, auszustehen, dahero sagete er: Wohlan, was ist dann zu thun? ich bin dann Diego, und ihr zween Teuffel.

Es scheinet, er kenne uns, sagete einer zu dem andern. Du must hier bleiben, antworteten sie ihm, und diesen todten Leichnam verwahren, indem wir hingehen und andere Geschäffte verrichten, und was du indessen hörest oder siehest, dafür entsetze dich nicht. Darauf stunden sie alsobald auf und gingen zur Thür hinaus, und schlossen Don Diego dar hinein, ihn in Gesellschafft des Todten allein zu lassen. Es ist leicht zu erachten, wie dem Don Diego an diesem furchtbaren und ungeheuren Orte müsse zu Muth gewesen seyn.

Als er sich nun also bey dem Todten allein befande, bildete er sich ein, daß dieses eine gerechte Verhängniß und Straffe des [309] Himmels wäre, dahero verwahrete er seinen gantzen Leib mit dem Zeichen des Creutzes, befahl sich GOtt und allen Heiligen, und ruffete unabläßig die Barmhertzigkeit GOttes an: dann die Vermahnung, die ihm die zween Gesichter gegeben hatten, daß er sich ob nichs entsetzen solte, stellete ihm tausenderley erschreckliche Einbildungen für, die sein Gemüthe am hefftigsten beunruhigten.

Eine kleine Weile, nachdem diese zween Gesichter sich verlohren, hörete Diego ein trauriges Seufftzen, bald darauf ein Getöse am Eisen, als wann man lauter eiserne Ketten über diesen Saal zöge, und machete ein solches Poltern, daß es schiene, als wolte das gantze Hauß zu Grunde gehen.

Dieses Rasseln und Gepolter machete ihn auf das Reißaus zu gedencken, da er aber zu der Thür kame und solche zu eröffnen suchete, hörete er eine schwache Stimme, die von weitem her ruffete: Don Diego, wo gedenckest du hin zu fliehen? Wende um! wende um! es ist dir noch nicht erlaubt von mir abzusondern; komme wieder, oder ich will dir nachfolgen. Da er nun sahe, daß er nicht konte hinaus kommen, kehrete er wieder zurück, und wurde gewahr, daß es der Todte ware, der ihm zugeruffen; derselbe fuhr nun weiter fort und sagete zu ihm: Wisse, daß ich derjenige bin, welchem du vor wenig Tagen das Leben beraubet, und zwar mit grossem [310] Unbedacht, als der ich dich niemahl beleidiget hatte. Du Grausamer! du Barbarischer! meynest du, daß der Himmel nicht meinetwegen Rache von dir fordern, und daß nicht ein erschröcklich Unglück dich zu Boden schlagen werde, dich wegen deiner Ubelthat zu züchtigen? Durch des Himmels sonderbare Vorsehung bist du hieher geführet worden, daß du meine gerechte Verweisung anhören soltest; aber nahe herbey, auf daß du mich desto besser verstehest. Diego, nicht zweifflend, als das diß Leanders Geist sey, der aus der andern Welt kommen ihn zu peinigen, nahete sich nichts desto weniger herbey; da der Todte in seiner angefangenen Rede fortfuhr: ich bekenne es, daß du mich entleibest, da ich wider dich stritte und das Gewehr in Händen hatte; weil ich aber meine Jugend ohne Erlernung der Fecht-Kunst zugebracht; du aber darinnen wohl geübet bist, ware es dir leicht, mich zu überwinden, jetzund aber must du mir Rechenschafft darum geben: Höre du, laß uns mit einander ringen, Leib an Leib, mit diesem Beding, daß, wo du mich zur Erden fällest, verspreche ich dir, daß ich dich hernach nimmermehr beunruhigen will, sondern verhindern, daß dich auch keiner von meinen Gesellen betrucke: wofern ich aber dein Uberwinder bleibe, solt du verbunden seyn, alle Jahr, auf eben den Tag meines [311] Todes, die Nacht auf meinem Grab auf dem Freyhof zu wachen.

Weil nun Diego sahe, daß die Parthey gantz ungleich ware, antwortete er ihm: Er könne zu solchem Kampf und Bedingung sich nicht verstehen, indem er ja keine Hoffnung haben könne, die Stärcke eines Geistes mit menschlicher Schwachheit zu überwinden. Weil aber jener darauf beharrete, und Diego bey sich selbst betrachtete, daß solches eine Gelegenheit wäre, eine ansehnliche Probe seiner Hertzhafftigkeit zu erweisen, willigte er endlich in diesen Kampf, und stellete sich in eine so veste Positur, als er konte, auf daß er den Kräfften seines Widersachers einigen Widerstand zu thun vermöchte.

So bald der freche Diego, wie gehöret, den Kampff einwilligte, da richtete sich der Todte in seiner Capuciner-Kutte auf, und schiene viel grösser, als sonsten die gewöhnliche Menschen-Grösse zu seyn pfleget; und in eben diesem Augenblick fielen die vier Lampen von den vier Ecken auf den Boden.

Nunmehr finge dem Diego an, ein kalter Schweiß über den gantzen Leib herab zu lauffen, er zittert und bebete, und war dergestalt verwirret und bestürtzt, daß er schier als unempfindlich da stund; zu gleicher Zeit aber, da die Lampen auf die Erde fielen, überfiel der Todte den Diego gantz grausamlich, nahm ihn und warff [312] ihn 3. Schritt weit von sich, als wann er todt ware, dann er blieb eine gute Weile ohnmächtig liegen, sowohl wegen des Schröckens, als auch wegen des Falls und unfreundlichen Niederwerffens.

Nachdem er nun wieder zu sich selbst kommen, wuste er nicht, in was für einer Welt er wäre; endlich als er sich ein wenig an Kräfften erhohlete, entsinnet er sich des vergangenen, merckte auch, daß es beginnete zu tagen. Er sahe sich hin und wieder um, erblickete aber nichts als 4. Mauren; Er richtete sich auf, und suchete einige Fußtapfen seines vergangenen Nacht-Gesichts, siehet aber das geringste nicht mehr davon; dann der Capuziner, der ihn so unfreundlich umarmet, ware sowohl als die vorige 2. Gesichter verschwunden; so ware auch von denen Lampen, die er hatte sehen auf die Erde fallen, nichts mehr fürhanden.

Indeme nun der Tag anfienge heller zu werden, begunte ihm auch mit des Tages-Licht der Muth zu wachsen; Daher er aus angewöhntem Vorwitz Lust bekame, dieses Hauß recht zu durchsuchen, wie er denn oben und unten that, aber darinnen nichts, als was er selbst dahin gebracht, nemlich seinen Degen, fand, den er in solcher Noth gemangelt hatte. Darauf verfügete er sich von diesem Gespenst-Hause nach seinem Logiment, eher es noch heller tag würde; er hätte sich gern in der Nachtbarschafft befraget, wem dieses Hauß zugehörete, und [313] warum es nicht bewohnet wäre; aber es war noch zu frühe, daß er niemand ersahe, den er fragen konnen; er beschlosse zwar bey sich selbsten, daß man den Nacht-Geistern dieses Hauß zu bewohnen, eingeräumet, dahero niemand darinnen bleiben könne, legete sich darauf gantz matt und müde auf sein Bett. Als er aber ziemlich ausgeruhet, kame ein Cavallier, Nahmens Antonio, zu ihm ins Zimmer, fraget, wie er die Fastnacht geendet; Auf Gegen-Befragen, sagte Antonio, habe diese Nacht eines verfehlet: dann ihr kennet ja den Edelmann vonCorduba, den wir den Ritter von Don Diego nennen, welchem ich einen Fallstrick gestellet, ich will solchen noch ertappen, es geschehe bald oder langsam, darum, daß er sich so hochadelich halt, daß, einen Unterschied zwischen ihm und andern, so diesen Nahmen führen, zu machen, wir ihn den Ritter nennen.

Dieser Ritter Diego hatte sich in eines reichen Advocaten Tochter verliebt, derer Fenster auf einen Kirchhof hinaus gehen, welchen Weg er sich, selbiger aufzuwarten, meistentheils des Nachts bedienet; Weil er aber ein furchtsamer Hase, haben wir ihm vorgeben, daß man vor wenig Tagen einen Mann daselbst begraben, welcher alle Abend auf dem Kirch-Hof umher spatzierete, und grosse Ketten nachschleiffete, auch denjenigen, so über diesen Kirchhoff gingen, unvergleichlichen Schröcken [314] einjagete; weßwegen auch die Haußsassen in selbiger Gegend allgemach ihre Wohnungen verliessen und ledig stelleten, weil solche den Schröcken nicht mehr ausstehen könten. Aber es liesse sich der gute Gesell, welcher kein Narr war, von diesem Discurs nicht abschröcken, sagete: Die Geister der andern Welt würden ihn nicht furchtsam machen; worauf wir unsere Gesellschafft quittirten und Bereitschafft macheten, diesen Eisenbeisser mit einer lächerlichen Invention zu ertappen, daß wir seiner hernach zu spotten hätten:

Der Anschlag, den wir macheten, war dieser: Ich hab ein Hauß an einem abgelegenen Ort, mit viel Losamentern, in welchem sich wohl 3. à 4. kleine Haußhaltungen aufhalten können. Vor ohngefehr 8. Tagen seynd die Bestand-Leut daraus gangen, habe aber dem Ritter Diego zu Lieb solches dato nicht wieder verleihen wollen, weil solches das Theatrum zu unsern Possen seyn solte. Meine Invention war diese: Nachdeme es vollkommen nacht worden, führete ich 3. junge Kerl, die erst von der Universität kommen, Pursche von gutem Verstand und herrlicher Adresse in das Hauß, ihnen sagende: Daß einer von meinen Freunden und ich mir vorgenommen hätten, die Hertzhafftigkeit eines gewissen Eisenbeissers zu versuchen, welcher sich gerühmet hatte, daß er nichts fürchtete, und die Geister oder Nacht-Gespenster [315] nicht achtete. Nachdem ich solche also meines Vorhabens verständiget, versahe ich sie mit denen Kleidern, die sie anlegen solten, und führete sie in den Saal, welchen ich zu solchem Spiel bestimmet, der sehr weit in dem Hause entlegen ist. Unter diesen dreyen Kerlen war einer eines gantzen Kopffs länger als ich, da ich doch keiner von den Kleinesten bin: im übrigen war er starck und von guter Form an Gliedern; dieser solte als ein Capuciner gekleidet, auf der Erden ausgestreckt, als ob er todt wäre, liegen; Die zwey andern aber schwartz gekleidet, mit verdecktem Angesicht, ausser den Augen, an den 4. Ecken des Getäffels im Saal, auf einem Stuhl sitzen, an den Ecken aber 4. kleine Lampen angezündet aufgehenckt seyn, welche einen schröcklichen Schein von sich geben solten.

Nachdem ich nun alles angestellet, sagete ich zu dem Todten und seinen Hütern, daß ich ihnen nun den Kerl, von welchen ich ihnen gesaget, schicken wolte. Und so bald sie ihn hörten herein gehen, solten sie ihn fragen, ob er Don Diego heisse; wann er nun mit Ja antworte, solten die zween Hüter hinaus gehen, und ihn bey dem Todten allein einschliessen, welcher sich denn stellen solte, als wäre er einer, den der Ritter neulicher Zeit ungefehr entleibet, daß er Rechenschafft von ihm solcher Unbilligkeit wegen begehren, und mit ihm [316] ringen solte, auch ihn nach ihrer eigenen guten Invention dergestalt ängstigen, daß er gantz verirret würde, sich aber indessen, eher er wieder zu sich selbst käme, davon machen.


Meine gute Anstalt aber hatte keinen so guten Fortgang; dann da ich nach Don Diego gehen, und ihn seiner Hertzhafftigkeit erinnern, und in mein Hauß, welches wegen der Nacht-Gespenster nicht konte bewohnet werden, zu gehen bereden wolte; wurde ich unversehens von 4. Soldaten angehalten, vor den Richter geführet, und wegen einer gewissen Sache, derentwegen einer meiner Freunde in Gefahr ware, befraget. Ich entschuldigte mich zwar bestermassen, wie ohnmöglich es mir wäre, über eine Sache Zeugniß zu geben, davon ich keine Wissenschafft hätte: der Richter aber glaubte das Widerspiel, war gantz entrustet, und befahl mich in Arreste zu setzen, auch keinen Menschen mit mir reden zu lassen, muste also diese Nacht, in welcher ich die Comedie angestellet, zu meinem grösten Verdruß vorbey gehen lassen: Eben diesen Morgen bin ich wieder frey gelassen, und habe seithero noch niemand gesehen, als euch, meinen Unstern zu klagen, jetzo gehe ich gerade und will die 3. Personen suchen, die diese Action mit meinem Ritter spielen solten; um zu vernehmen, [317] wie lang solche gewartet haben: sie werden sonder Zweiffel über mich zornig seyn, daß ich sie die gantze Nacht in dieser Mummerey gelassen, und werden meinen, das Spiel sey auf sie, und nicht auf einen andern angesehen gewesen.


Aus diesem Discurs des Antonii wurde Don Diego des Ursprungs seines Anfalls gewahr, welcher sich sowohl wegen seines unziemlichen Vorwitzes, als aus Irrthum der Namen, Don Diego, zugetragen. Aus dieser Erzehlung kan man nun zur Genüge abnehmen, daß sich manchmahl so wunderliche Fälle zutragen, die mit gespensterischen Erscheinungen eine grosse Verwandtschafft haben, sogar, daß solche, nicht leichtlich, ob es die Wahrheit oder ein Gespenst, oder nur sonst angestellter Weise sich zugetragen; wie dann oberzehlte mit einer wahrhafften gespensterischen Teuffels-Larve eine ziemlich grosse Gemeinschafft gehabt.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 Von einem furchtsamen Jesuiten.
3 II. Geschicht.
4 Von einem entleibten Geist.
5 III. Geschicht.
Von einem Schincken Dieb.
6 IV. Geschicht.
7 Einer jagt 3. andere.
8 V. Geschicht.
9 Wirth ladet drey Gehenckte zum Nacht-Essen.
10 VI. Geschicht.
11 Die Geister Cavalcade.
12 Erschröckliche Geschicht mit einem Spanier.

23. Von Meer-Wundern

[318] XXIII.

Von Meer-Wundern.

Wer zu wissen verlanget, was für mancherley Geschöpff im Meer leben, der kan davon bey Gesnero in seiner Historie von Thieren / die im Wasser zu finden, Nachricht erlangen. Alexander ab Alexandro lib. 3. gen dier. c. 8. gedencket eines Seemanns, welcher von der äussersten Meer-Spitze aus Mauritanien nach Spanien gebracht worden; derselbe sey am Gesicht und Leibe bis auf die Schaam einem Menschen, im übrigen aber einem Fische gantz ähnlich gewesen.Theod. Gaza zeuget von einer See-Jungfrau, welche, als er sich in Peloponneso aufgehalten, an das Ufer lebendig angetrieben worden: Diese habe eine fast menschliche Gestalt gehabt, hingegen aber einen bis zur Schaam geschuppten und rauhen Leib mit einem Fisch-Schwantz. Und Thom. Cantipratanus lib. 2.mirac. & exempl. mem. c. 30. n. 53. erzehlt, daß zu seiner Zeit die Schiffleut der Königin in Engelland ein See-Wunder aufgebracht, welches einem Weibe sehr ähnlich gewesen, ausser, daß ihr Kopff anzusehen, als ob sie eine Crone, die einem Fisch-Körblein gleich siehet, auf der Stirn gehabt; [319] Sie habe gegessen und getruncken, und fürnemlich ihr die frischen Fische wohl schmecken lassen, wie auch die Früchte; sie habe aber nichts geredet, auch keine Stimme von sich vernehmen lassen, als nur einige kleine Seufftzer, ihren Kummer damit anzudeuten, und seye gantzer dreyer Jahre an dem Königlichen Hoff geblieben.


In der Niederländischen Beschreibung der Nieder-Lande / Part. 2. wird folgende Geschicht bey der Stadt Edam angemercket: 1 Daß im Jahr 1430. eine See-Frau von den Edammer Mägdlein gefangen worden. 2 Snojus, der er aus derjenigen Mund und glaubwürdigem Zeugniß mit Fleiß aufgezeichnet, die solches alles selbst gesehen haben, schreibt davon also: Nachdem ein grosses Ungewitter entstanden, und etliche Teiche durchgebrochen waren, und die Süder-See das gantze Land überschwemmet, ließ sich eine Wasser-Frau gantz nacket, kothig und unfläthig in einer Seichte von etlichen Mägdlein aus Edam sehen, die mit einem Schifflein über die Purmer fuhren, ihre Kühe daselbst zu melcken, welche sich zwar Anfangs sehr dafür entsetzten, doch endlich ihnen wieder ein Hertz fasseten, daß sie diejenige Frau in ihr Schifflein zogen, und sie nach Edam brachten, allwo sie gesäubert und gekleidet wurde, unsere Speisen gebrauchete und spinnen lernete. Sie gebrauchete [320] sich einer unbekannten Sprache, und konte kein Nieder-Teutsch verstehen. Von daraus wurde sie nach Harlem geführet, allda sie etliche Jahr gelebet. Porcacho in seinen weit-berühmten Insuln schreibt: Daß ein Meer-Mann in der Frießländischen See gefangen worden, welcher zwar zahm gemachet, bey den Leuten gewohnet, aber niemahls etwas geredet. Ingleichem um das Jahr 1531. sey in Norwegen / nahe bey der Stadt Elepoch oder Elepock, ein solcher Meer-Mensch bekommen worden, der einem Bischoff, mit allem seinem Zugehörigen, gleich gesehen, welchem man dem König in Pohlen verehret; allein er habe nicht essen wollen, und hätte drey Tage gelebet, und sich keiner andern Stimme vernehmen lassen, als grosser und schwerer Seufftzer.

Was von der Melusina zu halten, wovon die gemeinen Leute viel zu erzehlen wissen, ist lauter Mährlein-Geschwätz, welches wir doch allhier mit wenigem anführen wollen: 3 Als der Durchlauchtig und Hochgebohrne König Helmas, Herr zu Awelon undAlbanien, seiner Gemahlin, der Persina, geschworen, sie nimmer in dem Kindbett zu besuchen und zu besehen, noch jemand solches zu thun gestatten oder befehlen, seinen Eyd aber und Gelübde nicht gehalten, hat Persina ihn verlassen und ihren dreyen Töchtern unterschiedliche Gaben gegeben, da dann die jüngste Tochter, [321] Melusina, welche klug und wohl erfahren war, folgendes empfangen: Daß sie alle Samstag vom Nabel hinab solle eine Schlange oder Wurm werden. 4 Der sie nun zum Weibe nehmen wolle, der müsse schweren und geloben, daß er an keinem Samstag sie jemahls besuchen, sondern in ihrem Thun unbekümmert lassen wolle. Wann solches der Mann würde halten, so würde sie hernach wie ein anderer Mensch sterben. Da nun Reymund, des Grafen von Forst jüngster Sohn, und Emerich, Edler Graf zu Poitiers in Franckreich, im Walde Columpier gar spat am Abend auf der Jagd sich verirret hatten, und aus den Augen aller ihrer Diener gekommen waren, stößt sich ihnen bey noch hellem Mondschein ein groß wildes Schwein auf und fället dermassen den Grafen vonPoitiers an, daß es ihn gäntzlich zur Erden niederwirfft. Als Reymund seinen Vettern in so grosser Gefahr sahe, und ihn gedachte zu erretten, zuckte er den Spieß, und stieß damit nach dem Schwein, weil er aber fehlete und der Spieß abwiche, traff er seinen Herrn und Vettern dermassen, daß er ihm das Leben benahm. Hier fing er nun ein jämmerlich Klagen an, er rauffte seine Haare, und sprach: Glück / ach Glück! wie hast du mich so gar in Jammer und Elend gesetzet! Ach, was hast du doch [322] mir armen jungen Menschen damit anzeigen wollen? Ich bin ja durch diese That an Seel und Leib, an Ehr und Gut, verderbet, und in grosse Noth und Elend bracht. Ach, wolte GOtt, daß ich doch auch sterben, und mit meinem Vettern begraben werden könte! In dieser Klage kame Reymund zu einem Brunnen, bey demselben stunden 3. schöne Jungfrauen, hochgebohrner und adelicher Gestalt, welche er für Jammer und Leid nicht gesehen hatte. Von diesen ging die jüngste, genannt Melusina, von unsäglich-schönem Angesichte und wohlgestalltem Leibe, zu ihm, erklärete die Ursachen seines Unfalls, welcher ihm zu der Stunde wiederfahren, und sprach: Lieber Reymund, wann du meiner Lehr wilt folgen und nachkommen, so soll es dir an Gut, Ehr, Glück und Geld, nimmermehr mangeln, sondern du solt glückhaffter, mächtiger und reicher werden, dann jemand deiner Freunde; aber du solt mir derohalben schweren, daß du mich zu deinem ehelichen Gemahl nehmen, und an einem Samstag niemahl nach mir fragen, noch mich suchen, sondern in allwege frey und unbekummert lassen; so will ich dir hinwieder schweren, daß ich allezeit, und besonders auf denselben Tag, nirgend hinkommen will, welches dir schädlich oder unehrlich sey. Wirst du aber auf selbigen Tag mich suchen und erkundigen lassen, was ich schaffe oder thue, so wirst du mich [323] verliehren, und wirst abnehmen an Land und Leuten, an Ehr und Gut. Als nun Reymund Treu und Gelübd versprochen, so hat ihmMelusina in allem als ein Ehe-Gemahl beygewohnet und viel Kinder gebohren, derer doch jedes ein Anmahl oder Zeichen am Leibe gehabt, nehmlich, eines ein Auge in der Mitten seiner Stirn, ein andres drey Augen, das dritte Zähn im Mund, wie ein Eber, und so weiter. Da aber der Graf von Forst, Reymunds Vater, mit Tod abgangen, kame sein ältester Bruder, der dazumahl Graf war, gen Lusinien zu ihm, führete ihn besonders, und sprach: Reymund, lieber Bruder, ich besorge, ihr seyd bezaubert, dann es ist eine gantze Land-Mähr, und saget männiglich, ihr seyd nicht wohl bedacht, daß ihr nicht sollet und dürffet nach eurem Gemahl fragen, wo sie sey, oder wo und wie sie sich halte am Samstage, auch ist es eine frembde Sache, daß ihr nicht wissen dörffet, was ihr Gewerb, Thun oder Lassen sey. Ihr habt dessen grosse Unehre, auch viel und mancherley Nach-Reden. Dann etliche meynen, sie treibe Büberey, und habe andere Männer lieber, dann euch. Andere sagen, sie sey ein Gespenst oder Ungeheuer; derohalben forschet nach ihrem Wesen, damit ihr nicht also von ihr geäffet und zu einem Narren gemachet werdet. Da er dieses von seinem Bruder gehöret, ging er in grossem Grimm nach der [324] Kammer, die sie sich hatte zu ihrer Heimlichkeit bauen lassen, in Meynung, er würde solche mit einem andern in ihrer Untreue betreten; aber, da er hinein sahe, verlohr er alle seine Freud und Herrlichkeit. Dann Melusina, nachdem sie ihn seiner Verrätherey und Falschheit überwiesen, und sich selbst beklaget, daß sie nun würde Pein leiden bis an den jüngsten Tag, von welcher sie sonst wäre befreyet gewesen, nahm von allen Anwesenden Abschied, sprang mit beyden Füssen in ein Fenster, und wurde in einem Augenblick unter dem Gürtel wiederum ein feindlicher ungeheuerer Wurm, schoß schnell durch die Lufft, fuhr drey mahl um das Schloß herum, und schied endlich mit grossem Geschrey wieder von hinnen; sie ließ sich auch nachmahls nicht mehr, wie vorhin, sehen, als daß sie in der Nacht ihre annoch kleine Kindlein säugete und in der Lufft über dem SchloßLusinien erschiene, wann etwa durch einen Todes-Fall das Schloß einen andern Herrn bekommen solte. Es ist dieses wohl ein bastartig Gedicht, wovon doch die Alten so viel Schwätzerey gemachet, und ist doch darunter kein wahrhafft Wort, so vernünfftige Leute auch nicht glauben werden, wann man alle Umstände reifflich überlegen wird.


Happelius in Relat Curios. Part. I. p. 453. schreibt von denen auf der Ost-Indischen Fahrt vorkommenden [325] Meer-Wundern folgendes: Man siehet in diesem Meer Wallfische, welche doch denen in den Nord-Ländern nicht gleich kommen, als Blaser / so sehr grosse Fische, welche das Wasser gleichwie einen Thau in die Lufft spritzen, fast wie ein Wallfisch thut. Item Thun-Fische / so in Franckreich gantz bekannt sind. Boniten / welche nicht gar so groß als die Thun-Fische, aber besser Fleisch haben. Requins / welches Raub-Fische sind, und eigentlich Meer-Wölffe heissen. Doch gibt es bey dem Vor-Gebürg der guten Hoffnung viel andere Gestalten, die man gleichfalls Meer-Wölffe nennet. Diesen Fisch kan man nicht essen, dann er soll den Bauch-Fluß machen, welches wohl seyn kan, massen er sobald nichts, es mag ein Mensch oder was anders seyn, in die See fallen siehet, sofort darauf zu schießt, und es erwischen und fressen will. 5 Auf einer Reise geschahe es, daß der Schiff-Schlosser gestorben; man wickelte solchen, dem Gebrauch nach, in ein Segel-Tuch, und warff ihn ins Meer. 6 Des andern Tages fing man einen dergleichen Fisch, und fand in seinem Bauch den Leichnam noch gantz in seinem Sterb-Kittel. Man siehet auch Fische, so Meer-Schweine genennet werden, so groß und gut zu essen sind; der Kopff siehet als eines Schweins Kopff, zwischen Haut und Fleisch haben sie [326] Speck. Item siehet man fliegende Fische, an Gestalt und Grösse wie ein Häring, diese sind von den besten Fischen, die ich (schreibt der Autor) sein Lebtag gessen habe. Sie fliegen Schwarm-weise, wie die Staaren, und erheben sich nie höher als zwey oder drey Ehlen hoch über das Meer. Ihr Flug ist in einer geraden Linie, und wann sie von den Boniten verfolget werden, fliegen sie so lange als ihnen die Flügel naß bleiben: fallen sie dann im Flug auf eine trockne Stelle, so können sie eben so wenig, als andere Fische, wieder fortkommen. Indeß solte einer, der sie fliegen siehet, vermeynen, es wären Vögel, und dannoch haben sie keine Federn. Ihre Floß-Federn, so ihnen statt der Flügel dienen, haben 5. Zoll in der Länge, und 2. Zoll in der Breite, und ihre Schwäntze sind bey sieben halbe Zolle lang.

Es gibt noch andere wunderbahre Fische im Meer, worunter der Schwerd-Fisch sonderbar zu bemercken, welchen einige dafür halten, der sein Horn für dem Kopffe mit Zacken besetzt habe, und, wie die Seefahrende versichern, einen immerwährenden Kampff mit dem Wallfisch führet: wie dann einige solchem Kampff wohl zwey Stunden lang zugesehen, und beobachtet, wie der Schwerd-Fisch in die Höhe gesprungen, und wann der Wallfisch Athem hohlen wollen, solchen zu durchstossen gesuchet: Noch ein Wunder-Geschöpff [327] GOttes ist 1707. von 2. Fischern gefangen und mit Beylen verschlagen worden: Solcher Fisch ist von einem andern verfolget, worden, indem man hernach an ihm gesehen, daß er hin und wieder geritzet gewesen; und auf einen sandigen Grund, nahe bey der Insul Beveroe getrieben, und so bald nicht mehr davon kommen können, bis ihn gedachte Fischer erschlagen. 7 Bey dem vierdten Schlag, der recht bis an den Rippen gangen, soll solcher als ein Rind gebrüllet haben. Mit Kopf und Schwantz ist dieser Fisch 25. Fuß lang, und rund um den Leib 12. Fuß und 10. Zoll dick; Die Floß-Feder an jeder Seite hinter dem Kopf, jede 2. Fuß und 10. Zoll lang, und 9. Zoll breit gewesen. Die in die Höhe steigende Floß-Feder auf dem Rucken ist 1. Fuß und 11. Zoll hoch gestanden; und die Floß-Feder hinden am Schwantz hat 8. Fuß in der Breite gehalten. Über und über hat er eine Asch-farbete und gantz glatte fleischigte Haut gehabt, und im Nacken, hinten am Kopf ein rundes Loch, worein man 2. Finger stecken können: es war ein Weilblein gewesen, an welchem sich die Pudenda 2. Fuß und 2. Zoll lang befunden. Es hat sich sowohl an Floß-Federn, Schwantz und aller Orten, mit lauter Speck und Fett gezeiget. Die Curiosität hat viel Leut häuffig mit Kutschen von Ost- und Westen angereitzet, dahin [328] zu fahren und solches Wunder-Thier zu sehen, und in Augenschein zu nehmen. Vid. Happelii Relat. Curios. Part. II. p.m. 308.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 Meer-Frau wird von Edammer Mägdlein gefängen.
3 II. Geschicht.
4 Von der Melusina, was davon zu halten.
5 II. Geschicht.
6 Meer-Wölffe verschlucken einen gantzen Menschen.
7 Wunderbahrer Fisch / so 1707. gefangen.

24. Von Bancketen der Geister

XXIV.

Von Bancketen der Geister.

Speidelius in Speculo variarum observat. sub Voce Geist / n. 46. p. 439. seq. erzehlt: daß einsmahl Albrecht, Freyherr von Zimbern, seinem Lands-Herrn, Friedrich, Hertzogen in Schwaben, mit einer Besuchung aufwarten wollen, dieweil er bey solchem in sonderbaren Gnaden, und allzeit angenehm war; sonderlich, weil er bey ihm auferzogen worden. Als er sich nun einsmahls bey demselben einfand, stellete dieser Fürst einen Spatzier-Ritt an, in Begleitung seiner Grafen und Baronen, derer sich gemeiniglich eine ziemliche Anzahl an seinem Hof befanden. Und war dieser Lust-Ritt angeordnet zu dem Grafen Erhinger von Magenheim, auf dessen Wohn-Schloß Magenheim, so im Zabergau gelegen, zu welchem er schon vorhero mehrmahl geritten. Dieser hatte Mariam, eine Gräfin von Tübingen, zur Gemahlin, und zwo Fräulein, aber keinen Sohn von ihr erzielet; also [329] so daß dieser Gräfliche Stamm mit keinem männlichen Zweige mehr unterstützet war: selbiger Graff war ein Mann fröliches Gemüths, ein Liebhaber der Jagd, und sonst auch andern ehrlichen Ubungen ergeben.


Nun lieff in dem grossen und lustigen Walde, Stromberg genannt, so von jetztbesagtem Schloß nicht weit lag, schon eine ziemliche Zeit her, ein ansehnlich-grosser Hirsch, den weder die Jäger noch die Hof-Bediente jemahls hatten fahen können, derselbe ließ sich bey dieser Anwesenheit des Hertzogs nun wiederum sehen, zu ihrer aller grossen Freude, sonderlich des Grafen Erhingers; darum begaben sie sich alle mit einander dahin, zusamt dem gewöhnlichen Jäger-Gezeuge. 1


Unter dem Jagen kame erstgemeldter Baron von Zimbern von der Gesellschafft, und ritte in einer absonderlichen Gegend selbiges Waldes herum, bis er eines grossen und schönen Hirsches ansichtig ward, desgleichen ihm keiner jemahls in die Augen gekommen war; demselben setzte er durch den Wald weit nach, bis er ihn gar aus dem Gesicht verlohr, und nicht mehr wissen konte, wo der Hirsch geblieben war.


Indem er aber also fortreitet, begegnete ihm ein Mann, so schröcklicher Gestalt, für welchem der Baron Albrecht, der [330] sonst ein behertzter und großmüthiger Cavallier war, sich hefftig entsetzte, und mit dem Zeichen des Creutzes sich wider ihn segnete: Jener aber sagete zu ihm, er solte sich nicht fürchten, denn er wäre von GOtt gesandt, ihm etwas zu offenbahren, er solle ihm nur getrost nachfolgen; alsdann wolte er ihm wunderliche Sachen weisen, dergleichen ihm noch niemahls für Augen gekommen: und darbey hätte er sich keiner Gefahr zubesorgen. Baron Albrecht, (den Speidelius auch zuweilen einen Grafen nennet) willigte darein, und gieng seinem vorangehenden schröcklichen Führer immer nach, bis sie mit einander zum Wald hinaus kamen. Allda bedunckte den Herrn Allbrecht, als sehe er trefflich schöne Wiesen, und eine überaus lustige Gegend; ingleichem ein Schloß, welches mit vielen Thürnen und andern Zierrathen so herrlich prangete, daß seine Augen dergleichen niemahls geschauet. Indem sie zu diesem Schoß sich naheten, kamen ihnen viel Leute, als gleichsam Hof-Bediente, entgegen: die redeten alle kein Wort; sondern nahmen nur von ihm sein Pferd; der, so ihn daher geführet, sagete: Er solte sich ihr Stillschweigen nicht befrembden lassen, und auch nicht mit ihnen, sondern nur allein mit ihm reden, und thun, was er ihn heissen würde.

Also traten sie zum Schloß hinein, und führete ihn sein Vorgänger in einen [331] grossen schönen Saal; allwo ein Fürst mit den Seinigen an der Taffel saß; sie stunden für dem Herrn Albrecht alle auf, bewillkommeten ihn gleichsam mit ehrerbietiger Neigung ihrer Häupter, und setzten sich hernach wieder nieder, gleich als ob sie mit einander speiseten, ässen und trüncken: Herr Albrecht blieb stehen, hielt sein Schwerdt in der Hand, und wolte dasselbe durchaus nicht von sich legen noch aus der Hand lassen, betrachtete aber unterdessen mit Verwunderung das Wunderkünstliche silberne Tafel-Geschirr, darinnen die Speisen auf- und hernach wieder abgetragen worden, samt allem andern Tafel-Silber: wiewohl solches alles mit Stillschweiger geschahe; der Herr und seine Hof-Leute assen jedweder für sich selbsten, und bekümmerten sich um ihn nichts. Nachdem er alles also genugsam angeschauet; erinnerte ihn der, welcher ihn hatte dahin geführet, er solte dem Herrn und dessen Ministern einen Reverentz machen und sich für ihnen bücken, denn er wolle ihn nun wieder hinaus führen: wie er nun solches thät, stunden der Herr und dessen Hof-Bediente wiederum höflich auf, und neigeten gleichfalls ihre Häupter zu ihm. Hernach ward er wieder von dannen zu der Schloß-Pforten hinaus geführet: da stellten ihm diejenige, welche bisher sein Pferdt gehalten, dasselbige wieder zu; legeten [332] ihm aber darbey ein Stillschweigen auf, und kehreten wieder mit Stillschweigen in das Schloß zurück. Da gürtete er sein Schwerdt wieder an, und ward von seinem Gefähr den durch den vorigen Weg wieder nach dem Stromberger Wald hinein begleitet.

Er fragete hierauf denselben, was doch dieses für ein Schloß, und wer dessen Einwohner wären, die da selbst gesessen und an der Taffel gespeiset hätten? Der Geist gab zur Antwort: Der Herr / welchen du gesehen / ist deines Vatern Bruder gewest / ein gottsfürchtiger Mann / welcher vielmahls wider die Unglaubigen gefochten. Ich aber und die andern / welche du sahest / waren bey Leibs-Leben seine Bediente / und müssen nun unaussprechlich-harte Pein leiden. Er hat in seinem Leben seine Unterthanen mit harten Auflagen sehr gedruckt / und solches Geld wider die Unglaubigen im Krieg angewendet. Wir andern alle aber haben ihm darzu Rath und Anschläge gegeben /und werden itzo / um solcher Ungerechtigkeit willen / hart gestrafft / so lange es GOtt wird gefallen. Dieses ist dir / deiner guten Merit en wegen /[333] geoffenbahret / damit du für solchen und dergleichen Dingen dich hüten und dein Leben bessern mögest. Siehe / das ist der Weg / welcher dich wieder durch den Wald an deinen vorigen Ort bringet: doch kanst du zuvor noch einst wieder zurück kehren / auf daß du sehest / in was für Elend und Jammer sich daselbst die vorige Glückseligkeit verkehrt habe. Diß gesaget, ist der Geist verschwunden.


Hierauf kehrete Graf Albrecht noch einmahl zurück, nach dem Schloß, da ihn der Geist hinein geführet hätte; Siehe! da war alles mit einander zu Feuer, Pech und Schwefel worden, davon ihm der Gestanck gar starck in die Nase gieng: daneben hörete er ein jämmerliches Geschrey, Weheklagen und Lamentiren; worüber er sich dermassen entsetzete, daß ihm die Haar empor stiegen; Derohalben wendete er sein Pferdt, und ritte des Weges zu Hertzog Friederich, und dem Grafen Erhinger, denen er verändert und verstellet vorkame, daß sie ihn so bald nicht erkennen konten: denn ob er gleich noch jung von Jahren, hatte ihm doch der grosse Schröcken und Bestürtzung die Gestalt eines eißgrauen alten Mannes angebildet: im Ansehen ihme sein Haar und Bart Schneeweiß geworden. Sie verwunderten sich [334] darüber höchlichen, noch vielmehr als er ihnen alles, was ihm begegnet, erzehlete: nemlich die Erblickung des grossen Hirschens, die Erscheinung des Geistes und Schlosses: und wie sie alle darüber erschracken, so kehreten sie wiederum nach Magenheim.

Hierauf bate Herr Albrecht den Graf Erhinger, daß er ihm möge erlauben, in seinem Gebiet, an dem Ort, da solches geschehen, eine Kirche zu bauen: welches ihm gern verstattet wurde, die ihm auch mit Rath und Beysteuer an Handen gangen, und also an solchem Ort ein Frauen-Kloster aufgerichtet, und GOtt stets daselbst gedienet worden. Zu welchem Bau auch Hertzog Friedrich Hülffe verheissen, damit solcher Bau je eher je besser seinen Fortgang gewinnen möchte, welches auch erfüllet, und gewisse Gefälle darzu verordnet worden. Angeführter Speidelius schreibt: Man saget, diese Geschicht soll sich unter Regierung Kayser Lotharii des II. im Jahr Christi 1134. begeben haben. Der Ritter Conrad von Moßbach, Groß-Hofmeister des Landgrafen Wilhelms und andere haben sie in einem alten Buch gelesen. Man lässet den Urheber oder Verfasser dieses Gesichts für die Gewißheit desselben stehen; und so es eine wahrhaffte Geschicht seyn solte, den geneigten Leser darüber urtheilen.

