Johann Elias Schlegel
Die stumme Schönheit
Ein Lustspiel in einem Aufzuge

Personen

[285] Personen.

    • Richard, ein alter reicher Mann vom Lande.

    • Jungwitz, ein junger wohlhabender Mensch vom Lande.

    • Jacob, Jungwitzens Bedienter.

    • Laconius, ein Philosoph.

    • Frau Praatgern, eine Bürgerswittwe.

    • Charlotte, Richards vorgegebene Tochter.

    • Leonore, der Frau Praatgern vorgegebene Tochter.

    • Cathrine, die Bediente der Frau Praatgern.

1. Auftritt

Erster Auftritt.

Cathrine. Jacob.

JACOB.
Nun! ist denn hier kein Mensch zu hören noch zu sehen?
Wie lange sollen denn die Herren draussen stehen ?
Es regt und rührt sich nichts. Bediente! Mägdchen! He!
CATHRINE
hinter der Scene.
Nun! nun! wer ist denn da? Geduld! wir trinken Thee.
JACOB.
Hier ist Besuch.
CATHRINE
hinter der Scene.
Es wird kein Mensch hier angenommen.
Wer uns besuchen will, mag den Neujahrstag kommen.
Soll meine Frau denn stets geputzt im Hause gehn?
Und im Alltagshabit läßt man sich doch nicht sehn.

Sie kömmt heraus.

Mein Freund, es ist schon gut. Wem dient ihr? darf ich fragen?
Die Frau ist nicht recht wohl, ich will es ihr schon sagen.
JACOB.
So hoff ich, daß man doch die Jungfer sehen kann.
CATHRINE.
Wie? Jungfern? nehmen die auch Mannspersonen an?
Nein! Gott bewahr uns!
JACOB.
Nun! ist das ein solch Verbrechen?
Sie darf doch wenigstens den eignen Vater sprechen.
CATHRINE.
Was? ist Herr Richard hier? der Jungfer ihr Papa?
JACOB.
Ja! und es ist mit ihm noch jemand anders da,
Vor dem die Jungfern sonst nicht, Gott bewahr uns, sagen.
[285]
CATHRINE.
Nun! sagt doch, wer denn?
JACOB.
Wie? ist da noch viel zu fragen?
CATHRINE.
Die Herren seyn so gut, und treten nur herein.
Denn meine Frau ist wohl, und wird nicht lange seyn.

2. Auftritt

Zweyter Auftritt.

Richard. Jungwitz.

RICHARD.
Es sind nun zwanzig Jahr, da bracht ich von dem Lande,
Hier meine Tochter her in meinem Wittwerstande.
Denn diese Bürgersfrau hab ich vorher gekannt:
Sie hat auch allen Fleiß auf ihre Zucht gewandt.
Nun werd ich sie doch sehn. Man hat es mir geschrieben,
Das ist ein englisch Kind, das Mägdchen muß man lieben.
Mein Herz klopft schon in mir vor lauter Lust, Herr Sohn.
JUNGWITZ.
Und meins vor Ungeduld. Mich dünkt, ich liebe schon.
RICHARD.
Sie hat ein schön Gesicht und Augen, die recht brennen.
JUNGWITZ.
Vom Vater wird sie die nicht anders haben können.
RICHARD.
Er schmeichelt: doch im Ernst, man sagt, sie sieht, wie ich.
JUNGWITZ.
Wenn sie noch besser sieht, ist es nicht schlimm für mich.
RICHARD.
Sonst ist sie Meisterin in allen Wirthschaftssachen.
Herr Jungwitz, sie wird ihm recht gute Süppchen machen.
JUNGWITZ.
So viel verlang ich nicht von ihrer eignen Hand.
RICHARD.
Hat, was sie schreibet, gleich nicht allemal Verstand:
Wenn sie mir Briefe schreibt; so sind es lauter Sprüche.
Und in der Rechenkunst versteht sie gar die Brüche.
JUNGWITZ.
So hat sie viel gelernt?
RICHARD.
Gelernt? mehr als genug.
Jetzund erzieht man fast die Mägdchen gar zu klug.
Sie müssen sich den Kopf mit tausend Zeug zerbrechen.
Das dächt er nicht einmal: Drey Sprachen kann sie sprechen.
JUNGWITZ.
Doch, ist sie auch belebt, und spricht mit jedermann?
RICHARD.
Ey! das versteht sich wohl, wenn sie drey Sprachen kann.
JUNGWITZ.
Und spricht sie mit Verstand?
RICHARD.
Das weiß ich nicht so eben.
Doch sagt man, sie versteht, recht nach der Welt zu leben.
Sie spielt, sie putzt sich gut, sie trägt sich mit Manier,
Und klimpert über das recht schön auf dem Clavier.
JUNGWITZ.
Ach! wie bin ich vergnügt! Ich schließ aus allen Sachen,
Sie ist nach meinem Wunsch, und wird mich glücklich machen.
Das Hauptwerk einer Frau ist nicht der Fleiß allein.
Zum Umgang nehm ich sie, nicht um bedient zu seyn.
[286] Zwar viele freyen so, wie man Gesinde miethet,
Und wählen eine Frau, die nur das Haus wohl hütet,
Die man zur Rechenschaft für alle Sachen zieht,
Und die, sobald man winkt, uns nach den Augen sieht.
Doch ich ...
RICHARD.
Ihr junges Volk sprächt gern, wie kluge Leute,
Und wißt doch alles nur seit gestern oder heute.
Wenn er nur eine Frau, die ihn hübsch pfleget, hat:
Der Umgang dient zu nichts, davon wird man nicht satt.
Laß er dem grossen Volk den Wind von Complimenten;
Da thun oft Mann und Frau, als ob sie sich nicht kennten.
Das schickt sich nicht für uns, wenns ihnen gleich gefällt.
Sie haben ihren Stand, wir haben unser Geld;
Wir thun uns was zu gut. Was macht man auf dem Lande,
Mit einer klugen Frau, mit Umgang und Verstande?
JUNGWITZ.
Bin ich kein grosser Herr; so bild ich mir doch ein,
Der Umgang wird auch mit für mich erfunden seyn,
Und es wird wol kein Rang der Freyheit Gränzen setzen,
Wer sich mit einer Frau, die Witz hat, darf ergötzen.
Ein jeder fühlt in sich wol heimlichen Verdruß,
Wenn er sein halbes Herz selbst mit belachen muß,
Wenn ihn das gute Weib, das er nur ungern zeiget,
Beschämet, wenn sie spricht, und ärgert, wenn sie schweiget;
Wenn er bey ihr allein stets küsset oder gähnt,
Und sucht er Zeitvertreib, sich aus dem Hause sehnt,
Und wenn er, glaubt sie ja ihn einmal aufzuräumen,
Erzählen hören muß, was ihre Mägdchen träumen.
RICHARD.
Ja, red er, red er nur. Wir wollen sehn, Herr Sohn.
Da muß ich klüger seyn; doch gut, das giebt sich schon.

3. Auftritt

Dritter Auftritt.

Jungwitz. Richard. Charlotte, die sich beständig vorneigt.

RICHARD.
Wer kömmt hier?
JUNGWITZ.
Sie ist schön, Herr Richard, dürft ich küssen.
RICHARD
bückt sich tief gegen Charlotten.
Still!
JUNGWITZ.
Ist sies? ... ist sies nicht?
RICHARD.
Ey! wie kann ich das wissen?
JUNGWITZ.
Ja! sie sieht ihnen gleich.
[287]
RICHARD.
Sie neigt sich gar zu sehr.
Sie redte mich wol an, wenns meine Tochter wär.
JUNGWITZ.
Sie werden mir verzeihn. Darf ich mich unterstehen,
Zu fragen, können wir Herr Richards Tochter sehen?
RICHARD.
Wird die Frau Praatgern denn bald zu uns kommen?
CHARLOTTE
neigt sich.
Ja!
RICHARD.
Wird meine Tochter auch bald bey uns seyn?
CHARLOTTE.
Papa.
RICHARD.
Ich glaube bald sie ists. Bist dus? Charlotte. Rede!
Sie kennet uns noch nicht, Herr Sohn. Drum ist sie blöde.
JUNGWITZ
zum Richard beyseite.
Sie sagten ja vorhin, daß sie drey Sprachen spricht.
Die, die wir reden, ist vielleicht die rechte nicht.
RICHARD.
Du kannst doch deutsch, mein Kind. Bin ich dir denn willkommen?
Ich habe hier für dich Gesellschaft mitgenommen,
Mit der du sprechen mußt. Nun! faß ein wenig Muth!
Ich steh dafür, daß er dir nichts zuwider thut.

