[Georg Philipp Harsdörffer]
Der Grosse Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichte
Bestehend in CC. traurigen Begebenheiten
Mit vielen merkwürdigen Erzehlungen / neu üblichen Gedichten / Lehrreichen Sprüchen /scharffsinnigen / artigen / Schertzfragen und Antworten / etc.
Verdolmetscht und mit einem Bericht von den Sinnbildern wie auch hundert Exempeln derselben als einer neuen Zugabe / auß den berühmsten Autoribus, durch
Ein Mitglied der Hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft

Widmung

Dem

Hoch- und Wolgebornen Herrn

Hn. Johann Wilhelm Herrn von Stubenberg auf Kapfenberg / Erbschencken in Steyer / Herrn zu Schallenburg Suchtenburg und Neustatt an der Mettau


unter


Den Hochlöblichen Fruchtbringenden dem Unglückseligen /

Seinem gnädigen Herrn / und Hochwehrten Gesellschafter

Zuschrifft

Hoch- und Wol-Geborner Gnädiger Herr /Hochwehrter Gesellschafter.

Die Römer haben zu ihren offentlichen Schauspielen besonder grosse Häuser / mit vielen erhobenen Staffeln erbauet / in welchen viel tausend Personen zugleich auf den mitlern Sandplatz sehen können. Diese haben erstlich die Gestalt einer halben Rundung gehabt / Circi genennt / nachmals aber wie eine Ablange gantze Rundung erbauet / und Amphitheatra geheissen worden.

In diesen Spielhäusern habē sie nicht allein ihre vielerley Arten Fechter / welche meistentheils leibeigne Knechte / und zu solchem Lust erkaufft gewesen; sondern auch Weiber / Zwerge / seltzame Wunderthiere / und was nur dem Volke angenehm zu sehen /kostbarlich vor gewiesen / wie hiervon zu lesen J. Lipsius in Saturnalibus, und in seinem Buch De Amphitheatris.

In diesem gegenwertigen Schau-Platz finden sich fast dergleichen jämmerliche Lustspiele und Mordfechter (Secutores) in Beschreibung vieler Rauffhändel: Etliche derselben sechten mit verblenden Augen (Audabatæ) wie die von bösen Liebsbegierden erblindete. Etliche streiten mit Garnen / (retiatii) welchen der Ehr- und Geltbegierd zu einem Netze wor den. Etliche streiten mit Stücken vnd Würffseilen (laquearii) wie die listigen Frevler vnd Leutbetrüger: Etliche fechten auff Wägen vnd Rossen (Essedarii) wie die Tyranen und Gewaltigen.

Der Meister dieser Mordspiele (Editor) ist der Mörder vnd Lügner von Anfang / der leidige Satan /welcher die Jugend mit Wollüsten / das männliche Alter mit Ehrgeitz / die bejahrten mit der leidigen Geltgeitz auf den Schauplatz dieser Welt führet / vnd verführet.

Hierzu bedienet er sich so wol Manns- als Weibspersonen / grosser vnd kleiner / reicher und armer mit wunderseltnen Fügnissen / vnd gebrauchet sich darzu der Sünden-Knechte / die er in seinen Fesseln vielmals wider die Frommen die stetig im Streit zu leben pflegen / anreitzet.

Es werden aber solche hoch ümmauerte viererley Arten der Schauplätze Spielhäuser genennet / weil man erstlich darinnen allerhand Ritterspiele zu Roß vnd Fuß / wie bey uns auf den Fechschulen / und Vorzeiten bey den Olympischen Spiele vergeübet / darvon der Apostel sagt; So jemand kämpfet / wird er doch nicht gekrönt / er kämpfe dann recht / und an einem andern Ort sagt Gott: wer überwindet (die Welt und den Satan mit seinen Rotten) dem wil ich die Kron des Lebens geben. Welches beedes abgesehen von den Fechten / deren Obsieg durch einen Krantz von Lorbeern geehret worden. Besihe hiervon die Vorrede in dem Gewissens-Recht Amesii.

Nach und nach sind die Gemüter / sonderlich aber der Römer / gegen einander so ergrimmet / daß erstbesagter Schertz Ernst worden. Gewisse Hauffen Fechter / haben Schutzherren gefunden / die sie vnterhalten / und mit Peitschen und brennenden Fackeln zu den Streit antreiben lassen / den Zusehern ein Lustspiel zu machen: Anderwarts sind auch solche Blutfechter bey den Todtengräbern ümb Leib und Leben zu fechten gezwungen worden / weil sie die Seelen der Verstorbnen bey Plutone mit Menschenblut außzusöhnen vermeint.

Diesem nach gegenwertiges Werklein mit Fug der grosse Schauplatz oder Spielhauß genennet worden /weil in demselben viel jämmerliche Mordgeschichte /so sich theils zu unsrer Väter / theils zu unsren Zeiten begeben / vorgestellet / und mit lehrreichen Sprüchen und Anmerkung außgeführet werden.

Solches Spielhauß unglückseliger Geschichte / hat der Spielende / theils aus dem Frantzösischen / zu übertragen unternommen / theils aus eigner Erfahrung beygefügt / welche so hohe Beliebung wider verhoffen gefunden / daß sie nun zum drittenmahl der Presse untergeben worden: darauß ungezweiffelt zu schlüssen /daß solche vormals absonderliche / und nun zusammen gedruckte Büchlein / von vielen nicht ohne nutzliche Gefälligkeit durchlesen worden.

Demnach aber der Unglückselige unter den hochlöblichen Fruchtbringenden die Zahl deß fünfhundertsten erfüllet / und das Gewächs Graßkohl mit dem Beywort von Jugentauf angenommen / hat er so bald den Spielenden seiner hohen Kundschafft durch beliebten Briefwechsel gewürdiget / vnd mit einem Sinnreichen Gedicht / zu den viij. Theil seiner Gesprächspiele gnädig beschencket / eben zu der Zeit /als er Hand angeleget diese Unglückselige Trauergeschichte zu Papier zu setzen: Daher er dann / aus obliegender Dankbarkeit bewogen worden / selbe aus dienstl. Vertrauen mit des Unglückseligen Namen zu beglückseligen / und dieses geringe Werklein als ein Pfand jüngstgeschlossener Freundschaft / welche jederzeit die süsse Frucht unsrer Gesellschaft / wiewol auf gantz ungleichen Stämmern erzielet gewesen /wolmeinend einzuhändigen. E.G. geruhen solches gnädig anzunehmen / und sich zu versichern / daß nechst Empfehlung des Höchsten Väterlicher Beschirmung / jederzeit seyn und verbleiben wird.


E.G.

Deß Unglückseligen

Dienstbegieriger Knecht

G.P.H.

der Spielende.


Ad Insignia

Illustrissimi Domini, Domini

JOANNIS WILHELMI

STVBENBERG, etc.

inter Illustriss. Carpophoros.

INFELICIS nomen

sibi eligentis

Emblemate expressa.


casibus

erigitur

In clypeo proavum quæ denotat anchora firma,
STUBENBERGI ADÆ gloria priscadomus
Cum decertantes, adverso turbine, venti
bella movent nautis, & vada falsa fremunt,
anchora spumantis sistit discriminaponti,
nexa fide rectâ, casibus erigitur.
Nunquam fixa magis, quàm cum gravi impetus illam
mergit, arenosum mordet adunca solum.
Spes demissa Fide (notat anchora utrumque sub undis)
perstat in adversis certa, tenaxque loco.
Fluctuat INFELIX, teneris jactatus ab annis;
Exilio patriæ perdidit omne bonum:
Ast animum Spes atque Fides obfirmat amore
Cœli, dum terræ casibus erigitur.
Observantiæ ergò facieb.
Autor.

über den Namen
des Unglückseligen.
Klingreimen.

Unglůck nehrt die Tugend Frucht /
Unglůck wehrt der Laster sucht.
Die in grossem Glůcke schweben /
mancher Laster Seuch ergeben /
sind entnommen aller Zucht /
und vielmals von Gott verflucht.
Gott beschneitet seine Reben /
und lässt uns in Freuden leben /
Wann er uns zu rechter Zeit
rettet aus der Dienstbarkeit /
Dem Ægypten dieser Welt.
Die / als Knechte seyn gefangen
glücket endlich ihr verlangen /
in dem freyen Himmelsfeld.

Erklärung des Titels
Die Tragædia / oder das Traurgeschicht redet:

Der bejahrten grauen Zeit
flügelschnelle Flüchtigkeit
Halt ich auf
in dem Lauf.
Auf des Ungelücks Geschicke /
schau ich wiederumb zu rücke /
mache sehen
was geschehen.
Mein bestraltes Angesicht
Zeigt der Warheit helles Liecht.
Schand und Ehre
weist die Lehre /
als in einem zarten Spiegel.
Es gräbt meines Dolchens Siegel:
Wie der Kiel
schreibet viel /
und erhärtet mit der Spitz
die vertieften Marmolritz.

Nothwendige Vorrede an den Neugierigen Leser

Nothwendige Vorrede an den Neugierigen Leser.

Welche bisanhero in Beschreibung der Geschichte bemühet gewesen / haben der Könige / Fůrsten und Herren Kriege / Frieden Gesandschafften / Handlungen und dergleichen Begebenheiten zu Papier gebracht; darauß Weltweise Leute / und welchen Gott das schwert der Obrigkeit anvertrauet / kluge Rahtschläge und bedachtsame Fürsichtigkeit erlernen und aus den vergangenen das Zukünfftige überlegen können.

2. Daß aber der privat Personen merkwůrdige Geschichte selten mit eingeführet / und von besagten Geschichtschreibern nicht beobachtet werden / ist daher leichtlich abzunehmen / weil solcher gestalt ihre Wercke gar zu weitläufftig / und ihnen das Absehen zu erstbesagtem Zwecke / durch so vielfältige Begegnissen verrůcket und zu ferne gestecket werden würde.

3. Weil aber vielmehr gemeine Leute zu finden als hohe Standspersonen / (welche sich jener Geschichte allein zu glückseliger Regierung ihrer untergebenen wie gesagt / bedienen) zu einem ehrlichen Wandel der Tugendexempel nicht weniger von nöthen haben / ist von dem sinnreichen Verulamio, hochverständig erinnert worden / daß man alle und jede merkwürdige Fügnissen / so sich unter geringen Leuten mehrmahls begeben / zu Papier setzen / und der Nachwelt zu ihrer Belernung hinterlassen solte l. 6. de Augmentis scient. f. 101. und f. 391.

4. Wann die Alten durch die klugen Fabel gute Lehren haben außbilden wollen / in dem sie die Steine / Thiere / Bäumen und andere stumme Geschöpfe redend eingeführet: Wie viel zulässiger und erbaulicher wird doch seyn / die Geschichte zu betrachten / welche warhafftig und würklich geschehen und uns fast täglich für Augen schweben / aber ja durch derselben Lesung behäglich vorgestellet werden. Was haben wir viel ferne Gleichnissen herzuholen / wann wir solche in den Thun der jenigen finden / welche in unsrer Gesellschafft leben / oder ja zu unsrer Vätter Zeiten gelebet haben / Warum sollen wir unsre Artzneyen in den Ost- und West-Indien suchen / wann sie uns für der Haußthüre wachsen? Warum sol ein Mahler die Gestalt des Menschen von einem entfernten Bilde absehen / wann er viel lebendige Personen in der nähe hat. Daher sagt auch der übertreffliche Marggraff Malvezzi in politico privato, daß wir sehr fehlē / indem unsre Jugend in Lateinischen und Griechischen Geschichten unterrichtet wird / von den Zustand aber ihres Vaterlands und desselben Beschaffenheit von Alters her / fast niemals reden gehöret.

5. Dieser Meinung mahlet der weltberühmte Spanier Diego Saavedera in seinem Politischen Sinnbildern f. 92. zwey Stůcke Scharlach und schreibt darzuPurpura juxta purpuram: bedeutend / daß der Purpurrock seines Königs / könne nicht erkenner werden / als neben dem Purpur-Mantel seiner Lobwürdigen Vorfahren / und erweiset / daß ein König genug studiret / wann er nur die Geschichte deß ihm von Gott anvertrauten Königreichs gelesen habe.

6. Dahin zielten auch der Alten Trauerspiele / welche sie zu grosser Herren Unterrichtung angestellet /darbey aber nicht vergessen etliche Geschichte deß gemeinen Lebens in den Freudenspielen auf den Schau-Platz zu führen / daraus sich geringer Leute spiegeln / die Laster hassen und die Tugend deren Lehrmeister die Historien lieben lernen solten / und zwar mit einer Belustigung / solcher lebendigen Gemähle / welche dem Gedächtnis so leichtlich nicht zu entsinken pflegen.

7. Unter den Spaniern ist Diego Agrada, Eslava Cervantes, und Obregon welche solche Lehrgeschichte (novelas morales) verfasst / unter welchen der erste mit vielen můssigen ümständen / der zweyte mit unnöhtiger Weitläufftigkeit / der dritte aber / (den eine gute Feder Frantzösisch gedolmetscht) ist mit etlichen ärgerlichen Possen angefüllet / daß er nicht viel / höher zu achten / als Gusmann, Lazarillo oder diePicara Iustina deß Vbeda.

8. Die Italiäner habē eine grosse Anzahl allerhand Erzehlung außgedichtet / daraus mehr böses als gutes zuerlernen / und zu folge ihrer Neigung viel Liebshandel beschrieben wie in Boccacio, Bisaccioni Nave, und den nouvellen der Venetianischen Academie, welche sich die Einstimmigen (unisuoni) nennen / zu ersehen / deren wir etliche leswůrdige in unsern Gesprächspielen übersetzet. Solche Erfindungen sind nicht viel schätzbarer / als die Liebs- und Helden Geschichte / welche man Roman nennet / weil sie von Spanier Romance, oder der Römer Sprache der man sich zur Wolredenheit beflissen / herkommen. Pasquier aux Recherches f. 940.

9. Den Frantzosen mangelt es auch nicht an dergleichen Büchern / deren bereit viel übersetzet worden / und hat unsre Meinung mit vorbesagten Lehrgeschichten absonderlich getroffen Belleforest Rosset; und welches letzten Dolmetschung den Teutschen so lieb / daß sie schwerlich mehr zu bekommen / und nun zum vierdten oder fünfftenmahl wider aufgeleget werden.

10. Solchen Fußstapfen hat Iean Pierre Camus Bischoff zu Belley den Fuß rühmlich nachgesetzet / und in unterschiedenen Büchern allerhand denkwürdige Geschichte / so sich zu unsrer Zeit hin und wider begeben / zusammen getragen / der Hoffnung / daß solche die bösen Bücher unterdrucken / und die Tugend an statt der Laster / der neugierigen Welt einstössen solten.

11. Unter dieses wolgedachten Bischoffs schönen Schrifften / habē wir außgewehlt den grossen Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichte / weil deß Menschen Sinn also beschaffen / daß er durch Bestraffung der Bösen mehr beweget wird / als durch Belohnung der Frommen / jener Anzahl auch viel grösser / als dieser; daß also deß Unglücks und die traurigen Fügnissen im mehrerer Anzahl zu begegnen / als der glücklichen und erfreulichen Geschichte.

12. Zu dolmetschen dieser und andrer erstgerühmten Schrifften deß H. Bischofs von Belley hat uns absonderlich veranlasset / daß wir gesehen / wie in den Gespräch spielen die Gesichte und nach der Spielart angeführte Erzehlung / (deren keine geringe Anzahl auß diesem Belley genommen /) fast jederman gefällig / unn mit grosser Gewogenheit beliebet worden / daß wir dir Arbeit der Dolmetschung / an diesem sehr nützlichen / und allen / wes Stands und Lebens sie auch seyn mögen / erbaulichen Buch wol anzulegen ungezweiffelt vermeinen / ob zwar nicht alle Geschichte gleichwol gefällig seyn möchten.

13. Der Titel in dem Frantzösischen ist: L' Amphiteatre Sanglant, ou sont representeés plusieurs actions tragiques de nostre temps. Wir nennen es: Den grossen Schauplatz blutiger oder jämmerlicher Mordgeschichte / welche sich zu unsren Zeiten begeben. Von Wort zu Wort könte man sagen: Der blutige Schauplatz / in welchem / die traurigen Geschichte unsrer Zeit vorgestellet werden.

14. Was nun aus einer jeden Erzehlung zu ersehē und zu lernen ist theils Anfangs / theils zu Ende derselben bemeldet; jedoch sind wir hierinnen dem Frantzösischen selten nachgegangen / weil H. Velley an vielen Orten erwiesen / daß er ein Eifrer / der alles gerne auf seine Religion ziehen wollen / mehrmals mit nachtheil anderer frommen Christen. Also haben wir auch zu Zeiten überflüssige ümbstände in den Erzehlungen untergelassen / den Leser / welcher deß Außgangs begierig ist / nicht verdrüßlich aufzuhalten. Wie wir nun in diesem davon also haben wir in den Lehren aus unsrem Vorraht fast aller Orten darzu gethan.

15. Gleich wie zu diesen unsren Zeit der berühmte Adam Wiele von Harlingen erfunden die Berge zu versetzen / (allermassen die erste Prob zu Dantzig beschehen) und die Erden andrer Orten nach belieben zu gebrauchen macht hat: Also ist es auch einem Ubersetzer frey / den Inhalt eines andren Buchs in seine Sprache zu übertragen / und ihm selben nach gutdünken dienen machen; wann er gleich allem und jeden so genau nicht nachgeher / von den eigentlichē Wort verstand abtritt / und nur den Verlauff der Sachen richtig behält / wie allhier besten Vermögens geschehen.

16. Hierbey ist auch zu gedenken / daß etliche schlechte Historien / mit anderen traurigen Erzehlungen außgewechselt worden / und obwol in den Frantzösischen mehr nicht / als XVII. in dem ersten und XVIII. in dem zweyten Theil zu lesen / so haben wir doch die Zahl biß auf L. nachgehends auch auf CC. denen frölichen unter dem Titul deß Grossen Schauplatzes Lust- und Lehrreicher Geschichte an der Zahl und Format gleichständig erhöhen wollen / theils auß eigner Erfahrung / theils auß andren Scribenten.

17. Ferners was für Personen unter diesen Namen verborgen / ist dem Leser nicht viel daran gelegen /weil er versichert / daß es alle wahre Geschichte / zu welchē / oder von welchen haubtsachlich nichts gethan wordē: allermassen die Zeit und der Ort / wo dieses oder jenes beschehen / gemeldet / und nichts ungläubiges / das nicht geschehen könte / in dem gantzen Buch befindlich.

18. Betreffend schließlich diese Art der Geschichtschreibung / weil solche keine außgesuchte Worte der grossen Wolredenheit leidē / sondern aus einer gleichgeschnittnen Feder herfliessen / daß der Verstand ohne viel mühsames nachsinnen zu Gedechtniß gesasset werden kan / dessen wir uns auch beflissen / und verhoffentlich so unvermengt Teutsch geschrieben /daß man gar wenig Orten bemercken wird / daß dieses auß einer andren Sprache in die unsrige gebracht wordē. Zu mehrern Belusten sind auch zu Ende in jeder Erzehlung kurtze darzu schickliche Reimlein beygesetzet worden / und ist die Rechtschreibung in Abwesenheit des Verfassers dem Verleger und seinen Bedienten freygelassen worden.

19. Ferners ist dieser dritte Druck mit 100. ein-zwey-drey-vier-fünff- und sechsständigē Sinnbildern /wie auch einem Vorbericht von derselben kunstrichtigen Verfassung / und allen Rednern / Poeten / Mahlern / Bildhauern / Glasschneidern / Goldschmieden /etc. zu Behuf / gemehret worden / sich nach belieben solcher Erfindungen zu bedienen / oder nach derselben Veranlassung andre zu ersinnen.

20. Der günstige Leser / welcher neue Sachen zu wissēbegierig / wolle diese unsre Arbeit / wie sie gemeint wol an- und aufnehmen / und sich versichern daß wir ihm zu dienen / und auf alle Begebenheit eussersten Vermögens zu willfahren / begierig sind / und die Zeit unsers Lebens verbleiben werden.


Gott mit uns.

[1] Sendschreiben
Den grossen Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichte betreffend.

Wol Edler und Vester / insonders Großgünst. Junker /E.V. vielgeliebtes ist mir / sambt dem Beyschluß /den 17. dieses wol geliefert worden: deßwegen dann /auch gegen E.V. Ich mich gantz dienstl. bedanken thu. Bin vorhin deroselbē grosser Schuldner / und vermehren E.V. hiedurch die Schuld noch mehr. Ich habe das liebe Buch albereit vorhero durchlesen gehabt /auch anderer Beurtheilung darüber vernommen /denen dann solches gar wol gefält / benebens aber /neben mir wünschten weiln E.V. zu dero hohen Ruhm / weit und breit bekant / und gute Mittel an Fürstlichen Höffen / und sonsten allenthalben haben / daß dieselbe die Mühe auff sich nehmen / und die jenige wunderliche Geschichten / so sich bey diesem noch weren dem Krieg in Teutschland begeben / beschreiben wolten / so / sonders zweifel / treflich abgehen würden. Es hat sonsten unlängsten ein vornehmer Churfürstlicher Rath in seinen Schreiben an mich desBlondels Historien gelobt / die ich aber nie gesehen; sollen / wie er berichtet / gar schön Französisch geben seyn / so deß verdolmetschens würdig weren. Von keinem der absonderlich Historiam Privatorum [1] verabfast hette / kan ich mich nicht besinnē. Es gedenkē E.V. in der 24. Erzehlung §. 2. und p. 198. deß Orts Hirshan nechst Heydelberg / so sonders zweifels verdruckt / Hirschhorn sein wird / welches Stättleins / so jetzt Churmentzisch / Herr / Nahmens Friderich von Hirschhorn / An. 1632. unn mit ihme dieses weyland vornehme Geschlecht abgestorben ist / und seine Fr. Wittib / ein geborne von Helmstat / sich hernach an den H. Obrist. Hans Wachtmeister ehlichen verheuratet. Man hat mich damaln wollen berichten / daß selbiger Fridericus eben der gewesen / so deß Ludwigen von Hirschhorn hinterlassene schwangere Wittib An. 1584. zehen Wochen nach der ersten Geburt eines todten Knäbleins / auff diese Welt gebracht. Wolfius tom. 2. lect. memorabil. fol. 988. hat diese Geschicht auch beschrieben. Ende hiemit / und thue E.V. dem Gnaden Schutz Gottes zu allem gesegneten Wolstand: deroselben beharrlichen großg. aber mich / bester massen / und gantz dienstl. befehlen. Ulm den 22. Augstmonats 1648.


E.V.

Dienstergebener

Martin Zeiller.

Der Erste Theil

Register I. Theils
Register
I. Theils.
I. Der unglückselige Geitzhals.
II. Bestraffung der Untreue.
III. Die verwundte Keuschheit.
IV. Die unbedachtsamen Eltern.
V. Das elende End.
VI. Die unschuldige Zügeinerin.
VII. Die eröffnete Beicht.
VIII. Der falsche Freund.
IX. Der ungefähre Vatermörder.
X. Der stinckende Hurenhengst.
XI. Die spate Reue.
XII. Die Schramen.
XIII. Die rechtmässige Rache.
XIV. Straf der Unbeständigkeit.
XV. Die beraubten Räuber.
XVI. Der verzweiffelte Buler.
XVII. Die entdeckte Verrähterey.
XVIII. Die schädliche Ruhmrähtigkeit.
XIX. Der Freyer in allen Gassen.
XX. Der undanckbare Jungfrauē Rauber.
XXI. Die eifrende Fürstin.
XXII. Die unglückliche Hinterlist.
XXIII. Die großmütige Rach.
XXIV. Das Zeugnis deß Geblüts.
XXV. Die blinde Unkeuschheit.
1. Der ungluckselige Geitzhalß
[3] (I.)
Der unglůckselige Geitzhalß.

Unter den schönen und schiffreichen Flüssen deß Königreichs Franckreich / ist fast der vornemste die Garonne / welcher Anfang und zwo grosse Stätte / Tholose / und Bourdeaux schliessen / jhren Lauff aber viel Fleken und Dörffer zu beeden Seiten belustigen. In dieses berühmten Flusses lustigen Thälern sihet man hin und wieder viel adeliche Schlösser / und werden darinnen die Soldaten gleichsam gewaffnet (wie jener von Thracia schreibet) geboren.

2. In dieser Gegend hatte seine Geburtstat ein unglückseliger geitziger von Adel / welcher diesen grossen Schauplatz jämmerlichen Mordgeschichte eröffnen sol. Seinen Namen wollen wir nennen Bergold /(Crispian) weil darunter sein anerbter Stamm gleichsam verborgen wird. Sein Vater hatte jhn / als einen eintzigen Sohn / zu einem Erben eines sehr reichen Vermögens hinterlassen / und jeder von seinen beeden Töchtern / zehen tausend Kronen / zu jhrer Aussteur /in seinen letzten Willen verordnet.

3. Bergold lässet sich mit so reichem Haab nicht vergnügen / sondern lüstert auch seiner Schwestern Antheil zu besitzen: massen deß Geitzes Eigenschafft ist niemals genug haben / und täglich ein mehrers zu wünschen. Er verheuratet sich an Eugeniam / eine reiche und vornehme Rahts Herrn Tochter / und beschwetzet seine Jüngere Schwester Martham / daß sie aus der Welt / und aus jhrer Angebühr väterlicher Verlassenschafft / den Fuß in das Kloster setzet /jhres Bruders Grausamkeit zu entfliehen. Bergold bedinget mit der Abbttesin 1500. Kronen / und verhofft die übermaß für sich zu behalten. Bevor sich aber Martha zu dem Nonnen Gelübd verpflichtet / lässet sie jhren letzten Willen zu Papier setzen / und [4] verschaffet jhren Antheil der Außsteur Spinellä jhrer ältern Schwester / weil sie jhren Bruder und ärgsten Feind mit allen ůberfluß und grossen Gütern wol versehen wuste.

4. Spinella heischte eine Zeit hernach solche Gelder / welche Bergold für die seinen gehalten / und wolte das unverhoffte Testament / als unbindig und von unkräfften ümstossen / erwartet auch keinen andern Richter / als seinen Zorn / welcher den trotzigen und ehrerührigen Außspruch mit der Faust vollzogen / und seine Schwester mit vielen Schlägen / aus dem Hause gestossen / daß sie gezwungen worden / sich bey jhrer Befreundin einer aufzuhalten / und die Sache Oberherrlicher Erkäntniß zu untergeben.

5. Spinella gewinnt den Obsieg Rechtens / jedoch mit Beding / daß der Bruder beeder Schwestern vermögen / biß zu jhrer Verheuratung inhändig behalten solte / darüber sich dann Bergold / welcher vermeint auch sich / durch übel halten in das Kloster zu zwingen / schmertzlich betrübet.

6. Als sich nun unterschiedliche Buler bey Spinella angegeben / hat doch Bergold mit allerley List jhre Werbungen unterkommen / und theils mit Lügen /theils mit Betrauung / theils durch bitten abgeschrecket. Wie aber sehr schwer ist alle Můcken aus einer vollen Kůchen zu jagen: als haben sich auch nicht alle Liebhaber von dieser reichen Jungfrauen wendig machen lassen / und ist unter vielen eine beharrt / welchen wir Sidonium nennen wollen / der jüngste Sohn eines armen Edelmanns in Gasconien / der mehr Hertz im Leib / als bahres Geld in dem Beutel gehabt. Dieser liesse sich noch bitten noch drauen abschrecken /weil er Spinella Gegenlieb versichert war / und beedertheils zu ehlicher Verlöbnis zu schreiten verhofften.

7. Bergold setzet sich mit grossem Eifer wieder solches Beginnen: sagend / daß er keinem solchen Bettelbuben seine Schwester lassen könne / brings auch bey dem Ehgericht / durch Bemittlung seines Schwer-Vaters ein Verbot aus / daß sie beede einander [5] müssig gehen solten. Dieses Verbot war den zweyen Verliebten ein Gebot / und gleichsam deß Schmidswasser / welches jhre glüende Liebe je mehr unn mehr erhitzte / durch absonderliche Vergůnstigung der Befreunden / bey welcher Spinella sich auffhielte.

8. Nach dem nun die Zeit kein Enderung / an Bergold gefasstem Vorsatz bringen wolte / entschliessete sich dieses blind-verliebte Paar mit der Flucht jhr Verlangen durch ordentliche Verehligung zu vollziehen: wähnende Bergold würde dann zu geschehenen Sachen das beste reden und willigen / was er nicht zu hindern vermöchte. Aber weit gefehlt.

9. Sie haben sich so bald nicht aus dem Staub gemacht / da ergreifft Bergold die erwünschte Gelegenheit / und beklagt Sidonium / als einen Jungfrau Rauber / und bittet die Ehe für unbindig / Sidonii Bildnis an den Galgen / und seine Schwester durch Ritterlichen Spruch in ein Kloster zu verschaffen / welches er auch beedes / und vermittelst solches Urtheils ihr Vermögen / erhalten.

10. Kein Vergleich / welchen die Flüchtigen inständig gesuchet / wolte bey so beschaffenen Sachen stat finden: sondern das Urtheil wird dergestalt vollzogen / daß das Bildnis Sidonii an den Galgen in der Stadt auffgehangen / und weil seine Schwester nicht zu betretten / erfreute er sich / daß auch die Unkosten / so er in dem Kloster herschiessen müssen / ersparet würden.

11. Bey Nacht wird das Bildnis Sidonii von seinen Freunden abgenommen: Bergold lässet ein anders machen / und bestellt eine Wacht darzu / damit es nicht mehr solte weggenommen werden. Sidonii Freunde bitten für solche Schande und trachten diesen Drachen zu besänfftigen: aber ümsonst. Deßwegen versamlen sie sich / und als sie die Wacht verjagen wollen / und das Bildnis / so zur Schande jhres Geschlechts aufgehangen worden / abnehmen / wird einer von den Schergen / durch Eleazar Sidonii vertrauten Freund erstochen.

[6] 12. Bergold bringt durch seinen Schwer-Vatter zu wegen / daß Eleazar / welcher sich mit der Flucht retten muste / in gleicher Straffe / als Sidonius verurtheilt wird. Eleazar befedet Bergold und fodert ihn auff eine halbe Meil von der Statt / den Degen mit ihm zu messen. Bergold erscheint / lässet aber die Schergen in den Busch liegen / welche Eleazar handfest machen solten.

13. Als nun solches der verrahtne Eleazar erwitterte / und ihm den Paß abgeschnitten sahe / ergrimmt er so sehr / daß er seinen Verrähter Bergold den Degen durch die Rippen jagte / und sich selbsten in seines Gegners Degen verwundete. Bergold fiel todt zur Erden / und Eleazar muste sich gefangen geben / deß Bergolds Schwervater hat die Sache so ferne getrieben / daß dem Eleazar das Haubt durch den Hencker für die Füsse geleget worden.

14. Bergold hinterliesse einen Sohn / und seine Frau auff schwerem Fuß / welche als sie die traurige Zeitung / wie ihr Mann in allen seinen Sünden ermordet worden vernommen / eines todten Kinds zehen Wochen zu frühe genesen / und hat hernach auch die Welt gesegnet. Wenige Wochen darnach verstirbt auch Bergolds einiger hinterlassener Sohn.

15. Sidonius und Spinella fliehen nach solche Begebenheit zum König Henrich den Vierten dieses Namens / hochlöblichen Angedenckens / und erlangen gnädige Verzeihung ihres Verbrechens / benebens Widerstattung aller ihnen erblich angefallenen Güter deß verstorbenen Bergolds / welche in zwischen ihres Abwesens / sein Schwervater zu sich gerafft.

16. Hieraus erhellt / daß der Geitz ein Wurtzel deß Neids / Mords / unversehnlicher Feindschafft der Unbarmhertzigkeit / und wird endlich mit einem jämmerlichen Ende von dem gerechten Gott / zur Warnung aller Geitzhälse abgestrafft. Ein Poet setzte diesem Bergold eine Grabschrifft folgendes Inhalts.


[7]
Allhier sein Begräbniß hat
Der nie war deß Geltes satt.
Bergold / (Bergold) war sein Name.
Wilst du Leser nicht entweichen
Wird er aus dem Graben reichen /
Zu dir / nach deß Beutels Same.
Der gewuchert fort und fort /
Ohne Scheue / Maß und Ziel
Bettelt / hörst dus? an dem Ort;
Dann dem Geitz ist nichts zu viel.
Tag und Nacht nach Wuchern trachten /
Arme hassen und verachten /
Seinen Nechsten Freund betrügen
In verkauffen / schinden / schaben
Niemals satt zu leben haben /
Wieder sein Gewissen lügen /
Solcher Leute letzter Lohn /
Ist deß Teuffels Marter-Kron.
2. Bestraffung der Untreue
(II.)
Bestraffung der Untreue.

Famosus ein trefflicher Rittersmann zu Zeiten König Heinrichs deß Dritten / war ein Mars der stetig eine Venus im Sinn hatte / biß er endlich zu wachsenden Jahren die Flügel bald dar / bald dort / gleich den wärmliebenden Schnaken verbrennet / und sich endlich fangen lassen von Magdalis einer unter den schönsten Jungfrauen / zu derselbigen Zeit.

2. Famosus wartete dieser irrdischen Göttin beharrlich auf / und gewonne endlich ihre Gunst / unter der Hofnung Ehlicher Verbindnis / daß sie seinen Eidlichen Versprechen / daß nicht einer redlichen Bejahung wehrt war / Glauben zustellete / ihm nach und nach / mehr unziemliche Vertrauligkeit gestattete /und seine gute Wort mit dem bösen Werck der Finsternis belohnte.

[8] 3. Magdalis hatte ihr kaum rauben lassen / was sie die Zeit ihres Lebens nicht wieder erlangen kunte /sihe / so bald ist dieser ihr getreuer Knecht ein gantz untreuer Herr: ihr so / hoch verpflichter Freund / ein entwichter Ehrvergeßner Feind; die Liebe ein Haß: die Flammen eisenkaltes Eiß und Schnee. Wie dieser unglükseligen Schönen zu Sinne gewesen / ist leichtlich zu erachten.

4. Famosus / als ein Wetterhaan / wendet sich von der / welche er zuvor mit grosser Ehrerbietung gleichsam angebettet / und wann er ihre Gegenwart nicht vermeiden mögen / hat er mit falscher Hoffnung ihre leichtglaubige Gedancken bethöret.

5. Es fügte sich aber daß ein grosser Herr sich von Hofbegabe / wegen eines empfindlichen Widerwillens / so er gegen sich von dem König verspühret / dieser begehret Famosum / als einen lustigen und unruhigen Kopf in seine Dienste zu ziehen / und schlägt ihm zu solchen Ende eine Heyrat vor / mit seiner Basen einer / benebens versprechen / ihn vor allen andren zu befördern und groß zu machen. Dieser Hofmann / der von Zeit seines blühenden Verstands nach Ehren gestrebt / ergreifft die vermeinte gute Gelegenheit mit zweyen Händen / verlässet den Hof und seine Magdalis / welche bald hernach ein junger Sohn zu einer traurigen Mutter machte.

6. Famosus kommet mit Almansor seinem Herrn nach Hauß / und lässt ihm Thriphile seine Base trauen / bevor Magdalis einige Nachrichtung darvon erlangen können. Der neue Ehman lebt in vollen Lüsten /und denket nicht einmal zurücke an die Verlassene /welche von seinen Augen und Angedencken weit entfernet war.

7. Almansor trachtet sich an dem König zu rächen /und das gantze Land wieder ihn zu erregen / welches frevle Vorhaben dem König / der so wol offne Ohren /als lange Hände hatte / nicht verborgen seyn konte. Dem übel nun zeitlich zu steuren und die Funken in den Aschen außzuleschen / sendete der König einen Theil seines Heers dahin / dessen Almansor [9] nicht erwartet / sondern seine Zuflucht zu dem damaligen König in Navarram genommen.

8. Dem Famoso würde ein fester Ort anvertraut /darinnen hält er sich ein zeitlang / biß die Soldaten wider jhren König nicht mehr fechten wolten / und er sich auf deß Königs Gnad ergeben muste / verspürte aber vielmehr Ungnade / in dem niemand für ihn bitten / oder sich seiner annehmen wollen: aus Furcht wegen der Auffruhr in bösen Verdacht zu kommen /so gar daß Famosus das Leben / andern zum Beyspiel verlieren solte.

9. Magdalis hielte sich damals bey einer Fürstin in Diensten / welche Macht hatte / ein Wort mit dem König zureden: Diese flehet sie inständig an / sie solte ümb deß Famost Leben bitten / wie dann auch beschehen. Der König hatte diese Magdalis mehrmals gesehen / und begehret von jhr selbsten mündlich anzuhören / was Ursach sie doch bewegt für diesen undankbaren / Eh- und Ehrvergessnen Gesellen so eiferige Vorbitte einzuwenden. Nach dem er aber verstanden / daß die grosse Trůbsal und treulose Falschheit ihre Liebe nicht gehindert oder vermindert / hat ihm der König Gnade erwiesen / jedoch mit der Bescheidenheit / daß er der Magdalis Sohn für den seinen halten / und gleich den andern Kindern von Triphile mit erbenlassen solte.

10. Es ist nicht zu schreiben / mit was Verwunderung Famosus solche Freundschafft von seiner Feindin / die er umb Ehr und alles zeitliche Glück bringen wollen / angehört / und hat daraus ihre getreue Liebe in der That erkennet: die er hingegen mit keiner Danckbarkeit erwiedern mögen.

11. Das Parlament betrachtete das grosse Unheil /welches aus besagter Auffruhr entstanden / und unterlässet nicht Famosum / sampt noch 2. andern zum Tod zu verurtheilen: und wůrde also Famosus hingerichtet / bevor die Königliche Begnädigung in der Gefängnis angezeiget worden / da er dann vor seinem Ende bekennt / daß seine Untreue solche abscheuliche Straffe verdienet / und weil er kein ander [10] Mittel / seiner erstgepflichten Magdalis einige Wiedergeltung zu leisten / hat er ihren und seinen Sohn / als den erstgebornen zu einem Erben aller seiner Verlassenschafft eingesetzet: sie aber für sein rechtes Ehweib erkennet. Dieses hat nachmals der König bestättiget / und ist der Magdalis Sohn seines Vatern Namen-Schild- und Helmträger / nach erbrichtiger folge verblieben.

12. Hieraus ist zu sehen / daß das Sprichwort war /welches sagt: Untreu bringt Reu: und wie die Schrifft sagt / daß das Unglück von dem Hause deß Undanckbaren nicht weichen werde. Gott bringet die Werke der Finsternis an deß Tages Liecht / gleich wie er die Wolthat / welche verborgen geschiehet / offentlich belohnet.

13. Ein Jungfer wird nicht leicht beständig hassen /
Den sie erst hat das Kräntzlein rauben lassen:
Solt er nochmals ihr vergessen / sonder Scheu /
Wird doch bleiben ihre Treue täglich neu.
Weiber-Volk pflegt ins gemein
Ersten Bulen hold zu seyn.
3. Die verwundte Keuschheit
(III.)
Die verwundte Keuschheit.

Die fruchtbare Insel Sicilia / welche fast halb Welschland ernehret / hat unter vielen Lastern auch ein Wunderwerck der Keuschheit hervor gebracht / welches den alten Exempeln dieser Tugend gleich geachtet /wo nicht vorgezogen werden kan.

2. Sylvester zeugte mit seinem Eh-Weib etliche Töchter und einen Sohn. Nach dem er durch den Tod seiner Frauen in den Wittibstand gesetzet / stosset er seine Töchter in das Kloster / und bedient sich bald dieser / bald jener leichtfertigen Dirne / entschlossen /sich nimmermehr in die Dienstbarkeit eines Ehebetts zu begeben. Sein Sohn ein Jůngling welcher von der Natur schamhafftig / und aller Unreinigkeit [11] feind war / hassete seines Vaters Lasters / welches jhn und alle seine Bekanten / zu grosser ärgernis hätte verleiten sollen. Er war gleich einer Perlenmutter / die ihren Glantz und Liecht / mitten in dem trůben Saltzwasser beharrlich erhält. Kurtz zu sagen: er war ein frommes Kind eines bösen Vatters.

3. Sylvester suchte seinen Sohn mit sich in das Verderben zu stürtzen / GOtt aber rühret sein Hertz die Welt zu verlassen / und in der Mönichs-Kappen den Sünden zu entfliehen. Dieses Vorsatzes gehet er in unterschiedliche Klöster in bedenken / welchen Orden er sich zu schlagen solte. Der Vater hatte seinen Sohn gerne in dem Ehestand / und ihn die Vermehrung seines Geschlechts gesehen / bemühet sich deßwegen ihn darvon wendig zu machen. Der Sohn schämet sich seines Vorhabens nicht / sondern bekennet frey heraus / daß er gewillet der weltlichen Eitelkeit gute Nacht zu sagen / und daß er spůhre / Gott habe ihn zu solchen einsamen Leben / aus sondren Gnaden beruffen.

4. Als nun der Vater mit weltsichtigen Ursachen nichts außrichten / und seinen Geist nicht zu widerstehen mögen / hat er seinen Väterlichen Gewalt anführen / und den Kindlichen Gehorsam erzwingen wollen. Er fängt deßwegen an zu fluchen / zu schreyen /zu drauen / und giebt ihm kurtze Bedenkzeit.

5. Nach dem er aber merket / daß Cadrat beständig auff seiner Meinung verharrt / und ein Chartäuser werden wil / schleust er ihn in eine Kammer / darinnen er / als in einem Gefängnis verbleiben solte / biß ihm dieser Einfall vergangen / und er zu gehorsamen versprechen wůrde.

6. Cadrat wiedersetzet sich nicht in Verhafft zu seyn / fastet und betet / und ob ihm gleich gute Speisen auff getragen wurden / wolte er sich doch vielmehr sättigen mit dem Brod der Trübsal / und tränken mit dem Wasser vieler Threnen / damit der Leib nicht geil / und zur Ungebühr veranlasst wůrde.

7. Weil Sylvester auff solche Weise nichts außrichten konte / ersinnet er eine andre List / und dinget [12] eine Metz / die wie eine Wolffin nach Menschen Fleisch hungerte. Diese wird zu Nacht gantz entblösst zu ihm eingelassen / als er zu Bette gelegen / und sie fügte /sich ihm ein Verlangen nach Ehlicher Beywohnung zu erwekken / an seine Seiten / mit ungebürlichen reitzen. Cadrat wolte sich aus ihren Armen winden / als ob er mit einer Schlangen ümgeben were / und ringte endlich so lang mit diesem Balg / biß er ihr entkommen. Zum Fenster konte er nicht hinaus springen /denn sie waren vergittert: durch die Thüre konte er nicht entfliehen / dann sie war von aussen verrigelt. Die unzüchtige Feindin verfolget den Jůngling / und er kan jhr nicht entkommen / biß er endlich sich erinnert / daß ein Federmesser auff den Tisch / das ergreifft er und verwundet darmit seinen Leib / an Armen und Beinen / biß er in eine Ohnmacht dahin sinket / und die Dirne ümb Hůlff schreyen muste.

8. Der Vater laufft so bald zu / und sihet dar den Sohn in seinem Blut ligen: beschicket die Wundärtzte / welche etliche Wunden für sehr gefehrlich / und wegen verlohrnen Kräfften für fast tödtlich halten: sonderlich aber an den rechten Arm / an welchem das Geäder alles verletzt / und zerschnitten war: wie dann auch bald hernach der kalte Brand darzu geschlagen /daß man ihm den Arm abnehmen müssen.

9. Ob er nun solche Schmertzen mit grosser Gedult außgestanden / so hat er doch nicht sein Leben sondern ein seliges Sterbstündelein erwünschet / welches ihm auch wiederfahren. Der Vater fiel darüber in eine grosse Betrübnis / und wird endlich zu raht / an stat seines verstorbenen Sohns / die Mönichskappen anzuziehen / und seine begangene Sünde hertzlich zu bereuen.

10. Hierauß fliesset die Lehre / daß man die Kinder nicht wieder ihren Willen zu dem Ehestand nöthigen /oder von dem ledigen Stande abhalten sol / und daß dergleichen Zwang einen grausamen Außbruch gewinnen muß: Daher sagt jener weise Heyd / daß die Kinder gleich sind den Metallen / deren ein jedes an seinem gewissen Ort dienlich und nützlich / [13] wann man aber das Gold oder Silber zu einer Pflugschar /das Eisen hingegen zu Trinkgeschirren gebrauchet /so verliere beedes seine Nutzbarkeit. Also sagt auch jener Spanier / daß die Rähte der Könige und Fürsten Augen wären / welche nicht nutzen könten / wann man sie nicht in dem Haubt / sondern auff den Füssen tragen wolte.

11. Wer beschämet
Zwingt und zämet
in der Brust
Seine Lust /
Der mag haben
Engels Gaben /
Und wird seyn
ewig rein.
4. Die unbedachtsamen Eltern
(IV.)
Die unbedachtsamen Eltern.

Wir wollen noch dergleichen Exempel beybringen / in welchem die Eltern ihrer Macht mißbrauchen / und ihren Sohn von seinen guten Neigungen abhalten.

2. In der Statt Meiland / einer von den grösten und schönsten Stätten in Welschland / lebte ein vornemer Bůrger / welchen wir Eutropium nennen wollen / mit Honorata / seiner Ehewirtin / in friedlicher und glückseliger Liebe / deren eintziges Pfand war Theophorus welchen der Tod zu sich nehmen / mit vielen Schwachheiten / bedrauet.

3. Diese beede Eltern hielten täglichs bey Gott mit ihren Gebet an / er wolte doch ihren einigen Sohn mit Stärckung seines schwachen Lebens begnädigen / und würden auch dergestalt erhöret / daß Theophorus das sechtzende Jahr erreichte / aus innerlicher Neigung aber / wolte er lieber ausser / als in der Welt leben: ich wil sagen / lieber Geistlich werden / als weltlich bleiben.

[14] 4. In seiner Kindheit war er andächtiger als ein Kind: in seiner Jünglingschafft beliebte er der Geistlichen Gespräche / und nach dem er mit zuwachsenden Jahren zu reiffem Verstand gelangt / offenbaret er sei nen lieben Eltern / wie er gewillt were / sich in ein Kloster zu begeben. Sein Vater hingegen unterliesse nichts was zu Verhinderung solches Vorhabens dienen kunte / und führte ihm umständig zu Gemüt / daß er der eintzige Sohn / auf welchen alle Hoffnung ihres Namens und Geschlechts stünde. Hierauff antwortet der Jůngling / daß sie ihm versprechen solten / wann er noch einen Bruder von Gott erbitten wůrde / sie ihm in das Kloster zu tretten verlauben wolten.

5. Dieses kam der Mutter so lächerlich vor / als dorten der alten Sara / und versprachen so viel lieber /was sie solches zu erleben niemals hoffen kunte / weil sie beede wol bejahrt.

6. Was geschicht? Theophorus flehet fůr Gott / und erbittet von ihm einen Bruder / welcher dem Ansehen nach gesunder und stärker / als er war. Die Eltern lassen Theophorum unter der Auffsicht eines verständigen Hoffmeisters in ferne Lande raisen / damit er sein Gemüt ändern / und der Weltfreude gewohnen solte /aber ein Gefäß verleurt seinen ersten »Geschmack nicht leichtlich.«

7. Nach dem nun die Eltern ihren Versprechen keine Folge leisten / und beede Söhne gern weltlich sehen wolten / schreibt Theophorus seinem Vater /daß er doch seine Person Gott nicht berauben / und ihm von seinem Gelůbd ferners abhalten solte: dann er bey Beharrung solcher Sünde Gottes Straff ungezweiffelt zu erfahren haben würde.

8. Eutropius beschüldigt seinen Sohn grosses Ungehorsams / wird aber bald darauff mit seiner Kutschen / als er nach Bergamo raisen wollen / ümgeworffen / und fället mit dem Haubt auff einen Stein /daß er / wenig Tage hernach / zu Grab getragen wurde.

9. Nach diesem vermahnte Theophorus seine [15] Mutter / sie solte ihn doch ihres Gewalts erlassen / und kehrte auch selbsten nach Hauß / seine Befreyung auß zu würken und zu den Theatinern (welche fast deß Ignatii Regel halten) zu tretten.

10. Die Mutter fällt in ein hitziges Fieber / und verlangte aus dieser Welt zu scheiden / wann nur jhr lieber Sohn in derselben verbleiben wůrde.

11. Nach dem Tod seiner Eltern hatte Theophorus keine Hinternis mehr seinen lang verlangten Vorsatz in das Werk zu setzen / ůberlässt deßwegen alles Haab seinen Jüngern Bruder / und bringt ein mehrers nicht in das Kloster / als jhm zu Antrettung solches Ordens von nöhten war.

12. Hieraus ist zu ersehen daß die Eltern unbedachtsam verfahren / wann sie ihre Kinder mehr zu ihren / als Gottes Ehren aufferziehen. Sie sind Väter und haben Macht über ihre Söhne: sollen aber gedenken / daß Gott ihr Vater und sie seine Söhne / dessen Willen sie / zu gehorsamen pflichtig / als so wol ihnen ihre Söhne verbunden sind. »Daher sagt jener Rabbi: Fürchte Gott deinen himmlischen Vater / so werden deine Kinder dich fürchten: Lässest du solche Gebühr auß deinen Hertzen / so werden deine Kinder dergleichen auch gegen dich thun.« Gewißlich sind ungeratne Kinder eine grosse Straffe ruchloser Eltern.


13. Sinnbild.


Ein jeder


sperrt.

Erklärung.

Ein jeder Schlüssel sperrt / zu dem er ist gemacht;
Nimmst du den rechten nicht / wirst du das Schloß verdrehen:
[16]
So nimm zu rechter Zeit deß Knabens Sin in acht /
Worzu jhm die Natur / nicht deine Chur versehen.
5. Das elende End
(V.)
Das elende End.

Wer stehet der sehe daß er nicht falle. Die Jäger erkennen das Wild an der Spuhr / und ihren Fuß tritten: und das Leben muß man aus dem Tod / oder desselben Außtritt erlernen. Die schöne Tage muß man Abents loben / und die heitere Zeit / ist auff dem Meer ein Vorbott deß Ungewitters. Hier werden wir finden ein elendes End / eines erfreulichen Anfangs.

2. Parmenon / ein Kind von geringer Ankunfft /aber hohen Verstands / hatte theils durch Wolthätigkeit frommer Leute / theils durch seine gelaiste Dienste / seine Geschickligkeit so weit gebracht / daß er Hofmeister bey eines vornemen HErrns Sohn / welchem eine Landschafft / oder Provintz in Franckreich anvertraut war. Sein untergebener solte ein Geistlicher werden / und weil er sehr fähig / fassete er Parmenonis Anweisung so glücklich / daß der Herr Vater über seinen jungen Hern grosse Freude hatte / und mit den Lehrmeister wol zu frieden.

3. Nach diesem wird in der Provintz eine Abbtey ledig / und Parmeno damit versehen / welcher auch sich in allen verhalten / wie einem Geistlichen wol anstehet / und war der junge Herr seiner Zucht damals entwachsen.

4. Wie aber ein schwaches Hirn den Wein nicht wol vertragen kan / also kan ein geringer Gesell kein grosses Glück lange behalten. Parmeno vergisset seiner außgestandnen Armut / und aller empfangen Wolthaten / ja seiner selbsten / und beschweret das Hertz mit fressen und sauffen / welches ihm verleitete in Kammern und Unzucht.

5. Den Kirchenthurn sihet man in einer »Statt von ferne / wann er auffrecht stehet: Den [17] Prediger muß ein jeder in seinem Leben und Wandel erkennen / wann er nicht aus seiner Ambtsgebühr entfället / und den Sturmwinden seiner bösen Begierden Widerstand thut.«

6. Was Parmeno den Hugenotten / welche in selber Abbtey gewonet / für Ergernis gegeben / ist nicht außzusprechen / und weil ihm niemand Einhalt gethan /fuhr er fort / als einer der mit Blindheit geschlagen in allerhand Sünden und Lastern / ohne Scham und Scheue.

7. Unter vielen gefällt ihm eine Jungfrau / benamt Sara / die in ihm so eine brünstige Liebe erweckte /daß er vermeint er könte ohne sie nicht leben. Die Jungfrau hingegen wil von ihm ein Ehliches Verlöbnis (welches seinen Würden ohne Verlust des fetten Kirchendiensts unthunlich) nichts wissen oder hören. Sie suchte ihn zu betriegen: er suchte sie zu betrGeistlichben / vorgebend / daß die Menschensatzung den Geistlichen die Ehe verbieten / welche auch in Griechenland beweibt wären.

8. Parmeno verspricht dieser Sara die Ehe / jedoch mit der Bescheidenheit / daß sie solches die Zeit ihres Lebens nicht offenbaren solte / weil er sonsten in Schand und grosse Armut gesetzet werden würde /und setzt hinzu / daß dergleichen bey ihnen gebräuchlich / und heimlich Ehweiber zu haben von dem Papst zugelassen werde.

9. Sara / welche wol wuste daß die Kirchendiener verheuratet / und von keiner andern Religion / als der ihrigen jemals reden hören / stellet dem Herrn Abbt vollen Glauben zu. Berichtet solches ihre Mutter und Schwester / welche dieses wegen ihrer Armut / für eine anständige Gelegenheit hielten / und wird also eine Heurats Abred von einem vertrauten Notario zu Papier gesetzt / und war der Sara Außsteuer ihre Schönheit / und die Reue die Morgengab.

10. Die Warheit ist eine Tochter der Zeit / und wird auch nach und nach aus dem tieffsten Brunnen geschöpfet. Sara wird schwanger / und [18] vermeint daß alles ehrlich und wol zu gegangen / in dem sie etliche schertzweiß die Frau Abbtisin genennet / und sie ihr solches für eine grosse Ehre gehalten. Nach dem sie vermerkt / daß man ihrer gespott / und weiters nachgefragt / hat sie sich mit grosser Verwunderung betrogen gefunden.

11. Es war aber ein vornemer Mann in selbiger Gegend wonhafft / der seinen Sohn gerne diese Abbtey zugeschantzt hätte / und bedient sich dieser Unthat den Frembdling und Einkömmling außzustossen: zu diesem Ende lässet er den gantzen Handel schrifftlich / in glaubwirdiger Form verabfassen / und bringt seine Klage / im Namen der gantzen Gemeine bey den Bischoff vor / der den Abbt darüber vernimmt / und nach etlichen nichtigen Entschuldigung / in das Gefängnis setzen lässt / in welcher er sich zu der Reformirten Religion bekennet / und nach dem er aus solchem Grab der Lebendigen entkommen / lässet er ihm Saram trauen / weil er sahe / daß er nunmehr aller seiner Einkommen beraubt und ein Frommerer an seine Stelle verordnet worden.

12. Wie armselig er sich hierdurch gemacht / ist unschwer zu ermessen: Die feiste Küchen war versperrt / Weib und Kind wolte zu essen haben: Graben wolt er nicht / so schämte er sich zu bettelen. Er verbarge sich und hasset die Evam / welche ihn in das Elend gestürtzet / und erweisset sich wie ein Löw /mit fluchen / rauffen und schlagen / daß Sara nie vermeint / daß das Joch deß Ehestands so gar schwer seyn solte.

13. Portian der Sara Bruder ein wehrhaffter Soldat der neulich aus dem Krieg wiederkommen / nimmt sich seiner Schwester an / und bedraut den Schwager /daß er ihm wolle die Hand aufflegen / und einen weltlich geistlichen aus ihm machen / wann er seiner Schwester mehr ein unschönes Wort geben würde. Parmeno unterlässt nicht sein Weib übel zu halten /wird aber von Portian jämmerlich gebrügelt / daß er die Denkmahle lange Zeit auff den Rücken tragen müssen.

[19] 14. Parmeno gedenket sich zu rächen / und erscheusst seinen Schwager mit einem Pistoll / bey der Nacht / als er sich keiner Feindseligkeit versehen /darüber er gefangen / und / und zum Strang verurtheilt worden / nimmet also ein elendes End mit Schrecken / wie von dem Gottlosen die Schrifft redet.

15. Hieraus folgt eine Lehre / wie alle Laster gleichsam in einer Ketten an einander hangen / und durch den überfluß verursachet werden. Das erste Glied an solcher Ketten war ein unordentliches Leben / das zweyte Hurerey / das dritte der Betrug / das vierte Verlaugnung seiner Religion aus Furcht der Straffe / das fůnffte der Zorn / das sechste der Todschlag: »Daher Bernhardus Gott gebetten er sol ihm seine erste Sünde zu erkennen geben / damit er sich vor den andern hüten könne / und nicht als ein Blinder darinnen fortfahre.«


16. Laster wird von Last genennt /
Deren Bürde spat erkennt /
Und wann man sie mit behagen lang getragen /
Kan sie niemand werffen ab /
Biß sie letzt mit Schen und Reu
Ihres Trägers Rucken drucken in das Grab.
6. Die unschuldige Zugeinerin
(VI.)
Die unschuldige Zůgeinerin.

Selten findet man die Tugend unter den Lastern und die Unschuld bey den Ubelthätern. Das Lumpen Gesind / welches unter dem Namen der Zůgeiner die Welt durchwandert / sind solche Leute / daß man leichter einen weissen Raben / oder einen schwartzen Schwanen finden solte / als unter ihnen einen Frommen. Diesem nach ist folgende Begebenheit [20] billich unter die seltenē zu rechnen und deßwegen mehr als andre zu verwundern.

2. In Champagne ist eine Gesellschafft besagter Egyptier oder Zügener in einem Marcktflecken angelangt / unn alldar Herberg gesucht / unter welchen eine Schwangere so kurtz zuvor ihren Mann verlohren hatte / darnieder kommen / und von den andern /wegen ihrer Schwachheit zu rucke gelassen worden.

3. Die edle Frau / welcher der Marcktflecken eigenthumlich zustunde / erbarmete sich über diese verlassene / und leistete ihr allen Beystand: als sie aber vermerckte / daß es der Kindbetterin das Leben kosten möchte / in dem die Kranckheit von Tage zu Tage überhand nahme / liesse sie die Krancke durch den Geistlichen deß Orts besuchen / und zu Rettung ihrer Seelen beweglichst vermahnen: massen sie auch die kurtze Zeit ihres übrigen Lebens zu einem seeligen Tod wol angewendet.

4. Bevor nun die letzte Stund herbey nahte / bedancket sich die Zůgeinerin gegen ihre Wolthäterin / und gab ihr zu vernehmen / wie sie in der Jugend ihren Eltern entführet / sich mit einem flůchtigen Edelmann /der einen ermordet / und wegen Sicherheit sich unter die Zügeiner begeben hatte / verelichet / auch mit ihm diese Tochter Oliviam erzeuget / welche sie ihr befohlen / und einen Beutel mit hundert Kronen / zu ihrer getreuen Hand anvertrauen wolte / mit Bitt ihr solches Geld vorzutragen / biß sie erwachsen / und solches zu einer Außsteuer von nöthen haben möchte.

5. Avoye / also nennete sich diese Edle / hörte mitleidig zu / und verspricht ihr auch alle möglichste Willfahrung / dieses Mägdlein von so böser Gesellschafft ab und zu allen guten in ihren Diensten auffzuziehen / verhoffend ein Werck der Christlichen Liebsschuldigkeit darinnen zu leisten: empfangt also den Beutel mit dem Geld / und nimmt Oliviam auff / unter ihren andern Dienerinnen / nach Tamaris / der [21] Zügeinerin bald drauff erfolgten Tod / ehrlich und wol zu unterhalten.

6. Olivia erzeiget sich wol / ist fleissig und getreu /daß jhr Frau keine Klage über sie haben können /sondern vielmehr wegen ihrer Bescheidenheit und guten Sitten ihr mehr / als andern ihren Bedienten mit gunsten gewogen worden.

7. Hieraus entstunde nun Haß und Neyd / so die andern Mägde wieder diese Zügeinerin / wie sie sie nennten und würde ihr alles Unheil / so sich in dem gantzen Dorff begabe / meuchellistig beygemessen /und zu Beglaubung solcher Verleumbdung / mischten sie vielerley Wurtzel / Kräuter / Pergament Zettel /mit unbekanten Buchstaben unter ihr Gerätlein / und was verlohren wurde / muste alles die Zügeinerin entzucket haben.

8. Die Frau wil diesem Verdacht keinen Glauben geben / und entschuldigte ihre Unschuld mit der Anklägere verweiß / darüber sich denn die Feindschafft vermehrte.

9. Was begibt sich? Leon der Sohn in dem Hauß /verliebt sich in Oliviam / und ob er wol vermeinet / es were dieses Schloß leichtlich zu erobern / hat er doch mehr Widerstand gefunden / als er überwältigen mögen: in dem er nicht nur mehrmahls abschlägige Antwort erlangt / sondern sie hat sein unziemliches beginnen seiner Frau Mutter angesagt / welche ihm das Haubt mit einer scharffen Laugen gezwagen.

10. Nach diesem wandelt Leon seine Liebe in Haß und Feindschafft / und weil ihm nach Paris zu raisen anbefohlen / wil er nicht ohne zuvor verübte Sache scheiden: massen er die Gelegenheit erkundschaffet /unvermerckter weise aus seiner Frau Mutter Schatz /der Olivia hundert Goldstücke zu entwenden / und hundert Blätlein Eichenlaub an die stelle einzulegen.

11. Damit scheidet er und verzehret das Geltlein zu Paris in vollen Freuden. Avoye giebt bald hernach der Olivia Urlaub / ihrem Sohn alle Veranlassung [22] zum bösen aus dem wege zu raumen; weil er bald wieder nach Hause kommen / und endliche Strittigkeiten in der Nachbarschafft vertragen solte. In dem sie nun ihr das anvertraute Geld einhändigen wil / findet sie den mit Blättern angefůllten Beutel viel zu leicht / und schleusst aus diesem Betrug / daß die Olivia von ihrer Mutter die Zauberkunst ererbet / und die vorgemelten Aufflagen / ausser allem zweiffel / wahr seyn müsten.

12. Hierüber wird ein Geschrey in dem Schloß /Olivia hinaus gestossen / und von den rasenden Bedienten und Bauren mit Steinen verfolgt / daß sie in ihrer Unschuld zu boden geworffen und also jämmerlich ümb ihr Lebenkommen müssen.

13. Leon kehrt wiederumb nach Hause / und fällt in ein hitziges Fieber / daß die Aertzte ihn verlassen /und der Beichtiger seine Seele zu heilen beschicket wird. Es kunte ihm nicht unwissend seyn der Olivia jämmerlicher Tod / und daß er desselben Ursacher /sagte ihm sein Gewissen: Dieses zu entladen eröffnet er dem Beichtvater und seiner Frau Mutter den hinterlistigen Diebstall / durch welchen er Olivia verächtliches / und / wie er es nennte / verrähtliches Verfahren gegen ihn / zu rächen vermeint: nichtwähnend / daß es zu einem solchen Ende ausschlagen solte / und daß diese unschuldige umb das Leben kommen würde.

14. Hierüber betrübte sich die alte Mutter / daß sie ihr den blutigen Leichnam der Olivia nicht aus dem Sinne schlagen könte / und bedunckte sie / daß solche That ümb Rache gen Himmel schreye / wie das Blut deß Gerechten Abbels. Weil sie nun dieses verfahren nicht sattsam bereuen kunte / verschafft sie die 100. Kronen benebenst noch anderen gewissen Einkunfften für Tamaris und Oliviam jährlichen Seelmessen zu lesen / und gehet kurtze Zeit hernach den Weg aller Welt.

15. Leon steht von seiner gefährlichen Kranckheit auff / richtet aber seiner Mutter letzten Willen keines weges aus / und verlachet die Widerstattung [23] deß entwendten Geldes. Es ruhete aber die Straffe für der Thür / denn er von einem andern von Adel der ihn wegen Ehbruchs in verdacht hatte / unversehens in allen seinen Sünden ermordet worden.

16. Diese wahre und merckwürdige Geschichte lehret daß Gott keine Sůnd unbestrafft lässet / es stehe gleich kurtz oder lang an: wie wir an Leon sehen / der sich durch seine Kranckheit nicht wollen bekehren lassen. »Hiervon sagt der übertreffliche Marggraff Malvezzi / daß Gott nicht alles in dieser Welt unbestrafft hingehen lasse / damit die Bösen nicht wähnen / es sey kein Gerechter GOtt in dem Himmel / der auff das niedrige sehe: Hingegen straffe Gott auch nicht alles / damit die Frommen nicht vermeinen / es sey kein ewige Belohnung in jener Welt.«


Echo.
Echo sag / was bringt Unschuld?
E. Huld.
Sag / was bringt die Unschuld mehr?
E. Ehr.
Was hilfft wider Ungedult?
E. Geduld.
Also kan ein guts Gewissen /
Böse Tage wol versüssen.
7. Die eröffnte Beicht
(VII.)
Die eröffnte Beicht.

Es ist die Verschwiegenheit ein köstlicher Schatzkasten / und das in dem Munde erfaulte Geheimnis ein lieblicher Geruch / wie Boccalini redet. Fürsten und Herrn Geheimnis sol man verschweigen / und sonderlich ist der Geistliche pflichtig / was ihm in der Beicht vertraut wird / in höchster Verschwiegenheit mit sich sterben zulassen: im fall aber ja die Beicht verschwetzet wird / kan solches Verbrechen von der Obrigkeit nicht an dem Thäter gestrafft [24] werden / sondern an den Beichtvater / weil solche Fälle der Göttlichen Allwissenheit und Gerechtigkeit überlassen werden / wie aus folgenden Ausspruch deß Parlaments zu Tholuse mit mehrern erhellen wird.

2. Ein Burger in erstbenanter Stadt Namens Adrian kauffte von Nabor einem Wirt ein Faß Wein / welches er ihm aus einem grossen Stück abziehen liesse. Als es beschehen / und Adrian der Wein nicht mehr schmecken wolte / wie in dem Keller / fügte er sich zu Nabor und bespricht ihn darüber. Nabor führt ihn wiederumb in den Keller unn läst ihn aus dem grossen Stůck eben den Trunck kosten / er wil aber Adrian nicht munden / sondern beschuldiget den Wirt er hette einen geringen Wein in das Faß gezogen und ihn betrogen. Der Wirt bejahet / daß es der erste Trunk den er ihn verkaufft / und von dem Gewächs und kein andrer.

3. Hierüber wechslen sie das ja und nein / biß Adrian ergrimmet / und den Nabor / weil er ihn widersprechend / Lügen straffte / einen starcken Backenstreich versetzte. Der Wirt war solcher Müntze nicht gewohnet / und gabe wieder was er empfangen / daß sie mit einander ringend zu boden fallen und sich mehrmals überwerffen. Adrian ist dem Nabor zu starck / und weil sie beede nur mit Fäusten handelnten / ergreifft Nabor das Bidnermesser und schlägt es dem Adrian auf das Haubt / daß er plötzlich zur Erden gefallen und den Geist auffgegeben.

4. Nabor ist der Mord von Hertzen leid / und ob er wol eine von Natur und allen Rechten zugelassene Noht- und Schutzwehr gethan / fürchtet er sich doch die That zu offenbaren / und ziehet den todten Leichnam in ein kleines Kellerlein / wirfft ihn in eine Gruben / vnd verscharret ihn / sampt den Kleidern / stellt auch alte Fässer darauff / daß niemand / als er ümb die That wissen können.

5. Adrians Weib und Kinder fragen nach Adrian /und erfahren / daß er bey Nabor gewesen / besprechen jhn auch wegen ihres Vaters / und Nabor [25] antwortet mit bebenden Hertzen / daß er wieder von ihm weggegangen / und daß er nicht könne Rechenschafft geben / von denen die bey ihm / als in einem offnen Wirtshause aus und eingehen.

6. In zwischen nun Adrian nirgendwoh zu betretten / nahet die österliche Zeit herbey in welcher Nabor sein Gewissen zu entlasten / sich in den Beichtstuel einfindet / und den Geistlichen / welchen wir Celsum nennen wollen / diese erzehlte Mordthat ümständig beichtet.

7. Celsus war ein verständiger Mann / konte aber übel schweigen / und weil er mit Adrians Wittib bekant / sagt er / sie solte ihres Manns nicht ferner warten / dann er wüste / daß er nimmer wiederkommen könte. Als er nun bittlich angelangt wurde / seinen Aufenthalt anzuzeigen / läst er sich vernehmen / daß er solches noch thun könte / noch tragenden Amts wegen thun dörffte.

8. Adrians älster Sohn fasset dieses zu Ohren / und blendet Celsum in geheim mit Goldpulver / verspricht ihm endlich höchste Verschwiegenheit / und noch eine anzehliche Summa / wann er Gewißheit / wegen seines Vaters erlangen würde. Hierdurch verblendet er Celsum / daß er heraus bricht / und die Beicht / so ihm vertrauet / eröffnet.

9. Der Sohn beklagt Nabor / es wird der Leichnam befunden / und die That von dem Wirt nicht abgeleugnet / mit dem Anhang / daß es niemand / als Gott und sein Beichtvater wüste. Diese Aussage giebt den Schöpfen Ursach / den Sohn auch in Verhafft zu bringen / und zu vernehmen / wer ihm von seines Vatern Tod die Zeitung gebracht? Der Sohn sperrt sich / und wil mit der Sprache nicht heraus / bis er mit der Volter bedrauet wird / daß er aus Furcht bekennet Celsus / Adrians Beichtvater / hette jhm solche Nachricht ertheilt.

10. Celsus hörte von ferne daß Adrian in Verhafft kommen / und wil den Fuß weiter setzen / wird aber in der Flucht ergrieffen und handfest gemacht. Er kan nicht abläugnen daß dieser Mord durch ihn [26] außkommen / und entschuldiget sich so gut er mochte: setzte auch darzu Adrians Sohn hätte ihn den Dolch an die Gurgel gesetzet / und ihn bekennen machen / was er nicht hette sagen sollen.

11. Das Parlament / für welchem diese Sache vorgangen / verdamt Celsum / an statt Nabors / zum Strang / und daß sein Leichnam mit Feuer zu Aschen solte verbrennet werden / wie dann auch geschehen. Nabor aber ist aller Straffe erlassen / wieder auf freyen Fuß gestellt worden / weil er von solcher Sünde entbunden / und fernere Bestraffung verborgener Fehler dem Allwissenden GOtt ůberlassen werden sollen.

12. Hieraus ist zu mercken / daß wie in dem Ehestand der Mensch nicht scheiden kan / was GOtt zusammen gefüget / also in der Beicht der Beichtiger nicht eröffnen kan / was Gott verborgen haben wollen / und daß die Priester / welche das Siegel der Beicht erbrechen / das Leben verlohren haben: massen in dergleichem Fall aus dem Geistlichen Recht zu Venedig auch geurtheilet worden.


13. Wol reden ist die schönste Kunst /
So bey den Fürsten bringet Gunst /
Doch muß die Kunst dem Schweigen weichen /
Das kan verborgnem Golde gleichen.
Uns lehret beeds zu rechter Zeit

Bescheidenheit.

8. Der falsche Freund
(VIII.)
Der falsche Freund.

Die Falschheit ist für Gott und den Menschen ein Greuel und mit vielen Lastern verknüpffet. Daher sagt David im 54. Psalm von Achitophel / wann mich mein Feind schändete / wolt ichs leiden / und wann mich mein Hasser pochet / wolt ich mich für ihm verbergen / du aber (Achitophel) [27] bist mein Gesell / mein Pfleger und mein Verwandter / die wir freundlich mit einander warē etc. und bald hernach folget: Aber GOtt du wirst sie hinunter stossen in die tieffe Gruben / die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben nicht zur helffte bringen / massen auch an Achitophel erfolgt /daß er sein Leben ihm selbst mit dem Strang abgekürtzet. Von so meůchellistiger Falschheit handelt auch folgende Geschichte.

2. Cratis und Politian / Frantzösische von Adel waren zween mit Kundschafft genau verbundne Freunde / biß das blinde Liebeskind mit seinem Brand beeder Hertzen zertheilete / und die Treue in Untreu und Falschheit verwandelt. Sie waren beede in blůhender Jugend / und in solchem Alter in welchem man die Dienstbarkeit deß Ehstands zu freyen pfleget.

3. Politian wirfft seine Augen auf Phebe eine Jung frau / die mitgrossen Reichthum / und noch grösserer Schönheit begabet / welches beedes zur Liebneigung die Jugend zu vermögen mehr als genugsam ist. Ihr Vormund hatte Verlangen sich dieser Pflegtochter zu entschlagen / und schaffte zu gleich auch etlicher mühsamer Rechtfertigung / welche er in ihren Namen führen musste / abzukommen.

4. Die Jungfrau anderseits wolte lieber einen Mann / als einen Vormund haben / und sahe Polician / dem es an Höfligkeit / und schönen Worten nicht mangelte / gerne in ihrer Gesellschafft / und wartete seinem Gesprächen fleissig ab / aus welchen die Gewogenheit /Vertrauligkeit / Freundschafft / Liebe und Ehliche Verbündnis folgen solte. Als nun Politian umb Phebe anwerben liesse / weil sie / ohne ihrer Befreunden Einwilligung / nichts versprechen wolte / waren selbe gantz strittiger Meinung / und in dem Gedancken Politian suchte mehr das Gut als die Person zu besitzen.

5. Politian hielte sich der Jungfrau beständiger [28] Gegenliebe versichert / wenn man sich einer Sache versichern kan / die so beweglich ist / als das Laub an den Bäumen. Die Freunde nun auf seine seiten zu bringen / gebrauchte er sich seines treuvermeinten Freundes Cratis / welcher ihm anfangs aufrichtig gedienet.

6. Nach dem ihm aber die Liebe die Augen eröffnet / betrachtet er Phebe / als eine reiche Jungfrau / die ihm auch nicht ůbel solte anstehen / und daß er ihm die nechste Treu schuldig: mit diesen Gedancken behandelt er seines Freundes Werbung dergestalt / daß der Jungfrauen Verwandte mehr und mehr in ihrem nein gestärckt wurden. Inzwischen bittet er seine Dienste der Phebe an / und führet ihr zu Gemüte / was für ein langer Kauff were wann man Männer wolte einkramen / die niemand / als der Tod / wieder nehmen könte: daß darbey viel zu bedenken / und daß Politian eine alte unleidliche und zankische Mutter hette / die keiner Schnur das Hauß Regiment lassen würde.

7. Phebe lässet sich beschwätzen / und betrachtet daß dieses die Warheit / und Politian mit guten Ursachen / wiewol sie beede viel einander versprochen / zu rucke zu weisen. Nun hatte Cratis halb gewonnen /und weil er seinem Freund den Vorkauff abgeloffen /war die Waar mehr als halb sein. Kurtz zu sagen / der Werber führet die Braut heim. Cratis wuste auf der andern seiten / wie ein zweyschneidiges Messer / dem Politian so viel ungleiche nachtheilige Sachen von der Phebe vorzutragen / daß er mit guten Willen alle Hoffnung fahren lassen.

8. »Es ist aber mit dem Betrug wie mit Weiberschminke beschaffen / beedes dauret kurtze Zeit / und giebt ein böses End.« Nach dem Cratis eine Zeitlang in dem Ehestand / verhält er seinem Weib nicht / mit was List er sie erworben / und vermeinet wegen sei nes klugen Verstandes Lob und Ehr davon zu haben. Aber weit gefehlt. Klüglich heist nicht glücklich handeln.

9. Kurtze Zeit hernach begiebt sich unter beeden[29] ein kleiner Haußstreit. Phebe ruckt ihren Mann für /daß er sie betrogen / und nicht mit Ehren / ihren Freunden und Politian abgeschwetzet. Dieses verdreusst Cratis so sehr / daß er ihr im Zorn einen harten Backenstreich versetzet / und Phebe bedacht ist /sich an ihren Mann zu rächen: Suchet deßwegen Politian und erneuert die alte Liebe durch einen schändlichen Ehebruch.

10. »Die Sünde hat diese Eigenschafft / daß sie sie nur anfangs mit Furcht / nachmals aber mit Frevel begangen wird / und gleichsam den Namen ohne Scheue verleurt.« Als nun die Phebe diesen Freunden gemein war / ergreifft Cratis Politian auf handfester ehebrecherischer That / und Politian gewinnt so viel Zeit /daß er einen Dolchen / welchen er auf solchen Fall unter dem Hauptküß hatte / seinem gewesenen Freund in die Brust stösset. Politian und Phebe werden von den Schergen / die Crates mit sich genommen ergriffen / und musten beede eines schmählichen Todes sterben.

11. Die Tugendfreundschafft / sagt Villeroy / »sol seyn gleich einem Wasser / welches die ungestalten Flecken in dem Angesicht weiset / und die Mittel er theilt solche abzuwischen: wann aber dieses Wasser trüb ist / wird es vielmehr Unflat anschmitzen / als abnehmen. Der Soldaten Freundschafft bestehet in der Gefahr. Der Rauff- und Handelsleute Freundschafft in dem Gewinn. Der Hoffleute Freundschafft in Fressen und Sauffen und andrer üppigkeit. Die Tugend-Freundschafft aber hat kein anders absehen / als die Christliche Liebe / welche Gott und Menschen gefällig ist.«

12. Buchstabwechsel.

Freunde: Freuden.
Wie sind die Freunde wol nennen?
Ein Freudenschatz / den Gott beschert.
Ein solcher Hertzens Freund ist wehrt /
Der sich macht in der Noht erkennen.
9. Der ungefähre Vatermörder
[30] (IX.)
Der ungefähre Vatermörder.

Seneca saget / daß die Freundschafft / welche sich endiget / nie keine wahre Freundschafft / gewesen sey. Es finden sich aber zu zeiten solche Fälle / daß sich die Freunde mit einander entzweyen müssen / und daß der Tod nicht allezeit solches Freundschafftband mit seiner Sichel entzweyet / oder andre Fügnissen verhindern / daß die Freundschafft nicht auf die Nachkommen erblich beharren kan / wie aus folgenden Geschichte ůmständig erhellen wird.

2. Fidele und Honorius Edelleute aus einem Lande / wurden mit einander in Diensten König Henrichs deß Dritten in Franckreich auferzogen / und hernach Spießgesellen in Flandern / da sie einander mit Leib und Leben beystunden / in so vollkommener Treue / als etwan von wahrer Freundschafft zu erwarten.

3. Als diese beede nach Hauß kommen / und sich mit zweyen Schwestern verehlichet / unter welchen ein Hertz und ein Sinn / wie unter besagten Freunden / haben sie etliche Jahr ein stilles und ruhiges Leben geführet / außgenommen / daß eine Rechtfertigung / welche sie erheuratet / ihnen grosse Ungelegenheit verursachet.

4. Fidele setzt sein vermögen mit zu / jedoch ohne Frucht / und muste erfahren / daß der verzug deß richterlichen Endurtheils / nicht der geringste Theil / der Ungerechtigkeit seye / und daß besser solche Strittigkeiten mit dem Wůrffel zu entscheiden / als viel Unkosten auff eine Sache wenden / welche der Richter / der Sachwalter / falsche Zeugen / Ermanglung deß Beweises und dergleichen verlustigen können / sie sey so gut sie wolle.

5. Nach dem nun Fidele nichts erhalten / sein und auch theils seines Freundes vermögen verrechtet /[31] entschläfft seine Haußfrau / und hinterläst ihme eine eintzige Tochter Namens Urbania / im zwölfften oder dreyzehenden Jahre. Diese vertraut er seinem Freund Honorio / und begiebt sich in das Kriegswesen / damit er nicht zu Hause an dem Hungertuch nagen dorffte.

6. Honorius nimmt das Jungfraulein willig auf / und verspricht sie mit seinem ältsten Sohn zuvermählen / wann beede mannbar / allermassen hierdurch ihre gepflogene treue Freundschafft erblich gemacht und verewiget werden könte.

7. Discorius / deß Honorii Sohn liebte Urbaniam von ersten Kinderjahren / und hatte es das ansehen / als ob eine Seele in beeden Leibern wohnte. Nach dem aber diese Urbania mit fast mehr als irrdischer Schönheit hervorleuchtete / und deß Honorii Ehefrau verstorben / ändert Honorius seinen Sinn / und wehlet Urbaniam zu ander weiter Verlöbnis / welche er seinem Sohne zugedacht hatte.

8. Die Jungfrau / welche nicht weniger Liebe zu dem Sohn / als er gegen sie in dem Hertzen hatte / wolte lieber die aufgehende / als niedergehende Sonne anbeten / und gabe Honorio zuverstehen / daß sie ihm alle Ehr und Gehorsam / als ihrem Vater schuldig / ein mehrers aber werde er von ihr / als seiner Pfleg Tochter / mit unfug / und hindansetzung seines Gewissens / nicht erheischen können / noch wollen: allermassen sie seinem Sohn / mit ihres Herren Vatern Einwilligung versprochen / und er sein Wort nicht mehr zu rucke nehmen würde:

9. Honorius sendet seinen Sohn nach Paris / zu Erlernung aller ritterlichen ůbungen / und schreibt an seinen alten Freund Fidele / wie er seinen Wittibstand zu ändern / und sich mit Urbania zu vermählen vorhabens / wann er solches Verlöbnis willigen / und die gepflogne Freundschafft dadurch fort zu setzen geruhen wolte.

10. Fidele erfreut sich über solcher Zeitung / und setzet sein versprechen gegen Dioscore ferne aus den Augen / daß also der Vater vermeint er habe[32] schon gewonnen / und müsse Urbania seinem und ihres Vatern Willen gehorsamen. Aber weit gefehlt.

11. Urbania hatte sich aus Honorii Hause begeben und hielte sich auf bey einer von ihren Basen / damit sie allen Argwahn / und der Gelegenheit zu bösen Beginnen entfliehen möchte. Bevor aber Dioscore verreist / haben sie ihre Liebe mit betreurlichen versprechen bekräfftiget / auch selbe mit beharrlichem Briefwechsel nach und nach erhalten / und Urbania / wie sie von Honorio verfolgt / und von ihrem Vater / denselben zu lieben befehlt / nachrichtlich geschrieben: mit angeheffter Bitt / er solte wiederkommen / und sie retten.

12. Dioscore eilte nach Hause / und bittet mit aller Demut Honorium / er wolte ihm doch Urbaniam / als die von langen Jahren her die seinige sey / überlassen. Der Vater hält solches bittliches flehen für Maß / Ziel und Ordnung die ihm sein eigner Sohn fürschreiben wolte / und ergrimmt darüber / daß er den Degen entblösst / und aus vergallter Eifersucht Dioscore durch die Rieben stossen wil. Dioscore entweicht / schlägt die Thüren zu / und wil sich seinem Vater nicht widersetzen: als er ihm aber nachjaget / und ihm fernere Flucht benommen / zieht er gleichfals von Leder / und bietet Honorio die Spitzen / der Meinung ihn zu rucke zu halten / und sich ohne Beleidigung zu vertheidigen.

13. Honorius wird hierüber gantz rasend / und laufft aus blindem unbedacht in seines Gegners Spitzen / daß er starr todt zur Erden niederfällt. Was Threnen hierüber Dioscore vergossen / ist nicht außzusagen: doch tröstet ihn / daß er nunmehr durch dieses Unglück das Glück haben würde Urbaniam ohn Verhinderung zu lieben / und zu erlangen. Urbania aber sahe ihn nicht mehr als ihren Bräutigam / sondern als einen Vatermörder an / wolte auch nicht mehr von ihm wissen oder hören.

14. Diostore nimmt seinen weg zu Fidele / und erzehlet ihm / was sich mit Honorio und Urbania begeben / [33] thut auch seine Anwerbung selbsten / der ungezweiffelten Hoffnung / vormals gethane versprechen gewirig außzuwürken.

15. Fidele / hatte über diesen ungefähren Vatermord / so ein grosses Abscheuen / daß er ihm seine Tochter abschlägt / weil er ihr unglückliches ergehen leichtlicht bevorsehen kunte. Diese Antwort setzte Dioscore in solche Traurigkeit / daß er von Fidele geschieden / und niemand weiß / wo er hinkommen: ausser etlicher Erwähnung daß er sich in einen Fluß sol gestürtzt / und selbst ersäufft haben: ob ihm also / ist Gott wissend: zu Urbania und seiner Freundschafft ist er nicht wieder zurücke kommen.

16. Ach / unseliger Sohn / der du getödtet den / der dir das Leben nechst Gott gegeben. Ihr habt beede verlohren / was ihr beede gewůnschet. »Wol dem der seine Begierden durch den Verstand regieren kan: Weh dem der seinen Zorn raum lässet / und sich vorsetzlich alles Verstand beraubt / daher mahlet der vortreffliche Spanier Diego Saavedra ein Einhorn / seinem Fürsten zu bedeuten / er sol das Horn seiner Stärcke zwischen den Augen haben / massen auß der Obschrifft zu verstehen / wann er beygesetzt: Præ Oculis ira. Und David sag: Zürnet ihr so sündiget nicht.«

17. Zorn ist der Reuepfand.
Zorn blendet das Gemůt.
Zorn bringet Unverstand.
Zorn hitzet das Geblüt.
10. Der stinckende Hurenhengst
(X.)
Der stinckende Hurenhengst.

Leichter ist einen Mohren weiß waschen / und deß Leoparts flecken vertreiben / als zur Tugend vermögen den jenigen / welcher der Laster gewohnet. Was David dort in einem andern Verstand sagt / [34] ist auch war von denen / welche der Unzucht ergeben: »Ihre Wunden stincken und eitern vor ihrer Thorheit / und Daniel sagt zu den Richtern / welche der Susanna Unzucht zugemutet / daß sie alte Schälke die in bösen Tagen begraben / und gleichsam lebendig todt sind /wie Paulus von den Weltlingen / und lustrenden Wittiben redet. Unser Erlöser weint über Lazarum / der drey Tag im Grab gelegen / und zu stinken angefangen: Zum Borbild eines in Sünden liegenden schweren Sünders / welcher ohn sonderliche Gnade GOttes nicht wieder kan auferwecket werden / wie aus folgenden Geschichte zu ersehen seyn wird.«

2. In einem kleinen Stättlein deß Königreichs Franckreich / hat ein Lehrmeister der freyen Künste /welchen wir Epaphroditum nennen wollen / seinen Dienst mit grossem fleiß und trefflicher Geschickligkeit / seiner Seelen Wolfahrt aber lässig abgewartet: massen mehrmahls eine grosse Wissenschafft son der ein gutes Gewissen / und im Gegensatz ein gutes Gewissen ohne Wissenschafft zufinden. Er war dem Trunck und Wolleben ergeben / und ein rechter alter zerrissener Weinschlauch / ein Spieler und Hurenknecht. Alle seine Weißheit hat dieses letzte Laster verschlungen. Er lebte 30. Jahre / mit Weibern und ledigen Dirnen / in unehlicher Befleckung / daß nunmehr die Gewonheit bey ihm keine Sünde mehr. Was ärgernis er der Jugend gegeben / und was er fůr einen Fluch auf sich geladen ist unschwer zu gedenken / gestalt er sich seiner Unthaten freventlich zu rühmen /und auch andere zu verleiten keinen Scheu getragen.

3. In seinem Alter hielt er eine junge Metze bey sich / und eiferte mit allen die sie ansahen / so sehr /daß wann jhr eine Muke auf dem Wangen gesessen /er gefragt ob es ein Männlein / oder Fräulein / und wann es ein Männlein / hat es sterben müssen. Sieben Jahre hat er in solcher Unreinigkeit zugebracht / und nach dem er deß gerechten GOttes Langmuth [35] zur Sünde schändlichst mißbraucht / und durch die zuvor überwundene Neapolitanische Kranckheit endlich zu sterben ermahnet würde / ist er von viel Geistlichen besucht / und zu Bereuung seiner Sünde / wie auch zu Abschaffung seiner Beyschläfferin ermahnet worden.

4. Solche gute Vermahnungen wolte dieser alte Listling keine stat finden lassen / mit Vorwand / daß er nun wäre bejahret / und erkrankt / einer guten Wart vonnöhten hette. Zu dem wolte sich diese Dirne mit leerer Hand nicht abweisen lassen / und der alte die Pfenning vor seinem Tod nicht abgeben / versprach ihr güldne Berge / wann er seines Guts nicht mehr gebrauchen könte.

5. Der Beichtvater wil diesen sterbenden ohne besagte würckliche Buß / von Sünden nicht entbinden /biß er verspricht von seinem Gottlosen Leben abzulassen / und das übel weg zu thun / wie dann auch geschehen müssen / weil er den heiligen Zehrpfennig der sterbenden zu empfahen begehrte.

6. Nach gethaner Beicht kommt die Dirne wiederumb in sein Hauß / mit vielen Threnen urlaub zu nehmen / und tröstet ihn mit noch lang und frölichen Leben / und andrer Schmeichlerey / welcher hier nicht zu gedenken / daß er dardurch erhitzt ihr verspricht sie nicht zu lassen / ob er es gleich seinen Beichtvater versprechen müssen / jedoch bedunke ihn / daß er bald genesen wolte / wann sie ihn nur noch einmal entblosst umfahen / und erwärmen würde.

7. Die Närrin thut was der stinckende Bock begehret / und in dem er sich mit seinen schwachen Armen an dieses Schandbild bindet / und alle übrige Kräfften versammelt / wird seine auf den Lippen sitzende Seele von ihm genommen / und erstarret entweder durch allzu grosse Bewegung / oder durch ohnmächtige Bemůhung / oder durch herannahende Sterbestunde / in der unzüchtigen Beküssung.

8. Wo seine Seele hingefahren / ist leichtlich zu errahten: der Leib aber hat also bald einen solchen [36] Gestanck von sich gedufftet / daß niemand in der Kammer / und dem gantzen Hause bleiben können / und schwerlich Leute zu finden gewesen / die ihn begraben wollen / biß sich endlich die Firmer / welche sonsten (mit urlaub zu schreiben) die heimliche örter säubern / wo man (wie Opitz redet) mit dem blossen Rucken die Wand ansihet / darzu gebrauchen lassen.

9. Diesen Stänker hat man in die Kirchen / sechs Schuhe tief in die Erden begraben / wegen unleidigen Gestanks aber wieder außscharren / und auf den Kirchhof bringen müssen / da er den Lufft wiederumb so sehr verunreint / daß man ihn in das Wasser geworffen / in welchen auch hernach viel todte Fische gefangen worden.

10. Was Epaphroditus seiner Vettel verschafft / ist ihr von seinen Freunden strittig gemacht / und rechtlich aberhalten worden / daß sie in Elend und Armut jämmerlich an der Schwindsucht gestorben / welche sie von ihres Anhangs Odem (nach der Artzney kündigen meinung) in sich gesogen haben sol.

11. »Also ist die Unkeuschheit ein Laster aller Laster / welches Seel und Leib / Gut unn Blut / Ehr und Freud zugleich zu Grund richtet. Wann nichts unreines in das Reich Gottes eingehet / und die Hunde draussen bleiben můssen / ist leichtlich die Rechnung zu machen / was dieser und alle seines gleichen zu erwarten: Daher sagt der alten Teutschen Sprichwort: Schleyer (Weiber die Schleyer tragen) un Stöppel /Geitz der das Geld zusammen stoppt) versperren vielen den Himmel.«


12. Die geilen Böcke sonder Zucht /
Sind von dem Höchsten Gott verflucht /
Sie müssen auch in diesem Leben /
Der Höllen Rauchwerck von sich geben.
11. Die zuspate Reue
[37] (XI.)
Die zuspate Reue.

Ob wol die vorhergehende Geschicht keinen blutigen und mörderischen Außgang gewonnen / und deßwegen in diesem Schauplatz keine Stelle haben solte: so ist doch solche daher zu zehlen / weil vermutlich der ärgerliche Hurnmann dem Seelenmörder zu theil worden ist. In solcher Betrachtung kan auch nachgehende folgen.

2. Ein Vornemer Geistlicher unter den Bettelmönichen / hat seiner Schwester Sohn zu den studiren /und allem Guten angehalten / daß er wol zugenommen / und zu Erwerbung hoher Dienste grosse Hoffnung gemachet.

3. Valfroy / also war dieses Mönichen Nam / fande daß das Joch deß Klosterlebens seinen Nacken eine gantz unerträgliche Last were / und suchte er / unter einen gutē Schein / böses Gespräch mit Weibspersonen / und dardurch der Werke der Finsternis theilhafftig zu werden. Diese Thiere sind nie gefährlicher / als wann sie zam werden: für den wilden hat man sich nicht zu fürchten.

4. Kurtz / er verfährt so ärgerlich / daß jedermann übel von ihn / und allen seinen Mitbrüdern / die solches verstatten müssen / redete / massen sie auch darüber ein so böses Gerücht erlangt / daß ihnen fast niemand mehr einig Almosen steuren wollen.

5. Fernerem übel vorzukommen / wird Valfroy in eine andre Statt verschickt die Fasten-predigten aldar zu verrichten / weil er beredt und in den Streitfragen wol beschlagen / und in selben Ort viel Hugenoten sich auffhielten.

6. Ruth eine schöne Hugonottin kommt mit diesen Prediger in Kundschafft / daß er von etlichen Sachen mit ihr zu disputiren beginnt / welche nicht in [38] dem Bellarmino zu finden / und sie wie Boas mit seinen Flůgeln bedecket / und ehlichet.

7. Dieser Mönich ändert die Religion / und prediget für die / wieder welche er zuvor das Wort geführet / weil er ein sehr beredter und gelehrter Mann / der alle Sachen zu seinen vorhaben ziehen können.

8. Ein Abbt / welcher nicht weit davon wonhafft /besuchte Valfroy / und vermerckte wol / daß ihm Fleisch und Blut solche Religion geoffenbahret / und daß er für seine vier Kinder / welche ihm Ruth geboren / Sorge trüge / wann er wieder in das Kloster gehen solte / verspricht ihm deßwegen / solchen allen reiche Unterhaltung zu schaffen / und von Rom vollen Ablaß / zu erhalten wann er wieder in das Kloster gehen würde.

9. In dem nun Valfroy diese Verkehrung oder Bekehrung verzögert / überfällt ihn ein hitziges Fieber /daß er gantz von Sinnen kommet. So bald solches der Abbt einträchtig wird / kommt er den Krancken zu besuchen / bemühet ihn genommene Abred vollziehen zu machen: aber viel zu spat / dann er in seiner beharrlichen Schwachheit auf alle fragen zur Antwort gabe / die Wort so unser Seligmacher zu den Thörichten Jungfrauen gesprochen: (Nescio vos) Ich kenne euer nicht / ich kenne euer nicht. Ist also in allen seinen Sünden ohn allen Verstand Reu und Busse dahin gefahren.

10. »Ob wol die Ehe ein GOtt wolgefälliger Stand /so kan er doch auch bey solchen Weltkindern / und ungeistlichen Geistlichen dem Höchsten mißfallen. Je besser eine Sache / je schädlicher ist derselben Mißbrauch / wie wir sehen / daß das Korn / deß Menschen beste Nahrung zu Gifft / und das süsse Honig zur Gallen wird.« Der Ehestand hat drey Ursachen. I. Die Fortsetzung Menschliches Geschlechts. II. Beyhülffe mit Gut und Blut. III. Die Außlöschung fleischlicher Begierden. Wer dieses letzte allein suchet / ist fast viehisch gesinnet.


[39]
11. Das zeitliche lieben
macht ewig betrůben:
Das fleischliche suchen
macht endlich verfluchen.
Die Gottes vergessen /
vergisset Gott wieder:
Weil jhre Gelieder
der Teuffel besessen.
12. Die Schrammen
(XII.)
Die Schrammen.

Die Rache ist die Freude der Traurigen / wann sie zu vollziehen und die Traurigkeit der Frölichen / wann sie vollzogen. »Jener hat sie gebildet durch einen Igel den die Natur mit vielen Spitzen gewaffnet / und eine Hand / die mit aller Gewalt darauf schlägt / zu bedeuten / daß der sich selbst rächen wil ihm den grösten Schaden thut.« Cardanus hält für eine grosse Thorheit / wann man einige Feindschafft lässet verspüren / in dem man keine Gelegenheit hat sich zu rächen. Man sol niemand / auch nicht den geringsten / beleidigen /dann es ist keiner der sich nicht solte rächen können /wie aus nach gehender Erzehlung ein denckwůrdiges Exempel zu vernehmen.

2. Flodoard ein von Geburt armer von Adel an den Grentzen von Lotringen wonhafft / verliebte sich in Cedrinam / eine Jungfrau geringern Stands / doch trefflicher Schonheit / welche sich erstlich wild gestellet / auf einraten aber ihrer Freunde / sich zu ehlichen Verlöbnis / mit besagtem vom Adel / erhandlen lassen.

3. Artaban ein Herr Gräflichen Standes / mit grosser Ehre und nicht wenigen Reichthum begabt / verliebt sich gleichfals in Cedrinam / und weil ihm dieser Jungfrauen Tugend / allen Zutritt seiner Liebe zu geniessen abschnitten / entschleusst er sich durch die Thür der Christlichen Kirchen zu jhr einzugehen / und sie zu heuraten.

[40] 4. Cedrine war leicht / aus ihren Hertzen zu lassen den / der kaum in ihre Gedächtnis geschrieben / und welchen sie / auf einraten ihrer Befreunden / sonders eigene Liebsneigung / vertrauet werden solte. Wann der Tag anbricht gehet die Nacht zurücke / und die kleinen Sternen Liechtlein / müssen dem gůldenen Sonnen glantz weichen. Cedrine stoltziret in solchen Gedanken / und vermeinet / daß sie als eine gnädige Gräfin / ursach hab Flodoard / einen schlechten vom Adel ungnädig zu seyn / ihn auch nicht anzusehen schuldig / als mit Verachtung.

5. Flodoard verfüget sich zu Artaban / ihm mit Bescheidenheit zu Gemüt zu führen / wie grosses Unrecht er von ihm leide / mit Bitt ihm seine versprochne Hochzeiterin wiederum zu geben.

6. Artoban antwortet mit einem hohen Ton / und verachtete diesen vom Adel / mit fast höhnischen Worten. Flodoard versetzet / daß er ein Soldat / welcher die Ehre hette einen Degen zu tragen / der solche Wort nicht erdulden könte / dann ob er zwar wüste was Ehrerbietung er Artaban schuldig / were ihm doch auch nicht unbekant / was zu Rettung seiner Ehr ihm obliege / etc.

7. Diese / und dergleichen Reden nahme Artoban für eine Befedung an / und gabe ihm zu verstehen /daß er mit so schlechten Gesellen nicht zu fechten gesinnet: und wann er nicht wolte für eine Gnade achten / daß er ihn in Frieden von sich gehen lasse / so wolle er seinen Diener befehlen / daß sie ihn zu dem Fenster hinaus werffen solten.

8. Hierüber betrübte sich Flodoart / und gedenket diese hochmütige Wort / mit einer hohen Rache zu erwiedern. Wie aber? Artaban / war mit vielen Dienern ümgeben / daß ihm nicht beyzukommen / und nach vielen Vorschlägen entschleusst er sich / der stoltzen Cedrina einen Tůck zu beweisen: solches willens /kaufft er ein neues Schermesser / und füget sich zu jhr / unter den Schein Urlaub zu nehmen / welches Cedrine / als er sich anmelden liesse / gerne höret / massen sie [41] hierdurch von jhm loßgesprochen werden würde /und empfäht ihn deßwegen mit grosser Freundligkeit.

9. Flodoard fänget an seine Höfligkeit abzulegen /und wie höchlich er sich über ihren Ehrenstand erfreue / ob gleich selber zu seinem Nachtheil außschlüge. Cedrine liesse es an dergleichen Beantwortung nicht ermanglen / doch möchte sie ihren stoltz nicht bergen / und liesse sich bedunken / als ob sie mit dem Haubt an den Himmel stiesse / und auf so geringe Leute / wie Flodoard were / nicht mehr absehen könte. In dem sie nun fernern Gesprächs nicht abwarten wil / wischet Flodoard mit dem Scheermesser hervor / und schneidet ihr ein Schrammen über das gantze Angesicht / daß ihr das rechte Aug dardurch verletzet wurd / sie halb todt zur Erden fiele / er aber setzte sich auf das bestellte Postpferd und fliehet in Lothringen / weil er wüste / daß Artoban mit demselbigen Hertzog ůbel stünde / und er unter seinem Schirm eine Freystad finden würde / wie auch geschehen.

10. Artaban unterlässet zwar nicht was zu Cedrine Heilung dienstlich ist / sihet aber wol / daß die Ursach seiner Liebe / die zuvor hochgepriesne Schönheit / durchstrichen / durchschnitten / und eine solche Schrammen gewonnen / daß sie einaugig / und mehr abscheulich / als angenehm seyn würde / und ist hierdurch auch alle seine Neigung gegen jhr verwundet worden. Was thut er aber? Kurtz zu sagen: er bietet Flodoard an / mit ihm zu rauffen / welches er erstlich mit so grossen Worten von sich geworffen / und darzu reitzte ihn / die noch stoltze / aber nicht mehr schöne Cedrine.

11. Flodoard erscheint auf den verglichnen Platz /und hatte das Glück / oder vielmehr die Behändigkeit der Jugend / gegen einem Alten / daß er Artaban durch die Gurgel stösset / und hierdurch seine Hochmütige Worte / würcklich unterbricht / ist aber auch verwundet worden / daß er bald hernach das Leben eingebüsset.

12. Hier wil ich keine andre Lehre beyfügen / als die Wort deß Königlichen Propheten Davids im 37.[42] Psalm: GOtt stürtzet die Stoltzen und Rachgierigen /Er setzet sie auf das Schlipfrige / und stürtzet sie zu Boden / wie werden sie so plötzlich zu nichte? Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit schrecken.


13. Weil die Rache Gott gebührt /
Der deß Menschen Hertz regiert /
Sollen wir in allen Sachen
Ihn vertrauen /
Seine Rechte lassen machen /
Umb zu schauen /
Unsren Lust zu rechter Zeit
An der Feinde Hertzenleid.
13. Die rechtmässige Rache
(XIII.)
Die rechtmässige Rache.

Die Verzweifflung führet jhr ergebene oben aus und nirgend an / wie wir zu reden pflegen / daß sie mehr leisten / als in ihren Vermögen ist. Brasidas der treffliche Soldat / wolte eine Mauß tödten / welche in einem Feigenkorb verborgen lage / und wurde von ihr in den Finger gebissen / daß er zu seinen Spießgesellen gesagt: Schaut doch / kein Thierlein ist so gering /wann es ihm an das Leben gehet / so wehret es sich. Was sollen dann wir thun / die wir Helden sind? Man sagt aber daß der Weiber Zorn / wie alle andre ihre Neigungen viel hefftiger / als der Männer / welche sich eh besinnen / und dem Verstand raum geben /wie dessen ein Exempel folget.

2. An den Fluß Dordogena wohnte in einer Handelstatt eine von Angesicht sehr schöne / von vermögen aber sehr arme Jungfrau / mit jhrer Mutter / welche eine betagte Wittib. Ihre Gestalt hat ihr zwar unterschiedene Buler erworben / ihre Armut aber / hat selbe wiederum zu rucke gehen machen.

3. Hellonius ein reicher Edelmann in der [43] Nachbarschafft hielte allein stand / und alle ihre Befreunde rahten ihr nach der güldnen Regel / sie solte dieses Glůck nicht aus handen lassen.

4. Valeria leistete diesem Einrahten willige folge /und gabe dem Edelmann nicht geringe Anzeigen /ihrer Gegenliebe / und einen offnen Zutritt / mit vor wissen jhrer Mutter / welche sich über einen so stattlichen Tochterman höchlich erfreuete. Dieses aber war nichts anders / als den Brand mit öhl leschen / und begnügte sie Valeria mit einem Eheversprechen / in dem Winckel / welches sie hernach offentlich zu bereuē ursach hatte; in dem sie nemlich schwanger worden / und verlohren was sie die Zeit ihres Lebens nicht wiederumb finden können.

5. Hellonius wolte dieser Sachen Außbruch nicht erwarten / eines theils / weil er dieser Dirne satt / und anders theils / weil er seiner Freunde Zorn befürchtete: machte sich deßwegen aus dem Staub / und entkame in eine andre grosse Statt / da er ein Fremdling /und verborgen leben konte.

6. Valeria zeigt ihre Beschaffenheit ihrer Mutter an / welche es in grosser geheim zu halten befillt / und nach dem die Zeit herbey kommt / bringt sie einen Sohn zu der Welt / und verduscht alles so wol / daß es niemand / als ihre Magd inträgtig worden.

7. Hellonius konte so verborgen nicht leben / daß er sich aus mangel der mittel seinen Eltern nicht offenbahren müssen / und ůmb verlaub seiner Reise anzuhalten / welche er / wegen bewuster Liebsneigung leichtlich erlanget / und mit aller Nohtturfft versehen war. Dieser gestalt wird durch seine Verwandte ruchbar / der Ort seines Aufenthalts und Valeria schreibt ihm / daß er kommen solte und sie ehlichen / oder sie werde benöhtiget / seine That zu offenbaren.

8. Hellonius knöpfet einen Verzug nach dem andern / und speiset Valeriam mit leeren Worten / aus Furcht / daß er deßwegen mochte enterbet werden. Inzwischen hengt er sich an Phazelam eine Jungfrau die nicht höhern Stands war / als Valeria / und sich nach gethanen Winkel versprechen sich ehlich an [44] ihn ergeben / daß er also zwey Weiber / und doch keine offentlich hatte.

9. Die Zeit / welche alle solche verborgne Rähtsel auflöset / entdecket seiner Freundschafft und der Valeria / die Unbeständigkeit dieses Edelmanns / senden deßwegen einen absonderlich aus ihren Gesippten /eigentlichen Bericht zu erlangen. Als dieses geschehen / kommt Valeria mit ihrer Eheverlöbnis hervor /und bezeugt derselben Bekräfftigung durch den jungen Titium / der den Vater gantz ähnlich.

