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Deutsche Poetik. ──────


Theoretisch-praktisches

Handbuch der deutschen Dichtkunst.


Nach den Anforderungen der Gegenwart

von

Dr. C. Beyer. ──────



Dritter Band. ──────



Stuttgart.

G. J. Göschen'sche Verlagshandlung.

1884.

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Die Technik der Dichtkunst. ──────


Anleitung zum Vers- und Strophenbau und zur

Übersetzungskunst


von

Dr. C. Beyer. ──────



Stuttgart.

G. J. Göschen'sche Verlagshandlung.

1884.

|#f0010 : EAI:a|



K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg (C. Grüninger) in Stuttgart.

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Einleitung als Vorwort. ──────


Der Bücher Väter sind's ─ die Spender sind's

Des großen Zauberhorts. Jch sehe sie

Bei ihrer Arbeit in den stillen Zellen,

Bei ihren Lampen, seh' die heißen Stirnen,

Das müde Zucken ihrer bleichen Lippen,

Jch sehe sie vom Schweiß der Mühen triefen

Jm Frohn der eignen schöpferischen Kraft.

O, die ihr leset, habt ihr je bedacht,

Wie viele Stunden lang gereift im Stillen,

Was euch minutenlang ergötzt? Erwäget ihr,

Wie viel des Dochtes sich in so viel Licht,

Jn so viel Glut verzehrte? Wisset ihr,

Wie zu dem Strauß, der euch mit Duft umströmt,

Sich Blum' an Blume mühevoll gefügt?

Wie schwer der Stirn, dem Herzen sich entrungen,

Was ihr wie Schaumwein aus dem Spitzglas schlürft? ─

Ja, geistig Schaffen auch ist Arbeit, wißt,

Jst Tagewerk; ist Tagwerk mehr als je,

Seitdem von einsamen Parnassoshöhn

Hinunter zu dem Volk die Muse stieg. ─ ─


(Rob. Hamerling. Aus Prolog z. 26. Jahrg.

d. Westerm. Mon.=Hefte.)



Mit dem vorliegenden 3. Bande dieses Werkes ist das vorzugsweise

aus Beispielen der deutschen Litteratur, sowie aus den Lehren

der besten Schriftsteller auf dem Gebiete der Ästhetik und aus den

Dichtwerken aller Nationen geschöpfte große System der Poetik in

seinem ganzen weiten Umfange abgeschlossen. Der Jnhalt dieses

Bandes verhält sich zu dem der beiden ersten Bände, wie Praxis zu

Theorie. Er hat sich die Aufgabe gestellt, die Methode der dichterischen |#f0012 : RII|



Technik zu zeigen und das bezügliche Material in einem vom Leichteren

zum Schwereren aufsteigenden Stufengange zu liefern. Er will

also praktisch in die Technik der Poesie einführen und

mindestens die Befähigung zur Vers- und Strophenbildung

erzielen.



Hiermit unternimmt er den kühnen Versuch, die seither mehr oder

weniger dem Zufall überlassene Erlernung dichterischer Technik als

Lehrdisziplin nach methodisch=pädagogischen Prinzipien

in die Litteratur einzuführen.



Dem Bedenken jener, welche aus unserem Beginnen eine Vermehrung

der Dichterlinge und Reimschmiede prophezeien möchten, erwidern

wir zunächst folgendes: Es ist noch keinem die Behauptung

in den Sinn gekommen, daß die auf unseren Gymnasien so fleißig

betriebenen Übungen in lateinischer Prosodik und Metrik und in

lateinischer Versbildung lateinische Dichterlinge und Reimschmiede geschaffen

hätten. Ebensowenig hat man ein Überwuchern von stümpernden

Rednern und dilettierenden Schriftstellern infolge der rhetorischen

und stilistischen Übungen an unseren höheren Lehranstalten wahrgenommen.

Niemand endlich hat bis jetzt bemerkt, daß die Schüler

unserer Musik=, Zeichen- und Malerschulen insgesamt das Proletariat

der Stümper in der Musik=, Zeichen- und Malerkunst vermehrt hätten.

Man erblickt heutzutage mit Recht die Aufgabe dieser Anstalten darin,

die ästhetische Durchschnittsbildung des Jahrhunderts zu heben und dem

einzelnen das Leben zu verschönern durch ein reicheres Maß von

Fertigkeiten, durch größere Reife des Urteils und namentlich durch

Bildung des bisher so sträflich vernachlässigten ästhetischen Geschmacks,

─ und man ist zufrieden, wenn nur hie und da ein bedeutender

Künstler aus ihnen hervorgeht. Jn ähnlicher Weise könnte man sich

belohnt fühlen, wenn unsere praktischen Unterweisungen

auch nur einzelne wirkliche Dichtertalente in die richtigen

Bahnen lenken, dafür aber die ästhetische Mittelbildung

unserer Zeit
(d. h. die Durchschnittshöhe des von Bildung

nach Regeln und Mustern abhängigen Kunstgeschmacks) zu steigern

vermöchten. Dadurch würden sie auch den Dilettantismus

bekämpfen und die Flut mittelmäßiger Gedichte

eindämmen.
Wer sich im deutschen Vers- und Strophenbau praktisch

geübt hat, wer die poetischen Formen mit Beachtung aller Anforderungen |#f0013 : RIII|



und Feinheiten in den Kunstgriffen nachbildete, wer einsehen

lernte, wieviel zu einem guten Gedichte gehört, der wird sich zweifellos

ernstlich scheuen, dem im Geschmack gehobenen Publikum halbreife

Früchte aufzutischen.



Viele meinen, daß ästhetisches Fühlen, genießendes Verständnis

der Dichter und dichterisches Hervorbringen gar keine besondere

Schulung nötig habe, während doch in Wahrheit die Dichtkunst, wenn

sie es zur Meisterschaft bringen will, die schwerste aller Künste ist,

weil sie zur Erfüllung ihrer höchsten Aufgaben eine größere Fülle und

Tiefe lebendigen Wissens und Könnens voraussetzt, als die andern

Künste, bei welchen die technischen Schwierigkeiten schon durch deren

handgreifliches Arbeitsmaterial mehr in die Augen springen. Aus

einem Marmorblocke eine Göttin oder aus den Farben einer Palette

ein schönes Bild hervorzuzaubern, erscheint dem Laien schwieriger, als

aus der unsichtbaren Sprache, die er selbst im Munde führt, ein schönes

Gedicht zu schaffen; denn er weiß nicht, daß die Sprache einem Dichter,

der nicht auf bereits ausgetretenen Bahnen wandelt, ein noch spröderer

Stoff ist, als dem Bildhauer der härteste Marmor (Bodenstedt). Die

Verskunst setzt energische Schulung voraus; sie muß, wie das Zeichnen,

das Malen, das Klavierspielen und die musikalische Komposition gründlich

erlernt und nachhaltig geübt werden. Ohne Anweisung, ohne

Abstraktion der Regeln aus den besseren Dichtwerken &c. hätten ja

auch die klassischen Dichter gewisse, aus der ältesten Zeit sich herschreibende

Gesetze der Dichtkunst so wenig geübt, als mancher Dichterling

unserer Tage oder die Dichter des 14. und 15. Jahrhunderts.

Goethe gesteht, daß seinen Meisterdichtungen recht ernstes Ringen,

rücksichtslose Selbstkritik und Belehrung seitens anderer vorausgegangen

seien; und Herder ist der Ansicht, daß die Poesie nicht die Domäne

einiger hervorragender Geister sei, sondern einer Gesamtheit, die wir

Volk nennen. Friedrich Rückert, dessen Ahnen Bauern waren, hat

eine unausgesetzte Schulung an sich vollzogen und sich zum klassischen

Dichter emporgerungen.



Die Poesie ist eben nichts weniger als ein angeborenes Vorrecht

von nur wenigen Menschen. Fähigkeit und Anlage zur Poesie hat

der ewige Baumeister aller Welten in größerem oder geringerem Grade

in des Menschen Brust gelegt, und es kann daher ein jeder ─ ohne

Dichter werden zu wollen ─ ebenso gut einen gelungenen Vers bilden |#f0014 : RIV|



lernen, als er es ohne Schriftsteller werden zu sollen ─ zur Herstellung

eines guten Prosastücks zu bringen vermag.



Es soll freilich nicht behauptet werden, daß Schulung an sich

zum guten klassischen Gedichte führen müsse, daß also einzig und

allein die Virtuosität in der Technik den großen Dichter mache. Wir

Deutsche verlangen vom Dichter neben Virtuosität in der Technik noch

Tiefe und Gediegenheit des Gedankens; diesen kann nur derjenige mit

der Form verschmelzen, welcher die Melodie aus dem Rhythmus und

das Feuer der Begeisterung aus dem Wohllaut der Metapher durch

seinen zur Klarheit, Lebendigkeit und Gewandtheit des Geistes und

der Phantasie führenden, poetischen Entwickelungsgang seinem geistigen

Jch vermählt hat. Einen jeden zum großen Dichter bilden zu wollen,

dürfte überhaupt und im allgemeinen eine unlösbare Aufgabe sein,

weil ja neben Anleitung zum Vers- und Strophenbau der ganze

Bildungsgang in Betracht kommt. Aber einen phantasiereichen

Menschen, einen talentvollen, harmonisch entwickelten Jüngling,

eine dem Jdealen zustrebende Jungfrau auf Pfade zu

leiten, auf denen unsere klassischen Dichter Großes leisteten,

das muß eine würdige,
eine lohnende Aufgabe sein!



Noch nach einer anderen Richtung möchte der vorliegende Band

eine eigenartige Stellung und Bedeutung beanspruchen. Durch Behandlung,

Einteilung und Gruppierung des dichterischen Stoffes erwächst

nämlich dem Lernenden Kenntnis vom Bau der Sprache und der

Dichtungen, sowie Einsicht in Gesetz und Regel; er lernt das Schöne

in Form und Jnhalt empfinden; es tritt ihm die Anschaulichkeit und

Feinheit des dichterischen Gegenstandes wie der Unterschied in der

dichterischen Stilhöhe entgegen; er ist veranlaßt, die Laute in ihrer

Mischung und Anordnung zu vergleichen, die Härten zu vermeiden,

das jeweilige Reim-Echo behufs Erreichung zierender Reime zu prüfen,

in den Geist der Strophik im Hinblick auf Stoff und Form einzudringen

u. a. m. Ohne Zweifel wird dadurch der frische, lebendige,

sprachliche Ausdruck begünstigt oder gefördert, die Fähigkeit form= und

inhaltsvoller Darstellung von Jdeen und Gefühlen gesteigert, das Urteil

erweitert, der ästhetische Geschmack veredelt, die Phantasie belebt und

somit der Lernende ─ ohne jegliche poetische Fiktion ─ mehr als

durch irgend eine andere Unterrichtsdisciplin in eine höhere Sphäre

menschlichen idealen Seins und ästhetischen Fühlens emporgehoben. |#f0015 : RV|



Dies ist die gleichsam pädagogische Bedeutung unserer

Arbeit.



Ein namhafter Dichter hat einmal geäußert, daß niemand auf

poetischen Gebieten mitzusprechen berechtigt sei, der nicht die Praxis

mit der Theorie verbunden habe. Wir setzen hinzu: Nichts Vollendeteres

könnte es geben, als eine Nation, in welcher jeder Gebildete

hierbei mitzusprechen vermöchte, in welcher jeder seinen Vers ebenso

zu bilden verstünde, wie seinen Prosaaufsatz; dann würde das Dilettantische

nur geringe Verbreitung finden; dann würden die wirklich

bedeutenden Dichter, getragen von der höheren ästhetischen Mittelbildung

der Nation, in Wahrheit Leitsterne des Jahrhunderts sein! ─



Hiermit kommen wir auf unsere Übungen selbst zu sprechen.

Schon ein Blick in das Jnhaltsverzeichnis wird darthun, daß wir

allen Rhythmen, Strophen, Formen, Gleichklängen, Dichtungsgattungen

&c. unsere Beachtung zuwandten. Wir haben eine systematische

Folge vom einfachen Jambus bis zu den schwierigsten deutsch

nationalen und fremden Strophenbildungen eingehalten und den Weg

gezeigt, den der zur Selbständigkeit geführte Kunstjünger zu wandeln

hat. Überall schickten wir die präzise Anleitung und die praktischen

Vorschriften und Winke über Gesetze und Regeln voraus, so daß der

Schaffende nicht erst die Handwerksvorteile mühsam zusammenzusuchen

oder zu abstrahieren braucht; überall bahnten wir eine Anleitung zur

Kritik an und suchten die Voraussetzungen für das eigene dichterische

Schaffen zu formulieren oder die Regel aufzustellen.



Aber auch die Bildung und Behandlung aller jener Formen der

Lyrik, Didaktik, Epik und Dramatik haben wir gezeigt, welche irgend

eine Schwierigkeit in der Technik bieten, oder deren Handhabung

besondere Kunstgriffe beansprucht. Jene wenigen Dichtungsgattungen,

welche in ihrer äußeren Form nicht von den in diesem Bande behandelten

abweichen, konnten um so eher weggelassen werden, als wir das

präzise Maß wahren mußten. Auch übergingen wir einige stofflich

umfangreiche Gattungen, deren Technik und Bau mit allen ihren Feinheiten

bereits in den betreffenden Paragraphen der beiden ersten Bände

dieser Poetik abgehandelt sind, so daß auf diese erschöpfende Quelle

verwiesen werden kann.



Alle Handgriffe im Aufbau der prosaischen Gattungen (Roman

und Novelle) wurden mit einer wohl in allen Litteraturen ohne Beispiel |#f0016 : RVI|



dastehenden Ausführlichkeit bekanntlich im zweiten Band unserer

Poetik behandelt und durften daher in diesem Bande nicht wiederholt

werden.



Das Gleiche ist hinsichtlich der Technik des Dramas der Fall.

Die Paragraphen 20─43 und 149─177 des 2. Bandes dieser Poetik

wurden ja auch bereits von den geachtetsten Dichtern als eine erschöpfende

Dramaturgie begrüßt. (Die praktische Anleitung zu einem

Dramolett bietet übrigens S. 165 ff. dieses Bands.)



Es lag weiter im Bereiche der Anforderungen an unser Werk,

auch die Übersetzungen aus fremden Sprachen zu berücksichtigen.

Da gute Übersetzungen der Gedichte Wiederholungen

derselben in anderen Sprachen
sind, so muß unseres Erachtens

das Verständnis und die Befähigung angebahnt werden, solche Übersetzungen

zu liefern, bei denen Harmonie zwischen Jnhalt und Form

herrscht, wie sie im Original besteht. Es muß die Übersetzung

mindestens der guten Kopie des Gemäldes zu vergleichen sein, wie

dies beispielsweise von den Schlegel-Tieckschen, oder Baudissinschen

Übersetzungen Shakespeare'scher Dramen, besonders aber von Em.

Geibels, Th. Kaysers, Osw. Marbachs Übersetzungen klassischer Dichter,

und Ferd. Freiligraths Übertragungen neuerer Dichter zu rühmen ist.

Es genügte uns deshalb nicht, nur durch geschichtliche Darstellung des

Anfangs und der Entwickelung deutscher Übersetzungskunst in deren

Wesen und Begriff einzuführen; vielmehr haben wir aus den sämtlichen

Übersetzungen aller Zeiten Grundsätze und Anforderungen an

Übersetzung und Übersetzer abstrahiert und an markanten Beispielen

gezeigt, wie der Lernende durch Vergleichung und Benützung des ihm

gegebenen Stoffes zur Höhe des vollkommenen Übersetzers zu gelangen

vermag.



Auch die Praxis der Dialektdichtungen durften wir nicht

unbeachtet lassen. Wie viele Denkmale deutscher Dialekt-Poesie sind

von so hohem Werte, daß sie im Lichte unserer hochdeutschen Poesie

immerhin zum klaren Verständnis gebracht zu werden verdienen! Selbst

die historische Vergleichung verdienten diese Denkmale; denn es ist mindestens

die Erwägung wertvoll, ob die neue Bildung einer allgemeinen

hochdeutschen Poesie an die Zerrüttung der dialektischen Laut= und

Tonverhältnisse, oder ─ wie es sicher der Fall ist ─ an den Einfluß

der Accentuation im niederdeutschen Dialekt geknüpft war u. s. w.

|#f0017 : RVII|



Bei den von uns gewählten Beispielen leitete uns der pädagogische

Erfahrungssatz, daß der Schüler dasjenige gern erstrebt, was

ihm erreichbar erscheint, während ihn allzuhohe Ziele leicht entmutigen

können. Wo es sich darum handelte, ästhetisch zu wirken, die Schönheit

der Sprache zu zeigen, Herz und Geist zu erheben und die Phantasie

zu beleben, da sind die allerbesten klassischen Beispiele geboten

worden; wo es jedoch nur auf nackte korrekte Form ankam, mußten

zuweilen Lösungen eintreten, welche lediglich den Nachweis der Regel

ergaben und unschwer erkennen ließen, wie leicht der gegebene Stoff

zu bearbeiten sei &c.



Zum Schlusse danken wir noch für die unzähligen Ermutigungen

und Auszeichnungen, welche die beiden ersten Bände unserer Poetik

seitens kompetenter Richter, seitens unserer namhaftesten Dichter &c.

gefunden haben. Für eine der lohnendsten Errungenschaften unseres

Werkes erachten wir es aber, daß der uns seitdem befreundet gewordene

treffliche Dichter Dr. Faust Pachler, 1. Kustos der k. k. Hofbibliothek

in Wien, bei der Korrektur des vorliegenden Bandes uns in zuvorkommender

Weise seine ergiebige Beihilfe lieh; desgleichen der verdiente

Philologe und Schriftsteller, Gymnasialdirektor Dr. G. Autenrieth,

sowie der bekannte Übersetzer Hofrat Dr. E. v. Zoller und andere

hervorragende Fachgelehrte.



Möge unser Volk nunmehr auch an diesem dritten und letzten

Bande der deutschen Poetik freudigen Anteil nehmen, damit unsere

seit drei Decennien rastlos geförderte große Arbeit den erstrebten und

ersehnten wesentlichen Beitrag liefere für endliche Begründung und

Vollendung einer Wissenschaft der Poetik, für Wertschätzung und Bewunderung

deutscher Poesie, wie für Pflege und Verallgemeinerung

deutschen poetischen Geistes!



Stuttgart, 13. Juli 1883.



Dr. C. Beyer.

|#f0018 : RVIII|

|#f0019 : RIX|



Jnhalts-Verzeichnis. ──────


Deutsche Poetik. Dritter Teil.


Die Technik der Dichtkunst.


Einleitung als Vorwort.
Erstes Hauptstück: Reimlose, auf dem Rhythmus beruhende

Verse. (Redeverse.)


I. Übungen im jambischen Rhythmus.

Seite
§ 1. Bildung jambischer Verstakte1
§ 2. Bildung jambischer Viertakter3
§ 3. Bildung jambischer Quinare (Blankverse)6
§ 4. Bildung des neuen Senars (Trimeter)12
§ 5. Bildung des reimlosen neuen Nibelungenverses16
§ 6. Bildung von Alexandrinern19
II. Übungen im trochäischen Rhythmus.

§ 7. Bildung trochäischer Verstakte20
§ 8. Bildung trochäischer Viertakter21
§ 9. Bildung trochäischer Quinare23
III. Übungen im anapästischen Rhythmus.

§ 10. Bildung anapästischer Verstakte26
§ 11. Bildung anapästischer Viertakter28
§ 12. Bildung anapästischer Achttakter30
IV. Übungen im heroischen Versmaß.

§ 13. Bildung von deutschen Accenthexametern32
§ 14. Bildung von deutschen Pentametern36
§ 15. Verbindung des Hexameters mit dem Pentameter37
V. Übungen im gemischten Rhythmus.

§ 16. Bildung logaödischer (gemischter) Verse42
|#f0020 : RX|



Zweites Hauptstück: Reimverse.

I. Übungen in allitterierenden und assonierenden Versen.

Seite
§ 17. Bildung allitterierender Verse44
§ 18. Bildung assonierender Verse46
§ 19. Bildung allitterierend=assonierender Verse48
II. Übungen im Reimsuchen und Reimbilden.

§ 20. Versuche im Reimen der Prosarede. (Gereimte Prosa. Makamenform)49


§ 21. Strengere Form der Reime. (Vorgeschriebene Reime. Ghasele)57
§ 22. Bildung von abwechselnd reimlosen und gereimten Verszeilen62
§ 23. Bildung von ununterbrochenen Reimversen64
§ 24. Schriftliche und mündliche Übungen im Metrum und im Reim66

A. Mündliche Umbildung mittelhochdeutscher Gedichte67
B. Schriftliche Umbildung von Fabeln68
C. Mannigfaltige Umbildungen der nämlichen Gedichte70
──────
Drittes Hauptstück: Strophenbildung.

§ 25. Einführung in die Strophenbildung72
§ 26. I. Anfänge der Strophenbildung und Entwickelung derselben (Philosophie

des Strophenbaus)73

II. Länge der Verszeilen und der Strophen: A. Zeilenlänge, B. Strophenlänge,

C. Normen für die Zeilen und Strophenlängen
74
III. Rhythmus und Reim bei den Strophen75
IV. Verbindung längerer Strophen und das strophische Charakteristikum76
V. Einteilung des Gedichtstoffes77
§ 27. Bildung jambischer Reimstrophen78
§ 28. Bildung gereimter Nibelungenstrophen (Langzeilen)82
§ 29. Bildung von Strophen aus gebrochen geschriebenen neuen Nibelungenversen85


§ 30. Bildung mittelhochdeutscher Nibelungenstrophen87
§ 31. Bildung von Alexandrinerstrophen89
§ 32. Bildung trochäischer Reimstrophen92
§ 33. Bildung daktylischer Reimstrophen95
§ 34. Bildung trochäisch=daktylischer Reimstrophen96
§ 35. Bildung jambisch=anapästischer Reimstrophen97
§ 36. Bildung von Reimstrophen mit strophischem Charakteristikum oder mit

charakteristischer Verbindung mehrerer Reimformen98
§ 37. Freie Accentverse zu freien Strophen vereint101
──────
Viertes Hauptstück: Fremde moderne Strophen und Dichtungsformen.

(Südliche Formen.)


§ 38. Bildung von Sonetten104
§ 39. Bildung von Ritornellen106
|#f0021 : RXI|



Seite
§ 40. Bildung von Terzinen107
§ 41. Bildung von Oktaven (Stanzen)108
§ 42. Bildung von Sicilianen112
§ 43. Bildung von Decimen113
§ 44. Bildung von Trioletten113
§ 45. Umbildung eines dichterischen Stoffes in alle möglichen Vers= und

Strophenarten. (Eine Prüfungsaufgabe)115
§ 46. Übungen ohne Ende124
──────
Fünftes Hauptstück: Antike Strophenformen.

§ 47. Vorbemerkungen und Stellungnahme125
§ 48. Bildung von sapphischen Strophen. (Trochäisch=daktylischer Rhythmus)127
§ 49. Bildung von alkäischen Strophen. (Jambisch=anapästischer und daktylisch=trochäischer

Rhythmus)129
§ 50. Bildung asklepiadeischer Strophen130
──────
Sechstes Hauptstück: Dichtungsgattungen mit Bevorzugung

des Gelegenheitsgedichts.


§ 51. Wie entsteht ein Gedicht?133
§ 52. Die Praxis der Versbehandlung135
§ 53. Vorbemerkungen zu den Gelegenheitsgedichten136
I. Gedichte aus dem Bereiche der Didaktik.

§ 54. Bildung von Rätseln aller Formen137
§ 55. Bildung von Epigrammen. (Stammbuchvers. Taufspruch. Trinkspruch)141


§ 56. Kurze lyrisch=didaktische Form. (Poetischer Gruß)145
§ 57. Poetische Epistel. (An einen Arzt)145
§ 58. Wirkliches Lehrgedicht. (Gedicht für Wohlthätigkeitszweck)146
II. Gedichte aus dem Bereiche der Lyrik.

§ 59. Elegisches Gedicht. (Einer Braut zum Hochzeitstage)148
§ 60. Jdyllisches Gedicht. (Geburtstagsgedicht für den Freund)149
§ 61. Geselliges Gedicht. (Abschiedsgedicht für einen Freund. Zu einer

goldenen Hochzeit. Für einen wiedergenesenen Vater)151
§ 62. Religiöses Lied. (Zum neuen Jahr)156
§ 63. Reim-Ode. (Zum Wiegenfeste eines Dichters)157
§ 64. Dithyrambus. (Hochzeitsgedicht)158
§ 65. Elegie. (Trostgedicht)159
§ 66. Hymnus. (Zum Ernte- und Dankfest)160
III. Gedichte aus dem Bereiche der Epik.

§ 67. Poetische Erzählung161
|#f0022 : RXII|



IV. Gedichte aus dem Bereiche der Dramatik.

Seite
§ 68. Einweihungskantatine163
§ 69. Dramatisches Gedicht in einem Akte165
──────
Siebentes Hauptstück: Die Praxis der Dialektpoesie.

(Winke, Gesichtspunkte, Handgriffe.)


§ 70. Allgemeines und Geschichtliches zur Einführung175
§ 71. Hinneigen unserer Dichter zu dialektischen Formen176
§ 72. Stoffe der Dialektpoesie177
§ 73. Grenze der Abscheidung zwischen Hochdeutsch und Dialekt, oder Behandlungsmöglichkeit

eines Stoffs für dialektische Poesie178
§ 74. Behandlung der Stoffe178
§ 75. Ausdrucksweise und Sprache des Dialektgedichts178
§ 76. Übertragung des Dialektgedichts ins Hochdeutsche und umgekehrt179
§ 77. Anforderungen an den Dialektdichter183
──────
Achtes Hauptstück: Übersetzungskunst.

§ 78. Allgemeines und Geschichtliches zur Orientierung und Einführung.

Die Ausgangspunkte der deutschen Übersetzungskunst184
Voß als Begründer der deutschen Übersetzungskunst186
Goethe's Einfluß. Platens Einfluß188
I. Griechische Dichter188

a. Epik188
b. Griechische Lyrik190
c. Dramatische Dichtung191
Moderne Bearbeitungen der griechischen Tragiker193
II. Römische Dichter193
Überblick196
§ 79. Anforderungen und Grundsätze197

A. Anforderungen an die Übersetzung198
B. Anforderungen an den Übersetzer und Anleitung203
§ 80. Einblicke in die Geheimnisse der Übersetzerpraxis. (Handgriffe, Methode

der Übersetzerfeile &c.)209
§ 81. Ernste Mahnung an den angehenden Dichter219
§ 82. Methode und Technik der Übersetzungskunst. (An einem Beispiel

nachgewiesen)219
Übersetzungsversuche aus verschiedenen Sprachen:

§ 83. Griechische Sprache. A. Übersetzungen aus der Epik229

B. „ „ „ Lyrik231
C. „ „ „ Tragödie233
§ 84. Lateinische Sprache237
§ 85. Übersetzungsversuche aus dem Französischen244
§ 86. „ „ „ Englischen249
§ 87. „ „ „ Jtalienischen251
|#f0023 : RXIII|



Seite
§ 88. Übersetzungsversuche aus dem Spanischen253
§ 89. „ „ „ Portugiesischen257
§ 90. „ „ „ Schwedischen260
──────
Neuntes Hauptstück: Selbstkritik und dichterische Feile.

§ 91. Angeborenes Genie. Die Selbstkritik der namhaftesten Dichter264
§ 92. Normen, Grundsätze, Ratschläge für Selbstkritik und Feile264
§ 93. Praktische Nachweise der Selbstkritik und der dichterischen Feile an

guten Beispielen265
§ 94. Feile einzelner Verse und Strophen266

a. Schiller266
b. Wieland267
c. Lessing268
d. Klopstock269
e. Körner270
f. Mörike270
g. Rückert272
§ 95. Feile oder Umarbeitung ganzer Gedichte. Lessing273
§ 96. Feile in Überarbeitung fremder Schöpfungen. Hauff274
§ 97. Schlußbemerkungen275
|#f0024 : RXIV|

|#f0025 : RXV|



Die

Technik der Dichtkunst.
|#f0026 : RXVI|



Jm Fleiß kann dich die Biene meistern,

Jn der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein;

Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern:

Die Kunst, o Mensch, hast du allein.


Schiller.



Die Kunst bleibt Kunst! Wer sie nicht durchgedacht,

Der kann sich keinen Künstler nennen.


Goethe.



Der ist der Meister, welcher leicht vollbracht hat,

Was allzuleicht der Schüler sich gedacht hat.


Gisbert Frhr. v. Vincke.

|#f0027 : E1|



Erstes Hauptstück.


Reimlose, auf dem Rhythmus beruhende Verse

(Redeverse). ──────


I. Übungen im jambischen Rhythmus.


§ 1. Bildung jambischer Verstakte.



1. Wir beginnen die praktische Anleitung und Einführung in den

deutschen Vers- und Strophenbau mit Bildung jambischer Verstakte

(⏑ –), welche am leichtesten herzustellen sind. Es ist für den Anfang

gestattet, die prosaischen Wendungen des Stoffes beizubehalten, da es

lediglich darauf ankommt, daß möglichst reine Accentjamben gebildet

werden.



2. Nicht die (auf der geregelten Folge von kurzen und langen

Silben beruhende) sog. Silbenquantität ist es also, worauf unsere

Übungen abzielen, sondern der von betonten und unbetonten Silben

abhängende deutsch=accentuierende Rhythmus. Der Accent muß in unserer

accentuierenden Sprache wie ein Heiligtum gepflegt werden.



3. Lediglich betonte, vom Accent getroffene Silben (Stammsilben)

dürfen zu Arsen (Hebungen) gewählt werden. Dieselben können also

nie in die Thesis (Senkung) gestellt werden, wohl aber gehören unbetonte

bis mitteltonige Silben in die Thesis.



4. Man muß sich hüten, sprachlich unbetonten Silben durch Versetzung

in die Arsis den Hochton (den rhythmischen oder Verston) zu verleihen,

wie dies im Beispiel „Das fūrcht | bărē | Geschlecht | der Nacht“

geschah; es würden sonst Sprache und Rhythmus miteinander in Streit

geraten.



(Es giebt nur zwei richtige Betonungen des Wortes furchtbare, nämlich:

„fūrchtbărĕ Geschlēcht“, d. i. das fürchterliche, oder fūrchtbārĕ, d. i. fūrchtlōsĕ. |#f0028 : 2|



Aber furchtbārĕ und fūrchtlōsĕ spricht niemand, höchstens fūrcht ̆ barĕ, wo sodann

fūrchtbār reiner Spondeus [– –] wird.)



5. Eine betonte Silbe kann den Vollton einbüßen und für die

Thesis geeignet werden, wenn sie sich mit der nachfolgenden so verschmilzt,

daß man von einer Art Enklisis (Zurückwerfen des Accentes)

sprechen könnte, z. B. Fraŭ Mēisterin sagte zu &c., oder: Hĕrr Vāter,

ihr &c., oder: Ăch, Mūtter, ăch, Mūtter &c.



6. Umgekehrt kann ausnahmsweise sogar ein Artikel oder eine

Präposition zur Länge erhoben und für die Arsisstellung geeignet werden,

wenn der Vollton sie trifft: a. der weit von seinem Substantiv

abgerückte Artikel z. B.: O zeigt | mir dēn | von ihr | gelieb | ten

Freund! b. die den Gegensatz hervorrufende Präposition z. B.: Nĭcht

vōr | dem Walde liegt der Feind.



7. Es ist nicht nötig, daß jeder Satz mit einem Jambus endige.

Vielmehr können einzelne Sätze trochäisch (– ⏑) schließen und die nachfolgenden

Sätze trotzdem mit Jamben beginnen, da die Pausen hinzugerechnet

werden dürfen.



8. Da unsere Sprache trochäischen Grundcharakter hat, also

das Einsetzen mit der Arsis fordert, so werden dem Lernenden mehr

trochäische Satztakte in die Quere kommen, als er wünschen mag. Er

wird dieselben vermeiden können, wenn er Wörter mit Vorsilben einfügt

(z. B. vĕrgēben, gĕlēiten, bĕsprēchen, ĕrnǟhren &c.).



9. Ein Kunstmittel, jambische Takte zu erhalten, besteht auch

darin, daß man zwischen volltonige, schwere Silben (z. B. That, Wort)

sog. Flickwörter oder auch Flexionssilben einschiebt (z. B. Thāt und

Wōrt, oder Thātĕn, Wōrte).



10. Aus phonetischen Gründen ist eine Abwechselung der Vokale

in den Arsen wünschenswert.



11. Zu vermeiden sind mehrere, dicht hinter einander kommende,

einsilbige Wörter, da jedes derselben den Hochton verdient und somit

durch Vereinigung vieler derselben der Rhythmus ins Schwanken gebracht

werden kann.



12. Da wir uns in unserer Einführung in die Technik des Versbaus

auf Anregung durch nur wenige Beispiele beschränken müssen, so

ist es jedem anheimzugeben, sich nach weiterem Material umzusehen.

Zur Umbildung der Prosarede in den jambischen Rhythmus eignen

sich wegen ihrer fortlaufenden, dem dichterischen Ausdruck freien Spielraum

gewährenden Perioden vorzugsweise Monologe, beschreibende und

erzählende Lesestücke und Naturschilderungen &c.

|#f0029 : 3|



(Wir erwähnen in Sophokles' Aias den berühmten Monolog 815 ff.,

Monologe in Shakespeare's Julius Cäsar, in Schillers Tell und Wallenstein.

Ferner Erzählendes z. B. in Wallenstein der Bericht über die Schlacht bei

Neustadt, oder in der Jungfrau von Orleans: „Wir hatten sechzehn Fähnlein

aufgebracht“ u. s. w.)



Aufgabe. Das nachfolgende Bruchstück aus Charikles und Theages

von Herder soll in jambische Verstakte umgebildet werden



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Die heilige Stille, die die Nacht

um sie verbreitete, die hellen Himmelslichter,

die als Lampen über ihnen

aufgehängt schienen, auf der einen

Seite einige zurückgebliebene Schimmer

der Abendröte, und auf der andern

der hinter den Schatten des Waldes

sich sanft erhebende Mond ─ wie

erhebt dieser prächtige Tempel, wie

erweitert und vergrößert er die Seele!

Man fühlt in diesen Augenblicken so

ganz die Schönheit und das Nichts

der Erde; welche Erholung uns Gott

auf einem Stern bereitet hat, auf

dem uns Mond und Sonne, die beiden

schönen Himmelslichter, abwechselnd

durchs Leben leiten! Und wie

niedrig, klein und verschwindend der

Punkt unseres Erdenthales sei, gegen

die unermeßliche Pracht und Herrlichkeit

aller Sterne, Sonnen und Welten

u. s. w.

[Spaltenumbruch]

Lösung.



Dĭe hēiligĕ Stīllĕ, dīe dĭe Nācht

um sie verbreitet, auch die hellen Himmelslichter,

die als Lampen über ihnen

aufgehängt erschienen, hier auf dieser

Seite ein'ge Schimmer goldner Abendröte,

die zurückgeblieben, dorten auf

der andern ─ hinter Waldesschatten

sich erhebend ─ still der Mond. Wie

hoch erhebt doch dieser prächt'ge Dom,

wie sehr erweitert und vergrößert er

die Seele! Fühlt man doch in solchen

Augenblicken ganz die Schönheit wie

das Nichts der Erde, ja, man fühlt

Erholung, uns von Gott auf einem

Stern bereitet, wo den Menschen Mond

und Sonne, diese beiden Himmelslichter,

wechselnd durch das Leben leiten, und

wie gegen aller Sterne, Sonnen,

Welten Pracht und unermeßnen Schöne,

so verschwindend klein der Punkt des

Erdenthales sei u. s. w.

[Ende Spaltensatz]



(NB. Man suche hier, wie bei allen folgenden Lösungen, Versehen aufzuspüren,

Kritik zu üben und z. B. nachzuweisen, wie in Z. 1 „die die“ unschön

wirkt, wie Z. 2 „auch die“ von sehr zweifelhafter Länge ist, wie

Z. 4 in „aufgehängt erschienen“ die Vorsilbe er die Änderung „aufgehangen

schienen“ empfiehlt u. s. w.)



§ 2. Bildung jambischer Viertakter.



1. Wir gehen sofort zur bequemen Form des jambischen Viertakters

(⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑ –) über, welcher ebenso akatalektisch (vollzählig), wie

katalektisch (unvollzählig) sein kann, z. B.:

|#f0030 : 4|



Ŏ trock | nĕ dīe | sĕ Thrǟ | nĕ nīcht, | akatal.

Die Dir | im Au | ge schim | mert. | katal.


(Hamerling.)



2. Wollte man nur vollständige (akatalektische) Viertakter bilden,

ohne sich um Cäsur oder die syntaktischen Pausen zu kümmern, so

könnte man die Verse (wie im vorigen Paragraphen) in fortlaufenden

Zeilen schreiben.



3. Wenn sämtliche Verse akatalektisch (vollständig) sind, so ist zur

Wahrung des Verscharakters darauf zu achten, daß die syntaktischen

Ruhepausen ans Ende derselben zu stehen kommen, um die Jncision

(Versabschnitt) zu markieren.



4. Satztakt und Worttakt darf der Lernende nicht zu oft zusammenfallen

lassen. Vielmehr muß er unserer Sprache den Schein unbegrenzter

freier Bewegung wahren und der Monotonie und Monorhythmik

vorbeugen.



5. Ständige Diäresen (Zusammenfallen des Verstaktes mit dem

Satztakte) am Ende des zweiten Taktes sind zu vermeiden, weil sonst

der Vers halbiert würde und das Ganze das Gepräge jambischer Zweitakter

erhalten müßte.



6. Es ist hier des Wohllauts wegen mehr als bei der vorigen

Übung auf freundlichen Wechsel der Sprachlaute zu halten. Ein

Kunstgriff hierbei ist im allgemeinen: a. gedehnten Silben den Vorzug

vor geschärften in der Arsis zu geben, b. volle und kräftige Vokale

öfter eintreten zu lassen, als das fade e oder das dünne i &c.



7. Auch in den Thesissilben sollte dieser Wechsel einige Beachtung

finden. Anstatt der vielen Endsilben mit dem fast tonlosen e, können

zur Abwechselung kleine Formwörtchen wie: in, vor, zu, um, auf &c.

in die Thesis gerückt werden.



8. Da diese Wörtchen meist mit einem Vokal beginnen, so müssen

zur Vermeidung des Hiatus (Zusammentreffen zweier Vokale) zuweilen

die ihnen vorhergehenden Flexionssilben elidiert werden

(z. B.: hätte in == hätt' in, hätte auf == hätt' auf &c.). Die

mäßige Anwendung des Hiatus muß gewöhnliche, dem Alltagsleben

angehörige Wendungen ausschließen.