[335] Unter dergleichen Geister-Bancketen fället nachbeschriebene etwas wahrscheinlicher zu seyn. 2 Als Fridericus III. König in Dännemarck und Norwegen /eine öffentliche Zusammenkunfft nach Flenßburg ausgeschrieben, welcher auch der nunmehro selig-ruhende König durch seine Gegenwart einen Glantz gegeben. Als nun unter andern Edel-Leuten auch einer dahin reisete, welchen man schier unter die Ruchlosen zehlete, der weder Teuffel noch Gespenst glaubete: dergleichen Leute es itzo noch viel gibt, die ein Gespött daraus treiben. Dieser Edelmann langete so spät an, daß er kein bequem Logiament mehr für sich ledig finden konte. Endlich kame er in ein Hauß, da ihm der Wirth aufrichtig bedeutete, wie alle seine Zimmer besetzt wären, ausser ein eintziges, darinnen er ihm aber zu logiren selbst nicht rathen möchte, weil ein Ungeheuer in solchem gewaltig rumorete, und ihn leicht, durch überkommenden Schröcken, ein Unheil anwandeln möchte. Der Edelmann aber gab seinen unerschrockenen Muth lächlend zu verstehen, wie er für dergleichen Mährlein keine Furcht hätte; sondern begehrte nur ein Licht, welches er auf den Tisch stellete, und gantz allein da sitzen blieb, um sich dessen desto gewisser mit wachenden Augen zu versichern, daß er nichts gesehen hatte, oder, im Fall sich ja etwas sehen liesse, er beym Licht erkennen könte, ob es nicht [336] etwa ein gemacht, oder ertichtetes Gespenst wäre, und dasselbe fein beleuchten möchte.


Der Wirth willfahrete ihm, ließ ihm Licht genug, und wünschete ihm bey seiner Vermessenheit eine geruhige Nacht, in Meynung, dieser freche und kühne Gast müsse gewiß ein Schweiß-Baad vonnöthen haben, welches er in diesem Zimmer gewiß gar wohlfeil erhalten könnte. Es fehlete auch nicht, und war die Nacht noch nicht gar halb passirt; als sich nach und nach etwas im Saal anfing immer stärcker zu rühren, und ein Getöse über das ander hören ließ: welches aber sein gefasseter Muth zu überhärten, und wider den anschaurenden Schröcken sich männlich zu halten bestrebete. Unterdessen vergrösserte sich das Geräusche, und machete ihm gleichfalls auch mit der Zeit, vor Furcht, seine Haut gleichsam rauschen, wie ein Aspen-Laub, wie sehr er auch sich selbst zu stärcken bemühet war. Nach einem ziemlich langen Vorspiel, Gepolter und Getümmel, kam durch den Camin, welches im Zimmer war, bald ein Bein, bald ein Arm, hernach der Bauch, Brust, und endlich der Kopf herab, und wurde aus solchen Theilen geschwind ein gantzer menschlicher Cörper, in Gestalt eines Laquayens zusammen gesetzt. Hernach fielen immer mehr und mehr nach einander herab, welches alles [337] der Edelmann mit erstarreten Augen anschauete. Bis zuletzt die Thür des Zimmers aufgehet und der helle Hauffen einer völligen Königlichen Hofstatt hereingehet.


So bald hatte derselbe sich nicht zu dem Tisch genahet, als unser zitterender Edelmann sich von seinem Ort wegmachete, und mit aller seiner Resolution hinter den Ofen retirirte: weil er von denen im Weg stehenden menschlich-gelarvten Gespenstern zur Thür nicht hinaus konte. Er sahe, wie man im Augenblick die Taffel deckete, und voller Königliche Tractamenten anhäuffete, auch mit vielen silber- und güldenen Trinck-Geschirren besetzete.


Wiewohl er nun, unter diesen verdächtigen Geistern, ein Gast mit zu seyn, schlechten Appetit hatte, kame doch bald einer, und begehrte an ihn, er solte, als ein Gast und Frembdling mit zur Taffel sitzen und vorlieb nehmen. Weil er aber sich weigerte, ward ihm ein grosser silberner Becher dargereichet, um denselben auf Gesundheit resolut Bescheid zu thun: der gute Edelmann, welcher nunmehr starck glaubete, daß es Gespenster gebe, und vor grosser Bestürtzung und Grausen nicht wuste, was er thun solte, nahme zwar das Trinck-Geschirr an, zumahlen, weil es schien, als ob man ihn nöthigen würde, weil ihm aber, [338] ehe denn er ansetzete, ein erschröcklich Grausen ankame, fing er an in solcher Angst und Furcht GOtt um Schutz und Schirm anzuruffen. Sobald er aber solches Gebet kaum verrichtet, war im Augenblick aller Pracht, Geplärr und das gantze Bancket, mit allen herrlich-scheinenden und stoltzen Geistern verschwunden.

Ob nun gleich aus seinen Augen die gantze Hofstatt und alle Speisen im Augenblick entrissen waren, verbliebe doch dem Edelmann der ihm gereichete silberne Becher in der Hand, nebst allem andern Silber-Geschirr, so auf die Taffel kommen war, benebst dem einigen Licht, welches ihm der Wirth aufgestellet hatte: Der Edelmann bildete ihm ein, daß nunmehr alles solch Silber-Geschirr ihm zugehörete, und nahm es auch zu Handen, in Meinung, es für sich zu behalten, der Wirth aber wolte ihm solches nicht gestatten, da indessen der Verlauff für den König kam, derselbe aber liesse alles zu seinen Handen nehmen, unter dem Titul: daß es solche Sachen, so der höchsten Landes-Obrigkeit heimgefallen wären. Ob wohl der Edelmann einen rechtlichen Anspruch darauf zu haben vermeinete, als einen solchen Hund, den GOTT ihm, für seine ausgestandene Todes-Angst und Lebens-Gefahr, [339] hätte zu Theil werden lassen; Liesse doch der König die Frage deßwegen an unterschiedene Juristen-Facultäten gelangen, von welchen es aber einhelliglich dem König allein zugesprochen worden.


Wo solch Silber-Werck eigentlich herkommen, hat man nicht erfahren können, dieweil auf solchen nichts, wie sonst gewöhnlich, von Wappen oder Nahmen gestochen gewesen. Indessen hat der Edelmann glauben lernen, daß gewiß Teuffel und Gespenster seyn. Hat auch sich mit dem rechtlichen Ausspruch vergnügen lassen müssen, daß solches der König zu seinen Handen nehmen lassen, vermuthlich ist solches ein vergrabener Schatz gewesen, und hat solchen der Edelmann im Schweiß seines Angesichts nicht gegraben, ist auch von ihm nur ohngefehr erblickt, darzu nicht in seinem, sondern in dem Wirths-Hause gefunden worden. Vid. Francisc. Höllischen Protheus pag. m. 426.


Daß nun solche gefundene Schätze der hohen Lands-Obrigkeit heimfallen und zugesprochen werden, hat ein Teutscher armer von aller zeitlichen Hülff entblösseter frommer Studiosus juris zu seinem Vortheil gar fleißig beobachtet: 3 [340] Denn als selbiger nach geendetem 30. jährigen Kriege gen Straßburg reisen und daselbst famuliren oder andere Dienste zu seinem Unterhalt suchen wollen: übereilet ihn im Elsas ein starckes Donner-Wetter, welchem es nicht entfliehen können, als daß er ein alt zerstöhrt Schloß auf einer ziemlichen Höhe erblicket, weil er aber vermeynet, daß etwa neben solchem sich Leute aufhalten möchten, eilet er, dem Wetter zu entgehen, nach solchem zu, findet aber nichts, da er sich für dem Regen ins Trockne salviren können, als in dem alten Gemäuer einen verfallenen Saal, welcher noch an einem Ort bedecket, worunter er für dem Regen geschirmet ware, dahin setzete er sich, von Kälte, Hunger und Durst geplaget und ließ das lang anhaltende Donnern und Blitzen, sammt grausamen Regnen, um sich herum spielen: dieweil aber inzwischen die Nacht heran ruckete, muste er sich entschliessen, seine Nachtherberge in diesem alten Gemäuer auf den Steinhauffen aufzuschlagen, und daselbst den morgenden Tag zu erwarten: als es nun finster zu werden beginnet, überfiel diesen armen Reisenden, wegen ohnedem grosser Müdigkeit, ein angenehmer natürlicher Schlaff, der etwa bis um Mitternacht angehalten hatte: und als solcher eine weile gewachet, siehet er 3. wohlgekleidete[341] Herrn-Diener in rother Lieberey mit Schnüren kommen, welche in den alten Saal, der eine 2. brennende Lichter von weissem Wachs, und die andern zwey eine Tafel getragen brachten, und dieselbe in die Mitte des Saals stelleten: zween giengen ihres Weges, der dritt aber kam zu dem voller Schröcken, Zittern und Angst befallenen armen Studenten, und sagte zu ihm: Fürchte dich nicht / es wird dir kein Leyds widerfahren / aber, wann du siehest die Herrschafft in den Saal treten, so bleibe allhier an deinem Ort still stehen, und wer dich auch fragen wird, was du allhier machest; oder wer du bist, so gib kein einiges Wort zur Antwort, und schweige Mause-stille: so es vonnöthen seyn wird, will ich schon für dich die Antwort ertheile: Mitlerweile kommen die vorige beyde Diener wieder, und tragen einen grossen Korb mit Tafel-Geschirr, decken den Tisch, besetzen solchen mit dem schönsten Servis von Silber, mit doppelten Teilern, Handvassel oder Lavor und Saltz-Büchslein, samt schönen Leuchtern und zwar keine Servietten: Uber eine kleine Weile vernimmet der beängstigte Student, wie er ein paar Heer-Paucken schlagen hörete, darauf tritt ein ansehnlicher Herr in Gold und Sammet bekleidet in den Saal, deme folgeten noch 18. fürnehme Krieges-Officirer in schönster [342] Monture. 4 Diesen folgeten so viel Laquayen und Bediente, daß der gantze Saal damit angefüllet worden. Endlichen wurden auch Speisen aufgetragen, und bedünckte den Studenten, als ob solche tapffer essen und trincken möchten. Endlich siehet sich der Fürnehmste im Saal umher, und ersiehet den Frembden, ruffet ihm, er soll näher herbey tretten: welchen dann der erst-gedachte Diener herzu hohlete, und an des Studenten Stelle seinem Herrn alles Fragen, als wer und was er wäre, wie er an den Ort kommen, und wohin er wolle, beantwortete, darauf hieß er ihn wieder an seinen Ort gehen: Und als beynahe eine Stund verflossen, stehet der Herr wieder von der Taffel auf, samt aller Gesellschafft; und gesamte Diener waren so geschwind als ein Blitz alle zum Zimmer hinaus, dann folgeten die übrige, so an der Tafel gespeiset hatten, und zuletzt gieng auch der Fürnehmste, allwo der Studiosus abermahl die Heer-Paucken schlagen hörete: worauf im momento alles stockfinster in dem alten Gemäuer worden, und der Himmel oder die Wolcken waren auch so dick vom vorigen Regen, daß nicht das geringste zu erkennen war. Inmittelst befahl sich der arme Mensch in den Schirm GOttes, und fiel abermahl auf seinem harten Stein-Hauffen in einen angenehmen Schlaff, erwachete [343] auch nicht wieder, bis die Sonne das alte Gemäuer gantz erleuchtet hatte: als er nun den Schlaff aus seinen Augen gewischet, und sich umsahe, fande er alles in der Nacht auf die Tafel gestellete Silber- Geschirr auf der Erde hin und wieder zerstreuet liegen. Furcht, Schröcken und Freude aber wolten ihn keine Entschliessung, was er allda machen solte, fassen lassen, doch gehet er zum Gemäuer hinaus, siehet aber nichts um und bey sich als alte Gemäuer, und Dorn-Hecken, welche herum gewachsen waren: Endlich entschliesset er sich allhier gute Beute zu machen, wohl wissende, wann er von solchem hinterlassenen Silber-Schatz jemand etwas offenbarete, daß er wenig oder nichts davon bekommen würde: derowegen suchete er alles, so viel möglich, zu verbergen, und verstecket alles Silber-Geschirr unter den Stein-Hauffen, daß niemand davon etwas gewahr werden konte, nimmet aber die 2. ledige Saltz-Fässer zu sich, und gehet damit in die näheste Stadt, verkauffet solche an einen Goldschmied, und als er Geld in Handen bekommen, kaufft er sich einen alten Mantel, sammt einem Zwerch-Sack, und dinget ihm in dem Städtlein eine Kammer bey einer armen Wittib, und gibt vor, wie er Kinder informiren wolte, zahlet ihr auch das Mieth-Geld für Bett und Kammer voraus, und nimmet den Schlüssel zu sich; nachgehends [344] gehet er wieder in aller Stille nach dem alten Schloß, und findet solch Silber-Geschirr unverruckt, steckt so viel zu sich, als er vermeynet, daß er in der Stille fortbringen könne, bis er 4. Dutzend silberne Teller, 18. silberne Schüsseln, 4. Gesteck verguldte silberne Becher, 3. schöne Leuchter, sammt Löffeln und Messern, alles nach und nach in seine Cammer practicirt, welches er hernach in einen ziemlichen Couffre eingepacket nach Straßburg führen lassen, und mit grosser Klugheit und Nutzen zu baarem Gelde machen können. Als er nun dergestalten aus seinen gefundenen Silber-Schätzen bey 2000. Reichs-Thaler baar Geld in guten Ducaten zusammen bracht, gehet er gen Hagenau, und lebet sehr sparsam damit, wohl wissende, daß ihm dergleichen Fund nicht mehr unter Handen kommen werde. Nach Verlauff einiger Zeit verheyrathet er sich an eine schöne, junge, wohlhabige Wittib, welche sich der Wirthschafft bedienet, und lebet mit derselben in vergnügtem Wohlstand. Endlich aber reiset ein fürnehmer Fürstlicher Rath, und begibt sich, daß solcher eben zu Hagenau in seinem Wirths-Hauß einkehret: und da solcher des Wirths Nahmen nennen höret, forschet er auch, wo dessen Heymath sey, und wie er wäre in diese Stadt kommen; als er von allem benachrichtiget, gibt er sich zu erkennen, daß er vor diesem mit ihmstudirt, in einer Stadt [345] zu Hause, und nahe Verwandte miteinander wären: solchem hat der Wirth sich vertrauet, ihme den gantzen Handel erzehlet, wie er zu solchen Mitteln gekommen, welcher es hernach, gleich es allhier beschrieben, bekandt gemachet, und dabey erinnert, daß solch Königlich Servies Silber 233. Marck an Gewicht, und die Marck zu 16. fl. ge rechnet, 4728. fl. an Geld ertragen hätte, welches alles dieser arme Student durch seine Klugheit conservirt und ruhig in Besitz erhalten hat.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 II. Geschicht.
3 III. Geschicht.
4 Ein armer Student siehet ein groß Bancket der Geister / und wird reich davon.

25. Wie Gespenstern zu begegnen - und was man davon halten soll

XXV.

Wie Gespenstern zu begegnen / und was man davon halten soll.

Es wird itziger Zeit viel Sagens von Erscheinung der Gespenster gemachet, auch hin und wieder gelehret, wie man solchen begegnen und von solchen einen Unterschied machen, auch sich wider dieselbe beschirmen soll. Es ist aber darunter dieses der Unterscheid, und sind solches entweder englische oder teufflische Gesichter, wie davon im Pabstthum viel Sagens gemachet wird, und hat die Erfahrung offtmahl bezeuget, wie viel Böses damit in der Römischen [346] Kirchen gestifftet worden; sonderlich mit dem abscheulichen Betrug der vermeynten englischen Erscheinungen. Was aber die Teuffels-Gesichter betrifft, die doch nach der Zeit der Zukunfft Christi ins Fleisch ziemlich aufgehöret, dieweil derselbe die Wercke des Teuffels zerstöhret, 1. Joh. 3. V. 8. so wird dannoch hin und wieder davon gemeldet. Solte sich demnach begeben, daß einem ein Geist in angenommener sichtbaren Gestalt erscheinen solte, so hat man sich wohl fürzusehen, daß man nicht von solchem betrogen werde: dann die Gespenster, so sich hin und wieder sehen lassen, poltern, schlagen, werffen, herum vagiren, von solchen kan man sich nicht einbilden, daß es gute Geister seyn. Solte dir nun etwa ein Geist erscheinen, und dir etwas anzeigen, wie du aus bevorstehendem Unglück oder gegenwärtiger Gefahr entrinnen mögest, oder dich bewegen wollen von GOttes Wort abzuführen, und an GOttes statt dir wider dasselbe etwas befehlen, so solt du dasselbe mit allem Ernst fliehen, und dich des Spruchs des heiligen Pauli, Gal. 1. V. 8. bedienen, da er saget: So auch wir / oder ein Engel vom Himmel / euch würden Evangelium predigen / anders / denn was wir euch peprediget haben /der sey verflucht. Und wann auch ein solcher Geist Busse predigte, und dir in geistlichen Sachen [347] Unterricht gäbe, so gar nicht wider GOttes Wort wäre, so soll man solchem doch nicht trauen; und schreibt davon der Heil. Ambrosius: Die unreine Geister (spricht er) pflegen gemeiniglich sehr betrüglich, als durch eine Nachfolgung, gute Dinge zu sagen, und unter denselben böse Dinge mit einzuführen, auf daß mit den guten die bösen mögen angenommen werden. Ja wann auch dir durch einen Geist gleichsam von zukünfftigen Dingen etwas wäre gesaget worden, und es erfolgete auch alles also, so kanst du auch noch nicht unfehlbar trauen, daß es ein guter Engel gewesen, dann auch der Teuffel, aus gewissen Ursachen, wissen kan, was geschehen soll, und dem Menschen dasselbe verkündigen, solchen dadurch in Aberglauben zu bringen.


Heutiges Tages wird unter den Christen von Gespenstern nirgendwo mehr gehöret, als bey den Papisten, und wird von solchen ja recht einfältig gelehret, wann einem ein solches Gespenst sichtbar oder unsichtbar, oder in Gestalt eines verstorbenen Freundes, eines Ehegattens, Vatters, Mutter, Bruder oder Schwester, erscheinete, er alsobald sagen solte: Alle gute Geister loben GOtt den HErrn; und der Geist antwortete ihm: Ich auch / daß es alsdann kein Teuffel, sondern ein guter Geist sey, welchem man mit guten Gewissen folgen könte. O Unbesonnenheit! [348] Hat dann der Teuffel nie gelogen? Redet er dann allezeit die Wahrheit? Ist er nicht ein Vater der Lügen? Joh. 8. Kan er sich nicht verstellen in einen Engel des Lichts? 2. Corinth. 9. V. 14. Ist also und bleibt ein solches Gespenst nichts anders, als der leibhaffte Teuffel. In Vitis Patrum stehet, daß der Satan sich in einen Engel des Lichts verstellende zu einem gottsfürchtigen Bruder kommen, und gesaget: Ich bin Gabriel. Da hat der fromme Mann geantwortet: Du wirst vielleicht zu einem andern gesandt seyn, dann ich bin nicht würdig, daß mir GOtt einen Engel sende, und hat ihn nicht hören wollen; damit ist der Satan verschwunden. Von einem andern Einsiedler wird geschrieben, wie solcher in seiner Celle mit allerley Anfechtungen gekämpffet, und den Teuffel allzeit abgewiesen, so ihn hefftig verdrossen, sey er einsmahls in sehr schöner Gestalt kommen, und hätte gesaget: Ich bin Christus. Darauf der Einsiedler seine Augen zugethan und gesaget: Ich will Christum in diesem Leben nicht, wohl aber in jenem Leben, sehen; da sey er verschwunden. Vid. L. Dunte Cas. Consc. de Angel. cap. 4. qu. 2.

Die Gespenster zu vertreiben sind vielerley Mittel auf die Bahn gebracht worden. 1 Dorten wurde dem jungen Tobia befohlen, das Hertz und Leber vom Fisch zu [349] nehmen, und auf Kohlen zu legen, durch dessen Rauch solte der böse Geist vertrieben werden. Andere haben Kräuter angezündet und sonst Feuer gemachet, den Teuffel damit zu verjagen. Die Brasilianische Heyden tragen, wann sie ausgehen, Feuer, sich damit wider die bösen Geister zu beschirmen. Bey den Papisten sind vielerley ohnmächtige, nichtige und aberglaubige Mittel angeordnet, wormit sie erscheinende Geister abschröcken wollen. Als da sind dieReliquien der Heiligen, das Weyh-Wasser, Saltz,Chrisam, Palmen, Wachs-Kertzen, Weyhrauch, Räucherwerck und andere geweyhete Sachen mehr. Das Bezeichnen mit dem Creutz wird auch nicht vergessen, und werden die ersten Worte des Evangelii Johannis daher gemurmelt; und bedienen sich des Nahmens GOttes des Vatters, JEsu, der Heil. Engel und Martyrer, und allerhand Beschwörungen; worbey aber zu wissen, daß, wann der Satan durch diese Mittel weichet, er es darum thue, damit er die Seelen, welche in solche Abgötterey gefallen sind, noch mehr einnehmen und bestricken möge.

Die rechten wahren Mittel, die uns aus GOttes Gebott von dem Heil. Geist selbst angewiesen werden, sind: (1) Ein vestes Vertrauen zu GOtt / dessen Wort und seine Verheissungen. (2) Das Gebet / [350] mit welchem man sich dem lieben GOtt und treuen Hüter Israel befehlen, und um seine liebe Engel anruffen soll. (3) Der Glaube / welcher der rechte Schild wider die feurigen Pfeile und Anläuffe des Satans ist, ohne welchen auch das Gebet nichts nützen würde. (4) Das Fasten / nicht zwar, daß solches wider den Teuffel kräfftig genug wäre, sondern dadurch die Lüste des Fleisches zu dämpffen, und uns desto brünstiger zum Gebet zu machen. (5) Die Buße / welche ernstlich seyn muß. (6) Die Gedult / an GOtt vest zu halten, und uns nicht nach verbottenen aberglaubigen Dingen vergaffen. (7) Die fleißige Abwartung unsers Beruffs / darein wir von GOtt gesetzet worden. (8) Endlich die Bewahrung eines guten Gewissens. Mit solchen Waffen können wir den Teuffel und allen seinen Anhang von uns abweisen.

Wir wollen allhier auch einige Historien anführen, wie die Gespenster lebendiger Personen Gestalt an sich genommen, und wie solche endlich durch Gnade GOttes sind abgewiesen worden. Francisci im höllischen Protheo p.m. 1097. schreibt: 2 Bey Dedekinno lieset man, daß einer von Adel, welcher mit langwühriger Ohnmacht und Schwachheit behafftet gewesen, von einem Landfahrer sey berichtet [351] worden, er wäre bezaubert, und sich darbey erbotten, ihm das Weib für die Augen zu bringen, die ihm solches angethan hätte: Der Edelmann bewilligte; darauf sagete der leichtfertige Vogel: Welches Weib morgen in euere Behausung kommen, und sich auf den Herd zum Feuer stellen, auch den Kessel-Hacken mit der Hand angreiffen und halten wird, dieselbig ist es, welche euch diese Kranckheit angemachet. 3

Folgenden Tages kame eine dem Ansehen nach von seinen Nachbarinnen und Unterthanen, ein ehrlich und frommes Weib, und stellete sich dahin auf solche Maaß und Weise, wie ihm der Landfahrer gesaget hatte. 4 Dessen verwunderte sich der Edelmann zum höchsten: weil er von dieser Frau, die er für fromm und redlich achtete, auch deswegen ihr nicht übel wolte, niemahlen dergleichen sich eingebildet hätte, darum er auch anfing zu zweifflen, ob es recht zugienge; Er gab derowegen seinem Diener heimlichen Befehl, hin zu lauffen, und zu sehen, ob diese Nachtbarin zu Hause seye oder nicht. Als das Ausgeschickte nach ihrem Hause kommet, findet er dieselbe über ihrer Arbeit sitzen, und Flachs hecheln; der Diener sagte: sie solle alsobald zum Juncker kommen, und will ihr auch nicht zulassen, daß sie sich zuförderst recht anlege, sprechende: es werde sich ja nicht schicken, daß sie so staubig [352] und unaufgebutzt für den Juncker trette; jener antwortete: Es habe nichts zu bedeuten, sie solle eilends mit ihm gehen. So bald sie nun zu des Junckers Thür hinein tritt, verschwindet die erste aus dem Saal, da merckete der Edelmann, daß ihn der Teuffel betrogen, und bekennete, er würde die Frau haben verbrennen lassen, wann ihm GOtt nicht in Sinn gegeben, den Diener dahin zu schicken. Daß also der Satan in lebendiger Personen Gestalt, zum Nachtheil ihres guten Leumuths, bisweilen erscheine, wird ebenmäßig durch folgende Geschicht glaubend gemachet.


Bey Regierungs-Zeit Hertzogs Johannis Casimiri, wohnete dessen Stallmeister G.P.v.Z. zu Coburg erstlich in der Spital-Gasse, hernach in demjenigen Hause, welches nach ihme D. Frommannus bezogen; demnechst in dem grossen Hause, bey der Vorstadt, die Rosenau genannt; nachmahls im Schloß, darüber er Schloß-Hauptmann war; zu so vielmahligem Wohnungs-Wechsel bemüßigte ihn ein Gespenst, welches seiner Eheliebsten so vollkommlich gleich sahe, daß, wann es ins Logiment hinein kame, indem er am Tisch saß, bißweilen ihm darüber ein Zweiffel entstund, welches seine rechte Eheliebste wäre: 5 denn es folgete, wann er gleich aus dem Hause zog, ihm doch allenthalben [353] nach. Und als diese Edelfrau ihrem Herrn das Hauß, darinn hernach gedachter Doctor gewohnet, zur Wohnung vorschlug, um dergestalt dem Gespenst auszuweichen; hub dasselbe an, mit lauter Stimme zu reden, sagende: Du ziehest gleich hin, wo du wilt, so ziehe ich dir nach, wann du auch die gantze Welt durchzögest. Solches sind auch keine blosse Droh-Worte gewesen, sondern es hat sein Versprechen gehalten: Dann nachdem ihr Ehe-Herr, der Stallmeister, eingezogen, hat folgenden Tages, nach geschehenem Auszuge, die Thür des Hinter-Hauses ein solch Krachen gegeben, als ob solche mit Gewalt zugeschlagen würde; und hat sich von selbiger Zeit an, in solchem verlassenen Hause, das Gespenst niemahl mehr sehen lassen, sondern ist in dem neubezogenen wiederum erschienen.

Wie die Edelfrau Kleidung anlegete, in solchem Habit erschien auch das Gespenst, sie mochte ein Feyer-Kleid oder ein alltäglich Kleid anlegen, was solches auch für Farben hatte, weswegen sie niemahl allein in ihren Hauß-Geschäfften, sondern allstets von jemand begleitet gieng; es erschien aber gemeiniglich in der Mittags-Zeit, zwischen 11. und 12. Uhr. Einsmahls liessen sie ihren Beicht-Vater, Hn. Johann Prüscher, gegen selbige Zeiten zur Mahlzeit bitten, welcher auch kam, aber damahls liesse sich der höllische Affe nicht [354] sehen; folgenden Tages stellete sich gemelter Beicht-Vater auf beschehenes Einladen wieder ein, allein es wolte auch diesesmahl weder hernach jemahls, das Gespenst in seiner Gegenwart erscheinen, als aber der Edelmann mit seiner Eheliebsten und seiner Jungfrauen Schwester, ihn, da er wieder heim gehen wolte, an die Stiegen begleitete, stieg es von unten die Stiegen hinauf, und erwischete, durch ein, nahe an der Stiegen befindliches höltzernes Gitter, der Jungfrauen, welche den Geist allein gesehen hatte, ihr Für-Tuch, oder Schurtz-Flecken, wiewohl es alsofort, als sie anhub zu schreyen, verschwand. Einsmahls ist es auf der Küchen-Thür-Schwellen mit dem Arm gelegen, und als die Köchin gefraget: was wilt du? hat es geantwortet: Deine Frau will ich; sonst soll es der Edelfrau keinen Schaden zugefüget haben. Gedachter Jungfer aber, nemlich des Stallmeisters seiner Schwester, ist es sehr gefährlich gewesen, und hat ihr einst eine solche Ohrfeige gegeben, daß ihr auf dem Backen Blasen davon entstanden; weswegen auch diese Jungfrau wieder heim, in ihres Vaters Hauß kehren müssen: Endlich aber hat sich doch solch Gespenst verlohren, und ist ruhig im Hause worden.

Wann jemahl eine Geschichte wegen ihrer sonderbaren Umstände verdienet gelesen zu werden, so ist es folgende, an derer [355] Gewißheit um so weniger zu zweifflen, weil die unruhige Händel dieses Trommel-Geistes in vielen Jahren von vielen tausend Personen, hohen und niedern Standes, Gelehrten und Ungelehrten, in Augenschein genommen, und durch solche Zeugniß confirmirt worden, als jemahls kan verlanget werden. 6


Es reisete Mr. Joh. Mompesson von Tedworth, in der Graffschafft Wilts / im Jahr 1661. nach Ludgarschall, und wie er daselbst eine Trommel rühren hörete, befragete er den Richter derselben Stadt, um dessen Ursache, welcher ihm zur Antwort gab: sie würden von einem gottlosen Tambour verunruhiget, welcher von dem Constable besageten Orts Geld forderte, und deswegen einen Pass vorzeigete, welchen er für falsch hielte. Mr. Mompesson ließ ihn alsobald vor sich kommen, und fragete ihn, was ihn veranlassete, also mit der Trommel herum zu schwärmen? worauf der Tambour zur Antwort gab: er wäre befugt genug darzu, und alsobald zog er einen von Sir-William Crauly und Colonel Ayliff von Gretenham unterzeichneten Paß hervor, weil nun Mr. Mompesson die Hand gedachter Herren sehr wohl kennete, und falsch auf dem Paß befund, befahl er dem Vagebonde die Trommel abzulegen, und gab Ordre, daß er von dem[356] Schergen zum Friede-Richter gebracht würde, damit er gebührend bestrafft werden möchte. Da bekannte er den gantzen Betrug, und bat um nichts so sehr, als um die Restitution seiner Trommel, welche ihm Mr. Mompesson auf gewisse Conditionen wieder zu geben versprach, inzwischen aber selbige bey dem Richter ließ, da nicht lange hernach der Gefangene aus den Händen der Schergen freygelassen ward. Einen Monath hernach, als Mr. Mompesson sich zur Rück-Reise fertig machete, ward ihm die Trommel von mehrbesagtem Richter zugesandt, und wie er zu Hause wieder anlangete, erzehlte ihm seine Frau mit Bestürtzung, wasmassen sie in der Nacht durch Diebe sehr erschröckt worden wäre, die das Hauß bey nahe erbrochen hätten. Nach dreyen Tagen ward dergleichen Lermen wieder vernommen, und hörete man ein starckes Klopffen an die Thüren und äussere Wände des Hauses, dahero Mr. Mompesson mit 2. geladenen Pistolen auf solche Thüren zugieng, so bald er aber an einer Thür stund, hörete er das Pochen an der andern, er gieng zwar um das gantze Hauß, traff aber niemand an, ausser daß er etlichmahl einen frembden Thon und hohlen Laut vernahm. So bald er sich aber zur Ruhe legete, kame es ihm für, als geschehe ein klarer Trommelschlag, auf dem obersten Theil des Hauses, so mit Brettern bekleidet, und [357] wann es insgemein fünff Nächte nacheinander vernommen worden, war es 3. Nächte wieder stille, damit es nicht das Ansehen hätte, als müsse der Tambour immerhin auf die Wacht ziehen. Nach einer Monaths-Frist verließ er die äusserste Wand, und kame in die Gemächer des Hauses selber, ordinaire des Abends, wann sie sich zu Bett legeten; oder etwa eine halbe Stunde darnach: und der Trommelschlag hielte jedesmahl 2. Stunden an. Das Merck-Zeichen, woraus sie abnehmen konten, wann der Trommelschläger kommen wolte, war, daß sie in der obern Lufft der Peripherie des Hauses, einen Lermen vernahmen, und wann er abziehen wolte, so hörete man einen natürlichen Abzug schlagen. Das merckwürdigste hierbey war, daß es in derselben Kammer zuerst zwey gantzer Monath durch gehöret ward, in welcher die Trommel lag, und ob zwar solche Unruhe sehr verdrießlich war, so schlieff dennochMompesson selber in dieser Kammer, um alles desto genauer zu observiren. In der Nacht, darinn Mompessons Eheliebste entbunden ward, hörete man nicht den geringsten Laut des unruhigen Trommel-Geistes, welches auch drey gantzer Wochen also stille war, bis die Frau wieder zu Kräfften kommen. Allein nach einer so hefftigen Pause fing es an, auf weit stärckere und verdrießlichere Art, seine Gegenwart an Tag zu legen, und [358] lermete weit ärger als jemahls: solche Unhöfflichkeit muste Mompessons jüngstes Kind, undFamilie am meisten erfahren, dann es erschütterte dessen Bettstätt dermassen hefftig, daß man derselben Einfall besorgen muste, und wann man die Hand an die Pfosten legete, vernahm man keinen Schlag, sondern nur die blosse Erschütterung; darbey pflegete es allerhand Species der Trommel-Schule zu schlagen, als Marches, Reveilles, Tropps, Schar-Wachten und Abzüge; nach solchem vernahme man ein gewaltiges Kratzen unter dem Bett, als geschehe es mit sehr harten und eisernen Klauen: So pflegete es auch die Kinder aus dem Bett aufzujagen, und aus einer Kammer in die andere zu verfolgen; und also hatte es sein Affenspiel mit niemanden eine Zeitlang, als mit den kleinen Kindern. Nun war noch in dem Hause ein Zimmer, woselbst man noch keine Beunruhigung verspühret hatte, daher brachte man die Kinder dahin, betete ihnen daselbst, und legete sie zur Ruhe, aber noch bey hellem Tage, so bald sie nur ins Bett stiegen, verfolgete sie ihr Marterer auch an diesem Ort. Den 5. Nov. dieses Jahrs machete er einen dermassen poßirlichen Lermen, daß viele Gelegenheit nehmen werden, insonderheit die Hexen-Patronen, zum wenigsten darüber zu lachen; wo sie sich nicht moquiren. Man sahe in der Kammer zwey Bretter sich bewegen,[359] und Mompessons Diener hieß eines zu sich kommen, welches auch bis auf eine Ellen lang Distanz geschahe, ohne daß ein Mensch das geringste sahe, von welchem es beweget wird; der Diener sprach, gib es mir gar in meine Hand, es kam auch zu ihm, er stieß es wieder von sich; es kam wieder zu ihm, und dieses Gauckelspiel trieben sie wenigstens 10. mahl nacheinander, so lang bis Mompesson seinem Diener gebot, solche nahe Gemeinschafft und Vertraulichkeit mit dem Polter-Geist aufzuheben. Dieses geschahe nicht im Finstern, sondern am hellen Tage, auch nicht in Gegenwart ein oder zweyer Personen, sondern die Zuschauer erfülleten die gantze Kammer, und diejenige, so die Nacht durch geblieben waren, derer Curiosité bezahlte der seltsame Tambour mit einem unfläthigen schwefflichten Geruch.

Erhellet also aus angeführten unverwerfflichen und wahrhafften Geschichten, daß solche Schreck- und Polter-Geister nicht können geläugnet werden, wider welche keine stärckere Mittel, als das wahre und reine Wort GOttes, nebst angeregter Christlicher Gebührde, zu gebrauchen, worwider im Heil. Vater Unser die sechste Bitte uns durch GOttes Gnade kräfftiglich schützen kan.

Marginalien

1 Gespenster / wie man solche vertreiben soll.
2 I. Geschicht.
3 Teuffel verstellt sich in ein bekannt Bauer-Weib.
4 Suchet solche in Unglück zu bringen.
5 II. Geschicht.
6 III. Geschicht.
Von einem Trommel-Geist.

26. Vom Vestmachen

[360] XXVI.

Vom Vestmachen.

Von dem Vest- oder Schußfreymachen wird viel Wesens, sonderlich unter den Soldaten, gemachet, weßwegen allhier die Frage entstehet: Ob sich jemand Schußfrey, oder, nach gemeiner Red-Art, vest machen könne, um dadurch seinen Leib von allerhand Verletzung und Verwundungen zu befreyen? 1 Dieses wird von unterschiedenen Autoren mit Ja beantwortet. ImTractätlein des alles anbellenden Menschen-Hundes beantwortet der Autor diese Frage mit Ja, und lehret, daß der böse Feind den Stich eines Degens, den Hieb eines Schwerdts, und den Stoß einer Kugel aufhalten könne, weiset aber darbey an, daß solches auch natürlicher Weise geschehen könte, wie er dann folgender Weise davon schreibet: Ob auch einer, der nichts zum Vestmachen eingenommen hat, von der Nähe könne geschossen werden, daß die Kugel nicht eingehe? und will solches aus nachfolgender Geschicht erweisen, da er saget: Vor ohngefehr 6. oder 7. Jahren hat es sich zugetragen, daß in Niederland 2.Cavallier, als ein Obrister mit seinem Obrist-Lieutenant, uneinig worden, bey welchen es endlich zu[361] einem Zwey-Kampff gerathen, welcher zu Pferd mit Kugeln-Wechseln geschehen ist. 2 Der Obrist-Lieute nant hatte sich verschossen, wordurch der Obrist Lufft bekame, auf ihn zuritte, und ihm die Pistol sorn an die Stirn setzte, und also auf ihn loß brennete; die Kugel aber ging nicht ein, sondern prallete zuruck, und machete nur einen Brand-Flecken an die Stirn des Geschossenen. Auf dieses Werck machete jedermann ein Geschrey, es müsse der Obrist-Lieutenant nicht redlich gehandelt haben, sondern vest gewesen seyn. Ich (schreibt der Autor) ward unter andern dieser Sache wegen befraget, und gab hierüber dieses Urtheil: Daß, wann der Obrist nur 2. oder 3. Schritt weit von dem Widerpart gewesen, und alsdann ihn auf die Stirn getroffen hätte, so würde die Kugel durch den Wurff und Schwung der Bewegung eingedrungen seyn; weil aber der Schuß, gantz forn an der Stirn-Blatt geschehen, nicht eingegangen ist, so habe die Kugel, welche in der Flamme des Anstossens verwickelt gewesen, den Trieb nicht gehabt, einzudringen, sondern sey an der Hirn-Blatt abgebrochen, wie die Erfahrung solches bey dieser Gelegenheit gezeiget hat, daß der Pistolen-Schuß des Obristen, welcher fornen an die Stirn-Blatt geschehen, nicht eingegangen, weil das Mittel zwischen dem Würckenden und Leidenden, nehmlich der Zwischen-Stand der Bewegung, [362] nicht da gewesen ist. Diese Meynung bleibt bey mir vest, so lang, bis eine vernünfftigere und beweißlichere davon abzuweichen mich nöthiget; dann je hefftiger eine Kugel in ihrem Forttriebe, je hefftiger ist auch die Würckung in ihrem Abstoß; hingegen, je schwächer der Antrieb, je matter ist auch die Würckung. Nun kan der Antrieb nicht starck seyn, wo er sogleich aufgehalten wird, und also bey gefolge, die eindruckende Gewalt auch nicht sehr kräfftig. Dieses mag durch die Probe in Erfahrung gebracht werden an einem aufgespanneten Tuche, wann man eine Kugel in ein Rohr ladet, und auf die Kugel wieder einen Schuß Pulver, schiesset hernach darauf in der Nähe, so wird die Kugel nicht eingehen, sondern vor dem Tuch niederfallen, dieweil solcher der Trieb benommen worden.