10. Phazela Anherr / war der älteste Schöpf in dem Ehegericht / und brachte die Sache dahin / daß das letztere Verlöbnis für bindig / das erste aber ungiltig erkant / und aufgehoben wurde. Hierüber hat sich nun Valeria rechtmässig betrübet / in dem sie umb ihre Ehre kommen / und durch Urtheil und unrechtes Recht in Schanden ihr Leben zubringen můste. Was kan ein ergrimmtes Weib nicht?

11. Sie nimmt ein kleines Pistol zu sich / und lädt es mit einem Schusser / oder runden Steinlein / verfügt sich zu ihren undanckbaren Hellonio: verweist ihm erstlich seine Ungebühr / und bittet / wann er sie nicht ehelichen könne / so wolle er doch seinen Sohn nothwendige Unterhaltung verschaffen. Hierauff antwortet der Edelman: Jungfrau Mutter / ihr könt so schöne Knaben in die Welt bringen / daß jhr billich ein Handwerck daraus machen solt / und euch darmit nehren. Auff diese Wort ziehet sie ihr Pistol herfür /und schiesset Hellonium durch und durch / wolte sich auch selbst erwürgen / wann nicht Leute darzu gekommen / welche den Schuß gehört / und sie in Verhafft gebracht.

12. Nach Erforschung der Sachen findet sich / daß das ungerechte Urtheil / und Hellonii Leichtfertigkeit; als rechtmässige Ursachen das betrübte Weib solcher Rache veranlasst / und wird zu recht erkannt / das übel geurtheilt / und das erste Eheversprechen statt haben / Hellonii Sohn seinen Anherrn heimgeschickt /und Valeria in ein Kloster / [45] die Zeit ihres Lebens versperret seyn solte / wie dann auch geschehen.

13. Die Lehre ist leichtlich zu fassen / daß junge Leute / mit den Winckel Ehen unverworren / und ihre Befreunde Vorwissen und Einwilligung zuvor erhalten sollen: massen fast kein Exempel daß solche Händel einen guten Außgang genommen / und können dergleichen Ehen Gott nicht wolgefällig seyn. Ich setze hierbey der Rabbinen Meinung / welche sagen /»daß Gott geschaffen ein Mann und Weib / und hieß es Mensch / daß also ein Mann allein kein Mensch /und ein Weib allein auch kein Mensch / sondern Mann und Weib sey ein Mensch / und zwey in einem Fleisch. Die Spanier sagen: den Tag / welchen du dich heurast / heilst du dich / oder tödtest dich / und die alten Teutschen nennen das Weiber nehmen / Unglückshosen anziehen.«

14. Folgverßlein.

Heurat jemand sonder Raht /
Kommt die Reue nach der That /
Ach sie ist dann viel zu spat.
Du trittst auf das Glückes Rad /
Welches manche Wendung hat /
Da sich mehrmals findet Schad.
Fährest du mit gutem Raht /
So folgt nicht bereute That /
Du lachst frölich frü und spat /
Und knarrt nicht dein Wagenrad:
Wann dein Hauß ein Unglück hat /
Ist deins Weibs der halbe Schad.
14. Straf der Unbeständigkeit
(XIV.)
Straf der Unbeständigkeit.

Ein Schiff / welches vielmals von den Wellen geschlagen / und oftmals über Meer gesegelt scheidert endlich an einen Felsen / oder zerdrümmert auf einer Sandbank. Wer viel betrügt / wird endlich [46] betrogen /und wie der Angel nicht fängt / er werde dann gefangen / also ist es auch Hircan / einen Frantzösischen Edelmann wiederfahren / der mit fug ein blindes Bild der Unbeständigkeit hette können genennet werden. Kein Spiegel konte so mancherley Angesichter durch seine Gegenstralen weisen / als dieser Hircan Liebste angestellet / deren wir nur der vornemsten gedenken wollen.

2. Die Asterie war die erste / welcher Joch er seine Freyheit unterwürffig gemacht / weil aber diese Jungfrau Tugend ihm die verhoffte Belohnung nicht ertheilen wolte / als unter dem Sigel deß Ehestands / hat er den Kopf zeitlich zu rücke gezogen / und seinen Weg in Welschland genommen / da er die weissen Marmolsteinerne Felsen gefunden / an welchen er Schiffbrüchig worden.

3. Zu Siena / einer von den reinsten Stätten / die Sprache und die Sitten betreffend / in gantz Welsch land / hielte er sich auf / und kame so bald in Kundschafft mit Porcia einer jungen Wittib / welche das Quecksilber seines flüchtigen Sinns eine zeitlang aufgehalten: und gewiß / wann die Gutthaten die Ketten sind / mit welchen die Hertzen verbunden werden: so ist Hircan mit so vielen kostbaren Beschenckungen /durch diese Italiänerin befesselt worden / daß er ursach gehabt hette / die Zeit seines Lebens nicht von ihr zu lassen. Bey dieser Porcia hält er sich ein gantzes Jahr auf / ohne Unkosten / mit völliger Gewalt über sie / und all jhr Vermögen.

4. Die Welschen haben dieses / daß sie ohne Maß lieben / und hassen / und wann sie zu Vergnügung ihrer Neigung alles was sie haben anwenden / so vermeinen sie doch / sie haben zu wenig oder nichts gethan. Dieser Meinung stürtzte sich Porcia wegen dieses Undankbaren in verderben / und achtet es für die geringste Schuldigkeit ihrer Liebe.

5. Nach verlauff eines Jahrs / wie gesagt / hatte Hircan dieser Wittib genug / und ziehet wieder in Franckreich / seinen Sachen / wie er vorgeben / nach zu stehen / und als dann wieder zu kommen / und sie zu [47] Kirchen und Strassen zu führen. Ob ihn nun Porcia mit vielen bitten aufhielte / hat er sich doch mit vielen verschweren (welches alles in die Lufft geschrieben) loß gewürket / und ihm gar eine kurtze Zeit zu der Wiederkunft genommen.

6. Porcia verehrt ihn stattlich / ristet ihn aus auf die Reise / und thut alles was eine treue Liebhaberin thun könte: Aber aus den Augen / aus dem Sinn: Alles ist bey Hircan vergessen / welches Seneca die schändlichste Undankbarkeit genennet.

7. Hircan kommet nach Hauß und sihet Asterien an / als eine Person welche er die Zeit seines Lebens nie gekannt / fället aber bald bey Zamaris einer andern armen Jungfrauen in die Garn / daß er dem Ansehen nach nicht wieder heraus kommen mochte / als durch das Eheband.

8. Ein alter von Adel / Eucer benamt / sahe diese Jungfrau mit Liebsaugen gleichfals an / welcher so wilkomm nicht / als Hircan: sie wurde aber durch ihren Freund genöhtiget / daß sie den Jungen lassen /und den Alten nehmen müste.

9. Turianne eine betagte reiche Wittib / wolte ihre Tochter Hircan vermählen / welche so vollkommen heßlich / daß Hircan befürchtet / er würde Mißgeburten von ihr zu erwarten haben. Diese Wittib war in dem Früling ihrer Jugend schon gewesen / und hatte in dem Herbst ihrer Jahre noch etwas übrig / daß Hircan benebenst dem Reichthum / sich an stat der Tochter / mit der Mutter trauen liesse.

10. Hircan war kein Mann für eine alte Frau / sondern liesse sich hier und dar mit vielen Jungen ein /darůber Turiana mit solchem Grimm eiferte / daß sie sich von ihm zu Tisch und Bette scheiden liesse.

11. Porcia machte sich nach drey jähriger Geduld /auf und ziehet in Franckreich / trifft Hircan an / und weiset fůr ihre schrifftliche Eheversprechung. Hircan spottet ihrer / und laugnet daß es seine Hand / bringt auch für Gericht zu wegen daß Porcia abgewiesen wurde. Porcia schreiet die Göttliche Gerechtigkeit [48] an /weil ihr die irrdische nicht helffen wolte / und sahe ihren Lust / wie es dem Gottlosen / undankbahren und unbeständigen Hircan vergolten wurde.

12. Zamaris hatte den alten Eucer wieder ihren Willen genommen / wie gesagt / und locket Hircan wider an sich / der sich nun nicht lang bitten lassen /sondern den Mann seiner gebührlichen Arbeit überhebt / und wurde also bey Nachts / in einem Garten bey der Ehebrecherin erwischt / und beede Eucer mit einem Karbiner Rohr durchschossen.

13. Also wurde der unbeständige und undankbare Hircan gestrafft: zu Beglaubung der Wort Syrachs /welcher sagt / daß das Unglück von dem Hause deß undanckbaren nicht weichen werde. Von diesem Hircan hat man zu sagen pflegen / der Wetterhan sey beständiger als er / ob er gleich von dem Wind hin und her gewendet werde / und daß er gewesen ein Weltkind / das mit dem Glücksrad auf und ab fähret /steigt und fällt. Solchen Leuten kan man so wenig ein rechtes Kleid machen / als dem Mondschein.


14. Die den schwachen Krebsen gleichen
und bald vor / bald ruckwarts weichen
kommen selten weit
der die Hand legt an den Pflug /
und der Arbeit hat genug
siht zurück sein Gleid.
15. Die beraubten Rauber
(XV.)
Die beraubten Rauber.

Nach der Ordnung folget in dem Frantzösischen eine schlechte Erzehlung unter dem Titul: Deß Vaters Fluch. Wie nemlich sich eine Jungfrau wieder ihres Vaters Willen verheuratet / und in dem Ehestand ein todtes Kind zur Welt geboren / etc. An dessen statt wollen wir eine andre wahre Geschicht setzen / welche sich vor kurtzen Jahren begeben.

[49] 2. Pullin und Gellican / (also wollen wir dieser Edelleute Namen verhüllen) Holsteinische Herren vornehmes Geschlechts / reisen nach Gewonheit deß Landes in Franckreich / aldar die Sprachen und Ritterlichen übungen / beneben Höfligkeit / und allen anständigen Sitten zu erlernen / von dar in Spanien /und fahren nach verrichter Reise von Barcelona nach Genua / willens ihren Weg durch Mailand auf Rom zu nehmen.

3. Weil sie aber zu Genua verstehen / daß die Pestin in dem Mailandischen überhand genommen / und die Pässe gesperret: warten sie aldar auf Gelegenheit nach Liborno abzufahren.

4. In dem Wirtshauß / wo sie zu Genua gelegen /waren etliche Frantzosen / unter welchen sich einer für einen Freyherrn außgegeben / und weil sie erkůndiget / daß diese Teutsche viel baares Gelts bey einem Genuesischen Kauffmann durch wechsel empfangen /machen sie einen Anschlag darauf / und begeben sich in ihre Gesellschafft / dingen ein kleines Schiff / und fahren nach Genua ab auf Liborno.

5. So bald sie nun von dem Lande entfernet /schiessen / stechen und schlagen sie diese beede Teutsche halb todt / und besuchen sie aller Orten / damit sie ja nichts zurucke liessen / und werffen sie / alsdann / nach dem sie das Gelt alles gefunden / in das Meer. Der Schiffer einer wolte solche Mordthat hintern / wurde aber also bald von dem einen erschossen / und die andern betraut / daß keiner Hand anzulegen sich gelůsten lassen solte.

6. Pullin / ist noch so starck / als sie ihn über Port werffen / daß er sich anhält / und fast das gantze Schiff umgestürtzt hette / wann nicht einer ihn mit dem Degen auf die Hand gehaut / und der ander ihn mit dem Ruder auf das Haubt geschlagen / daß er gleich Gallican untersincken und tödlich verwundet unschuldiger weise ersauffen müssen.

7. Nach dieser Mordthat nöhten die Frantzosen die Schiffer / daß sie unfern Pisa / an einem unbekanten Ufer anfahren / und sie samt der Beut außsetzen [50] müssen / welches auch geschehen. Die Schiffer setzen so bald ihre Reise fort / und melden zu Liborno an / wie es ergangen / wo und welcher gestalt diese Gesellen zu betreten.

8. In Welschland ist zu Versicherung der Strassen gute Anstellung / und sonderlich in den Florentinischen / daß also nach eingelangtem Bericht der Schiffer ein Postillion nach Pisa / und andre ümliegende Ort / ab gefertiget wird / den Mördern aller Orten nachzustellen / wie dann auch eiligst erfolget.

9. Ablatius einer unter den räuberischen Frantzosen war deß Lands und Sprache wol kündig / der befůrchtet sich / daß sie wůrden verraten und außgekundschaffet werden. Als sie nun auf einem Dorf übernachten / beraubt er die Rauber / stiehlet ihnen das Geld / welches sie den Teutschen abgenommen / und gehet damit durch. Was geschicht?

10. Die außgesandten Schergen treffen diesen an /und wollen ihn / als eine verdächtige Person / nach Pisa senden: Er aber bekennet also balden daß er der rechten einer seye / und das Gelt alles seinen Gesellen entwendet / welches er mit ihnen gerne theilen wolle /wann sie ihn loß lassen / und seine Gesellen / welche nechst darbey in einem Dorffe anzutreffen / an seine stat zu verhafft bringen.

11. Die Schergen / weil sie ihr Gelt an den andern verdienen konten / und sonsten an den Raub keinen Theil hatten / lassen Ablatium von dannen / nach dem er ihnen von 500. Cronen 300. eingehändiget / und finden seine Gesellen verratner massen an welchen sie das Fang gelt absonderlich verdienen.

12. In dem nun Ablatius sein Leben / als eine Außbeute darvon bringt / und sich nach Venedig begiebt /werden die andren Mörder wegen der schändlichen That gerädert / und empfahen also ihren wolverdienten Lohn.

13. Diese Geschicht hab ich von Ablatio auf der Fahrt nach Padua solcher Gestalt erzehlen hören / und die Edelleute zu Orleans gekant: dann ob er [51] zwar nicht sagte / daß er die Rauber beraubt / so hab ich es doch leichtlich aus allen Umbständen / welche er sonst nicht wissen können / abgemercket / und ist dieser mörderische Raub / zu meiner Zeit 1627. Statt und Landkündig gewesen.

14. Was für eine traurige Zeitung der beeden Adelichen Freundschafft in Holstein hinterbracht worden /ist unschwer zu ermessen / und hieraus eines theils zu ersehen / was grosser Gefahr die Reisenden unterworffen: anders theils auch / wie Gott das böse nicht ungestrafft lässet / sondern zu solchem Ende der Obrigkeit das Schwert in die Hand gegeben / daß sie die Frommen darmit sichern / und die Bösen züchtigen soll.


15. Wer in der Welt kein Richter hat /
Büsst in der Höll die Missethat.
Doch besser ist in diesem Leben /
Als sich der Höllen Straff ergeben.
16. Der verzweiffelte Buler
(XVI.)
Der verzweiffelte Buler.

Die Armut wird mit dem Recht der Tugend beschwerliche Schwester genennet / und einem Stein verglichen der den Himmel anfliegenden Sinn auf der Erden anhält: dessen ist ein Exempel gewesen Nicanor / welches höfliche Sitten / Verstand und Tapferkeit eines gleichmässigen Reichthums wehrt gewesen / und sonderlich der schönen Calepode / welche ihn auch liebte / und wol wüste / daß besser were ein Mann ohne Reichthum / als Reichthum ohne Mann und ohne Verstand denselben zu handhaben.

2. Ihre Freund aber waren anders Sinnes / und wolten ihr zu diesen armen Gesellen nicht rahten / ihre Eltern aber gantz und gar nicht darein willigen / deßwegen sie zu rucke halten / und die Sache verzögern müste.

3. Callepode tröstete Nicanor / daß ihre Beständigkeit [52] endlich ihrer Eltern Willen überwinden würd / er hingegen vermahnte sie zu treuer Liebe / und versprache ihr gleichfals / daß er sie / biß in den Tod / lieben wolte. »Buler versprechen schreibt man in den Sand /und wird solches das weibliche Geschlecht beschuldiget / welche sich mehrmals auch bey den Mannspersonen befindet.«

4. Nicanor fällt die Nachwart zu lang und kan er die Liebste noch zu heimlicher Verehlichung / noch zur Flucht bereden: entschleusst sich deßwegen die Welt zu besehen / und weil er keine Mittel grosse Reisen zu verrichten / ziehet er an einen Einsidels Rock / und der Freyheit / aller Orten das Brod zu betteln. In dieser Bekleidung kommt er in Welschland nach Genua / die schöne Statt / wo der Winter verjagt / und da die drey Jahrszeiten einen Frůling machen. Alldar findet er zween Einsidel in der Graffschafft Leon / dem Hertzog Daria zuständig / und wird von ihnen zu einem Gesellschaffter angenommen / und zwar nicht reichlich / doch ersättlich bewirtet. Sein Beruff kame nicht von der Höhe / das Ungewitter hatte ihn in diesen Hafen geworffen / und nicht ein heiliger Vorsatz.

5. Nach verlauff zweyer Jahre verlangt ihn zu wissen wie es zu Hause stunde / und ob Calipode Eltern ihr Leben geendet / oder ihren Willen geändert. Er begegnet einem Landsmann aus Langendak / der ihn versichert / daß Calipode etliche gute Heuraten abgeschlagen / wiewol sie nicht wissen können / ob er todt / oder im Leben. Diese Zeitung erneurte seine Flammen / und verursachte ihn / ein Brieflein an Calipode abzugeben / welche sich darüber höchlich erfreuet /und in Gegenwart ihre stets beharrliche Treue vergewissert / mit Bitte / daß er wiederkommen / und sie darvon führen solte / wie er mehrmals vorgeschlagen zu thun. Dieses alles lase Nicanor mit erkalten Hertzen / und liese sich noch Jahr und Tage bey den Einsidlen aufhalten.

6. Endlich verstirbt Cerill Calipode Vater / [53] Alphea aber die Mutter / wolte dem Nicanor ihre Tochter nicht lassen / daß sich endlich Calipode entschleusst lieber in ein Kloster zu gehen / als einen andern zu heuraten / und weil Nicanor wieder zukommen verzeucht / geht sie ohn vorwissen und Einwilligung ihrer Mutter zu den Nonnen ihren Gespielen / und bringt mit ihr ein ehrliches Heuratgut / welches einer ihrer Brüder voraus bezahlte.

7. Alphea verspricht in ihrer Verheyratung zu willigen wann Nicanor wiederkäme / sie solte nur aus dem Kloster wieder zu ihr kehren. Sie aber bittet ihre Mutter / sie wolle sie ausser der Welt / welcher sie gute Nacht gesagt / verbleiben lassen.

8. Dieser Verlauff wird dem Nicanor durch seiner Freunde einen wissend gemacht: er kehret wieder /findet aber der Calipode Wort und Briefe so ungleich / als Tag und Nacht. Er beklagt Calipode / und grůndet sich auf seine Briefe / welche so viel Ehe versprechen waren / wird aber mit seinem begehren abgewiesen / und Calipode freyes Willens gelassen.

9. Nicanor gehet mit seinen Freunden mehrmals umb das Kloster / und Calipode Brüder bestellen die Wacht / ihn todt oder lebendig in das Gefängnis zu bringen. Als sie solchem Befehl nach zu kommen bereit / setzet sich Nicanor mit den seinen zur Gegenwehr / und wird verwundet / einer auch von den seinen erschossen. Nicanars Wunden waren zwar ohne Gefahr / er wolte aber kein Pflaster oder Gebände darüber leiden / und verkürtzte ihm also selbst das Leben / daß er verzweiffelt dahin gestorben.

10. Elende Leute / welche ihre Begierden nicht beherrschen können. Zwisen Niederland und Engelland /werden Fische gefangen / welche man Petermännigen nennet / wer sie anrühret / der kommt von Sinnen: Diese Fische vergleichen sich mit bösen Begierden /und wer sie heget der verlieret seinen Verstand / von dem er den Namen eines Menschen hat.


[54] 11. Tritreimen.


Die Augenlust: die Lieb: stets müssig Zeit vertreiben
Verblende: fůhle nicht: laß niemals von dir schreiben
Die Faulheit: Völlerey: sich halten als ein Schwein:
Vermeide: hüte dich: sol ferne von dir seyn.
17. Die entdeckte Verrätherey
(XVII.)
Die entdeckte Verrätherey.

Zu den betrübten Zeiten König Karls des IX. in Franckreich / war das Spiel so verwirrt / daß offt die nechsten Befreunden / wegen Irrung in der Religion die ärgsten Feinde waren: wie dann das Reich / welches mit ihm selbst uneins wird wůst werden / und ein Hauß über das andre fallen muß.

2. Zu besagter Zeit lebten Hernippe und Vivande zu Poitiers zwey verliebte / welche ein Hertz und ein Sinn waren. Nechst dieser Statt / welche dem König getreu verbliebe / war ein Edelmann (den wir Urbin nennen wollen) in einem Stättlein Gebietiger / welches sich wieder den König empöret hatte. Die Verwandschafft zwischen Urbin und Hernippe ware zwar nicht gar nahe / ihre Freundschaft aber / wegen Petronia deß Urbins Haußfrauen war genauer verstricket /weil sie Hernippe heuraten solte / und seine Mutter hatte in der zweyten Ehe / Urbins Vater gehabt. Daher nennet Hernippe die Petroniam seine Schwägerin und sie ihn ihren Schwager.

3. Urbin muste damals eine Belägerung außstehen /und wurde die Statt / in welcher er zu gebieten hatte /von deß Königs Volck ümgeben: deßwegen er seiner Freunde Hülff und Rath anruffet / und ist Hernippe der ersten einer gewesen / der ihm den Krieg angelegner seyn lassen / als seine Ehe mit Vivanda / hielte sich auch in allen Gelegenheiten so tapffer / daß ihn Urbin zu seinem Leutenamt machet. Als [55] sie einmals ausfallen / wird Urbin geschossen daß man ihn drey Tage hernach zu Grab tragen muste.

4. Hernippe tritt an seine Stelle und unternimmt das Regiment / welches ihn durch den Fürsten nachgehends bestettiget worden. Petronia verliesse sich auf niemand mehr / als auf Hernippe / welcher ihren Mann möglichsten Beystand geleistet und seinem hinterlassnen Sohn als ein Vormund vorstehen solte. Inzwischen aber zünden sich bey dieser Wittib die alten Liebsflammen wiederum an / und gabe sie ihres Hertzens Verlangen mit den stummen Worten der Augen und Geberden satsam zu verstehen. Hernippe stellet sich / als ob er der Sprache nicht kündig / in welcher er Vivanda zu antworten gesinnet war. Endlich bricht Petronia heraus und wird mit mehr Ehrerbietung / als Liebsneigung beantwortet: als sie aber anhielte entschuldigte er sich mit den Pflichten / welche ihn gegen Vivandam verbunden machten.

5. Dieses alles möchte so heimlich nicht gehalten werden / daß es der Vivanda solte verborgen bleiben /welche darůber eiferig ergrimmet / und Hernippe gebitt / er solte zu ihr verreisen / ungeachtet sie wuste /daß ihm der Ort anvertrauet / für welchem nemlich deß Königs Volck abgezogen / und daß sie auf Verweigerung müste für wahr halten / was von ihm und Petronia die Leute sagten.

6. Als sich nun Hernippe mit erheblichen Ursachen entschuldigte / und die höchste Unmögligkeit vorschützte / vermeint sie daß sie verraten / und die alte Liebe zwischen ihm und Petronia wider neu worden wer. Daher sucht sie sich mit gleicher Unbeständigkeit zu rächen / vnd erzeugte sie Beroso / der ihr benebenst Hernippe lange Zeit aufgewartet / günstiger und gewogner als vorhin / so gar daß ihre Verlöbnis angestellt / und zu werke gerichtet wird. Wie diese Zeitung Hernippe so frembd vorkommen / ist unschwer zu gedenken.

7. Inzwischen vergleicht sich der Fürst / welcher diese Empörung verursacht / mit dem König / und[56] Hernippe wird seiner Dienste erlassen / daß er nach Hause kommet / und der Vivanda ihre Unbeständigkeit persönlich verweist / mit wůrklicher Beglaubung / daß er Petroniam nicht begehre / und daß sie ein falscher Wahn / sonder Ursachen eifern machte.

8. Vivanda reuete ihr unbedachtsames verfahren /und beiammerte ihren gegenwertigen Zustand mehr als zu sagen ist. Als nun Petronia diese Hinternis ihrer Liebe aus dem Wege geraumet sahe / machet sie ihr neue Hoffnung / und bringt auch / (kurtz zu sagen) Hernippe darvon / daß sie beede eine recht glückseelige Ehe / in gleich verbundner Liebe besessen.

9. In dem brennet Vivanda von neuen / mit brünstiger Liebsneigung gegen Hernippe / und suchte böse mittel Berosum von ihr / und Petronium von ihm zu sondern: schreibet deßwegen vielfältig an Hernippe /ihn wieder gegen ihr zu bewegen / er wil aber diesen allen nicht nach gelehen / und seinem Weibe keinen Gifft beybringen / wie sie ihm an die Hand gegeben /und auch ihrem Mann zu thun versprochen.

10. Hernippe mahnet sie von so erschrecklichen Beginnen ab / und draut der Obrigkeit ihren Vorsatz anzuzeigen / wann sie dergleichen mit einem Wort mehr gedencken würde. Diese Antwort entrüstete Vivandam der massen / daß sie sich wegen solcher Verachtung zu rächen hoch geschworen. Welcher gestalt aber?

11. Sie lässet ihren Mann sehen / einen Bindel Briefe / welche ihr Hernippe geschrieben / bevor er mit Petronia verehlichet wird / und gibt für / daß sie solche in Neuligkeit empfangen / und bittet solche Schmache mit gewehrter Hand zu rächen. Berosus ein zorniger Mann / glaubet dieser Betrügerin / und fodert Hernippe auf den Platz / sich mit jhm zu balgen. Hernippe erscheint / und nach dem sie ohne fernern Wortwechsel zusammen gegangen / sieget Hernippe ob /daß Berosus das Leben von jhm bitten müsste / welches er ihm schenckte / und die Ursache solcher Befedung fragte.

12. Berosus vermeinte er habe eine gerechte [57] Sache / und weiset die Briefe / welche er mit eigner Hand an Vivandam seine Fraue geschrieben / als ihm er aber das Jahr und der Tag / welchen er zuvor nicht beobachtet / gewiesen wurde / benebens den Schreiben in welchem ihm seine Frau Gift beyzubringen versprochen / wurd er deß Betrugs überzeugt / die Verrätherey entdecket / und lässet er sein treuloses Weib in ein Gefängnis sperren / in welcher sie ihr Leben kurtze Zeit hernach elendiglich geendet.

13. Hierbey erinnere ich mich deß Sprichworts: Untreu trift seinen eignen Herrn / und daß der / so die Gruben fällt am ersten darinnen gefangen wird: Sonders zweiffel aus Göttlicher Verhängnis / der die Weißheit der Weisen / und die Klugheit der Ruchlosen zu schanden zu machen pfleget.

14. Falschheit hinckt auf zweyen Füssen:
Stützet sie sich kurtze Zeit
Wird sie doch bald fallen müssen /
Mit deß Trügers Spott und Leid.
18. Die schädliche Ruhmräthigkeit
(XVIII.)
Die schädliche Ruhmräthigkeit.

Zu Zeiten König Heinrichs deß IV. dieses Namens ist etliche Jahre ein so friedlicher Wollstand gewesen /daß gleichsam die Liebe und Wollüste aller Orten genistet und neue Zuchten gehäget hatten. Deß Adels thun war aller Orten der Müssiggang / spielen / bulen und die Zeit in Wolleben vertreiben: massen die Sünde zu Friedens Zeiten fast mehr überhand nehmen / als in den Kriegen welche mit Ordnung geführet werden. »Wann man sich aber bey schönen Tagen deß Ungewitters erinnern sol / wird nicht ausser dem wege seyn / zu Kriegszeiten zu gedencken / was sich zu Friedenszeiten begeben.«

2. Triphon ein tapferer und zu Hof wolbenamter Edelmann / wohnte auf seinem Schloß / mit seinen Freunden und Nachbaren den Herbst in Fröligkeit zu[58] zubringen. Als er nun gleich einem Bien über unterschiedlichen Blumen deß Frauenvolcks seine Augen schweben lässet / setzet er selbe endlich auf Stocktram. Eine andre Feder / so weniger zu schreiben /mag den Anfang und Fortgang dieser Liebe erzehlen /hier ist genug zu meldē / daß niemand solche schänden können / weil sie auf einen zulässigen Ehestand gezielt / und mit gleicher Gegenneigung verbunden gewesen / welche auch von allerseits Freundschafft beliebt und angenehm gehalten worden.

3. Triphon hatte etliche Forderungen zu Hof / und wolte bevor er sich zu Ruhe begebe / solche Dienstgelder einbringen / damit er also durch das gůldne Thor in den Ehestand tretten / und so viel reichlicher leben möchte. Zu dem hoffte er einen solchen Ehrendienst / welcher ihn über den Adelstand erhöhen / und zu grossem Ansehen bringen solte.

4. Diesem nach macht er sich auf den Weg nach Hof / auf einrahten seiner Liebsten (massen bey den schwachen Werckzeugen der Ehrgeitz starck ist /) und mit vorwissen seiner Befreunden / welche dieses alles außzuwürken für leicht hielten / und nicht zweiffelten / der König werde Triphons wolgeleiste Dienste gedachter massen belohnen.

5. Solchem zu wieder findet Triphon mehr Hinternis als er aus dem Wege raumen mögen / und ob er wol ein tapferer Hofmann / hat er sich doch in »seinem eignen Handel nicht finden können / und erfahren / daß solche Geschäffte gleich sind den Fischreisen /deren Eingang weit / und leicht / der Außgang aber schwer und fast niemals zu finden.« Hierüber verfleusst ein Jährlein / und ie weiter Triphon seine Sachen zu bringen vermeinte / ie weniger kan er zu ende kommen / und ie mehr Unkosten er auffwendet.

6. Stacktea wartete mit grosser Ungedult / und ruffte Triphon mit vielen schreiben zu rucke / hörte aber zur Antwort Verzug und Entschuldigungen / welche auch keine gewisse Zeit seiner Wiederkunfft ansetzen / daß sie ihn für mehr ehrgeitzig / als verliebt gescholten / daß doch von ihr wahr gewesen wie folget.

[59] 7. Philostratus ein junger Herr / viel höhers Standes als Triphon / verliebte sich in Stackteam / welche wegen seines langen Verzugs / allerley Gedanken schöpfte / und ihn zu Hof für eingewurtzelt hielte /liesse sich gar leichtlich von der alten Liebe zu der neuen wendig machen / und begnügte sich mit einem Ehversprechen / welches nach seines Herrn Vatern Tod sol vollzogen werden / in zwischen aber fienge er an Stackteam auf Rechnung zu seinen Willen zu bringen.

8. Dieses wird Triphon durch seine Freunde berichtet / daß vermuhtlich ein heimlicher Ehehandel zwischen Philostrat und Stacktea vorgehe / und diese Zeitung machet ihn nach Hause eilen / dem Abfall seiner Liebsten vorzukommen. Aber zu spat / dann er so bald verspüret / daß er hinaus gestossen / und Philostrat angenommen worden.

9. Der listige Eifer leget ihm viel Schmeichel Mort in den Mund / und locket er von der Stacktea heraus /daß sie Philostrat ehlich verhafftet / und das ůbrige konte er leichtlich errahten: daß also jhre Entschuldigungen sie der Untreue und deß Ehrgeitzes angeklagt. Dieses verhüllt Triphon mit euserlichen Schein / und weil Stacktea / mit Verlaub ihres Herrn / das Spiel bergen wolte / erzeigte sie sich aller Orten gegen Triphon / als ob es noch zwischen ihnen in altem Vertrauen stunde: so gar daß sie Nachts mit einander zu sprechen nicht unterliesse / welches Triphon alles zu seinem Vortheil gesucht.

10. Hierdurch trutzte er den jungen Herrn / und weil er anfieng darüber zu eifern / hatte er grosse Lust daran / und rühmte sich / daß er solche würckliche Gunst und Gegenliebn von Stacktea erhielte / welche Philostratus nicht zu hoffen. Ob nun solche Ruhmrähtigkeit falsch / so war sie doch Triphon höchstschädlich / und vermeinte er dadurch seinen Nebenbulen abzuschrecken.

11. Nach der Frantzosen Gebrauch wolte ihm Philostratus mit dem Degen recht schaffen / und forderte Triphon auf den Platz / welcher erscheint / seinen[60] Gegner durch den Arm stösset / und das Leben zu bitten nöthiget. In dem nun die Diener Philostrati ihren Herrn verwundet sehen / wollen sie Triphon den sie beschädigt nieder machen / werden aber von ihren Herrn / und andern Beyständen abgetrieben / daß er mit dem Leben davon kommen.

12. Mit diesem ist Stacktea nicht vergnüget / und vermeinte Philostratum durch Triphons Tod / ihrer Liebe zu versichern. Dieses nun stellete sie an / durch eben die jenigen / welche ihn verwundet hatten / und deßwegen von ihrem Herrn abgeschaffet worden: diese Gesellenversprechen Triphon zu ermorden / und gehen ihm lange Zeit nach / weil sie ihn allein nicht konten antreffen.

13. In dem dringet Stacktea Philostratum / daß er sie ehlichen solte. Er aber wendet nicht mehr seinen H. Vater vor / sondern daß Triphon sie beschlaffen /wie er selbsten / nach dem sie wieder Freunde worden / beständig aussage / der diese Unbeständige / aus Rachgier / auf allerley weise verhasst zu machen / bemühet war.

14. Diese Verleumbdung ursachte / daß Stacktea die Meuchelmörder mit Gaben und versprechen anfrischte den Streich zu vollziehen / wie dann auch erfolgt / und ist also Triphon in seinem Bette jämmerlich erwürget worden. Der Thäter einer wird in verhafft gebracht / und bekennt / daß Stacktea die Stiffterin dieses Todes: und gebrauchte sich Philostratus dieser Begebenheit von ihr loß zu kommen / in dem er benebens Triphons Freunden angehalten / daß sie enthaubtet worden.

15. Hieraus ist zu sehen / was für Früchte die Unbeständigkeit bringet: sie verursachet Ehrgeitz / diesem folgen Eifer / Ruhmrähtigkeit / Verleumbdung /Rach / Trug / Undanckbarkeit / Blindheit / Zorn und ein erbärmliches End. Daher die Alten gesagt: Hüte dich vor der That / der Lügen wird wol raht / und Gott der HErr sagt: Mein ist die Rache. Er allein kan Gutes und Böses vergelten / und die sich [61] selbsten rächen fallen Gott in sein Ambt / welches er nicht ungestrafft lässet hingehen.

16. Einen Ruhmrähtigen kan man also beschreiben:


Er hat nicht (würcklich) was er hat (nach seinem Wahn) und ist nicht der er ist:
Man glaubt nicht was er glaubt / man hört nicht was er saget:
Sein Nachbar ist schon tod / deß Zeugnis er befraget /
Sag doch wer ist der Mann / wann du ein Rahtmann bist?
19. Der Freyer in allen Gassen
(XIX.)
Der Freyer in allen Gassen.

Den Fluß welchen der König in Persien außtrocknen wollen / hat er in viel kleine Armen zertheilet: bedeutend / daß ein Verstand / welcher vielen zugleich obliegt / seine Kräfften auf nichts gewisses wenden kan. Wer nach zween Hasen zugleich jaget wird keinen fangen.

2. Zween grosse Herren wollen ihre vertraute Freundschafft durch Verehlichung ihrer Kinder fortsetzen.

Gorgias Agatharcide Sohn solte Mongine Cremons Töchter freyen. Diese junge Kinder spielten mehrmals mit einander: die Liebe aber kunte bey ihnen nicht statt finden / weil das Holtz noch grůn / daß es nicht brennen mochte.

3. Gorgias wird in zuwachsenden Jünglings Jahren nach Paris gesendet / zu Erlernung der ritterlichen übungen. Sein Sinn war sehr flüchtig / fande zwar eine Begierde zu lieben / aber ja nicht eine Person allein: sondern viel zu gleich / daß er ihrer dreyen einmahl aufgewartet / wegen dreyen unterschiedlichen Ursachen / der Ehre / Gelt und Wollustswegen / nach welchen alle Menschen ihr thun und lassen zu richten pflegen.

[62] 4. Sibylla eine Base einer Fürstin diente er Ehren wegen / und vermeinte daß sein grosse Glückseeligkeit seyn würde / wann er in eine so hohe Freundschafft würde heuraten. Juliana eine reiche Wittib von zwantzig Jahren / welcher ein alter Mann grosses Gut hinterlassen / war die zweyte / welche seine Dienste wol belohnen solte und könte. Die dritte war Charlotte / eine von den schönsten Jungfrauen in gantz Paris /aber von geringer Ankunfft und noch viel geringerem vermögen. Diese liebte er / weil er auch wieder von ihr geliebet wurde: Die andren aber gaben ihme Anlaß seine Höfligkeit zu mustern.

5. Sibylla hoffte eine bessere Heurat / als mit Gorgia zu treffen. Juliana wolte keinen Frembden / und hatte keine Neigung zu diesem Edelmann. Er aber besuchte bald eine bald die andre / mit solchen Worten /als ober alle drey zu gleich freyen solte. Seine Eltern schreiben ihm / daß sie ihn mit Mongine verloben wolten er solte nach Hause eilen: weil sie verstanden /daß er sonsten anderweit verfänglich handlen möchte. Er aber antwortet nicht weil ihm die Gegenwertigen mehr beliebten / als die Abwesende.

6. Man sendet ihm der Mongine Bildnis / welches er gegen der Charlotte für abscheulich achtet. Man führt ihm zu Gemůt ihr vermögen / und die reiche Erbschafft / welche sie zu erwarten / diese hielte er für einen Thand / gegen den Gütern seiner Juliana. Man schreibt ihm von dem Ehrenstand der Mongine Eltern / darauf sagte er / daß sie doch nicht auß Fürstlichen Geblüt / wie Sibylla. Solchem nach stellete er sein Vaterland in Vergessenheit / als ob er von der Frucht Lotes gekostet hette.

7. Gorgias Eltern verfahren in zwischen / und schliessen die Heurat / der Hoffnung / es werde ihr Sohn ihnen gehorsamen / und so bald er verrast /ihnen darumb danken. Als ihm nun die Heurats Nottul zu vnterschreiben zugesendet wird / antwortet so verächtlich / daß der Jungfrau Eltern / ihr Wort zu rucke [63] nehmen / und verschworen diesem undanckbaren Gast ihre Tochter nimmermehr zugeben.

8. Dieses gute Bißlein bliebe nicht in der Schüssel / sondern es melden sich / so bald solcher Verlauff ruchbar wird / unterschiedliche an / und wird Lisimachus heraus gewehlt / welcher mit Mongine solte vermählet werden.

9. In dem dieses vorgehet spottet Sibylla dieses Freyers in allen Gassen und weil er den Schertz nicht verstehen wolte / gabe sie ihm mit gar deutlichen Worten Urlaub. Juliana hatte eine ihr anstädigere Gelegenheit angetroffen / und verehlichte sich / wieder seinen Willen. Charlotte wolte zwar mit ihm kauffen /sie war aber ihren Verwandten nicht feil ümb das Geld: welche ihn baten / er solte dieser Jungfrauen müssig gehen / damit sie nicht etwan in ein böses Geschrey komme.

10. Als er nun besagter massen bekorbisiret / und seine Eltern den verlag zu seinem Wolleben nicht mehr herschiessen wolten / kehret er nach Hauß / als eben Listmachus mit der Mongine Hochzeit machen solte / und liesse sich bedunken / daß er in erst ermelter Hochzeiterin finde / was er bey allen dreyen zu Paris hinterlassen / und bereuet / daß er diese Gelegenheit unbedachtsam verachtet. Es war die Sache zu weit gekommen / und wust er kein Mittel / als daß er den Bräutigam forderte durch ein Fedbriefflein (Cartel.) Listmachus spottete seiner / und wolte diesen Jüngling nicht würdigen / daß er mit ihm fechten solte.

11. Ein Gascon war einem Picart eine Summa Gelds schuldig / als er solche fordert / wil er ihm mit dem Degen bezahlen. Der Gascon schickt jhm die Schergen über den Halß / welche ihn in das Gefängnis setzten / und ließ ihm sagen: Wann du mich bezahlt hast / so wollen wir hernach vom rauffen reden. Also sagt Listmachus auch: Wann ich mein Liebste habe nach Hauß geführet / wil ich deinen Frevel straffen /ietzund ist nicht Zeit / daß ich meine Hände in deinem Blute wasche.

[64] 12. Also wurde die Hochzeit volzogen / und weil die Obrigkeit von deß Gorgia Ausfodern vernommen /stellet man ihm nach / daß er flüchtig gehen muste. Er kommt wieder nach Paris / und findet Charlotte auch verheuratet / an einen sehr reichen Edelmann. Als er nun flehet daß er aller Orten zu kurtz kommet ziehet er in Flandern / und giebt einen Soldaten / in welchem Stand er bald hernach sein Leben eingebüsset.

13. Der Ungehorsam der Kinder gegen die Eltern bleibt nicht ungestrafft / und vermeinen diese Frischling / sie verstehen und wissen besser / was ihnen nutzet: sehen aber endlich zu spat daß sie weit gefehlet haben. Es erhellet auch eine grosse Thorheit in dem man die Liebe / welche einen freyen Willen haben wil / zu erzwingen vermeinet / welches aus falscher selbst Liebe entstehet / so bey der Jugend ein gar gemeines Laster ist.


14. Die Jugend brůstet sich / mit unbedachten Wortē:
Sie drenget sich herfür wil nechst den Ersten seyn:
Man höret ihr Gespräch' und Wort an allen Orten /
Ein Alter lacht unn schaut der dollen Narren Schein.
20. Der Undanckbare Jungfrauen Rauber
(XX.)
Der Undanckbare Jungfrauen Rauber.

Ein Kauffmann in Provantz Eupelome / hatte einen Pflegsohn Arcesilas benamt / welchen er mit Väterlicher Vorsorge auferzogen / und ihm fast seinen gantzen Handel anvertrauet. Sein Gewerb erstreckte sich in Hispanien und sonderlich nach Barcelona / da sein Mann war Philonde / ein Kauffmann von guten Mitteln in besagter Statt.

2. Eupelome sahe seinen Vettern bey dem Verstand / seinem vermögen selbsten vorzustehen / und suchte ihm eine feine Heurat / nemlich Marinam / auch [65] eines Handelsmanns Tochter / welcher ihm mit einer ehrlichen Aussteur an die Handzugehen versprochen.

3. Zu Valentz in Hispanien hatte Arcesilas auch zu verrichten / und kehret ein bey Inigo seines Vettern Mann / da er sich verliebt in Crateam seine Tochter /welcher dieser weise Frantzoß baß gefiel als die Morenfarbe Hispanier. Er hatte in willens ůmb sie anzuwerben / fande aber zwo hinternissen: erstlich daß er nicht reich genug und zum andern / daß sich Idelphonso / ein andrer aus selber Statt bürdig / angemeldet / welchem sie der Vater halb und halb versprochen.

4. Cratea war den Frembden viel geneigter / als dem Einheimischen / suchte deßwegen die Sache zu verzögern / und der Zeit zu befehlen was sie nicht vermitteln kunte: bliebe also beständig / in dem Arcesilas wieder nach Hause verreiset. Ja als Arcesilas Urlaub genommen / hat sie jhm geschworen getreu zu verbleiben / biß in den Todt / dergleichen er sich auch gegen ihr verlobt.

5. Als er heimkommet lässet er sich bereden zu einem Verlöbnis mit Marina / und weil er Zeitung von der Cratea hatte / daß sie seiner warten wolte / verzögert er seine Verheuratung mit Marina und reisete /wie er jährlich zu thun pflegte in Hispanien: verhoffte also die reiche Crateam / oder wann es nicht seyn wolte / als dann die schöne Marinam zu nehmen.

6. Als er nun wieder nach Valentz kommet / und die beharrliche Liebe der Cratea verspüret / erkühnt er sich sie von ihrem Vater zu begehren / und sie eröffnet ihres Hertzens Gedancken / daß sie keinen oder diesen zu einem Mann haben wolte. Der Vater war ein kluger Kopff / muhtmasste daß die Sache schon weit kommen und wolte sich mit dem Nein Wort nit also bald wiedersetzen: sondern sagte allein / wie ihm leid were / daß er seine Tochter versprochen / und wüsste er nicht von solchen loß zukommen / wann aber Idelphone so abstehen solte / so were den Sachen noch zu helffen.

[66] 7. Diese Antwort war gleichsam ein öhl durch welches der beeden verliebten Flammen erhitzt wurden /daß sie verhofften sie wolten leichtlich Verzeihung erlangen / wann sie durch die Flucht / oder heimliches Verlöbnis einen Fehler begehen wurden. In diesem vertrauen nimmt Cratea ihren kostbaren Schmuck zu sich / und fähret auf einem darzu gedingtem Schif davon. Sie vollziehen auf dem Wasser gelobtes Eheversprechen / nicht sonder Deutung der Unbeständigkeit. Der Wind aber ist ihnen entgegen / und wirfft sie wiederum zu rucke.

8. Der Vater sendet zu Wasser und Land den flüchtigen nach: so bald er solches erfahrē / werden sie beede durch die Schergen ergriffen / und als man sie wil zu rucke bringen / erkaufft sie die Schergen / daß sie Arcesilas loß lassen / und sie verhoffte bey ihrem Vatern leichtlich Gnad zu erlangen.

9. Arcesilas der leichtfertige Ehr- und Dankvergessene Gesell / hatte so viel Lieb und Treue von Cratea empfangen / als einer der jemals geliebet worden: vergisset aber seines gethanen versprechens / und eilet in Franckreich Marinam zu heuraten. Doch mochte dieses so schnell nicht geschehen / daß nicht Eupoleme zuvor deß gantzen Handels Bericht von Inigo / durch schreiben erlanget.

10. Eupoleme hatte hierob ein schmertzliches mißfallen / und wil / benebens der Marina Freunden nicht geschehen lassen / daß dieser leichtsinnige Gesell zwey Weiber ehlichte. Hingegen bietet ihm Zeiger ein grosses Heuratgut an / wann er wieder kommen und seine geschände Tochter zu Ehren bringen würde /welches er auch zu thun gewillt / und den verborgnen Angel nicht vermerket.

11. Cratea hatte ursach diesen undankbaren von sich zu stossen / weil er sie geschwächt / und eine andre zu ehlichen begehret. Aber die Liebe bedecket alle Fehler / und eilet sie diesen zu empfahen / als einen verlornen und wiedergefundnen Schatz. Der Vater lässet auch geschehen / daß Arcesilas seine Tochter freyet / zur Kirchen führt / und giebt er zu[67] diesen fahrenden Haab noch eine stattliche Summa Gelds.

12. Eine böse That hat doch keinen guten Außgang. Zu Abends / als er sich zu Bette zu gehen freuete / wurde er in eine Gefangnis geführet / und ist daraus nicht entkommen / biß ihm ein Rechtstag angesetzet / und das Haubt herab geschlagen worden.

13. Cratea konte solches daß es von Idelphonso herkommen / nicht unwissend seyn / welcher sie als eine Wittib deß enthaubten heuraten wolte. Sie bejahte was ihr Hertz beneinte / und suchte hierdurch Gelegenheit an diesem Eindringling Rache zu üben / welches auch geschehen in dem sie ein Brod der gestalt vergifftet / und auch darvon gekostet / daß ihr Braut Bett zu einem Grabstein worden.

14. Was verwundern wir alhier mehr die grosse Untreue und Undankbarkeit Arcesilas / oder die treue Liebe der Cratea. Die alzu brünstige Liebe ist ein Strick deß Satans / der zur Verzweiflung reitzet. »Daher nennt Epictetus den Todt der Verliebten Abgott / welchen diese blinde anruffen / und in allen Nöthen anschreien.« »Die Alten pflegen zusagen / daß der glückseelig welcher seines Muts ein Herr« / und seine Begierden regire: Wer es aber nicht kan / der wird in seinen Sünden fortfahren / biß er endlich nach diesem Leben in die ewige Hölle stürtzet.


14. Undank. Haue den Fleiß zur Bank.
Giebt aus Lethefluß Getrank.
Gleicht dem Schweffel Mordgestank.
Macht der Diener Treue krank.
Und erlocket manchen Zank.
21. Die eiferige Fürstin
(XXI.)
Die eiferige Fürstin.

Der weise König Salomon vergleichet deß mächtigen Zorn mit dem brüllen deß Löwen / [68] dessen Stimme alle erschrecket so es hören. Noch viel erschrecklicher Wůrkung hat die Eifersucht / welche stärcker ist als der Tod / und brennet gleich der Hölle auf Erden. Amalor ein Teutscher Fürst kan dessen ein glaubwürdiger Zeug seyn / als welcher erfahren / wie weit sich der Eifer eines ergrimmten Weibes erstrecket.

2. Er hatte ihm eine Fürstliche Princessin vermählet / welche wir Georgiam nennen wollen: weil sie aber bejahrt / und eine Dienerin / Villehade genannt /mit nach Hof gebracht / die jünger und schöner / verliebte sich der Fürst in solchen ümmstand / wie jener redet / weil die Mägde ůmb ihre Frauen zustehen pflegen. Also kan ein Körnlein Wermut / ein grosses Gefäß voll Honigs bitter machen / und ein solcher Gedanck eine friedliche Ehe verunruhen.

3. Kurtz zusagen: Der Fürst liebet die Dienerin /und hasset seine Gemählin: welche auch als die Sara /von ihrer Magd Agar / gehönet nicht ruhte biß sie hinaus gestossen wurde: welches auch fast wieder deß Fürsten Willen geschehen müssen.

4. Amelor machte durch einen seiner Hoffschrantzen die Anstellung / daß sie in einem Dorf unterhalten wurde / und sich stellete / als ob sie krank / ja gar gestorben were / massen ein Bild mit einem wachsern Angesicht / das dem ihren sehr gleich / begraben worden / und diese Zeitung wurde der Fürstin mit allen ümständen zu Ohren gebracht / welche sich darüber höchlich erfreuet / weil ihr alles abgegangen / was der andern zu gegangen.

5. Villehade wurde auf ein Jagthauß deß Fürsten gebracht / und alldar wol unterhaltē / von dem Fürsten auch so vielmals besucht / daß er zween Söhne mit ihr gezeuget / und ob so verborgenen Betrug grosses Belieben truge.

6. Georgia wird dieses wieder vorgetragen / wie sich denn zu Hofe allzeit Leut finden / welche durch dergleichen Zeitungen Gnade suchen: Hierüber wird die Fürstin von neuem rasend / und beobachtet die Zeit / als ihr Herr wegen Kriegsgeschäffte [69] ůber Land verreist: nimmet mit ihr einen Henker / und kommt unversehens in das Schloß / findet ihre gewesene Dienerin mit zweyen Söhnen in guter Gesundheit / welche sie längsten für todt gehalten.

7. Der grosse Eifer lehrte diese Fürstin eine neue Art deß Todes ersinnen / erstlich lässet sie die zwey unschuldige Kinder für der Mutter Augen erdrosseln: hernach lässt sie ihre Hände und Füsse binden in einen Sarg / und neben sie ihre Kinder legen / und also lebendig samt den Todten begraben.

8. Uber dieser grausamen That hat der Fürst ein solches abscheu getragen / daß sich seine Gemählin die Zeit ihres Lebens nicht mehr für ihm dörffen sehen lassen / und sie bedraut / er wolle sie zu dergleichen Tod als sie seiner Liebsten angethan / übergeben / deßwegen sie zu ihrer Freundschafft fliehen můssen / und nicht mehr nach Hofe kommen mögen.

9. Nichts ist rasender / als ein mit Eifer durchgalltes Hertz / daher sagt Speron Speroni, daß der Eifer gleich sey einem Essig der von starken Wein gemachet worden: je stärker die Liebe / je stärker ist der Eifer. Wie die Kranckheit eine Anzeigung deß Lebens / so ist der Eifer ein anzeigen der Liebe / entweder er hilfft nicht / oder er ist unvonnöhten.


10. Räthel.


Ich bin ein bunter Haan /
Voll Augen und voll Ohren /
Sitz auf der Dörner Sporen
Und wache wo ich kan:

Das ist die Eifersucht. Der Haan eifert sehr ümb die Hennen / durch die Augen und Ohren wird die Sorgfalt / durch die Dörner die Betrübnis verstanden.

22. Die ungluckliche Hinterlist
[70] (XXII.)
Die unglůckliche Hinterlist.

Daß war sey / wann der Apostel sagt: Die Weißheit deß Fleisches würket den Tod / wird aus nachgehender Geschicht zu erlernen seyn.

2. Policrates ein Landsherr in Aquitania sahe seinen Sohn Almain mit Liebe verhafftet gegen Aristeam / eine Jungfrau von armen Adel / und hette ihn gerne andrer Orten vermählt gesehen. Dieser Aristea hat zuvor Cyrus ein Edelman in ihrer Nachbarschaft aufgewartet / und ist auch von ihr geliebet worden / daß man sie für Heuratsleute gehalten / biß sich Almain angemeldet / und diesen schlechten Gesellen aus dem Sattel gehoben.

3. Dieses verdreusst Cyrum aus der massen / daß sich Aristea durch Ehrgeitz verblenden / und von seiner Liebe wendig machen lassen. Aber was wil er thun. Er beschuldigt eine Weibsperson daß sie eine »Weibsperson / das ist / unbeständig / und wankelbar« ist. Seine klägliche Seufftzer führet der Wind hinweg / und Aristea achtete sich für eine irrdische Göttin / weil ihr ein so grosser Herr diente / stoltziret auch in solcher Hoheit daher / daß sie geringe Leute /wie Cyrus / nicht anzusehen würdigte.

4. Almain hette sich mit dieser hochmütigen Aristea trauen lassen / wann solches sein H. Vater nicht listig unterkommen / und die Sache einen gantz unerwarten Ausschlag gewonnen hette. Er führet seinen Sohn mit sich nach Hofe / lässet ihn die Welt sehen /und hoffet es solten seine Gedanken geändert / und auf eine höhere Person gerichtet werden. Aber umsonst. Sein Hertz wendete sich wie der Magnet / nur zu einem Stern. Der Vater hatte zu Hofe zu verrichten / der Sohn eilte wieder nach Hause / und wolte sich nicht halten lassen.

5. Der Vater entsinnet diese List. Seines [71] Sohns Schrifft lässet er durch einen dieser Sachen wol erfahrnen eigentlich nachmahlen / und einen Brief an Aristeam schreiben / deß Inhalts / daß er gezwungen worden / wieder seinen Willen eine seinem Stand gemässe Jungfrau zu heuraten / und daß er ümb Verzeihung bitte / daß er ihr gelobte Treu nicht halten können / wolle sie aber ehren die Zeit seines Lebens / etc.

6. Diesen Brief bringt Cyrus der Aristea angestellter massen / und wurde Vorsehung gethan / daß Almain / noch an sie / noch Aristea an ihn etwas abgeben kunte / welches nicht dem Vater in die Hand kommen müssen. Dieses wuste ihm Cyrus dergestalt zu nutz zu machen / daß ihm Aristea von ihren Eltern versprochen wurde / und er vermeinet gewonnē zu haben.

7. Aristea aber als sie vermeint sie were von dem Glücksrad hoch abgefallen / wolte an diesen geringen Stab nicht wieder aufstehen / und Almain / oder keinen Mann haben / und als man sie zu dieser Heurat zwingen wollen / ist sie in ein Kloster der Benedictinerin entflohen / deß Vorsatzes / ihr Leben darinnen zuzubringen.

8. Almain kommet dieses zu Ohren / und er nimmt so bald Post umb die Warheit zu erfahren. Als er nun in das Kloster kommt wird der Betrug eröffnet / und Cyrus / welcher den Brieff gebracht desselben beschuldiget. Nun solche Schandflecken wollen sich nicht anderst als mit Blut abwaschen lassen: er fordert Cyrum und wird von ihm zweymal durchstochen / daß er nach dreyen Tagen seinen Geist aufgeben müssen /und Cyrus flüchtig gehen.

9. Also sind der Menschen Anschläge / sonder Gott eine eitele Thorheit / und gehet das wolgemeinte mehrmals übel aus / wie hier diesem Vater / der vermeint seinen Sohn von seiner unbedachtsamen Liebe wendig zu machen / und hat dadurch wiewol ohne Schuld / verursachet / daß er üm das Leben gebracht worden. Job saget zu seinen Freunden: Ihr richtet mich wie GOtt / daß ist ihr wolt mir in das Hertze sehen / und wissen wie ich es meine / [72] welches allein Gott zustehet. Der Ausgang und eusserliche Schein ist sehr betrüglich / und haben deß Holoferni Soldaten ein solches falsches Urtheil von der Judith gefället /wie die Gottlosen von den Frommen / welche in Buch der Weißheit am 5. und 3. sagen: Das ist die / welche wir für ein Spott hatten / und für ein hönisches Beyspiel: darumb so haben wir deß rechten Wegs (in unserm Urtheil) verfehlet / und das Liecht der Gerechtigkeit hat uns nicht geschienen.

10. Lügen gleichet einem Feuer von Stroh /
Welches brennet kurtze Zeite hohe loh:
Wann der Lügen Flammen hoch gestiegen /
Müssen sie in einem schnellen nun erliegen.
23. Die Großmüthige Rache
(XXIII.)
Die Großmüthige Rache.

Wann das angezündte Pulver keinen Lufft hat / so ist es gleich dem Winden / welche in den in den Erdenhölen eingefangen ein grosses Erdböben verursachen /aller massen zu ersehen / an den eingesetzten Pulver in den Sprenggrufften (mines) dardurch grosse Mauren niedergerissen werden.

Nichts ist feiger als ein Bauer / wann er allein ist /wann sich aber ihrer viel zusammen rotten / so machen sie ihnen Lufft / und rasen gleich dem Erdbeben / daß ohn unterscheid alles zu Grund richtet / daher die alten Teutschen gesagt: laß den Bauren ihre Kirchwey: gemach ins Dorff die Drescher haben getruncken.

2. Dieses hetten sollen beobachten die Soldaten deß Hertzogen von Alanzon / als sie aus Flandern nicht mit so guter Ordnung / als sie dahin gezogen /zu rucke kommen / und sich in der Piccardie bald dar / bald dorten eingeleget / »sondern Gehorsam und Kriegszucht / (discipline milita ire) ohne welche ein Herr [73] mit einem rasenden Menschen / der ein spitziges Messer in den Händen hat / von Vegetio verglichen wird.«

3. Unter vorbesagten war ein Haubtmann genannt Le Pont / der legte sich mit seinem Fahnen Fußvolck in das Dorf Brecourtin Picardie / und hauste auf gut Soldatisch / das ist / so übel als möglich. Von fressen und sauffen / ist nichts zu sagen / noch von Gelt erpressen und die Leute beschädigen / welche sie schützen solten: sondern von den Jungfrauen schwächen /und Weiber schänden / welches Laster mit der Füllerey pfleget verbunden zu seyn.

4. Der Haubtmann Le Pont hatte seine Einkehr in dem höchsten Hause / bey Albain einen Bauersmann /der ihm aufsetzte / was das Hauß vermochte: weil ihm bekant / daß diese art Teuffel / mit fasten nicht außzutreiben. Le Pont war ein viehischer Mensch / welcher seine Rede mit vielen Gottslästerungen zu zieren pflegte / und für eine Ehre achtete / alle Sünden und Laster ungescheut zu begehen. Alle Fülle an Speiß und Tranck war diesen Unmenschen zu wenig / und beklagt er sich ohn unterlaß.

5. Als er einsten wolgeessen / und nicht übel getrunken hatte / läst er sich gelüsten Mariam seines Wirts Tochter zu beschlaffen / und fängt mit ihr an zu handlen. Die Jungfer weiset ihn mit bescheidnen Worten ab / und entweichet / er eilt ihr mit seinen Rottgesellen nach / und als er das Wildpret gefangen /und mit guten Worten nichts von ihr erhalten kunte /verbringt er seinen bösen Willen mit Gewalt / und Beyhůlff seiner Soldaten / in Gegenwart ihrer Eltern /welche mit Bitten und Flehen vergeblich Widerstand zu thun vermeint.

6. Er lässet es auch bey dieser Barbarischen Schandthat nicht bewenden sondern weil sein Leutenamt und Fendrich auch Lust zum Handel / übergibt er sie ihren Willen: und Maria mit vielen Threnen sich beklagte / draut er / daß er sie allen seinen Soldaten wolle Vogelfrey machen / wann sie nicht schweigen würde.

[74] 7. Maria wolte den Verlust ihrer Ehre nicht überleben / (wiewol sie die Jungfrauschafft deß Gemůts unverletzt erhalten) und als dieser Ehrendieb ein grosses Glaß an den Mund setzte / und heraus ziehen wolte /stosset sie ihm ein langes Messer in den Wanst / daß seine verfluchte Seele mit Wein und Blut heraus geflossen / und verübt also die keusche Maria eine großmüthige Rache.

8. Die Soldaten zerhauen diese Amazonin in Stücken / Albain entflieht / rufft die Nachbarschafft zusammen / und erzehlet ihnen die jämmerliche Begegnis seiner Tochter / mit ermahnen / daß ieder seinen Gast / welche meisten theils schlaffend mit Wein begraben waren / niedermachen solte. Welches dann auch erfolgt / und sind die meinsten mit den Mist- und Heugabeln gespisst / mit Flegeln erschlagen / und sonsten wie sie kunten getödtet worden.

9. Etliche welche sie gefangen / und mit ihren Lunden an Händen und Füssen gebunden / müsten folgenden Tag noch viel eines grausamern Todes sterben. Die Rache machte diese Rülpen sinnreich in Erfindung neuer Marter. Etliche wurden ertränkt / etliche von den Felsen gestürtzt / etliche lebendig begraben /etliche erschossen / gehengt / verbrennt / geschunden /geradbrecht / geviertelt / mit Zangen gerissen / und war keine Art zu sterben / welche diese Bauren an ihren Gefangenen nicht solten probiret haben.

10. Weh dir der du raubest / denn du wirst wiederumb beraubet werden. »Man wird dir messen mit der Maß / mit welcher du andern gemessen.« Daher gehört auch die von unserm Erlöser / der Natur eingeschaffne Regel: Was jhr nicht wollt daß euch die Leute thun / das thut ihnen auch nicht. Wer diese Geschicht mit den alten vergleichen wolte / solte die Mariam mit fug eine Jael und Judith nennen können. Albain hat gethan / was dorten der Virginia Vater bey den Römern / der aus dergleichen Ursachen der König Tarquin verjagt.


[75]
11. Weiber sind nicht ausgeschlossen /
Von der Tugend Lobgenossen /
Manche hat ihr Blut vergossen /
Daß daraus viel Ruhms ersprossen.
Ihre Thaten sol man schreiben /
Daß sie bey der Nachwelt bleiben
Und dergleichen Heldin treiben.
24. Das Zeugnis deß Gebluts
(XXIV.)
Das Zeugnis deß Geblůts.

Was von baarrecht zuhalten / haben wir in unsren CCXXVI. Gesprächspiel par. 44. ümständig angeführet. Hier folget ein Exempel / zu welchem wir uns sonder Eingang wenden wollen / weil wir die kurtze lieben / und Geschichte schreiben / nachdenkliche Fragen in unsren Trauerspiegel erörtert / und noch ferners zu behandlen gedenken.

2. Auf einer Hohen Schul in Flandern hat ein junger Student / von Geldern würdig / die Gesetze studiren / und ein Rechtsgelehrter werden sollen / in dem Alter welches den Gesetzen nicht wil unterworffen seyn / und keinem Recht statt geben. Dieser Apion verliebte sich in Amee / seiner Wirtin Tochter / und weil er der Jungfrauen Willen nach und nach gewonnen / sich auch mit einem Ehe versprochen / daß künfftig zu vollziehen / vernehmen lassen / hat er gegenwertig erhalten / was beede lang hernach zu spat bereuet. Es war ihnen leicht ihrer Mutter Augen zu blenden / welche ihrer Tochter getrauet / und ihrem Haußhalten abgewartet. Beede waren unter einer Bedachung / und machten es wie die Karten / wann sie bey Tags lang mit einander gestritten / deß Nachts beysammen liegen.

3. Corride ihre Magd verweist der Amee ihre ungebůhr / mit bedrauen sie zu verrahten. Was kan aber das Silber nicht? Apion verehrte sie so reichlich [76] / daß sie ihnen zu ihrem bößlichen Leben hůlffliche Hand bietet / so stark sie ist.

4. Dieses Gewerb liesse sich nicht lange ohne Gewinn treiben / und gabe Apion der Amee so viel zu trinken / daß sie die Jungfräuliche Wassersucht bekommet / und swanger wurde. O du Närrin / die du dich auf deines Bulen schweren verlassen / und vermeinest da eine glückliche Heurat zu suchen / wo du den Tod mit Schand und Spott finden wirst.

6. Apion / so bald er vermerckt daß diese Sache einen gefährlichen Außbruch nehmen möchte / zieht er heimlich darvon / und vergisset alles gethanen versprechens / welches gleich gewesen einen »Steinmetzens Gerist / daß er wieder abbricht wann die Schwinbogen außgemauret ist.« Apion kommt nach Hause und lesset es mit Amee gehen wie es kan.

7. Was diese verlassne Ariadna für Klagen geführet / ist leichtlich zu erachten. Sie hette sich ihren Augen gerne verborgen / Gifft genommen / und sich in einen Brunnen gestürtzet / wann ihre Magd Caride solches nicht verhůtet hette / welche sich getröstet daß Apion wiederkommen / und sie nicht in Schanden lassen würde.

8. Die Mutter konte ihr aus Apions Flucht / und ihrer Mutter Traurigkeit leichtlich die Rechnung machen / wie es unter ihnen zugegangen / und kommet in Erfahrung / daß ihre Beysorge leyder wahr / und viel zu spat eingewendet. Caride verspricht sie wolle Apion sein Kind bringen / man sol es nur verschwiegen halten / welches wieder ein kleiner Trost fůr Amee.

9. Sie kommt darnieder / bringet eine Tochter in die Welt / und hatte Amee und Caride die Abrede genommen / daß Kind zu erstecken / und in dem Garten / unter einen Baum ein zu graben / wie dann auch geschehen. Die Mutter wuste nicht anderst / als daß Apion das Kind ziehen liesse / und wieder kommen würde / die Geschwächte zu freyen. Apion aber war in Teutschland verreiset.

10. Nach zwey gantzen Jahren / ziehet diese [77] Mutter mit ihrer Tochter aus dem Hause / und ein andrer bestehet es / der den Garten lässet umb arbeiten / und wird der Amee Kind gefunden / so frisch und unverwesen / als wann es vor zweyen oder dreyen Tagen begraben worden were. Es wird Amee mit ihrer Tochter in das Hauß beruffen / und so bald sie deß Kindleins ansichtig wird / fängt sie an zu plassen / ihr Hertz zu beben und alle Glieder zu zittern; der kleine Leichnam aber / durch die Nasen / Augen und dem Munde zu bluten.

11. Der Obrigkeit konte dieses nicht verborgen seyn / und war die gantze Nachbarschafft bey nicht angestelltem baarrecht zu gegen. Hierüber wird die Mutter und Tochter in verhafft genommen / und nach entdeckung dieses Meuchel- und Kindermords die Caride auch eingezogen / und diesen beeden die Häubter für die Füsse gelegt / die Mutter aber / weil sie ihrer Tochter nicht besser gehütet / der Statt verwiesen.

12. »Es ist nichts so klein gesponnen / es kommet doch endlich an die Sonnen. Wer ist der Frevler der die Göttliche Gerechtigkeit zu betriegen verhofft? Die Sünde und die Straffe / sind wie der Schatten und der Leib: der in der Sonne stehet. Fliehestu die Straffe /so folgt sie dir nach / und kan solche der Ort und die Zeit verzögern / aber nicht aufheben. Wol dem der reines Hertzen ist / und nicht wandelt auf dem Wege der Sünder: Dann gewißlich Gottes Hand ist nicht verkürtzt / und wann gleich unsre Missethat für den Menschen bedecket ist / so ist uns darumb die Sünde noch nicht vergeben. Wolte Gott daß junge Leute durch dergleichen Exempel weiß würden / und das Ende bedächten / so würden sie nimmermehr sůndigen.«


13. Das Gewissen.


Dein Zeug und Kläger ruht in dir:
Dein Richter ist dem selbst Gewissen:
Er schläffet / doch nicht für und für /
Er wachet auch zu deim verdrüssen.
[78]
Wer wil und kan sein Hertz betrügen?
Wer eine böse That gethan /
Dem zeuget sein Gewissen an /
Daß sich Gott niemals lässt belügen.
25. Die blinde Unkeuschheit
(XXV.)
Die blinde Unkeuschheit.

Der Zorn und die Liebe zeuget blinde Jungen / wie der Hund und die Hündin. Die Begierden sind blind und übereilen sich allezeit / »wie jener gesagt daß die Sünde sey eine übereilung / dann wann sich der Sünder genugsam bedächte / so solte er die Zeit seines Lebens nicht darein willigen / wie aus folgenden Geschichte zu erlernen.«

2. Hermione ein Wunderwerk der Schönheit / erweckte vielen einen Lust / aber wenigen eine Hoffnung solchen zu bůssen. Sie war gleich auf einer Seiten wie der schwartze Magnet der das Eisen an sich ziehet / und auf der andern Seiten / wie der weisse Magnet welcher es von sich stösset.

3. Unter ihren Aufwartern war Pacian und Lancelas vorneme Edelleute. Nichts war kälter / als die Ursache ihrer Liebsflammen. Alle Mannsbilder waren ihr gleich so viel / als ob sie ihres Geschlechts were / und so ein unbewegliches Bild / als deß Pigmaleons / und aller Liebe unfähig. Sie verachtet vielmehr diese beede / als daß sie ihnen gleiche Bewogenheit erzeigen solte: doch beharten sie / mehr aus Neid / in dem keiner den andern weichen wollen / als aus Hoffnung viel auszurichten.

4. In dieser Bedienung lässet sich Lancelas bedunken / Hermione sey Pacian mehr geneigt als ihm / und warte seinen Gesprächen länger ab. Nach vieler Besprächung mit seinen Gedanken / entschleusst er sich an seiner Verächterin zu rächen / und zwar mit der Weiber Schwert / der Zungen / welches die Ehre tödtet / so dem Leben gleich schatzbar gehalten wird.

[79] 5. Also erdichtet Lancelas böse Sachen von Hermione und bringt es in der Statt aus / sie wiederumb in Verachtung zu bringen. Die Verläumbdung ist so viel ärger / als das Affterreden / weil jenes die Unwarheit / diese wie Warheit zu ungebührlicher Zeit und Ort / mit Verachtung heraus stösset. Hermione kommet solches zu Ohren / und weil sie stoltz / wie die Schönen zu seyn pflegen / gedachte sie sich an diesen Verläumbder mit ernst zu rächen.

6. Die erste Gelegenheit die beste. Pacian sprache mit jhr von seiner Schuldigkeit ihr zu dienen / und wann es ihm auch das Leben kosten solte. Wie sagt ihr / antwortete sie / daß ihr mich liebet / in dem ihr mit stillweigen anhöret / wie Lancelas mit seiner Otter-Zungen meinen ehrlichen Nahmen beflecket? Lancelas / antwortete Pacian / redet übel von Hermione an einem solchen Ort / da man sie und auch ihn kennet. Ich halte daß solcher Frevel mit Verachtung zu bestraffen / massen jederman wissend ist / daß seine Verleumbdung falsch / Hermione versetzte / daß eben diese Falschheit zu bestraffen / und durch die Straffe zu hintertreibē / und verspricht benebens / daß sie sich mit ihm ehlich verloben wolle / wann er diesen ihren Feind niedermachen würde.

7. Hieraus er sahe Pacian / daß jenes Haß seine Liebe verursachte / und hette er nicht ein / sondern tausend Leben in die Schantze geschlagen / Hermione zu erlangen. Lässet deßwegen Lancelas auf den Platz fordern / Hermione Ehre zu retten / allermassen auch bey den Alten dergleichen gebräuchlich gewesen / und eine angeklagte Jungfer einen Ritter gewehlt / welcher für sie zu Turnieren unternommen.

8. Lancelas findet sich an benamten Ort / und wird von Pacian durchstochen / und genöthiget / daß er bekennen müssen er habe von Hermione ausgesprängtes böses Gerücht erdichtet / und wisse in der Warheit nichts / als Ehr und Zucht von jhr zu sagen. Dieser Sieg wurde Pacian theur verkaufft / dann er mit dreyen Wunden kaumlich davon kommen: deren zwo fast tödtlich / und von den Wundärtzten mit [80] grossem fleiß gewartet worden / mit Hoffnung daß er davon kommen könte / wann er sich darnach halten würde.

9. Hermione ist mit dieser Rache völlig vergnüget /und fänget an Pacian eiferigst zu lieben. Sie eilet ihn zu besuchen / empfängt ihren siegenden Ritter mit einem Dankkuß / und weinet für Freuden an seinem Halß: sie verspricht ihm die Ehe / kommet nicht von seinem Bette / bleibet Tag und Nacht bey diesen Kranken / der sich als ein Bräutigam zu erzeugen begehret / und sich stärker zu machen beginnet / als er wegen seiner Wunden nicht war.

10. Was thust du Pacian? Was unterstehest du dich? Deine blinde und unbedachtsame Unkeuschheit wird dir das Brautbett zu einer Todtengruben machen / und die Wunden deines Hertzens werden die Wunden deines Leibs erneuren. Das ehliche Werck wird mit der hinfallenden Kranckheit verglichen / alle Geisterlein deß gantzen Leibs werden dieser starken Bewegung durch die Hemmung deß Verstands theilhaftig / daher die Naturkündiger zweiflen: ob bey der Frucht in Mutterleibe / die Bildungskräften / welche in solchen Werke am schwächsten sind / etwas würken können / wie hiervon zu lesen Garzzon. nel. Seraglio de 1. Stupori. Stantz. 5. f. 23.

11. Damit wir aber nicht weiter abtretten / ist kürtzlich zu gedenken / daß Pacian in den Armen seiner Liebsten den Geist aufgegeben / weil alle Wunden sich unter dem Gebände eröffnet / und ihm alle Kräfften zugleich entgangen. Ob Hermione über diesen Blutbräutigam muß erschrocken seyn / ist leichtlich zu gedenken / und wurde sie für eine Mörderin Pacians außgeschrien. Was ihr zuvor mit Unwarheit nach gesagt worden / hat sie aus blinder Unkeuschheit Statkündig gemachet / daß sie aus grosser Betrübnis in ein Kloster gegangen / und darinnen ihr Leben geendet.

12. Hieraus ist unter andern zu erlernen daß die Mahler den Liebsschützen mit guten Ursachen blind und als ein einfältiges Kind gemahlt: Die [81] Jugend weiß nicht was zu ihrem Frieden dienet / und lässet sich durch viehische Begierden bethören / und von dem Stiffter aller Sünde in Leibs und der Seelen Gefahr setzen / daher der alte Tobias seinem Sohn diese schöne Lehre gegeben: Dem Lebenlang hab Gott für Augen und im Hertzen / und hüte dich / daß du in keine Sünde willigest / und thust wieder Gottes Gebot. Hüte dich für allerley Hurerey / und laß die Hoffart / noch in deinem Hertzen / noch in deinen Worten herrschen.


13. Letter Wechsel. Furcht: Frucht.
Gottes furcht / bringt Frucht zu rechter Zeit
Gleich der Palm der an einem Bach gesetzt /
Den der Wind und der Winter nicht verletzt /
Fleisches Lieb hegt hingegen Hertzenleid.

Ende deß ersten Theils.

Der Zweyte Theil

Register deß II. Theils
Register deß II. Theils.
XXVI. Der Liebs- und Todskampf.
XXVII. Der Frantzösische Frantzos.
XXVIII. Der unverschämte Ehbrecher.
XXIX. Die verblente Unbedachtsamkeit.
XXX. Der listige Ehebrecher.
XXXI. Der Liebsbissen.
XXXII. Das unglückselige Glück.
XXXIII. Der Leichtglaubige.
XXXIV. Die Nohtzüchtigung.
XXXV. Die traurige Verwirrung.
XXXVI. Die Zauberlieb.
XXXVII. Der Aberglaubische Schwer-Vater.
XXXVIII. Der unglükselige Balger.
XXXIX. Der verzagte Fechter.
XL. Der Frantzosen Leichtsinnigkeit.
XLI. Der verrähterische Schwager.
XLII. Der doppelte Brudermord.
XLIII. Der doppelte Jungfrauraub.
XLIV. Die Amatzonin.
XLV. Der Alraun.
XLVI. Die unbeständige Ehre.
XLVII. Der bestraffte Flucher.
XLVIII. Der thörichte Ruhm.
XLIX. Die erkauffte Meß.
L. Das Gespenst.
26. Der Liebs- und Tods-Kampf
[84] (XXVI.)
Der Liebs- und Tods-Kampf.

In folgender Geschichte wird zu ersehen seyn / daß der Tod und die Liebe ihre Pfeile verwechselt / wie die gemeine Fabel lehret. Welcher ehrlich liebet sol nicht nur sein Haab und Gut der Liebsten zu Dienst aufsetzen / und willigst anwenden: sondern auch sein Leben lassen / wann der geliebten Leben dardurch kan erhalten werden: dann die Liebe / sagt Salomon /ist stark wie der Tod / welcher sich nicht lasse zu ruke halten.

2. Florian und Scauro waren zween gute Freunde /ehe sie Aureliam / eine Jungfrau zu Palermo angefangen zu loben und zu lieben: gestalt die Liebe und das Regiment keinen Geselschaffter leiden wil. Florian war von Parlemo bürdig / Scauro aber von Catan /und in Diensten deß Königlichen Stadhalters / welcher zu Palermo Hof hält: daß also beede sich daselbst befanden / keiner aber dem andren seine Geheimnis vertraute / nach der Italianer Gebrauch / welche in allen Sachen höchst verschwiegen zu seyn pflegen.

3. Wer den Landsgebrauch weiß / wird leichtlich glauben / daß diese Buler zu Nachts ümb der Aurelia Hauß spatziret. Florian hatte von Aurelia Freundschafft Verlaub ihr auf zu warten / Scauro aber hatte mehr Gunst bey der Jungfer / welchen das fremde allezeit daß gefällt / als das einheimische / daß sie mit ihm zu Nachts zuspechen / belieben [85] trüge / und sich zu brünstiger Gegenliebe bewegen liesse.

4. Florian muste diesen seinen Freund antreffen /und als er einst verborgen / beeder Wort verstehen können / daß er allein Haan im Korb / und daß sie ihren Freunden zu willfahren / ihme Wort / und jenem das Hertz gegeben.

5. Florian wil sich dieses Seitenbulers entladen /und dinget einen Braven / oder Mörderknecht / der Scauro niedermachen solte. Diese Beede treffen Florian Nachts wiederüm an / und eilen auf ihn zu mit emtblösten Gewehr / als er in einem Ecke / entwichen / die Verzweifflung seines Lebens / zum Beystand nehmen musste / vermittelst welcher er Florian durchrennt / daß er starr todt zur Erden gefallen / und seinen Gefehrten / nach dem er von ihm zwischen den Waffen / weil er wol verpantzert gewesen / verletzet worden / in die Flucht gebracht.

6. Scauro wird wegen dieses Ableibs in verdacht gehalten / und nach dem er seine Wunden nicht verbergen können / in verhafft genommen. Als solches Aurelia erfährt / giebt sie sich für die Mordstiffterin deß Florians an / und stellet sich in der Gefängnis ein / mit bitte / man sol Scauro / weil er unschuldig an diesem Tod / loß lassen.

7. Jederman verwundert sich über diese Großmütigkeit / und stunde darauf / daß sie zum Tod hat sollen verurtheilet werden / als Scauro sich selbsten bey der Obrigkeit anklagte / und wie er solchen Ableib aus einer Nothwehr begangen / erzehlt. Der Zeug dieses handels war entloffen / aller Beweiß ermangelte /und weil Scauro auch verwundet / war glaubiger er hette Florian der auf dem Platz todt geblieben / am ersten angegriffen: daß also das Urtheil wieder ihn ergieng.

8. Aurelia schreyet ůber die Ungerechgkeit / welche dem verzweifelten Scauro Glauben zustellte / und seine Klage / wieder sich selbsten für schließlich halten wolte. Sie habe Florian durch eine fremde Hand ermorden lassen. Alle Freunde dieser streitenden [86] Partheyen hielten umb Gnade an / Florians Verwandte hingegen baten umb Gerechtigkeit.

9. Der Königliche Statthalter wil sich keinem Theil zu Feinde machen / und weil Scauro sein bedienter /daß er sich seiner auch hette annehmen sollen: lässet er die gantze Sache nach Madrid an den Spanischen Hof gelangen / und schreibt darbey für Scauro. Wie es nun aldar zugegangen / und ob Florians Verwandte die Sache eiferiger getrieben / und viel kostbare Beschenkungen abgeschicket / kan man nicht wissen. Einmal ist der Bescheid von Hofe kommen / daß Scauro solte das Haubt abgeschlagen werden / wie dann auch erfolgt.

10. Aurelia bliebe die gantze Zeit beständig / daß sie für ihn / oder ja mit ihm sterben wolte / weil ihr aber solches nicht verstattet wurde / ist sie in ein Kloster gegangen / und hat für den natürlichen Tod das weltliche Leben verlassen.

11. Hieher gehört die Frage: Ob ein Freund für den andern das Leben lassen sol / und solches mit gutem Gewissen für Gott verantworten könne? Hiervon ist zu lesen in dem CCLCXIII. Gesprächspiele §. 11. biß 17. Kurtz. Es ist zu unterscheiden die Gefahr in welcher sich zween getreue Freunde finden: betrifft solche sie beede / so kan sich der eine mit gutem Gewissem / nicht entziehen sein Leben zu retten / und den andren im Stiche lassen. So aber einer sonder wichtige Ursache die Gefahr suchet / und sich nicht wil davon abmahnen lassen / so ist der andre nicht schuldig bey ihm aus zuhalten. Aurelia That ist die Bezeugung einer blinden Liebe / zu welcher sie keines weges verbunden / und hat hierinnen nachgeahmt den Moscovitischen Weibern / die sich mit ihren Männern verbrennen lassen / welche es aber nicht thun wollen /die hält man für Ehebrecherinne. Eheleute sind einander zu treuer Liebsleistung verbunden / biß der Tod /mit seiner Sichel solches Band zerschneidet / und dar durch aufflöset ihr Gelübd / welches länger nicht / als beede leben / giltig ist.


[87]
12. Die Freundschafft schaffet Freud / an allen Orten /
Mit Werck und Worten.
Wer kan von Jugend auf der Hülffe missen?
Je grösser einer ist in seinem Stand
Je mehr hat er von thun der Freundschafft Band /
Deß Menschen Lebenszeit
in mancher Bitterkeit
Kan nichtes mehr als Freundes Huld versüssen.
27. Der Frantzösische Frantzos
(XLVII.)
Der Frantzösische Frantzos.

»Das helle Feuer giebt einen tunklen Rauch von sich /und ein frommer Vater zeuget mehrmals einen unartigen bösen Sohn. Im Gegensatz bringet ein wilder Baum / wann er ab gepeltzt wird / gute und niedliche Frucht: wie mancher böser Vater einen frommen Sohn ziehet. Weil aber die Welt täglich ärger wird / begiebt sich das erste viel öffter / als das letzte / wie auß folgender Geschichte zu ersehen seyn wird.«

2. Victorius / einer von den ältsten und Adelichsten Geschlechten in gantz Aquitania / hatte mit seiner Gemahlin drey Söhne erzeugt. Zu Erhaltung der Geschlechte ist der Gebrauch fast in gantz Franckreich /daß der ältste Sohn alles allein erbt / oder doch die liegenden Güter besitzet / der zweyte ein Geistlicher /der dritte ein Soldat wird.

3. Zu diesen wird nun ein jeder von Jugend auf angewehnet / und hat Victorius seine 3. Söhne besagter massen versehen / und den ältsten zu den Haußwesen / den zweyten zum studiren / den dritten ader zum Soldatenleben auferzogen. Der ältste stirbt / und Procopius verlässet seine Geistliche Einkunfften / oder ůberlässt sie vielmehr seinem jüngern Bruder / welcher bereit den Malteser Orden getragen / und sein weises Kreutz willig wiederumb fahren lassen.

[88] 4. Wie aber die Jungfrauen / welche gar zu streng auferzogen werden / leichtlich in die Schnorr geraten /wann sie die Freyheit erlangen: also war es auch mit Procopio beschaffen / als man ihn den Zaum auf den Halß gelassen / und in Italiam gesendet / fremde Sprachen und Sitten zu erlernen / befihlt man ihn einem Hofmeister / welcher ein junger und unerfahrner Mann war Namens Baldomann / der solcher Orten nie gewesen / noch selbsten eines Zuchtmeisters von nöthen gehabt hette / und sich mit einem ärgerlichen Leben verächtlich gemacht / hierinne hat Victorius keinen geringen Fehler begangen.

5. Procopius kommt nach Naples / begiebt sich zu einem Bereiter in die Kost / alle Ritterliche ůbungen zu erlernen. Horatins der Bereiter hatte eine junge schöne Frau / und er war ein alter Mann / deßwegen sehr eifersüchtig / welches nicht der Italiäner Laster /sondern ihre Natur und Eigenschafft ist? dieses sperrt er in sein Zimmer / daß sie kaumlich die Sonnenstralen ersehen kunten. Solches wusten die andern Italiänischen von Adel / und wunderten sich nicht darüber /weil es der Gebrauch / und sie ihre Zeit sonsten bey andern wol vertreiben kunten.

6. Der Frantzos allein hatte verlangen diese schöne Gefangene zu sehen / und als er die Gelegenheit er langt / und sie erblicket / gelüstet ihn der verbottnen Fruch / und ob er zwar wol sahe / daß die Sache sehr schwer / und sie von einem Drachen verwahret wurde / ließ er sich doch nicht abschrecken / sondern gedachte daß der jungen Buler List der alten Hanreyen Wachtsamkeit weit übertreffen könne.

7. Er stellet seine Sachen so klüglich an / daß er seiner Liebe würcklich geneusst / treibt es aber so lang / daß es der Alte mit seinem Eifer Aug / als ein andrer Lux ersihet / massen der junge und freye Frantzos die Kunst seine Neigung zu verbergen / noch nicht studiret hatte. Deßwegen bedenckt sich Horatius auf eine sondre Art / eine hohe Rache an diesen Helffer zu verüben. Vielmals gedachte er sie zu [89] erwischen / und zu ermorden / befande aber daß solches sonder Verletzung seiner Ehre / und grosse Gefahr nicht geschehen kunte / ersinnet deßwegen ein andres Mietel.

8. Er hatte unter andern in seinem Stall einen Schweißfuchsen / einen Teuffel von einem bösen Pferd / welches man blenden muste / und nur zwischen zweyen Seulen in Sprung und Streichen zu üben pflegte. Auf dieses setzte er Procopium / richtet aber zuvor das Naßband und die Stangen also zu /daß jenes zerrissen / und dieses zerstucken muste /und vermeinet Procopius solte den Hals drauf brechen. Horatius bindet das Roß nicht wie sonsten zwischen die Seulen / so hatte es auch keinen Sprungriemen / welches der Gaul so bald fühlet / mit den Frantzosen ausreisset / und nach dem die Stangen verbrochen / sich baumet und stürtzet / daß Procopius sich kaumlich aus dem Sattel schwingen kan / und doch in dem fall an dem lincken Schenckel beschädiget wurde / daß er drey Tage deßwegen zu Bette gelegen.

9. Die Italiäner argwähnen warumb dieses geschehen seyn möchte / und einer unter ihnen sagt es Baldomann / welcher dieselbige Stund ein andre Kost und Wohnung bestellet / grösseres Unheil zu vermeiden. Horatius betrauret / das seine Rache nicht vollzogen worden / muß es aber geschehen lassen / und tröstet sich / daß der Gast auß dem Hause / und er sich wegen seiner nichts mehr zu besorgen.

10. Procopius machet Kundschafft mit einem Edelmann von Capua / dessen Eltern zu Napoli wohnten. Dieser führt ihn mit sich nach Hauß / und lässet unter andern auch zu Gesicht kommen seine Schwester /eine von den schönsten Jungfrauen in der gantzen Statt. Procopius begehret mit der Jungfrauen ehrliche Kundschafft zumachen / und verspricht mit ihr ehlich zu werden / wann sie mit ihm in Franckreich ziehen wolte / welches die Jungfrau leichtlich willigte.

[90] 11. Procopius wird auf so gethane Verlöbnis / von der gantzen Freundschafft wol empfangen / und sonderlich von der Schwieger / welche sich in diesen Frantzosen verliebte / und mehrmals der Tochter Stelle zu vertretteu suchte / da hingegen der Vater sich seiner Tochter / an statt der Mutter zu gebrauchen gelüsten liesse. Verfluchte Blutschand / und Blutschuld / welches der Natur / Göttlichen und Weltlichen Rechten zu wieder / und Gott ohne Straffe nicht kunte hingehen.

12. Procopius eiferte mit seinem Schwer wegen seiner vermeinten Hochzeiterin: Der Schwer-Vater eiferte mit dem Tochtermann / wegen seiner Frauen. Der Bruder gedacht sich an diesen Fremdling zu rächen /und erkauft vier Meuchelmörder / die Procopium verwarten / und aus dem wege raumen solten / welche aber verfehlt / und weil ihm seine Diener zu Hülffe kamen / entlauffen müssen. Nach solchem enthielte er sich dieser Behausung und gedachte an die Gefahr /welcher er entgangē / gleich den Schiffleuten / die nach außgestandnen Schiffbruch das Meer verschweren: so bald sie aber drey Tage zu Lande sind / lange weile haben / und nach gutem Winde fragen.

13. Einsten gehet er an einem Fest in die Kirchen /und höret aus einem Schleyr eine Stimme / welche ihm saget / daß sie eine Spanierin in seiner Nachbarschafft / und Verlangen trüge mit ihm zu reden / hette solches niemand vertrauen / sondern ihm selbsten diese Nachricht geben wollen / etc. Dieser Frauenzimmer Ritter hält solche Abenteur für gefährlich / und antwortet mit aller Höfligkeit / daß er bedenken trag sich so grosser Ehre fähig zu machen / er verbleibe aber einen Weg als den andern ihr Diener. etce.

14. Die Spanierin thut mit einer weißen Hand den Schleyer von dem Angesicht / und lässet den Frantzosen sehen / daß sie nicht alle Morenfarbe sind / welche gegen der Sonnen Niedergang geboren werden. Dieses Muster machet den fremden sicher [91] und bezaubert ihn dergestalt / daß er keine Hinterlist mehr befahret / und seinen Hoffmeister diese Begegnis erzehlet. Baldamann solte ihn abmahnen / so vermahnet er jhn dazu / und ob wol diese zwey Völker die Frantzosen und Hispanier eine natürliche Feindschafft gegen einander haben / so gabe es doch unter diesen zweyen eine heimliche Verständnis / und mehr Vertrauligkeit als zu lässig.

15. Dem Spanier so in dem Castel seine Wachten verrichtet / in dem der Frantzos bey der Frauen schlieffe / wird solches verraten / welcher mit seinen Soldaten sich zu rächen verhoffte / und ungefehr den Hofmeister / so Procopium abholen wollen / begegnet / und nach dem er in die Hand verwundet worden /verjaget. Daß ihn dieser Haubtmann solte nachlauffen / war Spanischer Hoheit zu wieder. Procopius aber nahme diese Lehre / daß das Hauß für ihn nicht sicher / und wolte nicht wiederkommen.

16. Eine Wittib in der Nachbarschafft macht auch mit Procopio Freundschafft / und wil sich mit ihm verehlichen / ungeacht sie erwachsene Kinder / welche ihr die Keuschheit hetten vorpredigen sollen. Ihre Schönheit war gleich den alten Gebäuen / deren Grundseulen noch zierlich / ob man ihnen gleich das Alter ansihet. Baldamann warnt ihn vor einigen versprechen / doch unterliesse er nicht seinen Lust alldar zu suchen / biß ihm die Kinder / aus einrahten ihres Vormunds Gifft beygebracht / den die Aertzte nicht sonder Lebens gefahr von ihm getrieben.

17. Nach dem er kaumlich genesen / fande sich bey ihm / und seinen Hofmeister die Neapolitanische Krankheit / in welcher er zwar nicht das Leben / aber Haare lassen müssen / und hat diese Krankheit solche Beschaffenheit / daß sie einen Anstand / aber niemals Frieden erhandlen lässet / und ist das angedenken eine Straffe / der in der Jugend begangenen Sünden. Nach dem nun dieser Frantzösische Frantzoß / zwey Jahr lang zu Neapoli zu gebracht / wird er wiederrumb nach Hauß erfordert / und reiste also oder entrisse sich aus der Furcht / welche er vor seinen Feinden[92] hatte / deren keiner so viel Hertz in dem Leib / daß er Mann für Mann mit ihm fechten wolte.

18. So bald er nach Hause kommet / wird er mit eines vornehmen Herren Tochter vermählet / Namens Tyranio / und Cerealis die Hochzeiterin / kauffte die Katz in dem Sack / (wie man zu reden pflegt) und wuste nicht / daß dieser kein Kauffmanns Gut / und mit solcher Unreinigkeit beflecket ware / biß sie erfahren / daß ihr durch ehliche Beywohnung das ůbel zugebracht / und daß sie unverschulder weise / mit der Geissel der Unkeuschheit gesteupet worden. Sie ergrimmet sich über ihren Mann / und speihet ihn mit dem Unflat viel Schmäh- und Schandwort in das Angesicht / eröffnet die Sache ihrem Herrn Vatern / der Procopium wil todt haben / und ihn aus dem Hause verjaget.

19. Nach dem eine geraume Zeit vorüber / stellen die Freunde beyderseits eine Gastung an / Tyronio mit seinen Tochtermann zu versöhnen / und als durch den Trunck die Fröligkeit in den Gemütern erwecket wurde / kommt Procopius fällt seinem Schwer-Vater zu füssen / und bittet umb Verzeihung. Tyronio von Wein und Zorn erhitzt / er grimmt dergestalt / daß er das Messer ergreifft und seinen Aidam in die Brust stösset / daß er nach dreyen Stunden den Geist aufgiebet / und Tyronio aus Betrübnis über begangne That von Sinnen kommet. Cerealis liesse sich leichtlich trösten / dann sie ihren Mann sonder abscheuen nicht ansehen oder anrůhren können.

20. Dergleichen Ende haben alle Hurer zu erwarten / deren Lohn hier Motten und Würmer / dorten aber in der ewigen Finsternis / heulen und Zähnklappern /deren Vorbild sie anbesagter Frantzösischen Krankheit haben. Die Warnung sol junge Leute betreffen /welche in fremden Landen / bey vielen Gelegenheiten zu sündigen sich dieses Procopii erinnern sollen / und versichert seyn / daß wie Gott die Keuschheit mit zeitlichen wolergehen begnadet / als an Josepho und Pineas zu sehen / also lässet er auch die Unreinigkeit nicht unbestrafft / und müssen solche Hunde haussen[93] haussen bleiben/ weil nichts unreines in das Himmelreich eingehen wird / wie die Schrift redet.

21. Es schauen die Menschen auf liebliche Zier /
Gott schauet auf Hertzen- und Seelen-begierr
Es schauen die Menschen auf fleischliche Lust
Gott aber sind Hertzen und Nieren bewust:
Es schauen die Menschen auf flüchtigen Schein /
Gott pfleget von bösen entfernet zu seyn.
Es schauen die Menschen auf Hoffart und Pracht /
Gott aber ist selbe zu straffen bedacht.
28. Der unverschämte Ehebrecher
(XXVIII.)
Der unverschämte Ehebrecher.

Es finden sich viel ruchlose und Ehrvergessne Leute /welche das Laster für eine Tugend halten / und sich derselben rühmen / wie jener Edelmann seinen Bauren gestrafft / daß er sich vol getruncken / welches dem vom Adlen allein zustehe / und sie dergleichen Eingriffen an ihren habenden Rechten nicht leiden können / und dieses heist Ehre auß der Schande suchen.

2. Macrobius ein Handelsmann in Burgund / war ein solcher Gesell. Er hielte sein Weib mit Worten und Schlägen sehr übel / welches sie alles / als eine ehrliche Frau mit mehr als weiblicher Gedult geschehen lassen / daß er auch das Holtz aus ihrer Küchen getragen / und solche Unthaten verübt / welche sie Gott zu straffen anbefohlen / sich aber an ihm auf keinerley weise zu rächen begehret: wolwissend daß ein Laster das andre nicht rechtfertiget.

3. Anfangs als Gondena ihres Mannes Freygebigkeit ausser Hause vermercket / und aus seiner Kargheit in dem Ehbette verspüren muste / war sie zwar mit Eifer entzündet / als sie ihr aber seinen Zorn dardurch auf den Halß gezogen / und von ihm übel zerschlagen wurde / hat sie ihr fürgenommen kein Wort mehr deßwegen zu verlieren / sondern alles mit [94] stillschweigen gedultig zu ertragen / dardurch sie auch etlicher massen den Haußfrieden erlangt.

4. Dieser seltnen Gedult mißbrauchte Macrobius /und nimmet zu sich in das Hauß seinen Anhang / eine lecihtfertige frevle Dirne / und lebte mit ihr in ärgerlichen Ehebruch / seinem Weibe zu trutz. Hier hatte der Vorraht aller Gedult / welcher Gondena gesammet /ein ende / weil die Belagerung zu lang daurte. Was wir nicht sehen beweget uns so sehr nicht / was aber in unsrer Gegenwart beschiht / das gehet viel tieffer zu Hertzen.

5. Gondena murret wieder ihren unverschämten Ehebrecher / und bedrauet ihn / wann er diese Metze nicht aus dem Hause schaffen wolte / so wolte sie solches der Obrigkeit klagen / welche ihr die Hand bieten würde / weil die ihren zu schwach solchem übel zu steuren. Macrobius aber lässet sich solche Wort nicht hindern / sondern befihlt der Silvana / seine Dirne / sie solte doch seiner Frauen alles zu wieder thun / was sie könte: er wolte ihr wol Schutz halten.

6. Dieser Befehl war der leichtfertigen Schleppen gröste Freude. Sie liesse es nicht bey Scheltworten verbleiben / sondern setzte ihren Hochmuth fort mit Lügen straffen und Backenstreichen / und solches alles war bey dem Mann recht und wol gethan / weil er es befohlen.

7. »Dem gedultigen Job hat Gott seine Kinder genommen / aber die böse Frau / als deß Teuffels Werckzeug gelassen / welche ihn auch zur Ungedult bewogen: wie solte dann ein Weib so frevles verfahren mit stillschweigen vorbey gehen lassen?« wir wollen hier nicht vermelden / was Macrobius mit Silvana in Gegenwart seines Eheweibs begangen / welcher das Hertz darüber in tausend Stücke zerspringen mögen. Dieser Agar muste die Sara über dieses alles /noch dienen und aufwarten / ja ihr das Ehebette raumen / und wurde zu zeiten genöthiget / sich zu Macrobio / auf die andre Seiten zu legen / welches sie thun müssen / wann sie nicht hat wollen mit dem [95] Dolgen ermordet / oder mit dem Pistol durchschossen werde.

8. Als sie nun einsten diesen Ehbrächers Händlen zusehen musste / springt sie aus dem Bette / ergreifft das geladne und gespannte Pistol auf dem Tisch / und durchschiest sie beede / (wie dorten Pineas dergleichen Personen mit seinem Spiese durchstochen) daß sie in wenig Stunden dahin gestorben.

9. Dieser Amazonin were leicht gewesen sich mit der Flucht zu retten / oder ihr selbsten das Leben abzukürtzen: sie wurde aber anders Sinnes / und stellet sich für die Obrigkeit / erzehlet die begangne That und derselben Ursachen / man befragt die Nachbaren und Verwandten / und wird ihr Vorhaben wahr befunden.

10. Die Richter hielten diese rechtmässige Rache vielmehr der Verzeihung / als Bestraffung würdig /weil auch einem Mann / in dergleichen Verbrechen Rache auf handhaffter That zu üben verlaubt / und gienge sie also gerechtfertiget in ihr Hause. Wie aber diese Ehebrecherische art gefahren / ist leichtlich zu erachten.

11. Erstbesagte That wurde Statt und Landkündig /der Ausspruch von allen verständigen gelobt / und wann dergleichen bey Mann und Weib vorgienge /pflegte man zu sagen / es wird ihr gehen / wie Macrobio / oder wie Silvana / daß also viel böses dadurch verhütet worden.

12. Der H. Apostel Paulus zehlet den Ehbruch durch die offenbaren Wercke deß Fleisches / welche wider das Gewissen begangen werden / und sagt / daß wer solches thue / das Reich Gottes nicht ererben könne. Hiervon wollen wir die Geistlichen ein mehrers reden lassen.


13. Das Bildnis deß Ehbruchs.


Was deut das fette Bild dort auf den Federsäcken:
In seiner linken Hand hat es nechst einer Schlangen
Den Meer-Aal / welcher sich schlingt selbe zu umbfangen /
Und den gebrochnen Ring kan es hier nicht verstecken /
[96]
Sein Kleid ist schön geziert / und weist der Müssiggang /
Daß böse Fleisches Lust heist recht ein Höllenstrang.
29. Die verblendte Unbedachtsamkeit
(XXIX.)
Die verblendte Unbedachtsamkeit.

Welchen man die Augen blendet / die stossen aller Orten an: Wer unbedachtsam verfähret / der kan nicht recht thun. Die Bescheidenheit / oder der Verstand eines von dem andern zu unterscheiden / gleichet dem Liecht / welches die klugen Jungfrauen in ihren Lampen getragen / und dardurch den rechten Weg gefunden. Paternus und Camerine werden uns lehren / daß wo die Bescheidenheit den Zorn nicht zu rücke hält /ein reuiger Ausgang zu erfolgen pflege.

2. In einer Gegend welche der Fluß Saone durchschwemmet / wurden vorbesagte verliebte mit gůldnen und seidnen Banden angenehmer Vertreuligkeit gebunden. Ob nun wol die Theile an vermögen nicht gar gleich / wie dem Stand und herkommen nach / so hat doch die Liebe solche Eigenschafft daß sie eine Gleichheit machet / oder findet / und konte deß Paterni Tapferkeit den abgang deß Reichthums ersetzē /daß beederseits Freundschafft darmit wol zu frieden.

3. In dem sie nun das Feuer ihrer Liebe mit dem öhl der Hoffnung erhalten / und mit dem Holtz böser Begierden nehren / kommt ein Wind der Eifersucht /welcher es außzuleschen beginnet / und sie in feindliches Mißtrauen setzet.

4. Luxor ein alter abscheulicher Edelmann / der auch in der Blüte seiner Jahre ein ungestaltes Angesicht gehabt / welches das Alter nicht beschönet / erkühnet sich diese Camarinam zu heuraten / und weil einem Esel mit Gold beladē alle Festungē offen stehen / trauete er durch seinen Reichthum diesen wie er vermeinte noch nicht besetzten Ort leichtlich zu erobern.

[97] 5. Der Camarina Befreunde geben das Ja Wort von sich / und fragten nicht einmal ob ihr Will darbey oder nicht. Dieses Schlachtschaff sol dem alten zu Liebe aufgeopfert werden / weil es Luxor mit seinem Geld und Ehrenstand darzu erkaufft / oder ja wol bezahlen wolte. Camarina erblast über dieser Zeitung /und fühlet in ihrem Hertzen die Liebe mit dem Ehr und Geltgeitz streiten: sie kan die Sache nicht verabschieden / in dem sie nicht gerne wolte unbeständig gegen Paternum seyn / weil es zu weit mit ihnen kommen: im gegentheil auch ihr Glücke nicht mit den Füssen wegstossen / und im geringen Stand bleiben /da sie durch Luxor eine grosse Frau werden könte.

6. Inzwischen lässet Luxor deß Paterni Freunde ersuchen / sie solten ihn der Camarina machen müssig gehen / dann sie ihme nunmehr versprochen worden. Welches auch geschehen / und wurde Paterno ein andre Jungfrau seines Standes angetragen / welche er aus keiner Neigung / sonden andern zu gefallen besuchet / nicht ohne Hertzens zwang / daß er sich von Camarina solte scheide lassen.

7. Camarina aber lässet sich deßwegen nicht irren und entschleusst sich den Luxor abzuweisen / es erfolge auch sein Zorn und Feindschaft oder nicht / weil sie so viel Abscheu gegen diesen / als Liebe gegen jenen in dem Hertzen truge. Je freundlicher sich Luxor stellte / je feindseliger erweiset sich Camarina /und wenn Paternus sich nicht hette abschrecken lassen / solte er noch wol zu recht kommen seyn: So bald sie aber höret / daß er sie verlassen / und der Narsetta aufwartet / entschleusst sie sich ihn mit gleicher Müntz zu bezahlen / sich dem Luxor geneigter zuerweisen / und ihm zu folge ihrer Befreunden einrahten zu ehlichen.

8. In dem nun dieses vorgehet und der Hochzeit Tag verschoben wird / verstehet sie / daß Paternus in der alten Lieb beharret / und der Narsetta / auß Höfligkeit seinen Freunden zu willfahren / aufdienet. Diese verblendte Unbedachtsamkeit wischet ihr die[98] Schuppen von den Augen / daß sie den begangenen Fehler sihet / und betrauret / daß sie leider ihre junge Tage mit einem alten Mann zubringen werde müssen /welcher ihr zwar Gelt / aber keine Freude geben könne.

9. Als nun der Hochzeit Tag herbey kame / und alles bereitet war / bricht Camarina heraus / daß sie dem Luxor noch nehmen wolle / noch könne / und von dieser abschlägigen Antwort wil sie sich noch durch bitten / noch drauen / noch andren zu reden treiben lassen. Nachgehends hat sie alle Mittel dem Alten zu entkommen gesucht / und Paternum gebeten / er solte sie darvon führen / welches er aber nicht thun wollen / weil er bedacht / daß es ein böses Ende gewinnen müsse.