9. Nach einer syntaktischen Pause ist der Hiatus gestattet, da ja

die Elision an dieser Stelle die Cäsur (Verseinschnitt) aufheben würde,

ein Hinüberlesen über diese Cäsur aber verwerflich wäre.



10. Die Elision vor einem Konsonanten (die sog. Apokope) sollte

nur höchst ausnahmsweise beliebt werden, weil sie eine Härte ergiebt.

Es darf elidiert werden: Hätt' er, nicht aber Hätt' der &c., oder

Hätt' man &c.

|#f0031 : 5|



Aufgabe. Die nachfolgende Sage ist in jambischen Viertaktern

wiederzugeben, und zwar sind akatalektische Verse zu bilden.


(Vgl. übrigens S. 2 Ziffer 7.) Das Material für den einzelnen Vers ist

durch Taktstriche abgegrenzt. Es ist bei Lösung dieser Aufgabe die Beibehaltung

der prosaischen Wendungen des Stoffs gestattet, damit um so größere Sorgfalt

der Bildung reiner Accentjamben und der Vermeidung des Hiatus, wie der

Beachtung der obigen Vorschriften zugewendet werden kann.



Die Witwe. (1760 n. Chr. Aus dem Hildesheimschen.)

(Von Karl Seifart. Sagen &c. Göttingen 1854.)



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Einer armen Witwe | bei Hildesheim

hatten | die Werber ihren einzigen

Sohn | genommen und in den

siebenjährigen Krieg geschleppt. | Die

arme Frau konnte weiter nichts thun, |

als weinen und beten, daß ihr der

liebe Gott | doch ihre einzige Stütze |

am Leben erhalten möge. | Das that

sie denn auch jeden Morgen. | Aber

Jahre vergingen, | und keine Nachricht

kam von ihrem Sohne. | Die

harten Nachbarn lachten | und meinten,

sie solle sich doch nur über ihren Sohn |

zufrieden geben. | Dem wäre nur geschehen,

| was so manchem Mutterkinde

| im Kriege geschehe. | Aber die

Frau ließ sich nicht irre machen; | sie

konnte nicht daran glauben, | daß Gott

ihr ihre einzige Stütze | nehmen würde,

und sie betete | nach wie vor für das

Wohlergehen ihres Sohnes. | Da war

es ihr einmal in der Kirche, | als ob

sie in einen tiefen Schlaf | fiele, und

doch standen | ihre Augen weit offen,

so daß sie | Wunderbares schaute. |

Sie sah in eine weite, weite Welt, |

darin lagerten viele Tausende | fremder

Völker, | und unter den Völkern

stand ein König | mit goldener Krone, |[Spaltenumbruch]

Lösung (mit Beibehaltung der Prosawendungen

des Stoffs).


Eĭnst hāttĕn ēinĕr ārmĕn Frāu

Zu Hildesheim, der alten Stadt,

Die Werber ihren einz'gen Sohn

Fort in den langen Krieg geschleppt.

Die arme Witwe weinte viel;

Sie flehte täglich, daß ihr Gott

Den Sohn, den allereinz'gen Hort

Am Leben mög' erhalten. ─

Und es verging ihr Jahr um Jahr,

Und keine Nachricht kam vom Sohn!

Die harten Nachbarn lachten kalt,

Und rieten, wegen ihres Sohns

Zufrieden sich zu geben doch,

Denn ihm sei Gleiches nur geschehn,

Wie manchem andern Mutterkind

Geschehe wohl in jedem Krieg.

Der Witwe Hoffnung wankte nicht;

Sie glaubte nimmermehr daran,

Daß Gott ihr diesen teuren Sohn

Genommen, ─ ja, sie flehte neu

Für ihn, der größten Hoffnung voll.

Da war's ihr in der Kirch' einmal,

Als ob in einen tiefen Schlaf

Sie fiel', und doch geöffnet stand

Das Aug' ihr, daß sie hell und klar

Viel Wunderbares ward gewahr.

Sie sah in eine weite Welt

Und ward gewahr ein großes Heer

Von fremder Völker bunter Schar.

Ein König unter ihnen stand

Mit goldner Kron' auf seinem Haupt;
[Ende Spaltensatz] |#f0032 : 6|



[Beginn Spaltensatz]der einem schönen, jungen Soldaten

einen Kranz | auf den Kopf setzte. |

„O Gott, das ist ja mein Franz

Karl!“ | rief die Frau laut, | so daß

die andern Beter alle erschrocken | umschauten

| und meinten, der Frau | sei

etwas zugestoßen. | Die Frau aber

fühlte eine wunderbare | Freude in der

Brust | und ging himmlischen Trostes

voll | aus der Kirche. | Da sah sie

draußen die Jungen | zusammen laufen,

| schmucke Reiter trabten | unter

Trompetenblasen daher, | und ─ bald

wäre die Frau vor Freuden | gestorben,

denn all den Reitern | voran stolzierte

als Oberst | ihr Franz Karl | und suchte

seiner Mutter Haus auf. |

[Spaltenumbruch]

Er schmückte mit dem Lorbeerkranz

Nur einen Krieger, schön und jung.

„O Gott, das ist ja Franz, mein Sohn!“

Dies rief entzückt die Frau so laut,

Daß alle Beter drob erschreckt

Nach ihr die Blicke wandten. ─

Sie meinten, daß der armen Frau

Ein Unfall zugestoßen sei.

Doch diese fühlte ─ (wunderbar! ─)

Die reinste Freude in der Brust.

Voll Himmelstrost verließ sie dann

Die Kirche mit der Beter Schar.

Und draußen sah viel Kinder sie

Zusammenlaufen, gaffen, schrei'n.

Viel schmucke Reiter trabten an,

Trompeten blasend nahten sie.

Vor Freude wäre fast die Frau

Gestorben, denn den Reitern all'

Ritt stolz voran als Oberst ─ wer?

Jhr teurer Sohn, der sehnsuchtsvoll

Aufsuchte seiner Mutter Haus.
[Ende Spaltensatz]



(NB. Weiteres Material zu Übungen im jambischen Viertakter bieten

Märchen und kleine, freundliche Erzählungen.)



§ 3. Bildung jambischer Quinare (Blankverse).



1. Satzende und Ende des Blankverses (⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑ –) brauchen

nicht unbedingt zusammen zu fallen, vielmehr darf der Satz zuweilen

in die neue Verszeile hinüberragen. Zu oft soll dies freilich nicht

geschehen, weil dies zwar jambischen Rhythmus, nicht aber jambische

Quinare ergeben würde. Das Enjambement (Überschreiten) sollte in

der Lyrik nie, im epischen Gedicht nur selten vorkommen.



2. Der Miltonsche jambische Quinar hat stets männlichen Schluß,

der Shakespearesche gestattet bald weibliche, bald männliche Endung.

Um nicht in Zweifel über die Versgliederung zu geraten und das

Ende der Blankverse zu markieren, haben bessere Dichter (seit Lessing)

den Shakespeareschen Quinar angewandt, also den letzten Takt zuweilen

hyperkatalektisch (überzählig) gebildet, z. B. Vers 2 und 3 der folgenden

Probe:



Wăs je | dĕr Blū | mĕ Dū | gĕwǟh | rĕst, gȫnn' |

Auch mei | nen Blu | men, mei | nen E | pheme | ren

Zur Rei | fe Zeit, | in lang' | und kur | zem Da | sein.


(Herder.)

|#f0033 : 7|



3. Es dient zur Wahrung des Verscharakters, die syntaktischen

Pausen und Ruhepunkte (Satzende, Satzeinschnitt, Vordersatzschluß,

Nachsatzende) häufig ans Ende der Quinare zu verlegen.



4. Hohe markierende Bedeutung hat der Einschnitt, wenn die

überzählige Silbe den Charakter einer schweren Silbe erhält. Doch

muß diese hemmende Wirkung mit dem Satzende zusammenfallen. Wo

dies nicht der Fall ist, wie in folgendem Beispiel, ist sie wegen ihrer

hemmenden Gewalt störend und fehlerhaft, selbst da wo das Fehlerhafte

durch Recitation gemildert werden kann:



Wo sind sie? Blieb von ihnen ich allein

Nicht übrig? ich der menschlichste, den Vōr | sīcht

Allein nur rettete?


(Herder, Der entfesselte Prometheus.)



5. Zur Unterbrechung der Monotonie, wie zur Markierung der

Jncision und zur Steigerung der malerischen Kraft beginnt man zuweilen

die frische Verszeile mit einem Spondeus (– –) oder einem

Trochäus (– ⏑), z. B.:



Vṓrrāt zu haben, der Vulkan ist furchtbar.


(Oehlenschlägers Correggio.)



Mǟchtĭg | gĕnūg, der Menschheit Reich zu trennen,

Ōhnĕ | Gĕfǖhl, Verstand und Gliedermaß.


(Herder, Der entfesselte Prometheus.)



Diese Versanfänge verlangen Berechnung, wenn sie den Rhythmus

nicht stören sollen.



6. Zur Vermeidung der Eintönigkeit darf auch innerhalb der

Zeile zuweilen ein Spondeus oder ein Anapäst stehen.



Z. B. ein Spondeus:



Des schönsten Boten Ū́nglǖcksbṓtschāft.

(Goethes Faust.)



oder ein Anapäst:



Verzeih uns edle Base ─ Himmĕl ŭnd Ērde!

(Lindners Brutus u. C.)



7. Eine Feinheit ist es, den Spondeus (– –) nur hie und da an

ungeraden Stellen (also im 1., 3., weniger im 5. Takt) eintreten zu

lassen, um nicht den Verscharakter zu schädigen. Bei den, nach Dipodien

(zwei Takten) gemessenen Versen der Alten mußte die Dipodie

mit einem Jambus schließen, weshalb eben nur in ungeraden Takten

Spondeen sein konnten.



8. Empfehlenswert ist es, Cäsuren mit Diäresen abwechseln zu

lassen. Bei weiblichem Versschluß wirken die Diäresen freundlicher,

bei männlichem die Cäsuren. Man sollte die Cäsur im 5. Takt des |#f0034 : 8|



hyperkatalektischen Quinars vorsichtig (d. h. nicht zu oft nacheinander)

gebrauchen, weil sonst die beiden letzten Silben als trochäisch empfunden

werden, was den Rhythmus verrücken müßte, namentlich wenn

noch dazu innerhalb des Verses die Cäsuren überwiegen sollten.



9. Die syntaktische Cäsur kann nach jeder Silbe eintreten. Sie

steht nach der ersten, wenn der Blankvers mit einem Ausruf oder mit

einem einsilbigen, komparativisch oder fragend gebrauchten Wörtchen beginnt,

und dann ist sie von großem Wert, z. B.:



Geh! | hol ihn! Wie aus einer guten That.

Bst! | Hafi, bst! &c.

Ah! | ah! Nun schlägt &c.

Was? | Eine Thräne fiel herab &c.


(Lessing, Nathan.)



10. Die sogenannte provençalische Cäsur am Ende des 2. Taktes,

welche die Troubadours pflegten, verhindert, daß man bei trochäischen

Satztakten an trochäischen Rhythmus glaubt. Eine untergeordnete

Cäsur kann in die Mitte der Zeile (am liebsten nach der 5. Silbe) zu

stehen kommen.



Schiller bediente sich der Diärese am Schluß des zweiten Taktes

sehr häufig. Lessing wich ab. Dies machte freilich manchen Vers mehr

oder weniger unmusikalisch.



11. Setzt man die syntaktische Cäsur in den letzten Takt, so läuft

man Gefahr, daß die letzte Silbe gleich einer Thesis zur ersten Silbe

des nächsten Verses genommen, oder die Kürze des 1. Taktes der folgenden

Verszeile auf diese Weise zur Länge erhoben wird, wodurch

mindestens eine Verwischung der Jncision eintritt, z. B.:



Betrachtet dieses Bild noch einmal. | Sagt

Noch einmal ─ nein ihr werdet es nicht sagen.


(Oehlenschläger.)



12. Was die Satztakte betrifft, so ist es durchaus kein Fehler,

wenn einzelne derselben zwei oder mehrere Verstakte umklammern. Jm

Gegenteil tragen lange Verstakte nicht selten zum freundlichen Accentwechsel

bei und verleihen dem Satzaccent eine bestimmte Höhe, z. B.:



Jch herze dich | mĭt tāusĕndfāchĕr Glūt.

(Goethe, Faust.)



(Das ditrochäische [doppeltrochäische] Wort „tausendfacher“ dient

hier zur Verbindung von drei jambischen Takten. Bei Platen finden

sich Wortkolosse, die nicht selten vier und fünf Takte verbinden, z. B.

im Trimeter [§. 4]:



Der nebenbuhlerischen Ungroßmütigkeit.


(Platen, Mathilde von Valois.)

|#f0035 : 9|



(Vgl. bei Platen auch die freilich nicht hierhergehörigen, ungeheuerlichen

Satztakte „Freischützkaskadenfeuerwerkmaschinerie“, „Demagogenriechernashornangesicht“

&c., die einen Trimeter ausfüllen.)



Selbstredend dürfen allzulange Satztakte schon aus ästhetischen

Gründen nur spärlich angewendet werden; sie würden in größerer Anzahl

Fluß und Beweglichkeit des Rhythmus beeinträchtigen.



13. Aus ästhetischen Gründen warnen wir vor allzuviel Konsonantenanhäufungen

im jambischen Quinar wie in jedem Rhythmus.

Wer die nötige Vorsicht in der Form schon im Anfang dichterischer

Übung walten läßt, wird bei vorgerückter Fertigkeit seine ungeteilte

Aufmerksamkeit dem Jnhalt zuwenden können.



14. Gut gearbeitete reimlose Quinare finden sich z. B. in: Götterdämmerung

von H. Heine; Der Schwester Traum von Hauff; Frau

Generalin von Varnbüler von Mörike; Herakles auf dem Oeta von

Geibel; Lebwohl von Gerok &c.



15. Als Beleg, wie fleißig und ernst bedeutende Dichter in der

Bildung von Quinaren verfuhren, bieten wir nachstehendes Beispiel

aus Goethe's Jphigenie. (Vgl. Goethe's Jphigenie. Freiburg 1883.)



Dritter Prosa-Entwurf. 1781.



Jphigenie. Heraus in eure Schatten, ewig rege Wipfel des heiligen

Hains, wie in das Heiligtum der Göttin, der ich diene, tret' ich mit immer

neuem Schauer und meine Seele gewöhnt sich nicht hierher! So manche

Jahre wohn' ich hier unter euch verborgen, und immer bin ich wie im ersten

fremd, denn mein Verlangen steht hinüber nach dem schönen Land der Griechen,

und immer möcht' ich übers Meer hinüber, das Schicksal meiner Vielgeliebten

teilen. Weh dem! der fern von Eltern und Geschwistern ein einsam Leben

führt, ihn läßt der Gram des schönsten Glückes nicht genießen, ihm schwärmen

abwärts immer die Gedanken nach seines Vaters Wohnung, an jene Stellen,

wo die goldne Sonne zum erstenmal den Himmel vor ihm aufschloß, wo die

Spiele der Mitgebornen die sanften, liebsten Erdenbande knüpften.



Ausarbeitung. 1787.



Jphigenie.

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,

Wie in der Göttin stilles Heiligtum

Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,

Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,

Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;

Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.

Denn ach, mich trennt das Meer von den Geliebten,
|#f0036 : 10|



Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,

Das Land der Griechen mit der Seele suchend;

Und gegen meine Seufzer bringt die Welle

Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern

Ein einsam Leben führt! Jhm zehrt der Gram

Das nächste Glück von seinen Lippen weg.

Jhm schwärmen abwärts immer die Gedanken

Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne

Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo

Sich Mitgeborne spielend fest und fester

Mit sanften Banden aneinander knüpften &c.



Aufgabe 1. Der nachfolgende Stoff soll in jambische Quinare

verwandelt werden. (Die Verszeilen sind so gut als möglich durch

Taktstriche angegeben.
)



Stoff. Verkehre viel mit deinen Kindern; | Tag und Nacht sollst du sie

um dich haben und sie lieben | und dich lieben lassen schöne Jahre lang. |

Nur während des kurzen Kindheitstraumes | sind sie dein, nicht länger! Schon

mit der Jugend | schleicht vieles durch ihre Brust, was du nicht bist, | und

mancherlei lockt sie an, was du nicht besitzest, | und sie erfahren von einer alten

Welt, | welche ihren Geist erfüllt; die Zukunft schwebt | ihnen vor. So geht

die schöne Gegenwart | verloren. Nun zieht der Knabe mit dem Wandertäschchen

| voll Notwendigem hinaus. | Weinend siehst du ihm nach, bis er verschwindet.

| Nimmer wird er wieder dein! Er kehrt | zurück, nun liebt er und

wählt sich eine Jungfrau. | Sie leben beide, andere leben auf | aus ihm ─

du hast nun einen Mann an ihm erhalten, | einen Menschen, ─ aber kein

Kind hast du mehr! | Nun bringt dir die vermählte Tochter ihre Kinder | manchmal

in dein Haus, um dich zu erfreuen. | Du hast an ihr eine Mutter, aber

kein Kind mehr. | Darum gehe fleißig mit deinen Kindern um! | Sei Tag und

Nacht um sie und liebe sie | und lasse dich lieben einzig schöne Jahre lang.



Lösung. Von Leopold Schefer.



Geh' fleißig um mit deinen Kindern! Habe

Sie Tag und Nacht um dich und liebe sie

Und laß dich lieben einzig schöne Jahre;

Denn nur den engen Traum der Kindheit sind

Sie dein, nicht länger! Mit der Jugend schon

Durchschleicht sie vieles bald ─ was du nicht bist.

Und lockt sie mancherlei ─ was du nicht hast.

Erfahren sie von einer alten Welt,

Die ihren Geist erfüllt; die Zukunft schwebt

Nun ihnen vor. So geht die Gegenwart

Verloren. Mit dem Wandertäschchen dann
|#f0037 : 11|



Voll Nötigkeiten zieht der Knabe fort.

Du siehst ihm weinend nach, bis er verschwindet,

Und nimmer wird er wieder dein! Er kehrt

Zurück, er liebt, er wählt der Jungfrau'n eine,

Er lebt. Sie leben, Andre leben auf

Aus ihm ─ du hast nun einen Mann an ihm,

Hast einen Menschen ─ aber mehr kein Kind!

Die Tochter bringt vermählt dir ihre Kinder

Aus Freude gern noch manchmal in dein Haus!

Du hast die Mutter, aber mehr kein Kind!

Geh' fleißig um mit deinen Kindern! Habe

Sie Tag und Nacht um dich, und liebe sie,

Und laß dich lieben einzig schöne Jahre.



Aufgabe 2. Eine kurze Scene aus einem Drama des Verfassers

(„Der geräuschlose Feldzug“ 1874. 2. Aufl.) soll in jambische

Quinare umgewandelt werden. (Weiteres Material zur

Erlangung größtmöglicher Übung bietet jedes Prosadrama.
)



Stoff.



Leopold. Hoheit, der Krieg, der viele rauh macht, ─ mich hat er weicher

gestimmt, als je. Jn Feindesland empfand ich oft ein Verlassensein,

das ich zuvor nie kannte. Die Sehnsucht zog mich zurück in Jhre stille,

idyllische Residenz, wo mir ein Stern aufgegangen war von ewigem,

mildem Glanze, der meine Hoffnung wurde bei Sieg und bei Gefahr. Jhre

Briefe, Hoheit, die früheren Zeichen Jhrer hohen Gunst, beglückten mich,

wie mich der Ausruf ermuthigte, mit dem Sie mich empfingen. Geliebte

Fürstin, bin ich Jhnen wirklich teuer? Darf ich kühn mein Auge mit

der Frage erheben, die der Mann im Leben nur einmal an das Weib

seiner Liebe richtet? (Tumult unten.)



Fürstin (bewegt). Sie dürfen es, Leopold. Der Himmel hat Sie mir gerade

in der schweren Stunde wiedergeschenkt, wo ich Jhren Tod so innig beweinte,

wo schon die schwarze Rotte ihre Hand ausstreckte ─ nach

meiner Ehre und meines Landes Freiheit!



Leopold (auffahrend). Das wagte man gegen die Fürstin! Man täuschte Sie

sogar mit meinem Tode?! (Geschrei unten.) „Nieder mit den Jesuiten!!“



(Wüster Lärm.)



Fürstin. Gerechter Gott! Was geht in der Stadt vor?



Lösung.



Leopold.

Der Krieg, der rauhe Herzen schafft, hat mich

So weich gestimmt, wie niemals ich's geahnt.

Wie oft empfand ich doch in Feindesland

Die ganze Pein des Worts: Verlassensein!
|#f0038 : 12|



Vor meinem Auge stieg dann deutlich, klar

Das Bildnis auf von Jhrer Residenz,

Jn deren stillen, herrlichen Jdylle

Jhr Stern ein Licht verstrahlte, dessen Glanz

Mir Hoffnung gab bei Sieg wie bei Gefahr.

Jch fühlte Sehnsucht, fühlte wie mein Herz

Unlösbar an der fernen Stätte hing.

Und Jhre Briefe, Hoheit, teure Zeichen

Der hohen Gunst, die ich zuvor genoß

Entzückten mich; es steigerte das Glück

Zum Hochgenuß der Seligkeit der Ausruf,

Mit welchem Sie beim Eintritt mich empfingen.

Geliebte Fürstin! Mutig fragt mein Mund:

Bin ich in Wahrheit teuer Jhrem Herzen? ─

Darf kühn zu Jhnen ich das Aug' erheben

Mit jener Frage, die der stolze Mann

Jm Vollbewußtsein seines Werts nur Ein Mal

Zum Weibe seiner Liebe werbend spricht? ─


Fürstin.

Sie dürfen's, Leopold! wie ein Geschenk

Des Himmels nah'n Sie mir in dieser Stunde.

Wo ich um Jhren Tod so innig klagte,

Wo schon die schwarze Rotte frech die Hand

Nach meines Landes Freiheit, meiner Ehre,

Zu strecken suchte.


Leopold.

Wie? das wagte sie,

Die falsche Brut? Man täuschte Sie sogar

Mit meinem Tod? (Geschrei unten:) „Fort mit den Jesuiten.“


(Wüster Lärm.)



Fürstin.

Gerechter Gott! was kündet solcher Lärm?


§ 4. Bildung des neuen Senars (Trimeter).



1. Der neue Senarius (⏑–⏑–⏑ | –⏑–⏑–⏑– |) ist für unsere

Sprache ein etwas breites Gefäß, für welches der Satz oft nicht ausreicht,

so daß zur Ausfüllung nicht selten Flickwörter herbeigezogen

werden müssen.



2. Er ist für uns nicht unwichtig, da wir ihn bei Übersetzung

der griechischen Tragiker nötig haben, ganz abgesehen von den vielen

deutschen Gedichten, die in diesem Versmaß geschrieben sind. Außerdem

weist uns das Urteil Schillers (dessen Montgomery-Scene in

der „Jungfrau“ aus Senaren besteht) auf diesen Vers hin. Nach

seinem Geständnis wurde es ihm schwer, „von den schönen und volltönenden

Senaren zu den lahmen Fünffüßlern zurückzukehren“.

|#f0039 : 13|



3. Die nach Dipodien messenden Alten konnten die einzelnen

Dipodien mit einem Spondeus (––) beginnen. Es kam nur darauf

an, daß die Dipodien mit einem Jambus schlossen. Wenn wir dies

im Deutschen nachahmen wollten, so müßten wir uns (da unser Senar

ein Accentvers ist) wenigstens steigender Spondeen (z. B. Glāubst dū́?

Tūrnī́er) bedienen und dieselben also nur im 1., 3. und 5. Takt anwenden.

Der Verscharakter würde nicht gestört werden, da der Jambus

(im 2., 4. und 6. Takt) doch immer das letzte Wort behalten könnte.

Die Einfügung von steigenden Spondeen beugt der Monotonie vor

und hemmt die allzurasche Bewegung.



4. Ein fallender Spondeus (z. B. Dḗnkmāl, Nṓrdwīnd) stört den

rhythmischen Fluß in auffallender Weise und ist nur dann zu gestatten,

wenn er die Jncision oder vielmehr den Beginn des neuen Verses

markiert, oder wenn er den Satzaccent unterstützt, in welchem Fall er

sogar als Schönheit empfunden werden kann, z. B.:



Fū́rchtbār ĭst dēine Rede, doch dein Blick ist sanft.


(Schiller, Jungfrau II, 7.)



(Vgl. auch Lenau II, 32: Sā́atkȫrner seines Ruhms &c.)



An Stelle des Spondeus kann auch ein Trochäus (–⏑) treten.



5. Unsere deutsche rhythmische Form bleibt anspruchsloser, als die

griechische. Es liegt dies in unserem ruhigeren Volkscharakter, der die

Beweglichkeit des südländischen nie geteilt hat. Alle deutschen Dichter,

welche sich einredeten, die Rhythmik der ältesten Völker auf unsere

Sprache übertragen zu sollen, sind gescheitert, sind unpopulär geworden

oder geblieben. Bei den Alten galten zwei Kürzen als eine Länge,

wodurch es sich erklärt, daß wir bei ihren Nachahmern Daktylen und

Anapäste im Trimeter finden. Bei uns ist die Auflösung der Arsislänge

in 2 Kürzen undenkbar. Es kann also höchstens ein Anapäst (⏑⏑–)

eingefügt werden. Ein Daktylus (–⏑⏑) könnte nur am Anfang an

Stelle des Trochäus (–⏑) eintreten. Viele Anapäste einzumischen ist

gefährlich, da diese anstürmenden, leicht beschwingten Takte sich dem

Ohre rasch empfehlen.



6. Die Cäsuren sind den Diäresen im Senarius vorzuziehen, da

letztere die Bedeutung der Cäsuren verdunkeln könnten. Die erste Vorschrift

ist, eine stehende Diärese inmitten des Verses zu vermeiden, weil

dieselbe den Senar zum Alexandriner gestalten würde.



7. Als Grundform des Senars könnte man es bezeichnen, wenn

die Cäsur im 3. Takt sich befindet. Jn diesem Falle kann man ein

umklammerndes Wort einfügen, um nicht in den trochäischen Rhythmus

zu geraten.

|#f0040 : 14|



8. Am schönsten erscheint die vorherrschend weibliche Cäsur im

4. Takt.



Beispiele:



a. im 3. Takt: Die 1Kin | der s2chla | fen, 3C mor | de nicht | den sü | ßen Schlaf.



(Platen IV, 26.)



b. im 4. Takt: Du1rch Feu'r | un2d Was | ser ge3h | ich, 4C wie | Pamina that.



(Ebenda IV, 24.)



9. Würden trochäische Worte nach ihr folgen, so könnte der Rhythmus

leicht ins Schwanken geraten; in der Regel folgt ein einsilbiges

Wort, wodurch der Vers seinen jambischen Haltpunkt behält.



10. Weniger schön und beliebt ist die Cäsur im 5. Takte, obgleich

sie noch wirkungsvoll genug erscheint, z. B.:



So will | ich auf | den Ze | hen schlei | chen. 5C Laß | mich doch. |



11. Ein Vorkommen der Diärese mit der Cäsur in der gleichen

Verszeile ist statthaft. Beispiel:



Jch geh' | hinein |D und gra | be. C Hal | tĕ dĕn Mōp | sus hier |

Zurück, |D wenn heim | er keh | ren soll | te, Cdaß | er mich |

Jm Ho | fe nicht | ertap | pe, Cja | den Schatz |D zugleich


Entdecke &c.(Platen IV, 24.)



12. Eine Cäsur ist am Anfang (also im 1. Takt) nur dann gestattet,

wenn ein Ausruf oder ein einsilbiges bedeutendes Wörtchen

(etwa ein Jmperativ, eine Negation &c.) den Vers beginnt.



13. Da der letzte Verstakt, der höchst selten mit einem einsilbigen

Satztakt schließt, dem Vers sein abschließendes Gepräge verleiht, so

befindet sich im letzten Takt nur höchst ausnahmsweise die Cäsur.



14. Rhythmische Pausen treten ein, wo das Satzende mit dem

Versende zusammenfällt. Um die freie Bewegung durch das Einzwängen

des Gedankens in den engen Raum von sechs Jamben zu

hindern und der Eintönigkeit vorzubeugen, ist es erlaubt, hie und da

längere Sätze in die neuen Verszeilen hinüberragen zu lassen, sofern

nur der Charakter des Senars gewahrt ist, z. B.:



Alle zwölf zusammen sind

Die erste Zahl, indessen man im Trauerspiel

Nur fünfe braucht; doch freilich wird das fünfte bloß

Als Stier bei den Hörnern hergezogen, während doch

Der Dichter selbst das fünfte wär' als Wassermann:

Doch Mopsus kommt. Er will doch nicht ins Haus hinein?

Pst! Mopsus! &c.

(Platen IV, 25.)

|#f0041 : 15|



15. Ein Kunstgriff ist es, daß man da, wo der Jnhalt über den

Vers hinüberflutet, zur Ausfüllung der folgenden Zeile einen kurzen

Satz einfügt &c.



Aufgabe. Nachfolgender Stoff ist im neuen Senarius zu

geben.



Göttliche Reminiscenz.



Stoff. Vor langer Zeit sah ich ein wundersames Gemälde | in einem

Karthäuserkloster, das ich oft besuchte. | Heute trat es mir mit frischen Farben

vor die Seele, | als ich einsam im Gebirge wandelte, | umgeben von wild umhergeworfenen

Felsentrümmern. |



An einer jähen Steinkluft, deren Saum | von zwei Palmen überschattet

| nur wenig Gras den emporklimmenden Ziegen bietet, | sieht man den

Jesusknaben auf Steinen sitzend; | ihm ist ein weißes Vließ als Polster untergelegt.

| Mir erschien das schöne Kind nicht allzu kindlich. | Der heiße Sommer,

welcher sicherlich sein fünfter schon war, | hat seine, bis zum Knie herab | von

einem gelben, purpurumsäumten Röcklein | bedeckten Glieder und seine gesunden

Wangen sanft gebräunt; | aus seinen dunklen Augen leuchtet stille Feuerkraft;

| doch den Mund umspielt ein fremder, unnennbarer Reiz. | Ein alter

Hirte, welcher sich freundlich zu dem Kinde niedergebeugt hat, | übergab ihm

soeben ein versteinertes, seltsam gestaltetes Meergewächs | zum Zeitvertreib. | Nachdem

der Knabe das Wunderding beschaut, | spannt sich sein weiter Blick wie

betroffen | dir entgegen, doch wirklich ohne Gegenstand, | durchdringend ewige,

grenzenlose Zeitenfernen: | als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz | der

Gottheit, ein Erinnern, das im nämlichen Augenblick erloschen sein wird; und

das welterschaffende | Wort von Anfang zeigt lächelnd als ein unwissendes,

spielendes Erdenkind dir sein eigenes Werk.



Lösung. Von Mörike.



Vŏrlǟngst | săh īch | ĕin wūn | dĕrsā | mĕs Bīld | gĕmālt, |

Jm Kloster der Karthäuser, das ich oft besucht.

Heut, da ich im Gebirge droben einsam ging,

Umstarrt von wild zerstreuter Felsentrümmersaat,

Trat es mit frischen Farben vor die Seele mir.

An jäher Steinkluft, deren dünn begraster Saum,

Von zweien Palmen überschattet, magre Kost

Den Ziegen beut, den steilauf weidenden am Hang,

Sieht man den Knaben Jesus sitzend auf Gestein;

Ein weißes Vließ als Polster ist ihm unterlegt.

Nicht allzu kindlich däuchte mir das schöne Kind;

Der heiße Sommer, sicherlich sein fünfter schon,

Hat seine Glieder, welche bis zum Knie herab

Das gelbe Röckchen decket mit dem Purpursaum,
|#f0042 : 16|



Hat die gesunden, zarten Wangen sanft gebräunt;

Aus schwarzen Augen leuchtet stille Feuerkraft,

Den Mund jedoch umfremdet unnennbarer Reiz.

Ein alter Hirte, freundlich zu dem Kind gebeugt,

Gab ihm so eben ein versteinert Meergewächs,

Seltsam gestaltet, in die Hand zum Zeitvertreib.

Der Knabe hat das Wunderding beschaut, und jetzt,

Gleichsam betroffen, spannet sich der weite Blick,

Entgegen dir, doch wirklich ohne Gegenstand,

Durchdringend ew'ge Zeitenfernen, grenzenlos:

Als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz

Der Gottheit, ein Erinnern, das im gleichen Nu

Erloschen sein wird; und das welterschaffende,

Das Wort von Anfang, als ein spielend Erdenkind

Mit Lächeln zeigt's unwissend dir sein eigen Werk.



(NB. Zu rügen wäre hier die fehlerhafte Skansion Mörike's Z. 1:

Vŏrlǟngst statt Vṓrlǟngst sāh ĭch ĕin; ferner die falsche Versbetonung, Z. 5:

„Trăt ēs mĭt“ &c.)



§ 5. Bildung des reimlosen neuen Nibelungenverses.



1. Der neue Nibelungenvers läßt sich leicht aus 2 jambischen

Dreitaktern bilden, deren erster weibliche Cäsur hat, also hyperkatalektisch

ist.



Schema: ⏑–⏑–⏑–⏑ | ⏑–⏑–⏑–.



2. Nach dem deutschen Accentqualitätsprinzip ist es gestattet, hie

und da Anapäste in den neuen Nibelungenvers einzufügen, wodurch derselbe

an Schönheit gewinnt.



Aufgabe. Die nachfolgende Sage (der Gebrüder Grimm) soll

in reimlose Nibelungenverse umgewandelt werden. Wir verweisen

dabei auf die gereimte strophische Bearbeitung von Chamisso
(1831)

und die Rückertsche aus dem Jahre 1817. Sollte bei der Lösung

hie und da ein ungesuchter Schlußreim sich ergeben, so braucht derselbe

keineswegs unterdrückt zu werden, da wir ja den Reimversen

zusteuern.



Das Riesenspielzeug.



Stoff. Jm Elsaß auf der Burg Niedeck, die an einem hohen Berge

bei einem Wasserfalle liegt, waren die Ritter vor der Zeit große Riesen.

Einmal ging das Riesenfräulein hinab ins Thal, wollte sehen, wie es da |#f0043 : 17|



unten wäre, und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Walde gelegenes

Ackerfeld, das gerade von den Bauern bestellt wurde. Es blieb vor

Verwunderung stehen und schaute den Pflug, die Pferde und die Leute an,

was ihr alles etwas neues war. „Ei,“ sprach sie und ging hinzu, „das nehm'

ich mir mit.“ Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich

mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und that's hinein. Nun

lief sie ganz vergnügt nach Hause, den Felsen hinaufspringend; wo der Berg

so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da that sie einen Schritt

und war droben.



Der Ritter saß gerade am Tische, als sie eintrat. „Ei, mein Kind,“

sprach er, „was bringst du da? die Freude schaut dir ja aus den Augen

heraus.“ Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hinein blicken.

„Was hast du da so Zappeliges darin?“ ─ „Ei, Vater, ein gar zu artiges

Spielding! So etwas Schönes hab' ich mein Lebtag noch nicht gehabt.“

Darauf nahm sie eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch,

den Pflug, die Bauern und ihre Pferde, lief herum, schaute es an, lachte

und schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin

und her bewegte. Der Vater aber sprach: „Kind, das ist kein Spielding, du

hast da etwas Schönes angestiftet! Geh nur gleich und trag's wieder hinab ins

Thal!“ Das Fräulein weinte, es half aber nichts. „Mir ist der Bauer kein

Spielzeug,“ sagte der Vater ernsthaft, „ich leid's nicht, daß du mir murrst;

kram' alles sachte wieder ein und trag's an den nämlichen Platz, wo du's

genommen hast! Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben wir Riesen auf

unserem Felsenneste nichts zu leben.“



Lösung. (Mit Beibehaltung der Prosawendungen.)



Aŭf ēi | nĕm hō | hĕn Fēl | sĕn ‖ ĭm schȫ | nĕn Ēl | săßlānd |

Strahlt hell das schöne Niedeck, die stolze Riesenburg,

Wo einst als Ritter hausten nur Riesen schaurig groß.

Einst ging ein Riesenfräulein von dort hinab ins Thal

Neugierig, um zu sehen, wie es da unten sei.

Mit mächt'gen Riesenschritten durcheilte sie den Wald

Und kam nicht weit von Haslach im Reich der Menschen an.

Da fand sie einen Bauern auf seinem Ackerfeld,

Wie er mit Pflug und Pferden den Acker froh bestellt.

Wie sah sie vor Verwundrung bald Pflug bald Bauer an,

Die Pferde und das Pflügen, es war ihr alles neu.

„Ei, welch' ein artig Spielzeug“, ruft sie voll Freudigkeit,

„Der Vater wird sich freuen, ich nehm' es mit nach Haus.“

Sie knīeet ēilig nīeder ŭnd brēitĕt dĭe Schǖrze aus

Und streicht mit ihren Händen nun übers Ackerfeld.

Den Bauer mit den Pferden und mit dem Pflug dazu

Nimmt sie in ihre Schürze und bindet froh sie zu.
|#f0044 : 18|



Dann lief sie voller Freuden den steilen Weg zurück,

Wo andre mühsam klettern, that sie nur einen Schritt.

Sie eilte zu dem Vater, zu zeigen ihren Fang.

Der Ritter saß am Tische und aß ein Lendenstück.

Er richtet nun zur Tochter den hocherstaunten Blick.

„Was zappelt in der Schürze, das du mir bringst herbei?“

So rief der tapfre Esser der Riesentochter zu.

Da naht sie mit der Schürze, zu zeigen ihm den Witz.

„Ei, sieh doch, lieber Vater, was ich gefangen hab',

Ein allerliebstes Spielzeug, wie ich's noch nie gesehn.

Drauf eines nach dem andern stellte sie auf den Tisch.

Den Pflug und dann die Pferde, zuletzt den Bauer auch.

Dann schlug sie in die Hände und jubelte vor Freud,

Wie sich die kleinen Wesen bewegten hin und her.

Sie rennt voll lauten Jubels im Saale dann herum,

Zu fangen rasch die Pferde, die sich zur Flucht gewandt.

Gebietend sprach der Vater, (man merkt ihm an den Ernst):

Was hast du angerichtet? das ist kein Spielzeug Kind.

Geh' nur und trag' es wieder hinunter in das Thal;

Wo du es hergenommen, da stell' es wieder hin.

Es hilft dir nicht dein Murren und auch dein Weinen nicht,

Der Bauer ist kein Spielzeug, er baut für uns das Feld,

Verhungern müßte der Riese, wär' er nicht auf der Welt.



(NB. Der Lernende möge die letzte Zeile bessern, indem er fragt: Wer

wäre nicht auf der Welt? Die Änderung muß lauten: Wä̆r' dĕr Bāuĕr nĭcht

āuf dĕr Wēlt. Jn dieser Art fehlen so viele, z. B. Kleist (vgl. S. 28 Z. 7),

Gregorovius u. s. w. Die Bezüge müssen logisch und grammatikalisch richtig

und schon beim ersten Lesen verständlich sein!)