Pfitzerus in seinen Anmerckungen über das Leben Doctoris Fausti pag. 261. beantwortet diese Frage auch mit Ja, und berichtet, daß es nicht, dann durch Hülffe des Teuffels, geschehen könne: deßhalben er auch folgende Fragen fürstellet: Ob ein Christ mit gutem Gewissen sich möge Schuß-frey oder vest machen? Darauf er folgender massen ferner berichtet: Es werde allhier nicht gefraget, ob solches könne geschehen, sintemahl die Erfahrung mehr als zuviel bezeuget, daß nicht allein die Menschen, sondern auch[363] Pferde, Hunde, und so fort, denen dergleichen Kunst (wann solches anders eine Kunst zu nennen) beygebracht und angehencket worden, nicht können verletzt oder verwundet werden, wie solches unter andernHerr D. Mengering bezeuget, wann er in seinen Scrut. Consc. c. 9. schreibt, daß diese gottlose Leute auch pflegen einen Häring so vest zu machen, daß man denselben weder schneiden noch geniessen könne, inmassen er selbst in Jena ein dergleichen Exempel gesehen, und mit Erstaunen wahrgenommen; sondern: Ob es recht, und einem Christen nicht schädlich oder nachtheilig sey, sich besageter Kunst zu bedienen? Welchem aber mit Recht widersprochen wird. Dann diß ist gewiß, daß weder in Metallen, noch im Papier, an und vor sich selbst einige dergleichen Kunst anzutreffen, sondern solches allein den Characteren und Figuren zuzuschreiben seyn müsse, welche in solchen Sigillen und Zauber-Zetteln eingegraben und geschrieben worden. Und obwohl etliche, unter welchen Cornelius Agrippa lib. 1. de occult. Philos. c. 33. nicht der geringste, den Sternen und sonderlichem Einfluß derselben grosse Gewalt und Macht über unsere Leiber zugeschrieben; hat doch solches viel eine andere Meynung, und kan auf solche vestmachende Kunst nicht gezogen werden. Vielmehr aber ist solches einer natürlichen Macht zuzuschreiben, welche vom Satan [364] einig und allein, weil GOtt ohne Wunderwerck den Lauff der Natur nicht ändert, herrühret, der die Menschen durch kräfftige Irrthümer zu verführen weiß, daß sie ihr Vertrauen von GOtt ab, und auf eine solche Kunst und Zauber-Zettel setzen, da es doch heisset: Du solt keine andere Götter neben mir haben, wie aus nachfolgendem erhellen mag: Daß ein General, welcher in die Stadt B. geflohen kam, die Büchsen-Kugeln häuffig aus den Ermeln schüttete, wie Erbsen, davon ihn keine verwunden können. Ich habe auch selbst einen hohen Officier gekannt, welcher bey einer harten Belägerung, nebst noch zween andern Officirern, ausserhalb den Aprochen auf- und abspatzirete, nach welchem tapffer aus der Vestung mit Stücken und Falconetten gefeuret wurde; derselbe aber fuhr nur mit seinem Commando-Stab lincks und rechts umher, und befahl den andern beyden, Trup zu halten und hinter ihm nicht abzuweichen: wovon alle Kugeln beyseits ausgiengen, und weder ihn, noch die andern beyden, im geringsten nicht beleidigen oder treffen konten. Durch was Hülff und Krafft alle Schüsse abgewiesen, und solche Schuß-frey gemachet, lasse ich andere judiciren. Obiger Autor schreibt, solche Künstler seyen in Satans Händen, welcher die Kugeln in der Lufft, als ein gewaltiger Fürst, wohl aufhalten, auffangen, und die Hieb und Stiche verhindern [365] kan. Solche Teuffels-Künstler aber lehren dabey, daß sie wohl den Leib bewahren, aber für die Augen, Mund und etliche andere Glieder keine Sicherheit versprechen könten: woraus dann der Betrug leichtlich abzumercken ist.

Im VIII. Jenaischen Theil Herrn D. Lutheri p. 121. erzehlet er: Daß zu Hertzog Albrecht zu Sachsen ein Jud kommen, und ihm einen Knopff geben, so mit seltsamen Charactern und Zeichen gemachet war, derselbe solte dienlich seyn für kalt Eisen, Stechen und Schiessen: da sagete gemeldter Hertzog: So will ich diese Kunst am ersten an dir probiren, führete hierauf den Juden für das Thor ins Feld hinaus, hinge ihm den Knopff an den Halß, gleichwie er damit den Hertzog belehret hatte, zohe sein Schwerdt aus und durchstach ihn; da hat ihn nichs geholffen seinSchemhamphoras, Tetragrammaton und andere seine Gauckeleyen. Und ob sie wohl einwenden und sagen, daß kein Beschwerniß und Bündniß mit dem Satan vorlauffe, ja daß natürliche, den meisten aber verborgene Ursachen seyen, durch welcher Wissenschafft und Erkänntniß man möge Schuß-frey werden: als was von dem Gemsen-Kraut gesaget wird, daß solches die Thiere, von welchen es den Nahmen, so erharte, daß ihnen der Jäger nicht beykommen möge. Ob dem also, stehet zu erweisen; wäre es aber, so kan gleich so [366] wohl des Teuffels Verblendung mit unterlauffen, durch welche er seine Künstler ins Verderben, sich aber in Vertrauen zu setzen pfleget, und mit einer Wahrheit zehen Lügen an Mann zu bringen weiß. Man sehe aber solcher Leute ihr Ende an, so wird man gewiß erfahren, daß sie mit Schröcken zu Grund gegangen und elenden Todes gestorben seyn.

Wir wollen diese Frage etwas genauer untersuchen, ob auch durch natürliche Mittel ein Mensch könne vest oder gebacken werden. Solches wird durch die vielfältige Erfahrung an den Gemsen, Hirschen, Rehen und Eichhörnlein bestättiget, daß zu Zeiten, wann sie von gewissen Kräutern, Wurtzeln oder Früchten essen, sie dermassen vest und hart werden, daß sie vielfältige Schüsse aufhalten, ohne im geringsten verletzt zu werden, wie dann einige Eichhörnlein wohl sieben Schüsse mit Kugeln bekommen haben, ohne Verletzung, daß, wann sie vom Schlag der Kugel vom Baum herunter gestürtzt worden, sie sich bald wieder ermuntert, und zum Baum hinauf gerennet seyen. Solche Vestigkeit aber dauret über 2. Tage nicht, es wäre dann, daß ein solches Thier von solcher Frucht wieder aufs neue fresse. Dieses wissen die erfahrne Jäger gar wohl, dannenher, wann sie auf einen Hirsch oder ander Thier schiessen, welches vest ist, so lassen sie es bis an den dritten Tag lauffen, bis solche Vestigkeit [367] fürbey ist, da sie es dann nach Wunsch schiessen und fällen können. Einer solchen Vestigkeit kan ein Mensch, dem diese natürliche von GOtt dazu begabete Mittel bekannt seyn, sicher und ohne Scrupel sich mit gutem Gewissen bedienen: dieweil dazu keine verbottene aberglaubische Mittel angewendet werden, welche wider die Seele streiten. Eine solche Gefröre oder Vestigkeit mag auch von niemand aufgelöset werden; sondern sie hält den Stich, bis die Krafft der vestmachenden Frucht oder Speise durch die Circulation ihren Lauff vollendet hat, und der Leib zu der vorigen Disposition gelanget: dann GOtt und die Natur haben dem Menschen viel Geheimnisse verborgen, dieweil, wann solche bekannt wären, grosser Mißbrauch daraus erwachsen würde.

Dieses alles sind solche Künste, mit welchen sich ein rechter Christ wenig oder gar nicht behencket, solchem auch nicht anständig seyn, sondern vielmehr von ruchlosen Soldaten und anderm verwegenen Gesindel, aufgesuchet werden, welcher sie sich zu bedienen pflegen. Es sind noch Exempel bekannt, daß solche Leute, durch des Teuffels Hülfe und Verblendung, sich nicht allein im Krieg vest gemachet, sondern auch gantze Esquadronen Reuter und andere Soldaten ins Feld stellen können. 3 Wie dann unter König Gustavi Adolphi, in Schweden, Reuterey, ein gewisserOfficier gewesen, [368] welcher, wann er auf Parthey ausgegangen, und an eine feindliche Parthey gestossen, gegen welcher er sich zu schwach befunden, alsobald ein paar Squadronen mehr, oder wohl gar ein gantzes Regiment dem Feind ins Gesicht gestellet, und ihn dadurch in die Flucht bracht; bisweilen auch wohl etliche, die ihm sonst an Mannschafft überlegen gewesen, mit sehr wenig natürlichen Soldaten, in Begleitung vieler unnatürlichen, aus dem Quartier verjaget und geschlagen haben. Und auf Kayserlicher Seiten hat der damahls sehr berüchtigte Immernüchtern mit eben dergleichen Stücklein den Schweden manchen glücklichen Streich beygebracht; endlich aber hat ihn sein Meister von solcher Kunst verlassen, und ist den Flegel-Fechtern, nehmlich den Bauren, in die Hände gerathen, welche ihm mit Knütteln, Aexten und Wagen-Scheitern den vestgemacheten Leib so mürb geklopffet, daß er seinen unseligen Geist aufgeben müssen.

Schererzius schreibt, daß bey seiner Zeit aus solcher Mord-Grube des Teuffels zween erfahrne Kriegs-Männer, durch GOttes Barmhertzigkeit endlich noch heraus gezogen und errettet worden. 4 Diese zween hatten sich allbereit eine lange Zeit mit solcher Teuffels-Kunst im Kriege beholffen, auch gleichfalls viele andere darzu verleitet, und unter andern Stücklein gantze Compagnien oder Squadronen von Reuterey[369] durch Gespenster den Bauren vorgestellet, wann ihnen der Lust ankommen, ein Dorff auszuplündern. Endlich hat GOtt diesen verblendeten Teuffels-Sclaven, unter Anhörung seines Worts, das Hertz gerühret, daß sie den Greul solcher Händel in Betrachtung gezogen, und in ihrem Alter sich bey dem Kirchen-Diener demüthigst angegeben, und mit Bewilligung des Raths dessen Orts, etliche Muster ihrer Teuffels-Possen daher gemachet, hernach öffentliche Kirchen-Buße gethan, und sind also aus des Satans Banden glücklich erlöset worden. Schererzius de Spectris, in fine Admonitionis decimæ lit. I.


Es wollen auch einige dafür halten, daß solche Teuffels-Künstler nicht nur im Feld, sondern sogar in der Lufft solche satanische Soldaten aufstellen könten, und schreibt man von Berlin unterm 8. Januarii 1675. daß sich daselbst in der Stadt, und ausser solcher in derselben Gegend herum, eine Reuterey von vielen Regimentern in der Lufft sehen lassen, die augenscheinlich gegeneinander gestritten, daß man das Handgemeng gar eigentlich erkennen, die Degen klingen hören, auch das Feuer der geloseten Carabiner und Pistolen deutlich seyen, doch keinen Knall vernehmen können. 5 Darbey wurde auch berichtet, es wäre solch Gespenst zuletzt gar bis an die Vorwachten kommen, und [370] dreyen Reutern auf die Haut gedrungen, hätte auch dieselbe gar angerühret, welche, in Meynung es wären rechte Männer, Feuer darauf gegeben: Anfangs hätte man davon wenig oder gar nichts glauben wollen; als man aber nachmahls nicht allein verschiedene Reuter, so die Wacht gehabt, selbst besprochen, indem es wohl 8. Tage lang continuiret, sondern auch ihre Officier, die es mit angesehen, solches bekräfftiget, habe man endlich die Sache glauben müssen.

Obwohl oben angeführet, daß Gemse, Hirsche, Rehe, Eichhörnlein zu Zeiten, wann sie von gewissen Kräutern gegessen, vest seyn solten, und von Jägern nicht gefället werden können; so hat dannoch mir dißfalls ein alter beruffner Gemsen-Jäger im Glarner Land freywillig gestanden, daß er sehr viel, ja etliche hundert Gemsen auf den höchsten Stein-Klippen gefället, aber in 40. Jahren keine angetroffen, so vest gewesen wäre, sondern was er getroffen, hätte unfehlbar fallen müssen, dahingegen andere, wann sie wohl 5. à 6. Fehl-Schüß gethan, hernach andern weiß machen wollen, die Gemß oder das Rehe wäre vest, und nicht zu fällen gewesen, um dadurch ihre Ungeschicklichkeit zu bemänteln. 6 Von Abfällung der Eichhörnlein ist gar wenig Ruhms zu machen, dann gewiß ist, wann einer nach solchen auf einen Baum schiesset, und gleich nicht trifft, [371] daß solches für Schröcken des Knalles vom Schiessen auf den Boden fället, und Angesichts wieder aufstehet und davon läuffet, wie mir selbst begegnet, da ich nur einen blinden Schuß für Spaß auf solch Thierlein gethan, es alsbald vom Baum gefallen, welches mein Jung auch im Moment ergriffen, und mit sich nach Hause genommen. Andere verläugnen die Kunst völlig und widersprechen, daß entweder nicht wahr sey, was gesaget wird, daß dieser oder jener sich könne Schuß- oder Stichfrey machen, und daß man es dem Glück zu dancken habe, daß dieser oder jener dem Stich oder Hieb eines Degens, und dem Stoß einer Kugel auf diese Weg entgangen, daß er zwar den Stich und eine Kugel von seinem Leib, selbst an solchem Ort, da es andern tödtlich ist, aufgefangen habe, und nicht verletzt worden; oder, daß es durch natürliche Mittel geschehen sey, welche etlichen bekannt, vielen aber verborgen seyn, wie dann gewiß ist, daß ein Kollet, und manche gedoppelte Hembder, unter welchen ein nasses ist, natürlich einige Bewahrung wider die Hieb geben könte. Die beste Vestmachung beschreibet uns der Königliche Prophet David in seinem 91. Psalm / daß, der in dem Schutz des Allerhöchsten ist, sagen kan: Ob tausend fallen zu deiner Rechten, und zehen tausend zu deiner Lincken, so wird dich es doch nicht treffen. Dann er hat seinen Engeln befohlen [372] über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Er will bey dir seyn in der Noth, er will dich heraus reissen und zu Ehren machen, und will dir zeigen sein Heyl.

Marginalien

1 Ob solches natürlich geschehen könne.
2 Geschicht vom Vestmachen / so bey einem Duell fürgangen.
3 I. Geschicht.
4 II. Geschicht.
5 III. Geschicht.
6 Gemse / Hirsche / etc. ob solche zuweilen vest seyn.

27. Vom wütenden Heer

XXVII.

Vom wütenden Heer.

Was von dem wütenden Heer vor alten Zeiten gesaget worden, und was solches vor eine teufflische Spückniß, davon ist, GOtt lob! unter dem gemeinen Volck nicht vielmehr bekannt, und hat solches seine Endschafft erreichet, sobald die Evangelisch-Lutherische Lehre ihren Anfang genommen. Dessen Erscheinung ist vormahl in folgender Gestalt bemercket worden: Gemeiniglich zu heiligen Zeiten, sonderlich vor dem heiligen Christ-Fest / hat sich auf dem Land in unterschiedenen Bauer-Höfen ein groß Getümmel mit Trommeln und Pfeiffen um die Mitternacht-Stunde hören lassen, da ist dann, im Angesicht vieler Leute, eine gantze Schaar Geister anmarchiret kommen, welche durch den Bauren-Hof gezogen, aber niemand einiges Leid zugefüget, und hat mir in Sachsen-Land noch ein alter Bauer erzehlet, daß, da solches Heer ankommen, sein Knecht [373] aber nicht entfliehen können, habe er sich unter eine grosse Bütte gesteckt, solche aber sey ihm über den Kopff gestürtzt worden, und hätte ihm anders nichts geschadet, als daß er davon einen grossen Schröcken ausgestanden. In der Eydgenoßschafft lieget in der Grafschafft Sarganz die Herrschafft Warthau, welche allesammt in eine Kirche, reformirter Religion, gehen, auch alle Todte auf derselben Kirchhoff begraben, daselbst geschiehet es noch zum öfftern, daß sich ein solches wütend Heer mercken lässet, und denen Leuten bey heiterm Tage, sonderlich um die Mittags-Stunde, auf dem Kirchwege, in einer holen Strasse, eine solche Procession, jedoch in aller Stille, begegnet, welche öffters einen bedeckten mit Ochsen bespanneten Wagen vor sich her treiben, der mit einem schwartzen Tuch bekleidet ist, in eben solcher Form, als wie die Leute dieses Ortes ihre Todten zu Grab begleiten. Wann solches hernach bis an die Kirchhoffs-Mauer kommet, so verschwindet alles im Augenblick, und diese Geister-Procession lässet sich gemeiniglich sehen, wann ein Mann in der Herrschafft, so ein wenig in Consideration ist, sterben soll. Obzwar die Reformirten von solchen Geistern und derer sichtbaren Erscheinung, wenig glauben wollen, so hat es dannoch die Erfahrung in gedachter Herrschafft vielen belernet, und also glaubend gemachet, daß sie solches andern Leuten [374] als eine pure Wahrheit aufbürden. Wir wollen allhier mit anführen, was Frasm. Francisci in seinem höllischen Proteo von dieser Materie berichtet in folgendem: Das wütende Heer (schreibt er) wird von manchen für den gespenstischen Aufzug des sogenannten treuen Eckards verstanden; insgemein aber meynet man heutiges Tages damit das Jagd-Geschrey und Gebelle der Hunde, so der Teuffel manchesmahl bey der Nacht in den Wäldern anrichtet, und von Reisenden vielfältig gehöret wird. Und in dieser letzten Bedeutung ist es zu nehmen, was ich itzo erzehle.

Aus gutem Grund wird der böse Feind in heiliger Schrifft einem Jäger und Vogelbeytzer verglichen, der dem Wind und Geflügel Strick und Garn leget. Seine Versuchungen sind Netze und Lock-Körner, womit er die unfürsichtige Seelen zu fahen bemühet ist, und wie ein unverdrossener Jäger weder Hitze noch Kälte scheuet, sondern Tag und Nacht dem Wilde nachstellet, auch, ob er gleich etlichmahl mit ledigem Garn heimkehren muß, dennoch bald wieder kommet, dem Fange oblieget und lauschet: also, wann gleich der geistische Jäger bisweilen mit seinen Pfeilen einen Blossen schießt, und fehl zielet, und seine aufgespannete Strick nichts als leeren Wind fahen, wird doch seine Unverdrossenheit dadurch nicht abgeschröcket, sondern vielmehr ermuntert: seine gefährliche [375] Jagd-Lust und Fang-Begierde nicht abgekühlet, sondern allererst heisser entzündet. Die Lufftstreiche sind seines Hirschfängers Wetzsteine, darauf sie nur geschärfft werden. Dahero der Mensch, die gejagete Hindin, immerdar auf alle ihre Tritte sehen muß, daß er den Schlichen dieses unermüdeten Jagers nicht zum Raub werde, und dem Zeitlichen nicht so sehr nachjagen, damit er nicht erjaget noch gefangen werde, der die Sicheren am meisten berucket.

Ausser solcher unsicheren Jägerey aber, stellet der böse Geist auch manchesmahl eine sichtbare Jägerey, oder vielmehr ein Affen-Spiel der Jagd an, den Leuten entweder zum Spott oder Schröcken; oder auch, daß er sie, zumahl wann er sich in eines Verstorbenen Gestalt darbey sehen läßt, mit falscher Einbildung, es seye der Verstorbene selbst, der also in den Wäldern herum gehe und jage, betrüge. Wie dann vor diesem die Dännemarcker geglaubt, der Geist ihres ruchlosen Königs Abel ritte in den Wildnissen und einiger anderer Orten, auf der Jagd sichtbarlich herum, da es doch ein pur-lauterer Aufzug des Teuffels gewesen. Man versichert, daß er auch wohl manchmahl etlicher annoch lebenden Personen Gestalt und Wesen zu jagen gar lebhafft vorstelle.

In meiner Jugend ward solches, in einem gewissen Lande, von einem hochbegüterten alten Cavallier /der seinen [376] Unterthanen sehr übel, unchristlich und tyrannisch, mitzufahren pflag, gar starck geredet: nemlich, daß man, da er noch lebete, gar offt in den Wäldern sein Ebenbild erblicket, darneben auch seine Stimme gantz känntlich schreyen hörete. 1 Ob der blosse und allgemeine Haß seiner Wüte, oder die Wahrheit solches Gerücht ihm erwecket habe, kan ich nicht wissen: so viel aber ist meinem Gedächtniß noch bekannt, daß er über die masse gern zu jagen, und die armen leibeigene Leut damit genug abzumatten pflegete. Wann sie aber aus Ungedult, davon in andere Länder fliehen wolten, und durch seine Nachsetzung wieder erhaschet worden, wurden solche von ihm übel tractiret.

Es sey nun gleich solche gespensterische Erscheinung seiner Person auf der Jagd ein Geschicht oder Geticht, so glaubet man doch gar gern, daß GOtt dergleichen Fürstellung dem Satan offtmahl zulasse, solchen Leuten zu Spott, die ihr Hertze mit dem Jäger-Netze gantz verstrickt, hingegen das Band der Liebe, gegen ihren geplagten Unterthanen, gäntzlich zerrissen; den Wald mehr als den Himmel verlanget, ein Wild höher als GOtt und sein Wort geschätzt haben. Von einem dergleichen Jagd-ergebenen Edelmann erzehlet Johann Rist mit folgendem:

Ein Edelmann / welcher bey guten gesunden Tagen der Jägerey, mit gröster [377] Beschwerde seiner armen Unterthanen, ergeben gewesen, kame endlich durch grosse Kranckheit so weit, daß jederman an seiner Aufkunfft und fernerem Leben zweifflete. 2 Als er aber fast an seinem Ende von seinem Seelsorger ermahnet worden, sich mit dem geistlichen Zehr-Pfennig des Heil. Nachmahls zu versehen, und sich GOtt durch ein bußfertiges Gebet zu empfehlen, hat er auf sein gut Hollsteinisch geantwortet: Ja / ja / dat kümt noch wol! (Es sey noch gute Zeit damit) hingegen hat man ihm noch alle seine Jagd-Hunde in das Zimmer hohlen müssen; und nachdem dieselbe ihrer Weise nach, ein grosses Jagd-Geheul und Gebell angefangen, hat er mit gefaltenen Händen, seines Theils gar beweglich, an Seiten der Umstehenden aber gantz lächerlich, gesprochen: O du lewe GOtt! welck ein arm verlaten Hüpken hinterlat ick! (Ach du lieber GOtt! welch ein arm verlassenes Häufflein hinterlaß ich!) und also mehr für seine Hunde, als für seine arme Seel, Weib und Kinder gesorget. Von dergleichen Jagd-ergebenen ruchlosen Personen, ist die Rechnung leicht zu machen, daß der Teuffel nach ihrem Tod, ihr Gedächtniß in den Wäldern offt begehe; ihre Gestalt und Jagd-Manier nachäffe, und die Leut dadurch erschröcke.

Es lieget ein paar Meilen von hiesiger Stadt ein grosses Dorff, und allernächst [378] daran ein Wald, daselbst muste ich einsmahls auf der Reise im Wirths-Hause übernachten, als ich nun nach dem Abend-Essen, mich ungefehr um halb zehen Uhr, schier zur Ruhe legen wolte, und mit meinem Reise-Gespan am Fenster stunde, erhub sich in dem Walde ein überaus lautes Jagd-Geschrey, Gebell der Hunde und anders Getümmel, nicht anders als ob man im vollen Hetzen begriffen wäre: 3 und solcher Jagd-Lermen währete schier eine halbe Stunde; schallete bald lauter, bald gelinder, bald näher, bald weiter; bis er sich endlich tieff in den Wald hinein zu ziehen und zu verliehren schien. Ob es hernach, da ich allbereit schlieff, nicht wieder angefangen, kan ich nicht wissen. Des Morgens berichtete uns der Wirth, daß es um den Neu-Mond, der damahls eben im Eintritt war, allzeit sich also hören liesse. Diesemnach glaub ich seit dem nun so viel desto leichter, was der Theologus D. Müller /in seinem Informatorio gedenckt: Daß ein Fürstl. Mecklenburgischer Secretarius ihm erzehlt, er hätte sich einsmahls im Wald dergestalt verirret, daß ihn die Nacht daselbst befallen, und sich bald hernach ein grosses grauerisches Geräusch und erschröckliches Getümmel, als gleichsam eine starcke Jagd von weitem hören lassen, weswegen er eilends abgestiegen, sein Pferd an einen Baum gebunden, [379] unter dem nechst darbey stehenden Baum sich auf die Erde geleget, und in seinen Reise-Mantel gewickelt: da dann endlich das sogenannte wütende Heer, näher gekommen, mit einem entsetzlichen Jagd-Getöse, Gehetze und Geheule, hart neben ihm vorbey getrabet, ohne einige Berührung und Verletzung seiner Person.


Allhier wollen wir noch einige Jagd-Geschicht anführen: 4 König Heinrich der Vierdte / welcher ein grosser Liebhaber des Jagens war, zuweilen aber die Masse darinn zu weit überschritte, daß ihm endlich diese Abentheuer begegnete. Er hatte einsmahls in dem Forst bey Fontaineblau, eine Jagd angestellet; als er einen Hauffen Hunde bellen, auch darbey das Jäger-Horn schallen, viel Leute ruffen und schreyen hörete; Allerdings, wie es zugehet, wann man dem aufgetriebenen Wilde nachsetztet: Solches lautete zwar Anfangs, als obs noch ziemlich ferne und ungefehr eine halbe Frantzösische Meile weit, von ihm wäre, es kame aber in einer Minuten gar nahe. Dieses begunte den König zu verdriessen, daß sich jemand erkühnen dürffte, ihm seine Lust zu zerstöhren, in einer solchen Gegend, die den Königen in Franckreich allein zu ihrer Ergötzlichkeit vorbehalten wird; schickete derohalber den Grafen von Soisson hin, nebst etlichen andern, um solche kühne Jäger [380] aufzusuchen; derselbe ritte mit seinen Gefährden fort, konten aber nichts antreffen: Sie höreten zwar alle das Geschrey, und das Getöse, bekommen aber weder Menschen noch Hund ins Gesicht, können auch keinen gewissen Ort finden, da das Geschrey sich hören lassen. Nachdem sie also eine gute Weile sich vergebens bemühet hatten, tritt aus dicken und finstern Hecken, ein langer schwartzer Mann hervor, und redet sie an; was er sagete, konten sie, vor Bestürtzung eigentlich nicht verstehen; Etlichen dauchte, als ob er spräche: M'attendez vous? Wartet ihr auf mich? etlichen, als sagete er: M'entendez vous? Verstehet ihr mich / oder wisset ihr / wer ich sey / und was ich hiemit sagen wolle? Andern aber kame es, und zwar am glaublichsten vor, als spräche er: Amendez vous! bessert euch! Weil, nach solcher redenden Stimme, das Gespenst gleich verschwand, fanden sie nicht rathsam, weiter fortzureisen. Nachmahls befragete man die Schäffer, Köhler und andere Arbeits-Leute, welche sich in diesem Wald gemeiniglich aufhielten, und vernahm von ihnen so viel Bericht, daß sie offt einen schwartzen Mann gesehen, der mit Hunden aufgezogen käme, gleich ob er jagen wolte, doch ihnen gleichwohl kein Leyd thäte; und von ihnen [381] der grosse oder lange Jäger genannt würde.

Von einem vormahligen Marggrafen zu Brandenburg / schreibt man: 5 Daß er der Jagd allzusehr nachgejaget, und mehr einen Jägermeister als einen Regenten abgegeben; als er aber einmahls einem wilden Schwein sehr inständig und eifrig nachgeeilet, habe er sich darüber in dem Wald verirret, also, daß er sich von seinen Jagd-Leuten und Dienern verlohren; und als er des Nachts über in der Wildniß sein Quartier nehmen müssen, je weiter er nun geritten, je finsterer ist es ihm für den Augen worden; weil nun bey solcher finstern Nacht sehr übel fortzukommen, und in solchem Wald leichtlich mit dem Pferd hätte stürtzen können, und also seine gesunde Glieder, oder gar das Leben in Gefahr setzen müssen, ist er abgestiegen, und hat sich unter einen Baum niedergesetzet.

Wie graußlich bey solcher Entfernung von allen Menschen einem solchen Herrn, der sonst mit so viel Dienern umgeben, ihme der Ort bey so häßlich-schwartzer und unleutseliger Nacht vorgekommen, ist leicht zu ermessen. Noch gleichwohl wäre dieser Herr damahls lieber in seiner Einsamkeit allein gewesen, als sich von einer höchst-verdrießlichen und unmenschlichen Gesellschafft umschränckt gesehen. Dann [382] es hatte nicht lange angestanden, da hatte der höllische Nacht-Affe, der Teuffel, für seinen Ohren gleichfalls ein Jagd-Gehetze angestellet, und ist also der arme Marggraff, von allerley teufflischen Gespenstern gantz grausamlich angefochten und geplaget worden: darum, daß er die armen Unterthanen, mit seiner unmäßigen Jägerey, gar zu unbarmhertzig mitgenommen, und zu schanden gebracht: Daher er dann daselbst auch ein ziemlich Schweiß-Bad ausstehen müssen, daß Fürsten und Herrn, wann sie in ihrem Beruff stehen, auch lernen müssen, in solchem, als Göttlichen Statthaltern gemäß, zu wandeln; damit solche der Satan selbst scheuen und fürchten müsse. Es hat aber dieser Fürst, nachdem er solche Jäger- und Schröck-Geister um sich gehabt, ihme solches zu einer guten Correction dienen lassen, und sich die Jagd-Sucht nechsthin nicht mehr so sehr einnehmen lassen.

Hildebrand in seiner Magia naturali beschreibet pag. 33. eine wunderbarliche Historie, welche Doctor Antonius, aus dem Vincentio Belluacensi im 26.Buch seiner Historien p. 2. sum. Histor. tit. 16.cap. 7. §. 4. von der Veneris Bildniß, aus welchem Kornmann dieselbe gezogen, welche einem wüthenden Heer fast gleich, als nemlichen: 6 Zu den ZeitenKayser Heinrichs des Dritten / ward [383] zu Rom ein adelicher und reicher Jüngling, so da neulicher Zeit ein Weib genommen, der empfing seine gute Gesellen mit einem stattlichen Hochzeit-Mahl: nach dem Mittags-Essen sind sie aufgestanden, hinaus gangen mit dem Ballen, um sich zu erlustigen, der Bräutigam, als Führer des Spiels, fordert einen Ballen, und damit ihm sein Trau- und Braut-Ring nicht ausfiele, hat er ihm, dem Bild Veneris, so nicht weit von dannen stunde, an den Finger gesteckt.

Als sie nun allda auf den Bräutigam zugeworffen, ist er bald ermüdet, von dem Spiel abgestanden, und zu dem Bildniß gegangen, seinen Ring allda wieder zu nehmen. Was geschicht: Er findet den Finger, der sonst gantz strack und gerade gestanden, in die Hand eingekrümmet, und wie sehr er sich auch unternommen, den Ring wieder zu nehmen, hat er doch den Finger nicht biegen, und den Ring mit Gewalt abziehen können; kehret aber wieder zu seinen Gesellen, und saget ihnen nichts davon. Gegen Mitternacht ist er mit seinen Dienern zu dem Bildniß gegangen, und findet an demselben, wie am Anfang, den Finger wieder gerad ausgestreckt, aber ohne dem Ring: und als er seinen Verlust andern erzehlet, fügete er sich nach Hause zu seiner Braut; als er aber das Braut-Bett beschritten, und sich seiner Braut nahen wollen, verspührete er eine [384] Verhinderung, und fühlet, daß etwas nebelichtes und dickers, zwischen ihm und dem Leibe seiner Braut sich wältzete, konte aber nichts sehen, wurde aber durch diese Verhinderniß von der Braut in ehelichen Verrichtungen abgehalten; hörete auch eine Stimme, sagende: Schlaff bey mir / weil du dich heut mit mir vermählet hast. Ich bin die Venus, der du heut deinen Ring an ihren Finger gesteckt hast, und ich will dir denselben nicht wiedergeben. Durch solch Wunderwerck ist der Jüngling erschrocken, daß er kein Wort zu reden vermocht: bringet also diese Nacht ohne Schlaff mit tausenderley Sorgen zu, und sinnet dieser Sache nach; aber, so offt er sich zu seiner Liebsten nahen wolte, so ware ihm obgedachte Hinderniß im Wege, und dieses währete lange Zeit, ungeachtet ihme doch an Kräfften und seiner Mannheit nicht das wenigste benommen ware; endlich ist er durch des jungen Weibs Bitte ermahnet worden, daß er solches Unheil seinen Eltern entdecket hat. Als solche dessen benachrichtiget, gehen sie, nach gepflogenem Rath, zu einem Priester in der Vorstadt, mit Nahmen Palumbo, und wolten sich dessen Hülff bedienen, dann er war ein erfahrner und in bösen Sachen wohlgeübter Schwartz-Künstler. Nachdeme er nun durch gute Geschencke gereitzet, hat er dem Jüngling einen Brief gegeben, und gesaget: Gehe zu der Stund[385] des Nachts auf einen Wegscheid, da vier Wege zusammen gehen, und stehe still, allda werden fürüber gehen Gestalten von beyderley Geschlecht Menschen, allerley Alters und Standes, zu Roß und Fuß, einige frölich, einige traurig, und was du auch hören wirst, solt du dannoch kein Wort sagen oder reden; es wird dem Hauffen ein langer Mann von Statur nachfolgen, dick und feist von Leib, auf einem Wagen sitzende; diesem geb stillschweigend den Brief zu lesen, so wirst du alsbald deiner Bitt gewähret seyn. Der Jüngling thät alles, was er gelehret ward, und hat unter andern allda gesehen ein hurisches Weib, an Tracht und Kleidung, auf einem Maul-Esel reitend, deren Haar am Rucken hinten herab hangende, mit einer güldenen Hauben, und in der Hand eine güldene Ruthe führend, damit sie den Maul-Esel regierete, wegen Zartheit und Durchsichtigkeit der Kleider aber gantz nacket, seine unzüchtige Geberden damit anzeigende. Zuletzt kame der Herr des Hauffens, sahe den Jüngling erschrecklich an, fragete, was er allda für seinem prächtigen Wagen machete, welcher von Smaragden und Perlen herrlich gezieret war; der Jüngling aber gab nicht die geringste Antwort, und reichete ihme mit ausgestreckten Armen den Brief dar. Der Teuffel, so das Siegel wohl kante, und also nicht verachten konte, lase den Brief, und mit aufgehabenen Händen [386] gen Himmel sagende: O! du allmächtiger GOtt / wie lang wilt du zugeben der Boßheit des Priesters Palumbi. Und ohne Verzug schickte er seine Trabanten, so da den Ring von der Venere wieder forderten, worzu dieVenus zwar lange nicht willigen wolte, dennoch aber ihn endlich wieder gegeben hat. Also ist der Jüngling seiner Bitt gewähret worden, und hat hernach ohne Hinderniß seiner lang gewünschten Vergnügung, der begehrten Liebe, bey seiner Geliebten theilhafftig werden können. Palumbus, der Priester, aber, nachdem er des Teuffels Schreyen an GOtt vernommen, hat er dadurch verstanden, daß ihm damit sein Ende des Lebens angedeutet worden, und hat ihm derowegen alle Gliedmassen des Leibs selbst abgehauen, und ist also erbärmlich und elendiglich gestorben, nachdem er unerhörte Bubenstück dem Römischen Volck gebeichtet hatte.

Obbedeuteter Hildebrand in seinem Kunst- und Wunder-Buch P. II. p. 132. gibt seine Meinung vom wütenden Heer in folgendem: Nun lasset uns declariren, was da sey das wütende Heer; das ist eine Versammlung aller derer, oder vieler Hexen, Unholden, Hängsten, Zauberern, die zusammen kommen in einem Rath, ihr Geschäfft zu handlen, richten aus, was sie in ihren Häusern nicht [387] mögen zuweg bringen, zu capituliren, zu unterrichten, zu lernen, zu ertragen, zu conspiriren, einzuschreiben, zu bezeichnen, zu huldigen, Gelübniß geben, und was ihre Bündnus in sich hält, aufzurichten, einander zu befehlen, was Unraths sie stifften wollen, auch was ein jeglicher für sich selber auszurichten habe, und also ihr Laster und Hexen-Werck vollenden. etc. Mit dem wütenden Heer, kommen allzusammen, von allen Nationen, führet sie der Teuffel über Stock und Stöcke, Dörffer, Städte, Land, Leute, Berg und Thal, mit grossem Geschrey, erschröcklichem Greuel, führet ihn der Ascendens-Teuffel vor und nach, bis sie kommen auf den Platz, den sie verordnet haben, da genesen sie ihre Kinder, und richten alle ihre Handlung aus. Wiewohl von dem Fahren kein Zweiffel ist; dennoch ist ein anderer Fall, darinn die Weiber betrogen werden: dann es begibt sich offt, daß eine Hexe von ihrem Ascendenten zu fahren begehret, dieweil aber nicht Platz noch Convocation zu derselbigen Zeit fürhanden ist, verstopfft der Ascendent der Hexen Schläffe, hefft ihre Organa auf, senckt einen tieffen Schlaff in sie, lässet ihr das Fahren im Traum fürkommen, daß sie nicht anders wehnet, denn sie fahre dahin, zabelt, schreyet und wütet, wie sie in allen Freuden der Hexen sey. Es ist aber diesem Autori in seiner Meynung nicht [388] allerdings beyzufallen, welches an einem andern Ort mit mehrerm erwartet werden soll.

Marginalien

1 Cavallier jaget noch nach seinem Tode.
2 I. Geschicht.
3 II. Geschicht.
4 III. Geschicht.
5 IV. Geschicht.
6 V. Geschicht.

28. Vom Geheim-Geist - oder Spiritu Familiari

XXVIII.

Vom Geheim-Geist / oder Spiritu Familiari.

Es sind die Spiritus Familiares oder Geheim-Geister / bey den sogenannten gottlosen Christen so gemein worden, daß viele sich bemühen, dergleichen Teuffel in Besitz zu kommen, welcher sich sodann auch nicht lang säumet, sondern gar bald zu erscheinen pfleget: 1 Es wird solcher aber von den GOtt-abtrünnigen Leuten auf vielerley Weise und Würckungs-Krafft gesuchet: einige verlangen einen solchen Geist, der ihnen wahrsaget; andere, der ihnen Geld bringet; noch andere, der ihnen zu ihrer viehischen Unkeuschheit dienen soll: Andere suchen solche zum Glück im Spielen, zum Vestmachen; Zu Ersindung allerley Künsten, zur Gelehrsamkeit in mancherley Sprachen; andere aber sich bey grossen Herrn in Gnade und Gunst zu setzen.