10. Hierüber wird Camarina unwillig wieder Paternum / und beschuldigt ihn geringer Liebe gegen sie /daß sie endlich dem Luxor zu theil werden müsse /wie dann auch geschehen. Paternus erkennet seine Unbedachtsamkeit / daß er nicht zugefahren und Camarinam entweder erstlich / als sich Luxor noch nicht angemeldt / oder zum andernmal / als sie mit ihm fliehen wollen / aus den Händen gelassen. In solcher Betrübnis tritt er in ein Kloster / und machet also der Narsetta Hoffnung in den Brunnen fallen.

11. Camarina hat ihres Alten bald genug / und entsetzte sich fůr seiner Freundligkeit / welche sie gegen den Missethaten ihrer Jugend für nichts hielte / und deßwegen die alte Liebe in ihrem Hertzen wieder anflammte / der Hoffnung dem Paterno die Mönchs-Kappen wieder abzuziehen.

12. Die bösen Engel haben wegen der Menschen Boßheit mehr Macht als die Guten / weil mehr böse /als fromme Menschen. Camarina treibt Paternum aus dem Kloster / in eine andere Statt zu seinen Ordens-Brüdern / und sie verfolget ihn / wie ein verwundter Hirsch / der seine Artzney / ohne Rast und Ruhe suchet / daß der Prior solches Luxor wissen machet /und umb Vermittlung bittet.

[99] 13. Luxor lässet sie zurücke bringen / muß aber von ihr hören / daß nicht er sondern Paternus ihr rechter Mann / dem sie die Ehe erst versprochen / etc. Damit sie nun keine Thorheit begienge / lässet sie Luxor in ein Zimmer sperren / in welchen sie ihr Leben / mit rasen / wüten und toben geendet: darüber Luxor in verdacht kommen / er habe ihr ein Süpplein bey gebracht / dardurch ihr der Marter und ihm eines bösen Weibes abgeholffen worden.

14. Hieraus ist zu ersehen / wie blind und unbedachtsam die Jugend zu verfahren pfleget / und wie leichtlich sie sich in den Irrgarten böser Begierden vergehen / wann sie nicht durch den Verstand / als der Ariadnä Faden / den rechten Weg treffen wollen.


15. Vorgethan und nachbetracht /
Hat viel umb die Ehr gebracht.
30. Der listige Ehebrecher
(XXX.)
Der listige Ehebrecher.

Der Schönheit schöner Tod / welchen H. Belleus hieher gesetzt / ist zu lesen in dem grossen Schauplatz der Lust- und Lehrreichen Geschichte: Ist aber hier ausgelassen worden / weil derselben Ausgang frölich. Daß die Liebe kein einfältiges Kind / sondern ein listiger Schalcksknecht / hat erwiesen Alfonso ein reicher von Adel zu Lißbona in Portugal wie aus nachgesetzter Geschicht zu ersehen.

2. Gonsalva eine Jungfer vornehmen Stands und treflichen Verstands hatte wegen ihrer Schönheit viel Buler / unter welchen vorernanter Alfonso der verliebtsten einer: endlich aber zu einem Freyer Roderico einen von den trefflichsten Rittersleuten in gantz Portugal. Nach den sie nun in friedlicher Ehe mit einander leben / unterlässet Alfonso nicht der Gonsalva wie zuvor / aufzuwarten / und deßwegen Freundschafft zu Roderico zu suchen.

[100] 3. Gonsalva vermerckte wol was Alfonso in dem Sinn / und sagte ihm auf eine Zeit mit deutlichen Worten / daß sie nunmehr einem vertrauet / und deßwegen Ursach habe allen andern Mannspersonen zu mißtrauen: Sie sey Roderico verbunden / und möge er freyen die noch mit dergleichen ehlichen Pflichten nicht verhafftet / etc. Hieraus konte Alfonso leichtlich den Schluß machen / daß mit gutem Willen nichts zu erlangen / bedencket sich deßwegen auf folgende List sein Ehebrecherisches Vorhaben in das Werck zusetzen.

4. Roderico hatte viel und sehr schöne Spanische Pferde / theils zu seinem Lust / theils auch mit Gewinn dieselben von seiner Stüderey zu verkauffen. Alfonso bittet den Stallknecht / er solte ihn eine Nacht in seinem Stall / im Heu liegen lassen / er wolle ihm ein par Ducaten verehren. Der Stalknecht weiß nichts von seinem Anschlag / nimmt das Geld / und lässt es geschehen. Zu Nachts macht Alfonso die Pferde ledig / welche einander schlagen und ein solches Getümmel anrichten / daß Roderico erwacht / aus dem Bett springet und die Pferde wiederumb in die Halfftern zu bringen bemühet ist.

5. Inzwischen hatte sich Alfonso verborgen / und so bald er hörete daß Roderico aus dem Nest / macht er sich stillschweigend zu der halbschlaffenden Gonsalva / und vollbringt mit ihr seinen sündlichen Willen. Als er nun wieder aus dem Bette eilet / sagt die unwissende Ehebrecherin: Mein Schatz / ihr habt euch erhitzt / und werdet nun erkalten. Alfonso aber beantwortet diese Erinnerung nicht / sondern stellet sich als ob er wegen der Pferde / die eben wiederumb zu schreyen und zu rasen anfingen / auffstünde.

6. Nach dem Roderico mit seinen Knechten die Pferde wieder in ihren Ort gebracht / kehret er auff sein Lager / findet Gonsalva schlaffen / und Alfonso gehet morgens seinen Weg. Wie die Pferde loß kommen kan man nicht wissen. Roderico glaubt daß sie verzaubert worden: der Knecht hatte wol den [101] Argwohn daß Alphonso Schuld an dieser Unruhe gewesen / dorffte aber nichts sagen / daß er ihn eingelassen.

7. Dieser Meuchellistige Ehebruch were verschwiegen geblieben / wann Alfonso schweigen können /und ihme selbsten / vielleicht auß Gottes sonderbarer Schickung / die Straffe nicht auf dem Hals gezogen. Gonsalva stehet morgens auf / und antet weiß nicht was: sie erblast für ihren Spiegel / und wil ihr Traurigkeit aus dem Sinn schlagen / kan es aber nicht thun / weil ihr ein fast unbekanter Traum in den Gedancken schwebt / der ihr die Thränen aus den Augen presset.

8. Dieses Sinnes gehet sie ihrer Gewonheit nach zu der Kirchen / Messe zu hören. Alfonso giebt ihr nach Gebrauch das Weywasser / mit den Worten: Mein Schatz / ihr habt euch erhitzet / und werdet nun erkalten: spottet also mit lachendem Munde der betrognen Gonsalva. Ob sie sich über diese Wort / deren sie noch eingedenck / entsetzet / ist unschwer zu ermessen. Sie bildet ihr vor welcher gestalt es verwichene Nacht müsse hergegangen seyn / und fragt ihren Eheherren so bald sie nach Hause kommen / ob er zweymal aufgestanden die Pferde zu stillen / etc. Als er nun mit nein geantwortet / wird sie in ihrem Argwohn versichert und gedencket Rache zu üben / an den Meuchelmörderischen Ehrenschänder Alfonso.

9. Es fügte sich daß Alfonso Gonsalvam begegnet /und sie ihn mit freundlichen Worten in ihre Behausung ruffte / mit ihm in geheim zu reden. Alfonso vermeint / daß er künfftig bey Gonsalva / wegen geleister Probe / werde angenehmer seyn / und findet sich bey ihr ein. Als sie ihm nun ob vorerzehlter That zugesprochen / hat er sich damit gerühmt / und solche keines weges abgeleugnet.

10. Hierüber ergrimmet Gonsalva aus rechtmässigem Zorn / und stösset Alfonso mit einem Stillet /welchen sie zu solchem ende bey sich hatte / durch[102] das Hertz / daß er also bald zu boden fället / und von ihr weg getragen werden müste: ja so lang ein leben an ihm zu verspüren / hat sie nicht unterlassen die Stiche zu häuffen.

11. Roderico kommet zu dieser Rache und höret an die Ursache solches Grimms / bringet die Sache für die Obrigkeit / der Knecht wird abgehört / das verbrechen durch deß ermordten unzeitiges rühmen von andern auch bezeuget / und Gonsalva von aller Straffe frey und ledig gesprochen.

12. Diese Heldin lässet sich etlicher massen mit der Judith vergleichen / ist zwar zu keiner Nachfolge zu ziehen: aber doch zu Vergewisserung anzuführen /daß Gott das übel so im verborgen geschiehet / offentlich zu straffen pfleget: und wann es auch hier zeitlich nicht geschihet / bleibet doch ein böses Gewissen /welches zu der Todesstunde auffwachet und den Ubelthäter verdammet.


13. Gonsalva Grabschrifft.


Der mich schändlich hat betrogen hab ich aus gerechtem Grimm
Durchgestochen: mich gerochen /
Daß er nun mit allen Todten harrt deß letzten Richters Stimm.
Nach dem Leben wird man geben
Meinem Grab die Lilien Blum /
Mir der Keuschheit Ehren Ruhm.
31. Der Liebsbissen
(XXXI.)
Der Liebsbissen.

Nachgehende Geschichte hat wenig ümstände / und handelt von einem Italiäner / welcher seiner Frauen aus Eifersucht mit Gifft vergeben / und als sie es vermerckt / hat sie ihm dergleichen beygebracht / daß sie beede jämmerlich gestorben. Wir wollen ein andre Geschichte an die stelle setzen / welche sich begeben /als ich mich zu Neapoli aufgehalten.

[103] 2. Ein Teutscher vom Adel hat sich lange zeit in der schönen Stadt Neapoli aufgehalten / und mit einer Hof Dirne / derer Thür allen offen gestanden / brünstiger Liebe gepflogen: so gar / daß sie geraume Zeit über sich aller andrer Gesellschafft enthalten / und allein dieses Teutschen abgewartet. Wer Welschland durchreist / weiß wie diese Syrenen beschaffen sind /und daß der ihren Gesang zuhöret kein Geld in dem Beutel behält / und mehrmals kein gesundes Glied an seinem Leib darvon bringt.

3. Dieser Teutscher / welchen wir Bringreur nennen wollen / muste Doriclea Liebeslust theur bezahlen /und erfahren / daß er einer unersättlichen Menschenfresserin zu theil wordē / wie wol die Liebe so verblendet / daß er sich willig zu aller Mögligkeit verstanden / und an stat der Ritterübung / so er lernen sollen / hat er alle seine Gelter bey Doriclea verfochten.

4. Nach geraumer Zeit / wird er nach Hause entbotten / und von diesem Goldziehenden Demant lang über bestimmte Frist angehalten Endlich als es muste geschieden seyn / bittet Doriclea diesen Fremden zur Malzeit / und setzet ihm zur Collation allerhand Zuckerwerck / und schleckerbißlein / unter welchen eine Zelten / die sie ihm mit auf den Weg giebt / weil er aus Traurigkeit / oder sonsten gefasten Unlust nicht essen wollen. Damit nimmet er seinen Abschied /nicht sonder vielfaltige Thränen / weil sie sich (wie er geglaubt) seiner / als ein Eheweib / gehalten.

5. Als er nun auf halben Weg nach Capua gekommen / fällt das Pferd unter ihm zu Boden / und wil nicht wiederum auffstehen. Er steigt ab / gürtet den Sattel auf / und zaumt den Gaul ab / er bleibt aber /als halb todt liegen. In Ermanglung aller Labung giebt er dem Pferd die Liebs-Zelten / welche er von Doriclea auf die Reise empfangen / zu essen. So bald das Pferd solche in dem Leib / steht es wiederum auf und laufft wieder zurucke nach Neapoli / für der Doriclea Thür / und zwar [104] so schnell / daß es unterwegs niemand aufhalten können.

6. Der Teutsche gehet hernach so geschwind er konte / fraget wo das ledige Pferd hingelauffen / und wird dahin gewiesen / wo er sein Pferd gantz rasend an die Thür schlagend gefunden / und als Doriclea herunter kommen / auf sie springen wollen: dadurch sich dann eröffnet / daß ihm vermeint gewesen / was dem Pferd beygebracht worden.

7. Als Bringreur solches gesehen / hat er ein ander Pferd gemidet / und Gott gedankt / daß er ihn für solchen Spühlfleck behütet / weil er nicht allein seine Reise unterlassen / und Doriclea nachgelauffen: sondern auch gewißlich rasend worden / und von Sinnen kommen were / allermassen dergleichen Liebsgetränke und Bulerspeisen solche Würkung zu haben pflegen.

8. Wie es zugehet / ist aus natürlichen Ursachen gar leichtlich zuergründen. Ein Hund welcher ein Brod isset / das unter meinen Ychsen erwarmet / wird mir nachlauffen / weil er der Geisterlein / so darinnen enthalten / theilhafftig worden. Wo ein Dieb hingetretten / hinterlässet er in seinen Fußtritten so viel /daß man ihn kan dadurch wiederkommen machen. Warumb solte dann nicht ein Weib etwas von ihrem Leib (ich wil nicht sagen was /) einem Mann beybringen könnē / daß er ihrer begehren muß. Welche de transplantatione morborum oder Verpflantzung der Kranckheiten geschrieben / halten diese Erfahrung benebenst andern / für einen ungezweiffelten Grund /und hangen auch den Thieren oder den Baumen der Menschen Kranckheiten an.

9. Die Lehre kan seyn / daß man sich für böser Gesellschafft hüten sol / »und sonderlich für Weibspersonen in fremden Landen / da alle Haußarbeit den Männern anbefohlen / weil den Weibsbildern nicht zu trauen / und niemand von ihren Gerüchten essen würde. Hüte dich vor der Sängerin / sagt Salomon /auf daß sie dein Hertz nicht an sich [105] locke.« Viel haben die Weiber verführet / und in zeitliche und ewige Seelen Gefahr gestürtzet.


10. Warnung.


Wer wil seyn der Sünd befreyt /
Fliehe die Gelegenheit.
Wer mit Mehl umbgehen wil /
Der bestaubet leicht die Hand:
Also sind in fremden Land
Aller Orten Beutel Mühl' /
Und ist besser ferne stehen /
Als dem Rad zu nahe gehen.
32. Das unglückselige Glück
(XXXII.)
Das unglückselige Glück.

Wir sagen in dem Sprichwort. Es müssen gute Beine seyn / die starcke Tage ertragen können / »und zu allen / welche nach grossen Ehren und Reichthum trachten« / möchte man sagen die Wort unsers Heylandes: Ihr wisset nicht was ihr bittet. Das Geld wird mit Fug sorgenreich genennet / und haben solche Leute am wenigsten guter Tage darbey: Die Ehre aber bestehet in dem daß man durch Gefahr / zu grösserer Gefahr gelanget / wie Guevarra vom Hofleben redet. Dergleichen unglückseliges Glück werden wir sehen an Nivian / in folgender Geschichte.

2. In Champagnien pflügte Privat ein Bauer seinen Acker / als ein Rittersmann über Zwergfeld auf ihn zuriete / und ein kleines Kind benebens einem Beutel voll Goldes vorwiese / mit bitte er solte beedes annehmen / und mit diesem das andre auferziehen.

3. Den Bauren blendete das leuchtende Metall /und übernahme beedes sonder weitere Nachfrage: ließ auch das Kind von seiner Schnur / deren Sohn deren Sohn gestorben / seugen und auferziehen. Das Angesicht dieses Knäbleins gabe zu [106] erkennen / daß er von adelichem Geblüt gebohren / und wolte er mit zu wachsenden Jahren / unter seinen Spielgesellen allezeit der oberste seyn / und den andern in allen Sachen befehlen.

4. Macrin ein Landherr daherumb reiste durch das Dorff / und sahe diesen hurtigen Knaben / befragte sich wegen seiner Eltern / mochte aber ein mehrers nicht / als wir erzehlet / in Erfahrung bringen: deßwegen wird er Macrin / auf sein Begehren verabfolget /welcher ihn seiner Gemahlin / zu einem Edelknaben überlässet.

5. Abondate seine Frau liebte Nivian / wegen seiner schönen Gestalt / guten Sitten / und anständigen Höfligkeit / als er damals ungefehr das 14. Jahr erlangt. Macrin bereuete fast mit Eifer / daß er seiner jungen Gemählin so einen wolgestalten Diener gegeben.

6. Nach dem Macrin ungefehr erstochen worden /vermehret Abondate ihre Liebesflammen / und hette ihn geheuratet / wann sie nicht befürchtet die Abnutzung von ihrer Kinder vermögen zu verlieren / und verhofft an ihm ein Diener zu haben / da sie sonsten andrer Männer Dienerin seyn müste. Inzwischen reitzet sie den unbedachtsamen Jüngling zu ihren unziemlichen willen / wolte sich aber mit ihm aus vielen Ursachen nicht trauen lassen / unter welchen auch der übelstand ihrer beeder grosser Ungleichheit an Jahren / herkommen und vermögen nicht die geringste war.

7. Nivian aber war Lamberts eines vornehmen Herren Sohn / der in seiner Jugend eine schlechte Dirne geheuratet / und von ihr diesen Sohn erzeuget / so ihn durch einen seiner von Adel Privat genant anbefohlen. Lambert nahme nach seines Vatern Tod Rogellam eine Fräulein seines Stands / und hatte von ihr zwo Töchter / welche seine Mannslehen nicht ererben konten. Als er aber lange Zeit mit den Steinschmertzen geplaget wurde / entschloß er sich der Marter durch den Schnitt abzukommen / und als er zuvor sein Hauß beschicken wil / erinnert er sich nach zwantzig Jahren / dieses Sohns / und findet ihn nach [107] fleissigen Nachfragen noch im Leben und in der Abondante Diensten. Hierüber erfreuet er sich als ein Vater / und setzet ihn ein zu seinem Erben.

8. Als nun der alte Mann die Schmertzen nicht außstehen mochte / ist er deß Steins / und zugleich deß Lebens abgekommen. Seines Vaters Söhne haben diesen Einkömling sehr geneidet / und nach dem er Abondante zu heuraten verweigert / weil er sich zu hoch geachtet / wie sie ihn zuvor zu gering / und von den ihrigen keinen Beystand hatte / lassen ihn seine Vettern auf den Platz fordern / und weil er besser mit Frauenvolck / als mit dem Degen ümgehen können /ist er von den einem durchstochen worden / daß er also in seinem glücklichen vermeinten Zustande ohne Bereuung seiner Sünden / jämmerlich dahin gestorben. Abondante erkrancket über solcher Zeitung / und legte sich zu Bette / von dar man sie zu Grabe getragen.

9. Also hat Nivian mit dem Leben das Erbe verlohren / welches er bereit im Besitz hatte / und gehört hieher die Fabel von der Schwalbe und der Nachteule welche ihre jungen sollen zusammen heuraten. Weil aber das eine hitziger / und das ander kalter Natur /hat die alt Eule ihre jungen der Schwalben nicht trauen lassen wollen. So kan auch die hitzige Jugend kein grosses Glück vertragen / weil zu solchem mehr Verstand von nöhten / als sie bey so unreiffen Jahren noch nicht erlanget. Die Hauptlehre ist Eingangs bemeldet.

10. Reichthum pfleget zu verblenden /
Wie ein Spiegel der zerbricht /
Messer in deß Kindes Händen
Machen / daß das Kind sich sticht:
Wer sich stätig lässt verlangen
Groß zu seyn in dieser Welt /
Findet sich mit Angst umfangen /
Ob dem Sorgenreichen Gelt:
Besser ist es daß ein Christ /
Suche das was droben ist.
33. Der Leichtglaubige
[108] (XXXIII.)
Der Leichtglaubige.

Wer leichtlich glaubet / wird leichtlich betrogen / und wird es mit grosser Beschwernis zu spate bereuen. Der Zorn und die unerwarten Fälle übereilen manchen / der hernach Zeit gewinnet seinen Fehler zu erkennen. Dieses wird aus folgender Geschichte mit mehrem erhellen.

2. Peregrin aus dem Saltzburgischen bürdig / von ehrlichen Eltern geboren / und eines guten Wandels /richtete seine Gedanken auf Euphrasiam / eine Jungfrau von duppelter Schönheit / nemlich deß Angesichts und deß Vermögens. Diese Hertz- und Gegenliebe hat er nach und nach gewonnen / das beyde nicht von einander leben kunten / wie sich bedunken liessen.

3. Als sie nun ihr Feuer nicht mehr verbergen kunten / haben die Eltern solches gäntzlich auszuleschen keine Mittel unterlassen. Euphrasia war eine Adeliche Jungfrau / Peregrin hingegen ein Kauffmanns Sohn: diese Ungleichheit wurde der Jungfrau verwiesen /und ihr ein andrer Namens Domnole gleiches Adels angetragen / welchen sie aber noch wissen noch hören wollen.

4. Nach dem Domnole der Eltern Ja Wort / wil er sich nicht lassen abweisen / und bringet die Sache dahin / daß der Hochzeit-Tag benennet / und alle gehörige Nohtturfft darzu beygeschaffet wird: der beständigen Hoffnung / sie werde den Eltern schuldigen Gehorsam leisten müssen / sie wolle / oder wolle nicht.

5. Euphrasia stellet sich kranck: man lässet ihr eine Ader öffnen / welche sie etliche stunde hernach wieder auffreisset: begierig durch verlust ihres Geblüts den Geist auffzugeben. Es fügte sich aber daß ihre Mutter ungefeh zu dem Bette gienge / und sie in einer Ohmacht / in ihrem Blut als todt gefunden.

[109] 6. Man laufft nach den Artzten / und erschallet das Geschrey in der gantzen Statt / diese Hochzeiterin sey eiligen Todes gestorben. Peregrin kommet diese Zeitung auch für Ohren / und er ist so leichtgläubig / daß er / sonder ferners befragen / seinen Weg in Welschland und bey Messina in eine Mönichs-Kutten nimmet / sein Leben aus Traurigkeit / in solchen Stande zu verschliessen.

7. Nach dem nun Euphrasia wiederumb zu recht gebracht worden / und Gewißheit erlangt daß Peregrin nicht wiederzukommen gedencket / betrachtet sie ihre Thorheit / daß sie sich vorsetzlich umb das zeitliche und ewige Leben bringen wollen / und solches aus Ungehorsam wider ihre Eltern: Entschleust sich endlich Damnole Beständigkeit zu erkennen / und sich an ihn zu ergeben.

8. Als nun Peregrin von einem seiner Freunde verständiget worden / welcher gestalt Euphrasia noch lebte / und eine Hochzeiterin / eilet er nach Saltzburg diesen Handel zu unterkommen / und Damnole vorzukommen. Aber vergebens.

9. Peregrin gelanget zu Saltzburg an / als eben der Hochzeit-Tag / mit gewönlichem Gepränge begangen wurde / und hatte unter wegens lange Zeit / seine Leichtglaubigkeit zu bereuen. Die Jungfrau Braut sihet diesen entkappten Mönich / und hat einen Abscheu vor ihm / weil sie gezweiffelt / ob er seines Kloster Gelübts entbundenr lässet ihm deßwegen sagen: er sey zu spat kommen / und habe sie ihm als einen Weltlichen / nicht aber als einem Geistlichen ihre Treue gegeben.

10. Mit diesem muste der leichtgläubige Peregrin wieder abziehen / und weil ihm alle Hoffnung entsuncken / unterstehet er sich Damnole / als einen Rauber seiner Vertrauten / das Leben zu nehmen / wird aber von seinen Dienern / welche ihren Herrn Beystand leisteten / unterschiedlich mal durchstochen /daß er todt zur Erden gefallen.

11. Man sol noch zu wenig / noch zu viel glauben /sondern in diesem / wie in allen andern Stücken [110] das güldene Mittel-Maß halten. Dieses ist in Kriegs- und Liebshändlen eine nothwendige Erinnerung: gestalt der so den einkommenen Kundschafften zu wenig Glauben zustellet / gar zu sicher ist: welcher aber alles glaubet / reitet auff dem rückgängigen Krebs nach seinem Glück / wie Peregrin in vorgehender Geschichte.

12. Wird Gott in der letzten Zeit
Glauben finden?
Vieler Menschen Eitelkeit
Denckt nicht an der Seelen leid.
Die sich gründen
auf der Erdenehand Gefehr /
als ob keine Hölle wer.
34. Die Genothzüchtigte
(XXXIV.)
Die Genothzüchtigte.

Wir nennen / nach gemeiner Art zu reden / die Neigung zwischen den Mannspersonē Freundschafft: zwischen Mann- und Weibspersonen aber / Liebe. Diese ist viel stärker als jene / weil sie das Freundschafft-Band zerstücket / und wie einen Faden in den Flammen verbrennet / und zernichtet.

2. So lang Straton und Antonian Knaben waren /verblieben sie in ihrer Unschuld vertraute Freunde /massen ihnen aller Eigennutz unbewust / biß die Liebe / bey reifern Jahren sie zu dem ruhigen Ehstand angetrieben.

3. Straton mehlte ihm Menodore / eine von Tugend und Verstand schöne Jungfrau / und brachte sein Wort so wol an / daß er mit ihr verehlichet worden /und beeder Glück gleichsam auf lieblichen Rosen herein getretten were / wann nicht Antonian blutritzende Dörner darunter gestreuet hette.

4. Die Freundschafft / sie sey so vertreulich sie wolle / erstrecket sie sich doch nicht biß in das Ehebett. Antonian gienge bey Straton aus und ein /[111] schertzte mit höflichen Worten mit diesen jungen Eheleuten / und sihet endlich Menedore mit Ehebrecherischen Augen an / daß unziemliche Begierden bey ihm aufsteigen / welche er zu ersättigen getrachtet.

5. Menodore / ein Ehrenweib / sahe / daß jhr Mann Antonian für seinen vertrautsten Freund hielte / und begegnet ihm mit aller verantwortlichen Höfligkeit /welche Antonian nach seinem verlangen / für eine absonderliche Begünstigung außrechnete / gestalt ein jeder leichtlich glaubet / was er wünschet und verhofft.

6. Nach vielen Lieb- und Lobsprüchen / welche hieher zu schreiben nicht nöhtig / eröffnet er dieser Frauen das Liebs-Geschwer / mit kurtzen aber spitzigen Worten. Wann Menodore eine Schlange begegnet hette / solte sie sich darob nicht so sehr entsetzet haben / sie hielte die Frage keiner Antwort würdig /und nach Antonian in seinem frevlen beginnen anhielte / sagte sie ihm solche Wort / die einem Weib / welche ihre Ehre höher achtet / als ihr Leben / wol anstehen / mit Bedrauung / daß sie solches ihrem Eh-Herrn anmelden wolte / wann er noch einst mit dergleichen Ungebühr / ihre Ohren belästigen würde.

7. Der listige Schalck bittet umb Verzeihung und sagte daß er solches aus ihres Mannes Geheiß gethan / welcher sie hierdurch auf die Prob setzen wollen. Die einfältige Frau glaubt diesem Lügner / und lässet den gefassten Haß wieder Antonian fahren / ist aber wieder jhren Mann unwillig / daß er ohne einige darzu gegebene Ursach einen Zweiffel in sie gesetzet. Doch bedencket sie / daß ihr Mann ein Mensch / der sich betrügen kan / und sie ein Weib / die er für einen schwachen Werckzeug gehalten.

8. Von der Zeit an / hielte sich Antonian bescheidner / und gabe ihr zuverstehen / daß er keine böse Gedancken in dem Sinn / und daß ihr Mann / die Sache gegen sie / ablaugnen würde / sie solte alle Mißhelligkeit zu vermeiden / lieber stillschweigen. Er aber /weil er sihet / daß mit dem Fuchsbalg nichts zu richten / trachtet nach der Löwenhaut.

[112] 9. Er wuste / daß Straton / wegen seiner Rechtfertigung nach Paris verreisen musste / und vertraute diesem seinen Freund sein Hauß / welches nicht geschehen were / wann Menodore ein Wort / von dem / was vergangen / gesagt hette / und hat sie also eine seltne Weiber-Tugend in der Verschwiegenheit erwiesen /dardurch sie als ein Schaf / deß Wolffs Aufsicht befohlen worden.

10. Als er nun auf eine Zeit sich stellte / als ob er von der Jagt gekommen / und von dem Abend übereilet worden / daß er auff Menodore Schloß die Einkehr nehmen müssen / wird er mit seinen zweyen Dienern / Pferden und Hunden wol empfangen / und hat sich seine Wirtin nichts arges versehen / weil er lange Zeit kein unziemliches Wort gegen sie über die Zungen hatte springen lassen: wird deßwegen wol gehalten / und nach der Mahlzeit zu Bette gewiesen.

11. Er wuste in dem Schloß alle Gelegenheit / und als die halbe Nacht vorüber / stehet er auf / nimmet seine beede Knechte zu sich / und gehet in der Menedore Kammer / heischet erstlich mit guten Worten /was er zuvor begehrt / und als sie solches verweigert /nothzüchtiget er seines Freundes Weib / mit Hülffleistung seiner zweyen Diener.

12. Nach verübter That / eilt er mit seinem Jägerzeug aus dem Schloß / und weil er wol wuste daß er nicht ungestrafft bleiben würde / entflieht er in Niederland / alda er sich unterhalten lässet. Menodore aber schreibt so bald ihren Mann / wie sie durch seinen vertrautsten Freund wer verunehret und geschändet worden.

13. Straton wil solches nicht glauben / und muß doch aus seiner Flucht schliessen / daß ihm also. Er lässt die Sache ersitzen / und begehrt nicht einmahl deßwegen bey der Obrigkeit klagbar zu werden /damit er nicht die Schande seines Hauses aufdeckte /und sich selbsten zu Spotte machte.

14. Menedore klaget solches ihren Freunden / unter welchen Ligor zu wegen brachte / daß Antonians Güter eingezogen / und er zum Schwert [113] verurtheilt wird. Nach dem Straton wieder nach Hause kommet /hält er Menedore verächtlich / und als eine geschändte Ehebrächerin / welche ihren Willen darzu gegeben haben müsse. Dieses verdreusst das unschuldige Weib / daß sie von ihrem Mann entlaufft / und bey ihren Freunden Schutz und Auffenthalt suchte.

15. Ligor und Straton kommen hierüber zu Wort /und so bald zum Wercke / daß sie beede von Leder ziehen / und Ligor den Straton erwürget / daß er wegen solcher Mordthat entfliehen müssen: massen das rauffen durch gantz Franckreich scharff verbotten / und kommt so wol der lebendige / wann er sich betretten lässet / als der entleibte / an den Galgen.

16. Antonian wird diese Zeitung wissend / welcher so bald an Menodore schreibet / und damit er zu seinen und Stratons Gütern wieder gelangen möcht / begehret die begangene That durch den Ehestand außzusöhnen / und Menodore / welche ein Abscheu / für diesem Ehrenrauber / antwortet / daß er kommen und seine Werbung persönlich ablegen solte. Dieses geschahe ümb den Vogel in das Netz zu bringen / wie erfolget.

17. So bald Antonian wieder in dem Frantzösischen Gebiet / hat er die Schergen zu Aufwartern /welchen er unterwegs / in einem Wirtshauß / in deß Knechts Kleidern entkommet / und wiederumb in Holland entfliehet / da er in einem treffen erschossen worden. Der Menodore aber wurde zu Erstattung ihrer Ehre deß Antonians Verlassenschafft / durch Urtheil und Recht zuerkannt / die sie zu erbauung eines Spitals / und das ihrige zu Erhaltung in selben der armen und preßhafften Leute / in ihren letzten Willen gestifftet.

18. Ein Mann kan keine Weibsperson leichtlich wieder ihren Willen nothzüchtigen / und hat man kein Exempel / daß dergleichen Verbrecher nicht mit ernstlichen Straffen hetten sollen von Gott seyn heimgesuchet worden. Das alte Sprichwort sagt: Wer darff eine Jungfrau schwechen / darff auch in [114] die Kirchen brechen: dann wie Gott heilig gehalten haben wil / daß man zu seinem Dienst gewidmet hat: also will er auch der Menschen Hertzen und ihren freyen Willen / welche Gefässe sind der Gerechtigkeit / ihm nicht rauben oder entheiligen lassen.


19. Gieb jederman das sein /
Und schad dem Nechsten nicht:
Leb erbar / halt dich rein /
Fürcht Gottes Angesicht /
Er sihet / hört und weiß
Die Wercke / Wort und Sinne /
Ein jeder tracht mit fleiß /
Daß er der Straff entrinne.
35. Die traurige Verwirrung
(XXXV.)
Die traurige Verwirrung.

Wie die Ordnung alles gutes mit sich bringet / daher auch Gott / das höchste Gut / ein Gott der Ordnung genennet wird: also ist hingegen die Unordnung und Verwirrung ein Anfang und Werckzeug alles bösen /das von dem Satan herkommet. Hierauf zielet folgende Geschichte / in welcher ein Unheil in das andre durch sonderliche Verwirrung geflochten worden.

2. Vor gar kurtzen Jahren hat ein Reichs-Fürst /dessen Namen wir billich verschweigen / seine Gemählin durch den zeitlichen Tod verlohren / welche ihm etliche junge Herren / und nur ein Fräulein hinterlassen / die er anvertrauet Milburgin einer verständigen Hofmeisterin / die von ihrem verstorbnen Mann /seinem Hofmeister Victorin / einen Sohn und eine Tochter / Namens Juliana / hatte / so mit besagtem Fürstl. Fräulein / zu allen Tugenden aufferzogen worden.

3. Juliana war in ihren frischten und schönsten Jahren / als sich Aristian ein junger Graf / welcher [115] sich bey Hof aufhielte / in sie verliebte / und ihr in allen begebenen Gelegenheiten aufwartete. Man wolte sagen / daß er sie freyen solte / weil er sie andrer gestalt nicht erlangen würde können / massen sie ihre Frau Mutter verwahrte / wie die Drachen die güldnen Aepffel. Die Befreunde deß alten Fürsten langten an /er solte doch diesen verliebten Gn. einhalt thun / welches er zwar versprochen / jedoch mit diesem Beyrahten / man solte Aristian Edelbert / eine Princessin seines Stands / beylegen / so würde er der Juliana leichtlich vergessen.

4. Aristian lässet sich von Juliana ab / und / zu Edelbert wenden / weil er von dieser mehr / als von jener zu erhalten verhoffte / von Edelbert auch freundlich empfangen wurde. Juliana beklagte sich hierüber bey ihrer Mutter / daß sie ihr Glück / aus ihrem Geheiß verabsaumt / etc. Milburgin war lang zu Hofe gewest / und wuste alle Ränke / tröstete deßwegen ihre Tochter / sie solte dem Fürsten nur keine verächtliche Wort geben / sich höflich gegen ihm erweisen /und sich stellen / als ob ihr von seiner Liebe gegen Edelbert nicht wissend were / sie wolte ihn schon wiedrumb zu rucke führen.

5. Dieser Rath der Menschlichen Witz war der Juliana verderben / wie folgen wird. Milburgin wuste daß Polycarpus mit Edelbert in grossem vertrauen gestanden / wiewol er mit Aristan nicht zu vergleichen /doch erregte sie seine Eifersucht / und reitzet ihn / daß er Edelbert einer unbeständigen Untreue beschuldiget / und sie ihm entgegen verspricht / Aristan abzuschaffen / welches sie auch mit solcher Unbescheidenheit gethan / daß er sich wieder zu Juliana gewendet.

6. Die gantze Sache aber besser zu gründen / hat /aus Rath der listigen Milburgin / die Juliana dem Policarpo gute Wort geben / und er ihr in Gegenwart der Edelbert / aufwarten müssen / weil die Eifersucht die Liebe erhitzet und anflammet / hingegen verhinderten deß Aristans Befreundte die Vertrauligkeit mit Juliana so viel sie kunten / und hetten [116] seine Verheuratung mit Edelbert gerne befordert wissen wollen. Es verfahren aber diese Mütter sehr unbedachtsam / welche ihre Tochter gerne in Feuer / aber nicht breunen sehen wollen.

7. Damit nun Juliana Aristian nicht noch einmal verlieren möchte / ergiebt sie sich ihm mehr / als sie sol / und verleurt ihre Ehre die Ehe vermeintlich zu erhalten. Aristian hette sie gerne gefreyet / wann seine Freunde und sonderlich der Fürst solches nicht unternommen / und ihn mit Gewalt abgehalten hetten: massen er ihr heimlich ein ehliches versprechen gethan /und sie dadurch zu seinem Willen beschwätzet.

8. Milburgin ist diese gar zu gnaue Freundschafft unwissend / und verhoffte durch ihr Fräulein zu erhalten / daß der Fürst endlich in diese Heurat willigen solte. Aber an den Früchten erkennte man den bösen Baumen / welche reif werden / und außfallen wolten /wie die Mutter leichtlich errahten müsste.

9. Die Princessin verjagte Julianam von Hof so bald sie nur dieses Handels einträgtig wurde. Aristian muß sie freyen / bey verlust seines Lebens / und in aller Dürfftigkeit Hochzeit machen. Victorin der Milburgin Sohn / der Fürsten Stallmeister / wird unschuldiger weise / wegen seiner Schwester verbrechen /von seinen Diensten gestossen.

10. Nach dem der Graff Aristian seine Flammen /durch die Freyheit deß Ehestands außgeleschet / sahe seine Julianam scheel an / als einen Stein deß Anstosses / und sie ihn wiederumb / als eine Ursach ihres Falls und Verachtung. Ob es eine gute Ehe gegeben /ist leichtlich zu erachten. Er verlässt sie / kehret wieder nach Hof / und dencket nicht mehr einmahl an seine Gemählin.

11. In dem muß er sehen / daß Polycarpus und Edelbert ihrer hochzeitliche Ehrenbegängnis / ihrem Stande gemäß / mit einem grossen Freudenfeste halten / dadurch er dann Ursach nimmet / wieder [117] diesen seiten Buler zu eifern / wiewol er siehet / daß nunmehr sich das Spiel geendet / und für ihn nichts zugewinnen.

12. Polycarpus war einer von den schönsten und höflichsten Rittersleuten an dem gantzen Hof / daß er also bey dem Frauen-Volck sehr angenehm / und sich ungeacht seiner ehrlichen Verbündnis zu Ungebühr /mit andern verleiten liesse. Dieses beobachtet Edelbert / und eiferte darob nicht ohn Ursach / und Aristian hatte bereit die Festung halb gewonnen / und erbote sich diese Untreue an Polycarpo zu rächen /wann sie ihn mit gleicher Müntze bezahlen würde.

13. Aristian erspähete / daß Polycarpus an einem Eheweib hienge / deren Mann sagte er es an: der dann ihn mit der Ehebrecherin in dem Winckel erwürget /und Aristian leistete ihm darzu möglichsten Beystand. Edelbert betrübte sich so wenig über ihres Ehe Vogts Tod / daß sie verdächtig gehalten wurde / sie habe solchen stifften helffen.

14. Damit nun Aristian freyen könte / vergiebt er seiner Juliana mit Gifft / und ob wol Milburgin wieder ihren Tochter-Mann klagte / wolte man ihr doch nicht recht schaffen / und wurde der Beweiß aus dem hergenommen / weil Aristian die verwittibte Edelbert fleissig besuchte / und wie der Ruff gienge / freyen würde.

15. Victorin gedenket seiner Schwester Tod zu rächen / und nimmet etliche von seinen Gesellen zu sich / überfält Aristian in seinem Hauß / und ermordet ihn / dieweil auch er sein Geschlecht verunehret / und ihn von seinem Dienste gebracht. So bald der Streich geschehen / entflieht er in eine andre Herrschafft / wird aber abwesend zum Strang verdammet / und alles sein Vermögen eingezogen / darüber sich Milburgin dermassen bekümmert / daß sie erkranckt / und also ihrer Kinder beraubt / mit grossem Hertzenleid dahin gestorben.

16. Die Lehre kan seyn / daß die Liebe zwischen[118] Eheleuten / ein theil Göttliches Segens / ohne welchen solcher Stand deß Satans Trauerspiel heisst / mit Sünden angefangen / mit Verdruß fort gesetzet / und mit zeitlicher und ewiger Straffe geendet wird: allermassen sonders zweiffel / wo nicht bey allen / jedoch bey etlichen in erzehlter Geschichte beschehen.


17. Verzögert Gott die Straff darffst du dir nicht gedenken
O Sünder / daß er dir werd deine Sünde schenken:
Wann er dir nach und nach auf Besserung gewart /
So folgt die Straffe spat / wird aber doppel hart.
Anmerkung.

So viel Geschichte beschreibet Herr von Belley in seinem Blutbetrifften Schauplatz: nachfolgende aber haben wir theils aus eigner Erfahrung beybringen wollen / damit die Zahl der L. zu erfüllen.

36. Die Zauberlieb
[119] (XXXVI.)
Die Zauberlieb.

Man pflegt in dem Sprichwort zu sagen: Ein gutes Land nehrt böse Leute: da hingegen ein unfruchtbares schlechtes Land arbeitsame und sinnreiche Leute trägt / welche durch ihrē fleiß ersetzē / was dem Erdboden ermangelt: massen der Hunger ein Erfinder gewesen ist vieler Künste / so vielleicht sonsten zurücke geblieben weren.

2. Dieses Sprichwort erhellet sonderlich in dem Königreich oder vielmehr der Landschafft Valentz /da der Winter fast unbekannt / und deß Sommers Hitze / von den Meer- oder Seewinden gemässiget und gelindert wird: daß gleichsam der Früling und der Herbst in Hervorbringung aller Liebligkeiten / mit einander streiten / ob wol sonsten niemand von streiteen reden höret / und fast unbewust was die Soldaten für Menschen sind. Solcher gestalt leben die Leute in lustrendem Müssiggang / ich wil sagen in Beschefftung derer / welche nichts zu thun / als zu lieben / und Frauenzimmer auf zu dienen: so gar daß es fast eines ist / von Valentz bürdig / und verliebet seyn.

3. Die Bulerey stehet sonderlich den alten Narren übel an / welche mit den Jahren die Flammen außleschen und nicht unter der Aschen schwache Kräfften erhalten solten. Verständig und verliebt seyn sagen die Frantzosen / sey auch den Göttern nicht zugelassen / und die Italiäner sagen:


Kein Kranker seine Schmertzen liebt /
Als dero sich dem Weib ergibt.

Ja die Liebe machte diese verliehten so sinnloß / daß sie wegen einer schnellflüchtigen Wollust / sich in ewigwerenden Unlust und in den Abgrund der Höllen stürtzen / und auch aus verzweiffelter Boßheit deß Satans Hülffe gebrauchen.

[120] 4. Solche unbesonnene Thorheit haben begangen Cardenio ein Edelmann von Valentz / welcher die schöne Hyoldam / verzweiffelter weise geliebet / von ihr aber beharrlich gehasset worden: weil sie sich mit Einwilligung ihrer Eltern / Lucian / einem andern Edelmann ergeben. Cardenio unterliesse nicht dieser Jungfer mit Musicbringen / mit Lobgedichten / mit Gesprächen und andren Höfligkeiten zu dienen /fande aber keinen Mangel an dieser schönen / als die Danckbarkeit / der Platz ihres Hertzen war so wol besetzet / daß er jedes mal mit Schanden abziehen muste.

5. Febronia eine andre Jungfer in besagter Statt /darvon solches Königreich den Namen hat / war anfangs von Cardenio geliebet / aber nachmals als sie vermeint sich durch ehliche Trauung mit jhme zu verbinden / verlassen worden. Diese Febronia liebte Cardenio so sehr / als er die Hyoldam / und konte ihr seinen Namen nicht aus dem Gedächtnis entfallen lassen. Sie flehte / schriebe / klagte / ruffte und wolte Cardenio wieder zu ihr ziehen / er war aber auf der andern seiten gar zu tief eingesessen. Die Schamhafftigkeit / welche bey dem Weiblichen Geschlecht das stärckste Tugendband ist / oder seyn sol / war durch solche Brunst entzweyet / daß sie Cardenio nachlaufft / und nachschicket / wie die verlassne Dido ihrem Ænea.

6. Nach dem nun Febronia alles was sie gewust /vergeblich versuchet / fragte sie ihn zu raht eine alte Hex / Affra genant: welche sich rühmte / daß sie alle Liebskrankheiten / durch gantz geheime Mittel heilen könte. Diese Affra versprache nun / sie wolte ihr einen Trunck der Vergessenheit beybringen / daß sie an den Unbeständigen Cardenium nicht mehr solt gedencken / oder ihre Liebe in gleich eifrigen Haß verwandlen. Ach nein / nein antwortete Febronia / ich liebe ihn auch in seiner Unbeständigkeit / und wann ihr mich bey Leben erhalten wolt / so macht daß er mir zu theil werde.

7. Die Zauberin bekennte / daß ihre Kunst den [121] Willen nicht zu bezwingen vermöchte / noch weniger aber zu dem Ehestand (welcher von ihrem Meister gehasst und gehindert wird) einige Beförderung thun könte: das wolte sie aber wol zu wegen bringen / daß Cardenio sie solte für die Hyoldam halten / gegen welche er mit so starcken Liebsflammen entzündet. Febronia wolte dieses Mittel aus Eifer / nicht gerne zulassen / doch endlich hat sie darein gewilliget / und die alte Hexe gebeten / solches in das Werck zu richten.

8. In dem nun Affra hierunter bemühet ist / hat Cardenio bey Capor einem Zauberer / und dieser Affre Sabbatsgenossen / gleichsfals Rath gesuchet die Hyoldam zu seinem Willen zu bewogen. Capor hat ihm wollen ein altes Aaß in der Hyolda gestalt untergebē / damit er umb sein Gelt verblendet / und seinen Luft büssen möcht: als er aber von Affra der Febronia Ansinnen erfahren / haben sie beederseits wol dienen und Cardenio seine verlassene unter der Hyolda gestalt leichtlich zukoppeln können.

9. Dieser verfluchte Handel machte die Druten Leute viel Ducaten verdienen / weil sie der arme Teuffel sonst nicht bereichern könte / und das Gold / welches in der Vorhelle aus der untersten Erden gegraben wird / bey diesen Höllenleuten auch seine Wirckung nicht verleurt. Es war aber die Zeit verhanden / daß solcher Betrug solte offenbaret / und die Verbrecher zu gebührlicher Straffe gezogen werden: massen aller Wandel und Handel der Finsternis / zu rechter Zeit an deß Tages Liecht gebracht wird / ob gleich der Sündenmaß groß / und so bald nicht zugefüllet.

10. Cardenio fande die falsche Hyoldam bey Nachts sehr erhitzt / bey Tage aber eißkalt und voller Verachtung / und wann er ihr von der Ehe und außgehändigter Verlöbnis für schwatzet / daß solche allein ihre Ehre wiederstatten könne etc. wil sie darvon noch hören / noch von dem was vorgegangen seyn sol /wissen. Hierüber beklagte Cardenio bey Caper / welcher antwortet / daß seine Kunst die äusserlichen aber [122] nicht die innerlichen Sinne bewegen könne / darunter auch das Gedächtnis gezehlet wird: Er solte nur stillschweigen / und ferneren Erfolg der Zeit anbefehlen.

11. Inzwischen nun wird Hyolda Lucian versprochen und der Hochzeit-Tag bestimmt. Hier kunte Cardenio nicht länger schweigen / sondern weiset eine Heuratsabrede / welche unter Hyolda und ihme schrifftlich auffgerichtet worden / der Hoffnung sie solcher gestalt davon zu bringen. Als nun Hyolda hiervon nichts wissen wollen / sondern diesem versprechen mit grossem Zorn wiedersprochen / hat er ungescheut sich gerühmt / daß er sie auch zum offternmal beschlaffen / und das Verlöbnis durch das Ehliche Werck vollzogen / etc. und sagte auch unbedachtsam / daß er solches durch Caper den Zauberer zu wege gebracht.

12. Lucian wolte ferners nicht verfahren / und gaben die Befreunden alle den Rath / man solte dem Cardenio die Hyoldam trauen lassen / die Zauberey seiner grossen Liebe zuschreibend / und die gantze Freundschafft fernerer Schande entnehmen. Hyolda aber hatte ein gutes Gewissen / und wolte darein nicht willigen / weil sie unschuldig / und mit Cardenio / der sie mit solcher falscher Verleumbdung beleidiget / in mehren nicht zu schaffen gehabt / wolte sich auch von Matronen besichtigen lassen / und beglauben / daß sie noch eine reine Jungfrau / etc. Lucian aber wil auch solchen Beweiß / der in Weiber Worten bestehet /nicht für genugsam halten.

13. In dem nun Cardenio vermeint Hyoldam darvon zubringen / kommt Febronia in das mittel / und wiedersetzet sich solcher Verlöbnis / weil sie sich von ihme schwanger befunden / und wird die Zauberey dieser beeden eröffnet / darüber Affra und Caper flüchtig werden / Cardenio aber und Febronia in das Gefängnis kommen. Hyolda wird unschuldig befunden / Febronia von jedermann verlacht / und als eine geschändte Dirne veracht / Cardenio [123] von dem falschen und Febronia nicht vermeinten Eheverlöbnis freygesprochen / der sich dann in Welschland begeben / daß er Hyoldam mit Lucian nicht Hochzeit machen sehen dörffen. Nach verlauff etlicher Jahre ist so wol er als Febronia in ein Kloster gangen / Caper und Affra aber sind lebendig verbrennet worden.

14. Hieraus ist zu sehen / was Unheil eine blinde Liebes-Brunst mit sich bringet / und wie betrüglich der böse Feind mit den seinen zu verfahren pfleget: Wer ihm dienet hat einen bösen Herren / und giebt er solchen Sündenknecht die höllische Flamme zu Lohn. Es ist auch hierbey zu betrachten / wie weit Gott dem Satan zulasse / nemlich nur das fleischliche zu beherrschen / und das zeitliche zu verderben: die Frommen aber haben sich für diesem listigen Seelen-Feind nichts zu befahren / ob er sich gleich in ihre Gestalt /ja in einen Engel deß Liechts verstellen kan.


15. Der Teuffel hat der Kirchwey Kram.
Er reist mit Puppen auf die Meß /
(Betrüger ist sein alter Nam)
Der Leib / der Seelen Werck gefäß /
Wagt alles hin ob einer Pfeiffen /
So mehrmals nicht drey Heller werth /
Wann man sich dann bey Gott beschwert /
Wird man gewiß fehl müssen greiffen.
37. Der aberglaubische Schwervater
(XXXVII.)
Der aberglaubische Schwervater.

Cariton ein Edelmann zu Urbino hatte sich von Jugend auf mit zulässigen Wissenschafften nicht vergnügen lassen / und allezeit gelehrter als als Gottsfürchtiger seyn wollen. Der Lateinische Poet sagt hier sehr wol:


Ach! miser est sapiens, qui sapit absque Deo.

[124]
Wer weiß ist / ohne Gott /
Hat Elend / Noth und Spott.

Sonderlich aber liesse sich dieser Edelmann gelüsten /das zukünfftige zuwissen / und hatte ihm der Satan durch die Sterne Kunst mit einer ungefehr eingetroffnen Warheit viel Lügen verkaufft.

2. Er hatte der Planeten Lauff in seiner Geburtsstunde zu Papier gebracht / und auch andre erfahrne in der Kunst darvon urtheilen lassen / welche alle einmüthig geschlossen / er werde keines natürlichen Todes sterben / sondern von seinen Tochtermann ermordet werden. Dieses schwebte ihm unablässig in den Gedancken / und wie die bösen Zeitungen mehr eintreffen als die guten / ist ihm diese Furcht gleichsam zu einem Henker wordē / daß sie wie das Schwert Democles ob dem Haubt geschwebt.

3. Er hatte drey Töchter / die nöthigte er alle drey in das Kloster / damit er ja keinen Tochtermann für seinen Augen sehen solte. Die zwo ältsten willigen gerne in so einsames Leben: die jüngste und frischte aber Eugesta genannt / nahme ihr eine Bedenck-Zeit /welche sie nach und nach verlängerte / und endlich ungescheut sagte / sie hette kein Nonnenfleisch / und fühlte / daß ihr diese Art zu leben unerträglich / und ihr Gemüt von GOtt nicht darzu gewidmet.

4. Nach dem nun mit drauen und straffen nichts außzurichten / sperrt sie ihr Vater in ein Gefängnis /auf seinem Landgut / da sie noch Sonne noch Mond bescheinen konte / der Hoffnung sie solte noch froh seyn / von daraus in das Kloster zu gehen. Der Verwalter solches Landguts hatte nicht wenig mitleiden mit dieser unschuldig gefangenen / und erzehlte Marso einem Edelmann / der in der Statt Urbinio sich wegen begangner Ableibung nicht dörffen sehen lassen / und auf dieses Schloß in Bauren Kleidern geflohen war / daß sie wegen ihres Vaters Aberglauben gefangen lege.

5. Dieser Marso verliebte sich von hören [125] sagen /und begiebt sich unbekanter weise in deß Verwalters Dienst / daß er in wenig Tagen Gelegenheit bekommt diese Eugestam zu sehen / zu lieben / und von ihr geliebt zu werden / daß der alte Cariton in ihre Verlöbnis nicht willigen würde / aus vorbesagten Ursachen wissten die beede Verliebten wol / und entschlossen sich deßwegen die Flucht zu nehmen und nach Liburno zu entweichen / welches auch mit Gelegenheit beschehen.

6. Cariton wird also bald einträgtig / daß seine Tochter entkommen / und mit einem Baurenknecht Sylvio genannt (diesen Namen hatte Marso angenommen) nach Livorno gereiset: hierüber betrübt sich Cariton Tag und Nacht / weil er nicht kente den / so sein Tochtermann bereit ohne zweiffel worden / und so viel er unbekante ansahe / vermeinte er bey jedem /dieser oder jener werde ihn umbringen.

7. Es fügte sich daß Cariton den Hertzog von Urbino mit einer bösen Rede beleidigte / und deßwegen nach Livorno fliehen muste / weilen etliche hundert Kronen auf seinen Kopff gebotten worden. Also kame Cariton auch nach Livorno / willens in Spanien abzusegeln. Marso erkennt ihn also bald / weil er ihn zuvor bey Hof gesehen: Cariton aber kennet Marso nicht / und wil ihn Eugesta mit einem Fußfall benebens ihrem Mann ihr verbrechen ab und umb Gnade bitten.

8. Als eines Tages Marso mit zweyen von seinen Freunden sich bey Cariton umb verhör anmelden lässet / bildet er ihm ein / es weren Leute die ihn greiffen und zu verhafft bringen wollen / nimmt deßwegen sein Pistol und seinen Degen / tritt für die Thür / und in dem sich Marso neiget / scheusst er ob seinem Haupt hinweg: deßwegen dann Marso vermeint sein Schwärvater wolle ihn ermorden / entblösst den Degen / sich zuvertheidigen / und durchrennt sich Cariton selbsten / daß er tödtlich verwundet zu boden sanke / Marso auch anfangs in den Arm verletzet worden.

9. Cariton lebte noch biß auf den Abend / und [126] erzehlte den Mißverstand / welcher unter beeden vorgegangen / und hatte noch Zeit seinen Aberglauben zu bereuen / und so wol schrifftlich seinen Fürsten / als mündlich seinen Tochtermann umb Verzeihung zu bitten: massen auch selber für Gericht freygesprochen / und nachmals bey dem Hertzog gnädige Landshuldigung erhalten hat.

10. Wie der Gerechte seines Glaubens leben sol /also muß der Ungerechte seines Aberglaubens sterben. Wer das zukünfftige wissen wil / daß Gott seiner Allmacht vorbehalten / wird gewißlich nicht ungestrafft bleiben. Ein gutes Gewissen ist die beste Propheceyhung / und ein böses Gewissen der böse Prophet.

17. Der welcher seinen Wahn gantz übermässig liebet
Sich umb das Erden-Gut mehr als umb GOtt betrübet:
Der irrt sich überweit: er bild ihm sicher ein /
Gedanken unsers Fleischs sind Gergesener Schwein.
38. Der unglückselige Balger
(XXXVIII.)
Der unglückselige Balger.

Das Wort balgen sol von den Bälgen der Thier herkommen / mit welchen sich die alten Teutschen bedecket / und wann sie sich entzweyet / und zu Striechen kommen / hat einer den andern seinen Balg ausgezogen / daher die ihren Namen Belgæ erhalten / wie Cluver von dem Althum Teutschlandes beglaubet. Wir nennen heut zu Tage rauffen und balgen / wann ihrer zween umb Leib und Leben fechten / wie in etlichen Erzehlungen denkwehrte Fügnissen hiervon folgen werden / massen diese Fechter ihre Stelle in diesem Schauplatz billich erheischen.

2. Leonce der jüngste Sohn eines vornehmen Herren altes Geschlechts aus Gasconien / hatte nicht[127] wenig von dem Hispanischen Lusst in dem Kopf /sagte daß sein Gebrechen bestände / in dem seine Tapfferkeit zu übermässig / und die Gelegenheiten solche zu erweisen / gar zu wenig und gering. Das erstmal als er ein Beystand eines andern zu fechten kommen / hatte er guten Kauff / dann sein Begegner mit dem viertägigen Fieber behafftet / schwachen Wiederstand thun mögen / und die Krankheit mit dem Leben verlohren hatte.

3. Hierüber wurde Leonce hochmütig / und suchte Ursach mit einem andern anzubinden / und fügte sich daß er verwundet wurde / jedoch weil seinem Gegentheil der Degen zersprungen / hat er nicht unterlassen / ihn also entwehrt nieder zu stossen. Hierüber fället viel ungleiches Urtheil: etliche entschuldigten / etliche lobten / etliche redeten übel von dieser That. Seine Freunde erlangten bey dem König / daß er ungestrafft verblieben.

4. Er war kaum wiederumb heil / da hielt er sich für unsterblich / und vermeinte sein Haubt were mit dem Siegeskrantz bekrönet / da er mit solchen zu der Schlachtbanck hat sollen geführt werden. GOtt wiederstehet den Hoffärtigen / und wer sich selbst erhöhet / der sol erniedriget werden.

5. Als er einst in dem Louvre auf und abtritt / begegnet er einem von deß Königs Dienern / welchen seine Tapferkeit mehrmals in Schlachten für den Feind erwiesen / Nahmens Thersandre. Dieser sahe Leonce unter das Gesicht / und betrachtete ihn als einen Freund / das konte Leonce nicht leiden / und sagte / mit trotzigen Worten: Was sieht der Herr an mir? Th. Ich sehe an dem Herrn seine Kleider / wie auch er an mir die meinen. Leonce: Warumb schaut er mir unter das Angesicht? Thers. weil ich Augen in dem Kopf habe / und wann ich sie eröffne / muß ich sehen was für denselben schwebet: Ich schaue umb mich biß ich schlaffen gehe / und schlage die Augen für keinem Menschen unter. Leonce: Mich beduncket aber / ihr sehet mich absonderlich. Thers. Wann ich einen ansehe / so sehe ich ihn an / und sihe ich täglich den [128] König / und viel schönes Frauenzimmer: Euch aber sehe ich an / als einen Edelmann / der ein gutes Ansehen hat. Leonc. Ich habe noch ein bessers Ansehen / wann ich den blossen Degen in der Hand habe etc. Thersandre: Das glaube ich / wann ich es nicht sehe / und würde es nicht glauben / wann ich es sehe.

6. Dieses konte Leonce nicht verstehen / ob es wol recht geredet: dann was wir sehen / das wissen wir /und dörffen es nicht glauben / was wir aber nicht sehen das glauben wir. Hierüber lässet Leonce den Thersandre durch ein Fedebriflein auf den Platz fordern / ihn und seinen Beystand für der Klinge zusehen. Thersander kommet allein an den bemelten Ort /und als sich der Beystand beklagte / daß er solcher gestalt / nichts dienen könte / hat ihm Thersander versprochen / er wolle ihm auch zu thun schaffen / wann er mit Leonce fertig / welcher ihn ohn Ursach gefordert / und habe er den zum Beystand / der die gerechten Sachen schütze / und die Frevler straffe. Kurtz.

7. Leonce muß das Leben bitten / als er an dreyen Orten verwundet / den Degen von sich geben. Als solches der Beystand gesehen / hat er sich nicht an Thersandre richten wollen / sondern hat Leonce zu verbinden / auf seinem Pferde weggeführet. Thersandre aber nahm mit dieser Frage Abschied: ob er ein gutes Ansehen wann er den Degen an der Seiten / und deß Gegners seinen ihm abgenommen in der rechten hette?

8. Die Begebenheit gabe Leonce den Namen / daß man ihn den Edelman mit dem guten Ansehen nennte / und als er wieder geheilet worden / schertzt ihn ein junger Graff mit diesen Worten / darüber er mit ihm wiederumb zu Worten / und von den Worten zu Streichen kame / weil der Graff Lust zu solchen Spiele hatte. Sie hatten beede ihre Beystände / und muste Leonce das Leben bitten / und das Gewehr niederlegen / doch verbliebe ihm der Stoltz / nach dieser doppelten Schande.

9. Als er sich einsten auf den Fecht-boden mit einem Soldaten übte / wurde er von ihm etlichmals[129] auf die Brust gestossen / welches er nicht vertragen können / und ihn gefodert / daß er der gleichen in scharff fechten auch thun solte / wann er so viel Hertz als Stärcke hette. Der Soldat gewehret ihn seiner Bitte / und stösset ihn zu Boden / daß er also / sonder anruffen Gottes Barmhertzigkeit dahin gefahren.

10. Dieser Krieg in Friedenszeit ist von allen Geistlichen und Weltlichen Rechten verboten / und kommet daher von den alten Francken / welche in ihren Strittigkeiten / wann der Beweiß ermangelt / zu Bekräfftigung der Warheit zu turniren / oder zu Fuß umb Leib und Leben zu fechten pflegten. Wer sein Leben nicht vertheidiget / ist deß Lebens nicht werth /wer aber ohne Ursach / die Gefahr suchet / wird darinnen umbkommen. Hieher gehöret unsrer alten Teutschen Lehre: »Wegen eines unglückseeligen Tages trägt man den Degen alle Tage: man sol ihn aber nicht ohne genugsame Ursach / aus der Scheiden ziehen /und nicht ohne Ehre wieder einstecken.«


11. Vermessenheit bringt grosses Leid /
Unglück giebt offt / was niemand hofft:
Der Sonnen folgt der Regen.
Wer sucht Gefahr viel lange Jahr /
Hält sich auf bösen Wegen:
Fällt auf der Schwell gar in die Höll.
Gedenk allzeit der Ewigkeit /
So hast du Glück und Segen.
39. Der verzagte Fechter
(XXXIX.)
Der verzagte Fechter

»Wie grosser Herrn Wercke die fittigen verkündigen /also können auch ihre Wort nicht verschwiegen bleiben« / und hat solche Diego Saavedra wol verglichen mit einer grossen Glocken / deren [130] Klang / er sey recht oder mißlautend / so müssen es die Leute in und ausser der Statt wissen und hören. Deßwegen ist der Könige Gebrauch / daß sie wenig / aber alles mit gutem Bedacht reden / wie solches Lob König Heinrich der Vierte dieses Namens in Franckreich gehabt /doch hat er zu Zeiten / aus unbedacht ein Wort schiessen lassen / das er gerne wieder zu rück genommen /wann es möglich gewesen / wie dessen ein Exempel in folgender Geschichte.

2. An dem Hofe erstbesagten Königs / hielte sich auf ein Schottländer / Namens Erich / welcher unter andern Ritterübung / auch seinen Degen meisterlich verstanden / und für der trefflichsten Fechter einen so zu derselben Zeit gelebet / gehalten worden. Dieser war dem König wol bekant / und truge S.M. gnädiges belieben ob seinen Diensten / so gar / daß er von vielen Frantzosen geneidet wurde: massen der Neid zu Hofe täglich in der Ritterstuben auf und ab spatzieret.

3. Nach dem nun Erich von dem König Urlaub erlangt / auf eine zeitlang nach Hause zu reisen / trifft er zu Londen einen berühmtē Fechter an / gegen welchen er Ehre einzulegen verhoffet / und ihm durch seine Bekanten anbietē lässet / ob er sich mit ihm wolte wagen / zu sehen / welcher deß andern Meister seyn möchte.

4. Der Fechter nimmet das erbieten an / und wird der Zeit und Ort bestimmet / daß sie beede in Gegenwart eines grossen Adels erscheinen / die Wames außziehen / und dem Gebranch nach / pallen der Fechtdegen / welche von Eisen waren / mit Kolen schwertzen / auf daß man leichtlich sehen könte / welcher den andern getroffen. Wol / sie gehen zusammen / und der Fechter führet einen starcken Stoß / daß er Erich das rechte Aug aus dem Kopff stösset.

5. Ob er sich nun hierüber erzörnet / musste er es doch darbey bleiben / und sich verbinden lassen. Als er nun den Wundartzt fragte / ob er das Aug verlieren würd / sagte er / nein / dann er es in der Hand / und ihm solches zustellen wolte. Diesen unzeitigen[131] Schertz hat er mit einem par Backenstreichen belohnet / als er wieder heil worden. Der Fechter aber entschuldigte sich daß es nicht mit willen geschehen /daß er auch dergleichen hätte erwarten müssen / und darzu von ihm sey ausgefordert worden.

6. Erich war übel zu frieden / musste doch die Sache / auf zusprechen seiner Freunde / ersitzen lassen / und also einäugig nach Hause kehren / und seine Sachen verrichten: hette auch diesen kleinen schaden /ohne Rache verschmertzet / wann er nicht darzu angereitzet worden / wie zu vernehmen folgen wird.

7. Nach geraumet Zeit kommt Erich wiederumb an den Königlichen Hof in Franckreich / und küsset ihr Königliche Maiestät die Hand. Als ihn der König anschauet / daß er nur ein Aug / fraget er welcher gestalt er umb das Aug kommen? Er antwortet daß er im fechten darumb kommen. Der König fragte: und ihr habt den Fechter nicht erwürget? Erich antwortet mit nein: Der König versetzet: were es mir geschehen / er hette mir sterben müssen.

8. Ob nun dieses Wort nicht böß gemeinet / und keinen Befehl in sich gehabt / so ist es doch ein Wort deß Todes gewesen / und von dem König nachmals bereuet worden / dann Erich so bald die Post genommen / nach Cales und von dar nach Dovern über gefahren / nach dem Fechtmeister gefragt / aber doch das Hertz nicht gehabt / daß er ihn heraus gefordert und vor der Faust seine Sache mit ihm außgetragen hätte. Vielleicht hat ihn sein Gewissen zag gemacht /in dem er ihm einmal verziehen / und seine Entschuldigung für giltig angenommen.

9. Damit er sich aber rächen möchte sonder Gefahr / erkaufft er seinen Diener mit etlich Pfund Sterlin / er solte den Fechter zu Nacht ermorden. Der Diener setzt es in das Werck / nimmt ein Pistol / steigt auf eine Leiter in die Kammer / und erschiesset den Fechter. Als er aber wieder zurucke herab wil / verfehlt er eines Sprissels / oder es weichet die [132] Leiter / daß er herab fällt und einen Schenckel bricht darüber er in das Gefängnis kommet / und den Stiffter solcher Mordthat aussaget. Erich wird so bald ergriffen / und mit seinem Knecht zum Strang verurtheilt / allermassen solcher Tod bey den Engelländern gar gemein ist /und mehr für eine Schand / als für eine Straff / gehalten wird.

10. Etliche wollen behaubten / daß hertzhafft seyn /eine sondre Gabe Gottes sey / und lieset man in Geistlichen und Weltlichen Geschichten / daß offt ein gantzes Heer / ohne Ursach / geflohen / und daß die allertapffersten zu Zeiten zaghafft und furchtsam / welche doch zu andern Zeiten in vieler Gefahr den Tod nicht gescheuet. Wer eine gute Sache und ein gutes Gewissen hat / wird thun was er sol: Wer solches nicht hat /dem kan leichtlich zu Sinne kommen: »jetzt ist die Stund daß dich Gott straffen wird.«


11. Der es vielmal blind gewagt /
Ist verzagt.
Feige Memme trau auf Gott-
Der dich mehrmals aus der Noth
Hat gerissen.
Du weichst weil auch weicht in dir
Dein Gewissen.
Daß du kränkest für und für.
40. Der Frantzosen Leichtsinnigkeit
(XXXX.)
Der Frantzosen Leichtsinnigkeit.

Ob die Frantzosen mit Fug leichtsinnig zu nennen /wie sie ins gemein gehalten werden / haben wir ümständig betrachtet in dem CCLXVI Gespräch spiele §. 16. Als ich zu Rom war / hat sich innerhalb 14. Tagen ein Exempel begeben / welches die Italiäner nicht genugsam verwundern können / und weil ich es / wie viel andre Sachen bemercket / wil ich [133] es hieher setzen / und dem Leser darüber zu urtheilen frey lassen.

2. Bey deß Hertzogs von Bethune / damaligen Frantzösischen Gesandten zu Rom / Hofstat / haben sich zween von Adel auffgehalten / welche Landsleute / Verwandte / und als Brüder mit einander in einer Behausung / in einer Kammer / und über einem Tische gelebt. Sie hatten einen Beutel / einerley Diener und einerley Kurtzweil / ja ein Bett.

3. Als sie nun wegen Frauenzimmer etliche Schertzreden wechselten / ergrimmet der eine / und versetzet dem andern einen Backenstreich: der geschlagene antwortet mit der Faust: sie waltzen sich aus den Federn / und schlagen einander mit Fäusten. Als sie deß Handels fast satt / sagt einer / was schlagen wir einander wie Bernheuter / laß uns die Degen nehmen / und als Edelleuten gebühret die Sache außtragen. Der ander verwilligte also bald darein / und hat diese letzte Rede / einer von ihren Dienern / gehöret / welcher so bald hingelauffen / und ihr vorhaben den H. Gesanden angemeldet.

4. In dem nun diese beede unterwegens / kommen ihnen die andren Frantzosen entgegen / bieten ihnen wegen ihres Herrn Friede / und führen sie zu rucke nach Hof / aldar sie der Herr Gesande vereiniget / und zu vorgepflogener Freundschafft vermögt. Wol die Sache ist verglichen / und sie sind in vorigem vertrauen / als ob sie niemals einiger Unwill entzweyet hette. Dieses ist ein versöhnliches Gemüt / welch es bey Italiänern und Spaniern selten zu finden / bey den Teutschen und Frantzosen nichts neues ist.

5. Wenig Tage hernach hat einer von ihnen einen andern Streit mit auch einem Frantzosen / und spricht den andern zu einem Beystand an / welcher also bald willig darzu. Nach dem sie nun die Post genommen /und sich in dem Farnesischen Gebiete schmeissen wollen / werden diese beede unter dem Thor zu Rom aufgehalten / weil ihr Anschlag [134] verkundschaffet / und die andren wieder zu rucke gebracht. Dieser Zwist wird durch den H. Gesanden nochmals beygeleget. Hierüber machten die Italiäner abermals ihr Gespräch / und verwunderten / daß der seinen itzigen Freunde zu gefallen sein Leben aufsetzen wollen / welcher neulichst sein Feind / und es ihm zu nehmen getrachtet.

6. Noch viel grösser Wunder erweckte der dritte Handel. Zween Frantzösische Edelleute werden über den Spielen strittig / einer unter den zweyen von welchen wir reden / ist darbey / und bittet sich an zu einem Beystand dessen / welcher nach seiner Meinung recht hatte. Der andre nimmet seinen Hauß- und Tischgenossen zum Gegenbeystand auf seiner Seiten. Diese vier reisen nach Caparolle und rauffen mit einander. Nach dem sie aber alle vier sehr verwundet /kehren sie zu ruke in die Statt / und lassen sich verbinden / als ob sie mit vier andern zu fechten gehabt /und keiner jemals deß andern Feind gewesen were.

7. Die Italiäner haben der Frantzosen Eifer mit einem Donnerschlag verglichen / der schnell darnieder fället / und keinen Schaden verursachet / ins gemein aber haben sie dieses der Frantzösischen Leichtsinnigkeit zugeschrieben / welche ihr Leben so gering schätzig mache: da hingegen die Italiäner und Spanier in ihren lieben und hassen beständig verharren / und selten ihren Feinden unter Augen verkündigen / sondern der Gelegenheit erwarten / ihnen mit ihrer Sicherheit zu schaden.

8. Der Mensch hat Leib und Seele / und ist schuldig GOTT von beeden Rechenschafft zu geben. Er kan seinem Leibe durch übermässiges essen und trincken so wol / als durch unnöhtige Gefahr und Wagnis / Schaden zu fügen / und sein Selbstmörder werden /was nun solche für eine Straffe auff sich laden / ist bewust. Bleib in deinem Beruff / »so hast du ein gutes Gewissen / und kanst dich in dem Nohtfall desselben getrösten.«


[135] 9. Buchstab-Wechsel.

Ehr: Reh.

So schnell der Rehbock fleugt
Wann er gejaget wird:
So sehr sich selbst betreugt
Und in der Rechnung irrt /
Der durch viel schlagen
Wil Ehr erjagen.
41. Der verrähterische Schwager
(XLI.)
Der verrähterische Schwager.

»Das Eisen schafft viel Nutzen / und das Gold bringt viel Schaden. Die Chymisten behaubten mit guten Ursachen / daß dieses Sonnen-Metall von Gott nicht zu dem Ende erschaffen / daß man darmit stoltzieren /oder wuchern sol / welches beydes Gott zu wieder: sondern daß man Hertzstärckungen und Lahungen nach der Apotecker Kunst darvon bereiten sol. Doch hält diese Lasterzeit das Gold in so hohen werth / daß es gleichsam das fünffte Element / ohn welches nichts bestehen kan.« Der Apostel sagt recht: Die nach grossem Reichthum trachten / fallen in viel Versuchungen / welche ihnen der Satan / als Fallstricke geleget hat: und unser Erlöser vergleichet die Sorge der Nahrung / und den Reichthum dieser Welt mit den Dörnern: wer damit umbgehet / kan sich leichtlich verletzen / die Sorgen bleiben / in dem die Freude so man darob trägt / mit den baldwelcken Rosen dahin fället.

2. Dieses hat auch erfahren Tygris / ein Soldat / der sein Glück durch Tapferkeit suchen müssen / und als der jüngste von seinen Brüdern / seinen Unterhalt ausser väterlicher Verlassenschafft werbē? hat es auch so weit gebracht / daß er eine Haubmannschafft unter deß Königs Leibregiment erlangt / und bey jedermann ein gutes Lob hatte: sonderlich aber / war er ein guter Jäger / und liebte diesen Krieg wieder die wilden Thier über alles.

[136] 3. Zur Friedenszeit / unter König Heinrich dem Vierten dieses Namens in Franckreich / lage sein Fahnen in dem Lyonischen / und er machte Kundschafft mit Nilamann einem vom Adel / in der nähe / welcher ihn wegen der Jägerey / als seinen Bruder liebte / mit auf seine Wildfuhr führte / und vielmals in sein Schloß zu sich nahme: daß die Vertreuligkeit unter ihnen sehr groß / und fast keiner ohn den andern seyn konte.

4. Dieser Nilaman hatte eine schöne Schwester Namens Crispina / welche sich belustiget diesen freundlichen Jäger / mit ihren Augen zu bestricken: Tygris hingegen verhoffte grossen Reichthum / welcher ihm ein Wildbret ware / mit dieser Jungfrau zu fangen. Eutrope ihre Mutter / und Nilomann der Bruder liessen ihnen dieses Gestell nicht zu wieder seyn / und werden sie beede ehlich getrauet / ob sich wol andre umb Crispinam angemeldet.

5. Tygris erhält zu einem Heuratgut ein Stück von Eutrope Landgütern / und lebt mit allen vergnügen /in friedlicher Liebe / und mit grossen Ehesegen / ich wil sagen vielen Kindern bereichert / oder vielmehr verarmet: daher er seines Schwagern Güter und Einkunfft mit lustrenden Geitzaugen anschauet / und nach Mittlen trachtet / solche an sich und seine Erben zu bringen: unbetracht / daß dorten Salomon sagt /unrecht Gut hilfft nicht / und der Segen deß HErrn machet reich ohne Mühe / in seinen Sprüchen am 10. Cap.

6. Er wuste wol daß Niloman mit dem Degen noch mit dem Gifft / ohne seinen eignen Schaden nicht schaden kunte / musste deßwegen auf sichre Mittel gedenken diesen seinen Schwager aus dem Wege zu raumen. Es bulte Maximus ein Edelmann in der nähe umb eine adeliche reiche Wittib: Tygris räht Niloman er solte sich darumb bewerben / bringet aber auf der andern Seiten zu wegen / daß Maximus ihn fordern ließ / auf welchem Fall Tygris verhoffte halb gewonnen zu haben / dann Nilomann obsiegte seinem Gegner / und musste in Welschland [137] entfliehen / daher die Verwaltung aller Güter der Eutrope / auf Nilomann gewaltzet.

7. Nach Verfliessung etlicher Jahre wird Nilomann mit Maximi Freunden versöhnet / daß er wieder nach Hause kommen darf / und weil er sich in Schulden gestecket / und seine Güter verpfändet / trachtet er eine reiche Heurath zu thun / welche Tygris listig verhindert / in dem er sich solche zu fördern bemühet scheinen wolte / weil er wol wuste / daß seine Kinder keinen Antheil bey Nilomans Gütern zu hoffen / wann er heuraten / und selbsten Erben haben würde.

Unter andern Nilomans Gläubigern / welche ihm abwesend Gelder zugewechselt / war auch Apollin ein reicher Handelsmann / welcher wiederumb bezahlet seyn wolte / und bey Gericht angehalten / man solte ihm sein Unterpfand Nilomans Güter zu urtheilen. Tygris reitzete seinen Schwager / daß er den Kauffmann ausfordern und ihm mit den Degen abrechnen und Recht schaffen solte / wie auch erfolget.

9. Apollin verstunde den Wucher besser / als den Degen / und liesse Niloman sagen / er solte ihn zahlen mit Gold / und nicht mit dem Eisen / und lasse er mit solchen Wechselbrieffen keine Schuld abführen. Hierüber ergrimmet Niloman / und draut Apollin zu erwürgen / wo er ihn antreffen würde / und gelobt ihm Tygris getreuen Beystand: lässet aber Apollin für seinem Schwager warnen / damit er desto leichter solte ermordet werden. Den falschen Mund der Gottlosen /wird ihr Frevel überfallen / wie Salomon redet in dem vorangezognen Capitel seiner Sprüche.

10. Einsten als sie beede auf der Jagt / kommt Apollin daher geritten / und Nilomann wil mit seinem Schwager und seinem Knecht auf sie zu / vermeinend / daß Apollins Geferden so verzagt / als er / wird aber von Tygris verlassen / umringt / und von Apollin zu boden geschossen: aller massen alles von Tygris verkundschafftet / und mit Apollin [138] gegen Nachlassung der halben Schuld abgeredet worden.

11. Nach dem Tygris Eutrope Güter / welcher inzwischen verstorben / an sich gebracht / vertraut er seine Verrätherey seiner Frauen Crispina / die darob ein grosses Mißfallen / und ihren Bruder sehr geliebet hatte. Als sich aber kurtz hernach / ein Haußstreit unter ihnen ereignet / wirfft sie in ermanglung andrer Rache ihm vor / daß er ihres Brudern Tod verursachet habe / ihn Apollin verrahten / und zeiget auch solches ihrer gantzen Freundschafft unbedachtsam an.

12. Kein Unglück kommt allein / sagt man in dem Sprichwort. Dieses geschahe auch hier / und wurde eben zu selbiger Zeit einer der Apollin Nilomann ermorden helffen / wegen andrer Verbrechen eingezogen / der bekennet / daß er Tygris und Apollin zu erstbesagtem Mord geholffen. Als Tygris Nachrichtung wegen solcher Beschuldigung / raumt er das Land /kan aber sein böses Gewissen nicht raumen / sondern lässet sich beduncken / daß er aller Orten das Blut seines Schwagers / wie Cain das Blut Abels / von der Erden gen Himmel schreyen hörte: entfliehet deßwegen in Teutschland / und ist nachmals in den Kriegswesen geblieben.

13. Also gehet eine böse That nicht wol hinaus /und verliert der alles / so alles durch die List zu erlangen verhofft. »Seine Anschläge sind wie leichte Spreur / so der Wind zerstreuet / ob sie gleich vollen Körnern gleich scheinen.« Hingegen aber ist der / so seines Beruffs abwartet / auf dem Wege der Gerechten / ein Palmbaum / an den Bach gepflantzet / dessen Bläter nicht verwelcken / und der seine Früchte bringet zu seiner Zeit. Hieher zu Tygris Geschichte schicket sich auch der Spruch Malachi: Vertraue dich nicht der / die in deinen Armen schläffet / und wie Salomon saget: Wer seinen Mund bewahret / der bewahret sein Leben. Die Spanier sagen / daß der sein Geheimnis eröffnet / seine Freyheit [139] »verkauffe / und gleichsam eines andern Verschwiegenheit dienstbar seyn müsse.«

14. Gott ist allein getreu /
Dessen Güte täglich neu /
Untreu ist der Welte Gott /
Mit der bösn und grossen Rott.
Hieraus ist leicht zu erkennen /
Wer deß Höchsten Kind zu nennen /
Und wer dort wird ewig brennen.
42. Der doppelte Brudermord
(XLII.)
Der doppelte Brudermord.

Wie in vorhergehender Erzehlung der Geitz einen Todschlag angerichtet / also wird in folgenden zu ersehen seyn / wie die Lustseuche dergleichen übel stifftet. Augenlust an Gelt und Gut / fleischeslust in unziemlicher Vermischung / und ein hoffertiges Leben /in grossem Ehrenstand machet daß die Welt im argen lieget / und deß Satans Schand-Braut heist.

2. Die Witweiber sind viel verführerische Lockvögel / weil sie mehr in diß Garn fallen machen / als die einfältigen Jungfrauen / so das erstemal richten. Dieses sage ich / wegen Parmena einer jungen Wittib von 20. Jahren / welcher ein alter Mann grossen Reichthum hinterlassen / daher sie der Buler und Freyer nicht ermangelte / die solches Honig als die Immen herbey lockte.

3. Unter vielen war Prilidian / ein Edelmann von 30. Jahren / der das seine zu Gewalt / und so wol seine Schwester / als seinen Bruder weggerichtet hatte. Dieser wolte der Haan in dem Korb seyn / und bey Parmena die andren abstechen. Diese Wittib /hatte bey ihrer ersten Verheuratung ihren Freunden gefolget / und wolte nun ihren Augennach hangen /und selben die Wahl lassen / welche unter so vielen fast schwer fallen wolte. Was ihr morgens beliebte[140] mißfiele ihr abends / und was ihr heute schetzbar war / achtete sie deß andern Tages für verwerfflich / und war ihr Hertz so wandelbar als der Mondschein.

4. Prilidian wuste ihr zu Gemüthe zu führen / daß über alle maß an Ehr und Reichthum unbeständig /und wuste dardurch so wol höhere / als geringere aus dem Sattel zu heben / sich aber hingegen / weil er einen Mittelstand führte / hinein zu schwingen. Er wurde von Parmena angehört und fast erhöret / daß er die Hoffnung schöpffte / diese Wittib darvon zu bringen / in dem Babylas sein jüngerer Bruder / aus dem Krieg wiederkommet / und dieser bald künfftigen Hochzeiterin / als seiner Schwägerin / aus Höfligkeit zuspricht / und ihr aufwartet.

5. Parmena lässet ihr den jüngern Bruder besser gefallen / als den ältern / und giebt ihm ihre Neigung erstlich mit verblümten / nachmals mit gantz deutlichen Worten zu verstehen. Babylas entschuldigte sich / daß er ihr / seinem leiblichen Brüdern zu Nachtheil /hierinnen nicht gehorsamen könne: ohne selben aber würde er solches Glück / wiewol unwürdig / mit danckbarlicher Dienstleistung annehmen.

6. Parmena schaffet so bald Prilidian mit ungehaltnen Worten ab / daß er aus Traurigkeit in ein Kloster gehet / und darinnen sein Leben zu enden gedencket. Babylas setzet seine Gegenliebe auf Parmenam / und verhoffet durch diese Heurat ein reicher Herr zu werden / iedoch fähret er bedachtsam.

7. Nach dem nun Prilidian in dem Probjahr seines Ordens lebet / spielte Babylas in den hinterlassenen Gütern den Meister / wil sich aber mit Parmena nicht versprechen / biß sein Bruder das Kloster-Gelübd gethan / und geistlich zu bleiben versichert. Parmena nimmet diesen Verzug Babylas für eine Verachtung auf / und schreibet an Prilidian ein so freundliches Brieflein / daß er wieder in die Welt kehret / und das strenge Leben / welches ihm verdrießlich vorkommen / verlässt: ungeachtet er von seinen Mitbrüdern zu der Beharrligkeit vermahnet wurde.

8. Die unbeständige Parmena hatte nun [141] wider die Wahl unter dem gewesnen Mönche / und Soldaten /nach genommenen Bedacht erkieset sie den Jungen vor den Alten. Hierüber eiferte nun Prilidian billich /und beklagt seinen Bruder der Untreue und Falschheit. Babylas verantwortet sich / daß er unschuldig /sich bißanhero mit Parmena zu verloben geweigert /und sey er darüber aus dem Kloster beruffen worden: nun aber könne er dieser Wittib Sinn nicht ändern /noch sein Glück mit Füssen wegstossen: Er aber hette doppelt Unrecht / daß er ihm verbieten wolte / was er nicht erlangen könte / und daß er ihn / als einen leibeignen Knecht / tyrannisiren wolte.

9. Mit diesem allen wolte sich Prilidian nicht vergnügen / weil ihn der Eifer verblendet / daß er so wol gegründte Ursach nicht ersehen möchte: sondern befihlt seinem jüngern Bruder nochmals / er solte wieder in den Krieg ziehen / und dieser Wittib müssig stehen / würde er ihn aber noch einmal bey ihr antreffen / so wolte er ihm weisen / was ein jüngerer Bruder dem ältern für Gehorsam zuleisten schuldig.

10. Babylas antwortet der gestalt / daß Prilidian leichtlich konte abnehmen / er fürchte sich noch für seinen Worten / noch für seinen Wercken / so lang er einen Degen an der Seiten. Hierüber scheiden sie /und Babylas gehet bey einem seiner Freunde zu wohnen / und spricht bey Parmena täglichs ein / welche ihm auch die Ehe gelobt / daß sie niemand als der Tod / scheiden solte: Prilidian wird hingegen Parmena Hauß verbotten / bey und umb welches er mehrmals Schildwacht zu halten pflegte.

11. Als nun diese beede Brüder / auf einen Abend /einander bey Parmena Hause begegnen / ergrimmet Prilidian in erkrankter Liebe / ich wil sagen aus rasendem Eifer / und ziehet von Leder / welches imgleichen auch Babylas that / gehen also feindlich zusammen /und stossen einander dergestalt / daß Prilidan alsobald / Babylas aber den folgenden morgen verschieden.

[142] 12. Jederman gabe der Wanckelsinnigen Parmena die Schuld dieses Brudermords / und weil sie Gott eine Seele durch ihren Bulbrief entführet / hat sie solche mit der ihren erstatten wollen / und sich in ein Kloster begeben / darinnen sie ihr Leben verschlossen.

13. Die Lehre ist von der Weibspersonen Unbeständigkeit / und hat deßwegen jener recht gesagt /»wann alles bey verliebtē Hochzeiterin nach Wunsch bestellet / so könne doch niemand Bürgschafft leisten / daß alles beederseits also verbleiben werde. Der Männer Sinn ist mit dem Alter gleich so wandelbar /und im Ende ist nichts beständig in der Welt: Alle Menschen sind Rohre / die der Wind hin und her wehet.«


14. Es ist die runde Welt eim Glückstopf zuvergleichen
Ob dessen Dockenkram sich freut der Povel-Hauff /
Und waget ihre Seel / lässt manche Zettel reichen /
Find aber nur ein o / und lauter nichts darauf /
So weiset die Figur
Der schnöden Welt Natur.
43. Der doppelte Jungfrauraub
(XLIII.)
Der doppelte Jungfrauraub.

Weil die Welt gestanden ist / sind die Frommen mit den Bösen vermengt gewesen: »und weil sie stehen wird / werden der Bösen mehr als der Frommen zu finden seyn: massen wir Menschen uns leichter auf dem Laster durch ärgernis / verleiten / als durch gute Exempel zu dem Tugend-Steig geleiten lassen.« Von beeden folget in nachgehender Geschichte / die solche Vermengung sonderlich außfürlich machet.

2. In der Normandia hat sich aufgehalten ein armer von Adel / Namens Martel / welches Tapfferkeit mehren Gelts würdig gewesen / als er [143] dardurch erlangen können. Dieser erkühnet sich eines vornemen Landsherren Tochter Aldegonde aufzuwarten / und hatte einen Zutrit bey ihrem Herrn Vatern / Philippin / dem er in etlichen gefährlichen Begebenheiten / treuen Beystand geleistet.

3. Martels Demut / Höfligkeit und Bescheidenheit machten ihn bey der Jungfrau angenehm / daß er ihre Gunste verhoffte: seine Armut aber hielte der Tugend Gegengewicht / daß er so hoch anzukommen fast verzweifelte. Doch erlangte er nach und nach Adelgonde Gewogenheit / daß sie keinem andern in ihrem Hertzen Platz zu geben bey sich beschlossen. Beede musten hierinnen behutsam verfahren / damit Philippin nicht Ursach hette diesen Martel seine Güter zu verbieten / und ihn seines Liebsten Angesicht zuberauben / welcher ihm wehrter als deß Tages Liecht.

4. In dem nun diese ihre Liebesflammen mit seufftzen und Thränen an- und auffeuren / kam Epolan ein alter unruhiger Herr wiederumb aus Flandern / dem Schauplatz der Heldentugenden / und weil er ein Wittber / und der Einsamkeit nicht gewohnt / bewarb er sich umb Barsimenam / ein junge Wittib / welche er vor etlichen auch geliebet / und deren Mann in Neuligkeit verstorben / daß sie das Trauerjahr zuvor außwarten / ihm aber in zwischen nichts abgeschlagen haben wolte.

5. Epolan wolte die Zeit zu lang fallen / und nach dem er auch ihr freyen willen zulassen / berahtschlagt / finden sie beede dieses Mittel / daß sie eine Heurat abreden / und nach solcher Verbindnis vollziehen /die offentliche Hochzeit-Begängnis aber / biß nach verwichnen Trauerjahr außgestellet wolten seyn lassen. Nach dem solches geschehen / hat Epolan dieser verlobten (vielleicht zur Straffe ihrer Gebühr) genug /und nimmet seinen Weg wiederumb in das Kriegswesen.

6. Nach geraumer Zeit kehrt er wieder nach Hause /und ersihet in einer Gesellschafft Aldegonde / wie selbe von Tharste einem reichen Edelmann in der[144] Nachbarschafft bedienet wird / welchem Victor der Aldegonde Bruder möglichste Beförderung thete. Wie aber der Mond und die Sterne weichen / wann die Sonne auffsteiget / also musten alle andre Buler zu rucke treten / so bald Epolan erschienen / und hat Philippini diese Heurat noch der guldenen Regel bald außgerechnet / und seine Tochter Epolan versprochen.

7. Als nun Philippin Aldegonde über dieser Heurat bespricht / und Epolons Alter entschuldigen wil /sagte sie daß ihr der junge Tharsie und der alte Epolan gleich viel gielte / sie wolte es seinem willen heim gegeben haben. Der Vater lobte diesen kindlichen Gehorsam / und vermetnet / daß er gewonnen / und seine Tochter deß Alten vergulte Pillulen gerne schlucken würde.

8. Tharsie klaget seinem Freunde Victor / wie ihre Schwägerschafft in den Brunnen fallen wolle / und berathschlagen daß Tharsie Aldegonde entführen solte / er wolte sie bey seinem Herrn Vatern schon wieder außsöhnen.

9. Inzwischen dieser Handel schwebet / kommt Barsimena zu Aldegonda / und erzehlet ihr in vertrauen / was zwischen Epolon und ihr vorgangen / und welcher gestalt er ihr ehlich verbunden / krafft vorgewiesenen schrifftlichen versprechens / an welches Epolon so wenig gedacht / als an die Sünden seiner Kindheit. Aldegonde wünschte nichts mehr / als diese beede abzuweisen / und ihren Martel zu erwarten /bittet deßwegen Barsimena solte Epolon einen Einspruch thun: weil sie aber dieser Rechtfertigung Weitläufftigkeit befürchtet / bittet sie Aldegonde / sie solte sie an dem Hochzeit-Tag an ihre Stelle tretten lassen /da sie ihr Ehversprechen für allen geladnen vorweisen / und Epolon zu solcher Vollziehung anhalten wolte.

10. Die Kirchen war von dem Schloß entfernet /und solte die Trauung bey Nachts geschehen / daß also Barsimena / welche etliche Tage zu vor sich in der Aldegonde Zimmer verborgen sich an der [145] Braut stat leichtlich einschleichen mögen / wie dann auch beschehen / aber mit gantz ungleicher erfolge.

11. Tharsie und Victor hatten den Anschlag gemacht Aldegondam darvon zu führen / und legten es mit dem Knechte an / daß er gegen einer Beliebung /still halten und die Braut solte rauben lassen. Wol /der Abend kommt herbey: Barsimena zieht die Brautkleider an / und vermasquert das Angesicht / der Braut Vater / Bräutigam / und die gantze Freundschafft fahren fort in die Kirchen: Als Barsimena die vermeinte Braut folgen sol / wird sie von Tharsie aus der Kutschen genommen / auf ein Pferd gesetzt / und entführet.

12. Das Geschrey kommt in die Kirchen / jederman eilt den Raubern nach / und als sie endlich gegen morgens ergriffen worden / finden sie sich allerseits betrogen. Epolon muß seine Hand und Petschafft erkennen / wil aber entbunden seyn / weil Parsimena eine gantze Nacht sich bey Tharsie aufgehalten. Tharsie verantwortet ihre Ehre / und als Epolon solcher wiedersprochen / kommen sie darüber zu streichen / und konte Philippin und Victor beede so geschwind nicht von einander bringen / daß Epolon nicht einen tödtlichen Stoß an die Seiten darvon getragen / an welchem er drey Tage hernach / als er zuvor Barsimenam gefreyet / verschieden / Tharsie aber muste flüchten gehen.

13. Aldegonda hatte inzwischen mit Martel die Abrede genommen / das Land zu raumen / und sich in Flandern zu begeben / aldar er sie / Christlöblichen Gebrauch nach / zu Kirchen und Strassen geführet. Nach dem aber Philippin aus Bestürtzug unn Traurigkeit an einem Schlag gestorben / hat Martel die Mutter und Vatter versöhnet / daß er wieder kommen und seines Weibs Erbtheil in Ruhe und friedlichen Wolergehen besitzen dörffen.

14. Der gerechte Gott straffet mehrmals die Ungerechten auf nie erwarte weise / und ist hier zubetrachten der Barsimena Thorheit / daß sie einem schlechten Papier ihre Ehre vertrauet: deß Epolans [146] Untreue / daß er sich entblödet zwey Weiber zu nehmen: Martels und der Aldegonde Beständigkeit / und Vermessenheit / welche zwar noch wol außgeschlagen / aber doch sehr gefährlich angegangen worden: deßwegen ihnen hierinnen niemand folgen sol. Ein Weiser fürchtet sich / sagt Salomon / und meidet das Arge / ein Narr aber fähret hindurch dürstiglich. Es gefällt manchem ein Weg wol / aber endlich bringt er ihn zum Tode.


15. Der honig-süsse Gifft / bringt nicht beliebten Tod /
Deß Artztes Wermut Trunk / hilfft manchen aus der Noht /
Wer alles was er schaut läst seinen Sinn belieben /
Der sucht aus Unverstand / das / was ihn wird betrüben.
44. Die Amazonin
(XLIV.)
Die Amazonin.

Zu Zeiten als der Hertzog von Parma Alexander Farnesius die Niederlande regieret / hat der Spanische Marggraff Varambon / Ritter deß güldnen Flusses /Bilemberg / eine kleine / aber feste Statt / nechst Reinberg / belägert / und nach langem Gefecht / und grossem Wiederstand mit stürmender Hand erobert. Die Soldaten unterliessen keinen Hochmuth / welchen sie / als Sieger / erdencken / und ungestrafft verüben kunten.

2. Unter andern wurde die Todten zu begraben gebetten / damit der üble Gestanck nicht die Lufft vergifften / und dardurch eine Pestin entstehen möchte /und fande man zween Soldaten einander ümarmend auff der nieder geschossnen Mauren liegen: Als sie von einander gerissen und außgezogen [147] worden / findet sich / daß der ein eine schöne Weibsperson / und als dem Marggraffen diese Geschichte zu Ohren kommen / hat er wissen wollen / was sich mit diesem Marmelstein-Bilde begeben.

3. Ein halb todter Soldat erbote sich die gantze Geschichte / welche ihm nur allein bekannt / zu erzehlen / und alsdann willig zu sterben / weil er spürte / daß seine Wunden tödtlich. Der Marggraff verfügte sich /mit vielen andern hohen Befehlhabern zu ihn / und hörte von den sterbenden Soldaten nach abgelegter kurtzer Höfligkeit / in Teutscher Sprache / welche sie alle wol verstunden / nachgehende Erzehlung.

4. Ich dancke Gott / sagte er / daß ich noch so viel Kräfften / daß ich meiner getreuen Liebe / und Freundschafft dieses Ehren-Gedächtnis / in beywesen so vieler tapfren Helden stifften kan. Man nennet mich Arelan / ich bin von Hessen bürtig / und ist meine Geburtstat gewesen Melsingen / unfern von Cassel. Ich habe von Kindesbeinen an ein treuverknüpffte Freundschafft gepflogen mit Inemar / einem Edelmann von Rottenburg / welcher bey meinem Lands-Fürsten / als ein Edelknab auferzogen worden. Man hat uns beede genannt die unzertrennlichen /weil keiner ohn den andern leben mögen.

5. Zu Melsingen verliebte sich mein getreuer Hertzens Freund in Jolandin eine Jungfrau / welche mir mit weiter Freundschafft zu gethan / da ich ihm dann gute Dienste zu leisten / eusersten vermögens bemühet gewesen / dann ob er wol bey der Jungfrau alle Gegenlieb verspüret / so ware sie doch etlicher massen von Gratiana ihrer Stiffmutter Hugolin Räuls ihres Mannes Sohn von seiner ersten Frauen versprochen / für welchen Jolandin ein stetiges Abscheu haben muste / dann er ein unmensch / sein Ruck und Brust waren zween Berge in deren Thal sein Magen vertieffet / und mit seinem Haubt bedecket war. Er war eine kleine Person / in dem Angesicht hatte er die Farb eines krancken Spaniers / und wendeten alle schwangere Weibspersonen die Augen von diesem Krüppel / welcher ihm doch keine [148] kleine Vollkommenheit eingebildet mit seinem hohen Rücken.

6. Als nun nach langem Verzug die Hochzeit angestellet wird / findet Jolandin keine Thür diesem abentheurlichen Hochzeiter zu entgehen / als die Flucht /und damit solche so viel sicherer zu wercke gerichtet werden möchte / hat sie meine Kleider angezogen /und ist mit mir und Incmarin gefolget / welcher / auf anhalten Räuls / von den Fürsten Melsingen zu meiden / gebotten worden.

7. Hier muß ich nicht vergessen zu melden / daß ich diese Jolandin auch brünstiglich geliebet / meinen Freund aber nicht zu beleidigen / hab ich sein vergnügen / dem meinen / weit vorgezogen / und hierinnen vielmehr ihm / als mir selbsten behülfflich seyn wollen / massen ich sie ihm besagter weise / in Manneskleidern zugeführet / und bin ihrer ehlichen Verlöbnis Zeuge gewesen. Damit wir nun nicht außgekundschafftet und wegen dieser That von unserm Lands Fürsten durch seine Sachwalter alhier in Niederland angehalten würden / haben wir für sicher befunden /Jolandin in dieser Kleidung verbleiben zu lassen / und weil wir keine Narungs mittel hatten / haben wir Dienste genommen / und Jolandin in allen Kriegsübungen unterrichtet / damit sie auf keine weise unter andern Soldaten erkäntlich seyn möchte: gestalt dann diese Amazonin mehr Mannheit erwiesen / als von ihrem Geschlecht glaublich ist.

8. Jüngsthin / als wir in dieser Statt Bilenberg angegriffen wurden / ist Incmar / auf der niedergeworffnen Mauren durch einen Mußqueten Schuß gefället worden / welches todten Leichnam Jolandin aus brünstiger Liebe / umarmet / und darüber von den anleuffenden Stürmern zertretten / und getödet worden /deßwegen ich dann nach besagten meines Freundes Tod / zu leben nicht mehr erwünscht / sondern allein diese Gnade bitte / daß ich zu ihnen beeden begraben werden möge.

9. Mit dergleichen Worten endete Arelan seine Rede / und hat ihn der Marggraff seiner Bitte [149] gewehrt / ihn samt Incmar und der tapfern Jolandin ehrlichen zur Erden bestatten lassen / und ihnen auch ein Grabmahl mit nachgesetzter Überschrifft aufrichten lassen.


Drey / so stets treu in ihrem Leben
Der Lieb und Freundschafft sich ergeben
Liegen hier
Der Tod / der alles pflegt zu scheiden
Muß sie hier ungescheiden leiden.
Für und für.

10. Die Lehre ist / daß die Eltern ihre Kinder nicht zuverhasster Personen Heurat / wann sich die Gemüter nicht gleichen wollen / nöhtigen sollen / dann wann die Liebe in freyen Willen bestehet / sol solcher nicht wieder alle Vernunfft gezwungen werden. Im fall aber dergleichen geschiehet / sihet man einen bösen Außgang / und viel Hertzenleid daraus erfolgen. Es ist auch bey diesem Arelan ein Exempel getreuer Freundschafft zu erlernen / wiewol er hierinnen gefehlt / daß er seinen Freund vielmehr von seiner Liebe abmahnen / als darzu beförderlich seyn sollen.


11. Der Tod / der starcke Rieß hat alles überwunden /
Doch führt die Lieb allein den Goliad gebunden /
Daß mehrmals auf dem Grab wann dieser Leib Zerstaubt
Die Lieb / aus Todes Hand / ihr Angedencken raubt.
45. Der Alraun
(XLV.)
Der Alraun.

Unter den Erdgewächsen ist keines das einen gantzen Menschen bildet / ausser der Wurtzel welche man Mandragel / Mandragora / oder Alraun [150] nennet. Von dieser Wurtzel sollen deß Labens Haußgötzen gemacht gewesen seyn / wie die Rabinen wollen. J.B. Porta schreibt daß ein Italiänischer Zahnbrecher solche Wurtzel als einen Menschen geschnitten / und in die Scham ein Hanffkörnlein gestecket / selbe darmit eingegraben / und dardurch zu wegen gebracht / daß der Alraun mit dem Haubt auf alle Fragen geantwortet. Dergleichen sol die Jungfrau zu Orleans gehabt haben / welche die Frantzosen wieder die Engelländer vertheidiget. Josephus nennet diese Wurtzel Baaras /von dem Thal wo sie häuffig wächset / und saget /daß sie zu Nachts leuchte wie eine Glut / und sol durch einen hungerigen Hund heraus gerissen werden / darvon zu lesen Plinius im 25. Buch am 12. Capitel. Zu Hamburg hat man drey Weiber welche mit diesen Wurtzeln gehandelt / mit Rutten außhauen lassen / im Jahr 1630.

2. Etliche wollen daß diese Wurtzel unter den Hochgerichten gefunden werde / weil der Saamen von den erhenckten Dieben herunter triefe / und solche Mandragoram wachsen mache / welches Wort auch Teutsch / und von Mann tragen der Wurtzel Namen gegeben. Alraun aber werde sie genennet / von dem Wort all und raun / raunen / weil es allen heimlich in die Ohren raune / was sie thun sollen / umb reich zu werden. Es sind aber etliche Erdgewächse / so diesen Namen tragen / und alle in dem Schatten stehen wollen. Der Safft dieser Wurtzel machet starck schlaffen.

3. Ob nun wol diese Wurtzel / ohne Sünde seinen natürlichen Gebrauch haben mag / so hat der böse Feind sein Spiel hierbey / und machet derselben übernatürliche Tugend zuschreibē / wie jener Schwab / der seine Freunde gebetten sie solten ihm ein Hauß-Geist(Spiritum familiarem) von der Messe mit bringen. Diese haben ihm zu schertz eine Mücken in einem Glaß verkaufft für 2. Thaler / und das vertruncken /durch welche so bald der Satan geredet / weil nemlich der Kauffer sein vertrauen von Gott ab- und zu dem Teuffel gesetzet hatte / davon der Höchste alle Christen behüten wolle.

[151] 4. In einer vornehmen Handelstatt in Franckenland / hat sich eine merckwehrte Geschicht von einem Alraun begeben / darauß zu ersehen seyn wird / wie der böse Feind die einfältigen so meisterlich zu betriegen weiß / und ihnen hernach mit ewiger Verdamnis zu lohnen pflegt. Wir wollen den gantzen Verlauff kürtzlich erzehlen: jedoch unter verblümten Namen / damit niemand erkand werden möchte / dann theils deroselben Befreunde noch im Leben.

5. Magdalon ein Handwercks-Weib / hinterläst unter andern einen Alraun / oder eine solche Wurtz /wie wir vor beschrieben haben. Als sie sterben wil: befihlt sie der ältsten Tochter / sie solte dieses schwartze Männlein in ein fliessendes Wasser werffen / welches sie auch nach der Mutter Tod gethan / und nicht gewust was es gewesen: aber doch gesehen / daß ihr Vater einsten dieses Kästlein hinter die Thür geworffen / und deßwegen / wie die Leute abergläubig /verdorben seyn solle.

6. Die jüngere Tochter hatte vielmals hören sagen /daß wer ein Alraun hette / bey jedermann angenehm und niemals mangel liede / fragte deßwegen darnach /weil sie wuste / daß einer unter mütterlichen Verlassenschafft vorhanden gewesen. Marian die ältste Tochter / wil nicht sagen / daß sie solchen in das Wasser geworffen / Uneinigkeit und Zwist zu vermeiden. Man suchet alle Winckel aus / die Wurtzel ist nicht zufinden.