§ 6. Bildung von Alexandrinern.



1. Bei Bildung des Alexandriners, dieses jambischen Sechstakters,

ist darauf zu achten, daß nach dem 3. Takte eine ständige Diäresis

eintritt (⏑–⏑–⏑– | ⏑–⏑–⏑– | ). Der Satztakt des 3. Verstaktes darf

somit nicht den 4. Takt überbrücken.



2. Nach Günthers u. a. besonders aber Rückerts Vorgang (Frauentaschenbuch

1825, S. 411) ist es im Deutschen gestattet, dem Alexandriner

zuweilen weibliche Endungen zu geben, wodurch er um eine

Thesis verlängert wird, also hyperkatalektischen (überzähligen) Abschluß

erhält (wie in den S. 19 Z. 4 und 5 angeführten Versen).



3. Es ist nicht nötig, daß jederzeit mit der stehenden Diäresis

eine syntaktische Pause verbunden werde; im Gegenteil würde fort= |#f0045 : 19|



gesetztes Zusammenfallen der Diäresis mit einer syntaktischen Pause dem

Verse klappernd=monotonen Charakter verleihen und jeden Alexandriner

als zwei jambische Dreitakter erscheinen lassen, z. B.:



Die Blumen in dem Korn, ‖ sie können Dich nicht nähren,

Am Orte, wo sie blühn, ‖ da könnten wachsen Ähren.



Aufgabe. Nachstehendes Bruchstück soll in Alexandrinerverse

verwandelt werden. Selbstredend ist für die Lösung der Reim

nicht nötig.



Stoff. Jm Lande Madras lebte der Fürst Aswapati, der durch seine

Tugenden alle Sterblichen überstrahlte. | Er war gottselig und pflichtliebend;

dem Bedrängten verhieß er seinen Schutz, den Armen verlieh er Gaben; er

liebte sein Volk und wurde von demselben wieder geliebt; im Niedrigsten ehrte

er eben den Menschen. | Bei allem Glück und Reichtum entbehrte er des

lieblichen Kindersegens. |



Täglich flehte er die Götter um dieses Glück an, ja, er hatte der Gottheit

des Feuers bereits achtzehn Jahre hindurch Opfer dargebracht. | Endlich

erschien die Gottheit Sawitri und sprach: Du sollst belohnt sein. | Bitte Dir

eine Gnade aus, doch vergiß nicht, Gutes zu wünschen. |



Aswapati sprach: Verleihe mir, hohe Göttin, den lieblichen Kindersegen,

um den Dich mein Beten und Opfern täglich neu anflehte. |



Es sei, erwiderte die Göttin; wisse, daß ich Deinen Wunsch dem Urvater

der Götter und der Welt vorgetragen habe. | Der durch sich selbst seiende,

gnädige Gott hat Dir eine Tochter verheißen | u. s. w.



Lösung. Von Fr. Rückert (Ges. Ausgabe XII, 261).



Jn Madras herrscht' ein Fürst, Aswapati genannt,

An Glanz der Tugenden der Sonne gleich entbrannt;


Gottselig, pflichtbedacht, schutzgebend, gabenmehrend,

Volksliebend, volksgeliebt, als Freund die Menschen ehrend,


Kein Glück und keinen Schatz, als Kinder nur, entbehrend.


Um dieses Glück bracht' er Gebet dem Himmel dar

Und opferte dem Feu'r andächtig achtzehn Jahr'.


Da stieg die Gottheit, die im Opferfeuer wohnt,

Sawitri, aus der Glut, und sprach: Du seist belohnt!


Erwähl', Aswapati, von mir Dir eine Gnade,

Und weiche mit dem Wunsch nicht von der Pflichten Pfade!


„Gebet und Opfer bracht' ich dar der Kinder wegen,

So werde mir verliehn, o Göttin, Kindersegen.“
|#f0046 : 20|



Schon hab' ich Deinen Wunsch, den ich erkannt, vor Tagen

Der Götter und der Welt Urvater vorgetragen;


Und so verliehen hat der durch sich Seiende

Nun eine Tochter dir, der Allverleihende u. s. w.

──────



II. Übungen im trochäischen Rhythmus.


§ 7. Bildung trochäischer Verstakte.



1. Da der Grundrhythmus unserer Sprache trochäisch (–⏑) ist,

so fallen bei trochäischen Versen Satz- und Verstakte leicht zusammen.

Wenn auch dadurch hie und da eine besondere rhythmische Wirkung

erzielt wird, wie z. B. in der Stelle:



Pfosten stürzen, Fenster klirren,

Kinder jammern, Mütter irren,

Tiere wimmern

Unter Trümmern &c.,

Alles rennet, rettet, flüchtet &c.,



so würde doch bei ununterbrochen sich folgenden Diäresen jeder Takt

als ein kleines Ganzes im Vers sich abheben und abschälen und die

Versverbindung lockern.



2. Man kann die Verbindung der Verstakte durch Einfügung

von jambischen Satztakten erzielen (z. B.: Lāß bĕglǖckt Gĕdūld ĕrflēhn

dĕm Frēund'). Oder man kann hiezu auch ditrochäische und

mehrsilbige Satztakte wählen, z. B.:



Lichtgeboren folgt's der Spur &c.

(J. Hammer.)



Abgeschmackte Niedlichkeiten.

(Sallet.)



3. Erinnert soll auch hier werden, daß bei Bildung katalektischer

(unvollzähliger) Verse die rhythmischen Pausen den Verstakten anzurechnen

sind.



4. Wichtig ist, daß in den Arsen (Stammsilben) volltönende Vokale

mit einander wechseln, sofern mehrere trochäische Verstakte mit

trochäischen Satztakten zusammenfallen (koincidieren).



5. Ferner ist zu beachten, daß in trochäischen Versen ausnahmsweise

sinkende Spondeen (─́–), sowie Daktylen (–⏑⏑) nicht bloß zulässig,

sondern zur Verminderung der Eintönigkeit hie und da sogar

erwünscht sind (besonders im dramatischen Vers).



6. Um nach einsilbigen Arsen jambische Satztakte zu erhalten,

wähle man Satztakte mit den thetischen Vorsilben ge, er, zer, em, emp,

ent, ver, be &c.

|#f0047 : 21|



7. Es ist bei Bildung von Satztakten vorerst weniger auf blühende

poetische Ausdrucksweise, als auf korrekte Form zu achten. Somit

kann die Prosarede noch beibehalten werden, wenn der Lernende sie

nicht verändern will.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll in trochäische Verstakte

umgebildet werden. (Dieselben sind in fortlaufenden Zeilen zu

schreiben.
)



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Jm Gefilde vor Bagdads Thoren

waren zur Feier des Neujahrsfestes

tausend Zelte aufgeschlagen. Der große

Kalif Harun saß mit allen Zeichen

seiner Würde auf dem Throne, umgeben

von seinen Kronbeamten, zunächst

aber von seinen drei geliebten

Söhnen Amin, Assur und Assad.

Die Menge lag in den Gärten zerstreut,

wo Trank und Speise verteilt

wurde. Unter Jasminlauben ruhten

Frauen und Männer; doch die Knaben

tanzten mit den jüngsten Mädchen.

Jndessen trat ein Mohr mit einem

Pferd am Zügel vor den Pavillon

des Herrschers. Es war kein Roß

aus arabischem Blute und auch kein

Hengst aus Andalusien, vielmehr war

es von Künstlerhand aus Holz gebildet,

die Hufe waren von Erz und

die Mähnen von Gold &c.

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Platen.



Tāusĕnd | Zēltĕ | wārĕn | āufge

| schlagen | durchs Ge | filde vor

den Thoren Bagdads, um das Fest

des neuen Jahrs zu feiern. Auf dem

Throne saß der große Harun als Kalif

mit allen Würdezeichen, rings im

Zirkel seine Kronbeamten; doch zunächst

die drei geliebten Söhne Prinz Amin

und neben Assur Assad. Durch die

Gärten lag zerstreut die Menge, Trank

und Speise wurde rings verteilt ihr.

Unter Lauben, aus Jasmin gebildet,

ruhten Fraun und Männer; doch die

Knaben schlangen Tänze mit den jüngsten

Mädchen. Vor des Herrschers Pavillon

indessen trat ein Mohr mit einem

Pferd am Zügel. Nicht ein Roß war's

aus arabschem Blute, nicht ein Hengst

aus Andalusien war es! Nein ─

von Künstlerhand aus Holz gebildet,

Erz die Hufe nur und Gold die Mähne.

[Ende Spaltensatz]


§ 8. Bildung trochäischer Viertakter.



1. Der trochäische Viertakter, welcher unter dem Namen „spanischer

Trochäus“ große Beliebtheit erlangte, hat nicht selten eine Diärese am

Ende des 2. Taktes. Der Lernende hat darauf zu achten, daß dieselbe

nicht zur stehenden Diärese werde, weil dadurch der Vers in

trochäische Zweitakter auseinander fallen würde.



2. Der trochäische Viertakter kann akatalektisch (–⏑ | –⏑ | –⏑ | –⏑ |

vollzählig) und katalektisch (–⏑ | –⏑ | –⏑ | – unvollzählig) sein.



3. Es empfiehlt sich mit Rücksicht auf die Markierung des Versschlusses,

zuweilen katalektische Verse mit akatalektischen wechseln zu

lassen.

|#f0048 : 22|



4. Die bequemste Form ist der akatalektische und der katalektische

ungereimte trochäische Viertakter, auf die wir uns fürs erste beschränken.





5. Für lebhafte Aktion paßt dieses Versmaß mit seiner sinkenden

Tendenz nur dann, wenn die Satztakte von Takt zu Takt übergreifen

und Cäsuren ergeben. Bei geschickter Bauart kann dieser Vers als

lyrischer, folglich auch als dramatischer Vers auftreten und fliegen

und fortreißen. Wir empfehlen ihn nicht, weil ihn unsere Schauspieler

nicht sprechen können, und weil er unsere Dichter häufig zum Rhetorischen

und Bombastischen verleitet. Er eignet sich besonders zu

leichten, humoristischen, geistreichen poetischen Erzählungen und Romanzen

und zu kleinen epischen Gedichten elegischer Natur. (Jn einigen

poetischen Erzählungen [z. B. Heines] nimmt er sich freilich höchst

langweilig aus.)



6. Da viele trochäische Satztakte mit Vokalen endigen, so liegt

die Gefahr der Hiate nahe, die zu vermeiden sind.



7. Allzuviele Spondeen dem Verse einzufügen, würde den trochäischen

Rhythmus beeinträchtigen und dem Verse ein schweres Gepräge verleihen.

Platen vervehmt die trochäischen Viertakter (oder Halbtrochäen,

wie er sie im Hinblick auf den nach Dipodien gemessenen antiken Tetrameter

[Achttakter] nennt), indem er (Ges. Werke IV, 77. Ausg. 1854)

im Unmut über Müllners „Schuld“ sich also vernehmen läßt:



„Jn jenen widersinnigen

Hiatusreichen Halbtrochä'n, die jeder kennt,

Wo bald ein Reim sich findet, bald auch wieder nicht,

Bricht unser Missionarius den Geist heraus,

Versteht sich, bloß den müllnerischen &c.“



Mit Recht bekämpft G. von Vincke Platens Anschauung, indem

er (in seinem „kleinen Sündenregister“ S. 44, 1882) pathetisch ausruft:



Nicht die Halbtrochä'n verdienen's:

Stellt sie nur auf richt'ge Füße,

Wahrt sie vor'm Hiatenballast,

Vor Spondeen-Überfrachtung,

Und von Harmonie gebändigt,

Wandelt leicht der feste Schritt.“



Aufgabe. Der nachstehende Stoff soll in ungereimten trochäischen

Viertaktern wiedergegeben werden.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Einen Tag vor seinem Tode ließ

Cid seine Freunde um sich versammeln

und sprach als Feldherr folgendes zu

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Herder.



Tāgĕs | nōch vŏr | sēinĕm | Tōdĕ |

Ließ Cid seine Freunde kommen,

Und als Feldherr sprach er so:

[Ende Spaltensatz] |#f0049 : 23|



[Beginn Spaltensatz]

ihnen: Jch weiß, daß der Mohrenkönig

Bukar, der Valencia eingeschlossen hält,

meinen Tod ersehnt; verschweigt ihn

diesem Saracenen. Und die kostbaren

Spezereien und der Balsam des Sultans

von Persien sind wohl zum Einbalsamieren

meines Leichnams gesandt.

Wohl, meine Freunde, laßt meinen

Leichnam waschen und mit Myrrhen

einbalsamieren. Sodann kleidet ihn

vom Haupte bis zur Sohle. San Jago

wird euch begleiten; aber kein Klagegeschrei

erschalle, und keine Thräne

werde um mich geweint. Vielmehr ─

wenn ich gestorben sein werde ─ laßt

in die Trommeten blasen und mit

Pauken, Cymbeln und Klarinetten das

Feldgeschrei zur Schlacht erheben. Und

wenn ihr meinen Leichnam nach Kastilien

begleitet habt, soll es kein Mohren=

Seewolf erfahren; alle sollen hier zurückbleiben.





Sattelt meinen Freund Babieça,

legt mir meine Waffen an, gürtet

mir die Tizona an und setzt mich so

auf mein Roß. Neben mir soll Gil

Diaz, Don Jeronymo, der Bischof, und

mein tapferer Freund Bermudes gehen;

Jhr aber, Alvar Fañez Minaya, zieht

eilig zur Schlacht gegen Bukar! Gott

wird Euch den Sieg verleihen, San

Pedro hat mir dies selbst verkündet.

Dies sprach der Feldherr ruhig, und

der Ehrenbalsam des Sultans war

ihm zum Triumph gesendet.

[Spaltenumbruch]

„Jch weiß, daß der Mohrenkönig,

Daß Bukar mit seinen Heeren,

Der Valencia hart umschließt,

Gierig meinen Tod erwartet;

Bergt dem Saracenen ihn.

Und die kostbar'n Spezereien,

Die Balsame, die der Sultan

Mir aus Persien gesandt,

Sandt' er wohl für meinen Leichnam ─

Wohl, ihr Freunde, laßt ihn waschen,

Balsamiert ihn mit der Myrrhe,

Kleidet ihn von Haupt zu Fuß;

San Jago wird Euch begleiten,

Und kein Klaggesang erschalle,

Keine Thräne wein' um mich.

Vielmehr, wenn ich ausgeatmet,

Lasset die Trommeten tönen,

Laßt die Pauken, laßt die Cymbeln,

Laßt die Klarinetten rufen,

Feldgeschrei zur nahen Schlacht.

Und wenn ihr dann nach Kastilien

Meinen Leichnam hinbegleitet,

Wiss' es ja kein Mohren-Seewolf,

Alle lasset hier zurück.

Sattelt meinen Freund Babieça,

Kleidet mich in meine Waffen,

Gürtet an mir die Tizona,

Und so setzt mich auf mein Roß.

Neben mir dann geht Gil Diaz,

Don Jeronymo, der Bischof,

Und mein tapfrer Freund Bermudes;

Jhr Alvar Fañez Minaya

Ziehet stracks hin auf Bukar;

Daß Euch Gott den Sieg verleih'n wird,

Sagte mir San Pedro selbst.“

Also sprach der Feldherr ruhig,

Und des Sultans Ehrenbalsam

War gesandt ihm zum Triumph.
[Ende Spaltensatz]


§ 9. Bildung trochäischer Quinare.



1. Der trochäische Quinar (oder der serbische Trochäus) findet

sich wie der trochäische Viertakter in der Regel akatalektisch (vollzählig)

und nur beim Strophenschluß katalektisch (unvollzählig).

|#f0050 : 24|



2. Er stimmt zur Klage, zum Ton der Schwermut.



3. Es fehlt ihm ein klassisches Vorbild, weshalb wir aus den

Beispielen neuerer Dichter die Regeln abstrahieren müssen.



4. Sollte durch das Zusammenfallen von Diäresen mit syntaktischen

Pausen innerhalb des Verses der Verscharakter schwankend

werden, so muß von Zeit zu Zeit ein katalektischer Vers eingeschaltet

werden, welcher die Jncision markiert und der Vermischung des Verscharakters

vorbeugt.



5. Goethe mischt in der Braut von Korinth ─ des Wechsels

halber ─ kürzere Zeilen ein.



6. Durch Einfügung jambischer Satztakte sind Cäsuren anzubringen,

um auf diese Weise die allzuvielen Diäresen zu vermeiden,

welche der trochäische Charakter unserer Sprache nur allzusehr begünstigt.





7. Die Nachahmer der serbischen Volkslieder haben nicht selten

Daktylen eingemischt, was anerkennend zu beachten ist. Jhre Quinare

nähern sich aufs glücklichste dem daktylischen Hexameter. Auch Platen

belebte die Monotonie in den Abassiden durch Daktylen. Einen Nachfolger

hat er erst heute gefunden. Tandem (Pseud. für Spitteler)

hat 1883 sein allegorisches Lehrgedicht „Extramundana“, das er als

kosmische Epik („individuelle Mythologie“) einführt, in diesem Versmaß

erscheinen lassen.



8. Manche gebrauchten den Vers zum Sonett, Jmmermann zum

Lustspiel („Auge der Liebe“); freilich hat es ihm niemand nachgemacht.

Bei Übergreifung der Satztakte in die Verstakte würde man den trochäischen

Quinar zum Bühnenvers gebrauchen können; niemand hat

den Mut und kaum Einer das Geschick, ihn an Stelle des üblichen

jambischen Quinars als Theatervers zu verwenden.



Aufgabe. Folgender Stoff soll in trochäische Quinare umgewandelt

werden. Das Material für je einen Vers ist durch

Taktstriche abgegrenzt. Doch sind Überschreitungen dieser Maße

gestattet.



Nach zehn Jahren.



Stoff. Nach langer Jrrfahrt trat ich ein | ins Haus der Schwester.

Helles Jauchzen | von unbekannten Kinderstimmen schallte mir entgegen. | Und

im Gemach, in welches der Abend | seine goldenen Strahlen durchs Weinlaub

hindurch warf, | sah ich vergnügte Knaben spielen, | sieben an der Zahl.

Sie | tummelten sich im Schimmer | froh umher; frisch wie die Rosen | blühten

ihre Wangen. ─



Sie waren alle noch nicht geboren, | als ich auszog in die Welt, | selbst

ihre Namen kannte ich nicht. | Sie sahen mich mit ihren großen Augen | verwundert

an, so daß ihr Spiel verstummte. | Die Älteste nahte schüchtern | und |#f0051 : 25|



fragte mit dem Tone der Mutter: Wer bist du? | Da nahte auch schon

die Schwester. Jch sank ihr | in die Arme. Dann zeigte sie mir voll

Wonne | ihre Kinder, des Hauses Schatz, | der sich so lieblich gemehret; dann

nannte sie | den heimgekehrten Onkel den Kindern. | Nun entstand ein großer

Jubel. | Die entschlossenen Buben kletterten an mir empor, | um mich zu küssen;

die Mädchen bogen | mein Haupt herab; und selbst das Kleinste, das sich erst

vor meinem Bart gescheut hatte, | langte mit den Händchen nach mir.



Wie wohl ward mir's, so ganz umschlungen | und umrankt vom frischen

jungen Leben, | das mich wie eine Bienentraube am Bienenstocke | umhing und

mich nach tausend Wundern fragte. | Aber ein leiser Wehmutshauch | ging mir

doch durchs Herz, denn diese Küsse | und Fragen, die rings auf mich einstürmten,

| mahnten mich zugleich: Soviel Schritte | diese Kinder ins Leben thaten,

so viel Schritte | bist auch du dem Tode zugeschritten, | und täglich rascher reift

in ihnen | das Geschlecht, welches dereinst über deinem Grabe | wandeln

soll, um selig zu sein oder zu weinen. | Und ich legte meine Hände wie

segnend | auf ihr Haupt und dachte still bei mir: | Seid mir gegrüßt, ihr holden

Todesboten, | ich danke euch, daß ihr so lieblich | den ernsten Gruß an mich

bestellt habt. | Wachset freudig auf zu vollem Leben, | daß, wenn ich einst dahin

sein werde, | ihr mit euren Brüdern vollenden könnt, | was ich und mein

Geschlecht nicht vermochte.



Lösung. Von Em. Geibel.



Jn der Schwester Haus nach langer Jrrfahrt

Trat ich ein; da hört' ich's drinnen jauchzen

Hell von unbekannten Kinderstimmen.

Sieh', und im Gemach, in das der Abend

Golden flutete durch schattend Weinlaub,

Sah ich wohlgemut die Kleinen spielen,

Sieben an der Zahl. Die blonden Häupter

Tummelten im reichergoßnen Schimmer

Froh umher, und wie die Rosen blühten

Jhre Wangen von gesunder Frische.


Ach, sie alle waren nicht geboren,

Als ich auszog, durch die Welt zu schweifen,

Selbst die Namen wußt' ich kaum zu nennen.

Still verwundert drum mit großen Augen

Schauten sie mich an, das Spiel verstummte,

Und die Älteste, mir schüchtern nahend,

Fragte mit der Mutter Ton: wer bist du?

Doch da kam die Schwester. Jn die Arme

Sank ich ihr, und dann voll Wonne zeigte

Sie die Kinder mir, den Schatz des Hauses,

Der so lieblich sich gemehrt, und zeigte

Dann den heimgekehrten Ohm den Kindern.
|#f0052 : 26|



Und nun gab's ein Jubeln, rasch entschlossen

Kletterten an mir empor die Buben,

Mich zu küssen, und die Mädchen bogen

Mir das Haupt herab, und selbst das Kleinste,

Das sich erst gescheut vor meinem Barte,

Tastete nach mir mit seinen Händchen.


O wie ward mir's wohl, so ganz umschlungen,

Ganz umrankt vom jungen frischen Leben,

Das wie eine Bienentraub' am Stocke

Um mich hing, und tausend Wunder fragte!

Aber leise ging ein Hauch der Wehmut

Durch das Herz mir doch, denn diese Küsse,

Diese Fragen, die mich rings bestürmten,

Mahnten sie zugleich nicht: So viel Schritte

Sie gethan ins Leben, so viel Schritte

Hast auch du gethan dem Tod entgegen,

Und schon reift in ihnen täglich rascher

Das Geschlecht, das über deinem Grabe

Wandeln soll und selig sein und weinen.

Und wie segnend legt' ich meine Hände

Auf ihr Haupt und dachte still die Worte:

Seid gegrüßt, ihr holden Todesboten

Seid gegrüßt, ich dank' euch, daß so lieblich

Jhr den ernsten Gruß an mich bestellt habt.

Aber ihr ─ zu vollem Leben freudig

Wachset auf, daß, wenn ich einst dahin bin,

Jhr vollenden mögt mit euern Brüdern,

Was ich selbst und mein Geschlecht nicht konnte.

──────



III. Übungen im anapästischen Rhythmus.


§ 10. Bildung anapästischer Verstakte.



1. Der jambische Rhythmus verträgt recht wohl anapästische (⏑⏑–)

Verstakte. Durch dieselben erhält der jambische Vers noch größere

Beweglichkeit und Beschleunigung, als ihm von Natur schon eigen ist.



2. Werden alle jambischen Verstakte eines Gedichtes, oder auch

nur die Mehrzahl derselben, in Anapäste verwandelt, so entstehen

anapästische Verse. Bei Vorwiegen der jambischen Verse spricht man |#f0053 : 27|



von jambisch=anapästischem Rhythmus und nennt die Verse gemischt

(logaödisch).



3. Die Alten (Äschylus, Sophokles, Aristophanes) verwendeten

den Anapäst, um der Leidenschaft den nötigen Ausdruck zu verleihen.

Jm Deutschen bedient man sich desselben in Gedichten, die ein mutiges

Fortschreiten, lebhaften Schwung und leichte Beweglichkeit der Gefühle

beweisen sollen.



4. Da ein Jambus ebensoviel Zeit beansprucht, als ein Anapäst,

so können im anapästischen Rhythmus überall auch Jamben stehen.

(Vgl. Poetik I, 254 ff.) Jhr Vorkommen muß indes ein beschränktes

sein, wenn der anapästische Rhythmus nicht verwischt werden soll.



5. Aus diesem Grunde beginnt man die anapästische Reihe in

der Regel mit einem Jambus.



6. Um nicht allzusehr ins Rollen zu geraten, ist es geboten, hie

und da syntaktische Pausen einzufügen, oder auch am Schluß der

Sätze den verlangsamenden Jambus oder auch einen steigenden Spondeus

anzuwenden. Durch geschickte Benützung übergreifender Satztakte

wird das anapästische Versmaß, besonders das verlängerte, amphibrachisch

(z. B. ⏑–⏑ | ⏑–⏑ | ⏑–⏑ | ⏑–⏑).



7. Daktylische Satztakte eignen sich hie und da zur Bildung von

anapästischen Viertaktern, da sie schöne Cäsuren ermöglichen.



Aufgabe. Der nachfolgende Stoff soll unter Beachtung des

Obigen im anapästischen Rhythmus wiedergegeben werden; die

Einfügung von Jamben ist gestattet.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Empfangt mich, ihr heiligen

Schatten! Jhr hohen, belaubten Gewölbe,

welche der ernsten Betrachtung

geweiht sind, empfangt mich und

haucht mir ein Lied zum Ruhme der

verjüngten Natur ein! Und ihr, lachende

Wiesen, mit euern labyrinthischen

Bächen, ihr betauten, blumigten Thäler!

Jch will mit eurem Wohlgeruche Zufriedenheit

atmen. Jch will euch besteigen,

ihr duftigen Hügel, in goldene

Saiten will ich die Freude singen, die

um mich herum aus der beglückten

Flur lacht. Aurora und Hesperus

sollen meinen Gesang hören. Auf

rosenfarbenen Wolken, umgürtet mit

[Spaltenumbruch]

Lösung von Kleist. (Anapäste und

Jamben.)



Ĕmpfāngt | mĭch, hēi | lĭgĕ Schāt | tĕn!

Jhr ho|hen belaub|ten Gewöl|be, der

ernsten Betrachtung geweiht, empfangt

mich, und haucht mir ein Lied ein zum

Ruhm der verjüngten Natur! ─ Und

ihr, o lachende Wiesen, voll labyrinthischer

Bäche! betaute, blumigte Thäler!

Mit eurem Wohlgeruch will ich Zufriedenheit

atmen. Euch will ich besteigen,

ihr duftigen Hügel! und will

in goldene Saiten die Freude singen,

die rund um mich her, aus der glücklichen

Flur lacht. Aurora soll meinen

Gesang, es soll ihn Hesperus hören.

Auf rosafarbnem Gewölk, mit jungen

Blumen umgürtet, sank jüngst der[Ende Spaltensatz] |#f0054 : 28|



[Beginn Spaltensatz]jungen Blumen, sank jüngst der Frühling

vom Himmel. Sein göttlicher

Hauch wurde durch alle Naturen gefühlt.

Der Schnee schmolz auf den

Bergen, die Ströme traten aus den

Ufern, die Wolken zergingen in Regen,

Wellen schlug die Wiese, der Landmann

erschrak. Noch einmal hauchte der

Frühling. Da flohen die Nebel und

verliehen der Erde den blauen Äther;

wieder trank der Boden die Flut und

die Ströme traten zurück in ihre vom

Schilf begrenzten Betten. Zwar streute

der weichende Winter, so oft er in den

Nächten wiederkehrte, von seinen oft

kräftigen Schwingen Reif, Schneegestöber

und auch Frost, und er rief die

gewaltigen Stürme. Diese kamen mit

donnernder Stimme vom Nordpol angezogen,

verheerten heulend die Wälder

und durchwühlten die Meere bis auf

den Grund. Da hauchte der Frühling

noch einmal seinen belebenden Odem,

und die Luft wurde sanft; aus den

Stauden, Blumen und Saaten entstand

ein grüner Teppich und bekleidete Thäler

und Hügel &c.

[Spaltenumbruch]



Frühling vom Himmel. Da ward sein

göttlicher Odem durch alle Naturen gefühlt.

Da rollte der Schnee von den

Bergen, dem Ufer entschwollen die

Ströme, die Wolken zergingen in Regen,

die Wiese schlug Wellen, der Landmann

erschrak. ─ Er hauchte noch

einmal: Da flohen die Nebel und

gaben der Erde den lachenden Äther,

der Boden trank wieder die Flut, die

Ströme wälzten sich wieder in ihren

beschilften Gestaden. Zwar streute der

weichende Winter bei nächtlicher Wiederkehr

oft von kräftig geschüttelten

Schwingen Reif, Schneegestöber und

Frost und rief den unbändigen Stürmen:

Die Stürme kamen mit donnernder

Stimm' aus den Höhlen des Nordpols,

verheerten heulende Wälder,

durchwühlten die Meere von Grund

auf. ─ Er aber hauchte noch einmal

den allbelebenden Odem. Die Luft

ward sanfter; ein Teppich, mit wilder

Kühnheit aus Stauden und Blumen

und Saaten gewebt, bekleidete Thäler

und Hügel &c.

[Ende Spaltensatz]


§ 11. Bildung anapästischer Viertakter.



1. Am gebräuchlichsten sind neben anapästischen Achttaktern (Tetrametern)

die anapästischen Viertakter (Dimeter).



2. Ununterbrochen fortlaufende anapästische akatalektische Viertakter

würden wohl der flüssigen Rede entsprechen, aber es würden

keine Absätze entstehen. Um diese zu erreichen, möge man zuweilen

einen katalektischen Viertakter oder auch einen Zweitakter einfügen.

Durch dieses Kunststück haben die Dichter von jeher ihre anapästischen

Systeme gebildet, z. B. Grosse, Geibel, Schiller, welcher katalektische

Nachsätze einfügt.



Anapästische Systeme hatten schon die Alten eingeführt; insbesondere

war der Paroemiacus (⏑⏑–⏑⏑─́ | ⏑⏑–⏓), ein katalektischer anapästischer

Dimeter, von jeher unterbrechender Vers oder Schlußvers

eines solchen Systems. (Vgl. Hephäst. und Scholl.)



3. Platen, der sich dieses Vorteils bedient, schließt mehrfach die |#f0055 : 29|



Strophe durch einen katalektischen Viertakter ab, dessen Schlußtakt ein

fallender Spondeus ist. Er hemmt dadurch gleichsam mit einem stoßförmigen

Schlag die Bewegung und markiert die Jncision.



„Ein Erob | erer zieht ||D der Poet einher.

Jhm diene die Welt ‖ und der Menschheit Herz

Wie ein Ball in der Hand, ‖ den übungsreich

Bald fängt, bald wirft ‖


Des erhabenen Spielers Ānmūt!“


(Platens Werke IV, 102.)



4. Wie im vorstehenden Platenschen Beispiel findet sich in den

meisten akatalektischen anapästischen Viertaktern nach dem 2. Verstakte

eine männliche Diärese, wenn auch keine stehende. (Freilich giebt es

auch Ausnahmen, bei denen der Satztakt aus dem 2. Verstakte in den

3. hinüberragt, wie diese von Rückert:



Mein Schatz, | ihr Sum | men ist süß | er Erwerb | .)



Der Lernende möge dies nachahmen. Er vermeidet hiedurch, daß der

Hörer beim Lesen von Anapästen den Eindruck von Daktylen erhält;

auch heben sich die Anapäste deutlicher ab.



5. Beim katalektischen Vers rechnet man die Pause hinzu.



6. Noch machen wir darauf aufmerksam, daß beim katalektischen

anapästischen Viertakter der 3. Verstakt weder ein Jambus noch ein

Spondeus sein darf, sondern nur ein Anapäst, ähnlich wie im Hexameter

der vorletzte Takt zur Gewinnung eines freundlich hemmenden

Schlußfalls nur ein Daktylus sein darf.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll in anapästischen Viertaktern

wiedergegeben werden. Je der sechste derselben soll katalektisch

sein und den Satz abschließen.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Auf, ihr Genossen, erstickt eure

Zweifel | und eröffnet den Tanz. Der

sehnsüchtig wartende Freund | hat dies

leere Gefilde betreten: | Der Dank feiere

ihn nunmehr in Ergießungen | nie

müden Gesanges. Es zerfällt freiwillig

| der Willkomm in gemessene

Silben. ‖



Auf, ihr Genossen, umtanzet ihn, |

die gewaltige Hymne beginnt, | die

wie ein Glücksbote, wie ein von dem[Spaltenumbruch]

Lösung von Platen.

Auf, auf, o Genossen! den Zweifel erstickt,

Und eröffnet den Tanz! der erwartete

Freund,

Der ersehnte, betrat dies leere Gefild:

Nun feire der Dank in Ergießungen ihn

Nie müden Gesangs! Freiwillig zerfällt

Jn gemessene Silben der Willkomm.


Auf, auf, o Genossen! Umtanzt ihn

rings

Und die Hymne beginnt, die gewaltige,

die,
[Ende Spaltensatz] |#f0056 : 30|



[Beginn Spaltensatz]Jdagebirg | Ganymeden keck geraubter

Aar, | die Gestirne vorbei, siegesstolz

sich wiegt | auf des Wohlklangs silberner

Schwinge. ‖



Auf, ihr Genossen, ruft | den

Romantiker, welcher sein Dasein | in

melodischen Traum lullt. Es erschien

Dir, o Poet, | der erwartete Gast,

nach welchem Du | sehnsüchtig Seufzer

längst erhubst. ‖

[Spaltenumbruch]

Wie ein Bote des Glücks, wie ein Aar,

der keck

Von dem Jdagebirg Ganymeden geraubt,



Die Gestirne vorbei, sich siegstolz wiegt

Auf silberner Schwinge des Wohlklangs!


Auf, auf, o Genossen! Und rufet empor

Den Romantiker, der in melodischen

Traum

Sein Dasein lullt! Es erschien, o Poet,

Der erwartete Gast, nach welchem Du

längst

Schweratmend erhubst, voll süßer Begier,



Sehnsüchtig unsterbliche Seufzer!
[Ende Spaltensatz]


§ 12. Bildung anapästischer Achttakter.



1. Der anapästische Achttakter (oder der aristophanische Tetrameter)

wird in der Regel katalektisch gebildet, so daß die Pause des

letzten Verstaktes hinzugerechnet werden muß, um ihn vollständig erscheinen

zu lassen. Man könnte sagen, er bestehe aus zwei anapästischen

Viertaktern, von denen der letzte katalektisch ist.



2. Er hat eine stehende Diärese am Schluß des 4. Taktes, weshalb

man ihn nicht selten gebrochen schreibt, so daß die akatalektische

Anfangshälfte den Vordersatz, das zweite katalektische Hemistichium

dagegen den Nachsatz bildet.



3. Herkömmlicher Weise wird der anapästische Achttakter nie zu

Strophen vereint, sondern nur in der fortlaufenden Rede verwandt.



4. Rückert markiert den Schluß der sehr langen Zeile durch die

Katalexis wie durch Anwendung der Assonanz.



5. Die im vorigen Paragraphen gegebenen Regeln für Bildung

des anapästischen Viertakters gelten auch für den Achttakter.



Aufgabe. Anapästische Achttakter. Von den gebrochenen

7 Schlußzeilen des Stoffes sollen die 6 ersten akatal. Zweitakter

sein; die letzte Zeile soll mit einem katalekt. Viertakter abschließen.



Stoff. Anapäst, du sausender Aar, kehre zurück zur Freundin, | welche

im Gemache sich härmt und sich hinaus sehnt aus dem Dämmer der Krankheit!

| Auf dem schattigen Platze mit seinem säuselnden Laube, wo der Fußtritt

des Menschen verhallt, | wo der Kuckuck und das freundlich blickende Häschen

bis in die Nähe sich wagen, | wo der Freund rastet und durch die Bäume

den blauen Himmel sieht: | Jch entsende Dich von hier, daß du als mein |#f0057 : 31|



Bote die sandige Landschaft durcheilest! | Vernimm denn meinen Befehl: Die

Ereignisse des Tages, den wir heute mit Wandern zubrachten, | berichte mit

schwungvoller Rede und in jauchzend gehobenen Maßen. | Vergiß nicht des

Stromes in der Ebene mit der Schafschwemme, | wo der ängstlich zappelnde

Bock den Waschenden umriß, | vergiß auch nicht das Moor am Waldessaume

mit den weidenden Kühen, | noch der friedlichen Rast im Schatten der Gartenmauer.

| Erzähle auch vom Walde, und von der Najade, | welche von Rosen

umblüht, vom Moos übergrünt und vom durstigen Eppich umrankt wird. | Was

du geschaut, behalte, und sobald du das Städtchen erreicht hast, | senke dich aus

deinen schwindelnden Höhen auf den Baum nieder, | der vor ihrem Fenster

steht, | und fächle ihr Genesungsluft des Gebirges zu, | und dein von der mailichen

Luft verklärtes Auge leuchte in das Düstere:



verscheuchend

gespenstigen Spuk,

damit ihr die Welt

als ein blühendes Bild erscheine,

sowie auch des Freundes Gestalt,

der überall

der Entbehrenden eingedenk blieb.


Lösung. Von Gottfr. Kinkel.



Nŭn zurǖck, | Ănăpǟst, | dŭ mĕin sāu | sĕndĕr Aār, | ŭnd ĭm Stūr | mĕ

zurück | zu der Freun | din,

Die sich härmt im Gemach und nach Sonne sich sehnt aus dem drückenden

Dämmer der Krankheit!

Auf dem schattigen Platz mit dem säuselnden Laub, wo verhallet der menschliche

Fußtritt,

Wo der Kuckuck vertraut in die Nähe sich wagt und mit freundlichem Auge

das Häschen,

Wo sich rastet der Freund auf dem Saum des Gebirgs und durch grünende

Wipfel ins Blau schaut:

Jch entsende dich hier, daß du Bote mir seist durch die flachere sandige Landschaft.

So vernimm den Befehl denn: Die Wunder des Tags, den wir heute mit

Wandern verbrachten,

Du verkünde sie ihr mit geflügeltem Wort in den jauchzend gehobenen Maßen!

Und vergiß nicht des Stroms, der die Ebne durchrollt, mit der lustigen Schwemme

der Schafe,

Wo mit zappelnder Angst der gewaltigste Bock in die Fluten den Waschenden

umriß,

Nicht des schillernden Moors an dem Saume des Walds, wo die mastigen

Kühe sich labten,

Noch der friedlichen Rast in der Schwüle des Tags, in dem mauerbeschatteten

Garten.
|#f0058 : 32|



Von dem Walde darnach auch erzähle du ihr, von der neckend verborgnen Najade,

Die die Rosen umblühn, die das Moos übergrünt, die der durstige Eppich

umrankt hält.