4. Auftritt

Vierter Auftritt.

Jungwitz. Richard. Charlotte. Frau Praatgern.

PRAATGERN.
Ich hoff, ihr liebes Kind wird ihnen doch gefallen.
Ich seh, sie schwatzt schon hübsch. Die Kunst kann sie vor allen.
RICHARD.
So? also ist ja das Charlotte?
PRAATGERN.
Ja, gewiß.
RICHARD.
Sie hat mirs nicht gesagt.
PRAATGERN.
Ja! freylich ist sie dies.
Wie kommen sie darauf, Herr Richard, so zu fragen.
Wenn sie nicht ihre wär, so würd ich es nicht sagen.
Charlottchen küßt sie denn nicht dem Papa die Hand?
Sie glaubens nicht, das Kind hat englischen Verstand.
RICHARD.
Das hab ich nicht gemerkt.
PRAATGERN.
Mehr manchmal, als ich wollte.
Ich weiß wol, daß ich sie so laut nicht loben sollte;
Die Jungfern bilden sich sonst leichtlich was drauf ein:
Die Wahrheit aber will doch auch gesaget seyn.
Ich selber wundre mich manchmal, bey meiner Ehre,
Wie altklug ich sie oft im Hause reden höre.
RICHARD.
Im Hause nur.
PRAATGERN.
Wo sonst? Wir kommen nicht viel aus.
[288] Es kömmt auch nicht gar oft ein Fremder in mein Haus.
Wir leben still für uns. Was würde man sonst denken?
Man pfleget ohnedas den Wittwen nichts zu schenken.
RICHARD.
Frau Praatgern, greiffet sie sogar die Bosheit an:
So glaub ich, daß die Welt nicht lange stehen kann.
PRAATGERN.
Sie wissens nicht, mein Herr. So gehts in grossen Städten.
Man kann in Frieden nicht aus seiner Thüre treten.
Da ist so vieles Volk, das hat sonst nichts zu thun:
Die spotten alle Welt, und lassen niemand ruhn.
Ich will mich überdas nicht in viel Umgang setzen:
Denn da vergeht die Zeit mit vielerley geschwätzen:
Und die sind nicht mein Werk. Da lernt insonderheit
Die Jugend weiter nichts, als lauter Eitelkeit.
Vor diesem war ich auch gern unter vielen Leuten:
Da war ich noch ganz jung und konnte was bedeuten.
Die größte Dame blieb oft ganz verlassen stehn,
Denn alles lief zu mir, ließ ich mich nur wo sehn.
JUNGWITZ.
Das glaub ich.
PRAATGERN.
Eben drum will ich den Umgang meiden:
Denn ich verlang es nicht, daß andre mich beneiden.
RICHARD.
Nun! itzo wird sie doch dafür gesichert seyn.
PRAATGERN.
Ich leb auch lange schon ganz sittsam und allein.
Um ihre Tochter ja in gar nichts zu versäumen;
Hat meine Tochter selbst mein Haus ganz müssen räumen.
Das arme Mädchen ist in meiner Schwester Haus,
Da sieht sie nicht viel Guts, drum wird auch nicht viel draus.
Warum ich sie nicht gern beysammen bleiben lasse,
Das ist insonderheit, weil ich das Plaudern haße.
Zwey Mädchen reden nur, wie man sich putzen soll,
Und schwatzen sich den Kopf von Eitelkeiten voll.

Die Herren werden es uns doch nicht übel nehmen.
Ich muß mich heute fast, mich sehn zu lassen, schämen.
Sie sehen, daß wir nicht recht angezogen sind.
Wir waren nicht recht wohl, ich und das arme Kind.
RICHARD.
Nicht angezogen? Wie? Sechs Blumen in den Haaren,
Und Röcke, wie ein Zelt für sieben Janitzscharen?
Ist das noch nichts?
PRAATGERN.
Das ist, so wie ich täglich geh.
Ich putze mich nicht viel, weil ich doch niemand seh.
Selbst meine Schwester spricht: laß dich, pflegt sie zu sagen,
In die Comödie, und zum Concerte tragen.
[289] Doch mit der Eitelkeit laß ich mich gar nicht ein,
Denn man geht doch dahin nur um gesehn zu seyn.
JUNGWITZ.
Doch denken, wär ich da, so wird auf mich gesehen,
Frau Praatgern, kann wol das ohn Eitelkeit geschehen.
PRAATGERN.
Nein! biethen sie mir nur, dahin zu gehn, nicht an.
Ich werd es niemals thun, und hab es nie gethan.
Charlotte fraget auch nicht viel nach solchen Sachen;
Sie denkt nicht einmal dran, sich eine Lust zu machen.
Sie war auch schon ganz klein ein recht verständig Kind.
Aus wem was werden soll, das zeigt sich gar geschwind.
Sie war so fromm, so still. Sie hat mich nie gestöret,
Ich habe manchen Tag nicht einen Laut gehöret.
RICHARD.
Frau Praatgern, hör sie an: komm sie allein mit mir.
Herr Jungwitz, red er hübsch mit meiner Tochter hier.
Die Mägdchen wollen oft ihr Mundwerk erst nicht zeigen,
Hernachmals bäthe man sie gerne still zu schweigen.

5. Auftritt

Fünfter Auftritt.

Charlotte. Jungwitz.

JUNGWITZ.
So seh ich, kann man auch in Städten einsam seyn?
CHARLOTTE.
O Ja!
JUNGWITZ.
Wird ihnen denn die Zeit nicht lang?
CHARLOTTE.
Ach nein!
JUNGWITZ.
Vielleicht vertreiben sie sie sich mit Bücherlesen?
CHARLOTTE.
Ach nein!
JUNGWITZ.
Das Wetter ist bisher sehr schlecht gewesen.
CHARLOTTE.
Ich weiß nicht.
JUNGWITZ.
Zwar für sie ist es wol niemals schlecht.
Sie kommen nicht viel aus.
CHARLOTTE.
Da haben sie ganz recht.
JUNGWITZ.
Doch ihr Papa und ich, wir hatten zu der Reise
Sehr schlechte Wege.
CHARLOTTE.
So?
JUNGWITZ.
Der Belt ging noch mit Eise.
CHARLOTTE.
So?
JUNGWITZ.
Aber die Begier sie desto ehr zu sehn,
Ließ uns darum nicht ruhn, wir musten übergehn.
CHARLOTTE.
So?
JUNGWITZ.
Und sie sehnten sich doch den Papa zu kennen?
CHARLOTTE.
Warum nicht?
JUNGWITZ.
Er ward auch nicht müde sie zu nennen.
[290] Die ganze Reise durch fiel sonst kein ander Wort,
Als nur von ihnen vor.
CHARLOTTE.
Wann gehn sie wieder fort?
JUNGWITZ.
Wie kommt es, daß sie schon nach unserm Abschied fragen?
Die Frage scheinet mir nichts guts vorher zu sagen.
CHARLOTTE.
Warum?
JUNGWITZ.
Wir haben erst verschiednes hier zu thun,
Und unsre Rückkehr wird auf ihnen mit beruhn.
CHARLOTTE.
Wie so denn?
JUNGWITZ.
Ganz gewiß. Die Zeit wird es schon weisen.
Wir wünschen ohne sie von hier nicht wegzureisen.
CHARLOTTE.
Ja! wenn ich reisen soll und die Frau Praatgern will.
JUNGWITZ.
Sie gehn doch gern aufs Land?
CHARLOTTE.
Nein! da ist es so still.
JUNGWITZ.
Das lieben sie ja wol, weil sie so einsam leben.
CHARLOTTE.
Ja! es ist in der Stadt doch besser.
JUNGWITZ.
Sie vergeben.
Ich halt es mit der Stadt, wenn man Gesellschaft liebt:
Doch, um allein zu seyn, da ist die Stadt betrübt.
CHARLOTTE.
So? Meynen sie?
JUNGWITZ.
Man hört zwar in der Stadt viel Sachen,
Die manchmal lustig sind und was zu reden machen.
CHARLOTTE.
Sehr wenig.
JUNGWITZ.
Das wär viel! Geschieht nichts neues hier?
CHARLOTTE.
Letzt war hier eine Frau, mich dünkt, die sagte mir,
Der Caffee würde theur, und wäre wenig nütze,
Und auch der Thee.
JUNGWITZ
wischt sich den Schweis ab.
Mich dünkt, hier ist sehr grosse Hitze.
CHARLOTTE.
Ach nein!
JUNGWITZ.
Mir ist gleichwol so heiß – – – so wunderlich.
Die Angst – – vergeben sie – – Ach! – – ich empfehle mich!
CHARLOTTE.
Sie gehn schon. Wollen sie nicht erst Quadrille spielen?
JUNGWITZ.
Verzeihn sie, daß ich geh, mich etwas abzukühlen.