7. Nach dem die Abtheilung geendet / und Hedwig die jüngere Schwester beharrlich nach dieser Wurtzel verlangen getragen / findet sie unter ihren Geretlein in einer Truen / den Alraun verborgen / und erfreuet sich darüber nicht wenig. Ob nun der böse Geist dardurch mit ihr geredet / und ihr Rath und That gegeben / kan man nicht wissen. So viel aber hat man ersehen / dz es ihr / dem eusserlichen Schein nach / wol ergangen. Sie hat einen Beckenknecht geheuratet / ihn zu Bürger und Meister gemachet / ja das erste Jahr ein schönes Hauß gekaufft / und Gelts gnug [152] gehabt / da ihre Schwester hingegen verdorben und in eusserste Armut geraten. Hieher gehören die Wort deß Predigers am 8. Capitel. Es sind Gerechte denen gehet es / als hetten sie Wercke der Gottlosen: und sind Gottlose / denen gehet es / als hetten sie Wercke der Gerechten.

8. Nach wenig Jahren fället diese Hetwig in eine tödtliche Kranckheit / und schreibt man solt ihren Mann eiligst holen / dann sie wol spürte daß sie nun plötzlich sterben müste. Man spricht ihr zu / sie solte sich zu einem Christlichen Abschied gefast machen /ihre Sünde erkennen / und auf Gottes Barmhertzigkeit ihr vertrauen setzen. Sie wil von diesem nichts hören /sondern schreyet nur nach ihrem Mann.

9. Endlich als der Mann zu der Thür hinein tritt /wil sie anfangen von den Alraun zu reden / er aber schlägt sie auf das Maul / daß sie also bald in die Züge fällt / und stirbt dahin. Wiewol sie verfahren /wird jhre Seel erfahren haben. Nach dem man sie zur Erden bestattet / ist sie mit vielen heulen und schreyen in dem Hause wiederumb erschienen / wie man sie in den Sarg geleget / daß ihr hinterlassener Wittber außziehen und in einer andern Behausung wohnen / nachgehends aber die seine anders bauen müssen.

10. Hieraus erhellet / was Salomon sagt / Es ist besser arm / »und niedriges Gemüts seyn mit den Elenden / dann Raub außtheilen mit den Hoffertigen /und kargen mit den Geitzigen.« An einem andern Ort sagt er: Es ist besser wenig mit Gerechtigkeit / denn viel Einkommen mit unrecht. Ach was hilfft es den Menschen / wenn er auch die gantze Welt gewinnet /und leidet Schaden an seiner Seele?


11. Buchstabwechsel

Gelt: legt.
Das Gelt legt manchen in das Grab /
Das Geld ist ein gefährtes Haab /
[153]
Wer Tag und Nacht nach Reichthumb tracht /
Der ist schon in deß Satans Macht.
46. Die unbeständige Ehr
(XLVI.)
Die unbeständige Ehr.

Welche auf diesem Welt-Meer / mit dem Glücks-Wind / nach hohen Ehren ausschiffen / leiden unterwegs / oder in dem Hafen Schiffbruch. Ob sie gleich ein zeitlang gutes Wetter oder Windstille haben / so folget doch bald darauf ein Sturm-Wetter / daß sie in Gefahr aus der Gefahr umb das Leben kommen / und ihre Unbedachtsamkeit zu spat erkennen. Solchen Ehrsüchtigen möchte man sagen / was dort unser Erlöser zu den Kindern Zebedei: Ihr wisset nicht was ihr bittet.

2. Dieses hat auch erfahren die verliebte und von Leopart geliebte Arduina / und mit ihrem Beyspiel gelehrt / daß man durch böse Mittel zu keiner beständigen Ehre gelangen kan / sondern vielmehr in solchen beginnen zu schanden werden muß. Sie ware bürtig aus Westphalen / und liesse in ihrer Kindheit den Auffgang einer vortreflichen Schönheit blicken / dessen Vollkommenheit mit zuwachsenden Jahren nicht ohne Verwunderung erfolget.

3. Leopart einer vom Adel in ihrer Nachbarschafft /betete so bald diese Sonne an / und wurde nicht allein von ihr / sondern auch von der gantzen Freundschafft erhöret / und seine Beständigkeit mit ehlichem versprechen belohnet. Aber es sagt der Poet nicht unrecht:


Wer weiß was noch heut spat der Abend mit sich bringt?


4. Adelart ein vornehmer Herr / verliebet sich in diese Hochzeiterin / und weil er weit eine andre Person / als Leopart / wird er von den Freunden mit grosser Ehrerbietung empfangen / und Arduina jhm versprochen / [154] verhoffend / dieser schlechte Gesell /werde ihre Tochter in einem solchen Glück nicht hindern / sondern sich leichtlich wieder abweisen lassen. Arduina wolte hierinnen ihre Beständigkeit zeigen /weil Leopart imgleichen auch bey ihr zu halten versprochen / und muste also ihre Verheuratung den Fortgang gewinnen / es sagten die Befreunden und Adelart darzu was sie wolten.

5. Wann der Ehestand mit gar zu brünstiger Liebe angefangen wird / ist solches selten lang beständig /und hat man in diesem langen Kauff auf mehr Umstände / als nur die begierige Zuneigung zu sehen. Adelart sahe daß ihm Arduina nicht günstig / und deßwegen ließ er geschehen / daß Leopart die Braut heimführete / welcher er doch zu höffeln und zur ungebühr zu reitzen / nicht unterlassen.

6. Arduina hatte ihres Mannes genug und hebte ihre Augen auf zu den Bergen / welche den Donnerkeulen unterworffen / und von welchen man leichtlich herunter stürtzen kan. Sie betrachtet / daß sie eine grosse Frau seyn hette können / wann sie Adelart genommen / ich / sagte sie bey ihr selbst / were allen meinen Gespielen obgegangen / prächtiger gekleidet worden / und hette mehr Freude bey Adelard / als bey meinen jetzigen Mann haben können: und ich Närrin habe mich in der Wahl wisslich und vorsetzlich betrogen.

7. Mit diesen Gedancken wendet sie ihre Liebe von Leopart / auf Adelart / und wünschte ihres Mannes Tod / und diesen zu einem Mann: doch bezeugte sie sich keusch und züchtig / und wuste wol / daß der Ehebruch sie mehr verhasst / als geliebt machen würde. Kurtz. Diese Undanckbare vergibt Leopart mit Gifft / und liesse die Erden solche Sünde bedecken /welche der gerechte Gott zu rechter Zeit mit verdienter Straffe anzusehen nicht unterlassen.

8. Eh das Trauer-Jahr verfliesset / freyet Adelard diese Wittib / und sie kommet also in den langverlangten Ehrenstand / in welchen sie sich stöltziglich verhalten / und ihrem Mann zu Mißtrauen Ursach [155] gegeben / daß er sich befürchtet / sie möchte ihm auch Gifft beybringen / wie Leopart ihrem ersten Ehgatten. Arduina siehet seine Lieb erkalten / und wil solche durch liebkosen erhitzen / vermehret aber dardurch den Argwahn / »weil Adelard wol wuste / daß diese Art Schlangen nicht gefährlicher / als wann sie sich umb den Leib schlingen.«

9. Adelard wird nach und nach dieser Arduina abhässig / daß er sie nicht mehr für seinen Augen sehen mag / sondern ferne von sich auf seiner Baurenhöfe einen schaffet / da sie Zeit genug ihre mörderische That / so sie aus Ehrgeitz an ihrem frommen Mann begangen / zu bereuen / und zu beweinen. Die Einsamkeit und Traurigkeit giebt dieser Verlassnen allerley Gedancken ein / unter welchen sie den vorträglichsten erwehlet / daß sie Adelbard eifern machen wolle /und dardurch wiederumb an sich bringen.

10. Hierzu gebrauchte sie Melin / einen vom Adel in der Nachbarschafft / welchen sie in ihr Netz locket / und mit vielen hertzbrechenden Worten anätzet / iedoch ohne Unehre / die allein in äusserlichem Schein /und nicht im Wercke selbsten befindlich. Dieses vermehrte Adelards zuvor gefassten Wahn / und hielte für ungezweiffelt / daß seine Frau eine Ehebrecherin /und an ihm untreu worden. Solchen nach lässt er sie /und Melin in das Gefängnis stecken / und wegen ihres verbrechens peinlich abhören.

11. Weil sie nichts böses begangen / wurden sie zwar unschuldig erfunden / Arduina aber führet auch unter andern Klagen wider ihren Ehmann diese / daß er sie beredet / sie solte ihren ersten Mann mit Gifft hinrichten / und nun wolte er sie auch gerne todt wissen. Hierüber wird sie ferners befragt / und findet sich / daß sie ohn einrahten und vorwissen Adelarts / Leopart vergeben und umbs Leben gebracht: deßwegen sie auch von dem Leben zum Tod verurtheilt / Melin aber der verhafft erlassen worden.

12. Der Ehrgeitz ist ein unbeständiges Blat / »welches der Wind leichtlich abreissen / und von den[156] höchsten Bäumen zur Erden werffen kan. Wer durch Sünde sich groß machet / der wird mit Schanden wieder klein werden. Die Ehrgeitzigen sind den Babelbauern gleich / die nach eignem Gutdünckel ihr Werck biß an die Wolcken erheben wollen: werden aber von Gott gestrafft / wann sie am sichersten / und müssen ihre eigene Verrähter seyn / wann sie sonst niemand haben / der sie in Unglück bringet.«


13. Es bleibet wahr /
Ehr hat Gefahr.
Ist böse Waar /
Daurt kurtze Jahr /
Ist wandelbar.
47. Der bestraffte Flucher
(XLVII.)
Der bestraffte Flucher.

Bey allen Lastern ist eine Belustigung der Sinne /außgenommen bey dem fluchen und Gotteslästern /welches so viel erschröcklicher / als kein anders / weil dadurch der wolthätige Himmels-HErr unmittelbar beleidiget wird / der seine Sonne lässet auffgehen über Fromme und Böse / dessen Langmuth uns zur Busse leitet. Dieses Laster wird aus böser Gewonheit unvermerckter weise angenommen / daß man für keine Sünde hält / was die grosse Sünde ist / und mehr aus Unbedacht / als aus bösem Vorsatz die Entheiligung deß Namens Gottes über die Zungen springen lässet: deßweges aber nicht zu entschuldigen /sondern so viel mehr zu beschuldigen ist / und gewißlich nicht unbestrafft hingehet.

2. Die Frantzosen haben diese böse Art an ihnen /daß sie abscheulich / wegen deß geringsten Mißfallens fluchen / ja schertzweiß bey S. Peters Pantuffel /und der Jungf. Maria Schlaffhauben dieses und jenes betheuren. Dieses schändliche Laster [157] hatte auch an sich Guy / ein Pariser Kind / welchem sein Vater Antonian zugeordnet war / daß sie zu Orleans dem studiren nachsetzen / und in ihrer Eltern Fußstapffen tretten solten. Dieser Antonian vermahnte Guy / er solte doch den höchsten Gott mit seinem fluchen nicht so vorsätzlich erzörnen / wann er nicht in grosses Unheil kommen wolte. Guy nimmet die Vermahnung in guten auf / entschuldiget sich aber mit der bösen / und bey ihm bereit eingewurtzelten Gewonheit / er meine es deßwegen so böß nicht / und ist die Sünde / welche eine Gewohnheit worden / schwerlich zu meiden.

3. Nach dem dieses Guy Vater gestorben / und ihm der Zaum länger gelassen worden / hat er seiner Freyheit in allerley üppigkeit mißbraucht / darunter das Spielen die geringste: der Treuhertzigen Vermahnung aber seines Vättern war ihm gantz entfallen / und so offt ihm das Maul aufgegangen / hat er alle Reden mit ärgerlichen fluchen abscheulich gemachet / und die Erinnerung seines Vättern übel aufgenommen.

4. Als dieser Guy auf eine Zeit in dem Pallhaus spielet / und mit seinem Gegner über einen Streich streitet / wird bey den Zusehern / wie gebräuchlich /herumb gefragt. Inzwischen das Urtheil ergehet / vermeint Guy seine Sache gut zu machen / und lässet sich grausamer Wörter vernehmen / wie er Gott verleugnen wolte / wann er den Streich nicht gewonnen etc. Gott sol ihn straffen / und also bald eines jehen Todes sterben lassen etc.

5. Bevor nun der Ausspruch zu seinem Nachtheil geschiehet / leget er sich über die Galarie / als ob er einen Pallen nehmen wolte / und ist so bald starr todt / daß man kein Leben mehr an ihn spüren kunte. Es wurde aber beobachtet / daß er die letzten Wort noch nicht völlig außgeredet / als er dahin zu fallen angefangen.

6. Etliche haben sagen wollen / daß er ein Taschmesser bey sich getragen / mit welchem er sich in den Leib gestossen / damit er auff den Kirchhoff begraben / [158] und nicht als ein von Gott augenscheinlich gestraffter Flucher auf dem Schindacker hinaus geworffen wurde / welches der gantzen Freundschafft / noch mehr Spott zugezogen hette. Glaublicher aber ist /daß ihn der Gewalt Gottes gerühret / weil wißlich /daß man von einer so geringen Wunden nicht also bald zusterben pfleget / und daß das Häutlein über dem Hertzen nicht ohne grossen Schmertzen zerreisset.

7. Hieher schicket sich Salomons Spruch: Tod und Leben stehet in der Zungen Gewalt. »Irret nicht / sagt der Apostel / Gott läst sich nicht spotten / als welcher zu Mose gesagt: Führr den Flucher hinaus für das Lager / und laß alle / die es gehört haben / ihre Hände auf sein Haubt legen / und laß ihn die Gemeine steinigen / und sag den Kindern Israel: Welcher deß HErrn Namen lästert der sol deß Todes sterben. Daher vermahnet auch Syrach: Gewehne deinen Mund nicht zum schweren / und Gottes Namen vergeblich zuführen: Dann gleich wie ein Knecht der oft gesteupt wird nicht ohne Striemen ist: also kan auch der nicht rein von Sünden seyn / der oft schweret.«


8. Widerkehr.


1. Wie viel verderbt der Zungen Wort?
2. Sie ursacht manchen Meuchelmord /
3. Sie fährt den Menschen hier und dort /
4. Sie bringet Schaden fort und fort /
5. Und bleibet doch an ihrem Ort.
6. Sie ist der Krämer höchster Hort /
7. Und wenn sie ihnen wer verdort /
8. So solten sie nie seyn im Port.
8. Gott stürtzet manchen über Port /
7. Daß ihm im Tod die Zung verdort /
6. Weil er flucht seinem höchsten Hort.
5. Was hilft es dich an deinen Ort /
4. Wann du Gott schändest fort und fort?
3. Setzt dich in Jammer hier und dort /
2. Ja bringst dir selbst der Seelen Mord /
1. Bedenck deßwegen deine Wort.
48. Der thörigte Ruhm
[159] (XLVIII.)
Der thörigte Ruhm.

Unter allen Eitelkeiten ist falscher Ruhm ohne Tugend Verdienst / der aller eitelste / welcher doch von uns Menschen so eiferig gesuchet wird. Wer sich selbsten rühmt / der schändet sich / und wird von andern für einen Narren gehalten / wann er nicht etwan solches zu Abwendung ihme aufgelegter Schande /und zu steuer der Warheit thut / in welchen fall auch eignes Lob statt findet / wie wir in dem CCXXXIX. Gespräch spiele weitläufftig gehandelt. Was solche Lobwurtz für eine böse Frucht bringet / wird unter andern aus folgender Geschichte zu erlernen seyn.

2. Berard ein Frantzösischer Herr / war von Angesicht schön / von Leib wol gestellet / hatte seine gröste Beschäfftigung seine Haar ordentlich zu krausen /und wolte lieber ein unreines Hertz / als ein befleckte Kleidung haben. Ob er der müssigen Bemüssigung /ich wil sagen der Liebe / und dem Frauenzimmer ab-und aufgewartet / ist leichtlich zu erachten. Wer sich in der Kleidung übermässig außzieret / thut solches dem holdseligen Weibervolck zugefallen: dann bey den Männern ist es unvonnöhten.

3. Sein Sinn war flüchtig und Spiegel art: er hatte so bald keine Gestalt in das Angesicht gebracht / so ware sie wieder vergessen / und erwartete einer andern Bildung. Stratonia war die erste / welche er zu lieben begunte / die schönste Jungfrau in dem alten Königreich Arles / da sich dann dieses alles begeben. Ihre Höfligkeit hielte er für brünstige Liebsneigung und streckte den Kopff weit über alle andre ihre Aufwarter hinaus. Nach dem er aber bey ihr nicht finden mögen / was er gesucht / hat er seine Liebe / welche an einem schwachen Faden gleichsam gehangen / zerreissen lassen / und sich von ihr abgewendet.

4. Dieses were nun etlicher massen hingegangen: [160] er hat es aber darbey nicht verbleiben lassen / sondern dieser ehrlichen Jungfrauen Namen mit schändlicher Verleumbdung und fälschlichen Affterreden beflecket / und sich berühmet / daß er von ihr erlangt / was ihr niemals zu verstatten in den Sinn gekommen. Jungfrauen Ehre ist gleich einer Blume / welche leichtlich durch scharffe Winde verwelcket.

5. Die andre welche Berard geliebet / war Sigismunda / ein verständige Jungfrau / welche die Mängel dieses Edelmanns wol wuste / wegen seines Reichthums aber nicht sehen wolte / weil das Geld / wie bewust / alle Fehler zudecket. Sie getrauete ihr diesem flüchtigen Quecksilber einhalt zu thun / und seine Zunge anderst zu zaumen. Liesse sich deßwegen / auf gutachten ihrer Freunde freundlich findē / und vermeinte ihn unter ihre eheliche Bottmässigkeit zu bringen. Dieses nimmt der stoltze auf für eine schuldige Bezeugung gegen seine hohe Verdienste / vnd wie der Rauch allzeit oben anfähret / also strebet auch die Hoffart aller Orten empor.

6. Endlich kam Sigismunda solchen übermütigen Worten nicht nachwarten / und wil sich ihm nicht mehr unterwürffig machen / sondern giebt ihm / nach langer Gedult Urlaub. Dieser hatte er auch alsobald vergessen / und trachtete andrer Orten / unter dem Namen eines Dieners den Meister zu spielen.

7. Macrina war die dritte Klippen / an welcher seine Freyheit Schiffbruch erlidten. Diese wuste wol daß sein Schwindelhirn hin und her zu schweben aber nirgendwo zu ankern pflegte / wiese ihn deßwegen zu seinen gewesenen Liebsten: damit sie von seinem Laster oder vielmehr Lästern nicht auch beschmützet würde. Accursinus ihr Bruder schickte diesen Freyer für eine anständige Person seiner Schwester weil er Zucker in dem Beutel / welcher alles Unglück zu übersüssen pfleget / und befahl ihr deßwegen / sie solte diesen Vogel nicht aus den Garnen lassen.

8. Als sich nun die Sache verzögert / und dieser[161] Buler keinen Freyer geben wil / sagt ihm Accursius in das Angesicht / er solte sich entschliessen / ob er seine Schwester heuraten wolte oder nicht. Berard erschracke hierüber / als ob man ihn in eine Gefängnis führen wolte / suchet deßwegen bedenckzeit / und weil er deßgleichen auch von Macrina verstanden /nimmt er Urlaub hinter der Thür / und giebt solche Sachen von ihr aus / daß alles was er von Stratonia und Sigismunda gesagt / Rosen gegen diesen Dörnern gewesen. Er beschreitet Macrinam für eine offentliche Dirne / welche Zucht und Ehre umb Gelt verkauffe /und wegen eines Gasts allein (wegen seiner) keinen Schild außgehencket etc.

9. Stratonia wurde von Eufrasio / Sigismunda von Servulo bedient / diese beede werden so wol als Accursius / Berards Verläumdung einträgtig / und lassen ihn mit zweyen Beyständen zu erscheinen fordern /dieser dreyen ehrlichen Jungfrauen guten Namen zu retten. Berard war gewont mehr in den Spiegel / als in streiten und fechten zu erscheinen / kunte aber das Spiel nicht ausschlagen / weil er befürchtet / daß er darüber möchte geprügelt werden / und wehlte also zween böse Buben / die den Ruhm hatten / daß sie den Degen wol verstünden / und verfügen sich diese sechse auf den benamten Platz.

10. Berards zween Beystände wurden von ihren Gegnern niedergestossen / und kamen diese beede Eufrasius und Servulus dem Accursio zu hülffe / welcher Berard bereit sehr verwundet / und weil er nicht bekennen wolte / daß er vorbesagten Jungfrauen fälschlich jhre Ehre abgeschnitten / ist er endlich von ihnen dreyen durchstochen / und umb das Leben gebracht worden. Ich sage von allen dreyen / weil die Seconden deßwegen Beystände genennet werden / weil sie ihrem Principal allen Beystand zu leisten / und nach Erlegung ihres Gegners auch ihm Hülff zuthun schuldig sind.

11. Also wird einem Mann vergolten / darnach sein Mund geredet hat / nach dem Ausspruch Salomons. Der Mund deß Narrens schadet ihm [162] selbst / und seine Lippen fahen seine eigne Seele. Die Wort deß Verleumbders sind Schläge / und gehen einem redlichen Mann durch das Hertz / sind Wort deß ersternanten Königs in seinen Sprüchen am 18. Cap. So lang die Teutschen sich der Redligkeit befliessen / und ein Wort ein Wort / ein Mann ein Mann verblieben / ist es wol gestanden. So bald aber die Falschheit und der Trug zu regieren angefangen / und Hertz und Mund nicht gleichstimmig gewesen / ist alles Unglück erfolget.


12. Wiedertritt.

1.
Was ist doch ein falscher Ruhm?
Eine bald verwelckte Blum.
Eine schnell verdorrte Blum /
Ist der falsch besagte Ruhm.
2.
Was ist doch der schmeuchel Ruhm?
Aller Narren Eigenthum /
Stoltzer Gauchen Eigenthum
Ist der nicht erwiesne Ruhm.
3.
Was ist selbsterhabner Ruhm?
Saltz das faulet und wird tumm.
Sol die Witz nicht werden tumm.
Muß man fliehen Ehr und Ruhm.
4.
Was ist selbst gesuchter Ruhm?
Eine Quelle welche glumm /
Weisend alles trüb und glumm /
Wie der falsch gerühmte Ruhm.
5.
Besser ist fast werden stumm /
Als mit den vernichten Ruhm /
Aller Narren Eigenthum /
Seine Reden machen krumm.
49. Die erkauffte Meß
(XLIX.)
Die erkauffte Meß.

Augustinus schreibet in seinem Buch von der Statt Gottes / dz der Höchste den Römern Glück [163] und Segen zu dem nach und nach erlangten Haubtreich gegeben /weil sie auch ihre falsche Götter geehret / und gefürchtet: Ob wol solcher Gottesdienst ihm nicht gefällig seyn können / sey doch der Vorsatz zu loben gewesen etc. Dieses lassen wir an seinem Ort beruhen /und die Beurtheilung solcher Meinung zu mehr verständiger erachten gestellet seyn: erzehlen aber hier eine Geschichte aus Ænea Sylvio / Sabellico und de Verdier / welcher vielleicht nicht wenig nachdencken verursachen möchte.

2. In Lothringen hat ein alter melancolischer Edelmann die Einbildung gehabt / er müsse sich erhangen: solchem vorzukommen / ist ihm gerahtē worden / er solte täglich eine Messe hörē / so werde er dieser bösen Gedancken vergessen. Als er nun auff eine Zeit Ehhafftē hatte / und die Meß versaumt / gehet er in grosser Traurigkeit spatzieren / und weiß nicht / welcher gestalt er diese Sünde wiederumb ersetzen und büssen solte: weil ihm das hencken stetig im Kopffe lage.

3. In dem begegnet im ein Bauer / der höret seinem Klagen und jammern lang zu: fraget hernach was ihm anliege / und zu so verzweiffelten reden Ursach gebe? Der Edelmann sagte / daß er die Messe verabsaumet /und deßwegen seines Leides kein Ende wisse. Der Bauer versetzte / daß dieses eine schlechte Sache /und hette er hingegen zwo Messen gehöret / wolte ihm eine verkauffen / etc.

4. Der Edelmann erfreute sich sehr über solchem erbietē / und weil er kein Gelt bey sich / giebt er ihm für die Messe seinen roten scharlacken Rock / welchen er also bald abziehet / und dem Bauern anleget: scheiden also beede frölich von einander / und vermeint der Bauer er habe seine Messe sehr theuer angebracht. Dieses begabe sich in dem Feld / nechst bey einem hohen Eigbaum.

5. Folgenden Tages fügte sich daß der Edelmann wiederumb an solchen Ort spatzierte / und mit grosser Verwunderung sahe / daß der Bauer / welcher ihm die Messe verkaufft / in dem scharlacken Rock an dem Baumen erhanckt war: darüber er mit furcht und[164] schrecken wieder nach Hauß kehret / unn diese Geschichte andern erzehlet / welche dahin gelauffen /und die Sache beschriebener massen gefunden / ihn auch dardurch von seiner Einbildung geholffen.

6. Ob dieses ein Gespenst in deß Bauren Gestalt /oder ob GOtt solches zu Bestraffung seiner Leichtfertigkeit beschehen / lassen wir dahin gestellet seyn. Wann alle / welche die Messen verkauffen / also sterben solten / würden Baumen zerrinnen. Eines andern gute Werke können mich nicht rechtfertigen / der Gerechte wird seines / und keines fremden Glaubens leben: daher jener recht gesagt: wir haben die für uns singen / beten / Meß lesen und fasten / aber niemand haben wir / der für uns in die Hölle fähret.

7. Daß die Meß in der H. Schrifft nicht befohlen /und unser Hoherpriester einmal in das Allerheiligste eingegangen / ist aus der Epistel an die Hebreer am 10. und 11. Capitel ümbständig zu lesen. Ob nun in der Meß das H. Abendmahl nach Christi Einsetzung gehalten werde / und ob fünff- in sechshundere Jahre /nach der Apostelzeit einige Anzeig von dem Opffer für Todte und Lebendige / zu finden / mögen die Schrifftgelehrte verfechten / und ist hiervon zu reden dieses Orts nicht.

8. Das Weib welches Johannes in 12. Capitel der Offenbarung gesehen / vergleichen etliche mit dem guten Vorsatz eines glaubigen Menschen / welcher in Gottes Huld und Gnade ist / daher ihm Sonn und Mond und alle Sterne dienen. Ein solcher Mensch erzeigt oder bringt an das Liecht gute Gedancken /Wort und Wercke / wie hingegen böse Lüste die Sünde gebehren / hier wartet aber und wachet der alte Drach / daß er solches gute und heil. verfahren unterbreche / und zu Grund richte. Deßwegen sol die gläubige Seele ihre Zuflucht nehmen zu der Einsamkeit /in ihr Kämmerlein gehen / und nicht für der Welt hochangesehen seyn wollen / dann GOtt erkennet die seinen / und liebet nicht das grosse Gepräge und das eusserliche Kirchen-Begängnis / in welchem sich leider heut zu Tage die innerliche Hertzens-Andacht[165] unser lieben Vorfahren verwandelt / wie Grotius in seinem Büchlein von der wahren Religion verständig urtheilt.


9. Unser Hertz ist oben offen /
Daß wir allen Erdenthand
Und der Höllen Unterpfand
Hassen / und dargegen hoffen
Auf deß Himmels Gnadenliecht /
So den Frommen nie gebricht.
50. Das Gespänst
(L.)
Das Gespänst.

Wir wollen auch auf diesen Schauplatz führen ein Gespenst / welches einen Frantzösischen Edelmann Robert genant / in Welschland bey Nacht / als er irr geritten / erschienen / und ihn in ein Wirtshauß gewiesen / in welchem der Wirt und Gäste Mördern und Strassenräubern gleich gesehen / deßwegen sich Robert zum Feuer gesetzet / seinen Degen in acht genommen / sein Pistol fertig gehalten / und in einem Buch gelesen.

2. Zu Mitternacht kommt das Gespänst wieder /und weiset ihm er solte folgen / welches er auch gethan / und in einem Garten zu einem Brunnen geführet worden / aldar das Gespänst verschwunden: Er wil nicht wieder zu rucke in das Hauß kehren / sondern erwartet mit grossem Verlangen / deß Tages / mit welches Morgenröte er wiederumb verreiset / und der Obrigkeit darbey anzeigt / was ihm begegnet: da dann so bald nachgeforschet und ein Kauffmann / der neulich ermordet / in dem Brunnen gefunden worden: deßwegen man etliche von den Thätern ergriffen / die ihre gebührende Straffe außstehen müssen.

3. Zween Tage hernach erscheint dieses Gespänst Robert wiederumb / und verspricht / ihm drey Tage für seinen Tod zu warnen / weil er gethan was recht gewesen. Verschwindet darauf und lässet ihn in düstern Gedancken nachsinnen / ob es ein guter oder böser Geist: massen er sich bestürtzt und ohne Trost /welchen sonsten die guten Geister hinter sich lassen /[166] wie auch ohne Furcht / so die bösen Geister mit sich bringen / befunden.

4. Nach dem er wieder in Franckreich gekehret /sich verheuratet und in allem wolergehn lebte kommet das Gespänst wiederumb / und sagt ihm er solte sein Hauß beschicken / und sich zum Tod bereiten / in dreyen Tagen werde er diese Welt verlassen müssen. Eine traurige Zeitung dem der gute Tage hatte / und fast zu vergleichen mit der Hand welche dem König Belzazar seinen Untergang verkündiget / oder mit Ezechiels Botschafft an den König Hißkiam.

5. Robert lässet diese Erinnerung nicht ausser der acht / und schicket sich zu dem letzten Abscheid / wie wol er nach und nach zweiffelte an der Erfolgung /weiln die drey Tage verflossen / und er sich bey guter Gesundheit und aller Sicherheit befande. Die Nacht zu ende der drey bestimten Tage fängt der Hund / welchen Robert in seiner Kammer schlaffen lassen an zu bellen: Er springt aus dem Bette ergreifft den Degen /eröffnet die Kammer / und wil das Gesind aufwecken / in dem wird er auf der Stiegen durch und durch gestochen / daß ihm der Degen in dem Leib stecken verbleibt / und der Thäter über seinem halbtodten Leichnam darvon springt.

6. Wer dieser Meuchelmörder gewesen / kunte niemand wissen / allein wurde der Degen erkannt / daß er Sarmont / einem seiner besten Freunde zuständig /der sich damals in Holland aufgehalten. Robert verzeihet seinem Mörder von Hertzen / und befihle man sol deßwegen keine Nachfrage halten / verstirbt also folgenden Tages sehr Christlich.

7. Sarmont / deß verstorbnen Freund / hatte umb Nerinam vor Robert gebulet / und war in dem Hause vor seinem verreisen in Niederland wol bekannt gewesen: daher nahme Falsia die Magd im Hause Ursach außzugeben / Sarmont hette ihren Herrn den Robert umgebracht / und hielte sich heimlich in der Gegend auf / wie der Degen beglaubt / oder hette ihn verrähterischer weise erwürgen lassen / durch einen andern / Nerinam die hinterlassne Wittib / zu freyen.

[167] 8. Diese Verleumbdung wurde hernach offenbar /als Falsia sich auf schwerem Fusse befande / und in Kinds- und Todesnöhten bekente / Morin Sarmonts Diener / welchen er wehrhafft gemacht / und mit seinem Degen beschencket / were Vater zu ihrem Kind /und Roberts Mörder: Aller massen auch besagter Morin solche Warheit durch seine Flucht bestettiget.

9. Hierbey könte man fragen: Ob und wie der Satan das zukünfftige wisse? Ob alle Gespänste Teuffels Wercke? Ob der ermordten Geister sich eine zeitlang sehen lassen? Ob auch die Frommen nach diesem Leben wieder erscheinen könnē? Viel dergleichē Fragen wollen wir zu andrer Gelegenheiten versparen.

10. In zwischen aber ist zu lernen / dz man die Vorsagung der Todesstunde nicht sol aus dem Sinn schlagē / wie Julius Cæsar und König Heinrich der vierdte dieses Namens gethan: sondern sich einen Tag zuvor zum Tode bereitet / wie jener Rabbi gesagt / als ihm aber der andre geantwortet / daß man eben solchen Tag nicht wissen könte / hat der Rabbi geantwortet: Darumb musse man sich alle Tage darzu gefasst machen / weil wir alle Tage dem Tode näher kommen: Und Sirach vermahnet deßgleichen / wann er saget: Mensch was du thust / so betrachte dz Ende.

Rähtsel.
An den Leser.

Sag kennest du das Hauß / so von Papier gebauet:
Hat einen grossen Platz / da man gebildet schauet
Mit schwartzer Dinten Farb / so manches Trauerspiel?
Der zarte Pinsel ist mein leichter Federkiel.

Ende deß andern Theils.

Der Dritte Theil

Register der Geschichte deß Dritten Theils
Jämmerlicher Mordgeschichte.
LI. Die übergrosse Untreue.
LII. Die verdiente Bestraffung.
LIII. Die jämmerliche Verzweifflung.
LIV. Der Ehrvergessne Gerhaber.
LV. Der Glück und Unglücks-fall.
LVI. Die gestrafften Balger.
LVII. Das gefallene Schoßkind.
LVIII. Das frevle Beginnen.
LIX. Die Gottsvergessne Eifersucht.
LX. Die unerwarte Straffe.
LXI. Die verwirrte Irrung.
LXII. Der gefährte Pfandmann.
LXIII. Die gefährliche Nachahmung.
LXIV. Der tödliche Schrecken.
LXV. Der ungetreue Bruder.
LXVI. Deß überwundnen Obsieg.
LXVII. Die ungleichen Schwestern.
LXVIII. Die entdeckte Verrähterey.
LXIX. Die feindlichen Beystände.
LXX. Die Festmacher.
LXXI. Der falsche Bruder.
LXXII. Die unkeusche Mutter.
LXXIII. Der leichfertige Hader.
LXXIV. Der verwegne Artzt.
LXXV. Das Gespänst.
51. Die übergrosse Untreu
[170] (LI.)
Die übergrosse Untreu.

Unser Erlöser fraget / (Luc. 18. v. 8. 4. Chr. 5. v. 1.) ob Er auch zu Zeiten seiner letzten Zukunfft Glauben finden werde? Dieses verstehen ihrer etliche von dem politischen Glauben / Treue und Festhaltung dessen /was man zugesagt / verbriefet und gelobet. Andre legen es aus von dem Seligmachenden Glauben / und hanget fest beedes an einander; massen ein frommer Christ niemals untreulich / ein ruchloser Mensch aber / niemals oder ja selten redlich handlen wird. Die Falscheit und der Trug ist Gott ein Greuel / weil es herrühret von dem Lügner von Anbegin / und bleibt nicht ungestrafft.

2. Ein Exempel dessen kan seyn Armilla eines Kauffmanns zu Arles Tochter / welcher übergrosse Untreue gegen ihren Mann / ein wolverdientes jämmerliches Ende genommen / und also in deß Verderbers Stricken / ausser allen Zweiffel in den Höllischen Abgrund hingeraffet worden / wie wir ümständig hören wollen.

3. Zu der Zeit als Franckreich mit einheimischen Kriegen gefähret war / lebten zu Arles zween Kauffherren Adalgar und Hornhold / welche mit Gewürtz Gewerb trieben / und Handelsgesellschaffter waren. Sie waren beede gleich reich / in diesem aber unterschieden / daß Adalgar viel Kinder und grosse Unkosten zu tragen: Hornhold aber war noch in ledigem Stande / und legte zu rucke / was der ander mehr [171] außgeben muste. Jener klagte über den grossen Aufgang seines Haußwesens; dieser über die Einsamkeit / und daß er nicht wüste / wem er das seine sparte: massen die Menschen so beschaffen / daß keiner mit seinem Zustande zufrieden / und in dem sie auch auf das künfftige sorgen / sich der gegenwertigen Ruhe berauben.

4. Adalgar hatte eine mannbare Tochter / Armilla genannt / welche Hornhold in seinem funfftzigsten Jahre / durch Unterhandlung guter Freunde / vertrauet wurde: Der Hoffnung es solte hierdurch ihr Gewerb unzertheilt in gutem Wolstand fortgesetzet werden: ohne Betrachtung daß so gar ungleiche Rinder / als Männer und Kinder / übel an einem Joche ziehen würden: massen Armilla kaum das siebenzehende Jahr angetretten hatte / und in diesen Alten so brünstig verliebet war / als ein gemahltes Feuer.

5. Adalgar hatte sein Absehen auf den Reichthum /wie gesagt / und nöhtigte seine Tochter / daß sie alle Entschuldigung fallen / und Hornhold nehmen muste. Sie war kaum in den Ehestand getretten / so muste ihr Hornhold schöne Kleider und allerhand neues Geretlein schaffen / welches der Alte / wiewol ungerne / jedoch aus Liebe fast überflüssig gethan daß er vielmehr ihr Diener und Verleger / als ihr Eh-Herr worden. Mit so wol außgeziertem Angesicht / suchte sie täglich gute / oder vielmehr böse Gesellschafften /und der fromme Alte liesse ihr eigenwillige Freyheit /daß nicht zu verwundern / daß dieses Schiff ohne Steuermann / auf so gefährlichem Meere von den Wellen und Winden getrieben / an den nechsten Felsen gescheidert und zerdrümmert.

6. Sie kunte leichtlich einen jungen finden der ihr lieber und angenemer / als ihr alter Mann / von welchem sie so verächtlich redete / daß man wol hören kunte / daß sie nach dem Wechsel gelüstet / den sie auch bald mit etlichen Jünglingen geschlossen. Jener Kirchenlehrer sagt recht / »daß es eine grosse Wolthat Gottts / die erste Sünde erkennen damit man nicht[172] blindlingsweis zu der andern und dritten schreite.« Hornhold wurde von guten Freunden berichtet / daß seine Frau auch andern wolgefalle und sich in bösen Verdacht setze. etc. Er wil es aber nicht glauben /sondern entschuldiget ihre Jugend / und sihet auch nicht einmal saur darzu / daß er also nicht geeifert /wie andre Alte Männer mit ihren jungen Weibern zu thun pflegen.

7. Unter den vielen Aufwartern dieser niekeuschen Penelope / war ein Soldat / ein frisches Glückskind /daß sich nicht weniger mit dem Degen als mit der Liebe berühmt zu machen bemühete; massen auch in dem Gestirn Mars und Venus offt in einem Hause gefunden werden. Dieser war der Armilla Liebster /deme sie auch seine Arbeit wol belohnte / wie dort vom Israel stehet / daß es / als eine Hure / noch Geld gebe ihrem Bulen / der ihr nachlauffe wie ein wierender Hengst dem Mutterpferde. Sie halten manchen Anschlag / sich mit einander zu verehlichen / wann sie nur vor ein Kind mit Hornhold erzeuget (dann ihn von dem Brod zuthun / Mittel nicht ermanglen solten /) der das Gütlein erben möchte. Gott aber / dem Gottloses wesen nicht gefället / hat Armilla Leib verschlossen / daß sie nicht gebehren kunte.

8. Eine halbe Meil von der Statt war ein Dorff /und in demselben eine berühmte Kirche. Dahin gange und fuhre Armilla mit ihrem Anhang / unter dem Schein sonderlicher Andacht / und war unferne darvon ein Hauß / welches ihnen der Goldregen zu ihren Sündengewerb eröffnet hatte. Wer Gott zu betrügen vermeinet / muß sich betrogen finden / wie Tetrade /(also nennte sich der Soldat) der in einem Scharmützel von dem Feinde gefangen / und in einem tiefen Thurn geworffen worden. Als er nun ein grosses Lösegeld zahlen sollen / und auf sein Wort / Treu und Glauben (von einem gemeinen Soldaten ein schlechtes Unterpfand) zu entkommen vermeint / hat ihn doch damals der Schloß-Haubtmann nicht lassen wollen. Diesem erzehlte nun der Gefangene / daß er so glückselig / und von der schönsten Frauen in [173] Arles geliebet werde; bittend ihn ein Brieflein an sie / durch einen Trommelschläger überbringen zu lassen / nicht zweifflend / daß sie ihn / als ihren wolverdienten Liebhaber / außlösen würde.

9. Damas hatte verlangen dieses schöne Weib auch zusehen / und als das Lösegeld dergestalt verglichen /daß Armilla selbes in vorbesagtes Dorff bringen solte / führet Damas den Gefangenen dargegen in Person hin / und so bald er der Armilla ansichtig worden /gewinnt er sie lieb / und führet sie / gegen Loßlassung deß Gefangenen / darvon. Tetrande wolte solches erstlich mit Worten / hernach mit gewehrter Hand verhindern / wird aber darüber von Damas Soldaten niedergeschossen / und Armilla darvon geführt / welche sich beklagt / daß Damas nicht Treue und Glauben halte; muß aber hören / daß sie gleichfals ihren Mann / welchen sie ihre Treu in Angesicht der Kirchen versprochen / nicht leiste. Er begehre deß Lößgeldes nicht für Tetrande / sondern habe ihn loßgelassen / und sie dargegen angehalten. etc.

10. Der Armilla Threnen / wegen Tetrande / wurde von Damas küssen getrucknet / und hat sie an diesem gefunden / was an jenem verlohren / daß ihr also ihre Gefängnis eine süsse Freyheit / die Freyheit aber / bey ihren Alten / eine harte Gefängschafft gewesen. Hornhold verstehet / daß Armilla / als sie jhrer Andacht nachgezogen / gefangen worden / und versichert sich ihrer Tugend / daß er nichts weniger als Betrug gefürchtet / sondern an Damas freundlichst geschrieben / 1000. Kronen Lößgeld / für seine Frau gebotten /frey geleit / solches zu überbringen / gebetten / und weil Damas der Armilla Liebe ermüdet / (wie bey solchen Schleppen zu geschehen pfleget) leichtlich erlangt.

11. So bald nun Hornhold in Damas Schloß ankommet / fället ihn dieses untreue Weib üm den Hals / hertzet und küsset ihn / lobt Damas / daß er ihre Ehre geschützet / und bedancket sich der grossen Liebe / welche er gegen sie unwürdige würklich verspühren lasse etc. Hornhold glaubte diesen falschen Worten / [174] und erweiset / daß er mit der That seinen Hörnern-Hold / weil er derselben ursache so teur erkauffen will. Ee zehlet die 1000. Kronen / und sagt seinem Weibe / daß er noch so viel bey sich / weil er nicht wissen können / ob nicht ein mehrers von nöthen seyn möchte. So bald Armilla dieses verstanden /findet sie sich zu Damas / und beklaget sich / daß er sie ihrem Alten unwissend verkaufft / und bittet ihn niederzumachen / und sie zu ehlichen. Damas sagt /daß er mit solcher Untreue seinen Namen nicht zu befleckten gedenke / weil er ihme sicheres Geleit versprochen / etc.

12. Wol / sagte die Treuvergessne / so will ich ihm Gifft beybringen / daß er die 1000. Kronen / so er noch bey sich / euch / und auch mich hinterlassen muß. Damas erstaunte über der grossen Undankbarkeit dieses Ehrvergessnen Weibs / und fürchtete / daß sie mit der Zeit ihme dergleichen Sůpplein auch beybringen möchte / oder das er ihr zu Gebotte würde stehen müssen / und sagte / daß sie so übel an ihren Mann nicht thun solte / und gedachte bey sich so teufflisches Beginnen zu rächen. Suchet deßwegen Gelegenheit von ihr zu kommen / und mit seiner Soldaten einem zu reden / befehlend / daß man Morgens ein Frühstück zurichten solte / wie auch geschehen.

13. Man setzte Hornhold mit an den Tisch / und hatte er kaum drey Bissen geessen / als Armilla ihme den vergifften Tranck überreichte / welches Damas ersehen / ihr das Geschirr aus den Handen genommen /und zu ihn in Gegenwart aller seiner Befelchshaber /also zu reden angefangen: Halt innen / guter Freund /und höre die übergrosse Untreue / deines treuvergessnen Eheweibs. Erzehlt darauf was sich mit Tetrande und ihme begeben / und wie sie jetzund ihn mit Gifft hinzurichten gewillet. Nach deme er nun gleichsam auf dem Dache gepredigt / was in verborgnem geschehen / setzt er der Armilla den Dolchen an die Gurgel /und nöhtigete diese verfluchte Ehebrecherin / daß sie ihren Gifftgetrank selbsten aussauffen müssen.

[175] 14. Nach deme sie das Gifft / in Hoffnung man werde ihr wieder eine Gegengifft beybringen / genommen / hatte sie kaum so viel Zeit / daß sie gebeichtet /und hat also Untreu seinen eignen Herrn getroffen /daß sie tod zur Erden gesuncken. Hornhold hat Gott gedanckt / daß er dieser Wölffin / welche brünstig nach Menschen Fleisch gehungert / ist erlediget worden. Nach dem er auch wieder sicher nach Arles kommen / und seine 2000. Kronen mitgebracht (weil Damas das Geld wegen der Gefangenen Tode aus Großmütigkeit / nicht behalten wollen /) hat er seine Lebenszeit in den Wittibstand geendet / und mit einer so betrüglichen Waar / als die Weiber / nicht mehr handlen wollen.

15. Also richtet GOttes Gerechtigkeit der Menschen Boßheit / und betrüget sich die Einfalt selbsten. Wie die Rosen / nechst dem Knobloch gepflantzt /stärcker riechen; also wird die Tugend durch der Laster Erkentnis befördert / und derselben gutes Gerücht erkannt. Die erste Staffel gutes zu thun ist / das Böse fliehen / welches nicht abscheulicher außgebildet werden kan / als neben der darauf erfolgten schweren Bestraffung.


Der den Armen recht verschaffet /
und die Sünde langsam straffet /
giebt zur Busse lange Zeit /
endlich nie geendtes Leid.
52. Die verdiente Bestraffung
(LII.)
Die verdiente Bestraffung.

Wann die Menschen glauben / daß Gott gerecht / und seine Gerichte gerecht / so würden sie auch glauben /daß Er das Böse nicht ungestrafft hingehen lasse; sondern hie zeitlich und dort ewig (wann nicht wahre Busse erfolgt) zorniglich räche. Wer böß ist bleibt nicht für Ihm / und hat jener recht gesagt / als er der Christen unchristliches Leben gesehē: [176] Entweder es ist nicht wahr was euch Christus befohlen / oder ihr seid keine Christen / weil ihr seinen Befehl nicht nachkommet / welcher ist / daß ihr Euch solt unter einander lieben / und darbey erkennen machen / daß ihr seine Jünger seyd. Wie man nun die Frommen an der Liebe deß Nechsten bemerket / also werden auch die Bösen an fleischlicher Brunst erkannt / die ein Werk ist deß Satans / und deß Wieder Christens / wie aus nachfolgender Geschichte / nicht sonder hermen zu vernehmen seyn wird.

2. Ein Spanischer Mönch und ein Rahtsherr bey 60. Jahren alt in Franckreich haben sich durch die Liebe einer Portugäsischen Dirne bethören lassen /welche ohne Geschwisterigt mit ihren Eltern dahin gekommen / und diese alte Stämmer wieder grünen ma chen. Beede nun haben sich ohne Eifer mit dieser Delila betragen / und ihr zu Morain / einen Sachwalter bey Gerichte / verholffen / damit / wann sie schwanger werden solte / gesichert / und ihrer so viel offter geniessen möchten.

3. Dieser Morain wohnte zu Montgi acht meilwegs von Sanctosage / da die Hochzeit gehalten / und die Braut von dem Mönichen und Rahtherrn reichlich außgesteuret worden. Er führet nun sein Weib nach Hause / und wil sich üm keine Dienste zu Sanctosage bewerben / eines Theils / weil er nicht gar viel studieret / und ihme nicht fortzukommen getraute / anders theils / weil ihme diese Freunde verdächtig waren. Der Rahtherr folget den jungen Eheleuten und wohnet ein Monat in Morains Behausung / und ob sie wol das Spiel gantz verdeckt führten / wolte doch die Rosella wieder Sanctosage / und verachtete ihren Mann / und seine Freundschafft.

4. Morain gebrauchte sich seines Rechtes / und brachte die Frau zu seinem Gehorsam / daß ein täglicher Haußkrieg zwischen diesen zweyen entstunde. Der Rahtherr nimmet seinen Weg wieder nach Hause / und beratschlagt mit dem Mönchen / wie [177] dieser Morain wieder aus dem wege zu raumen / und ihre Liebe unverhindert zutreiben? die Frau hatte bereit in ihres Mannes Tod gewilliget / und der Mönch 100. Kronen hergeschossen / die Meuchelmörder zu bestellen. Morain kommet wieder nach Sanctosage / wegen einer Rechtfertigung / und der Rahtherr nimmt ihn in sein Hauß / hält ihme zu ehren eine Gastung / darbey der Mönich und zween Studenten Dancolas und Dießbald benante / so ihn zu tödten andre erkaufft hatten.

5. Nach der Mahlzeit führet der Rahtherr Morain spatziren / und zwar an ein ödes Ort da die Meuchelmörder dieses Gastes warteten / und mit 17. Dolchenstichen ermordet: Der Rahtherr sagt daß solches etliche Beutelschneider gethan / welche ihme sein Geld nehmen wollen / und ihn weil er sich gewehret / getödtet hetten. Dießbald wird lauffend und schnauffend von der dazu ungefehr kommenden Wacht ergriffen /und in verhafft genommen. Als solches der Mönch verstanden / entflihet er mit Dancolas nach Notain /da es Hugenoten gabe / und er sich bey dem Pfarrer deß Orts befragte / ob er auch wol sicher / weil er zu ihrer Religion getretten / und ihme sonder zweiffel /deßwegen ein Ehebruch oder Todschlag werde aufgedichtet werden?

6. Der Prediger räht ihm er sol nach Malhiau / und von dar nach Misnes / wie er auch gethan. Die Flucht und Gemeinschafft welche der Monch mit deß ermordeten Weib gehabt / machet / daß der Bannrichter zu Sanctosage Befehl bekommet / nach dem Mönchen zu greiffen / wie dann auch erfolgt / und ist er nach Wiedersprechung der Bottmässigkeit von Misnes / nach Sanctosage geführet und mit Dancolas für Gericht gestellet worden. In der Gefängnis bekennet er den gantzen Handel und schiebt die Schuld auf den Rahtherren / der ihn darzu veranlasst.

7. Als er nun zum Tode verurtheilt / und auf den Richtplatz gekommen / hat er fleissig gebett / seine Ordensbrüder die Parfůsser Mönchen zu einem [178] bessern Leben vermanet / und sich zu dem sterben eiferigst gefast gemacht. Nach deme ihme nun das für die Füsse gelegt / hat man seinen Leib in vier theile zerstücket / und ümb den Galgen gesteckt.

8. Der Rahtherr hat die Marterschmertzen der Volter mit grosser Standhafftigkeit außgestanden / und die Warheit nicht bekennen wollen. Als man ihn aber seinen Sohn / welcher 18. Jahr alt war / für Augen geführet / und an die Volter spannen wollen / hat er alles bekennt / und ist gleichfals als der Mönch hingerichtet worden. Nach ihnen ist es auch an die Studenten kommen / welche die Mörder bestellet / und haben sie gleiches Todes sterben müssen / im Jahr unsers Seeligmachers 1609. den 5. 12. 13. und 14ten Hornung.

9. Den 16 Tag besagten Monats / ist der Reyen auch an die Portugesin gekommen / welche auch enthaubtet worden / bevor aber hat sie offentlich erzehlet / wie sie aus Stoltz die Frommen verachtet / und die Bösen an sich gezogen / wie nun ihr Reyen in reuen /ihr lachen in weinen / und ihr ärgerliches Leben in einen elenden Tod verwandelt. Dieses sagte sie / ist der Lohn meiner Eitelkeit: Ich sterbe in meinem 26. Jahre / und wünsche daß solches den ersten Augenblick meines Lebens geschehen were / so hette ich GOTT nicht so beharrlich erzörnet. Ihr Weibspersonen nehmet ein Beyspiel und lernet mit meinem Schaden klug werden. Verfluchte Freyheit! Ach hette ich meiner lieben Mutter gefolget / so würde ich itzund nicht diesen Schauplatz betretten / »und die Haubtperson in diesem Trauerspiel seyn / Ach hette ich meines lieben Vatern Vermahnungen / und nicht vielmehr meiner Thorheit gefolgt / so solte ich von diesen schmälichen Tod befreyet seyn! Lieben Kinder folget euren verständigen Eltern / wann ihr nicht gleich mir unverständigen dem Hencker wollet in die Hände kommen.« Nun / mein Gott / es muß gestorben seyn! sey mir barmhertzig nach deiner grossen [179] Barmhertzigkeit. Nach dergleichen Worten ist sie von dem Scharffrichter enthaubtet worden.


10. Wer kan von der Laster Ketten
sich erretten?
Der sich von dem guten Geist
läst regieren:
wann ihn in Versuchung führen
und probiren /
was der Sünden Reitzung weist.
53. Die jämmerliche Verzweifflung
(LIII.)
Die jämmerliche Verzweifflung.

Die Wollust wird füglich mit der Jael verglichen: Die durstiglich in ihr Zelt fliehen / denen gibt sie süsse Milch zu trincken / schläffet sie ein / und schläget ihnen den Nagel durch das Gehirn / daß sie allen Verstand / und mit demselben das Leben verlieren. Etliche geraten in Verzweifflung / und werden Mörder an ihrem Leibe / fallende in die ewige Straffe / in dem sie der zeitlichen zu entfliehen vermeinen. Also haben sich die Bürger zu Neu Carthago mit Weibern und Kindern verbrennet / des Asdrubals Weib hat ihre Kinder ermordet / und ist hernach in das Feuer gesprungen / und viel andre mehr.

2. Unter den Christen aber ist die Verzweifflung so viel verdammlicher / weil wir wissen daß Gottes Gebot / du solst nicht tödten / auch von eines jeden Person absonderlich zu verstehen: massen Gott der HErr allen Leib und Seele gegeben / und von beeden Rechenschafft fordern wird. Wer nun an des Höchsten Barmhertzigkeit verzweiffelt / die so groß / als er selbsten ist / der macht Gott zu einem Lügner / und ist aller Hoffnung und alles Trosts entnommen: ja viel ärger als ein dummes Thier / das keine unsterbliche Seele hat / wie er.

3. Ein schröckliches Exempel einer Verzweifflung[180] hat sich begeben in der Picardia mit einem Edelmann Valerian Mussard / und seinem Kebsweib Johanna Presse. Dieser hatte den Ruhm daß er ein guter Soldat und tapferer Edelmann / deßwegen traute er auf seinen Degen; und als ihm einer von seinen Nachbaren eine geringe Ursach gegeben / fordere er ihn für die Klingen / und erwürget ihn auf dem Platz.

4. Deß abgelebten Wittib fällt dem König zu Fusse / und schreyet Rach über ihres Mannes Mörder / daß sich der König von ihren Thränen und zu Handhabung der erneuten Verbote aller Rauffhändel / bewegen lassen; alsobald dem Herrn Morliere zu befehlen /Mussard in verhafft zu bringen / und wegen dieser That für Gericht zu stellen.

5. Als Mussard solches zu Ohren gekommen / fliehet er auf das feste Schloß Moyencourt / da er sich /als in einem sichern Ort verschleusst. Morliere heischet es / wegen Königl. Majestet auf. Er aber antwortet / Er sey Königl. Majestet unterthäniger Diener / gehe aber nicht aus dem Hauß / er sehe dann seine Gnad mit deß Königs Siegel in Schriften verfasset /oder daß man ihme sonsten versichere seines Lebens. Hierdurch wird Morliere bewogen / daß er aus den nechsten Besatzungen so viel Volkes / als zu Eroberung des Schlosses von nöhten entbietet.

6. Mussard siehet wol den Gewalt / und hat niemand als sein Kebsweib / das Kind so er mit ihr erzeuget / und dann einen Laquayen bey sich / wil sich aber nicht ergeben. Morliere schicket den Pfarrer deß Orts hinein / ihn zu bereden / daß er dem König sich nicht wiedersetzen / sondern desselben Befehl gehorsamlich folge leisten solte / weil er keine Kräfften einer solchen Menge Volcks zu wiederstehen. Mussard aber wil zu keiner übergabe verstehen. Nach diesem sendet er hinein die Mutter seines Kebsweibes /richtet aber gleichfals bey diesen Halßstarrigen Kopfe so wenig aus / als ihre Tochter / welche mit Liebe solten zu wegen bringen / was der zeit die [181] Gewalt nicht vermögte / weil sie sich entschlossen mit ihme zu sterben.

7. Als nun Morliere Mussard inständig ermahnet /er solte seinem König gehorsamen / und das Schloß aufgeben / hat er gebetten seinem Laquayen und sein Töchterlein / welche beede an Seulen in den Graben abgelassen worden / anzunehmen. Sein Kebsweib aber beharrte mit ihme zu sterben. Nach deme sie nun solcher Unterredung gepflogen / gehen sie zu rucke /und setzen sich auf einen Scheiderhauffen welchen sie von Stroh und Holtz bereitet und angezündet hatten: damit sie aber der Marter abkommen möchten /nimmt Mussard ein Pistol und scheusst seine Johannam / sie hingegen mit einem andern Pistol ihn abgeredter massen zu boden. Weil sie solche an das Hertz gesetzet / konten sie / wie leichtlich zu erachten /nicht fehlen.

8. Morliere hatte inzwischen den Petard oder Thürenbrecher angeschraubt und spielen lassen / welcher auch das Schloß eröffnet / daß er mit seinen Leuten hinein gehen konte. Der Rauch von dem Feuer war leichtlich zu sehen / daß sie alle hinzu lauffend diese beede in den Flammen verbrennend gefunden; und ob sie wol das Feur alsobald gelescht / haben sie doch an beeden kein Leben mehr gespühret und sind also diese / welche in unreiner Brunst gelebt in so verzweiffelter Glut dahin gestorben / welcherley ohne zweiffel ihre Seelen in dem ewigen Feuer zu empfinden haben werden. Nach dem Spruch Sirachs (cap. 28. v. 27.) Wer den HErrn verlässt / der wird darein fallen / und darinnen brennen / und es wird (die Höllen flamme) nicht außgeleschet werden.


9. Der sich seiner Lust vertrauet
und auf eigne Rettung schauet
ist entwicht:
[182]
Der an Gottes Gnade zweiffelt
ist in seinem Sinn verteuffelt
schon gericht;
Weil ihm seine Missethat
übergiebt des Satans Gnad /
dessen Liecht
ist der finstre Höllen Schrein /
und die nie geendte Pein.
54. Der Ehrvergessne Gerhaber
(LIV.)
Der Ehrvergessne Gerhaber.

Der Gewalt übet im Gericht / ist eben wie ein Hofmeister der eine Jungfrau schändet / die er bewahren solte / sagt Sirach am 20. v. 2. Wie nun GOtt den nicht ungestrafft lässet / der den Armen unterdrucket /den er aufhelffen solte / der ihme sein Stücklein Brod nimmet / und ein Mörder an denen wird den er ernehren solte: Also muß gewißlich auch ein solcher Gerhaber / so seine Pfleglinge / welcher Ehre ihm zu schützen oblieget / zu schanden bringet / nicht ohne Straffe ausgehen / wie nachgesetzte Erzehlung mit mehrerem beglauben wird.

2. Sarin ein Frantzösischer Edelmann hatte einen Bruder / welcher ein Geistlicher war / und eine einige Tochter 16. in 17. Jahre alt. Diese befihlt er nun auf seinem Todtbette seinem Bruder Masero / mit Bitte sie in seinen Schutz / Aufsicht und Vorsorge zu nehmen / und sie / nach Beschaffenheit zu verheuraten /weil er sahe / daß diese Dalia kein Nonnenfleisch hatte. Masero nahme diesen Befehl willig an / und versprache seinem sterbenden Bruder mit Mund und Hand / seiner hinterlassnen Tochter treulich vorzustehen.

3. Dieses aber hat er als ein ungetreuer Gerhaber gar zu vertreulich geleistet / und als Sarin kaum die Augen zugethan / mit dieser Pflegtochter sündlich [183] zugehalten: daß also dieser ungeistliche seine Base und Bruderstochter zu einer Beyschläfferin / und aus einer Jungfrauen eine Mutter ohne Mann / ja mit ihr einen Erben ohne Vater erzeuget.

4. Verflucht ist der Acker welches Früchte der Sämann nicht begehret: verflucht ist der Mann der wegen der Wollust / und nicht wegen Fortsetzung des menschlichen Geschlechts eine Jungfrau schwächet. Als nun Masero wuste / daß seine Base von ihme geschwängert worden / lässet er ihr eine Ader öffnen /der Barbier aber merket warůmm es zu thun / und verbindet sie wieder ohne viel Blut lassen. Daß also dieses erste vorhaben die Frucht abzutreiben nicht gelungen.

5. Unter andern vielen Anschlägen / wehlet er den /welcher ihme an leichtsten zu gebührlicher Straffe bringen / und seiner verübten Missethat überführen können. Er klagt seine Pfleglinge an / daß sie verdächtig / als ob sie auf schweren Fuß gehe / und bittet sie deßwegen zu Rede zu setzen. Die Obrigkeit / welche in dergleichen Sachen durch gantz Franckreich nicht lässig ist / befihlt Daliam zu erfordern / und weil sie / genommener Abrede zu folge / gestanden /daß sie von einem Handwercksgesellen der in ihrem Hause gearbeitet / geschwängert worden / in verhafft setzen.

6. Der angegebene Vater zu ihrer Frucht / war ein armer / einfältiger und mit vielen Kindern beladner Gesell / welcher auch eingezogen / und erstlich absonderlich / nachmals mit ihr verhöret wird / da sich die Sache also befande / daß man wol sahe / daß dieser unschuldig / und ein andrer das Feuer eingelegt. Als solches der Geistliche Masero vernimmet / will er sich entschuldigen / und der Freyheit seines Standes begeben / selbsten für Gericht stellen / verhoffend sich / durch beständiges Ableugnen zu rechtfertigen.

7. Seine Abbtey / Benedictiner Ordens / war vier Meile von dar / und so bald er besagtes schrifftliches Erbieten eingegeben / setzet er sich auf sein Pferd /[184] und bittet seinen Abbt / er solle alle seine Gefälle /welcher er / wegen etlicher Aembter / viel hatte / einnehmen / ihn ausfertigen / und forthelffen / biß das Unglück / welches jhme bevorstehe / vorbey / und er wiederkommen / und seine Stelle betretten möchte. etc.

8. Der Abbt giebt ihm ein gutes Pferd / 300. Kronen in den Beutel und sendet von seinen Leuten ihrer vier mit ihme / welche Befehl hatten / ihn in dem nechstē Wald abzusetzen / auszuziehen / und also entblöset / und aller Menschen Hülffe entnommen / lauffen zu lassen. Wo er ferner hingekommen / hat man nicht erfahren können. Kurtz hernach ist der Abbt gestorben / und hat die Einkunfften Masero / welche er für sich zubehalten vermeint / auch dahinden lassen müssen.

9. Als nun die Zeit der Geburt herbey kame / fragten die Weiber in den grösten schmertzen / sie solte die Warheit sagen / und den Vater zu ihrem Kinde nahmhafft machen. Dalia beharret / daß es niemand als ihres Vatersbruder und Pflegvater. Das Kind so auf die Welt geboren worden / muste also den Namen seines Vaters Masero tragen / welcher zu dem Tod verurtheilt / und das Urtheil an seinem Bildnis / in Gegenwart der Geschwächten / vollzogen worden. Nach solchem hat Delia sie offentlich Gott / dem König und die Gemeine wegen gegebenen Ergernis /um Verzeihung bitten / und alsdenn auch ihr Urtheil /nachgehenden Inhalts anhören müssen.

10. Sie solte die Zeit ihres Lebens in einem Kloster zubringen / ihren Sohn in einem Spietal auferziehen lassen / 1000. Franken Straffe / und den unschuldig Angeklagten 20. Franken Abtrag bezahlen / welches sie auch alles vollzogen / und Gott gedanket / daß sie das Leben / so sie wegen der begangenen Blutschande verwürket / gegen einer sträfflichen Rede / erhalten. Lange Zeit hernach ist der ehrvergessne Gerhaber auf der Strassen ermordet gefunden worden.


11. Die Sünd' ist zucker süsss den unverstandnen Lippen /
Es dient zu dem Altar deß Honigs weiche Krippē.
[185]
Bald wird aus Honig Gall / das Wachs zerschmeltzt und brennt.
Wol deme der das End' in seinem Thun erkennt.
55. Der Glück- und Unglüks-fall
(LV.)
Der Glück- und Unglüks-fall.

Das Glück ist füglich mit einem Rad verglichen worden / welches die hinlauffende Zeit treibet / einen bald erhöhet / bald wiederum stürtzet / das also solche Veränderung / allein die Diamantinen Tugendketten hemmen und einhalten können. Wer nun solche nicht hat kan sich seiner Hoheit leichtlich mißbrauchen /und in eusserstes Verderben stürtzen / daß man auch hievon sagen kan / was man sonsten von den Regimenten lieset / daß nemlich das Glück bestehe in dreyen Seufftzern / 1. solches zu erlangen. 2. zu behalten / und 3. zu verliehren.

2. Solche Wendung deß Glückrads hat auch erfahren Roderic Calderon / von seinem Vatern Frantz Calderon / und Maria Sandelin in Unehren erzeuget /nachmals aber durch erfolgten Ehestand zu Antdorff zu einem ehlichen Kind gemachet / oder legitimiret worden. Sein Vater hatte bald nach dieses seines Sohns Geburt / seine Mutter durch den zeitlichen Tod verlohren / und sich nach Valladolid seine Geburtsstatt begeben / da er Gott gedankt / für so viel vermögens / daß er keinem dienen / und keines Dieners von nöthen hatte.

3. Nach deme sich nun Frantz Calderon wieder verheuratet / und seinē Sohn Roderic / von der Stiefmutter / übelgehalten sahe / hat er ihn für einen Edelknaben bey dem Cantzler von Arragonien / in Dienste gebracht / und weil er ein schöner Knab und hurtigen Verstands / ist er hernach zu dem Hertzog von Lerma / welcher als Affter König gantz Spanien regieret /kommen / und desselben obersten Kammerdiener worden.

[186] 4. Durch gnädig Handbietung dieses Hn. ist besagter Roderic in des König Dienste getretten / und weil er die Feder wol geführet Secretarius oder Geheimschreiber und zu den wichtigsten Beschäfftigungen der gantzen Regierung gezogen worden. Sein Gehirn war rein / sein Ansehen herrlich / in Berahtschlagung einer Sache bedachtsam / und mit vielen Hof-Tugenden begabt / daß man ihme nichts aufrücken können /als den Stoltz und Hochmut gegen seine Diener / welcher damals nicht wenig waren.

5. In so hoher Ehrenstelle freyte er die Gräfin von Oliva / und wird ein Ritter von S. Jacob / bald hernach Regent zu Ocana und Graf von Oliva (welchen Titel er auch seinem Erstgebornen Sohn hinterlassen.) Endlich bringet er es so weit / daß er Marggraf und Hauptmann über seines Kön. Teutsche Leibwachte wird. Er bringt auch seinen alten Vater bey Hofe an /daß ihn der König zu einem Johanniter Ritter machet / und eine kleine Grafschafft Suegro schencket.

6. Also blitzte dieses Roderico Glück durch gantz Hispanien / und wurde er durch deß Hertzogs von Lerma Behuf so groß / daß er alle andre neben sich für klein und verächtlich hielte / deßwegen er auch von allem Adel gehasset / und gefürchtet / ja von den meisten mit falschen Hertzen bedienet wurde. Was bey den Hertzogen / und bey dem Könige zu verrichten / musste durch Calderons Hand gehen / und verbliebe meinsten Theils bey seinem Ausspruch.

7. Nach dem der Hertzog von Lerma auf seine Güter verwiesen wurde / hatte Caldron keinen Auffenthalt; sondern wird von dem gemeinen Mann vieler heimlichen Todschläge / Falschheit / Zauberkünste /und sonderlich / daß er grosses Geld dem Königlichen Einkunfften entwendet / beschuldiget. Damit ihme nun kein Schimpf wiederfahren möchte / fordert er sich von Hofe ab / und begiebt sich nach Valadolid /der Hofnung sich für fernerem Unglück zu sichern.

[187] 8. Von der Zeit an hat ihn sein böses Gewisses bey guten Freunden verborgen gehalten / und hat er so wol seine Verrichtungen / als das meinste seines Reichthums zu Hofe gelassen / und dahin geschicket. Der König aber / als er vernommen / wie dieses sein Geschöpf aus der art geschlagen / und sich zu einem Gefäß der Unehren gemachet / hat er es zerbrechen /und in seine erste Nichtigkeit setzen wollen / welches er auch leichtlich gethan: »massen die Hofcreaturen /aus nichts erschaffen / und wieder zu nichts zu werden pflegen.«

9. Als er nun in Verhafft gebracht / und seine Register und Briefe durchsehen worden / hat sich grosser Betrug gefunden / daß er den König und die grossen zu Hofe fälschlich hintergangen / bezwackt und sich bereichert. Er wird an die peinliche Frage geworffen /stehet aber alles mit grosser Gedult aus / und sandte sich daß er Alonso de Caravaial und Augustin de Avila / wie auch Frantz Xuara ermorden lassen / und wegen seines Betrugs / in den Königl. Außschreiben /den Tod verdienet.

10. Also wurde er auf eingebrachte sattsame Kundschafft / aller Ehren entsetzet / für unedel erkannt /und weil 242. Missethaten auf ihn gebracht worden /ist er 125000. Ducaten / zu bezahlen verurtheilt worden / daß er sol auf einen Maul Esel / durch alle vornehme Gassen der Statt Valladolid reiten / und auf dem Richtplatz / nach Anhörung aller seiner Mißhandlungen erdrosselt werden. Das enthaupten ist in Hispanien der Verrähter Straffe.

11. Als ihme nun dieses Urtheil vorgelesen / und noch etliche Tage zu seiner Bekehrung verstattet worden / hat er den Schreiber / der solches verrichtet umfangen / ihm gedankt / und erfreuet / daß er aus diesem elenden Leben einmal scheiden solte. Darauf auch gebeichtet / ernstliche Neu- und Buß-Zeichen sehen lassen / und Gott brünstiglich ümb Vergebung seiner grossen und vielfaltigen Sünden angeruffen / ja gantze Nächte auf seinen Knien liegend gebetet.

[188] 12. Im Jahre 1621. den 12. des Weinmonats hat man eine Pinnen oder Schauprucken aufgerichtet /und den Verurtheilten / in einem Trauermantel / durch viel Mönchen auf besagtem Maulthier / durch etliche Gassen von dem Hencker geführet / dahin gebracht. Sein Angesicht war bedecket mit einem Flor / und neben ihme zween Schergen / vor ihme etliche Schüler von der Brüderschafft der H. Theresia. Sein Beichtvater sprache ihn zu / er solte sich ermannen /und dem Tod / unverzagt unter Augen tretten. Darauf er diese Wort gesagt: Ich sterbe eines schmählichen Todes / das ich wol verdienet / tröste mich aber meines lieben HErrn Christi / der unschuldig für meine Schuld und Sünde / eines noch schmählichern Todes gestorben. Hat auch das Crucifix zum offtern geküsset / seine Augen gen Himmel erhaben / und Gott angeruffen.

13. Als ihn der Scharffrichter ümb verzeihung gebetten / hat er ihn geküsst / und gesagt er halte ihn für seinen grössten Freund / hat ihme also Hände und Füsse binden / und sich mit einem seidnem Strang erdrosseln lassen / in dem die Geistlichen und alles Volck für seine Seele gebetten. Zu Abends ist er her nach / jedoch mit Verbott / daß niemand seinen Leichnam begleiten solte / in die Carmeliter Kirchen begraben worden.

14. Also wurde dieses Calideron welcher aus keinem Ehebett geborn / und deßwegen vielleicht von so viel bessrer Leibsbeschaffenheit gewesen (massen solche Liebesfrüchte fleissiger als in dem Ehstand gepflantzet werden) hingerichtet / als er von einem armen Gesellen / die höchste Ehre / und jährlich 183333. Frantzösische Kronen Einkunfften erlangt /solcher Königl. Gnade aber schändlichst mißbraucht /und Gott / seinem König / und fast alle so mit ihme zu schaffen gehabt / stöltziglich beleidiget.

15. Das Wörtlein Glük gibt mit verkehrten Buchstaben klüg / daher wir auf solche Gedanken kommen:


[189]
Sol dein Glück ein Glück verbleiben /
must du klug und wachsam seyn:
dann der Falschheit stoltzer Schein
wird dich sonst zu boden treiben.
56. Die gestrafften Balger
(LVI.)
Die gestrafften Balger.

Die Gesetze der Könige und Oberherren sind gleichsam Zweige und Sprossen Göttlicher Gesetze / welche die selbstrache einstimmig verbieten und die Gerechtigkeit für der Beleidigten Zuflucht gehalten haben wollen. Das Gebot du solt nicht tödten, ist dem natürlichen und allen Menschen eingebornen Rechten so gemäß / daß es auch alle Heiden erkannt / und solches übertrettung nicht ungestrafft gelassen. Es hat aber der Menschenfeind ein gantz wideriges Gebott / auf den Grund einer nichtigen Ehre gesetzet und giebt den Menschen wegen geringer Ursache ein: du solst tödten: Wie wir dieses bey unsren Kriegszeiten da das Christenblut vergossen wird wie Wasser / und auch sonsten in Befedung vieler Rachgierigen sehen.

2. Unter diesen letzten ist zu meiner Zeit der vornemste gewesen Bouteville / welcher 21. mahl seine Feinde vor der Klingen gesehen / und meinsten theils ümb so geringer Ursach willen / daß solche nicht eines Worts / zugeschweigen Leib- und Seelen gefahre wehrt seyn sollen: Ungeachtet solches ein Verbrechen dardurch der Adel (nach Inhalt der Kön. Verbote) verlohren / der Verbrecher Güter dem König verfallen / sie aller Ehren versetzet / durch den Hencker hingerichtet / und ihr Leichnam in keine gezweyte Oerter begraben werden.

3. Dieses alles hat Bouteville / als Landkündige Sachen / wol gewust / aber doch nicht unterlassen /den Grafen Pontgibault an dem H. Ostertag zu [190] nöthigen / daß er sich mit ihme rauffen müssen. Deßwegen das Parlement zu Paris nach ihnen greiffen lassen / sie sich aber mit der Flucht gerettet. Eben dieser Bouteville hat 1626. den Grafen Torigny in der Faßnacht für die Klingen gefordert und erstochen. Das folgende Jahr hat er sich und Freyherr Frete gerauft mit Poissy und S. Germein / da Frete deß Boutevills Beystand erstochen worden.

4. Weil nun bey so vielen Verbrechen wieder die Königlichen Gebotte / Bouteville in gantz Frankreich nicht sicher / hat er sich nach Brüssel begeben / benebens den Grafen von Chapelle seinem vertrauten Freund. Der Marggraf von Beuveren / willens deß Grafen von Torigny Tod zu rächen / ziehet mit seinem Breuter nach Brüssel / und weil der König solches in Erfahrung gebracht / lässet er an die Ertzhertzogin Isabella schreiben / daß sie diese seine Unterthanen /nicht solte zusammen lassen.

5. Die Ertzhertzogin erweiset dem Herren Bouteville grosse Ehre / wegen einer Fräulein von dem Hause Montmorency / welche sie an ihrem Hofe hatte / und ersucht den Marggrafen Spinola diese beede Herren zu vergleichen / welches er auch mit beederseits guten Vergnügen gethan. »Wie aber die geheilten Beinbrüche zu gewisser Monatszeits Schmertzen verursachen; also sind die verglichnen Feindschafften. Beede nehmen ihre Wege in Lothringen / weil Beuvern sich vernehmen lassen / er könne nicht zu frieden seyn / er habe denn Bouteville für der Klingen gesehen.«

6. Beuvron raiset nach Paris / und ob wol der König von der Ertzhertzogin eine Fürbitte wegen Bouteville eingelegt / hat sie doch anders nichts erhalten können; als daß er ausser Paris nicht nach ihme wolle greiffen lassen. Darüber er sich so ergrimmt /daß er unterschiedlich mahl gesagt / er wolte sich in Paris und auf den Königlichen Platz (à la place reyale) mit seinem Gegner fechten / wie er auch gethan / mit zweyen Beyständen beederseits / unter welchen auf jeder seiten einer todt [191] geblieben / und Beuveron sich in Engeland / Bouteville aber sich in Lothringen begeben wollen / da er unterwegs mit den Grafen von Chapelles angehalten worden.

7. Der König hat solches in Erfahrung gebracht /und alsobald den Margrafen Gordes mit Volck dahin gesendet / und sie nach Pariß bringen lassen. Als sie nun in verhafft und das Parlement ihnen einen Gerichts-Tag angesetzet / haben sie so wol von ihren Befreunden aus dem Hause Montmorency / als andern Fürsten Königl. Geblüts grosse Fürbitte gehabt / doch hat ihnen der König wegen so gar frevler That keine Gnade erzeigen wollen / daß sie also nach gethaner Beicht und Buß durch den Hencker enthaubtet worden / und zwar weil sie den Tod nie gescheuet / solchen mit unverbundnen Augen entgegen gekommen.

8. Ihre Leiber sind auf verdeckten Wägen von den Richtplatz / und von dar nach Montmorency geführet worden / zu dem Begräbnis ihrer Vorfahren. Diese That und strenge Gerechtigkeit deß Königs hat den Adel viel klüger und bedachtsamer gemachet / daß sie die ergangene und mehrmahls erneute Gebote besser beobachtet / und friedlicher gelebt.


9. Alle gleiche Thiere Zunfft /
lebet friedlich / ohn Vernunfft;
aber vieler Menschen Scharen
die begabet mit Verstand /
halten für der Ehre Pfand /
wann sie Feinden gleich verfahren.
Soll uns auch das wilde Thier
lehren was uns ziemet hier?
57. Das gefallne Schoßkind
(LVII.)
Das gefallne Schoßkind.

Aloysius Novarinus (de occultis DEI beneficiis c. 35.) zehlet unter die verborgne Wolthaten [192] Gottes /»wann ein Mensch im niederigen Stand mit allerhand Anfechtungen heimgesuchet wird; weil solche den weg zum Himmel bereiten / die Demut befördern /den Stoltz unterbrechē / unn der Probstein sind unsrer Christlichen Tugenden. Hingegen aber hat ein hoher Ehrenstand freyen Zaum zu sündigen / grosse verantwortung gegen Gott / grossen Neid und Feindschafft bey dem Nechsten / und scheinet / wie jener gesagt /Gott habe solche Leute vergessen / daß er sie von einer Sünde / blindlingsweis / in die andre fallen lässet / biß sie endlich ein Ende nehmen mit schrecken. «

2. Dessen ist unter vielen ein merkwürdiges Exempel der Hertzog von Bucquinkam / zweyer Könige in Engelland Schoßkind (mignon) nemlich König Jacobs deß VI. und jüngst regierenden König Carls deß I. dieses Namens. Ob ich nun wol mir vorgenommen der privatpersonen ihre Geschichte zuschreiben / und die Begebenheit mit Fürsten und Herren andern zu überlassen; habe ich doch nicht umgehen sollen dieses allein zu gedenken / weil sich sein Fall begeben /als ich mich in Engelland hab aufgehalten / und alle umstände so meines wissens in keinem Teutschen Buch zu finden / aus sicheren Bericht und theils Augenschein fleissigst beobachtet.

3. Dieser Hertzog von Bucquinkam ist von Ankunfft ein Edelmann / der in Franckreich die Sprachen / Ritterliche übungen / und sonderlich das Dantzen wol gelernet / daß er durch seine Höfligkeit / und wolständige Geberden deß Königs Gnade gewonnen / ja ihn gar / wie etliche gewolt / bezaubert / und zu unziemlichen Sachen gedienet haben sol. Nach und nach hat er es dahin gebracht / daß er Hertzog worden /und alle Regierungs Handel durch seine Hände gehen müssen.

4. Im Jahre 1623. hat er den alten König beschwätzet / daß er den Printzen von Galles seinen einigen Sohn / durch Frankreich in Hispanien mit ihm ziehen / und selbsten ümb die Spanische Jafantie [193] anwerben lassen / auf welcher Raise er über die dreymal hundert tausend Ducaten Beschenkung vergeudet / und ist so bald nicht wieder in Engeland angelanget / daß er verstehen müssen / wie alle Heuratshandlung sich wiederum zerschlagen / und hochbesagter Printz hernach das Frantzösische Fräulein Henrietta Maria jhme vermählen lassen.

5. Dieser Bucquinkam hasste von Jugend auf die Frantzosen / und schaffete in deß Königs Namen die Päbstischen Diener der Königin / zu raht gepflogner Heuratshandlugen / von Hof; brachte es auch dahin daß beede Kronen Franckreich und Engeland mit einander gebrochen und führet selbst ein mächtiges Schiff Heer / die Statt Rochelle / welche damals belägert / zu entsetzen / wurde aber auf der Insel de Ré spötlich geschlagen / mit verlust 6500. tapferer Soldaten. Dieser Schiffbruch kostete über 3. millionen Kronen / und wurde die Schuld alle diesem Admiral /oder Meer Herrn (wie man sagt Feld-Herrn) wegen Fahrlässigkeit beygemessen.

6. Das Parlament beklagte ferners diesen Hertzog bey dem König / daß er / wieder wolhergebrachte Freyheit das Volck mit Schatzungen beschwerte /Werbungen und Musterplätze anstellte / und fremde Besatzungen / oder ja derselben Befehlhabere / in die Schiffhäfen verordnete / und daß er so wol zu Friedens- als Kriegszeiten alles nach seinem Kopf richtete / ohne des Königs wissen und willen. Er wurde auch angeklagt wegen der begangenen groben Fehler für Rochella / dahin er allen Vorraht auß den Englischen Festungen bringen / und theils Pulver üm geringes Geld verkauffen lassen / welches hernach üm doppelten Wehrt wieder geschaffet werden müssen.

7. Uber daß wurde ihm die Schuld begemessen /daß er alle Handelschafft / durch die Meerrauber /welchen er Einhalt thun sollen / zu Grund richte / daß er die Edelleute von ihren Hofdiensten ab / und Unedle so ihme zu gethan / einsetze. Der Verlust der Schiffe / welche durch ihn verlohren / [194] und zu nicht worden / ist überhoch geschätzet / und für einen unwiderbringlichen Schaden gehalten worden; zu geschweigen deß Vorrahts / der Kauffmannschafften / Schiffer und Soldaten die darauf gewesen / und zwar in solcher Anzahl / daß Engeland von seiner tapfern Mannschafft grossen Abgang befunden.

8. Dessen allen unerachtet / hat der König in Engeland / unter diesem Hertzog einen neuen Entsatz nach Rochelle zu senden verwilliget / weil er hoch geschworen zu sterben oder in die belägerte Statt zu kommen. Als nun zu dieser Fahrt von neuem gerüstet / und eben die Gesandten von Rochelle von ihm angehöret wurden / ist ihme ein Leutenamt eines Schiffes entgegen gekommen / und hat ihn mit einem spitzigen Messer die Lungen und das Hertz durchstochen / daß er fallend geschrien: Der Hund (rock) bringt mich umb das Leben / da dann das Blut also bald aus der Wunden und dem Munde in so grosser Anzahl geschossen / daß es ihn erstöcket / und ist ein solches Geschrey entstanden / daß die Frantzosen / welche bey ihme waren / wegen dieses Mords verdächtig /fast alle von den Engeländern weren erschlagen worden.

9. Felton / der Thäter / inzwischen war durch das Gedräng entkommen / und gange in den Garten / welcher an dem Hause ware spatziren; als er aber höret /daß man die Frantzosen wegen dieses Mords angeklagt / gehet er in die Kuchen und schreyet überlaut: Es hat kein Frantzos / sondern ein Schottländer / den Bucquinkam ümgebracht / und der bin ich; das Messer hab ich besonder darzu machen lassen / und wird man in meinem Hut (welchen ich fallen lassen) einen Zettel finden / darauf mein Namen und die Ursache dieser That geschrieben. Wegen solcher Bekäntnis ist er gefänglich angenommen worden.

10. Dieser Todsfall ist von dem Volck nicht beweinet worden / sondern hat vielmehr in allen Städten /ausser Londen wo der König gewesen / Freuden-Feuere verursachet. Felton bekennet daß er [195] dieses gethan / weil der Hertzog zweymals andre zu der Haubtmanns Stelle / welche ihm gebühret / befördert / und wäre ihme 800. Pfund Sterlins schuldig. Dieses aber hette ihn nicht allein zu diesem Mord veranlasst; sondern die Antlage des Parlaments und deß gantzen Königreichs Nutzen / dessen Feind er gewesen / daß er seinen Landsleuten mit dieser Helden That / einen guten Dienst laisten und sein Leben gerne wieder für sein Vaterland aufopfern wollen.

11. Kurtz vor seinem Tod hatte dieser Hertzog in seiner Kutschen / einen Stoß mit einem Stecken bekommen / und als der Thäter deßwegen gefangen /und von dem König zum Tod verurtheilt worden / hat Bucquinkam für sein Leben gebetten. Er hatte auch mit dem König und etlichen andern Herrn gekugelt und gesagt / E. Majest. sehen / ich habe sehr wol geschossen. Darauf ihm der Narr den Hut vom Haubt genommen / etliche Haare außgerissen / und gesagt: solt du schlechter Gesell mit den König reden / und den Hut auf dem Haubte haben? Als er aber mit diesen Worten entloffen / hat ihme der Hertzog nach geeilet / biß ihm der König zu rucke gerufen / und gesagt: Er ist ein Narr / und ist truncken. Bald hernach ist dieser wiederkommen / sagend: ich bin jetzt noch närrisch noch voll / sondern ein Schottischer Edelmann / der nicht leiden kan daß Bucquinkam E.M. nicht schuldige Ehre erweiset. Hat also dieses Schoßkind für diesem Schotten zu fallen angefangen / wie Hamman fur Mardochai. Felton sol wegen des Volkes in der Gefängnis seyn hingerichtet worden.

12. Diesem Hertzog hat man folgende Grabschrifft gemacht.


SONNET.


Der Verstorbene redet.


Das wunderreiche Glück hat meiner Hand vertraut
mehr als ich nie gewünscht; in dem ich hab stoltziret
[196]
und zweyer König' Hertz nach meinem Sinn regieret /
ja mich an ihrer Stell' in höchster Macht geschaut
Auf Reich thum / Ehr und Ruhm / hab ich Gewalt gebaut /
Zu Wasser und zu Land hab ich den Krieg geführet /
und dieses Königreich auf manche weiß vexiret /
deß Glückes süsse Trifft hat auf mich fast getaut.
Damit ich aber auch was löblichs möchte richten /
hab ich der Frantzen Kron getrachtet zu vernichten /
da mir das Wiederspiel den Rucken zu gewendt /
daß meine Lorbeerkron verwandelt in Cypressen /
und meines Namens Schand verbleibet unvergessen.
Ein böser Lebens, Lauff giebt selten gutes End!
58. Das frevle Beginnen
(LVIII.)
Das frevle Beginnen.

Wann dorten Job sagt (15. v. 16.) Der Mensch lebt stetig im streit / ist solches absonderlich war von den Ehrsüchtigen Frantzosen / welche aus Mangel der Feinde / mit ihren Freunden zufechten haben müssen /und hat jener recht gesagt / »$daß in den Hörnern der Ehre kein Mark der Freuden wachse / welche die Jungen Leute herabstossen / in dem sie solche fast aufzusetzen vermeinen.«

2. Dieses hat auch erfahren Speusippus / als er vermeint er habe den Sieg und die Außbeute in Händen. Er war ein Edelmann aus Aquitania bürtig / und hatte mit Liberat einem seiner Landsleute und Spießgesellen so verträuliche Freundschafft gemachet / daß sie nur einander Brüder zu nennen pflegten. Nach deme nun durch König Heinrich den IV. dieses Namens /der Friede durch gantz Franreich wiederbracht / hat sich ein jeder wieder unter seinen Weinstock und Feigenbaum begeben / und die Degen in Pflugscharen verwandelt.

[197] 3. Diese beede hatten ihre Wohnungen nahe beyeinander / und kamen oft zusammen / als vertraute Nachbaren und einige Freunde. Liberat verheuratet sich mit Mela einer sehr schönen und Tugendreichen Jungfrauen. Speusippus bezeugte hierüber grosse Freude / und nennte Melam seine Schwester / weil ihr Mann sein Bruder / und sie hingegen ihn aus Höfligkeit ihren Bruder. Dieses war anfangs ungefärbter Schertz / endlich aber auf Speusippi seiten brünstige Meuchel Liebe.

4. Wie dort Jonathan von den verbottnen Honig gekostet sind seine Augen hell worden: Speusippi Augen aber wurden aufgethan weil er von dem verbottnen Honig nicht kosten können: und Mela seiner Thorheit mit verständiger Reuschheit begegnet. Sie führte ihme zu Gemüte / wie er seinen besten Freund durch so frevles Beginnen beleidigte: wie sie ein Hertz und einen Leib / den sie ihrem Liberat vertrauet / und nicht mehr in ihren Mächten hätte / daß ihre Schuldigkeit gegen GOTT und ihrem Mann seinem sündlichen Anmuten wiederstrebte / und als er nicht ablassen wolte / betraute sie / solches ihrem Manne anzuzeigen.

5. Wol / sagte der verliebte Speusippus: Euer Mann kan mir das Leben nehmen / so wol als auch ich ihn erwůrgen kan: aber doch kan er mich der Liebe gegen euch nicht berauben / und wird hierdurch uns beeden nicht geholffen seyn. Mela fürchtet einen traurigen Ausgang / und hatte grosse Gedult mit diesem beschwerlichen Aufwarter. Endlich als er nicht ablassen wil / sagte sie Liberat was ihr dieser Bruder unbrüderlich es zumutet / und bittet ihme das Hauß zuverbieten / welches er / wie wol mit viel zu gelinden Worten gethan.

6. Speusippum konte auch die Abwesenheit von Mela nicht heilen / sondern bedachte sich durch einen listigen Weg / zu seinem vorhaben zu kommen. Er verstellte sein Angesicht durch Abschneidung der Haare und des Barts / veränderte seine Kleider [198] und nimmt eine Schachtel mit schönen Spitzen zu sich /als er wuste daß Liberat verraiset / und füget sich also zu Mela / als ein Genuesischer Spitzen Krämer. Sie kauffet ihme unterschiedliche Stücke sehr wolfeil ab /und hält sich so lange bey ihme auf / daß er die Thür verrigelt / sich zu erkennen giebt / und noch eine andre Vergüngstigung für seine Spitzen erheischet. Auf beharrliche Verweigerung der Mela entblösset er den Dolchen / und bedrauet sie zu erwürgen / wann sie seinen viehischen Begierden nicht stat geben würde.

7. Was in dergleichen Zustand einer ehrlichen Weibspersonen zu thun obliegt / haben wir in der LXXXIII. Erzehlung §.12 deß grossen Schauplatzes Lust- und Lehrreicher Gedichte angemeldet. Mela hat in solcher Angst / zu Gott / und ihren Haußgenossen geschrien / daß zu allem Glück ihre Magd zu einer andern Thüre hinein geloffen / und ein solches Geschrey in dem gantzen Hause angefangen / daß die Stalknechte zugelauffen / den Speusippum von ihrer Frauen gerissen / sich seiner person / nach dem er einen von ihnen / mit dem Dolchen todt gestochen gehabt / bemächtiget / und in eine Kammer / biß zu ihres Herren Wiederkunfft verschlossen.

8. Liberat höret was dieser Frevler zum andernmahl beginnt / lässet ihn aber doch der alten Freundschafft geniessen / und gegen einen Verweis frey außgehen / der Hoffnung er werde nun von seiner Thorheit ablassen / und ihn und seine Gemahlin nicht ferners betrüben: weil er sonderlich in den Arm / wie wol nicht gefährlich verwundet worden. In diesem gleichte der gute Mann der Geise in der Fabel / welche den jungen Wolff ernehret / der sie als er groß worden / gefressen.

9. So bald Speusippus geheilet / befedete er Liberat / mit ihme ům Mela (welche doch sein Weib / daß er sich wol entschuldigen können) zu fechten: und nach den Gesetzen die Wittib ihres Mannes Mörder nicht freyen kan. Liberat aber wolte dieses Frevlers Undanckbarkeit endlich straffen / [199] und fande sich auf bestimten Platz / mit stinem Degen und Dolchen. Also gehen diese nach etlichen Scheltworten zusammen /und zersprang Lieberats Degen-Klingen / daß ihn sein alter Freund und neuer Feind nöhtigen wollen / ihme seine Melam zu überlassen / oder sich zu sterben entschliessen. Beedes war Lieberat nicht zu Sinn / sagend: daß er wol das Leben / aber nicht die Ehre sein und seines Weibes verlieren werde: begiebt sich also /in dem Speusippus auf ihn bringt / in die Flucht / und in dem ihme sein Gegner nach eilet / fället er / und Speisippus aus blinden Eifer über ihn / daß sie also beede zur Erden liegend / und weil dieser das Haubt hart aufgeschlagen / ermannet sich Lieberat / und stösset ihm seinen Dolchen durch den Wanst daß er die boßhaffte Seele aufgeben müsste.


10. Freundschafft ist deß Lebens Sonne /
Freundschafft macht in Nöthen Wonne /
Freundschafft ist das wehrtste Gut /
Freundschafft gibt in ängsten Mut.
Freundschafft bringt dem Hertzen Trost
Freundschafft gleicht dem süssen Most.
Freundschafft macht auf dieser Erden /
aus dem Himmel Hölle werden.
59. Die Gottesvergessne Eifersucht
(LIX.)
Die Gottesvergessne Eifersucht.

Alles was die Poeten von den Höllen Göttinen oder Furien gedichtet / findet sich würklich bey den Eifersüchtigen und rachgierigen Personen. Sie sind selbsten ihre Henker und Gewältiger / martern sich Tag und Nacht / entbrennen in ihrem Grimm und haben ein unruhiges Gewissen: daß von solchen wahr / was dorten Sirach am 21. v. 5. saget: Wann ein solcher des Nachts auf seinem Bette ruhet / fallen ihme mancherley Gedancken für: [200] wann er gleich ein wenig ruhet / so ists doch nichts / denn er erschrickt im Traum / als sehe er seinen Feind kommen. etc. Hierzu schlegt mehrmals falscher Wahn / daß solche Leute in deme / was nicht ist / Adlers Augen haben / und in der Warheit so blind sind als die Maulwürffe.

2. Solches hat mit seinem Exempel beglaubt Muson / ein vornemer Mann zu Ravenna / als er Lucretiam / eine arme und schöne Jungfrau / welche Germin einen jungen Edelmann geliebet / gefreyet hatte. Keine Metallen sind so vermischt / daß sie nicht durch das Scheidwasser gesondert / und aufgelöset solten werden können: »Also ist keine Verbindnis so wol geschlossen / welche nicht das Gold und der Eigennutz solte zertrennen können.« Dieser Alte vermeinte daß ihn sein Geld wieder jung / und der Jungfrauen so annehmlich / als ihme der Reichthum / machen würde: da er doch den Jahren nach ihr Vater seyn mögen / und erwachsne Kinder hatte / die ihme von der Keuschheit hetten predigen sollen.

3. Lucretia folgte zwar ihrer Freunde willen / welche allein dieses Bild hochachteten / weil es ein güldnes Fußgestell hatte / wünschte aber in ihrem Hertzen daß Germin dessen Stelle in Ehren vertretten möchte. Muson vermeinte er hette kein Weib / sondern eine leibeigne Knechtin gekauffet / die er in einer Gefängnis gleichsam verwahret daß er auch mit den Mucken / welche üm sie herflogen / geeifert / und gefragt: Ob sie Männlein oder Fräulein. Alle seine Haußgenossen solten seines Weibes heimliche Verrähter seyn / und unter selben Celestina eine alte Magd / so er zu Lucretia Diensten verordnet.

4. Diese Alte hatte zwar sondere Bestallung als eine Kundschafferin / sie war aber sehr gering / weil sie von einer sehr geißigen Hand herkommen musste: Hingegen stellte sich Germin freygebiger ein / und übersilberte dieser Celestina die Hände so reichlich /daß sie Brief und Bottschafften an Lucretiam zu überbringen / gewonnen war. Lucretia war in [201] diesem Zustande lebendig todt / und ihre Behausung gleich einem finstern Leichengrab. Die Briefe wolte sie von Germin erstlich nicht annehmen / in Hoffnung aber /daß ihr Alter sterben / und sie mit ihme noch verehlichet werden könte / lässet sie sich von der Alten zu Eröffnung solcher Schreiben bereden / beantwortet aber derselben keines.

5. Germin konte nicht unterlassen üm Mussons Hause zu spatziren / ob er etwan Lucretiam an den Fenstern sehen möchte / und dieses wird von dem aufgestelten Kundschafftern Muson also balden zugetragen / der ihm selbsten begegnet / und daher seine Lucretiam in verdacht deß Ehebruchs / ohne fernern Beweiß ziehet: setzet ihr deßwegen den Dolch an die Gurgel / und will sie sol den Ehebruch / welchen sie nicht begangen / bekennen. Sie bittet Zeit zu beichten und entschleusst sich hernach / in ihrer Unschuld /willig zu sterben.

6. Muson führet ihr einen alten Mönchen zu / der übel hörte / daß man gar laut schreiend mit ihme reden müssen und verbirgt sich in ein Kämmerlein an dem Zimmer / daß er alle Wörter der Beichte verstehen kunte / nicht zweifflend sich solcher massen in seinem Wahn zu sichern. Als nun Lucretia auf das sechste Gebot kommet / bekennet sie gegen Gott und diesem Beichtvater / als eine Person die sterben solte /daß sie Germin vor dessen / in gebührliche Keuschheit / geliebet: Er aber habe mit ihr in ihrem Ehestand nie geredet / als durch etliche Briefe / so sie Celestina / fast zu erbrechen genöthiget: welche alle dahin gehen / daß sie ihme ihre Gewogenheit / biß zu Mussons Absterben erhalten solte. Darauf habe sie sich aber niemals mit einiger Gegen Antwort vernehmen lassen.

7. Als dieses Muson hörte wendete er seinen Grimm von der Lucretia auf die betrügliche Celestinam / und stösset ihr den Stillet durch die Brust / deßwegen er von andern seinen Hanßgenossen / welche dergleichen befürchten mussten / verrahten / in das Gefängnis geworffen / und nach deme wegen [202] der Beicht die Sache eröffnet / zum Tode verurtheilet worden. Nach Mussons Tod hat Lucretia Germins nach wart mit ehlicher Trauung vergnüglich belohnet.

8. Fast dergleichen lieset man auch von einem Kauffmann in Calabrois / welcher zu Osterlicher Zeit / sich als ein Geistlicher verkappt und seines Weibs Beicht angehöret / dardurch er dann versichert worden daß sie mit andern zugehalten. Uber dieser Bekäntnis auch so sehr ergrimmt / daß er sie als sie aus der Kirchen gegangen / auf freyer Gassen / mit dem Dolchen erstochen / und deßwegen auch durch deß Henkers Hand sterben müssen.

9. Weil nun solche Eiferrach eine ungedultige Begierd / wollen wir diese Erzehlung mit lauffenden und springenden Versen beschlüssen.

Ohn ursach ergalte stets grimmige Rach
hört eiligst deß Gegenhalls klägliches Ach!
Die sothane schnelle Begierden erfreuen
erfahren im ende spat schmertzlich es reuen.
60. Die unerwarte Bestraffung
(LX.)
Die unerwarte Bestraffung.

Wer alles übel ungestrafft thun darff / der ist König /saget das Sprichwort / und sind die Könige vielleicht auch deßwegen Götter genennet / weil ihnen zu straffen frey stehet / von niemand aber gestraffet werden wollen. Solches ist nicht zu verstehen von frommen oder einfältigen Herren / welche solche Götter sind /die Ohren haben und hören nicht Augen haben und sehen nicht / aber doch Hände haben / die durch böse Rähte / nach ihrer Unterthanen Haab und Gütern greiffen.

2. Solches Gewalts massen sich auch an die Königlichen Leutenant oder Statthalter in Franckreich /unter welchen Frambald derselben einer so seine / mit bösen Lüsten angefüllte Augen / von Anatolia [203] schönen Angesicht verblenden lassen / welcher auch Lezin ein Edelmann mittelmässigen Zustands aufgewartet. Die Freunde sahen wol daß dieses bewegliche Gut schaden nehmen / und die reiffe Frucht faulen / oder von einem unrechten abgepflocket werden möchte /haben deßwegen Anatoliam / in der stille / mit Lezin trauen lassen.

3. Wie freundlich der Königliche Statthalter darein gesehen / ist leichtlich zu erachten. Er konte nicht in diese Festung kommen / als sie noch unbesetzet / ob er wol etliche mit Gold beladne Esel vorgesendet /und nun war die Besatzung eingezogen. Lezin sahe wol das seines Weibes Schönheit vielen / und sonderlich Frambald die Augen eingenommen: »wuste aber keinen Trost als Anatolia Tugend / wie wol auch solche in einem gebrechlichen Gefässe / das in einem Nuzerstossen werden möchte«.

4. Wie die Heyden ihre Schlachtopfer gekrönet /wann sie Solche aufopfern wollen: also suchte Frambald alle Vertrauligkeit mit Lezin zu pflegen / ihn mit hohen Diensten zu ehren / über seine Tafel zu bitten /und hierdurch ihm allen Argwahn zu benehmen / daß es wegen seines Weibs Schönheit geschehe. Lezin aber sahe wol / daß dieses zu Aufopferung seiner Ehre gemeint / und daß man den Mann wegen der Frauen besuchen wolte. Diese Beysorge durffte er niemand offenbaren / weil er sich selbst dardurch in Schanden / und sein Weib in ein böses Geschrey hette bringen können.

5. Anatolia hörte diesen Frambald so gerne reden /als ungern ihn Lezin in seinem Hause sahe / und ihn doch nicht hinaus weisen konte / ohne grosse Gefahr und sondere Unhöfligkeit / welcher in seiner Frauen Hertzen durch die Thür der Eitelkeit / eingegangen war. Sie gedachte daß der Oberste in der Statt / ihren Mann / als seinen Unterthanen weit vorzuziehen. Allem fernern Unheil vorzukommen / begiebt sich Lezin auf sein Landgut / sich aldar eine Zeit aufzuhalten / und die Thorheit beederseits zu unterbrechen.

[204] 6. Die Einsamkeit des Landlebens war der Anatolia gantz unerträglich / weil sie von Jugend auf in Gesellschaften erzogen worden / und lage ihrem Manne in den Ohren / er solte doch wieder in die Statt kehren. Dieser Lehrjung in der Hanreyschafft wil darzu nicht verstehen. Es fügte sich aber daß Frambald / unter dem Schein der Jagt Lezin verfolgte / und Abents seine Einkehr auf seinem Schlosse nahme. Ein willkommer Gast bey der Frauen / dem Herren aber ein Greuel.

7. Als er einsten von dem spatzieren gehen wiederkommet / findet er seiner Gemahlin Kammer verschlossen: er klopft / schlägt und draut die Thür aufzusprengen / wann sie nicht aufmachen wolte. Nach deme er hinein gekommen / sihet er Feder und Dinten auf dem Tische / fragte / was sie geschrieben? sie kan nichts vorweisen / als eine kale Entschuldigung / welche verursachet / daß er ihr in den Busem greifft / und Frambalds Brief / mit ihrer halb geschriebenen Antwort findet / daraus er sehen muste / daß er von ihr verrahten wurde.

8. Anatolia fället auf die Knie / lässet ihre Augen mit Threnen (der falschen Weiber Kauffmanns Waare) triefen / und entschuldiget sich mit vielen Unwarheiten / damit nur Lezin sich nicht an ihr vergessen solte. Er hatte den Degen schon entblösset / und wolte ihr das Leben nehmen: betrachtete aber daß der böse Wille noch nicht zu werke gesetzet worden / und mit solchem grimmigen Ernst nicht straffbar. Verzeihte deßwegen seinen reuigen und bußgelobendem Weibe: hat aber dadurch den Hass gegen ihn / und die Liebe gegen Frambald befördert / welches sie beedes mit zuträglicher Freundligkeit verhüllet. Diese Thiere sind auch gefährlich wann sie lachen.

9. Zu Nachts stellte sie sich / als ob sie kranck /grosses Grimmen in dem Leib spührete / offt aufstünde und Lezin nöhtigte / daß er in einer andern Kammer / ein andres Bett suchen muste / und so bald er entschlaffen / hat sie Frambald / durch eine vertraute[205] Magd zu ihr hinein führen lassen. Was geschihet? Folgende Nacht war zwar Lezin entschlaffen / wachet aber bald wieder auf / und bedecket sich mit seinem Nachtrock / zu sehen / ob seiner Frauen die schmertzen vergangen: die Thür findet er halb offen / und deßwegen war ihm die Sache verdächtig. Er tritt hin zu dem Bette: Anatolia vermeinte daß es Frambald /welcher seine Pferde unter einen Baumen warten lassen / und genommener Abrede zu folge / unterwegs war / neunte ihn deßwegen bey Nahmen / und fraget /wann er sie doch ihres Eifersichtigen Mannes erledigen würde? etc.