Was aber eigentlich ein Spiritus Familiaris ist, kan derselbe anders nicht als ein [389] verdammter Höllen-Brand oder Werck des Teuffels, ja der Teuffel selbst genennet werden, welcher sich von seinen Anhängern an einfältige oder GOttes-vergessene arme Menschen um ein liederliches oder wohl gar umsonst verkauffen oder hingeben lässet, mit dem Beding, daß derer Possessores ihn Zeit Lebens behalten müssen, oder ja, wo sie dessen ledig werden wollen, einem andern übergeben können; ja der zweyte könte ihn auch noch an den dritten bringen, welcher ihn auch bis an seine Sterb-Stunde behalten müsse: wo hernach solcher Teuffel mit dem Abgestorbenen hinfähret, dahin wünschet ihm kein rechtschaffener Christ zu kommen. 2 Siehe, so subtil kan sich der leidige Satan bey dem Menschen einschmeichlen, und solchen sicher machen, damit er ihn hernach desto vester in seinen Schlingen verstricken möge: dann es seynd viel einfältige Leut, die es gar für keinen Fehler noch Sünde achten, wenn sie nur dergleichen Spiritus bekommen könten: andere seynd in Gedancken, es sey eine Sache, welche man bey Kauffleuten ums Geld erkauffete; gehen auch in der Dummheit hin, und forschen öffentlich nach, selbige zu erhandlen: 3 Wie mir dann noch in gutem Gedächtniß, daß ein arm einfältig Bauren-Weib / um einen Spiritum Familiarem zu bekommen, einen fernen Weg, aus dem Fürstl. Bischöffl.[390] Eichstädtischen Gebiet, bis nacher Leipzig in die Messe gelauffen, und sich in dem Auerbachischen Hof daselbst bey einen fürnehmen Kauffmann in Laden begeben, und ernstlich um einen Spirit. Familiarem angesuchet; ob wohl der Kauffmann anderer Geschäfft wegen selbige bald abgewiesen; kommet sie doch zum drittenmahl und bittet, ihr doch darzu behülfflich zu seyn, sie wäre so einen weiten Weg gereiset, und dörffte nicht wieder zu ihrem Mann kom men, wann sie ihm keinen Spirit. Familiar. mitbrächte; sie wolle ihn gerne zahlen, und hätte ihr ihr Mann 6. Batzen baar Geld darzu geben. 4 Der Kaufmann, ob er schon verdrießlich worden, bekommet doch über der Frauen Einfalt eine sonderbare Erbärmde: und sendet einen seiner Bedienten an dasige Stadt-Gerichten, und übergibt die Sache zu derer Erörterung. Der damahlige Stadt-Richter, nunmehro seel. D. Schacher, sendet alsobald einen Spiritum Familiarem, nemlich einen Häscher oder Stadt-Knecht, und lässet das Weib abhohlen, und in eine leidliche Verwahrung setzen: des folgenden Morgens wird diese Käufferin ernstlich examinirt, da sie dann ungescheuet saget: Sie hätte gehöret / daß zu Leipzig im Auerbachischen Hof solche Dinger zu verkauffen wären / die den Leuten Geld brächten; weil sie nun so blut arme [391] Leute wären, und wenig mit ihren Kindern zu leben hätten, sey sie von ihrem Mann mit 6. Batzen Geld, so all ihr Vermögen gewesen, abgeschickt, einen solchen Spiritum zu kauffen, mit dem Bedeuten, nicht wieder für seine Augen zu kommen, wann sie keinen mitbringen würde: Die gedachte Löbl. Stadt-Gerichten aber redeten dem Weib anfänglich hart zu, und stelleten ihr vor, wie hoch straffbar sie wäre, daß sie so vermessen zu redlichen Leutgen kommen, ihnen anmuthen dörffen, daß sie ihr den Teuffel verkauffen solten, nachmahls aber ermangelte es auch an guter Lehr und Vermahnung nicht, von solcher Boßheit abzustehen: und zu mehrerem derer Unterricht, wurde ihr ein Gotts-gelehrter Geistlicher, damahl, meines Bedünckens, Hr. L. Seligmann / Archidiaconus zu St. Nicolai / beruffen, der muste diesem einfältigen Weib Lehr, Unterricht, Vermahnung und Trost aus Göttlichem Wort zusprechen, sie ihrer Einfalt wegen treulich für der List des Teuffels verwarnen, und unterweisen: nachdem dieselbe alles mit heissen Thränen bereuet, auch angelobet, es ihrer Catholischen Religion nach, ihrem Beicht-Vater anzuvertrauen, wolte sie sich wieder zu ihrem Mann und Kindlein wenden. Worauf ihr nicht nur von Löblichem Stadt-Gericht ein ehrlicher Zehr-Pfenning, sondern auch von noch andern [392] Leuten treulich und reichlich gesteuert worden, und sie wiederum ihres Weges ziehen lassen.


Noch eine andere solche Geschicht ist mir bekannt, als ich Anno 1668. auf meinem Reisen nacher Stettin in Pommern kommen, mich einige Tage von der Meer- und Wasser-Reise-Unlust auszuruhen, hatte der Wirth kein bequem Zimmer ledig, vertröstete mich aber, den folgenden Morgen mit einem guten Logiament zu versehen, und gab mir so lang eine Cammer ein, welche nur mit Bretern verschlagen war: 5 Als ich den ersten Schlaff geendet, hörete ich in der Neben- Kammer sehr eyffrig beten, und einem Menschen zusprechen, welches mich bedünckte, daß mehr als eine gemeine Kranckheit bey solchem Patienten dominirte; sonderlich, wann ich dessen Worte beobachtete, da er zum öfftern ruffete: Sehet doch / dort stehet er an der Cammer-Thür; von welchem traurigen Zustand ich nicht wieder einschlaffen, sondern den lieben Morgen wünschete. Nachdeme ich nun den Wirth wegen solches Patienten befragete, erzehlte er mir, daß solcher keine Kranckheit hätte, wohl aber mit grosser Anfechtung und Gewissens-Angst bereits 14. Tage zugebracht, und den Geistlichen, auch Umstehenden, grosse Mühe und Kummer machete; die Ursache aber dessen wäre folgende: Vor 24. [393] Jahren wäre der Mensch, so sonst seiner Handthierung ein Schneider sey, unter den Schwedischen Soldaten ein Musquetirer gewesen, hätte aber darbey den grösten Mangel erlitten, und zu Leipzig auf der Vestung Pleisenburg in Guarnison gelegen; er hätte aber einen Cammeraden gehabt, solcher hätte alle Tage ins Bier-Hauß gehen und trincken können, da er doch eben so wenig Sold, als er, bekommen hätte: weßwegen er ihn einsmahls befraget: Wie solches doch zugehe? 6 So hat er ihm geantwortet: Als er einsmahls auf der Schloß-Pastey Schildwacht gestanden, sey ein Mann zu ihm kommen, und hätte ihm versprochen, er wolle ihm einen Spiritum familiarem geben, wann er solchen bey sich trage, würde er alle Morgen dritthalben Groschen in seinem Sack finden, jedoch müsse er seinen Nahmen mit Blut schreiben und 24. Jahr darzu, so könne er die gantze Zeit über täglich so viel Geld ohne Mühe überkommen. Das hätte er gethan, und auf diese Weise könte er alle Tage gut Bier trincken. Wann er dergleichen auch thun wolle, so könte er ihme zu solchem behülfflich seyn. Dieser Schneider williget alsobald, und verspricht zwischen Tag- und Nacht-Scheidung einen solchen Zettel zu machen, und auf die Pastey zu gehen, wann der Mann da anzutreffen sey. Er thate solches auch, und als er mit dem Vorsatz auf die hohe daselbst [394] etwas dunckele Wendel-Treppe hinauf gehet, überfallet ihn eine grausame Furcht: da kehret er wieder um, und wird der Sache gereuen, erstlich betrachtende, in was Gefahr er seinen Leib und Seele dadurch setzen werde, zerreisset den geschriebenen Zettel in kleine Stücke, und gehet zurück: und ist ihm auch niemahl das geringste angestossen, ausser anitzo, da die 24. Jahr eben um seyn, setzet ihm der böse Feind so hefftig zu, und suchet den armen Menschen in Verzweifflung zu bringen. Dieweil ich mich aber 14. Tage in diesem Wirths-Hauß aufgehalten, ist doch in solcher Zeit dieser Patient wieder gantz zurecht kommen, und hat weiter keine Anfechtung gehabt. Sehet, also machet es der Teuffel, wie wird solcher erst mit dem armen Men schen verfahren seyn, welcher sich ihm würcklich verschrieben hat, indem er an denjenigen, der doch im Augenblick Reue darüber empfunden, und sich nicht mit dem Teuffel eingelassen, sondern den Zettel wieder verrissen, eine Prætension machen wollen.


Was es aber mit solchen Geheim-Geistern für Beschaffenheit habe, davon wird unterschiedliche Meldung gethan, wie daß dieselbe an Wissenschafft und Gelehrsamkeit einander weit fürgehen. 7 Dann obgleich diese viel geschwinder, scharffsinniger und vollkommener, die tieffeste Natur-Geheimnissen [395] und andere Wisssenschafften begreiffen, als der allerglückseligste Verstand eines Menschen, sind sie doch unter sich selbsten darin gar sehr unterschieden, und einer dem andern weit überlegen. Erasm. Francisci im höllischen Proteo pag. m. 329. Tit. XXXIII. schreibt: Alle Teuffel verstehen ohne Zweiffel alle die fürnehmste Sprachen der Welt, doch nicht alle in gleicher Vollkommenheit alle Wissenschafften der Welt, zudem können auch nicht alle das, was sie verstehen, dem Menschen so lautbar und vernehmlich machen, daß es derselbe auch verstehen könte; dahingegen andere, sonderlich die Spiritus familiares, dem, der sie unterhält, und mit ihnen in verdammlicher Freundschafft stehet, alles, was menschliche Vernunfft fassen kan, eingeben und gleichsam eingiessen können; aber, indem sie ihm einen irdischen Witz mittheilen, hingegen die wahre Weißheit in ihm auslöschen, und seinen Verstand gäntzlich verfinstern, unterdessen daß er sich einbildet, er werde von ihnen sehr hoch erleuchtet.

Solche Unvermöglichkeit manches Geistes aber, sich dem Menschen genugsam auszudrücken oder verständlich zu machen, steckt nicht so eben darin, daß der Geist selber nicht solte seine Gedancken deutlich genug zu beschreiben wissen; als vielmehr hierin, daß er bisweilen solche Geschicklichkeit und [396] Geschwindigkeit nicht hat, wie andere Geister, dasjenige Mittel, wodurch er eine verständige Rede zuwegen bringen muß, so fertig, hurtig und meisterlich zu disponiren, oder zu regieren. Daher kommt es, daß manche Geister, ob sie gleich alles in allerley Sprachen verstehen, aus dem Besessenen gleich reden, weil nehmlich einer vor dem andern solche Sprachen entweder fertiger redet, oder die Zunge des Besessenen besser zu regieren weiß.

Camerarius schreibt, daß ein Geist des Besessenen, als er Griechisch reden wollen, von anwesenden Gelehrten ausgelachet worden; der Geist aber alsofort sich entschuldiget habe, sagend: Er wisse wohl, daß er in dem Accent einen Fehler begangen, die Schuld sey aber nicht sein, sondern des gar zu tölpelischen Weibes, derer Zung sich so übel zu derselben Sprache bequemen lasse, daß er kaum damit etwas frembdes reden könne. 8

Es hat auch zu unserer Zeit vor nicht viel Jahren ein Geistlicher mir erzehlet, daß, als er den bösen Geist, der aus einem besessenen Mägdlein redete, Griechisch, Hebräisch und bisweilen Lateinisch angeredt, derselbe ihm allezeit in Teutscher Sprach richtig darauf geantwortet; und als besageter Geistlicher ihn deßhalber beschämen wollen, weil er sonst so klugwitzig und vor wissenhafft gesehen seyn wolle, und ihm doch nun nicht mit einiger Antwort [397] in ausländischer oder frembder Sprache begegnen könte, der Geist diese Antwort darauf versetzet habe: Narr! die Geister verstehen alle Sprachen; aber alle reden sie dieselbe nicht. Welches sich auch befunden, dann wann er bisweilen mit andern anwesenden Gelehrten etwas Lateinisch discuriret, hat der Geist alles verstanden, und, was ihn betroffen, zu Teutsch beantwortet.

Dieses will mich fast auf die Gedancken bringen, dergleichen von einem gemeinen Mann zu urtheilen, welches noch in gutem Andencken, auch noch wohl Leute fürhanden seyn werden, welche solchen Mann wohl gekannt haben. Unweit Leipzig wohnete ein grober Huff-Schmidt / ein Bauer, auf einem Dorff, Kinntzel / oder der gelehrte Bauer / genannt, welcher sich durch seine jährliche Calender in ziemlichen Credit gesetzt. 9 Solcher lebete noch im 1664. Jahr, und habe ich solchen, als ich noch ein Jüngling war, etlichemahl selbst in dem Schürerischen Buch-Laden zu Leipzig kennen lernen: Dieser war niemahl zur Schule kommen, dannoch verstunde er fast alle der Gelehrten Sprachen, als Hebräisch, Griechisch, Syrisch, Chaldäisch, Latein und Teutsch, konte aber in keiner andern Sprache, als in gutem grobem bäuerischen Teutschen antworten; verstunde den Himmels-Lauff, schrieb Calender, [398] und wurde damahl für ein Wunder der Welt geachtet, lebete auch gantz sittsam, und bezeigete sich in allem Christlich, daß man fast an ihm keinen Mangel finden konte: und wann er befraget worden, wie es möglich sey, zu solcher Wissenschafft zu gelangen, gab er zur Antwort: Es sey eine Gnade GOttes. Ob nun wohl man solchen für einen redlichen Mann passiren lassen muste, sonderlich, weil er niemand schadete, auch hernach gar Christlich abgeschieden, wolten doch viele ansehnliche und gelehrte Leut an solchem Mann zweifflen, vorgebende, daß sie dafür hielten, als ob er seine Wissenschafft durch einen solchen Spiritum Familiarem erhalten hätte.

Unterdessen gibt es doch gleichwohl viel Geister, die aus den Besessenen fremde Sprachen reden. Und ein solcher hat, im Jahr 1673. zu Buxtehude, im Stifft Bremen, wie D. Thom. Bartholini aus einem Schreiben des Stadt-Physici des Orts, Doctoris, Joh. Ludovici Hannemanni, bezeuget, sich hören lassen, aus einem in Besitz genommenen jungen Soldaten von 18. Jahren, welcher zwey Jahr zuvor sich dem Satan mit eigenem Blut verschrieben, und auf 4. Jahr zugeeignet hatte. Dieser redete schier kein vernehmliches,articulirtes oder recht begliedertes Wort, das man verstehen konte; wann er aber bisweilen etwas recht ausdruckte, und verständlich [399] aussprach, so antwortete er jedwedem in solcher Sprache, darinnen man ihn anredete, es mochte auch eine Sprache seyn, was es für eine wolte. Vid. Bartholini in Cistis Medicis vol. 2.Obs. VIII. p. 11. seq.

Ob nun wohl dem Teuffel eine grosse Wissenschafft zugeschrieben wird, so weiß er dennoch nicht alles, oder wird durch Göttliche Macht gebunden, daß er nicht sagen darff, was er weiß. 10 Dann als D. Luther im Jahr Christi 1521. von dem Reichs-Tag von Worms gekommen, und in dem Heimziehen in dem Wald bey Eisenach aufgefangen, und auf das Schloß Marburg, auf Befehl Hertzog Friederichs von Sachsen / geführet ward, daß er vor des Kaysers Acht und Verfolgung sicher wäre, hat kein Wahrsager, obgleich viele darum ersuchet worden, durch seine Teuffels-Kunst wissen oder anmelden können, an welchem Ort Lutherus stecken möchte oder verborgen läge, bis Lutherus zu seiner Zeit selbst wieder herfür kommen. Vid. Lutheri Tisch-Reden cap. 9. fol. 84.

Damit wir in dieser Materie nicht gantz abweichen, wollen wir noch einige Anmerckungen beyfügen, wie geschwind der Teuffel erscheinet, wann er geruffen wird. D. Faust erhielt solchen gar geschwind, begehrete auch von Plutone, ihm einen solchen Geist zuzuordnen, wie er ihn verlangete: [400] und lesen wir in dessen Geschichten, daß ihm Anfangs ein solcher dienstbarer Geist gesandt worden, und da ihn D. Faust befraget, wie geschwind er in seinen Verrichtungen wäre, zur Antwort gabe, so geschwind als ein Pfeil, muste solcher wieder fort, und war Fausto viel zu langsam, endlich folgete ein anderer, der gab Bericht, er wäre so geschwinde, als der Wind, solcher aber war Fausto noch nicht zu seinem Gefallen; endlich kame der dritte, welcher meldete, er wäre so geschwind als der Menschen Gedancken: und dieser war Fausto recht, und nahm ihn auf 24. Jahr in seinen Dienst, worgegen er sich mit seinem Blut, samt Leib und Seel als eigen verschreiben muste: aus solchem ist abermahl der Unterscheid der Geister zu erkennen. Indessen ist der Teuffel unverdrossen, alles zu verrichten, wann er nur eine Christ-glaubige Seel erhaschen kan.


Zu Venedig war in einem Wirths-Hauß ein verwegener Mensch, welcher sich vernehmen ließ, er möchte gern einen Spiritum Familiarem haben; Ein Marcktschreyer gehet nach der Mahlzeit auf den Heu-Boden, und fänget eine grosse Spinn in ein Gläßlein, verkaufft solche dem Italiäner um ein groß Geld; der böse Geist aber ist schon fertig und bereit, und setzt sich an der Spinne Stelle in das Gläßlein, und thut dem Menschen alles [401] nach seinem Willen; also dienstfertig bezeiget sich der Teuffel eine arme Seel zu verstricken.


In Wollgast lage ein Schwedischer Unter-Officirer, derselbe hat einen Spiritum Familiarem an sich erhandelt, welcher ihm bloß allein zu der Unzucht und Hurerey Dienste leisten muste, gebrauchete solchen auch, und funde bey heyllosen Vetteln allen guten Willen. Einstmahl aber machete er auch eine solche Verständniß mit seiner Wirthin, welche ihm auch den Handel nicht versagen wolte, als er aber mit solcher in volliger Action war, kommt dero Ehemann, welcher ein Schiffer gewesen, über der Frauen Vermuthen in die Kammer, und als der Soldat also im Ehebruch begriffen worden, springt er hurtig nach seinem Degen: aber der Schiffer ist geschwinder, und hauet ihm sein in Händen gehaltenes Beyl dermassen in den Kopff, daß er des Aufstehens gar bald vergessen: dieses war der Lohn seines verlangeten Wunsches, und der Spiritus Familiaris wird die beste Beute davon bekommen haben.

Marginalien

1 Zu wie vielerley Dienst solcher gesuchte wird.
2 Was solcher ist.
3 I. Geschicht.
4 Ein Baute-Weib suchet einen solchen Spiritum zu kauffen.
5 II. Geschicht.
6 Von einem / der sich d.m. Teuffel verkaufft hat.
7 Was für ein Unterscheid unter solchen Spirit. Famil. ist.
8 Teuffel kan Griegisch nicht verständlich pronunciiren.
9 Der gelehrte Bauer verstehet alle fremde Sprachen /kan solche aber nicht reden.
10 D. Luther wird in Sicherheit gebracht.

29. Vom Wahrsagen und Oraculis

[402] XXIX.

Vom Wahrsagen und Oraculis.

Gleichwie GOtt der HErr unterschiedenmahl und auf mancherley Weise den Vätern seinen Willen offenbahret: also hat auch der Teuffel als ein Affe GOttes auf unterschiedene Weise sich seinen Ergebenen offenbahren wollen, und den Fragenden Antwort gegeben. Dahero Cicero lib. 1. de divinitat. schreibet: Daß er kein Volck gesehen habe, es sey auch noch so verstandig und gelehrt, oder so wild und wüst und barbarisch gewesen, so nicht zugegeben, es könnten zukünfftige Dinge von einigen vorher verkündiget und verstanden werden. Ob nun wohl unzehlbare Arten der verbotenen und dem Satan insgemein beygelegten Wahrsagungen seyn, so hat sie dennoch Balduinus cas. consc. lib. 3. cap. 6. in folgende Classes eingetheilet: Als 1. Astrologia oder die Stern-Kunst. 2. Stereomantia. 3. Chiromantia. 4. Physiognomia, welche nicht so gar zu verwerffen oder dem Satan zugeschrieben werden können. Was aber die übrige, aberglaubige und verworffene Wahrsagungen seyn, davon wollen wir mit wenigen [403] gedencken, als auf Vögel-Geschrey zu achten: Wann sich eine Krähe auf dem Dach unsers Hauses setzt, will der gemeine Mann daraus wahrsagen, es werden Gäste kommen. Item, wann der Mensch des Mörgens frühe ausgehet, wer ihm am ersten begegnet, von solchem wolten sie wahrsagen, ob es glücklich oder unglücklich sey, oder mit welchem Fuß der Mensch zum ersten aus dem Hauß schreitet, oder ob ihm zuerst eine Katz oder Hund begegnet.

Noch teufflerische Wahrsagungen waren die Heidnische Oracula, welche an gewissen vom Teuffel besessenen Oertern den Fragenden Antwort gegeben. 1 Andere Wahrsagungen geschehen durch teufflische Beschwerungen, wovon Petrus Lepidus, ein Königlicher Procurator, erzehlet, daß eine alte Wahrsagerin, eine Jungfrau, um zu erfahren, welchen sie unter ihren Freyern zur Ehe bekommen werden, gelehrt habe: Sie solte bey jemand einen Schilling (2. Kreutzer) betteln, und dafür Gersten-Mehl kauffen, welches sie einmachen und knetten, und daraus eine Leiter mit sieben Stuffen machen müste, selbige mit gewissen Worten beschweren und unter ihr Haupt-Küssen legen, daß sie darüber einschlieff. 2 Als nun dieses die Jungfrau gethan, habe sie im Traum gesehen denjenigen, der sie am meisten liebete, [404] zu ihr auf einer Leiter heran steigen, sey aber von der dritten Staffel herunter gefallen, und habe den Halß gebrochen. Ein ander aber, der sie nicht gar lieb gehabt, sey über alle sieben Stuffen zu ihr ins Bett kommen. Nicht lange hernach habe sie erfahren, daß derjenige, den sie lieb hatte, im Rennen mit dem Pferd gestürtzt sey, und den Halß gebrochen habe; den andern habe sie aber durch Zwang der Eltern heyrathen müssen.

Oben-gedachter Oraculorum, welche dem Menschen wahrsagen solten, gabe es unter den Heyden eine unsägliche Menge hin und wieder, unter welchen einige in grossem Beruff waren, davon das Oraculum Apollinis, auch Oraculum Delphicum genannt, das allerberühmteste gewesen: dieweil fast von allen Enden der Welt die neu-begierige Menschen gereiset, um sich zukünfftiger Dinge zu erkundigen, und über wichtige Anschläge einen Göttlichen Rath und Antwort zu erlangen: Es hatte solch Oraculum seinen Sitz an den äussersten Gräntzen Griechen-Landes, in der Landschafft Boetia, bey der Stadt Delphi, dahero es auch seinen Nahmen hat. 3

Von dem Ursprung dieses Oraculi redet Diodorus von Sicilien im 16. Buch / als an dem Ort, wo man hernach den Tempel gebauet, in der Erde sich [405] eine grosse Klufft oder Höhle erzeigete, um welche etliche Ziegen weideten, und hin und her lieffen, geschahe es offt, daß eine dieser Klufft zu nahe kam und hinein sahe, welche bey ihrer Rück-Kehr wunderbarer Weise sprang und tantzete: und eine seltzame Stimme von sich hören ließ; wann nun der Hirte selbst hinzu lieff, und sich über diese Klufft verwunderte, wurde er gleicher Gestalt mit demselben Geist erfüllet, daß er sprang und weissagete. Das Gerücht davon erschallete überall, und wie eine grosse Menge Volck herzu kame, hat man gesehen, daß alle die, welche sich in die Klufft hinein gelassen, mit dem Wahrsager-Geist erfüllet worden, und sich den unsinnigen Leuten gleich gestellet; dahero man auch den Ort für ein Wunder der Natur gehalten, und das Oracul der Erden zugeschrieben. Als aber auch viel Leute in dieser Raserey sich unbesonnener Weise in die Tieffe hinein gestürtzt, und das Leben darbey eingebüsset, hat man verbieten müssen, daß sich hinführo niemand mehr hinzu wagen solte.

Das zweyte grosse berühmte Oraculum war dasOraculum Jovis Hammonis, welches in Africa in dem wüsten und sandigen Lybien gelegen war, und demJupiter Hammon gewiedmet gewesen, so die gantze Welt fast in seinen Stricken hielt, ist nach des Funccii Zeit-Rechnung [406] im 1902. Welt-Jahr im Flor gewesen, solches war ein Götzen-Bild, mit Hörnern gestaltet und einem Widder gleich anzusehen gewesen, darum wurde es auch Oraculum Arietinum genannt. 4 Curt. l. 4. c. 7. Diodor. Sicul. l. 17. schreibt, dasselbe in Bocks-Gestalt und mit Edelgesteinen reich besetzte Götzen-Bild wurde in ein güldenes und mit vielen silbernen Schaalen überall umhängtes Schiff gesetzet, und durch ein unbekanntes Lied, welches von etlichen Frauen und Jungfrauen nach Landes Art gesungen wurde, zur gewissen und unfehlbaren Antwort genöthiget. 5 Es gab aber seinen Willen nicht mit verständiger Stimme, sondern entweder mit Wincken oder andern Zeichen zu verstehen. Strab. l. 17.Geogr. Und weilen die Zeichen mehrentheils dunckel waren, Alex. ab Alexandro lib. 6. cap. 2. so musten die Priester und Götzen-Pfaffen dieselbe eröffnen und erklären, welche aber bisweilen selbst nicht verstunden, was Jupiter wolte angekündiget haben. Unterdessen so brachten sie nach ihrem Gutdüncken etwas hervor, damit sie das Volck in dem Aberglauben unterhalten, und in diesem ihrem Götzen-Dienst bevestigen möchten. Nahe bey dem Götzen-Bild war ein Brunn von wunderbarer Würckung, dann bey der Sonnen Aufgang war dessen Wasser laulicht, auf dem Mittag, da der Tag am heissesten, kalt, bey herannahendem [407] Abend warm, und mitten in der Nacht gantz heiß. 6 Diodor. Sicul. l. 17. Curt. l. 4. c. 7. Veccius füget hinzu, daß auf dem Grunde dieses Brunnens Gold gefunden worden, und das Wasser darinnen die Krafft gehabt habe, daß es den Krancken die Gesundheit, und andern den Wahrsager-Geist mitgetheilet habe, auch sey alles, ja selbst die allerleichtesten Dinge, darinnen zu Grunde gegangen.

Dieses Oraculum, unangesehen es weit abgelegen gewesen, ist dannoch bey nahe durch die gantze Welt berühmt worden, daß selbst Könige, Fürsten und grosse Potentaten beschwerliche Reisen dahin vorgenommen, und dasselbige um Rath gefraget haben. Alexander Magnus hat dasselbe mit grosser Lebens-Gefahr besuchet, dann weil alles Wasser, welches er in Schläuchen auf Cameelen mit sich führen lassen, nunmehro auf der Hin-Reise ein Ende genommen, hätte er mit seinem gantzen Kriegs-Heer in denen trockenen, wüsten und unfruchtbaren sandigten Orten, bey einer unerträglichen Hitze, aus Mangel des Wassers, für Durst sterben müssen, wo er nicht durch einen milden Regen wäre erquicket worden, welcher die halb-erstorbene Soldaten wieder erfrischet hätte. Auch würden sie nimmer dahin gekommen seyn, wann nicht etliche Raben vor dem Lager hergeflogen und ihnen den rechten Weg gewiesen hätten. Reuter pag. [408] m. 726. ex Diodor. Sicul. lib. 17. Curt. lib. 4. cap. 7.

Das dritte grosse Oraculum wurde genannt dasOraculum Dodonæi, welches, nach Funccii Rechnung / im 3325ten Welt-Jahr bekannt worden, ist nach Dodona, einer alten und berühmten Stadt derMolossen in Epiro, genannt. 7 Dann nahe bey Dodona war ein Wald, dem Jovi geheiliget, worinnen, durch des Teuffels und der Priester Betrug, mit grosser Verwunderung zukünfftige Dinge verkündiget, und den Fragenden Antwort ertheilet wurde. Plin. l. 17. cap. 25. Es meynen etliche, daß Jupiter selbst in diesem Walde geantwortet, und unter den Bäumen, als in Tempeln, gewohnet habe. Der GOtt Jupiter redete nun entweder aus einer Eiche, oder aus einer Buche, dann von beyderley Art Bäumen wurden in dem Wald gefunden, und durfften, weil sie heilig gehalten waren, von niemand abgehauen werden. Man sagt auch, daß in dem Walde zu Dodona zwey Säulen gewesen, auf deren einer ein ehern Becken oder Kessel, über der andern ein Bild eines Knabens, gestanden, der eine eherne Geissel oder Stecken in der Hand gehabt, und so offt der Wind scharff gewehet, habe er mit der Peitschen dermassen das Becken berühret, daß es eine geraume Zeit einen Klang von sich gegeben. Andere aber sagen, daß etliche eherne Becken also um das [409] Oracul gehangen, daß sie einander berühret, wann nun eines von denenselben einen Klang von sich gegeben, sey der Klang wegen der Gleichlautigkeit durch die andern Becken hindurch gedrungen, und lange Zeit gehöret worden. Es sollen auch ferner zwo schwartze Tauben daselbst verwahret worden seyn, die dem aberglaubischen Volck mit deutlicher menschlicher Stimme auf ihr Fragen Antwort ertheilet hätten. Andere aber meynen, daß diese sogenannte Tauben Wahrsager-Weiber gewesen, weil die Thessalischen Völcker sowohl die Wahrsagerinnen, als die Tauben, πε?ε?αdα? zu nennen pflegeten. Vide Pausan. l. 10. Alex. ab Alexandr. genial. dier. Dann es sollen, wie Herod. l. 2. c. 55. berichtet, zwo Tauben aus Egypten geflogen, oder zwo Wahrsagerinnen da herausgegangen seyn, davon eine nach Lybien, die andere nach Dodona gekommen seye, und daselbst desJupiters Oraculum gestifftet haben.

Dieses Oraculum hat den Lacedæmoniern, als es von ihnen wegen des Sieges befraget worden, Antwort gegeben, daß sie in der Leuctrischen Schlacht mehr um ihr Leben, als um den Sieg, solten bekümmert seyn.

Das vierdte grosse Oraculum war das Oraculum Trophonii, nach der Meynung des gelehrten Bocharti von einem Syrischen Wort, Tauropho, welches [410] eine Niederschlagung des Gemüths und plötzliche Erschröckniß bedeutet, zumahlen alle diejenige, welche sich in diese Höhle einliessen, das Oracul um Rath zu fragen, mit grossem Schröcken wieder zurück kamen. 8 Welche wollen auch bewähren, daß diejenige, so aus dieser Höhlen wieder zurück kommen, niemahls mehr solten gelachet haben, sondern hätten die gantze Zeit ihres Lebens traurig und ernsthafft ausgesehen. Alexand. ab Alexandr. lib. 6. c. 10. genial. dier. Dahero man in einem Sprichwort von einem sauersehenden und störrischen Menschen sagt, daß er in der Höle Trophonii geweissaget habe. Dieses Oraculum gabe in einer tieffen, finstern und wüsten Höle bey Lebadia in Bocotia einem Fragenden aus der Erden seine Antwort.

Pausanias schreibt im neundten Buch: 9 DaßAgamedes und Trophonius zu ihrer Zeit fürtreffliche Baumeister gewesen, welche des Hyriei, oder wie andere wollen, des Angiä Schatz-Kammer so künstlich gebauet, daß sie einen Stein aus der Mauer hinweg nehmen, und nachdem sie so viel Geldes, als ihnen beliebet, hinweg genommen, wieder unvermerckt haben hinein setzen können. Als nun darüber Hyrieus irre wurde, da er sahe, daß sein Geld täglich abnahm, und nicht begreiffen konte, wie solches zugehen möchte: zumahl das Siegel über der Thür [411] allzeit unverletzt von ihm gefunden worden, und er auch selbst den Schlüssel darzu verwahrete, hat er rings um das Geld herum etliche Stricke legen lassen, womit diejenige, die sich nur würden hinein machen, alsbald könnten gefangen werden; wie auch geschehen: Dann als Agamedes nach seiner Gewohnheit wieder hinein gieng, wurde er dergestalt verstrickt und veste gehalten, daß er keinen Fuß weiter fortsetzen konte. Trophonius aber, da er dieses gesehen, hat dem Agamades, seinem Mit-Gesellen, das Haupt abgeschnitten, damit er hiedurch nicht möchte verrathen oder bekannt gemacht werden.

Pausan. l. 9. schreibt: Es ist dieses Oracul in Bœotia folgender massen bekannt worden: Als es etliche Jahr in Bœotia nicht regnete, und also aus Mangel des Wassers die Länder unfruchtbar blieben und keine Früchte hervor brachten, hat man aus allen Städten einige nach Delphos gesandt, zu erfragen, ob sie dieses Ubels könnten erlassen werden. 10 Pythia, die Wahrsagerin des Apollinis, befahl ihnen, sie solten nachLebadia gehen, und Trophonium anhören, was derselbe hierin rathen würde. Da sie aber den Ort, allwo der Wahrsager-Geist sich aufhielte, nicht finden konten, hat einer mit Nahmen Saon, aus Acrephnia bürtig, gerathen, man sollte dem Bienen-Schwarm, welcher eben damahls vor ihnen [412] herflog, nachfolgen, und den Ort bemercken, wo derselbe sich niederlassen würde; denn an dem Ort, wo derselbe sich werde hinsetzen, würden sie gewißlich dasjenige finden, nach welchem sie sucheten. Als sie nun den Bienen immer in ihrem Flug nachfolgeten, und dieselbe sich endlich auf einen Baum niederliessen, kamen sie zu einer Höhlen, und funden an demselben Ort einen Wahrsager-Geist, von welchem sie nicht allein diejenigen Dinge erlerneten, um welcher willen sie dahin gesandt waren, sondern auch die Gesetze und Gebräuche, wie sie ihm forthin dienen und um Rath ersuchen und ansprechen sollten.

Der Geist nun desselben Orts, wurde Trophonius genannt, weil nach Anzeigung des Delphischen Oraculi der Geist Trophonii sich daselbst aufhalten solte. 11 Er wurde auch genannt, Jupiter Trophonius, weil Jupiter durch denselben daselbst die Antwort ertheilete, und der Tempel, welcher nachmahls über dieser Höhle gebauet worden, ihme zugeeignet und geheiliget worden sey. Boissard. l. de. divin. & Classen. l. 2. c. 5. §. 4. de orac.

Derselbige hatte nun seinen Sitz in einer Höhlen, welche von Natur und Kunst tieff in die Erden gemachet war, so daß, wer sich dahinein lassen wolte, auf einer Leiter in dieselbe herunter steigen muste.

[413] Welcher nun dahinein steigen wolte, der muste erstlich sich etliche Tage vorher mit Wasser waschen, welches aus dem Fluß Hercynna geschöpffet werden muste. 12 2.) Unterschiedliche Opffer herzubringen, den Geist zu versöhnen, wie dann ein solcher auch noch zur selbigen Stunde, als er sich in die tieffe Grufft hinein lassen wolte, einen Widder bey der Höhlen aufopfferte, und Agamedem, des Triphonii Gesellen, zum öfftern anrieff. Im mittelst aber besichtigte der Aruspex die Eingeweide in den Opffern, und weissagete daraus, wie Trophonius gegen ihm gesinnet, ob er versöhnet oder noch erzürnet sey. 3.) Musten zween Knaben aus der Stadt, welche man Hermas, das ist, Mercurios nannte, und ungefehr 13. Jahr alt waren, mit Oel gesalbet, und bey dem vorigen Fluß Hercynna, allwo ihn des Nachts die Priester, die das Opffer verrichtet, hingeführet hatten, abgewaschen werden. 4.) Muste er trincken aus dem FlußLethe, damit er alles vergesse, was er sich erinnern konnte, gleichwie er hernach aus dem Fluß Mnemosyne tranck, daß er behalten konte, was er allda gesehen. 5.) Muste er ein Bildniß, welches von dem Kunstreichen Dædalo geschnitzt und gemacht war, Göttlich verehren und anbeten.

Wann er nun solches alles verrichtet, ließ er sich in die Höhle entweder gantz nacket hinein, oder zog auch zuvor einen weissen [414] oder Purpur-farbenen Rock an, zierte sich mit einer heiligen Haube, und legete Sohlen unter seine Füsse, damit er also gantz heilig möchte erscheinen, und von dem Geiste gütig aufgenommen werden. Er nahm auch etliche Kuchen und Fladen mit, zu dem Ende, damit er die unterirdischen Geister versöhnen, und wieder unbeschädigt aus der Höhlen heraus gehen möchte. Vid. Philostr. l. 4. c. 8.de vita Apollon. Er pflegete auch wohl einen Spieß mit sich zu nehmen, damit er sich in der Gruben wider die Schlangen und ander Ungezieffer beschützen könnte, wie Clasenius aus Zenodoto erzehlt, l. 2. c. 5. §. 16.

Wann er nun in der Höhle war, fiel er auf seine Knie, und stellete sein Anliegen mit klaren und hartlautenden Worten vor, erwartend aus dem, so er entweder sahe oder hörete, die Känntniß seiner Sache. Nach erlangter Antwort, wurde er gleichsam als mit einem gewaltigen Winde aus der engen Höhlen wieder heraus gestossen, dergestalt, daß er mit seinen Füssen zuerst hervor kam: denn keiner von allen, der sich in diese Höhle hinein gelassen, ist darin geblieben oder getödtet worden, als nur ein Knecht von derGuardi des Demetrii, weil derselbe ohne gewöhnlichen Gottesdienst hinunter gestiegen war, und zwar nicht zu dem Ende, daß er etwas erforschen möchte, sondern, weil er gedachte [415] aus selbiger eine herrliche Beuthe an Gold und Silber heraus zu hohlen. Derselbe wurde darinnen jämmerlich getödet, und sein Leichnam ist nicht durch die heilige Thür, sondern an einem andern Ort heraus geworffen worden.