6. Auftritt

Sechster Auftritt.

Charlotte, setzt sich auf einen Stuhl und spielt mit dem Fächer. Jacob. Cathrine.

JACOB.
Zum Henker, es ist hier nicht wie in der Provinz.
Hier wird ein Diener ja gehalten, wie ein Prinz.
[291] Ihr Mägdchen gebt hier Thee und Caffee, wie die Damen,
Und setzet allezeit, Monsieur, zu unserm Namen.
In einer grossen Stadt, da gilt doch ein Lackey,
Da ist das Paradies der edlen Liverey.
CATHRINE.
Seht doch! gefällt ihm das, mein Herr Lackey vom Lande?
JACOB.
Ja! heute bin ich doch vergnügt mit meinem Stande.
Doch, soll ich einmal recht mein Glück vollkommen sehn:
So muß Cathrinchen nun mit mir spatzieren gehn.
CATHRINE.
Das geht nicht an, Monsieur.
JACOB.
Ach ja! ich will sie führen.
CATHRINE.
Ey! pfuy! wer würde gehn? Ich fahre nur spatzieren.
JACOB.
Was? Ich? soll fahren? ich? Gut, wenn Cathrinchen will:
Darauf kömmt mirs nicht an. Doch kostet es auch viel?
CATHRINE.
Pfuy! Knicker!
JACOB.
Was ist auch ein Jahr von meinem Lohne?
Sie bildet sich wol ein, daß ich die Kosten schone?
Wir fahren. Gut! was schadts? Zieht sie nur mit aufs Land,
So werden wir vielleicht ein wenig mehr bekannt.
CATHRINE.
Es fragt sich erst, ob ich mich so will niederlassen.
Hier kennt mich kein Lackey, als von den ersten Classen.
Wer keinem Ritter dient, darf sich zu mir kaum nahn.
Und, Monsieur Jacob, ihn seh ich mit Mitleid an.
JACOB.
St – St – wer sitzt denn hier und hat uns zugehöret?
CATHRINE.
O! kehr er sich nicht dran und sprech er ungestöret.
Es ist die Jungfer nur.
JACOB.
Jungwitzens künftge Frau.
CATHRINE.
Ganz richtig!
JACOB.
Und ich seh, ihr kennt euch so genau?
CATHRINE.
Warum nicht? o! wir sind ein Herz und eine Seele.
Was kriegt ich, wenn ich ihn ihr bestens anbeföhle.
JACOB.
Sie ist wol ihre Zucht.
CATHRINE.
Ja! und das ist ein Glück.
JACOB.
Ich geh.
CATHRINE.
Ey! wart er doch, noch einen Augenblick.
JACOB.
Mein Herr kömmt wol.
CATHRINE.
Ey! was? das hat nichts zu bedeuten.
JACOB.
Nein! nein! er würde mich hier schön hinaus begleiten.
[292]

7. Auftritt

Siebender Auftritt.

Cathrine. Charlotte.

CATHRINE.
Der dumme Teufel läuft, als würd er weggejagt.
Ich hätt ihn doch so gern ein wenig ausgefragt.
Nun! Jungfer! sitzen sie hier ohne sich zu regen?
Sie werden doch nicht gar was wichtigs überlegen.
CHARLOTTE.
Ach! nein! du weißt es ja, ich sitze gern in Ruh,
Und mach ein bischen nur den Fächer auf und zu.
CATHRINE.
Das wollt ich selber wol; bloß mit dem Fächer spielen,
Nichts denken und nichts thun und kaum sich selber fühlen.
Es wäre wol nicht schlimm, ein steinern Bild zu seyn,
Das sich nicht rühren darf, und sagt nicht ja noch nein.
Doch ist ihr Freyer weg? und wie gefällt er ihnen?
CHARLOTTE.
Mir hat der gute Mensch noch toll genug geschienen.
Er spräche gerne viel, doch es will nicht recht fort.
CATHRINE.
Antworten sie ihm denn?
CHARLOTTE.
Ja! dann und wann ein Wort.
CATHRINE.
Nicht mehr?
CHARLOTTE.
Wie so? Kann er denn nicht alleine sprechen?
Verlangt er denn, ich soll ihn immer unterbrechen?
CATHRINE.
Ja! ja! doch ein Gespräch taugt auch den Teufel nicht,
Wo einer stets nur hört, der andre stets nur spricht.
Und seinen ganzen Witz dabey nicht auszuleeren,
Dazu gehört ein Narr, der nichts als sich will hören.
CHARLOTTE.
So? und was meynst du denn, das ich ihm sagen kann?
CATHRINE.
Das, was sie denken.
CHARLOTTE.
Nein! das geht gewiß nicht an.
CATHRINE.
Warum?
CHARLOTTE.
Es schickt sich nicht.
CATHRINE.
Was ists denn, das sie denken?
CHARLOTTE.
Ich denke, was er mir als Bräutigam soll schenken.
CATHRINE.
Sie kriegen unverhoft wol einen ganzen Kram.
Die Gräfin, wo ich war, eh ich zu ihnen kam,
Die ward recht schön beschenkt.
CHARLOTTE.
Ich will sie noch beschämen.
Wer mich nicht recht beschenkt, den will ich auch nicht nehmen.
CATHRINE.
Erst kam ein grosser Korb voll Blumen und voll Band.
CHARLOTTE.
Auch Spitzen?
CATHRINE.
Freylich ja!
CHARLOTTE.
So breit, als meine Hand?
[293]
CATHRINE.
Das wäre sonst nicht schmal.
CHARLOTTE.
So breit will ich sie haben.
CATHRINE.
Recht schön! Darunter lag der schönste Schmuck vergraben.
CHARLOTTE.
Und den verlang ich auch.
CATHRINE.
Nebst einer Uhr dabey.
Auch Dosen.
CHARLOTTE.
Kein Etui?
CATHRINE.
Nein!
CHARLOTTE.
Ich will ihrer zwey.
CATHRINE.
Hernach ließ sich ein Stoff mit bunten Blumen sehen.
CHARLOTTE.
Auf meinem Stoffe soll ein ganzer Garten stehen.
CATHRINE.
Ein Nachttisch kam zuletzt von Silber.
CHARLOTTE.
Nein! von Gold,
Nicht anders soll er seyn. Ich hätte wol gewollt,
Daß mein Herr Bräutigam das hübsch im voraus wüste.
Wenn ichs ihm aber nur nicht selber sagen müste.
CATHRINE.
Dazu ist Rath. Ich will zu seinem Diener gehn.
CHARLOTTE.
Gut! geh! und giebs ihm ja recht deutlich zu verstehn.