10. Als Lezin solche Untreue verstanden / holet er seinen Degen übet gantz unerwarte Bestraffung / und durchsticht diese Ehebrecherin zum offtermahl; in deme kommet Frambald mit zweyen seinen Dienern /und der Magd / so sie mit einer blend-Latern geführet / welche Lezin auch also bald ermordet / von Frambald aber und seinen Dienern wieder niedergestossen worden / darnach hat dieser Ehbrecher also bald den Rükweg genommen / und durch das Gerücht verstehen müssen / daß er als ein Todschläger dieser beeden Ehleute offentlich beschuldiget worden. Er wolte sich zwar solcher Auflage entschütten / vorgebend daß solches vertheidigungs weiß geschehen / würde aber von niemand für unschuldig gehalten / weil er zu Nachts der Orten keine ehrliche Verrichtung hatte.

11. Wiederkehr von den Frommen und bösen Weibern / nach dem Inhalt verfasset.


Weib.Weib.
ch. 1.r. 6.
d. 2.s. 7.
h. 4.ß. 8.
l. 4.t. 9.
n. 5.tz. 10.

[206] Erklärung.

Das selten fromme Weib gleicht einer weichen (1.)Weib (2.)
die zu deß Mannes Lust vom Höchsten ist geweiht (3.)
Sie kürtzet ihm die Weil (4.) erfreut ihn wie derWein: (5.)
Sie ist kleiner Weir / (6.) den einer fischt allein.
Weis (7.) ist sie an Berstand / weiß (8.) an dem zarten Leib /
nicht Weit (9.) von ihrem Mann verbleibt ein Ehren Weib.
Die Henne brütet wol / wann nur der Gockelhaan /
zu ihrer Küchlein Kost satt Weitzen (10.) schaffen kan.
Wiederkehr.

Der Weitzen (10.) nehret uns / versaulet / wird er Gifft:
das Weib hat alle Sünd in weiter (9.) Welt gestifft.
das weisse (8.) schwärtzet sich / die weisen (7.) werden alt:
wie sonder Sonnenschein der Schlamm im weir (6.) erkalt.
Der Wein (5.) kränkt Muth und Sinn / ursacht den Beutelschmertz:
so dauret kleine weil (4.) der Zuckersüsse Schertz.
Der ist zum Leid geweiht (3.) dem Wunneweid (2.) gebricht
Es weichet (1.) Lieb und Treu / an mangel mangelts nicht.
61. Die verwirrte Irrung
[207] (LXI.)
Die verwirrte Irrung.

Was ihr nicht wollet / daß euch die Leute thun / das thut ihnen auch nicht. Dieses in der Natur und vielen Heyden Büchern gegründte Gesetz / stimmet mit den Worten unsers Erlösers über ein: Ma den Maß da ihr messet / wird man euch wieder messen: verstehe es sey Gutes oder Böses / und befindet sich solches auch in nachgesetzten Exempel / da dessen Blut wieder ist vergossen worden / der zuvor Blut vergossen hatte /wie folgends zu vernehmen seyn wird.

2. Nicht ferne von dem Fluß Arar wurde geboren Orianda / eine Jungfrau von wundervoller Schönheit. Wie die Sonne die kleinen Stäublein an sich ziehet: also locket ein schönes Angesicht der Jünglinge Hertzen. Unter ihren viel Bulern waren die nächsten an dem Bret Tolam und Lizard / beede tapfere und von ihren Eltern wol angesehene Edelleute: doch war von ihnen Lizard / wegen mehrers Reichthums / von Orianda aber Tolam wegen mehrerer Freundligkeit dem andern vorgezogen.

3. Dieser Jungfrauen Neigungen waren so wetterwendisch / daß sie bald zu diesem bald zu jenem schwebten / und man billich sagen mögen daß sie dem Mondschein in dem Haubt / welcher den Zu- und Abfluß ihrer Gunsten regierte. Diese beede standen auf dem Scheidewege der Hoffnung und der Furcht /gewillt bald einen / bald den andern anzutretten.

4. Die Freunde begehren zu wissen / welchen sie einmahl wehlen wolte: sie giebt ihnen die Wahl wieder heim / und sie nehmen sie bey dem Wort / und erkiesen Lizard / deme Oriande nicht widerspricht und also Tolam in untröstliche Betrübnis setzet. Er will ihn lassen für die Kllingen fordern / betrachtete aber /daß wann er obsiegt / land flüchtig werde müsste /[208] und daß er gegen ihm nichts verbrochen / in dem er sein Glück mit Füssen nicht weg gestossen / welches auch er Tolam nicht gethan / wenn es ihme nur so gut werden mögen.

5. In diesen Gedanken wil er von Orianda Urlaub nehmen / und bringt sein Anliegen so holdselig und doch kläglich vor / daß Orianda ihre alte Gewogenheit verneurt / und ihn anzunehmen / Lozard hingegen abzuschaffen verspricht: jedoch mit zweifflenden Worten / und Betraurung daß die Jungfrauen ihrer Freunde und Gesippten willen unterworffen / welchen sie beugen / aber nicht brechen könten. In zwischen triebe Lizard sein Verlöbnis / die Auffsetzung deß Heuratsbriefs / und wurde der Hochzeitliche Ehrentag bestimmet.

6. Tolam sendete durch seinen Freund Gordian einen Abschied Brief an Oriandam / welcher so beweglich / daß sie die Nacht vor ihrer Hochzeit / zu Gordian in das Hauß kommet / und mit ihme in Mannskleidern / biß zu Tolams Schloß / (von dar er mit der Post schon auf Paris zu abgeloffen) folget. Als sie nun verstanden / daß er sich in solcher fast weltgrossen Statt etliche Tage aufhalten würde / nehmen sie beede Abwege dahin zu kommen / und Tolam zu sprechen / ob man sich wol an einem so volkreichen Ort / sonder Zauberey / unsichtbar machen kan /

7. Tolam hingegen befande sich auf der zweyten Post so übel / daß er sich auf sein Schloß in einer Senfften zu rücke muß tragen lassen. Was für eine Verwirrung und Irrung in Orianda Hause entstanden /ist leichtlich zu ermessen. Die Befreunden mutmassen alle / daß Tolam Oriandam müsste entführet haben /und weil sie hören / daß er auf seinem Schlosse / lassen sie ihn durch Oberherrliche Handbietung / in das Gefängnis bringen. Nach deme er aber glaubwürdig erwiesen / wie es mit seiner Raise von Tag zu Tage hergegangen / und daß er Oriandam nicht gesehen /ist er wieder erlassen / und alle Schuld auf Gordian geleget worden.

[209] 8. Tolam und Lizard hörten / daß Gordian und Orianda ihren Weg nach Paris genommen / folgen deßwegen / die Hochzeiterin wieder zurücke zu bringen. Tolam begegnet Gordian allein auf der Gassen /und lässet sich den blinden Zorn verblenden / daß er ihn also bald / als den Rauber seiner Liebsten / ermordet. Nach dem er nun Oriandam nicht erfragen kan / nimmt er den Weg wieder zu rücke und begegnet unfern von Hause in einem Gasthof Lizard / der ihn nun auch für den Entführer seiner Hochzeiterin gehalten / und ihn für der Faust niedergestossen / deßwegen er in verhafft gebracht worden / und durch den Henker eines schmälichen Todes sterben müssen.

9. Nach dem nun Orianda lang auf Gordian gewartet / muß sie / wie der verlohrne Sohn / nach Hause kehren / und üm Verzeihung ihrer Unbedachtsamkeit /mit einem flehendlichen Fußfall bitten: Ist aber zu einer gar gnädigen Straf in ein Kloster geschaffet worden: da sie / als eine Ursacher in dreyer Mordthaten /ihre Thorheit die Zeit ihres Lebens büssen müssen: Ob sie zwar den Vorsatz nicht gehabt einen von ihnen in Gefahr / und ümb das Leben zu bringen.

10. Weil hier von zweyen Zornigen gehandelt worden / wollen wir schliessen mit folgenden


Rähtsel.


Wie wird dieser Mann genennet /
der sich selbsten nicht erkennet /
der verhüllt sein Angesicht /
der liebt oh: Verstand zusterben
was er that das weiß er nicht /
und lässt seinen König erben.
will er sich der Sünde schenen /
kan er seine Schuld berenen.

Der Zornige kennt sich nicht wann er ergrimmt / verstellet sein Angesicht / setzet sein Leben auf die Spitze / und wann er seinen Gegner ermordet / oder ermordet wird / so fallen die Güter dem Könige heim: bereuet [210] er aber seine Sünde und ziehet zu rucke / so kan er bey Gott noch Gnade finden.

62. Der gefährte Pfandmann
(LXII.)
Der gefährte Pfandmann.

Die Treue / oder der Glauben ist das Pfand menschlicher Gemeinschaft und eine verborgene Wolthat Gottes / von deme gerühmet wird / daß er Glauben halte /und thue / was er verspreche. Der Satan hingegen wird ein Lügner genennet von Anfang / der ein Geist ist in dem Munde der falschen / und regieret die Zunge der Affterreder. Solche Treue nun zu versichern giebt man über die Handtreue Siegel und Briefe / ja auch Geißler oder Pfandmänner / wie wir aus nachgehender Erzehlung ein sonderliches Beyspiel zu ersehen haben werden.

2. Als zu Zeit Heinrich dieses Namens deß dritten Königs in Franckreich das Königreich durch Unfriede zerspalten und sich selbsten aufgefressen / haben sich zween Edelleute zweyer starken / und unfern von einander gelegner Plätze bemächtiget / deren einer an einem Haubtfluß gelegen / einer grossen Statt die Zufuhr gesperret: der andre aber auf einem Berghauß gelegen / und mit rauben und plündern grossen Schaden gethan.

3. Vor Jahren hat man unterschieden deß Feindes Haab / welches frey gewesen / und dessen Haab der sich bey dem Feind aufhalten muß: als da sind Bürger und Bauren / welche nichts mit dem Krieg zu schaffen / wann sie nicht darzu genöhtiget werden. Dieser Unterscheid ist bey den einheimischen Kriegen aufgehoben / und muß alles Freund oder Feind seyn / ja die Schutzherren seyn sollen / »machen sich zu Nutzherren / und fischen in trüben Wassern«.

4. Andagar und Pepin welchen diese beede Plätze anvertraut / namen aller Orten die Geldanlagen ein /mit Vorwand / sie zu schirmen / welches [211] auch geschehen / daß kein Pferd / Ox oder Kuh mehr in dem Land geblieben / weil der Bauersmannn beeden heilen zu steuren nicht vermochte. Die Statt / deren vorgedacht worden / schickte auf diese beede Schlösser / und lässet derselben Gebieter ersuchen / den Krieg also zu führen / daß der arme Landsmann bey dem seinen verbleiben / und das gantze Gebiet nicht veröden lassen müsse. Sie lassen sich vernehmen / daß sie in dem dritten Ort zusammen kommen / und deßwegen Abrede mit einander pflegen wolten / und solche ihre Personen zu versichern / wurde ein Wechsel etlicher Pfandmänner verglichen.

5. Andegar / welcher von der Liga oder Bundsgenossen seiten war / gabe seinen Sohn Varle und einen Haubtmann genannt Baron: Pepin hingegen versprache seinen Bruder Tophan und Nicar einen Rittmeister / zu übersenden. Der Tag dieses Wechsels war angesetzt: Tophan und Nicar waren wol bekleidet /und nahmen Geld mit zu spielen / kamen auch in deß Andegar Schloß zu rechter zeit / und wurden mit aller Höfligkeit empfangen / und wol gehalten.

6. Es begabe sich aber daß etliche Schnapphaanen Varle und Baron in einen Busch führten / und ihnen den Todt antrauten / welches ein Fußgänger von ihnen hörte / und zu Andegar hinterbrachte / daß diese Geisel verrähterischer weise (weil diese Rauber allezeit Feinde derer die was zu verlieren haben / sind / was Volck sie auch antreffen /) ermordet weren / und daß solches von Pepin angestifftet. Diese falsche Zeitung war für war gehalten / und wolte Andegar seine Geißler also balden niedermachen lassen / wurde aber doch zuvor Rahts / auf Pepins Schloß zu senden / und zu vernehmen / ob sein Sohn und Baron aldar angekommen? Pepin sagte / daß sie aldar noch nicht angekommen / und solte ihnen sicheres Gleid gehalten werden / etc.

7. Als solches der Trompeter zu ruke bringet / hielte Andegar seinen Sohn für verrähterischer weise getödtet / und liesse ohne fernere Nachfrage [212] auch seine beede Pfandmänner erwürgen. »Was gethan / lässet sich nicht ändern / deßwegen es lang zu betrachten /und nicht so gar unbesonnen zu verfahren; sonderlich gegen solche Personen / welche auch bey den Heyden für heilig und schutzwürdig gehalten worden.«

8. Varle und Baron wurden inzwischen gantz außgezogen / beraubt / und lang in die Nacht wieder erlassen. In diesem Zustande haben sie sich in Pepins Schloß eingestellet / und wurden aldar wieder mit aller Nohtdurfft versehen. Es war kaum der Tag angebrochen / so kame das Geschrey Andegar hette seine Geisselmänner erwürgen lassen. Pepin erschracke ob seines Bruders Tod / und hatte in Willens dergleichen auch gegen die seinen zu verüben. Er wolte aber hierinnen sich nicht übereilen / und die Sachen gründlich erkündigen; massen er solches hernach / noch zu allerzeit thun könte.

9. Andegar höret / wie es hergegangen / erkennet zwar sein Vnrecht / weiß aber nicht wie geschehene Sachen zu hintertreiben: sendet deßwegen zu Pepin /und bittet ümb seines unschuldigen Sohnes Leben /für welches er auch das seine zulassen erbietig. Pepin betrachtet / daß dessen Tod seinem Bruder das Leben nicht wiedergeben würde / und begehret für das Löse Geld / Andegars Sohn / welchen er hinzurichten betrauete / die überantwortung der Festung / welche Andegar auch geraumt / und sich in eine Ligische Statt /mit wenig von seinen Soldaten begeben.

10. Andegar wird beklagt / daß er seines Sohns Leben / dem gemeinen Nutzen vorgezogen / und ergehet das Urtheil / daß er durch deß Henckers Hand enthaubtet / zu vor aber aller Ehren entsetzet werden solte. Sein Sohn aber ist auf deß Königs seiten getretten / und hat seines Vatern Tod an selbiger Statt vielfältig gerächet.

11. Die Rache eines Zornigen wird füglich gebildet mit einer Hand / welche auf einen Igel schlägt mit der überschrift:


[213] Du schlägest dich!


Man schaut gleich in einem Spiegel
daß der stachelreiche Iegel
durch den Schlag nicht wird verletzt:
Wer die Rach erzörnet übet /
niemand als sich selbst betrübet /
und in das Verderben setzt.
63. Die gefährliche Nachahmung
(LXIII.)
Die gefährliche Nachahmung.

Wann wir den Poeten glauben / so ist es Phaeton übel bekommen / daß er dem Dädalo nachfliegen / dem Marsie / daß er dem Phöbo wollen nachsingen / und der Araine / daß sie der Minerva in den Spiennen gleich oder nachahmen wollen. Wer nicht so starck ist als Milo / der zerbreche keinen grossen Baum und trage keinen Oxen / wann er nicht darüber zu schanden werden will / ja sich in Verderben stürtzen / wie nach folgende ehrsüchtige Memme.

2. Zu Paris fanden sich zween tapfere Edelleute /welche wegen deß Spiels sich entzweyt / und deßwegen einander befedet. Andre Verständige so darbey gewesen / verhinderten diese / daß sie nicht zusammen kamen / weil die Ursach schlecht / und man wol wuste / daß es ihnen beederseits an Kühnheit (oder vielmehr Verwegenheit) nie ermangelt.

[214] 3. Dieses machte beeden grossen Nachruhm / daß sie gleichwol nicht ablassen wolten / biß etliche vornehme Herren die Sache vergliechen / und wurden zween andre schlechte Gesellen / die vielmehr mit messen und wägen / als mit den Degen ümzugehen gewust / bewegt / daß sie / weil sie gute Freunde waren / sich stellen wolten / ob hetten sie sich wegen einer Dirne entzweiet / und weren mit einander zu rauffen gesinnet / damit ihre Freunde sie von einander bringen / und ihnen gleichen Nachruhm gedeyen möchte.

4. Sie lassen das Geschrey erschallen / daß sie zu bestimmter Zeit und Ort einander vor der Klingen sehen wolten. Die Leute lieffen zu / wie zu geschehen pfleget / und sonderlich ihre Bekanten / deren theils sie von einander bringen wolten / etliche andre aber wusten / daß ihrer keiner so viel Hertz im Leib / als eine Nachtigal einen Tag über essen kan / und sagten / man solte sie machen lassen / es würde keiner dem andern schaden / weil es nicht Ernst.

5. Sie hatten die Wamser außgezogen / die Degen gemessen und die Sache so weit gebracht / daß sie gewolt man verbinderte sie inständiger / oder sie hetten es bleiben lassen. Sie musten auf einander zu gehen /und wurde der eine also bald tödtlich verwundet. Er wird zu dem Wundartzt getragen / in dem der andre die Flucht genommen / und weil er etliche Tage hernach erst gestorben / hatte er zeit seine Sünde zu beichten / und unter andern auch diese Thorheit / ohne ursach / wegen eitler Ehre scheinbarlich üm Leib und Leben zu fechten / bekennet. Damit einer die Ehre hat / daß er ein guter Springer / sol er sich in keinen Abgrund stürtzen.

6. Also hatten zween Spaniolen einen Streit wegen etlicher Prügel / die einer auf deß andern Rucken hatte fallen lassen / daß alle so darum wusten sagten / daß die Sache müsse mit dem Degen außgetragen werden. Als sie nun beede wieder ihren willen auf den Platz kamen / sagte der so die Stösse bekommen / daß ihn der andre wol gar erwürgen [215] möchte / welches noch viel ärger / sagte deßwegen: Du kommst hier mich wegen bewuster Sache zu vergnügen: Wol / halte darfür du seyst von mir verwundet worden / so wil ich zu frieden seyn. Der andre bedanckte sich der Höfligkeit / und sagt daß er mit solchem beding ihn vergnügen wolle / und den Arm 24. Stunden in der Binden tragen / gegen den 24. Streichen so er dem andern würcklich überantwortet.

Der Wahn.
7. Nichts ist in dieser Welt das mehr gilt als der Wahn
der was verachtet ist / hochschetzbar machen kan.
Den Thoren macht er klug / bereichert manchen Armen:
Er macht das Midas Volck gelehrt / Gott möchts erbarmen.
64. Der tödtliche Schrecken
(LXIV.)
Der tödtliche Schrecken.

Die Warheit und Falschheit vergleichen sich füglich mit Eisen und Don / welches der Prophet an den Füssen deß Reichbildes Nebucadnezars auf die letzten Zeiten gedeutet hat. Eisen und Don kan kan zwar beysammen kleben / aber nicht unter oder mit einander vermischet werden also findet sich zwar die Warheit und Falschheit in einer Sache gefüget / wie Gold und Silber in deß Bildes Haubt und Brust / aber doch muß ein jedes unterschieden / und offenbar werden / daß die Warheit von Gott ist / der ein Greuel hat an den falschen Hertzen / und die Lügen vom Teuffel / der einen Gefallen hat an List und Trug / wie nachgehendes Beyspiel beglauben wird.

2. Basian ein Frantzösischer Edelmann / hat nach außgestandener langer Mühe / eine Jungfer [216] Ephesia genannt / ihme ehlich trauen lassen. Anfangs war dieser beeden Liebe hertzlich / ein ja und ein nein / und hetten sie nicht mehr / als solcher Beharrligkeit erwünschen können. Es hat aber jener von dem Ehestand recht gesagt / daß wenn alles nach Wunsch beschaffen / niemand doch Gewehrschafft leisten könne daß solches in vollem Wolstand verbleiben werde; und haben wir die Frage: Ob die Liebe durch Besitz der geliebten Person abnehme? in dem CCXXXI. Gespräch spiele außführlich behandelt.

3. Basian vergnügte sich also nicht mit den zugelassnen Früchten / sondern liesse sich auch der verbottenen gelüsten / welche ihm Ephesia gleichsam vorlegte / in deme sie zu einer Dienerin angenommen Agar / eine wunderschöne Dirne / so fast niemand ohne Liebesneigung anschauen mögen. Ephesia war ihres Mannes ehlicher Treue so versichert / wie sie vermeint / daß sie nicht in acht genommen / wie Basian gegen ihre Dienerin entbrannt / biß alle Vermittlung erfolgten Unfalls zu spatt und verabsaumet gewesen.

4. Agar war jung und fürwitzig / gabe ihrem Herrn mehr Gehör / in unziemlichen begehren als sie solte; ja sie verachtete ihre Frau / weil sie sich mehr geliebet sahe / daß sie endlich von ihr auß dem Hause und Dienste gestossen werden sollen / welches aber Basian keines wegs wollen geschehen lassen / und dardurch entdecket / was er in dem falschen Hertzen hatte. Hieraus nun ist ein grosser Eifer entstanden /und die Liebesflamm Basians sich nach einem andern Wind gewendet / wie mit vielen kitzlichen ümständen anzuführen unnöhtig ist.

5. So freundlich Ephesia zuvor gewesen / so feindlich ist sie in dem Hause / daß Basian ihr die Hand auf den zanckfertigen Mund legen müssen / weil er Socratis Gedult nicht hatte / wann sein Weib zu xantippoisiren pflegte. »Ein Körnlein Wermut verderbet einen gantzen Topf Honig. Ein eifersüchtiger Argwahn kan einen gantzen Haußfrieden [217] zerstören und in Zerrittung setzen« / ja er gleichet dem Wurm / welcher der schönsten und besten Früchte nicht schonet. Basian hatte groß unrecht daß er von ehlicher Liebe außsetzte: Ephesia thate hingegen auch nicht verantwortlich und verständig / daß sie vermeint sich mit schreien und zancken beliebt zu machen / welches vielmehr Haß verursachet.

6. Was thut aber diese eifrende Ephesia? Sie nimmet in ihre Dienste einen sehr schönen Edelknaben von zehen oder eilf Jahren / und erweiset ihme in bey sein ihres Mannes solche Freundligkeit / die einem ehrlichem Weibe übel anstehet: ob er wol böses zu vollbringen nicht fähig. Basian mahnet sie von solcher Leichtfertigkeit ab; sie sihet daß es ihme zu wider / und wil sich solcher massen an ihrem Mann /wegen der Agar rächen: gestalt es keine so fromme Weiber mehr giebt wie Sara / die ihren Mann gebetten / er solte sich zu ihrer Magde (aus verlangen Kinder zu haben) legen.

7. Fernerem Unheil vorzukommen / kauffte Basian einen Dolchen / wie man in den Comödien / oder Freudenspielen gebrauchet / dessen Klinge in das Hefft zu rucke weichend / die Zuseher glauben machte daß die Spitze in den Leib dringe / und das Blut /welches in dem Hefft verborgen / heraus presset. Als nun Ephesia auf einem Abend den Edelknaben küsste und hertzte / stellet sich Basian ergrimmet / und stösset / ihr eine Furcht einzujagen / den jungen / und als denn sie mit dem falschen Dolchen / daß Ephesia gantz erstarret / und starr todt zu Boden sincket / ob sie wol nicht verletzet war.

8. Das Geschrey erschallet in der gantzen Statt /Basian hette sein Weib in Ehebruch mit dem Edelknaben ergriffen / und ermordet. Der Bannrichter lässet hierüber Kundigung einziehen / und findet sich die Sache wie erzehlet / der Knab auch / welcher sich so sehr nicht entsetzet / war in dem Leben / und wegen seines Alters deß Ehebruchs nicht beschuldiget. Ephesia aber hatte keine Wunden an ihrem Leibe / der Dolchen war verhanden / und sagten die Aertzte [218] samtlich / daß der Schrecken tödtlich / in deme er das Geblüt zu dem Hertzen eilen mache / (deßwegen auch die Erschrockenen bleich und blaß werden) und solches ersticke.

9. Basian betraurte seine unschuldige Ephesiam /weil sie aber ihme wegen deß Edelknabens mißfallen / wolte niemand glauben / daß es sein Ernst. Der verstorbnen Ephesia Bruder wolte diesen Tod rächen /weil Basian von der Obrigkeit nicht gestraffet worden / und vernahme / daß er seine Agar freyen wolte. Diese beede kommen auf den Platz / und Eulogius /also nannte sich der Ephesia Bruder / durchrennet seinen Schwager / daß er gleichsam mit den Degen auf der Erden angepfälet liegen geblieben. Also straffet Gott die Blutgierigen und Falschen / wann auch der Betrug zu gutem Ende angesehen / wie hier Basian keinen Vorsatz sein Weib zu tödten gehabt.

10. Die Betrüger werden von Capaccio verglichen mit Perillo / der einen Oxen von ärtz gemachet / in welchem der das Leben verschuldet / wie ein Ox /durch die Glut zu brüllen gezwungen werden sollen. Der König aber had diesen Künstler am ersten die Probe thun / und ihn darinnen verbrennen lassen. Unter solches Gemähl könte man folgende Verßlein schreiben:

Es wird von der Flamm verzehrt /
der die Feuer Kunst gelehrt /
wer den Nechsten denckt zu schaden
pflegt Gefahr auf sich zu laden.
65. Der ungetreue Bruder
(LXV.)
Der ungetreue Bruder.

Weil die Liebe ein freyes Wesen seyn will / und sich alles Zwangs entnehmen / sihet man / daß mehrmals die Brüder / so die Natur mit dem Band der Gesippschafft verbunden / selten grosse Liebe gegen einander tragen / und ihre Neigung vielmehr auf andre / so ihnen an Verstand / Jahren und Sitten gleichamen / zu wenden pflegen.

[219] 2. Zu Saltzburg lebten vor wenig Jahren zween Brüder / Namens Adolph und Berdram / unter welchen jener neun oder zehen Jahre älter / als dieser /und deßwegen zu Geschäfften gezogen wurde / deren der jüngste und minderjährige noch nicht fähig. Adolph war ein Soldat / und hatte auch eine Raise in Welschland gethan / daß seine Eltern / als er wieder in dem 32. Jahre nach Hause gekommen / gerne gesehen hetten / daß er sich verheuratet / und sein flüchtiges Glück / durch solchen Stand gleichsam beankert. Wie nun Venus und Mars keine widerige Planeten /war Adolph nicht abgeneigt / seinen Eltern zu gehorsamen.

3. Leichtebig eine sehr schöne vnd sehr leichtfertige Dirne / sahe diesen / oder vielmehr seinen Reich thum für eine anständige Gelegenheit sich ehlich zu begütern; ob wol seine Person / und sein Gespräch also beschaffen / daß sich niemand in Adolph verlieben konte. In deme nun hierinnen gehandelt wird /rühret man die Trummel / wegen einer neuen Unruhe /welche man mit den Waffen stillen musste / und weil Adolph diese Werber vor dessen gekennet / lässet er sich in dem Trunck überreden / wieder mit ihnen fort zuziehen.

4. Inzwischen kame Berdram wieder aus Welschland / und hatte beneben seiner natürlichen Schönheit / so höfliche Sitten mit gebracht daß er es seinen ältern Bruder weit bevor gethan. Leichtebig sahe diesen ihren vermeinten Schwagern / mit den Augen eines in Lieb entbrandten Hertzens / massen solche gleichsam die Spiegel sind unsrer Gedancken / und die stillschweigenden Reden unsers Gemüts. Berdram hatte diese Sprache in Welschland auch studiret / und fügte nach und nach die zucker-süssen Liebswort mit thätlicher Freudligkeit / daß die Jungfrau das Gegenwertige für das zukünfftige zu lieben begunte.

5. Nach deme sich diese Schwägerliche Kundschafft / in ehliche und unehrliche Freundschaft gewandelt / kommet Adolph kranck und den Todten[220] gleicher als den Lebendigen / aus dem Krieg wieder nach Hause. »Wie die Liebe ein Verlangen der Schönheit ist / also macht der Schönheit Verlust der Liebe sincken und fallen.« Hiervon ist zu lesen in dem CCXXXI. Gespräch spiele / daß sich also nicht zu verwundern / wann leichtebig von dem ältern Bruder abgelassen / und dem jüngsten angehangt. Zu deme wird der Weiber Orden / wie etliche wollen /mit dem Gelübd der Unbeständigkeit verbunden / daß sie auch ohne ursach andre mondsichtige und mannsichtige Gedancken fassen.

6. Adolph kommet durch gute Wort / wieder auf /und trieben seine Eltern die Vollziehung deß gethanen Gelübs eiferigsten Geheis: Er auch verstehet darzu /weil ihme das Soldaten wesen mißfallen / und es eine Sache für junge / aber nicht für alte Leute ist. Als nun die Zeit benennet / die Vorbereitung zu hochzeitlicher Ehrenfeyr gemachet / und alles bereitet / hat sich die Braut verlohren / und zugleich auch Berdram / daraus der Argwahn entstanden / diese beede haben mit einander die Flucht genommen / wie auch beschehen.

7. Was Verwirrung dieser ungetreue Bruder verursacht / ist leichtlich zu erachten / und der Eltern Leid mehrte sich dardurch / weil sie nicht wissen mögen /wohin sich diese Flüchtige gewendet / und wie sie wieder zu finden. Sie hatten sich aber nach Venedig /wo Berdram sich bevor aufgehalten / gemacht / in welcher Statt die milch weisen Weiber / honigsüsse Wort hören lassen. Berdram hatte mit seiner Bettgöttinn einen schlechten Vorraht von Geld geschaffet /und schaffen können / aus thörigter Liebs Blindheit /dafür haltend Leichtebig werde ihme über alle Schätze seyn. Sie hatten aufgezehret / und auch das / was sie nicht vermöchten (etliches entlehntes Geld so Berdram von seinen Bekanten entnommen /) durchgebracht / und entschlossen wieder nach Saltzburg zu raisen / und mit den verlohrnen Sohn üm Verzeihung zu bitten.

8. Es berichtete aber Berdrams Freunde [221] einer / daß sie von ihren Eltern enterbet worden / und wie Adolph gewillet were seinen Bruder zu würgen / oder der Obrigkeit zu Abstraffung solcher Frevelthat fürzustellen: die Eltern der Leichtebig auch hetten entschlossen sie in ein Kloster zu sperren / etc. daß sie also der Anstalt ihrer Ruckkunfft außgestellet seyn liessen / und sich auf ein Schiffbegeben / nach Candia abzufahren / und aldar ihr Leben zuzubringen. Man hat aber Nachrichtung erlangt / daß solches Schiff verunglückt / und diese beede / mit allen andern ihren Gefehrten / ersoffen / daß sie also mit einem jämmerlichen Ende /wegen verübter fleischlichen Sünden und verrähterischer Untreue gestraffet worden. Aldolph aber hat sich nach seiner Eltern willen an andre Ort verheuratet.

9. Wer folgt seines Vaters Lehr /
hat zu hoffen Ruhm und Ehr:
die aus frevel widerstreben /
werden stets in Angsten leben /
und verderben in Gefahr /
weil sie hier deß Kains Schar
nachgefolget / den gestraffet /
Gott / der Recht auf Erden schaffet.
66. Des überwundenen Obsieg
(LXVI.)
Des überwundenen Obsieg.

Wer sein Leben nicht vertheidiget / ist deß Lebens nicht wehrt: wer aber solches wegen nichtiger Ursachen in Gefahr setzet / weiset das wenig wehrt / was er selbsten nicht hoch achtet. Solche werden verglichen mit dem Pferdmann (Minotauro,) der in dem Cretischen Irrgarten / mehr thierisches als menschliches an sich gehabt / und nicht aus den zweiffelwegen kommen können. Wer ihme selbsten rechtschaffen will / ist Richter und Partey zugleich / und dieses ist der Grund aller Befedung und Balgereyen / »daß man sagen kan die gerechteste Sache werde mit [222] ungerechtsamen Mitteln außgeführet« / und durch eine rechte Ungerechtsamkeit aus Gottes Verhängnis bestraffet /wir wir aus nach folgender Erzehlung ein merckwürdiges Beyspiel zu vernehmnen haben.

2. Projet ein alter Rittersmann / hatte in seiner Jugend grosse Proben der Tapferkeit sehen lassen / wiewol / nach der Welt Marktswehrung / solche mit Undank bezahlet worden. Er hielte sich auf seinen Gütlein und bemühet sich den ersten und letzten Tag deß Jahrs / ohne Schuld zu erleben / und das seine ohne Verpfändung zu erhalten. Seine Söhne mussten die Waffen ergreiffen / und seine zwo Töchter in Klöster gehen; die dritte aber / welche die allerschönste / erwartete in ihres Vaters Hause / daß ihr solche Aussteuer der Natur eine Heurat bescheren möchte.

3. Diese Callinia / also wollen wir sie nennen /hatte viel Buler / aber wenig Freyer / und nennete sie ein jeder die Liebste / aber nicht zu heuraten / ein jeder liebte sie / und fürchtete mit ihr Hunger zu leiden. Sie hatte bereit das reiffe Jungfrauen Alter / das 22. Jahr erlangt / nach welcher Vollkommenheit nach und nach das Abnehmen erfolget / daß sie also den Rechsten besten / den sie nur nehren könte / nicht außgeschlagen.

4. Thyrse ein Edelmann von 40. Jahren verliebte sich in diese Jungfer / und weil er Gelds genug / hatte er nicht ursach sich an ihrer Armut zu ärgern / sondern wuste wol daß der eine reiche Frau heuratet /seine Freyheit verkauffet / der eine Arme nimmet /Herr in dem Hause bleibt. Die Werbung wird also bald mit dem ja Wort gefertiget / und hatte die dürre Erden keinen so grossen Durst nach dem Morgentau /als Projet nach dieses Töchtermanns Person / weil er hoffte Hülff und Trost hierdurch zu erlangen. Thyrse hatte die Gaugenjahre überschritten / und bevor er sich in ehliches Versprechen eingelassen / Callinia Sinn wol erlernet / ihre Keuschheit versucht / und ihre Tugend / welche deß Gemüts Schönheit ist / mit dem Angesicht gleich liebwürdig befunden.

[223] 5. Es fügte sich aber nach geschlossener Heurats Abrede / daß in der Nachbarschafft ein junger Frischling / aus Niederland wieder kommen / und ihm einbildete / weil er etlichmals aus der Gefahr entkommen / er sey unsterblich / und kein geringer Beförderer der Holländer Freyheit. Seine Zunge erzehlte Wunderthaten von seinen Händen; gleich wie die jungen Studenten oder Gesetzlinge / »wann sie erweisen wollen /daß sie wol studiret / zuverstehen geben / daß sie wenig / oder gar keinen Verstand haben / der alles an seinem Ort / und zu seiner Zeit anzuführen und beyzubringen / lehret«. Dieser Vincent war ein tapferer Jüngling / seine Tapferkeit aber war noch nicht gezeitiget und reiff worden.

6. Er nun besuchte den Adel auf dem Lande / und unter andern auch den alten Projet / welcher ihn wol empfinge / und kame seine Tochter Calliniam zu grüssen / derer Schönheit ihn seiner Freyheit beraubte / und als er verstanden / daß er dieses Orts nicht ankommen könne / weil Thyrse bereit mit ihr verlobt /sucht er Gelegenheit mit ihm üm die Jungfrau / (wie man üm die Stätte in Holland zu streiten pflegt) zu fechten / nennet ihn also einen alten Haanen / einen feigen Krippel / und saget es zu solchen Leuten die es Thyrse wieder für Ohren tragen solten. Thyrse hält dieses jungen Esels Geschrey keiner Antwort würdig /und unterlässet nicht mit seiner Heurat fort zu fahren. Als solches Vincent sahe / schreibt er ihme einen sehr stoltzen Fedebrief / daß auch die Demut selbsten sich beleidigt finden möchte.

7. So kamen beede auf bestimmten Platz / und war Vincent seines Degens so mächtig / daß er Thyrse verwundet / die Waffen genommen / und das Leben bitten machen. Ja / Vincent liesse es hierbey nicht bleiben / sondern nöhtigte auch seinen Feind zu schweren / daß er Calliniam nicht mehr begehren und ihme überlassen wolle. Die Wunden Thyrse waren nicht tödlich / die Schmertzen aber deß erdulten Schimpfes sehr empfindlich / daß er auch / so bald er genesen / mit einem schweren Beutel durch Teutschland nach [224] Venedig / und von dar nach Constantinopel verraiset / seine zeit ohne Weib zu / vertreiben / daß niemand wissen mögen / wo er hinkommen.

8. Vincent hingegen weiset seines Feindes Waffen /rühmet sich / daß er sein Blut / an den seinen trage /ihn genöhtiget das Leben zu bitten / und das er schweren müssen die Calliniam ihme zu überlussen. Hierüber kommet er in Verdacht / daß er diesen seinen neben Buler ermordet / und etwan in einen Fluß geworffen. Die Schwestern Thyrse theilen seine Hinterlassenschafft / und wollen ihres Bruders Blut /durch Oberrliche Handbietung / wie billich / rächen; bringen auch zuwegen / daß Vincent in Verhafft gebracht / und weil er bekennet wie die Sache hergegangen / als ein Frevler wieder Königliche Gebot / welche das Balgen und Rauffen abstellen / zu dem Schwert / verurtheilt wird. Bey solches Urtheils vollziehung hat sein mit Wind der Eitelkeit angefülltes Haubt / etliche Springe auf der Erden gethan / wie ein Ballon.

9. Nach deme Thyrsis zwey Jahr von Hause gewesen / komt er von Constantinopel in Sicilien / von dar nach Rom / und schreibet seinen Leuten / daß sie ihm von seinen Mittelen etlich 100. Kronen zu wechßlen solten / welches geschehen: und nach deme er verstanden / wie es mit dem stoltzen Vincent ergangen / hat er Landshuldigung suchen lassen / und nach solcher Erlangung / doch Caliniam / mit unaussprechlichen vergnügen beederstits Freundschafft gefreyet / und solcher gestalt / nach dem er ist überwunden worden /den Obsieg darvon gebracht.


10. Hochmut bethöret die frevele Jugend /
Demut verehret den Namen der Tugend.
Hochmut mißfället dem höhesten Gott
Demut errettet in ängsten und Noht.
67. Die ungleichen Schwestern
[225] (LXVII.)
Die ungleichen Schwestern.

Der gezwungene Wille ist kein Wille / weil ich das nicht wil / was ich aus Furcht oder aus dringender Noht wollen muß. Wann einer in einem Sturm / das Schiff zu erleichtern / alle Kauffmannswaaren in das Meer wirfst / so zwinget ihn die Noht zu thun / was er nicht zu thun gewillt gewesen. »Also thun die Eltern unrecht / wann sie ihre Kinder zu heuraten zwingen /und ihre Neigungen so vielmals rechtmässig sind /nicht beobachten.«

2. Pansonia und Damonida waren zwo Schwestern gleicher Schönheit / wiewol gantz ungleichen Sinnes /dann die ältste mit sondrer Bescheidenheit begabt /eine grosse Neigung zu der Gottesfurcht: die jüngste aber hatte die Welt lieb gewonnen / suchte die Gefellschafften und stoltze Bekleidungen / verbliebe aber doch in den Schranken der Zucht und Ehren.

3. Der Vater kunte nur eine aussteuren / und vermeinte die ältste zu verheuraten / die jüngste aber in ein Kloster zu bringen; weil er sahe / daß die ältste verständig genug ein Haußhalten zu führen / die jüngste aber leichtsinnig und dolkühn / welchen Mangel die Einsamkeit heilen solte. Der Vater meinet es gut /und weil er ein ernstlicher Mann / muste es alles nach seinem Kopf gehen / und zwange er seine Töchter ihme auch in diesem zu gehorsamen.

4. Also wurde die älste einem Jüngling vertraut /welcher keine Neigung zu dem Ehestand / und vielmehr seiner Eltern willen / als seinem folgen musste. Ihr Ehebette war also unfruchtbar / jedoch friedlich und schiedlich. Nach ihrer Eltern Tod / wollen sie sich beederseits scheiden / Damonida hingegen das Kloster verlassen / und in die Welt kehren.

5. Weil nun solches nicht eigenthätig geschehen[226] möchte / mussten sie / darüber urkunden zu Rom erhalten / welches sie auch / auß angehörten wichtigen Ursachen üm die Gebühr / erlangt / und sind also diese Eheleute aus freyem Willen in die Klöster / Damonida hingegen heraus gegangen / und sich mit Ephialt / einen jungen Kauffmann verehlichet.

6. Nach deme etlich Jahre verflossen / und Damonida ihres Mannes genug / lässet sie sich gelüsten mit einem Edelmann Kundschafft zu machen; und weil sie nicht zween Männer haben kunte / trachtete sie ihren mit Gifft hinzurichten; der Mann aber sahe daß diese ihme die Farbe nicht halten wolte / und will sie wegen des Edelmanns deme sie nachgeloffen / straffen / sie aber entlaufft / und stürtzet sich in einen tiefen /Brunnen / daraus man sie halb ersticket / halb zerfallen und zerstossen ziehen müssen.

7. Mit genöhten Hunden jagen /
seiner Kinder Willen zwingen /
sich mit fremden Sorgen schlagen /
und nach bösen Dingen ringen /
giebet selten gutes End /
und wird viel zu spat erkennt.
68. Die entdeckte Verrähterey
(LXVIII.)
Die entdeckte Verrähterey.

»Wie die Ehre / welche wir von unsrer Ahnen ererben / für eine grosse Eitelkeit zu achten / wann sie nicht mit würcklicher Tugend / Tapferkeit Verstand und Wissenschafften fortgesetzet wird: Also ist auch die Schande welche einer Person begegnet / für keine Schand bey den Nachkommen zu achten / wann sie sich derselben Person verbrechen nicht theilhafftig gemachet.« Dieses setzen wir zu dem Ende hiervor / daß wir nicht für die angesehen seyn wollen / welche andre Geschlechte oder derselben Verwandte beschimpfen / sondern das / was fast weltkündig / und eigentlich nicht zu den Haubtgeschichten gehöret / anzumelden uns vorgenommen haben.

[227] 2. Im Jahr 1642. in dem Herbst hat Herr Obr. Forkense (also wollen wir ihn mit versetzten Buchstaben nennen) von Herrn Feldmarschalk einen Paß- oder Geleitsbrief (üm seinen Trompeter zu den Keiserischen zu schicken / üm daselbst frey Geleit / seine hochschwangere Gemählin nach Erfurt zu bringen /auszuwürken) erhalten. Dieses war die falsche aber sehr scheinliche Ursache seiner gesuchten Verhandlung / welche zu der Schwedischen höchsten Nachtheil und ihres Feldlägers endlichen verderben hette außschlagen können.

3. Also sendete er einen Trompeter mit einem offnen / und noch andern versiegelten Schreiben zu den Kaiserischen ab / welcher zu Abeburg 2. Meil von Saltzwedel / wo damals das Haubtlager war / und der Paß oder Geleitsbrief / der vor etlichen Monaten gegeben / von dem Gebietiger deß Orts nicht für richtig gehalten / und der Trompeter wieder zu ruke gewiesen worden. Und weil die Sache eine hochschwangere Frau betreffen solte / ihre Entbindung aber keinen Aufschub leiden möchte / ist daher der Verdacht so viel grösser worden.

4. Bevor aber der Trompeter zu rucke kehret /schüttelt sich das Pferd / daß die in dem Sattel verborgene Briefe heraus in das Stroh fallen / welches dem Trompeter gantz unwissend. Nach seinem Abtritt kommt ein junger Hund / springt in dem Stroh herüm / und findet den einen Brief / spielt damit so lang biß es ein Rittmeister ersehen / der den Brief erbrochen /und ob er wol fast zerkiefet / doch so viel lesen können / daß besagter Obrister mit dem Gegentheil in guten vernehmen gestanden.

5. Hieraus erscheinet die wunderliche Schickung Gottes / der leichtlich an das Liecht bringen kan / was in verborgener Finsternis beschiehet. Dieser Hund verusachte / daß man in dem Stroh ferners nach suchte / und noch einen Brief fande / der also bald an damalichen Feldherrn übersendet wurde / und von deß Obersten Vorhabens mehrern Bericht estattete.

6 Der Trompeter hatte kaum seinem Obristen [228] angemeldet / wie er zu Abeburg aufgehalten worden / und in dem der Obriste sich deßwegen bey den Herrn Abgeordneten G. beklagt / wird er gefangen genommen /und auf das Rahthaus verwarlich gefähret / wenig tage hernach Standrecht über ihn gehalten / und nach Verlesung der Briefe und volliger Erkündigung der Sachen / vom Leben zum Todt / mit dem Schwert gerichtet zu werden / verurtheilt.

7. Ob er nun wol sein Verbrechen dahin gezogen /daß er allein für seine Person / ohne Nachtheil deß gemeinen Wesens auf Kaiserliche seiten zu tretten gewillet / und mit einer beweglichen Rede sein Leben zu fristen gemeint: hat es doch nichts helffen wollen /und ist / andren zum Abscheu / auf dem Markt / in der Altstatt enthaubtet / sein Leichnam aber folgenges Tages ehrlich zur Erden bestattet worden.


8. Wann die Menschen böses treiben /
kan es nicht verborgen bleiben
lange zeit.
Gottlässt sich von uns nicht trügen /
Und die Straff der Meuchel lügen /
ist nicht weit.
69. Die feindlichen Beystände
(LXIX.)
Die feindlichen Beystände.

In deme wir die traurigen Fälle unsrer bluttrieffenden Zeiten untersuchen / finden wir viel Exempel deß übelausgeschlagenen Zweykampfs / welche andren Erzehlungen einzuschalten / in angefügtem Register aber ordentlich zu befinden seyn werden. Man könte zu den Frantzosen wol sagen die Wort / deß Apostels: Wer hat euch bezaubert / ihr unverständigen Galater? Was Thorheit ist seinen Streit mit dem Degen entscheiden wollen / der mehrmahls dem unschuldigen und schwächsten Theil ableget / und noch andre fremde / welche einander nicht [229] kennen / noch die Ursach solches Streits wissen / mit in die Gefahrziehet.

2. In Gasconien hatten zween Edelleute / Collocer und Ampel / wegen ihrer Grentze Zwist und Irrung /belangend das Jag Recht / welches ein jeder von langen Jahren hergebracht haben wolte. Dieses hette nun durch verständige Schiedsmänner aus der streitenden Theile Beweißthum / und den Augenschein der Merkmahle erörtert werden können. Aber nein. Die Soldaten tragen ihr Recht in der Scheiden / und halten den Gewalt für Billigkeit / welcher doch die Ursache und Mittel aller Unbilligkeit ist.

3. Also nimmt Ampel zu sich Numidian / Collocer aber Prime / der sich nicht erkündiget mit weme er zu fechten / sondern für ein richtige Ursache gehalten /daß er zu einem Beystand angesprochen worden. Als nun diese viere auf den Platz kommen / sehen die Beystände daß sie nicht allein vertraute Freunde / sondern auch Gesippte und Geschwisterkinder. Durch das blinde Gesetz falscher Dichter Ehre solten diese viere zusammen streichen / und das Band der Freundschafft entzweyen.

4. Wie sich nun diese Beystände ohne Zorn und Feindschafft schlagen müssen / haben sie bald von einander abgelassen / und sich bemühet / die andren zween Collocer und Ampel zu vergleichen / welche beede bereit verwundet und einander hart zu setzten. Numidian sagte / daß sie ihre Tapferkeit bereit erwiesen / und wol könten vergnüget seyn / sie solten den Handel mit der Feder ausfechten. etc. Sie liessen es auch bey den Worten nicht verbleiben / sondern wolten sie mit Gewalt von einander treiben / und sondern.

5. Collocer sprach zu Ampel: Du sihest daß wir feige Memme zu Beyständen erkieset / laß uns wieder für einen Mann stehen / und sie nieder machen: hernach wollen wir den Handel ausfechten. Ampel antwortet mit dem Werk / und gehet so bald auf seinen Beystand Prime / wie auch Collocer auf Numidian [230] zu. Sie konten mit Worten nicht aufkommen / und diese Danckbarkeit / welche sie ihnen wegen dieser Gefahr schuldig / erkennen machen: Sondern es musste gefochten seyn.

6. Collocet stösset Numidian also bald / und fast ungewarnter Sachen zu Boden / kommet alsdann Ampel zu Hilffe / und nöhtigen diese beede Prime /daß er die Waffen von sich geben / und beseits gehen muß / der nicht sonder mitleiden Numidian seinen Freund und Vettern in seinem Blut rasslen sahe. Also waren diese beede ohne Hinternis / und gehen grimmiglich erhitzt wider einander / daß endlich Ampel /nach grossem Wiederstand / durch und durch gestossen / die Waffen fallen lassen / welche Prime ruckwarts hinzu lauffend ergriffen / unn seiner beede Freunde Tod rächen wollen / wird aber von Collocer auch überweltiget und tödlich verwundet / daß er auch den dritten Tag / nach Bereuung seiner Sünden zu Grabe getragen worden: wie wol in der stille / und von andern guten Freunden / denen Collocer seinen Sieg entdecket.

7. Collocer aber hat kurtze zeit hernach / durch seine Ruhmrähtigkeit / diesen Vierkampf entdecket ist darüber in Verhafft / und als ein Verbrecher Königlicher Gebot / an den Galgen kommen hat also seinen Sieg mit dem zeitlichen und vielleicht ewigen Verderben büssen müssen: ohne mitleiden seiner Feinde /die solchen Schlangenbeschwerer in beliebtet Gefahr /gerne verderben sehen.

8. Viel klüger hat es ein Soldat bey Turino / als ich mich der Orten aufgehalten / angefangen. Er hatte einen andern Soldaten seinen Gegner verwundet / und sihet von ferne den Hertzog daher kommen. Weil er nun nicht entfliehen mochte / hilfft er dein Verwundten auf das Pferd und führet ihn dem Hertzog entgegen / vorgebend / daß er ihn also auf der Wiesen gefunden / und mit ihme zu den Wundartzt eile / daß sie solcher gestalt beede ungestrafft darvon kommen.

[231] Klingreimen oder Sonnet.
9. Ist der Mann von dem Heyden Volk verflucht /
der zu erst eine neue Kunst gesucht /
und dem Pfeil das Geflieder angemachet
auch dardurch Flügel schnellen Tod ursachet:
Wie vielmehr kommet von deß Satans Zucht
jener Schwarz / der deß Pulvers Mörderfrucht
hat gepflantzt / die deß Bogens Pfeil verlachet /
blitzt und glitzt / rollet wie der Donner krachet.
Diese Kunst ist zu unsren Nutz erfunden /
weilen wir uns zu schützen sind verbunden:
mißgebraucht hat sie vieler Tag gekürtzt.
Aber die / welche Blindlings mit den Waffen
Freund' und Feind' und auch offt sich selbsten straffen /
fragen nicht / wer sie in die Hölle stürtzt?
70. Die Festmacher
(LXX.)
Die Festmacher.

Als ich dieser Tagen gefraget wurde / was ich von den Festmachern hielte? habe ich mit einem Wort versetzet / daß ich es für eine Teuffelskunst achte / welche eines Christen Menschens vertrauen von Gott ab / und auf deß Satans Betrug wendete. Man sagte mir hingegen / daß solches gleichwol helffe / und ihrer viel gefunden würden / denen das schiessen nicht schaden könne: ja sie hangen ihre Kunst in einem Zettel einem Hund an / und machen ihn fest wie Stein und Eisen. Wol / sagte ich / der alte Teuffel ist wol so listig / daß er die Leute durch kräfftige Irrthum zu verführen weiß / und hat er über solche Leute / aus Gottes Verhängnis Macht / weil sie sich ihme vertrauet haben / man sehe aber ihr Ende an / ob es nicht allezeit jämmerlich / und solche Festmacher pflegen in der Gefahr zu fluchen / wie ich selbsten [232] hören müssen / ja sie haben kein Hertz in dem Leibe / und sehen sich selten /wegen einer guten Sache / in Gefahr / sonsten hetten sie dieser Zauberhändel nicht von nöthen.

2. Zu Venedig war in dem Wirtshaus ein Italiäner /welcher sich vernehmen liesse / er möchte gerne einen Haußgeist (Spiritum familiarem) haben. Ein Marcktschreyer oder Zahnbrecher sitzet mit zu Tische / gehet nach der Mahlzeit auf den Heuboden / und fängt eine grosse Spinne in ein Gläßlein / verkaufft solche dem Italiäner für ein grosses Geld. Was geschihet / der böse Feind kommet in die Spinne / und thut diesem Gottverlassnen Buben seinen Willen. Also gehet es auch mit dem Festmachen. Solche Künstler sind in deß Satans Händen / und kan er die Kugel / als ein Fürst der Lufft wol auf fangen / die Stiche verhindern / aber doch / die Augen / den Mund und etliche Glieder nicht versichern / wie auch wegen der grossen Stücke keine Gewärschafft leisten / daraus dann der Betrug leichtlich abzunehmen.

3. Daß sie aber mit Schrecken hinunter fahren unn elendes Todes sterbe / ist mit vielen hundert Exempeln zu beweisen: nicht allein / weil solche Festmacher ruchlose Weltlinge / sondern eben wegen dieser Kunst / so ihnen das Leben mit Marter fristet. Dessen wollen wir andren zum Abscheue etliche Erzehlungen beybringen / und dardurch / was wir Eingangs gedacht / außfindig machen.

4. Der Tapfere Hertzog / welcher von deß Beeren Stärke den Namen truge / und vor wenig Jahren auf den Schauplatz deß Teutschen Krieges seinen Ruhm mit vielen Heldenthaten verewiget / hatte einen Stallmeister / der zwar seine Reitkunst meisterlich verstanden / sonsten aber in allen Sünden / Schanden und Lastern ersoffen / und unter andern auch fest an seinem Leibe daß er nichts wenigers als den Tod gefürchtet. Hier ist nachmals zumercken / daß so beschaffene / und nicht ehrliche und Christliche [233] Leute /welche ihre Tapferkeit in richtigen und wichtigen Fällen beglauben / diese Kunstlieben.

5. Nach deme aber besagter Stallmeister von den Croaten gefangen worden / und noch mit Seibelen /noch mit Schiessen niedergemachet werden können /haben sie ihn / biß an den Hals eingegraben / und mit Kugeln von grossen Stücken so lang nach seinem Haubt geworffen / biß er endlich elendiglich seinen Geist aufgegeben / und gestorben wie er gelebt.

6. Ein Corporal zu Fellenstein ist von dem Feinde gefangen / und mit Axten und Rädern zu tod gemartert worden / weil gleichfals das schiessen und hauen nicht wollen hineingehen. Nach seinem Tod ist er lange zeit / als ein abscheuliches Gespenst gesehen worden.

7. Ein andrer hat mit seiner Hand über hundert Soldaten von seinem Feinde niedergeschossen und gestochen: allezeit aber unverletzt darvon kommen. Als ihm aber einsten jemand beredet / er solte doch die Kunst von sich legen / ist er in der nechst begebenen Gefahr jämmerlich ümkommen / und hat sich getröstet / als er sterben wollen / daß man ihn mit der Haut begrabe / welches keinem Esel wiederfahre.

8. Ach / wie viel sind dieser Festmacher noch bey den Kriegsheeren / die gewiß dergleichen Ende / wenn sie sich nicht bekehren / zu erwarten haben. Sie sagen zwar / daß natürliche Ursachen / und das Gemsenkraut / die Thire / von welchen es den Namen so erharte / daß ihnen der Jäger nicht beykommen möge. Ob deme also stehet zubeweisen. Were es aber / so kan gleich so wol deß Teuffels Verblendung mit unter lauffen / durch welche er seine Künstler in verderben /sich aber in Vertrauen zu setzen pfleget / und mit einer Warheit zehen Lügen zu verkauffen im Gebrauch hat.

9. Unsrem Gebrauch nach wollen wir anfügen folgenden

[234] Buchstabwechsel.

Mann.


MannMann
ytt
hencht
ßhl.
Ein Mann ist in dem May der Jahr ein Mahenhaubt /
er will / ohn Maß und Ziel die Ehrenkron erjagen.
Das Alter matt ohn Macht / hat ihn die Krafft geraubt
und setzt das Freuden mahl in Leid und mißbehagen.
71. Der falsche Bruder
(LXXI.)
Der falsche Bruder.

Die Warheit hat einen breiten Fuß fest zu stehen / die Falschheit eine kurtze Ferssen bald zu fallen / sagen die Ebreer Sprichwortsweis / und wird solches von unsren Heiland verglichen mit den weißgedůnichten Gräbern / die von aussen weiß und rein scheinen / inwendig aber voll stinckender Todtenbeine und abscheulichen Unflats sind. Wie nun der Regen vom Himmel die weisse Farbe leichtlich abwäschet; also kan auch Gott alle Falschheit / und was im finstern geschihet an das Liecht bringen / und zu verdienter Straffe ziehen / massen solches auch nachgehende Erzehlung / ob sie wol fast einem Freudenspiele gleichet / mit einem traurigen Außgang beweisen soll.

2. Onesimo ein Rittersmann zu Valentia in Hispanien / hatte einen Streit und tödtliche Feindschafft wieder einen andern / daß er sich zu [235] rächen gewillet /und ihn ohne Wagnis seines Lebens / in seinem Bette ermorden lassen / und ist selbst gegenwertig bey der That gewesen / hat die Mörder angefrischet / und auch Hand angeleget. Wer was zu verlieren hat / wie Onesimo / fället den Schergen viel leichter in die Klauen /als die jenigen / so wie Bias / alles vermögen mit sich tragen.

3. Onesimo hatte Weib und Kind / war begütert und wol angesessen / und wolte sich aus dem Staub machen / wurde aber / weil er solches nicht zu werke richten könnē / bey Antrettung der Flucht ergriffen in Verhafft gebracht / und musste durch deß Henkers Hand sein Leben / alles sein Vermögen aber / dem Königlichen Bedienten lassen: daß seine hinterbliebene Wittib Daniela / wie ihrem Sohne Julian / und ihrer Tochter Decorosa in grossem Elend lebten.

4. Daniela hatte eine Base zu Cartagena / welche sie zu entbürden / Decorosam zu ihr nahme / und ihr alle Unterhaltung schaffte / Julian begabe sich auf ein Schiff / und vorhabens sein Glück in der andern Welt / wo der Pfeffer wächst zu suchen. Es fügte sich aber /daß er mit andern Soldaten / bey Africa außgesetzet /frisches Wasser zu holen / von den Moren gefangen /und in die Eisen geschlagen worden / da er denn kein Lösgeld / ausser seiner Mutter Threnen / welche für Gottes Augen wehrt gehalten / und auf die Erden fallend gen Himmel schrien / zu erwarten hatte.

5. Inzwischen aber nahme Decorosa an wundervoller Schönheit und übertreffligkeit zu / daß die Studenten auf der Hohen Schul Cartagena diese Jungfrau für die schönste gehalten / und ihr auffzuwarten sehr bemühet gewesen. Unter vielen war der grösste Liebhaber dieser Musa Quinidio ein Catalonier / vielmehr reichen / als adelichen Herkommens. Diese Decorosa sahe den schwartzen Vogel mit tauben Augen an /und ob sie wol / wie alle Jungfrauen die Fleisch und Blut haben / diesem ersten Buler nicht abgeneigt / hat sie doch ihr Spiel verbergen können / und ihn dahin genöhtigt / daß er ihr mit Mund und [236] Hand die Ehe versprechen müssen / der Hoffnung / daß er werde sie trösten können in ihrer Armut / jedoch bate Quinidio diese Winckel-Ehe in höchster Verschwiegenheit zu halten / damit ihn seine Eltern nicht enterben / oder mangel lassen möchten / welche zwar Kauffleute /aber nach Gebrauch dieser Landsart über hoch hinaus wolten etc.

6. Es begiebt sich daß Aßbert / ein betagter und reicher Mann zu Cartagena zu verrichten hatte / und Decorosam ersihet / höret auch daß sie eine Tochter Onesimo welchen er wol gekennt / und sich entschleusst bey Daniela ihrer Mutter anzuwerben. Daniela erkennet die Ehre dieser Freundschafft mit demütiger Danknehmung / und verhoffte hierdurch aus aller Dürfftigkeit gesetzet zu werden. Sie lässet also balden ihre Tochter nach Hause kommen / verkündigt ihr mit grossen Freuden / daß sie ihr einen reichen und gantz güldenen Mann geben wolte: Als aber Decorosa seine silberne Haare sahe / were sie lieber bey dem Rabenschönen Quinidio verblieben / dessen Geheimnis sie doch nicht eröffnen wollen.

7. Quinidio wolte diesem Alten einen Studentenpossen spielen / und lässet sich gleich einem leibeignen Ruderknecht aus Mohrenland kleiden / giebt sich für Julian aus / und bleibet also in der Daniela Hauß als Decorosa Bruder / und Aßberts Schwager. Dieser Quinidio erzehlete Wund er geschichte von fernen Landen / und brachte auch etwas von Geld mit sich /vorwendent / daß er solches erworben / und war der armen Wittib ein so viel lieberer Sohn. Daniela befragt ihn wegen Aßberts Trauung mit Decorosa / er wil nicht darzu rahten wegen deß Alters Ungleichheit / die gar zu groß / und kein gutes Ende nehmen würde.

8. Also verzögerte sich die Sache / biß der rechte Julian / von den Brüdern der Gnaden (freres de l'ordre de la Mercy) loß gekauffet worden / wieder nach Valentia kame / und von Daniela nicht wolt erkennet werden. Der heimliche Fürsprecher in dem mütterlichen Hertzen sagte ihr fast daß dieser arme ihr Sohn; [237] weil sie aber mehr nutzen von Quinidio / war ihr der Betrug lieber / als die Warheit: darzu denn Quinidio redlich halffe / und diesen Julian / als einen Betrüger verstossen haben wolte.

9. In dieser Noht fliehet er zu seinen andern Freunden / und giebet denselben so viel mündliche und schrifftliche Anzeichen / daß sie ihn erkennen / und einen Beystand leisteten wider Quinidio. Auf eine Zeit kommen diese beede Julian von den Worten / zu den Wercken / und stösset Quinidio Julian den rechten Sohn Onesimo zu boden / welcher vor seinem Ende von Daniela erkennet / und hertzlich betrauret wird. Quinidio musste nun mit seiner Winckelehe herfür brechen / und begehrte Decorosam zu freyen: Aßbert aber / als er sich betrogen / und den unschuldigen Julian ermordet sahe / bringt bey der Obrigkeit zuwegen / daß man diesen Betrüger / und Mörder an dem Leben straffet / und weil er sahe wie listig ihn Decorosa hintergangen / wolte er sie als eines enthaubten Tochter und Wittib nicht heuraten / daß sie also in Schanden sitzen geblieben.

10. Aus dieser Erzehlung setzen wir folgende Geschichträtsel / welches die aller schwersten sind.


Sag wie man den nennen kan
der ist seiner Schwester Mann?
Sie ist ihres Bruders Frau
biß verfällt der Lügenbau.

Man könte es auf Junonem deuten / die auch deß Jovis Schwester und Weib von den Poeten genennet wird.

72. Die unkeusche Mutter
(LXXII.)
Die unkeusche Mutter.

Ob wol Socrates das Alter unter andern auch deßwegen gelobt / weil es ihn von der Liebesbrunst befreye; so findet sich doch solches Feuer bey den dürren Holtz so wol / als bey dem grünen / und hat der [238] Kirchenlehrer Hieronymus aus Erfahrung geredet / wenn er gesagt: Der Streit wider die Unkeuschheit ist gemein / aber der Obsieg selten. Dieses werden wir auch aus nach gehender Erzehlung zu ersehen haben / in welcher die unziemliche Begierde übergrosses Unheil angerichtet.

2. Rodopia / eines vornehmen Frantzösischen Herren hinterlassene Wittib / hatte fünff Kinder erzeuget /drey Söhne und zwo Töchter / welche sie zu allen Tugenden kostbarlich erziehen lassen / der Töchter eine in ein Kloster zu bringen vermeint / und Venustam die ältste zu verheuraten; massen ihre Schönheit mit zuwachsenden Jahren ihr viel aufwarten erworben /unter welchen Diodor und Porphir am besten angesehen und alle andere aus dem Sattel gehoben. Unter ihnen beeden war kein geringer Eifer / in dem jeder verhoffte Haan in dem Korb zu seyn / daß Porphir sich in dem zu rächen vermeinet / wann er Venustam darvon bringen / und Diodor das nach sehen lassen könte.

3. Diodor wuste wol wie viel an der Eltern Neigung gelegen / und spricht der Mutter freundlich zu /wird auch mit solcher Höfligkeit empfangen / daß die Tochter mit ihrer Mutter zu eifern ursache nahme /weil dieser alte Brand viel mehr mit Liebe angeflammet / als der noch ungefällte Safftreiche Stämmer. Zu Beschleunigung ihres Vorhabens verbote Rodopia ihrer Tochter mit Diodor Sprache zu halten / und riete ihr zu Porphir / welcher / wegen seines Reichthums /ihr anständiger seyn würde: Es war aber viel zu spat /und das Band zwischen Diodor und Venusta schon verknipfet / und ihre Liebe mit ehlicher Treugebung versichert.

4. Diodor hörte von Venusta daß ihre Mutter ihr gebotten seiner müssig zu gehen / und konte sich doch in ihre Freundligkeit nicht schicken / biß sie endlich mit Erröhten ihre Gemütsmeinung entdecket /und weil sie ihre Spiegel beredet / daß sie ungestalt /und von der Zeit nicht verschonet worden / wil sie diesen Abgang mit Geld / und güldnen [239] versprechen ersetzen. Diodor erstaunte erstlich ob diesem Vertrag / antwortet aber mit wenigen / daß er solcher Ehre unwürdig / und solches Erbietens nicht fähig; bedeckte also den Korb mit Höfligkeit / daß ihn Rodopia / aus blinder Liebe nicht sehen mögen.

5. Nach deme nun Rodopia ihrer Tochter Liebsten wegnehmen / er sich aber nicht wil nehmen lassen /entbrandte sie in eiferigem Grimm / sperret ihre Tochter ein / schläget und schändet sie / mit Bedrauung sie an dem Leben zu straffen / wenn sie mit Diodor mehr ein Wort wechslen werde. Venusta war so klug / daß sie sich ihrer Mutter nicht wiedersetzte / und ihr in allem zugehorsamen versprache: inzwischen aber schleusst sie mit ihren Brüdern einen Raht diese Heurat zu hindern / weil solche ohne Nachtheil ihres Vermögens keinen Fortgang werde gewinnen können.

6. Diese Kinder nahmen ihre Freunde zu hülffe /und verwiesen Rodopia ungebührliches Beginnen /daß sie so bald sich unbedachtsam zu rächen gedachte. Ich sage unbedachtsam / weil es Diodors Leben kosten solte / welcher sie / nach ihrem Wahn verachtete. Solches nun werkstellig zu machen / verspricht sie Porphir ihre Tochter / wann er Diodor erwurgen würde. Porphir liesse sich hierzu nicht bitten / weil er ein Soldat gewesen / und offtermals willens diesen Diodor für die Klinge zu fordern.

7. Also finden sich diese beede auf den Platz / und weil Diodor eine falsche Ehre und wahre Liebe in dem Sinne / hält er sich so tapfer / daß Porphir / der ihn gefordert / hat aber mit dem Leben allen Zorn verlohren. Rodopia betraurte diesen Außgang / stellet doch bald hernach / einen andern Evode genant an / er solte Diodor niedermachen / und versprache ihm zu Belohnung deß Obsiegs / Venustam ihre Tochter. Diesem gelingt es / daß er Diodor fället / und verhoffet die schöne Außbeute darvon zu bringen.

8. Venusta wolte den Todschläger ihres verstorbnen Liebsten weder wissen noch hören; sondern hatte vielmehr Ursach ihn auch für ihren Feind zu [240] halten: ja lieber zu sterben ohne Mann / als diesen zu heuraten.

9. Rodopia hingegen beginnet diesen Evode / welchen die Tochter abgewiesen / zu freyen / und ob er wol keine Liebe gegen ihr / aber wol grosse Neigung zu ihrem Geld / will er lieber eine ungestalte reiche /als eine arme und schöne Frau haben. Die Söhne aber wollen diese anderweite Verheuratung ihrer Mutter nicht angenehm halten / konten es doch nicht hindern / und mussten auch geschehen lassen / daß ihr Stieffvater kostbare Beschenkung darvon brachte.

10. Nach Verfliessung eines Monats begegnet der jüngste Sohn Evode / und nach wenig Worten stösset er ihn zu boden / daß ihme also mit der Maase gemessen worden / mit welcher er Diodore gemessen. Rodopia beklagt über diesen Mord alle ihre Kinder / als aus welcher Anstifftung ihr Mann getödtet worden. Als sie aber viel Unkosten aufgewendet / und nichts erhalten / weil der Thäter entflohen / und sie auf die andern nichts erweisen kunte / ist sie mit ihrer Klage zu Schanden worden / aus Traurigkeit in eine tödliche Kranckheit gefallen / und bey allen Bekanten ein böses Gerücht / wegen ihrer Unkeuschheit und Rachgier hinterlassen.


11. Die den geilen Geisen gleichen
werden mit deß Satans Rott /
zu den lincken müssen weichen /
und nicht sehen ihren Gott.
der will daß die Fleisches Lust /
sey den Frommen unbewust.
73. Der leichtfertige Häder
(LXXIII.)
Der leichtfertige Häder.

Archimedes wolte einen kleinen Raum ausser der Erden / seinen Werckzeug / nemlich den Hebel aufzusetzen / so wolte er die gantze Welt bewegen. Viel finden sich so kützlich / daß sie wegen deß geringsten [241] Worts und Wahns auf binden / alles zu unterst zu oberst stürtzen wollen / und das Band der Einigkeit zerreissen / aber meisten theils sangen solche schwefelgeister das Feuer zu ihrem Schaden / und verbrennen in ihren eignen Flammen: wiewol solche Zankzucht zu zeiten hernach auch bestraffet wird / und wir nicht richten sollen / wie Gott / der andre Gedanken hat als die Menschen.

2. Timander / ein Herr an dem Frantzösischen Hofe / hohes und trauriges Sinnes / pochte auf sein alt adeliches Herkommen / Tapferkeit und geleiste Dienste /daß ihm auch der geringste Schatten mißfällig / und das ungefehre Wort beleidigte. Er hatte einen Zwist mit einem andern Herrn / Ganeto genamet / und name zu seinem Beystand Henedin / einen jungen Edelmann: Als sie sich nun rauffen wolten / sind sie durch ihre Freunde beederseits geschieden und verglichen worden.

3. Von solcher zeit an sind diese beede vertraute Freunde und über zwey Jahre mit einander in Gesellschafften gewesen / ohne Hinterlist und Falschheit. Es begabe sich aber / daß er einsten Henedin / seinen vermeinten Beystand zu Amiens auf der Post begegnet / und Mahlzeit mit ihm hält befehlende beede /daß die Postpferde so wol nach Cales / als Paris / da sie hin wolten / fertig gehalten / und für das Wirtshauß solten geführet werden.

4. Henedin gedenket unter andern deß Zwists / welcher zwischen Timandre und Ganeto gewesen / sich erfreuend / daß so tapfere Rittersmänner verglichen /und auß Feinden Freunde worden. Timandre sagte /daß es an ihme nicht solte ermangelt haben / und wann es zu fechten gekommen / wolte er Ganeto wol gestriegelt haben. Henedin versetzet: Ganeto lässet sich nicht striegeln und solte wol dem / der solche Mühe nehmen würde / übel lohnen. Timandre befande sich in diesen Worten beleidiget / und sagte / daß er nicht allein Ganeto strigeln / sondern auch ihn Henedin wol zubutzen wolte. Er antwortet: daß solches den Pferden geschehe / aber dz die bösen von sich zu schlagen pflegten.

[242] 5. Mit diesem Gespräch gehen sie die Stiegen hinab / und weil ein jeder vermeint / an seinen Ehren verletzt zu seyn / ziehen sie von Leder / und Timandre stösset Henedin durch den rechten Schenckel / daß er auf dem Platz liegen blieben / hernach aber mit grosser Mühe geheilet worden. Timandre aber hat sich auf die Post gesetzet / und seinen Weg nach Paris genommen / da er dann einen stärkern als er gewesen / gefunden / der ihme seinen Rest gegeben.

6. Der sinnreiche Spanier Saavedra / dessen empresas politicas von allen verständigen hochgeachtet werden / bildet einen Freund durch einen Degen auf deme sich einer verlassen darf / wann er ihn in nöhten probiret. Ist aber die Klingen einmahl zersprungen /so kan sie nicht wol wieder zusammen geschmittet werden. Was Ursach aber hat man seinen Degen zu verderben und seinen Freund zu beleidigen? Unter dieses Sinnbild setzen wir solche Erklärung.


Lieb dein Gewehr / es rettet dich in Noht
lieb deinen Freund / er dient dir biß in Tod.
hast du den Freund entrüstet mit viel pochen /
so hast du selbst den Degen abgebrochen.
74. Der verwegne Artzt
(LXXIV.)
Der verwegne Artzt.

Es sind viel tausend Menschen / welche ihr Leben zu erhalten / dasselbe in Gefahr setzen. [243] Die Soldaten dienen üm einen geringen Sold und bekommen ehe Stösse als Geld. Die Kauffleute wagen sich über Meer /und ersaufft mancher ehe er reich wird. Die Hoffnung ist der Zehrpfenning unsers Lebens / und verlässet uns nicht in Glück und Unglück. Dieses ist aber noch viel wunderlicher und thörigter / wann einer sein Leben zum Pfand setzet / Reichthum zuerlangen / wie der verwägne Artzt / welcher den Inhalt dieser Ezehlung an die Hand geben sol.

2. Zerbi ein Venetianer / ein Artzt / aber kein Artzney verständiger / weil er wegen seiner geringen Wissenschafft zu Venetig und Padua sich nicht nehren konte / schiffte er nach Candia / da er vermeinte besser fort zu kommen. Als er aber auch der Orten viel fande / die wegen seiner erkranken wolten / segelt er von dar ab nach Adrionopel / eine Statt unter deß Großtürken Bottmässigkeit / und etliche Meil von dem Ponto Euxino gelegen.

3. Als er nun der Orten seine Mittel Marktschreierisch růhmte / und etliche mit mehr Glück als Kunst gesund machte / gelangter in grossen Ruhm / und bereichert sich in kurtzer zeit mehr / als er zu Venetig nicht wünschen dörffen / daß er also sich wol hette können begnügen lassen / wann der Geitz nicht anfienge / wo er auf hören solte / und sich mehrten die Begierden zu haben / wie der Wasser süchtigen Durst in dem Trinken.

4. Dieses Zerbi Namen wurde weit und breit bekannt / und kame auch für Säuder Bassa / einen von den grossen Herrn an der Türckischen Pforten / der unsägliche Schätze gesammelt hatte. Dieser erkrankte an der Wasser- oder Trummelsucht / einer unheilsamen Krankheit / nach aller Artzte zu Constantinopel einstimmigen Aussage. Besagter Bassa sendete zu Zerbi / liesse ihme seinen Zustand vortragen / und befragen / ob er ihme getraute das Leben zu erhalten? Zerbi sagte auf gut zanbrecherisch ja / und wolle er sein Leben dar gegen zu einem Pfand setzen / diesen Bassa darvon zu bringen.

5. Der Bott erfreuet sich über solche Zeitung [244] (massen wir leichtlich glaubē / was wir gerne hören) und versprache güldene Berge / wann er seinem Versprechen Krafft geben würde. Zerbi lässet sich bitten /wendet für seine Versaumnis / die Beschwerlichkeit der Raise / sein Alter / seine Kranken / die er verlassen müsste. Man verspricht ihm / wegen alles dessen Schadloß zu halten / und noch übergrosse Belohnung. Hierüber lässet er eine Verschreibung aufrichten / und verpfändet sein Leben gegen 4000. Kronen / für welche er den Bassa wieder gesund machen solte.

6. Als nun Zerbi nach Constantinopel kommet /findet er den Kranken so aufgeschwollen / als wann er drey Schweitzer in dem Leibe gehabt. Noch war dieser Zerbi so verwägen / daß er sich unterstehen dörffen / ihn zu heilen / welches er aber nicht laisten können / sondern ihn durch seine Artzney in deß Mahomets Paradeiß befördert. Die ander Artzte / welche diesen Aufschneider gehasst / bedienten sich dieser Gelegenheit Zerbi übel nach zu reden / und gaben aus / daß er den Bassa üm das Leben gebracht. Er entschuldigte sich / so gut er möchte / fürwēdend / daß er zu spat zu der Krankheit gezogen worden / daß die Kräfften nicht so stark / daß die Artzneyen anschlagen können / etc.

6. Bevor er nun abraiste / wil der geitzige Thor das verschriebene Geld haben. Man saget ihme er sol seinen Weg ziehen / oder man wolle seinen Frevel mit verdienter Straffe ansehen. Er beklagt sich solches Undancks bey dem Divan oder Richter / welcher ihn mit seinem begehren abgewiesen / und wird ihm in dem Alcoran gewiesen / daß deß Menschen Leben /über sein gesetztes Ziel nicht einen Augenblick / länger dauren / oder durch Artzney verlängert werden könne.

8. Wieder dieses Urtheil beklagt sich Zerbi / und will sich mit leerer Hand nicht ab weisen lassen. Deß Bassa Erben stellen sich / als ob sie ihn bezahlen wolten / führten ihn in eine Kammer und lassen ihn mit einer Senne von einem Bogen / durch ihre Leibeigne erdrosseln / dardurch dann dieses Mida Geitz ersättiget worden.


[245]
9. Wie sollen die flüchtigen nichtigen Güter
erfüllen und stillen der Menschen Gemüter
sie können die eiseren Thruen wol füllen /
doch niemals die Geldes begierigen stillen.

Ist eben dieses was dort jener Kirchenlehrer gesagt: Das Gold kan wol die Thruen / aber nicht deß Geitzhals Verlangen erfüllen.

75. Das Gespenst
(LXXV.)
Das Gespenst.

Den letzten Aufzug dieses dritten Theils / sol auf den Schauplatz bringen ein Gespenst / welches zwar abscheulich und fast nicht glauben finden wird / jedoch warhafftig erschienen / wie solches Herr Obr. Dod mit Bejahung jüngst verstorbenes Königs in Schweden preißwürdigsten Angedenkens / ümständig erzehlet /und für denkwürdig erachtet worden / bey der Frage: Ob alle Gespenster Teuffelswerke weren?

2. In der Haubtstatt deß Königreichs Schweden Stockholm / hat sich begeben / daß ein Fleischhacker oder Metzker daselbst / sich in seine schöne Dienstmagd verliebet / welche aber so bedachtsam / daß sie in seinen sündlichen Willen nicht willigen wollen / es sterbe dann sein Weib / und daß er sie ehliche / und zu Kirchen und Strassen führe. Weil aber die Alte nicht fahren wolte / massen nach dem Sprichwort /viel darzu gehöret / biß ein altes Weib stirbet / fället ihm die Nachwart zu lang / daß er auf Mittel bedacht ihr der Marter abzuhelffen.

3. Er lässet einen Sarg machen / weil damals die Pest regierte / und zerspaltet dem schlaffenden Mütterlein das Haubt mit seinem Schlachtbeil / mit welchem er die Rinder zu schlachten pflegte / legte sie in den Sarg / mit vorgeben / sie were eiligst an der Pest gestorben. Nach deme sie nun zu der Erden bestattet /hat er ihme die Magd trauen lassen / und ist solcher Mord niemand als dem Thäter bewust gewesen.

4. Es befande sich aber ein erschröckliches [246] Gespenst in dem Hause / welches diesen Mann verunruhiget / und endlich aus dem Hause getrieben / weil er vor diesem Schreckenbild nicht schlaffen können. In einer andern Behausung / welche er gemiedet / und diese öd siehen lassen / hat er zwar geruhet / jedoch nicht ohne heimliche Gewissens Plage / welche bey so vorsätzlichen Sünden selten lang aussen bleibet.

5. Es fügte sich nach gehends / daß ein Reichstag zu Stockholm außgeschrieben wird / und eine adeliche Wittib in Beschäfftigung einer Rechtssache /dahin verraiset / und wegen der menge Volks keine Herberg bekommen kan / als eben diese / wegen deß Gespensts beschreyte Behausung. Man sagte ihr die Ursache / warüm das Hauß nicht bewohnet wurde /sie scheute sich aber nicht / so wol Tags als Nachts darinnen zu verbleiben / mit festem Vertrauen / Gott /welcher sich der Weisen Vatter / und der Wittiben Trost nennet / werde sie gnädigst schützen und beschirmen.

6. Zu Mitternacht kommet das Gespenst mit grossem Gepolter in die Stuben: Die Wittib betet zu Gott / und wendet das Angesicht gegen der Wand / biß das Gespenst verschwunden / welches sie kaumlich ruckwarts erblicket / und in eines Weibsgestalt mit zerspaltenem Haubt gesehen. Weil ihr nun kein Leid wiederfahren / ermannet sie sich folgende Nacht / als das Gespenst wiederüm erschienen / und schauet /nach gethanem Gebet zu Gott / das Gespenst mit diesen Worten an: Alle gute Geister loben GOTT den HERRN. Das Gespenst in vorbesagter Gestalt / antwortet: Ich bin ein guter Geist / und lohe auch GOTT den HERRN.

7. Hierdurch wird diese Wittib behertzt und erkühnet sich zu fragen / warüm dann dieser Geist sich in der wüsten Behausung aufhalte? Nach kurtzer Erzehlung vorermelter Mordthat / hat dieser Geist zuverstehen gegeben / es könne der Leib nicht ruhen / biß ihr Mann / von der Obrigkeit / zu verdienter Strasse gezogen würde. Dieses alles ist noch wol [247] glaublich: was aber folget / lautet hart / und wann es nicht von so hohen Personen hergekommen / möchte jemand ursach haben an solchen Verlauff zu zweiffeln.

8. Hierauf sol diese Wittib ihren Wapenring von dem Finger abgezogen / selben zwischen die zweytheile deß Haubts eingeworffen / und solche als der zerspaltenen Scheedel mit ihrem Haartuche wieder zusammen gebunden haben. Darauf dann das Gespenst verswunden. So bald der Tag angebrochen / hat vielbesagte Wittib / diese Begebenheit der Obrigkeit angesagt / und weil man ihr nicht Glauben zustellen wollen / ist das Grab eröffnet / das Haartuch / in welchem der Name genähet / samt dem Ringe wieder gefunden / und der Mörder welcher ihm nicht einbilden können / wer jhn doch verrahten habe / zu gebürlicher Straffe gezogen worden.

9. Falsch vermeint die böse Rott
daß sie trügen ihren Gott:
was sie böses heimlich schaffen
wird er frey am Tage straffen.

Ende deß Dritten Theils.

Der Vierte Theil

Register der Erzehlungen deß IV. Theils
Register
Der Erzehlungen deß IV. Theils.
LXXVI. Der glückselig-verjagte.
LXXVII. Der treuvergessne Freund.
LXXVIII. Der verliebte Alte.
LXXIX. Die mörderische Hochmut.
LXXX. Der gerechtfertigte Mörder.
LXXXI. Der unkeusche Wucherer.
LXXXII. Der gottlose Sohn.
LXXXIII. Die doppelte Ehe.
LXXXIV. Der bestraffte Rahtgeber.
LXXXV. Der ohnmächtige Buler.
LXXXVI. Die kurtze Freud.
LXXXVII. Der grausame Maxentius.
LXXXVIII. Der möderische Diener.
LXXXIX. Der unglücklig leichtglaubige.
XC. Die böse Nachahmung.
XCI. Die keusche Verzweifflung.
XCII. Der Waffen Ausschlag.
XCIII. Die keusche Märterin.
XCIV. Die undanckbare Belohnung.
XCV. Der Cainische Bruder.
XCVI. Die rühmliche Verzweiflung.
XCVII. Das tödliche Wort.
XCVIII. Der Gewissens Zwang.
XCIX. Der rasende Vater.
C. Die vergiffte Eifersucht.
76. Der glückselig-Verjagte
[250] (LXXVI.)
Der glückselig-Verjagte.

Es begiebt sich in den Schiffbrüchen / daß der Felß /welcher das Schiff zerscheidert / und die Ursache der Gefahr ist / die ersauffenden bey dem Leben erhält. Die Welt ist ein ungestimmes Meer / alle Menschen /und sonderlich diese / welche in hohen Ehrendiensten sind schweben in grosser Gefahr. »Gott aber der Felß deß Heils / welcher sie zu zeiten sincken lässet /bringt ihre Unschuld an den Tag und errettet sie aus ihren Nöhten; gleich wie Noe Arche durch die Wellen / welche andre ersäuffet / empor gehoben worden. Wen Gott lieb hat den züchtiget er / und nach dem er bewäret / worden / empfähet er die Kron deß Lebens etc.« Dieses erhellet auch aus nachgehender Geschichte.

2. Das Bann- und Insicht-Gericht zu Venetig ist Zehen Rahtherren anvertrauet / und hat keinen Oberrichter / daß es also bey ihrem Endurtheil / so einmal geschöpfet worden / nothwendig verbleiben muß. Diese Herren sind in grossem Ansehen / und haben Macht den Hertzogen selbsten rechtlich vorzunehmen / in Verhafft zusetzen / und sein Verbrechen zu beurtheilen. Dieses sage ich darum / daß niemand befremden sol / wann sie an eines Hertzogens Sohn Gewalt und Rache geübet / weil sie solches Verbrechen auch an seinem Vater zu bestraffen / Fueg und Macht gehabt.

3. Unter diesen Rahtherren war auch Hermolas Donatus / dieser hatte eine Rechtfertigung wider einen Edelmann den er einer stummen Sünde beschuldiget /und ob wol die Zeugen alle wider den Beklagten / so wurde er doch (ihrem Gebrauch nach) nicht gestraffet / weil er die peinliche Frage außgestanden / und die That nicht bekannt. [251] Herrmolas wolte die Warheit aus sondrem Eifer heraus pressen / und war dem Beklagten sehr hart / da doch alle die andre ihn für unschuldig frey lassen wolten. Einer von den Gefangenen beschlosse bey sich diese Tyranney an Hermolas zu rächen / und nach deme er wieder frey worden / hat er etliche Meuchelmörder angestellet / welche ihme so lang nach gegangen / daß er endlich von ihnen gefället und nieder gestochen worden.

4. Die Thäter hatten sich aus dem Staub gemacht /der Anstiffter aber ist noch eine zeitlang zu Venedig geblieben / seine Lust an seines Feindes Leichnam zu sehen / und weil ihm seine Gewissens-Angst stündlich triebe / ist er derselben zu entfliehen in Calabria entwichen / und ein Mönch worden / Gott diese Sünde wieder ab zu bitten. Zu Venedig forschet man fleissig nach dieses vornemen Herren Mörkern / es will sich aber niemand in Verdacht finden / biß endlich ein Zettel in der Gerichtstuben gefunden worden /auf welchem gestanden / daß der entleibte Hermolas Feindschafft gehabt mit Jacob Foscarini / damalichen Hertzogs Sohne; daher der Verdacht auf diesen unschuldigen gekommen / daß er in die Gefängnis gelegt / und an die peinliche Frage gespannet worden.

5. Dieser bekennet zwar / daß er in Feindschaft gestanden mit Hermolas / habe ihn aber nicht ermorden lassen / und wisse nicht wie / und von wem es beschehen. Solches wurde für ein halbe Bekäntnis angenommen / und die peinliche Frage fortgesetzt. Sein Herr Vater der Hertzog hat allen Fleiß angewendet seinen Sohn zu retten / aber der Gerechtigkeit ihren Lauf nicht hemmen und aufhalten mögen. Er draute / daß er sich wegen dieser Ungerechtigkeit bey allen Christlichen Fürsten beklagen wolte; musste aber hören / daß er sich seines Sohnes Verbrechen nicht solte theilhaftig machen / oder gleicher Warheit Probe erwarten.

6. Endlich als Jacob nicht bekennen wollen / was er nicht gethan / und wol wuste / daß man ihn ohne [252] solche Bekäntnis nicht konte hinrichten lassen / hat er seine Freyheit zwar wieder erlangt / ist aber in die Insel Candiam geschicket worden / mit diesem Beding / daß er daraus nicht weichen solte / bey Verlust seines Lebens / und musste also dieser alte Vater seines einigen Sohns / der bereit zu ansehlichen Diensten befördert worden / beraubet seyn. Er betrübte sich so sehr / daß er kurtze Zeit darnach sein Leben endete /und Jacobs Gedult auch durch diesen Fall übte / welcher wie jener gesagt / mit Fug beten können: Vater /der du bist in dem Himmel.

7. Diese Anfechtung lehrte ihn auf das Wort merken / und erweckte in ihme die Furcht Gottes / welche zu allen Dingen nutz ist. Er seufftzete täglich / daß doch der höchste allwissende und gerechte Richter seine Unschuld möchte an den Tag bringen / wie auch endlich nach 24. Jahren seines Elends erfolget / und zwar auf eine solche weise. Der Mörder / oder Mordstiffter hat auf seinem Todbett gebetten / man solte nach Venedig schreiben / daß er / und nicht Jacob Foscarini Hn. Hermolas Donat ermorden lassen / und daß er auf solche Bekäntnis sterbe. etc.

8. Als nun der Venetianische Regent deß Königreichs Candia dem Jacob solche Zeitung / und daß er wieder nach Venetig zu höhern Diensten / als er vor gehabt / beruffen worden / hat er vermeint das Glück wolle ihn / wie die jungen Affen ihre Jungen / in den Armen erdrucken. Er eilet wieder zu seinem Vaterland / und fande unter allen den Richtern / welche ihn verdammt / nicht mehr als zween noch in dem Leben /welche sich entschuldigt / daß sie nach ihren Gewissen geurtheilt. Er hat mit Joseph gesagt: (1. Mos. 25. v. 4.) bekümmert euch nicht / und denket / daß ich darüm zürne / Gott hat mich für euch (hin und) her gesändet.

9. Nach solchem wurde er Statthalter zu Padua /hernach einer von den zehen Rahtsherrn / die ihn verdammt / hernach Procurator oder Sachwalter deß Regiments zu Venetig / welches der Vornemsten [253] Aemter eines / und hat also sein Leben in höchsten Ehren geendet. Dieser Foscarini hette wol singen können.


Bin ich biß an der Erden End vertrieben /
so bin ich doch in Gottes Hand geschrieben /
die für und für ist hart auf mir.
Wann er mich tödtet wil ich ihn doch lieben /
und endlich:
So hat Gott meiner nimmer nicht vergessen /
ob mich gleich Noth und Todt fast aufgefressent:
Das Sonnenrad folgt trübem Pfad /
der Lorbeerkrantz den Klagen und Cypressen.

H. Dilherrens Weg der Seeligkeit am 187. Blat.
77. Der treuvergessne Freund
(LXXVII.)
Der treuvergessne Freund.

Die Freundschaft wird nicht ohne Ursach der Sonnen verglichen / dann wann solche von der Welt genommen / so würden wir im Finsternis wandeln / wie die mitternächtigen Völker / deren längster Tag vier Stunde / und die ein halbes Jahr lang Nacht haben. Wann die Freundschafft nicht der Menschen Gemüter erleuchten / und als ein Band ihrer Gesellschafft vereinigen solte / würden sie gleich den unvernünfftigen Thieren leben / und der Stärkste den Schwächsten unterdrucken und ihn zu seinen Diensten nöhtigen. »So eine wehrte Gabe nun der getreue Freund / so eine verächtliche und verwerfliche Klette ist ein ungetreuer Freund: massen jenes Tugend / Gott nach ahmet / der getreu ist; dieses Laster aber von dem listigen und betrüglichen Satan herkommet / der ein Lügner ist von Anfang.«

2. Zu Salo in Welschland einer Statt an dem Guarder-Fluß gelegen / pflegten zween Bürger mehr als Brüderlicher Freundschafft. Alles war diesen [254] beeden gemein / Ehr / Geld / Kleider / Bücher / Glück und Unglück etc. und waren dieser Freunde Sitten (welches sich zu verwundern) sehr ungleich. Pandulf war reich / freundlich / höflich und wolthätig; Alark aber arm / klein von Leib / schwach und zornig gesinnet /»daß man mit Fug sagen können die Liebe und Freundschaft finde / oder mache gleich die ungleichen«.

3. Pandulf thäte von seinen Mitteln dem Alark viel gutes / »und solche Wolthaten sind Ketten / mit welchen die Hertzen verbunden werden«; und war doch Pandulf so höflich / als ob er von dem andern empfangen hette / was er ihme mit getheilet. Gleich wie die unterschiedene Stimmen / mit lieblichem Gethön die Ohren belustigen; also war fein und lieblich zu sehen wie diese Freundschaffts Brüder einträgtig beyeinander wohnten. Hiervon haben wir umständig gehandelt in dem CCXLV. Gesprächspiele / darauff wir uns beziehen.

4. Pandulf wil das sein Freund sich in den Ehestand begeben / und also ihme nach folgen solte / weil er in solchem mit süsser Glückseligkeit vergnüget lebte; Alark aber hat darzu keine Neigung. Es fügte sich nach gehends / daß der Tod deß Pandulfs Eheweib ihme von der Seiten reisset / und von allen Liebespfanden / nur eine Tochter von vier Jahren hinterlässet / und hat ihn in so traurigem Zustand sein Hertzens-Freund Alark getröstet / und ihme das schwere Kreutzleicht / und die Trübsal heiter gemachet. Nach deine er nun etliche Jahre in dem einsamen Wittib stand getrauret / hat ihn deß Todes Vorbott ich sage eine schmertzliche Krankheit / das Leben abgesagt: Er bereitet sich Christlichst auf die Raise / beschickte sein Hauß / befahle diesem seinem Freunde seine Tochter Emiliam / welche damals das zehende Jahr noch nicht erfüllet / und setzet ihn über alles sein Gut / daß er dasselbe handhaben solte / biß Emilia / zu mannbaren Jahren gelangend / sich verheuratet / du er dann ihr die helffte mitzugeben schuldig seyn solte: Sie aber solte keinen Mann wieder ihres Pflegvaters willen nehmen / der auch / im fall sie minderjährig[255] verstorben / ihr affter Erb ernennet war. Welches alles Alark dankbarlich angenommen.

5. Mit dieser Bezeugung einer biß in den Tod beständigen Tugendfreundschafft gehet Pandulf den Weg aller Welt / und wird von Alark hertzschmertzlich betrauret. »Was ist aber wandelbarer als deß Menschen Hertz / und was ist unerträglicher / als ein Armer der reich worden ist.« Die Chimisten sagen /daß man mit dem zerflössten / und trinkbar gemachten Gold / alle Krankheiten vertreiben könne: ob dem also / ist ungewiß; dieses aber lehret die Erfahrung /daß der Golddurft alle Gemüts-Krankheiten verursachet. Alark war in seiner Armut reich / in dem Reichthum aber arm / und gedachte wenig daß er seinem wolthätigen Freund / von welchem alles sein Glück herrührte / auf dem Todbette versprochen / Emiliam als seine eigene Tochter / zu versorgen / und seinem letzten Willen in allem nach zu geleben.

6. Alark hatte zuvor den Ehestand / als eine Gefängnis / außgeschrien / vielleicht weil er befürchtet /daß sich niemand seiner Armut theilhafftig machen würde. Nach deme er sich aber besagter massen in Pandulfs Güter geschwungen / hat er sich in eine Wittib zu Verona verliebt / welche einen Sohn hatte der noch jünger als Emilia / und sie mit der zeit heuraten solte: Er aber in zwischen lässet ihm Sophonisbe /dieses war der Wittib Namen / trauen / und vermeinen beederseits in Fried und Ruhe glückselig zu leben.

7. Dieses wer vielleicht erfolget / wann Sophonisbe nicht auch Kinder erzeuget / welche alle Neigung gegen Emiliam / und mütterliche Liebe gegen ihre Kinder erster Ehe / aus den Augen setzen machen /und vielmehr das Gütlein den ältsten entzogen und alle Hoffnung auf die jüngsten gerichtet. Weil Alark in dem Hauß ein Löw / hat er den Eltsten Sohn gezwungen / daß er in den Krieg ziehen / und seinen Unterhalt aldar suchen müssen. Wiewol nun Emilia gehalten worden / ist unschwer zu ermessen.

[256] 8. Alark stellet etliche an / die Emiliam zu dem Kloster Leben bereden solten: sie hat aber keine Lust zu solcher Einsamkeit / sondern verliebte sich in Horatium einen Edelmann von Bergamo: der Hoffnung /daß sie also von ihres Tyrannischen Pflegvaters Joch erlöset werden möchte. Alark / an den die Werbung gebracht wurde / giebt zur Antwort / daß er mit gutem Gewissen in Emilia Verheiratung nicht willigen könne: eins theils weil sie eine Nonne worden / anders theils weil sie heimliche Leibs gebrechen / daß ein Mann mit ihr betrogen werden würde: zu deme sey der Reichthum / welchen man bey ihr suche so beschaffen / daß sich desselben niemand zu erfreuen. Wieder den Bergamaster hatte er auch viel zu sagen /daß also auf besagte Werbung ein dem ansehen nach wolgegrundtes und wolgemeintes Nein Wort erfolget.

9. Weil nun Alark sahe / daß dieses fahrende Jungfrauenhaab nicht sichet in seinem Hause / entschleusst er sich Emiliam in ein Kloster zu bringen / und sie also wieder ihren willen / für allen Bulschafften zu versichern. Eine Magd verkundschafftet diesen Anschlag / und Horatius machet die gute Anstellung /daß Emilia mit ihme nach Bergamo entkommet / und aldar bey einer seiner Basen / biß zu Außtrag der Sachen / die Einkehr nimmet. Inzwischen lässet er durch einen seiner Freunde bey der Obrigkeit anbringen /wie übel dieser Pflegvater und ungetreue Freund Emiliam gehalten / ja sie aus Geitz / wieder ihren Willen /in ein Kloster nöhtigen wollen / etc. mit Bitte zwischen ihnen beeden zusprechen / was recht ist.

10. Nach deme nun der Richter die gantze Sache erkündigt / und dieses treuvergessenens Gesellen Hinterlist / und Undanck befunden / hat er außgesprochē /daß sich der Beklagte / der gantzē Verlasenschaft Pandulfs verlustig gemacht Rechnung zuthun / und solche der Emilia abzutreten schuldig seyn sol: welches auch geschehen müssen / weil er aber dieser seiner Pfleglinge nicht wenig schuldig verblieben / hette er in der Gefängnis sterben und verderben müssen /wann [257] sie ihme solchen Außstand nicht freywillig nach gelassen hette.

11. War Alark zuvor traurig / so ist er bey so gekränktem übelstand gleichsam rasend worden. Wie die so ersauffen sollen sich an alles halten / was sie ergreiffen können; also legte Alark die Hände an die Güter seiner Kinder erster Ehe / deren Vormunder ihme solche auch aus den Armen winden mussten /und war also von seinem Weibe so übel gehalten /daß sie sich endlich / zu Tische und Bette zu scheiden verursachet. Endlich hat er sich / aus Verzweifflung selbst erhängt / und hat eine Tochter (weil sein Söhnlein gestorben /) in solcher Armut hinterlassen müssen / wie er Emiliam zu berauben vermeint.


12. Dessen Freundschafft enden kan /
ist kein rechter Freundes Mann.
Freundschafft die auf Nutzen baut /
ihren Abfall leichtlich schaut.
78. Der verliebte Alte
(LXXVIII.)
Der verliebte Alte.

Der Krieg und die Liebe sind nicht für alte Leute. Mars und Venus sind der betagten Feinde / und nicht fähig ihrer Dienste. Es finden sich wol viel tapffere alte Soldaten / wann es ihnen aber an den Kräfften mangelt / können sie ihre Tapferkeit nicht erweisen. Also giebt es auch wol verliebte Alte / wann sie aber wie die weissen Schwanen an Venus Wagen ziehen sollen / so lässet man sie nicht gerne umsonst dirnen /leichtlich aber zu Narren werden.

2. In einer namhafften Statt in Franckreich / an der Sohne gelegen / hielte sich ein sechsigjähriger Mann /welchem in die Jahre der Sünden und Liebeslust solten verlassen haben. Er hatte etliche Kinder / von seinem verstorbnen Weib / unter welchen zwo Töchter mannbar / und zween Söhne bereit erwachsen / [258] die ihme auch von der Keuschheit predigen wolten / er gabe ihnen aber kein Gehör. Bey so beschaffenen Sachen unterliesse Sostenes / (also nennet sich der Alte) nicht sich in Euphroniam eine junge Dirne (dieses Wort wird guter und böser Meinung gebrauchet) zu verlieben / welche mit ihren zweyen armen Brüdern /in der Nachbarschafft wonend / seine Töchter in der Nadel-Arbeit unterrichtete.

3. Bey den langen Winternächten sahe er einsten /und hörte diese Euphroniam mit seinen Töchtern reden und singen / bey ihrer Arbeit: alles mit so guter Art / daß sich dieser Apollo / mit seinen silberstralenden Haaren zu dieser Musa setzte / und nach und nach das Eiß von Liebes flammen zerschmeltzen / und zerfliessen lässet. Euphronia war von Jugend auf wol erzogen worden / und so bald sie diesen Alten von junger Leute Arbeit reden hörte / hat sie sein Hauß gemeidet.

4. Ihre Brüder aber / welche diesen Greisen zu einem reichen Schwager gerne gehabt hetten / und vnd verhofft sich seiner auf allen Fall / mit vorlehen zu bedienen / sagten ihrer Schwester sie solte diesen Nabal nicht also balden abweisen / und betrachten worzu das Geld gut sey. Sie folget dem Raht / und machet den alten Narren noch viel närrischer / jedoch sagte sie ihme / daß sie eine ehrliche Jungfrau und keine Metze / welche hierinnen ihren Freunden folgen wolte / wann er seine Werbung ordentlich würde anbringen lassen / wiewol unter ihren Jahren grosse Ungleichheit / etc.

5. Sostene were zwar gerne zu der andern Ehe geschrieten / fürchtete aber die böse Nachrede / und seine erwachsne Kinder / und daß man auf diesen Kleppern in das Grab zu rettē pfleget. Nach langem bedencken entschliesset er einen Mittelweg anzutretten / nemlich Euphroniam heimlich / jedoch in ihrer Brüder Gegenwart / und beywesen eines Geistlichen zu heuraten / und also bey zu schlaffen / wie auch erfolgt. Nach diesem wolte Sostene Euphroniam so Nachts so Tages bey sich haben / daß man warnemen[259] musste / sie were sein Weib / oder unehlicher Anhang.

6. Endlich bricht Sostene gegen seine Kinder heraus / daß diese sein Weib / und jhre Stiefmutter. So grosse Freude nun bey Euphronia Brüder / so grosser Neid ist bey Sostene Söhnen Tadee und Androg entstanden / aus ungezweiffeltem Wahn / ihr Vater nehme ihnen das Brod und theile es seinen armen Schwägern mit: ja sie scheuten sich nicht zu sagen /daß sie ihren alten kindischen Vater betrogen / und mit ihme recht verrähterisch gehandelt hetten / etc. Der gestalt wolten sie sich wieder rächen / und gesellten sich zu etlichen leichtfertigen Buben / welche diese beede / als sie nach Hause gehen / angefallen /und ob sie sich zwar tapfer gewehret / und Tadee tödlich verwundet / jedoch auch getroffen / und genöhtiget worden / wieder diese Meuchelmörder üm Hülffe zu schreyen.

7. Die Nachbarschafft laufft herbey / und wird Tadee in seines Vaters Hauß getragen / da er zwo Stunden hernach verstirbt / bevor aber bekennet / daß er mit seinem Bruder und andern Gehülffen seiner Stiffmutter Brüdere angegriffen und ermorden wollen. Androg gehet flüchtig / kommet aber / nach verlauf etlicher Monat / heimlich wieder in die Statt / und trachtet seines Bruhern Tod zu rächen / wie auch beschehen / als er einsten dem ältsten allein begegnet /und durch einen Pistol schuß / ohn einige Gegenwehr / die Schuld der Natur zahlen machen sich aber so bald wieder auf flüchtigen Fuß begeben / und der Straffe zu entrinnen vermeint.

8. Hierüber traurte Euphronia / und zu gleich Sostene / daß er seines Sohns muffte beraubet seyn / und zu dessen Feind seinen eigenen Schwager wissen. Euphronia bemühet sich ihren ergrimmten Bruder / der auf Androg geklagt / und sein Bildnis an den Galgen bringen wollen / zu besänftigen / und zu solchem Ende giebt sie ihm ihre Stiefftochter mit einer ehrlichen Außsteure / daß also das Urtheil wieder Androg nicht vollzogen / und er sich wieder nach Hause finden dörffen.

[260] 9. Diese nun erneurte Freundschafft verhüllte eine verborgene Feindschafft / die einsten mit Gelegenheit außgebrochen / daß Androg darüber auf dem Platz geblieben. Sostene betrachtet seine Thorheit / welche so viel unschuldiges Blut vergiessen machen. Solches quälte ihn auf seinem Todbette / in dem er bedachte /daß seine Söhne todt / seine Tochter mit derselben Mörder verehlichet / und noch zwo Töchter unverheuratet / hat also in den Sorgen der Welt sein Leben mit all zu spater Reu geendiget.

10. Hieher gehöret was Sirach c. 25 v. 3 sagt: Drey Stücke sind / welchen ich von Hertzen feind bin: wenn ein Armer hoffertig / ein Reicher gerne leuget /und ein alter Narr ein Ehebrecher ist.


Der Pantoffel Jahre Zeit / pflegt der Kindheit gleich zu seyn /
deren Unverstand der Geitz / deren Milch der Freuden Wein.
Wie kein Kind nicht ist gerüstet mit den starken Liebes Waffen:
Also wird ein schwacher Hacht / nichts als ihme selbst Rache schaffen.
79. Der Mörderische Hochmut
(LXXIX.)
Der Mörderische Hochmut.

Die Blutgierigen und Stoltzen sind Gott und Menschen ein Greuel / und werden auch zerstäuben wie Spreuer in dem Wind / weil sie leicht und keine gute Frucht / dessen schweres Korn / gleichsam aus Demut / zur Erden fället / da hingegen die Spreuer-Hilsen empor schweben wil. Diese beede Laster finden sich vielmals beysammen / »und wie Demut aller Tugendē Grundfeste: also kan der Hochmut aller Laster Erhöhung / von welcher der Fall / oder ja der Schwindel selten entfernet / genennet werden.« [261] Wir wollen solches von nachgehender denkwürdiger Erzehlung / mit mehrerem abmerken.