Nachdem sich nun der Rathfrager nach seiner Wiederkunfft einigermassen erhohlet, muste er, wie schon gemeldet, (1.) aus dem Fluß Mnemosyne trincken, damit er nicht vergessen möchte, was er von demOraculo gelernet. (2) Wurde er genau examinirt, damit er alles bekennen und nichts verschweigen möchte von dem, was da vorgefallen war. (3) Wurde er wieder in die Kammer der bonæ fortunæ, oderboni genii, geführet, in welcher er sich vor seinem Hineinsteigen in die Höle etliche Tage aufgehalten hatte. Und (4) muste er endlich alles, was er gesehen und gehöret, auf ein Täffelein schreiben und übergeben. Vid. de his omnibus prolixe Pausaniam lib. 9.

Noch ist übrig zu gedencken des Oraculi Amphiarai, welches war zu Oropos in Griechenland / vid. Tertullian. lib. de anima cap. 46. an der Gräntze zwischen Attica und Baeotia, solches gab nicht allein in gewöhnlicher Griechischer, sondern auch in andern frembden Sprachen, den Leuten Antwort, oder offenbahrete sich ihnen des Nachts in einem Traum, wenn sie sich zu dem Ende in dessen Tempel auf einer Haut [416] hatten schlaffen geleget. 13 Es hat seinen Nahmen von Amphiarao, dem Sohn Oeclei und Hypermestræ, welcher bey seinem Leben ein fürtrefflicher Prophet und Traum-Deuter gewesen, und nach seinem Tod unter die Zahl der Götter gebracht worden. Cic. I. 1.de divinitat. c. 40. Pausan. l. 1.

Der Ort, allwo dem Menschen Antwort ertheilet, wurde Harma genannt, weil, nach Bocharti Meinung, der Ort, allwo Amphiaraus von der Erden verschlungen worden, dergestalt verflucht gewesen, daß noch die Vögel auf den Seulen, mit welchen dieser Platz umgeben und gleichsam umzäunet gewesen, haben sitzen, noch die wilden Thier das Graß zwischen den Seulen haben anrühren und essen können. Bochart. Geogr. sacr. p. 1. c. 6.

Dieses zu verstehen, will ich hieher setzen, was die Scribenten sonst hievon berichten: 14 Als Ereocles, der Thebaner König, und sein Bruder Polynices wegen der Regierung uneinig worden, und wider einander streiten wolten, gedachte ein jeder Ampharaum zu sich hohlen zu lassen, weil sie alle beyde vermeineten, daß bey seiner Gegenwart der Krieg glücklich werde ausfallen, Amphiaraus als er dieses erfuhr, versteckte sich an einen verborgenen Ort, denn er wuste wohl, daß er nach Andeutung des Oraculi sein Leben[417] darbey zusetzen würde; und wuste um diese Sache niemand mehr, als allein Eryphyle, die Tochter Talai, die er zum Weib genommen hatte: denn derselben hatte er sich kund gethan, und darbey verbotten, daß sie ihn nicht verrathen solte, noch von Polynice Geschenck nehmen. 15 Als aber ihr Bruder Adrastus ihr ein güldenes Halßband verehret, hat das untreue und Geld-geitzige Weib ihren Mann verrathen, daß er hervor gezogen, und dem Läger zu folgen gezwungen worden. Als er nun mit den andern wider Thebas hingezogen war, ist er desselben Tages, als es nunmehr aus Treffen gehen sollen, durch eine plötzliche und erschröckliche Erdbebung von der Erden eingeschlungen worden. Vid. Reuter / ex Apollodor. l. 3. de Deor. orig. & Hygin. fab. 73.

Die Griechen haben ihm allda einen schönen und herrlichen Tempel aus lauter Marmorstein künstlich aufbauen lassen; auch war ihm allda eine Marmorsteinerne Säule aufgerichtet, in welcher er in Gestalt eines bewaffneten Soldaten abgebildet war, weil er mit in den Thebanischen Krieg, wiewohl ohn allen seinen Willen, war eingewickelt worden. 16 Nahe bey diesem Tempel war ein Brunnen, in welchem sie sich nicht wuschen, reinigten, oder sonst Göttliche Dinge verrichteten, sondern allein Gold und Silber nach ihrer Väter Weise hinein wurffen, ihr danckbares Gemüth[418] zu erzeigen, insbesonder, wann sie kranck gewesen, und nun wieder ihre vorige Gesundheit erlanget hatten. Paus. l. 1.

Wer bey Amphiarao eine Antwort ersuchete, der wurde erst eingeweihet, hernach opfferte er einen Widder, schlieff über der Erden auf dessen Haut, und erwartete des Nachts im Traum die Antwort, welche von den Priestern nach vorgehenden gebührlichen Ceremonien ausgeleget wurde; damit aber die Priester zu Auslegung des Gesichts geschickt seyn möchten, musten sie sich einen Tag der Speise, und 3. Tage des Weins enthalten. Philostr. l. 2. c. 4.

Was nun von diesen gesammten Oraculis zu halten, ist billig die Frage: Ob nicht alles, was darin vorkommet, entweder unwahr oder ertichtet, oder lauter Betriegerey der listigen und durchtriebenen Priester gewesen? 17 Oder ob nicht auch der Teuffel darinnen seine Würckung gehabt, und in den gegebenen Antworten seine Person gespielet habe? Einige, als vonDalen de Oraculis, und D. Becker in seiner bezauberten Welt / meinen, daß dasjenige, so in den vermeinten Götter-Sprüchen der Heyden vorkommt, entweder ertichtet sey, oder daß die verschlagene Priester die Geheimniß der Rathfragenden, auf vielerley Weise hätten erforschen, und also die Antwort [419] leicht geben können. Wir aber nehmen mit vielen andern Gotts-Gelehrten das zweyte an, und glauben, daß würcklich in vielen derselben Eingebungen des Teuffels gewesen: wie dann gewiß, daß der Teuffel in den Heydnischen Wahrsagungen gewürckt, und läßt sich an GOttes Wort nicht im wenigsten zweiffeln, wann wir nehmen die Wahrsagerin zu Endor, die falschen Propheten des Königs Achabs, die Magd zu Philippis, die einen Wahrsager-Geist gehabt, welcher hernach von Paulo aus ihr getrieben worden, wodurch wir sattsam überzeuget seyn.

Man kan auch mit Grund nicht sagen, daß alles lauter Betrug der Priester gewesen, die die Geheimnissen der Rathfragenden auf vielerley Weise erforschen und also die Antwort leicht hätten geben können: dann es würden viel Heydnische Könige, Fürsten und andere grosse Männer sich derselben nicht bedienet haben, wann sie nicht etwas mehr denn menschlich bey den Oraculis gespühret, und etwas ungemeines darinnen erkannt hätten; Fürnehmlich, da die Antworten der vermeinten Götter-Sprüchen offters sehr hart, grausam, gantz gottloß, abscheulich, und also tüchtig waren, einen Abscheu vor denselben zu erwecken. Die Priester würden gewißlich auch nicht so frech heraus gesprochen haben, weil sie sich leicht die Rechnung machen können, daß bey Entdeckung des Betrugs, [420] sie eines grausamen, elendigen und schmähligen Todes hätten gewärtig seyn müssen. Auch ist nicht wohl zu glauben, daß solche grobe Betrügereyen, welche man in den vermeinten Götter-Sprüchen zu seyn vorgibt, so viele hundert Jahr hätten können verborgen bleiben, wie man an den Betrügereyen, welche in der ersten Christen-Zeit aufgerichtet worden, völlig wahrnehmen kan. Es mag ein Betrug offtmahls so lange Stand halten, als der Stiffter desselben lebet, nach seinem Tode wird aber derselbe bald zum Vorschein kommen, indem die Nachfolger oder die neuen Priester, die auf die abgestorbenen Alte folgen, nicht allzeit darein zugleich einwilligen, oder gleich listig und den Betrug zu unterhalten tüchtig sind. Und ist auch wohl zu mercken, daß bey den Götter-Sprüchen solche Dinge geschehen, die nicht wohl natürlicher Weise durch List und Betrug hätten geschehen können. Zum Exempel: daß die Pythia, oder die Wahrsagerin bey dem Oraculo zu Delphis, so bald sie auf dem Dreyfuß gesessen, in Raserey verfallen, und dannoch in solcher Tollheit auf die vorgelegete Fragen Antwort geben können; Daß bey dem Oraculo des Trophonii die Rathsfragende aus zwey Brunnen haben trincken müssen, da sie durch Würckung des ersteren alles vergessen, was sie gethan, und gewust; und Krafft des andern alles in ihrem Gedächtniß behalten, [421] was sie daselbst gesehen, und gehöret hatten; und daß in etlichen Götter-Sprüchen, als des Æsculapii, die Offenbahrungen und Antworten in dem Schlaff geschehen. Folglich dann so bleibet vest, daß in vielen Heydnischen Götter-Sprüchen der Satan seine Würckung gehabt habe.

Alle diese Heydnische Oracula aber seynd nach Verlauff vieler Jahre sehr geschwächet und verachtet worden, so, daß sie endlich gäntzlich aufgehöret und verstummet seyn. Cicero lib. 2. de divin. schreibt: Daß nicht allein zu seiner Zeit, sondern auch vorhero keine Oracula zu Delphis mehr gegeben worden. 18 Und Strabo Geograph. lib. 9. zeuget: daß nicht allein das berühmteste Oraculum zu Delphis, sondern auch viel andere aufgehöret. Von dem Delphischen Oraculo saget er: Jetzt wird der Tempel gering geachtet, der zuvor in so grossen Ehren gewesen ist. Und lib. 7. spricht er: Das Dodoneische Oraculum ist einigermassen verlassen, wie auch die andern alle. Dieses weiset auch an Plutarchus in seinem Buche / de defectu Oraculorum, und wann er nach derselben Ursache sich erkundiget, so saget er: daß etliche die Veränderung aller Dinge anführen; andere, weil Griechenland nicht mehr so häuffig von den Völckern besuchet worden; andere, dieweil die Menschen [422] mit ihrer Boßheit sich der Göttlichen Oraculen unwürdig gemachet; andere, dieweil die Dæmones verstorben, welche den Wahrsagern die Oracula eingeben; andere, dieweil die Ausdämpfung der Erden, womit sie eingenommen worden, daß sie zukünfftige Dinge haben weissagen können, ausgetrocknet gewesen, und ihre Krafft verlohren: dieses letztere wird von Cicerone verlachet, wann er spricht: Man saget, daß durch das Alter die Krafft der Oerter, durch welcher Ausdämpffung die Wahrsagerin Pythia die Oracula ausgesprochen, vergangen seye. Man solte vermeinen, daß man von Wein oder gesaltzenem Fleisch rede, welche durch das Alter ihre Krafft verliehren, hier aber redet man von der Krafft eines Ortes, welcher nicht natürlich, sondern Göttlich ist, wie kan der vergehen?

Die wahre und fürnehmste Ursache aber, daß dieOracula der Heyden so unversehens vestummet, ist die Zukunfft Christi unsers Herrn ins Fleisch gewesen, welcher den Teuffel, der in den vermeinten Götter-Sprüchen geherrschet, zerstöhret, und seiner Macht beraubet hat. Und da die Sonne der Gerechtigkeit auf dem Erdboden leuchtete, muste die Macht der Finsterniß verschwinden; Und zu dem Ende kam Christus auf die Erden, daß er die Wercke des Teuffels verstöhren solte.

[423] Wir wollen noch einige aus Herrn S.H. Reuters in seinem umschränckten Reich des Teuffels / p.m. 776. seq. und anderer Autoren Schrifften, Phantastische Wahrsagereyen anführen: Als was Antonius Torquatus in dem 15. und 16. Seculo in Ungarn mit seiner Wahrsagerey ausgerichtet, und was für Unwesen daraus erfolget, ist aus den Historien genüglich bekannt gemachet: Er stellete dem König Matthias Corvinus im Jahr 1480. vor, daß die Ottomannische Pforte aufs allerlängste im Jahr 1596. gäntzlich würde übernhauffen geworffen werden, und die Türckey in der Ungarn Gewalt verfallen. 19 Wie nun die Ungarn zufolge dieser Weissagung mit den Türcken einen unnöthigen Krieg anfingen, in Hoffnung, sie würden den Sieg davon tragen, hat Soliman mit einem mächtigen Krieges-Heer die gantze Ungarische Krieges-Macht erschlagen und bey Mohaz 1526. einen vollkommenen und Nahm-kündigen Sieg erhalten, da Ludovicus, der letzte König von der Jagellonischen Familie, sein Leben zusetzen müssen; und ist bekannt, daß der Türck immer mächtiger in Europa gewesen, als vom Jahr 1526. bis zum Jahr 1683. vid. Magn. Gabr. Block, von nichtigen Wahrsagungen §. 37.

Johann Hilten / ein Teutscher Baarfüsser-Mönch /hat eine Prophezeihung [424] im Jahr 1487. ans Licht geben und geweissaget, daß der Türck in 1600. in Teutschland und Italien regieren, Gog und Magog im Jahr 1606. über gantz Europa herrschen, und daß das Jüngste Gericht unfehlbar im Jahr 1657. kommen solte. 20 Vid. Melch. Adam, in Vit. Theolog. p. 5.

Camerarius erzehlt, Medit. histor. cent. 1. cap. 41. daß ein gewisser Pfarrherr / ein ziemlich-gelehrter Mann und Rechenmeister, in einer Predigt angekündet hätte: Der Welt Ende wäre vorhanden, und Tag und Stunde gesetzt, an welchen solches alles geschehen solte, nach Anleitung dieser Worte: VIDeb Vnt, In qVeM pVpVgerVnt, sie sollen sehen / in welchen sie gestochen haben. 21 Wie nun ein grosser Theil von den Einfältigen solches glaubte, so macheten sie sich gute Tage, und verzehreten all ihr Gut mit Schwelgen und Sauffen. Wie die angesetzte Stunde heran nahete, versammleten sie sich alle in die Kirche, und erwarteten mit grosser Andacht das Ende der Welt, worzu oben-berührter Pfarrer sie mit einer beweglich- und darzu schickenden Predigt unabläßig bereitete und erweckte. Ehe noch die Predigt zum Ende, entstunde ein grausames Wetter mit Donnern und Blitzen, daß auch jeder vermeynete, die Welt solte selbigen Augenblick vergehen; [425] wie aber der Sturm fürüber war, blieb alles in seinem vorigen Wesen und Stande. Da die arme und der Schrifft unerfahrne Menschen solches mercketen, wurden sie über ihren Pfarrherrn so erbittert, daß sie ihn gewiß ermordet, wann er sich nicht verstecket, und dieselbe von andern verständigen Männern wieder wären zurecht bracht worden. Vid. Gabr. Block /§. 39.

Der Frantzos / Jean Desmarets, ist über die massen kühn und unverschämt gewesen, indem er nicht wie die Oracula, oder seines gleichen im Dunckeln und mit zweydeutigen Rätzeln und Worten, sondern offenbar und deutlich, verkündet, daß der König in Franckreich, Ludovicus XIV. den Mahomet und alle dessen Secten ausrotten solte. 22 Er bezeichnete in seiner Mutter-Sprache Zeit und Ort, die Personen und die Art, mit allen ihren Umständen, als: Daß der Pabst und der König in Spanien, welche damahls lebeten, als Desmarets dieses kund machete, dem König Ludovicus in Avignon begegnen und alle Könige und Fürsten sich daselbst versammlen und berathschlagen solten, auf was Weise dieses grosse Werck am besten vorgenommen und vollführet werden könte; daß alle Christen zu der Römischen Kirchen fallen würden; daß der König Ludovicus, als das Haupt aller Christen, [426] das Christliche Kriegs-Heer anführen, die Türcken und alle Muhametaner, zu Wasser und Land, übern Hauffen werffen und verstöhren solte. Von sich selbst sagete er: Daß er wäre der Prophet Eliacim Michael, und solte zur Gesellschafft bekommen die hundert und vier und viertzig tausend Seelen von den Kindern Israel, davon in der Offenbahrung Johannis Cap. VII. ℣. 4. geredet wird, die er dem König in Franckreich zustellen solte, daß derselbe sie gebrauchen könte, den Befehl auszurichten, welchen er von GOtt durch ihn bekommen würde.Idem §. 39. 40. Dieses verfassete Desmarets in einem Buche, unter dem Titel: Avis au Saint Esprit au Roy; oder: Des Heil. Geistes Rath / dem König gegeben. Daß aber Desmarets ein Phantast gewesen, hat die Erfahrung bezeuget, daß man demselben vielmehr gerade zuwider von aller Zeit her bemühet gewesen, zu der Türcken und Heyden Lust und Vortheil, die Christen selbst, leider! auszurotten und zu verwüsten; scheinet also nicht, daß der König in Franckreich zu der Türcken Untergang helffen werde.

Oben angeführter Autor schreibt pag. 782. Als ich vor etlichen Jahren in Holland studirte, wurde mir folgende Copey einer Prophezeyung eingehändiget: Es sind in Italien zwey neue Propheten [427] auferstanden, welche nach Boulogne kommen, und weil sie einen solchen Geist haben, der vom Ende der Welt und Buße prediget, haben sie grosse Furcht verursachet, weil sie sich Aposteln nennen, sie sind solche Männer, daß man ihres gleichen nicht gesehen, beyde sehr alt, und sehen einander so gleich, als Brüder, haben einerley Kleider, gehen barfuß und mit blossem Haupt, sagen: GOtt sey sehr erzürnet über Boulogne, und wann sie sich nicht bekehre, werde die Stadt in drey Monaten untergehen. 23 Der Magistrat hat schon verbotten solche Dinge zu reden / aber sie haben das Gebott verlachet, und gesaget: Sie seyen Propheten, von GOtt gesandt; worüber man sie ins Gefängniß geleget. Einige des Magistrats haben aus Curiosität mit ihnen gesprochen, denen sie auf Hebräisch, Griechisch und Lateinisch in allen Sprachen geantwortet. Sie sagen den Leuten an, ob sie Böses oder Gutes gethan haben: sie führen ein strenges Leben, essen nichts als Brod, und trincken Wasser, sagen: sie kämen aus Damasco und Galilæa, von welchem Ort sie expressè von GOtt gesandt worden, den unbußfertigen Leuten ihren Untergang zu predigen; es sey ein jeder 700. Jahr alt, und versichern, daß das Ende der Welt Anno 1719. kommen werde. Die Jesuiten haben sie in Ketten schliessen lassen, um sie nach[428] Rom zu führen, darüber sie sich sehr erfreuet, aber da in Gegenwart jedermanns die Ketten wie Weber-Faden zerrissen. Sie sagen weiter: Daß der Krieg Anno 1711. in der gantzen Welt brennen werde. Constantinopel und der Groß-Türck werden 1712. zu JEsu Christo bekehret werden. Anno 1714. werden alle Nationen den rechten Glauben annehmen. Anno 1715. werde eine verklärete Person aufstehen. Anno 1716. werde Africa untergehen. Anno 1717. werde durch die gantze Welt ein erschrecklich Erdbeben seyn. Anno 1718. werde die Erde in grausamen Schröcken seyn. Anno 1719. werde JEsus zu Gericht kommen.

Zum Beschluß dieses Capitels wollen wir aus Gabriel Block § 21. noch eine solche falsche Wahrsagerey allhier mit anmercken: Als Ferdinandus, König in Neapolis, nicht konte überredet werden, die Juden aus dem Neapolitanischen Reich zu jagen, auf diese Weise, wie sein Verwandter, der König Ferdinandus von Arragonien, in Spanien, gethan hatte, fing ein ungelehrter Leye-Bruder, Franciscus Hispanus genannt, öffentlich an, und sagete: Daß er von einem Engel Offenbahrung [429] hätte, daß solches Ferdinandi Neapolitani Verhalten GOtt mißfalle, und der Göttlichen Straffe zu entgehen, müste der König unverzüglich seines Bluts-Verwandten rühmlichem Exempel nachfolgen; aber sobald er sahe, daß er mit seinen Predigten nichts schaffete, ließ er eine erdichtete Prophecey in eine bleyene Taffel eingraben, in S. Cataldi Nahmen, welche bleyene Taffel er hernachmahls unter eine alte Kirchen-Mauer in Oranto vergraben ließ; drey Jahr hernach wurde ein anderer Priester subornirt, welcher öffentlich verkündete, wie er Offenbahrung und Befehl von St. Cataldo bekommen, eine Taffel auszugraben, an der oder der Stelle, welches auch geschahe. 24 Auf beregeter Taffel wurden also etliche Sprüch-reiche Befehle gefunden von der Juden Ausrottung, mit besonderer Verwarnung an den König Ferdinand, bemeldete Schrifft nicht zu lesen, ohne in Gegenwart seiner getreuesten und verständigsten Ministren. Welches alles, wie es der König nicht achtete, der ohne Zweiffel von dieser Practique Wind bekommen, griffen die Münche wieder zu ihrem vorigen Handwerck, mit Predigen und Schwermen, so greulich und überall, daß gantz Italien, insonderheit aber der Römische Hof, darüber bestürtzt wurde. Vide Jovium Pontonum lib. 2. Serm. cap. ult.

Marginalien

1 I. Geschicht.
2 Beschwerung / so teufflisch / wird zum Wahrsagen gebrauchet.
3 1. Oraculum zu Delphis.
4 2. Oraculum Iovis Hammonis.
5 Oraculum Arietinum, wo selbiges anzutreffen gewesen.
6 Wunder-Brunn.
7 3. Oraculum Dodonæi.
8 4. Oraculum Trophonii.
9 I. Geschicht.
10 Wie dieses Oraculum erfunden worden.
11 Ursprung dessen Nahmens.
12 Wie solch Oracul venerirt worden.
13 5. Oraculum Amphiarai, wie sich solches offenbaret.
14 II. Geschicht.
15 Vom Tod des Amphiarai.
16 Was ihm nach seinem Tod für Ehre bezeiget worden.
17 Was von den Ausspruchen der Oraculen zu halten.
18 Wann und wie diese Oracula untergangen und ein End genommen.
19 König Matthias in Ungarn wird durch falsches Wahrsagen verleitet.
20 Falsche Prophezeyhung eines Baarfüsser-Mönchs.
21 Pfarrer verkündet fälschlich den Jüngsten Tag.
22 Falsche Wahrsagung Desmarets von Ausrottung des Turckischen Reichs.
23 Wunderbare Wahrsager zu Boulogne, und derer befundenen Lügen.
24 Ein Münch propheceyet König Ferdinand mit Betrug.

30. Von Calender-Wahrsagereyen

[430] XXX.

Von Calender-Wahrsagereyen.

Was für phantastische Aberglauben unter den Calender-Nahmen fürlauffen, davon wäre ein gantz Buch voll zu schreiben, dann derselbe ist bey vielen einfältigen Leuten dergestalt eingerissen, daß solche in ihrem Haußwesen fast nichts anheben oder verrichten wollen, wann sie nicht zuvor in den Calender gesehen haben, ob es auch ein glücklicher Tag sey, dieses oder jenes zu Handen zu nehmen: Dann will einer reisen /so siehet er in den Calender, was zu solcher Zeit für Wetter seyn wird. 1 Will er Artzney gebrauchen /so soll ihm solches der Calender rathen, will er aderlassen / so muß das im Calender stehende Laß-Männlein zu Rath gezogen werden, will er baden und schröpffen / so muß der Tag in dem Calender darzu gezeichnet seyn, will eine Frau ihr Kindlein von der Brust entwehnen / so muß es ihr der Calender rathen, will einer sein Haar beschneiden lassen / so kan solches ohne vorhergehende Berathschlagung mit dem Calender, nicht geschehen, und was dergleichen aberglaubige Narrenpossen mehr seyn. Was das Prognosticiren [431] des Wetters anlanget, ob es regnen, schneyen, Sonnenschein oder windig seyn wird, kan wohl für keine geringe Thorheit gehalten werden, und wissen solches die Astronomi von selbst wohl, daß solches alles nichtig und vergebens, sie sagen aber: Sie müssen solches in ihren Calender mit einflicken, und den Unverständigen damit willfahren, nur, daß solche ihre Calender desto besser abgehen möchten. 2 Und solches ist auch die Wahrheit, dann wo die Witterung in Calendern ausgelassen würde, solte mancher den Calender nicht ansehen, dieweil der Aberglaub also starck bey gemeinen Leuten in diesem Fall überhand genommen: dann kein Astronomus wird mit Wahrheits-Grund behaupten können, was über 8. Tage für Wetter seyn werde, geschweige dann solches Jahr und Tag vorhersagen können. Von einem solchen Wetter-Propheten schreibt Marcellus Liv. de la Sage folie chap. 7. folgende Geschicht: 3 König Ludwig in Franckreich / der XI. schreibt er, hat einsmahls Bereitschafft machen lassen, auf die Jagd zu reiten, wolte aber gleichwohl gern wissen, was auf solchen Tag für Wetter seyn würde: befahl derowegen seinemAstrologo, solches nachzusehen, welcher, nach vielen Aufzügen mit seinem Astrolatico, sehr schön Wetter verkündete; wie aber der König aus Paris gekommen, und nicht wehr fern von der Tager-Parck war, begegnete [432] ihm ein Köhler / mit seinem Esel / welcher Kohlen nach der Stadt führen wolte, der sagete zum König: er möchte doch nur bald zurück kehren, er dem Schlagregen und Ungewitter ausweichen wolte, der König aber, welcher von seines Astrologi Bekräfftigung sicheren Unterricht eingenommen, achtete solches nicht, sondern verfolgete seine Reise: aber er war kaum in den Wald kommen; da fing es entsetzlich an zu regnen, zu donnern sich habende Leute zerstreuet wurden; ja der König selbst muste durch die Hurtigkeit seines Pferdes einen Ort suchen, daß er sich ein wenig unter Schirm und Sicherheit salviren konte: des folgenden Tages ließ der König solchen Kohlenbauer aufsuchen, vor sich kommen, und fraget ihn; wie er gewust habe, daß es vorigen Tages hätte regnen wollen? der Köhler antwortete hierauf: Der Esel / den Ihro Majestät gestern / mit Kohl-Säcken beladen / mit mir führen sahen / ist der sicherste Wahrsager / den man wünschen kan: Denn wann Ungewitter fürhanden / lässet er die Ohren und den Kopff sincken / und wird sehr traurig und laß. 4 So bald der König dieses hörete, ließ er dem Astrologo seinen Abschied geben, und sagete: [433] Daß er in diesem Fall keinen andern Astrologum gebrauchen wolte, als dieses Bauers seinen Esel; ließ dahero auch dem Kohlen-Bauer den Unterhalt für seinen Esel geben. Ist also fast sicherer, sich nach solchen Allmenachen zu richten, als dergleichen natürliche Prognostica von Gewitter in die Calender zu setzen. Es ist auch gewiß, daß durch die Thiere, Vögel, Frösche etc. vielfältigesmahl abgemercket wird, wann sich das Wetter verändern oder regenigt werden will, wie davon M. Gottfried Voigt / im zweyten hundert seines Physicalischen Zeit-Vertreibers / quæst. 23. schreibet, und mancherley Zeichen angemerckt, so eben auch nicht zu verwerffen, doch muß man sich auch sogar eigentlich an diese Dinge nicht binden, und daraus keinen Mißbrauch noch Glaubens-Articul machen.

Gleicher Gestalt werden auch bey den See-Fahrenden vielerley Zeichen von dem Wind angemerckt, welche eben auch sogar nicht an Seite zu setzen: Fr. Baconus de Verulamio in Histor. Ventor. p. 89. hat solcher Zeichen ein ziemlich Theil zusammen gelesen, derer einige allhier kürtzlich zu gedencken: 1.) Wann die Sonn bleich untergehet. 5 2.) Wann sie untergangen, roth wie Blut, anzusehen ist. 3.) Wann sich die Sonnen-Strahlen vor ihrem Aufgang zeigen. 4.) Wann die Sonn im Aufgang mit Wolcken bedeckt ist. 5.) Wann [434] sie im Anfang mit einem Circul umgeben. 6.) Wann das Meer still ist, und sich obenhin Blasen oder Schaum sehen lässet. 7.) Wann die Wasser-Vögel zusammen kommen und Hauffen-weiß fliegen. 8.) Wann die Meer-Schwein und Wallfische spielen: solcher Zeichen hat gemeldter Autor noch vielmehr angeführet.

Was dieses für eine Thorheit ist, wann man im Calender sehen solte, zu welcher Zeit gut Artzney zu gebrauchen: wie manchem Krancken wurde übel gewartet seyn, wann derselbe so lange Zeit liegen solte, bis ihn der Calender zur Medicin anmahnete: Noch mehr ist zu schelten, wer auf Tage wählet, wann man eine Aderlaß von nöthen hat: da wird der Calender bald zu hinderst, bald zu forderst durchsuchet, wo der Calender-Prophet ein rothes oder doppelt-rothes Creutzel hingezeichnet, dessen sich auch die Bartscherer und Bader zu bedienen wissen, und solche Tage an theils Orten ein rothes Läpplein oder Binde an ihre Stange hencken: da lauffet dann solches blinde Volck zu, in Meinung, daß dieses der Tag, oder doppelte Tag des guten Aderlassens sey; Andere haben noch ein grösser Vertrauen zu dem im Calender stehenden Aderlaß-Männlein: welches zeiget, an welchem Glied ein jedes himmlisches Zeichen seine Würckung hat: bey solchem ist der Glaub so groß, daß auch [435] alles Einreden bey dergleichen Leuten nichts verfangen will: da muß auch bey unwissenden Bartscherern der liebe Mond, erstes, zweytes oder drittes Viertel erwählet oder verworffen worden: des Tage-Wählens, als welche gut, oder verwerfflich seyn, zu geschweigen: das beste Zeichen zum Aderlassen aber, wird ein schön heiterer und heller Tag seyn, oder wann solches die höchste Noth bey gefährlichen Kranckheiten erfordert: gleiche Bewandtniß hat es auch mit dem Schröpffen, da muß ein Schröpffköpff im Calender stehen, als dann läufft der Bader mit einem Becken die Stadt durch und durch, und läutet dadurch ins Bad, worauf dann das aberglaubige Volck auch in solcher Dummheit zurennet, in Meinung, daß sie es damit wohl getroffen haben: Noch närrischer kommts mir für, wann solche Calender-Schmierer den armen einfältigen Weiblein mit ihren Zeichen vormahlen, wie sie ihre Kinder von der Brust entwehren solten: worinnen doch gar nichts verständiges zu finden, dieweil eine jede Mutter selbst besser weiß, wann sie ihr Kindlein entwehnen will, weßwegen auch gar wenig auf solche Prophetische Weissagung gehalten wird. 6 Bey dem Haarabschneiden / wo im Calender die Scheer, ob sich gekehrt, wann es gut, und unterwärts gekehret, wann es böß seyn soll, [436] stehet, solches ist eine Verlachens-würdige Thorheit.

Es ist derowegen eine aberglaubische Thorheit, wann solche Leute zu allen ihren Geschäfften sonderbare Tage und Stunden erwählen, welches doch rechtschaffene Christen fliehen und andere davon abhalten solten, und dannoch finden sich sehr viele, die nichts ohne den Calender in ihren Geschäfften fürnehmen wollen: so wohl im Säen / Pflantzen / Holtz-Fällen und dergleichen, wann sie nicht ein glücklich Zeichen darinnen finden: ja es kommen öffter solche närrische Dinge zum Vorschein, daß die Leut auch wissen wollen, wann gut Ertz, Zinn, Bley, Eisen etc. zu graben: wann gute Zeichen zum Kauffen und Verkauffen, neue Kleider anlegen, Nägel abschneiden, Geld einnehmen, fischen, jagen, über Feld ziehen, Gesind dingen, gut Heyrath machen, und was tausenderley des Dinges mehr ist.

Was noch ein mehrers, so entblöden sich solche Calender-Schreiber nicht, auch in grosser Herrn und Potentaten Cabinet, oder wohl gar in Göttliche Raths-Cammer zu schlieffen, und derer Prognostica also einzurichten, als wann solche sehen könnten, was unter solchen grossen Herrn, bald in Norden, bald in Westen geschehen werde. 7 Einer verkündet grosser Herren Tod; ein anderer glückselige Geburten; dieser grosse Niederlage und Feld-Schlachten; einer [437] Friede, einer Krieg: Noch im dißjährigen Calender 1717. wird prophezeihet, die in grossen Krieg verwickelte Haupter, verstärcken ihre Armeen: ja wohl, mein lieber Calender-Schreiber, das ist recht getroffen, aber was andere solche Händel antrifft, als: Ein hohes Haupt fället in eine gefährliche Kranckheit; Ein hoher Printz wird der Welt, adjeu sagen. Einem König gehet ein grosser Anschlag zu nichte. Es werden grosse Anstalten zu einer harten Belage ung gemachet. Traurige Bottschafften lauffen an unterschiedenen Orten ein. Eine glückliche Vermählung gehet von statten: Wann man diese und dergleichen Wahrsagungen betrachtet, so seynd die selbe also zu deuten: Daß es gar, wohl eintreffen kan, und scheinet, daß solche Wahrsager das Affenspiel von den Oraculis entlehnet haben. Kommen wir aber zu den Gesundheiten und Kranckheiten, und was solche davon prognosticiren, so soll das liebe Gestirn, die Creatur GOttes, mehr als derer Schöpffer vermögen: da soll bald der Monath, bald die Planeten und Gestirn, bald der Herbst oder Sommer, diese und jene Kranckheit bringen, da soll das Jahr fruchtbar oder unfruchtbar seyn. O ihr arme elende Menschen! die ihr eurem Schöpffer [438] vorschreibet / und von der Creatur mehr als von GOtt selbst / urtheilen wollet / der doch Leben und Tod, Gesundheit und Kranckheiten, Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit in seiner Hand hat, und regieret solche nach seinem allerheiligsten Wohlgefallen.

Ihr Herrn Astronomi wisset ja selbst wohl, daß euer nichtiges Prognosticiren lauter Phantaseyen sind; Ihr schreibt solche Gauckeley ja um keiner andern Ursach willen, als daß vierlerley in solchen zu lesen seyn soll, und daß ihr den Calender-Narren damit das Hirn füllen, und dem Verleger einen guten Abgang machen wollet. Es gibt ja Materia genug, ohne solches Lügen-Werck, damit die wenige Blätter in euren Calendern anzufüllen, daß ihr nicht vonnöthen hättet, solche einfältige Leutlein in ihrem Aberglauben mehr zu stärcken und zu verführen. Habt ihr nicht Materia genug, (an statt eines Hauffens ungereimter Dinge, und ärgerlichen, leichtfertigen und läppischen Historien, allerhand falschen Astrologischen Wahrsagungen, und dergleichen) zu schreiben von der Abtheilung des Jahrs und ihren vier Zeiten, als Frühling, Sommer, Herbst und Winter; von der Sonnen Lauff in die zwölff himmlische Zeichen; von sichtbaren und unsichtbaren Finsternissen; von der Julianischen, Gregorianischen und jetzigen Calender-Rechnung; [439] von Zehlung der Monaths-Täge, und darin enthaltener Fest-Tägen; vom Schalt-Jahr, von Sonntagen und deren Buchstaben; vom ab- und zunehmenden Monden-Licht; von den bekannten Nahmens-Tägen; von der güldenen Zahl, indict. roman. vom Planeten-Lauff, von des Tages Länge, Auf- und Untergang der Sonnen, und andern sicheren Dingen, die mit gutem Gewissen könnten aufgezeichnet werden, so werdet ihr nicht vonnöthen haben, solche läppische Sachen aufs Papier zu bringen.

Talander in seinen schertz- und ernsthafften Erquick-Stunden machet gewisse Calender-Reguln, die unfehlbar seyn, fol. 49. und saget: In bevorstehendem Jahr werden die Blinden wenig oder gar nichts sehen, die Tauben werden übel hören, und die Stummen nichts vernehmliches reden können. 8 Der Frühling wird warm und feucht, der Sommer aber heiß und trocken; der Herbst unbeständig an der Witterung, der Winter aber kalt und feucht gefunden werden. Im Sommer wird es zuweilen schön warm, auch regenhafft Wetter werden. Zwischen Hunden und Hasen, auch den Katzen und Mäusen, wird allezeit Unfried und Nachstellungen seyn. Es werden viele Ochsen, Kälber, Schaafe, Gänse und Hüner, sterben müssen. Viel Leute werden, wegen Armuth, Mangel haben, auch wird mancher [440] kranck werden und sterben. Die Reichen werden sich eher, als die Armen, etwas Gutes thun können, und den Armen wird das Dublonen ein zu wechseln verbotten werden. Im Märtz-Monat werden die Schaafe wohlfeilern Kauffs, als die Ungarischen Ochsen, zu bekommen seyn. In Nova Zembla und nahe dabey gelegenen Orten, wird die Kälte ziemlich hart werden.

Wann nun manchmahl zu geschehen pfleget, daß ein oder die andere solcher astronomischen Wahrsagungen eingetroffen, so muß man sich eben davon nicht verleiten lassen: dann gemeiniglich setzen solche ihre Wahrsagungen also, daß sie auf mehr als einerley Weise, zu des Wahrsagers Vortheil und Entschuldigung, können ausgedeutet werden, als e.g. es setzte einer im Octobr. Es werden diß Jahr im Monat October hohe Häupter im Reich fallen; wie der Calender-Schreiber darüber zu Rede gesetzt wurde, hat er es interpretiret, von den Ochsen /derer man viel um diese Zeit zu schlachten pfle get. Und wann schon einmahl so etwas eintrifft, so seynd es nur Sachen, so ohngefehr geschehen, woraus dann nichts gewisses von solcher Wahrsager-Kunst zu schliessen ist, wie aus folgenden zweyen Exempeln, so M. Gabriel [441] Block in seinem Buch, da er handelt von allerhand Wahrsagereyen / Nichtigkeit /Betrügerey und Falschheit / §. 4. & 5. angewiesen hat: 9 Im Jahr 1647. spricht er, im December-Monat, hat ein berühmter Astrologus in Franckreich, Larrivey genannt, in seinen Allmanach mit grossen Buchstaben gesetzt: Latin perdu, verlohren Latein; welche Redens-Art die Frantzosen insgemein gebrauchen, zu bedeuten, daß ein Anschlag mißgelungen. Nun trug sich zu, daß Wilhelmus Marcellus, Professor Rhetorices im Collegio de Lisieux in Paris, ein Programma anschlagen ließ, zur Parentation über den Feld-Marschall Gassion; weil aber dieser Gassion ein Huguenot war, däuchte einen und anderen Eifferer der päbstlichen Religion, daß sich nicht gebührete, daß ein Huguenot die Ehr geniessen solte, daß ihmparentiret würde, berichtete deßwegen solches an den Rectorem in dem Sorbonne, Gottfried Hermont, welcher alsobald die Parentation verbot, Marcellus beschwerete sich bey dem Reichs-Cantzler, aber er ward wieder an den Rectorem verwiesen, der sein voriges Verbot bestätigte, wodurch die Parentation gestürtzt ward. Sobald dieses geschehen, waren die Astrologi nicht säumig auszuschreyen, wie glücklich Larrivey es getroffen hätte. Der selige Professor, [442] Andreas Spole / erzehlte mir, wie ich in Upsal studirete, daß er sich nicht erinnerend, durch was Anleitung er im Januari-Monat seines Allmanachs über das 1661ste Jahr gesetzt hätte, daß ein vornehmer Herr unglücklich umkommen solte. Nun trug sich zu, daß des Reichs-Drostens / Grafen Magnus Gabriel de la Gardie, Sohn / ungefehr in selbigem Monat in Upsal todt geschlagen ward, wie er vom Pferd absteigen wolte. Wie nun hoch-gemeldeter Graf von ohngefehr beregetes Prognosticon in selbigem Calender ersiehet, fragete er den Professor Spole, was Grund er zu solchem Prognostico habe, und warum er ihn nicht vorher gewarnet hätte? Professor Spole antwortete hierauf, daß er keine andere Anleitung hierzu gehabt, als die alten astrologischen Regeln, welche er dem gemeinen Mann hie und da zu Gefallen, in seinen Allmanach einzuflicken pflegete; er aber selbst hielte, daß sie nichts zu bedeuten hätten, und wann er eine solche betrübte Begebenheit vorhersehen können, solte er nicht gesäumet haben, denen, die es angehet, zeitig anzuzeigen.