8. Auftritt

Achter Auftritt.

Frau Praatgern. Charlotte.

PRAATGERN.
Da hab ich nun den Dank für alle meine Mühe.
Man denkt, ich wisse nicht, wie man ein Kind erziehe.
Dem Landphilosophus, dem jungen Eigenklug,
Dem Jungwitz, hör ich wol bist du nicht gut genug.
Weißt du, was er von dir zu deinem Vater sagte?
Er kam von dir heraus, ich weiß nicht, was ihn plagte;
Er kriegte voll Verdruß Herrn Richard bey der Hand.
Und sagt ihm in das Ohr: Ach! hätt sie nur Verstand.
Was fehlt dem Narren denn, daß er dich so verachtet?
Er meynt wol den Verstand hat er allein gepachtet.
Was hast du denn gemacht? Was hast du ihm gesagt?
CHARLOTTE.
Nichts.
PRAATGERN.
Etwas muß doch seyn, warum er sich beklagt.
Charlotte!
CHARLOTTE.
Warlich nichts.
PRAATGERN.
Du darfst es nur gestehen.
Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet? – – Laß doch sehen!
Nun! – – – dreh dich um – – – Das ist ja gut und sitz[t] galant.
Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?
[294] Laß sehn! wie trägst du dich? – – – Den Kopf nicht so zurücke.
Wer fragt: hat sie Verstand? der seh nur ihre Blicke.
Geh doch einmal herum. Gut! hierher! Neige dich.
Da haben wirs, das fehlt. Nein! sieh! so neigt man sich.
Ich finde gleichwol nichts. Herr Jungwitz ist ein Thore.
Sie hat Verstand genug.

9. Auftritt

Neunter Auftritt.

Frau Praatgern. Charlotte. Leonore.

PRAATGERN.
Was bringst du? Leonore.
Was willst du?
LEONORE.
Was ich will? nichts will ich, als das Glück
Um sie zu seyn.
PRAATGERN.
Du kömmst ja jeden Augenblick.
LEONORE.
Zwar ihnen scheint es oft, mir aber scheint es selten.
Und käm ich jeden Tag, wär ich darum zu schelten?
PRAATGERN.
Ja! Denn die Zeit vergeht durch solch spatzieren gehn.
LEONORE.
Doch wenn ich sie nur seh, vergeht die Zeit recht schön.
PRAATGERN.
Wenn ich sie seh, ja? ja? Kämst du um meinetwillen.
Ich kenn dich schon, du willst nur deine Neugier stillen.
Weil du erfahren hast, es sey Gesellschaft da.
LEONORE.
Frau Mutter, glauben sie – – –
PRAATGERN.
Frau Mutter.
LEONORE.
Nun! Mama.
PRAATGERN.
Das weist du wol noch nicht. Du giebst mir wenig Ehre.
LEONORE.
Ich wüste nicht, daß das ein Ehrentitel wäre.
PRAATGERN.
Ich wundre mich, wie schlecht dich meine Schwester zieht.
Kein Mägdchen wird doch gut, das so viel Leute sieht.
Nein! das geht nicht mehr an. Ich muß ihr Nachricht geben,
Sie soll nicht so mit dir in Cameradschaft leben.
Sieh an! wie du dich stellst. Das alles ist zu frey.
Du wirst nicht etwa roth und bist vor Leuten scheu.
Du sprichst mit jedermann: Die Jungfern müssen schweigen,
Und willst nur jeden Tag dich in Gesellschaft zeigen.
Kömmst du nicht itzt hierher, nur um gesehn zu seyn?
Für Jungfern steht das sonst nicht erbar und nicht fein.
LEONORE.
Ich kann ja wieder gehn. Sie dürfen nur befehlen.
Ich will ein ander mal bequemre Stunden wählen.
PRAATGERN.
Du bist vortreflich klug, und sag ich dir ein Wort,
Das dir nicht recht gefällt, so eilst du wieder fort.
[295] Weil du doch alles weißt, und andre kannst verspotten:
So sage doch einmal, was fehlt denn hier Charlotten?
Du weißt ja sonst die Kunst, wie man gefallen kann.
Es ist hier ein Phantast, dem stehet sie nicht an.
Ihr Vater bringt ihn her. Der Narr ist nur vom Lande,
Und spricht, als wüst ers recht, es fehlt ihr an Verstande.
Laß deine Klugheit sehn, und gieb mir Unterricht.
Nun sag doch, was ihr fehlt, siehst dus? ich seh es nicht.
LEONORE.
Ich auch nicht.
PRAATGERN.
Doch du sollst.
LEONORE.
Es möchte sie verdrüssen.
PRAATGERN.
Nein! sag es.
LEONORE.
Nein! Mama.
PRAATGERN.
Kurz, Madmesell, sie müssen.
LEONORE.
Sie redet wol nicht viel.
PRAATGERN.
Wenn nur ihr Mädgen sprecht,
So denkt ihr, es ist gut. Sie redt nicht, das ist recht.
Da weist sie, daß sie mehr Verstand, als du, besitze.
Denn für die Jungfern ist das Reden gar nichts nütze.
LEONORE.
Die Regel wäre gut, wär sie nur allgemein.
Doch manche Mannsperson wird sehr dawider seyn.
PRAATGERN.
Wie? manche Mannsperson? Wer hätt es denken sollen?
Die Mannspersonen! ach! und du weißt, was sie wollen?
Das ist die Frucht, wenn man stets redet, scherzt und lacht.
Die Mannspersonen? Wer hat dich so klug gemacht?
LEONORE.
Nun! nun! Das können wir wol ohne Schande wissen,
Daß wir, wenn sie uns sehn, mit ihnen reden müssen.
PRAATGERN.
Bald glaub ich selbst, daß es oft einen Narren giebt,
Der mehr ein Plaudermaul als kluge Mägdchen liebt.
Hör an! du sollst mir gleich Charlotten sprechen lehren.
LEONORE.
Kann ich – – –
PRAATGERN.
Du kannsts. Ich will von keiner Ausflucht hören.
Sag ihr es vor, was sie zum Jungwitz sagen soll.
Ich geh, und schelt indeß die Haut ihm selber voll.
Und wenn sie reden kann, so kannst du wieder gehen.
Ich sag dirs, laß dich nicht hier vor den Fremden sehen.

10. Auftritt

Zehender Auftritt.

Charlotte. Leonore.

LEONORE.
Nein! ich kann nicht verstehn, was meine Mutter spricht.
CHARLOTTE.
Nun! gehn sie doch nur fort. Von ihnen lern ich nicht.
[296]
LEONORE.
Ich maße mich nicht an, Charlotte, sie zu lehren.
Es lehrt sie die Natur. Sie können mich entbehren.
Man brauchet in der Welt, damit man sprechen kann,
Nur Zutraun zu sich selbst: so ist es halb gethan.
CHARLOTTE.
Ach nein!
LEONORE.
Sie brauchen sich den Kopf nicht zu zerbrechen.
Ein Mund, wie ihrer ist, darf, wie es glücket, sprechen.
Nicht jede, die gefällt, wird darum hochgeacht,
Weil sie nichts anders sagt, als was sie wol bedacht.
Die Kühnheit, ohne Scheu was thörichtes zu sagen,
Gilt öfters für Verstand; die Kunst ist, es zu wagen.
Versuchen sies darauf: sie sind ja schön und jung,
Und manche, die so spricht, erlangt Bewunderung.
CHARLOTTE.
Ich seh, sie spotten mich. Ich will sie schon verklagen.
LEONORE.
Nein! wär es nicht mein Ernst, so würd ich es nicht sagen.
CHARLOTTE.
Schon gut.
LEONORE.
Um auf einmal sogleich beredt zu seyn,
Weiß ich kein Mittel sonst als diesen Weg allein.
Denn daß man mit Vernunft bejahet und verneinet,
Bey Kleinigkeiten selbst doch was zu sagen scheinet,
Zu rechten Zeiten scherzt, und allezeit mit Fleiß
Von dem mit jedem spricht, was er zu sprechen weiß,
Und, wie man selber will, der andern Reden lenket,
Das fordert Umgang, Zeit, und daß man etwas denket.
CHARLOTTE.
Schon gut!
LEONORE.
Wie? Weinen sie?
CHARLOTTE.
Sie spotten über mich,
Und geben mir sonst nichts, als Stichelreden.
LEONORE.
Ich?
So legen sie das aus, was ich aus Freundschaft rede?
Mein Rath ist, sprechen sie, und seyn sie nur nicht blöde.
Zum Anfang ist das viel.
CHARLOTTE.
Ach! da kömmt mein Papa!