2. Zu zeiten als Alexander von Medicis / das Statt Regiment zu Florentz in ein Hertzogliches Fürstenthum / verändert / hatte er unter seinen Bedienten einen Geheimschreiber oder Secretarium / welches Treue er seine Geschäffte / und wichtige Angelegenheiten überlassen / und ihn für so nohtwendig / als seine Zunge / oder Hand (deren Amt unter den Abwesenden die Feder fůhret) hielte / deßwegen auch zu hohen Ehren beförderte / und reichlich belohnte.

3. Dieser Amulio war von Pistola bürdig / von ge ringen Eltern geboren / und hatte sich auch aldar mit einer schlechten Person verheuratet / »Namen Orestilla. Wie nun ein schwaches Gehirn keinen starken Wein vertragen kan / also mag ein Mann von schlechter Geburt ein grosses Gelück nicht wol erdulden.« Er sahe sich in grossen Ehren / und liesse sich bedunken / daß / wann er unverheuratet leichtlich ein Weib schöneres und höheres Herkommens seinen damalichen Würden gemäß / erlangen wolte.

4. Solche Gedanken leiteten ihn aus Stoltz und Hochmut in endliches Verderben. Eine edle Dirne /genamt Hortensia / hatte an stat einer adelichen Aussteuer eine übertreffliche Schönheit / welche Amulio die Augen verblendete / daß er dieser Mann / Orestilla aber sein Weib nur dem Namen nach / worden: ja so unverschamet gewesen / (massen solches verübter Unkeuschheit Eigenschafft ist) daß er solche seine Beyschläferin / in sein Hauß genommen / und Orestillam nicht nur zu ihrer Magd / sondern gleichsam zu ihrer Leibeignen Knechtin gemachet.

5. Der Hochmut oder hochfahrende Stoltz vergleicht sich füglich mit dem Rauch / welcher nach und nach in die Höhe steiget / biß er endlich vertrieben und zu nicht wird. Dieser Rauch der stoltzen Hortensia / ist der armen und verachten Oristilla in die Augen gestiegen / und hat ihr sonder Zweiffel manche [262] trübe Threnen heraus gepresset. Sie sahe sich beraubt aller Ehlichen Gebühr / und musste auch erfahren /daß ihre Feindin ihr zum zweiten mahl Gifft bey gebracht / welcher doch keines mals tödliche Würckung gehabt / und das erstemal von ihr wieder gebrochen /das zweitemal durch Gegengifft / (welchen sie auf allen Fall stetig bey der Hand hatte) von ihr getrieben worden.

6. Als sich nun diese wolgeplagte in stetiger Lebens-Gefahr gesehen / bittet sie ihren Mann / er wolle sie wider nach Pistoja zu ihren Freunden ziehen lassen / und gedachte sie aldar ihr Leben in einem Kloster zuzubringen / etc. Amulio aber will darzu nicht verstehen / weil er befürchtet es möchte der Hertzog der Hortensia verübte Meuchel. Mordthat mit dem Gifft / wie auch sein Ehebruch mit derselben entdecket werden. Er hette sie wol wollen hinrichten lassen /durch Mördersbuben / oder selbsten Hand an sie legen / und sie aus dem wege raumen / wuste aber wol / daß solches sein Herr so gnädig er were / ungestraffet nicht würde lassen hingehen.

7. Damit sie nun dieser Orestilla loß kommen möchten / giebt Hortensia den Raht / man solte sie in dem Keller an Fessel legen / und so ubel halten / daß sie ihr selbst den Tod anthun / oder aus Betrübnis dahin sterben müsste. Dieses lässet ihm Amulio gefallen / und kame also diese unschuldige in einen sehr elenden Zustand / daß sie gleichsam lebendig begraben wurde. Ihr Bett war der harte Stein / Wasser und ein wenig schwartzes Brod war die Unterhalt ihres sterbenden Lebens. Deß Tages Liechts wurde sie nicht ansichtig / als gar kurtze zeit / wann man ihr das elende essen brachte. Zu deme wurde sie von Hortensia übel geschlagen / und fast zu verzweiffeln gezwungen / daß sie mehrmals gewünscht / das Leben /welches alle Menschen lieben / zu verlieren / und den Gifft / welchen sie vormals aus dem Leibe getrieben /wieder einzunehmen.

8. Dieses armen Weibes hat sich Gott nach [263] seiner grossen Barmhertzigkeit / durch ein gantz unerwartes Mittel erbarmet / und geoffenbaret / was niemand als Amulio und Hortensia wissend gewesen / dergestalt. Als auf eine Zeit Hortensia / wie eine Furia oder Höllen-Göttin in den Keller gegangen / Orestillam / ihrer Gewonheit nach zu plagen / ist derselben kleiner Knab von sechs Jahren hernach gelauffen / und als er gesehen / wie übel man mit seiner Mutter verfähret /hat er Hortensiam mit Worten / und dann mit schreien abhalten wollen: Sie aber hat das arme Kind ja so sehr geschlagen / daß die hertz betrübte Mutter Blut weinen / und das Hertz in Stücke hette zerreissen mögen / bittend / sie solte doch aus so vielen Schmertzen und Marterplagen / ihr einen Tod verursachen: würde aber ihrer Bitte nicht gewehret.

9. Nach etlichen Tagen spielet dieser Knab mit an dern seinen Gesellen auf der Gassen / und wird von einem Nachbaren befragt / wo seine Mutter hingekommen? Das Kind saget / was es gesehen / und wie sie in dem Keller versperret / und hette dieser Nachbar so grosses Mitleiden mit dem unschuldigen Weib / daß er andre zu Zeugen nimmet / welche deß Knabens Aussage nach Pistoia / und von dar von ihren Freunden nach Hof und für den Groß-Hertzog gebracht / welcher befihlet diese Gefangene also balden in ein Kloster zu führen / und der Sachen ferners nachzufragen.

10. »Die von grossen Herren geliebet sind / hasset das gemeine Volk« / und waren ihrer viel mit diesem stoltzen Fremdling (also nennten sie alle / welche ausser Florentz geboren) übel zu frieden. Der Raht und die Bannrichter vernehmen unter andern auch diese fast unerhörte Grausamkeit / daß Orestilla die Hortensiam mit guten und bösen Worten vermögen wollen /sie solle ihr doch ein Messer / oder Gewehr geben /daß sie ihr selbsten das Leben nehmen möge; hat aber diese tyrannische Gnade von ihr nicht haben können /weil sie befürchtet / sie dörffte dieses Mords beschuldiget wurden: wann sie aber aus Hunger und [264] Kummer verstorben / könte man ihren Leichnam ohne Verdacht deß Meuchelmords vorweisen / und offentlich zur Erden bestatten.

11. Nach deme nun der Hertzog gewilliget / daß man ohne Ansehen der Person dem Recht seinen Lauff wieder Amulio lassen solte / ist ihme so wol /als seiner Ehebrecherin das Leben abgesprochen / und ob sie wol beede sich auf deß Groß Hertzogs Gnade verlassen / die Häubt für die Füsse geleget worden. Der Hertzog wuste wol / daß dieser Amulio Fürbitter finden würde / hat desswegen denselben Tag eine Jagt angestellet / und sich ausser der Statt begeben. Hortensia hat betraurt / daß sie ihre Feindin nicht gar ermordet / weil sie wegen ihrer und deß Ehebruchs /welchen sie für keine Sünde gehalten / das Leben lassen müsse. Amulio sagte auch biß in die letzte Stund /daß seine Kranckheit nicht tödlich / weil ihm der Artzt (absehend auf den Namen Medicus) mit einem Wort könte gesund machen / daß also seine Bereitung zum Tod sehr schlecht gewesen. Orestilla hingegen ist aus dem Kloster wider zu ihrem Haußwesen gelassen worden / und hat ihr der Hertzog die ihme heimgefallenen Güter ihres Mannes geschencket.


12. Man siht den trüben Most in seinen Banden gieren /
und von der Heffen wust viel leere Blasen führen /
so gar / daß auch das Faß / ohn Lufft / von jungen Wein
zerspringt; die weil die Gier nicht will gezwänget seyn.
[265]
So brüstet sich der Stoltz / will kein Gesetz ertragen /
ist schwülstig lebt dahin nach eignem wolbehagen /
biß in dem letzten Nu / der blasse Tod ihn dringt
und solches Stoltzlings Hertz / in eitles Nichts zerspringt.
80. Der gerechtfertigte Mörder
(LXXX.)
Der gerechtfertigte Mörder.

Ob zwar nicht döses zuthun / daß Gutes daraus folgen sol / wie der Apostel lehret; so sind doch etliche Fälle / in welchen kleines Unrecht verstattet wird / grösseres zu vermeiden. »Man sol niemand beleidigen und Schmertzen verursachen; wann man aber eines verwundten Leben andrer gestalt nicht retten kan / ist zu gelassen / Feuer und Eisen zubrauchen / und mit Verlust eines Glieds / alle andre zu erhalten.« Also sind auch etliche Mißhandlungen / welche mit seltner und nicht gemeiner Bestraffung anzusehen / ja vielmals mit List und nicht mit Gewalt anzugehen / weil solcher gestalt grosses Unheil kan verhindert werden.

2. Die Banditen / oder wegen Mißhandlung in das Elend verjagte Rauber / haben vor Jahren in Italien so sehr überhand genommen / daß die Strassen unficher /viel Dörffer außgeplündert / und sich auch kleine Stättlein für diesen Raubern zu befürchten gehabt. Unter vielen Mitteln aber diesen Landverderblichen Gesellen zu wehren / ist kein zuträglichers erfunden worden. Als diese Wölffe mit Wölffen zu vertreiben; ich wil sagen / unter ihnen Mißtrauen zu erwecken /und zu machen / daß sie einander selbsten todschlagen. Wie aber?

3. Man hat aller Orten lassen außruffen / daß wer eines solchen flüchtigen Mörders Haubt bringen würde / Landshuldigung / und noch 100 Kronen darzu haben solte. Dieser Rahtschlag ist glückselig zu Werke gestellet worden / und hat keiner neben den[266] andern sicher schlaffen können / wie dann die Italiäner sehr argwähnisch / und für einen Theil grosser Klugheit halten / daß sie niemand trauen / und stettig in Sorgen stehen. Die alten Teutschen haben in einem Sprichwort zu sagen pflegen / daß dem der andern nicht trauet / auch wieder nicht zu trauen / etc.

4. Unser diesen hielten sich drey auf dem Appeninischen Gebürgen / Namens Poltro / Rubba und Argo welche sich in den Hölen hin und wieder verkrochen /und aus dem Stegreif genehrt. Poltro war zwar bey dem Angrief etlicher Kaufleute / erwiese sich aber sehr verzagt, wie einer / der ein böses Gewissen hatte / und wolte doch bey dem Raub seinen gebührenden dritten Theil haben / welches die andern nicht gerne verwilligten.

5. Rubba sagte auf eine Zeit zu Argo / in geheim /als sie eine gute Beut gemacht: wir wollen diese feige Memme niedermachen / und die Beut in zwey Theil theilen: wann du mir aber versprichst die zwey drittel zu lassen / bin ich zu frieden / daß du sein Haubt nach Genua bringest / und dir dardurch die Landshuldigung / und die auf sein Haubt verruffne hundert Kronen verdienst. Argo ware dessen zu frieden / weil er grosses verlangen nach Hauß zu kehren / und verglichen sich diese beede sie wolten ihn in dem nechsten Holweg / mit einander ermorden.

6. Poltro riete vor an / und versihet sich nichts wenigers als deß Todes. Argo ziehet hinter ihm sein Pistol heraus / und schiesset ihn durch das Haubt. Rubba welcher hinter ihme stellet sich als ob er ihm auch einen Schuß geben wolte / wendet aber das Pistol gegen Argo / und trifft ihn durch die Hertzkammer / daß er also bald zu der Erden sinket / und dieser seiner Gesellen sich befreyet sahe.

7. Nach deme nun Rubba sein Vorschlag gelückt /nahme er die zwey Haubt er und bringet sie nach Genua / daß er also wieder wol aufgenommen / und über mit sich gebrachten Raub / noch die 200. versprochenen Kronen habhaft worden. Der gestalt lebte Rubba in seiner Geburts statt wieder sicher / weil ihm [267] die Obrigkeit Verzeihung seines Verbrechens wiederfahren lassen. Dieses ist was wir Eingangs dieser Erzehlung gesagt / daß die Gesetze zu zeiten einen Abfall und eine Außnahme haben / und daß dieser /wegen eines doppelten Mords / von seinen begangenen Mord loß gesprochen und ungestrafft verblieben.

8. Wer nun von der Obrigkeit ungestraffet bleibt /muß auf andre weise von Gott / dessen Gesetze unveränderlich / heimgesuchet werden. Der Kauffmann welcher unlängst von Rubba und seinen Gesellen abgesetzet und geplündert worden / hat diesen wol zu Gesicht gefasset / und weil er ihme allein nicht getrauet / hat er noch zween Mördersbuben zu sich genommen / und ist ihme so lang nach gegangen / daß er ihn endlich angetroffen / in ein Hauß gejaget / da er vermeint in ein andres hinüber zu steigen und sein Leben zu retten / ist aber hinab gestürtzet / und hat sich plötzlich zu todt gefallen.

9. »Also muß der Todt der Gerechten wehrt seyn für Gott / wie der Tod deß Ungerechtē verflucht / und seine Seel / die dahin fähret mit schrecken / ewig verdammet werden / und was hilfft die gantze Welt gewinnen / und Schaden leiden an seiner Seelen.« Geld und Gut / das sonderlich übel und mit Sünden gewonnen / kan nicht retten an dem Tag deß Zorns / und ist gewiß darinnen der Fluch / wie in wol erworbnem Vermögen der Segen enthalten.

Wie der Schnee von deß Lentzen Lufft zergeht:
Wie der Rauch von den Winden wird zertrieben:
Gleicher weis' ist nie lange Zeit verblieben /
Solches Gut / das in Mörders Händen steht.
81. Der unkeusche Wucherer
(LXXXI.)
Der unkeusche Wucherer.

Die Laster stossen sich zu zeiten wieder einander in den Hertzen der Gottlosen / wie Esau und [268] Jacob in dem Leibe Rebecca / und verursachen grossen Schmertzen / weil sie aus gantz wiederigen Ursachen herrühren / zum Exempel: »Der Reichthum ist den Geitzigen gleichsam an das Hertz gewachsen / wie die Haare an die Hände Esaus / welche / ohne Verletzung / nicht ausgerauffet worden: dem wollustigen Weltling aber ist Geld und Gut nicht anderst angelegen /als das Ziegen Fell Jacob / welches sie ohne schmertzen widerfahren und entfallen lassen«. Also mahlen die Poeten den Liebsgötzen gantz entblösset / weil er seine Diener allen Reichthum verachten machet / da hingegen der Geitz Hände und Hertzen verschliessen /und die Nägel und Klauen / gleich den Raubvögeln /an sich ziehen machet.

2. Beedes wollen wir sehen an Trasill (mit diesem Namen decken wir seine schande) einen reichen Kauff- und Handelsmann zu Meiland. Durch das Wort reich ist leichtlich zu verstehen / daß er auch ein geitziger und Gewissenloser Wucherer / der durch viel haben / mehr zu haben veranlasset worden. Unferne von seinem Hause wohnte eine Wittib Ormilda benamet / welcher ihr Mann zween Söhne und eine sehr schöne Tochter hinterlassen / die sie in Gottesfurcht zu allen Tugenden auferzogen / ob sie wol in grossen Armut / und mit täglicher Handarbeit / ihr Leben zubringen müssen.

3. Wie aber deß Gerechten Samen nicht 'sol nach Brod gehen / weil Gott der Vater aller Wittben und Weisen / sie wunderlich versorget: als ist auch Ormilda auf eine seltne Art bereichert / und ihre Tochter außgesteůret worden. Der ältste Sohn lässet sich bey den Spanischen / für einen Soldaten unterhalten /seine Mutter der Unkosten etlicher massen zu entbürden: der jüngste Sylvio und Dorina blieben bey ihr /und waren in allen ihrer guten Anweisung gehorsam: massen es nicht ein geringer Segen wolerzogne Kinder haben.

4. Dorina kame mit ihrer Nadelarbeit zu Trasills Töchtern / und machte so wol ihren Verstand / als ihr Angesicht verwundern. Trasill hatte [269] zwar seine Augen meisten theils in seinem Schuldbuch / musste sie aber doch auch auf diese Jungfer werffen. Er war in seiner Jugend nie wol gestalt gewesen / in dem Alter aber war er so abscheulich / daß sein Weib bey ihme Busse thun musste: doch brannte dieses dürre Holtz /wiewol verborgner weise / dann eines theils die Furcht abschläglicher Antwort: anders theils die Seltzamkeit und Gebühr ehlicher Treue ihn von Eröffnung seiner Flammen abgehalten.

5. Ein junger Meiländer truge Lust zu Dorina / als er aber hörte daß dieses weißmar most einerne schöne Bild / auf keinen güldnen Grund gestellet / hat er /wegen guter Nächte keine böse Tage haben wollen. Alphee ein andrer Jüngling verliebte sich mit solcher Blindheit / daß er alle Bedenken aus den Augen gesetzet / unn mit ihrem Bruder Sylvio Freundschafft gemachet / der ihme zu seinem Vorhaben alle möglichste Beförderung zugesagt / hat ihme auch bey seiner Mutter und Tochter das Wort gesprochen: Doch gebrauchte dieser Freyer noch so viel Klugheit / daß er gleichwol wegen der Außsteuer versichert seyn wollen.

6. Ormilda vermeinet daß es eine anständige Heurat für ihre Tochter / und befihlt ihrem Sohn / nach gehabten Berathschlagung 1000. oder 1200. Kronen bey Trasill / gegen Verpfändnng ihrer Haab und Güter aufzunehmen. Trasil sahe diese Mucken in seinem Gewerbe / und wolte / wie eine Spinne / Gifft aus ihrem Vermögen ziehen / und lässet sich wol darzu bittē / bricht auch endlich heraus / und sagte / was er von seiner Schwester begehrte. Sylvio war so klug /daß er diesen alten Narren nicht nach seiner Thorheit geantwortet: sondern bey sich bedachte ihn zu betrügen / wie er andre zu betrügen pflegte: machte ihme auch so wenig Gewissen darüber / als einen Fuchsen in seinem Bau zu fangen.

7. Als nun Sylvio dieses Anbringen nicht weit geworffen / zehlt ihm Trasil die 1200. Kronen auf Jahr und Tag ohne Verzinssung / und verspricht benebens noch 300. Kronen ihme absonderlich / wann er [270] seine Lust würde büssen können. Sylvio verzögert die Antwort / entschuldiget sich / daß er nicht in seinem /sondern seiner Schwester Willen stehe ihn zu vergnügen / und machet den Handel sehr schwer. In dem er Bottschafften hin und wieder brachte / welche er niemals auß gerichtet / verkaufft er diesem alten Bock seine Hoffnung sehr teur. Endlich eröffnet er Trasils Begehren seinem künfftigen Schwager Alphee / welcher die Fallstricke diesem Alten legen helffen / wie folgen sol.

5. Sylvio giebt diesem Wucherer zu verstehen / daß er mit übergrosser Mühe Dorinam zu seinem Willen beredet / jedoch dergestalt / daß es in geheim / und ihrer Heurat mit Alphee unhinderlich seyn solte. Bevor aber solches geschahe / zahlte der Alte die versprochnen 300. Kronen aus seinem Beutel / mit solchen Schmertzen / als manches Weib ihre Kinder an deß Tages Liecht bringet / und vermeinte daß er eine sehr grosse Freygebigkeit erwiesen / und viel vergeben / in dem er Jahr und Tage keinen Zinß zu nehmen gewilliget.

6. Die Nacht war kommen / in welcher Trasill zu Dorina (die doch bey ihrer Mutter lage /) auf einer Leiter zu dem Fenster einsteigen solte / und lage in selber Kammer eine alte Hauß magd / welcher der Anschlag so wenig als ihrer Frauen unn Jungfrauen wissend. Sylvio sagte / daß er die Nacht ausser Hause schlaffen müste / unn legten sich diese Weiberlein zeitlich nieder / Vor Mitternacht kommet Trasil und Sylvio mit der Leiter / das Fenster war offen / er steigt hinein und die Magd erwacht schreiend daß ein Dieb zu ihr kommen / Ormilla und Dorina wachen auf /schreien zu den Nachbaren üm Hülffe / und wolte Trasil auf seiner Leiter wieder den Ruckweg nehmen.

10. Er hatte sich aber kaum aus dem Fenster begeben / da ziehet Sylvio die Leiter / daß der Geck herab / und den rechten Arm ausfället / inzwischē kommet Alphee mit der Wacht / und lauffet die Nachbarschafft zu / und wollen ihn als einen Ehrendieb mit Steinen todt werffen / die Schergen aber thun das [271] Werk der Barmhertzigkeit an ihn / und tragen ihn in die Gefängnis / da er für 1500. Kronen die er bereit außgezahlt sehr übel geschlaffen. Sylvio und Alphee haben sich inzwischen darvon gemachet / als ob ihnen von dem Handel nichts were wissend.

11. Nach deme ihme nun der Arm wieder eingerichtet / und der Richter den gantzen Verlauff warhafftig erkündiget / hat er sich Trasil entschuldiget /daß er kein Dieb / und sich endlich über den untreuen Nachbarn Sylvio beklaget / der die That nicht abgelaugnet / und desswegen frey gesprochen worden. Trasil aber musste die Statt auf drey Jahre raumen /zur Straffe wegen seines frevlen Beginnens der Dorina die 1200. Kronen zu einem Heuratgut / dem Sylvio auch die geschenckten 300. Kronen / für seine Mühe / lassen. Dieser Trasil ist in seinem Elend / von dem Banditen / deren wir vorgedacht / beraubt und ermordet worden.


12. Niemand ist so weiß und klug
der entfliehe dem Betrug /
wann er auf den Weg der Sünden
sich läst erfinden.
Aber wer mit gutem Rath
gehet auf der Tugendpfad /
der wird stetig sicher wallen /
und Gott gefallen.
82. Der Gottlose Sohn
(LXXXII.)
Der Gottlose Sohn.

Wie die Gottesfurcht zu allen Dingen nutz ist / also ist im Gegensatz die Verachtung Gottes in allen Dingen verderblich und ewig schädlich. »Wer seinen Eltern nicht folget / welche er sihet / wie sol er Gott gehorsamen / den er nicht sihet« / daß ein solcher Sohn mit Fueg Gottlos kan genennet werden / weil er sich von Gottes Gebot loßgerissen / und [272] seines übel ergehens auf Erden / ja seines Lebens Verkürtzung selbst ursacher ist. Daß nun Gott so wol in seinen Bedrauungen / als Verheissungen warhafftig ist / wird unter andern auch nachfolgende Eezehlung beglauben.

2. In dem Königreich Leon in Hispanien / haben etliche grosse Herren ihre Strittigkeiten durch eine doppelte Heurat beygelegt. Die Veranlassung zu solchen Gedanken waren dieser Herren Kinder / deren Posidippo zwo Töchter Cidaris und Ambots / Diophan aber zween Söhne Epapher und Theodot hatte. Posidippo wolte zwar / daß Epapher der ältiste seine ältste Tochter freyen / und zu gleich den Namen und die Wappen seiner vorfahren führen solte: Diophan aber wolte die ältste dem jüngsten / und die jüngste dem ältesten geben / daß also seine Söhne die Häubter zweyer vornemsten Geschlechter werden möchten /wie dann auch geschehen / und die Hochzeitliche Begängnis mit vielen Freunden deß gantzen Adels vollzogen worden.

3. Epapher und Ambutz erzeugten viel Kinder mit einander / Theodot aber und Cidaris hatten nur einen einigen Sohn / der in dieser Geschichte die Haupt Person seyn wird. Theodot erhitzte sich einst auf der Jagt / welcher Krieg zu Friedens zeit ihme sehr beliebt /und fihle darüber in eine Krankheit / welche deß Todes Vorbott war. Cidaris eine junge Wittib / hatte Epapher zu ihrem Beystand in Vorwaltung ihres Sohns Güter / welcher wegen er den Tittel eines Marggrafen führte / und trug unter den kohlschwartzen Leidkleidern die lebendigen Flammen fleischlicher Liebesbrunst / daß sie also eine Wittib / welchen der Apostel zu anderweiter Verheuratung gerahten /weil sie das Joch der Keuschheit nicht er tragen mögen.

4. Nach Spanischer Gewohnheit hielten diese Marggräfin einen Alten vom Adel der sie führte ihr aufwartete und derselbe hatte einen jungen Sohn Atilio genennt / welchen sie ihr zu unziemlichen Diensten reitzte / und endlich sich mit ihme in heimliche Verlöbnis [273] einliesse / und mit solchen Ehrenmantel ihre Schande zu verhüllen vermeinte. Calphur der Alte / mahnte erstlich seinen Sohn von der Marggräfin Vertrauligkeit ab / als er aber hörte / daß sie ihn zu ehlichen gewürdiget / und zwar durch einen Geistlichen sich mit ihme trauē lassen / wolte er seines Geschlechts Aufnehmen keines weges hindern / sondern stellte sich als ob ihme alles unwissend / biß Cidaris endlich darnieder kame / und der neugeborne Knab /durch seine Vermittlung / von einem Bauren Weib heimlich auferzogen werden musste.

5. »Wie aber so schwer als unmöglich sich in dem Lauff von einem Berge herab aufzuhalten: also hat das angefangene unrecht keine unterbrechung / biß es zu dem Straffziel gelanget.« Cidaris mochte ihre Liebe gegen Atilio nicht bergen / und musste alles Haußgesind / so wol als Pandulf ihr Sohn sehen und hören / daß zwischen ihnen heimlicher Verstand / und unziemliche Vertreuligkeit. Hierdurch wird Pandulfe welcher das achtzehende Jahr erreicht bewogen / Atilio mit seinem Vater aus dem Hauß zu schaffen / und aufwiedersetzen / üm das Leben zu bringen / massen er deßwegen auch mit seinem Vettern und Vormund Epaphre Raht gehalten.

6. Als Cidaris solches vernimmet / bricht sie / als eine hochmütige Spanierin heraus und sagt ihrem Sohn erster Ehe / in das Angesicht / daß er durch sie den Titel deß Marggrafen erlangt / daß dieser ihr Mann / mit welchem sie ein Kind bereit erzeuget /und mit dem andern schwanger gehe / daß sie ihr von ihme nicht einreden lasse / und daß sie ihn auch enterben / und ihrem mit Atilio erzeugten Sohn Cleon / das gantze Marggrafthum zueignen könne; solte deßwegen diesen ihren Mann nicht als einen Diener verächtlich halten / sondern als einen Stiefvater ehren und ihme gehorsamen.

7. Dieses war Pandulfe ein fremdes Lied / und musste er hören / daß seine Ehre und Reichthum in Gefahr / ohne welche er ihme das Leben nicht wünschte. Er berahtschlagt sich hierüber mit seinem[274] Vettern / und schliessen den Streit durch Atilio und seines Vatern Tod bey zulegen / bestelten deßwegen also bald etliche Mörders Buben / welche mit ihnen früe morgens in das Schloß brechen / und den Atilio in seiner Cidaris Armen ermorden mussten. Mit diesem waren sie nicht vergnüget / sondern erwürgen auch die Magd / und suchen den alten Calphur / der zu seinem Glück über Land verraiset. Die Cidaris aber setzen sie auf ein Pferd / ungeacht sie grosses Leibs / fuhren sie auf ein ander Schloß / da sie gantz allein in verzweiffelten Schmertzen eines todten Kindes genesen / und todt in dem Gefängnis gefunden worden / welches dieser Gottlose Sohn gewünscht /und den Leichnam mit lachendem Munde angeschauet.

8. Solte aber GOtt diese That ungestrafft lassen? Keines Wegs. Wenig Tage hernach / als er auf der Jagt einem Hirschen einen Fang zu geben vermeint /stösset ihm dieses edle Thier ein End von seinem Geweyd in den Leib / daß er wenig Stunde hernach seinen Geist auffgeben müssen. Also wurden seine junge Tage abgekürtzet / weil er sich nicht erinnert / wie saur er seiner Mutter worden ist / die er eines so erbärmlichen Todes sterben machen.

9. Epaphre erschrack nicht über dieser Zeitung /und vermeinte daß er nun der nechste Erb seyn wolte: Calphur aber brachte den jungen Cleon herfür / und erwiese so wol aus schriftlichen letzten Willen der Cidaris / als mit lebendiger Kundschafft deß Priesters /der seinen Sohn mit Cidaris vermählet / daß dieser der rechte Erb / und ein ehliches Kind / deme das Marggrafthum erbfolgenden Rechtens gebühre. Dieses ist auch von dem König ausgesprochen / und er in ruhigen Besitz aller Verlassenschafft gesetzet worden.

10. Ach GOtt! mit was Vorbereitung zum Tod wird diese Cidaris und Atilio dahin gestorben seyn / Ein böses Leben bringt kein gutes End / welches man in allen Sachen betrachten sol. Daher David gebeten: HErr lehre mich bedencken / daß es ein Ende [275] mit mir haben wird / und ich darvon muß. Ps. 39. v. 5.


Wer den guten Wind versaumet
isst und trinkt in vollen Freuden /
dem nie von Gefahr getraumet
muß in vollen Stürmen scheiden /
Wann die Meers flut rasend schaumet /
kan er leichtlich Schiffbruch leiden.
83. Die doppelte Ehe
(LXXXIII.)
Die doppelte Ehe.

Daß etliche in dem Neuen Testament das alte halten wollen und viel Weiber nehmen / wird von allen Christlichen Oberherren billich gestraffet. Mahomet hat hierdurch sein Reich gemehret / in deme er der Völker gegen dem Aufgang Fleisches Lust / durch Verlaub vieler Weiber zugelassen / und also seinen Anhang gehauffet. Daß aber solches Gott mißfällig und solche Beflekung ein sträfflicher Ehebruch / ist ausser allem zweiffel. Doch wann ausser dem Gebot Gottes eines unter beeden seyn solte / würde thunlicher fallen / daß ein Mann viel Weiber / wie der Haan: als daß ein Weib viel Männer wie die Hündin hette. Hiervon ist zu lesen unser CLXXXXIV. Gesprächspiel / etc. und sol hier ein merkwürdiges Exempel folgen.

2. In Preussen / welches deß Königs in Polen Bottmässigkeit unterworffen / hatte Ratislas ein Landherr geheuratet Judith / eine Jungfrau von alt adelichem Geschlechte / mit welcher er sich etliche Jahre sehr wolbegangen. Sein Land war fruchtbar / seine Wohnung herrlich / und ermangelte nichts mehr / als ein guter Nachbar / welches allen Haußfrieden zerstören konte. Daher der weise Mann gesagt / es ist besser ein bissen Brods mit Ruhe / als grosser Reichthum mit Sorgen. Sigisbert der nächste [276] Nachbar hatte einen Streit mit diesem Ratislas / wegen der Jaggerechtigkeit / und begegneten diese beede selten einander ohne Bedrauung und Zankwort.

3. Einsten verfolget Sigisbert / ein Wild fast biß an Ratislas Schloß / welcher vermeinte / daß ihme solches zu sonderem Schimpf beschähe / fället deßwegen mit den seinen hinaus / und schiesset Sigisbert zu boden. Er wuste wol daß er wegen dieser That in Gefahr / weil Sigisbert grosse Freunde zu Hof / und flohe also in Schlesien. Der König lässet auch nach ihn greiffen / er entkommet aber / und weichet in Niederland und Flandern / da er / als auf den Schauplatz aller Kriegshelden / nicht wolte einen müssigen Zuschauer geben; sondern seine Tapferkeit auch erweisen / wie er dann in vielen Begebenheiten ritterlich gethan.

4. Wie man nun in dem Winter von so blutiger übung abzulassen / und in den Stätten aus zu rasten pfleget / hatte Ratislas auch Gelegenheit mit trinken; spielen und Frauenvolck seine Zeit kostbarlichst zu vertreiben / weil er reich / zu solcher Handlung den Verlag hat / und das geitzige Alter noch nicht erreichet hatte. Der güldne Schlüssel öffnete ihme nicht allein die Thüre / sondern auch deß Frauenvolkes Hertzen / daß er fast aller Orten willkommen / und weil er schön / jung und stark / willig eingelassen wurde.

5. Nach Verlauff etlicher Monat verliebte er sich in eine tugendreiche Jungfrau / die zwar gegen seiner Höfligkeit nicht undankbar / mit verdächtiger Begünstigung aber ihme keines weges wilfahren wolte: biß er sich endlich in Ehliche Verlöbnis eingelassen / und weil die Mutter vermeinte / daß ihre Tochter einen reichen Polnischen Herren heuratet / hat sie das Ja Wort nicht lange zu rucke gehalten / und wurde Ratislas diese Anwerbung wol unterwegen gelassen haben /wann er sonsten zu streichen hette kommen können.

6. Also führet dieser Pol die schöne Niederländerin zu Kirchen und Strassen und erlanget durch Verrähterey / was man ihm nicht wollen zu [277] kauffen geben. Die Schönheit und Freundligkeit Adalgis hielte Ratislas von dem Krieg ab / damit er dieser Affter Gemahlin Gesellschaft obliegen könte. Endlich hat Judith durch ihre Befreunde Ratislas Landshuldigung ausgewürket / und die Sache mit Sigisbert Erben verglichen / daß er also sicher wiederkommen mögen /wann er nur sich aus den Armenbanden seines liebsten Weibs hette winden wollen. Er bindet eine Entschuldigung an die andre / setzet Zeit und Ziel / verspricht und verschreibt zu kommen / bleibt aber wo er ist; daß Judith ihn abzuholen willens / und solches auch ugescheut an ihren Mann berichtet.

7. Nach zweiffelhafften Bedacht / entschleusst er seine Adalgis mit ihm zu nehmen / wie auch nicht sonder Threnen ihrer Mutter / und ihrer beschehen. Als sie nun / nach langen ümwegen / nach Breßlau in Schlesien gekommen / sagte er / er müsse vor an raisen / und zusehen in was Stand seine Güter / zugleich auch seine Freunde / wegen seiner Verehlichung zuberichten / etc. Adalgis glaubet alles was er ihr fürschwätzte / und lässet sie also mit zweyen Mägden /so aus Flandern mit ihme kommen / samt zweyen Knechten / die ihme getreu waren. Judith empfahet ihren Mann / der so lange Jahre von ihr entfernet gewesen / mit hertzlichen Freuden / und ersättigte ihr verlangen mit seiner angenemen Gegenwart.

8. Nach etlichen Tagen musste er nach Hof / dem König wegen erwiesener Gnad zu danken / und seiner Treue versichern. Er hatte viel Schlösser / und vermeinte seine Niederländerin auf einem / welches nahe bey Dantzig / zu halten / und sich ihrer als eines Kebsweibs zu bedienen / welches er auch so klüglich zu werk gerichtet / daß Judith nicht den geringsten Argwahn darvon schöpffen können. Er beredete die einfältige Niederländerin / daß seine Freunde übel zu frieden / daß er zu veracht seines Geschlechts eine Außländerin geheuraten / und musste sie deßwegen /nach der Zeit unbekant aufhalten.

9. Es zeugte nun dieser Ratislas mit beeden Weibern [278] Kinder / die unehlichen / oder letzt ehlichen aber dorfften / wie die unartigen Adler / nicht an das Sonnen Liecht blicken. Nach etlichen Jahren wird dieser Weiber süchtige Pol / von einem seiner Diener / den er mit Worten übel angefahren / verrahten / daß nemlich noch eine Beyschläfferin / auf dem Schloß Pogltz unterhalte. Judith bespricht ihren Mann deßwegen /wird aber sehr übel angefahren / und gegen der schönen Adalgis verachtet / mit Bedrauung / daß es sie das Leben kosten solte / wann sie noch ein Wort mehr wegen dieser Sache verlieren würde.

10. Hierdurch wurde die Liebe gegen Judith fast außgeleschet / gegen Adalgis aber von neuem angezündet / und ob wol das Geschrey durch Judith außgebracht / wie ihr Mann in Ehebruch lebte / hat er sich doch wenig hindern lassen / und allein getrachtet /daß Adalgis nicht erfahren möchte / daß er verheuratet / zu welchem End er sie auch verwachen lassen. Als aber auf ein ezeit Ratislas sich zu Hof aufhalten musste / kleidet Judith seine Kleider an / klebt einen Bart / der dem seinen gleicht an das Kien / und dinget etliche Soldaten / welche ihr Beystand leisten solten.

11. Die Wachten vermeinten / daß es ihr Herr Ratislas / und lassen ihn mit den Dienern in das Schloß Pogltz / da sie dann wie ein Thyger die arme Adalgis samt ihren zwey Kindern und Mägden mit eigner Hand mörderischer weise erwürget / und sich hernach wieder auf ihre Wohnung begeben / willens selbes Schloß so wol zu versehen / und zu vertheidigen / daß er Ratislas nicht werde überwältigen und bezwingen mögen. Als er auch für das Schloß kommet / sagt sie ihm alles was einem eiferenden und verzweiffeltem Weib zu Sinne kommen kan. Ratislas giebt gute Wort / billichet ihren gerechten Zorn / bittet üm Verzeihung / und ihn weil die Ursache ihrer bösen Ehe nicht mehr im Leben / wieder anzunehmen.

12. Nach dem aber Judith sich beredenlassen / und vermeint / daß nunmehr die Ehe wieder gut / erwürget [279] Ratislas seine Judit / mit eben dem Strang / mit welchem sie ihre Feindin erhangen lassen. Seiner Kinder hat er zwar verschonet / weil sie Fleisch von seinem Fleisch / und Gebein von seinen Gebeinen / alle Diener aber so zu Adalgis Mord geholffen / haben wieder sterben müssen. Nach dieser That ist er mit allem Gold / Silber und Edelgesteinen in Schlesien geflohen; seiner verstorbnen Frauen Befreunde aber haben ihn auskundschafften / und gleichfals erwürgen lassen.

Unrecht bleibet zwar verborgen
aber niemals ungestrafft /
wer weiß was heut oder morgen
dir Gott für ein Ende schafft?
darum sey die Stund bereit /
zu der letzten Sterbenszeit.
84. Der bestraffte Rahtgeber
(LXXXIV.)
Der bestraffte Rahtgeber.

Ein böser Raht ist deme nachteilig der ihn giebt / und deme der ihn vollziehet und zu werke richtet. Wie aber der Stamm / die Aeste / Blätter und Früchte ursprünglich von der Wurtzel kommen; also kommet auch ein böser Rahtschlag von einem bösen Menschen ohne welchen das erfolgte Unglück verblieben were. Also hat Achitofel mehr Sünde gethan / als Absolon; weil jener mit gutem Vorbedacht / dieser aus blinder Thorheit Unheil angerichtet / und preiset die Schrifft den selig / der nicht in den Raht der Gottlosen gehet / und auf der Spötter Stuel sitzet. Daß nun der böse Weiber Raht viel sträfltlicher als manchesmals die That / sol die Haubtlehre seyn folgender Geschichte.

2. In Sicilien (die Statt wird nicht benamt / der Beschreibung aber nach muß es Palermo gewesen seyn) war Demetria eine Jungfrau zartes Alters und zärterers Leibes mit einem alten Hachten [280] vermählet / dessen schwacher Zustand ihr alle Vergnügung abgeschlagen / daß sie alle Stunden ihres Ehestand / als Tage einer Gefängnis gezehlet. Nach geraumer Nachwart / hat der Tod mit seinem Pfeil die Thür dieser in Ehefesseln gefangenen Demetria eröffnet / und in die Freyheit deß Wittibstandes gesetzet. Die geschwinde Veränderung leitete das unbedachtsame Weib / daß sie deß Tages Liecht weniger / als die Finsternis ihrer Gefängschafft tragen mögen. An ihren schwartzen Leidkleidern sahe man wol daß unter solchen Kolen Feuer verborgen / und gangen so Nachts so Tags junge Freyer bey ihr ein und aus / wieder deß Lands Gebrauch / daß Demetria dem bösen Gerücht übel zu reden grosse Ursach gegeben.

3. Ihr Vermögen von ihren Eltern / von ihrem Mann und ihre Schönheit waren keines Wegs zu verachten / und (wie niemand auf einmal böß wird) hatte sie erstlich nur ihr absehen einen unter vielen zu erwehlen / nachmals als sie nichts entschliessen können / und ihr heute diesen / morgen einen andern gefallen lassen / hat sie lieber viel Männer in dem Werk / als einen allein mit Namen und ehlicher Verbindnis haben wollen. Damit sie aber doch den Schein eines ehrlichen Lebens behalten möchte / hat sie allezeit etliche in der Hoffnung erhalten / sie zu heuraten / und also den Namen der Ehre gebraucht wie einer Laterne / auf der Gasse für den Leuten / in dem Hause aber /hat sie das Liecht außgeleschet / und die Latern unter die Bank gesetzet.

4. Wegen dieser Demetria hat es viel rauffens und schlagens unter der jungen Bursche gegeben / daß man ins gemein darvor gehalten / man solte diesen Stein deß Anstosses aus dem Wege / und aus der Statt raumen / welches auch sehr gut gewesen / wann es geschehen bevor folgendes Unglück sich begeben.

5. Unter vielen Buleren dieser Panthora fande sich ein junger Herr Fußbert genamt / der sich für einen Buler angegeben / weil er vermeint Demetria [281] sey gar eine ehrliche Wittib / massen sie ihme die Augen blenden / und wie eine Circe mit holden Worten gleichsam bezaubern können. Ihre Schamhafftigkeit /welche mehr Liebe verursachet als Frechheit / war bey Fußbert so beglaubt / daß er alles übels / was er von ihr gehört für Verleumbdung gehalten / und sie zu freyen nichts abhalten lassen / als sein minderjähriges Alter / das er noch der zeit der Gerhaber Gewalt /welchē er kein Wort von dieser Heurat anmelden dörffen / unterworffē. Nach langer Beratschlagung vergnügte sich Demetria mit einem schrifftlichen Eheversprechen / welches er / so bald er seine vogtbare Jahre erreichen würde / mit hochzeitlicher Begengnis zu vollziehen schuldig seyn solte etc.

6. Nach deme sie nun in dem Winkel Mann und Weib worden / hat Demetria doch mehr Haanen haben wollen / und als Fußbert darüber geeifert / hat sie ihn als einen argwähnischen / mißtrauischen und unverständigen Gauchen den Kopf mit zanken zu recht setzen wollen; daß er noch üm Verzeihung bitten müssen / und die eingeschlossnen Hörner / (wie die Zähne) mit Gedult ertragen müssen: doch als er höret / daß diese Magdalena in der gantzen Statt / für eine offne Dirne berüchtiget / hat er sein Wort wieder zu rucke nehmen und ihr Hauß vermeiden wollen.

7. Unter andern verliebte sie sich in Ricard einen Jüngling / welcher ein Soldat / und in seinem 22sten Jahre bereit gute Proben seiner Tapferkeit gethan hatte / daß seine Befreunde Ehre an ihme zu erleben hofften. Dieser liesse sich nicht groß bitten / an Fußberts Stelle zu tretten / und ergabe sich dieser Ricard so sehr der Demetria / als sie sich ihme / daß Fußbert an ihren Sündlichen Verfahren nich zweiffeln kunte /und gedachte deßwegen sie gäntzlich zu verlassen.

8. Als Demetria sahe daß dieser Vogel sich aus ihrem Netze wicklen wolte / schreibt sie ihm einen freundlichen Lockbrief / bekommet aber an statt der Antwort eine Erzehlung ihres ruchlosen Lebens. [282] Uber dieser Warheit ergrimmet sie so sehr / daß sie Ricard bittet er sol sie mit seinem Tod belohnen / weil auch seiner in der Antwort mit Namen gedacht worden. Ricard richtet diesen Befehl unverzögert aus / und ermordet Fußbert / als er aus seinem Hause gehen wollen / und an nichts wenigers / als an den Tod gedachte.

9. Fußberts Freunde waren die Vornemsten in der Statt / und liessen ihn durch die Schergen in Verhafft bringen. Er bekennet / daß solche Mordthat Demetria Anstifftung / und daß er grosse Reue über diesen Todschlag / der meinung / es würde sein Leben kosten. Aus diesem Bericht wird Demetria auch eingezogen /welche ungescheut bekennet / was sich mit Fußbert und ihr zugetragen / und daß sie Ursach gehabt sich solcher gestalt zu rächen. Kurtz zu sagen / Ricard wird wegen seiner Jugend und Adelichen Freundschafft verschonet / die Rahtgebin aber an dem Leben gestrafft / und ist Ricard aus dem Gefängnis entkommen.

12. Selbst erwehlter Mörder Rach
rufft der Gegenhall: Ach / Ach!
Gott bestrafft die bösen Thaten
und auch die zu selben rahten.
85. Der ohnmächtige Buler
(LXXXV.)
Der ohnmächtige Buler.

Die Lieb ist ein zartes Kind deß freyen Willens / welches auch der geringste Zwang und Gewalt tödten kan. Dieses haben die Lehrdichter verstehen wollen /durch Psyche Fabel / welche dieses Liebesgötzlein verlohren / weil sie ihn sehen wollen. Doch finden sich so unbedachtsame Leutlein / die sich mit Zunöhtigung wollen lieben machen / und dardurch vielmehr Haß verdienen. Dieses sol folgende Erzehlung ausfindig machen / und erweisen / daß zwischen alles haben / und alles verlieren nur ein kleines Stäublein unterschieden sey.

[283] 2. Zu Coblentz wohnte vor wenig Jahren eine sehr schöne Jungfrau / welche wir den Namen der Daphne wollen tragen lassen / weil sie eine treffliche Singerin / die auch Phöbum in solcher Kunstbefeden können. Unter vielen Freyern führte Andro die Braut heim /und hatte nun ihren willen diesem ihrem Mann verbindig gemachet / welchen sie mit allen treuen gemeint / und keines wegs dem Neid zu böser Nachrede ursach gegeben.

3. Unter den gewesenen Bulern war keiner so bethört als Tindar / welche seine Thorheit in dem Gesang mündlich / in den Gedichten auch schrifftlich und mehrmals kostbarlichst bezeuget / und wie er sie verzweiffelt liebete / auf vielerley wege zu verstehen gegeben. Er liesse Andre für die Klinge fordern /wurde aber von seinen Freunden verhindert / daß sie nicht zusammen gekommen / doch mochte man sie beede nicht mit einander vergleichen / weil Andro sich beleidigt vermeinte / und Rach zu üben suchte.

4. Andro war in Besitz und lachte deß andern drauen / ob er wol mehrmals üm das Hauß tratt / und Daphne sehen wolte / welche sich für ihm verbarge /und ihrem Mann wegen schuldiger Treuleistung keinen bösen Verdacht ursachte. Er stunde an dem Strand oder vielmehr / er lage zu Bette / und lachte deß in Ungewitter herumschwebenden Tindars. Dieser gleichte der Penelope Bulern / und richtete sich an die Magd / weil er bey der Frauen nichts mögen ausrichten. Der Gold-Regen machte ihme bey Florella Thüre und Thore auf / daß sie ihme verkauffte / was sie nur einmal verlieren konte.

5. Sie wolte Daphne vielmals bereden / sie solte Tindars Liebsklagen anhören / sie aber verstopfte die Ohren / und verwiese ihr solches Anbringen ernstlich. Tindar wil alles wagen und etwas oder gar nichts erhalten. Andro war wegen seiner Geschäffte über Land verraiset / und Florella verstecket Tindar / unter ihrer Frauen Bette / der Hoffnung / es würde sich die Sache in der Finsternis schon schicken: [284] ja er hatte einen Dolchen mit sich / Daphne die Ehre / oder das Leben zu nehmen.

6. Wann der Wolff ein Schaf erwischet / fasset er es bey dem Hals an / daß es den Hirten nicht üm Hülffe anschreien kan. Tindar wolte es auch also anfangen / Daphne aber erwehrt sich seiner / und erwecket ihr Haußgesind / mit dem Geschrey / daß sie endlich / (ob wol Florella sie ab zu halten vermeint / fürgebend daß es ein Nachtschrecken oder Traum etc.) zugelauffen / und Tindar Daphne mit dem Dolchen geritzt / und einen Knecht / der mit einer Fackel darzu kommen / verwundet.

7. In deme kommen die Nachbarn zugelauffen /und treiben Tindar in ein Kämmerlein / darinnen sie ihn gefangen halten / biß auf folgenden Tag. Niemand wolte sich zu ihn wagen / weil er draute den nechsten der hinein kommen würde zu erwürgen. In dem kommet Andro morgens wieder und höret was sich in seinem Hause begeben: zu dem fande er auch die Schergen / welche Tindar belägerten. Endlich stösset man die Thüren ein / und bemächtigen sich Tindars / wie wol nicht ohne Gefahr.

8. Andro wil diesen seinen Feind selbsten straffen /und weil er mit der Nachbarschaft der stärkste ist /müssen die Schergen weichen. Florella thut Andro einen Fußfall und bekennet die Untreue / welche sie an ihrer Frauen erwiesen / benebens der Unzucht / so zwischen ihr und Tindar vorgegangen / welchen sie in allen / sich zu entschuldigen / beschuldigte. Als nun Andro alles genugsam verstanden / und Tindar die Warheit bekennen machen / sagte er / daß dieses Verbrechen der unsinnigen Liebe zuzuschreiben / und wolle es dergestalt bestraffen / daß Tindar Florellam wieder zu Ehren bringen / und freyen solte.

9. Dieses war beederseits beliebig / und vermeinte sie noch wol darvon zukommen. Es geschahe also ihre Verlöbnis mit Mund und Handgebender Treue /benebens einem Ring / welchen Florella gerne anname / und zu einer stattlichen Heurat zu kommen vermeinte. Die Gegengabe aber welche Andro [285] absonderlich von ihnen mit Gewalt nahme / war Florella Nasen und Tindars mannliches Glied / thäte beedes in eine Schüssel / und liesse diese Verlobten zusammen kommen. Wie freundlich sie einander angesehen / ist leichtlich zu ermessen.

10. Also stellete Andro diese beede der Obrigkeit zu / welche Florellam an dem Leben gestrafft / und auch Tindar nicht würden verschonet haben / wann nicht der kalte Brand zu seinem Schaden geschlagen /und er in dem Gefängnis das Leben geendet hette. Solchen Lohn haben ungetreue Ehehalten und müssige Hengste / welche nach fremden Weibern wyhren /zuerwarten. Daphne aber hat den stets grünen Lorbeerkrantz der Keuschheit darvon getragen.

11. Der Elephant wird von den Naturkündigern als ein Bild der Keuschheit gerühmet. Weil nun seine rauhe Haut die Mucken in den Runtzlen fangen und zerdrucken kan / hat solches Sisnando / deß Hermigilds Sohn / welchen die Nordmänner erschlagen / für ein Sinnbild gebrauchet / mit der Oberschrifft (el mejor que puedo) so gut ich kan / verstehe schütze ich mich für unreiner Befleckung unverschämter Leute: unter dieses Sinnbild könte man folgende Verslein schreiben.


Keuscher Sinn ist wol verwahrt /
gleicht der Elephanten Art:
Wer die Tugend wil beflecken /
wird sich wie die Mück' erstecken.
86. Die kurtze Freud
[286] (LXXXVI.)
Die kurtze Freud.

Ein Antheil der grossen Unglückseligkeiten in diesem Leben / ist die Kürtze der Glückseligkeiten. Der Schmertz bedunckt uns allezeit lang / und eine Nacht eines Kranken kommet ihme für wie etliche Monat. Die Lüste hingegen sind gleich den Dünsten / welche in die höhe steigen / vergeistern / und als ein Traum Bild dahin fahren. Die fleischliche Wollust bestehet in flüchtiger Nichtigkeit / und vergehet wie der Meerschaum / von welchem / nach der Poeten nachstunigen Vorgeben / die Venus sol seyn gebohren worden.

2. In einer namhafften Statt / nechst den Pyreneischen Gebürgen / wohnte Critobul / ein reicher Bürger / welcher von Gott mit einer friedlichen Ehgattin und durch sie mit einem Sohn / und einer Tochter gesegnet war. Sein Leben war voll Vergnügung / seine Kinder waren wol erzogen / daß er viel Freude an ihnen hatte / und vermeinte daß das Sprichwort falsch: auf Freud folgt Leid: nicht wissend / daß ihn das Geschick nach diesen Honigsüssen Trachten /einē Salat von Wermut oder vielmehr Wehrmut vorbehalten / welches sein letztes Gerücht seyn musst.

3. Sein ältster Sohn Ripaire hatte seine Liebsneigung auf eine Jungfrau seines Standes gerichtet / weil ihme aber ein andrer vorkommen und ihre Eltern sie nicht wieder ihren Willen zwingen wollen / hat er mit grosser Betrübnis abziehen müssen. Diese Jungfrau hatte einen Vettern genannt Pammach ihrer Freyers grosser Freund und Stiffter der Heurat / daß er nothwendig Ripaire hindern müssen / seinem Freund besagter massen zu dienen. Dieser Pammach verliebte sich in Sabinam Clitobuls Tochter / und Ripaire Schwester / fande auch alle Gegenneigung daß eine Ehe voll zu Friedenheit nach gehends zu verhoffen ware.

[287] 4. Sabina wolte in dieser Sache / ohne ihres Vaters Willen / nicht verfahren / und erhielte auch von ihme Verlaub / diesen als ihren künfftigen Hochzeiter / mit aller Freundligkeit zu empfahen / massen von seinem Vatern die Werbung angebracht und wilfährig beantwortet worden. Ripaire wolte sich / wegen vorbesagter Ursachen / an seinem baldkünfftigen Schwager rächen / und ihm so verhinderlich an seiner Heurat seyn / als er zu vor ihme gewesen / und zu solchem Ende redet er das ärgste von ihme / so wol gegen seine Schwester als gegen seinem Vater: wie wol alles vergeblich / weil der Vater das Wort / und die Schwester diesen Pammach das Hertz gegeben.

5. Als nun Ripaire sahe / daß der Fuchsbalch zu kurtz / gebraucht er sich der Löwenhaut / und suchet ursach mit diesem Hochzeiter seiner Schwester / einen Hader anzubinden. Pammach aber begegnete ihm mit fast über flüssiger Bescheidenheit / und antwortete dem Narren nicht nach seiner Narrheit. Da er es aber zu grob machte / sagte er / daß er nicht wisse woher er Ursach an ihn suchte / da er doch mit seiner Schwester / auf Gut finden ihres Vaters / verlobt / bittend ihn für einen Schwager und Diener aufzunehmen.

6. Als ihme aber Ripaire zu verstehen gabe besagte Ursach / und dargegen sattsame Entschuldigung anhörte / wolte er sich darmit nicht vergnügen / sondern sagte rund / daß er ihme seine Schwester nicht lassen wolte. Hierüber zörnte Pammach / sagende: daß er seiner Schwester nichts zu gebieten / und daß sie unter väterlicher Gewalt deme sie in diesem Fall gehorsamen / und der sein gegebenes Wort nicht wieder würde zu rucke nehmen / weil es seinem Sohn nicht gefällig. Hierüber kamen sie von den Worten zu Streichen / und ob sie wol damals durch andre geschieden worden / haben sie doch beederseits den Grollen in dem Hertzen behalten.

7. Wenig Tage hernach sendet Ripaire seinem neuer Schwager ein Fedbrieflein / welches er / wiewol ungerne und mit vielem Bedenken angenommen. [288] Er fande sich auf den Platz / Ripaire nur zu straffen /aber nicht zu tödten / doch ist der Stoß so übel geraten / daß er durch und durch gestochen / selbe Stund sterben / und Pammach sich mit der Flucht retten müssen. Der Entleibte wird in seines Vaters Hauß getragen / und so wol von dem Vater / als der Schwester bitterlich beweinet / nicht ohne Beysorg / daß hiermit alles Wolergehens Hoffnung möchte geendet seyn.

8. Clitobul wil keine Entschuldigung anhören /sondern schweret daß er Pammach nicht allein seine Tochter nicht geben / sondern auch ihn / oder ja seinen Namen an den Galgen bringen / und darauf alles sein Vermögen wenden wolle. Pammache Vater wil ihn trösten und seinen Sohn wieder einbitten; kan aber bey den betrübten Alten kein Gehör haben / und hat dieser Schmertzen das Angedencken aller vorigen Glückseligkeit / in seinem väterlichen Hertzen gleichsam durch strichen.

9. Pammach inzwischen hat sich gegen Hispanien gewendet / wiewol sehr verwundet / schwach und matt. In dem nechsten Wirtshaus schreibt er an seine Sabinam sie solte zu ihm kommen / und solches deßwegen / weil sie sein Weib durch das gegebene Ja Wort ihres Vaters / welches er nit wider zu rucke werde nehmen können: weil er solchen Mord nicht vorsatzlich sondern genöhtigt sich zu vertheidigen /gethan: Sie auch schuldig Vater und Mutter zu verlassen und ihrem Manne an zu hangen zc. daß dardurch ihr Vater geschehen lassen müsse / was er jetzund wieder alle Vernunfft zu thun verweigere / und wann sie ihme nicht in das Elend folgen wolle / daß er zu sterben / und sich in der Schergen Hände zu geben gewillet etc.

10. Diese / und dergleichen Ursachen vermögen die einfältige Sabinam / daß sie an den bestimmten Ort kommet / und mit Pammach / in das Spanische Gebiet fortwandert / wiewol er wegen seiner Verwundung /schwerlich gehen konte. Als sie nun in Sicherheit zu seyn vermeint / verloben sich diese beede [289] mit ehlicher Treue und musste Sabina endlich zu Vollziehung dieser Verlöbnis / bey zu liegen bereden lassen.

11. Durch so starke Bewegung deß Leibs / und aller derselben Geisterlein / sind Pammachs Wunden wiederum eröffnet und das Geblüt so häuffig heraus geflossen / daß er in einen Schlaff gefallen / von welchem er nicht wieder erwachet. Was Klagwort führte die verlassne Sabina? Sie war in einem fremden Land / deren Sprache und Sitten ihr unwissend. Die Noht /welcher Gebot eisenhart kan genennet werden / triebe sie endlich wieder auf den Ruckweg zu ihres Vaters Hauß / und hat sie die kurtze Freude mit langer Traurigkeit gebüsset / welche sich vermehret / als sie bey einer ihrer Befreunden verstanden / das ihr Vater sie todt haben wolte weil sie ihres Bruders Mord verursachet.

12. Hierüber betrübte sie sich so sehr / daß sie in eine todtliche Kranckheit gefallen / und nach kurtzer Zeit zu Grabe getragen worden. Also wurde der alte Vater aller seiner Kinder beraubt / und ist auch mit Schmertzen und grossem Hertzenleid verstorben.


So leichtlich sich Gläser zerstücken /
so leichtlich die Winde hin sausen /
so leichtlich die Wellen verbrausen /
so leichtlich uns Schmertzen berücken /
wir Menschen so flüchtig bestehen /
in Eile mit Eile vergehen.
87. Der grausame Maxentius
(LXXXVII.)
Der grausame Maxentius.

Ob wir wol nicht gewillt dieses Orts alte Geschichte zuerzehlen / und die verstorbne Wörter wieder von den Todten auf zu erwecken / sondern [290] uns befleissigen solche Sachen anzuführen / welche sich bey unsrer Väter und unsren Zeiten begeben; So wird doch der Name deß Tyrannen Maxentu / welcher die lebendigen Menschen an die todten Leichnam binden / und also verhungern lassen / wegen nachfolgender Geschichte Vergleichung nicht für unanständig befunden werden. Wie alle Gesichter ins gemein einander gleich / absonderlich aber ungleich sind; also haben die alte Geschiebte mit / den neuen eine Vereinbarung / in welcher sie über ein / und auch nicht über eintreffen.

2. Der Ehebruch ist eine abscheuliche Sünde / welche nicht genugsam kan bestraffet werden / deßwegen auch die Gesetze (wieder das fünffte Gebot) zugelassen / daß der Mann / welcher sein Weib in solchem Verbrechen ergreiffet / sie ungestrafft (wie dort Pineas die Moabitin) ermorden darff. Der Ort / wo sich nachfolgende schreckliche That begeben / mindert das Wunder solcher Grausamkeit etlicher massen / weil man glaubt / daß das Meer / und das Gebürg wilde Leute nehret / daher die Römer die jenigen / welche den Tod nicht gar verschuldet / in die Insuln / unter halb wilde Leute geschicket / als Corsica / Sardinien /von welcher ersten der Nam der Corsaren ins gemein für einen Räuber gebrauchet wird.

3. Zu Aquilastre in Sardinien / auf der Calarischen Seiten gelegen / wohnte ein Landherr Dominico genannt / welcher mit seinem Weib drey Töchter und zween Söhne erzeuget. In seinem Wittibstand überliesse er alle Haussorge seiner ältsten Tochter Bamba / welche die Haubt Person in diesem Trauerspiel seyn wird. Dieser Dominico liesse ihme sehr angelegen seyn / daß seine Söhne in dem studiren und allen wolständigen Sitten möchten auf erwachsen. Zu solchem Ende hielte er ihnen einen absonderlichen Lehrmeister / welcher sehr gelehrt / und mit der Zeit ein Geistlicher zu werden hoffte.

4. Adalberon (also nennte sich dieser) verhielte sich erstlich sehr wol / und wann er in seinem Fleiß fort [291] gefahren und nicht von dem Tugend Wege abgetreten / würde nicht erfolgt seyn / was nachgehendes geschehen. »Gleich wie das Saltz in feuchten Orten nicht füglich kan aufgehalten werden / und endlich dumm werden muß: also sollen die Geistlichen / (welche das Saltz der Erden sind / sich nicht aufhalten bey den verderblichen Frauen Volk; weil diese fleischlich gesinnet / und sie geistlich seyn und bleibē sollen. Die Kirchen Väter haben gesagt daß ein solcher neben einer Schlangen auf einem mit bunten Blumen gezierten Feld / schlaffe / und daß er so wenig (ohne Wunderwerk) unverletzt darvon kommen könne / als die drey Männer aus dem Feuerofen Nebucadnezars.«

5. Als nun Adalberon seine Augen nicht aufheben seines Herrn Töchter mit Liebes-neigung anzusehen /hat er erfahren / daß Bamba die ihrigen nieder geschlagen / und mit Liebesflammen erfüllt brünstig auf ihn geworffen. Ohn viel kürtzlich ümstände / welche ich als einen stünkenden Sumpf / schnell überschreite / haben diese beede mit einander vollbracht / was man ohne Verlaub nicht zu nennen pfleget / und zwar so heimlich / daß es in dem gantzen Hauß niemand einträchtig worden / und der Vater / welcher seiner Töchter wachsamer Hüter gewesen / auch den geringsten bösen Argwahn nicht gefasset.

6. In diesem sündlichen Unglück hatten sie auch das Glück / daß Bamba nicht befruchtet wurde / welches ohne Geschrey nicht geschehen mögen / daß man diese Helenam für eine Lucretiam gehalten. Es fügte sich aber / daß sich ein Freyer anmeldete / und weil Daminico seiner Töchter / als gar kostbarer Fahrnis gerne loß worden / wolte er die Gelegenheit nicht aus Händen lassen. Adalberan vermeinte daß diese Ehe ein Deckmantel seiner Liebe seyn / und ihn aus aller Gefahr setzen würde. Also heurateten Rigobert ein Schiffhaubtmann Bambam / welchem zwar der Leib /Adalberon aber das Hertz verblieben.

7. Rigobert musste mit Wind und Wellen [292] fechten /als mittler zeit seine Bamba mit Adalberon den Liebs Krieg führte / der sehr verzagt und sonder Anreitzung dieser Circe wol zu Hause geblieben were: wiewol er bald ihre Brüder zu ihr geführet / bald wegen ihrer Schwester oder Dominico Bottschafften außgerichtet /und also fast täglich in Rigoberts Hause gewesen /und auch nächtlich dahin gekommen / durch eine seidne Leider / welche Bamba von einem Fenster abgelassen.

8. Die Blindheit ist die Eigenschafft der langgetriebnen Sünde / und solche fande sich auch dieses Orts daß es endlich Rigoberts Knechte in acht nahmen / und es ihrem Herrn offenbarten / als sie zuvor Adalberon etlichmals verjagt / damit aber bey Bamba so viel ausgerichtet / daß sie sie bedrauet / alle aus dem Hause zu schaffen. Adalberon aber gleichte den Mucken / welche so viel mehr zufliegen / wann man sie vertreiben wil / daß er endlich von dem blutgierigen Rigobert erdappt wird / eben als er wieder auf der Leiter zu entkommen vermeint.

9. Rigobert wolte eine besondere Rache an diesem Lehrmeister verüben / und schniede ihm erstlich Nasen und Ohren ab / wie auch die Finger an den Händen und die Zeen an den Füssen. Was ihn zu einem Manne machte ließ er in kleine Stücke nach und nach zerhauen / und endlich stösst er ihm den Dolchen in die Brust. Mit was Lust Bamba diesem Trauerspiel zu gesehen ist leichtlich zu erachten. Der Tod war ihr nicht erschröcklich / aber die Art deß Todes das aller erschröcklichste.

10. Rigobert lässet Bamba gantz außziehen / und an den todten Leichnam binden / daß Mund auf Mund zu treffen kommen. Erstlich fiele sie zwar in eine Abkrafft / als sie aber mit vielen Stricken mit Händen und Füssen an den abgeleibten Adalberon gleichsam gefesselt wurde / kame sie wieder zu sich / und bate üm Barmhertzigkeit / welche Rigobert niemals erlernet. Nach deme aber keine Bitte wolte stat finden /und Rigobert ihr alle ihre Untreue mit vielen [293] Schändworten aufgerucket / hat sie die Stimme geändert /durch Gegen Scheltwort ihr Leben abzukürtzen vermeinend.

11. In solchem Zustande lässet Rigobert die Ehebrecherin an ihres Bulers Leichnam gefesselt / in einen Keller tragen / da sie mit vielen růllen und brüllen theils Hunger / theils aus Gestank von dem faulenden Leib / lebendig verwesend elendiglich ihr Leben enden müssen. Als sie nun todt / hat er diese That selbst kund gemacht / den abscheulichen Anblick öffentlich auf dem Markt schau gelegt / und ist von der Obrigkeit ungestrafft verblieben. Dieses Greuelbild hat allen wollüstigen Weibspersonen einen Schrecken eingejagt / und mehr fromm gemacht / als sonsten andre Gebot / und Verwahnungen.

12. Anna Römers mahlte in ihren Sinnpoppen einen Damm / zwischen zweyen Wassern / welcher mit einem Schlagbaum verwahrt: und schreibt darzu(Principiis obsta.) verhüte den Anfang / oder Eingang: verstehend / daß die Sünde zu vermeiden /wann man derselben Gelegenheit aus dem wege gehet.


Du kanst dich der Sünden leid /
meidend die Gelegenheit /
leicht entziehen.
Trittst du auf der Laster Bahn
so gelangst du Höllen an
in dem fliehen.
88. Der mörderische Diener
(LXXXVIII.)
Der mörderische Diener.

Der Haubtman Brasidas hat seine Hand in einen Handschuhe stossen wollen / und ist von einer Maus /die darinnen verborgen gewesen / gebissen worden. Schaut doch! sagte er zu seinen Soldaten / [294] es ist kein Feind so gering / er kan Schaden thun. Es ist eine feine Lehre / welche uns niemand sol verachten machen: dann wann ich den überwinde / welchen ich verachtet habe / so ist es mir keine Ehre: wann ich aber überwunden werde / so ist meine Schande so viel grösser. Dieses ist auch denen gesagt / welche ihre Haußgenossen / deren Dienste sie doch nicht ermanglen können / hart und verächtlich halten / daß sie ihrer Herren Feinde werden müssen / daher die Schriff sagt: Deß Menschen Feinde sind seine eigne Hausgenossen / wie auch aus nachgehender Geschichte zuersehen seyn wird.

2. Zu Orleans hielte ein Edelmann einen Laqueien welcher erstlich so ein grober Gesell / daß alle andre Haußgenossen seiner gespottet. Dieser Gesell hatte ein vergalltes Gemüt / und war / wie man zu reden pfleget / ein Narr auf seinen Kopf. Er wurde nicht allein von seinem Herrn / sondern auch von dem Stallknecht / auf deß Herrn Befehl fast täglichs geschlagen / weil er es wol verschuldete und wurde er deßwegen von den Mägden und Kindern verlacht und gehönet. Man muß zeit haben einen Ochsen zu erzörnen / ist er aber einmal ergrimmt / so weiß er seine Stärke und scheuet niemand.

3. Dieser Laquay war ein Liebhaber deß guten Weins / und bezechte sich / daß er weniger Verstand als ein unvernünfftiges Vieh hatte / und wolte alsdann alles todt haben / daß ihn jederman fürchten muste. Als er sich auf eine Zeit auch überfüllet / und zu Bette musste getragen werden / hat er geflucht / gepoltert und verursacht / daß ihn sein Herr mit Händen und Füssen / in dem Bette binden / und biß auf das Blut mit Ruten streichen lassen.

4. Weil aber der falsche Gesell das übel abgebetten / und gutes künfftig zu thun versprochen / da er doch vielmehr sich zu rächen bedachte / ist er nicht aus dem Hause geschaffet worden. Als nun sein Herr in dem Weinlesen / auf seinem Landgut zwo Meilen von der Statt / sendete er diesen zu [295] rucke / was mangelte aus dem Hause zu holen / brachte auch deßwegen einen Brief an die ältste Tochter / das Haußhalten betreffend / und ein zukauffen etliche Sachen welche der Laquay mit nehmen solte. Als er nun fast Abends abgefertiget war / wolte er zuvor trincken. Die Magd gehet in den Keller / und weil er fürchtete sie brächte ihme zu wenig / gehet er hernach und heischet mehr als sie ihme geben will: hierüber kommen sie zu streiten / und der Laquay sticht sie mit einem spitzigen Messer daß sie zu Boden fällt / und schneidet ihr hernach die Gurgel ab.

5. Nach diesem laufft er hinauf / und thut der andren Magd deßgleichen. Lässet es auch darbey nicht bleiben: sondern bringet gleichfals die zwo Töchter und den Sohn fünff Jahr alt üm das Leben / daß also wol zu sagen / der bose Feind hab ihme die Hand geführet / welcher ein Mörder ist von Anfang. Nach diesem stösset er das Messer in die Erden / nimmt was er zu überbringen hatte / samt dem geschriebenen Brief /als ob er nichts böses gethan.

6. Ein Schuster wolte folgenden Tages von seiner Arbeit in das Haus bringen / und konte niemand erklopfen / daß er endlich mit einem Nagel oder fremden Schlüssel die Schnallen erhebt / und so viel Todte in ihrem Blut findet. Er erstaunt ob solchem Scheusal / und stehet in bedencken was er thun sol? Der Obrigkeit solches anzusagen / wolte er nicht für rahtsam finden / weil er für den Thäter möchte gehalten werden. So gute Gelegenheit sich zu bereichern bedunckte ihn nicht zu verabsaumen / bricht also Kisten und Kälter auf nimmet Geld und Geldswehrt und versteckt es in seinen Keller.

7. Deß andern Tags wird der Fuhrknecht in die Statt gesendet etliche Fässer hinaus zu der Weinlese zu führen. Die Thür war verschlossen und wolte oder konte ihme niemand aufthun. Er holet endlich den Schlosser und lässet die Thür eröfnen / da er dann gleich fals die todten Leichname gefunden / und so bald die gantze Nachburschafft mit seinem Geschrey zulaufen machen: Die Obrigkeit sendet aus [296] ihren Mitlen dahin / und vermeint man daß er solches rauber gethan haben müssen / weil die besten Sachen hinweg. Niemand ist weniger in Verdach / als der Thäter / welcher mit den hertzbetrübten Eltern auch zu weinen nicht unterlassen.

8. Nichts ist / nach dem Sprichwort / so klein gesponnen / das nicht solte an die Sonne kommen / und nichts so verborgen / das nicht solte eröffnet werden. Einer von den Nachbaren hatte den Schuster sehen hinaus gehen. Der Schuster sagte daß er Arbeit hinein getragen / welche man auch noch finden werde / und ist darbey verblieben. Ein Monat hernach zanket er mit seinem Weib / welcher er zuvor den grossen Fund geoffenbaret hatte; die kan sich nicht anderst rächen /und verräht ihren Mann / daß er also bald in Hafft genommen wird.

9. Ob er nun wol an der Volter die Mordthaten nicht bekennet / wurde er doch auf dem Platz die Martroy genamt / lebendig gerädert / da er biß auf den letzten Seuftzer verharrt / daß er niemand ermordet. Der Laquay sihet dieses alles / und vermeint / daß er nunmehr ausser allen Argwahn / verbleibt auch noch etliche Monat bey seinem Herrn / und besaufft sich /wie zuvor nach seiner Gewonheit. Der Herr wil ihn straffen lassen / er wehrt sich aber und verwundet den Kutscher deme solches anbefohlen war / darüber laufft er darvon. Zwey Jahre hernach wird er / wegen eines Diebstals zum Strang verurtheilt / und bekennet auf der Leiter / daß er so viel Mordthaten zu Orleans begangen.

10. Gott lässt dich viel Sünde treiben
und die Straffen aussen bleiben
lange Zeit:
Lang geborgt / wie man gedenket /
ist mit nichten gar geschenket /
kommt das Leid /
so wird es mit schweren Massen
dich nicht ungestraffet lassen /
auch noch heut!
89. Die bestraffte Eifersucht
[297] (LXXXIX.)
Die bestraffte Eifersucht.

Die Jugend ist niemals unverständiger und fast thörigter / als wann sie ihren Verstand schärffen und in der Weißheit studiren sollen: sonderlich aber wollen die aller Gesetze befreyet seyn / welche die Göttliche und Weltlichen Gesetze verstehen / und aus denselben richten und urtheilen lernen sollen; daß man die meisten Studenten entweder für Dolkühne und zanksüchtige Soldaten / oder für verliebte und bulerische Hofleute ansihet. Wie hiervon ein besonders Buch geschrieben der wolberedte Mayfard. Dieses ist nicht nur in Teutschland / sondern auch in Frankreich fast aller Orten in üblen Gebrauch kommen / daß der Scholaren Fröligkeit in üppigen Frevel und Hochmut bestehen / und zu andrer grosser Ergernis ausschlagen muß.

2. Auf einer hohen Schul / hat sich zu meiner Zeit begeben / daß ein alter ehrlicher Burgersmann ein junges Weib gefreyet / und dardurch die Mucken üm sein Honig fliegen / ich wil sagen / die Studenten üm sein Hauß / spatzieren machen. Pelagia sein junges Weib hatte schlechte Freude bey ihrem traurigen Altmann und suchte die Zeit mit besserer Gesellschafft zu vertreiben / jedoch ohne bösen und sündigen Willen / und truge allein belieben / daß sie von andern mit Verwunderung angeschauet / mit Lob verehret /und mit Ehrerbietung bedienet würde. Also wolte sie mehr geschmincket unn geschmücket seyn / als von nöthen war / einem alten Greisen zu gefallen. Sie fande sich bey dantzen und spielen / welches die Studenten höher achteten / als lesen und schreiben.

3. Dieses alles waren Vorbotten einer bösen Nachrede / und ihres endlichen Verderbens. Unter andern so diesem Wildpret nach gestellt / waren Marcion ein Edelmann aus Champaigne / der nechste / [298] und fande auch gegen seiner Person solche Neigungen bey Pelagia / daß er vermeinte das Gefäng sol ihme nicht entkommen. Weiber Sinn hat mehr Flecken als ein Thieger-Haut / bald wollen sie was sie nicht sollen / bald sollen sie was sie nicht wollen / bald verlangen sie was sie hassen / und schweben also mit ihren Gedancken in gantz flüchtiger Hoffnung. Sie wiederstehen der Anfechtung mit schwachen Kräfften / und siegen zu zeiten / werden auch zuzeiten überwunden.

4. Also hat Pelagia zu bösen Argwahn Ursach gegeben / aber nichts vollbracht / sondern allein dieses Studenten Gespräch ihr mehr gefallen lassen als der Alte leiden können / weil er aller Orten seine Verrähter aufgestellet / und mit grossen Unkosten gesucht /was er nicht gerne finden wollen. So viel bracht er in Erfahrung / daß sie Handschuhe / Pulver / Brieflein /Gedichte und dergleichen von ihme empfangen; daß sie aber heimlich zusammen kommen / oder sonsten unziemliche Sachen treiben solten / möchte er nicht erfahren.

5. Es fügte sich / daß Marcion / wegen seines Vatern tödlicher Schwachheit nach Hause raisen musste / und weil er nicht zeit mündlich Abschied zu nehmen / thut er es schrifftlich / seine Hauß geschäffte kamen ihme / nach seines Vatern Tod / auf den Halß / daß er Pelagiam nicht mehr sehe konte / suchte sie aber mit Briefen heim / welcher etliche dem alten Alcuin in die Hand gekommen / der sehr betraurt daß er sich an dem vermeinten abwesenden Ehebrecher nicht rächen mögen / allen Zorn aber über sein Weib außgeschüttet.

6. Für das sicherste Mittel sie zu straffen / hielte er den Gifft / und heischte solchen inständig von einem Apotheker der ihn vertrauet / Namens Curdo. Als er ihm aber den Schwarm ausreden / und Pelagiam entschuldigen wollen hat er mit einem Dolchen genöhtiget / daß er solchen Gifft zu geben versprechen / und die Sache verschwiegen zu halten versprochen. Was thut aber der Apotheker? Er bringt ihm einen [299] starken Schlafftrunck / und saget solches der Pelagia Freunden an / daß sie der Sache ferners Raht schaffen solten.

7. Alcuin weiset seinem Weibe alle Briefe und was er sonsten von Marcions Geschenken / unter welchen auch sein Bildnis gewesen / finden können / und wil keine Entschuldigung hören / sondern nöhtiget sie den Giffttranck zu nehmen / mit Bedrauung / sie auf Verweigerung zu erstechen etc. Pelagia wehlte den Trank / weil ihr der mörderische Tod zu wieder / und eines theils die Würkung deß Giffts ungewiß / anders theils auch die Reue ihres Manns und Artzneyen wider den Gifft zu verhoffen. Sie begehrte zu vor zu beichten /kan aber diese Gnade von ihrem eifersüchtigen Alcuin nicht erhalten / sondern muß den Schlafftrunk / für Gifft heraus schlurffen.

8. Der Mann eilet sie zu Grabe zu bringen und begleiten die Freunde den Leichnam / den Alten aber die Schergen in das Gefängnis. Nach dreissig Stunden kommet Pelagia wieder zu ihr selbsten / und vermeinet / daß sie in einer andern Welt / erinnert sich endlich wieder was mit ihr und Alcuin vorgegangen / und erkennet / daß der Gifft ein Schlafftrunk gewesen /welcher sie mit deß Todes Bruder / und nicht mit dem grossen Ehebrecher den Tod selbsten in Kundschafft gebracht.

9. Die Richter und Schöpfen verhören Alcuin /welcher nicht ablaugnet / daß er seiner Frauen vergeben wollen / vermeinet aber / daß er solches zu thun Fug und Ursach gehabt / weil sie eine Ehebrecherin. Hierüber verhöret man nun unterschiedliche Zeichen /und findet sich kein vollständiger Beweiß / daß sie also loß gesprochen / wie wol ihme unwissend / weil er vermeint / daß sie todt; deßwegen auch ihme ein falscher Gifft oder Schlaftrunk vorgesetzet wird / von deme er aber nicht mehr aufgewachet / weil er vielleicht zu alt / und solcher andre Würkung gethan als bey seinem Weibe. Und also ist Pelagia von ihrem Alten errettet worden / hat aber / allen Argwahn zu vermeiden / Marcien nicht freyen wollen. [300] Der Apotheker verdienete wegen seines guten Betrugs / viel Lob.

10. Die Sorgenseuche.
Der der Frauen übel traut /
pflegt sein Kreutz allein zu tragen /
und nicht viel darvon zu sagen /
biß er auf deß Haubtes Haut
fühlt der Hörner schwere Last /
die offt nur der Wahn gefasst.
Wie die Kinder in dem Mund
wann die ersten Zähn' einschiessen
heisse Threnen lassen fliessen
ob so mancher Schmertzen stund.
Bald sie selber nur gewahnen
klagen sie nicht mehr das zahnen:
Also jammert manchen Greiß,
biß er Hörner hat erlanget /
nachmals mit denselben pranget:
Schweigt er still / so ist er weiß.
Sol deß Mannes Ehren Zweck
hangen an deß Weibes Fleck?
89. Der unglückselig-leichtglaubige
(LXXXIX.)
Der unglückselig-leichtglaubige.

Wie der güldene Tugendweg in der Mittelstrassen /also sol man auch (ausser Göttlichen Sachen /) nicht zu viel noch zu wenig glauben / weil beedes grosses Nachtheil mit sich ziehet. Wer alles glaubt / wird leichtlich betrogen / wer gar nichts glaubet / wird in seiner Sicherheit verderben. Hette Licostenes / von welchem wir in folgender Erzehlung reden wollen /solches beobachtet / würde er sich nicht in so grosse Gefahr gestürtzet haben / wie wir vernehmen wollen.

[301] 2. In einer Statt deß Hertzogthums Geldern hielte sich ein alter Edelmann / welcher nach langer Nachwart / fast zu Ende seiner Jahre sich verheuratet. »Der Ehstand ist ein Joch / welches von ungleichen Personen nicht wil gezogen werden / und sind gar zu junge und gar zu alte solches nicht fähig« / daher alle verständige / den Alten rahten /. Weiber Liebe müssig zu gehen / wann sie nicht vorsätzlich ihr Leben abkürtzen wollen.

3. Pandera / oder vielmehr Pandora war eine frische wie wol dem Ansehen nach bescheidne Dirne / welche diesen Alten durch guldne Brillengläser ansahe / und in Hoffnung seines Todes / sich bey ihme zu gedulten vermeinte / in dem Licostene seinem Goldtrank die Krafft wieder jung zu machen beygemessen / und vermeint daß das Silber alle Falten seines Angesichts wieder ein gleichen könne. Anfangs ihres Ehestands /hatte dieser Licostenes grosses vergnügen mit seiner Pandera / nach und nach entfulen ihm die Kräften /und fande sich hingegen eine widerwillige Trauersinnigkeit.

4. Wie die strengen Sonnenstralen schwache Augen entblöden / also kan auch das schwache Alter der Jugend Arbeit nicht ertragen / die einen starcken Magen und gute Zähne erfordert. Er liesse zwar geschehen /daß sein Weib sich in frölichen Gesellschafften fande / gabe ihr aber zu verstehen / daß ihme lieber / wann sie zu Hause verbleiben würde / der Hoffnung daß sie nach und nach verrasen / und seinem Sinn besser nachahmen solte. Diese Pandera war gleich dem Delphin / welchen viel andre Fische / wie ihr viel junge Buler / nachgefolget / doch ohne böses thun / weil sie mehr fröliches als unkeusches Gemühts war.

5. Dem Alten wird gesagt / daß seine schöne junge Frau andern auch wolgefalle / und daß ihre grosse Höfligkeit / wegēgeheimer Begünstigung verdächtig seye / dieses machte den Alten unlustig / daß er seiner Pandora gram wurde / welche er von andern geliebt zu werden vermeinte. Sulpicia Licostenes Schwester /war [302] eine bejahrte Wittib / und hatte ihre Kinder auf ihres Bruders Reichthum vertröstet / deßwegen auch seine Heurat mit Pandera zu hintertreiben vermeint /und weil solches nicht angehen wollen / hat sie eine brünstige Feindschafft wieder diese Einkömmlinge gefasset.

6. Diese Sulpicia sahe ihren Bruder betrübt / und wuste den Argwahn / welchen er wegen Pandera geschöpfet / wolte deßwegen Oel in das Feur giessen /und Holz zulegen / daß diese fröliche Pandera darinnen verbrennen solte. Uber dieses erfande sie auch eine Verleumbdung / welche meine Feder mit Blut anfüllen wird Pandera hatte eine Kammer Magd / Namens Orsinetta / welche sie sehr liebte und dieser Bruder Nesso / war ein trefflicher Lautenist und Singer / welcher die Jugend in so löblicher und lieblicher Ubung unterrichtete.

7. Dieser besuchte zum öfftern seine Schwester /und liesse ihn Pandera in beysein ihres Mannes singen und spielen / welches er mit guter Art und Höfligkeit als ein Dantzmeister / der sich von Jugend auf wolständiger Sitten befliessen / gerne und willig thäte. Nesso gedachte nichts wenigers / als mit Pandera einen Ehebruch zu begehen; ihr war auch dergleichen nie zu Sinne kommen; aber die runtzelreiche Sulpicia / entdeckte endlich der Orsinette die grosse Liebsneigung / welche sie gegen ihrem Bruder in dem Hertzen hatte. Orsinetta mahnte sie von so thörigten Beginnen ab: aber vergeblich / das alte Holtz war schon gantz angefeuret.

8. Nach dem nun Sulpicia nicht nachlassen wil /sagt Orsinetta / daß ihr Bruder bey seinen Jahren /und daß sie sich zu solcher Kuplerey nicht gebrauchen lasse. Sulpicia aber beharret in ihrer Thorheit /und wird nicht allein von Pandera / sondern auch von Nesso / als eine Artzney für die Liebe / verlachet und abgewiesen. Hierüber entbrandte diese Vettel / daß sie ihre Liebe in Haß verwandelte / und sich so wol an Orsinetta / als Nesso / sonderlich aber an Pandera zu rächen begehrte.

[303] 9. Nesso bliebe etlichmals wann er sich etwan verspätet über Nacht in Licostenes Hause / weil auf der Gassen zu zeiten böse Gesellen / mit denen man in Unglück kommet / und Pandera liesse Orsinettam bey ihr schlaffen / welches alles Licostenes wol wuste. Dieses war die Gelegenheit welche Sulpicia ersahe sich an allen dreyen zu gleich zu rächen: sagend zu ihrem Bruder daß Nesso an Orsinetta stelle / Pandera die Nachtschrecken vertriebe / und verhoffte dieser Anwalt deß Satans / auf allen Fall ihren Bruder zu erben / wann Pandera aus dem Wege geraumet werden würde.

10. Als nun der leichtglaubige Licostenes sich stellet / als ob er über Land verraiset / und sich bey seiner Schwester Sulpitia aufgehalten / die Ehbrecherin mit ihrem Bulen zu erdappen / findet sich Sulpicia in Pandera Hauß / und veranlässt Nesso aldar zu übernachten / wie auch beschehen. Als es nun spat / und Pandera mit Orsinetta zu Bette gegangen / eilet Sulpicia ihrem Brudern anzusagen / daß sie beede nun beysammen etc.

11. Licostenes hatte ihme von langer Hande falsche Schlüssel machen lassen / mit welchen er durch alle Thüren und in seine Schlafkammer in dem Finstern kommen / und auß Rachgier ergrimmet / die unschuldige Panderam so wol als Orsinettam für ihren Bruder Nesso / in dem ersten Schlaf / mit einem Dolchen durchstochen. Nach solchem laufft er zu der Orsinetta Kammer / findet das Bett leer / und erwecket das Haußgesind / und auch Nesso / der ihme entgegen kommet mit seinen andern Dienern / und das Unrecht erkennen machet.

12. Diese That konte nicht verschwiegen bleiben /sondern brachte so wol Licostenem / als seine Schwester in verhafft / mit welcher er sich entschuldigen wolte / wie Adam / das Weib hette ihn verführet: hat aber sich dardurch von verdienter Bestraffung nicht entschůtten mögen / sondern ist benebens seiner Schwester enthaubtet worden. Seine Güter haben der Pandera Freunde / und theils Nesso / wegen [304] seiner unschuldig ermordten Schwester / rechtlich erhalten /der Sulpicia Kinder aber sind leer außgegangen.

Ein blindling ist der Geitz / ein blindling schneller Glaub /
und beedes bringet Noth in Ehr- und Güter Raub.
Fürsichtig ist der Mann der gleich den Blinden gehet /
der tappet mit dem Stab bevor sein Fuß bestehet.
90. Die bestraffte Nachahmung
(XC.)
Die bestraffte Nachahmung.

Die Gesetze werden nicht ohne Ursach mit den Spinnweben verglichen / durch welche die grossen Mucken brechen / und die kleinen hafften müssen. Daher sagt man auch daß der Galgen nur für die Unglückseligen sey gebauet worden / welches auch etlicher massen aus nachgesetzter Geschicht erhellen wird.

2. In Lůtzenburger Land / in der Statt Basiogne /hat vor kurtzen Jahren gelebt ein Freyherr / dessen böses Leben ein böses End genommen. Sein Vater hat sich in hohem Alter verheuratet / und ihn in der Kindheit hinterlassen / als er dieses zeitliche verlassen müssen / welchem auch seine Mutter nach kurtzen Tagen gefolget. Also solte dieser Freyherr unter der Gewalt eines Gerhabers seyn / der wegen seiner hohen Kriegsdienste wenig zu Hauß / und ihn benebens seinen Kindern / mit nachlässiger Freyheit auferziehen lassen.

3. Popiel / so wollen wir diesen jungen Frischling tauffen / hatte kaum seine vogtbare Jahre erlanget /und sich mit spielen / müssig seyn / essen / trincken und Weibervolck so belustiget / daß man leichtlich sehen können / er werde ein ungeratnes Kind werden /und seinen Freunden viel Hertzenleid machen. Er hatte grossen Reichthum ererbet / und also alle [305] Mittel der Wollust / und ob er wol sein Geld nicht unter Handen / so hatte er doch viel Wege solches durch zubringen / in deme er seine Verwalter gezwungen /ihme die Gefälle und Einkunfften außzuhändigen.

4. Unter vielen Anstössen / welche er bey weiblichen Geschlecht suchte / war auch Pisidia eine Jungfrau geringes Herkommens / aber seltener Tugend und Keuschheit / daß auch alle Geschäncke und Verheissungen nicht statt finden wolten. Als er nun seine List zu schwach sahe / wil er den Gewalt gegen ihre Person vornehmen / welches ihm dann mit seinen Dienern werkstellig zu machen / nicht schwer gefallen. Dieser Sichem entführte Pisidiam auf sein Schloß / und ob zwar der Angriff mit Gewalt beschahe / ergabe sich doch endlich Dina / als sie sahe / daß ihren Befreunden der Mund mit Geld gestopfet worden.

5. Sie lebten etliche Jahre solcher gestalt / mit dem Namen der Liebe verbunden und erzeigten Kinder /welche ihrer Eltern Schandmahl an der Stirn tragen mussten. Pisidia konte diesen Popiel und seine Güter / wie eine ehliche Haußfrau / regieren und dem Gesinde mit Verstand vorstehen. Mittlerzeit hat Popiel dieses Anhangs (wie deß besten Weins) genug / als er nemlich seines gleichen zu heuraten gewillet worden.

6. Die Hinternis / welche Adeliche Freundschafft für schützten / waren diese Pisidia und andre dergleichen Weiberlein welche kein Eheweib neben ihr erdulden wolte / und dieses böse Gerücht machte ihn aller Orten stinken / »und wähnen daß ein frecher Hurer kein guter Ehmann seyn wůrde.« Damit er nun diese Hinterung aus dem weg raumen möchte / verheurate er Pisidiam seinem Diener Sylvan / einem wehrhafften Soldaten / welcher sie mit diesem Beding ehlichte / daß Popiel ihr müssig gehen solte / wie er auch zu thun versprochen.

7. Als er nun seine Werbung bey einem seiner Nachbaren / anbringen lassen / und seine Tochter zu[306] freyen begehret / hat derselben Vater nachgefraget /wie sich Popiel von Jugend auf verhalten / und erfahren / daß er ein Spieler / ein Fresser und Sauffer / der in Schulden stecke / der die Frantzösische Müntze bey unterschiedlichen Schleppen eingewechselt / und der gestalt bedankte er sich der Ehre / bittend seine Gedanken auf andre zu richten / etc.

8. Solcher gestalt hat diesen Sichem die Beschneidung seiner Wollust geschmertzet und ihn gereuet /daß er Pisidiam von sich gelassen besuchte deßwegen seinen Verwalter Sylvan / welchem dieser Gast nicht ohn Ursach verdächtig / weil er sonderlich sein Weib fast täglich von Popiel schwätzen hörte. Man sagt /daß der von einem wütendem Thiere gebissen sey /mehr Schmertzen empfinde / wann er das Thier für Augen sehen muß: dergleichen hat sich zwischen Popiel und Pisidia auch zugetragen. Sylvan hörte (also zu reden) durch die Sprache ihrer Augen / daß das alte Feuer wieder auf flammte / fande aber kein Mittel solches außzuleschen.

9. Dieses Ehebrecherische Geschlecht trieben fort und fort die Werke der Finsternis / und trachteten den eifrenden Gauchen üm das Leben zu bringen / die vormals gehabte Freyheit übles zu thun wieder zuerlangen. Sylvan gedachte sein Weib zu bestraffen /weil er sich an seinen Herrn nicht wagen wollen wird aber / wegen folgender Begebenheit in der Nachbarschaff bald andres Rahts.

10. Metrodor ein alter Edelmann hatte ein junges Weib / wegen ihrer Schönheit gefreyet / genamt Lucia / als sie vermeinet Rutilian einen andren / und zwar einen wolgestalten Jüngling zu nehmen. Wie nun der erste Kauffer der beste / und der erste Buler der liebste / als ist die Neigung zwischen Rutilian und Lucia zu einem Ehebruch ausgeschlagen / daß es endlich der Mann einträchtig worden / sein Weib auf handhafften Verbrechen ergriffen / und beede mit seinem Degen jämmerlich ermordet. Die Obrigkeit / welche er selbsten darzu beruffen lassen / hat diese That ungestrafft lassen hingehen / und er [307] mehr ehre / als zuvor Schande darvon getragen.

11. Dieses kame auch / als eine Landkündige Sache dem Sylvan zu Ohren / und machte ihn das thun / welches er zuvor nicht gedenken wollen / unwissend / daß die Richter die lebendige Gesetze sind /einen unterscheid zwischen den Personen machen. Er erhaschet auch seine Ehebrecherin in seinem Ehebett seinem Herren Unzucht treiben / und erwürgt sie beede / bevor sie zeit gehabt / ihre Sünde zu erkennen / und Gottes Barmhertzigkeit anzuflehen. Weil er nun solches aus gerechten Zorn gethan / hat er sich dieser vermeinten Heldenthat gerühmt.

12. Hierüber kommet Sylvan in verhafft / und weil er seinen Herren ermordet / welchen er lange zeit zuvor nachgesehen / wird er zum Strang verurtheilt /die fast ordentliche Erhöhung der Glücks Soldaten. Von diesen hohen Ort hat er andre lehren können /das nicht alles was zulässig ist nutzet / und daß ein unterscheid unter den Personen / welche ein oder das andre verbrechen begehen.


Man strafft den Dieb / wegen Diebstals / an dem Leben /
das er mehrmals kan mit Wucher wieder geben.
Warüm sol der / so mir raubet Treu und Ehr /
nicht bestraffet werden / und noch viel mehr;
Weil die Ehre sich nur einmals lässt verlieren
und der Schatz ist / welcher alle pflegt zu zieren
Die Gott fürchten. Hör in den Geboten bleib
Tödte niemals / halt dich keusch / frey / lieb dein Weib.
91. Die keusche Verzweiffelung
(XCI.)
Die keusche Verzweiffelung.

Nichts ist fast schwächer als ein Weib / daher sie auch ein schwacher Werkzeug in der Schrifft [308] genennet werden. Etliche haben beobachtet / daß sie in dem Soldaten wesen grosse Stärke beweisen / und bey ihrer grossen Arbeit niemals todt in dem Feld / wie die Soldaten / gefunden werden / die Ursach kan seyn / weil sie sich bey den Plünderwägen und Baurenhäusern aufhalten. Gewiß ist / daß Gottesfürchtige und Tugendreiche Weibspersonen mehr Beständigkeit erweisen / als oft manche Männer / wie auch folgende Erzehlung ein sonders Exempel seyn wird.

2. Zu Catena / einer Statt in Sicilien / hatte ein Bürgersmann Licas benamt / eine Tochter / Namens Paradea / welcher Schönheit ihr so viel Buler zu wegen brachte / als ihre Armut von Ehlicher Anwerbung abschreckte. Tatius ein reicher und tapferer Edelmann / sahe daß dieser schönen Paradea Gut / in Tugenden bestande / entschlosse sie zu heuraten /fande auch bey ihren Eltern alle Willfährigkeit / weil sie es für ein grosses Glück ihrer Tochter hielten /welche sie außzusteuren nicht vermochten. Durch diese Werbung liessen sich etliche wendig machen /etliche aber wolten sich nicht schrecken lassen.

3. Es giebt in dieser Welt vielmehr böse als fromme / und wann sie mit der That nicht schaden können / so thun sie solches mit Worten / Verleumbden und Affterreden. Ein solcher Gesell war Sinat / ein Edelmann in besagter Statt / viel reicher und ältern Geschlechts / als Tatius / und ob er wol sehr in diese Jungfrau verliebt / hat er doch nie gedacht sie zu freyen / sondern seinen Mutwillen üm Geld zu üben /weil er stoltz und jedermann auch seines gleichen zu verachten pflegte / daß die fromme Paradea ihn so sehr gehasset / als Tatium wegen seiner Demut und Höfligkeit geliebet.

4. Es ist keine Immenbeuten / welche nicht die Spinnen mit ihrem Geweb verunreinen können. Es ist keine Einigkeit / welche die Bößheit nicht solte verstören mögen. Sinat findet sich mit seinen erdichten Lügen / und falschen Auflagen in Schanden stehen. Als er nun hierdurch nichts außrichten mögen / lässet[309] er seine Werbung bey den Eltern anbringen / welche ihme zu verstehen gaben / daß er zu spat auf den Braut Markt / aber noch zeitlich auf den Korb Markt gekommen / wiewol mit vielen höflichen Entschuldigungen.

5. Es gedachte Sinat seinen Nebenbuler aus dem wege zu raumen / fande aber die Sache gar gefährlich / weil er ein tapferer Jüngling / und stetig mit vielen von seiner Freundschafft begleitet war. Endlich entschleusst er sich / Paradeam mit beystand etlicher Meuchelmörder zu entführen / da sie nach seinem Willen / aus der Noht eine Tugend zu machen lernen würde. Zu diesem Vorhaben fügte sich die Gelegenheit / in deme Licas mit seinem Weib / und seiner Tochter / in einen Garten die Abendmahlzeit halten /und spat wieder in die Statt kommen solte / weil zu selber zeit die Sommerhitze übermässig / und bey Tage niemand aus seinem Hause gehen wolte.

6. Diesen Anschlag hat Sinat nun sicherer in das Werk setzen können / weil Tatius über Land verraiset / der sonsten Paradeam würde begleitet haben / welche durch Sinat entführet / und ihre Eltern in grosses Hertzenleid gesetzet / als sie gesehen daß ihre Tochter den Räubern und Ehrenmördern in die Hände gefallen. Wie Tatius hierüber gegen Sinat ergrimmet / ist nicht außzusagen. Er klaget solches seinen Freunden /und der Obrigkeit / die ihme die Schergen zu giebet /und rüstet sich seine Liebste zu retten.

7. Sinat inzwischen bemühte sich Paradeam zu seinem Willen zubereden / vielleicht weil Gott / als ein Beschützer der Jungfrauen ihme in den Sinn gegeben keine Gewalt zu üben / und den Leib / ohne das Gemüt / nicht zu überwältigen. Er wuste daß man die Verständigen mit Schweren / die Unverständigen mit Lügen solte bethören / und versprache ihr endlich die Ehe / mit Entschuldigung / daß ihm seine Liebe zu solcher Gewaltthat angetrieben / bete deßwegen üm Verzeihung / etc.

[310] 8. Paradea war so klug / daß sie zeit gewinnen /und diesen Sinat mit Hoffnungs Worten abschaffen wolte / bittend daß er mit Einwilligung ihrer Eltern /sie zu Kirchen und Strassen führen solte / inzwischen aber nichts vornehmen / daß ihn und ihr zu nachtheil gereichen würde. Er vermeint daß diese Festung / weil sie wegen der übergab zu handlen angefangen / halb gewonnen sey / und setzet die Ehebedingung / ich sage die Heuratsnottel / zu Papier / welche aber Paradea für bedencklich geachtet / und aufzuziehen gesuchet.

9. Dieses verweilte sich / biß auf den dritten Tag /an welchem Sinat mit Paradea in den Garten spatzirte / nachmals sein Heil zu versuchen / hörte aber von seinem Diener / daß die Schergen seiner begehrten /Sinat fliehet so bald in sein Schloß und sperret Paradeam in eine Kammer / verlachte zwar die Bedrauung derselben / betraurte aber doch in seinem Hertzen /daß er sich unterstünde / was er nicht würde außfůhren mögen. Seine Diener gaben ihme den Rath / er solte durch die hintere Garten Thüre entfliehen. Dieses entschlosse er zu thun / wolte aber zuvor seine viehische Lust mit Paradea büssen / und nimmet zu solchem Ende Lisuart seinen vertrauten Knecht mit sich / befehlend daß er vor der Thüre warten / und wann er ruffen würde / hinein kommen solte.

10. Sinat wil nun seinen sündlichen Willen vollbringen / und in dem er Gewalt anleget / und nehmen wil was man ihme nicht zu lassen gedencket / kan sich die schwache Paradea anders nicht verthaidigen /als daß sie endlich ihme an stat der Küsse die Nasen herab beisset / und desselben Spitzen ihme in das Angesicht speiet. Hierüber schreiet nun Sinat überlaut /daß Lisuart hinein laufft / und mit erstaunen seines Herren mit Blut gefärbtes Angesicht beschauet. Er hette gerne gefragt / in was Spiel er die Nasen verlohren. Inzwischen aber entlaufft Paradea / und versperret sich in ein anders Zimmer.

[311] 11. Mitlerzeit haben die Schergen / aus ümliegenden Orten den Außschuß aufgemahnet / die Petard oder Thürbrecher angeschraubt / und als solches die Diener gesehen / sind sie durch die hintere Thüre außgerissen / und haben ihren Herren im Stich gelassen /aus Furcht daß sie nicht etwan in dem Wirtshaus bey dem Mondschein von deß Sailers Tochter möchten angehalten werden: Ihnen folgte auch der Herr / und verkrochen sich in die Hölen deß nechsten Berges /welche ihnen durch viel jagen / daherüm wol bekant waren.

12. Endlich kommet Tatius mit seinen Freunden und den Schergen in das Schloß / und als sie niemand finden / und alles durchsuchen / kommen sie auch an die Kammer / in welcher Paradea verschlossen. Man schreit sie solle aufmachen / die wil nicht / vermeinend daß es Sinat / und drauet daß sie sich aus keuscher Verzweifflung / zu dem Fenster hinaus stürtzen wolle / wann man die Thüre wůrde aufsprängen. Endlich kennet sie Tatii Stimme / und wurde also mit Freuden errettet.

Alle Dinge müssen doch zum besten kehren /
Die den HErren ihren Gott und Schöpfer ehren.
Der Probierstein aller Frommen ist die Noth /
wahre Treue weiset sich in Angst und Tod.
92. Der Waffen Ausschlag
(XCII.)
Der Waffen Ausschlag.

Weil den Wenschen nichts liebers in dieser Welt / als das Leben / massen alle Wollust / Geld und Gut / und was uns nur angenehm seyn mag nach dem Tod /nicht mehr dienen kan / haben die verständigen Alten der Gefahr das Leben zu verlieren / die Ehre und zwar auch nach dem Tod beharrend an die Seiten gesetzet: welches / wann es in rechtmässigen Krugen / und zu Vertheidigung deß Vaterlands aufgesetzet wird / loblich und verantwortlich ist. [312] Es hat aber der böse Menschenfeind und der Mörder von Anbegin / die falsche Ehre den Weltkindern zu Sinn gebracht / daß sie wegen eines zweiffelhafften Worts Haß und Feindschafft / ja thätlichen privat Rache verüben / daß einer den andern / sondere vorbereitung zum Tod / in die Hölle schicket. Solcher Mordfechter haben wir viel auf diesen Schauplatz gesehen / und wollen hier noch ein par mit ihren Beyständen auf führen: keines wegs aber darunter verstanden haben / welche ihr Leben oder Ehre mit tapferer Hand zu retten pflegen.

2. Amador ein Edelmann in Langedoc hatte wegen eines Fischwassers einen Streit mit Andoel: Dieser nimmet mit sich Harpin / jener Geronee / welche beede treuverbundne Gemüts Freunde und bald Schwäger werden solten / weil Odet Geronce Bruder in Harpins Schwester Genevre verliebet / zu welcher Heurat ihm Harpin geholffen / und bey seinem Vater Marcell das Wort gesprochen hatte. Über dieses waren sie mit einander als Edelknaben in Diensten eines Fürsten aufgewachsen / und hette ein jeder sein Leben gerne für den andern gelassen / wie ihre Freundschafft erfordert.

3. So bald nun Geronce Harpin auf dem Platz gesehen / hat er gesagt / daß er seinen Degen nicht begehre aus der Scheide zubringen / weil er wieder seinen besten Freund schneiden solte. Andoel sahe daß Harpin auch keinen Lust zu dem Handel / und beschuldigte ihn / daß er so wol als sein Gegner / unter dem Namen einer falschen Freundschafft / warhafftige Zagheit sehen liessen.