Wären also alle und jegliche Menschen für solchenastronomischen Wahrsagungen, die in die Calender geschmieret werden, billig zu warnen, dieweil nicht billig ist, daß man einfältigen Leuten dadurch [443] einbildet, daß das Himmels-Gestell und die Zusammenfügung der Sternen, dieses oder jenes Glück oder Unglück solte prophezeyen können, so in diesem Jahr oder Monat gewiß erfolgen werde, oder, wie dieser oder jener Potentat mit Tod abgehen solte. 10 Sehet, also pfleget die menschliche Vernunfft und Weißheit zu phantasiren, wann sie das Wort GOttes aus den Augen fahren lässet.

Was die Aspecten der sieben Planeten anlanget, und wie ein jeder Planeyt über den Menschen herrschet, davon wird so vielerley fabulirt, daß man gantze Bücher davon anfüllen könte. 11 Was aus denenselben für aberglaubisches Tage-Wehlen gemachet wird, davon haben viele gewisse Regeln schreiben wollen, wie bey Wolffgang Hildebrand / Colero und andern dergleichen Autoren zu lesen, als zum Exempel, dieConjunctio U mit dem

bringet einen unglückseligen Tag; du solt dich aber fürnehmlich hüten für diesen folgenden Menschen, als da seynd: Alte geitzige Bauern, Wucherer, Berg-Leut, Juden; hüte dich auch für Fürsten und allen Gewaltigen. Findet sich ein Zeichen * U, so soll es ein glücklicher Tag seyn, zu handeln mit Senioren und Bauers-Leuten, Wein, sammt anderem Garten-Gewächs, pflantzen, in Weinbergen anfahen zu bauen, Fechser legen, den Acker-Bau verrichten, im Erdreich graben, alte Gebäude [444] wieder verneuen, Vestungen bauen, auch auf diesen Tag die Weiber zufrieden lassen.

! U. Dieses Zeichen soll ein überaus unglücklicher Tag seyn, an welchem alles Vornehmen zu meiden. Hüte dich auch mit Kauffmannschafft in fremde Lande zu verreisen, dann all dein Vornehmen wird zurück gehen, wer es nicht glauben will, mag es mit Schaden erfahren. Hüte dich diesen Tag auch für Artzney zu gebrauchen; Item für Handlung mit Fürsten und grossen Herrn; meide alle Freunde und Feinde; hüte dich auch für Juden, München, Bauren etc.

Diese und dergleichen GOttes-vergessene aberglaubische Thorheiten beschreibet Wolffgang Hildebrand in einem Planeten-Buch / dessen sich gemeine unwissende Leute solchergestalt zu gebrauchen wissen, und ein Vertrauen darein setzen, als ob solches die lautere Wahrheit wäre, wodurch sie dem wahren GOtt seine Allmacht verkleinern, welcher doch einig und allein alles nach seinem heiligen Willen und Wohlgefallen regieret, auch alle Veränderungen, die in grossen Königreichen, Republiquen und andern Orten vorfallen, verursachet, ja auch die Hertzen der Menschen in allem ihrem Thun neiget und lencket, wohin er will. Kein Verständiger zwar wird nicht läugnen, daß das Gestirn in unsern Leibern grosse [445] Würckung habe, daß solche Würckung aber in oben angeregten Phantasien bestehen solte, und uns glücklich oder unglücklich im Handel und Wandel, oder unserm gantzen Thun und Leben, machen solte, wird sich kein vernünfftiger Mensch bereden lassen. So viel indeß von Calendern gesaget.

Marginalien

1 Einfältige Leutlein wollen alles aus dem Calender erforschen.
2 Astronomi wissen gar wohl / daß darauf nichts zu halten ist.
3 I. Geschicht.
4 Ein Esel prognosticirt vom Wetter.
5 Wie Seefahrende die Winde abmercken.
6 Wie der Aberglauben von Calendern bestättiget wird.
Bestes Aderlaß-Zeichen.
7 Astronomi schreiben doppeldeutige Prophezeihung in ihre Calender.
8 Schertz vom Calender-Prognostico.
9 II. & III. Geschicht.
10 Was man von solchen Prognosticiren glauben soll.
11 Was von Aspecten der Planeten fabulirt wird.

31. Von der Physiognomia

XXXI.

Von der Physiognomia.

Ob aus der Physiognomia des Menschen Gemüth, Gesundheit und Kranckheit könne abgenommen werden, davon schreibt Happelius in Relat. Curios. Part. II. p.m. 282. also: Die Physiognomia ist eine Wissenschafft, des Menschen Leben, Kranckheiten, und dessen Gemüth aus der gantzen Statur eines Menschenprobabiliter zu erkennen und davon zu urtheilein. 1 Daß aber allhier das Gemüth mit angeführet werde, daran ist Ursach, weil viel tausend Menschen gesund und lange lebeten, dafern sie ihre Affecten bezwingen könten. Die Affecten zu beurtheilen, gibt die Farbe des Angesichts, die Rede, die Bewegung der Augen, der Armen und des Ganges. Dann wie man lebt, so ist das Geblüth, wie dann hernach das Blut, welches [446] aus dem Hertzen herkommet, alsdann sich die Farben des Angesichts, und folglich der gedachten Glieder Bewegung, mit ereignen. Daß das Angesicht sich nach dem Gemüth ändert, solches beweiset die Heil. Schrifft Genes. 31. ℣. 2. Esa. 48. ℣. 4. Ezech. 2. ℣. 4. & 3. ℣. 8. Maccab. 4. ℣. 30. Hiernächst ist bekannt, daßex fumositate cordis das Gehirn mit unterhalten werde, dahero wie man lebet, alsdann das Gehirn ist. Die Dünste aus dem Magen, wann der Mensch nicht diærisch lebet, werden gleichfalls Schmertzen und Ungelegenheit dem Kopff machen. Zum Exempel: Ein Rittmeister, cholerischer Natur und kurtzer krauser Haare, lebete, wegen seines Haus-Creutzes, gantz unordentlich, wodurch nicht allein die Galle rege wurde, und per modum consensum das lincke Gehör mit litte, weil mit dem Gehör die Galle eine grosse Sympathiam hat, die krausen Haare veränderten sich und wurden länger und schlechter, die Dünste aus dem Hertzen und Magen verursacheten dem Kopff destomehr Flüsse, dadurch das Gehör mehr abnahm. Wann sich nun die Flüsse in dem Kopff und Stirn allzusehr häuffen, wird gemeiniglich eine Anmerckung der Stirn, als Finnen, Flecken und Wartzen, gefunden werden; falls man nun nicht zuvor kommt, werden solche Flüsse die Brust, Magen und Rücken treffen, die Wartzen, Flecken und Finnen- [447] Kranckheiten und auch causam morbi anzeigen, solches gibt die tägliche Erfahrung, nur muß man den Unterscheid machen, daß Wartzen und Flecken, die beständig im Angesicht gefunden werden, generaliter es nur andeuten, und wann es geschehen soll, solches die Liniamenten geben, die dieses Glied beherrschen. Hier ist höchst zu bewundern, wann der Mensch durch seine Affecten, oder durch einen andern Zufall, in Unglück gerathen, daß eben diese angedrohete Kranckheiten an dem Gliede sich anticipando ereignen und einstellen. Eine Wartze, je stärcker sie ist, desto grösser ist auch die Kranckheit, oder das Unglück. Wann sie demnach bey einem Menschen wachsen, nimmet die Kranckheit zu.

Ja es ist die Physiognomia eine solche Kunst, da man von des Menschen Gemüthe, Sitten und Neigungen, aus Linien und Zeichen, die sich an dem menschlichen Leibe und Gliedmassen befinden, etwas gewisses weissagen will. 2 Polemon und der Sophist Adamantinus, haben unterschiedliche Regeln davon verfasset, die sie aus der Erfahrung und langem Gebrauch wahrgenommen haben. Aristoteles hat ein besonderes Buch davon geschrieben. Hippocrates in lib. 2. de morbis popularibus hat hin und wieder davon etwas berühret. Für böse hält er diejenige, so roth-härig seyn, wie auch die, so eine spitzige Nase und kleine Augen haben; [448] für gut aber, die zwar härig seyn, aber die eine nieder gedruckte Nase und kleine Augen haben. Wiederum sind gut bey ihm die groß und kahl seyn / stammlen und eine schwache Stimme haben; Zornige aber, die ein grosses Haupt haben, kleine Augen / dabey stammlen / und mit der Zunge anstossen. Und abermahl: Zornige sind bey ihm, die mit den Augen wincken; gut aber, die einen grossen Kopff / schwartze und grosse Augen / und eine dicke und niedergedruckte Nase haben. Vid. Frid. Balduin. cas. consc. lib. 3. cap. 6. cas. 6. Die Mohren haben bey Erwählung ihrer Könige nicht die Stärckesten und Reichesten, sondern die Wohlgestaltesten und Schönsten vorgezogen, weil sie auf der klugen Gymnosophisten Gutachten für wahr angenommen, daß Wohlgestallte am Leibe auch von gutem Gemüth wären.

Ermeldter Autor. l.c. berichtet, daß der gelehrte Italiäner / Scipio Claramontinus, neun Bücher davon geschrieben, da er unter andern im 6. 7. und 8. Buch anweisen wollen, wie menschliche Gemüther geartet und gesinnet seyen, aus dem Haupt, Stirne, Augen-Braunen, Ohren, Augen, derer Farben, Nase, Munde, Gestalt und Angesicht, Leibs-Bewegung u.s.m. welche vor 40. Jahren D. Conring [449] in Teutschland lassen offentlich drucken, und denen bekannt gemachet, die vorhero davon nichts gewust haben. 3 So kan man nun (spricht er ferner) abnehmen, wie der Mensch inwendig beschaffen sey, und haben die Alten aus der Erfahrung manches wahrgenommen; an der Stirn, ob der Mensch ernsthafft oder zornig, oder aber sanfft müthig und gelinde; an den Augen, ob das Gemüth unbeständig, fromm, demüthig, oder züchtig sey; an den Augbraunen, ob er niederträchtig oder hochmüthig sey; an dem Munde, ob er lebhafft sey; an der Nase, ob er hönisch oder spöttisch sey; an den Wangen, ob er schamhafftig und keusch sey, u.s.f.Plato hat sollen können aus der Farb abnehmen, ob einer frisch, behertzt, grimmig, andächtig und verliebt wäre. Socrates hat aus der Rede der Knaben Gemüther erforschet, wie denn auch Syrach spricht,cap. 28. ℣. 7: Man mercket an der Rede, wie das Hertz geschickt ist.

Auch hat der Kirchen-Lehrer / Gregorius Nazianzenus, auf diese Kunst sich wohl verstanden, welcher, wie Niceras bezeuget, seines gleichen nicht gehabt, in Unterscheidung der menschlichen Angesichter, und hat am allerbesten von dem innerlichen Menschen aus dem äusserlichen Ansehen und offenbaren Dingen urtheilen können. Er hat Orat. 4. in Julian. den Julianum nach seiner Gestalt und Angesicht [450] beschrieben, was für einer er inskunfftige seyn wurde, und angewiesen, wie er aus seinen schwachen Füssen, zuckenden Schultern, herum vagirenden und wilden Augen, hönischen Nase, liederlichem Lachen, übereilten Fragen und unbedächtigen Antworten, nichts Gutes schliessen könne. Es kont bey mir nichts Guts bedeuten, als ich sahe, daß er keine vest und starcke Schenckel hatte, daß er die Schulter dann und wann bewegete und aufzog, mit seinen Augen herumschweiffete, und wie ein rasender toller Hund aussahe, daß er keine veste Schritt that, sondern mit seinen Füssen wanckete, daß er seine Nase hönisch aufwarff, und sonst lächerliche Minen machete, unhöfflich und übermäßig lachete, ohne Ursache mit dem Haupt nickete und winckete, mit seiner Rede anstieß und dabey offt Athem schöpffete, schnell fragete, und nicht weniger unbedachtsam antwortete.

Aristoteles saget, nach Anweisung des Autoris deswohl-informi rten Redners / wer unter einer gewissen Art Viehes zu thun hätte, könte gemeiniglich aus der Gestalt das gute und böse erkennen, nehmlich, ein Jäger die Hunde, und ein Reuter die Pferde. 4 UndFranciscus Valesius spricht de Sacra Philosophia c. 32. p. 217. Es finden auch die weltlichen Gesetze bisweilen aus der Physiognomia einen Grund, dann wann man auf zwey [451] Menschen einen Verdacht wegen eines Lasters würffe, so möchte man nur denjenigen am ersten martern, welcher das garstigste Angesicht hätte. Er antwortet aber darauf gantz recht, daß an denen unvernünfftigen Thieren die Merckmahle gewisser wären, als bey denen Menschen, dieweil jene ausser der Natur nichts hätten, diese aber genössen ausser der Gnade GOttes eine gute Auferziehung und Zucht, dahero geschähe es auch, daß bisweilen böse Zeichen durch ein gutes Leben verbessert würden, die guten Zeichen aber, wegen verabsäumter Auferziehung, mit der That nicht übereinkämen, der Mensch könne offtmahl simuliren und dissimuliren, die Natur, Stirn, Augen und Gesicht prophezeyeten manchmahl falsch, und die Rede sey mehrentheils gar betrüglich; gleichwohl habe die Natur das Gemüth in dem Leibe einigermassen vorgestellet, und Mittel, das Gemüthe aus dem Leibe zu erkennen, an die Hand gegeben.Vid. Reuters Reich des Teuffels p. 824. seq.

Bey den Kranckheiten kan man auch anmercken, daß zu solcher Zeit alle Nägel am Menschen weich werden, die Höfe an den Nägeln der Finger nehmen ab und vergehen, dergleichen an einer Durchlauchtigen Person, so tödtlich verwundet worden, abgemercket. 5 An dem Leibe finden sich auch offt ein und andere Zeichen, welche in dem Angesicht nicht gefunden werden, [452] inmassen man bey einem armen Mägdgen zu Hannover, nahe bey der Hertz-Gruben, Sonne, Mond und andere Sterne stehend verspühret, die bey Veränderung des Mondens kleiner und grösser worden; gleichfals hat es eine solche Bewandtniß mit ihrem Gehör gehabt, daß sie zu einer Zeit etwas weniges, zu anderer Zeit gar nichts hören können. Zu Bestärckung solcher Meynung kan man des weit-berühmten Medici, Bartholini, Anatomi sche Geschichte pag. 383. lesen, also: Ich habe in unserm Vaterlande eine sonderbare Einstimmung des Mondes mit einem an dieser Seuche kränckenden Cörper gesehen. Die Tochter der Sophien in dem Königlichen Garten zu Friedrichsburgk, mit der schweren Noth behafftet und meiner Cur sich bedienend, hat scheinbare Flecken in dem Angesicht gehabt, die den mannigfaltigen Schein und Veränderung des Monds, sowohl an Farben, als an Grösse, vorgestellet haben. Nimmet man nun die Nase, so wird man finden, wann sie gezeichnet ist, daß es Galle, Stein, Gonorrhœam, und bey denen unzüchtigen Leuten morbum Gallicum bedeutet. Dannenhero siehet man, wann solche Venerische Leute nicht beyzeiten Mittel gebrauchen, daß bey ihnen die Nase unglücklich und abscheulich wird, auch wohl gar abfället. Man findet auch bey den Kindern, wann sie in den inferioribus & grossioribus intestinis [453] Würme, i.e. cucurbitinos haben, werden sie an der Nasen, als bey den Nasen-Löchern, viel Jucken und Griebeln empfinden. Daß die Nase mit dem Unter-Leib, absonderlich mit den Pudendis, eine grosse Verwandtniß habe, wird viel muthwillig Frauen-Volck solches zu judiciren wissen; sie finden sich aber zum öfftern betrogen, indem der Mütter Impression, so sie schwanger gehen, die Pudenda vergrössern und verringern kan. Auch bezeuget die tägliche Erfahrung, daß in febribus acutis, wann die Nasen und Nasen-Löcher allzuspitzig werden, es eine Anzeigung des Todes sey, sintemahl die nätürliche Hitze allzuschwach, und zu den äussersten Gliedern nicht gehen könne. In hecticis werden gleichfalls die Nase spitzig, allein hieran ist Ursach, weil die Feuchtigkeit allzusehr verzehret worden, und gleichsam eine Anzeige, daß die Kranckheit gefährlich und tödtlich sey.Anno 1674. hat ein vornehmer Dänischer Abge sandter unterschiedlichen erzehlet, daß er vor der Hochzeit mit seiner Liebsten auf eine Zeit freundlich geredet, da sich eine Ader im obern Theil feiner Nase geöffnet hätte, und häuffig Blut heraus geflossen wäre. 6 Da nun das Bluten nachgelassen, wäre keine eintzige Anzeige solcher eröffneten Ader zu finden gewesen: sonsten weiß man sehr viel Exempel, daß, wann verliebte Personen beysammen gewesen sind,[454] sie aus den Nasen-Löchern geschweisset haben. Aus dem Munde werden viele Kranckheiten des Schmeer-Bauchs, der Genitalien, Brüche, wie auch Obstructiones alvi & menstrui, abgenommen. Eines Fuhrmanns Söhnlein vor dem Elster-Thor zu Wittenberg / welches von seiner Mutter und dessen Schwester den 11. Febr. des 1680. Jahres zu einem erfahrnen Liebhaber der Physiognomiæ gebracht ward, hatte einen Bruch, derselbe war nicht von Natur, als von der Influenz des Himmels, sondern vom Geblüt der Eltern. Vater und Mutter waren nicht gebrechlich, sondern der Frauen Vater, als Groß-Vater des Kinds; hingegen der Frauen Schwester und ihr Bruder hatten Brüche, die Schwester hatte im Gebähren ihren Bruch bekommen, der Bruder aber von Natur, wie die Wartzen anzeigeten. Zum Munde gehören ja auch die Zahne und die Zunge. Daß nun auch die Zunge etlichen Kranckheiten unterworffen, solches gebrauchet allhier keiner weitläufftigen Erörterung, vielmehr ist höchst zu verwundern, daß auf der Zungen Wartzen gefunden werden, davon wollen wir nur etlicher Exempel gedencken: Als zu Halle, (schreibt Happelius in Relat. Curios. P. 2. pag. 285.) in dem Wirths-Hauß der H. drey König benahmt, Anno 1668. über dem Tisch, in Gegenwart vornehmer Herren, Tit. Herr Georg Neumarckt / [455] Vice-Com. Palat und Hoch-Fürstl. Sachsen-Waymarischer Gerichts-Secretarius, fragete: Ob es möglich wäre, auf der Zung eine Wartze zu haben? Darauf solches mit ja beantwortet, und zugleich die Unpäßlichkeit der Zungen mit angezeiget worden; welches imgleichen damahls sein Reise-Camrad bejahete, und alle Anwesenden seine Wartze auf der Zunge sehen liesse. Zu Wolffenbüttel hatte ein Hof-Cavallier Anno 1678. auch Wartzen an seiner Zungen, deßgleichen eines Hoch-Fürstlichen Braunschweig-Lüneburgischen Lieutenants Kind, 9. Viertel Jahr alt, viel Wartzen auf der Zunge gehabt; wann nun die Colligantia membrorum beobachtet wird, werden die Wartzen vergehen. Unter andern ist denckwürdig, wie der Hoch-Gräflich-Sollmische Informator zu Sonnenwalde etliche 20. Wartzen auf beyden Händen gehabt; da aber derselbe mit Pferd-Haaren vier abgebunden, sind darauf die andern alle miteinander in kurtzen Tagen von sich selbst vergangen. Was demnach diese Wissenschafft bey den armen Patienten vor einen Nutzen habe, solches wissen verständige Medici zur Gnüge zu erkennen, durch derer Hülff sie in schweren Kranckheiten causam morbi zu erforschen fähig sind, und wie denselben müsse abgeholffen werden. Dessen Möglichkeit ist inFernelii Ambiani Pathologia de Signis p. 34. nachzuschlagen.

[456] Wolffg. Hildebrand in seinem Kunst- und Wunder-Buch Part. III. p.m. 550. schreibt: die gantze Physiognomia sey den Mahlern, Bildhauern, und allen denen, so dergleichen künstliche Arbeit verfertigen, hoch vonnöthen, dadurch eines jeden Menschen Eigenschafft und Art der Sitten und Gemüths nicht allein erlernet und eigentlich geurtheilet werden mag, sondern ein jedes Bild darnach mancherley Weise von kunstreichen Bildhauern gebildet und formiret werden soll. 7 Und erstlich ist zu mercken, daß, den rechten Grund dieser Kunst zu erlernen, der Mensch unterschiedlich seiner Gestalt und Gesicht nach geurtheilet werden soll: als wann nach der Art seiner Nation, seines Vaterlandes, seines Geschlechts, und wie er an sich selbst gestalt ist, und für das erste, ob er ein Mohr oder Assyrer wäre, zu Theben oder zu Egis erzogen, gefraget würde, wird solches am besten aus der Kleidung oder Tracht gesehen; wie Virgilius schreibt, von den Trojanischen Jungfrauen, daß sie Pfeile und Köcher getragen. Derohalber künstlichen Bildhauern insonderheit vonnöthen, mancherley frembde Nation, Gegne, Land-Art, Sitten, Trachten, Gewohnheit und Manier eigentlich zu wissen: Denn die gegen Mitternacht, gegen dem Polo arctico wohnen, die seynd vor andern länger von Leib, weisser Farb, weicher, zärter, gelbfarbet Haar, grauer [457] Augen, flach, feist, fleischig, bauchig und leibiger; Zorn-jähig, einfältig, leichtfältiges Raths, jähe, unverständig, grob, und zu allen guten Künsten und grosser Subtiligkeit ungeschickt; wie dann fürnemlich bey den Schweden, Dänen und Nieder-Sachsen gemercket wird.

Die aber, so gegen Mittag wohnen, die haben schwartz-krause Haare, schwartze Augen, sind kurtz von Leibe, starck von Schänckeln, brauner Farbe, dürr, mager von Leib, und zu guten Künsten untauglich, aber doch voller Gedancken, leichtfertig, arglistig, lügenhafftig, gewinnsüchtig und diebisch, doch einer mehr, denn der andere, nachdem jede Landschafft den beyden Polis, dem Mitternächtigen oder Mittägigen, am nächsten gelegen, als die Sardinier, Sicilier, Mauritianer oder Mohren und Araber. 8

Aber die in der Mitte gelegen, die haben auch eine mittelmäßige Complexion oder Qualität, sind mittelmäßiger Gestalt von Leibe, ihre Haar weder zu krauß noch zu schlecht, von Farben etwas bleicher, schöner von Angesicht, sinnreich und zu allen guten Künsten und der Lehr wohlgeschickt; barmhertzig und guter Sitten, fürnehmlich die Griechen und rechten Italiäner.

Aber welchem Lande eine jede Nation am nähesten, nach demselben, als ihren Nachbarn, verändert sie ihre Sitten und Art am meisten, denn die Libier vergleichen [458] sich mehr mit den Hiberis, die Hiberi mit den Celtis, wie auch die Lybier den Mohren in Aethiopia, und die Celten mit den Franzosen, in Gestalten und Sitten gleicher und ähnlicher.

Alle Völcker aber, so gegen Mittag gelegen, die werden von Wärme und Truckenheit regieret, aber die gegen Mitternacht, dargegen wieder von Kälte und Feuchte, also wird auch von denen verstanden, so beyderseits gegen Orient und Occident gelegen, solche Arten den beyden Polis nach.

Doch begibt es sich etwan, daß sich die Nationen verändern, also, daß ein Volck aus einer Landschafft in die ander ziehet, dadurch eine Vermischung verursachet wird, als wo die Italiäner in Thraciam, oder die Thracier in Italien zögen, die Perser in Aßirien oder die Aßirer in Persien. 9 Aber dem Geschlecht nach wird der Mensch auch geschauet, und seiner Gestalt nach judicirt oder geurtheilet, nicht daß man frage, wer seine Eltern und wes Stammes er sey, sondern ob er männliches oder weibliches Geschlechts sey: denn in diesem ist fürnehmlich ein mercklicher Unterscheid; denn das männliche Geschlechte ist das fürtrefflichste, gerecht, unerschrocken, kühn, großmüthig, standhafft, freyen Muths, fromm, freygebig und herrliches Ansehens.

[459] Aber dargegen ist das weibliche Geschlecht verachteter / zänckisch / furchtsam / frevelmüthig /ungezähmt / hinläßig / gifftig / unverträglich / unbeständig / wanckelmüthig / böser / schalckhaffter und geitziger Art. 10 Es ist auch das Weib menschlicher Proportion und eigentlicher Simmetria nach kleiner von Haupt, denn der Mann, kürtzer von Person, weicher und schwärtzer von Haar, schmähler von Angesicht, heller brennender Augen, dünner von Halß, schwerer Brust, weich in Seiten, Hüfften und Diechen, völliger fleischiger Waden, und kürtzer gebeinet, unter den Knien hinab, die Hände und Füsse etwas aufgelauffen, und am gantzen Leib lieblicheres Ansehens, linder, und im Angreiffen weicher, die Stimme klahr, die Schritt enger oder kürtzer, die Glieder alle völliger, und in allem Thun und Bewegung langsamer.

Weiter wird der Mensch für sich selber auch angesehen, seiner Gestalt nach judicirt, und seine Natur und Eigenschafft erkundiget, aus zweyerley Dingen, so der Substanz der Glieder angehefft, und der Gestalt und Wesen des gantzen Cörpers mit theilhafftig seyn; als aus dem Angesicht, Alter und Gange, der Stimme und dem Athem. Aber zum andern wird er gesehen und seiner Gestalt nach judicirt [460] und geurtheilet von äusserlichen Umbständen, als aus der Zierde, Nahmen, Stand oder Art, Zeit und dergleichen, die Gebährden und mancherley Vorstellungen des Angesichts, und auch die Farbe, welche darinnen das Mittel hält.

Wann man nun aus allen diesen Zeichen die Natur, Eigenschafft und Sitten der Menschen erlernen, und auch die Bilder in solcher Gestalt künstlich mahlen und bilden will, daß solche von ihnen erkannt werden, kommen uns die Augen am ersten für, als die fürnehmsten, ingleichem derer angehörige Theile, so denselben am nächsten sind, als das Augensternlein, die Augbraunen, Stirn, Wangen, Augenlieder, die Nase, die Lefftzen, der Mund, die Backen, Haar, Ohren und das Haupt selber. 11 Von diesem werden in die andere Ordnung gesetzt, was um die Brust und um den Rucken herum zu finden; In die dritte Ordnung gehöret, Arm, Hände, Hüfft und Füsse; aber in die letzte Ordnung die Dieche, der Bauch, der Rucken, Lenden und Waden, von solchen Gliedern aber, ist von jedwedem besonders zu urtheilen.

Aus den Augen ist in der Physiognomia viel zu urtheilen, denn in solchen ist gar mancherley Unterscheid: ihrem Wesen nach sind solche entweder groß, mittelmäßig oder klein, weit vor dem Kopff liegend, oder tieff hinein gedruckt, geschwollen, [461] eben oder ein gefallen, beweglich, stät, zitternd, stätig, blitzend, viel oder wenig blickend gesehen und geurtheilet. 12 Aber des Gesichts halber werden sie unterscheidet, ob sie zwitzern, feucht oder trocken, schön, gläntzend, finster oder dunckel, frech oder traurig, scharffes oder dunckeln Gesichts, ernsthafft oder leichtfertig, tückisch oder freundlich, samt noch mancherley dergleichen Anmerckungen: dann auch haben sie mancherley Unterscheid an der Farbe, etliche sind schwartz, etliche grau oder blau, und dergleichen auch von vermischeten Farben, die halber-schwartzen Augen, so man die braunen Aeuglein nennet, sind fast freundlich; andere sind roth, gelb, Feuer-farbig, und noch andere Arten mehr. Was aber die Qualitäten solcher Farben betrifft, gründlich zu untersuchen; dieweil solches eine gar weitläufftige Beschreibung erfordert, wollen wir solche allhier gesucheter Kürtze wegen übergehen, und nur ein weniges davon berühren, im andern Theil aber dieses Buchs, derer mit mehrerm gedencken.

Wir wollen uns allhier bedienen, fürnehmlich, was von Aristotele und Adamantio hievon aufgezeichnet, welche beyde treffliche Philosophi in der Kunst derPhysiognomiæ genugsam bezeuget, und alles grundlich und wahrhafftig dargethan; und will Aristoteles, daß das rechte Maaß der [462] Augen weder zu klein noch zu groß seyn soll. 13

Weit-aufgelassene Augen / so fern vor dem Kopff heraus liegen, um welche ein geschwollener Ring ausserhalb umher gehet, und eine hohle Grube rings umher gezogen ist, bedeutet einen betrüglichen, bäuerischen und gantz ungeschickten Menschen: wann solche aber schön gleissend, ziemlicher Grösse, klar und feucht anzusehen, bedeutet, daß solcher zu aller Gütigkeit und Billigkeit geneiget, auch zu der Lehr und allen guten Künsten wohlgeschickt, und von jederman geliebet werde, wie von Socrate zu lesen, daß er solche Augen gehabt.

Die tieffe verborgene Augen / wiewohl solche am schärffesten sehen, werden solche dennoch nicht gelobet, wo sie nicht auch eine Grösse darzu haben, denn wo sie klein sind, bedeuten sie einen Heuchler, neidischen und aufsätzigen Menschen.

Wo die Augenbraunen beweglich / gibt es Anzeige eines mächtigen Gemüths, wo aber nicht, einen Kunst-durstigen: Die Augen / die schnell runds umgehen / bedeuten einen faulen, trägen, hinläßigen Menschen; starrige Augen bedeuten niemahlen was guts, denn wo sie feucht, bedeuten sie ein verzagt Gemüth; dürr und trocken einen Unsinnigen; die groß und roth-farbig, zeigen Begierde zu [463] der Unkeuschheit: wo aber solche Augen darzu gläntzend sind, solchen Menschen soll man alles Fleisses meiden; weil derselbe Mensch sein gröstes Vergnügen hat, wann er einem andern Schaden zufügen kan.

Die Augen / wann man sie zuthut, daß sie über sich steigen, bezeichnen Unkeuschheit, Fräßigkeit, sind auch ein gewiß Zeichen der fallenden Sucht: Sind sie roth-färbig oder schwartz-färbig / bedeuten sie ein unverschämt Maul, weibische Art, groben Verstand, etc.

Wann aber die Augen einbeschlossen / sich unter sich neigen, bedeutet in allen Dingen das Widerspiel, die Augen, welche also erstarren, oder bestehen bleiben, wann man sie aufthut, geben Anzeigungen tieffer Gedancken, oder daß einem eine Sache hart anlieget. Kleine schieffende Augen bedeuten einen tückischen Menschen, die sehr groß sind, einen ungeschickten groben Tölpel, und Vielfraß.

Da aber solche Augen etwas groß / hell und gläntzend seyn / geben solche Anzeigung eines grossen Geists, eines hohen Gemüths, das sich hoher und gewaltiger Dinge unterstehen darff, doch Zornmüthig, weinsüchtig, und vor andern grosse Rühmer, wie vonAlexandro aus Macedonia zu lesen, der ein solches Gemüth gehabt.

[464] Finstere und dunckle Augen sind gebrechlich; sind sie fast klein, bedeuten sie einen unwahrhafften, arglistigen und aufsätzigen Menschen, eines boßhafften und doch beständigen Gemüths.

Die hell-gläntzende Augen / wo sie sonst keinen andern Mangel haben, sind sie fast gut und fast nützlich, geben aber keine gäntzliche Anzeigung der Frömmigkeit, denn sind sie blaufärbig, zeigen sie grosse Listigkeit; die braun und zur Schwärtze geneiget, zeigen auf Furcht, Schröcken und Arglistigkeit; aber die schwartzen Augen bedeuten einen verbuhlt- und ehebrecherischen Sinn; sind sie darbey feucht, bedeuten sie Starcke, Unfürsichtigkeit, schnellen Zorn, Mildigkeit und Gütigkeit.

Die viel blinckenden Augen bedeuten einen aufsätzigen diebischen Menschen: sind sie aber feucht, geben sie Anzeigung eines grossen Fleisses mancherley guter Künste; welche aber nicht blincken im Zuthun, sondern sich bald schliessen, bezeugen eine Schamhafftigkeit. So aber die Augen schnell aufgesperret werden, bezeichnen solche ehebrecherische und frätzige Leut; sind sie dürr und trocken, bedeuten solche Frevel.

Man könte hier auch anführen, wie von denAugen-Stern und Körnlein in den Augen aus derPhysiognomia zu judiciren. Item aus dem Augenlied und Augbraunen / sowohl auch aus der Nasen [465] Gestalt / Wangen / Mund / Lefftzen / auch der Stirn /zu urtheilen.

Das Angesicht des Menschen aus der Physiognomia zu erkennen, so will Aristoteles, daß ein groß Angesicht einen groben Verstand bedeute, aber ein klein Angesicht Stetigkeit. 14 Ein breit Angesicht /wie Adamantius spricht, bedeutet einen weichen Menschen, der in aller Wollust lebet. Ein mager Angesicht bedeutet einen fleißigen Menschen, der grosse Mühe auf ein Ding leget; desgleichen einen, so der Lieb ergeben ist, auch wohl einen Aussätzigen. Ein klein Angesicht bezeichnet kleine Zucht, aber ein fastgroß Angesicht ist eine Anzeigung eines fast tollen Verstandes.

Die Verwandelung des Angesichts / so ein rechter Spiegel ist des Gemüths, wird von den Alten Vultus genannt, und ist solche Verwandelung gar mancherley Gestalt. 15 Denn wie unser Hertz in jeden Affecten beweget wird, also verstellet sich auch das Angesicht, wiewohl man etliche findet, die aus Gleißnerey sich anders stellen, denn ihnen ums Hertz ist; darum man nicht leichtlich oder unbedachtsam jedesmahl solcher Gestalt des Angesichts so gar gäntzlichen vertrauen muß, sondern die Art und Eigenschafft des Menschen aus der Gestalt des Angesichts zu urtheilen, muß man [466] so lange harren, bis solche Bewegungen des Gemüths, die das Angesicht verstellen, sich gäntzlich gestillet haben. Denn ohne solche Verstellung findet man auf tausenderley Gestalt der Angesichter, als traurige, fröliche, leichtmüthige, ernsthaffte, freudige, lautere, finstere, demüthige, wachende, schläfferige, faule, furchtsame, tapffere und erschrockene, und also unzählig viel Unterscheidungen.

Aus dem Halß, Genick, Kehlen, Gabelbein, Brust, Düttlein, wie auch dem Ober-Theil des Arms, der Schultern, Rückblat und Lenden, des fördern Arms, der Hände, Finger, Nägel, desgleichen aus der Seiten, Hüfften, Bauch, Diechen, Schänckel, Füsse und Knotten, sonderbar aus der Farbe des Angesichts, könten vielerley Prognostica angeführet werden, so aber bis auf bessere Gelegenheit ausgesetzet werden.

Ist also die Physiognomia nicht so gäntzlich zu verwerffen, wann man nur in den Schrancken verharret, den natürlichen Affecten des Gemüths und derConstitution des Leibes, denn bey Formirung des Menschen werden in dem Angesicht etliche Signa eingepräget, darum auch solche Zeichen eine Ursach haben, derowegen kan auch einigermassen davon geurtheilet werden; dann so einer etwas im Sinn hat, das siehet man ihm an den Augen an, es sey Gutes oder Böses. 16 Aber hierzu gehöret ein vernünfftiger Mann, der die natürlichen [467] Sachen, so sich aus den Neigungen des Gemüths von aussen erzeigen, wisse von denen mit Fleiß verstelleten und angenommenen Geberden zu unterscheiden. Vom König David / dessen Hertz aufrichtig und ohne Falsch war, zeugete auch sein äusserliches Ansehen, dann er war braunlecht, und mit schönen Augen und guter Gestalt; 1. Sam. 16. ℣. 12. da er aber bey Achis, dem Könige zu Gad, seine Geberden verstellete, unter seiner Diener Händen kollerte, sich an die Thür am Thor stieß, und seinen Geiffer in den Bart ließ herab fliessen, 1. Sam. 21. ℣. 13. seq. da konte er sein aufrichtiges Gemüth gegen GOtt nicht erkennen, welches er doch allezeit behalten hat.

Wie solten aber daraus gewisse und unfehlbare Weissagungen und Deutungen können genommen werden, daß derer Erfüllung also nothwendig erfolgen müsten, da doch Sonnenschein, Hitze, Kälte, Nässe, Trübe, scharffe und Faule Lufft, gifftige Dünste, Schnee, Dampff und Winde, nicht nur den Leib offt inwendig und auswendig alteriren, sondern auch den Verstand, Gedächtniß und Gemüthe, nach Gelegenheit ermuntern, verdrossen, frölich und betrübt machen.

Es kan auch ein frommer Mensch mit dem Gebet, Frömmigkeit und Gottesfurcht dem Bösen begegnen, und seine Natur, durch Hülffe GOttes, verändern [468] und verbessern. 17 Zophyrus hat von dem Socrate aus dem Gesicht seines Leibes geurtheilet, er müsse ein dummer, ungeschickter, wie auch ein weibischer Mensch seyn, dieweil er keine hohle Kehle hätte; aber es hat dieser Heyde, Socrates, seine übele Natur mit Fleiß und Ubung der Tugend also ausgebessert, daß man davon das allergeringste nicht hat an ihm verspühren können. Welcher demnach urtheilen will aus dem Gesicht, von dem Fleiß und Sitten der Menschen, der muß bey diesen natürliche Zeichen auch hinzu thun, welche von dem Willen des Menschen vorkommen, die die Natur des Menschen zum öfftern verbessern.