Sie wollen beyde hinweg gehen. Charlotte läuft fort, da aber Leonore sieht, daß man sie gesehen, kehret sie um.

11. Auftritt

Eilfter Auftritt.

Richard. Jungwitz. Leonore.

RICHARD.
Ihr Leutchen, laufft doch nicht. Charlotte, bleib doch da.
Charlotte, nun! wohin? Charlotte, wilst du hören,
[297] Wenn dich dein Vater rufft.
LEONORE.
Sie fürchtet sie zu stören.
RICHARD.
Sie hat sie wol sehr lieb, weil sie so für sie spricht?
LEONORE.
Als Tochter hier vom Haus, ist dieses meine Pflicht.
Erlauben sie, ich geh und will sie wiederholen.
RICHARD.
Nein!
LEONORE.
Ich empfehle mich.
RICHARD.
Nein! nein! nicht gleich empfohlen.
LEONORE.
Die Jungfer Tochter – – –
RICHARD.
Ey! ich seh sie Zeit genug.
LEONORE.
Doch ihr gilt das nicht gleich.
RICHARD.
Das Mägdchen spricht ganz klug.
JUNGWITZ.
Sie zeigen sich ja kaum, da sie sich schon entfernen.
LEONORE.
Ich bitte – – –
RICHARD.
Soll man sie denn gar nicht kennen lernen?
LEONORE.
Dabey verlier ich nur, wenn man mich kennen lernt.
RICHARD.
Und wir verlieren viel, wenn sie sich gleich entfernt.
LEONORE.
Sehr gut! ich werde sie in diesem Irrthum lassen.
RICHARD.
Als Kind vom Hause hier muß ich sie doch umfassen.
LEONORE.
Ich weiß, die Ehre kömmt nur ihrer Tochter zu.
RICHARD.
Nun! nun! was läufst du denn. Du kleine Närrin! du.

12. Auftritt

Zwölfter Auftritt.

Richard. Jungwitz. Charlotte, mit Charten in der Hand.

RICHARD.
Charlotte, kömmst du nun? Du wolltest ja nicht warten.
Da ich dich vorhin rief. Was bringst du itzo? Charten?
Was soll ich damit thun?
CHARLOTTE.
Quadrille.
RICHARD.
Bist du toll?
Meynst du, daß ich die Zeit mit dir verspielen soll?
Was hättest du davon, wenn ich dein Geld gewönne.
CHARLOTTE.
Nein! ich gewinne Geld zu einer Andrienne.
RICHARD.
Hier hast du Geld, und geh.
CHARLOTTE.
Zu einem Palatin.
RICHARD.
Hier.
CHARLOTTE.
Einen Reiffenrock nur täglich anzuziehn.
RICHARD.
Ey! trag die Charten fort; das heißt zu weit gegangen.
Ich seh, du brauchst den Mund nur Kleider zu verlangen.
CHARLOTTE.
Ach spielen sie doch nur.
RICHARD.
Geh fort! ich sag dirs, geh!
[298]

13. Auftritt

Dreyzehender Auftritt.

Richard. Jungwitz.

RICHARD.
Was für ein Unterschied, wenn ich die andre seh!
Wenn meine Tochter doch nur halb so artig wäre!
JUNGWITZ.
Gewiß! ich wünschte das.
RICHARD.
Ich auch, bey meiner Ehre.
Wenn ich ein Mägdchen seh, das hübsch natürlich ist,
Nicht so von Kleidern strotzt, und nicht die Schritte mißt;
So lacht mir meine Treu das Herz in meinem Leibe,
Und es hält hart genug, daß ich ein Wittwer bleibe.
JUNGWITZ.
Mein Herr, es ist mir lieb, sie so gesinnt zu sehn.
RICHARD.
Warum?
JUNGWITZ.
Charlotte zwar ist schön, ich wills gestehn.
RICHARD.
Ja, ja.
JUNGWITZ.
Etwas Verstand wird sie zum Engel machen.
RICHARD.
Verstand? Verstand? Ey! was? Verstand? ich muß recht lachen.
Wär sie nur nicht ein Ding, das wie im Drathe geht,
Nur Complimente macht, und ihren Reiffrock dreht,
Das lauter Kleider ist, nichts wünscht, als schöne Kleider,
Und ihren Vater kaum so gern sieht, als den Schneider;
Das kaum für lauter Zucht die Lippen öffnen kann,
Und denkt, mit Ja! und nein! ist alles abgethan,
Und weiß sie nur im Spiel die Charten zuzugeben,
Sich einbildt, sie versteht die ganze Kunst zu leben;
Wär sie hübsch ohne Zwang und hätte Munterkeit,
Und spräche, doch nicht stets und auch nicht zu gescheidt,
Und wüste was sich schickt, und wär im Hause nütze,
So frag ich viel darnach, ob sie Verstand besitze.
JUNGWITZ.
Mein Herr, so sind wir eins, so hätte sie Verstand.
RICHARD.
Verstand? mein guter Herr, den hab ich eh gekannt.
Lehr er mich den Verstand der Frauen nur nicht kennen.
Wer ihn erfahren hat, hört ihn nicht gerne nennen.
Wenn ein herschsüchtig Weib den Mann zum Kinde macht,
Und denkt er nicht, wie sie, ihm ins Gesichte lacht,
Ihn straft, so oft er was ohn ihren Rath gesaget,
Ihn vor den Leuten ehrt, und ingeheim ihn plaget,
Und will er nicht, wie sie, mit ewigem Verdruß
Sich krank macht, weint und rast, bis er ihr folgen muß:
So heißt sie das Verstand. Wenn ich so eine hätte:
Ich will ein Schurke seyn, gieng ich mit ihr zu Bette.
[299]
JUNGWITZ.
So find ich zwischen uns vollkommen Einigkeit.
RICHARD.
Nun! wenn wir einig sind, was braucht es denn für Streit?
JUNGWITZ.
Doch sollt ein einzig Wort wol ihre Freundschaft mindern?
RICHARD.
Ey! so ein Lumpenstreit, wie sollte der sie hindern.
JUNGWITZ.
Ich meyne das, was ich noch erstlich sagen will.
RICHARD.
So sag ers.
JUNGWITZ.
Doch ich weiß – –
RICHARD.
Nun denn, so schweig er still.
JUNGWITZ.
Es muß einmal heraus. Am besten ists, ich rede.
RICHARD.
Nun ja! so red er doch. Was thut er denn so blöde?
JUNGWITZ.
Ich gieng zwar den Vergleich mit viel Vergnügen ein,
Und freute mich darauf ihr Tochtermann zu seyn:
Doch die Bedingung war, daß sie mir auch gefiele.
RICHARD.
Ja, ja, nun merk ich wol. Nun kömmt er bald zum Ziele.
JUNGWITZ.
Vielleicht reizt ihr Gesicht noch tausend Augen an.
Wer weiß, wer sie noch sieht, dem sie gefallen kann.
Sie kann noch auf ihr Geld und ihre Schönheit pochen.
RICHARD.
Herr Jungwitz, aber er?
JUNGWITZ.
Ich habe sie gesprochen.
RICHARD.
Nun hab ich schon genug. Gut, ich versteh ihn schon.
Er hat so unrecht nicht, Herr Sohn.
JUNGWITZ.
Nicht mehr Herr Sohn.
RICHARD.
Nun! nun! den bösen Brauch will ich schon endlich lassen.
Nicht mehr Herr Sohn, ganz gut. Doch er muß mich umfassen.
Wir bleiben Freunde drum.
JUNGWITZ.
Das bitt ich.
RICHARD.
Desto mehr.
Wenn man verschwägert ist, liebt man sich selten sehr.
Doch die verfluchte Frau, die mich so sehr betrogen,
Und denkt, sie hat mir gar ein Wunder auferzogen,
Die wollt ich – – –

14. Auftritt

Vierzehender Auftritt.