Wie du selbst es geschaut, so behalt es genau, und sobald du gewonnen das

Städtchen,

Da entschwinge dich leicht aus den schwindelnden Höhn auf die nickenden

Wipfel des Baumes,

Der mit tröstlichem Grün durch das Fenster ihr blickt in das matte verschmachtende

Auge,

Und entfalte die Schwing' und umfächle sie leis mit genesender Luft des

Gebirges,

Und dein Auge verklärt von der mailichen Luft in das Düstere laß es ihr

leuchten;


Es verscheuche vor ihr

Den gespenstigen Spuk,

Daß sie schaue die Welt

Als ein blühendes Bild,

Und des Freundes Gestalt,

Der in allem dem Glück

Der Entbehrenden treulich gedenk blieb!

──────



IV. Übungen im heroischen Versmaß.


§ 13. Bildung von deutschen Accenthexametern.



Obwohl der ausländische (exotische) Hexameter für uns Deutsche

in keiner Weise zu den empfehlenswerten Maßen gehört, so muß man

sich doch mit ihm vertraut machen, um die deutschen hexametrischen

Dichtungen ihrem Werte nach würdigen zu können.



1. Der Hexameter ist ein ursprünglich aus 6 Daktylen bestehender

Vers. Um seinen ins Unendliche forthüpfenden Gang zu zügeln und

sein Ende zu markieren, setzte man an Stelle des letzten Daktylus

einen hemmenden Spondeus (– –) oder Trochäus (– ⏑). Zur Vermeidung

der Eintönigkeit der übrigbleibenden fünf Daktylen hat man

als hemmendes Mittel je nach Bedürfnis den einen oder den andern

der ersten 4 Daktylen mit einem Spondeus vertauscht, nicht aber den 5.,

der als Charakteristikum für den Hexameter unangetastet bleiben mußte.

Das bewegliche Schema des Hexameters gestaltete sich nunmehr folgendermaßen:

[Abbildung]



2. Der deutsche Hexameter darf nicht gegen die deutschen Accentgesetze

verstoßen; er darf also niemals leichte Silben in die Arsis

bringen, oder die betonten wie unbetonte thetisch verwenden. Wir |#f0059 : 33|



nennen ihn im Gegensatz zum quantitierenden Hexameter der Alten

Accenthexameter.



3. Manche deutsche Dichter, welche den deutschen Accentgesetzen

keine Rechnung trugen, haben durch Verlegung volltoniger Silben

in die Thesis unerträgliche Accentverschiebungen veranlaßt, welche kaum

ausnahmsweise durch rhythmische Malerei zu rechtfertigen sind. Der

Anfänger sollte zur Bildung seines Ohres jede Accentverschiebung zu

verbessern suchen. Es würde z. B. der Hexameter:



Horch, es er | dröhnt im Ge | fild Schlācht | rū́f und Geklirre der Waffen



etwa so zu ändern sein:



Horch, es er | dröhnt im Ge | filde Ge | klirre der | Waffen und | Schlā́chtruf.



Oder so:



Horch, es er | dröhnt im Ge | filde der | Schlā́chtrūf, | Klirren der Waffen &c.



4. Es ist besser, die zweite Thesis des Daktylus im Tongewichte

etwas schwerer zu halten, als die erste. Daktylen, wie hei5lsa3me1r, sind

unserem Ohre nicht so bequem, als wu5nde1rsa3m, weil die Diäresis

(Einschnitt am Ende des Verstaktes) ein kräftiges Einsetzen des neuen

Verstaktes begünstigt. (Vgl. nachstehende Ziff. 14.)



5. Aus diesem Grunde würden sich einsilbige Thesen wie er, ich,

mich, mir, ein
&c. in der 2. Thesis besser ausnehmen, als in der

ersten.



6. Bei den quantitierenden Alten spielte der Spondeus, dessen

eine Länge der anderen entsprach, eine große Rolle. Jn unserem

Accenthexameter kann es sich nur um sog. trochäische Spondeen (─́ –)

handeln, deren zweite Hälfte beim Lesen einen geringeren Tongrad

erhält (z. B. We5ltma3cht). Die ganze neuere deutsche Verskunst beruht

auf richtiger Anschauung dessen, was ein Spondeus ist und spottet

aller philologischen und antiquarischen, ja selbst Brücke's physiologischen

Beobachtungen. Die Sprache lebt, der Sprechende lebt und der Accent

richtet sich nach dem gegenwärtig Sprechenden!



7. Als Spondeus im Hexameter muß demgemäß der jambische

Spondeus, bei welchem die 2. Hälfte den Sinnton hat (z. B. gie4b

a5cht) selbstredend ausgeschlossen sein.



8. Da viele Trochäen (z. B. Tr5übsa3l, la5ngsa3m, u5rba3r) dem

trochäisch gelesenen Spondeus gleichen, oder ihm wenigstens im Tonwert

nahe stehen, so erhellt, daß der Trochäus im deutschen Accenthexameter |#f0060 : 34|



zulässig ist. Durch seine Einführung erhält der Hexameter mindestens

größere Leichtigkeit und Biegsamkeit, als der antike Hexameter mit seinem

monotonen Geklapper. Die große Skala von Trochäen (z. B. He5ilkra4ut,

he5ilsa3m, he5ili2g, he5ile1n) ermöglicht dem Dichter die Auswahl, so

daß der Unterschied in der Praxis nicht einmal erheblich zu sein braucht.

Gerade der Trochäus unterscheidet unseren dunklen Accenthexameter von

dem antiken Hexameter und gestattet eine große Mannigfaltigkeit in

den Satztakten, die dem antiken Hexameter fremd ist.



9. Selbst die Gegner des Trochäus im Hexameter müssen diesen

Verstakt tolerieren, wenn nach seiner Arsis eine kräftige Cäsur eintritt,

indem z. B. die Arsis ein einsilbiges Stammwort bildet und die Thesis

die Vorsilbe des Stammworts vom nachfolgenden Daktylus (z. B. Macht;

Ge | walt &c.). Jn solchen Fällen räumt nämlich die rhythmische Pause

der nachfolgenden Thesis eine erhöhte Bedeutung ein, die der Länge

des Spondeus nichts nachgiebt. Beweis:



[Abbildung]



Macht; Ge walt



[Abbildung]



10. Der Trochäus eignet sich für den 1., 4. und letzten Takt am

besten. Selbst Homer hat im 4. Takte einigemal den Trochäus angewandt.





11. Am Schluß des Hexameters wirkt der Spondeus kräftiger als

der Trochäus.



12. Schon bei den ersten Übungen hat man sich zu bestreben, die

Hauptcäsur in den 3. Takt zu bringen.



13. Eine Diäresis am Ende des 3. Taktes ist streng zu vermeiden,

da sie den Hexameter halbieren würde.



14. Um die einzelnen Verstakte fester in einander zu fügen und

die störenden Diäresen (namentlich am Ende des 2. und 4. Taktes)

zu vermeiden, möge man sich amphibrachischer Satztakte bedienen

(⏑ – ⏑, z. B. beleben, erfreuen, Verrichtung &c.). Auch kretische Satztakte

(– ⏑ –) helfen über manche Schwierigkeit hinweg. Der Bacchius

(– – ⏑, z. B. Weinfässer) ist kaum als Notbehelf für den Daktylus

zulässig, auch wenn die zweite Silbe mitteltonig gelesen wird (z. B. frēigĕbĭg

== fre5ige3bi1g). Da wir im Hexameter den Trochäus gestatten, so

können wir dagegen recht gut amphimakrische Wörter, z. B. Wāssĕr | fāll,

anwenden. Die Silbe fall beginnt dann den neuen Satztakt.



15. Besondere Sorgfalt erfordert die Unterlassung des Hiatus |#f0061 : 35|



im heroischen Versmaß, da die doppelte Mundöffnung der raschen Bewegung

des Versmaßes hinderlich sein muß.



Am allerwenigsten dürfte ein Hiatus zwischen die beiden Thesen

des Daktylus fallen. Der Hiatus „freundliche [Abbildung] Augen“ dürfte dieselbe

Nachsicht beanspruchen können, als der Hiatus zwischen 2 Jamben oder

2 Trochäen, da das erneute Atemholen und Einsetzen nach dem Daktylus

„freūndlĭchĕ“ möglich wäre. Niemals wäre jedoch der Hiatus

„Frēundĕ [Abbildung] ĭn“ oder „Höre [Abbildung] auf“ zu entschuldigen, da der rasche Versrhythmus

eine Unterbrechung zwischen den beiden Thesen des Daktylus

unmöglich macht. E nach e ist zu vermeiden. Freilich geht dies nicht

immer in der Prosa (z. B.: Meine Ehre. Deine Eltern). Die Poesie

hat eben andere Worte zu suchen.



16. Für die ersten hexametrischen Bildungen genügt die Beachtung

dieser Hauptsachen. Zu den Feinheiten im Hexameter gelangt man,

wenn man im Hinblick auf unsere Anforderungen wägt, prüft, vergleicht,

ergänzt, feilt. Tröstend muß der Umstand sein, daß selbst

Goethe's erste Hexameter (in Hermann und Dorothea) recht mangelhaft

waren, während seine späteren Bildungen strengeren Anforderungen bedeutend

näher kamen.



Aufgabe. Die nachfolgende Erzählung soll in Hexametern (in

gewöhnlicher Sprache) wiedergegeben werden.



Die Elster und ihre Kinder.

(Von Wilh. Grimm. Tierfabeln bei den Minnesingern. Aus den Abhandlungen

der Akademie der Wiss. Berlin, 1855.)



Stoff. Eine Elster führte ihre Kinder aufs Feld, | damit sie lernen

möchten, selbst ihre Nahrung zu suchen. | Das gefiel ihnen aber nicht. „Wir

wollen lieber ins Nest zurück,“ riefen sie, „da haben wir's bequemer; denn

du, liebe Mutter, trägst uns die Speise im Schnabel herbei.“ Doch die Alte

erwiderte: „Meine Kinder, ihr seid groß genug, euch selbst zu ernähren; meine

Mutter hatte mich viel früher ausgewiesen.“ „Aber die Bogenschützen werden

uns töten,“ antworteten die Kinder. „Nein, nein,“ sprach sie, „es gehört

Zeit zum Zielen; wenn ihr seht, daß sie die Armbrust in die Höhe heben und

an das Gesicht legen, um abzudrücken, so fliegt davon.“ „Das wollen wir

wohl thun,“ wandten die Kinder wieder ein, „aber wenn einer einen Stein

nimmt und nach uns werfen will, so ist dazu kein Zielen nötig, wie dann?“

„Jhr könnt ja sehen, wie er sich bückt,“ sagte die Alte, „wenn er den Stein

aufheben will.“ „Aber wie, wenn er einen Stein beständig in der Hand trägt

und jeden Augenblick zum Schleudern bereit ist?“ „Ei was ihr nicht alles

wißt!“ sprach die Mutter; „ihr könnt schon selbst für euch sorgen.“ Damit flog

sie weg und ließ sie allein.

|#f0062 : 36|



Lösung a.



Takt 1 2 3 4 5 6
Ēinstmăls fǖhrtĕ dĭe Ēlstĕr dĭe Jūngĕn spă ziērĕn ĭm Sā́atfēld
Sie zu be lehren, sich künftig zu suchen die kräftige Nahrung.
Jhnen ge fiel dies nicht und sie riefen: Wir wollen im Nest ruhn.
Sieh! dort haben wir's tausendmal schöner, wo, Mütterchen, Du uns
Nährendes herträgst reichlich im Schnabel. Da sagte die Elster:
Kinder, ihr seid nun ver ständig ge nug, euch selbst zu ver sorgen.
Mir ward früher ge wiesen die Thüre. Da riefen die Kinder:
Tötliche Pfeile der Schützen, sie finden die Kinderchen wehrlos.
O, sprach lächelnd das Mütterchen: Zeit braucht immer das Zielen.
Drum, wenn ihr sehet er greifen die Armbrust, suchet das Weite!
Schreiend und polternd er widerten nun die Kinderchen altklug:
Wie, wenn jemand sich bückt, zu er greifen ein Steinchen des Unheils?
Während der Werfer sich schlau bückt, müßt ihr be ginnen den Fluchtflug.
Doch, wenn der Gegner be ständig den Stein in den Händen her umträgt,
Listig das Schleudern be ginnend, be vor es die Kinderchen ahnen?
Ei, was alles ihr Klugen schon wißt, sprach lächelnd die Mutter.
Sicherlich braucht ihr nicht fürder des mütterlich wachenden Umblicks.
Sprach's und ent flog in die Ferne, für immer die Jungen ver lassend.


Lösung b. Von Karl Putz.



Hast du der Elster Gespräch mit den Jungen gehört in dem Saatfeld,

Wo sie dieselben belehrte, sich künftig zu suchen die Nahrung?

Jhnen jedoch mißfiel es; sie riefen: „Wir wollen ins Nest heim;

Denn dort haben wir's besser; Du selbst bringst reichlich im Schnabel

Uns das benötigte Futter herzu.“ Drauf sagte die Elster:

„Kinder, ihr seid nun erwachsen genug, euch selbst zu ernähren,

Wie ich es früher gemußt.“ Doch es sprachen die ängstlichen Jungen:

„Bringt uns nicht in Gefahr pfeilsendender Bogen des Jägers?“

Aber die Mutter begann: „Zeit fordert das Zielen und Schießen;

Drum, wenn zum Bogen ihr greifen ihn seht, dann suchet das Weite!“ ─

„Und wenn ein andrer sich bückt nach dem Stein, um zu werfen auf uns her?“ ─

„Während gebückt er noch steht, müßt schleunig zur Flucht ihr euch wenden.“ ─

„Doch, wenn einer den Stein in den Händen beständig herumträgt,

„So daß, eh wir es merken, er immer zum Schleudern bereit ist?“ ─

„Ei, wie denkt ihr an alles so klug!“ sprach lächelnd die Mutter;

„Sicherlich braucht ihr mich nicht, und ihr wißt euch selber zu helfen!“

Sprach's und entflog in die Fern', und verließ die gewitzten für immer.


§ 14. Bildung von deutschen Pentametern.



1. Der Pentameter besteht aus zwei katalektischen daktylischen

Dreitaktern ( [Abbildung] ), oder aus zweimal

2½ Takten, oder auch aus 6 Takten, von denen die letzte Hälfte

des 3. und 6. Taktes eine Pause hat.



2. Nur in den beiden ersten Verstakten des Pentameters kann

statt des Daktylus ein Spondeus oder auch ein Trochäus gesetzt werden.

Jm letzten Hemistichium (Vershälfte) muß der Daktylus beibehalten

werden und zwar einesteils, um den daktylischen Grundcharakter zu |#f0063 : 37|



wahren, andernteils um das Anhalten nach der ersten Hälfte (rhythmische

Pause) durch die neu beschleunigte Bewegung in Vergessenheit

zu bringen.



Beispiele des Pentameters:



a. mit dem Trochäus im Anfang:



J̄st dĭe | Līebĕ dăhīn, ‖ labt der Gedanke daran.


(Platen.)



b. mit dem Spondeus im Anfang:



J̄st nīcht | Līebĕ fü̆r | sīch ‖ schon ein lebend'ger Gewinn.


(Platen.)



Bis statt | Klārhēits | schēin ‖ wirkliche Klarheit erschien.


(Rückert.)



c. mit daktylischem Anfang:



Ābĕr ĕin | sēhnĕndĕs | Hērz ‖ findet sich wieder in euch.


(Platen.)



3. Ein Zusammenziehen der beiden Hälften des Pentameters durch

ein überbrückendes Wort ist unzulässig (versrhythmisch unschön), weil

die letzte Silbe des ersten Hemistichiums ungebührlich lang ausgehalten

werden müßte, z. B.:



Helena | selbst und der | blond )̐̑| lockigen Freundinnen Wort.



4. Der Pentameter kommt in der Regel nur in Verbindung mit

anderen Metren vor, insbesondere mit dem Hexameter.



§ 15. Verbindung des Hexameters mit dem Pentameter.



Aus der Verbindung des Hexameters mit dem Pentameter entsteht

eine Zweizeile, welche unter dem Namen elegisches (oder epigrammatisches)

Distichon bekannt ist. Sie wurde um so lieber zu Elegien

und Epigrammen verwendet, als der zur präzisen Ausdrucksform

zwingende Pentameter dem ins Weite eilenden Hexameter einen freundlichen

Abschluß aufnötigt.



Eine Reihe solcher, durch den Jnhalt zusammenhängender Distichen

bildet das elegische Gedicht.



A. Das elegische Distichon.



1. Es gleicht in seinem Anlauf und Abfluß der Welle, die

ewig flieht und ewig wieder naht.



2. Es ist nicht unbedingt nötig, daß am Ende des Hexameters

eine syntaktische Pause eintritt, vielmehr kann der Jnhalt des Satzes

hie und da einmal in den folgenden Pentameter überlaufen.

|#f0064 : 38|



3. Das Distichon bietet schöne Gelegenheit zur eigenen Produktion;

man braucht nur die Gedanken erst in Prosa zu notieren, um

ihnen sodann die Distichenform zu verleihen.



4. Jch erkläre mich für solche feste Formen, weil schon eine einzige

Strophe das ganze Gedicht ist. Der Schaffende wird dadurch

gezwungen, kurz zu sein und nur das Nötige zu sagen. Daher sind

die antiken und noch mehr die romanischen Formen (wohl auch die

orientalischen) die beste Schule.



Aufgabe 1. Der nachstehende Stoff ist zu einem Distichon zu

verwenden.



An die Erde.



Stoff. Gönne, o Erde, dem Baume, gen Himmel empor zu wachsen;

er wirft dir seine Früchte doch in den Schoß.



Lösung. Von Friedrich Hebbel.



Gönne dem Baume die Freude, gen Himmel zu wachsen, o Erde:

Was er an Früchten erzeugt, wirft er dir doch in den Schoß.



Aufgabe 2. Nachstehender Stoff soll zu einem Doppeldistichon

verwendet werden.



Stoff. Ohne Ursache sei niemals schüchtern und befangen, alle, mit

denen du zu thun haben kannst, sind Menschen wie du. Alle haben Thorheiten

und Schwächen. |



Die besseren und die weiseren unter den Menschen hast du ohnehin nicht

zu fürchten. Sobald du dir vertraust, weißt du nach Goethe's Versicherung

auch zu leben.



Lösung.



Nie sei schüchtern, befangen vor anderen außer mit Ursach'.

Sie sind Menschen wie du, haben Gebrechen wie du.

Merke: zu scheu'n sind nicht von den Menschen die bessern und weisern;



B. Das elegische Gedicht.



1. Wenn dasselbe zarten, sanften oder auch wehmütigen Empfindungen

Ausdruck verleiht, nennt man es elegisches Lied.



2. Elegie heißt es, wenn es in gehobenen Gefühlen oder in

höherem, heroischem, dithyrambischem Geistesflug sich bewegt und reflektierender,

sinnend verweilender Beschaulichkeit Raum gewährt.



3. Bei einem elegischen Gedichte kann ausnahmsweise der Gedanke

aus einem Distichon in das andere überlaufen.



4. Um Stoffe zu elegischen Gedichten zu erhalten, ist das Beispiel

Schillers belehrend, der mehrere Partien seiner ästhetisch=philo= |#f0065 : 39|



sophischen Abhandlungen aus Prosa in kleine elegische Gedichte umgewandelt

hat (z. B. Kolumbus, die Führer des Lebens &c. &c.).



5. Als eine instruktive Vorübung und Überleitung zur selbständigen

Produktion könnte die Veränderung strophischer elegischer Reimgedichte

ins elegische Versmaß empfohlen werden, weil der Lernende hier ein

vollendetes, poetisch durchgearbeitetes Material bereits vorfindet. Wenn

seine Bildung auch weit hinter dem Original zurückbleiben muß, so

befindet er sich während seiner Arbeit, die in diesem Falle nur die

Form zu berücksichtigen hat, doch in guter Gesellschaft. Wir empfehlen

alle jene Formen, die wir unter elegischem Lied im 2. Bande der

Poetik erwähnten.



Ohne hier eine Aufgabe zu geben, zeigen wir durch eine kleinste

Probe, wie wir es meinen:



[Beginn Spaltensatz]

Original. Von Friedrich Rückert.



Wer die Hand, die strafend schlägt,

Jn demselbigen Moment

Herzlich lieben kann, der trägt

Liebe, die den Tod nicht kennt.
[Spaltenumbruch]

Umbildung.



Wer es vermöchte, die Hände, die strafenden,

treulich zu lieben,

Trüge gewiß im Gemüt Liebe, die nimmer

erstirbt.
[Ende Spaltensatz]



Die erste Strophe von „des Einsamen Klage von Herder“ würde

etwa so umzubilden sein:



[Beginn Spaltensatz]

Original.



Der Lenz erblüht! die Freude flieht!

Mein Leben hat die Nacht umhüllt,

Und meine Seel' ein Schmerz erfüllt,

Der ewig in mir glüht


u. s. w.

[Spaltenumbruch]

Umbildung.



Freuden und Frühling entfliehn. Vom

Dunkel umhüllt ist mein Leben;

Schmerz durchzieht mein Gemüt, ewig

bedrückt mich das Weh


u. s. w.

[Ende Spaltensatz]



Aufgabe. Nachstehender Stoff ist zuerst a) mit möglichst

treuer Beibehaltung der Prosarede zu übertragen. Sodann kann


b) eine mehr freie Bearbeitung versucht werden.



Auf Jean Paul.



Stoff. Ein Stern ist untergegangen und das Auge des Jahrhunderts

wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der

leuchtende Genius und erst späte Enkel heißen freudig willkommen das, wovon

trauernde Väter weinend geschieden. Eine Krone ist gefallen von dem

Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines

Feldherrn; und ein hoher Priester ist gestorben! Wohl mögen wir den beweinen,

der uns Ersatz gewesen und uns nun unersetzlich geworden. Jedem

Lande ward für jedes trübe Entbehren irgend eine freundliche Vergütung. Der

Norden ohne Herz hat seine eiserne Kraft; der kränkelnde Süden seine goldene

Sonne; das finstere Spanien seinen Glauben; die darbenden Franzosen erquickt |#f0066 : 40|



der spendende Witz, und Englands Nebel verklärt die Freiheit. Wir hatten

Jean Paul, und wir haben ihn nicht mehr; in ihm verloren wir, was wir

nur in ihm besaßen: Kraft, Milde, Glauben, heiteren Scherz und entfesselte

Rede. Das ist der Stern, der untergegangen: der himmlische Glaube, der in

dem Erloschenen uns geleuchtet. Das ist die Krone, die herabgefallen: die

Krone der Liebe, die den beherrschte, der sie getragen, wie alle, die ihm unterthan

gewesen. Das ist das Schwert, das gebrochen: der Spott in scharfer

Hand, vor dem Könige zittern, und der blutleere Höflinge erröten macht. Und

das ist der hohe Priester, der für uns gebetet im Tempel der Natur ─ er

ist dahin geschieden, und unsere Andacht hat keinen Dolmetscher mehr. Wir

wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht

verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, in der

er allen geboren werden wird, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht

geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd bis

sein Volk ihm schleichend nachkommt.



Lösung a. (Mit Beibehaltung der Prosawendungen.)



Ūntĕrgĕ | gāngĕn ĭst | wiēdĕr ĕin | Stērn ŭnd nĭcht | ēhĕr wĭrd | schlīeßĕn |

Sich des Jahr | hunderts | Blick, ‖ bis er uns | wieder er | scheint. |

Denn in entferntester Bahn kommt näher der leuchtende Genius,

Der willkommen erscheint freudigen Enkeln dereinst.

Trauernd scheiden die Väter von ihm mit der bitteren Klage:

Von eines Königs Haupt heut' ist gefallen die Kron';

Heute gebrochen entzwei ist ein Schwert in der Hand eines Feldherrn,

Ein hoher Priester ist tot, er ist gestorben uns heut'.

Jnnig beweinen, betrauern wir den, der Ersatz uns gewesen,

Der seitdem er uns tot ganz unersetzlich uns ward.

Jeglichem Lande wurde für drückendes trübes Entbehren

Schon von Natur ein Ersatz freundlich vergütend gewährt;

Oben dem eisigen Norden mit fröstelnder Kälte des Umgangs

Ward für das mangelnde Herz eiserne, zwingende Kraft;

Unten dem weichlichen Süden wurde die goldene Sonne,

Spanien, finsterstes Land, Glaube zu Teil wurde dir.

Frankreichs bestes Besitztum bildet das sprudelnde Witzeln.

Doch wes rühmen wir uns Deutsche im Herzen der Welt?

Unser Besitztum heißt Jean Paul, dem wir vieles verdanken:

Sanftmut, Glauben, Humor und das entfesselte Wort.

Jener erglänzende Stern Jean Paul ist untergegangen!

Himmlischer Glaube hat stets in dem Erloschnen gestrahlt.

Denke der Krone, die mit ihm entschwunden: der Krone der Liebe,

Die ihn trug und durchzog, die er den Schülern vererbt.

Denke des Schwerts, das zerbrach, und vor dem selbst Könige bangten,

Denke des schneidigen Spotts, jeglichem Höfling ein Schreck.
|#f0067 : 41|



Wehe, der tüchtigste Priester, der für uns geopfert im Tempel

Ewiger reiner Natur, die er gedeutet, ist tot.

Wehe denn unserer Andacht, welcher der Dolmetscher mangelt,

Lasset beklagen uns selbst, denen der Göttliche fehlt.

Lasset beklagen auch jene, die nicht den Toten verloren,

Jedem nicht hat er gelebt, weil ihn nicht jeder verstand;

Aber die Zeit wird erscheinen, da werden ihn alle betrauern,

Dann, wie heute schon uns, allen gehören wird er.

Seht ihr ihn strahlen, am Throne des neuen Jahrhunderts geduldig


Lösung b. (Freiere Form.) Von Karl Putz.

Denkrede auf Jean Paul.



Wēlch hēll | glǟnzĕndĕr | Stērn īst | jētzt ūns | ūntĕrgĕ | gāngĕn!

Dies Jahr | hundert ver | geht, ‖ eh' er sich | wieder er | hebt.

Denn in erhabenem Lauf hinziehet der leuchtende Genius,

Der auf weitem Geleis strebt zu gelangen ans Ziel.

Enkel wohl werden dereinst die Zurückkehr dessen begrüßen,

Den, da von ihnen er schied, trauernde Väter beweint.

Welch hehr strahlender Schmuck fiel nieder von Königes Haupte!

Welch ein gewaltiges Schwert brach in gebietender Hand!

Welch ein erlesener Priester verstarb, dem keiner wohl gleich ist

Weit in der Welt ringsum, da er der oberste war!

Wahrlich wir haben ein Recht, um den Toten in Trauer zu weinen,

Der als Ersatz uns galt, während ihn keiner ersetzt.

Jeglichem Land ist dar für betrübtes Entbehren geboten

Jrgend ein freundliches Gut, irgend ein schöner Besitz.

Nordisches Land ist herzlos zwar, doch eiserner Kraft voll;

Südliches krankt, doch strahlt's golden in sonniger Glut,

Spanien, finsteren Geists, kann rühmen sich kirchlichen Glaubens,

Und der Franzosen Bedarf decket der spendende Witz.

Wessen erfreun wir uns? Jean Paul war's, den wir besaßen,

Den wir entbehren nunmehr! ─ ach! ein so herber Verlust,

Welchen das trauernde Volk in den jetzigen Tagen erlitten,

Weil grad das ihm entging, was es vor andern erhob:

Kraft im Gemüt und die Milde des Sinns, herzinniger Glaube,

Heiterer Scherz und das Wort, welches die Fessel verlacht.

Kennst du den untergegangenen Stern? den erhabenen Glauben,

Der im Erloschenen uns hatte geleuchtet bisher?

Kennst du den niedergefallenen Schmuck? das war ja die Liebe,

Die in dem Träger gewohnt, und die Verehrer erfüllt.

Kennst du das Schwert, das gebrochen? der Spott in der stürmenden Hand war's,

Welcher den Fürsten erschreckt, welcher den Höfling beschämt.
|#f0068 : 42|



Kennst du den obersten Priester? für uns stets hat er gebetet

Ernst in dem Kreis der Natur, den er zum Tempel gemacht.

Da er von uns abschied, wer soll statt seiner erscheinen,

Andachtvollen Gemüts uns zu vertreten vor Gott?

Ach! wohl gilt es zu trauern um ihn, den nun wir verloren,

Und um die andern, die nicht ihn verlieren gekonnt.

Denn nicht allen hat er gelebt; doch in künftiger Zeit noch

Wird er von allen erkannt, wird er von allen beweint.

Bis einst dies Jahrhundert sich schließt, steht selbst er geduldig

──────



V. Übungen im gemischten Rhythmus.


§ 16. Bildung logaödischer (gemischter) Verse.



1. Die Mischungen von verschiedenen Metren sind ziemlich vielfältig,

was auch unsere Übungen des 5. Hauptstücks darthun werden.



2. Die neueren Dichter beschränken sich meistenteils ─ sofern

sie nicht freie Accentverse vorziehen ─ auf Einmischung von Anapästen

(⏑⏑–) in den jambischen Rhythmus, sowie von Daktylen (–⏑⏑) in den

trochäischen.



3. Da wir dem jambisch=anapästischen Rhythmus mehrfache

Übungen im 3. Hauptstücke widmen konnten und im 5. Hauptstück die

gemischten antiken Maße berücksichtigen werden, so können wir uns

hier darauf beschränken, durch eine Aufgabe die Einmischung von Daktylen

in den trochäischen Rhythmus des deutschen Verses zu üben.



4. Um dem immer neu ins Stocken geratenden trochäischen

Verse größere Beweglichkeit zu verleihen, empfiehlt sich diese Einmischung

von Daktylen.



5. Der Anfänger hat sein Augenmerk auf Wiederkehr und Anordnung

des Daktylus zu richten.



6. Überhaupt verlangt die Symmetrie, daß dem Daktylus kein

Übergewicht eingeräumt werde.



Aufgabe. Viertaktige trochäisch=daktylische Verse.

Eibsee.



Stoff. Grauenvoll, schwindelnd sind die Felswände, die von Adlern

umschwebten Riesenberge, welche das Felsenantlitz widerspiegeln in dem stillen,

tannenbekränzten schwarzen Bergsee: Grauenvoll ist das heimliche Atmen,

Wogen, Weben, Todeslächeln, zu vergleichen Hertha's heiliger Waldsee auf

der vom Nordlicht umflammten Jnsel, wo den Wagen der Göttin weiße Kühe |#f0069 : 43|



zum Wasser zogen, und wo Sklaven in der Nacht das heilige Götterbildnis

wuschen; aber der brausende See hat sie alle verschlungen. Denn wer einmal

das Göttliche geschaut hat, ist dem Tode unrettbar verfallen.



Lösung. Von Julius Grosse.



Grāuĕn | vōllĕ | schwīndĕlndĕ | Wǟndĕ, |

Riesen | bērgĕ, ŭm | schwebt von | Adlern, |

Düster | spiēgĕlnd dăs | Felsen | antlitz |

J̄n dĕm vĕr | schwiēgĕnĕn | tānnĕnbĕ | kränzten |

Schwarzen | Spiēgĕl dĕs | heīmlĭchĕn | Bergsees: |

Grāuĕn | vōll ĭst dĕin | hēimlĭchĕs | Atmen, |

Wōgĕn ŭnd | Wēbĕn ŭnd | Todes | lächeln |

Gleichwie | Hertha's | hēilĭgĕr | Waldsee |

Drōbĕn ăuf | nōrdlĭchtŭm | flammter | Jnsel, |

Wo den | schīmmĕrndĕn | Wāgĕn dĕr | Göttin |

Weiße | Kǖhĕ zŭm | Wasser | zogen, |

Und das | hēilĭgĕ | Götter | bildnis |

Wūschĕn dĭe | Sklaven | schwēigĕnd bĕi | Nachtzeit; |

Ābĕr dĕr | See mit | dōnnĕrndĕm | Brausen

Hāt sĭe dănn | gierig | āllĕ vĕr | schlungen.

Dēnn wĕr dăs | Göttliche | eīnmăl gĕ | schaut hat,

Der, un | rēttbăr, vĕr | fiel dem | Tod!
|#f0070 : E44|



Zweites Hauptstück.


Reimverse. ──────


I. Übungen in allitterierenden und assonierenden Versen.


§ 17. Bildung allitterierender Verse.



1. Die Allitteration (Stabreim) ist die Wiederkehr gleicher Anfangsbuchstaben.

Da sie zur symmetrischen Gliederung der poetischen

Gestaltungen verwendet wird, so muß sie ─ wie jeder Gleichklang ─

in ihrer Anwendung gesetzmäßig sein.



2. Sie darf nur die begrifflich bedeutenden Wörter ─ also nur

die Stammsilben ─ verbinden.



3. Nicht die Gleichheit beliebiger Wortanfänge ist also bei den

allitterierenden Versen das Wesentliche, sondern der Umstand, daß die

durch den Gleichklang ausgezeichneten Silben auch in der Arsis stehen

und den Begriffston tragen. Da somit nur die Hebungen allitterieren

dürfen, so sind Allitterationen wie Geld und Gemüt verwerflich, nicht

aber Allitterationen wie Gedanke und Dienst.



4. Der Dichter muß streben, den Eindruck der sinnlich starken

Hauptvorstellung wellenartig fortzuleiten und zu erhalten durch Worte,

welche dem Worte der Hauptvorstellung im Anfangsklange ähnlich sind.



5. Am Platze ist die Allitteration, wenn eine Grundvorstellung

wie ein Echo über die Verse hinüberklingen soll, wenn es sich also um

plastisch anschauliche oder malerische Darstellung handelt. Allitterieren

können hierbei alle Konsonanten von gleichem Klang, wie z. B. die

labialen v, f, ph, pf, b, p, w.



6. Dem die Hauptvorstellung tragenden centralen Hauptstab stehen

in der Regel zwei Liedstäbe (Stollen) gegenüber. Diese Stäbe haben

insgesamt die metrische Verbindung der Zeilen zu bewirken.

|#f0071 : 45|



7. Alle Arsen eines Gedichts (nach Rückerts Beispiel s. Lösung 1)

allitterieren zu lassen, ist unmöglich durchführbar; ja, es ist schon schwer,

die wichtigsten Stäbe in einem längeren Gedicht durch Allitteration zu

verbinden. Jn dieser Schwierigkeit liegt sicher ein Grund für die

Unpopularität der Allitteration. (Ein anderer Grund mag immerhin

die Monotonie der Allitteration sein, in welcher nicht selten die nüchternste

Prosa mit dem schwülstigsten Bombast sich verbindet.)



8. Die Wirkung der Allitteration und ihre Bedeutung steigert sich,

wenn die allitterierenden Stäbe möglichst eng an einander gerückt

werden.



9. Aus der sinnlichen, ohrumstrickenden Wirkung der Allitteration

geht hervor, daß dieselbe hie und da noch recht gut zur Lautmalerei

verwertbar ist. Es ist nötig, daß der Dichter allitterierender Verse

über die malerische Kraft der Vokale und der Konsonanten sich insbesondere

unterrichtet (wir verweisen auf Poetik I, 119).



10. Mit der Allitteration verbinden neuere Dichter nicht selten

auch den weiter unten zu übenden Schlußreim, welcher der Allitteration

berechtigte Konkurrenz machte und sie heutigen Tags fast verdrängt hat.



11. Wir wählen von den Hauptformen der Allitteration je ein

Beispiel, es dem Lernenden überlassend, behufs weiterer Übungen Nachbildungen

anderer Formen zu versuchen.



Aufgabe 1. Allitterationslaut w. Der nachstehende Stoff

soll zu allitterierenden Versen verwertet werden, von denen der
1.

und 3. je sechs Trochäen zählen, während der 2. und 4. nur je

fünf Trochäen nötig haben. Das Material ist für je
2 Verszeilen

eingeteilt.



1. Es ist zunächst der Gedankengang des Stoffs auszubreiten und

zu verarbeiten.



2. Sodann sind die Hauptpfeiler für die verlangte Allitteration

w zu errichten, wie wir es unten unter b durch Überschreiben mit

anderer Schrift andeuten werden.



Stoff. Durch welche Mittel kann man sich gegen häßliche Schneewinde

schützen? Durch warmen Ofen, schützende Kleidung, feuriges Getränke und

unterhaltende Frauen.



Verarbeitung des Gedankens.



1. und 2. Vers. Kennst du die Mittel, durch welche sich ein verständiger

Mann gegen die häßlichen Schneewinde zu schützen vermag?



3. und 4. Vers. Durch geheizten Ofen, warme Kleidung, gutes Getränk

und freundliche Frauen.



Festsetzung der Hauptpfeiler für die verlangte Allitteration w.

|#f0072 : 46|



Weisst   welche   Weiser

Kennst du die Mittel, durch die sich ein verständiger Mann gegen

wüsten Winter-Winde   Wehre wählt   Warme Wohnung

die häßlichen Schneewinde zu schützen vermag?Durch geheizten Ofen,

weiche Watte, wollenes Wams,   würzgen Wein   willige Weiber

warme Kleidung,   gutes Getränk und freundliche Frauen.



Lösung. Von Rückert.



Wenn die wüsten Winterwinde wütend wehn,

Weißt du, was zur Wehre wählt ein Weiser?

Warme Wohnung, weiche Watt' und wollnes Wams,

Weiter: würzgen Wein und will'ge Weiber.



Aufgabe 2. Mehrere Allitterationslaute. Der nachstehende

Stoff soll in vier katalektische trochäische Viertakter umgebildet

werden. Allitterationslaut der
1. Zeile ist f, der 2. und 3. l, der 4.

d und sch.



Stoff. Von allem, was ich sah, gefiel mir nichts mehr, seit er mir

fehlte. | Mein Auge vergoß Thränen, seit es litt, daß er wegging. | Wer mich

zum Vergnügen einladen wollte, bereitete mir eine Last. | O wie vorteilhaft

unterschied er sich von allen, die ich seither fand! |



Lösung. Von Fr. Rückert (Makame 10).



Mir gefiel, seit er mir fehlte, nichts worauf mein Auge fiel;

Seit es litt, daß er entglitten, floß von Leid mein Augenlid;

Wer zur Lust mich laden wollte, lud nur eine Last mir auf;

O, von denen, die ich fand, wie unterschied sich Er, der schied!


§ 18. Bildung assonierender Verse.



1. Die Assonanz ist die Wiederkehr gleicher Vokale oder Diphthonge

und soll als sog. freie Assonanz die betonten Silben der Verszeile

verbinden; als versgliedernde Assonanz ist sie die Wiederkehr gleicher

Vokale oder Diphthonge in den letzten Verstakten der Verszeilen.



2. Da nur der Vokal (oder Diphthong) reimt, so ist die größte

Reinheit der Vokale (oder Diphthonge) im Laut zu erstreben. Eine

Vermischung klangverwandter Vokale (z. B. von e mit ä und ö, ei mit

eu und äu, i mit ü) ist oft zu entschuldigen; bei Lautverschiedenheit würde

eine störend unterbrechende Verdunkelung der Assonanz bewirkt werden.



(Vokale und Wasser klingen ungleicher als Lieder und Übel.)