4. Wol / sagte Geronce / Bruder Harpin trit auf meine Seiten / wir wollen diesen weisen / daß wir bey unsren Herrn unsre Ehre zu retten erlernet / damit wir aber auch nicht wieder unsre Freunde / welche uns zu Beyständen ersucht / fechten / wil ich Andoel / und du solt Amador für dich nehmen. Andoel antwortete: Ich bin kommen mit Amador wegen unsres Fischwassers die Sache außzufechten / und wenn Harpin mir keinen Beystand leisten wil / so werde ich [313] sagen daß die Weiber mit ihren Spindlen einander mehr Schaden thun können / als diese Memme mit ihrem Degen.

5. Solche Wort bewegten Harpin / daß er sich verlauten lässet / es habe die höfliche Freundschafft dieses Orts nicht stat / in welcher man die Ehre über alles lieben müsste. Geronce sagte / daß sie dann die Ehre wieder die Anfänger deß Streits fechtend / suchen wolten / welchen ihren Undanck sattsam vermerken liessen. Harpin aber wolte nicht / und ob wol Geronce die Stösse nur außnahme / und ihn nicht zu beleidigen begehrte / übersahe er es doch / daß er ihm das Knie verwundete / und auch zu gleicher zeit in den Arm gestossen wurde.

6. Harpin fället zu boden / und Andoel welcher Amador dreymal durchstochen / kommet nun auf Geronce zu / wurde aber von ihme gezwungen / daß er die Waffen von sich geben / und das Leben bitten müssen. Als nun Andoel wieder aufgestanden / hat er Harpins Degen ergriffen / und Geronce wiederum angetastet / ungeacht er bereit viel Blut verlohren hatte /fande aber solchen Gegenstand / daß er nach wenigem Gefecht durchrennet / den Geist aufgegeben / und in deme er noch zwischen dreyen Abgeleibten stehet /kommen die Häscher und bringen ihn in Verhafft.

7. Oder sein Bruder wolte sich seiner annehmen /damit er nicht in deß Henkers Hand kommen möchte; diesem nach hat er / und seine Spießgesellen / theils mit List / theils mit Gewalt die Sache so wol gespielet / daß Geronce wieder auf freyen Fuß gestellet / sich mit der Flucht gerettet. Wegen solches Verbrechens müssen beede Brüder aus Franckreich weichen / und nach Perpignan entfliehen. Inzwischen aber hat sich ein andrer und älterer Freyer bey Genevra angemeldet / welcher sahe / daß Marcell Geronce / so wol als Odet / wegen ihrer That und Ausbruchs aus der Gefängnis / hasste / und seine Tochter keinen flüchtigen geben wolte / versprach sie deßwegen Quintil.

8. Ob nun wol Genevra nicht darein verstehen[314] wolte / hat er doch sie zu nöhtigen bedraut / und dardurch verursacht / daß diese Heldin ihres verstorbnen Bruders Kleider angezogen / biß auf die nechste Post gegangen / und von dar aus nach Perpignan geritten. Wer das Frauenvolck in Languedoc kennet / welche in männlicher Ubungen / zu hetzen und jagen angewehnet werden und betrachtet daß die Liebe Flügel hat /der wird dieses / wie es auch wahr ist / leichtlich glauben. Odet vermeinte nun / daß ihm solcher massen alles zulässig seyn würde / musste aber hören / daß diese Amazonin von der Richtschnur der Ehre nicht abtretten wolte / sondern ihn warten machte / biß die Trauung mit hochzeitlicher Begängnis verrichtet werden könte.

9. Wie sehr sich Marcell hierüber betrübet / ist nicht wol auszusagen / und reitzte seinen Grimm Quintil / welcher sich verachtet sahe / deßwegen er auch sich an Odet / aus dessen Raht er solches angestifftet zu haben vermeint / zu rächen gedachte. Dieser Meinung raisen die beede auf Perpignan / und lassen die zween Brüder ihre Ankunfft durch ein Fedbrieflein wissen / welche sich an bedeuten Ort befinden vielmehr sich zu entschuldigen und Unterredung zu pflegen / als sich mit ihnen zu schlagen.

10. So bald aber diese einander zu Gesicht kommen / gehen die Alten mit blossem Degen auf die beeden Brüder zu / und wollen ihre Entschuldigungen nicht anhören. Marcell wil seines Sohns Tod an Geronce rächen / und Odet den Rauber seiner Liebsten todt haben / ob sie wol beede unschuldig / wie gehört / Odet hatte die beste Schantz in dem Spiel (ich wil sagen wurde von Genevra geliebt) und hatte die Stärcke in den Armen / daß er seinen Gegner bald nieder sätzte. Deßgleichen konte auch Geronce leichtlich thun / wann er gewolt hätte. In deme nun die zween Brüder gegen Marcel stehen / führen sie ihme zu Gemůt / daß sie noch an den Tod seines Sohns Harpins / noch an der Genevra Flucht schuldig / und daß sie ihme lieber mit ihrem Leben dienen / als ihm daß seine nehmen wolten.

[315] 11. Diese Bescheidenheit hat endlich den alten Marcel erweicht / daß er sich (weil er hörte daß seiner Tochter Ehre unverletzt) überwunden / in dem die Waffen ihrer Höfligkeit den Ausschlag gegeben /Odet seine Tochter versprochen / und Geronce verziehen den ungefähren Tod seines Sohns. Quitil wurde wie ein Esel begraben / ich wil sagen auf den Schindacker geworffen / nach Verordnung der Geistlichen Rechte.

12. Nach deme sie nun eine zeitlang noch der Orten verblieben / hat Marcel ihnen Landshuldigung zu wegen gebracht / daß Odet seine sonders zweiffels in dem Himmel gemachte Ehe / auf Erden vollziehen können.


Das / was die Welt nennt wankel Glück
ist nichts als Leid- und Freudgeschick.
Ein Bild das Angesicht und Rucken
verwendt in flügelschnellem nu /
und dem es günstig scheinet zu /
kan es gar bald zu Boden drucken /
der sich dem Würbelwind vertrauet
Die Reu auf falsches Glücke bauet.
93. Die keusche Märterin
(XCIII.)
Die keusche Märterin.

Das Wort Marter wird nicht nur von denen gebraucht / welche ihr Leben wegen deß Evangelii lassen und desselben Warheit mit ihrem Blut bezeugen; sondern es wird auch von denen verstanden / welche wegen einer Tugend / oder in Vermeidung einer Sünde getödtet werden. Drittens nennet man auch Marter alle grosse Schmertzen / welche wir als Menschen / wie jene / als Christen ausstehen und leiden. Einen rechten Märterer macht nicht der grosse Schmertzen / sondern desselben besagte Ursach; [316] sonsten müssten viel die böse Weiber haben / Märterer seyn / weil sie ihre Hölle auf dieser Welt haben.

2. In der Romagna zu Arimini wohnte ein Edler Namens Niso / dessen Tochter wir Neliam nennen wollen / und die eintzige ware / welche ihme seine verstorbene Liebste hinterlassen. Ihre Tugenden und ihre Schonheit streiteten üm den Vorzug und schreckte jene so viel Buler ab / als diese herzu lockte. Ihr Vater wolte sie in dem weltlichen Stande wissen / und trachtete sie zu verheuraten: ihr Sinn und Gedanken aber stunden nach dem reinen und geistlichen Kloster Leben; massen nicht nur zu dem Mahlen und dichten /sondern auch zu solchem Stande gewisse Leute geboren werden.

3. Um keine schöne Blume schwärmen so viel Biene / als Buler üm diese Blume aller Zier und Tugenden: sie hette aber wol sagen können / was dorten der Feigenbaum: »Sol ich meine Süssigkeit verlassen / und schweben über die Baumen«. Ob sie nun wol solches heimliche Gelübd in ihrem Hertzen behalten /hat es doch heraus brechen müssen / als ihr Vater ihr unter ihren Freyern die Wahl gelassen einen zu erkiesen / »da sie dann erwehlet keinen als den Mann / der einen Vater ohne Mutter / und eine Mutter ohne Vater gehabt« / wie die Rähtsel von Christo lautet.

4. Ihr Vater verbote in allen Klöstern sie nicht ein zu nehmen / wolte ihr auch keine Aussteuer zu solchem Stande ertheilen / sondern versprache sie Oronte / welcher sich entschlossen sie / als sie aus der Kirchen gehen wollen / auf zufangen / und auf sein Schloß zuführen / da er dann wol mit dieser vermeinten Nonnen zu recht zu kommen gehoffet / aber weit gefehlet: dann ob er wol sie in seiner Gewalt bekommt / möchte er sie doch noch mit schmeichelworten / noch mit Bedrauung zu seinem sündigen Beginnen bewegen noch zwingen.

5. Endlich wil er mit allen Gewalt rauben / was ihm dieser schwache Werckzeug nicht verstatten wil: und weil solche Thätligkeit ihren bittē und flehen[317] nicht raum gegeben / sie auch aller Waffen beraubt /nimmet sie die Haarnadel / einen langen spitzigen Stifft / so Weibspersonen zu tragen pflegen / und stösset solche ihrem vermeinten Ehrenschänder in das rechte Auge / daß er darüber ergrimmt / und seine Dolchen Kling wieder in ihre Brust verborgen / daß sie also bald todt zur Erden gefallen.

6. Oronte hat die Flucht genommen / und ist in den Apeninischen Gebirgen unter andre Landflüchtige geraten / seinem bösen Gewissen aber hat er nicht entfliehen mögen / welches ihn auch ausser allen zweiffel in endlichen Unfall gestürtzet haben wird. Also hat Niso seine Tochter betraurt als er sie verlohren / und hette sie lieber der Welt abgestorben / als natürliches Todes verblichen wissen wollen.

7. Hierbey erinnere ich mich / was ich anderwerts geschrieben von einer Jungfrau / die den Tod / aus verlangen bey Christo zu seyn / ihren Bräutigam genennet / welches ich wegen Gleichheit mit gegenwertiger Erzehlung / und sie also redend hier anführen wil.


Verweilst du trauter Tod / verweilst du liebes Leben?
wilst du nicht deiner Braut / was du versprochen / geben?
Die Krankheit und der Schmertz' ist nun mein Hochzeit Kleid /
und du / mein Bräutigam / hast mich noch nicht gefreyt.
Ich brenn' in Feuerlieb' / ich brenn' und keine Flute
erlöscht in meinem Leib so heisse Liebes-Glute:
An Kräfften bin ich schwach / und in der Liebe stark /
die Flamme zehrt in mir und dringt durch Bein und Mark.
Du hast / O wehrter Schatz / schon längst üm mich geworben /
Durch meiner Mutter Mund / bey Adam / der verstorben.
[318]
Die hochverbottne Frucht war meine Morgen-Gab' /
er war das Heuratgut deß Menschen Sünden-Haab.
O schöner Schattenmann / du / du bist meine Sonne!
O düstres Leichen Liecht / du / du bist meine Wonne!
Wann / ach wann giebstu doch mir den verlangten Kuß?
ach wann / wann bringst du mir der Wollust Uberfluß?
Schau deine Jungfrau Braut hat sich dir gantz ergeben /
und hat in reiner Zucht bißhero wollen leben /
von keinem Mann berührt. Der todten Gräber Schar
hat zu dem Hochzeit Bett' erkiest die Leichen Baar.
Daß sie vor langer Zeit bestreuet mit Cypressen /
und du / mein Bräutigam / du / du hast mein vergessen.
O Nacht! ô letzte Stund! ô Angst! ô Todten Schweiß!
Ihr seyd mein Hochzeit Pracht / ihr folget Ordnungsweiß.
Es leuchten zu dem Dantz die gelben Hochzeit Kertzen
und meines Haubtes Schmuck / ist meines Hertzens Schmertzen.
Sind die Verliebten bleich / in ihrem Angesicht;
ich bin blaß und entfärbt / der Augen schwaches Liecht
trieft stetig Wangen ab. Die Lippen von Korallen
sind weiß und eingeschrumpft / die Händ als Schnee verfallen.
Man hört das Leichen Lied / es folgt der Glockenklang /
das ist bey diesem Fest der frohe Braut-Gesang.
Ihr Töchter Solyme / hört doch was mich betrübet!
Ich wart auf meinen Freund / den meine Seele liebet /
[319]
ich sucht' ihn bey der Nacht / in meinem Threnen Bett'
und fand ihn leider nicht. Er hat mit einer Kett'
ümfässelt diese Welt. Er reit auf falen Pferden /
mäyt mit der Sensen ab die Völcker auf der Erden.
Er scheusst mit seinem Pfeil den Edlen und den Knecht:
ihm stehet zu Gebot das Manns und Weibs Geschlecht.
Ach lieber Menschenfeind / mein Freund und mein verlangen!
komm doch mich deine Braut und Liebste zu umfangen.
dir Blinden bin ich schön / dir Dauben wol beschwätzt /
dein Haar entblöstes Haubt ist von mir hoch geschätzt.
Komm doch und führe mich / komm doch ohn ferner weilē /
Laß mich dein Erden-Hauß in diesem Nun ereilen.
Dein Hauß von Helffenbein stillt der Gebeine Pein.
Nun Tod / ich schaue dich / es muß gestorben seyn!
Du nimmst mich bey der Hand / ich folg' in vollen Freuden /
ich jauchtze / daß ich jetzt sol von der Welte scheiden.
Es endet alle Qual / es endet alle Noth.
Wol mir / weil meine Lieb ist stärker als der Tod!
94. Die undankbahre Belohnung
(XCIV.)
Die undankbahre Belohnung.

Deß Feindes Geschenk ist kein Geschenk / sagt der Griechen Sprichwort. Wie das Epheu oder Wintergrün an den Baumen: »Also ist der Undank nechst getreuen Diensten«. Der Epheu sauget allen Safft heraus / daß der Baum / an welchen er aufgewachsen verderben muß: denn Undanck thut böses für gutes. Solche Leute sind mit Fug [320] Eselartig zu nennen; dann der Esel schlägt seine Mutter / welche ihn saugen lässet. Sie sind Scorpionen / welche allen Gifft in dem Schwantz haben und zu letzt weisen / daß sie arges thun können. Daß diesem also / wird unter vielen andern /auch nachgehende Erzehlung beglauben.

2. In Graubinden gegen Welschland hatte ein Bürgermeister einer grossen Statt / bauen wollen / und weil ihme niemand an die Hände gehen können (massen der Vorraht zum Gebäu so reichlich / als arm das Land an Künstlern) wie er wol in Italien / in seiner Jugend gesehen hatte / beschreibt er einen Baumeister / damit er seinen Namen / zum wenigsten in den Steinen / verewigen mögen; dann mit Bücher schreiben haben die meisten Schweitzer so viel zu thun / als die Kühe mit dem Dintenfaß. Der Baumeister war von Meiland / Namens Polydor / und hatte seiner Künste gute Proben gethan.

3. Polydor lässet sich bestellen / mit dem Beding /daß man ihn in seiner Religion unverhindert lasse /weil er eiferig Päbstisch / deßwegen wird ihme ein Paßbrief nach Wunsch ertheilet / und alles versprochen / was er nur begehret. Bevor er nun abgeraiset hat ihm ein alter Mann / Sergio genennet diese Raise wiederrahten / weil er unter groben Leuten / die ihr Leben über Tisch und in den Betten zubringen / und von seinen Glaubensgenossen entfernet leben würde. Ein Schaff / sagte er / kan unter vielen Wölffen nicht sicher seyn.

4. Diese Erinnerung hette Polydorum abgeschrecket / wann sie zeitiger were eingewendet worden. Er hatte sich aber versprochen / Geld auf die Hand empfangen und war nun mit Weib und Kind wegfärtig / und kommet zu Gustav dem Burgermeister / welcher ihn mit vielē grossen Gläsern / nach Schweitzerischer Höfligkeit / willkom geheissen / ihm eine feine Wohnung verschaffet / und nachmals verschreibt / daß er wegen der Religion / wann er nicht ärgernis geben würde /unangefochten bleiben solte.

5. Gustav sahe seinen Bau mit Freuden [321] aufführen /und vermeinte daß desselben Lob ihme zukomme /weil er das Geld darzu gebe; mehr verständige aber sahen daß alles Polydori Werk / und daß er nicht ein Handlanger / sondern ein Geldlanger were / welches Ambt auch wol ein reicher Narr verrichten könte. Gleichte also jenem / der viel schöne Bücher zusammen gekaufft / daß man wehnen solte er were gelehrt. Andre gaben diesem Polydor auch zu bauen / und befande er sich sehr wol / ausser der Religion. Zu seinen freyen Stunden machte er allerhand Bilder / weil er auch zugleich ein trefflicher Bildhauer / und verkauffte sie / weil es keine geistliche Sachen. In seinem ersten Bau hatte er etliche Heidnische Bilder gesetzet /welche so wol gemacht / daß sie gleichsam aus Schamhafftigkeit nicht reden wolten.

6. Die Herrn Schweitzer sehen / daß ihn dieser Mann anstehet und seine Kunst ihrer Statt fast nohtwendig / berahtschlagen deßwegen ihn zu ihrer Religions- und Bürgersgenossen an- und aufzunehmen. Dieses Vorhabens bringen sie ihn bey den Trunk /welches er als ein Italiäner / nicht ohne Mühe / gewohnen können / allerley Fragen für / die über seinen Baumeisters Verstand / und darauf er nicht studiret /deßwegen sie abgewiesen / und allein in seiner Hand Arbeit stand gehalten / als in welcher er genugsam berichtet worden.

7. Sie nennten ihn einen Götzenmacher / der alle Abgötterey befördere / darzu helffe und diene / etc. Polydor sagte: ja / er were ihnen ein Götzenmacher /weil sie nur heidnische Bilder haben wolten / von welchen dorten stehet / der Götz sey nichts / das ist ein Bild das niemals gelebt / sondern aus dem Haubt deß Künstlers / wie Minerva aus Jovis Gehirn entsprungen. Den Catholischen aber / fuhre er fort /mache ich Bilder deß H. Christi / Mariæ / der H. Apostel / etc. Ja / antworteten sie / das machen stünde nun dahin / wenn man sie nicht anbete / und ihnen Göttliche Ehre erwiese / sie üm Schutz anruffte / und vertrauen auf solche Heiligen stellte / deren Leben vielmals mit grossen Fabeln angefüllet. Die Heydnischen Bilder sind [322] zu einer Zier an die Häuser und nicht auf die Altäre gesetzet / daß man ihnen Ehre solte anthun.

8. Polydorus antwortete / daß man den Bildern keine Göttliche Ehre anthut / sondern solche zu Exemplen der Nachfolge / und Erinnerung ihrer Heiligkeit aufstelle / und daß man auch Gott ehre in und durch seine Heiligen. Sie verstehen: daß Gott solches nicht befohlen / daß man ihnen eben die Ehre anthue /wie die Heyden ihren Götzen / daß man den Hut für ihnen abnehme / nieder knie / für ihnen bete / etc. Polydor gestande / daß ein Mißbrauch mit unterlieffe /daß der gemeine Mann mehr thete / als ihre Lehrer zu vertheidigē begehrten / und daß der Mißbrauch den rechten Gebrauch nicht aufheben möchte. Man knie auch in Engelland fůr dem König nieder / er sey darüm kein Götzen Bild / und müsse man auch in sei nem Zimmer / wann er abwesend / das Haubt entblössen / etc. Die Schweitzer sagten daß zu Loreto / zu Hall / Sigheim und ander Orten die Marienbilder absonderlich beschenket und ihnen Gelübde gethan würden. Für den Königen falle man auf ein Knie / für solchen Bildern auf zwey / etc.

9. Polydor versetzte / daß von Anfangs deß Evangelii / die Apostel und ihre Nachfolger geehret / ihr Gedächtnis auch heilig gehalten worden / etc. Sie schrien aber alle / daß es nicht solcher gestalt geschehen / wie von den Papisten / etc. Hierüber nennen sie ihn nun einen Götzen Diener / Götzenmacher / Aberglaubischen Ketzer / und wurffen ihn mit Kannen und Gläsern / daß er durch diese Schweitzerische Bescheidenheit schwerlich mit dem Leben entkommen. Nach diesem wolte Polydor seinen Fuß weiter setzen / und forderte zu solchem Ende seine Schulden ein: sonderlich aber bey Gustav / »welchen / nach Gebrauch fast aller Bauherren reuete / daß er sein Silber in Steine verwandelt«.

10. Abner einer von den jungen Burgemeistern /wird von Gustav angestellt / er sol Polydor / als einen Verführer des Volks / der übel von GOTT [323] und seinem Wort geredet / die Götzen mit Gott verglichen / etc. einziehen lassen / und für Gericht stellen. Polydor beruffet sich auf seinen Schirmbrief / muß aber hören /daß seine Verantwortung für ärgerlich angezogen /und er deßwegen zu dem Schwert verurtheilt worden. Er bittet man sol ihm einen Päbstischen Priester zulassen / es wird ihm aber abgeschlagen: er wil mit seinem Weib und Kindern reden / kan es aber nicht erhalten. In solchem Zustand erinnerte er sich der Weissagung Sergii seines Freundes zu Meiland / dem er nicht folgen wollen.

11. Als er nun auf den Richtplatz / und aller Menschen Hülffe beraubt / ladet er Gustav / als den Stiffter seines Todes in dreyen Tagen für Gottes Richterstul zu erscheinen / und lässet also mit vielen Hertzenseufftzern zu Gott / sein Leben. Ob nun wol Gustav diese Ladung fůr windflůchtige Wort hielte / welche ihme die Todes Angst heraus gepresset / hat er doch die gantze Nacht für Schrecken und Angst nicht schlaffen können: Morgens ist ihn ein Schaur angekommen / daß er Zähnklappert und gezittert / als ob er einen Vorschmack der Höllen fühlte. Bald darauf folgte eine übergrosse Hitz / und ehe der dritte Tag herbey kam / wurde seine Seele von ihm genommen.

12. Abner der junge Bürgemeister / hat sich sechs Monat hernach zu Tod getrunken / und die Richter /welche ihn verurtheilt / sind auch nachgehends bald gestorben. Seine hinterlassne Güter darunter auch die Schulden / wurden den Stattgefällen zugeschlagen /daß also Polydors Weib und Kinder fast mit leerer Hand nach Meiland wiederkommen / und diese undankbare Belohnung aller Orten außgebreitet.

Der Geitz.
Er stielt sein eigen Gut / er nimmt sich selbst gefangen /
er hat sein hartes Hertz an guldnes Blech gehangen /
er ist sein eigner Bul / und macht ihm grosse Pein /
es ist sein Magen leer / und voll der Kisten schrein.
[324]
er hütet seines Golds / und denkt an seinen frommen
wie doch auf manchem Rank mehr Pfenning zu bekommen
Die Erben lachen sein / daß er nicht ist so keck
und ihme Gutes thut ô Ertz- und Ober geck!
95. Der Cainische Bruder
(XCV.)
Der Cainische Bruder.

Durch deß Teuffels Neid ist die Sünde in die Welt kommen / sagt die H. Schrifft. Dieses ist nicht allein von dem Fall unsrer ersten Eltern / sondern auch von dem ersten Brudermord füglich zu verstehen / welcher sonder zweiffel auch von dem Satan angestifftet und eingegeben worden. Solcher Meuchelneid ist auch bey Esau wieder Jacob / bey Josephs Brüdern / bey Saul wieder den unschuldigen David / bey Ammon wieder Mardochai und noch heut zu Tage bey Höfen aller Orten zu verspüren. Solche Neidling sol nachgehende Erzehlung in ihr Gewissen treiben / und sie erinnern der Wort Jacobi / wann er veflucht die jenigen / welche auf den wegen Cains gehen.

2. Luzana an der Genver See ist vor zeiten ein Bischofflicher Sitz gewesen / und die Haubtstatt eines Fürstenthums / nun aber sehr verödet. Aldar hat vor kurtzen Jahren eine Wittib gewohnet / welche ihre Tochter nach Nyon verheuratet / und alle ihre Liebe auf ihren jungen Sohn gewendet / den ältsten aber /als ob er ihr Kind nie gewesen / für nichts geachtet. Hierinnen ist fast schwer eine Gleichheit zuhalten /und verursachen die Eltern / aus blinder Liebe viel Unheil / Neid und Feindschafft.

3. Nach dem sie nun die Tochter ausgesteuret /trachtet sie alles Gut ihrem jüngsten Sohn zu zuwenden / weil er / wie gedacht der Liebste / und daß Schoßkind war. Der ältste war ein wilder Jüngling /und als er vermerkte / wie bößlich es seine Mutter [325] mit ihm meinte / erzeigte er sich also / daß sie mehr Ursach hatte ihn zu hassen / als zu lieben: da hingegen der jüngste ihr mit Gehorsam und wol verhalten das Hertz gestolen / wie die Schrifft redet.

4. Also machte diese Mutter ein Testament / oder liesse ihren letzten Willen zu Papier setzen / in welchem der jüngste zu einem Erben benamet / und dem ältsten nichts gelassen worden / als was man ihme nicht nehmen können: deßwegen er dann sich zu rächen bey sich beschlossen / und zwar an dem gantz unschuldigen Theil. Diese beede sind auf eine Zeit mit dem Jagzeug / auf den Luzanischen Bergen / da der Erstgeborne seinen Vortheil ersihet / und seinen Bruder mit einer Axt ruckwarts zu boden schlägt /daß er also bald fällt / und weil der Ort abwegs /macht er eine Gruben / und verscharrte ihn / daß niemand solches / als die Liebe Sonne gesehen.

5. Die Mutter wartet ihres Sohns lange Zeit vergeblich: der ältste sagte / er hette sich vermutlich bey den Frantzösischen Werbern unterhalten lassen / willens die Welt zusehen / und sich etwas zu versuchen. Die Mutter kan dieses nicht glauben / weiß aber doch auch keine andre Ursache seines Aussenbleibens zu finden / und wolte ihn gerne mit ihren Threnen und seufftzen wieder zurucke ruffen Inzwischen wacht dem ältsten Bruder sein Gewissen auf daß er traurig /betrübt / ohne Schlaff und sich bedunken lässet / alle Steine weren seine Verrähter / und das Blut Abels ruffe üm Rache gen Himmel über solche Cainische That.

6. Als er einsten seine Gedanken / oder sie ihn verfolgten / begegnet er den Bürgermeister mit zweyen Schergen / welche nach ihrem Gebrauch Hallbarden auf den Axeln hatten. Dieser vermeinet / daß man ihn fangen wolle / und beginnet sich mit der Flucht zu retten. Der Bürgemeister schicket ihm nach / und weil ihn der Scherg nicht ereilen konte / schreit er dem Volk ungefehr zu / man solte den Mörder aufhalten. Der flüchtig antwortet: Nein / nein er ist in den Krieg gezogen / ich habe ihn nicht erschlagen. In dem wird er [326] angehalten und für den Bürgemeister geführet / da er mit erschrockener Stimme sagt / er hette seinen Bruder nicht todt geschlagen / sondern er were in den Krieg gezogen / seine Mutter aber sagte ihm vielleich solches aus Haß nach.

7. Der Burgemeister war ein alter verständiger Mann / und sagte: Deine Mutter würde dich nicht beschuldigen und dich üm das Leben bringen wollen /wann der Sache nicht also; darzu finden sich Zeugen wieder dich / welche dieser Mordthat von ferne zugesehen. Hierüber erstaunt der Jüngling / und laugnet zwar / aber mit einer Stimme die ihn für schuldig bekennte. Der Burgemeister führte ihn beseits / und sagte ihm / er solte es nur bekennen / er wolte es verschwiegen halten / und ihn aller Straffe erlassen. Der einfältige Tropf bekennet alles / wie es hergegangen /und wird also bald in die Gefängnis gesetzet.

8. Als er nun in verhafft der That nochmals geständig / der Leichnam an den besagten Ort gefunden wird / und also die Sache unbestrafft nicht könte hingehen / sagte ihm der Bürgemeister / daß die Herren von Bern ihm das Leben nicht schenken wolten / und ist also zu dem Schwert verurtheilt / mit grosser Bereuung seiner Sünden gestorben. Bevor aber hat er frey ausgesagt / daß er viel grössere Gewissensplage ausser / als in dem Gefängnis erlitten. Dieses ist wiederum aus Geitz beschehen / in dem ein jeder erben wollen / und auf den Weg reich zu leben den Tod gefunden.


Das Gewissen so versehret ist der Zeug in unsren Hertzen
Das Gewissen so versehret ist die ursach vieler schmertzen,
Das Gewissen so versehret ist der freye Richtersmann /
Das Gewissen so versehret ist gleich wie S. Peters Haan
Das Gewissen so versehret ist der Kläger im Gedenken /
Das Gewissen so versehret ist genugsam uns zu kränken /
Das Gewissen so versehret ist die allergrösste Pein.
Das Gewissen so versehret gleichet Sysiphs schweren Stein.
96. Die rühmliche Verzweifflung
[327] (XCVI.)
Die rühmliche Verzweifflung.

Recht sagt jener / daß alle Sachen zwo Handheben /eine rechte mit welcher es zu erhalten / und eine linke / mit welcher man es muß fallen lassen. Dieses kan auch von etlichen Welthändlen gesagt werden / daß sie gut und böß / nach deme man es ansihet und betrachtet. Also ist alle unsere Gerechtigkeit für den Menschen eine Ungerechtigkeit für Gott. Es kan eine Sache löblich und wieder scheltbar seyn. Daß Samson mit den Philistern sterben wollen / und sich getödtet /damit er sich an ihnen rächen könte / kan nicht entschuldiget werden / als durch Göttliches Eingeben /und ist solche Nachfolge nicht zulässig. Daß die Egypter das entlehnte entwendet / kan nicht entschuldiget werden / als daß es der Lohn für ihre saure Arbeit. Daß Jacob den Isaac betrogen und Esaus Recht der Erstgeburt aberhalten / entschuldigt das Gebot Gottes / dessen Gedanken nicht sind / wie der Menschen Gedancken. Eine solche Geschicht ist auch folgende / welche mehr zu verwundern als nach zu thun.

2. Der Türkische Käyser hat auf eine Zeit 12. Polnische Knaben gefangen bekommen / und sie zu unnatürlichen Gebrauch in sein Frauenhaus versperren lassen. Diese solten beschnitten werden / und weil sie nicht darein verwilligen wollen / bedrauet man sie mit Gewalt. Sie entschliessen sich den Groß Türken mit ihren Messern zu erwürgen / und alsdann gerne als Christen zu sterben.

3. Durch was Mittel dieser Anschlag entdecket worden / meldet Kramerus nicht: vier aber davon /welche das Loß treffen würde / solte man lebendig verbrennen. Als sie nun ihren Tod oder schändlichen Abfall verstehen / sperren sie sich in eine Kammer /und ersticht einer den andern / biß auf den letzten /[328] welcher diesen Verlauf erzehlet / und allein den Flammen zu theil werden müssen. Sonders zweiffel ist dieses Eingeben nicht von Fleisch und Blut herkommen /sondern von dem allweisen und allwissenden Gott.

4. Dergleichen lieset man auch von einem Sicilianer / welcher 3. mannbare Töchter gehabt / und als er gesehen / daß die Türken die Statt darinnen er gewohnet / halb erobert / und diese wegen ihrer Schönheit ungeschändet nicht bleiben wůrden: hat er sie alle erstochen / und alsdann sich unter die Feinde gewaget /derselben viel erlegt / biß er endlich auch ümkommen.

5. Was von dergleichen Thaten zu halten / ist dieses Orts nicht aus zu führen / sondern allein zu melden / daß wir blinde Menschen / in Gottes Rahtschläge nicht sehen können / deßwegen auch unser Urtheil / in Erkäntnis unsrer Schwachheit billich zu rucke halten / biß wir in den andern Leben zu völliger himmlischen Wissenschafft gelangen.


Menschen Witze gleichet einer falschen Brillen /
in Erforschung Gottes seines Schöpfers Willen:
nach der Sachen die zu hoch erhaben sind
langt vergebens ein noch unbejahrtes Kind.
97. Das tödtliche Wort
(XCVII.)
Das tödtliche Wort.

Leben und Todt ist in der Zungen Gewalt / sagt die Schrifft: deßwegen vergleichet Jacobus dieses Glied mit dem Feuer / dessen Fünklein / »wann es verwarlost wird / einen grossen Brand anrichten kan: ja er sagt daß sich die wilden Thiere leichter bezaumen lassen / als die unverständigē Menschen. Der Mund ist der Sünden Werkzeug / der Artzt und Henker deß Menschen / welcher Ursach wegen / der kluge Fabel Dichter Esopus / die Zunge fůr das beste und böste Gericht gehalten« / und haben etliche [329] die Zähne mit einem Zaum verglichen / welcher die Zunge sol ihrer Schuldigkeit erinnern / daß sie bescheidentlich verfahre / und deßwegn auch ist nur eine Zunge / hingegen aber 2. Ohren und zwey Augen den Menschen gegeben / daß er gleichsam alles zuvor wol abwägen / und alsdann den Ausspruch machen sol.

2. Dieses hette auch sollen beobachten ein Schweitzerischer Wundartz zu Lucern / welcher ein Meister in den eusserlichen Schäden / die eigenen Lasterwunden seines Hertzens aber hat er nicht heilen können. Er hatte ein ehrliches und so schönes Weib / daß man sie nicht ungestalt nennen können: doch suchte er allerhand Winkel / da man stillschweigend Frantzösisch lernet / und üm seine Gesundheit und Vermögen kommet / wie dann die Armut der Hurerey auf den Fuß folget. Er wurde erinnert / und von solchen Schandleben abzulassen gebetten / aber vergeblich: dieses linde Oel hat sein Feuer noch mehr aufgeflammt.

3. Das Weib wil das Holtz in ihrer Küchen haben /und weil sie mit guten nichts richtet / gebraucht sie böse Wort / er wil sie aber nicht leiden / sondern lohnt ihrer Mühe mit doppelten Backenstreichen. Sie klagt dieses verfahren ihren Freunden / dieselbe der Obrigkeit / welche den Wundartzt für fordern lässet /und ihme etliche verdächtige Oerter verbietet / auch anzugeloben nöhtiget / daß er solche meiden und sein Weib nicht mehr so übel halten wolle etc. bey Bedrauung fernerer Straffen.

4. Dieses halffe so viel / daß er verborgen / und klüglich oder vielmehr trüglicher verfahren / und die Frau glauben machen / daß er hin und wieder Kranke zu besuchen hette / welche er aber ohne Pflaster geheilt. Das Weib trauet ihrem Mann nicht / wol wissend / daß er so wenig weisser wird als ein Mor mit Laugen gewaschen / ob sie gleich sehr scharff / und andern ausser ihm / den Unflat wol solte abnehmen. Sie bestellet aller Orten ihre Aufseher / zu erfahren /wo dieser geile und müssige Hengst seinen Aufrit haben möchte.

[330] 5. Endlich kommt sie in Erfahrung / daß er sich an eine gemeine Dirne gehengt / welcher Frechheit alle /die mit ihr ümgegangen verdächtig gemacht. Er stellte sich / daß er über Land zu reiten hette / auf seinem Esel / der ja so alt als sein Herr / Nachts aber kame er zu seiner Ehebrecherin. Dieses bringt sein Weib in sichere Erfahrung und verhebt ihm solchen Betrug mit Bedrauung Obrigkeitlicher Einhaltung. Er schwert und laugnet darfür / welches Gott liesse hingehen /biß sein Sünden-Maß erfüllet worden.

6. Einsten will er wieder hinweg reiten / und seinem Vorgeben nach / über Feld. Das Weib fragt zweifflend / wo er hin wolle? der Mann sagt / er sey nicht schuldig ihr Rechenschafft zu geben / weil er seiner völligen Jahre / und nicht unter jhren Meistersingerischen Gewalt. Hierüber schändet sie ihn / und er sie hinwiederumb. Endlich sagte er rund heraus: Hör Frau / dir zu trotz reite ich jetzt in das Hur Haus. Mit diesen Worten lässet er die Zänkerin stehen / und schwingt sich auf seinen Esel / und weil die Nachbaren über dem Geschrey zu lauffen / giebt er dem Thier die Sporn: der Esel wird dardurch stetig springt und schlägt / daß der Barbierer herab fällt / bleibt aber in einem Bügel hangen / und wird der Ehebrecher / biß zu seiner Schleppen Thüre geschleppet / daß das Gehirn auf dem Pflaster klebt.

7. Also wurde dieses Wundartzts Winkel-Sünde an den Tag gebracht / und er unter den Galgen begraben. Wann alles zu Rache der Sünden geschaffen / hat es vielleicht also ergehen müssen. Gott ist gerecht und seine Gerichte sind gerecht / und ist dieser Todesfall von niemand betrauret worden.


Die flüchtige / nichtige fleischliche Lust /
hegt schändlich- und ewiglich-schädlichen Wust.
Ein reinliches / keusches und sittiges Leben /
kan himmlische Freuden im Irdischen geben.
98. Der Gewissens Zwang
[331] (XCVIII.)
Der Gewissens Zwang.

Die Lehre / welche der alte Tobias seinem Sohn giebt / solte billich allen jungen Leuten unvergessen seyn: dein Lebelang / sagt er / hab Gott für Augen und in dem Hertzen / und hüte dich / daß du in keine Sünde (wieder dein Gewissen) willigest / und thust wieder GOTTES Gebot. Die Schwachheit der Menschen ist so groß / daß keiner sagen kan / ich bin rein von meinen Missethaten / aber für den groben wissentlichen Sünden wieder die Gebote kan sich jeder wol hüten /und solte der Mensch lieber sterben / als in solche willigen / weil es ihn nichts hilfft / wann er die gantze Welt verlieret / und Schaden leidet an seiner Seele: Zu deme wird er selten der zeitlichen Straffe entfliehen /wie wir an dem Cainischen Bruder gesehen / und dergleichen auch aus nachgehender Geschichte zu beobachten haben.

2. In einer vornehmen Statt in Schlesien / wohnte ein reicher Wirt Namens Alarich / welcher nur eine Tochter hatte / die in aller Zucht und Gottesfurcht auferzogen worden. Dieser Wirt war ein ehrlicher redlicher Mann / und von Gott gesegnet / daß er wol ohne diese Wirtschafft zu leben gehabt / wann er nicht viel mehr auf die Gesellschafft der Fremden / welche er liebte / als auf seinen Nutzen gesehen.

3. Alarich hatte einen Diener Namens Gilbert /einen armen Tropfen aus Oesterreich bürdig / der durch seinen Fleiß und Wolverhalten seines Herren Gunst gewonnen / daß er ihme in seinem Abwesen /das Haußhalten vertrauet / wol wissend daß es versorgt. Dieser Gilbert verhoffte Electram deß Wirts Tochter endlich zu verdienen / wie Jacob die Rahel /hörte aber daß Alarich keinen mangel an seiner [332] Person / aber an seinem Vermögen / und daß er seine einige Tochter keinem so armen Gesellen gebe / und musste er ein par 1000. Fl. in dem Beutel haben /wann er sein Tochtermann werden solte / etc.

4. Dieses faste Gilbert zu Ohren / und als Alarich auf eine Zeit mit Weib und Kind auf seinem Landgut /kommt ein Gast / der giebt Gilbert ein schweres Felleisen zu verwahren: Er betrachtet es / daß es schwer und sihet nach dem er eine Nad getrennet / daß über 1000. Ducaten darinnen. Diese / sagte er bey sich /sollen mir Electram werben / und mich zu einem reichen Wirt machen. Zu Nachts gräbt er eine grosse Gruben in den Garten / und zu früe schneidet er dem Kauffmann die Gurgel ab und wirfft ihn mit allen seinen Kleidern hinein / das Pferd aber verkaufft er einem andren Raisigen / daß also niemand als er und Gott darvon wissen können.

5. Als nun Alarich wiederkommen / sagte er zu seinem Herren / er were so arm nicht / als er wol meinen möchte / sondern hette einen reichen Vettern zu Krackau zu erben / welchen er besuchen wolte / und begehrte auf etliche Wochen Verlaub dahin zu raisen. Alarich willigte darein / und kommet zu bestimmter Zeit wieder: bringt bey 1000. Rthl. mit sich / und sagt daß er noch ein mehrers durch Wechsel zu empfahen /wol wissend wo er es nehmen solte. Alarich giebt ihme also seine Tochter / und mit derselben die gantze Wirtschafft / setzet sich auf seine Landgüter eines /die Zeit seines übrigen Lebens ruhig zuzubringen.

6. Also bliebe Gilberts Mordthat viel Jahre verschwiegen / biß ihme endlich das Gewissen aufgewachet / ihn traurig / erschrocken / furchtsam und vielmal seufftzen gemacht / den Schlaff benommen oder mit erschröcklichen Traumen verunruhiget / und dörfte er doch seine Geheimnis keinem Menschen offenbaren. Sein Weib fragte offt die Ursach seiner Traurigkeit / er hütete sich aber auch für der / die in seinen Armen schliefe / wie der Prophet warnet.

[333] 7. Man solte einsten einen Mörder richten / welches dieser Gilbert auch sehen wolte / bevor aber etwas von Speisen zu sich nehmen / und als er sich zu Tische gesetzt / brachte sein Weib einen Kalbskopf in einer Schüssel / welche er sonsten sehr zu essen geliebt. So bald er dessen ansichtig wird / schreit er überlaut: Weg / weg / mit diesem Menschen Haubt /man möchte vermeinen ich hette ihn ermordet! Electra erstaunet ob dem Wort / und fürchtete er würde Närrisch werden / sagte daß es ein Kopf von einem Kalb daß der Fleischer geschlachtet / er aber beharret darauf / daß es ein Meschen Haubt.

8. Also gehet er ungessen darvon / und höret dem Mörder sein Urtheil verlesen / wie er einen / wegen seines Geldes / auf freyer Strassen getödtet / und beraubet / deßwegen er lebendig solte gerädert werden. Der arme Sünder betete fleissig / und wurde von den Geistlichen deß ewigen Lebens vertröstet. Als er nun auf dem Richtplatz kommet / dringet Gilbert herfür und bittet den Bannrichter / er sol auch ihn wegen dergleichen Verbrechen / durch deß Henkers Hand tödten lassen.

9. Jederman verwundert sich über dieses Begehren / und vermeinte man / dieser Gilbert wer von Sinnen kommen: als er aber seine Aussage beharret / und nochmals bittete ihn in das Gefängnis zu legen / weil ihn sein Gewissen zwinge / alle ümstände seiner Mordthat zu bekennen / und die Straffe auszustehen /hat ihn der Bannrichter willfahrt / und ist also / nach Entdeckung deß Verlauffs / gleich dem andern Mörder gerädert worden.

10. Deß Menschen Gewissen kan nicht besser ausgebildet werden / als durch ein Hertz / in welchem ein Spiegel / der so wol gutes als böses / schönes als ungestaltes weiset / hierbey können folgende Verßlein stehen.


[334]
Dein Gewissen
wie das zarte Spiegel Glaß /
macht dich ohne Neid und Haß
alle deine Fehler wissen.
Hüte dich für Sünden Leid
alle zeit!
99. Der rasende Vater
(XCIX.)
Der rasende Vater.

Viel achten das Landleben für das glückseligste / weil die Einfalt und Redligkeit eine Befreiung ist von vielen Sünden. Es sind aber die meisten Bauren so lose Gesellen / so grobe viehische und unverständige Leute / und bey bösen Zeiten so verzweiffelt arg / daß ihnen kein Laster zu groß / und weil sie in Einöden und Wildnissen zum theil wohnen / sind sie auch mehrmals wie die reissenden wilden Thiere geartet /wie wir dessen ein jämmerliches Exempel hierbey bringen wollen.

2. In einem Dorff unfern von Brissac / in Elsas wohnte ein Weinhacker / genannt Adam / welcher sich von seiner Handarbeit nehrte / und dem trinken sehr / ergeben war: wie dieser Gesellen so gemeiner Gebrauch ist / daß sie solches für kein / oder ein rühmliches Laster achten. Die Laster hangen alle an einer Ketten / derselben andres Glied machte das fluchē und schweren / das dritte spielen und dopplen. Bey solcher Unart konte er kein guter Haußhalter [335] seyn / und manglete es nicht an allen mangel in seiner Hütten.

3. Zu diesem kam der Kinder Segen / welcher seine Armut so viel empfindlicher machte / und ob wol sein Weib mit ihrer Handarbeit möglichsten Fleiß ankehrte / war doch ihr Verdienst eine gar geringe Beyhülffe / daß sie sich speisten mit schmertzen Brod / und tränkten mit grosser Thränen Maß. Man sagt im Sprichwort / daß die Henne mehr zerscharren kan / als der Han zusammen tragen: wann aber die Henne den Haan ernehren sol / so wird er wol Hungers sterben müssen.

4. Auf eine Zeit gange Adam in die Statt zu seinem Herren / und beredete ihn / daß er ihn seinen Lohn auf drey Monat vor aus bezahlte / weil er seine Noth und Armuth sehr klagte / und versprache / so viel desto fleissiger zu seyn. Er hatte aber kaum das Geld empfangen / sihe / da stürtzt er sich mit demselben in einen Keller / und vertrinckt einen Theil / den andern aber verspielet er mit zweyen leichtfertigen Gesellen; darüber er dann angefangen Gott in dem Himmel zu lästern / daß kein Wunder / wann der Satan / wie in Judam / auch in ihn gefahren / und in folgender Mordthat die Hand geführet.

5. Unter allen Lastern ist fast das fluchen das ärgste / weil Gott dardurch beleidiget wird / der uns Menschen täglich unzähliche Wolthaten erweiset /und was Belustigung hat man doch darvon? Andre Laster haben noch eine Freude in sich / wie wol sie Schmertzen und Reue bringen: dieses aber hat der gleichen nicht zu hoffen; sondern höfelt dem bösen Feinde / klaget Gott der Ungerechtigkeit an / und wil das thätliche Unglück mit Worten unterbrechen. Ist es nur eine Gewonheit / so hat Gott auch die Gewonheit solche Lästerer in die Hölle zuverstossen / und ihnen Heil und Segen zu entziehen.

6. Als nun Adam besagter massen nach Hauß kommet / laufft ihm sein ältstes Kind entgegen und fordert ein Brod / er fragt nach einem Messer / und als das andre Kind eines brachte der Meinung das [336] Brod zu schneiden / ergreifft er das Kind und schneidet ihme die Gurgel ab; deßgleichen thäte er auch mit dem andern und dritten / das noch in der Wiegen lage. Das Weib kommmet nach Haus / der Hoffnung ihr Mann werde Geld mit gebracht haben / der böse Feind aber regiert diesen Mörder ferners seine Hand / daß er das Messer auch in seines Weibs Brust verbarge / und weil niemand mehr überig / als er / stösset er ihm selbest auch durch den Halß / darvon er zwar nicht also bald gestorben; sondern zuvor seine unerhörte Grausamkeit den darzu gekommenen Nachbaren eröffnen müssen.

7. Zu solchen abscheulichen Greuelthaten veranlasst die Trunkenheit und das Gewinnsüchtige Spielen. Hierbey setzen wir folgende (Diras.)

Scheltwort.
Freyart / Spieler / Leutbetrüger /
Gotteslästerer / Galgenbruder /
Trunkenbold / Thor / lieg-im-Luder /
Müssiggänger / Beutelkrieger /
Raben Vater / Kinder Feind /
Weiber Mörder / Teuffels Freund /
Selbsten Tödter / Höllenbrand.
Deine Blut betriefte Hand
Die der Satan selbst regieret
Hat dich in die Qual geführet;
Da du mit deß Cains Pein
Ewig wirst gemartert seyn.
100. Der gifftige Eifer
(C.)
Der gifftige Eifer.

Wie der Meuchelmord durch die Gesätze härter zu straffen / als ein Todschlag der durch Gegenwehr beschihet: Also ist auch gewiß die Hinrichtung mit Gifft viel sträfflicher / als andrer Mord / wie er auch beschehē mag. Die Blutgierigen und falschen sind für Gottes Augen ein Greuel / und [337] straffet sie mehrmals wordurch sie andren zu Schaden vermeint: beruffet hingegen zu seinem Dienst / welche er in der Anfechtung getreu und beständig erfunden: wie wir dessen ein nachfolgendes Exempel melden wollen.

2. Der Gifft ist leider eine Erfindung deß Mörders von Anfang / welcher die seinen gelehret auf so meuchelerische weise wider ihre Feinde (so meinsten theils fromm oder doch frommer als sie) Rache zu üben. Dieses Teufflische Mittel wird nicht nur in Hispanien / sondern auch in Welschland und Frankreich / selten aber in Teuschland gebrauchet / und deßwegen grosser Herren letztes Gericht genennet. Es bleibet aber nicht bey Hof / gemeine Leute bedienen sich desselben auch.

3. Erisila eines Kauffmans Tochter in einer grossen Handelsstatt in Frankreich / wurde geliebet von Arpag einem armen von Adel / der viel betrüglicher /als behertzt gewesen. Dieser war von eusserlichem Ansehen schön und wolgestaltet / daß er mit Höfligkeit und wolgefügten Worten dieser Jungfrauen Gegenliebe leichtlich erlangte. Der falsche Mensch war gleichsam der Brtrug selbsten / mit dem Mantel der Redligkeit ůmhůllet / daß er wol andre / als eine einfältige Dirne / hette hintergehen sollen / in dem diese Schlange sich unter die Blumen zu verbergen wuste.

4. Er nennte sich Erisila Diener / wolte aber sie für seine leibeigne Magd halten / und nicht leiden / daß sie einen andern ansahe / oder mit ihme Sprach hielte. Die Eifersucht ist der Schatten / oder der Rauch von der Liebesflamme / welcher allezeit eine Dunckelheit und Finsternis mit sich bringet / dahero auch Erisila ihre Liebe gegen diesen argwähnischen Buler gemindert / welches Arpag leichtlich beobachtet / und seine Krankheit vermehret / weil er nicht nur an der Lieb /sondern auch an der Geldsucht darnieder gelegen /welches beedes ihme allen Schlaff benommen.

5. Als nun Erisila eine betrübte Ehe leichtlich [338] vorsehen konte / und die Wahl unter mehr Freyern hatte /lässet sie diesen Eiferhansen fahren und ergiebt sich an Chrysolas / der in allen Arpagen zu vergleichen /ausser den Lastern und falschem Gemüte: zu deme war er auch von bessrem Geschlecht und Herkommen. Sie hatte so viel Verstand / daß sie ihre Eltern solchen Wechsel belieben machet / und Arpag fahren lassen darff / welcher seinen Schlangen Gifft in grosser Freundligkeit verborgen / nicht wissend wie er sich doch an beeden rächen solte. Das Hertz im Leibe hat er nicht daß er Chrysilas befeden dörffte / und vermeinte / daß die Sache füglicher mit Gifft / als mit dem Degen außzutragen. »Also ist der Menschen Klugheit sicher / aber nicht versichert.«

6. Er machte Freundschafft mit Chrysilas / und hatte Honig in dem Munde / Galle in dem Hertzen /stellet sich daß er ihme gerne und willig den Platz bey Erisila raume / und verehrte ihme ein par spanischer Handschuhe / welche so mit zarten Gifft / daß der sie anlegte / und die Hand darinnen erwarmen liesse /oder darzu rüchte / das Gehirn mit Gifft anfüllte und üm das Leben brächte. Es war dieses Chrysilas vermeint / weil er ihm seine Liebste weggenommen / ist aber über Erisilam ausgegangen / wie zu vernehmen seyn wird.

7. Chrysilas verehrte die Handschuhe seiner Liebsten / und leget darmit grosse Ehre ein / selbe aber hat sie kaum einen Tag gebrauchet / und spůrte solche Haubtschmertzen / daß sie den Schlaff und alle Gedult verlohren / das Angesicht ist auffgeschwollen /daß die Artzte einstimmig die Ursach dem Gifft zugemessen. Man gebrauchet ihr Gegengifft / aber zu spat / weil die Ursach ihrer Kranckheit bereit überhand genommen / und ihr Leben mit dem Tage geendet.

8. Chrysilas ware ein unschuldiger Todschläger /und gedachte sich an Arpag seinem Feind verdienter massen zurächen. Arpag triebe die Furcht in die Flucht / und als er bey einem schlechten [339] Mann verstecket / wurde er von Chrysilas Bekanten endlich ausgekundschafftet / und in das Gefängnis gebracht. Aldar weiste er ihmē die Handschuhe und reibet sie ihm in das Angesicht / daß er auch also bald halb todt dahin fiele / wie Erisila / in vier und zwantzig Stunden den Geist aufgabe / und Chrysylas alles Verdachts erledigte.

9. Also ist Arpag in die Gruben gefallen welche er ihm selbsten gegraben / und von Gott gestraffet worden / wie er gesůndiget: Chrysolas aber hat diese betrügliche Welt verlassen / und die Zeit seines übrigen Lebens in einem Kloster zu bringen wollen. Diese Geschichte hat sich begeben zu der Zeit / als Ostenden von den Spaniern ist bezwungen worden / wiewol dem Leser an den ümständen des Orts und der Zeit so wenig gelegen / als dem Kranken an dem Namen seines Artztes / welcher ihn heilet.

10. Das zweydeutige Wörtlein Gifft / welches auch für die Gaben und Geschänke gebrauchet wird / giebt Anlaß zu folgender

Rähtsel.
Was giebt dir Freund und Feind /
zu werben deine Gnaden /
zu deinem grossen Schaden /
was gut und böß gemeint.
Das Wort vermehrt deß Richters haab /
das Werk bringt manchen in das Grab /
dem jetzt die Sonne scheint.

Ende deß Vierdten Theils.

Der Funffte Theil

Register der Geschichte deß V. Theils
Register
Der Geschichte deß V. Theils.
CI. Der erbärmliche Tod deß H. Montmorency.
CII. Die Hinrichtung deß H. Defiats und H. de la Thou.
CIII. Das falsche Zeugnis.
CIV. Der bestraffte Rauber.
CV. Der erwürgte Kayser.
CVI. Der Glüksfall.
CVII. Die verzweifelte Unschuld.
CVIII. Die bestraffte Verrähterey.
CIX. Der eifrende Vater.
CX. Die bestraffte Unzucht.
CXI. Die verzweifelte Liebe.
CXII. Ehbruchsrug.
CXIII. Die Tyrannische Stief-Mutter.
CXIV. Die Heuchlerische Andacht.
CXV. Erscheinung der Geister.
CXVI. Die ermordten Buler.
CXVII. Das eröfnete Geheimnis.
CXVIII. Der ergrimmte Eifer.
CXIX. Der Bulermörder.
CXX. Die Entheiligung deß Sontags.
CXXI. Der gerochne Ehbruch.
CXXII. Der Beschwerer.
CXXIII. Der unschuldig erhengte.
CXXIV. Straffe der Meuchellist.
CXXV. Der weltliche Mönich.
101. Der erbärmliche Tod deß H. Montmorency
[342] (CI.)
Der erbärmliche Todt deß H. von Montmorency.
Der sinnreiche Saavedra mahlet eine zerbrochene Klocken / mit dieser Uberschrifft:

(ex pulsu noscitur)

aus dem Schlag erkannt.

Zuverstehend gebend / daß grosser Herren Fehler und Gebrecher so wenig können verborgen bleiben / als der Mißlaut einer zerbochnen Klocken / welche in der Höhe von jederman gehöret wird. Dahero auch die alten Teutschen von der Fürsten Lastern zu sagen pflegen: je grösser der Stand / je grösser die Schand /und der weise Mann sagt: Grosse Leut fehlen auch.

2. Dessen kan zu unsren Zeiten ein denkwürdiges Exempel seyn / der Hertzog von Montmorency / welcher von Königlichem Geblüt geboren / und in allen Ritterlichen Tugenden von Jugend auf geübet / aus Verleitung unruhiger Köpfe einen sehr schmählichen Tod / wie die Gefichte beglauben / verschuldet / und ob wir zwar sonsten von grossen Herren Meldung zu thun nicht gewillet sind / haben wir doch mit dieses Herrn Trauerfall / weil solcher von keinem noch der Zeit / in Teutscher Sprache beschrieben worden / und viel merkwürdige Umstände begreifft / den fünfften Theil dieses Schauplatzes eröffnen wollen.

3. Im Jahre 1632. den 21. Weinmonats wurde der Hertzog von Montmorency / mit einer [343] starcken Wacht / gefangen nach Tholouse gebracht. Bald hernach wurden 7. Zeugen abgehöret / drey Haubtleute / ein Leutenant / zween Feldweibel und ein Schreiber namen Guillomet / welcher den Ständen in Lanquedoc bedient gewest. Dem Hertzog wurde fürgelesen Königlicher Befehl / an das Parlement zu Thoulouse / in welchem desselben Rahtsherren befohlen worden /wegen besagten Hertzogen von Montmorency Kundschafft ein zu ziehen / und nach Befindung seines Verbrechens ein Urtheil zu schöpffen. Der Hertzog antwortete: daß er zwar nicht schuldig were / wegen seines hohen Standes für einigem Gericht / als für dem Parlament zu Paris / zu erscheinen / weil aber der König solches befohlen / und er wisse / daß die Herrn von Tholouse Liebhaber sind der Gerechtigkeit /wolle er sich ihrem Gerichtszwang nicht entziehen.

4. Als nun die Zeugen / in seiner Gegenwart / ihre Aussage nochmals widerholen musten / bestande er erstlich / daß er bey Castelnau d' Arry / die Auffrührer / wieder deß Königs Volk angeführet / und beglaubten die Zeugen / daß er damals für dem Rauchdampf deß Schiessens / und deß Bluts / mit welchem er besprützt / nicht wol erkäntlich gewesen etc. / Zum andern wolte er nicht gestehen / daß er der Laquedoter Rahtschlag / in welchem sie den Hertzog von Orleans / zu einem Schutzherren ihrer Freyheit aufgeworffen /unterschrieben hette; als ihm aber der Schreiber seine Hand und Petschafft fürgewiesen / hat er sich sehr über ihn ergrimmt / und gesagt / daß solches falsch /die Hand nachgemacht / und das Siegel nachgegraben / oder ihm entwendet worden.

5. Weil nun dieser Herr / wegen seiner übertrefflichen Gaben Tapferkeit und Höfligkeit von grossen und kleinen geliebt und geehrt war / hat es an Fürbitte bey dem König nicht ermangelt / aber alles vergebens. Er wurde für Gericht gestellet / und von dem Herrn /welchem deß Königs Insiegel anvertraut / nach gemeinen Fragstücken von seinem Herkommen / Alter und Stand / etc. befragt / ob er der Lanquedocker[344] Rahtschlag unterschrieben? darauf er mit ja geantwortet / und gesagt / daß er sich dessen seithero erinnert. Er wurde ferners gefragt: ob der Hertzog von Orleans ihn die Waffen zu ergreiffen befohlen? darauf er geantwortet / daß er besagtem Hertzog / als seinem gnädigen Herren dessen keine Schuld beymesse. Daß er aber auf den Grentzen mit fremden Feinden deß Königreichs einigen Anschlag solte gemacht / oder wieder die Kron sich empöret haben / ausser deme / daß er der Laquedocker Freyheiten verfechten wollen / hat nicht auf ihn können gebracht werden. Letzlich ist er auch gefraget worden: ob er nicht vermeine / daß er den Tod verdienet habe? darauf hat er geantwortet: Er habe den Tod durch seine Sünden verdienet / und wolle nicht darwieder sagen. Nach diesem ist er weiter in verhafft gebracht worden.

6. Die Richter und Beysitzer haben wegen dieses Hertzogen Freundligkeit / guten Verstand und Sitten /grosses Mitleiden gehabt / weil er aber sich an Königl. Majest. vergriffen gehabt / haben alle seine Tugenden das Schwert der Gerechtigkeit nicht können zurucke halten. Als nun das Urtheil seines Todes geschöpffet worden / hat der König das blaue Ordensband / der Ritterschafft vom H. Geist / und den Marchalstab von ihme lassen abfordern / und befohlen /daß er solte auf dem Rahthaus in verschlossner Thier / enthaubtet werden / und ihme frey stehen / seine Güter / welche dem König / wegen seines Verbrechens / heimgefallen / nach belieben zu verschaffen. Als ihm nun das Urtheil fürgelesen wurde / hat er auf den Knien liegend / das Crucifix mit strengen Augen angesehen und gesagt: Ihr lieben Herren / bittet Gott für mich / daß ich diesen Tod / welchen ihr mir angekündet / als ein guter Christ / überwinden möge.

7. Als er ferners seine stattliche Kleider angesehen / hat er begehrt solche aus zu ziehen / weil unser Erlöser / welcher gantz entblösset gestorben / keinen Gefallen an solcher Eitelkeit werde haben können. Er hat auch gefragt / nach deme er gebeichtet / und das H.[345] Abendmahl empfangen / wann er sterben müsste / als man ihm gesagt / um 5. Uhr / hat er geantwortet / ob solches nicht bevor / und ům die Stunde geschehen könte / in welcher Christus gestorben. Darauf man ihm geantwortet / daß solches in seinem Willen stünde: Also bald hat er ihme die Haare lassen abschneiden / sich außgezogen / und folgendes Abschiedbrieflein an seine Gemahlin zu Papier gesetzet:


Mein Hertz /


Ich nehme hiermit meinen letzten Abschied von Euch / und versichere / daß die Liebe / welche jederzeit unter uns gewesen ist auch im Tode beharre. Ich bitte euch / wegen der Ruhe meiner Seele / und wegen der Ruhe die ich bald in dem Himmelreich erlangen werde / das ihr euch nicht zu viel wegen meines Todes betrüben wollet. Ich habe von meinem süssen Heiland so viel Gnade empfangen / daß ihr Ursach habt / euch zu trösten. Gute Nacht mein Hertz.


E. Montmorency.

Im Tholouse / den
30. Weinm. 1632.

Er schrieb noch zween Briefe / an seine Fr. Schwester / und den andern an den Cardinal de la Valtte.

8. Die Königliche Wittib hatte etliche Tage zuvor an den König dieses Inhalts geschrieben: Wann E. Majest. meinem Vettern dem Hertzog von Montmorency nicht das Leben schencket / werde ich solches die Zeit meines Lebens nicht vergessen. Seine Frau Schwester hat der König nicht wollen anhören / als sie für ihren H. Bruder bitten wollen. Die Venetianer haben ümständig an den [346] König geschrieben / und gebetten ihnen diesen Hertzog zu ihrem Feldherren zu ůberlassen / aber alles vergeblich. Der Fürst von Conde hat an den Cardinal von Richelieu geschrieben: Erinnert euch / daß ich ein Fürst bin von Königlichem Geblüt / daß ich auch Kinder habe / und daß der Hertzog von Montmorency mein Schwager etc. Als auch der Cardinal verstanden / daß die Königin fůr ihn bitten wolle / deßwegen er ihr zugesprochen /daß sie es ja nicht thun solte / weil sie wisse / daß zwar der König ihre Bitt nicht versagen würde / darüber aber erkrancken oder gar sterben möchte / weil er sich allezeit übel befinde / wann er etwas wieder seinen Willen zu thun gezwungen werde.

9. Als nun die Zeit verhanden / und der Hertzog auf die aufgerichte Binnen tretten sollen / hat ihm sein Barbier dē Nachtrock weil er nur in den Schlafhosen war / ümgeben wollen / er hat aber solchen wieder fallen lassen / und gesagt: Nein / mein Freund / wir müssen gantz weiß für Gott erscheinen. Als er nun mit dem Jesuiten Arnaux auf die Binnen steigen sollen / hat er zuvor gefragt: Ob keine Gnade verhanden? Als ihm aber der Haubtmann der Wacht / mit nein /traurig geantwortet / und daß alle seine Freunde solche zu erlangen vergeblich bemühet gewesen / hat er alle anwesende gegrüsset und gebetten dem König nach seinem Tode zu sagen / daß er sein unterthäniger Knecht sterbe / mit grossem Hertzenleid / daß er ihn beleidiget / bitte auch deßwegen S.M. und alle Christen üm Verzeihung. Sein Barbierer wolte ihn binden / er sagte aber zu dem Henker / dieses ist dein Handwerck / binde du mich / und als der Hencker sagte /die Haare weren ihm nicht kurtz genug abgeschnitten / sagte er man solte dann mehr hinweg schneiden. Der Hencker wolte solches den Barbierer verrichten lassen / der Hertzog aber sagt / daß solches der Scharffrichter thun solte / weil er als ein grosser Sünder keine Schmach zu scheuen habe / und das Christus auch von den Henckersbuben were gebunden worden.

[347] 10. Nach deme er nun die letzte Entbindung seiner Sünden / von dem Jesuiten Arnaux angehöret / das Crucifix geküsset / und Gott seine Seele befohlen /hat er den Hals / in welchem noch etliche Wunden unter das Fallbeil gestreckt / nochmals gebett / und dem Henker gesagt / er solte nun sein Ambt verrichten / welches er auch gethan / und ihm das Haubt in einem Fail abgeschlagen. Als solches geschehen / hat man die Thür eröffnet / und den Leichnam sehen lassen / da dann eine grosse Menge Volks hinein gedrungen / sein Blut aufgesammlet / und ihn mit vielen Thränen beweinet.

11. Also hat Heinrich Hertzog von Montmorency sein Leben in dem 38. Jahr seines Alters geendet: Er ist gewesen ein Pair und Mareschall / wie auch Admiral oder Seeherr in Frankreich / Urenkel vier Connestabel und sechs Mareschallen / der vornemste Baron in Frankreich / Schwager deß vornemsten Fürsten von Königl. Geblütes / Vetter zweyer andern Fürsten. Nach dem er zwo Schlachten eine zu Land wieder die Hugenotten / und die andere zu Wasser wieder die Spanier erhalten / und Casal entsetzet. Seines gleichē hat Frankreich an Geschlecht / Reichthum / Schönheit deß Verstandes und deß Leibs nicht gehabt. Seine Holdseligkeit hat ihn bey jederman beliebt gemacht /daß er / ausser diesem schmählichen Tod / für recht glückselig zu schätzen. Sein Haubt ist wieder auf den Leichnam genehet / balsamiret / und in einem Sarch von Bley begraben worden. Welche seinen Tod betrauren / können sein Verbrechen nicht loben.

12. Die hohen Häubter sind nicht ausser der Gefahr und sihet man in dem Angesicht nicht / mit wie viel Sorgen das Hertz gequälet ist / wir setzen über dieses Hertzogen Tod folgende Verßlein.


Der Krieges Gott ist todt /
der offt die Todes Noht
mit grossem Muht getrutzet:
[348]
die Lorbeer ohne Zahl /
und manches Siegesmahl /
hat vor dem Donnersstral
deß Tods / ihn nicht geschützet.
Es trauret jedermann
der kläglich trauren kan:
der Feind hat ihn genommen
und ruckwarts hingeraubt /
das kluge Fürsten Haubt.
Er dorfft nicht (wie man glaubt)
ihm fůr die Augen kommen.
102. Die Hinrichtung H. Deßfiats und H. de la Thou
(CII.)
Die Hinrichtung H. Deßfiats und H. de la Thou.

Was die Alten ins gemein zu sagen pflegen: End gut /alles gut / ist absonderlich war von der Menschen Leben. Ist ihr Ende gut / so wird alles andres böses Leben dadurch beschönet / und hat jener Geist- und Sinnreiche Lehrer recht gedichtet / daß ein Stoischer Philosophus sich in der Christlichen Religion unterweisen lassen: Als er aber etliche Christen einen bösen Wandel führen / und doch seelig sterben sehen / hab er solches für ein grosses Wunder ausgeschrien /und gesagt / daß unter allen Völckern die Christen allein übel lebten und wol stürben. Solches wird aus nachgehendem Exempel mit mehrerm zu erlernen seyn.

2. Im Jahr 1642. den 12. Herbstm. wurde Henrich Desfiat de Cinq.-Mars Groß-Stallmeister Königl. Majest. in Frankreich / aus seiner Gefängnis für Gericht gestellet / und von dem H. Presidenten von Grenoble /samt vielen andern Parlaments Herren / welche der König absonderlich darzu ernennet / angehöret / und nach deme er seine Aussage gethan / hat er sich viel standhaffter / als zuvor bezeuget / weil er mit so grosser Ungedult / solchen Gerichtstag erwartet.

[349] 3. Der Herr von Thou hat sich nahgehenden Inhalts / als er gefraget worden / ob er von H. Deßfiats Verrähterey wieder den König gewust? geantwortet / etc. Ich könte wol laugnen / daß ich solches gewust / weil mich niemand / als H. Deßfiat (welcher doch gleichfals straffbar / und wider mich nicht zeugen kan) beschuldigen wird. Ist also mein Leben und mein Tod /nach den Gesetzen / und der Gerechtigkeit in meinen Händen: Ich bekenne aber willig und ungezwungen /daß ich wegen gemelter Verrähterey / oder vielmehr angestellter Rottierung gute Wissenschafft getragen /weil ich in dreyen Monaten meiner Gefängnis zu sterben / und dieses elende Leben zu verachten / studiret. Die Gestalt deß Todes beduncket mich viel schöner /als das Leben / und wil ich eine so gute Gelegenheit seelig zu sterben nicht ans Händen lassen. Zum andern ist mein Verbrechen so abscheulich und sträfflich nicht / weil ich zwar üm die Verrähterey gewust /selbe aber beweglichst wiederrahten und davon abgemahnet / ihn auch als meinen vertrauten Freund / der sich auch meiner Gegentreue versichert / nicht angeben / und üm das Leben bringen wollen / welches ich mir selbsten abspreche und mich zu dem Tod verdamme.

4. Bald hernach hat man ihnen angezeigt / sie solten sich zu sterben bereit machen / welches sie mit grosser Standhafftigkeit angehöret / und der H. von Thou hat mit lachendem Mund zu H. Deßfiat gesagt. Nun wol an ihr bringt mich üm das Leben; ich hate Ursach mich über euch zu beklagen / ich liebe und dancke euch aber deßwegen. Es muß mit tapferem Muth gestorben seyn. Das Paradiß für dieses Leben ist ein guter Tausch. Hierauf haben sie einander ůmfangen / und sich erfreuet mit einander zu sterben /weil sie in ihrem Leben jederzeit gute Freunde gewesen. Als nun der Gerichtschreiber kame / welcher ihnen das Urtheil fürlesen sollen / hat der H. von Thou gesagt: wie lieblich sind die Füsse derer / die Friede verkündigen! In dem Urtheil sind die Briefe angezogen [350] worden / welche Deßfiat mit den Spaniern gewechselt / und weil H. von Thou solches gewust und nicht geoffenbaret / sind sie aller Ehren entsetzet /zu dem Tod verurtheilt / ihr Güter dem Könige heimgefallen / und Deßfiat zu Eröffnung der gantzen Handlung / an die peinliche Fage geworffen worden.

5. Hierauf sagte der Herr von Deßfiat: Ich erschrecke nicht für dem Tod / aber die art dieses Todes kommet mir erschrecklich vor. An die Peinliche Frage gehören keine Leute wie ich bin: Ich wil hoffen man wird meines Alters (von 22. Jahren) und meines Standes verschonē. Ich bekenne meine Schwachheit / auf diese Frage kan ich nicht antworten. Nach diesem haben sie zween Jesuiten zu Anhörung ihrer Berichte begehret / welche ihnen auch also bald zugelassen worden. Als nun der Herr von Thou gebeichtet / hat er gesagt / daß er sich sehr wundere / daß er von allen seinen Freunden zu Hofe verlassen werde. Der Jesuit sagte daß solches der Welt Lauff nach den bekanten Versen:


(Donec eris felix, multos numerabis amicos,
Tempora si fuerit nubila solus eris.)
Dieweil du sitzt im Glück wirst du viel Freunde nennen /
Wann trübes Wetter kommt / so wird dich keiner kennen.

Dieser hat H. de Thou sehr wolgefallen / und die Verse mehrmals wiederholet. Er hat in seiner Gefängnis sonderlich gelesen deß Bellarmini Büchlein (de arte bene moriendi) von der Kunst wol zu sterben /sich GOtt ergeben / die H. Sacramenten gebrauchet und sich mit einem eifferigen Gebet getröstet / sagend / daß diese Standhafftigkeit zu sterben / welche er erzeigt / eine besondere Gabe Gottes sey / und eine unverdiente Gnade / daß er voll Trostes zu dem Tod geführet werde. Er sagte vielmals die Wort in der 2. an die Cor. am 4. v. 17. Unser Trübsal die zeitlich und leicht ist / schaffet eine ewige / und über [351] alle maß wichtige Herrligkeit / uns / die wir nicht sehen auf das sichtbare / sondern auf das unsichtbare: dann was sichtbar ist / das ist zeitlich / was aber unsichtbar ist /das ist ewig. Wie auch die Wort aus der Epistel an die Römer am 8. v. 35. Wer wil uns scheiden von der Liebe Gottes / etc. Ich / sagte er / erkenne jetzund besser / als niemals die schnöde und hinfallende Eitelkeit dieser Welt / und dancke Gott / daß er mich daraus nimmet / und mich das Leben in dem Tod finden lässet.

6. In seiner Gefängnis hatte dieser Herr von Thou ein Gelübd gethan / daß wann ihn GOtt aus dem Gefängnis erlösen würde / daß er wolle ein Capellen bauen / und dreyhundert Pfund jährliche Einkunfften darzu stifften / welches er auch gethan / und selbsten diese Uberschrifft darzu aufgesetzet.


CHRISTO LIBERATORI

Votum in carcere pro libertate conceptum

FRANCIS. AVGVST.

THVANVS.

è carcere vitæ jam jam liberandus merito solvit.
Confitebor tibi DOMINE, quoniam exaudivisti me,

& factus es mihi in salutem. 12. Septem. 1642.


Etliche Brieflein hat er hernach geschrieben / und gesagt / nun wil ich nicht mehr an die Welt gedencken: Lasst uns vom Himmel reden.

7. Als sie auf die Binnen / und den Richtplatz solten geführet werden / und in die Kutschen steigen wolten / sagte der Herr von Thou: Mein Herr / man wil uns auf der Kutschen in das Paradiß führen. Diese Herren halten uns gar zu ehrlich. Nach der Kutschen ist der Hencker gegangen / welcher ein Schröder oder Sacktrager war / weil der Henker von Lyon krank /und sich kein fremder wolte gebrauchen lassen. Der Herr von Thou tröstete den H. Deßfiat / sagend / daß er sich nicht solte verlangen lassen länger zu leben /ob er gleich jung / in hohen Ehren / reich und noch grösser in der Welt hette werden [352] können / sondern vielmehr Gott dancken / daß ihre Seelen aus der Gefahr deß sündlichen Hofflebens gnädig errettet / und sie Christlich und mit gutem Vorbedacht sterben liesse / welches eine sonderliche Gnade Gottes were /und höher zu schatzen / als alle nichtige Hoheit dieser Welt. Wormit haben wir doch diese Gnade verdienet? Ob zwar der Tod schmählich / so bringt er uns doch zu der ewigen Ehre der Kinder Gottes.

8. Als sie nun auf der Binnen / haben sie mit einander höflich gestritten / welcher unter ihnen der erste sterben solte / und hat H. Deßfiat / weil er am meisten gesündiget / und am ersten verurtheilt worden / der H. von Thou aber / weil er der ältste / vorgeschützet /daß der Jesuit den Ausspruch gemachet / sagend / daß er auch der Großmůtigste / und seines Freundes Tod mit Standhafftigkeit würde anschauen können. Als der HErr von Thou die Binnen angesehen / hat er mit freudigen Geberden gesagt: von hier müssen wir in das Paradiß gehen / wer bin ich elender Mensch / daß ich noch heute in die Ewigkeit gelangen sol? Nach dem sie nun bey dem Richtplatz angelanget / hat H. Deßfiat erstlich absteigen müssen / und als er auf der Binnen jederman gegrüsset / seinem Beichtvater den Hut und den Mantel / welchen man ihm nehmen wollen / verehret / auf den Knien nochmals von seinen Sünden entbunden worden / und das Crucifix unterschiedlich geküsset / und gefragt / ob er das Wames müsse ausziehen? als solches geschehen / hat ihm der Jesuiten Diener die Haare müssen abschneiden / weil er nicht gewollt / daß ihn der Henker anrühren solte. Als er nun den Halß darstrecken wollen / hat er diese Wort gesag:


Mein GOtt / dir opfere ich mein Leben auf / zu Vergnügung meiner Sünden. Wann ich noch länger leben solte / wolte ich ein andres Leben führen / als ich bißhero gethan hab: weil es aber GOTT also gefällt / so gebe ich meinen Tod und mein Blut zu Versöhnung meiner Sünden / [353] und thue solches von gantzem Hertzen willig.

Hierauff hat er etliche Gebet zu der Jungfrau Maria horen lassen / und alsdann das Haubt dargestrecket /welches ihm aber das Haubt auf einem Hieb von dem Leib nicht abgesondert / daß es der Hencker gleichsam herab seegen müssen. Der Leichnam und das Haubt ist mit seinem Mantel bedecket worden.

9. Nach dem solches geschehen / ist der Herr von Thou aus der Gutschen geholet worden / welcher mit lachendem Angesicht auf die Binnen gestiegen / die Zuseher höflich gegrüsset / und mit ausgestreckten Händen den Henker ümfangen / geküsset und gesagt /daß er ihn liebe / weil er ihn zu dem Paradiß befördere. Er sagte zu seinem Beichtvater: Wir sind der Welt ein Schauspiel worden / den Engeln und den Menschen / und hernach: HErr lehre mich deine Wege /und leite mich deine Stege / in das Himmelreich. Er sagte den 115. Psalm auff den Knien gantz freudig her / und eignete ihme desselben Wort in seinem Zustand tröstlich zu.

10. Etlichmals hat er seinen Beichtvater gefragt: Ob nicht auch eine Eitelkeit in der Begierde zu sterben sey / und ob er nicht sündige? Der Beichtvater hat geantwortet: daß wann es ihm von Hertzen gehe / wie er nicht zweiffele / so sey es keine Sünde. Der Henker wolte ihm die Haar abschneiden / der Jesuit aber nahme ihm die Scheer und wolte es seinem Diener geben / der H. von Thou aber gabe sie dem Henker wieder / und sagte / er solte es ihm abschneiden: weil aber der Henker gar ungeschickt / musste es deß Jesuiten Diener thun: Inzwischen hube er die Augen gegen dem Himmel auf / sagend: was sichtbar ist das ist zeitlich: was aber unsichtbar ist / das ist ewig!

11. Als ihm nun die Haare abgeschnitten / hat er begehrt / es solten die ümstehenden für ihn zu [354] GOtt bitten und gefragt: ob man ihm die Augen nicht verbinden wolle? Der Jesuit sagt / daß solches bey ihm stünde. Darauf er begehrt man sol ihm die Augen verbinden / dann / sagt er / ich habe kein Hertz / ich muß es bekennen / aber Gott hält mein Hertz in seinen Händen / daß ich noch eine Standhafftigkeit sehen lasse / welche von seiner Gnade herkommet. Nach dem er nun ein Fazolet oder Wischtuch von den Zuschauern begehrt / hat man ihm 3. oder 4. zugegeworffen / unter welchen er eines genommen / und sich höflich darfür bedanckt. Er steckte also den Halß unter das Beil / der Hencker aber / nach dem er ihm das Hemmet an dem Hals aufgelöset / hat ihm das Haubt nur halb abgeschlagen / daß er zurücke gefallen / und das Haubt gegen dem Himmel gewendet /welches ihm der Henker gar abgeschlagen. Beide Leichnam hat man in der Kutschen von dannen geführet / und den Hn. Deßfiat in eine Kirchen / Hn. Thou aber gebalsamiret in seiner Eltern Grab gebracht.

12. Dieser Leben und Tod lehret uns die Beschaffenheit deß unbeständigen / und wandelbaren Weltwesens. Ein Poet hat über diese folgende Verse gesetzt.


Morte pari periêre duo, sed dispare causa
Est reus ille loquens, est reus iste tacens.
Morte pari periêre duo, sed perdidit illum
Fracta Fides, alium perdidit arcta Fides.
Es hat zween treue Freund ein gleicher Tod getrennet /
ob gantz ungleicher That: Der eine selbst bekennet
untreue Meuchellist: Der macht es nicht bekannt
aus gar zu grosser Treu und kommt in gleiche Schand.
Hiervon machte einer einen solchen Vers.

Omnia (La Thou ou le Thout) cum Magno (le grand (se sine jure (le Duc de Bouillon) cadunt.
103. Das falsche Zeugnis
[355] (CIII.)
Das falsche Zeugnis.

Der böse Feind welcher ein Lügner ist von Anfang /hält seine Sachwalter hier auf Erden / welchen er mit zeitlichen und ewigen Unglück ablohnet. Der Gott der Warheit weiß hingegen die unschuldigen aus der Versuchung zu erlösen / und an das Liecht zu bringen /was verborgen und in geheim behandelt worden. Also hat Gott die unschuldige Susannam von der falschen Anklage der zween Alten durch Daniel errettet / und dem Daniel selbst aus der Löuengruben geholffen /seine Verleumder aber dargegen hinein werffen lassen. Dergleichen fast unerhörtes merkwürdiges Exempel ist auch folgendes.

2. Johan Beliard ein reicher Handelsmann zu Marsilien der berühmten Kauffmannsstatt in Frankreich /hat einem jungen Ehemann Georg Melue zu Tull wohnend 500. Kronen geliehen / darfür sein Vetter Esprit Vantier zu Monasque wonhafft / Bürge worden / und ist zu der Zeit der Wiederzahlung eine Jahrsfrist bestimmet / und darüber eine Handschrifft oder Schuldverschreibung bester massen aufgerichtet worden.

3. Nach zweyen Jahren / heischte Beliard sein vorgeliehenes Geld an den Selbst Schuldner Melue / welcher sich mit der Unmögligkeit entschuldigte / und ihn bate / er wolte mit ihme nach Monasque zu seinem Vettern der Bürge worden / raisen / welcher dann schon mittel machen konte / darein Beliard leichtlich gewilliget / weil es nur ein Spatzierweg. Ventier empfähet diese seine Gäste mit aller Höfligkeit / und weil die Sonne untergienge / blieben sie aldar über Nacht. In dem man nun die Mahlzeit zubereitet / gehen sie in dem Garten spatzieren: Melue sagte seinen Vettern /daß Beliard wolte bezalet seyn / und daß dieses die Ursach ihrer Raise.

[356] 4. Ventier ein Ertzschinder hörte solche Zeitung mit betrübten Hertzen / sagend / daß er jetziger Zeit nicht bey Mitteln / und daß ihnen Beliard nachwarten müsste / oder / wenn er nicht wolte / andre Wege zu erfinden. Nach eingenommener Abendmahlzeit / sagte Ventier zu Beliard / daß er wol wisse die Ursache seiner Raise / und daß er leider / der Zeit / nicht bey Geld / ihn zu befriedigen / er solte aber sich gedulten /und noch ein Jährlein nachsehen / oder er würde es bereuen müssen. Beliard hette wol mit ihm handlen lassen / wann nicht die Bedrauung angehengt worden: Antwortet deßwegen / daß er sich für ihren Worten nicht fürchte / und ob das der Danck / daß er ihnen geholffen / ja sagte er / ich wil nicht von dannen / biß ihr mich bezahlet. Wol sagte Ventier / so muß ich dann einen guten Freund ansprechen / der mir einen Vorstand thut / etc. Hierůber weiset man Beliard zu Bette / und Ventier lässet seine Trugsleute / welche er zu vielen Partiten gebraucht noch in der Nacht zu sich fordern / und eröffnet ihnen / daß er ein Mittel erfunden sie alle zu bereichern: redet also die Sache mit ihnen ab / wie sie hernach werckstellig gemachet worden / als folgen sol.

5. Zu morgens sagte Ventier / er hette einen guten Freund gefunden / der ihm 500. Kronen leihen wolte /er solte sich nur biß nach Mittag gedulden. Inzwischen kame Peter Lardayret ein Königlicher Schrifftsteller / oder Notarius / und bittet Ventier er solte mit ihm kommen einen Tausch zu siegeln / welchen Peter Bremond und Johann Hodoul mit ihren Weinbergen getroffen / und wer ein Leykauff bedinget worden / für welchen sie ein Früstück bestellet. Ventier fragte /wer der andre Zeug seyn solte / und als er sagte / daß noch keiner angesprochen worden / baten sie beede Beliard / er solte mit kommen / welches auch geschehen / und hat sich der Kauffmann keiner Falschheit versehen. Als sie nun bey dem Früstück sitzen / und alle Diener weggeschaffet worden / giebt ihnen Ventier das Loß / und fangen darauf diese vier an zu sagen / daß Beliard wieder Gott und seine [357] Heiligen /unerhörte Lästerungen außgestossen / welche mit Bedacht hier nicht beygeschrieben worden. Weil man den Namen Gottes nicht soll vergeblich führen. Wann diesem also gewesen / hette Ventier nicht unrecht gethan / daß er es der Obrigkeit angemeldet / nach dem Gebot Mosis. 3. Mos. 5. v. 1. Wann eine Seele sündigen würde / daß er einen Fluch höret / und er deß Zeuge ist / oder gesehen / oder erfahren hat / und nicht ansaget (dem Richter 5. Mos. 17. 4.) der ist einer Missethat schuldig.

6. Beliard ruffet Ventier zum Zeugen an / Ventier aber sagt / daß er ihme keinen Beystand leikönnne /weil die Sache wieder die Ehre Gottes lauffe / und diese Sache nicht könne verschwiegē gehalten werden: bringen es auch dahin / daß dieser unschuldige Kauffmann in den den Kerker geworffen wird Die Zeugen werden wegē der Gottslästerung abgehört /die sagen einstimmig / daß es angegebener massen daher gegangen. Der Kauffmann laugnet / wird aber von den Verrähtern überzeugt / und kunte er sich auf niemand als auf sein gutes Gewissen beruffen. In was Nöhten der gute Mann gewesen / ist unschwer zu erachten: er hette die 500. Kronen gern zu rucke gelassen / wann er nur der ängstigen Verhafft entkommen mögen.

7. Die Parlaments Herren zu Aix / übereilten sich nicht in dieser schweren Sache / unn senden jemand aus ihren Mittlen nach Marsilien / aldar zu erkündigen / was der beklagt Beliard fůr ein Leben und Wandel von Jugend auf geführet / als nun jederman viel guts von ihm gesagt / und daß er ein ehrlicher und frommer Mann jederzeit gewesen von vielen beglaubet worden / werden die Zeugen nochmals verhört /unn er ihnen unter Augen gestellet / und die Anklage nochmals erwiesen / daß das Urtheil ergehet / Beliard sol von dem Henker durch die Statt geführet werden /mit dem Strang an dem Halse / mit einem Waxliecht in den Händen / und auf den Knien bey der Haubtkirchen Gott den König und die Gemeine üm Verzeihung bitten / alsdann sol ihme der Henker auf dem Richtplatz [358] die Zungen aus dem Rachen schneiden /und selbe samt ihm zu Aschen verbrennen / die Aschen auf den Weg streuen. Seine Güter sollen dem König heimgefallen seyn / von denselben für jeden Zeugen 500. Pfund dem Ventier aber / als Anklager und Eiferer üm die Ehre Gottes 2000. Pfund bezahlet werden. Mit was Ohren er dieses Urtheil anhören müssen / und in was Angsten er gewesen / ist nicht außzusagen. Doch verlässet Gott die Unschuldigen nicht / und macht sie ihren Lust sehen an ihren Feinden.

8. Die Freunde dieses Beliards haben sich seiner angenommen / und bey dem Parlament eine Bittschrifft eingebracht / und sich erbotten seine Unschuld außzuführen / dazu ihnen acht Tage Zeit verstattet worden. Hierauf lassen sie die Zeugen noch mals für Gericht erfordern / bittend sie über dieser Anklage ümständiger zu vernehmen. Sie erschienen ausser Jean Roland / welcher todt kranck lage / und Melue der aus Furcht eines bösen Ausgangs verraiset. Die andren Zeugen kundschafften wie zuvor / und Beliard beruffte sich allein auff Gott aller Hertzenkůndiger / welchen er brünstig anflehete seine Unschuld an Tag zubringen / ihn auch erhöret / und seiner Bitt /auf unerwarte weise gewäret.

9. Jean Roland / welcher wie gedacht / krank lage /wachte das Gewissen auf / daß er das gegebene falsche Zeugnis bereuend / beichtete / mit Bitt / der Beichtvater solte deß Beliards Unschuld / nach seinem Tod eröffnen. Der Beichtvater spricht ihm über einer so schweren und vorsetzlichen Sünde hart zu /sagend: daß wieder seine Pflichte / das Beichtgeheimnis zu offenbaren / und ihn solcher gestalt von seinen Sünden entbinden / wolle ihm aber rahten / er solle solches durch einen Königlichen Schrifftsteller zu Papier bringen lassen / und eigenhändig unterschreiben /welches er auch auff ernstliches zureden gethan / der Hoffnung / so viel seliger zu sterben.

10. Mit dieser Urkunde eilte der Mönich [359] auf Aix und kame eben zu der Zeit / als das erste Urtheil wieder Beliard bestettiget worden / welcher ihm gantz unbekant war. Als er solches verstanden / erfragt er deß Beklagten Sachwalter / und lesset noch zu rechter Zeit diese Urkund seiner Unschuld und der Anklägere falsches Zeugnis zu hintertreiben einbringen: darüber also bald die Zeugen in Verhafft genommen / und an die peinliche Frage geworffen worden Hodoul und Bremond erschrecket die Marter / daß sie die Missethat bekennen / und daß sie von Ventier solches außzusagen / angestellet worden weren / Beliard zu verderben / und sich zu bereichern. Hierauf schicket man nach dem Schreiber / der die Urkund außgefertiget /welcher den Verlauff der Sachen bekräfftiget.

11. Nach Erkundigung deß gantzen Handelsverfasste das Parlament vier Urtheil. 1. Wurde Beliard für unschuldig erkant / und auf freyen Fuß gestellt /ohne Entgeld. 2. Wurde Ventier (welcher dergleichen mehr gespielt) in die Straffe deß erledigten Beliards verdammet / und alle seine Güter dem König zugeurtheilt / ausser 10000. Pfunden / welche dem unschuldig beklagten darvon bezahlet werden solten: Sein Vermögen hat sich auf 5000. Kronen beloffen / und hat er alle seine Hilbertsgrifflein / bevor man ihm die Zungen heraus geschnitten und verbrennet worden frey bekennt / und erzehlt / wie er zu solchem Reichthum gekommen / etc. 3. Die zween falsche Zeugen sind lebendig gerädert worden. 4. Ist Melue Bildnis als ob er auf das Rad gelegt / aufgehangen worden /der älste Sohn / der erst die Zeugen geholt / ist deß Landes verwiesen / und der jüngste für unschuldig er kennet worden.

12. Also erfahren wir noch täglich / daß war ist was dorten Salomon sagt; in seinen Sprüchn am 6. und 12. Ein loser Mensch ist ein schädliche Mann /gehet mit verkehrtem Munde / darüm wird ihm plötzlich sein Unfall kommen / und er wird schnell zerbrochen werden / daß keine Hülffe da seyn [360] wird / etc. und am 25. cap. v. 6. Wer Schätze samlet mit Lügen / der wird fehlen und fallen und v. 27. Der lügenhaffte Zeug wird ümkommen.

Klingreimen.
Es ist zwar der bösen Zungen
eine Zeitlang wol gerungen /
biß Gott hat gesehen drein /
und den Trug / und Meuchel-Schein
an deß Tages Liecht gezwungen /
daß sie / was sie vor errungen /
mit verdienter Straf und Pein /
müssen hart beleget seyn.
Aus deß Satans Höllen Trieb
redet mancher Ehren Dieb
seinen Nechsten zu verderben:
Wann auch gleich sein frevel Mut /
dardurch schindet Gelt und Gut /
kommt es doch nicht auf die Erben.
104. Der bestraffte Rauber
(CIV.)
Der bestraffte Rauber.

Es vermahnet der König David die Reichen im 61. Ps. v. 11. Verlasset euch nicht auf Frevel: fället euch Reichthum zu / so hanget das Hertz nicht daran / als auf ein beständiges Gut / 1. Tim. 6. v. 17. Denn die da reich werden wollen / fallen in Versuchung und Stricke 1 Tim. 6. v. 9. Dieses wird artlich gebildet durch einen Geldkasten / in welchem das Hertz deß Menschen / mit güldenen Ketten angefesselt ist / und weiset auf solche Stricke / nicht nur der Sünden und deß Satans / sondern deß Henkers / nachgehende Geschichte.

2. Guillery ein Breton war von Jugend auf zu dem Studieren gehalten / in welchen er wegen seiner [361] natürlichen Fähigkeit / wol fortgekommen. Als er nun in seinen Jůnglingsjahren zu Renes sich aufgehalten /hat er sich von allen Studenten lieben und fürchten machen. Wann bey Nacht ein Unglück geschahe / war er der Stiffter oder Gesellschafter darbey / weil er aller üppigkeit mehr als dem studiren nachgesetzet. Sein Vater wurde berichtet / daß sein Sohn ein böses Leben führte / deßwegen er ihn dann ernstlich vermahnte: darauf er zur Antwort gabe: er were nunmehr der Ruten entwachsen / und wüsste wol was er thun oder lassen solte. Dieser Ungehorsam war die erste Staffel zum Galgen.

3. Nach dem ihm nun sein Vater kein Geld mehr senden wil / dieweil er nach Hause zu kommen verweigerte / und eben damals der Krieg in Frankreich sich wieder anfeurte / liesse sich dieser Guillery / für einen gemeinen Soldaten unterhalten / und erwiese seine Tapferkeit so glücklich / daß er zu einer Haubtmannsstelle gelanget / und viel böse Buben unter sich hatte. Sein Verstand war sehr gut / seine Zunge beredt / seine Hand kühn / und wusste sich von seinen Untergebenen ehren und fürchten / von seinen Obern aber lieben und loben zu machen / wie gesagt: massen diese beede Bande deß Gehorsams wol beysammen seyn können.

4. Nach dem der Krieg ein Loch gewonnen /spricht er etlichen von seinen Leuten zu / ob sie bey ihm halten wollen / als sie nun mit ja geantwortet /hat er ihnen versprochen / sie alle zu reichen Herren zu machen / sie solten ihme nur folgen und treue verbleiben. Darauf sagte er / daß mit der Kauff- und Fuhrleute Beutel ein neuer Krieg obhanden / welcher nicht so gefährlich / als wo man einen Feind in dem Feld für sich liegend habe. Also wurden aus diesen Soldaten Mörder und Strassenrauber / welche sich üm Xaintonge / Niort und Rochelle viel Jahre aufgehalten / weilen ihrer anfangs bey 40. und haben grossen Schaden gethan.

5. Einsten begegnet Guillery einem Bauren / den fragt er / wo er hinaus wolle? der Bauer sagt / [362] daß er einen Rechtshandel zu Rochelle / und daß er zu seinem Sachwalter gehen müsste. So hastu gewiß Geld bey dir / sagte der Rauber. Als nun der Bauer solches verneinte / sagt er: wol / so müssen wir beten / daß uns Gott was bescheret / wir wollen auf die Knie fallen / und ihn anruffen. Der Baur muß darzu verstehen / und als Guillery in seinen Hosen Sack gegriffen /ziehet er etliche Stieber heraus / und theilt sie mit dem Bauren: begehrend daß der Baur deßgleichen thun sol / weil er aber sagte / daß ihm Gott nichts bescheret /wolte der Rauber selbst suchen / und nahme ihme die helfft seines Geldes / und gienge darmit seinen Gesellen zu.

6. Auf eine Zeit begegnete er einem Botten / der brachte Briefe von Hn. Rocheboisseau / einem Edelmann / sechs Meile von Rochelle / an den Schergen Haubtmann daselbst / daß er kommen solte und Guillery in den Kösten Walt (chasteniere) fangen. Guillery nöhtiget den Botten / daß er den Inhalt seines Briefs bekennet / darauf er ihn lässt gefangen nehmen / und er bringt die Briefe selbst dem Schergenhaubtmann / beredet ihn auch / daß er ihm den Weg wol weisen wolle / wo sich die Räuber aufhielten. Der Schergenhaubtmann glaubt ihm / weil er ihn nicht kennte / und lässet sich von ihm anweisen und führen biß er mitten in den Walt kommet / da ihn und die Schergen seine Raub-Gesellen überfallen / an Bäume gebunden / ihre blaue Röcke außgezogen / ihre Pferde genommen / und also verkappt den ermelten Edelmann außgeplündert haben / welcher nicht anders vermeint / daß solches die Schergen selbst gethan. Nach dem er solchen Raub darvon gebracht / hat er den Schergen ihre Pferde wieder gegeben / wie auch ihre Röcke / und ihnen gesagt / sie sollen sich ein andermal besser fürsehen.

7. Von dar hat er sich mit seinen Leuten nach Niort erhoben / und sich als einen Einsidler verkappt / an der Strassen aufgehalten. Der Schergen Haubtmann deß Orts hette Befehl ihn zu Verhafft zu bringen / und als er ihm begegnet / bat ihn der [363] Einsiedel / er solte so wol thun / und Guillery gefangen nehmen / welcher zwo Meil darvon in einem Wirtshauß sasse / und ihme alle seine Heller genommen hette. Der Schergen Haubtmann erfreute sich über dieser Zeitung / und folgte dem Einsiedler / der ihn dann seinen Leuten in die Hände geführt / die ihn beraubt / und unbeschädiget wieder lauffen lassen. Dieser Rauber wolte nicht leiden / daß seine Gesellen einen todt schliegen / und straffte sie / wann er von einem einen Mord erfuhre. Vielen Armen gab er Geld / vielen nahm er ihre Parschafft halb / und erwiese sich in seinen stehlen als ein höflicher Dieb.

8. Das Glück wolte diesen Buben nicht allezeit anlachen / und begabe sich / daß sein Bruder mit etlichen seiner Gesellen gefangen wurde / als er sich mit den andern ritterlich durchgeschlagen. Nach dem er hörte / daß besagter sein Bruder lebendig gerädert worden zu Xainctonges / und daß etliche seiner Gesellen zu Rochelle dergleichen Straffe außstehen solten / wacht ihm das Gewissen auf / welches ihm sagte / daß der Reyen auch an ihn kommen würde. Hält deßwegen Raht mit seinen noch übrigen 14. Raub-Brüdern / und giebt ihnen zu erkennen daß das Meisterstück von ihrem Handwerck an den Galgen kommen / oder mit einem halben Karren (wie sie das Rad nennten) fahren würde / und daß er gesinnt sich an sichere Ort zu entfernen: theilet ihnen die Barschafft aus / und nimmet nur einen mit sich / welchen er für den Getreusten gehalten.

9. Nach dem sich nun diese Rauber dar und dorten verkrochen / hat sich Guillery / als ein Edelmann bekleidet / nach Bordeaur / und von dar nach S. Justin begeben / ein Ort das fast auf einer Einöden gelegen da er vermeint sicher zu seyn. Eine junge und reiche Wittib / verliebte sich in diesen Guillery / welcher seinen Adel hoch rühmte / und mit den andern Edelleuten der Orten gute Kundschafft hielte / daß sie ihm zu seiner Verheuratung behülfflich waren / und er nun vermeint / daß er den Straff-übel / welches er verdient / durch seine Fürsichtigkeit / entgangen. Er [364] wohnte auf seines Weibes Schloß / belustigte sich mit jagen und beitzen / guter Gesellschafft und aller zulässiger Kurtzweil.

10. Nach drey oder vier Jahren / als diesem Rauber seine böse Thaten unter den vergessenen Sachen fast entfallen / (wie wol ihn das böse Gewissen zu zeiten erinnerte) raiste ein Kauffmann von Bordeaur zu S. Justin durch / dem Guillery über 2000. Pfund vor Jahren genommen hatte / und erkannte ihn / fragte deßwegen nach / wer der Edelmann? wo er sich aufhielte / und erlangte allen Bericht von seinem Zustand. So bald er nach Bordeaur kommet / meldet er solches dem Schergen Haubtmann deß Orts an / und bittet ihn den Vogel handfest zu machen. Dieser erfreuet sich über der Zeitung / nimmt seine Leute zu sich / und rucket bey Nachts fůr das Schloß / auf welchem Guillery wohnte / lässet seine Reuter absteigen / und nechst dem Schloß hinter einem Gemäur in der Lausche liegen / er aber rucket an die Schlagbrucken /und begehrt mit dem Herren zu reden / ergreifft sein Pistol / und gehet also in den Schlaffhosen für das Schloß heraus. Der Schergen Haubtmann sagt / daß er mit ihm in Geheim zu reden / und wincket seinen Leuten daß sie ihn greiffen solten: Er aber vermerckt den Trug / schiesst das Schergen Haubtmanns Pferd für den Kopf / und giebt Fersen Geld auf den Wald zu / daß sie ihn auch damals nicht erwischet.

11. In was elendem Zustande er wieder gesetzet worden / ist unschwer zuermessen: er war ohne Geld /ohne Kleider / ohne Freunde / und ein jegliches rauschendes Blat erschrecket ihn. Ohne Menschen konte er nicht leben / kehrt deßwegen nach Bordeaur / setzet über das Wasser / und wird von einem Kauffmann /den er vor der Zeit beraubet / erkannt / welcher ihm stillschweigen begleitet / biß nach Royan / da er seine Einkehr in dem Spital nimmet. Der Kauffmann meldet es den Schergen an / die also bald nach dem Bettler in dem Spital fragen und ihn in das [365] Gefängnis führen /wie wol mit Furcht daß vielleicht der Kauffmann keinen Diebstall auf ihn möchte erweisen können. In dem sie nun mit ihm daher ziehen / kommet ein andrer und sagt / daß dieses Guillery / der ihm 100. Franken bey Rochelle genommen. Als er solches hörte / sagte er: Nun ist meine Stunde kommen / ich bin der berühmte Räuber / ich sehe nun wol daß mich GOtt /durch die Obrigkeit straffen wil. Wie er dann auch nach Rochelle geführet / und alldar lebendig getädert worden.


Die vermessen sich bemühen /
Gottes Straffen zu entfliehen /
werden endlich viel zu spat
sehen / daß sie sich betrogen.
Wer am Sünden Joch gezogen /
wird ob seiner Missethat /
wolverdiente Straffe leiden /
und sie schwerlich lang vermeiden.
105. Der erwürgte Kayser
(CV.)
Der erwůrgte Kayser.

Gleich wie derjenige so ein gutes Weitzenbrod isset /nicht fraget wann es gesäet / oder an welchen Tag es eingeerndt worden: Also lieget wenig daran zu welcher Zeit eine oder die andre unter hier gesamlete Geschichten sich zugetragen / und in was Ordnung sie gesetzet / wann solche nur unsrem Vorsatz gemeß erfunden werden. Ob wir nun wol gewillt gewesen grosser Herren Geschichte nicht zu berühren / finden wir doch etliche von so wenigen beschrieben / und in unsere Sprache überbracht / daß wir solche hier auf diesen traurigen Schauplatz zu führen / nicht umgehen können.

2. Die Haubtperson dieses Trauerspiels sol seyn Sultan Osman Türkischer Käyser / seines [366] Alters 18. oder 19. Jahre / als er ein Gerücht erschallen lassen /er wolle ein Raißfart oder Wanderschafft nach Mecha in Arabien / da der Lügen Prophet Mahomet begraben lieget / antretten: und zu solchem Ende samlete er grosse Schätze / lässet alles Silber / Gold / Edelgestein / und was er schatzbares hatte / in 40. Kästen zusammen packen / und darmit (welches fast unglaubig denē der Türken Reichthum unbewust ist) beladen viel Gallerē / benebenst sonst gewöhnlicher Nohtturfft an Lebensmitteln / Pulver und andrer Geretschafft. Daß er aber ein andres Vorhaben im Sinn / wähnten viel aus dem / daß er seines Vatern Sultan Achmets Grab beraubte / und alles was Gelds wehrt heraus nahme / solche wie er das Volk glauben machte / zu deß Mahomets Grab zu stifften.

3. Nach diesem macht er Anstellung / daß in seinem abwesen Constantinopel sicher seyn und verbleiben solte / sendet also 10. Galeren auf das schwartze Meer / den Einfall der Cosaken zu verhüten: wie auch 10. andre Galeren auf das Ertz- oder Mittelmeer / sein Gebiet vor den Christen zu schirmen. Die Raise aber verzögerte er von Monat zu Monat / von Wochen zu Wochen / von Tage zu Tage / daß der gemeine Pöbel darwieder zu murren anfienge / wol wissend / daß die Raise in anderthalb Jahren nicht konte verrichtet werden / und daß der Reichthum deß gantzen Landes /ohne grosse Nachtheil dahin nicht gebracht würde.

4. Weil aber Osman kurtze Zeit zuvor eine Feldschlacht wieder die Polen verlohren hatte / kamen viel auf die Gedanken / er wolte den Sitz deß Türckischen Reichs von Constantinopel hinweg / und in einem andern fernerem Lande versichern. Daß diesem also /wurde durch einen Brief / welchen er an den Bassa zu Cairo in Egypten geschrieben / beglaubt / deß Inhalts / er solte ihm mit den Egyptischen Soldaten zu Wasser und Land entgegen kommen / weil er gesinnet /sich mit seinem und seines Vaters Schatz / von [367] Constantinopel / wegen vieler Ursachen zu erheben / und zu Cairo nieder zu lassen.

5. Solches Vorhaben öffnet er auch seinen drey vertrautsten Dienern Quessiltar Sillictar und Capaga /welche ihme dieses mit guten Gründen wiederrieten /mochten aber seiner Meinung nicht ändern / und /weil sie sahen / daß er den endlichen Schluß gemacht / und sie darüber in Ungnade kommen möchten /haben sie darein gewilliget / und das Haubt / nach ihrem Gebrauch tief geneiget.

6 Sillictar-aga war nun in grossem Ansehen / und entdeckte Sultan Osmans Vorhaben den vornemsten Haubtleuten und Richtern / und welcher gestalt die Galeeren geladen / und folgenden Tages abstossen solten. Darüber ein grosses Geschrey in der Statt entstanden / daß der Kaiser sie verlassen / und ihren Feinden zu Raub machen wolte etc. In einer Stund waren 8000. Soldaten Janissaren und Spahi / das ist Fußknechte und Reuter versamlet / welche den Kaiserlichen Pallast zu eileten / sich Sultan Osmans Person zu versichern. Als er solches verstanden / und von langer Zeit her befürchtet / sendet er einen von seinen Herren hinaus / zu vernehmen / was dieser Aufstand bedeuten solte. Die erbitterten Soldaten zerhauten diesen abgeordneten zu kleinen Stücken / als er kaum 2. oder 3. Wort gesprochen / wie auch noch etliche andre / die zu ihnen reden / und sie zur Ruhe vermahnen wolten.