Jungwitz. Richard. Frau Praatgern.

PRAATGERN.
Nun! was denn? Was wollten sie mir thun?
Hier bin ich.
JUNGWITZ.
Ey! man spricht ja nicht von ihnen.
PRAATGERN.
Nun!
Die wollt ich – – –
JUNGWITZ.
Rüsten sie sich doch nicht gleich zum Streiten;
[300] Wer ihnen was will thun, den muß der Teufel reiten.
PRAATGERN.
Herr Richard, aber sie sind warlich auch ein Mann,
Den jeder, was er will, getrost bereden kann.
Was fehlt Charlotten denn? Ich muß wol besser wissen,
Wie Jungfern in der Stadt erzogen werden müssen.
Ich bin es auch nicht längst gewesen.
RICHARD.
Ey! und ich,
Ich weiß auch was sich schickt.
PRAATGERN.
Die Moden ändern sich,
Und ihre Tochter ist recht nach der neusten Mode.
RICHARD.
Das wird Chinesisch seyn, sie sitzt, wie ein Pagode.
PRAATGERN.
So sagen sie mir doch, was sie sonst machen soll.
RICHARD.
Sie soll gesprächig seyn.
PRAATGERN.
Gesprächig? das ist toll.
Die Jungfern, hört nur an, will er gesprächig machen.
Ey! wollen sie nicht auch, sie sollen gar mit lachen.
RICHARD.
Warum nicht?
PRAATGERN.
Pfuy!
RICHARD.
Warum? He!
PRAATGERN.
Weil sie Jungfern sind.
Wird man hernach zur Frau, so giebt sich das geschwind.
JUNGWITZ.
Dann redt man desto mehr.
PRAATGERN.
Mich dünkt ja, daß ich rede.
JUNGWITZ.
Dann kriegt man auch Verstand.
PRAATGERN.
Itzt bin ich gar nicht blöde.
Als Jungfer sprach ich nichts.
RICHARD.
Weiß sie das noch genau?
JUNGWITZ.
So wurden sie vielleicht um desto lieber Frau.
PRAATGERN.
Nein! sollten wir so jung die Töchter reden lehren,
Wer würde denn hernach gern auf uns Frauen hören.
JUNGWITZ.
So? so? ist das der Grund?
PRAATGERN.
Kurz! hören sie nur an.
Zu zeigen, daß gleichwol Charlotte reden kann:
So soll Herr Jungwitz nur noch einmal mit ihr sprechen,
Und hat sie nicht Verstand. Gut! dann so kann er brechen.
RICHARD.
Was sagen sie dazu?
JUNGWITZ.
Das geh ich endlich ein.
PRAATGERN.
Ich wette, sie soll bald ein recht Orakel seyn.
RICHARD.
Indeß laß ich ihn hier, Herr Jungwitz, ich muß gehen,
Mit meiner Tochter mich ein wenig zu verstehen.
[301]

15. Auftritt

Funfzehender Auftritt.

Jungwitz. Jacob.

JACOB.
Nun find ich endlich doch auch einen Augenblick,
Da ich sie sprechen kann, und zwar zu ihrem Glück.
JUNGWITZ.
Nun!
JACOB.
Weil sie, wie ich weiß, um Richards Tochter freyen:
Hat man mir was gesteckt, das wird sie nicht gereuen.
JUNGWITZ.
Das ist?
JACOB.
Ein klein Geschenk nimmt gleich die Herzen ein.
Es ist die Mode so, es muß geschenket seyn.
Mit Uhren und Etui und solchen Kleinigkeiten,
Wollt ich manch gutes Kind verteufelt weit verleiten.
Ich dächte – – – Wollten sie wol was dergleichen sehn?
Als zum Exempel das?
JUNGWITZ
schlägt ihn.
Fort, Schurcke, willst du gehn.
JACOB.
Ist das für meinen Rath? Wie so? Was fehlt denn ihnen?
Bey einem Bräutigam mag auch der Henker dienen.
Die Leute haben stets den Kopf von Grillen voll.
Man weiß nicht was man thun, und was man lassen soll.

16. Auftritt

Sechszehender Auftritt.

Jungwitz. Jacob. Cathrine.

JACOB.
Da kömmt Cathrine her. Mein Herr giebt itzt Präsente.
Wenn ich ihr doch nur auch zu was verhelfen könnte.
Hör sie, im Fall er sie nicht ebenfalls bedenkt,
So theil ich das mit ihr, was er mir hat geschenkt.
CATHRINE.
Ja! Gut! – – – Hier ist ein Mann. Ich glaub er will zu ihnen.
JUNGWITZ.
Weiß sie das nicht gewiß?
CATHRINE.
Nein.
JUNGWITZ
zu Jacob.
Frag ihn doch.
JACOB.
Zu dienen.
CATHRINE.
Ich hab ihn schon gefragt, und weiß doch nichts.
JUNGWITZ.
Warum?
CATHRINE.
Er sagte nichts darauf.
JUNGWITZ.
Wie so denn?
CATHRINE.
Er ist stumm.
Er gab mir nur so viel durch Zeichen zu verstehen,
Er wollte grade zu herein ins Zimmer gehen.
JACOB.
Hier haben sie ihn selbst, ich weiß nicht, was er meynt.
[302]

17. Auftritt

Siebzehnder Auftritt.

Jungwitz. Laconius.

JUNGWITZ.
Bist dus? Laconius, mein alter guter Freund!
Du alter Philosoph, willkommen – setz dich nieder – –
Du bist doch noch gesund. – – Und denkst an mich noch wieder.
So hast du mich noch lieb. – – Ich danke dir dafür – –
Was macht die Algebra. – – Es geht doch gut mit dir – –
Wer baare Gelder hat, kann gut philosophiren.
Bey mir vertreibet itzt die Wirthschaft das Studiren.
LACONIUS.
Ich höre ja, du willst heyrathen. Thu es nicht.
JUNGWITZ.
Es ist auch noch zu früh, wenn man davon schon spricht.
Herr Richard wollte mir hier seine Tochter weisen.
Und das bewog mich zwar mit ihm hieher zu reisen.
Der Vater steht mir an, die Tochter aber nicht,
Sie redet nicht ein Wort.
LACONIUS.
Nimm sie, weil sie nicht spricht.
JUNGWITZ.
Das wäre was für dich. Du willst nicht plaudern hören.
Sie würde dich nicht sehr in deinem Denken stören.
Hör an, was giebst du mir? so frey ich dir sie zu.
Das Mägdchen sieht gut aus. Was meynst du? Lachest du?
Du hättest wol das Herz, noch eine Frau zu nehmen,
Wenn eine wär, die sich zum Schweigen will bequemen.
Hör doch! wie alt bist du? wol sechzig – – noch nicht? wie?
Doch fünfzig.
LACONIUS.
Vierzig.
JUNGWITZ.
Ey! was die Philosophie
Für Runzeln machen kann! Man seh einmal den Alten!
Zum Henker für so jung hätt ich dich nicht gehalten.

18. Auftritt

Achtzehnter Auftritt.

Jungwitz. Laconius. Cathrine.

CATHRINE.
Herr Richard wünschte sehr, Herr Jungwitz, sie zu sehn.
JUNGWITZ.
Verzeih, mein alter Freund, so muß ich von dir gehn.

19. Auftritt

Neunzehnter Auftritt.

Laconius. Cathrine.