Marginalien

1 Ob aus der Menschen Angesicht etwas könne genommen werden?
2 Was die Physiognomia für eine Kunst sey.
3 Unterschiedene gelehrte Leute haben von der Physiognomia geschrieben.
4 Aristotelis Meynung von der Physiognomia.
5 Der Menschen Kranckheiten können auch aus derPhysiognomia abgemercket werden.
6 Unterschiedene Exempel davon.
7 Die Physiognomia ist auch den Bildhauern und Mahlern zu verstehen nöthig.
8 Unterscheid der Menschen an vielfältigen Orten.
9 Wie der Mensch seine Natur verändert.
10 Eigenschafft des weiblichen Geschlechts.
11 Aus welchen Theilen des Menschen die Physiognomia abzunehmen.
12 Wie aus den Augen zu judiciren.
13 Aristotelis und Adamanti Urtheil aus den Augen.
14 Judicium aus dem Angesicht.
15 Aus dem Angesicht ist vielerley zu prognosticiren.
16 Physiognomia ist nicht gantz zu verwerffen.
17 Durchs Gebet kan GOtt die Natur verändern.

32. Von der Chiromantia

XXXII.

Von der Chiromantia.

Die Chiromantia ist eine Weissagung oder Wahrsagung, welche aus Anschauung der Hand und darinnen befindlichen Linien genommen wird, und von der Menschen Natur, Wesen, Geschicklichkeit und Zufällen Bericht geben soll. Solche Wissenschafft ist bey den Vor-Alten in grossem Werth und Gebrauch gewesen, wovon viel ansehnliche gelehrte Männer geschrieben [469] haben: Heinrich Cornel. Agrippa de incert. & vanit. omn. scient. führet davon unterschiedliche sowohl alt- als neue Scribenten an; unter den alten spricht er, ist gewesen Hermes, Alchindus, Pythagoras, Pharaotes Indus, Zophyrus, Helenus, Ptolomæus, Aristoteles, Alphorabius: über dem Galenus, Avicenna, Rasis, Julianus, Maternus, Loxius, Phylemon, Palæmon, Constantinus, Africanus. 1 Unter den Römischen Fürsten haben sich L. Sylla und der Dictator Cæsar sehr darauf geleget. Der neuenScribenten sind auch nicht weniger, als: Petrus Apponensis, Albertus Teutonicus, Michaël Scotus, Bartholomæus Cocles, Michaël Zavonarola, Antonius Cermisonus, Petrus de Arca, Andreas Corvus, Tricassus Mantuanus, Joannes de Indagine, und viele andere berühmte Medici. Siehe auch Antonium Verderium lib. 8. variarum lectionum cap. 9. Joh. Rothmannum in Chiromantia Theoretico-Practica, Joh. Taisnier in epistol. dedicat. oper. Mathem. und Joh. Prætorium in Judicio Chiromantico. Dieser schreibtpag. 599: Man könne auch ohne die Wissenschafft der Chiromantiæ nicht reiten lernen. Und sage Johann Kayser in ιππικωμικη p. 189. also: Demnach gebühret dir der Zaumen in der lincken Hand zu fassen, dergestalt, daß du zwischen beyden Zeuglein allwege den kleinen Finger habest, [470] und die völlige Hand also führest, daß der Berg Veneris, sammt der Linea vitæ, das ist, die Linea des Lebens, den Sattel biegen, den Daumen aber auf beyden Zügeln gewandt, gegen der rechten Hand etc. Ferner saget gedachter Prætorius l.c.p. 601: Es könne niemand für einen grossen Mann gehalten werden, der diese Kunst nicht verstehe. Und p. 676. spricht er: Marcus Tullius Cicero ist auch ein Chiromante gewesen, denn Cicero bedeutet so viel als Kiecker / und Marcus so viel als Märcker /der die Hand ankiecket und bemercket.

Heutiges Tages findet sich allerhand liederliches Lumpen-Gesindel / Landstreicher, Quacksalber, verdorben Handwercks-Volck, alte Weiber, abgedanckte gebrechliche Soldaten, die sich auf solche Zeichendeuterey und Wahrsagen legen, und Einfältige zu betrügen suchen. 2 Unter andern massen sich dieser vermeinten Kunst auch an zusammen verlauffen diebisches ruchloses Gesindel, welche bey uns insgemein Zigeuner genannt, werden, derer Weiber eigentlich davon Profession machen, und zugleich unter dem Wahrsagen den einfältigen Weiblein mit der andern Hand nach dem Sack fahren, und ihre Beutelschneiderey ausüben. Solche geben für, sie kämen aus Egypten, welches Land doch von allen keine gesehen hat.

Was Wolffg. Hildebrand in seinem Kunst- und Wunder-Buch [471] Part. III. p.m. 567. davon schreibet, bestehet in folgendem: Als Palma heist die Fläche einer starcken glatten aufgethanen Hand, Vola, die Höhle der Fläche, aus welcher Höhle entspringen fünff Finger, welche also nacheinander in Latein genannt werden, Pollex, der Daume / wird darum also genannt, daß er stärcker und mehr bevestiget ist, als die andern Finger. Digitus judex, der Zeig-Finger /damit wir gewöhnlich auf ein Ding zeigen, Digitus medicus, der dritte / weil er in der Mitte stehet, wird er der Mittel-Finger genannt. Digitus annularis, der Hertz- oder Prang-Finger / dieweil solcher gemeiniglich mit guldenen Ringen gezieret wird, vornehmlich in der lincken Hand, und solches daher, weil die Medici schreiben, daß ein kleines Aederlein von diesem Finger zum Hertzen gehe, und wann also dieser Finger mit Gold gezieret sey, so gebe das Gold aus eigener Art durch gemeldtes Aederlein dem Hertzen sonderliche Krafft und Stärckung, (so aber bessern Grund vonnöthen hat.) Digitus articularis, der Ohr-Finger / denn gemeiniglich wird solcher zu Aussäuberung der Ohren gebrauchet, und das aus sonderlich angenommener Gewohnheit.

Percussio manus, der Handschlag / wird sonst auch pugnus genannt, wann die Hand beschlossen und zugethan ist, mit [472] eingeschlagenen Fingern, alsdann machet sie eine Faust, derer Ober-Theil ist bey dem Daumen das Unter-Theil herunter. Restricta ist der Ausgang der Hand / da sie sich mit dem Arm vereiniget, und daselbst wird die Hand dem Arm angestrickt. Incisuræ, werden die Linien in der Hand also genannt, wie dieselbe nebst der Planeten Sitz ausgetheilet werden.

Eine förmliche Hand bedeutet eine Geschicklichkeit zu aller Handthierung oder Handwerck, was einer fürnimmet. Wann einer die Hand oder Finger von Natur kan hinter sich legen, bedeutet eine schwache Natur und räuberischen Menschen.

Was die fürnehmste Linien in der Hand betrifft, sind solche Linea vitæ, Linea cerebralis, Linea Veneris; so dieser dreyen Linien eine nicht fürhanden wäre, bedeutete es grosse Fälle und plötzlichen Tod.

Linea vitæ, dieselbe ist die fürnehmste Linia, wann solche ihren rechten Anfang hat, fein gleich und wohlgestalt ist, bedeutet ein starck Hertz und gute Natur, wird der Sonnen zugeeignet.

Linea cerebralis nimmet ihren Anfang aus der Linien des Lebens, auf Hypothenar, wird dem Hirn und Monden zugeeignet, so dieselbe fein gleich ist und unterschnitten, judiciret man daraus ein gesund und gut Gehirn, da sie aber gleich, als wäre sie von Haaren geflochten, erscheinet, [473] zeiget sie an ein flach und flüßig Haupt, ist sie zerspalten, bedeutet, daß einer soll einen Schaden am Bein bekommen, dadurch einer möchte hinckend werden.

Linea Veneris hat ihren Anfang von Thenar, und streicht auf Hypothenar, wird den Nieren, denen Geburths-Gliedern und Veneri zugeeignet, so dieselbe fein gleich und nicht zerschnitten oder gespalten ist, zeiget und bedeutet sie einen fruchtbaren Menschen.

Linea Saturnina soll mit der Vitali ihren Anfang haben, und die Veneream nicht gar erreichen, wird dem Saturno zugeschrieben, da dieselbe fein gleich und unzerschnitten ist, bedeutet einen gesunden und harten Menschen, deßgleichen weit und glückselige Reisen: & econtra. Linea Epatica hat ihren Anfang von vitali, und soll mit der Cerebrali und Vitali einen feinen gleichen Triangulum machen, wird dem Mercurio, Lunæ und Soli zugeeignet, da dieselbe fein gleich und scheinbarlich, bedeutet eine gute Leber und Dauung, auch einen verständigen Menschen. Er econtra. Via Lactea ist Soror Epatica, da dieselbe fein scheinbar zu sehen ist, bedeutet groß Glück, ist in der Epatica zu sehen.


Von den Lineis in genere wird prognosticiret:


Viel kleiner Linien in den Kindern und [474] kleinen Knaben, sollen künfftige Dinge bedeuten; in den Alten aber sollen viel dunckele flache Linien, geschehene Dinge bedeuten, so sie aber nicht tieff sind, sondern gleich, als wann sie vergehen wolten, sollen sie vergangene Dinge bedeuten. 3 Subtile Linien aber etwas neues und zukünfftiges; zerbrochene und zerschnittene, die doch auf einander gehen, bedeuten grosse Fälle; unterschiedene Linien aber bedeuten Hinderniß, die aber nicht vorhanden, oder doch nicht auf einander gehen, bedeuten Schwachheit und Mangel desjenigen Vermögens, so durch dieselben Linien angezeiget wird. Ungleiche und schlimme Linien bedeuten zwar nicht eine Schwäche, sondern eine Temperatur und eine unartige Wärme, daß in Gliedern nicht zugehet, wie es soll. Bleiche Linien, bedeuten einen fernen Effect, und werden fürnehmlich auf vergangene Dinge gezogen. Wann breite Linien allein und ohneSorores stehen, bedeutet wohl Starck, aber keine Hülffe, so einem in Nöthen möchte gethan werden. Wann unter den fürnehmen Linien eine mangelt, ausgenommen die Epatica, oder zusammen gehen ohne Ursach, nehmlich wann die Linea Veneris mit der Cerebrali zusammen kommet, oder allzuweit von einan der stehen, bedeutet nicht geringe Fälle und plötzlichen Tod. Wann Vitalis mit Cerebrali oben nicht zusammen gehet, bedeutet Ungleichheit des [475] Temperaments, sonderlich so Cerebralis auf Thenar streichet, bedeutet es nach des Thenars Art überley Hitz und Truckenheit, Bangigkeit, Abnehmung der Feuchtigkeit des Gehirns und der halben Schwachheit des Haupts, und was für Kranckheiten daraus erfolgen. Wann die Saturnina in mensa manus unglücklich ist, oder zerspalten, oder wann 2. Linien aus der Höhle der Hand schlimm, gegen die mensalis aufsteigen, bedeutet es morbum Gallicum, oder ja solche Verderbung der Feuchtigkeiten, wann sie aber gleich durchstreicht, bis auf die Wurtzel des Fingers, achtet man dafür, daß sie Mühe und Arbeit, Elend und Armuth bedeutet. Wann eine Soror cerebralis fürhanden, und sonderlich, da sie nicht wohl geartet, bedeutet Schwachheit des Haupts, und ferner ob sie schon für eine Linea der Erbschafft gehalten wird, achten doch etliche dafür, daß, so die befunden, sie vielmehr Schwachheit bedeutet, sonderlich, so sie nicht wohl geartet, da auch bey der Linea des Hirns, sonst eine in der Höhle der Hand, oder so sich die Finger erhaben, gefunden wird, achtet man, daß es mondsüchtige Leute bedeuten soll. Wann Cerebralis etwas länger in der lincken Seiten zerbrochen, und auf Hypothenar streicht, soll sie eine Anzeigung seyn, daß einer aus steten Flüssen Beschwerung haben soll, wo sie aber zerspalten, achtet man es dafür, daß der [476] Mensch werde hinckend werden. Wann Venerea zerschnitten, und scheinet, gleich wie sie von Haaren geflochten wäre, soll sie gewisse Kranckheit dräuen. Daß auch einer, da er 34. Jahr alt worden, und ihme die andern Linien ziemlich wohl gestanden, nur derselben wegen, 23. Kranckheiten gehabt, und saget derowegen, daß er die Sororem cerebralem nicht gesehen. Wann dascingulum Veneris durch der Saturninæ Spatium streicht, soll es gantz unartige Menschen bedeuten, welche mit Knaben zuhalten, oder mit Vieh zu thun haben, tölpische Köpffe, und die keine Lust zu freyen Künsten und ehrlicher Tugend haben.

Es pfleget auch eine von der Linien des Gehirns oder Cerebrali, bis zum Anfang des Mittel-Fingers zu streichen, so von etlichen für die Saturnina gehalten wird; dieselbe soll Arbeit, Armuth, Elend, Verfolgung, Verweisung u. Gefängniß bedeuten. 4

Aus Martia, Cingulo Veneris & Sorore cerebrali judicirt man unmäßige Affecten, fürnehmlich Uneinigkeit, Unzucht, auch einen hefftigen Sinn und Betrübniß, besonders aber aus dem Cingulo Veneris schändliche unmäßige Brunst und Unzucht. WannLinea vitæ mit der Cerebrali eine lange Figur voller Creutzlein machet, saget man, es soll einen Spiegel bedeuten. Via combusta Solis soll Feuers-Noth und Gefahr bedeuten, auch sonst groß Jammer und Elend. Nimmet ihren Anfang von [477] der Linea des Lebens, und streicht auf Thenar. Cingulum Orionis, soll eine Anzeigungen seyn, überflüßiger Feuchtigkeit und Gefahr der Wasser, daß einer ertrincken möchte, nimmet ihren Anfang von der Linien des Lebens, und streicht unterwärts auf Hypothenar zu. Thenar bedeutet Schaden von Feuer: wenn eine Linie von der Vitali auf denselben Ort gehet, bedeutet es Schaden von Feuer, so aber ein X. darinnen stehet, bedeutet es einen hertzhafften Menschen und Muth. Wo man sonst ein Creutzel in der Hand findet, bedeutet es überaus groß Unglück, desgleichen zerbrochene Circul, Röste, Fackeln und solche ungewöhnliche Zeichen, fürnehmlich da sie unterwärts steigen.

Es sind der Auslegung- und Bedeutungen so vielerley aus den Hand-Linien angemerckt, daß man endlich einen Eckel darob empfindet, und damit die Gedult, solche zu lesen, bey verständigen Leuten mißbrauchet, weswegen solchen Uberfluß allhier übergehe; weil aber viele eine aberglaubige Meynung vom Bedeuten der Zeichen auf den Nägeln der Finger und Zehen haben, will ich aus obgedachtem Autore noch etwas davon mit anfügen:

Man findet (schreibt er) auch Zeichen auf den Zehen / also auch auf den Nägeln / welche, da sie weiß seyn, werden sie wohl für ein gut Zeichen geachtet; da [478] sie aber allzu viel erscheinen, sollen sie offtmahl vergebliche Hoffnung und Furcht bedeuten, die grossen grosse, und kleinen kleine Hoffnung, ein Glantz-Auge scheinbarliche, ein heller Glantz etwas mehr dann man gehoffet oder gefürchtet hätte. 5

Am Anfang des Nagels ein zukünfftiges, mitten, ein gegenwärtiges, oben, das nunmehr verschwinden oder vergehen will, tieffe weisse Punct an dem Daumen des Nagels, Ehre, Wollust, Reisen; am Zeicher, Gewinst und Reichthum; am Mittel-Finger, Gedancken und mühselige Studia; am Gold-Finger, Erfindung und Würdigkeit; am Ohr-Finger, Speculirung, Befleißigung freyer Künste, und daß einer mit kleinen Sachen zu thun. Ein grosser und scheinbarer Stern soll ein Zeichen seyn, daß etwas grosses vorhanden und zu erwarten. Schwärtzliche, dunckele und Bley-farbige Zeichen sollen nicht so offt, als die weissen, vergeblich erscheinen, sondern Furcht, Schaden, Jammer und Hinterlist bedeuten.

Auch saget man, daß die fürnehmsten Linien derjenigen, so bald sterben werden, nicht allein bleich, sondern schwartz werden, und ungleiche Farben bekommen sollen, daß auch sonst der Linien und Zeichen böser Zustand sich ereigenen, pflegen auch etliche übernatürliche Linien und Zeichen ausdrücklich und kräfftiglich zu erscheinen. 6 NB. Wann dieSoror vitalis fein scheinbarlich [479] ist, bedeutet es hefftigen und hitzigen Muth, kühn und streitbar. Item: Wann die Vitalis, Cerebralis und Venerea sich miteinander vereinigen, und zusammen schliessen, bedeutet es einen Menschen harter Natur und guter Gesundheit.

Es mögen nun, wie Eingangs gedacht, noch zehenmahl so viel alte und neue Autores von Bedeutung solcher Hand-Linien geschrieben haben, so wird mich doch niemand bereden können, etwas Wahrhafftes von solchem aberglaubigen Fabelwerck zu schliessen. 7 Und urtheile ich mit Herrn Simon Heinrich Reuter / was derselbe in seinem unumschränckten Reich des Teuffels p.m. 430. davon geschrieben, da er saget: Daß die Hand-Wahrsagung nichtig und vergeblich sey, und daß man aus den Zeichen, Hübelgen und Linien in den Händen, als da ist unter andern, Linea martis, cingulum Veneris, und so weiter, nicht von dem Glück und Unglück, Gesundheiten und Kranckheiten, Ehestand und Ehrenstand, wie auch vom Leben und Art des Todes gewisses weissagen könne. Denn erstlich / solche Zeichen, Hübelgen und Linien haben in dem Menschen ja keinen Zwang, und handeln mit ihm und seiner Natur nicht, daß sie ihn zu diesem oder jenem unvermeidlich solten ziehen und zwingen, wie solte man denn daraus etwas gutes oder böses wissen und andern [480] sagen können. Und händeln wärlich gantz vermessentlich, die von des Menschen Lebens-Zeit und Länge aus seinen Händen unfehlbar weissagen wollen. Dann das heisset GOtt dem HErrn in seinen geheimen Rathstuhl steigen, und ihm in sein Buch schauen, darin er eines jeden Menschen Tage geschrieben hat, ehe denn sie noch waren, Psalm 139, 16. und wir finden nirgend in der Schrifft, daß von einem Menschen gesaget werde, daß seine Zeit in seinen Händen stehe, sondern David saget zu GOtt:Psalm 31. ℣. 16. Meine Zeit stehet in deinen Händen.

Zweytens / wann sie schon einen Zwang über uns hätten, so könte man doch nicht einem einen unvermeidentlichen Zufall vorher sagen. Und gestehen die Verständigsten unter den Chiromanten selbst, daß, ob gleich ein böses Zeichen in der Hand gefunden würde, so könnte doch, wegen unterschiedener Zufälle, die Erfüllung des Zeichens verhindert werden. Drittens /wann diese Kunst probat und gültig wäre, und man alle Thaten aus der Hand sehen könnte, so hätte man niemahl nöthig eine Tortur anzustellen, man dörffte auch nicht in Erforschung der begangenen Ubelthat viel Wesens machen, sondern die Leute, in derer Händen man lasterhaffte Zeichen findet, könten alsobald zur gerechten Straff gezogen werden. [481] Viertens / kan ich nicht begreiffen, wie diejenigen Leute, welche gantz unterschiedene Linien in der Hand haben, dennoch, als im Kriege, einerley Zufälle erfahren müssen. Fünfftens kommen die Chiromanten in der Kunst gar nicht mit einander überein; einige, als Albertus M. Bartholomæus Cocles, Johannes Taisnier, Tricassus, Andreas Corvus und Joh. Rothmannus, theilen die Berge in der Hand also aus: Der Berg des Daumens wird der Veneri, der Berg des Zeigers dem Jupiter, der Berg des Mittel-Fingers dem Saturno, der Berg des Gold-Fingers der Sonnen, der Berg des kleinen oder Ohr-Fingers dem Mercurio, der Raum von dem Anfange der Tisch-Linie bis zu der Restricta dem Monden, und der Platz in der hohlen Hand dem Marti zugeeignet. Andere hingegen, alsBalthasar Sommerus cap. 2. de digitorum montibus, und ein Anonymus in Chiroscopia beym Prætorio l. c p. 309. 310. eigenen den Berg des Ohren-Fingers der Veneri, und den Triangel in der Hand oder den Raum in der hohlen Hand dem Mercurio zu. Alchindus, ein alter Chiromante, setzte den Berg Saturni unter den Daumen; andere machen nur 6. Berge in der Hand, und stossen die Venerem gantz und gar aus:Johannes ab Indagine bringet [482] den Mond und Martem in die hohle Hand. Siehe den Autorem des wohl-informi rten Redners in der 43. Frage. Dieser schreibt ferner davon also: D. Summerus spricht, de manus Physiognomia conclus. 8. Es waren einige, die wolten nur an gewissen Tagen, und zu gewissen Zeiten des Jahrs aus den Händen wahrsagen; dann sie sprachen, man müste eines Mannes rechte Hand im Frühling und Sommer, am Sonn- oder Donnerstage, einer Frauen lincke Hand aber im Herbst und Winter, am Freytage, ansehen. Andere meineten, man solle bey Männern und Weibern die rechte Hand sehen, und zwar wann sie noch Kinder wären, weil sich alsdann die Zeichen gantz deutlich sehen liessen, und selbige noch nicht durch Arbeit, Kälte und Kranckheit ausgelöschet hätten. Noch andere sagen: man dörffte einem Kinde vor dem viert- oder sechsten Jahr seines Alters nicht in die Hand sehen, weil allererst bey solchem Alter der Mond seine Würckung hätte: Wie Picciolus lib. 2. c. 2. p. 26. berichtet. Cocles aber und viel andere widersprechen diesem Vorgeben gantz und gar, und wollen, daß man auch in des kleinesten Kindes Händen die Linien bemercken könnte; woraus dann lauter Unrichtigkeit erhellet. Johannes ab Indagine sagt l.c.p. 14. Die Lebens-natürliche Mittel- und Tisch-Linie stünden [483] allzeit in aller Menschen Händen, und gleichwohl spricht er kurtz darauf: Es würden diese Linien in den Händen der Bauren, wegen der stetigen Arbeit gar nicht gefunden, welches beydes ziemlich wider einander laufft, und widerspricht dem letzten Stück Joh. Prætorius l.c.p. 724. Die klügesten Heyden haben Sechstens hievon besser wissen zu urtheilen: denn sie schreiben alle Erkänntniß zukünfftiger Dinge den Göttern zu, und wolten sich nicht unterstehen, zu erforschen, wenn ein Mensch sterben, oder was für Glück er haben würde, weil GOtt solches dem Menschen nicht offenbahren wollen. Siehe unter andern von der Nichtigkeit der Chiromantiæ Caspar. Schottum, lib. 8. thaumaturg. Physic. Syntagm. 2. cap. 1. und den Autorem des wohl-informi rten Redners / in der 43. Frage.

Einige unter denen Christen, welche dieser Chiromantischen Kunst zugethan seyn, wollen sie behaupten aus dem Spruch Elihu bey Hiob cap. 37. ℣. 7. Es thut aber, was allda gefunden wird, nichts zur Sache, schreibt Balduinus Cas. Consc. lib. 3. cap. 6. cas. 6. der Verstand nach der Hebräischen Wahrheit ist, daß alle Menschen in der Hand GOttes seyen, welche aus dem Ungewitter die Wercke und die Macht GOttes erkennen können. Und wird also nichts gemeldet von den Zeichen [484] und Linien in den Händen, woraus die Hand-Wahrsager weissagen wollen. Dieser Meinung scheinet auch Lutherus gewesen zu seyn, wann er es also übersetzt: Alle Menschen hat er in der Hand /als verschlossen, daß die Leute lernen, was er thun kan. Die Nieder-Teutsche Ubersetzung gibt den Worten diesen Verstand: Er siegelt die Hand eines jeden Menschen zu / auf daß er kenne / alle Leute seines Wercks / als wolte Elihu sagen: Durch Ungewitter schliesset GOtt die Hand der Hauß-Leute auf dem Lande, daß sie nicht können arbeiten, und also kennet dieser Land-HErr alle Arbeiter.

Man darff nicht fragen, worzu dann die Linien in den Händen nutzeten, wann man daraus nicht prophezeyhen könnte. Dann auf diese Weise könnte man denn wieder fragen, worzu doch die Ehe-Linien in den Händen derjenigen nutzeten, die niemahls an das Heyrathen gedencken, wie auch, was die Linien in den Händen der Kinder bedeuteten, welche in der zarten Jugend sterben. Wann bisweilen solche Weissagungen eintreffen, so sind sie doch mehrentheils falsch, und die Exempel, die offtmahl darzu angeführet werden, sind verfluchte Fabeln. Manchmahl sind die Weissagungen gantz general, als: Der Mensch habe in der Jugend viel Unglück ausgestanden, er habe viel Feinde und [485] Verfolger; er werde nicht ohne grosse Mühe zu Ehren kommen; es stünde ihm eine schwere Kranckheit vor, und dergleichen mehr: allein solche Zufälle begegnen den meisten Menschen.

M. Joh. Hollstein / D. Lutheri Tisch-Gänger / sagete einmahl zu Hn. D. Luther, wie aus dessen Tisch-Reden / cap. 37. fol. 383. zu ersehen, man sehe es einem an den Händen an, wann einer milde, Kost-frey und gutthätig wäre, und vermeinte, daß mans aus derChiromantia urtheilen könnte. Darauf antwortete D. Luther, und sprach: Das ist freylich wahr, an der Hand kan mans sehen, wann einer milde ist, denn man muß mit der Hand ausgeben, mit den Füssen gibt man nicht.

Wollen wir Achtung geben auf unsere Hände, so laßt uns dieselbe zu GOtt in dem Himmel Thren. 3, 41. und zu seinen Geboten Ps. 119. ℣. 8. 1. Tim. 2. ℣. 8. aufheben und ihn hertzlich bitten und anruffen, daß er uns für allem Ubel, beydes am Leibe und an der Seele, ingleichem für Schanden und Lastern gnädiglich behüten wolle. Laßt uns dieselbe nicht ausstrecken zur Ungerechtigkeit, Psalm 125. ℣. 3. sondern in Unschuld waschen, daß wir nicht sündigen.Psalm 73. Ein jeder arbeite fleißig, dann eine läßige Hand machet arm, aber der fleißige Arm machet reich. Prov. 10. [486] ℣. 4. Und schaffe also mit den Händen etwas gutes, auf daß er habe zu geben den Dürfftigen. Ephes. 4. ℣. 28.

Marginalien

1 Wer von der Chiromantia geschrieben.
2 Allerhand Gesindel will sich dieser Kunst bedienen.
3 Von den Lineis in genere.
4 Ex linea vitæ, veneris & Epatis judicatur de valetudine.
5 Von Zeichen auf den Nägeln und Zehen.
6 Von den tödtlichen Zeichen.
7 Alles solchen Hand-Linien-Judicium ist lauter Fabelwerck.

33. Vom Aberglauben guter und böser Zeichen

XXXIII.

Vom Aberglauben guter und böser Zeichen.

Der Aberglaub ist fast bey den meisten Christen dergestalt eingeschlichen, daß mancher Mensch alle seine Actiones mit Aberglauben vermenget hat, und offtermahl selbst nicht weiß, daß er hiermit seiner Seel und Gewissen ein Brandmahl zuziehet; dann diejenige, welche dem Aberglauben nachhängen, seynd abgöttische Leute, welche ihren Schöpffer verlassen, und die Creatur ehren, dann ein Aberglaubiger kan im rechten Glauben nicht aufrichtig gegen den wahren GOtt seyn. Und hat GOtt der HErr in seinem Gesetz ernstlich geboten, daß man den aberglaubischen Zeichen kein Gehör geben soll, noch darauf Acht haben, da er spricht: Ihr solt euch nicht wenden zu den Wahrsagern / und forschet nicht von den Zeichen-Deutern / daß ihr nicht von ihnen verunreiniget werdet. Denn ich bin der HErr / [487] euer GOtt /Lev. 19. ℣. 31. Item: Wann eine Seel sich zu den Wahrsagern und Zeichen-Deutern wenden wird /daß sie ihnen nachhuret / so will ich mein Antlitz wider dieselbe Seel setzen / und will sie aus ihrem Volck rotten / Lev. 20. ℣. 6. Item: Wann ein Mann oder Weib ein Wahrsager oder Zeichen-Deuter seyn wird / die sollen des Todes sterben / man soll sie steinigen / ihr Blut sey auf ihnen / ℣. 27. Deut. 18. ℣. 11. Es soll unter dir kein Zeichen-Deuter gefunden werden. Und dannoch ist die Welt dermahlen von dem Teuffel also verblendet, daß solche noch täglich mit allerhand aberglaubischen Phantasien umgehen, und in allem, was ihnen nur vorkommet, etwas Gutes oder Böses daraus prophezeyen wollen; wie dann zu geschehen pfleget, wann einer über Land reiset und begegnet ihm ein Hirsch, Wolff, Schwein oder Bär, so soll es ein böses Zeichen seyn. Item, wann einem ein Hase über den Weg lauffet, soll man 3. Schritt zuruck gehen, sonst sey es ein böses Zeichen. Auch sey es ein böses Zeichen, wann einem wilde Gänse oder wilde Endten über den Weg fliegen. Fraget man nach der Erklärung, so wissen solche Leute nichts darauf zur Antwort, als: Es sey nicht gut. Freylich [488] ja ist es den Reisenden nicht gut / sondern wäre besser / wann Hase / wilde Endten und Gänse gebraten in der Schüssel lägen. Böse Zeichen seynd es gewiß, wann einem ein hungriger Wolff oder Bär auf der Strasse aufstösset, denn ein Reisender ist bey solchen in Lebens-Gefahr. (2) Wann ein Fremdes in eine Stube gehet, soll man es ohne Niedersitzen nicht wieder weggehen lassen, sonst nimmet man dem Kind die Ruhe mit. (3) Es sey nicht gut, wann man eine ledige Wiege wieget, weil das Kind sonst, wann man es hineinleget, nicht schlaffen könte. (4) Es sey nicht gut, wann man am Leibe flickt. (5) In den zwölff Christ-Nächten, als vom Heil. Christ-Tag bis drey Königs-Tag, soll niemand Erbsen, Linsen oder Hülsen-Frucht essen, sonst bekommen solche Leute in diesem Jahr die Krätze oder Schwären. (6) Ein Bräutigam soll seiner Braut kein Buch oder Messer verehren, sonst werde die Liebe verblättert und zerschnitten. (7) Den Abend vor Walpurgi, ist der Abend vor dem 1sten May, soll man über die Thüren drey Creutz machen und Holler-Zweiglein über die Thüren stecken, so können keine Hexen in solches Hauß kommen. Dieser Aberglaube wird annoch in Sachsen-Land sehr observirt, und ist mir noch erinnerlich, daß der Superintendent zu [489] Delitsch / bey Leipzig, an solchem Fest-Tage Philippi Jacobi über Feld reisete, und bey einem Pfarrer in seiner Superintendur abtrat, im Eingehen des Hauses aber solcheCreutzel und Holler-Püschlein an etlichen Thüren bemerckte, und auf Befragen, was solches bedeutete? von der Frau Pfarrerin die Antwort bekam: Mein Herr hat es gestern aufgesteckt, weil die Hexen heut Nacht auf dem Blocksberg gewesen, daß sie nicht allhier einfahren könten, und uns oder unserm Vieh Schaden zufügen. 1 Die arme einfaltige Frau meynete, sie hätte sich gar wohl verantwortet; weil aber ihr Herr Pfarrer nicht zu Hause, so wurde er den andern Tag für denSuperintendenten citirt, und ihm sein ärgerlicher Aberglaube fürgehalten, auch dessentwegen ab Officio suspendirt, bis zu nächstem Capitel, da es nach scharffer Admonition nicht viel gefehlet, der aberglaubische Herr Pfarrer wäre gar removirt worden. Ich glaub aber, solcher wird dieses Creutzmachen und Hollerstecken folgende Jahr seinen Bauren ziemlich geprediget haben. (8) Keine schwangere Frau soll unter einer Wagen-Deistel durchkriechen, oder durch einen Nothstall gehen, sonst werde sie ihre Leibes-Frucht über die gewöhnliche Zeit tragen müssen. (9) Wann man des Morgens den Rossen, eher selbige aus dem Hauß geführet werden, Saltz auf das Creutz streuet, so soll ihnen nichts Böses [490] wiederfahren können. (10) Von den Manßfeldischen Thalern, worauf der Ritter St. Georg gepräget, mit der Uberschrifft:Bey GOtt ist Rath und That / ist der Aberglaube, wann einer solchen bey sich trage, sey er im Krieg und auch sonsten für allen feindlichen Geschossen bewahret; weßwegen auch viel Unglaubige mehr Vertrauen auf einen solchen Thaler, als zu GOtt haben, und wird von manchem zu Zeiten 6, 8, bis 10. Thaler für einen dergleichen Manßfeldischen gegeben. (11) Wann sich ein grosser Wind erhebt, pflegen viele fürzugeben, es habe sich jemand erhenckt, und diese Sage bekommet so vielfältigen Beyfall; aber, wie offt gehet doch ein starcker Wind, da man nichts von dergleichen Erhenckten höret, und wie manchmahl vernimmet man, daß sich ein oder der andere aus Desperation erhenckt, da man doch kein unordentlich Lüfftlein vermercket hat. (12) Endlich auch ist der einfältige Aberglaube eingerissen, daß, wann ihr ein schwanger Weib in ihrer Rechnung einbildet, daß sie über die Zeit schwanger gehe, so soll sie ein Pferd aus ihrer Schürtz Haber fressen lassen, so würde sie bald gebähren. O der überhäufften Thorheiten! Stehet nicht bey Salomo: Gebohren werden hat seine Zeit / und Sterben hat seine Zeit. Daß aber ein Pferd den Rathschluß GOttes durch sein [491] Fressen solte ändern können, kan von rechtschaffenen Christen nicht geglaubet werden. Von dergleichen GOttes-vergessenem Aberglauben hat ein Anonymus ein gantzes Buch geschrieben, und die gestrielgelte Rocken-Philosophia betitelt, in welchem der geneigte Leser in 400. Arten solcher aberglaubischen Regeln antreffen wird.

Wir wollen einige solcher aberglaubigen Thorheiten etwas genauer nach Herrn Reuters Meynung in seinem umschränckten Reich des Teuffels p. 844 betrachten, da er aus Thom. Cantibratensis lib. 2. de apib. cap. 57. anführet: Daß der Wolff / sobald er einen Menschen ansichtig würde, die Strahlen seiner Augen in ihn schösse, und desselben Spiritus visivos damit austrocknete, und wann diese dürre wären, so müsten auch die Lufft-Adern versiegen; daher könte ein Mensch nicht recht reden, Instrument der Sprache untüchtig gemachet wäre, wie sonst auch dergleichen zu geschehen pflegete, wann die alten Weiber mit ihrem häßlichen Anschauen durch die gifftige Dünste, so aus ihren Augen gehen, den kleinen Kindern Schaden zufügeten; oder: Wann die Weiber in ihrem monatlichen Blute den Spiegel beflecken mit den bösen Dünsten, so aus dem Mund, Nasen und Augen-Winckeln heraus gingen. 2 Dann gleichwie die Thränen aus den Augen gingen, [492] so kämen auch die bösen Dünste heraus. Andere sagen: Wann der Wolff den Menschen zuerst sähe, so suche er sich zu rächen, und also brächte er in ihn die schädliche, gifftige Dünste, daß er nicht schreyen könte. Dergleichen sich auch begäbe bey dem Basilisken, der mit seinem Gifft die Lufft erfüllete, daß die Herannahenden davon sterben müsten; wann er aber vermerckete, daß er schon von Menschen wäre gesehen, so fürchtete er sich, und trachtete zu entfliehen, daher gedächte er den Gifft von sich zu lassen, und die Lufft zu vergifften.

Hierauf antwortet M. Gottfr. Voigt in dem dritten Hundert seiner neuvermehrten physicali schen Anmerckungen in der 16. Frage folgender Gestalt: Obschon solches Martin Delrio disq. magic. lib. 1. c. 3. qu. 4. p. 57. nicht verwirfft, ist es doch in vielen Stücken falsch und irrig; dann erstlich sind die Dünste, so aus dem Wolff gehen, nicht so gifftig, daß sie dem Menschen die Stimme benehmen könten: weil einer ohne einige Gefahr bey dem Wolff seyn und bleiben kan. Wären sie gifftig, so könten sie von dem Menschen nicht aufgezogen werden. Fürs andere /wann gifftige Dünste aus dem Wolff gingen, so würden sie nicht allein der Sprache, sondern auch andern Gliedern am menschlichen Leibe Schaden zufügen. Zum dritten / wann die Dünste mit ihrem [493] Gifft dem Menschen die Sprache benähmen, so könte man zu solcher nicht wieder gelangen, ohne nöthige Mittel und Artzeney, und würden also die, so von den Wölffen erst gesehen, lange oder allzeit stumm bleiben. Viertens / wann das Aufsteigen der gifftigen Dünste die Ursach dieses Dinges wäre, so würde sowohl der verstummen, welcher ehe den Wolff siehet, als der, welchen der Wolff erst siehet; anderer ungeräumter Dinge zu geschweigen, die daraus erfolgen würden. Was anlanget das Gleichniß, von denen, die böse Augen oder ihre Monat-Zeit haben, hergenommen, so kan solches hier nichts anders beweisen, als daß böse gifftige Dünste aus etlichen Dingen steigen; daß aber solche auch aus dem Wolff kommen, wird zwar für gewiß angenommen, aber nicht erwiesen. Was vomBasilisken vorgegeben wird, ist nicht allzeit wahr. Tödtet er mit dem blossen Anschauen, wer hat dann jemahls einen gesehen? Sonst kan nicht geläugnet werden, daß es ein gifftiges Thier sey, zu dem man sich ohne Leib- und Lebens-Gefahr nicht nahen darff, es seye dann, daß man sich zuvor mit solchen Dingen versehe, die wider das Gifft dienen.