3. Nur Arsissilben dürfen assonieren.

|#f0073 : 47|



4. Assonanzen mit dem faden e haben nur geringe Wirkung und

sollten daher weniger geübt werden.



5. Um von vornherein namentlich auf die versgliedernden Assonanzen

am Zeilenende aufmerksam zu machen, ist zu raten, in den

ersten Zeilen der jeweiligen Dichtung Binnenassonanzen anzuwenden.



6. Die assonierenden Klänge dürfen nicht zu weit auseinander stehen,

wenn sie wirksam sein sollen. Man sollte daher in Vermischung nicht

assonierender Verse mit assonierenden möglichst sparsam sein. (Jn der

spanischen Art assoniert jeder gerade Vers, also bei vier Versen der

2. und 4.)



7. Die assonierenden Verse verlangen ein einfaches Versmaß und

klaren, freundlichen Rhythmus, wenn nicht die Aufmerksamkeit von

der Assonanz abgezogen werden soll.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll in akatalektischen jambischen

Quinaren wiedergegeben werden. Der assonierende
a=Laut

soll als Vokal der letzten Silbe die Verszeilen schließen.



Stoff. Die Vianer kehren in ihre Stadt zurück, ziehen die Brücke auf

und verwahren das Stadtthor. Darüber wird Kaiser Karl sehr zornig; und

aufgebracht ruft er aus: „Zum Sturm, meine Ritter! Wer heute fehlt,

dessen Lehen in Frankreich, gleichviel ob es Schloß oder Stadt, Turm oder

Feste, Dorf oder Markt sei, soll dem Boden gleich gemacht werden.“ Da kommen

sie alle herbei. Die Schildner dringen gegen die Mauer vor, mit Hammer und

gestähltem Schaft schlagend. Aber die Vianer steigen auf die Mauern und

werfen Steine und Scheiter herab, wobei mehr als 60 Frankenjünglinge zermalmt

werden. Da spricht Herzog Naims im Bart: „Herr Kaiser, glaubt

Jhr, daß Jhr diese hohen Mauern mit ihren starken Zinnen und den festen,

jahrhundertalten Türmen, welche einst kräftige Heiden erbauten, mit Gewalt

gewinnen werdet? Jhr werdet es nicht vermögen. Daher rate ich, Zimmerleute

herbeirufen zu lassen, um Rüstzeuge zu erbauen.



Lösung. Aus Roland und Alda. Von Uhland.



(NB. Das nachfolgende Beispiel ist eine Tirade und französischer Art.

Das Schwänzchen „Davon die Mauern stürzen“ ist das Ausgehen des Atems,

und stets folgt sodann eine neue Assonanz.)



Schon kehren die Vianer in die Stadt,

Gehoben wird die Brück', das Thor verwahrt.

Als Kaiser Karl es sieht, sein Blut aufwallt,

Laut auf er schreit, von wildem Zorn entbrannt:

„Wohlan zum Sturme, wackre Ritterschaft!

Wer jetzt mir fehlt, was er zu Lehen hat,

Hab' er in Frankreich Bergschloß oder Stadt,

Turm oder Feste, Flecken oder Markt,
|#f0074 : 48|



Auf solche Worte kommen all' heran,

Die Schildner dringen auf die Mauern dar,

Mit Hammer schlagend und gestähltem Schaft.

Die von Viane steigen maueran;

Da werfen Stein und Scheiter sie herab,

Und mehr als sechzig werden da zermalmt

Der Jünglinge vom schönen Frankenland.

„Herr Kaiser! ─ spricht der Herzog Naims im Bart ─

Wollt Jhr die Stadt gewinnen mit Gewalt,

Die hohen Mauern mit den Zinnen stark,

Die festen Türme, manch' Jahrhundert alt,

So Heiden einst erbaut mit großer Kraft,

Jn Eurem Leben wird es nicht vollbracht.

Drum sendet eh' zurück nach Frankenland,

Daß Zimmerleute werden hergeschafft!

Und sind sie angekommen vor der Stadt,

So laßt sie bauen Rüstzeug mancher Art,

Davon die Mauern stürzen!“ u. s. w.


§ 19. Bildung allitterierend-assonierender Verse.



1. Die Verbindung der Allitteration mit der Assonanz steigert die

Anschaulichkeit und erhöht die Wirkung der nachahmenden sinnlichen

Fülle unserer Sprache.



2. Eine gewinnende, beliebte Form derselben, welche die freie

(onomatopoetische) Assonanz mit der Allitteration verbindet, ist die

sog. Annomination.



3. Die bequemere, ebenso wirkungsvolle Form verbindet die

Allitteration mit der versgliedernden Assonanz am Ende der Verszeilen.



4. Schwieriger ist die Verbindung von Allitteration mit Assonanz

inmitten der Verszeilen, wie wir dies bei Jordan finden. (Vgl. dessen

„Nibelunge“.)



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll in Verszeilen von je vier

Arsen mit beliebigen Thesen gegeben werden, wobei Allitteration

und Assonanz inmitten der Zeilen einzufügen sind.



(Es wird sich empfehlen, erst den Stoff einzuteilen, sodann die Hauptpfeiler

für die Allitteration und für die Assonanz einzufügen, wie wir dies bei

der ersten Aufgabe des § 17 d. Bds. gezeigt haben.)



Stoff. Da hockte auf einem Aste des Baumes ein singender Zeisig; man

sah seine emporgeschnörkelte Zunge im Schnabel, beim Trillern vom Schlafe

überrascht. Doch kaum betritt Siegfried den mit Reif überzogenen Rasen, als

ein Gelispel in den Bäumen begann; es vereinigten sich die Sträucher, die

Blumen nickten und von den Blättern tauten die Eiskrystalle ab. Die Vögel |#f0075 : 49|



rauschten in schnellem Flug mit hellem Gezwitscher empor; die hungernde Biene

durchsuchte nach Honig die Dolden der Fliedergebüsche. Das Heimchen sprang

von der Ähre herab, die Quelle ergoß ihr Wasser, die Frösche quakten, das

fliehende Ämschen wurde vom Laubmolch erhascht und verspeist, auf dem

Baume sang der Zeisig weiter. Alle Geschöpfe erwachten ─ zur Freude, zur

Gefahr, zur Verfolgung, zur Angst und zum Haß.



Lösung. Von Wilhelm Jordan.



Da hockte wie zwitschernd auf einem Zweige

Ein zierlicher Zeisig; man sah sein Zünglein

Emporgeschnörkelt im offenen Schnabel,

Doch vom Schlafe betroffen im Schlagen eines Trillers.

Doch kaum berührte den bereiften Rasen

Die Sohle Siegfrieds ─ da zog ein Säuseln

Durch alle Bäume; da beugten sich die Büsche,

Da nickten die Blumen und nieder von den Blättern

Tauten zur Tiefe die harten Krystalle.

Da rauschten die Vögel auf raschem Fittich

Mit fröhlichem Laut durch lauere Lüfte;

Da suchte summend nach süßen Säften,

Nach langem Darben, um die duftigen Dolden

Der Fliedergebüsche die fleißige Biene;

Da hüpfte das Heimchen von seinem Halme,

Da quoll die Quelle, die Frösche quakten,

Da ereilte das Ämschen, wie rasch es auch ausriß,

Der lauernde Laubmolch und schmatzte lüstern,

Da zwitschert' auf dem Zweige der zierliche Zeisig

Erwachend vom Traum seinen Triller weiter,

Und alle Wesen erwachten ─ zur Wonne,

Zu Gefahr und Verfolgung, Furcht und Feindschaft.

──────



II. Übungen im Reimsuchen und Reimbilden.


§ 20. Versuche im Reimen der Prosarede.

(Gereimte Prosa.)



1. Wenn dem Dichter beim Erklingen eines Lautes sofort eine

ganze Summe aller möglichen Gleichklänge wie chladnische Klangfiguren

anschießt und wiederklingt, so ist dies zweifellos nur das Resultat fortgesetzter

Übung im Versbilden und im Reimsuchen. Von Fr. Rückert, |#f0076 : 50|



der sich namentlich in seinen Makamen-Nachbildungen als ein personifiziertes

Reimlexikon erwies, hat es der Verf. d. B. nachgewiesen, daß

derselbe als junger Mann auf allen Biertischen, an Kirchenwänden,

in Notizbüchern &c. seine Reimübungen anstellte, so daß es erklärlich

ist, wie derselbe eine so einzige und vollkommene Herrschaft über den

Reim ausübte und eine so staunenswerte Reimvirtuosität erlangte, wie

vor und nach ihm kein Dichter der Welt. Wenn daher Anfänger im

Versebilden über Reimarmut unserer Sprache, über Mangel an Reimklängen

klagen, so möge ihnen Rückerts Vorbild Ermutigung einflößen.

Jedenfalls ist diese Art, durch Beachtung und eigene Übung Fertigkeit

im Reim zu erlangen, der Benützung eines Reimlexikons weit vorzuziehen,

wie ein solches von Peregrinus Syntax (Leipzig, Brockhaus 1826)

in 2 Bänden existiert und recht viel überflüssiges, für Poesie unbrauchbares

Material enthält.



2. Homer schrieb die blühendste Sprache, ohne Grammatik in

unserem Sinne gelernt zu haben, ─ und doch lernen wir Grammatik;

Mozart war Klaviertechniker, ohne Bertini's, Kramer's und Herz'

„Fingerübungen“ gespielt zu haben, ─ und doch üben wir diese

„Fingerübungen“, bevor wir ein größeres Musikstück einstudieren.



So möge auch der Anfänger im Versbau nicht glauben, daß ihm

die Muse den Lorbeer anders, denn als Lohn für schwere Mühen

reichen werde. Er möge also, bevor er sich an eine größere Dichtung

wagt, lang fortgesetzte Übungen im Suchen aller möglichen Reime

vornehmen.



3. Zunächst möge er prosaische Erzählungen, Novelletten und ähnlichen

Lesestoff unter Beibehaltung der Prosaform mit Reimen versehen.

Dadurch liefert er, ohne es zu beabsichtigen, die in unserer

Litteratur durch Rückerts Umbildungen eingeführte Makamenform,

welche bekanntlich nichts weiter ist, als eine Erzählung von regellosestem

Rhythmus in gereimter Prosa, wobei allerdings hie und da

lyrische Gedichte eingeflochten sind. Da übrigens der auf dieser Stufe

angelangte Lernende bereits die Fähigkeit erlangt hat, schulgerechte

Reimpaare zu bilden, so ist es keine zu große Zumutung, ähnliche

Gedichte in primitiver Form einzufügen, um die Makame vollständig

zu machen. Der die Leistungsfähigkeit beweisende Erfolg wird zweifellos

anfeuernd wirken.



4. Bei Bildung von Reimen in der Prosarede (Makame) sind

alle Arten des Vollreims (vgl. weiter unten Ziffer 9) nicht nur gestattet,

sondern sie werden dem Lernenden sogar zugemutet. Es übt

außerordentlich, wenn man Doppelreime, gleitende, schwebende Reime &c.

anwendet. Wahl und Anzahl der Gleichklänge ist also freigegeben.



5. Um alle möglichen Arten des Vollreims anwenden zu können,

mag der Text in beliebiger Weise erweitert, fortgesponnen, umgeordnet,

geändert und ergänzt werden.

|#f0077 : 51|



6. Übungen in der Stellung und Aufeinanderfolge der Reime

verbinden wir in späteren Paragraphen mit der Lehre von der Strophe.



7. Auch in den einfachsten Reimübungen ist auf Reinheit des

Reims zu halten. Wir begreifen darunter die Gleichartigkeit des

reimenden Klangs, nämlich:



a. der Diphthonge. Somit dürfen sich nicht folgen ei─eu (z. B.

eitel─Beutel), ai─äu (z. B. Kaiser─Häuser), ai─eu (z. B. Mai─neu),

ei─äu (z. B. Weite─Geläute);



b. der Vokale. Unrein sind demnach i─ü (z. B. lieben─üben), e─ä

(z. B. bewegen─Schlägen), e─ö (z. B. beten─Nöten), ö─ä (z. B. hört─

erklärt);



c. der Konsonanten. Unrein wäre b─p (z. B. schreibest─kneipest),

b─f (z. B. Fabel─Tafel), g─ch (z. B. Tag─Fach), g─ck (z. B. mag─

Geschmack);



d. der Silbenquantität. Es darf nur die betonte Silbe Trägerin

des Reimes sein, nicht aber die Nachsilbe. (Unrein ist also Spiegelung─

Hoffnung, nicht aber sterblich─verderblich.)



e. Unrein ist endlich der Reim, welcher kurze Silben (⏑) auf gedehnte

bezieht (z. B. Herr─Meer, will─viel). Jnkorrektheiten im Buchstaben, sofern

der Klang sich deckt, mögen gelind beurteilt werden. Dem vollendeten Dichter

werden gewisse Freiheiten (wie z. B. der Reim Kuß auf Gruß) gern einzuräumen

sein; bei dem Anfänger aber muß auf möglichste Reinheit gehalten

werden, damit seine Freiheiten sich nicht bis zur Verwilderung häufen.



8. Wenn schon alle jene Begriffswörter anschaulich wirken, denen

man ihre onomatopoetische Entstehung ansieht, so sind besonders jene

Reimworte am wirksamsten, welche durch ihren Klang dasjenige schon

im voraus malerisch andeuten, was sie ausdrücken sollen.



9. Für unsere praktischen Übungen sind fürs erste folgende

Reimarten völlig genügend:



a. männlicher Reim, welcher mit der Hebung (Arsis) schließt, z. B.

Gebrauch─Hāuch;



b. weiblicher Reim, welcher mit der Senkung endigt, z. B. Liebĕ─Triebĕ,

glühĕnd─blühĕnd;



c. gleitender Reim, bei welchem 3 Silben reimen, von denen nur die

erste betont ist, z. B. schwḗllĕndĕ─quḗllĕndĕ;



d. schwebender Reim, bei welchem Spondeus mit Spondeus reimt:

a. steigend, z. B. bleīb nā́h─schreīb dā́, b. sinkend, z. B. Lā́ut stȫrt─Brā́ut hȫrt;



e. Doppelreim, welcher an eine Silbe (oder an die beiden Silben) des

Spondeus eine tonlose Silbe anfügt, z. B. Sangmeister─Klanggeister; Klinge

klang ─ Schlinge schlang.

|#f0078 : 52|



f. Ghaselenreim, bei welchem a. ein Vollreim (männlich oder weiblich)

oder b. deren 2 mit dem identischen Reim (d. i. dem Reim, welcher das Wort

der Reimstelle ohne Veränderung wiederholt) verbunden wird, z. B. a. trägst

du mir im Herzen
schlägst du mir im Herzen; oder stets am

rechten Orte hat
stets die rechten Worte hat; b. schlägt mein Herz

─ trägt mein Schmerz. (Dieser Reim findet sich hauptsächlich beim Ghasel, das

übrigens häufig genug nur die unter a b c d verzeichneten Reimarten aufweist.)



Die weiteren künstlicheren Reimarten sind in unserer Poetik Bd. I,

S. 425 ff. abgehandelt.



Aufgabe. Es soll die nachfolgende Sage so erweitert und

ausgeführt werden, daß selbst die kleinsten rhythmischen Reihen

durch den Reim ausgezeichnet werden. Je öfter der gleiche Reim

sich wiederholt, je mehr Reimarten angewendet sind, desto besser

soll die Ausführung genannt werden. Der Rhythmus darf
durchaus

regellos sein, da die ganze Aufmerksamkeit auf den Reim zu

legen ist. Dieser soll alle möglichen Kunststücke enthalten und in

allen erdenklichen Formen auftreten. Auch die Einführung der

Allitteration ist gestattet. An Stelle der Ghasele, welche sonst

den Makamen eingefügt sind, sollen zwei ungekünstelte Gedichte

in daktylischen Viertaktern mit Reimpaaren eingearbeitet werden;

das erste derselben soll das Wandern preisen, während das zweite

sagen soll, was man auf Erden selig sein heißt. Beide Gedichte

sind einem Dichter in den Mund zu legen, worauf dann wie ein

deus ex machina ein dritter Erzähler erscheint, der die Sage

weiter fortspinnt. (Klanggleiche
unreine Reime ─ vgl. S. 51. 7. c

─ sind in den Lösungen vorerst noch zu tolerieren.)



Anstatt weitere Anforderungen in der Aufgabe zu stellen, zeigen

wir lieber in der Ausführung, wie kühn und frei der Schüler sich

bewegen darf, um zur Gewandtheit in Handhabung aller möglichen

Reimformen zu gelangen.



Die Teufelsbrücke. (Aus Gebrüder Grimms deutschen Sagen.)



Stoff. Ein Schweizer Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte

sich immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen,

oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf einer

außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: „Jch wollte, der Teufel

wäre da und baute mir eine Brücke hinüber.“ Augenblicklich stand der Teufel

bei ihm und sagte: „Versprichst du mir das erste Lebendige, das darüber geht,

so will ich dir eine Brücke dahin bauen, auf welcher du stets hinüber und

herüber kannst.“ Der Hirte willigte ein; in wenig Augenblicken war die

Brücke fertig; aber jener trieb eine Gemse vor sich her und ging hinten nach.

Der betrogene Teufel ließ alsbald die Stücke des zerrissenen Tieres aus der

Höhe herunter fallen.

|#f0079 : 53|



Stoff und Gedankengang der einzuflechtenden Gedichte.



I.



Hinweg mit den Sorgen, zum Wandern mache Fröhlichkeit bereit!

Eilet hinaus in die Wälder, beim Wandern vergeßt euer Haus.

Verweilt nicht bei euern Sorgen, denn mit Fröhlichkeit erobert man die Welt.

Gutes Gewissen, Tüchtigkeit im Kampf und kundiger Blick &c. haben goldnen

Wert.

Mutiger Blick läßt sich nicht zurückscheuchen, Männer und Frauen achten den

Mutigen.

Schlage lauter, mein sehnendes Herz, sammle, was das Leben bietet.

Eile, vom Mute beseelt, hinaus, ein fahrender Sänger ist überall daheim.

Himmlisch woget die Luft, balsamischer Duft umgiebt mich.

Wonne erfüllt meine Dichterbrust, im Wandern ist selige Lust.


II.



Willst du wissen, mein Geist, was man auf Erden schon selig sein nennt?

Wandle morgens am tosenden Fluß, erhebe den Blick zum Himmel.

Trinke das ewige Licht, labe dich am Anblick der Sonne.

Lausche dem Gesange der Vögel, erquicke dich am Blumenduft.

Wenn du dazu noch Blüten der Liebe treibst, so weißt du, was man auf

Erden selig sein nennt.


Lösung mit Beibehaltung der regellosesten Prosarede.

Die Makame von der Teufelsbrücke.



An einem heiteren Frühlingsmorgen, ─ zu scheuchen berufliche Sorgen, ─

rüsteten wir uns zu fröhlichem Lauf ─ und machten nach dem Zauberberg uns

auf, ─ wo wohlbekannt, ─ hoch über die schäumende Reuß gespannt, ─

seit alten Zeiten so genannt, ─ hängt die Teufelsbrücke, ─ von der wir mit

Grausen kamen zurücke. ─ Wir fürchteten nicht des Teufels Tücke, ─ drum ruhten

wir aus in der Teufelslücke, ─ wo der Fels ist zerrissen in riesige Stücke,

─ wo man zum erstenmal gewahrt die wundersame Teufelsbrücke. ─ Unser

sangeskundiger Begleiter setzte sich nieder, ─ er ließ erklingen fröhliche Lieder,

─ die entquollen, o herrliche Lust! ─ seiner göttlichen Dichterbrust. ─ Er

sang ─ bald süß, bald bang ─ aus Herzensdrang:



Weg mit Sorgen und weg mit Leid,

Fröhlichkeit mache zum Wandern bereit.

Denket der Wälder und eilet hinaus,

Lebet im Wandern, vergesset das Haus.

Wollt ihr verweilen bei Gütern und Geld?

Fröhliche Menschen erobern die Welt.
|#f0080 : 54|



Frieden im Herzen und kundiges Schwert,

Wissen im Kopf sind von goldenem Wert.

Mutiger Blick scheut nimmer zurück,

Schaffet bei Männern und Frauen mir Glück.

Schlage nur lauter, du sehnendes Herz,

Sammle des Lebens erglänzendes Erz!

Eile, vom Mute beflügelt, hinaus,

Wisse, der Sänger ist allwärts zu Haus!

Ach, wie sie woget, die himmlische Luft,

Und mich umhüllet balsamischer Duft!

Und wie sie schwellet, die dichtende Brust!

Wandern verleihet doch seligste Lust.



Der Dichter hatte geendet ─ und sich von uns gewendet. ─ Sein Auge

war vor Rührung mit Thränen genetzt, ─ als er sich wieder zu uns gesetzt. ─

Dann begann er mit geröteter Wange ─ in unvergleichlichem Gesange:



Willst du erfahren, o sehnender Geist,

Was denn irdisches Seligsein heißt?

Wandle des Morgens am rauschenden Strom,

Hebe den Blick zu dem himmlischen Dom.

Trinke das strömende, ewige Licht,

Schaue der Sonne verglühend Gesicht.

Lausche der Vögelein süßestem Sang,

Schaue die Blumen ─ o Duft und o Klang!

Treibst du noch Blüten der Liebe, mein Geist,

Weißt du, was irdisches Seligsein heißt.



Wir wollten uns erheben, ─ dem Dichter den Zoll der Bewundrung

zu geben ─ und ihm zu sagen: ─ Bei dir zu sein ist Behagen, ─ niemand

wird verzagen, ─ du verstehst zu lenken der Launen Wagen, ─ die Sorge

zu fassen am Kragen, ─ zu besänft'gen den nagenden Magen ─ und den

Teufel zum Teufel zu jagen; ─ du hast dir die Ehrenkron' aufgesetzt ─ und

unsre Herzen mit Wonnen geletzt, ─ ja, unsre Augen mit Thränen genetzt. ─



Da trat im Nu ─ von der Seit' auf uns zu ─ (wir sind nicht wenig

erschrocken, ─ das Blut kam uns allen ins Stocken) ─ ein Scheusal mit

wilden, schwerhängenden Locken, ─ mit stierem Blick, ─ mit entblößtem Genick,

─ in der Hand einen Strick. ─ Bald begann er berichtend, ─ durch seine

menschliche Stimme unsre Befürchtung vernichtend: ─ Seht Jhr dort die

Weymouthsfichte, ─ die eben ─ umschweben ─ zwei teuflische Wichte; ─

dort spielt meine Unglücksgeschichte! ─ Damit ich Ruhe finden kann, o

habt Erbarmen ─ und höret an mich Armen! ─ Hier an diesem Ort ─

hab' ich begangen vor tausend Jahren einen Mord. ─ Erst wenn es gelungen,

─ mit Menschenzungen ─ dies Verbrechen ─ vor Menschen hier

auszusprechen, ─ kann ich mich lösen ─ aus den Krallen des Bösen. ─ |#f0081 : 55|



Ein Mörder bin ich, ein arger Sünder, ─ meines Unheils Begründer ─ und

Verkünder, ─ der alle hundert Jahr' erscheint ─ und sein verlornes Leben beweint.

─ Wir versprachen ihn anzuhören ─ und sein Erzählen nicht zu stören.

─ Da fuhr er fort wild schaurig, ─ im Ton unendlich traurig: ─ Vor tausend

Jahren ─ lebte hier, im Bösen unerfahren, ─ ein junges Blut, ─ wohlgemut,

─ brav und gut, ─ voll kühnem Wagemut, ─ vor Fahrnis allzeit auf

der Hut. ─ Es zog ihn an ein Mädchen ─ vom Hirtenstand, mit Fädchen

─ dem Auge sichtbar nicht. ─ Die Brave war sein einz'ges Licht, ─ sein

schönstes Lob- und Preisgedicht. ─ Zu ihr zu eilen, ─ bei ihr zu weilen,

─ war ihm kein Fluß zu breit, ─ kein Weg zu weit. ─ Wollt' er nehmen

den Weg, den geraden, ─ mußt' er durchwaten ─ den Fluß ─ zu seinem

Verdruß. ─ Es war gefährlich ─ und sehr beschwerlich ─ zu durchschreiten

die schäumenden Fluten, ─ die leichtbeschuhten, ─ die ihn oft drohend zwangen,

─ zu bangen ─ und zu nehmen ─ für sein Liebesunternehmen ─

den nicht angenehmen, ─ unbequemen ─ fernen Krummsteg ─ mit großem

Umweg. ─ Oft bestieg er den verrufenen Zauberfels, ─ von wo stets in

lieblichstem Farbenschmelz ─ der Jüngling wahrnahm das Haus, ─ wo

die Allerliebste ging ein und aus. ─ Aus der Vogelperspektive ─ sah

er in unendlicher Tiefe, ─ er auf dem Liebesolymp ein Zeus, ─ da

unten die tosende furchtbare Reuß. ─ Mit höllischem Gebraus ─ und lärmendem

Gesaus ─ flutete sie dahin ─ seit Urbeginn ─ mit Würgersinn

─ erboste Wassermassen, ─ welche Liebesglück hassen, ─ und jene niemals

frei lassen, ─ die mit ihrem Schmerz nicht zu Glücklichen passen. ─ Der

Liebe Zauberfädchen ─ zog ihn zu seinem Mädchen. ─ Er rief mit lauter

Stimme Schall, ─ daß übertönt wurde der Wiederhall ─ vom Reußfall ─

mit seinem lärmenden Wasserschwall: ─ O heil'ge Anastasia, ─ ich wollte,

statt deiner der Teufel wär' da, ─ bauend aus einem Stücke ─ hinüber

eine Brücke. ─ Kaum hatt' er geäußert sein Begehren, ─ fing an das

Wasser der Reuß sich zu mehren, ─ und aus gewaltigem Wasserschuß, ─ abkühlend

seinen Herzverdruß, ─ ertönte des Teufels Willkommensgruß. ─

Drauf senkte sich der Wasserguß ─ und es erschien, welch Hochgenuß! ─

ein schöner Gemsenjäger ─ und kräftiger Bogenträger. ─ Doch als der Hirt

den Pferdfuß sah, ─ da war er einer Ohnmacht nah. ─ Der Teufel belächelte

des Hirten Wehruf ─ und Flehruf, ─ den zu großes Ängsten schuf ─

vor dem Pferdehuf. ─ Er verhöhnte des Hirten Ach ─ und sprach: ─ Du,

furchtsamer Rufer, ─ willst erreichen jenes Ufer? ─ Bau' doch deinem Liebesglücke

─ die sichere Brücke. ─ Oder, du Zauberfelserklimmer, ─ werde ein

kühner Schwimmer, ─ wenn du der Liebe Schimmer ─ willst nahe sein, ─

um diese zu frei'n, ─ die jetzt ist nicht allein, ─ und die für dich trägt

Herzens-Pein, ─ der deine Liebesworte sind Trostkost ─ und deine Küsse Trostmost

─ und deine Briefe Trostpost. ─ O wisse, Sterblicher! Noch heute

wirbt dein Feind um sie! ─ Drum auf, der Einsamkeit entflieh' ─ und

schleunig zu der Teuren zieh', ─ zu stören fremde Hausschau, ─ ja, Bauschau,

─ zu retten die Liebste vor Angst und Not ─ und vor der Liebe |#f0082 : 56|



Nottod. ─ Mich dauert künftige Todnot, ─ drum komm' ich wie das Notbot

─ und bau' aus einem Stücke ─ hinüber dir die Brücke. ─ Fürs Bauen

in dieser hohen Region ─ verlang' ich einen geringen Lohn ─ von dir, verliebter

Erdensohn, ─ der ich selbst bin der Kronlohn ─ und Thronlohn.

─ So rief der Teufel im argen Hohn ─ (er wähnte sich als Sieger schon)

─ indem hinzu er setzte ─ dies Letzte: ─ Es soll als Preis das zuerst

über die Brücke Strebende, ─ Lebende ─ sein das mir zu Gebende. ─

Willigst du ein, ─ so soll sogleich die Brücke fertig sein. ─ Der Hirte war's

zufrieden; ─ da hört' er wieder die Reuß aufsieden. ─ Und mit Getöse

─ verschwunden war der Böse. ─ Doch in der Luft (wie wunderbar!) ─

bot dem erstaunten Blick sich dar ─ vom Bergesrand ─ zur Uferwand ─

hinüber wie ein Seil gespannt ─ von keinem Menschen noch gekannt ─

gebaut aus riesigem Eisenstücke ─ die schwindelnd hohe Teufelsbrücke. ─



Der Hirte war nun katzenschlau, ─ fern blieb er lang dem Brückenbau,

─ der war ihm gar zu wasserblau. ─ Dann rief er: Um dem Liebesdiebe

─ zu geben kräftige Liebeshiebe, ─ und zu begraben der Liebe Leid ─

nehm' ich mir Zeit. ─ Auf diesem Lebens-Raubbau, ─ dem höllischen Brückenschaubau,

─ wär' als erstes Lebendes, ─ Hinüberstrebendes, ─ dem Teufel

zu Gebendes ─ für all seinen Trug ─ auch eine Gemse genug. ─ Nun

begab er sich auf die Jagd an den Bergesrand, ─ wo er wußte den Gemsenstand.

─ Sieh doch! wie die Gemsen nach der Höhe zudringen, ─ und

der Brücke zuspringen! ─ Und er mit seinem Bogen ─ laut rufend kam

nachgezogen: ─ hei, Teufel, sei betrogen! ─ Kaum betrat eine Gemse die

Brücke, ─ so riß sie der Teufel in Stücke. ─ Dann fuhr der höllische

Schuft ─ durch die Luft ─ hinab in die wäss'rige Gruft. ─ Vor Ärger die

Fluten schlagend, ─ und seinen Zorn mit sich tragend, ─ schwur er in

schreckhafter Sprache ─ dem Hirten teuflische Rache. ─ Den andern Gemsen

ging es gut. ─ Da nahm sich auch der Hirte Mut. ─ Die Heiligen anflehend

zu seinem Glücke, ─ ging er ruhig über die Brücke ─ und rief: Von

diesem Steg ─ hinweg ─ eil' ich zu meinem Schatzplatz, ─ der soll mir

werden ein Schwatzplatz ─ und ein Schmatzplatz. ─ Er traf auch keinen

Liebesdieb, ─ erspart blieb ihm der Liebeshieb. ─ Der Teufel hatte gelogen,

─ drum war er jetzt betrogen. ─ Nun warb der Hirt' ohn Zeitaufwand ─

um seiner Allerliebsten Hand; ─ der Eltern Trotz er überwand, ─ bald

schloß sich zweier Liebesband. ─ Die Liebste sprach mit holdem Mund: ─

Gott segne unsern Herzensbund! ─ Jch liebte dich aus Herzensgrund ─ zu

jeder Stund. ─ Und er erwidert: Herzensstern, ─ dein dacht' ich immer

nah und fern, ─ in Appenzell wie in Luzern. ─ Könnt' ich dich meiden

Augenstern? ─ Jch habe dich von Herzen gern, ─ du Frauenkern ─ und

Minnestern! ─ Bald baute sich der Hirte ein Wirtshaus oder ein Schmaushaus,

─ und als er gab den Hausschmaus, ─ dies merket meine Hörer,

─ daß ihr nicht werdet Störer ─ oder gar Empörer: ─ da reizte mich

der Teufel, den Hirten zu bringen in Nöten ─ und den Schuldlosen zu

töten. ─ Jch gönnt' ihm nicht sein Eheglück, ─ bald lockt' ich ihn zu dieser |#f0083 : 57|



Brück', ─ und warf ihm rasch den Judasstrick ─ um das Genick. ─ Hier

an diesem Ort ─ beging ich den Mord; ─ hier an diesem Grat ─ hab

ich begangen die blutige That. ─



Bei diesem entsetzlichen Wort ─ stürzte der Gespenstige fort ─ und

warf sich mit furchtbarem Fall ─ und dröhnendem Schall, ─ (es ertönte

gespenstig der Wiederhall ─) nicht in den tosenden Wasserschwall, ─ nein,

in das Steingerölle, ─ von welchem Feu'r und Dampf aufquoll wie von

der Hölle. ─



Uns ergriff ein Grauen, ─ das uns nicht mehr ließ zur Brücke schauen.

─ Es war uns nicht mehr plauderig, ─ und niemand war mehr zauderig,

─ die Luft selbst schien uns schauderig. ─ Jch rief: Weg, weg! ─ von

diesem Teufelswegsteg, ─ damit uns nicht auch wegfeg ─ mit Getöse ─

der Böse, ─ der Mächtige, ─ Verdächtige, ─ Niederträchtige, ─ der das

Edle verdächtigt, ─ sich der Guten bemächtigt. ─ Jch hab' in der Regel ein

Erzherz, ─ doch heute fühlt' ich Herzschmerz, ─ hier fehlte mir der Erzscherz, ─

statt dessen drückte Erzschmerz. ─



Wir rannten nach der Ebene zurück, ─ und kamen gesund an zum

Glück! ─ Nie hab' ich wieder den Zauberberg erklommen, ─ nie wieder zu

Gesicht bekommen: Teufelsbrücke, ─ Teufelslücke, ─ Teufelstücke.



Dies ist die Makame von der Teufelsbrücke, ─

gebaut vom Teufel aus einem Stücke. ─



Anleitung zur Kritik. Um Besserungsfähiges zu entdecken, möge

man unter Berücksichtigung des seither Gelernten prüfen: a. die logische Entwickelung

des Stofflichen, Jnhaltlichen, b. das Grammatikalische und Syntaktische,

(vgl. S. 18) c. die Reime (vgl. S. 51) u. s. w. Man ersetze

Reime wie geraden ─ waten, beschwerlich ─ gefährlich, Fels ─ Schmerz &c.



§ 21. Strengere Form der Reime.

(Vorgeschriebene Reime.)



1. Hat sich der Lernende in der gereimten Prosarede genügend

geübt, so muß er, ─ um methodisch weiter zu schreiten, ─ die wenig

schwierige Form wählen, welche den gleichen Reim in den geraden

Zeilen verlangt, die ungeraden jedoch ungereimt läßt. Es ist dies die

Form des sogenannten Ghasels, oder besser: des Kita's (d. i. eines

wirklichen Bruchstücks eines Ghasels), zu welchem somit der Lernende

auf ungesuchter Weise wie von selbst gelangt.



2. Die Ghaselenform eignet sich ─ was hier schon bemerkt sein

soll ─ für einen Stoff, bei welchem Gedanke und Gefühl um einen

bestimmten Punkt sich konzentrieren, bei welchem der Dichter nur ein

gewisses Grundgefühl hat und die gleichen Erscheinungen stets wiederkehren.



3. Wenn dem Lernenden die Gewinnung des Reimes schwer wird,

so möge er den Jnhalt der beiden Zeilen so lange wenden und ver= |#f0084 : 58|



stellen, bis das Reimwort sich ergiebt; z. B. beim Reime üren kann

der Satz:



Schüren muß des Hauses Feuer

Selbst der Wind mit kaltem Atem



so gewendet werden:



Selbst der Wind mit kaltem Atem

Muß des Hauses Feuer schüren u. s. w.



Der Satz: Der Feind verlangt die That ist beim Reime eint

etwa so zu wenden: Die That verlangt der Feind; beim Reime

angt: Der Feind die That verlangt u. s. w.



4. Jst das Reimwort nicht schon im Textessatz gegeben, so muß

es durch Herbeiziehen eines sinnverwandten Wortes ersetzt werden.

Beim Reime still wird z. B. das obige Beispiel etwa so heißen müssen:

Die That der Gegner will; beim Reimwort flucht: == die That

der Gegner sucht
u. s. w.



5. Man vermeide schon hier abgenützte Reime. Ein Kunstmittel,

diese Reime erträglich zu machen, besteht darin, daß man ihnen durch

Verschmelzung mit einem anschaulichen Substantiv gesteigerte Bedeutung

oder den Charakter des Neuen verleiht, z. B. Herzenswonne, Freudensonne;

Freundesliebe, Freudentriebe; Seelenschmerz, Felsenherz u. s. w.



6. Zur Erreichung größtmöglicher Übung geben wir von einigen

der gebräuchlichsten Reimformen je ein Beispiel.



Aufgabe 1. Weiblicher Reim. Vokal a im Endreim ade. Das

Metrum sei der trochäische Viertakter, der Endreim erscheint in Zeile


1 und 2 und dann in allen geradzahligen Zeilen.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Jeder Blume am Meeresgestade |

und jedem Wasserschaum im Meere, |

jedem Sterne am Himmelszelte, | jedem

Sonnenstrahle | habe ich meine

Liebesschmerzen | thränenden Auges

fruchtlos vorgesungen. | nun will ich

sie den Steinen vorsingen, | um sie

abzuladen. | Möge der härteste aller

Steine | mir Gnade schenken!

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Moritz Graf Strachwitz.





Jeder Blume am Gestade,

Jedem Schaum im Wellenpfade,

Jedem Stern im Dom der Nächte,

Jedem Strahl im Sonnenrade

Sang ich meine Liebesschmerzen

Fruchtlos vor im Thränenbade;

Nun den Steinen will ich singen,

Daß ich meinen Schmerz entlade;

Du, der härteste der Steine,

Schenkst du wohl vielleicht mir Gnade?
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Weiblicher Reim. Vokal u im Endreim uche. Metrum:

der jambische, katalektische Viertakter. Reimstellung wie früher.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Dein Dach, o Buche, barg mich

vor Wind und Wetter wie ein Regen=[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Fr. Halm.

Es barg dein Dach mich, Buche,

Gleich grünem Regentuche
[Ende Spaltensatz] |#f0085 : 59|



[Beginn Spaltensatz]tuch; | gastfreundlich rauschtest du

meinem Besuch entgegen. | Jch segne

dich dafür, und mein Fluch treffe den, |

der dir mit Axt und Säge naht. | Zwar

tönt Fluch und Segen nicht aus einem

Zauberbuch. | Aber wie du mich mit

Wohlgeruch umweht hast, | so weht aus

frommem Dichterspruch Weiheduft entgegen.

|

[Spaltenumbruch]

Vor Wind und Wetter, rauschend

Gastfreundlich dem Besuche!

Drum ruh' auf dir mein Segen,

Und trag' an meinem Fluche,

Wer immer Axt und Säge

Fortan an dir versuche!