CATHRINE.
Er geht. Wie werd ich nun den alten Kerl vertreiben?
Mein Herr, gedenken sie den Abend hier zu bleiben?
Sie wollen wol vielleicht die andern Zimmer sehn?
[303] Sie winken? – – Ey! ich kann die Sprache nicht verstehn.

Laconius giebt ihr Geld.

Was ist das? zwey! drey! vier! träum ich, bey meiner Ehre
Der Mann ist so beredt, als obs ein Engel wäre.
Daß er etwas begehrt, das hör ich ganz genau.
Doch was begehren sie? von wem? – – von meiner Frau?
Von meiner Jungfer? nicht? – – von mir denn? darf ich fragen?
Vielleicht versteh ich sie, wenn sies noch einmal sagen.
Was wollen sie, mein Herr? Nun!
LACONIUS.
[Richards] Tochter sehn,
Doch, daß sie mich nicht sieht.
CATHRINE.
Das lässt sich kaum verstehn.
Die erste Sprache war viel deutlicher als diese.
Wie? sollt sie sie nicht sehn, wenn ich sie ihnen wiese?
Was heißt das? Wollten sie sie wol im Finstern sehn? –
Was sonst?
LACONIUS.
Versteck mich.
CATHRINE.
So? und was soll denn geschehn?
LACONIUS.
Ich will sie hören.
CATHRINE.
Wie? als wär sie ein Professer.
Sie ist nicht fürs Gehör geschaffen.
LACONIUS.
Desto besser.
CATHRINE.
Ich hör, es kömmt jemand. Das wird die Jungfer seyn.
Geschwinde, gehn sie hier ins Cabinet herein.

20. Auftritt

Zwanzigster Auftritt.

Frau Praatgern. Charlotte. Cathrine.

PRAATGERN.
Wer ist im Cabinet?
CATHRINE
für sich.
Wie? ward sie ihn wol innen?

Laut.

Sie wollen doch hinein?
PRAATGERN.
Nein!
CATHRINE.
Es ist niemand drinnen.
PRAATGERN.
Laß uns allein.

21. Auftritt

Ein und zwanzigster Auftritt.

Frau Praatgern. Charlotte.

PRAATGERN.
Komm her! Charlotte, küsse mich,
Und hiermit wisse, du bist meine Tochter.
CHARLOTTE.
Ich?
PRAATGERN.
Ja du, mein liebstes Kind, ich habe dich geboren.
Aus Liebe gegen dich vertauscht ich Leonoren.
[304] Herr Richard gab mir sie, da sie noch nicht ein Jahr,
Und dir an Alter gleich, und gleich an Grösse war.
Sonst niemand weiß den Tausch, den ich getroffen habe,
Als eine Wärterin, doch die liegt schon im Grabe.
Herr Richard, welcher mir sein Kind vertrauet hat,
Kriegt, meine Tochter, dich, an seiner Tochter statt.
Er glaubet, du bist sein, und wenn er einst wird sterben,
Wird seine Tochter nichts und du den Reichthum erben.
So glücklich hab ich dich durch meine List gemacht.
CHARLOTTE.
So?
PRAATGERN.
Aber nimm nun auch den Vortheil wohl in acht.
Du mußt dich nur einmal, wie Richard will, geberden;
So kannst du eine Frau von grossen Mitteln werden,
Den andern recht zum Trutz in schönen Kleidern gehn,
Und nach und nach im Rang, wo du verlangest, stehn.
Ich bitte dich, laß ja das Glück nicht aus den Händen.
Bist du Jungwitzens Frau: so mag das Blatt sich wenden.
Doch eher ruh ich nicht, bis du versorget bist.
Denn Richard ist nicht dumm, er merkt vielleicht die List.
Ein einziger Verdacht reißt alles gleich darnieder.
Weiß ers, so kennt er leicht die rechte Tochter wieder.
Sie hat an ihrem Arm ein Maahl zur Welt gebracht,
Kennt er dieß Maahl zuvor, dann: alles gute Nacht!
Drum gieb dir alle Müh den [Jungwitz] wegzukriegen.
Ich habe schon gedacht, wie man ihn kann betrügen.
Er klagt, du denkest nichts, und schweigst beständig still.
So machs dem Narren denn, wie er es haben will.
Selbst Leonore soll, ohn wer sie ist, zu wissen
Was ihr bestimmet war, dir mit verschaffen müssen,

Sie klingelt.

Sag du nur niemand was; Es liegt dir selber dran.

Cathrine tritt herein.

Ruff Leonoren her.

Cathrine geht ab.

Es ist um mich gethan,
Wenn es ein Mensch erfährt: Sey klug und lerne schweigen.
Wie du es machen sollst, will ich dir itzt gleich zeigen.

22. Auftritt

Zwey und zwanzigster Auftritt.

Frau Praatgern. Charlotte. Leonore.

PRAATGERN.
Komm! Leonore, komm! hilf mir zu einer List,
Dabey ich sehen will, ob du gehorsam bist.
Bedenk ich habe dich mit Schmerz zur Welt geboren.
[305] Laß sehn, ist dieser Schmerz an dir nicht ganz verloren?
LEONORE.
Befehlen sie, Mama, was fodern sie von mir.
PRAATGERN.
Man lacht Charlotten aus, und tadelt mich in ihr.
Wahr ist es zwar ich darf mich meiner Zucht nicht schämen.
Doch nach dem Mannsvolk muß ein Mägdchen sich bequemen.
In ihren Meynungen sind sie nicht einerley,
Dem ist man allzustill, dem andern allzufrey.
Wär ich ein junger Mann: Ich hielt es mit den blöden.
Doch Jungwitz will, sie soll, wie ein Orakel, reden,
Dem dummen Schöps gefällt ein artiges Gesicht,
Das wenig Worte macht, und doch viel wünschet, nicht.
Er war schon im Begriff den Handel abzubrechen.
Mit Müh beredt ich ihn, sie noch einmal zu sprechen.
Und spricht sie dießmal nicht so schön, wie ein Roman:
So ist es alles aus und um ihr Glück gethan.
Hier soll sie sitzen. Sieh! du sollst dahinten stecken.
Hier wird dich niemand sehn. Ihr Rock wird dich bedecken.
Hilf, was sie sagen soll, von Wort zu Wort ihr ein.
Er hält sich für so klug, er muß betrogen seyn.
LEONORE.
Was sagen sie? Mama, ist das im Ernst gemeynet?
PRAATGERN.
Im Ernst? Der Sache fehlt dein Beyfall, wie es scheinet.
LEONORE.
Gesetzt auch der Betrug gelingt, was für Verdruß ...
PRAATGERN.
Lehr du mich nur, wie man Heyrathen stiften muß.
LEONORE.
Und glauben sie, daß er das nicht gleich merken könne?
PRAATGERN.
Ey! dünkt das Ey doch stets sich klüger als die Henne.
LEONORE.
Und wenn denn sie und ich dadurch in Schande sind.
PRAATGERN.
Thu es, ich halte dich sonst nicht mehr für mein Kind.
Der Anschlag ist so fein. Du wirst michs besser lehren.
Ich will Gehorsam sehn und deinen Rath nicht hören.
Charlotte setze dich. Du! steck dich hinter ihr.
Was schleichst du so? mach fort. Ich glaub er ist schon hier.
So! ... Hilf ihr kurze Zeit! nur ohne dich zu rühren!
Ich will schon bald zu euch den alten Richard führen.

23. Auftritt

Drey und zwanzigster Auftritt.

Jungwitz. Charlotte. Leonore, versteckt.