7. Hierauf kam Sultan Osman an ein vergittert Fenster / die Ursach solches Aufstandes zu erkůndigen. Einer von den Haubtleutē sagte / daß er der Käiser Ursach were / in dem er die Schätze / welche sie von ihren Feinden erworben entführen / und den Kaiserlichen Sitz von Constantinopel hinweg bringen wolte. Daß er wol möge verraisen / solte aber die Barschafft / von welcher sie bezahlet werden solten / zu rucke lassen / und sie wolten wol einen andern Kaiser wehlen etc. Der Kaiser antwortete darauf / daß er von ihnen übel bedient were / daß er sie vielmals untreu erfunden / und feldflüchtig sehen müssen / daß seine Propheten von [368] der Statt Constantinopel Untergang weissagten: weil er aber seye / daß sein Abraisen solche Unruhe verursachet / wolte er bey ihnen verbleiben / und wurffe solches sein Versprechen schrifftlich von sich.

8. Hierauf heischten diese Rotierer drey Haubter der vornemsten Herren / deß Koja / Groß Vizirs / deß Quesillars-ago / und deß Tassarda / oder Geheimschreibers / weil sie ihme diese Raise geraten / oder ja nicht wiederrahten / nach diesem wolten sie ihr Begehren ferners eröffnen. Sultan Osman sagte daß diese unschuldig / und nicht bey ihm in dem Palast / muste aber hören / daß sie solche inständig begehrten / und darzu 24. Stunden Zeit ansetzten / mit bedrauen den Palast / oder Serrail zu übersteigen. Hierauf gehen die Soldaten an ihren Ort / und in dem Sultan Osman sich berahtschlagt und entschliesst ihnen die begehrten Haubter nicht zu geben / vergehet die benannte Zeit /und sie kamen in grösserer Anzahl für den Pallast /übersteigen denselben / eröffnen die Pforten / und lauffen für die Zimmer deß Kaisers und heischen nochmals vorgenannter Herren Haubter.

9. Der Türkische Kaiser sahe daß er sein Leben nicht versichern möchte / als mit dem Tod seiner liebsten Herren / giebt sie deßwegen hinaus / welche alsobald tyrannisch niedergehauet worden. Deß Sultans aber wurde der Zeit verschonet / doch hatten sie beschlossen einen andern zu wehlen / und zwar Sultan Mustapha / deß Osmans Vettern / welcher als ein Mönch in einer Cellen deß Pallasts verschlossen gehalten wurde.

10. Als sie nun diesen hervorbrachten und ihn sehr verzagt und in dem Angesicht entferbt sahen / brachten sie ihn Cherbet (das ist gesottnes Wasser mit Honig und Zucker) er aber vermeinte / man wolte ihm mit Gifft vergeben / und deßwegen nicht trincken /sondern bate man solte ihm das Leben fristen / er wolte sich gerne allen Zuspruchs zu der Kron / begeben: massen ein jeder lieber elend leben / »als in hohen Ehren bald sterben wil«. Nach dem nun dieser Mustapha klares Wasser getruncken / ist er wieder erquicket / [369] und von Janitssaren auf den Achseln getragen worden / mit dem gewöhnlichen Festgeschrey: Glük zu dem Könige Sultan Mustapha / etc. Dieses hörte Osman / und were von Zorn und Furcht / fast von Sinnen kommen.

11. Der neuerwehlte Kaiser lässet alle Gefangene loß / sich dadurch beliebet zu machen / und erwiese sich in diesem neuen Ehrenstand so großmütig / als klein er zuvor gewesen. Die Soldaten sagten / daß Sultan Osman were ein Zaou / das ist ein Verrähter oder Bundbrüchiger / ungetreuer Herr / der das Reich bestehlen / und den Feinden zueignen wollen: deßwegen sie ursach genommen diesen ab- und einen andern Kaiser einzusetzen. Das gemeine Volk glaubte diesen Worten / und liessen ihnen die neue Wahl gefallen /gestalt der gemeine Mann / jederzeit der Neurung begierig ist.

12. Inzwischen war Sultan Osman von allen seinen Rähten und Dienern verlassen / und weil er leichtlich erachten konte / wie es ferner möchte hergehen / verstellet er sich und ziehet einen weissen Küraß an /kommt damit in seines vertrauten Freundes der Janissaren Aga Haus / und beschicket den Ussin-Bassa /welchen er als einen beständigen Diener zum grossen Vezier machet / ob er wol nicht mächtig / ihn in solcher Würde zu handhaben. Diese drey berathschlagen / wie diese Sache ferners anzugehen / und beschliessen / daß diese beede den rottirten Janissaren Geld anbieten solten / nemlich jeden 60. Zekin oder Ducaten / und ihnen ihren Sold zu erhöhen. Es hatten aber diese beede ihren Vertrag kaum gethan / und ihres Kaisers gnädigen Willen eröffnet / als sie der Janissaren Ungnad im Werk erfahren / und von ihnen niedergesaibelt worden.

13. Nach diesem lauffen sie den abgesetzten Türkischen Kaiser zu suchen / nehmen ihn auch ohne ferners befragen gefangen / und bringen ihn für seinen Vettern Mustapha / der ihn nicht ansehen / noch anhören wil / sondern befihlt / man solte ihn hinweg führen / und mit ihm machen / was den Janissaren [370] belieben würde. Auf solchen Verlaub setzen sie ihn auf ein schlechtes Pferd / und bringen ihn mit grosser Beschimpfung / und Beschuldigung / daß er sie bestehlen wollen / in das Gefängnis. Unterwegs musste er sehen das Haubt seines besten Freundes Usan-Bassa auf einer Lantzen ihm vorführen / und achte dieser Herr / welchen zuvor alle mächtige dieser Welt fast gefürchtet / sich viel unglückseliger / als den geringsten Ruderknecht: Er ruffte den Soldaten / welche ihn bekleideten vielmals zu / sie solten ihn erwürgen /und mit dem Fatzolet / welches er selbst üm den Hals gebunden erdrosseln. Es wolte aber keiner / ohne Befehl / Hand anlegen.

14. Bald hernach kame der neue Vezier / welchen Mustapha erwehlet / und zeigte ihm an / daß er alsobald sterben müsse / und ob er zwar das Vorhaben seiner Raise / auf die bereit hingerichte Rähte schieben wolte / hat doch keine Entschuldigung geholffen. Er begehrte ein Gewehr / damit er nicht ungerochen sterben möchte / es wurden aber sechs darzu bestellte Gesellen eingelassen / wieder welche er sich mit Fäusten wehrte / biß er endlich übermannet / von einem seidnen Strang erwürget wurde. So bald solches geschehen / hat ihm der grosse Vezier ein Ohr abgeschnitten / und es in einem Fatzolet für Mustapha gebracht / ihn zu versichern / daß er nuhnmer Tod und sein Reich dardurch bestättiget worden.

15. Drey Wochen vor seinem Tod sahe Sultan Osman in einem Traum / wie er auf seiner Raise nach Mecha auf einem grossen Kameel sitzend / in den Lüfften geschwebet / weil sich das Kameel unter ihme entzogen / und die Zügel allein in der Hand gelassen /etc. Dieses wolte ihm niemand außlegen / als sein Vetter Mustapha / der als ein Drevis oder Türckischer Mönch ihm sagte daß das Kameel sein Reich bedeutete / welches ihm untergeben / und bald aus seinen Händen verlohren gehen würde / und ihm nur der Zaum darvon in Händen verbleiben / in deme bey seinen Lebenszeiten ein andrer zu dem Kaiserthum würde erhoben werden / etc.

[371] 16. Die Lehre dieser Geschichte hat zu verstehen geben der weise König Alphonsus / wann er gesagt /daß die Zepter und Kron so schwer / daß wer sie samt der Gefahr und Sorgen Last recht erkenne / sie nicht solte in dem Wege aufheben / und viel lieber wehlen einen geringen / sichern und unbekanten / als einen hohen und beschwerlichen Stand / wie Seneca sagt:


Mich sättigt meine Ruh' / ich bin fast unbekänt
und lasse / wem beliebt / den Burgermeister Stand /
kommt nun der blasse Tod / und muß es seyn geschieden
so fahr' ich still dahin / und bin in mir zu frieden /
Weh dem der jederman bekannt mit Lobgerücht /
und doch in seinem Hertz sich selbsten kennet nicht.
Wol dem / den niemand nicht in seinem Lande kennet /
und der den Tugendruhm sein eigen Erbe nennet
106. Der Glüks Fall
(XCVI.)
Der Glüks Fall.
Der Italianische Poet sagt:

à caderva chi troppo in alto sale.


Es eilt zu seinem Fall der steiget gar zu hoch und hat alles geschwindes auffnehmen / noch viel geschwinderes abnehmen: daher Guevarra weißlich vermahnet / man sol sich des Glücks / und grosser Herren Gnade gebrauchen / wie deß Feuers: nicht zu ferne stehen /daß man nicht erfriere / nicht zu nahe kommen / daß man nicht verbrenne.

2. Dieses hat mit vielen erfahren Bassa Nassuff eines Griechischen Priesters Sohn / bürdig von einem kleinen Dorff / nechst Salonica / der als ein Tribut Kind (welche die Tůrken allezeit von dem dritten Theil der Christen Kinder zu nehmen pflegen /) nach Constantinopel kommen / da er für 3. Zeckin einem verschnittnē deß Sultans verkaufft / nochmals [372] in seinem 20sten Jahr einem Hofmeister der Sultanin einer überlassen worden.

3. Als nun dieser Nassuf viel Proben seines guten Verstands fehen lassen / ist er zu Aufführung einer Mosquee / oder Türkischen Kirchen / welche die Sultanin bauen lassen / gebrauchet worden: bey welchem Gebäu er so grossen Fleiß erwiesen / daß ihn die Sultanin zu ihrem Hofmeister gemachet / und ihre gantze Hofstatt anvertrauet. Der Sultan hörte diesen Nassuf loben / und setzte ihn zu einem Capigi Bassa / oder Haubtmann seiner Thürhüter oder Trabanten /

4. In diesem Ambt hat er sich auch verständig und sehr tapfer verhalten / daß er Bassa von Alop / und hernach ůber gantz Mesopotanien gesetzet worden. Hier hat er aber sein Glück nicht erkennt / und ob er zwar von der niedrigsten Stuffen auf die höchste gestiegen / hat er noch ferner aufklimmen / und ihm sein anvertrautes Land eigenthümlich unterwerffen wollen: Zu welchem Ende er mit dem König in Persien / der Türken abgesagten Feinde sich in Handlung eingelassen.

5. Solche Untreu komt für den Groß Türken / dem dieses Bassa Ehrgeitz bewust / und seine Person /wegen der Gunst / so er bey seinen Soldaten hatte /war ihm verhasst und doch nothwendige Rache an ihm zu üben / ertheilt er ihm die höchste Würde seines Reichs / und macht ihn nach absterben Sardac Bassa zum grossen Vezier / bringt ihn also wieder zu rucke an die Pforten / und verspricht ihm seine Tochter trauen zulassen / nach dem er den Perser König Cha-Abas gezwungen / Friede zu begehren / deßwegen er den Persischen Gesanden mit sich geführet.

6. Der Soltan empfäht ihn mit allen Freuden / weil er ihme ein Million Goldes zur Beute mit gebracht /vermählt ihm auch / gethanen Versprechen zu folge /seine Tochter. Als er nun von einem leibeignen Knechte zu dem grössten Herren in dem Türkischen Reiche worden / und vermeint daß das Glůck selsten ihm flichtig und zu leben gehe / beschleusst der Groß-Türk dieses sein Geschöpf wieder zu vernichten / weil [373] nemlich sein Ehrgeitz so groß / und anfinge wo er solte aufhören.

7. Zu Ende deß 1614. Jahrs entschleusst der Türkische Kaiser Sultan Achmet / ihn aus dem wege zu raumen / befihlt deßwegen Bostangi Bassa / oder seinem Obergärtner war ihm sein Haubt zubringen. Dieser abgeordnete besuchte ihn erstlich wegen seines Hern auf das freundlichste / und weiset ihm einen schriftlichen Befehl / daß er von ihm solle abfordern das Insiegel deß Türckischen Kaisers. Nach dem er nun solches / nicht ohn Beysorge grosser Ungnade von sich gegeben / weiset Bostangi noch einen andern Befehl / er solte Nassufs Haubt dem Sultan bringen.

8. Nassuf begehrte sein Haubt selbsten dahin zu bringen / und heischet mit dem Sultan zu reden / muß aber hören / daß er solches nicht befehlt / sondern ihm das Leben alsobald zu nehmen. Hierauf begehrt er in die Kammer zu gehen / und sich zuvor waschen /damit seine Seele gesäubert in deß Mahomets Paradiß kommen möchte / wie dann solcher Gebrauch in ihrem Alcoran von den Juden hergenommen scheinet. Der Gesante aber wil auch dieses nicht zulassen / sondern lässet seine Henkersknechte hinein / welche ihn also bald mit einem Strang erwürgen wollen / weil sie aber sehen / daß er sehr leibig und fett / deßwegen lang leiden musste / haben sie ihm die Gurgel mit einem langen Messer abgeschnitten.

9. Sein tod war den Christen sehr erfreulich / weil er seinem Herrn täglich in den Ohren lage / er solte ihm ein Heer wieder die Christen untergeben / er wolte ihn zu einem Herren der gantzen Welt machen. Der Türkische Kaiser aber hatte wichtige Bedencken ihme solches abzuschlagen. Man hat bey diesem Bassa Nassuf gefunden zwo Kisten mit Perlen und Diamanten acht Million Golds und hat der Sultan solches alles zu seinem Chasua oder Schatz gebracht.


10. Das gross' und kleine Glück
weist manche Meuchel Tück?
dem Bilderhauer gleich:
[374]
Der Jung das kleine Glück
behaut die kleinen Stück.
Ist einer groß und reich /
so schont der Maister nicht /
ders machet und zerbricht.
107. Die zweifelhaffte Unschuld
(CVII.)
Die zweifelhaffte Unschuld.

Der kluge Frantzos Siloh sagt / daß der Fürsten und Herren Rahtschläge gleich weren den Flüssen / deren schlanken Lauf wir wol sehen / wissen aber nicht aus welcher verborgnen Quelle sie herwallen / und ist also eine grosse Vermessenheit von so unbekanten Fügnissen / deren Ursachen uns gantz verborgen / aus Unbedacht zu urtheilen. Daher Salomon sagt in seinen Sprüchen am 25. 3. Der Himmel ist hoch und die Erde tieff / aber der Könige Hertz ist unerforschlich. Warum wir dieses folgender Erzehlung vorsetzen /wird zu Ende derselben erhellen.

2. Im Jahr 1617. haben etliche Stätte in Niederland / welche von Arminianern bewohnt / Soldaten geworben / vorhabens wieder die Gomaristen und Calvinisten einen Krieg anzufangen / daher die Herren Stände bewogen worden / durch Printz Mauritzen Christlöblichen Angedenkens / und etlichen aus ihren Mitteln / die Obrigkeit und Kirchendiener zu Zütphen /Utrecht / Oberissel und andern Orten ab- und andre ihrer Religion einzusetzen.

3. Unter allen hat sich allein zu Wehr stellen wollen Arnheim / ist aber von Graf Ernst von Nassau überrascht / und zu niederlegung der Waffen und Abdanckung der Soldaten gezwungen worden. Diese innerliche Unruhe ist dem Barnafeld beygemessen worden / daß er nemlich an N. Landenberg nach Utrecht geschrieben / und die Arminianer gewarnet / sie solten sich vorsehen / denn man ihr Gewissen [375] zwingen wolte etc. Es hatte aber dieser Johann Barnafeld den Titel eines Obersachwalters (Procureur General) welches der höchsten Ambter eines ist in gantz Niederland /bestehend in Handhabung der Landsfreyheiten / in den Versamlungen den Vertrag zu Vertrag zu thun /Rahtschläge zu stellen / und den gemachten Schluß bey den Landtägen zu verabfassen etc.

4. Dieser Barnafeld ist in Engelland als ein Gesandter der Vereinigten Niederland geschicket worden / da er gute Dienste geleistet. Nach seiner Wiederkunfft hat er zu Roterdam seine Rahtstelle aufgegeben / und den Titel deß Obersachwalters der vereinten Niederland fast wieder seinen Willen angenommen /mit dieser Bescheidenheit / daß er erstlich seiner Pflichte wolte erlassen seyn / wann man von Frieden mit dem König in Hispanien reden würde / und dann bedingte er / daß er sich ausser Land nicht wolte verschicken lassen.

5. Graff Mauritz und Graff Wilhelm von Nassau vermochten nichts / ohne seine Verordnung / und hinderte Barnafeld / daß erstgedachter Printz seine Raise in Engelland mit dem Grafen von Leycestre nicht dorffte fortstellen: deßwegen man ihm auch bedraute /und er alle anscheinende Gefahr großmütig ůberwunden. In seinem Vaterland / zu Gertrautenberg / Medemblick und Heusden hat er unterschiedlichmalen die Aufruhren gestillet / die Rottirer besänftiget / die Läger mit aller Notturfft versorget / und an allen Siegen der Niederländischen Heerzügen nicht geringen Antheil gehabt.

6. Nach dem er nun etliche Jahre seinem hohen und mühsamen Ambt mit allen treuen vorgestanden / hat er begehrt man solte ihn seiner Dienste erlassen / weil aber die Sachen noch sehr verwirret waren / ist er von allen Ständen bittlich gezwungen worden / sich dieser Ambtsbürde ferner zu unterziehen. Nach solchem ist er mehrmals in das Läger verschicket worden / wegen der Herren Stände eines und das andre zuberichten. In wärenden Kriegen sind über die Einkunfften deß Landes aufgewendet worden 26. [376] Millionen Gulden oder Floren / welche die Geldmittler für einen verzweiffelten Schuldenlast / und deßwegen die Fortsetzung deß Krieges für unerschwenglich gehalten.

7. Als man nun / wider verhoffen verglichen / das Niederland für frey / und dem König in Hispania keines wegs unterwürffig / erkennet werden solte / wurde Barnefeld zu den HHn. Gesandten aus Frankreich /Engeland / Dennemarck / Pfaltz / Brandenburg / etc. abgeschickt / der Spanischen Herren Gesandten Vortrag mit anzuhören. Weil ihme aber diese Handlung verdächtig / und er sich vieles Unheils besorgte / begehrte er nochmals die Erlassung seiner Dienste / und wolte sich nicht mehr bey den Versamlungen einfinden. Es wurde ihm aber von den HH. Ständen auferlegt / der Handlung ferners beyzuwohnen / wie er auch gethan / und solchen Schluß benebens andern Gesandten unterschreiben müssen.

8. Bey so lang wolgelaisten Diensten wurde er beschuldiget / daß er der Arminianer Sache wider den Printzen schützte / und ob er zwar gewarnet wurde /daß er darüber in Gefahr kommen möchte / hat er geantwortet / er wolle sein Thun auch bey seinen Feinden rechtfertigen / hette ein gutes Gewissen und fürchte sich nicht etc. Als er einsten im Hag / zu der Herren Stände Versamlung fahren wollen / wird er von etlichen Soldaten / aus Befehl besagter Herren Stände gefangen genommen / und zugleich auch selben Tag Romulus Hoderbert / und Hugo Grotius angehalten.

9. Als er nun in Verhafft / hat man die Arminianer aller Orten verfolgt / und vertrieben / und auch alle seine Befreunde von ihren Ambtern hin und wieder verstossen. Es werden aus allen Provintzien oder Landschafften 26. Richter erwehlet / welche über Barnefelds Verbrechen urtheilen / und ihm recht sprechen solten: massen er auch heimlicher Verrähterey beschuldiget werden wolte. Der König in Frankreich befahle seinem Gesandten / er solte in seinem Namen für Barnefeld bitten / im fall er in Lebens Gefahr[377] kommen möchte / welches er auch schrifftlich und mit beweglichen Ursachen gethan hat.

10. Im Jahr 1619. den 13. May wurde Barnefeld fůr Gericht gestellet / seine Anklage unn Verantwortung angehöret / berahtschlaget / und er endlich zum Tode verurtheilt. Die Binne war aufgerichtet / daß er aus dem Saal durch ein Fenster darauf gehen musste /und zwar ungebunden / mit dem Bannrichter seinem Diener / und dem Scharffrichter. Er hatte einen Nachtrock an von Damast / eine Schlaffhauben auf dem Haubt / und ein schwartz Wammes von Atlaß angezogen. Der Hof war mit Soldaten und viel Volcks angefüllet / diesem Trauerspiel zu zuschauen. Als er nun den Tod für Augen gesehen / hat er seine Augen aufgehoben / und gesagt: Ach Gott! wie kan es einem Menschen so übel ergehen? Er fuhle auf seine Knie /betete fast eine Viertelstunde zu GOtt / stunde darnach wieder auf / und sagte dem Volk: Ihr lieben Büger / ich bin Euch und meinem Vaterland / die Zeit meines Lebens / getreu gewesen: Ich sterbe nicht als ein Verräther / sondern deßwegen / weil ich eure Freyheit / besten Vermögens / geschützet habe. Nach solchen Worten hat er seinen Rock selbsten außgezogen / seinem Diener denselben / samt einem Ring / den er von seinem Finger gezogen / geschenket / ein Häublein von Sammet für die Augen gezogen / und nieder gekniet / mit erhabnen Händen sagend: Mein Gott /erbarme dich meiner! Der Henker hat hernach seinen Streich vollendet / und ihm etliche Stücke von den Fingern / mit dem Haubt abgehaut. Viel haben von den blutgefärbten Sand auf welchem er gerichtet worden / mit sich nach Hauß getragen.

11. Etliche haben gesagt / daß Printz Mauritz sich mit Barnefeld entzweyt / weil er ihm in das Angesicht gesagt / er were der Stände Knecht / darüber ihm der Printz einen Backenstreich versetzet / und er sich [378] verthaidiget. Ob dem also / ist unwissend / gestalt wir /wie Eingans ermeldet worden / den Verlauf dieser Geschichte zu sehen / die Ursachen und Quellen derselben nicht ergründen können.


12. Wer durch wolgelaiste Dienst' in und ausser Vaterland /
mit den schweren Sorgen Last sich gesetzt in Ehrenstand /
macht / durch eine böse That / die ihm leicht wird beygemessen /
alle Wolthat und Verdienst in windschnellem Nu vergessen.
108. Die bestraffte Verrähterey
(CVIII.)
Die bestraffte Verrähterey.

Wie die Treue bey Gott und Menschen beliebt ist: also ist hingegen die Untreue ein Greuel der gewißlich dort ewig von Gott / hier zeitlich aber / von deroselben Statthalter / der Obrigkeit bestraffet wird / und zwar nicht mit gemeinen Straffen / sondern solchen /welche andern einen Abscheu machen. »Unter allen Geschichten findet man niemals / daß ein Verrähter ein gutes Ende genommen / und ob es ihm gleich kurtze Zeit wol ergangen / ist doch die Straffe nicht ausgeblieben / und hat sich mehrmals auf die Nachkommen und den todten Leichnam erstrecket.«

2. Dessen ist ein sonderliches Exempel gewesen Abraham Roux zu Gouvernon / mit Jean Gerart genannt Grangeres und andern ihren Gesellen: Diesen war anvertraut Guy / ein Stättlein und ein Schloß unferne von Genua / welches der Constabel von Frankreich 1625. im August monat eingenommen / und sich mit seinem Heer / gegen annahenden Herbst / wieder nach Frankreich gewendet / weil die Lebens Mittel ermangelt / und die Krankheiten in dem Jäger sehr eingerissen.

[379] 3. Als nun die Genueser wieder Lufft bekommen /haben sie die geringen Plätze theils leichtlich eingenommen / theils verlassen gefunden. Guy war allein noch überig / welches mit allem wol versehen / und wegen deß Schlosses / sonder Gewalt nicht zu erobern / und hetten die Stücke auf nechst beyliegende Berge mit grosser Mühe gebracht werden müssen. Die Genueser aber / wolten erstlich mit silbernen Kugeln schiessen / und schrieben an den Gebietiger deß Orts /wie sie keinen Entsatz zu hoffen / ihrer Macht nicht wiederstehen könten / und im fall sie den Ort zu behaubten sich erkühnen solten / sich vorsetzlich in Verderben stürtzen würden: wolten sie aber den Ort abtretten / solte es an einer guten Ritterzehrung nicht ermangeln.

4. Gouvernon und Grangeres liessen sich beschwätzen und erhandeln / ziehen auch nach dem sie zum Schein belägert worden / aus / und übergeben den Ort gegen einem guten Stück Gelds / die Genueser freueten sich über diesen ohne Schwertstreich erhaltenen Sieg. Gouvernon kommt nach Tolon / erkrankt und stirbt / wird auch in die Kirchen aldar begraben. Grangere hält sich zu Marsilien auf. Dem Connestable konte solche Sache nicht verborgen seyn / und hatte Ursach dieses Verbrechen nicht ungestrafft hingehen zulassen / weil sein erlangter Sieg / der viel ehrliche Soldaten und grosses Geld gekostet / durch diese eidbrüchigen Geitzhälse / verrähterischer weise wieder verlohren war.

5. Das Parlament zu Aix empfinge deßwegen Befehl / den Verstorbnen nachzufragen / den lebendigen Verrähter aber mit allen Unterbefehlhabern / so viel derselben zubetretten / in Verhafft zubringen: welches alles unverzögert geschehen. Nach Anhörung der Klage und der Beklagten Verhör / ist das Urtheil ergangen / daß Abraham Roux / Herr zu Gouvernon verstorben / als eine Person die Königliche Majestät beleidiget / in dem er das Schloß und die Statt Guy dem Feind verkaufft: deßwegen seines Namens Gedächtnis verdammt / sein Leichnam [380] durch den Henker wieder außgegraben / auf dem offentlichen Platz zu Tolon verbrennet / und der Aschen in die Lufft verstreuet werden solte.

6. Johan Grangres solte / wegen besagten Verbrechens / dem Henker übergeben / durch die vornemsten Gassen der Statt geführet werden / mit einem Strang an den Halß / einem Waxliechte in der Hand / für der Haubt Kirche nieder knien / Gott und den König üm Verzeihung bitten / auf dem Jacobiner Plag ihme Armen / Beine und Nieren zerbrochen werden / und also lebendig auf ein Rad gelegt / sein Leben also zu enden / mit Verbott / bey Lebenstraff ihme keinen Beistand zu laisten.

7. Peter Roux / deß vorbesagten Vetter solte mit einem Strang vom Leben zum tod gerichtet / beede aber bevor peinlich verhöret werden / den Verlauff der Sachen völlig zu erkündigen. Uber dieses alles sind dieser Verrähter Kinder für unedel und unwürdig aller Ambter und Ehren erkläret worden / ihre Güter eingezogen / deß Abraham Roux Hauß zu Chabueil niedergerissen / sein Wappen zerbrochen / durch den Henker verbrennt / und auf dem Platz wo das Haubt gestanden / eine Tafel an einem Pfeiler aufgerichtet /auf welcher dieses wie besagt alles / gemahlt / und geschrieben werden solte / mit Verbot / solche bey Lebens Straffe nicht weg zu nehmen / oder abzuthun. Welches alles nach Inhalt deß Urtheils vollzogen worden.

8. Diese merkwürdige scharffe Bestraffung der Untreu lehret seinem Herrn getreu dienen / und hat der berühmte Geschichtschreiber Johann Guicciardin verständig gesagt / »die Frantzosen weren glükselig in Eroberung fremder Plätze«; unverständig aber in derselben Erhaltung und Handhabung: massen zu diesem Klugheit zu jenem nur Glück vonnöhten / welches mehrmals aus Fahrlässigkeit deß Feindes entstehen kan.


Die Untreu bleibt nicht ungestrafft
bringt mit sich ein versehrt Gewissen /
[381]
und wenn der Tod ihn hingerafft
muß Kindes Kind die Schande büssen.
Darumb sey treu ohn Sold und Lohn
Die Ehr' ist gar gnug darvon.
109. Der eifrende Vater
(CIX.)
Der eifrende Vater.

So bald ein Alter wil an der Jungen Reyen dantzen /so wird er verlacht: oder wie das Sprichwort sagt: »Wann Gott einen Narren haben wil / giebt er ihm ein junges Weib«. Dieses ist auch noch vielmehr abzumercken bey denen bejahrten Greisen / die ausser dem Ehestand sich mit Schleppen behelffen / und ihre Tage durch Unzucht verkürtzen: massen die Artzney verständige einstimmig bejahen / daß die ehliche Beywohnung alte Leute zum Grab befördere / wegen Schwächung der natürlichen Hitze / und Zerrittung der krafftlosen Lebens Geisterlein.

2. Dieses hat nicht betrachtet ein Meiländischer Edelmann / welcher in dem sechtzigsten Jahr / sich in eine Bauren Tochter seine Unterthanin verliebt / und in seinem Wittibstand für eine Beyschläfferin / mit Bewilligung ihres Vaters / angenommen: wie dann die Unzucht in gantz Italien nicht allein ungestrafft / sondern auch offentlich / grössers übel zuvermeiden / zugelassen verstattet wird.

3. Dieser Edelmann hat zween Söhne / deren der ältste bereit das zwantzigste Jahr erreicht / und ob seines Vatern ärgerlichen Leben grosses Mißfallen hatte / weil ihm solches nicht unbekant seyn konte / und diese Dirne täglich für seinen Augen / auf dem Schloß Monze sehen / ja fast fürchten und ehren müsste. Seinen Vater abzumahnen wolte ihme / als einen Sohn /nicht gebühren / und besorgte / daß er nicht allein wenig außrichten / sondern auch deßwegen mit Schlägen belohnet werden möchte.

4. Die Dirne ware ihres alten Jaghunds [382] fast müd /und wündschte einen jungen Stauber / der stärcker lauffen könte: wurff also ihre Augen auf den ältsten Sohn einen schönen und starcken Jüngling / der deß Vaters Stelle vermöglicher betretten solte. Dieses ihr unziemlichen Absehen gabe sie ihm mit den Augen /nachmals mit Worten und auf gegebene Gelegenheit mit Wercken sattsam zu verstehen: wurde aber von ihme bedraulich abgewiesen. Weil sie nun ihn endlich zu überwinden vermeinte / stellte sie ihre Magd an /diesen Jüngling in ihr Bette zu bringen / welche gleichfals bey ihm nichts außgerichtet.

5. Als einsten der Vater nach Meiland / wegen seiner Geschäfte verraist / fande sich diese Wölfin in deß Jünglings Kammer / und vermeinte sich mit Menschenfleisch zu ersättigen. Der schamhaffte Jüngling aber entfliehet ihr / wie dorten Joseph deß Potiphars Weib / und verursacht dardurch / daß sie ihre Liebe in Haß verwandelt / aus Furcht er möchte solches Beginnen seinem Vater ansagen / und sie darob verstossen werden: Er sinnet deßwegen gleiche List / als vorbesagter Josephs Schandbalg / und klaget dem Alten /so bald er nach Hause gelanget / sein ältster Sohn hette sie / in seinem Abwesen noth gezwungen / und were von ihrer Magd in dem Werck ergriffen worden etc.

6. Diesen beeden falschen Zeugen glaubte der eifrende Vater / und überlauft seinen unschuldigen Sohn mit entblösten Gewehr auf dem Gang / daß er zu rucke weichend / ruckwerts die Stiegen hinunter stürtzt / die Hirnschaln einschlägt: und alsobalden seinen Geist aufgabe.

7. Es folgte dieser Unthat die hertzliche Reue / in dem er betrachtete / daß er seinem Anhang zu gefallen / sich seines eigenen Sohns beraubt / und von der Obrigkeit nicht würde unbestraffet bleiben. Wie nun in dergleichen Fällen der bose Feind ein gewonnenes Spiel hat / und diesem Kindermörder die Hand geführet / daß er verzweifflend / sich so balden auch selbsten erstochen.

[383] 8. Nachgehends ist auch die Ursacherin durch eben diesen Lügen- und Mordgeist verleitet worden / daß sie aus Furcht deß Scharffrichters / sich in den nechsten tieffen Brunnen gestürtzet / und also ihre Seele dem übergeben / welchem sie selbe durch ihr böses Leben gelobt hatte.

9. Nach deme nun der Bannrichter zu Meiland /wegen dieses Verlauffs / gründlichen Bericht eingezogen / und die Magd / als Unterhändlerin dieses Unheils / in Verhafft gebracht / und an die peinliche Frage geworffen / ist sie zum Strang verurtheilet / die beeden Leichnam auch der Selb Mörder unter den Galgen geworffen / der keusche Jüngling aber ehrlich begraben worden. Hierüber hat ein Poet folgenden Inhalt in Italiänischen Versen verabfasst.

10. Der Eifer und die Lieb / das Laster und die Tugend
hat dieses Opferlamm unschuldig abgekeelt:
Sein Vater tödtet ihn in seiner zarten Jugend /
in dem er voller Grimm / deß Sohnes hat verfehlt.
Die Rache fehlte nicht / und hat auch den getroffen
der sich mit Fleisches Sünd und Unrecht hat befleckt.
Die Ursach ihres Tods ist bald darauf ersoffen /
und hat die Kuppel Dirn die böse That entdeckt.
Ach Gott / ach treuer Gott / wie können dir gefallen
die Bäume / welcher Stamm so böse Früchte trägt?
Ich fürchte daß sie all' hin zu der Hölle wallen.
Wol / wol dem / dessen Hertz noch Lust noch List bewegt.
110. Die bestraffte Unzucht
(CX.)
Die bestraffte Unzucht.

Das Teutsche Wort Gottloß hat einen Verstand / welchen wenig betrachten: »nemlich daß ein Mensch sich von Gottes Geboten loß und frey gemacht / selbe aus den Augen setzet / und sich nicht [384] von dem guten sondern bösen Geist führen und verführen lässet. Gottsfürchtig aber werden die jenigen genennet / welche sich für göttlichen Straffen scheuen / die Sünden meiden und gutes thun. Zu jenen leitet und verleitet die Unkeuschheit und Unreinligkeit: Zu dieser / der Gottesfurcht / und die Keuschheit: daher jener recht gesagt / daß ein keusches Hertz mit vielen ander Tugenden / als der Nüchternkeit / Demut / Bescheidenheit /etc. gezieret sey / und daß diese Königin der Tugenden nohtwendig viel schöne Dienerin haben müsse«. Daß nun im Gegensatz die Unkeuschheit mit vielen Lastern und mehrmals auch ewigen Unheil verbunden sey / wird aus nachgesetzter Erzehlung zu vernehmen seyn.

2. Zu Nůrnberg auf dem Churfürsten Tage 1641. hat sich bey der Herrn Churfürstlichen Gesandschaft einer / ein Schreiberey Verwandter aufgehalten / namens Huldrich / ein frommer und fast einfältiger Gesell / der still und fleissig / doch unter den Wölffen mit heulen musste. Dieser liesse sich auf eine Zeit bereden / daß er nach eingenommenen starken Trunk /mit andrer Hofbursche zu einer leichtfertigen gemeinen sonder zweiffel Wäscherin eingehet / und benebens andern sich mit ihr sündlich vermischet /.

3. Nach deme nun dieses bezechter weise vollbracht / haben die abholden Gesellen / den einfältigen Huldrich beredet / daß er ihr einen Ring gegeben /und dieser Schleppen die Ehe versprochen: sonders zweiffel zu dem Ende / damit sie in allen fall gesichert / und wann sie schwanger werden solte / der Vater zum Kinde nicht zweiffelhafftig were. Musste also dieser Tropf zahlen / was er nicht geraubt hatte.

4. Folgenden Tages betrübet sich Huldrich nicht wenig / daß er / wie ihn seine Mitgesellen einstimmig berichteten / daß er sich mit dieser Wäscherin ehlich verlobt / ob er zwar solches anfangs nicht glauben wollen: nochmals aber von ihr selbsten / mit Vorweisung deß empfangenen Ehepfands verstanden / und niemand als sich selbsten und der Trunkenheit solche Mißhandlung beymessen können / mit welcher [385] er sich auch entschuldiget / aber ohne Nachdruk und Verfang bey der Dirne / die inständig begehrt / er solte solch Verlöbnis vollziehen / und sie zu Kirchen und Strassen führen.

5. Inzwischen fügte sich / daß der Tag geendet /und die HH. Gesandten von Nürnberg auf Regenspurg verraisen / und Huldrich mit ihnen / vehoffend /durch diese Scheidung sich von seinem Anhang zu trennen / und sein Versprechen also unbindig zu machen. Die Metze / welche sich schwanger befande /folgte nach etlichen Monaten Regenspurg / und bespricht Huldreich beharrlich ům die Ehe / mit Bedrauung ihn bey seinen Herren zu beklagen. Huldrich aber kommet ihr zuvor / und erzehlet / wie es ihm ergangen / und wie unschuldig er zu diesem Weibe kommenne. Die Herren Gesandten wusten / wie es mit ihm beschaffen / schützten ihn deswegen / und weisten die Dirne mit ihrem Begehren ab.

6. Inzwischen nahet die Zeit / daß diese Schleppe geberen musste / und weil sie verhoffte der Straffe zu entkommen / ermordete sie ihr eignes Kind / und ersteckte es mit einem Fatzolet: hette es auch in die Donau geworffen / wann sie nicht darüber ergriffen /und in Verhafft gebracht worden were. Diesen Kindermord bekante sie alsobald / und beschleunigte dardurch ihr Urtheil / daß sie nemlich mit dem Schwert solt enthaubtet werden / wie dann auch erfolget. Huldrich sahe zu / daß sein vermeintes Weib auf den Rabenstein fast verzweifflend / und wieder ihn beweglichst sich beklagend / dahin sterbe / betrübte sich deßwegen hertzlich / daß er Ursacher ihres und seines Kindes Tod / und lässet sich durch den Mordgeist verleiten / daß er nach Hause kehret / sich in einen Brunnen stürtzet / und sein selbst Henker wird.

7. Ist also dieser jämmerlichen Mordgeschichte erste Ursach gewesen die Trunkenheit / die andere Unzucht / die dritte ein böses und unruhiges Gewissen / welches bringet Judasreue und endlich darauf erfolgten Selbstmord.


[386]
Wer sich nicht wil selbst betrüben
meide die Gelegenheit
zu der Laster Sündenleid.
Trunkenheit und Buler Lieben.
Wann ein Esel wird geschlagen
sich in Feuersbrand zuwagen /
wehlet er vielmehr den Tod:
Aber eines Sünders Seel
stürtzt sich willig in die Höll /
durch die letzte Marter Noht.
111. Die vezweiffelte Liebe
(CXI.)
Die vezweiffelte Liebe.

In dem Wörtlein blinde / ermangelt der Buchstab E. mit welchem es erfüllet das Wörtlein liebend. »Wann wir nun nach gebrauch der E. breer in den Buchstaben Geheimnisse suchen wolten / könte man sagen / daß die Liebenden / und Verliebte / ohne die Ehe / oder E / wie die Alten geschriebene blinde Leute weren.« Wie glückselig aber solten sie seyn / wann sie noch der Blinden Fürsichtigkeit hetten / und alle ihre Schritte zuvor mit dem Stab der Furcht Gottes versicherten. Wie aber in vorgesetzter Erzehlung solches nicht beschehen: also folget auch in nachgesetzten /daß die Buler solche Blinde / die mit andern Blinden die sie leiten / in die Gruben fallen / Matth. 15. 14.

2. Zu Verona führten zu Zeiten Bartholme Scaligers zwey vornehme Geschlechte die Montescher und Capelleten beharliche Todfeindschafft / daß sie noch durch Oberherrliche Vermittlung / noch durch der Befreunden Unterhandlung konten vereiniget werden. Die Waffen hatten sie zwar an den Nagel gehengt / jedoch mit dem Willen / solche bald wieder herab zu nehmen: und ob wol die Ursache solcher Feindschafft anfangs gar gering / so hat sie [387] doch / wie das anklimmende Feuer / nach und nach zugenommen / und noch viel andre beederseits belanget.

3. Unter den Montescheren war ein Jüngling / genannt Romeo / welcher sich erstlich in eine edle Jungfrau zu Verona verliebt / weil sie ihn aber keiner Huld gewürdiget / haben ihm seine gute Gesellen gerahten /er solte diese undankbare fahren lassen / mit ihnen zu den Däntzen / welche damals vor der Fasten üblich /gehen / und eine andre ersehen / die seinen Augen gefallen möchte. Dieses Vorhabens führten sie ihn vermummt in der Capelleten Hause / da er / nach gethanem Spiele / sich gleich den andern zu erkennen geben musste / welches doch die gantze Gesellschafft erstlich nicht in willens hatte.

4. Aus sondrer Fügung schickte sich daß die Capelleten den Anwesenden zu ehren / diesen Montescher / ob er wol ihr Feind doch nicht beleidigen wolten / sondern ihn ermahnten er solte sich frölich erweisen / welches er auch gethan / und in dem Fackel-oder Liecht-Dantz zu stehen kommen neben Juliettam / deß Capelleten im Hause schönen Tochter / die also bald ihn mit Drukung der Hände / und etlichen wenig Worten ihre Liebe verständiget / und in ihme gleiche Liebesflammen erwecket. Weil sich aber der Dantz geendet / hatten sie nicht Gelegenheit ferners mit einander Sprache zuhalten.

5. Als sie nun beederseits mit trauren erfahren / daß ihre Eltern Todfeinde waren / wie gesagt / hat ihnen fast alle Hoffnung ihrer Liebe zu geniessen / ermanglen wollen. Romeo / ein tapferer schöner und höflicher Jüngling unterliesse nicht üm seiner Liebsten Hauß zu spatzieren / und kame auch auf einen Abend mit seiner Julietta zu reden / und von ihr zuverstehen /ob sie in ihrer Gewogenheit beharrte: welche sie ihm auch der gestalt versichert / daß solche ihre Liebe auf Ehr und Tugend gerichtet / und dem Ehestand zum abgesehenen Zweg haben solte / etc.

6. Als Romeo ihre Meinung verstanden / und verhofft daß solche Verehlichung ein Freundschafft-Band [388] ihrer Geschlechte seyn / und aus sonderlicher Schikkung Gottes herrühren müsste / hat er seinem Beichtvater einem Minoriten Mönichen / Laurentz genamt /solches vertraut / und ihn üm Raht gebetten. Der Mönich führte ihm zu Gemüt / daß diese Heurat von den Eltern nicht wol würde verstattet werden / und daß er an seinem Orte ihm gerne darzu behülfflich seyn wolte / wüsste aber keine Mittel / weil die Feindschafft beederseits unversöhnlich. Julietta inzwischen beredete ihre alte Kindsmagd / welche sie auferzogen / daß sie ihr in dieser Sache beförderlich seyn solte /wie sie auch gethan / und die Abrede mit Romeo genommen / sich in bestimter Zeit in die Kirchen zu finden / und bey dem vorbesagten Mönichen Laurentz zu beichten / da sich auch Romeo in der Sacristey eingestellet / und nach gehaltenen kurtzen Gespräche und gegebenem Ehepfand / von dem Beichtvater eingesegnet und also ihren Freunden unwissend / getrauet worden.

7. Noch selben Abend schickte Romeo / durch die Alte eine Leiter von seidnen Stricken mit zweyen starken Haken / zu Nachts darauf zu seiner Julietta zu steigen. Solches machte er auch werkstellig / und vollzoge sein Ehliches Versprechen / mit übergrossem vergnügen. Solches trieben diese beede biß in den dritten Monat / und gedachten nicht einmal daß dieser Handel kein gutes Ende würde nehmen müssen. Es fügte sich aber bald hernach / daß die Capelleten und Montescher mit einander zu fechten kamen / daß ihrer sehr viel auf dem Platz geblieben. In noch wärenden Streit kommet Romeo mit etlichen seiner Gesellen darzu / und vermeinte Fried zu machen / und sie zu scheiden: aber vergeblich / dann sie sehr gegen einander ergrimmt / und setzte sonderlich Tibau ein naher Vetter der Julietta Romeo hart zu / welcher weichend sich vertheidigte / und üm Friede schrie: als er aber mit Worten nichts richten konte / gebraucht er sich der Waffen / seinem Gegner tapfer unter Augen zu gehen / und durchrennte diesen Tibau / daß er zur Erden sanke.

[389] 8. Romeo musste wegen dieses Ableibens flüchtig gehen / und sich bey guten Freunden verbergen / daß er zu Nachts von seiner Julietta Urlaub nehmen konte / wie auch erfolgt / und er sich darnach von Verona nach Modena erhoben / seinen Knecht Peter hinter sich lassen / daß er ihn berichten solte / was sich etwan zutragen möchte / verhoffend nach kurtzer Zeit wiederum Landshuldigung zu erlangen / deßwegen er bey dem Scaliger / als Statt und Lands-Fürsten anhalten liesse. Julietta musste solchen Abschied / wiewol mit grosser Betrübniß / geschehen lassen.

9. Es erhube sich aber ein noch viel grösseres Unheil / in dem Antonio Montescho seine Tochter dem Grafen Paris von Ledronne Herrn von Villefranche /ehlich versprochen / und Juliettam mit vielen Bedrauungen seinen Willen zu gehorsamen genöhtiget. Julietta klagte solches ihrem Beichtvater / und fragte /welcher gestalt dieses Unglück zu hintertreiben? Der Mönich giebt ihr / nach genommenen Bedacht / ein Schlaffpulver / daß sie über 40. Stunden für todt und aller Empfindligkeit entnommen / würde liegen machen. Weil nun der Capelleten ihre Begräbnis in der Franciscaner Kirchen / in deren Kloster er sich auf hielte / wolte er sie alsdann leichtlich wieder herauß holen / vnd sie in Mannskleidern nach Modena zu Romeo senden etc.

10. Ob nun wol dieser Raht der verzagten Julietta fast abscheulich und grausam fůrkame / daß sie lebendig unter die Todten solte begraben werden: hat sie doch anderseits betrachtet / daß sie / durch die Verlöbnis mit dem Grafen Paris / ehbrüchig und untreu werden müsste / welches sie für sündlicher gehalten /als besagter massen getreu zu sterben. Den Abend nun vor ihrem Hochzeitlichen Ehrenfest / nimmet sie das Pulver in einem Getrank zu ihr / und fället also für todt auf ihr Bett. Was grosses Hertzenleid ihre liebe Eltern über diesem Trauerfall ist leichtlich zu erachten. So bald nun der Knecht dieses Verlauffs inträchtig wird / nimmet er die Post / und [390] reitet nach Modena / seinen Herren zu berichten / daß Julietta geen Todes verblichen.

11. Anders Theils hat auch der Mönich einem von seinen Brüdern / Robert genannt / einen Brief vertrauet / und darinnen Romeo alles was sich begeben /berichtet mit Bitt / er solte eiligst kommen und seine Julia / im abholen. Es fügte sich aber / daß eben zu selber Zeit einer von den Franciscaner Mönichen an der Pest gestorben / und deßwegen ihnen allen verbotten worden / nicht aus dem Kloster zukommen / daß also der abgeordnete Bruder Robert / Romeo das anbefohlne Schreiben nicht einhändigen können / daraus grosses Unheil entstanden / wie hernach folgen wird.

12. Romeo hatte so bald seiner Liebsten Tod nicht vernommen als er sich auch zu sterben entschlossen /zu welchem Ende auch er von einem Apotecker Gifft erkaufft / seinen Knecht vorangeschicket / und Liecht und andere Geretschafft / in der Julietta Grab-Gewölb welche neben neulich entleibten Tibau ihren Vettern /als todt geleget worden / zu brechen. Bald hernach folgte Romeo / und fande seine Liebste noch vor den 40 Stunden / wie er vermeinet / todt / worauf nach vielen Trauer Worten und Abschied Küssen den sehr starken Gift zu sich genommen hat / daß er warhafftig todt neben ihr niedergefallen.

13. Der Mönch Laurentz kame bald darauf auch in das Grab / weil er wuste daß Julietta wieder erwachen solte / und fande Romeo gantz aufgeschwollen neben ihr todt / darüber er sehr erschrock / und weilen er ein Gereusch hörte / mit Furcht und Zittern / und Hinterlassung der Liechter / aus dem Grabe eilete und also diese halbtodte Juliettam allein liesse / welche bereit zu sich selbst zukommen angefangē / unn ihren liebsten Ehe Herrn gantz erstaunend neben sich todt ersehen. Ihre Augen wurden Threnen Quellen / und flossen als Bluts-Tropfen ihres verwundten Hertzen häuffig über ihre blasse Wangen. Nach einer erbärmlichē Trauerrede konte sie sich nicht enthaltē mit dem zu sterben der sie für tod gehalten / und sie biß in [391] den Tod geliebet / ergrieffe deßwegen Romeo Dolche /welchen er an der Seiten hatte / und stösset ihr selben dreymals in die Brust / dadurch sie dann die Hertzkammer verletzt / und ihr Leben in solcher verzweiffelten Liebe jämmerlich geendet.

14. Dieses wurde nun bald Stattkündig / weil Romeo seinem Knechte einen Brief / darinnen die Erzehlung der gantzen Geschichte begriffen / eingehändiget / selben folgenden Morgens seinem Vatern zu übergeben. Der Mönich / der Knecht und die Magd wurden in Verhafft genommen / die todten Leichname aus dem Grab-Keller zu gerichtlicher Besichtigung vorgewiesen / und endlich die gantze Sache durch die Briefe / so Bruder Roberten anvertrauet worden / außfindig gemachet / deßwegen auch nach Modena geschrieben / daß der Apoteker mit dem Strang vom Leben zum Tod gerichtet / die Magd / weil sie zu solcher Winkel Ehe geholffen / und es ihrer Herrschafft nicht angemeldet / deß Landes verwiesen / der Knecht frey gesprochen / und dem Mönichen sein Unrecht zu erkennen gegeben / welcher ihm selbst die Straffe auferlegt / daß er die Zeit seines übrigen Lebens in einer Einsamkeit als ein Einsiedler zugebracht.

15. Durch diesen erbärmlichen Fall sind die Capelleten und Montescher vereiniget worden / und haben den beeden Verliebten ein herrliches Grabmahl aufrichten lassen / welches zu Verona noch heut zu Tage zu sehen ist. Ob wol ihre Liebe ehrlich und ehlich verbunden / so haben sie solche doch nicht ehrlich angefangen / und deßwegen elendiglich hinaus geführet: Massen nicht genug ist / einen guten Vorsatz haben /sondern man muß auch durch rechtmässige Mittel darzu gelangen. Diesen Verliebten könte man eine solche Grabschrifft verfassen.


Die wir uns gar kurtze Zeit
ehr- und ehlich fest geliebet /
hat die Feindschafft Haß und Neid
in dem Leben offt betrübet.
[392]
wann die gleich gesinnten Hertzen
nach dem Tod einander lieben /
werden wir in Freuden-Schertzen
uns in jenem Leben üben.
112. Ehbruchsrug
(CXII.)
Ehbruchsrug.

Das alte Wörtlein RUG bedeutet die Klag / und wird auch gebraucht fůr die Straffe / daher lesen wir in alten Büchern von dem Ruggrafen / welcher der Richter ist gewesen in dem Ruggericht / von dem Rugknecht / Ruggeld / Rugbuch. In der Evangelischen Geschicht findet sich / daß Joseph / die Mutter Gottes / als er ihre Schwängerung vermerket / nicht habe wollen rügen / das ist / anklagen / zu schanden machen / und zu Straffe ziehen. In nachgesetzter Erzehlung aber werden wir hören / daß ein Edelmann sein in Ehbruch ergrieffenes Eheweib unbarmhertzig geruget habe.

2. Ein alter Edelmann in Piemond lebte vor Jahren mit seinem Weib in grossem Vergnügen / er hatte bereits das funfftzigste Jahr überschritten / und nahme eine arme und schlechte von Adel / der Hoffnung sie durch solchen hohen Ehrenstand zu schuldigen Gehorsam zu verbinden. Der Hertzog forderte diesen vornehmen Herrn nach Hof und bediente sich seiner Person in unterschiedlichen Verschickungen / und Rahtschlägen. Diese Einsamkeit war dem jungen Weib / welche in Gesellschafften auferzogen worden /fast unerträglich / und ihr schönes Schloß bedunckte sie eine Einöde oder verlassenes Nonnen-Kloster /welches sie / zu einer lebendig-todten Wittib machete.

3. Es hielte sich in ihrer Nachbarschaft ein Jüngling auf / der besuchte zu Zeiten ihren Herrn / und den ersahe diese einsame zu einem Gehülff in die Zeit zuvertreiben. Der Jüngling verstunde die Sprache [393] ihrer Augen mit Verwunderung / und weil er an ihrer Tugend nicht zweiffelte / vermeinte er daß gefaster Wahn ihn trügen möchte / und wil auch solchem wandelbaren Zeugen nicht Glauben zu stellen. Nach kurtzer Zeit eröffnete diese edle ihr unehrliches Anliegen /mit gar beweglichen Worten / daß der junge Mensch welcher auch Fleisch und Blut hatte / solche hohe Begünstigung mit würklicher Danckbarkeit erwiederte.

4. Dieses Feuer konte so wol nicht verborgen werden / daß man nicht den Rauch darvon hette sehen sollen / ich wil sagen / daß die Bedienten in dem Hause / dieser Ehebrecherischen Liebe einträchtig werden müssen / weil der Nachbar gar zu fleissig einkehrte / und von ihrer Frauen sehr freundlich empfangen wurde. Dieser Junge von Adel verehrte dem Alten einen guten Falken / und zu Zeiten Wildpret von der Jagt / damit er Ursach nahme Freundschafft mit ihm /und der Liebe mit seiner Frauen zu pflegen. Diese Beschenkungen und andre Nachrichtung von seinen Dienern machte den guten Mann zweiffeln / daß es in sei nem Hause nicht recht müsse hergehen / trachtete deßwegen zu finden / was er lieber ungefunden wissen wollen.

5. Als auf eine Zeit vorbesagter sein Helffer bey ihm / und er selben mit grosser Höfligkeit über Nacht zu bleiben genöhtiget / kommen ihme (nach gemachter Anstellung) Befehls schreiben von dem Hertzog /er solte bey Anschauung dessen / nach Hof verraisen /wegen wichtigen Angelegenheiten / etc. Den Brief lässet er sein Weib lesen / und setzet sich alsobalden auf / deß Hertzogen gnädigen Befehl pflichtschuldigst zu gehorsamen: ordnet auch zuvor / wie seine Frau in seinem Abwesen die Haußgeschäfte anstellen sol /küsset sie auf gut Jüdisch / und scheidet also von ihr und seinem verdächtigen Gast / welcher zugleich Urlaub nahme und bald wieder zu rucke zu kehren gewillet war / wie dann auch erfolgt und hat sich diese Ehebrecherin entblödet ihren Buler an ihres Herren Stelle in ihr Ehebette zu reitzen.

[394] 6. Der Herr nun kame in der Nacht wieder zu rucke / und sendete seinen Diener vor ihm her / mit fürgeben / daß sein Herr etwas nöhtiges vergessen / welches er der Frauen eiligst anzumelden befehlt sey. Der Thorwärtel kennete die Rede deß Dieners und machte alsobalden auf / und mit diesem gienge sein Herr mit in das Schloß / und als sie für die Kammer kamen /und vorbesagter Diener anklopfte / mit vermelden /daß er einen Brief von seinem Herrn brächte / an welchem viel gelegen / hat die Kammermagd / eine alte Kuplerin / die Thür nur halb aufmachen / und den Brief nehmen wollen / wurde aber von dem Diener /mit dem Fuß / zurücke gestossen / daß sie hinter sich zu Boden gefallen / und kein Wort reden können.

7. Hierauf tritt nun der Herr mit seinen Dienern in die Kammer / und findet seine Ehebrecherin mit ihren Bulen gantz nackend liegend / welche sich nicht weniger gefürchtet und geschämet als Adam und Eva nach dem Sündenfall. Diesem Ehebrecher bande man Hände und Füsse zusammen / und nöhtigte der Herr sein untreues Weib / daß sie ihren Buler mit Hülff der alten Kuplerin erhenken musste / zu welchem Ende ein grosser Nagel / Strang und Leiter in Bereitschafft war. Das Bett ließ er verbrennen / und ein wenig Stroh in die Kammer thun / alle Fenster und auch die Thür vermauren / ausser einem kleinen Loch / da man der vermaurten Ehebrecherin Wasser und Brod täglich hinein langen konte / daß also diese Sünderin /ihren Bulen erhencken / und neben ihm lebendig verfaulen müssen. Was Gesellschafft sie an den Leichnam gehabt ist leichtlich zu erachten / und hat sie also im Gestank und wenig Lufft / nach dreyen Wochen in Verzweifflung den Geist aufgegeben. Die Kuplerin hat gleichfals in einem tieffen Keller elendiglich hungers sterben müssen.

8. Diese Ehebruchsrug ist in dem gantzen Land kund und offenbar worden / weil auch der Herr sein Weib in der Missethat ergriffen / ist er von dem Hertzog / bey welchem er in grossen Gnaden gestandē /[395] deßwegen nicht gestraffet worden. Viel haben vermeint die Straffe sey dem Verbrechen nicht gemäß: Viel geile Weiber aber haben sich durch diese That von ihrem Sünden Leben mehr abschrecken lassen /als sonsten von vielen Predigten und Bedrauungen Göttlicher Straffen. Hierauß könte man eine solche Geschicht Rähtsel in der Ehebrecherin Namen verabfassen.


Ich hasse meinen Mann / der kein Mann ist zu nennen
ich liebe / den ich muß das Leben kürtzen ab /
mein Lager ist das Stroh / mein Bette muß verbrennen /
ich lebe sorder Trost / in meiner Kammergrab.

Wer die Geschicht nicht weiß / wird solche Art der Rähtsel nicht auflösen können / wie wir hievon gehandelt in dem CCXXXV. und CCL. Gesprächspiele / wie auch in der 11. Stunde deß Poetischen Trichters.

113. Die Tyrannische Stief-Mutter
(CXIII.)
Die Tyrannische Stief-Mutter.

Das Wort Stieffmutter / oder gestiffte Mutter / durch anderweite Verehlichung / wird ins gemein für ein abhässiges und unholdes Weib gebrauchet / daher sagen wir / daß das Glück der Armen Stiefmutter sey / und ist gewiß daß deß Vaters zweite Liebe / den Kindern erster Ehe Haß verursachet / und eine Wittib / welche sich heuratet / hält auch wol ihre natürliche Kinder feindselig und übel / weil sie ihrer neuen Liebesflammen hinderlich sind / wie in nachgesetzter Erzehlung ein sonderliches Exempel zu vernehmen seyn wird.

2. In der Statt Bremen hatte ein reicher Kauffherr seinem Weib Bibiana ein grosses Gut hinterlassen /als er diese Welt gesegnet. Man hette [396] von ihr segen können / was dorten Balsac in dergleichen fall geschrieben: Es ist nicht zu glauben / daß eine Wittib ihr Glück beweine / über welches sie sich zu erfreuen Ursach hat. Ein Stück Erden sechs Schue lang (das Grab) träget jährlich etlich tausend Thaler. Wegen ihres Mannes Leben hette man sie trösten sollen / und nicht wegen seines Todes / sie hette Ursach zu trauren / wann er wieder von den Todten auferstehen solte etc.

3. Diese Wittib hatte nun ein grosses Vermögen zu benutzen / weil ihr Sohn und Tochter minderjährig. Sie hielte Diener welche den Handel führten / und die Kundschafften unterhielten / und viel Nutzen schafften. Unter diesen war ein Dennemärker / Namens Themist / ein arger und listiger Gesell / welcher nicht allein der Bibiana Geld / sondern auch ihr Hertz beherrschte / und den ehlichen Handel in Unehren bey dieser Wittib anrichtete. Ob nun wol dieses erstlich ein Geheimnis / mochte es doch nicht lang verschwiegen bleiben / und musste zu offentlichen Ergernis ausschlagen / wie zu vernehmen seyn wird.

4. Monica die Tochter konte sich nicht enthalten ihrer Mutter das böse Leben mit Bescheidenheit zu verweisen / und wurde deßwegen dem nechsten schlechten Gesellen der sie begehrte verheuratet. Fulgentz aber der Sohn / war diesem Sachwalter und seiner Mutter ein Dorn in den Augen / weil er ihre verdächtige Gemeinschafft in Schimpff und Ernst bestraffte. Themiste hingegen sich als Herr in dem Schußverhielte / und als künfftiger Stiefvater den Meister spielen wolte / »massen wenig geringe Leute einen höhern Stand mit Verstand ertragen können«.

5. Fulgentz erlangte nun sein vogtbares Alter / und wurde in allen Gesellschafften mit Themiste seinem künfftigen Stiefvater geschertzet / daß er Ursach nahme zu reden / als ein Erb und Sohn in dem Hauß mit Themiste seinem Diener / und ihm die Kund- und Gemeinschafft mit seiner Mutter zu verbieten. Der stoltze Diener aber gabe so übermütige Antwort / daß [397] Fulgentz ihm einen Backenstreich / Themiste aber zween dargegen versetzte / und Fulgentz erfuhre / daß in diesem Spiel mit einem so starken Gegner für ihn nichts zugewinnen.

6. Bibiana konte der Streit nicht unwissend seyn /sagend / daß Themiste recht gethan / daß er diesen Nistling das Gelbe von dem Schnabel gewischet / und bedraute ihn / wann er sich dergleichen Herrschafft wieder anmassen würde / sie ihn aus dem Hause jagen wolte / und sey nicht gebräuchlich / daß die Eltern ihnen von den Kindern einreden lassen etc. Fulgentz gedenket sich an diesem Meister Diener zu rächen /oder sein Leben zu lassen / und ergreifft dieses Vorhabens einen Degen und ein Pistol / als er wuste / daß Themiste in seiner Mutter Kammer verschlossen. Die Thür sprengt er auf / und ob wol Themiste gantz entblöset / sprang er doch zu dem Fenster hinaus / und Fulgentz verfehlte seiner mit dem Pistol / doch hiebe er ihm die Schlaffhauben entzwey / und Bibiana fuhle ihm in das Gewehr / und verschniede die Hand.

7. Themiste rettete sich bey einem seiner Freunde /liesse seine Wunden / welche nicht tödtlich war / verbunden / flohe mit anbrechendem Tag in Dennemarck / und liesse sich bedunken Fulgentz folge ihm auf dem Fuß. Bibiana finge ein Geschrey an / daß die Nachbarschafft zulieffe / und ob wol Themiste entronnen / rühmte sich doch der junge Abenteuer / er habe ihn mit dem Pistol geschossen / und mit dem Degen also verwundet / daß er nicht weit gehen werde. Dieses bestetigte die rachgierige Mutter / und hette lieber den Sohn als den Bulen verlieren wollen / und ersinnte folgende List.

8. Themiste hatte einen vertrauten Freund zu Bremen / welcher ein Handwercks Mann von guten Mitteln war: Diesem machte Bibiana eine falsche Zeitung zukommen / wie nemlich Themiste tod / und ihm vor seinem Absterben ersuchen lassen / seinen Mörder Gerichtlich zu beklagen / und der Bibiana / welcher er auch nach dem Leben gestanden / einen Beystand zu laisten. Balderich / also nennte sich dieser Freund /[398] bringet die Sache für Bürgemeister und Raht / und einen Befehl aus / daß man Fulgentz greiffen / und in das Gefängnis werffen solte / wie auch beschehen.

9. Bibiana wird vernommen / und sagte diese Ehebrecherin / daß sie Themiste ihren Diener geheuratet /deßwegen ihr Sohn / ihm und auch ihr nach Leib und Leben gestanden / ihn durchschossen und tödlich verwundet / wie die Schlaffhauben und die gantze Nachbarschafft bezeuget / sie aber / weil sie ihm in das Gewehr gefallen / beschädiget / wie für Augen / und sey nicht zu zweiffeln daß er auch sie ermorden wollen etc. Also ist die Liebe dieser Bibiana gegen ihren Bulen grösser / als gegen ihren leiblichen Sohn gewesen.

10. Fulgentz gestehet / daß er Themiste tödtlich verwundet / nicht aber als seinen Stiefvater / sondern als einen Ehrenschänder seiner Mutter / von welcher Verlöbnis ihm nichts wissend. Daß er aber seiner Mutter solte nach dem Leben gestanden haben / seye falsch / und er in seinem Gewissen deßwegen versichert. Nach dem er nun auch peinlich befraget worden / da er alles aus Marter bekennet / was er auch nicht gethan / ist er als ein Mörder seines Stiefvaters zum Schwert verurtheilt worden. Der Bibiana aber sind seine Gůter alle zugefallen / daß sie vermeint / sie habe die Sache klüglichst angefangen und ausgeführt.

11. Diesen Verlauf schreibt sie ihrem Themiste /welcher sich zu Koppenhagen aufgehalten / und wieder zu rucke kommend / die Bibiana zu Kirchen und Strassen geführet. Balderich der Ankläger deß unschuldigen Fulgentz / machte sich aus dem Staube /weil er ungleich von dem Blut Urtheil urtheilen hörte / und die Richter auf gefuhrten Beweis / und sein Anklag sich gegründet / und deßwegen zu entschuldigē weren: andre hielten darfür daß dieses alles von der listigen Bibiana herkommen / »massen dann Gott viel Mittel hat das verborgne Unrecht an das Liecht zu bringen / und mehrmals seine Frommen auf der Gottlolen heimlichste Gedanken eingiebet«.

[399] 12. Themiste wurde aus seinem Dienst in den Herren Stand gesetzet / und sahe ihn jederman an / als einem der aus der andern Welt wiederkommen / und einen sehr glükseligen Menschen / daß man von ihm sagen mögen / die Wort Davids: Es verdreusst mich auf die Ruhmredigen / da ich sahe daß es den Gottlosen so wol gienge. Sie sind nicht in Uglück / wie andre Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt / darum muß ihr Trotzen köstlich Ding seyn /und ihr Frevel muß wol gethan heissen etc. Sihe das sind die Gottlosen / die sind glückselig in der Welt /und wurden reich / etc. Hernach aber betrachtete David ihr Ende / und wie sie Gott auf das schlipferige setzet und zu Boden stürtzet / daß sie ein Ende nehmen mit Schrecken plötzlich. Psal. 73. v. 4. 5. 6.

13. Dieses hat sich auch in dem Exempel Bibiana und Themiste erwiesen / und ihre Glückseligkeit ist verschwunden wie ein Traum. Themiste wurd seiner Alten bald müde / weil er nicht mehr Knecht / sondern Herr / und sie nicht mehr Frau / sondern Magd seyn solte / deßwegen dann ein alltäglicher Hauß Krieg unter ihnen entstanden. Zu dem eiferte sie mit diesem ihrem Mann / weil er andrer verdächtigen Personen Kundschafft pflegte / daß sie endlich in Zorn ihme aufruckte / sie hette ihme zu Liebe ihren eignen Sohn aufgeopfert / und in deß Henkers Hand gegeben / und daß er solches mit beharrlichen Undank erwiedere etc.

14. Dieses kam ihrem Tochtermann / der die Monica geheuratet / zu Ohren / welcher sich stellte / daß er auf der Schwieger Seiten were / und endlich heraus lockte / daß der unschuldige Fulgentz durch sie beede meuchellistiger weise angeklaget und verurtheilt worden. Dieses meldet er der Obrigkeit / mit allen Umständen an / und nach deme die Warheit aus dem tieffen Brunnen der Verschwiegenheit geschöpfet worden / haben sie beede eines schmählichen Todes [400] sterben müssen. Also hat diese Stiefmutter / wieder alle natůrliche Neigung / gegen ihren Sohn verübte Tyranney /mit viel zu spater Reue gebüsset.

15. Wer böses thut fühlt Gottes Ruht /
bestehet nicht in dem Gericht.
ob gleich die Straffen ein zeitlang schlaffen /
kommt doch die Rach erwacht hernach /
und raffet hin der Sünder Sinn.
114. Die Heuchlerische Andacht
(CXIV.)
Die Heuchlerische Andacht.

Sihe zu sagt Sirach / daß deine Gottesfurcht keine Heucheley sey: dann Gott / der in das verborgne sihet / lässet sich nicht spotten. Der Schwan mit seinen weissen Federn und schwartzen Fleisch ist als ein Bild eines Heuchlers / von den Opfern verworffen /und pflegen alle Heuchler vor ihrem Tod ein erbärmliches Grablied anzustimmen / wie unter vielen andern Exempeln / auch folgendes bezeugen kan.

2. Doritia eine edle Jungfrau / hatte zwo Schwestern und etliche Brüder / welche alle wol außgesteuret und verheuratet / sie aber in das Kloster verstossen wurde / wieder ihre Neigung und Willen. Ihr Vater ein Löw in seinem Hauß / für welches brüllen alles erzittern musste / erheischte von ihr solchen Gehorsam / und durffte sie sich nicht erkühnen / ihme zu wiedersprechen. Nach ihres Vaters Todt / wolte diese gezwungene Nonne die Kutten / oder vielmehr die Larven wegwerffen / und hatte einen heimlichen Rahtgeber / der ihr ein Zeug seyn konte / daß solches Gelübd gezwungen und genöhtiget / wieder ihren Willen geschehen / und daß sie kein Nonnenfleisch jemals gehabt.

3. Ihre Brüder waren in dem Krieg geblieben / ihre Schwestern hatten das Güttlein getheilet / sie wil ihren Antheil haben / weil ihr Gelůbd für nichtig und unbündig geurtheilt und aufgelöset worden. [401] Ihre Schwestern hatten der Armen Reichthum / ich wil sagen / viel Kinder / und wolten deßwegen nichts heraus geben / oder ja gar wenig / mit dem ihr Sachwalter / und künfftig Ehevogt / welchen Titel er damals nicht haben wolte / sich nicht begnügen liesse / sondern einen Rechtshandel daraus angesponnen / der sich lange Zeit verzögert.

4. Aus dieses Einraten / gabe Doritia für / sie könte nichts zurucke lassen / weil sie ein Kloster von ihrem Antheil der Erbschafft stifften / und die Zeit ihres ruckständigen Lebens darinnen zubringen wolle. Dieses ihr Vorgeben bescheinigte sie mit vieler heuchlerischen Andacht / daß man sie mit Fug eine weltliche Nonne nach eusserlicher und innerlicher Scheinheiligkeit nennen mögen. Sie war kaum der Kloster Gefängnis entkommen / und hatte die Welt mehr lieb gewonnen / als andre / so von Jugend auf weltlich erzogen worden / und stellte sich doch als ob sie ihr Hertz bey ihren Schwestern hinterlassen.

5. Ob nun wol das Geld / welches ihr ihre Schwestern heraus geben wolten / genugsam ein Gedechtnis ihrer Andacht zu stifften / so wolte sie doch nicht zu frieden seyn / und alles haben / damit nach ihrem Gefallen zu geberen / und sich in einen Orden zu begeben / da man den ersten Tag sein Gelübd / ohne vorhergehende Prob- oder Lehr-Jahre zu thun pfleget /welcher ist der H. Ehstand / Gott aber / dem falsche Hertzen ein Greuel sind / hat diese Heuchlerin mit einem Schlag urplötzlich getroffen / daß sie gesund schlaffen gegangen und folgenden Tages in dem Bette todt gefunden worden.

6. Ihr Sachwalter beklaget sich darüber mit kläglichen Worten / daß darauß leichtlich zu schliessen /was Doritia im Sinn gehabt / muste aber mit leerer Hand abziehen / und mit seiner verführten Nonne auch alle seine Hoffnung zu Grabe tragen sehen. »Unter allen Wundern unsers Erlösers ist nicht zu finden / daß er einen Heuchler bekehret / und einen Narren weiß gemachet: ja unter hundert Worten [402] seiner Predigt / sind allezeit vier und zwantzig wieder die Heuchler gerichtet.« Wie diese Nonne gefahren ist leichtlich zu erachten.

7. Einfalt / Warheit / Ehr und Treue /
bringt dem Menschen keine Reue:
aber Gott und Menschen trügen
macht die Lügen-List erliegen.
115. Erscheinung der Geister
(CXV.)
Erscheinung der Geister.

Das sich der Satan in einen Engel deß Liechts verstellen kan / ist aus H. Schrifft beglaubt / und lässet solches Gott zu: eins theils die Bösen in ihren Wesen zu straffen: anders theils die Frommen durch solche Begebenheiten zu bewären / und zu lehren / daß sie sich für diesem tausent Klünstler hüten sollen. Wie sollen aber die Gottlosen Reichen glauben / wann gleich einer von den Todten auferstiende / sagt dort Abraham zu dem reichen Mann. Ja wann auch solche Gespenster die Warheit sagen / welche sie auß der Bösen Thaten leichtlich mutmassen können / wie der Samuel / den die Zauberin herauf gebracht / so verkauffen sie doch darmit viel hundert Lügen / und schaden der Seelen / in dem sie vorgeben dem Leibe zu helffen. Wie nun der böse Feind die lebendigen Leiber / wie in dem Paradiß die Schlange besitzen kan / also verhengt ihn auch Gott / daß er der verstorbnen Leichname zu zeiten regieret / und ihre Gestalt annimmt andre zu verführen. Folgende Geschichte sollen erstbesagtes mit mehrerem erweisen.

2. In Frankreich eiferte ein Edelman mit seinem Weibe / und hatte desselben genugsame Ursachen /suchte deßwegen Mittel sich ihrer zu erledigen. Nach langen Bedacht und vielem Versuch / welchen sie allen listig vorgebogen / hat er sie eine Nacht erdrosselt. Dieses fürchtete er / möchte ihm das Leben kosten / und begab sich zu einem Zauberer / welcher ihme zu vor [403] etwas wieder hauen und stechen angehangt / und fragte ihn um Raht. Der Zauberer verspricht ihm / er wolle etliche Tage seiner Frauen Gestalt hin und wieder gehen machen / und er solte inzwischen verraisen / daß kein Argwahn auf ihn kommen könte / wann sie in seinem Abwesen todt gefunden würde. Dieses richten sie abgeredter massen zu werke / und fande man den Leichnam so stinkend und erfault in deß Edelmanns Hauß / daß viel wähnten / es müsse nicht recht mit hergehen / wusste aber niemand / warüm dieser todte Leib den ersten Tag also gar verfaulet und gleichsam verwesen schiene.

3. Man wusste daß der Edelmann eine böse Ehe hatte / und vermeinten ihre Befreunde / er hette ihr so starken Gifft beygebracht. Zu deme war vielen seine Gemeinschafft mit dem Zauberer verdächtig / und wird der Edelmann deßwegen zu Rede gesetzt / und in Verhafft gebracht / von seinem Gewissen überzeuget /und als ein Mörder lebendig gerädert / der Zauberer aber hat die Flucht genommen / und ist an einem andern Ort lebendig verbrennet worden.

4. In einer andern Stadt bulten drey Studenten ům eine Ehefrau / welche sie / als junge Gauchen verlachete. Diese fügen sich zu einer Zauberin / welche ihnen versprache / daß diese Frau ihres Willens werden solte / einen aber unter ihnen würde ein grosses Unglück wiederfahren / und solten sie sich auf dem Ruckwege wol in acht nehmen. Ein jeder gedacht daß solches ihn nicht betreffen würde / und verlachten die Erinnerung. Ob sie nun verblendet worden / oder würklich mit dieser Frauen zugehalten / ist nicht wissend / auf dem Ruckwege aber / als sie siegend und stoltziglich nach Hause kehren wolten / fället ein Ziegel von dem Dach / und schläget von den dreyen einen starr todt darnieder.

5. Die überbliebene lauffen zu der Zauberin / und setzen ihr den Dolchen an die Gurgel / mit bedrauen sie zu erwürgen / wann sie ihren Gesellen nicht würde wieder lebendig machen. Die Zauberin sagt daß er in einer Anmacht liege / und nicht gestorben / [404] wie auch scheinbarlich erfolget / daß er ihnen entgegen gesprungen / gedantzet und gepfiffen / aber gantz blaß /stinkend und abscheuliches Ansehens / daß sie sich fast für ihm entsetzet. Vier Tage hernach ist er in einem Garten zu ihren Fůssen niedergefallen / und hat einen solchen Gestank von sich gegeben / daß niemand üm ihn bleiben können: daraus erhellet / wie der Satan diesen verstorbnen Leib beseelet gehabt /allermassen die Zauberin bekennet und mit den an dern zu verdienter Straffe gezogen worden. Die Zauberin wurde verbrennt / die Studenten in das Gefängnis geworffen / welche mit der Neapolitanischen Kranckheit angestecket / lebendig verfaulet.

6. Ein unbekanter Mann hat sich vor etlichen Jahren zu einem Breiter / bey einem Grafen von Rogendorf angegeben / welcher nach gelaister Probe zu Diensten angenommen / und ist ihme eine ehrliche Bestallung gemachet worden. Es begabe sich aber daß einer von Adel bey Hof angelangt / und mit diesem Breiter an die Tafel gesetzet wurde. Der fremde ersahe diesen mit erstaunen / war traurig und wolte keine Speise zu sich nehmen / ob ihme wol der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen.

7. Nach dem nun die Tafel aufgehebt und der Graf den fremden nochmals wegen der Ursache seines Traurens befragt / hat er erzehlet / daß dieser Breiter keine natůrliche Person / sondern sey für Ostenden ihme an der Seiten erschossen / auch von ihme Sagern selbst zu Grabe begleitet worden: erzehlte auch alle ümstände / als sein Vaterland / seinen Namen / sein Alter / und hat solches alles mit dem was der Breiter von sich selbst gesagt / eingetroffen / daß der Graf daran nicht zweiffeln können / welcher Ursach genommen diesem Gespenst Urlaub zugeben / mit vorwenden / daß seine Einkunfften geringert / und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen / etc.

8. Der Breiter meldet / daß ihn zwar der Gast verschwätzet / weil aber der Graf nicht Ursach ihn abzuschaffen / und daß er ihme getreue Dienste gelaistet und noch laisten wolle / etc. bitte er ihn ferners an dem [405] Hofe erdulten / etc. Der Grafe aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub: deßwegen begehrte der Breiter kein Geld / wie bedingt / sondern ein Pferd und ein Narrenkleid mit silbern Schellen / welches ihme der Graf gerne geben liesse / und noch ein mehrers wolte reichen lassen / daß der Breiter anzunehmen verweigerte.

9. Es fügte sich aber / daß der Graf in Ungern verraist / und bey Raab / auf der Schütt / besagten Breiter mit vielen Kuppelpferden in dem Narrenkleid antrifft / aus welches ersehen / der vermeinte Breiter seinen alten Herrn / mit grossen Freuden begrüsset / und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf bedanket sich und wil das Pferd nicht annehmen / weil er der Zeit keines vonnöhten. Als er aber einen Diener ersehen /welchen er zuvor bey Hofe wol gekennet / verehrt er ihme das Pferd. Dieser Diener setzet sich mit Freuden darauf: hat es aber kaum beschritten / so springt das Pferd in die Höhe / und lässet ihn halb todt auf die Erden fallen: verschwindet also das Pferd und der Roßreuscher mit seiner gantzen Kuppel. Dieses erzehlt H. Speidel in Notabil. polit. f. 379.

10. Eine Zauberin / eines Hafners Weib in dem Städlein Levin in Böhemen ist 1345. eines gelingen Todes gestorben / und auf einen Scheidweg begraben worden. Sie ist aber vielen Leuten erschienen in Gestalt wilder Thiere / und hat etliche ůmgebracht. Als man sie außgegraben / hat sie den Schleyr / damit ihr das Haubt ist verbunden gewesen / halb hinein gessen gehabt / welcher ihr blutig aus dem Hals gezogen worden. Darauff schlug man ihr einen eichnen Pfal zwischen die Brust: sie rieß aber den Pfal heraus /und brachte mehr Leute ům / als zuvor: hernach wurde ihr Leichnam samt dem Pfal verbrennt / und die Aschen in das Grab geleget: da hörte das ůbel auf: aber an dem Ort / wo man sie verbrennt / hat man etliche Tage einen Wind Wůrbel gesehen. Hegenitz in der Böhmischen Chronik.

[406] 11. Zu Egwanschitz in Mähren hat sichs begeben /daß ein ehrlicher Büger dem Ansehen nach / auf den Kirchhof in der Statt begraben worden / welcher bey der Nacht ist aufgestanden / und hat etliche ümgebracht: seinen Sterbkittel aber hat er allezeit bey dem Grab liegen lassen. Dieses haben die Wächter beobachtet / und ihm den Kittel weggenommen. Als nun dieses Gespänst zu rucke kommen / hat es den Kittel von den Wächtern gefordert / und gedraut sie alle zu erwürgen / daß sie aus Furcht den Kittel hingeworffen. Hernach wurde er von dem Henker ausgegraben /zu Stucken zerhaut und also dem übel abgeholffen. Da er aus dem Grab genommen / sagte er: Sie hetten es wol angegriffen / sonsten / weil sein Weib auch gestorben / und zu ihm geleget worden / wolten sie beede die halbe Statt ůmgebracht haben. Der Henker zog ihm aus dem Maul einen langen grossen Schleyr /welchen er seinem Weib von dem Haubt hinweg gefressen hatte: denselben hat der Nachrichter dem Volk gezeigt / sagend: schaut wie der Schelm so geitzig ist.

12. Hiervon könten nun vielmehr Erzehlungen beygebracht werden / welche zu andrer Zeit folgen sollen. Es ist aber ausser zweiffel / daß der böse Feind ein Ursacher und Stiffter solcher Abenteur / und ob sich gleich solche Gespenste fromm stellen / und es den dienstbaren Geistern dem Allmächtigen nachthun wollen / so ist es doch nur falscher Schein / und erweist der Außgang daß sie den Menschen zu verderben suchen. Viel andrer Gestalt sind die Heiligen zu der Zeit der Auferstehung Christi / wie auch Moses und Elias / auf dem Berge Tabor erschienen / und der Engel / welcher Petrum aus dem Gefängnis geführet /und sagt dorten der Apostel recht daß man die Geister prüfen sol / ob sie aus Gott sind. Die Heyden haben behaubtet / daß dreyerley Geister. 1. Der Lebendigen /welche sie Genios oder Schutz Engel genennet. 2. Der Wolverstorbnen / welche sie aber mit dem verwesenen und stinkenden Leichnam nicht mehr vereinen /so sie Penates oder [407] Haußgeister / und 3. Der übelverstorbnen Poltergeister / Lemures geheissen.


Der böse Höllengeist kan sich geschwind verstellen:
in einen guten Geist. Durch Laster Schand und Sünden
kan er / mit Ergernis / mehr zu verderben finden.
Weh denen die sich kühn zu Gottes Feind gesellen!
116. Die ermordten Buler
(CXVI.)
Die ermordten Buler.

Die Liebe ist eine Tochter deß freyen Willens / welche nicht mehrers hasset / als den Zwang und Gewalt. Sie ist gleich dem Quecksilber / das sich nicht wil fassen und zusammen halten lassen. Es ist ein Mittel sich verhasst zu machen / wann man die Liebsneigung erzwingen und erpressen wil / wie aus nach gehender Erzehlung zu ersehen seyn wird.

2. Arade ein Gasconischer Edelmann / voller Spanischen Luffts / und schwülstigen Hirns / wolte keinen Neben Buler bey Principia seiner vermeinten Liebsten erdulten / ob er gleich wol wuste / daß noch die Jungfer / noch ihre Befreunde seiner Person geneiget waren. Lamprid hingegen der mehr Bescheidenheit und Verstand hatte / war beeden Theilen gefällig / daß ihme Principia halb und halb versprochen. Als nun Arade sahe / wie ihm dieser das Brod wil vor dem Maul wegnehmen / wie man zu reden pfleget /lässet er ihn für die Klingen erfordern.

3. Lamprid / hatte nicht weniger Lieb / als Hertz in dem Leibe / und erscheinet / wird aber von Arade verwundet / gezwungen den Degen von sich zu geben /und zu schweren / sich üm Principia nicht mehr zu bewerben / welches er versprochen / und auch gehalten. Arade wurde aber deßwegen nicht angenemer /sondern vielmehr gehasster / weil er vertrieben und aufgerieben / der von Principia begünstiget war.

[408] 4. Nach diesem fande sich Isidor / welcher Arade drauen verlachte / und verhoffte der Haan im Korb zu seyn. Diesen lässet Arade auch für die Klinge fordern / und als sie zusammen traten / wurde Isidor durchrennt / daß er also bald todt zur Erden gefallen. Hierdurch wurden viel abgeschreckt / daß sie dieser Principia ihr Blut-Bräutigame nicht seyn wolten. Sie aber konte dem stoltzen Arade nicht günstig seyn.

5. Endlich fasset Principia einen Schluß / der Welt abzusagen / und ihre Lebens-Tage in einem Kloster zu verschliessen. Dieses setzet sie / mit Einwilligung ihrer Eltern zu Werke / und wurde also Arade abgewiesen / daß er sagte / wann die Mauren doch in soviel Helden / als sie Steine hat / oder als dort aus den Drachen Zähnen erwachsen / verwandelt würden / so wolte er ihnen doch seine Liebste nicht lassen: Er musste aber mit seinen breiten Worten abziehen / und die Principia in dem Nonnenstand wissen / mochte sie auch nicht mehr sehen und ansprechen wie zuvor.


6. Gott verträgt die böse Rott /
daß sie sich durch Buß bekehren /
und also der Angst und Noht /
und der Höllen soll erwehren:
Oder / daß der fromm gelehrt
durch sie täglich wird geübet.
Endlich alls zum besten kehrt /
dem der ist von Gott geliebet.
117. Das eröfnete Geheimniß
(CXVII.)
Das eröfnete Geheimniß.

Es schlägt und tödtet nicht nur die Zunge deß Lügenredners / sondern auch deß der zu der Unwarheit still schweiget / und solcher Gestalt die Warheit hülfft unterdrucken: das also das Leben und [409] Tod ist in der Zungen Gewalt / und der Weise drucket nicht nur ein Siegel auf seinen Mund das zu verschweigen / was dem Nechsten schaden möchte: sondern er redet auch zu seinen Glimpf / und was zu seinem Frommen dienet.

2. Dessen ein Exempel ist gewesen ein Frantzösicher Edelmann / Apollinaris genamet / welcher ein überschönes Weib hatte / aber darbey blutarm war. Dieser machte bey einem Fůrsten so angenem daß er durch seine beharrliche Dienste / seiner Treue versichert / ihn zu einem Hofmeister machte / und sein Weib in seiner Gemahlin Frauenzimmer dienen liesse. Solcher gestalt lebte er etliche Jahre vergnüget.

3. Es fügte sich aber daß der Fürst Mauril genamt /sich in Euphemiam / seines Hofmeisters Weib verliebte und kein Mittel ihrer zugeniessen / unterliesse /doch damit nichts ausrichten konte / weil sie so Tugendreich / als schön war. Wo nun der Fuchsbalg nicht dienen wil / gebrauchet man die Löwenhaut und Mauril sendete seinen Hofmeister in gewissen Verrichtungen über Land / inzwischen aber nimmt er von seinen ärgsten Dienern zu sich / und nothzůchtiget Euphemiam / daß sie sich deß Gewalts nicht erwehren mögen.

4. So bald ihr Mann zurucke kommet / eröffnet sie ihme was sich in seinem Abwesen begeben. Der Mann tröstet sie / mit Versprechen diese Unthat mit deß Thäters Tod zu rächen: liesse sich aber nicht vermerken / und verbote auch seinem Weibe / darvon nicht mehr zu reden / daß der Fürst vermeint es sey ihm dieser Ehrenraub gantz unwissend / und dichtete ihme auch sattsame Ursachen / welcher wegen Euphemia den Handel verschwiegen hätte: nicht wissend /daß die Weiber alles verschwetzen / was ihnen vererauet wird / und nur verschweigen / was sie nicht wissen.

5. Als sie nun beede der Jagt / und Apollinaris seinem Fůrsten gantz allein nach gesetzet / als welcher unter allen Dienern am besten beritten war / ersahe [410] er einen Vortheil / und schiesset ihn ungewarnter Sachen / über das Pferd herunter / nimmet darauf einen Abweg / und findet sich wieder zu der Hofbursch /ohn einigen Verdacht / daß er seinen Herrn solte ermordet haben. Nach etlichen Stunden findet man deß Fürsten Leichnam / und bringt ihn mit vielen Threnen / Weinen und Klagen zurucke / und betraurte ihn absonderlich Apollinaris / als der ältsten Diener einer /der seine grosse Treue durch solche Trauerzeichen erweisen wollen.

6. Vietritia die hinterlassene Fürstin / wuste daß ihr Herr mit einem benachbarten Grafen Feindschafft und Strittigkeit hatte / vermeinte deßwegen / daß solcher etwan ein Meuchelmörder erkaufft / und ihren Herren hinrichten lassen: fängt deßwegen eine Rechtfertigung mit ihnen an / und verlieret solche / aus mangel sattsamen Beweises / mit Abtrag aufgelaufner Kosten und Schäden. Apollinaris aber wolte auch der nicht trauen / die in seinen Armen schlieffe / und machte sich aus dem Staub biß Euphemia aus Traurigkeit und andern Zufällen gantz schwindsüchtig und außgedorret / diese Welt gesegnet.

7. Als Apollinaris solches erfahren / hat er sich wieder an der Victricia Hof begeben / und sich versichert gehalten daß nun kein Mensch in der Welt sein Geheimnis wisse / als er allein / deß endlichen Vorsatzes seinen Mund / dem er zu essen gebe / auch wol in dem Zaum zu halten. Aber vergebens. Victricia verliebte sich in diesen jungen und höflichen Wittber / ertheilte ihn auch freywillig / was ihr Herr von seinem Weibe erpressen müssen / und vermeinte Apollinaris / daß er nun in deß Glückes Gangrad einen Diamantenen Nagel geschlagen.

8. Es ist aber mit der Menschen Gedanken so beschaffen / daß sie viel zu kurtz / das zukůnfftige zu ergrůnden. Als er einsten mit seiner Fürstin der Liebe gepflogen / erzehlet er / aus unbedacht / und Vertrauen erlangter Gemeinschafft / daß ihr verstorbner Herr sein Weib geschändet / und er sich an ihm gerächet etc. Hierüber erstaunte die Fürstin / und befürchtete /[411] daß er auch ihr / wegen geringen Wiederwillens / den Tod anthun möchte / lässet ihn deßwegen in das Gefängnis werffen / und nach deme er solche Mordthat nachmals bekennet / mit dem Schwert richten und viertheilen.

9. Also musste dieser Edelmann sich selbsten verrahten / und offenbaren / was keinem Menschen / als ihm allein wissend gewesen. Er hielte sich in der grösten Glückseligkeit versichert / und stürtzte sich /sonders zweiffel aus Göttlicher Schickung / in seine verdiente Straffe.


Wie das Glaß wann es gläntzt gebrechlich prangt
das zuvor Aschen ist von reiner Erden:
Also muß manches Glück zerbrochen werden
wann es hat seinen höchsten Schein erlangt.
118. Der ergrimmte Eifer
(CXVIII.)
Der ergrimmte Eifer.

Nach der Welt Urtheil scheinen die grossen Sünden in grossen Leuten klein / und die kleinen »Sünden / in kleinen und schlechten Personen groß / da doch für Gott kein Ansehen der Personen / und wer böses thut bleibt nicht für ihm.« Grosse Leute sagt David / fehlen auch / und sind so wol Menschen als andre: ja die Mächtigen werden auch mächtig bestraffet / wie nachgehends hiervon eine Erzehlung zu vernehmen seyn wird.

2. In dem Königreich Andalusia / lebte vor kurtzer Zeit ein Edler / Namens Minucio / welcher sich nicht vergnůgen liesse mit seiner Gemahlin / sondern wurff seine Augen voll Ehbruchs auf seines Unterthanen Jordans Weib / Lipsa genamt. Anfangs wolte diese ihrem Herrn kein Gehör geben / zierte sich aber mehr ihm / als ihrem Manne zugefallen / daß sie die Waar teurer zu verkauffen gehoffet / und weigerte [412] sich deß Anmutens mit dem Jawort in Geberden / nicht in den Hertzen.

3. Jordan wusste wol daß ein ströhener Herr einen eisernen Unterthanen frisst / und wolte sich mit dem Abschied hinter der Thůr retten. Lipsa war ein Weib /das ist / wankelmütig und unbeständigen Sinnes / beklagte sich bey ihrem Herrn / daß sie ihr Mann verlassen. Ob er sie getröstet / ist unschwer zu ermessen /und hatte sie seiner / wegen dieses Wechsels leichtlich vergessen.

4. Wie nun ein übel aus dem andern entstehet / und selten ein Laster allein zu finden: also war auch diese Lipsa nicht vergnüget / daß sie ihrem Mann Hörner aufgesetzet / und das Elend bauen machen / sondern sie gabe den Anschlag / man solte ihn / als einen Dieb beklagen / und also ům das Leben bringen / oder in der Gefängnis enthalten / daß ihr Handel mit dem Edelmann nicht offenbar werden möchte. Der Ehebrecher macht die Anstellung / daß der unschuldige Jordan in Verhafft gebracht / und für Gericht gestellet wurde.

5. Die Ankläger konten nichts erweisen / und ob man ihm zwar fleissig nachfragte / und sich seiner Feinde zu Zeugen gebrauchten: sagten sie doch alle /daß er nie nichts entwendet / und von Jugend auf einfältig gewesen / aber ein sehr loses Weib habe / der niemand mit Grund gutes nachsagen könne etc. Inzwischen hat Minucio bey der Lipsa seine Brunst außgelöschet / und wurde von ihme völlig erlassen.

6. Jordan war so bald nicht aus den Fesseln entkommen / so hatte er verstanden / daß sein Weib unterdessen sich rauben lassen / wie Helena von dem Paris / und daß sie vermutlich die Ursacherin seiner Gefängschafft. Diesen Wahn besterckte ihr Stoltz / in dem sie ihn verachtet / und Adeliche Gesellschafft suchte / daß sie deßwegen bey der gantzen Nachbarschafft ein böses Geschrey hatte.

7. Man sagt / daß wann der Löw deß Leoparts Spur bey seiner Hölen finde / daß er seine Löwin zerreisse / und dem Leopard nachstelle. Dieses [413] thäte auch Jordan / auf verreitzen seiner Befreunden. Zu Nachts erwürgte er sein Weib / mit anbrechendem Tage verwartet er den Edelmann / un fället ihn mit den Birschrohr wie ein Stück Wild. Hierüber wird er gefangen / und durch den Henker hingerichtet. Seinen Tod hat er mit grosser Standhafftigkeit erduldet / und sich getröstet / daß er sich gleichwol an seinem untreuen Weib und Ehebrecherischen Herrn gerächet /und seinem ergrimmten Eifer genug gethan.

8. Eifer ist ein brennend Feuer /
dessen überheisse Glut
lescht deß Ungetreuen Blut /
und bringt manches Abenteuer.
Diese Flamm' hat keinen Schein /
wo die Lieb ist keusch und rein.
119. Der Buler Mörder
(CXIX.)
Der Buler Mörder.

Folgende Geschichte scheinet fast einem Gedicht ähnlich / ist mir aber fůr gewiß erzehlet worden / von solchen Personen / welche glaubwürdig / und nicht Ursachen gehabt eine Fabel für warhafftig dar zu geben. »Die Unwarheit ist mehrmals der Warheit in etlichen Stücken gleich / und ist das keine Lügen zu schelten /was nicht zu deß Nechsten Nachtheil gereichet / und nicht gar unmöglich ist.«

2. Zu Ravenna einer berůhmten Statt in Italien lebten zu gleicher Zeit Sabellico und Rutilia Sohn und Tochter zweyer benachbarten Edelleute / welche nicht gar grosse Freunde mit einander waren. So bald nun diese Eltern ihrer Kinder Liebsneigung verstanden /haben sie ihnen beederseits verbotten / daß sie einander noch sehen noch mit einander reden solten. Dieses Verbot aber leschte die Flamme nicht / sondern war gleich dem Ohl / welches selbe noch viel brünstiger machte / und es also darauf setzten / und vorgaben /sie [414] hetten einander heimlich genommen / und die Ehe auch vollzogen / welches beedes aber nicht war / und unter ihnen nichts unehrliches vorgegangen / sondern sie verhofften daß man würde geschehen lassen was nicht mehr zu verhindern.

3. Hierüber eiferten nun die Eltern beederseits /und klagte Rutilia Vater den Sabellico / als einen Jungfrau Rauber an / bringt auch zuwegen / daß er in das Gefängnuß geworffen wird. Rutilia erkaufft den Kerkermeister / daß er ihren Liebsten außbrechen lässet / und thut ihm alle Beförderung / daß er auf einem Schiff nach Calabria abfahren / und aldar sich zu Otranto eine zeitlang aufhalten kan.

4. Als nun dieser Rutilia Vater sich an dem Gefangenen nicht rächen mögen / lässet er seinen Zorn an seiner Tochter aus / und verstösset selbe in das Gefängnis / sie entfliehet aber gleichfals / und nimmet Geld und Geldeswehrt / ihrem Sabellico zuzuziehen /wie sie auch in Mannskleidern gethan / und ihn zu Otranto angetroffen / da er sich in eine andre Jungfrau Damia genamt / verliebt / und als Rutilia solches unbekanter weise erfahren / hat sie sich in ihren Manneskleidern erkühnt / eben dieser Damia auch / als eine Mannsperson aufzuwarten / der Hoffnung Sabellico dadurch wieder zugewinnen.

5. Damia fande diesen Clarino (also namte sich diese verkappte Rutilia) viel schöner und höflicher als Sabellico / wendete deßwegen ihre Neigung von diesem auf jenen: deßwegen trachtete Sabellico diesen Nebenbuler vom Brod zuthun. Es fügte sich aber daß sie sich einander begegnen / und Sabellico Clarino nöhtiget von Leder zu ziehen / und sich zu vertheidigen / welches er / oder vielmehr Rutilia so schlecht gethan / daß sie durchstochen worden / und vor ihrem Tod / sich für die jenige außgegeben / welche ihres Vaters Ungnade auf sich geladen / ihme aus dem Gefängnis geholffen / und in so fern entlegene Lande nachgezogen.

6. Hierüber hat sich nun Sabellico hertzlich betrübet / und weil er der Damia Gunst niemals erlangen[415] mögen / diese seine Rutilia aber nicht wieder aufwecken können / hat er aus Traurigkeit die Welt verlassen / und fůr seiner Liebsten Mord Buß zu thun / sich in ein Kloster begeben / und darinnen sein Leben geendet.


7. Die Lieb' / ein blindes Kind / verführt die blöde Jugend /
entfernet von dem Weg der Ehren und der Tugend.
Das / was unmöglich scheint / die Liebe / leicht erhält /
biß daß die blinde Schaar mit in die Gruben fällt.
120. Die Entheiligung deß Sontags
(CXX.)
Die Entheiligung deß Sontags.

Unter allen Geboten Gottes ist keines das mit demNB. Gedenk- oder Merkzeichen gesondert ist / als das Dritte: Gedenk / sagt Gott / deß Sabbaths / daß Du ihn heiligest / (4. Mos. 15. v. 52.) und ist der Ubertretter solches Gebots / welcher nur einmahl / und sonders zweiffel zu seiner Nothturfft Holtz aufgelesen an dem Sabbath / aus Gottes Befehl zu Tode gesteiniget worden. Wir halten darfür den Sontag / und zwar nicht Jüdisch / daß wir nach Anhörung Gottes Wort die Werke der Liebe / als Almosen geben / Kranke und Gefangene zu besuchen etc. oder Werke der Noht / als mässig essen / trinken / Brief lesen etc. unterlassen solten. Ausser diesem aber halten wir für Sünde /gewinnsichtiger Handarbeit / oder unziemlichen Freudenfesten abzuwarten / welches Gott jederzeit ernstlich bestraffet hat / wie wir hievon etliche Beyspiele einfügen wollen.

2. Im Jahr nach unsers Erlösers Geburt 1382. den 13. Jenner / ist zu Londen in Engeland an einem Sontag / als das Volck in grosser Andacht der Bärenhätze zugesehen / das Gerüst eingebrochen / daß 8. Personen üm das Leben kommen / und unzählich [416] viel verletzet und gequetschet worden. Dergleichen hat sich auch 1638. auf der Fechtschul an einem Sontag zu Nůrnberg begeben / daß ihrer viel erdruckt und beschädiget worden.

3. 1559. Zu Kindstat in Franken / hat eine Spinnerin die Sontag über zu spinnen pflegen / und auch ihre Mägde darzu gezwungen. Einsten dauchte sie mit einander / es gienge Feuer aus ihren Spinnrocken / thäte ihn aber kein Leid. Den folgenden Sontag kam das Feuer warhafftig in den Rocken / wurde aber bald wieder geleschet. Weil sie nun dessen nicht geachtet /gienge den dritten Sontag das gantze Hauß von Flachs an / und verbrannte sie mit ihren zweyen Kindern / aber durch sonderbare Gnade Gottes wurde ein kleines Kind in der Wiegen erhalten / daß ihme kein Leid geschahe.

4. Starfort in Engeland ist zweymal in einem Jahr: und allezeit auf einen Sontag abgebrant / weil man daselbsten den Sontag pflegte zu entheiligen / und das Wort Gottes zu verachten. Zu Revorten in einer andern Statt / in der Grafschafft Devons gelegen / haben sie jährlich ihren Jahrmark an dem Sontag angefangen / mit grosser Entheiligung desselben / welches ihnen ein getreuer Kirchen-Diener offt verwiesen / und Gottes Straffe angedrauet. Nicht lang nach desselben Tod 1598. den 3. April schickte Gott ein Feuer dahin /welches 400. Wohnungen fast in einer halben Stunden hinweg genommen / daß nichts stehen blieben /als das Rahthaus / die Kirchen / der Spital / und etliche kleine Häußlein. In dieser Brunst sind über 50. Personen jämmerlich geblieben / und viel / so leschen wollen / beschädiget worden. Vierzehen Jahre hernach 1612. den 5. Augusti / ist eben diese Statt nochmals abgebrand / weil die Inwohner mit ihrem Schaden nicht klug werden wollen / und die Heiligung deß Sontags ferners verlaistet.

5. Einem Bauersmann der in die Mühl zu gehen /und an dem Sontag zu mahlen pflegte / ist sein Getreid zu Aschen worden. Einem andern der Korn [417] am Sontag in die Mühl trug / ist seine Scheure mit Korn dieselbe abgebrunnen. Discip. de Tempore. Einem Bauren der am Sontag pflügen wollen / und ein Eisen / das Pflugschar rein zu machē ergriffen / ist solches Eisen an seiner Hand angewachsen daß er es mit grossen schmertzen zwey Jahr also tragen müssen / da er nach vieler brünstigen Gebet / von dieser Plag wieder erlediget worden. Greg. Thuronens. tom. 2. de admiranda vindicta.

6. Wann wir ümfragen / warumb Gott bißhero so viel schwere Landstraffen über uns verhengt habe? wird die Antwort fallen / daß solches unter andern Ursachen / auch wegen Entheiligung deß Sabbaths beschehen: weil kein Tag in der gantzen Wochen / an welchem mehr Sünden begangen werden / als eben an diesem Tag deß HErrn / welchen der böse Feind gleichsam zu seinem Tag gemacht / und die Leute beredet / es sey genug / daß man ein Stůndlein in die Kirchen gehe / und ein kaltes Vater unser in eine warme Hauben bete: die übrige Zeit möge man mit Essen / Trinken / Spielen / unnützen Geschwätze /etc. zubringen wie man wolle. Es meldet aber Gott nicht von einer oder zweyen Stunden die man heiligen sol: sondern von dem gantzen Tag / und werden wir durch die Predigt und das liebe Gebet / als das vornemste Sontagswerk / mehr geheiliget / als der Tag durch uns / wie wir in der Vorrede unsrer Sontags Andachten umständig geredet haben / und sonderlich angeführet die nachdenkliche Wort unsers Kirchen-Vaters.

Du solt heiligen den siebenden Tag /
daß du und dein Hauß ruhen mag.
Du solt von deim thun lassen ab /
daß Gott sein Werk in dir hab.
121. Der gerochne Ehbruch
(CXXI.)
Der gerochne Ehbruch.

Wiewol alle Gebott GOttes sehr sträflich und eine Todtsünde würken / so ist doch in der andern [418] Tafel das sechste von dem Ehebruch und Hurerey fast das aller verdamlichste / in dem man wieder deß Nechsten unwiederbringliche Ehre / wieder seinen guten Namen / und Nachkommen / zuforderst aber wieder Gottes ernstliches Gebot / dessen Verbrecher Er mit der Steinigung zu straffen befohlen / sůndiget. Es bleibet auch selten die zeitliche Straffe aus / welche ein böses Gewissen stündlich zu fůrchten hat / wie dessen ein Exempel nach gesetzte Geschichte seyn kan.

2. In einer berühmten Statt an dem Donaustrom hielte sich ein reicher Herr / mit seiner Gemahlin /welcher Schönheit eine abscheuliche Tochter / nemlich unziemliche und ehbrecherische Begierde erzeuget. Die Kinder der Finsternis sind klüger / als die Kinder deß Liechts in ihrem Geschlechte / und ist »Frauen und Jungfrauen hüten eine vergebene Arbeit /massen es entweder nicht hilfft / oder unvonnöhten ist.«

3. Besagter Herr / welchen wir Rachold nennen wollen / war bey schwachen Jahren / Bellina aber seine Gemahlin noch frisch und jung / daß er also Ursach hatte mit ihr zu eifern / und sich wegen eines Helffers zu besorgen. Zu dem sahe er einen Jůngling üm das Haus spatziren / der ihm sehr verdächtig /we