Und tönt auch Fluch wie Segen

Aus keinem Zauberbuche,

Es weht, wie mich dein Schatten

Umhaucht mit Wohlgeruche,

Es weht ein Duft der Weihe

Aus frommem Dichterspruche.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 3. Männlicher Reim. Vokal o im Endreim or. Das

Metrum sei der jambische Viertakter. Reimstellung wie in Aufg.
1.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Die Liebe rief von der Himmelsthüre:

| Wer ist, der schaut zu Gott herauf?

| Wir sind, die schau'n empor zu

Gott, | rief zu der Lieb' eine Anzahl

Priester. | Die Liebe rief: Wie könnt

ihr schau'n? | Vor eurem Antlitz hängt

ein Schleier, | er ist gewebt aus Gier

und Haß, | durch den das Licht seines

Scheines beraubt wurde. | Vor eurem

trüben Blicke nimmt | die Sonne Wolkenschleier

an. | Die Gnade, die auf

Wolken sitzt, | hört nicht, was euer

dumpfer Ruf verlangt. | Und die Erhörung

steigt nicht herab, | wie euer Gebet

es wünscht. | O thut, eh' ihr zum

Himmel schaut, | euch Erdendunkels ab

zuerst. | Statt Gier und Haß nehmt

Lieb ins Herz, | und schaut zur Gottheit

dann hinauf. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Fr. Rückert.



Die Liebe rief vom Himmelsthor:

Wer ist, der schaut zu Gott empor?

Wir sind, die schau'n empor zu Gott,

Rief zu der Lieb' ein Priesterchor.

Die Liebe rief: Wie könnt ihr schau'n?

Vor eurem Antlitz hängt ein Flor.

Ein Flor, gewebt aus Gier und Haß,

Durch den das Licht den Schein verlor.

Vor eurem trüben Blicke nimmt

Die Sonne Wolkenschleier vor.

Die Gnade, die auf Wolken sitzt,

Schließt eurem dumpfen Ruf ihr Ohr.

Und die Erhörung steiget nicht

Herab, die nur Gebet beschwor.

O thut, eh ihr zum Himmel schaut,

Euch Erdendunkels ab zuvor.

Statt Gier und Haß nehmt Lieb ins

Herz,

Und schaut zur Gottheit dann empor.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 4. Männlicher Reim. Vokal i im Endreim icht.

Metrum: Der jambische Fünftakter. Reimstellung wie früher.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Solange die Sonne den Nachtflor

nicht durchbricht, | haben die Tagesvögel

keine Zuversicht. | Die Sonne

weckt die Tulpen auf; | daher sollst[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Fr. Rückert.

Solang die Sonne nicht den Nachtflor

bricht,

Sind Tagesvögel ohne Zuversicht.

Der Blick der Sonne ruft die Tulpen auf.
[Ende Spaltensatz] |#f0086 : 60|



[Beginn Spaltensatz]auch du jetzt erwachen, o Herz. | Das

Schwert der Sonne gießt im Morgenrote

| das Blut der Nacht aus, Sieg

erfechtend. | Voll Schlafs das Auge,

sprach ich: Es ist Nacht; | er sprach:

Aber nicht vor meinem Antlitze. | Solang

es graut, ist der Tag zweifelhaft;

| wer zweifelt am hellen Tage

noch an der Sonne? | Jm Osten

steht die Sonne, ich steh' im Westen, |

ein Berg, an dessen Haupt der

Schein sich spaltet. | Jch bin der

Schönheitssonne blasser Mond; | schau

weg von mir, der Sonn' ins Antlitz. |

Dschelaleddin nennt sich das Licht im

Ost, | des Wiederschein auch zeigen

meine Verse. |

[Spaltenumbruch]

Jetzt ist, o Herz, dir zu erwachen

Pflicht.

Das Sonnenschwert gießt aus im

Morgenrot

Das Blut der Nacht, von der es Sieg

erficht.

Voll Schlafs das Auge, sprach ich: Es

ist Nacht.

Er sprach: Vor meinem Angesichte nicht.

Solang es graut, ist zweifelhaft der Tag;

Am hellen Tag, wer zweifelt noch am

Licht?

Jm Osten steht das Licht, ich steh im

West,

Ein Berg, an dessen Haupt der Schein

sich bricht.

Jch bin der Schönheitssonne blasser

Mond;

Schau weg von mir, der Sonn' ins

Angesicht!

Dschelaleddin nennt sich das Licht im Ost,

Des Wiederschein auch zeiget mein Gedicht.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 5. Gleitender Reim. Vokal a im Endreim altige.

Metrum: Der trochäische katalektische Viertakter.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Preis dir, allgewaltige, | vielgestaltige

Liebe! | Licht und Schatten und

das mannigfaltige Farbenspiel, | vereinige!

| Du bist eine strömende, | unerschöpft

reichhaltige Formenquelle. |

Fördere ans Licht | alles, was Lichtgehalt

hat. | Laß im Licht gedeihen

und blühen | alles, was Lichtgestalt

hat. | Mit deinem Hauche gleiche |

jeden Zwiespalt aus. | Und laß vor

deinem Blick alles, | was Mißgestalt

hat, vergehen. | Wie die Rosen sich

aufblättern, | so blättre die Falten

meines Gemüts auf | und ich singe

dir noch lange | die mannigfaltigsten

Lieder. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Fr. Rückert.



Preis dir, allgewaltige

Liebe, vielgestaltige!

Licht und Schatten, Farbenspiel,

Eine, mannigfaltige!

Formenquelle, die du strömst,

Unerschöpft reichhaltige!

Fördre zur Geburt ans Licht

Alles lichtgehaltige!

Laß im Licht gedeihn und blühn

Alles lichtgestaltige!

Gleiche aus mit deinem Hauch

Jegliches zwiespaltige!

Und vor deinem Blick vergehn

Laß das mißgestaltige!

Blättre mir wie Rosen auf

Dies Gemüt, das faltige!

Und noch lange sing' ich dir

Lieder mannigfaltige.
[Ende Spaltensatz] |#f0087 : 61|



Aufgabe 6. Gleitender Reim. Vokal a im Endreim astete.

Metrum: Der jambische Viertakter.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



O Zeit, in der ich rastete, | in

welcher mir nichts zur Last fiel, | in

der ich noch so wohlgemut | am Tisch

der Ruhe als Gast saß, | in der ich

nicht nach falscher Gunst | mit eiligen

Schritten mich bemühte. | Du flohst,

es rette mich das Glück, | da es weiß,

wie lang ich entbehrte, | wie lange ich

keine schöne Hand | mit meiner Hand

berührte. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Platen.



O Zeit, in der ich rastete,

Jn der mich nichts belastete,

Jn der ich noch so wohlgemut

Am Tisch der Ruhe gastete!

Jn der ich nicht nach falscher Gunst

Mit eil'gen Schritten hastete!

Du flohst, es rette mich das Glück,

Da 's weiß, wie lang ich fastete,

Wie lang ich keine schöne Hand

Mit meiner Hand betastete!
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 7. Ghaselenreim. Diphthong ei im Endreim eise.

Metrum: Der jambische Viertakter.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Du bist mir der wahre Weise, | dies

sagt mir leise dein Auge. | Du bist

mir auf dieser langen Reise | ein Gastfreund

ohne Hehl. | Dein Leben liefert

mir den Beweis, | daß es auf Erden

noch Liebe giebt. | Du bringst mir den

Moschusduft der Liebe | und die Speise

der Wahrheit. | Jn deinem lieben

Kreise | wird mir's so leicht, so warm. |

Du bist eine Perle, | mir über alles

wert. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Platen.



Du bist der wahre Weise mir,

Dein Auge lispelt's leise mir:

Du bist ein Gastfreund ohne Hehl

Auf dieser langen Reise mir;

Dein Leben wird, daß Liebe noch

Lebendig, zum Beweise mir.

Du bringst der Liebe Moschusduft,

Du bringst der Wahrheit Speise mir;

Es wird so leicht, es wird so warm

Jn deinem lieben Kreise mir;

Du bist die Perle, deren Wert

Hoch über jedem Preise mir.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 8. Ghaselenreim. Vokal e im Reim erz sein. Metrum:

Der jambische Viertakter.



(NB. Das Beispiel ist zugleich Probe des schwebenden Reims.)



Spielzeug.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



O laß, was ich im Scherze gesagt,

| nicht ganz als Scherz dir gesagt

sein! | Besieh den Scherz, bevor du

lachst, | und du wirst tiefen Schmerz

entdecken. | Betrachte dein Spielzeug,

ehe du es zerbrichst, | und du wirst

finden, daß es ein Dichterherz ist. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Robert Hamerling.



O laß, was scherzend ich gesagt,

Nicht ganz gesagt als Scherz sein!

Besieh' den Scherz, bevor du lachst,

Es wird ein tiefer Schmerz sein.

Besieh' dein Spielzeug, eh' du's brichst,

Es wird ein Dichterherz sein!
[Ende Spaltensatz] |#f0088 : 62|



§ 22. Bildung von abwechselnd reimlosen und gereimten

Verszeilen.



1. An die Übungen in der Ghaselenform schließen sich die Übungen

in abwechselnd reimlosen und gereimten Verszeilen eng an. Sie sind

in ihrer Anwendung noch leichter als die Ghasele, da ja nur immer

ein Reim in der Strophe nötig ist. (Wir kommen bei der gebrochen

geschriebenen Nibelungenstrophe noch einmal auf diese Form zurück.)



2. Daß sich bei Zusammenstellung von je 2 ungereimten und

2 gereimten Verszeilen vierzeilige Strophen ergeben, ist nebensächlich,

kann aber immerhin als Überleitung zur Strophenbildung beachtet

werden.



3. Die Bildung reimloser und gereimter Verszeilen ist deshalb

sehr leicht, weil das große Material innerhalb zweier Zeilen zweifelsohne

mindestens ein Reimecho in sich schließt.



4. Mehr als 10 Takte sollten bei diesen Übungen beide Verszeilen

(mit Rücksicht auf die Architektonik des Reimes) nicht betragen.



5. Dilettanten wenden häufig den jambischen hyperkatalektischen

Quinar ohne ein strophisches Charakteristikum an. Noch beliebter sind

bei ihnen wegen leichter Handhabung die jambischen Viertakter. Der

Lernende thut gut daran, bei denselben die gereimte Zeile je um

1 ganzen oder ½ Takt zu verkürzen, weil dadurch der Abschluß markanter

wird.



Aufgabe 1. Männlicher Reim. Nachstehender Stoff soll in

jambischen Dreitaktern gegeben werden, von denen je die geraden,

reimlosen hyperkatalektisch
(⏑ – ⏑ – ⏑ – | ⏑) sein mögen, während

die gereimten akatalektisch sind.



Liebesahnung.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Wohl schmücket unsere Jugend |

manch schöner Kranz; | ein sonniger

Äther | beglänzt sie, | ein warmer

Mai | bringt Blumen | und frohe

Lieder. | Doch um Eines | ist sie besonders

zu beneiden: | es sind nicht

die roten Wangen | und nicht das

rasche Blut, |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Franz v. Kobell.



Wohl schmückt die schöne Jugend

So mancher grüne Kranz,

Ein sonnigheller Äther

Weht drüber seinen Glanz,

Ein duftig warmer Maien

Bringt seines Gartens Zier,

Bringt farbig frische Blumen,

Bringt frohe Lieder ihr;

Doch Eines ist vor allen

Jhr neidenswertes Gut,

Die Blüte nicht der Wangen

Und nicht das rasche Blut:
[Ende Spaltensatz] |#f0089 : 63|



[Beginn Spaltensatz]es ist die Ahnung der Liebe, | wenn

sie im Herzen keimt, | wenn sie die

Erde | zum Himmel verklärt, | wenn

die Welt | ihr Abglanz wird, | wenn

sie alles verschönt | mit ihrem Zauber.

| O daß die flüchtige, teilnamslose

Zeit | nicht verweilt | an jener

Lust des Daseins, | die uns der rasche

Wechsel | entzieht, | als ob den Himmel

| sein rasches Glück reue, | als

wäre es wie verloren, | ja, als wäre

es schade darum, | wenn er es der

armen Erde | zum vollen Besitz überließe.

|

[Spaltenumbruch]

Die Ahnung ist's der Liebe,

Wenn sie im Herzen keimt,

Wenn leise sie zum Himmel

Die Welt hinüberträumt,

Wenn alles wird da außen

Zu ihrem Spiegelbild,

Verschönt, verherrlicht alles,

Wohin ihr Zauber quillt;

O daß du nicht verweilest,

Du flüchtig kalte Zeit,

An jener Lust des Daseins,

An jener Seligkeit,

Daß uns so schneller Wechsel

Aus ihren Armen reißt,

Als reute es den Himmel

Das Glück, das er verheißt,

Als wär' es wie verloren

Und schien' ihm schade drum,

Gäb' er's der armen Erde

Zum vollen Eigentum!
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Weiblicher Reim. Nachstehender Stoff soll in

jambischen Viertaktern gegeben werden; die geraden, reimlosen

Zeilen sollen akatalektisch
(⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑ –), die gereimten dagegen

katalektisch
(⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑) sein.



Wasser und Wein.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Der stolze Wein sprach einst zum

Wasser: | Jch tafle mit den Fürsten; |

alle Ritter und Edle | dürsten nach

meiner Quelle; | ich befinde mich in

goldenen Bechern | und werde hoch

gepriesen. | Dir wird davon | nichts zu

teil. | Darauf entgegnete das Wasser: |

Jch bin mit meinem Schicksal nicht

unzufrieden; | im Morgenglanze küßte

mich | ein Mädchen von der Rose

hinweg, | und hat die Blume mir anvertraut,

| daß ich sie frisch erhalten

soll; | ich habe der Rose auch die

Knospen | gar kunstreich entfaltet. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Franz v. Kobell.



Zum Wasser sprach der stolze Wein:

Jch tafle mit den Fürsten,

Die Ritter und die Edlen all'

Nach meiner Quelle dürsten,

Jn goldnen Bechern hause ich

Zum Himmel hoch gepriesen,

Dir wird von solcher Herrlichkeit

Kein Stäubchen zugewiesen.

Das Wasser sprach: ich zürne drum

Fürwahr nicht meinem Lose,

Mich küßte jüngst im Morgenglanz

Ein Mädchen von der Rose,

Und hat die liebe Blume mir

Vertraut, sie frisch zu halten,

Jch wußte fein die Knospe ihr

Gar künstlich zu entfalten.
[Ende Spaltensatz] |#f0090 : 64|



[Beginn Spaltensatz]

Jch danke dem Geschicke | für die Gunst

eines schönen Mädchens | und überlasse

dir gern deinen Prunk | und

deiner Edlen Blicke. | Schweigend vernahm

dies der Wein | und schalt hinfort

das Wasser nicht mehr. ─ Ja, schöne

Mädchen gelten zu allen Zeiten viel |

und werden jederzeit viel gelten. |

[Spaltenumbruch]

Um solcher Gunst von schöner Maid

Wohl dank' ich dem Geschicke

Und laß dir gerne deinen Prunk

Und deiner Edlen Blicke. ─

Und schweigend hörte es der Wein,

Wollt's Wasser nicht mehr schelten.

Ja schöne Mädchen gelten viel

Und werden 's immer gelten.
[Ende Spaltensatz]


§ 23. Bildung von ununterbrochenen Reimversen.



1. Jm Gegensatz zu den Gedichten mit abwechselnd reimlosen und

gereimten Verszeilen enthalten alle Reimgedichte lediglich gereimte Verse

und zwar in den verschiedensten Stellungen und Kombinationen.



2. Die wesentlichen Kombinationen in der Reimzahl und =Stellung

werden in der Strophenlehre zur Anschauung gebracht werden. Hier

beschränken wir uns auf drei charakteristische Formen.



a. Reimpaare.



Aufgabe 1. Nachstehender Stoff ist in jambischen Viertaktern

wiederzugeben. Männliche und weibliche Reime sind je nach Bedürfnis

gestattet.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Der jugendliche Beherrscher einer

halben Welt erhielt in seinem Königszelte

die Nachricht, daß von all seinen

Kriegern nicht ein einziger zurückgekehrt

sei, daß die Krieger scharenweise

an einer Quelle verschwänden. Da

besann er sich nicht lange. Rasch bestieg

er sein Schlachtroß und ohne jegliches

Gefolge sprengte er dem Bache

zu. Dort angelangt band er eilig

sein Roß an einen Baum und erklomm

nun den Hügel, wie es seine

Krieger auch gemacht hatten. Zum

erstenmal erfaßte ihn die Lust, frei

zu wandern. Er vergaß Stolz und

Eitelkeit seiner Würde und fühlte

menschlich rein, wie entzückend die

Natur sei.

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Karl von Thaler.



Die Kunde kam ins Königszelt,

Dem jungen Herrn der halben Welt,

Daß Keiner, den man ausgesandt,

Zum Heimweg sich zurückgewandt;

Daß ganze Scharen an der Quelle

Verschwänden wie des Baches Welle.

Der König sann nicht lange nach,

Als solches Wort zu ihm man sprach;

Er warf sich rasch aufs hohe Roß,

Ließ ferne des Gefolges Troß

Und ritt allein dem Bache zu.

Dort angelangt, hatt' er nicht Ruh;

Er stieg vom Pferd am Ufersaum,

Band selbst das Tier an einen Baum

Und klomm den Hügel dann hinan,

Wie seine Krieger auch gethan.

Zum erstenmal war Alexandern

Die Lust gekommen, frei zu wandern.

Der Krone Stolz und Eitelkeit

Vergaß er ganz für kurze Zeit

Und fühlte rein und menschlich nur,

Wie schön und prächtig die Natur.
[Ende Spaltensatz] |#f0091 : 65|



b. Drei Reime.



Aufgabe 2. Ein Reimgedicht mit drei einander folgenden

Reimen, also nach dem Reimschema:
a a a, b b b &c. &c. Jambisch

anapästischer Rhythmus. Dreitakter; die das Ganze abschließende

Pointe kann ausnahmsweise in einem Viertakter gegeben werden.



Rachelust.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Möchte doch das Veilchen, das ich

bringe, | und das Liedchen, das ich

singe, | zu deinem Herzen sprechen. |

Jch habe dir das Veilchen gebracht |

und das Lied gesungen | und du hast

nicht an mich gedacht. | Ein andrer

ist dir zugeneigt | und bringt dir ebenfalls

Blumen und Lieder, | dieser hat

deine Gunst erworben. | Wäre ich doch

dieser andre, | um mich rächen zu

können! | Nie würde ich deine Wünsche

erfüllen; | und wenn du mich noch so

sehr bitten würdest, | Lieder | und Veilchen

würde es nicht mehr geben. | O

wäre ich doch der andre! |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Franz v. Kobell.



Das Veilchen, das ich dir bringe,

Das Liedchen, das ich dir singe,

Ach, daß es zum Herzen dir ginge!

─ Jch hab' das Veilchen gebracht,

Sang dir das Lied bei der Nacht,

Du hast nicht daran gedacht.

Ein andrer schwärmt um dich

Mit Blumen und Lied wie ich,

Der gewinnt dein Gefallen für sich.

Jch möcht' dieser andere sein,

Nur um mich zu rächen allein!

Thät nimmer dein Begehren, nein,

Und bätest du noch so sehr

Jch säng' kein Liedchen mehr,

Und gäb' kein Veilchen her ─

Wenn ich nur dieser andre wär'!
[Ende Spaltensatz]

c. Gekreuzte Reime.



Aufgabe 3. Ein Reimgedicht mit ununterbrochenen Reimversen.

Jambische Viertakter. Die ungeraden Zeilen können hyperkatalektisch

sein, um weibliche Reime zu erhalten, dagegen sollen

die geraden Zeilen männlich reimen. Das Gedicht soll gekreuzte

Reime
(a b a b) erhalten.



Waldleben.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



O geheimnisvolles Träumen | der

vom Duft durchzogenen Waldesnacht. |

O tritt ein, dann erblüht goldne

Märchenpracht | aus Büschen und

Bäumen. | Jn grünem Golde | spielt

das Licht der Sonnenstrahlen. | Die

neckende Blütendolde des Grases streift |[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Otto Roquette.

O tief geheimnisvolles Träumen

Der duftdurchwehten Waldesnacht!

Tritt ein, und rings aus Busch und

Bäumen

Erblüht dir goldne Märchenpracht.

Lebendig wirrt in grünem Golde

Der Sonnenstrahlen buntes Licht,

Es streift des Grases Blütendolde
[Ende Spaltensatz] |#f0092 : 66|



[Beginn Spaltensatz]den Blumen ums Gesicht; | die Riesentanne

erhebt sich rauschend | aus dem

umgebenden Buchengrün, | und erzählt

von der Vorwelt in dunklen

Worten, | als Greis, der doch immer

noch lebenskühn ist; | und an ihrer

knorrigen Wurzel | entspringt der

Bach, | der immer neue Frühlingslust

bringt, | wenn auch mancher Ast verdorrte.

| So tränkt mit jugendlichen

Quellen | die ewige Lebensflut | den

reinen Trieb verglühter Sonnen, | den

weder Sturm noch Glut zu welken vermochte.

|

[Spaltenumbruch]

Den Blumen neckend ums Gesicht;

Die Riesentanne hebt sich rauschend

Aus nachbarlichem Buchengrün,

Der Vorwelt dunkle Worte tauschend,

Ein Greis, und doch noch lebenskühn.

Und um der Wurzeln schwarze Knorren

Springt hell aus frischer Felsenbrust

Der Bach; mag mancher Ast auch dorren,

Er bringt ihm neue Frühlingslust.

So tränkt mit jugendlichen Bronnen

Die ewig klare Lebensflut

Den reinen Trieb verglühter Sonnen,

Den nicht gewelket Sturm noch Glut.
[Ende Spaltensatz]


§ 24. Schriftliche und mündliche Übungen im Metrum und

im Reim.



1. Wenn wir auch nicht der Ansicht sind, daß in unserer poesiearmen

Zeit Dichterschulen wie in Griechenland zur Zeit der Sappho

und des Alkäos &c. erstehen werden, so meinen wir doch, daß in unsern

geselligen Vereinigungen viel für Pflege der Poesie geschehen könnte,

und daß daher eine Anregung hierzu willkommen sein dürfte. Gebildete

Männer und Frauen, Dichter und Dichterfreunde &c., könnten sich unter

versgewandter Leitung vereinigen, um dichterische Übungen zu veranlassen,

Jnteresse für unsere dichterische Kunst zu wecken und das

Vestafeuer deutscher Poesie vor dem Erlöschen zu bewahren.



2. Zur Zeit des Meistersanges waren es schlichte Handwerker,

welche sich (mit freilich nur geringem Verständnisse) der lyrischen Poesie

annahmen und ohne Poetik, ohne Kenntnis der poetischen Gesetze die

Meisterschulen in Nürnberg, Mainz, Straßburg, Augsburg, Frankfurt,

Regensburg, Memmingen &c. gründeten. Metrum, Reim, Melodie &c.

wurden bei ihren Nachahmungen der Minnesinger genau beachtet und

bildeten die sogenannte Tabulatur. Schüler konnte jeder sein; Schulfreund

hieß, wer die Tabulatur kannte; Singer, wer einige Melodien

zu singen vermochte; Dichter, wer Lieder nach Melodien anderer zu

bilden verstand; Meister, wer neue Töne erfand. Es bestanden also

5 Grade. Auf einer Art Bühne (Gerüste, Gemerke) versammelten sich

die Vorstände (Merker). Der Singer stellte sich auf den Singstuhl

(eine Art Kanzel). Der erste Akt war das Freisingen. Vier Merker,

von denen einer die Ordnung bestimmte, waren Richter. Der eine

verglich den Jnhalt, ob er auch streng biblisch sei. Der zweite untersuchte,

ob den Regeln des Lieds (Bars) genau entsprochen wurde. Der

dritte prüfte den Reim, der letzte die Melodie. Der 1. Preis (silbernes |#f0093 : 67|



Gehäng mit einer Münze, den König David als Harfenspieler darstellend),

sowie der 2. Preis (seidene Blumen) gaben Anrecht auf die

Stelle eines Merkers.



3. Ein solcher Apparat war damals nötig, um Eifer zu wecken

und Aufmerksamkeit zu erzielen, damit Wesen wie Form gewahrt wurde.

Das genießende Beschauen der dichterischen Gaben erbte sich eben so

traditionell von Generation zu Generation weiter wie die Kunst, regelrecht

zu schaffen. Es dürfte verdienstlich erscheinen, neuerdings eine Tradition

zu begründen, die fortwirkt, ohne wie bei jenen zu verknöchern. Wir

sind daher mit Vereinigungen zufrieden, welche das genießende Beschauen

unserer dichterischen Gaben bezwecken, daneben aber auch Minderbegabte

in die Technik der Poesie einzuführen vermögen.



4. Da die Umbildung mittelhochdeutscher Gedichte ins Hochdeutsche

ebenso leicht auszuführen sein dürfte als die Übertragung in andere

Versformen und Rhythmen, und da es in pädagogischer Beziehung für

den Lernenden ermutigend ist, den Erfolg seiner Thätigkeit zu sehen,

so widmen wir der Übertragung einzelner Dichtungen gebührende Rücksicht.



5. Wir bemerken, daß in allen jenen Fällen die Veränderung

des Ausdrucks, ja, selbst die Einfügung eines neuen Gedankens gestattet

ist, in welchen das hochdeutsche Reimwort dies nötig macht.



6. Das Reimgeschlecht darf je nach Bedürfnis geändert werden.



A. Mündliche Umbildung mittelhochdeutscher Gedichte.



Aufgabe. Nachstehendes Gedicht von Walther von der Vogelweide

soll ins Hochdeutsche übertragen werden.



Gefährdetes Geleite.



[Beginn Spaltensatz]

Original. (Ausg. v. Frz. Pfeiffer.)



Ich saz ûf eime steine:

und dahte bein mit beine,

dar ûf sast' ich den ellenbogen;

ich hete in mîne hant gesmogen

daz kinne und ein mîn wange.

dô dâhte ich mir vil ange,

wes man zer werlte solte leben.

dekeinen rât kond' ich gegeben,

wie man driu dinc erwurbe,

der keines niht verdurbe.

diu zwei sint êre und varnde guot,

der dwederz dem andern schaden

tuot,

daz dritte ist gotes hulde,

der zweier übergulde:

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von K. Simrock.



Jch saß auf einem Steine:

Da deckt' ich Bein mit Beine,

Darauf der Ellenbogen stand;

Es schmiegte sich in meine Hand

Das Kinn und eine Wange.

Da dacht' ich sorglich lange

Dem Weltlauf nach und ird'schem Heil;

Doch wurde mir kein Rat zu Teil,

Wie man drei Ding' erwürbe,

Daß ihrer keins verdürbe.

Die zwei sind Ehr' und weltlich Gut,

Das oft einander Schaden thut,

Das dritte Gottes Segen,

An dem ist mehr gelegen:
[Ende Spaltensatz] |#f0094 : 68|



[Beginn Spaltensatz]

die wolte ich gerne in einen schrîn.

jâ leider des enmac niht sîn,

daz guot und werltlich êre

und gotes hulde mêre

zesamene in ein herze komen.

stîg' unde wege sint in benomen:

untriuwe ist in der sâze,

gewalt vert ûf der strâze,

frid' unde reht sint sêre wunt:

diu driu enhabent geleites niht,

diu zwei enwerden ê gesunt.

[Spaltenumbruch]

Die hätt' ich gern in einen Schrein.

Ja leider mag es nimmer sein,

Daß Gottes Gnade kehre

Mit Reichtum und mit Ehre

Je wieder in dasselbe Herz;

Sie finden Hemmung allerwärts:

Untreu hält Hof und Leute,

Gewalt fährt aus auf Beute;

So Fried' als Recht sind todeswund:

Die dreie haben kein Geleit, die zwei

denn werden erst gesund.
[Ende Spaltensatz]


B. Schriftliche Umbildung von Fabeln.



1. Viele unserer Fabeldichter haben ältere Stoffe abweichend von

den älteren Quellen oder mit Zusätzen neu bearbeitet, was zur Lehre

dienen kann.



2. Die beste Belehrung, wie aus einer Fabel durch Fortspinnen

des Geschichtlichen der Fabel und durch Veränderung einzelner Umstände

eine neue Fabel gebildet werden kann, giebt Lessing in seinen

„Abhandlungen über die Fabel“. (Der Lernende vgl. das Wesentliche

II, 166 unserer Poetik.)



3. Der Fabeldichter braucht sich nicht sklavisch streng an ein bestimmtes

Versmaß zu halten; er kann auch je nach seinem Stoffe

einzelne Zeilen verkürzen oder verlängern, sofern die Pausen in Anrechnung

kommen.



4. Bei der Fabel kommt es vor allem auf Einfachheit der Darstellung

an, auf kindlich=naive Ausdrucksweise.



Aufgabe 1. Nachstehender Stoff soll im jambischen Rhythmus

erzählt werden. Die Länge der Zeilen und der rhythmischen

Reihen ist dem Belieben anheimgegeben.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Ein alter Haushahn hielt auf

einer Scheuer Wache. | Er sah einen

Fuchs herbei eilen. | Schon von weitem

rief dieser dem Hahne zu: „Freue dich,

Freund, | ich bringe frohe Kunde: |

Der Krieg der Tiere unter einander

hört auf. | Von nun an wird

Friede und Freundschaft herrschen. |[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Fr. v. Hagedorn.

Ein alter Haushahn hielt auf einer

Scheuer Wache;

Da kommt ein Fuchs mit schnellem

Schritt,

Und ruft: O krähe, Freund, wie ich

dich fröhlich mache!

Jch bringe gute Zeitung mit.

Der Tiere Krieg hört auf; man ist

der Zwietracht müde;

Jn unserm Reich ist Ruh' und Friede;
[Ende Spaltensatz] |#f0095 : 69|



[Beginn Spaltensatz]Jch bringe auch dir den Frieden. |

Komme herab, daß ich dich herzen kann.“ |



Jn diesem Augenblicke schielte der

Hahn nach der Seite. Als der Fuchs

nach dem Grunde fragte, antwortete

der Hahn: „Halt, Greif und Bellard, |

die Hunde, welche du kennst, sehe ich

daher kommen.“ | Da ergriff der Fuchs

die Flucht: „Was ficht dich an?“ rief

ihm der Hahn zu. | „Gar nichts,“

erwiderte der Fuchs im Davonlaufen,

„der Streit ist ganz gewiß zu Ende, |

aber ich fürchte, daß die Hunde noch

nicht davon unterrichtet sind.“ |

[Spaltenumbruch]

Jch selber trag' ihn dir von allen

Füchsen an.

O Freund komm' bald herab, daß ich

dich herzen kann!

Wie guckst du so herum! ─ Greif, Halt

und Bellard kommen,

Die Hunde, die du kennst! versetzt der

alte Hahn;

Und als der Fuchs entlauft: Was,

fragt er: ficht dich an? ─

Nichts, Bruder! spricht der Fuchs: der

Streit ist abgethan,

Allein ich zweifle noch, ob die es schon

vernommen.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Eine zweite Fabel im jambischen Rhythmus ist

zu bilden. Man möge Alexandrinerverse wählen. Zuweilen kann

auch ein fünf=, vier- oder dreitaktiger Vers eingefügt werden,

da die Pausen in Anrechnung gebracht werden dürfen.



Die Milchfrau.



Stoff. (Nach Lafontaine's bekannter Fabel.) Eine Bauersfrau, geliebt

von ihrem Manne und gesund an Leib und Seele, ging am frühen Morgen

zur Stadt. Auf ihrem Kopfe trug sie einen großen Topf mit vier Stübchen

süßer Milch. Sie eilte, denn sie wollte die erste Milchverkäuferin in den Straßen

der Stadt sein. Sie dachte bei sich: Die erste Milch ist teuer, und wenn

ich Glück habe, nehme ich mindestens sechs Groschen ein; für diese kaufe ich

fünfzig Eier; diese geben fünfzig Hennen, davon verkaufe ich soviele, als für

den Ankauf eines kleinen Schweines nötig sind. Wie glücklich macht der

Gedanke, meinem Manne eine Freude zu bereiten! Wie mag er aufschauen,

wenn das Schwein erst gemästet sein wird und ich dafür eine Kuh mit einem

Kälbchen erhandeln kann. Das Kälbchen will ich täglich auf die Weide bringen:

„Hei,“ rief sie und that vor Freude einen Sprung. Sie wollte sagen: „Hei,

wie lustig wird es hüpfen und springen!“ Da lag auch schon der Topf in

Scherben am Boden. Mit Schrecken sah sie alle ihre Pläne vernichtet. Eine

Weile betrachtete sie sprachlos die weiße Milch auf dem schwarzen Boden.

Dann wandte sie sich weinend der Heimat zu. Der Mann beruhigte sie, indem

er sie ermahnte, keine Luftschlösser zu bauen. „Das wahre Glück“, so setzte

er bedeutungsvoll hinzu, „besteht in der Zufriedenheit.“



Lösung. Von Gleim.



Auf leichten Füßen lief ein artig Bauernweib,

Geliebt von ihrem Mann, gesund an Seel' und Leib,
|#f0096 : 70|



Frühmorgens nach der Stadt und trug auf ihrem Kopfe

Vier Stübchen süße Milch in einem großen Topfe.

Sie lief und wollte gern „Kauft Milch“ am ersten schrei'n;

Denn dachte sie bei sich, die erste Milch ist teuer,

Will's Gott, so nehm' ich heut' sechs bare Groschen ein,

Dafür kauf' ich mir dann ein halbes hundert Eier;

Mein Hühnchen brütet sie mir all' auf einmal aus;

Gras eine Menge steht um unser kleines Haus;

Die kleinen Küchelchen, die meine Stimme hören,

Die werden herrlich da sich letzen und sich nähren;

Und ganz gewiß, der Fuchs müßt' listig sein,

Ließ er mir nicht so viel, daß ich ein kleines Schwein

Dafür eintauschen könnte! Seht nur an!

Wenn ich mich etwa schon im Geiste freue,

So denk' ich nur dabei an meinen lieben Mann!

Zu mästen kostet's mir ja nur ein wenig Kleie!

Hab' ich das Schweinchen fett, dann kauf' ich eine Kuh

Jn meinen kleinen Stall, ein Kälbchen wohl dazu;

Das Kälbchen will ich dann auf meine Weide bringen,

Und munter hüpft's und springt's, wie da die Lämmer springen.

Hei! sagt sie, und springt auf, und von dem Kopfe fällt

Der Topf; das bare Geld, ─

Und Kalb und Kuh und Reichtum und Vergnügen

Sieht nun das arme Weib vor sich in Scherben liegen!

Erschrocken bleibt sie stehn und sieht die Scherben an,

„Die schöne weiße Milch, sagt sie, auf schwarzer Erde!“

Weint, geht nach Haus, erzählt's dem lieben Mann,

Der ihr entgegen kommt mit ernstlicher Gebärde;

„Kind“, sagt der Mann, „schon gut! Bau nur ein andermal

Nicht Schlösser in die Luft, man baut sich seine Qual!

Geschwinder drehet sich um sich kein Wagenrad,

Als sie verschwinden in den Wind!

Wir haben all' das Glück, das unser Junker hat,

Wenn wir zufrieden sind!“


(Man vgl. auch die Bearbeitung II, 229 unserer Poetik.)



C. Mannigfaltige Umbildungen der nämlichen Gedichte.



Aufgabe. Zur Gewinnung größtmöglicher Fertigkeit versuche

man, selbst auszuwählende kleinere mittelhochdeutsche Gedichte lautlesend

umzubilden:



1. in regelrechte hochdeutsche Verse mit reinen Jamben,



2. in trochäische Verse mit reinen Trochäen,

|#f0097 : 71|



3. in jambische Verse mit eingefügten Anapästen,



4. in trochäische Verse mit eingefügten Daktylen.



5. Weiter möge man jeden Vers dieser Gedichte zuerst um je

einen Verstakt verlängert, dann um je einen Verstakt verkürzt

vorlesen, und zwar ebenso im jambischen, wie im trochäischen

Metrum.



6. Endlich können Übungen im Reimgeschlecht und in der

Reimart erfolgen. Diese Übungen werden den Lernenden befähigen,

mit Erfolg zur Strophenbildung überzugehen.



Beispiele: Zu Beispielen für 1─4 empfehlen wir: „Deutsche

Liederdichter des
12. bis 14. Jahrh. Eine Auswahl von Karl

Bartsch.
2. Aufl. 1879. Der angefügte, erschöpfende Glossar macht dieses

Buch ebenso für Vorlesungen, wie besonders für unseren Zweck wertvoll.



Ein Beispiel für Ziffer 5 und 6 ist Rückerts Parabel „Der thörichte

Mann
“, welche der Dichter nach der im jambischen Quinar geschriebenen

Übersetzung Hammer-Purgstalls aus dem Divan Mewlane Dschelaleddin's

(vgl. Hammer-Purgstalls Geschichte der schönen Redekünste Persiens, Wien 1818)

in jambischen Viertaktern (also um 1 Takt verkürzt) und mit meist abweichenden

Reimen nachgedichtet hat. ─

|#f0098 : E72|



Drittes Hauptstück.

Strophenbildung. ──────


§ 25. Einführung in die Strophenbildung.



1. Übungen in der deutschen Strophik (d. i. im kunstvollen Bau

deutscher Strophen) wurden bis jetzt systematisch nirgends angestellt.

Man kannte antike Strophen und pflegte sie: von einer deutschen

Strophik sprach ─ Seyd und Wessenberg ausgenommen ─ überhaupt

niemand. Auch die Handbücher der Poetik behandelten die deutsche

Strophenbildung höchst oberflächlich oder gar nicht, bis wir dieselbe

in unserer Poetik zum erstenmale zum System erheben und eine deutsche

Strophentheorie schaffen konnten.



2. Die Strophe verlangt nach Jnhalt und Form einheitlichen

Bau und bestimmte Abgeschlossenheit, um als abgerundetes Teilganzes

zu erscheinen.



3. Somit ist das bei der antiken Strophe erlaubte Hinüberziehen

des begonnenen Satzes in die folgende Strophe in unserer deutschen

Strophe unstatthaft.



4. Eine Ausnahme ist zu gestatten, wenn die fortlaufende Handlung

eines Stoffes ein Aufhören oder einen syntaktischen Ruhepunkt

nicht gestattet. Jn jedem Falle muß sich aber das Strophenschema

dem Ohre und dem Auge erst sicher eingeprägt haben. Nie darf also

das Enjambement am Anfange eines Gedichts eintreten; also niemals

schon am Ende der 1. oder 2. Strophe.



5. Zur Einführung in die Technik der Strophe, die eine Naturnotwendigkeit

unserer Sprache ist, beschränken wir uns (anschließend

an das im 1. Bd. unserer Poetik Gelehrte) lediglich auf die praktischen

Gesichtspunkte, indem wir darlegen:



I. Die Anfänge der Strophenbildung und die Entwickelung derselben,





II. Die Länge der Verszeilen und der Strophen,

|#f0099 : 73|



III. Rhythmus und Reim bei den Strophen,



IV. Verbindung längerer Strophen und das strophische Charakteristikum,





V. Einteilung des Gedichtstoffes.



§ 26. I. Anfänge der Strophenbildung und Entwickelung

derselben (Philosophie des Strophenbaus).



1. Der Anfang aller Strophenbildung ist die Zweizeile (Distichon,

Reimpaar). Diese ist die elementarste Form der Strophe.



2. Schreibt man die Zeilen des Reimpaars gebrochen, so entstehen

Vierzeilen.