JUNGWITZ.
Sie nehmen mich sehr kalt und sehr verächtlich an.
Mich dünkt sie sind erzürnt.
CHARLOTTE.
So sind sie Schuld daran.
JUNGWITZ.
Ich wünsche nur zu sehn, daß ich gefehlet habe.
CHARLOTTE.
Die Gabe ... das ... zu sehn ... ist eine ... seltne Gabe.
[306]
JUNGWITZ.
Recht artig! Doch vorhin da sprachen sie so nicht.
Wo war damals ihr Geist? ich sah nur ihr Gesicht.
CHARLOTTE.
Was sollte man ... sonst mehr ... den jungen Herren ... zeigen?
Sie reden ... gern ... allein ... drum braucht man nur ... Eclatanten.
JUNGWITZ.
Wie? Eclatanten? Was?
CHARLOTTE.
Man findet oft ... Verstand.
In Leuten ... die man erst ... gar nicht ... dafür ... erkannt.
JUNGWITZ.
Es klang, als hätt ich itzt zwo Stimmen sprechen hören.
Hier muß ein Echo seyn.
CHARLOTTE.
Es wird sie nur ... bethören.
JUNGWITZ.
Das Echo ...
CHARLOTTE.
Gehn sie doch! ... sie kommen mir zu nah.
JUNGWITZ.
Das Echo ist ganz neu, es spricht voran. Ha! ha!
Wer steckt hier? kommen sie! Das ist nicht zu verzeihen.

Leonore tritt hervor.

Sie haben viel Verstand: er ist gar zu verleyhen.

Zu Charlotten.

Und sie, ach! schämen sie sich nicht, mein schönes Kind.
Ich muß gestehn, daß sie ein artig Sprachrohr sind.
CHARLOTTE.
Ey! nicht doch!
LEONORE.
Ja! mein Herr, sie haben Recht zu spotten.
Wie schlecht entschuldigt mich die Freundschaft für Charlotten!
JUNGWITZ.
Wer hat die List erdacht? Gewiß! sie war recht fein.
LEONORE.
Weil sie nicht feiner ist, drum ist sie zu verzeyhn,
Da sie nicht Schaden thut, und doch sie überführet,
Daß man so einen Mann, wie sie, nicht gern verlieret.
JUNGWITZ.
Ich seh zum wenigsten so viel aus dieser List,
Daß die Betrügerey ihr Handwerk gar nicht ist.
Sie lassen, wie mich dünkt, sich viel geschickter sehen,
Sich zu entschuldigen, als mich zu hintergehen.
LEONORE.
Wer selbst sein Unrecht sieht, entschuldigt sich nur schlecht.
JUNGWITZ.
Ihr Unrecht? sagen sie. Sie haben allzurecht.
Sie konnten für sich selbst nichts vortheilhafters finden,
Und spielten diesen Streich bloß um mich zu entzünden.
LEONORE.
Gewiß! sie trauen mir sehr viel Erfindung zu.
Ich ziele nicht so weit in allem, was ich thu.
JUNGWITZ.
So geht die Wirkung doch viel weiter, als sie zielen.
LEONORE.
Mein Herr, die Roll ist aus, die ich hier sollte spielen.
Sie wissen, ich war nur um einzuhelffen hier.
[307] Hier ist die Hauptperson, drum sprechen sie mit ihr.
JUNGWITZ.
Ich bitte, bleiben sie. Mit ihnen muß ich sprechen.
Sie halfen zum Betrug, nun helffen sie mich rächen.
Nein! man soll mich gewiß umsonst nicht hintergehn.
Sie sollen für den Streich, auf den sie dachten, stehn.
Um den Verstand, den man mich hoffen ließ, zu finden:
So muß ich mich mit der, die ihn besitzt, verbinden.
LEONORE.
Sie glauben, hab ich sie zu hintergehn gedacht,
So ist dasselbe Recht, nun auch für sie gemacht:
Doch ihre Schmeicheley wird diesmal mich nicht fangen.
Dem traut man nicht so leicht, wen man erst hintergangen.

24. Auftritt

Vier und zwanzigster Auftritt.

Richard. Frau Praatgern. Charlotte. Leonore. Jungwitz.

RICHARD.
Wie stehts?
PRAATGERN.
Ey! was ist das? ich weiß nicht, ob ich trau.
JUNGWITZ.
Nun! die Frau Praatgern hält mehr Wort, als keine Frau.
Sie haben mich recht sehr durch dis Gespräch verbunden.
Dismal hab ich Verstand und Witz genug gefunden.
Ich hab ein Kind gehört, das wie ein Engel spricht.
Herr Richard, doch dis Kind ist ihre Tochter nicht.
PRAATGERN.
Wie? seine Tochter nicht? wie soll ich das erklären?
JUNGWITZ.
Ja! ihre Tochter ists.
PRAATGERN.
Nein! nein! ich wills beschweren.
JUNGWITZ.
Ja! ihre Tochter nur, Frau Praatgern, bet ich an.
Kaum hatt ich sie gehört, da ich sie liebgewann.
Die Schönheit kann ein Herz wol rühren, nicht durchdringen:
Nur der Verstand allein kann den Verstand bezwingen.
Was ist die reichste Frau mit wenigem Verstand?
Wie unnütz ist das Gold in einer Thörin Hand?
Es weißt ihr Mittel zu, durch tausend tolle Sachen,
Mit desto leichtrer Müh sich lächerlich zu machen.
Herr Richard glauben sie – – –
RICHARD.
Ey! was geht mich das an?
JUNGWITZ.
Frau Praatgern.
PRAATGERN.
Nein! sie sind Herr Richards Tochtermann.
Was dächten sie, wenn ich so schändlich handeln wollte,
Daß ich Charlotten gar den Bräutgam nehmen sollte.
JUNGWITZ.
Mir steht ja frey – – –
[308]

25. Auftritt

Fünf und zwanzigster Auftritt.

Die Vorigen. Laconius.

LACONIUS.
Hier, das ist Richards Tochter.
PRAATGERN.
Wie?
Das redt ein Schelm! Wer hat denn das gesaget.
LACONIUS.
Sie.
JUNGWITZ.
Der Mann spricht sonsten wahr.
RICHARD.
So hat man mich belogen.
LACONIUS.
Sie hats gesagt. So ists.
LEONORE.
So wär ich selbst betrogen.
RICHARD.
Komm! weiß mir deinen Arm. Laß mich doch sehn.
CHARLOTTE.
Mama.
RICHARD.
Nein! sie ists nicht. Und du! bist dus, ich seh es. Ja!
PRAATGERN.
Gut! nehmen sie sie hin, wenn sie es besser wissen.
RICHARD.
Für den Tausch wollt ich gern mein halb Vermögen missen.
PRAATGERN.
So weiß ich nichts davon, wenn sie vertauschet sind.
JUNGWITZ.
Wie leicht ergreift man auch ein Kind fürs andre Kind.
PRAATGERN.
Ey freylich!
RICHARD.
Für den Tausch bin ich ihr recht gewogen,
Sonst hätte sie mein Kind wohl selber auferzogen.
Mein Kind! kaum sah ich dich, so liebt ich dich auch schon.
Herr Jungwitz, und wie nun? Nun! heißt er doch, Herr Sohn.
JUNGWITZ.
Will Leonore nur, daß ich so heisse, leiden.
Ich bins, Herr Vater, ja! und bin es nun mit Freuden.
LEONORE.
Charlotte dauert mich, was fängt man mit ihr an?
RICHARD.
Nichts.
LACONIUS.
Gebt sie mir zur Frau, weil sie nicht reden kann.
JUNGWITZ.
Er denkt, daß wer nicht spricht, auch wenig Unruh mache,
Und eine stumme Frau, das wäre seine Sache.
RICHARD.
Ja, ja, sie schweigen drum nicht so beständig still.
Die stillste redet oft, wenn mans nicht haben will.
JUNGWITZ.
Das Paar schickt sich recht wohl. Nur Hand in Hand geschränket,
Er spricht nichts, weil er denkt, und sie, weil sie nicht denket.
RICHARD.
Wer aber lehrt hernach die Kinder reden?
PRAATGERN.
Ich!
RICHARD.
Die Heyrath ist gemacht, nur lustig!
LACONIUS.
Willst du mich?

Charlotte neigt sich.

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TextGrid Repository (2012). Schlegel, Johann Elias. Dramen. Die stumme Schönheit. Die stumme Schönheit. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0004-D8FB-5