Vossius Theol. gentil. lib. 3. c. 62. Scaliger exerc. 344. Sperling instit. Physic. lib. 2. c. 3. qu. 1. Senguerd. exerc. Physic. 34. und viele andere, halten nichts davon. Dann obschon einer etwa, wann er [494] eines Wolffs ansichtig wird, also erschröcken möchte, daß er nicht reden könte, welches sich offt zuträgt; so geschicht es doch nicht eben alsdann, wann einen der Wolff siehet; und nicht nur bey Anschauung eines Wolffs, sondern auch, wann einem ein Löw, Bär, oder dergleichen grausam Thier begegnet. Scaliger saget: Ich wolte wünschen, daß die Lügener so offt mit Ruthen möchten gestrichen werden, als uns die Wölff gesehen haben, da es unserer Sprach nichts geschadet: denn ich weiß, daß ich 3. mahl auf der Jagd von einem Wolff bin gesehen worden; einmahl von einem der in den Sträuchen lag, darnach von einem, der oben auf dem Berg stunde. Und zum dritten von einem, der ein Mägdlein entführet hatte, dieser war im Hanff, der schon ziemlich hoch erwachsen, und streckte den Kopff oben etlichmahl hervor, und sahe sich um: da sagete eine von denen andern Mägdlein: O! da ist ein grosser Hund, er sahe mich und meine Gefährten: unser keiner aber ward seiner gewahr, da verlohren wir nicht allein unsre Sprach nicht, sondern fingen auch laut an zu schreyen, daß er davon erschrack, und die Flucht ergriff, wir aber jageten ihm nach, und nahmen ihm den Raub ab, wiewohl ohne Leben.

Daß die alten Christen mit solchem aberglaubischen Wahn auch schon seyn bethöret und eingenommen gewesen, zeiget [495] Chrysostomus an unterschiedlichen Oertern an: denn also schreibt er Homil. 21. ad populum Antiochenum: Man hält für ein unglückliches Omen, so jemand aus dem Hause gehet, und ihm ein Mensch begegnet, der entweder blind oder lahm ist. Und abermahl: Es ist lächerlich, und ich schäme mich es zu erzehlen, doch wegen euer Heyl und Seeligkeit werde ich genöthiget, es zu sagen: Man hält dafür, so einem eine Jungfrau begegne, so würde er einen unglücklichen Tag haben, so ihm aber eine Hure begegne, so werde selbige ihm glücklich, nützlich und vortheilig seyn. Und über das vierte Capitel des ersten Briefs Pauli an die Corinther schreibt er: hernach nach gehaltener Hochzeit, wann etwa ein Knäblein gebohren wird, hat man auch auf solche Thorheit und viele gantz lächerliche Zeichen Achtung: Dann wann nun dem Knaben der Nahme soll gegeben werden, so nennen sie ihn nicht nach den heiligen Männern, gleichwie zuerst die alten Christen gethan haben, sondern sie zünden Lichter an, und geben ihnen Nahmen, und nach dem Licht, so am längsten währet, nennen sie den Knaben, und muthmassen daher, daß er sehr lang leben werde. Und abermahl, Homil. 12. ad Ephes. Es ist die Seel mit vielen Stücken angefüllet, so Schröcken machen. Als zum [496] Exempel: Daß dieser oder jener Mensch mir zuerst ausser dem Hauß entgegen kommet; es muß daher mir tausenderley Unglück entstehen: und wiederum hat mir der Knecht, der Bösewicht, zuerst den lincken Schuh überreichet, welches groß Unglück und Unfall bedeutet. Ich selbst, da ich aus dem Hause gieng, setzte erst den lincken Fuß fort, welches mir gleichfalls Unglück prophezeyhete, und solches Ubel kam über mich, als ich noch nicht von Hause war, als ich weiter fort gieng, fing mir das Auge an zu springen, welches eine Vorbedeutung der Thränen ist. So weiset er auch an, daß die Weiber bey ihrem Gewebe allerhand Zeichen und Omina haben, auch, daß man in obacht nehme, so ein Esel schreye, ein Hahn krähe, so jemand niese, und was sonst mehr ist.

Wir, die wir aus GOttes Wort besser unterrichtet seyn, lassen billig solche eitele Deutung fahren: denn es begegne mir wer oder was da will, so kan mir doch ohne GOttes Willen daher kein Unglück entstehen. Und (saget angeführter Autor ferner) warum solte eben allein das Hasen- und Wolffs etc. begegnen, mehr Ubels bedeuten als anderer Thiere, die auf eben solche Weise begegnen. Und abermahl, warum solte der Mensch mehr böses verursachen, als der ander, ob er schon alt, blind und lahm ist? Man wird sich solcher [497] gestalt an GOtt dem HErrn versündigen, als der sie geschaffen hat, und an Christo, dessen Glieder und Gliedmassen sie seyn, vergreiffen. Und sehr wohl saget Chrysostomus Homil. 21. Der Mensch / der dir begegnet / machet dir keinen bösen Tag / sondern wann du in Sünden lebest.

Nun kan man zwar nicht läugnen, daß es offtmahl also ausgefallen, wie man aus den Zeichen gemuthmasset hat, aber es ist denn also aus Göttlichem Triebe geschehen, als davon wir lesen Gen. 24. ℣. 14. 15. 1. Buch Sam. 14. ℣. 9. Iud. 7. ℣. 14. oder zufälliger Weise. Und hat hierinnen auch Bodinus gar recht, wann er sagt: Gemeiniglich wiederfähret einem aus gerechter Straff GOttes das Unglück, wann er saget: Er glaub ernstlich und vestiglich, daß ihm dieses oder jenes widerfahren werde, deme aber, der nicht achtet, was nicht zu achten ist, geschiehet nichts böses. Dahin dann gehöret, was Plutarchus erzehlet, in vita Crassi, von dem Sohn Crassi, daß, als er, wie er die Schlacht wider die Parther führen wolte, also seinen Fuß verletzt, daß er zu der Erden nieder gefallen, daher man muthmassete, daß er in der Schlacht würde umkommen. Solches ist auch dem Tiberio Gracho widerfahren, wie Valerius Maximus bezeuget, [498] lib. 1.cap. 4. und ist bekannt, was Tibullus schreibt: lib. 1.eleg. 3.


O quoties ingressus iter, mihi tristia dixi,
Offensum in portâ signa dedisse pedem.

Ein jeder hüte sich, daß sein Hertz dadurch nicht möge abgewandt werden, von der wahren Gottseligkeit, von dem Gebet, und Zuversicht zu GOtt, ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fallen und gantz kein Unglück begegnen kan.

Nun ist noch zu erörtern: Ob denn dieses ein gewisses Zeichen sey, daß ein Mensch sterben werde, wann die Hunde und Eulen etc. ungewöhnlich heulen? und ob man aus dem Fall / Pochen und Klopffen / so bisweilen gehöret wird, gewiß schliessen könne, daß einer aus dem Hause, wo es geschicht, bald darauf sterben werde.

Was erstlich das ungewöhnliche Heulen der Hunde bedeutet, so haben dasselbe die Alten allzeit für ein böses Zeichen gehalten. 3 Lipsius hat viel Historien davon erzehlet, cent. 1. ad Belg. ep. 14. und schreibt Freudius in Gewissens-Fragen / von Zaub. p. 187. Es ist ausser allem Zweifel, daß offt und vielmahl um das Hauß oder Zimmer, darinn ein sterbender Mensch lieget, bey Nacht-Zeit, [499] oder auch wohl bey Tage, entweder die Hunde ein greulich Geheul treiben, oder die Katzen verdrießlich heulen und mauen, sich mit einander grimmig herum beissen und jagen, und sonderlich auch din Eulen sich zur Zeit vor dessen und dessen unglückseligen Todtes-Fall haben sehen lassen.

Pfitzerus schreibt über das ärgerliche Leben und schröckliche Ende Joh. Fausti p.m. 455. unvorgreifflich wird dafür gehalten, daß solche unvernünfftige Thiere die Gegenwart der unreinen bösen Geister vermercken, und hierdurch in Furcht und Schröcken gebracht werden, und würde also die nächste Antwort seyn, daß Hunde, Katzen und solche Thier mit ihrem Heulen und Geschrey die Præsenz der unreinen höllischen Geister ankündigen, und zu verstehen geben, daß nicht allein bey gottloser, unbußfertiger, ruchloser Leute Krancken- und Sterbe-Betten dieselbe sehr mühsam und geschäfftig seyn, in alle Wege zu verhindern, daß ja der Sterbende zu keiner Busse und guten Gedancken und Glauben an Christum kommen und gelangen möge, damit ihnen etwa die Seele durch Treue und Fleiß ihrer Seel-Sorger und anderer Gottseliger Beyständer nicht entrückt, und dem HErrn Christo, durch Bekehrung gewonnen werde: Darum dann solche böse Geister allen Ernst ankehren; Sondern es müssen auch die Frommen und Glaubigen solche Anläuffe, Arglist [500] und Versuchung des Teuffels erleiden und ausstehen, wie in den Historien von S. Martino zu lesen, daß, da er sterben sollen, der Teuffel zun Füssen bey seinem Bett gestanden, den er aber keck also angeredet: Quid tu hîc stas, horrenda bestia, nihil habes in me; das ist: Was stehest du hier / du abscheuliche Bestie / du hast kein Theil an mir. Und wann die unreinen Geister an der wohl-verwahrten Seel eines Glaubigen nichts schaffen oder gewinnen können, schröcken und nöthigen sie zum wenigsten das unvernünfftige Vieh zum Geschrey und Geheule, entweder einen solchen sterbenden Menschen in seinen letzten Zügen zu verunruhigen, wiewohl vergebens und ohne alle Frucht, wie andere Anfechtungen, oder die Umstehenden in ihren guten Gedancken, Vorbeten, oder Zusprechen bey ihrem Mit-Bruder oder Mit-Schwester irre zu machen, ja in den Argwohn zu verleiten, daß sie an dessen oder an deren Seligkeit zweifflen sollen, u.s.w. wie dergleichen Meisterstück der leidige Satan an demfrommen Hiob erwiesen.

Was das Fallen / Gepolter und Schlagen anlanget, so kommt solches bisweilen von der Phantasey her, oder geschiehet zufälliger Weise auf solche Art, daß mans eigentlich nicht erforschen kan. 4 [501] Und willHerr Reuter d.c. §. 21. daß man daraus nicht schliessen könne, daß eben aus demselben Hauß oder von den Freunden, einer nothwendig darauf sterben müsse. Thut es gleich der Teuffel und klopffet an die Fenster, Läden und Thüren, so kan man selbiges doch nicht als ein Zeichen des bevorstehenden Todes halten. Denn ob zwar der Teuffel durch lange Erfahrung wohl gelernet, die Ursachen des Todes, und daher etlichermassen schliessen und muthmassen kan, ob einem bisweilen sein Ende nahe sey oder nicht, so kan er doch solches nicht unfehlbar wissen oder zuvor sagen. Denn der Menschen Leben und Tod stehet bey GOTT / der hat uns allen ein Ziel gesetzt /davon der Teuffel nichts weiß. Joh. 14. ℣. 5. und daher findet man auch, daß offt dergleichen geschehen, und der Tod nicht darauf erfolget ist.

Zum Beschluß dieses Capitels wollen wir noch eine Historie anführen, wie geschäfftig der Teuffel gewesen, einem armen krancken Mann zuzusetzen; als folget: Es ist zu Freyberg in Meissen / ein frommer armer Mann kranck gelegen, welcher schier mit dem Tod gerungen, und von seinen Sünden angefochten worden, bey welchem sich der Teuffel unterstanden, tapffer zuzuschüren und sein Gewissen [502] zu ängstigen. 5 Endlich kam er leibhafftig in Gestalt eines grossen Mannes, mit einem grossen Dinten-Horn, und Feder-Futral oder Pennal, samt einer grossen Esels-Haut, und spricht zum armen krancken Menschen:Wohlan / sage mir deine Sünden her / alle nach einander / daß ich sie aufschreibe / und dieselbe vor den Richter-Stuhl GOttes bringe. Der gute arme Mann erschrack hefftig, greiffet doch alsobald zun Sprüchen Heiliger Schrifft, und spricht: Wohlan /setze dich nieder / ich will dir dictiren / schreib also /diß soll dein Exordium seyn: Des Weibes Saamen soll dir den Kopff zertretten. Da der leidige Teuffel solche scharffe Donner-Schläge Göttliches Worts hörete, nimmet er sein Pennal oder Dinten-Horn und verschwindet, und lässet einen häßlichen Gestanck hinter sich. Also ist der arme Mensch durch die Krafft Götttliches Worts erlöset worden.

Marginalien

1 Historie eines aberglaubigen Pfarrherrns.
2 Was vom Anschauen eines Wolffs zu halten.
3 Hunde-Geheul / was solches bey Krancken bedeutet.
4 Gepolter und Fallen in Häusern / was solches bedeuten soll.
5 Historie.

34. Vom Traum-Auslegen

[503] XXXIV.

Vom Traum-Auslegen.

Ein Traum / welcherley er ist, er sey gut oder böse, so bringet er dem Menschen eine Freude: Träumet einem von etwas gutes, so geniesset er die Freude im Schlaff; träumet ihm aber etwas böses, furchtsames oder unglückhafftes, so bringet er die Freude, wann der Mensch wieder erwachet, und erkennet, daß es nur ein Traum gewesen. 1 Allein unter Sachen im mühsamen Leben der Menschen, seynd die Träume nicht ein geringes Werck, welches denenselben Grauen, Furcht und Schröcken machen kan. Wie bey Hiob 7. ℣. 13. 14. und im Buch der Weißheit Salom. c. 18. ℣. 17. 18. 19. zu lesen: weßwegen wir billig untersuchen sollen, was Träume seyn, woher sie entstehen, und was davon zu halten sey. Hier. Birkmayer schreibt: Ein Traum wäre eine Erscheinung, so durch die innerliche Sinne oder vielmehr Phantasie, denenjenigen, so eingeschlaffen, sich darstellen, worbey die äusserliche Sinne, als gleichsam durch den Schlaff gefässelt, im geringsten nichts beytragen. 2 Unter den Heyden haben etliche dieselbe für Schatten und Gespenster gehalten, derohalber sind sie auch von ihnen mit schwartzen [504] ausgebreiteten Fledermaus-Flügeln abgemahlet worden.

Es können aber die Träume / die einem vorkommen, in Ansehung ihrer Ursachen unterschieden werden in natürliche / Göttliche und teufflische Träume. 3 Die natürliche Träume werden, ihrem Ursprung nach, aus der Natur gebildet und veranlasset, und haben unterschiedliche Ursachen. Und geschehen entweder aus den Affecten des Leibes oder der Seelen, und nachdem die Natur des Menschen ungleich ist, werden auch die Träume auf vielfältige Weise verursachet.

Was die Affecten des Leibes betrifft, so erheben sich die Träume in dem Gehirn, aus unterschiedlichen Feuchtigkeiten und Dämpffen des Leibes. EinCholericus, der eines warmen, hitzigen und trocknenTemperaments ist, hat gemeiniglich Träume vom Feuer, Krieg, Zanck, Hader, Uneinigkeit, Mord und Todtschlag, und wie er in der Lufft über der Erden schwebe und fliege. 4 Ein Melancholicus, der kalter und trockner Natur ist, hat traurige Träume von abscheulichen und schröcklichen Gespenstern, bösen Geistern, finstern und duncklen Orten, Einöden und andern gefährlichen Sachen. Einem Phlegmatico, der kalter und feuchter Natur ist, träumet von Wasser, darin er badet, von Schifffahrt, Ungewitter und andern gefährlichen [505] Zufällen, bisweilen träumet ihm, daß er in tieffe Wasser falle, oder etwas schweres auf ihm liegen habe, daß er weder hinter noch vor sich kriechen ka. Ein Sanguineus, der Blut-reicher, feuchter, warmer und geiler Natur ist, hat liebliche, fröhliche, lustige Träume, von allerhand Gastereyen, Hochzeiten, Täntzen, venerischem Beyschlaff, und dergleichen Dingen, so zur Freud und weltlicher Wollust dienen.

Was die Affect en der Seele betrifft, so entstehen solche Träume aus Affecten der Erb-Sünde. Einem zornigen Menschen träumet von Lästern, Fluchen und Morden; einem furchtsamen von Schröcken und Grauen; einem Verliebten von Unzucht und Buhlerey.Hinc Virgil. eclog. 8. qui amant, ipsi sibi somnia fingunt.

Es entspringen auch die Träume aus mancherley Kranckheiten und unordentlichem unmässigen Leben, wie Sprach saget, Cap. 41. V. 5. 6. 7. 5 Wann einer des Nachts auf seinem Bette ruhen und schlaffen soll, fallen ihm mancherley Gedancken vor: Wann er gleich ein wenig ruhet, so ist es doch nichts, dann er erschrickt im Traum, als sähe er die Feinde kommen. Und wann er aufwachet und siehet, daß er sicher ist, so ist ihm, als wann er aus der Schlacht entrunnen wäre, und ist Wunder-froh, daß die Schlacht nichts ist gewesen.

[506] Es enstehen wohl auch die Träume von Amts- und Beruffs-Geschäfften, oder von den Handlungen, womit der Mensch des Tages umgehet, wie Eccl. 12. ℣. 2. stehet: Wo viel Sorgen ist / da kommen viel Träume. 6 Es pfleget auch dem Menschen alles, wovon er des Tages gedacht, und nach welchem er verlanget, bey nächtlicher Zeit wieder im Traum vorzukommen. Joh. Munsterusin libr. de Spectris cap. 4. schreibt: Ist einer im Lehr-Amt getreu, so träumet ihm, wie er seine Zuhörer lehre, und ihnen wohl fürgehe; ist jemand im Wehr-Amt getreu, so träumet ihm, wie er seine Unterthanen beschütze und beschirme; ist einer im Nehr-Amt getreu, so träumet ihm von seiner Arbeit und Hauß-Geschäfften etc. ist er aber ein Säuffer, Fresser, Huren-Jäger, Ehebrecher, Balger, Spieler, so träumet ihm auch von solchen Sachen, dazu sein Gemüth geneiget ist.

Es find aber diese Träume ungewiß, falsch und nichtig, und kommen bisweilen so wunderlich heraus, daß wo man hernach solchen Träumen nachdencket, wird sich befinden, daß solche aus unterschiedenen Handlungen, die man kurtz vorhin, oder für langer Zeit gethan, zusammen geflickt seyn. 7 Solche Träume aber verschwinden und vergehen auch plötzlich, daß mancher, wann er erwachet, sich derer nicht mehr erinnern kan.

[507] Joh. Lassenius im siebenden Gespräch seinerAdelichen Tisch-Reden / auch andere Naturkündiger / unterscheiden die Träume nach der Zeit, vorgebende, daß man von denen, die vor der Concoction geschehen, nichts halten solle, weil die übrigen Dünsten, so aus dem Magen der unverdaueten Speisen entstehen, allerhand Phantasien bey den Sinnen der Menschen erwecken. 8 Von denen aber, so gegen Morgen geschehen, da die Verdauung allbereit ein Ende hat, soll man so gar verächtlich nicht reden, weil solche gar offt ihren Effect mit sich gebracht. So auch sprechen einige, daß ein grosser Unterscheid in Träumen vorkomme, nach dem der Mensch lieget, als: Da jemand auf dem Rücken liege, verursache es traurige und erschröckliche Träume, da nehmlich das Geblüt alles dem Hertzen zuziehe, und selbiges also beschwere und ängstige; und solche Bewandtniß habe es auch mit dem Liegen auf der rechten oder lincken Seiten.

Endlich seynd auch Träume / die von GOtt eingegeben worden / entweder unmittelbar durch ihn selbst, oder durch den Engel, in welchen er sich auch offtmahl den Menschen-Kindern hat bekannt gemachet, und ihnen einige verborgene Sachen hat offenbahren wollen, wie er Num. 12. ℣. 6. zu Aaron und Mirjam sprach: Höret meine Worte: ist jemand unter euch ein Prophet [508] des HErrn, dem will ich mich kund machen in einem Gesicht, oder in einem Traum. 9 Oder wie dem Ertz-Vater Jacob / Gen. 28. ℣. 12. da er die Himmels-Leiter im Traum sahe. Item Gen. 37. ℣. 42. 43. 50. wie Joseph geträumet hatte, und wie selbige erfüllet worden. Oder 1. Reg. 3. ℣. 5. seq. da der HErr zu Gibeon des Nachts dem König Salomo im Traum erschiene. Auch bey Matth. 2. ℣. 13. da der HErr dem Pfleg-Vater unsers Seligmachers /JEsu Christi / im Traum erschienen. Oder dem Apostel Paulo / Actor. 27. ℣. 4. da der Engel GOttes des Nachts im Traum zu ihm kam, und sprach: Fürchte dich nicht / Paule / du must vor den Kayser gestellet werden etc.

Träume seynd auch unterschiedenen von GOtt eingegeben, und haben wir ein Exempel an Monica, der Mutter des Augustini, die war ihres Sohnes wegen, weil er den Manichæern anhing, hertzlich betrübt, und bat den barmhertzigen GOtt, er möchte ihn doch bekehren, und zur Wahrheit führen. 10 Als sie nun einsmahls über solchem Seufftzen entschlieff, erschien ihr im Traum ein Jüngling in hell-gläntzenden Kleidern, und sprach mit frölichem Angesicht: Sie solte nicht mehr weinen und betrübt seyn, dann wo sie wäre, solte auch ihr Sohn seyn. Augustinus verspottete vorerst den Traum, und [509] sprach zu seiner Mutter, sie hätte etwa den Jüngling übel verstanden, vielleicht hätte er gesaget: Wo er ist, daselbst wirst du auch seyn; aber nachmahls ist er dergestalt gerühret und bewogen worden, daß er die schädliche Secte der Manichæer verlassen und den wahren Glauben angenommen. August. l. 6. c. 13. Confess.

Wir wollen allhier etliche Träume anführen, derer Bedeutung unschwer zu begreiffen. 11 Bodinus, als er seine Dæmonomaniam geschrieben, spricht von einem Menschen, der einen Geist zum Gefährten gehabt, welchen er damahls allererst kennen lernen, als er 37. Jahr alt worden. Dann wiewohl, seiner Meynung nach, derselbe Geist die gantze Zeit seines Lebens um ihm gewest, (massen er solches gemuthmasset, sowohl aus den vorher gehabten Träumen, als Gesichtern, wodurch er gewarnet worden, für gewissen Lastern und Fährlichkeiten sich zu hüten) so hätte er ihn dannoch niemahls zuvor so vollkommentlich gemercket, als wie von gemeldtem 37sten Jahr seines Alters an. Solches aber ist ihm, seinem Bericht nach, wiederfahren, nachdem er zuvor nicht aufgehöret ein gantzes Jahr durch GOtt von Hertzen Abends und Morgens anzuruffen, daß er einen guten Engel senden wolle, der ihn in allem seinem Thun und Fürnehmen führen und leiten möchte; vor und nach solchem Gebet aber [510] hätte er eine bestimmte Zeit zur Betrachtung Göttlicher Wercke angewendet, bisweilen zwey oder drey Stunden gesessen bey der Bibel, dieselbe mit ernstlicher Aufmerckung und Andacht gelesen, und in seinem Geist erforschet, ob er daraus ergreiffen möchte, welche dann unter den allstreitigen Religionen doch die rechte wäre, und mit der Wahrheit übereinträffe, darbey er dann nicht selten diese aus dem 143. Psalm genommene Verse gesprochen:Lehre mich thun nach deinem Wohlgefallen /dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.

Er sagete, daß er die Weise derjenigen gar nicht loben könte, die GOtt bäten, daß er sie in ihrer vorgefasseten Meynung wolte erhalten. Nachdem er also immerzu mit solchem Gebet und Lesung heiliger Schrifft angehalten, hätte er beym Philone, dem Hebräer / im Buch von den Opffern / gefunden: Es könte ein guter, frommer, vollkommener und von GOtt gereinigter Mensch GOtt dem HErrn kein grösser noch angenehmers Opffer thun, als so er sich selbsten dem HErrn opfferte: Solchem Rath folgend, habe er GOtt seine Seel aufgeopffert.

Von der Zeit an seynd ihm (wie er saget) Träume und Gesichte voll Belehrungen gegeben, bald diesen, bald jenen Fehler zu corrigiren, bald einiger Gefahr vorzubeugen, [511] bald diesen, bald jenen schweren Knoten, sowohl in Göttlich- als menschlichen Dingen, aufzulösen, oder aus einer Beschwerlichkeit sich heraus zu wickeln. Unter andern habe ihn gedünckt, als hörete er im Schlaff GOttes Stimme / welche zu ihm spräche: Ich will deine Seele erhalten / ich bin der / welcher dir erschienen.

Nachmahls klopffete der Geist alle Morgen um 3. oder 4. Uhren an seine Thür; wann er dann aufstund, und die Thür aufthat, sahe er niemanden. Der Geist aber fuhr fort, solches alle Morgen zu thun, und erweckete ihn, wann er nicht aufstund, deßwegen begunte er sich endlich zu fürchten, und gedachte, es wäre ein böser Geist, ließ derohalben nicht ab, GOtt aneinander zu bitten, er wolle seinen guten Engel senden, sang auch offtmahl die Psalmen, welche er schier alle auswendig konte.

Hierauf offenbahrete sich ihm der Geist / als er wachete, und klopffete nur leise an; selbigen Tages vernahm und hörete er gar eigentlich, daß der Geist zum öfftern ein Glaß anrührete, darüber ihm kein geringes Entsetzen ankame; als er nach zween Tagen seinen guten Freund, einen königlichen Secretarium, (der gleichfalls 1580. noch am Leben war, als Bodinus diß Buch drucken ließ) mit einer Mahlzeit zu Mittag [512] bewirthete, klopffte der Geist an die nächste bey dem Gast stehende Banck, worüber derselbe sich erröthete; er aber ihm zusprach, sagende: Erschröcket nicht! ihr habt euch deßwegen nicht zu fürchten. Und damit er ihm die Furcht desto besser möchte aus dem Sinn bringen, erzehlte er ihm die wahre Beschaffenheit.

Von selbiger Zeit an ist der Geist allzeit um ihn gewest, und er von demselben durch ein empfindlich Zeichen erinnert und abgemahnet, oder angefrischet worden. Thät er was Ungeschicktes oder Unrechts, gab ihm der Geist einen gelinden Streich an das rechte Ohr; widrigen Verhaltens aber auf das lincke. So einer kam, ihn zu betrügen, oder zu hintergehen, empfand er den Streich am rechten Ohr; dafern aber ein redlicher Mann, der es gut mit ihm meynete, und ihm was Gutes zu erweisen gewillet, ihn besuchen wolte, fühlete er den sanfften Schlag am lincken Ohr. Wann er etwas ihm schädliches essen oder trincken wolte, ward ihm ein Zeichen gegeben, sowohl als wann er zweifflete oder säumte etwas fürzunehmen. Gedachte oder setzte er ihm was Ubels vor, ward er durch ein Zeichen davon abgekehret. Hub er unterweilen anGOtt mit Psalmen zu loben / oder von seinen Wunderwercken zu reden / fühlete er durch eine geistliche Krafft darin gestärckt und bestättiget [513] zu seyn. Und damit er die eingegebene Träume von den Phantasien konte unterscheiden, die von ungesundem Geblüt, oder Zerrüttung und Verwirrung des Gemüths zu entstehen pflegen, pfloge ihn der Geist um die zweyte oder dritte Stunde zu wecken: und, nachdem er darauf wieder eingeschlaffen, alsdann ward ihm durch wahrhaffte Träume angezeiget, was er von dem, darüber er in Zweiffel stund, glauben, oder thun solle, oder was ihm vorstossen würde: also gar, daß von selbiger Zeit an ihme fast nichts begegnet ist, so ihme nicht vorher angedeutet worden; er auch nichts für glaubwürdig geachtet, dessen er nicht vorhero wäre erinnert worden.

Er bat zwar GOtt täglich, daß er ihn wolte seinen Willen, Gesetz und Wahrheit lehren, und wendete einen Tag in der Wochen an zum Lesen und Betrachtung heiliger Schrifft, lobte GOtt mit singenden Psalmen, brachte also denselben gantzen Tag, welchen er gantz feyrete, in fröhlicher Andacht zu, und kam alsdann keinen Tritt aus dem Hause, bediente sich aber hierzu nicht des Sonntags / an dem sonst andere ihre Andacht zu verrichten pflegen, weil, wie er saget, am Sonntag lauter Uppigkeit und Ruchlosigkeit getrieben würde.

Sonst bezeigete er sich in allem seinem Thun und übrigen Handlungen eines fröhlichen [514] Gemüths, pflegete auch hierauf anzuziehen die Worte der Schrifft:Vidi facies Sanctorum lætas.

Im Fall er bey irgend einer Gesellschafft war, da kein gar zu gutes Gespräch gehalten, oder etliche Tage das liebe Gebet unterlassen hatte, ward er im Schlaff also fort daran erinnert; wofern er ein Buch lase; das nicht gar gut war, schlug der Geist alsobald auf das Buch / daß er es solte weglegen; was seiner Gesundheit nicht dienlich, dafür warnete er ihn; und wann er kranck war, curirte er ihn auf aller fleißigste. Kurtz zu sagen, er erzehlte dem Bodin hievon so vielerley, daß er dieses für unzählig achtete und nicht alles wiederhohlen können. Ein mehrers davon ist bey Francisci höllischem Protheo zu lesen.

Ein Traum wird bey gedachtem Autore erzehlt, welcher, wie er im Traum vorgekommen, also wahr worden. 12 Als Abt Otto zu St. Lamprecht / Rudolff von Lichtenstein / und Heinrich von Waldsee /bey König Jacobo in Arragonien anlängeten, um desselben Fräulein Tochter, Elisabeth, vor Kayser Friedrichen zu werben, war in der Nacht vorher dem Fräulein im Traum ein schöner Fürst erschienen, derFriedrich heisse. 13 Da nun erstbenannte Gesandten Kayser Friederichs (der sonst der schöne genannt) durch [515] ihre Ankunfft und Werbung solchen Traum ihr eines Theils wahr macheten, truge sie desto weniger Bedencken, nebst ihrem Hn. Vater, in diese beharrliche Ansuchung zu willigen, bevorab, weil das Bildniß des schön gestalteten Kaysers mit der Gestalt, welche ihr der Traum hatte fürgestellet, sich aufs Beste vergliche. Massen sie dann hierauf, um Pfingsten, in Teutschland gen Basel begleitet, allda prächtig eingehohlt, und mit dem Kayser copulirt, auch hernach mit öffentlicher Crönung zu einer Römischen Kayserin beehret ward.

Noch Verwunderns-würdiger ist der Traum Kayser Caroli IV. damahls aber noch Königlichen Böhmischen Printzens / bey dessen Herrn Vater, demKönig Johann / hielt der Königliche Dauphin, oder älteste Printz von Franckreich / um Beystand an, wider den Hertzog von Savoyen / als mit welchem er Krieg führete: bekame auch darauf gute Vertröstung. 14 Indem König Johann Völcker zusammen bringet, kommt erstmahls gedachtem seinem Printzen, Carl, im Traum ein Kriegs-Heer zu Gesicht, und unter demselben ein schön gebildter Jüngling / welcher aber mitten aus dem Kriegs-Hauffen hinweg geführet ward. Worüber Printz Carl sich höchlich verwunderte, und, nachdem [516] er allernächst bey sich einen andern Jüngling von ungemeiner Herrlichkeit und Ansehen erblicket hatte, denselben fragte: Wer doch immermehr der Jüngling sey, mit dem man so scharff verfahre? und aus was Ursach man ihm solche peinliche Schmach angethan? Jener antwortete: Es ist der Dauphin, erstgebohrner Sohn Königs in Franckreich / der die Straff empfähet. Den Unzüchtigen pflegt man es also zu machen.

Da Printz Carl des Morgens aufgestanden, berichtet er seinem Herrn Vater, was ihm geträumet, und bat, derselbe möchte den Marsch der Hülffs-Völcker nur contramandiren: denn der Dauphin würde schwerlich mehr der Völcker verlangen; sondern sonder Zweiffel bereits des Lebens beraubt seyn. Der König kehrete sich an solche Reden nichts, sagende: Man müsse auf Träume nicht gehen, noch so viel darauf halten; und ließ den Zug der Völcker vor sich gehen. Nachdem er aber etwa 2. Tage mit dem Volck fortgeruckt, bekame er Zeitung: Der Dauphin wäre bey Belagerung eines Schlosses mit einem Pfeil an die Schaam getroffen worden / worüber er sein Leben einbüssen müssen. Massen Carolus hernach, zu Erinnerung dieses überaus denckwürdigen Traums, eben an dem Ort, wo [517] ihm solches Traum-Gesicht vorgestellet worden, ein Stifft gebauet, und mit reichen Einkünfften versehen.

Bey Cicerone lesen wir, daß zween junge Gesellen aus Arcadia ihnen fürgenommen miteinander eine Reise zu verbringen. 15 Und als sie in eine Stadt, so man Megaris nennet, kommen, ist der eine Gesell zu seinem guten Gönner / der andere aber in einschlechtes Wirths-Hauß eingekehret, und sich jeder an bemeldtem Ort beherbergen lassen. Nachdem nun der, so in seines Freundes Hauß zu Nacht gegessen, sich in Ruhe begeben, ist ihm im Traum fürkommen,wie sein Reise-Gesell von seinem Wirth verletzt und erschlagen wäre / ihn bittende / Hülff zu verleihen. Hiermit erwachete er, schauete sich umher, sahe und hörete niemand, vermeynete derohalben, daß es eine Phantasey und lediger Traum gewesen, legete sich wieder nieder, und entschlieff, alsobald kame ihm das vorige Gesicht wieder vor, und ermahnete ihn, wo er ihm ja nicht helffen könne / oder zu helffen vermögen / so soll er doch des Morgens zum Stadt-Thor gehen / und allda verharren / bis sein Wirth / der ihn beherberget / ein Fudex Mist aus führe / und alsdann in selbigem suchen / da werde er ihn [518] ermordet auf dem Wagen mit Mist verdecket finden. Worauf er abermahl erwachet, und sich anlegete, nach dem Thor verfügete; kaum war er dahin kommen, so langete auch der Wirth mit einem Wagen, voller Mist geladen, an, welchen er alsobaldvisitirete, allwo er seinen Reise-Gefehrten mit Mist bedecket gefunden, solches des Orts Obrigkeit angezeiget, welche den Wirth zu gebührender Bestraffung genommen. Vid. Hildebrands Kunst- und Wunder-Buch / p.m. 921.

Die Göttliche Träume seynd die, durch welche GOtt der HErr zuweilen die Menschen für ein oder dem andern Unglück warnet, und ihnen für Augen stellet, was künfftig geschehen werde. 16 Dessen gibt der Traum ein Exempel, welchen Fridericus III.Churfürst zu Sachsen / am 31. Oct. in der Nacht vor dem Tage Allerheiligen 1517. zu Schweinitz hatte / da ihm geträumet / als ob GOtt einen Mönch von feinem ehrbaren Ansehen und Gesicht zu ihm schickete, der des Apostels Pauli natürlicher Sohn wäre: dieser hätte auf GOttes Befehl alle Heiligen zu Gefährten bey sich, welche dem Mönche, daß kein Betrug mit ihm, sondern er ein wahrhaffter Gesandter GOttes wäre, vor dem Churfürsten Zeugniß ertheilen solten, [519] darbey ließ ihm GOtt gebieten, er solte dem Mönch gestatten, etwas an seine Schloß-Capelle zu Wittenberg zu schreiben; so ihn nicht gereuen würde. Hierauf ließ ihm der Churfürst durch den Cantzler sagen: Weil es GOttes Befehl wäre / und er auch so gewaltig Zeugniß hätte / so möchte er schreiben / was ihm befohlen wäre. Sodann fieng der Mönch an zu schreiben, und machete so grosse Buchstaben / daß sie der Churfürst zu Schweinitz deutlich lesen konte. Darbey führete er so eine lange Feder / daß sie mit ihrem Ende bis gen Rom reichete, und einen Löwen / so daselbst lage, damit dergestalt in ein Ohr stach, daß der Sturtz zum andern Ohr wieder heraus ging. Diese Feder streckete sich ferner bis an die Päbstliche dreyfache Crone / an welche sie so hart stieß / daß sie zu wacklen begunte /und Ihro Heiligkeit vom Haupt fallen wolte. Als nun die Crone im Fallen war, dauchte den Churfürsten / als wann er nebst seinem Herrn Bruder, Hertzog Johanne / nicht weit davon stünde, da er dann seine Hand ausstreckte / und sie halten wolte /worüber er auch erwachete; er schlieff aber wieder ein, und alsbald [520] stund ihm der Mönch wieder vor den Augen, welcher immer fort schrieb, und mit demFeder-Sturtz noch immer weiter auf den Löwen zu Rom loßstach, also, daß alle Stände des Römischen Reichs zulieffen, um zu erfahren, was da wäre. Worauf die Päbstliche Heiligkeit von den Ständen begehrete: Man solte doch dem Mönch das Schreiben verwehren, und sonderlich dem Churfürsten von Sachsen diesen Frevel berichten, worüber der Churfürst zum andernmal erwachete; schlieff aber auch zum drittenmahl wieder ein, und kam ihm der Mönch, wie vorhin, wieder vor Augen, da sie sich denn alle äusserst bemüheten, die Feder zu zerbrechen und den Pabst beyseit zu schaffen; jemehr sie sich aber bemüheten, jemehr starrete und knorrete die Feder, also, daß es dem Churfürsten in die Ohren schmertzete / darüber sie auch so ermüdet worden, daß sie endlich nachliessen, und sich einer nach dem andern verlohr; massen sie besorgeten, der Mönch möchte mehr denn Brod essen können / und auch ihnen Schaden zufügen; nichts destoweniger ließ der Churfürst den Mönch fragen: Wo er denn zu solcher Feder gekommen, und wie es zuginge, daß sie so gar unzerbrechlich wäre? Worauf denn der Mönch dem Churfürsten diese Antwort [521] geben ließ: Sie wäre von einer hundert-jährigen alten Böhmischen Ganß / die hätte ihm einer seiner alten Schulmeister verehret / und gebeten / er wolle sie / weil sie sehr gut wäre / zu seinem Gedächtniß brauchen: Er hätte sie selbst geschnitten / und daß sie so dauerhafft wäre / rühre daher: weil man ihr den Geist nicht nehmen / noch die Seel oder Marck / wie aus andern Federn / heraus ziehen könte. Darüber er sich auch ungemein verwundern müssen. Bald hierauf hörete der Churfürst ein Geschrey, ob wären aus dieser langen Mönchs-Feder noch unzehlig viele Federn zu Wittenberg gewachsen; da es dann mit Lust anzusehen ware, wie sich so viel gelehrte Leute darum rissen, und waren theils der Meynung, diese junge Federn würden mit der Zeit eben so starck und lang werden, als der erste Kiehl des Mönchs, ja es würde gewiß etwas sonderliches auf diesen Mönch und seine lange Feder erfolgen. Hiermit wachete der Churfürst auf, und gleich des folgenden Tages hat D. Luther seine Theses zu Wittenberg wider Tetzeln angeschlagen. Dieses ist wohl ein Traum gewesen, welcher von GOtt hergerühret, dessen Bedeutung und Ausgang sich auch bald darauf erzeiget.

[522] Es kan auch nicht geläugnet werden, daß Heyden und Unglaubige bisweilen auch Träume gehabt, die von guter Deutung gewesen, wie Gen. 41. zu lesen,daß Pharao von den 7. fetten und 7. dürren Kühen / auch 7. fetten und 7. magern Aehren geträumet. GOtt ließ auch des Pharaonis