3. Fügt man der Zweizeile einen einzeiligen Abgesang an, so

entsteht die Dreizeile.



4. Durch Anfügen dieses Abgesangs an die Vierzeile entsteht die

Fünfzeile, welche zur Sechszeile hindrängt, sofern ihre ersten vier

Zeilen aus Reimpaaren bestehen. Die 5. Zeile wird nämlich in

diesem Fall als halbes Reimpaar empfunden, das seine zweite, fehlende

Hälfte verlangt.



5. Die Vierzeile mit dreizeiligem Abgesang ergiebt die Siebenzeile.



6. Durch Brechung der Langzeilen bei der Vierzeile entsteht die

Achtzeile.



7. Die Neunzeile baut sich auf aus 2+2+5, oder 3+3+3.



8. Die Zehnzeile setzt sich zusammen aus 4+4+2, seltener

(namentlich bei Dilettanten) aus 5+5 u. s. w.



9. Die Ausdehnung der Strophe geht meistens nur bis zur Oktave

oder auch noch bis zur Decime. Doch giebt es noch zahlreiche

Elf=, Zwölf=, Dreizehn- und Vierzehnzeilen. Übervierzehnzeilige Strophen

gehören zu den Seltenheiten.



10. Jede Strophe besteht aus Gliedern und Untergliedern. Meist

bilden Vordersatz und Nachsatz ein Glied.



Die Periode:



„Es zogen zwei Grenadiere nach Frankreich,

Die in Rußland gefangen waren.

Als sie ins deutsche Quartier kamen

Ließen sie die Köpfe hangen ─“



besteht aus 2 Gliedern von je einem Vordersatz und einem diesem entsprechenden

Nachsatz. Jeder Satz bildet eine Verszeile, so daß die

ganze Periode eine symmetrische, vierzeilige Strophe ergiebt, welche

Heine also gestaltet hat:

|#f0100 : 74|



„Nach Frankreich zogen zwei Grenadier',

Die waren in Rußland gefangen.

Und als sie kamen ins deutsche Quartier,

Sie ließen die Köpfe hangen.“



11. Ähnlich ist der Bau jeder Strophe zu analysieren.



12. Bei Beurteilung der Strophenglieder werden auch die Pausen

hinzugerechnet.



II. Länge der Verszeilen und der Strophen.



A. Zeilenlänge.



1. Die Zeilenlänge hängt ab von der Stimmung und vom Stoffe.



Von der Stimmung: Leidenschaftlich erregter Jnhalt läßt sich

nicht in knappe Formen einzwängen, denn die leidenschaftliche Sprache

ist wortreich und bedarf eines weiten Maßes. (Die Leidenschaft an

sich spricht nicht langatmig. Aber der dichterische Ausdruck der Leidenschaft

ist stets wortreich.)



Dagegen empfehlen sich kürzere Zeilen für wenig erregten, spielerischen,

tändelnden Jnhalt (Beispiel: Rückerts „Alle die Dingerchen“),

ferner für Niedliches (Beispiel: Goethe's „Ein Blumenglöckchen vom

Boden hervor), für kaleidoskopisches Vorbeihuschen, bewegliches Leben

(Beispiel: Goethe's „Verschiedene Empfindungen an einem Platze“), für

entschlossenes Vorgehen (Beispiel: Goethe's „Frech und froh“), für

neckisches Wesen (Beispiel: Goethe's „Gefunden“), für raschen Wechsel

des Gefühls, Entschiedenheit, Energie, wie für leidenschaftsvolles Vorgehen

&c. u. s. w.



Vom Stoffe: Bei größerer Ausbreitung des Stoffes, bei breiterer

Aufrollung der Gedanken, bei Darlegung eines reichen Stoffes,

bei dem wir uns unbeschränkt ausgedehnt äußern wollen, sind längere

Zeilen am Platze.



2. Stellt man alle lyrischen Gedichtstrophen nebeneinander, wie

wir sie in der That von Kürnberger bis in die Neuzeit vereinen konnten,

so ergiebt sich als mittlere Ausdehnung des lyrischen Verses (des Liedverses)

der Viertakter, und zwar in allen Rhythmen.



3. Der Viertakter ist auch der Vers für die meisten Epen, selbst

für unser liedartiges nationales Nibelungenepos, sofern man unter

Hinzurechnung der Jncisionspausen den Nibelungenvers als einen

doppelten Viertakter (Tetrameter) ansehen könnte. Besonders das

romantische Epos hat diesen Vers mit Vorliebe angewandt.



B. Strophenlänge.



4. Es ist eine interessante Erscheinung, daß die meisten Dichter

selbst bei kurzzeiligen Gedichten kurze Strophen gewählt haben. Viel= |#f0101 : 75|



leicht ist dies im Schönheitsgefühl begründet, welches eine gewisse Proportionalität

der Hauptteile zu den Unterabteilungen verlangt.



Leider ist die Strophenlänge bei vielen Dichtern von der zufälligsten

Willkür oder dem unwillkürlichsten Zufall abhängig. Man merkt ihrer

Planlosigkeit gar bald an, daß sie über die Symmetrie der Strophen

und deren architektonischen Aufbau nie nachgedacht haben.



C. Normen für die Zeilen- und Strophenlängen.



5. Jm allgemeinen wird wohl hinsichtlich der Ausdehnung von

Zeilen und Strophen Folgendes festzusetzen sein:



a. Bei größerer Ausbreitung des Stoffs, bei breiterer Aufrollung

der Gedanken, wie bei Darlegung eines reichen,

ernsten Jnhalts sind längere Zeilen und kürzere Strophen

am Platze.



b. Die Zeilenzahl der Strophe entspricht den Gruppen, in

welche der Stoff eingeteilt wird.



c. Wenn die Kurzzeilen ohne rhythmischen Absatz zusammen

gelesen werden können, so daß mehrere derselben wie eine

einzige Zeile erscheinen, so ist eine längere Ausdehnung der

Strophe bei Kurzzeilen wohl gerechtfertigt.



d. Jm andern Fall ist die kurze Strophe berechtigt, wenn die

Langzeile mehrere Kurzzeilen vereinigt und in 2, 3 oder

gar 4 Teile (Zeilen) geschrieben werden könnte, wie dies

beispielsweise in Anastasius Grüns Antworten („Dichter,

bleib' bei deinen Blumen! Nicht an Thronen frech gemeistert“),

oder in Platens „Nächtlich am Busento lispeln“ oder

in vielen Ghaselen Rückerts (vgl. z. B. S. 320 in Östliche

Rosen, der Ausg. von 1822) &c. der Fall ist.



6. Platen scheint bei seinen doppelzeiligen Strophen von dem

Satze ausgegangen zu sein, daß sich das Ganze zum Hauptglied verhalten

müsse, wie das Hauptglied zu den Nebengliedern. Dies ist

jedenfalls zu beachten, denn es bedeutet die Anwendung des Gesetzes

vom goldenen Schnitt und der Proportionalität. (Poetik I, 84.)



III. Rhythmus und Reim bei den Strophen.



A. Rhythmus.



1. Bezüglich des Rhythmus ist in der Praxis vorerst das eine

zu beachten, daß sich für lebhaftes frisches Fortschreiten der Jambus

eignet; für eiliges Aufwärtsdrängen und Weiterjagen ─ also für

Marschlieder, Spottgedichte ─ der Anapäst; für elegisches Jnsichkehren,

für Ernstes, Gemessenes, Beschauliches der Trochäus; für leidenschaftvolles

Reflektieren der Daktylus &c. &c.

|#f0102 : 76|



B. Reim.



2. Jm allgemeinen ist der Reim der Strophen vom Charakter

eines Gedichts abhängig. Soll dieses der Ausdruck von Kraft und

Energie sein, so muß es männliche Reime haben, während ein tieflyrisches

Gedicht (wie z. B. das Sonett) weibliche Reime beansprucht.

Jn der Oktave mit ihren weichen Vordersätzen und bestimmt abschließenden

Nachsätzen können weibliche mit männlichen Reimen abwechseln.

Ähnlich ist es bei ähnlichen Strophenformen. (Vgl. 7. Hauptstück.)



3. Strophen lebhaften, beweglichen, übersprudelnden, heiteren Jnhalts

sollten den daktylischen (schwebenden) Reim tragen, wobei selbstredend

der Reim jeder letzten Verszeile der Strophe männlich sein

müßte.



4. Bei Gedichten mit heiterer Grundstimmung sollten insbesondere

Reimklänge mit den hellen Vokalen i und e gewählt werden, während

in ernsten Gedichten nur männliche oder weibliche Reime mit den

dunklen Vokalen a o u am Platze sind.



5. Kunstvollere Reime, Fremdwörter in der Reimstelle &c. können

sich anerkannte Dichter gestatten; bei einem Dichterling, der sich durch

fabrikmäßige Produktion von Oktaven, Terzinen oder andern nicht einmal

verstandenen Formen den Charakter eines Dichters verleihen

möchte, nehmen sie sich mindestens sehr sonderbar aus. Diese ungewohnten

Reime meistern unsere Sprache und lenken vom Jnhalt ab.

Wie oft verstümmelt der komische Reim die Wortform, wie oft bringt

er minder bedeutende Anschauungen in die Reimstelle!



6. Um die Strophe im Anfange eines Gedichtes schon durch den

Reim als Teilganzes abzuheben, ist es empfehlenswert, in der nächstfolgenden

(zweiten) Strophe nicht allzu ähnliche Reimworte anzuwenden.

Wenn also z. B. die erste vierzeilige Strophe die Reime Blick

Geschick brachte, darf die zweite nicht Glückzurück wählen,

weil man dies für ein Reimecho (─ wenn auch für ein unreines ─)

ansehen und die beiden Vierzeilen als eine einzige Achtzeile auffassen

könnte.



IV. Verbindung längerer Strophen und das strophische

Charakteristikum.



1. Bei längeren Strophen, welche nicht schon durch den Periodenbau

und durch den Gedanken verbunden sind, ist darauf zu achten,

daß das Reimband sie zusammenhalte, wie dies beispielsweise bei den

Huitains der alten Franzosen (a b a b b c b c), bei der Siebenzeile

der Engländer (a b a b b c c) und bei der Kanzone der Jtaliener

der Fall ist, wo die Coda durch den Reim an die Piedi sich anschließt &c.

Daher sollte z. B. bei unseren achtzeiligen Strophen wenigstens ein

Reim die erste Strophenhälfte mit der zweiten verketten. Schon vier= |#f0103 : 77|



zeilige Strophen zerfallen häufig in zwei Reimpaare, wenn das erste

Reimpaar dem zweiten im Reimgeschlecht entspricht und mit dem Gedanken

abschließt. Jch erinnere an die vierzeiligen Strophen des

Freiligrathschen Löwenritts, die (mit Ausnahme der 2. und 3.) sämtlich

als Reimpaare zu schreiben sind. Das gleiche ist bei mancher

neuen Nibelungenstrophe Uhlands der Fall. Bei der alten Nibelungenstrophe

verlängerte man in verständnisvoller Weise je eine (die 4te) Verszeile,

um der Strophe ein charakteristisch abschließendes Gepräge zu verleihen,

während Uhland diese charakteristische Schleppe abgeschnitten hat.



2. Zusammengefügt können zwei Reimpaare zu einer Vierzeile

dadurch werden, daß beim folgenden Paar das Reimgeschlecht wechselt.



3. Um Strophenabschluß und strophische Abgrenzung in der Praxis

zu markieren, empfiehlt sich die Anwendung irgend eines der nachfolgenden

Strophenmerkmale:



a. Abwechselung der Reime, der Reimstellung, der Reimverschlingung,

der reimenden Vokale &c.



b. Refrain.



c. Regelmäßige Wiederkehr längerer und kürzerer Zeilen.



d. Abwechselung im Tongrade.



e. Abwechselung im Rhythmus.



f. Anwendung verschiedener Kola.



V. Einteilung des Gedicht-Stoffes.



1. Es ist dem Anfänger zu raten, seinen erzählenden Stoff zunächst

in kleine Gruppen abzuteilen (abzugrenzen), und dann erst an

die Ausarbeitung dieser Teile zu Strophen zu gehen. Der Meister

überfliegt sein Material und versifiziert es ohne weiteres; der Lehrling

muß sich erst die Wege öffnen, bevor er zu gehen versucht.



2. Auch der Verfasser lyrischer Gedichte thut gut daran, seinem

Stoffe eine Gliederung angedeihen zu lassen. Jede dumpfe Empfindung

des Lyrikers wird durch Umsetzung in Gedanken zum klaren Gefühl.

Diese zu klaren Gefühlen führenden Gedanken sind einer Disponierung

fähig. Freilich darf der Gedanke beim lyrischen Gedichte nicht dominieren,

er darf nur die Grundlage für die Empfindung sein.



3. Es ist vorteilhaft, unsere sämtlichen Strophenschemata (Poetik I,

634) zu studieren, um entscheiden zu können, welches Strophenmaß für

einen bestimmten Stoff zu wählen ist.



4. Die Ausdehnung der Strophe (ob dieselbe nämlich 2=, 3=, 4=

und mehrzeilig sei) hängt meist von den Stoffgruppen ab.



Wir geben bei den Aufgaben im jambischen Versmaße Gedichte

von der Zweizeile bis zur Achtzeile, um den Einblick in den Aufbau

zu ermöglichen. Bei den übrigen Versmaßen beschränken wir uns auf

die gebräuchlichsten Formen.

|#f0104 : 78|



Jambischer Rhythmus.


§ 27. Bildung jambischer Reimstrophen.



1. Es ist bei mehrzeiligen Strophen der ästhetischen Wirkung

halber zu raten, mit akatalektischen und hyperkatalektischen Reimpaaren

zu wechseln, oder mit andern Worten, neben dem männlichen Reim

auch den weiblichen anzuwenden.



2. Die Recitation hyperkatalektischer Verse verschmilzt die Schlußsilbe

des Verses mit der Anfangssilbe des folgenden Verses gewissermaßen

zu einem Anapäst.



3. Jst das Gedicht in seinen Versschlüssen katalektisch, so ist beim

Recitieren die Pause hinzuzurechnen.



4. Wichtig ist bei Bildung des Gedichts, daß in die Reimstelle

stets ein Begriffswort zu stehen komme, welches mehr oder weniger

den Jnhalt der ganzen Zeile in sich vereint, zugleich aber durch die

Erinnerung an den Gleichklang der vorhergehenden Zeile auch den

sinnlichen Eindruck und Jnhalt des vorhergehenden Verses wiederzuspiegeln

vermag. Dieser Reim verleiht unendlichen Klang und Schmuck;

er wirkt ästhetisch und verstärkt den versaufbauenden Rhythmus.



Aufgabe 1. Reimpaare. Metrum: der jambische Viertakter.

Erinnerung.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Unser Herz ist ein Totenschrein, |

in welchen man die gestorbene Liebe

legt. ‖ 2. Doch wenn Abends der Mond

am Himmel erscheint, | wird die tote

Liebe lebendig. ‖ 3. Und sie umschwebt

dich im blassen Mondenschein | mit

thränenfeuchtem Antlitz. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Otto von Leixner.



Es ist das Herz ein Totenschrein,

Man legt gestorbne Lieb' hinein;


Doch wenn der Mond am Himmel

geht,

Die tote Liebe aufersteht,


Und schwebt um dich im blassen Licht

Mit thränenfeuchtem Angesicht.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Dreizeilige Strophen. Jambische Viertakter.

Behufs eines strophischen Charakteristikums erhält je die letzte
(3.)

Verszeile der Strophen katalektischen Abschluß, also weiblichen

Reim. Reimschema
a a b.



Morgenlied.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Niemand ahnt noch den Sonnenaufgang;

die Morgenglocken sind noch

nicht erklungen. ‖ 2. Die Stille der[Spaltenumbruch]

Lösung. Von L. Uhland.

Noch ahnt man kaum der Sonne Licht,

Noch sind die Morgenglocken nicht

Jm finstern Thal erklungen.
[Ende Spaltensatz] |#f0105 : 79|



[Beginn Spaltensatz]Nacht ruht auf dem Walde; die Vöglein

zwitschern leise im Traume. ‖

3. Nur ich bin hinausgegangen ins

Feld und habe ein Lied gedichtet und

es laut gesungen. ‖

[Spaltenumbruch]

Wie still des Waldes weiter Raum!

Die Vöglein zwitschern nur im Traum,

Kein Sang hat sich erschwungen.


Jch hab' mich längst ins Feld gemacht

Und habe schon dies Lied erdacht

Und hab' es laut gesungen.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 3. Vierzeilige Strophen mit gekreuzten Reimen a b a b.

Jambischer Rhythmus. Abwechselnd hyperkatalektische Viertakter

mit akatalektischen.



Klar muß es sein.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Klarheit will ich haben, ich

vermag zu entsagen, | wenn es das

Schicksal verlangt. | Viel leichter kann

ich entsagen, als den Zweifel ertragen, |

der meine Kraft aufreibt. ‖ 2. Jch kann

mich aus den Schmerzen befreien, |

denn die Stürme stählen den Mut. |

Nur Furcht und Hoffnung | wirken verzehrend

wie die Sonnenglut. ‖ 3. Der

Feige und Ohnmächtige | mag dem

trügerischen Lichte vertrauen; | ich verlange

ganze Schmerzen und volles

Glück; | ich kämpfe nicht gegen wesenlose

Schatten. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Eduard Tempeltey.



Klar muß es sein! Jch kann entsagen,

Wenn mir's das Schicksal zubestimmt,

Viel leichter, als den Zweifel tragen,

Der Kraft auf Kraft mir stückweis

nimmt.

Aus Schmerzen kann ich mich erheben,

Und gegen Stürme wächst der Mut,

Doch zwischen Furcht und Hoffnung

schweben,

Das läßt verdorr'n in Sonnenglut.


Feigherz'ge Ohnmacht mag sich sonnen

An flüchtig trügerischem Licht ─

Nein, ganze Schmerzen, ganze Wonnen,

Nur gegen Schatten kämpf' ich nicht!
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 4. Fünfzeilige Strophe. Schema: a b a c b. Metrum:

die
a=Zeilen seien jambische Viertakter, die b=Zeilen Dreitakter,

die
c=Zeilen katalektische Viertakter (⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑).



Das Bettelmädchen.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Ein Bettelmädchen lauscht am

Thor, | zitternd vor Frost. | Ein junger

Ritter tritt heraus | und wirft ihr

seinen Mantel hin, | fragend, ob sie noch

etwas haben wolle. ‖ 2. Das Bettelmädchen

antwortet nichts; | es friert

sie gar zu sehr. | Mit glühendem

Blick kehrt sie dem Ritter den Rücken. |

Sie läßt seinen Mantel liegen | und

sagt: ich will nichts mehr. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Friedr. Hebbel.



Das Bēttĕlmǟdchĕn lauscht am Thor,

Es friert sie gar zu sehr;

Der junge Ritter tritt hervor,

Er wirft ihr hin den Mantel,

Und spricht: was willst du mehr?


Das Mädchen sagt kein einzig Wort,

Es friert sie gar zu sehr;

Dann geht sie stolz und glühend fort,

Und läßt den Mantel liegen

Und spricht: ich will nichts mehr!
[Ende Spaltensatz] |#f0106 : 80|



Aufgabe 5. Sechszeilige Strophe. Reimschema a b a b c c.

Metrum: a= und c=Zeilen akatalektische jambische Viertakter,

b=Zeilen katalektische Viertakter (⏑ – ⏑ – ⏑ – ⏑). Diese katalektischen

Viertakter, sowie das abschließende Reimpaar verleihen der

Strophe ihr charakteristisches Gepräge.



Dank im Glücke.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Vergiß es, daß du einst | arm

gewesen bist, | daß du mit Thränen

des Jammers | täglich deinen Morgensegen

gebetet hast. | Vergiß die Armut

früherer Zeiten, da du nun glücklich

bist, | wie man ja auch am Tage die

Träume vergißt. ‖ 2. Der Edelstein

denkt nicht mehr | an seine Herkunft, |

und die Perle erinnert sich nicht

mehr | ihrer Geburtsstätte, | wenn

beide | im Lockenhaare funkeln. ‖

3. Dein Dankgebet sei Freude, | wo

du auch weilest; | und wo du ein Bild |

von Erdenleid erblicken magst, | da

lindre die Not, | und an meiner

Brust empfange Dank dafür. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Hermann Lingg.



Vergiß es, daß du einst im Schoß

Der Armut bist gelegen,

Und da des Jammers Thräne floß

Jn deinen Morgensegen,

Vergiß es, da du glücklich bist,

Wie Träume man am Tag vergißt.


Es denkt nicht mehr der Edelstein

An seine Bergesklüfte,

Die Perle nicht im Sonnenschein

An ihre Meeresgrüfte,

Sie beide funkeln freudeklar

Jn deinem dunkeln Lockenhaar.


Die Freude sei dein Dankgebet,

Wohin ihr Hauch dich trage;

Wo immer dich ein Bild umsteht

Von bleicher Erdenklage,

Da lindre, segne, streue Lust,

Und nimm den Dank an meiner Brust!
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 6. Siebenzeilige Strophe. Reimschema: a b b a c c a.

Metrum: a=Zeilen akatalektische jambische Viertakter, b= und c=

Zeilen hyperkatalektische Viertakter.



An den Genius. (Während einer Krankheit.)



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Du Genius der Dichtkunst, | der

du mein Herz mit heiligem Feuer entflammtest,

| erhalte mein Leben, | bis

ich ein deiner würdiges Werk schuf. | Dann

mag mein Staub | zu Staub werden, |

einem Tropfen gleich, der zum Meere

zurückkehrt. ‖ 2. Du hast in meine Brust |

die Sehnsucht gelegt, Gott und die

Welt zu erkennen, | und in Liedern[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Em. Geibel.

Du Genius, der von ew'gem Herd

Mein Wesen all' gesetzt in Flammen,

O halte diesen Leib zusammen,

Bis ich ein Werk schuf, deiner wert.

Dann mag in Erde, Luft und Wellen

Der Staub dem Staube sich gesellen,

Ein Tropfen, der zum Meere kehrt.


Du legtest tief in diese Brust

Die Sehnsucht, Gott und Welt zu schauen,
[Ende Spaltensatz] |#f0107 : 81|



[Beginn Spaltensatz]zu singen, | was ich geschaut; | o laß

mich nicht sterben, | bis ich mit reinen

Sinnen | die Lust des erfüllten Wunsches

genossen. ‖ 3. Jn meinem Herzen

schläft noch so viel. | Wenn ich einer

der Auserwählten bin, | so erbarme

dich des noch nicht Gewordenen, | und

schenke mir Leben, bis ich das Ziel

erreicht habe, | damit ich Ruhe im

Grabe finde | und mich tröstend beglücke

der Kranz, | der sich dereinst

um mein Saitenspiel winden wird. ‖

[Spaltenumbruch]

Dem Lied es selig zu vertrauen

Mit Wort und Klang was mir bewußt;

O laß mich fahren nicht von hinnen,

Bis einmal ich mit reinen Sinnen

Gekostet der Erfüllung Lust.


Mir schläft im Herzen noch so viel;

O bin ich Einer der Erkornen:

Erbarme dich des Ungebornen,

Gieb Leben, Leben bis ans Ziel;

Daß ich dort unten Ruhe finde,

Und Trostes voll der Kranz sich winde

Um mein verstummend Saitenspiel.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 7. Achtzeilige jambische Strophen; hyperkatalektische

Dreitakter mit gleitendem Reim in den ungeraden Versen.
Vers 6

und 8 seien akatalektische Dreitakter. Der Versrhythmus könnte in den ungeraden

Zeilen der letzten thetischen Silbe durch Hinzunahme einer rhythmischen Pause

das Übergewicht von einem Takte verleihen.



Jhre Stimme.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Ach jene lieblichen, | wie vor der

eigenen Schönheit | ins Stocken geratenden,

| innigen Klänge; | sie locken

mir, gleich verschwebenden | Akkorden

der Lust, | mit erbebenden Klängen | das

Herz aus der Brust. |



Und ach, schon hat die Zauberflut

| mein lauschendes Herz | mit

Lispelwogen | umfangen; | süß umronnen

| folgt es diesem Tönebann |

und fällt in das leidvolle Liebesnetz, |

das aus Tönen gesponnen ist. |



O, in Perlen rinnende Flut, | in

welcher ich lauschend schwimme, | o du

das Herz verlockend=erobernde, | bethörende

Stimme! | Selbst wenn das

Zauberreich der Klänge | zum Chore

sich vereinte, | es würde doch nicht so

verlockend | an mein Ohr sich drängen.

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von R. Hamerling.



Ăch jēnĕ līeblĭch lōckĕndĕn

Wie vor der eignen Schöne

Verschämten, leise stockenden,

Herzinnig süßen Töne;

Sie locken, gleich verschwebenden

Akkorden sel'ger Lust,

Mit Klängen, süß erbebenden,

Das Herz mir aus der Brust!


Und ach, schon hat das lauschende

Mit ihren Lispelwogen

Die Zauberflut, die rauschende,

Befangen und umzogen;

So folgt das süß umronnene

Dem Bann der Töne stets,

Und fällt ins klanggesponnene

Leidvolle Liebesnetz!


O Flut, in Perlen rinnende,

Darin ich lauschend schwimme,

Verlockend herzgewinnende,

Bethörend süße Stimme!

Vereinte selbst zum Chore sich

Des Klanges Zauberreich ─

Nicht drängt' es mir zum Ohre sich

So lockend und so weich!
[Ende Spaltensatz] |#f0108 : 82|



§ 28. Bildung gereimter Nibelungenstrophen (Langzeilen).



1. Die Nibelungenverse können reimlos (vgl. § 5) oder gereimt

sein. Die gereimten treten als Zweizeilen (Nibelungen-Distichen, Reimpaare),

wie insbesondere als Vierzeilen (die sog. neuen Nibelungenstrophen)

auf.



2. Die neue Nibelungenstrophe umfaßt zwei männliche Reimpaare.



3. Von einem strophischen Charakteristikum könnte bei ihr höchstens

insofern die Rede sein, als mit dem Ende der 4. Zeile die syntaktische

Pause zusammenfällt.



4. Viele Dichter schließen auch den Satz schon am Ende des

2. Nibelungenverses, weshalb ihre vierzeiligen sog. neuen Nibelungenstrophen

nur in der Schreibung als strophische Teilganze erscheinen.

Bei der Recitation fallen sie in 2 zweizeilige Strophen auseinander.



5. Als ein Schönheitsmittel empfiehlt sich bei den Nibelungenversen

die Einfügung von Anapästen.



6. Wegen der bedeutenden Zeilenlänge der Nibelungenverse ist in

der Nibelungenstrophe die Einfügung von Cäsurreimen von schöner

Wirkung. Anastasius Grün versucht diese Form in der ersten Strophe

von „Des Herrschers Wiege“, während er den Cäsurreim in den ferneren

Strophen wegläßt. Es empfiehlt sich für diese Form gebrochene

Schreibung. (Vgl. den folgenden Paragraphen.)



Aufgabe 1. Zweizeilige Strophen ohne Anapäst.



Der Christbaum.



Stoff. 1. Du bist wieder gekommen, schöne Weihnachtszeit, | in der

mir treue Elternliebe den Christbaum weihte! ‖ 2. Heute heult kalter Sturm

übers Meer, | nur im Geiste sehe ich das Weihnachtsfest. ‖ 3. Erinnerung

malet mir, was ich entbehre, | und so ist mir im Meere das Weihnachtsfest

des Erinnerns beschert. ‖ 4. Als Kind bot mir dieser Abend so viel des

Schönen, | die Freude rötete mir stets die Wangen. ‖ 5. Heute peitscht mir

der eisige Wind die Flut ins Angesicht, | und färbt meine Wangen mit Purpur

wie vordem. ‖ 6. Einst winkte mir der gabengeschmückte Tannenbaum, | nach

dessen Zweigen ich sehnsüchtig blickte. ‖ 7. Heute sind 3 Masten meine Weihnachtsbäume,

| verziert mit des Eises Silberstangen. ‖ 8. Einst strahlten die

Lichtlein durchs Grün des Baumes, | heute schimmern viele Sterne im Himmelsraum.

‖ 9. Starr und unverwandt blickt mein Auge zur Höhe, | wie es dereinst

den Christbaum angeschaut. ‖ 10. So habe ich alles wieder, was ich

schmerzlich entbehrt, | so ist mir auch im Meere ein Weihnachtsbaum geworden. ‖



Lösung. Von Heinrich von Littrow.



Bist wieder angekommen, du holde Weihnachtszeit,

Jn der mir Elternliebe den Christbaum sonst geweiht.
|#f0109 : 83|



Heut' bist du kalt und frostig im weiten Sturmesmeer,

Nur die Erinn'rung zaubert dich geistig zu mir her!


Sie malet freundlich wieder, was ich mit Schmerz entbehrt,

So ist mir auch im Meere ein Weihnachtsbaum beschert.


Einst war es dieser Abend, der viel des Schönen bot,

Des Herzens Freude malte mir beide Backen rot.


Heut' peitscht der Nord, der eis'ge, ins Angesicht die Flut,

Und färbet meine Wangen wie einst mit Purpurglut.


Einst winkte mir die Tanne, mit Gaben reich geschmückt,

Nach deren dunklen Zweigen ich sehnsuchtsvoll geblickt;


Heut' stehen nur drei Masten als Weihnachtsbäume da,

Und Silberstangen Eises verzieren jede Rah'.


Einst strahlten viele Lichter durchs dunkle Grün am Baum,

Heut' schimmern tausend Sterne im weiten Himmelsraum.


Mein Auge schaut zur Höhe so starr und unverrückt,

Wie es in meiner Jugend den Christbaum angeblickt.


So hab' ich alles wieder, was ich mit Schmerz entbehrt,

So ist mir auch im Meere ein Weihnachtsbaum beschert.



Aufgabe 2. Vierzeilige neue Nibelungenstrophe ohne Mittelreim

und ohne Anapäst.



Graf Eberhard der Rauschebart.



Stoff. 1. Jst denn im Schwabenlande jeglicher Sang verschollen, |

wo doch dereinst die Ritterharfe vom Staufen niederklang? | Wenn aber der

Sang nicht verschollen ist, warum vergißt man, | die Waffenthaten der tapfern

Väter zu rühmen? ‖ 2. Man bildet leichte Liedchen und schreibt Sinngedichte, |

man höhnt die holden Frauen, die doch sonst den Gegenstand des Liedes bildeten;

| die Heldenstoffe, die längst ihres Sängers warten, | läßt man zur

Seite liegen. ‖ 3. So steige denn aus deinem Grabe, | du alter Rauschebart,

mit deinem Heldensohne hervor. | Noch in deinen alten Tagen schlugst du dich

mannhaft, | durchbrich mit hellem Schwerterklang auch unsere Zeiten. ‖



Lösung. Von L. Uhland.



Jst denn im Schwabenlande verschollen aller Sang, ─

Wo einst so hell vom Staufen die Ritterharfe klang?

Und wenn er nicht verschollen, warum vergißt er ganz

Der tapfern Väter Thaten, der alten Waffen Glanz?


Man lispelt leichte Liedchen, man spitzt manch Sinngedicht,

Man höhnt die holden Frauen, des alten Liedes Licht;
|#f0110 : 84|



Wo rüstig Heldenleben längst auf Beschwörung lauscht,

Da trippelt man vorüber und schauert, wenn es rauscht.


Brich denn aus deinem Sarge, steig aus dem düstern Chor

Mit deinem Heldensohne, du Rauschebart, hervor!

Du schlugst dich unverwüstlich noch greise Jahr' entlang:

Brich auch durch uns're Zeiten mit hellem Schwerterklang!



Aufgabe 3. Vierzeilige neue Nibelungenstrophe mit Cäsurreim

und Anapästen.



Den Sorglosen.



Stoff. 1. Erhebt euch vom Mahle. Der Wein ist blutig rot, | aus

jedem Pokale und aus jeder Schüssel grinst der Tod entgegen. | An einem

Härchen sehe ich über euern Häuptern das Schwert hängen; | ihr aber bleibt

sorglos sitzen. ‖ 2. Jst euch die schottische Sitte nicht bekannt, | wenn ein

blutiger Stierkopf auf den Tisch gestellt wurde? | Das schwarze Büffelhaupt

auf blutiger Schüssel | war die Aufforderung zur Rache. ‖ 3. Von den Sitzen

sprangen alle empor, | das Blut spritzte, die Rache begann; | sie schlug die

Faust, die eben noch nach dem Becher reichte, vom Stumpfe, | und ehe die

Lippe den Becher berühren konnte, flog das Haupt vom Rumpfe. ‖ 4. Erhebt

euch vom Mahle, trotzt dem Tode. | Seht ihr nicht den Stierkopf, die Aufforderung

zur Rache? | Lange gährt es schon; rührt euch, | damit nicht euer

Kopf verloren sei, bevor die Lippe den Becher berühren kann. ‖



Lösung. Von Moritz Graf Strachwitz.



Auf, auf vom üppigen Mahle! der Wein ist blutig rot,

Es grinst aus jedem Pokale, aus jeder Schüssel der Tod;

Ob eurem Haupte blitzen seh' ich am Haar das Schwert.

Jhr bleibt behaglich sitzen, bis es herniederfährt.


Die alte schottische Sitte, ist sie euch nicht bekannt,

Wenn in des Tisches Mitte der blutige Stierkopf stand?

Es stand in roter Lache des schwarzen Büffels Haupt,

Das war der Ruf der Rache, da kam der Tod geschnaubt.


Da sprangen von den Sitzen der Schloßherr und sein Clan,

Das Blut begann zu spritzen, die Rache ward gethan;

Sie schnitt die Faust vom Stumpfe, die eben den Becher nahm,

Sie hieb den Kopf vom Rumpfe, eh' die Lippe zum Rande kam.


Auf, auf vom vollen Becher, dem Tode sei getrotzt!

Schaut, wie der stumme Rächer, der gräßliche Stierkopf glotzt,

Schon lange hat's gegohren, und wenn ihr euch nicht rührt,

So ist der Kopf verloren, eh' der Kelch zur Lippe geführt.
|#f0111 : 85|



§ 29. Bildung von Strophen aus gebrochen geschriebenen

neuen Nibelungenversen.



1. Alle Nibelungenverse mit Cäsurreim eignen sich für gebrochene

Schreibung, ja, sie drängen zu ihr hin.



2. Schreibt man Nibelungenreimpaare ohne Mittelreim gebrochen,

so entstehen Strophen mit unterbrochenen Reimen (x a x a &c.). Es

reimt in denselben nur die 2. mit der 4. Zeile, nicht aber die 1.

mit der 3.



3. Wird die vierzeilige Nibelungenstrophe gebrochen geschrieben,

so ergeben sich selbstredend achtzeilige Strophen, die ebenso wenig vierzeilig

geschrieben werden dürfen, als die vierzeiligen Nibelungenstrophen

zweizeilig.



4. Auch bei den gebrochen geschriebenen Nibelungenversen ist die

Einfügung von Anapästen ein Schönheitsmittel.



5. Die gebrochen geschriebenen Nibelungenverse ohne Mittelreim

sind leicht zu bilden, da die Reime nur sehr spärlich folgen.



6. Dies gilt auch für andere abwechselnd reimlose und gereimte

Verse, bei welchen mit Rücksicht auf die Architektonik des Reims die

Zeilenlänge nie mehr als höchstens 5 Takte betragen sollte, da in diesem

Fall die Entfernung des Reimechos ja immer 10 Takte umfaßt.



Aufgabe 1. Halbgereimte neue Nibelungenverse mit Anapästen.

Das Blatt im Buche.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Meine alte Muhme | besitzt ein

altes Büchlein, | in welchem | ein altes

dürres Blatt liegt. ‖ 2. So alt und

dürr sind wohl auch die Hände geworden,

| die ihr das Blatt in der

Jugend gepflückt haben. | Was mag

nur die Alte denken? | Sie weint, so

oft sie das Blatt ansieht. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Anast. Grün.



Jch hab' eine alte Muhme,

Die ein altes Büchlein hat,

Es liegt in dem alten Buche

Ein altes dürres Blatt.


So dürr sind wohl auch die Hände,

Die einst im Lenz ihr's gepflückt.

Was mag doch die Alte haben?

Sie weint, so oft sie's erblickt.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Halbgereimte neue Nibelungenverse mit Anapästen,

bei welchen (nach Analogie der verlängerten
4. Langzeile

in der mittelhochdeutschen Nibelungenstrophe) ein strophisches

Charakteristikum durch Verlängerung der
4. Halbzeile um 1 Takt

geschaffen wurde.

|#f0112 : 86|



Stein- und Holz-Reden.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Auf der Lüneburger Heide |

steht ein alter Stein, | daneben eine

alte, | wohl tausendjährige Eiche. ‖ 2. Es

ziehen im Frühling | fröhliche Gesellen

vorbei; | sie singen von deutscher Freiheit,

| aber ihr Sang verhallt in der

Ebene. ‖ 3. Da spricht der Stein zur

Eiche, | wie wenn er vom Traum erwachte:

| „Ging nicht die Freiheit

vorüber? | Erwache, deutscher Baum!“ ‖

4. Da fuhr ein Brausen | durch die

Krone des Baumes, | und seine alten

Äste | trieben tausend Knospen. ‖

5. Die Sänger zogen weit fort durch

die Heide; | die Eiche hat ihnen von

oben | traurig nachgeschaut. ‖ 6. Dann

dehnte sie sich in der Wurzel, | um

den Sängern nachzusehen. | Des Liedes

Nachhall klang | durch ihr Blätterdach.

‖ 7. Jm Herbste | hörte sie den

letzten Hall verklingen, | dann schüttelte

sie sich zornig, | daß das letzte Laub

von den Ästen fiel. ‖ 8. Und zum

alten Steine sprach sie: | „Jch will

nun wieder schlafen. | Du, wunderlicher

Träumer, | sollst mich nicht mehr stören.“ ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Gottfried Keller.



Auf Lüneburger Heide

Da steht der alte Stein,

Daneben die alte Eiche,

Sie mag wohl tausendjährig sein.


Es ziehn vorbei Gesellen

Jm Lenz mit frischem Sang;

Sie singen von deutscher Freiheit,

Auf weitem Plan verhallt der Klang.


Da spricht der Stein zur Eiche,

Als wacht' er auf vom Traum:

„Ging nicht vorbei die Freiheit?

Wach' auf, wach' auf, du deutscher

Baum!“


Und durch des Baumes Krone

Da fährt ein Saus und Braus,

Die moosigen Äste schlagen

Jn tausend jungen Augen aus!


Die Sänger sind gezogen

Fernhin durchs Heidekraut:

Die Eich' hat ihnen von oben

Gar lang und traurig nachgeschaut.


Sie hub sich aus der Wurzel

Den fernen Sängern nach:

Es klang des Liedes Nachhall

Wohl durch ihr hohes Blätterdach.


Den letzten Hall verklingen

Hat sie im Herbst gehört:

Da hat sie, schüttelnd, die Äste

Vom letzten Laub im Zorn geleert.


„Nun will ich wieder schlafen,“

Spricht sie zum alten Stein;

„Du wunderlicher Träumer,

Sollst mir nun einmal stille sein!“
[Ende Spaltensatz] |#f0113 : 87|



Aufgabe 3. Ganz gereimte neue Nibelungenverse mit freier

Anwendung des Anapästs.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Dein blaues Auge ist ein Spiegel

von bösem Schimmer, | in welchem ich

mich nimmer müde schaue. ‖ 2. Doch

bei allem Schauen ersehe ich wenig

Gutes, | niemals spiegelt sich mein

eigenes Antlitz wieder. ‖ 3. Zwei fremde

Augen sind es, welche mich spottend anblicken;

| es malt sich in deinem Auge,

du schönes Kind, ein fremder Mann. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Moritz Graf Strachwitz.





Ein Spiegel von bösem Schimmer,

Das ist dein Auge blau,

Darin ich nimmer und nimmer

Und nimmer mich müde schau'.


Doch ob ich schaue und schaue,

Viel Gutes erseh' ich mir nicht,

Nie spiegelt sich unter der Braue

Mein eigenes Angesicht.


Zwei fremde Augen sind es,

Die sehen mich spottend an,

Jm Auge des schönen Kindes,

Da malt sich ein fremder Mann.
[Ende Spaltensatz]


§ 30. Bildung mittelhochdeutscher Nibelungenstrophen.



1. Bei Bildung mittelhochdeutscher Nibelungenverse sind vor allem

die sechs Hebungen jeder Verszeile zu beachten, die Senkungen sind

willkürlich.



2. Wesentlich ist das Vorhandensein der weiblichen Cäsur nach dem

3. Takte. Selbstredend ist auch die gleitende Cäsur gestattet.



3. Bedeutungsvoll bleibt das strophische Charakteristikum in der

mittelhochdeutschen Nibelungenstrophe.



4. Man erhält es durch Verlängerung einer Verszeile (in der

Regel der vierten) um eine Hebung, oder auch durch Einfügung von

Anapästen oder Spondeen ins Strophenende.



5. Zur Verschönerung trägt die Anwendung des Cäsurreimes bei.



A. Langzeilen.



Aufgabe. Ohne Cäsurreim.



Stoff. König Richard Löwenherz rief: Laßt meinen Sänger Blondel |

herzukommen, damit er meinen Schmerz mit Tönen stille. | Jch war oft wunder

am Herzen, als jetzt am Leibe; | aber immer heilte sein Gesang alle meine

Schmerzen. ‖ u. s. w.



Lösung. Von Fr. Rückert.



Laßt Blondel, meinen Sänger, rief Richard Löwenherz,

Herzu, daß er mit Tönen mir nehme meinen Schmerz.

Jch war oft ärger am Herzen, als jetzt am Leibe wund,

Da schuf von allen Schmerzen mich immer sein Gesang gesund. u. s. w.
|#f0114 : 88|



B. Gebrochene mittelhochdeutsche Nibelungen-Verszeilen.



Aufgabe 1. a. Ohne Cäsurreim.



Zwei Särge.

[Beginn Spaltensatz]Stoff.



1. Jm Dome stehen einsam | zwei

Särge, | in dem einen ruht König Ottmar,

| im andern der Sänger. ‖ 2. Der

König führte einst mit Macht | sein Scepter,

| drum hat er noch das Schwert

in der Rechten | und die Krone auf dem

Haupte. ‖ 3. Neben dem stolzen König |

liegt der Sänger; | ihm hat man die

Harfe | in die Hände gelegt. ‖ 4. Die

Burgen zerfallen, | und der Schlachtruf

erschallt, | aber das Schwert in

des Königs Hand | bleibt unbeweglich. ‖

5. Doch wenn das Land in Blüte

steht | und die milden Lüfte erwachen, |

da klingt noch die Harfe des Sängers

fort | in ewigem Gesang. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Justinus Kerner.



Zwei Särge einsam stehen

Jn des alten Domes Hut,

König Ottmar liegt in dem einen,

Jn dem andern der Sänger ruht.


Der König saß einst mächtig

Hoch auf der Väter Thron,

Jhm liegt das Schwert in der Rechten

Und auf dem Haupte die Kron'.


Doch neben dem stolzen König

Da liegt der Sänger traut,

Man noch in seinen Händen

Die fromme Harfe schaut.


Die Burgen rings zerfallen,

Schlachtruf tönt durch das Land,

Das Schwert, das regt sich nimmer

Da in des Königs Hand.


Blüten und milde Lüfte

Wehen das Thal entlang ─

Des Sängers Harfe tönet

Jn ewigem Gesang.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. b. Mit Cäsurreim.



Hoffnung.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. O milde Blume Hoffnung, |

ich begieße dich jeden Tag; | du hast

dich dem weinenden Herzen | zum

Eigentum ergeben. ‖ 2. Deine Blüten

und Blätter | streben dem Himmel entgegen.

| Doch bedarfst du nicht das

Sonnenlicht, | wohl aber ein menschliches

Herz. ‖ 3. Jhr schönen Gartenblumen,

| was soll mir euer Schein? |

Jch will nur die einzige Hoffnungsblume

| pflegen und warten. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Hermann Kletke.



O Hoffnung, milde Blume,

Täglich begieß' ich dich;

Du gabst zum Eigentume

Dem weinenden Herzen dich.


Blüten und Blätter, immer

Streben sie himmelwärts;

Nicht brauchst du der Sonne Schimmer,

Du brauchst ein menschliches Herz!


Jhr prangenden Blumen im Garten,

Was hilft mir der bunte Schein?

Pflegen will ich und warten

Der lieben Blume allein.
[Ende Spaltensatz] |#f0115 : 89|



§ 31. Bildung von Alexandrinerstrophen.



1. Die einfachste Form einer Alexandrinerstrophe ist die Verbindung

von zwei Alexandrinerversen (vgl. § 6) zu einem Distichon

durch den Reim.



2. Die übrigen Formen entstehen aus der Verbindung von mehreren

Alexandrinerversen, von denen ─ zur Erlangung eines strophischen

Charakteristikums ─ in der Regel eine Zeile verkürzt wird (zuweilen

auch deren 2).



3. Man unterscheidet neunzeilige (Geibelsche Form), sechszeilige

(Freiligrathsche Form), seltener vierzeilige und fünfzeilige Alexandrinerstrophen.





4. Jm Französischen finden wir mehrfach vierzeilige Alexandrinerstrophen

mit gekreuztem Reim (a b a b), sowie (aus 4 + 9 zusammengesetzte)

dreizehnzeilige, bei denen der Schlußvers ein jambischer Viertakter

ist. (Vgl. z. B. Lamartine's méditations poétiques.)



5. Jm Deutschen hat man sich (außer in Übersetzungen) zu

alexandrinischen Vierzeilen nicht entschließen mögen, wahrscheinlich weil

gekreuzte Reime (wegen der beträchtlichen Zeilenlänge des Alexandrinerverses

und der ständigen Diärese im 3. Takte) in architektonischer Beziehung

mißlich erscheinen mochten. Rückert hat mehrfach 2 Alexandriner=

Reimpaare (a a b b) verbunden, wobei er meistenteils im Reimgeschlecht

wechselte.



6. Eine freundlich gebaute, uralte alexandrinische Vierzeilenform

mit gekreuzten Reimen danken wir v. Löwenstern († 1648). Die erste

Alexandrinerzeile dieser Form hat akatalektischen (männlichen), die 2.

und 4. hyperkatalektischen (weiblichen) Schluß; die 3. Zeile ist nur

ein halber Alexandriner, dessen mit der ersten Zeile korrespondierender

Reim um einen halben Vers näher gerückt wird. Das Ohr erwartet

infolge des alexandrinischen Rhythmus das Reimecho schon in der

2. Zeile und wird nun durch die vertagende weibliche Endung derselben

auf den sogleich folgenden Reim der 3. Zeile hingelenkt, wie

andererseits die Endung der 2. Zeile ihr Echo dadurch um ½ Vers früher

bekommt. Die Reime klingen sehr freundlich zusammen. Beispiel:



Wenn ich in Angst und Not mein Au ge heb' empor
Zu dei nen Ber gen, Herr, mit Seuf zen und mit Fle hen,
So reichst du mir dein Ohr,
Daß ich nicht darf betrübt von dei nem An tlitz ge hen.



7. Bei der sechszeiligen Alexandrinerstrophe reimen sich folgende

Zeilen: 1─2, 4─5, 3─6 (also Schema: a a b c c b). Jn der Regel

hat Vers 1 + 2, sowie 4 + 5 weiblichen, 3 + 6 dagegen männlichen

Schluß; doch kann männliches und weibliches Geschlecht auch in umgekehrter

Folge wechseln.

|#f0116 : 90|



8. Meist verkürzt man, um ein strophisches Charakteristikum zu

gewinnen, nur eine Zeile, in der Regel die letzte. Zuweilen ist noch

eine mittlere Zeile verkürzt.



9. Die verkürzte Zeile ist ein jambischer Viertakter. Verkürzung

auf Dreitakter ist selten; Freiligrath bietet eine solche, aber sie entbehrt

des Wohllauts der übrigen Formen. Man könnte sich übrigens

recht gut eine Verkürzung auf Zweitakter denken.



10. Die alexandrinische Fünfzeile hat zwei Reime; es reimen sich

die Verse 1 + 3 + 4 einer=, und 2 + 5 andererseits. Das Schema ist

also: a b a a b oder a a b a b. Die b=Reime sind es, welche vom

Dichter nach Belieben verkürzt werden können.



Aufgabe 1. Alexandriner-Distichon. Nachstehende Materien

sollen zu Gnomen (oder zu Epigrammen) verwertet werden. (Zur

Vergleichung stellen wir die Lösungen Schefflers [Angelus Silesius]

und Rückerts einander gegenüber.
)



Die Überschriften mag der Lernende nach Maßgabe des Stoffes

erfinden.



Stoff. a. Erst wenn dein Herz weich wie Wachs geworden, | drückt

der heilige Geist das Bildnis Jesu hinein. ‖



b. Wer ein Ziel erreichen will, darf sich nicht zersplittern. | Wie ein Schütze

muß er sein, der ein Auge schließt, um mit dem anderen um so sicherer zu zielen. ‖



Lösungen.

Zu a. Dein Herz.



Mensch, wenn dein Herz vor Gott wie Wachs ist weich und rein,

So drückt der heil'ge Geist das Bildnis Jesu drein.


(A. Silesius.)



Der Siegelring wird nicht in harten Stein sich drücken;

Herz, werde weiches Wachs, soll Gottes Bild dich schmücken.


(Fr. Rückert.)



Zu b. Das Ziel.



Die Seele, welche Gott das Herze treffen will,

Seh' nur mit einem Aug', dem rechten, auf das Ziel.


(A. Silesius.)



Wenn eines wirken soll, so laß das andre ruhn;

Ein Schütz, der treffen will, muß zu ein Auge thun.


(Fr. Rückert.)



Aufgabe 2. Freiligraths zweite Alexandrinerstrophe. Nachstehender

Stoff soll Strophen ergeben, welche aus je fünf Alexandrinerversen

und einem abschließenden jambischen Viertakter bestehen.



|#f0117 : 91|



Afrikanische Huldigung.



Stoff. 1. Jch werfe mich vor deinem Throne nieder, o König; | ich

führe dieses Heer von hunderttausend Hufen, | diesen Raub und diesen Sklaventroß

| und diese Schar von Ringern und Schützen | zurück vor dein Schloß. ‖

2. Die Schlacht ist gewonnen; wir haben gesiegt; | der König der Feinde fiel,

so gut er auch fechten mochte. | Jch schlug ihm mit meinem scharfen Säbel

den Kopf ab. | Sein Rumpf liegt in der Wüste. | Erlaube, daß ich dir sein

Haupt | auf dieser Schale verehre. ‖ 3. Es trieft weder von Öl, noch von

Narden und Salben; | es trieft von Blut. | Doch dir soll das Dschaggasblut

zum Salböl werden. | Jch salbe dich zum Könige über das von mir geraubte

Reich. | Die volle Schale ergieße ich | über deine Krone. ‖ 4. Und jene

goldne Krone, | welche bisher dieses Haupt geschmückt, ziere von nun an das

deinige. | Heil, daß ich sie auf deinem Haupte prangen sehe. | Führt die Gefangenen

vor! schwingt eure wuchtigen Keulen, | und der Trompetenschall und

das Heulen der Erschlagenen | übertöne der Jubelruf: Heil dir, Fürst von

Dahomeh! ‖



Lösung. Von F. Freiligrath.



Jch lege meine Stirn auf deines Thrones Stufen;

Jch führe dieses Heer von hunderttausend Hufen,

Jch führe diesen Raub und diesen Sklaventroß,

Jch führe diese Schar von Ringern und von Schützen,

Die mit dem Dolch gewandt den Bauch der Feinde schlitzen,

Zurück, o König, vor dein Schloß!


Gewonnen ist die Schlacht! Wir waren gute Schlächter!

Der Feinde König fiel, ein schlanker, wilder Fechter!

Sein langer Hals war nackt, mein Säbel schnell und scharf.

Jm Sande liegt sein Rumpf, der Tigerin zum Mahle.

Erlaube, daß ich dir auf dieser goldnen Schale

Sein triefend Haupt verehren darf.


Es trieft von Öle nicht, von Narden und von Salben:

Es trieft von rotem Blut, Gebieter! deinethalben!

Doch dir zum Salböl wird dies dunkle Dschaggasblut.

Jch salbe dich zum Herrn des Reiches, das ich raubte;

Die volle Schale leer' ich über deinem Haupte

Auf deiner goldnen Krone Glut.


Und jene, die gezackt und blank mit gelbem Scheine

Dies tote Haupt umblitzt, jetzt schmücke sie das deine!

Heil, daß ich ihren Glanz auf deiner Stirne seh'!

Führt die Gefangnen vor! schwingt die gewicht'gen Keulen,

Und durch Trompetenschall und der Erschlagnen Heulen

Jauchzt: Heil dir, Fürst von Dahomeh!
|#f0118 : 92|



Trochäischer Rhythmus.



§ 32. Bildung trochäischer Reimstrophen.



1. Man läßt sich durch den trochäischen Grundcharakter unserer

Sprache häufig verleiten, nur trochäische Satztakte aneinander zu reihen,

wodurch ein Überschuß an Diäresen entsteht und das Gedicht monotonen,

leierartigen Charakter erhält.



Es ist daher bei Bildung trochäischer Verse und Strophen erstes

Erfordernis, Satztakt und Verstakt nicht allzuoft zusammenfallen zu

lassen und die durch Übergreifung der Satztakte entstehende schmückende

Cäsur nicht zu vernachlässigen.



2. Es ist von allzu häufiger Verwendung des trochäischen Maßes

abzuraten (vgl. I, 262). Am meisten eignen sich zur dichterischen Verwertung

der trochäische Viertakter, der Fünftakter und der Achttakter.



3. Bei den Kompositionen im trochäischen Viertakter empfiehlt

sich eine schmückende Diärese am Ende des 2. Takts.



4. Um beim trochäischen Fünftakter die Verstakte zu überbrücken,

kann hie und da ein amphibrachisches Wort (⏑ – ⏑), also ein

Wort mit Vorsilbe eingefügt werden (z. B. Gerede, Vertrauen, Beschwerde).





5. Beim trochäischen Achttakter ist darauf zu halten, daß die

erste Vershälfte nicht katalektisch abschließt, weil dadurch eine Pause

entstehen würde, welche gleich einer Jncision die Verszeile in 2 Teile

trennen müßte, die ganz gut in 2 Zeilen geschrieben werden könnten.



6. Gesetz ist es, daß im trochäischen Achttakter am Ende des

4. Taktes eine stehende Diärese sich befinde, die besonders Marbach

in „Äschylos' Tragödien“ (1883 S. 73) treffend beachtet.



Aufgabe 1. Achtzeilige Strophen. Reimschema: a a b b c d c d.

Trochäische Viertakter. Die a=, b= und d=Zeilen sollen katalektisch

(– ⏑ | – ⏑ | – ⏑ | –) sein, die c=Zeilen dagegen akatalektisch

(– ⏑ | – ⏑ | – ⏑ | – ⏑).



Wiegenlied.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Schlafe ein, mein Kindelein |

im Frieden der Liebe! | Ruhe sanft, |

das Auge deiner Mutter hält Wache. |

Jch streue Blumen auf dich | und auf

dein Lager. | Wirst du dereinst zum

Lohne | Blumen auf das Grab deiner

Mutter pflanzen? ‖ 2. Schlafe beim

Dämmerlicht des Abends, | schlafe fest,[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Herzog Ernst II.

zu Sachsen-Koburg.


Schlaf, o schlaf, mein Kindelein,

Jn der Liebe Frieden ein!

Ruhe sanft die ganze Nacht,

Deiner Mutter Auge wacht.

Blumen streu' ich auf dich nieder,

Auf dein Lager sanft herab.

Streut mein Kindlein einstens wieder

Blumen auf der Mutter Grab?
[Ende Spaltensatz] |#f0119 : 93|



[Beginn Spaltensatz]mein Kind! | Jm Traume mögen

dir Engel erscheinen, | du selbst bist

ja ein Engelein. | Wenn am Morgen

Thränen quellen, | so schlage den

Blick auf, | damit deine Äuglein |

das stille Mutterglück wieder schauen. ‖

3. Und wenn ich einstens zur Ruhe

gehe, | so schließe du mir die Augen

zu. | Dann, gute Nacht, mein geliebtes

Kind. | Gott im Himmel wird über

dich wachen. | Bleib ihm lebenslang

getreu, | wenn auch dein Lebensschifflein

vom Sturm bedroht sein wird. |

Nimmt dich dann dein Schöpfer von

dieser Welt, | so werde ich dich dort

wiedersehen. ‖

[Spaltenumbruch]

Bei des Abends Dämmerlicht

Schlafe, Kindchen, rühr' dich nicht;

Träume von den Engeln fein,

Bist ja selbst ein Engel klein.

Wenn am Morgen Thränen tauen,

Schlage auf den süßen Blick,

Daß die Äuglein wieder schauen

Deiner Mutter stilles Glück.


Wenn ich einstens geh' zur Ruh',

Schließe mir die Augen zu.

Dann, mein Kindchen, gute Nacht!

Der dort oben für dich wacht.

Folg' ihm treu durchs ganze Leben,

Ob auch Stürme dich umwehn.

Nimmt er einst, was er gegeben,

Werd' ich dort dich wiedersehn.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 2. Sechszeilige Strophen. Reimschema: a a b c c b.

Gereimte trochäische Viertakter. Die a= und c=Zeilen sind akatalektisch,

die
b=Zeilen katalektisch.



Jn zarter Frauenhand.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Seine heimatlosen Lieder | legt

der wandernde Dichter | gern in die

Hand der Frauen. | Muß er auch

ruhelos kämpfen, | so weiß er doch gut

aufgehoben, | was sein Herz durchzog.

‖ 2. Wenn zarte Frauenhände |

sein Buch durchblättern, | knüpfen sie

mit ihm ein luftiges Band, | und er

hat das Gefühl, | als ob zarte Frauenhände

| segnend auf sein müdes Haupt

sich legten. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Albert Träger.



Seine heimatlosen Lieder

Legt der flücht'ge Dichter nieder

Gern in zarte Frauenhand;

Bleibt auch er dem Kampf verkettet,

Ruht doch sanft und weich gebettet,

Was sein tiefstes Herz empfand.


Wenn durch seines Buches Seiten

Schlanke weiße Finger gleiten,

Knüpfen sie ein luftig Band;

Und er fühlt mit Trost und Segen

Auf sein müdes Haupt sich legen

Eine zarte Frauenhand.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 3. Vierzeilige Strophen. Trochäische Fünftakter.

Männliche und weibliche Reimpaare.



Wandel der Sehnsucht.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Die Fahrt schien mir allzu

lang; | ich sehnte mich | aus der weiten

Meereswüste | nach der lieben

Heimat zurück. ‖ 2. Endlich erschien[Spaltenumbruch]

Lösung. Von N. Lenau.

Wie doch dünkte mir die Fahrt so lang,

O wie sehnt' ich mich zurück so bang.

Aus der weiten, fremden Meereswüste

Nach der lieben, fernen Heimatküste.
[Ende Spaltensatz] |#f0120 : 94|



[Beginn Spaltensatz]das lang ersehnte Land. | Voll Jubel

eilte ich an den Strand, | wo mich

die Vertrauten meiner Jugend grüßten:

| die heimatlichen Bäume. ‖

3. Heimatlich verwandt | erschien mir

der Vögel Gesang; | o ich hätte vor

Freuden | jeden Stein umarmen mögen.

‖ 4. Da fand ich dich, | und

alle meine Freuden sanken dir zu

Füßen; | in meinem Herzen | blieb

nur hoffnungslose Liebe. ‖ 5. Nun

sehne ich mich wieder hinaus | in das

dumpfe Getöse der Fluten. | Auf den

wilden Meeren möchte ich | nur mit

deinem Bilde mich unterhalten. ‖

[Spaltenumbruch]

Endlich winkte das ersehnte Land,

Jubelnd sprang ich an den teuern Strand,

Und als wiedergrüne Jugendträume

Grüßten mich die heimatlichen Bäume.


Hold und süßverwandt, wie nie zuvor,

Klang das Lied der Vögel an mein Ohr;

Gerne, nach so schmerzlichem Vermissen,

Hätt' ich jeden Stein ans Herz gerissen.


Doch, da fand ich dich und ─ todesschwank

Jede Freude dir zu Füßen sank,

Und mir ist im Herzen nur geblieben

Grenzenloses, hoffnungsloses Lieben.


O wie sehn' ich mich so bang hinaus

Wieder in das dumpfe Flutgebraus!

Möchte immer auf den wilden Meeren

Einsam nur mit deinem Bild verkehren.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe 4. Zweizeilige Strophen. Trochäische Achttakter.

Weibliche Reimpaare.



Jm Walde.



Stoff. 1. Ast in Ast verschlungen und Krone an Krone steht der Eichwald;

| in guter Laune sang er mir heute sein altes Lied vor. ‖ 2. Eine junge

Eiche am fernen Waldesrande begann sich zu regen; | dann ging es an ein

Sausen und Biegen; ‖ 3. in mächtigem Zuge nahte es, zu breiten Wogen schwoll

es an, | und hoch, durch die Wipfel sich wälzend, kam es wie eine Sturmflut

herangebraust. ‖ 4. Und nun sang und pfiff es schauerlich oben in den Wipfeln; |

dazwischen erdröhnte von unten das Knarren der Wurzeln. ‖ 5. Zuweilen

schwang gellend die höchste Eiche ihren Schaft allein. | Dann aber fiel der

Bäume Chor um so donnernder ein. ‖ 6. Einer wilden Meeresbrandung war

das schöne Spiel zu vergleichen; | weißlich schimmernd war das Laub südwärts

starr hingestrichen ‖ 7. So streicht ─ bald laut bald leise ─ der alte Hirtengott

seine alte Geige, | indem er seine Wälder in der uralten Weltenmelodie

unterweist. ‖ 8. Unaufhörlich schweift er auf und nieder | in den alle Lieder

umfassenden sieben Tönen der alten Tonleiter. ‖ 9. Und die jungen Dichter

wie die jungen Finken lauschen in dunkeln Büschen | und nehmen die Melodien

in sich auf. ‖



Lösung. Von Gottfr. Keller.



Arm in Arm und Kron' an Krone steht der Eichenwald verschlungen,

Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.


Fern am Rand fing eine junge Eiche an sich sacht zu wiegen,

Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;
|#f0121 : 95|



Kam es her in mächt'gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen,

Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen.


Und nun sang und pfiff es greulich in den Kronen, in den Lüften,

Und dazwischen knarrt' und dröhnt' es unten in den Wurzelgrüften.


Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine:

Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine!


Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen,

Alles Laub war, weißlich schimmernd, starr nach Süden hingestrichen.


Also streicht die alte Geige Pan der Alte, laut und leise,

Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.


Jn den sieben Tönen schweift er unaufhörlich auf und nieder,

Jn den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.


Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken,

Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.


Daktylischer Rhythmus.



§ 33. Bildung daktylischer Reimstrophen.



1. Bei diesen Strophen ist wie bei den hexametrischen Versen auf

solche Daktylen zu halten, welche dem deutschen Accent Rechnung tragen.

Also sind nur Stammsilben in die Arsis zu stellen, nicht aber

Formsilben, Artikel und unbetonte Silben. Jn der Thesis müssen

alle schweren Silben vermieden werden.



2. Die Einfügung des Trochäus und des trochäischen Spondeus

in den daktylischen Vers ist gestattet, da der Trochäus dieselbe Zeit

beansprucht, als der Daktylus.



3. Zwei Kürzen am Schluß des Verses würden mit Ungestüm

zum nächsten Vers weiter drängen. Deshalb schließt man den längeren

daktylischen Vers nur mit einer einzigen Thesis, also mit einem die

rasche Bewegung hemmenden trochäischen Spondeus oder einem Trochäus.

Es können aber auch beide Thesen fallen.



Aufgabe. Vierzeilige daktylische Strophen. Viertaktige,

katalektische Verse. Reimschema:
a a b b.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Auf einem fernen Berge steht

ein Schloß, darin sich Ritter und

Volk wacker tummeln. ‖

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von C. Beyer.



Fern im Gebirg erglänzet ein Schloß,

Drinnen sich tummelt ein fröhlicher Troß:

Narren und Weise und herrliche Frau'n,

Knappen und Ritter gar stattlich zu

schau'n.
[Ende Spaltensatz] |#f0122 : 96|



[Beginn Spaltensatz]2. Obgleich ermüdet und bestaubt, komme

ich guten Mutes im Schloß an. ‖

3. Mein ganzes Hab und Gut ist Stift

und Papierrolle und, wenn ich auch

keine Habe besitze, so rühme ich mich

doch des Ritteradels und des Minnesanges.

‖ 4. So trete ich ins Schloß

und fühle sofort, daß es ohne Kampf

um die Minne nicht abgehen wird,

denn das Töchterlein des Ritters wird

von vielen Hervorragenden umworben.

‖ 5. Und muß ich nun wirklich

auf ihre Liebe verzichten, so ist mir

doch nicht verwehrt, ihre Schönheit zu

preisen. Wie gerne würde ich weiter

wandern, wenn ich nur nicht damit

die Schmerzen der Trennung auf mich

laden würde. ‖

[Spaltenumbruch]

Bin ich auch müd' vom ermattenden Lauf,

Zieh' ich doch mutig zum Schlosse hinauf:

Gelb das Barett und der Mantel bestaubt,



Blitzend das Schwert und gehoben das

Haupt.


Schreibergeräte nur trag' ich nach Pflicht,

Andere Habe mir heute gebricht:

Rinnt in den Adern doch adelig Blut,

Bin ich im Singen und Sagen doch gut.


Tret' ich ins Schloß, seh' bald ich die Not,

Daß mich ein Kampf um die Minne bedroht:



Ritters fein Töchterlein liebt mich so sehr,

Wie keinen andern in Landen umher.


„Jst denn den Demant zu preisen verwehrt,



Muß ich verlassen, die meiner begehrt?“

Scheiden und Meiden, wie fällt's ins

Gewicht!

Wäre beim Wandern die Trennung nur

nicht!
[Ende Spaltensatz]

Trochäisch-daktylischer Rhythmus.



§ 34. Bildung von trochäisch-daktylischen Reimstrophen.



Daktylische Takte wechseln mit trochäischen. Das über den Daktylus

im vorhergehenden (33.) Paragraphen gesagte ist auch hier ins

Auge zu fassen.



Aufgabe. Akatalektische trochäisch=daktylische Zweitakter.

Der erste Takt sei Daktylus, der zweite Trochäus. Reimschema: a a b b.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Jch strebe weder | nach Reichtum

noch nach Ehre, | Herrschaft und Würde |

würden mir nur eine Last sein.



Selbst um das Wissen | bekümmere

ich mich nicht weiter | als draußen

im Walde | Maus und Käfer.

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von V. v. Scheffel.



Reichtum und Ehre

Nimmer ich 'gehre,

Herrschaft und Würde

Wär' mir nur Bürde.


Bin selbst um Wissen

Mehr nicht beflissen

Als in dem Wald draus

Käfer und Grasmaus.
[Ende Spaltensatz] |#f0123 : 97|



[Beginn Spaltensatz]Die fremden | Schwindelgestalten |

plagen uns nur, | statt uns zu laben.



Mir sei | himmlischer Frieden beschieden,

| ein sorgenloses Herz | und

fröhliches Wesen,



Herzerfreuender Gesang, | erheiternde

Spiele, | Musik | und Tanz.



Solches gefällt mir, | solches

wünsche ich mir; | mit Rosen im

Haare | möchte ich dereinst sterben.

[Spaltenumbruch]

All' jene kalten

Schwindelgestalten,

Statt zu erquicken

Plagen und drücken.


Mir sei beschieden

Himmlischer Frieden,

Sturmfreies Herze,

Narrheit und Scherze,


Minniger Singsang,

Ballspiel und Klingklang,

Flöten und Geigen,

Wirbelnde Reigen:


Solche verehr' ich,

Solche begehr' ich;

Rosen im Haare

Schreit' ich zur Bahre.
[Ende Spaltensatz]

Jambisch-anapästischer Rhythmus.



§ 35. Bildung jambisch-anapästischer Reimstrophen.



1. Das Streben, in anapästischen Maßen sich zu versuchen, hat

Schiller durch Gedichte wie Die vier Weltalter, Die Worte des Glaubens

&c. angefacht. (Der Lernende möge diesen Gedichten eine Anregung

entnehmen.)



2. Das Geheimnis der Wirkung liegt im beweglichen Fluß und

dem freundlich gefälligen Rhythmus der anapästischen Verse.



3. Durch Einfügung von Jamben in die anapästischen Verse erleiden

dieselben eine angenehme Verzögerung, wie andererseits der jambische

Rhythmus durch Einfügung von Anapästen eine Beschleunigung erhält.



4. Es empfiehlt sich, die anapästischen Reihen mit einem Jambus

beginnen zu lassen, da ja jede Bewegung am Anfange langsamer ist,

als im weiteren Verlauf.



5. Jm deutschen anapästischen Vers braucht man den Jambus

nicht an eine bestimmte Stelle zu rücken; über seine Stellung entscheidet

vielmehr Versrhythmus und Satztakt.



Aufgabe. Zweizeilige jambisch=anapästische Strophen

(Distichen). Anapästische akatalektische Viertakter.



Vorübergehn.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Jch gewahrte die Leiden am

Thore, | da grüßte ich und ließ sie[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Karl Siebel.

Jch sah die Leiden am Thore stehn;

Jch grüßte und ließ sie vorübergehn.
[Ende Spaltensatz] |#f0124 : 98|



[Beginn Spaltensatz]vorüberziehen. 2. Jch gewahrte die

Freuden, wie sie ins Fenster sahn, | da

grüßte ich und ließ sie vorüberziehen.

3. Was soll ich denn erhoffen und ersehnen?

| Jch ersehne das Vorübergehen.

[Spaltenumbruch]

Jch sah die Freuden ins Fenster sehn;

Jch grüßt' und ließ sie vorübergehn.


Was soll ich hoffen und was erflehn? ─

Vorübergehn; vorübergehn!
[Ende Spaltensatz]


§ 36. Bildung von Reimstrophen mit strophischem Charakteristikum

oder mit charakteristischer Verbindung mehrerer

Reimformen.


a. Reimstrophen mit charakteristischem Strophenabschluß.



1. Die einzelnen Formen des strophischen Charakteristikums konnten

wir bereits bei Einführung in die Strophenlehre (§ 26 dieses

Bands) anführen, da dieselben in den Übungen auf dem Gebiete der

Strophik zur Anwendung gelangen müssen. Aus diesem Grunde

haben wir a. a. O. (§ 26) die betreffenden Übungen verschieben können

und brauchen nunmehr nur noch die charakteristische Form des Refrains

nachzuholen.



2. Man versteht unter Refrain oder Kehrreim bekanntlich die in

jeder Strophe eines bestimmten Gedichts regelmäßig wiederkehrende

Wiederholungsformel, welche meist ganze Zeilen (Kehrzeilen) unverändert

oder mit geringen Abweichungen wiederbringt. Die unveränderte

Wiederholung heißt fester Kehrreim, die veränderte ist als flüssiger

Kehrreim bekannt. Man spricht von Anfangs=, Mittel- und Endrefrain,

je nachdem derselbe am Anfang, in der Mitte oder am Schluß

der Strophe steht. Die gebräuchlichste Form, auf welche wir uns in

unserer nachstehenden Übung beschränken, ist der Endrefrain. Er gleicht

einer Säule, welche dem lockeren Gefüge der Strophe einen wunderbaren

Halt verleiht. Zudem ist er der ideale Punkt, in welchen die

Stimmung einer jeden Strophe ausläuft.



Aufgabe. Fünfzeilige Strophen. Reimschema: a a b b a.

Metrum: a=Zeilen jambische Dreitakter, b=Zeilen Viertakter.

Die letzte Zeile der Strophe wiederholt sich (Refrain
).



Ein Stündlein wohl vor Tag.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Als ich noch schlief, | es mochte

eine Stunde vor Tagesanbruch sein, |

sang leise auf dem Baume vor meinem

Fenster | ein Schwälblein. | Es mochte

eine Stunde vor Tagesanbruch sein. ‖[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Ed. Mörike.

Derweil ich schlafend lag,

Ein Stündlein wohl vor Tag,

Sang vor dem Fenster auf dem Baum

Ein Schwälblein mir, ich hört' es kaum,

Ein Stündlein wohl vor Tag:
[Ende Spaltensatz] |#f0125 : 99|



[Beginn Spaltensatz]2. Es sang: Höre, was ich dir sagen

will. | Jch muß deinen Schatz anklagen.

| Während ich dieses singe, |

herzt er eine andere Geliebte: | Es ist

wohl eben eine Stunde vor Tagesanbruch.

‖ 3. Jch rief: O weh mir!

Sprich nicht weiter! | Jch will nichts

mehr hören. | Flieg hinweg von meinem

Baum! | Liebe und Treue ist wesenlos

wie der Traum, | den man träumt

eine Stunde vor Tagesanbruch. ‖

[Spaltenumbruch]

Hör' an, was ich dir sag',

Dein Schätzlein ich verklag':

Derweil ich dieses singen thu',

Herzt er ein Lieb in guter Ruh',

Ein Stündlein wohl vor Tag.


O weh! nicht weiter sag'!

O still! nichts hören mag!

Flieg' ab, flieg' ab von meinem Baum!

─ Ach, Lieb' und Treu' ist wie ein

Traum

Ein Stündlein wohl vor Tag.
[Ende Spaltensatz]

b. Verbindung der Allitteration mit dem Reim.



1. Der Erste, welcher die Allitteration mit dem Vollreim verband,

war Otfried im Evangelienbuch (868 n. Chr.). Er hat die 1.

und 3. der vier Arsen jeder Verszeile durch Accentzeichen ausgezeichnet

und dadurch die Accentuierung der Stammsilben wesentlich gefördert.

Jndem er weiter im Schlußreim den stärksten Accent schuf, zu welchem

immer mehr das Steigen und Sinken der ganzen Tonreihe hindrängte,

hat er den nachhaltigsten Anstoß zur Weiterentwickelung des accentuierenden

Prinzips in unserer Sprache geliefert und gezeigt, daß auch der

Reim die Aufgabe des allitterierenden Wortes übernehmen kann.



2. Nach dem Siege des Vollreims kam die Allitteration ins Abnehmen.



3. Erst in der Neuzeit hat man wieder erkannt, welchen Zauber in

ästhetischer Beziehung, welche musikalische Wirkung, welche lautmalende

Fähigkeit die Allitteration hat, weshalb einzelne Dichter, die (im

Gegensatz zu Jordan) nicht auf den Vollreim verzichten mochten, die

Allitteration in Reimgedichten zur Anwendung brachten.



4. Um einzelne markante Beispiele zu erwähnen, so schließt Rückert

jede Strophe seines in alle Schullesebücher übergegangenen Gedichts

„Roland der Ries'“ mit gleichem Reim (Macht, Schlacht, Wacht,

Nacht &c.). Schlegel führt im Sonett „Was ist Liebe?“ den Allitterationslaut

L durch; Rückert im gereimten Rosenlied den Allitterationslaut

r (ebenso Müller von der Werra im Rüpellied). Mit Geschick

haben sonst noch die Allitteration mit dem Endreim verbunden: Bürger

(im Lied von der Einzigen), Goethe (in „Es war ein König in Thule“),

Heine (in „Es blasen die blauen Husaren“), Uhland (in „Jn Liebesarmen

ruht ihr trunken“), Fouqué (in vielen Dichtungen), W. Müller u. a.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll zu einem zweistrophigen

Gedicht von je
4 Verszeilen verwertet werden,

in welchem der Allitterationslaut
L den Eindruck fortsetzen

soll, den der
L=Klang durch die Erinnerung an das Wort

Liebe hervorruft.

|#f0126 : 100|



Metrum: Der jambische Quinar. Zur Gewinnung eines

strophischen Charakteristikums kann irgend eine Zeile jeder

Strophe verkürzt werden.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Du sangst mir, o Freund, sonst

Gesänge von Frauenliebe und =Leben

vor. Mein Ohr hing an deinem

Munde. Mein Herz erbebte in Freude

und Zuneigung.



Du singst nicht mehr. Deine Lyra

ist mit Spinngewebe überzogen. Sprich,

wird mir dein süßer Gesang die verlorene

Freude nie wieder zurückgeben?

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Chamisso.



Du sangest sonst von Frauen-Lieb und

Leben,

Mein trauter Freund, mir schöne Lieder

vor;

An deinen lieben Lippen hing mein Ohr,

Jch fühlte mich in Lieb und Lust erbeben.


Du singst nicht mehr; ─ um deine

Lyra weben

Die Spinnen, dünkt mich, einen Trauerflor;



Sprich, wirst du nie die Lust, die ich

verlor,

Du süßer Liedermund mir wiedergeben?
[Ende Spaltensatz]

c. Verbindung des Vollreims mit der Assonanz.



1. Eine Verbindung der freien Assonanz (innerhalb der Verszeile)

mit der versgliedernden Assonanz (am Ende der Verszeile),

welch letztere durch Übereinstimmung auch der Konsonanten zum

Vollreim wurde, finden wir bei unseren ersten Dichtern, z. B. bei

Uhland:



Was rauschet, lauschet im Gebüsch?

Was ringt sich auf dem Baum?

Was senket aus der Wolke sich

Und taucht aus Stromes Schaum.



oder bei Goethe:



Dringe tief zu Berges Klüften,

Wolken folge hoch zu Lüften,

Muse ruft zu Bach und Thale

Tausend abertausendmale &c.



2. Als eine einfachere Verbindung der Assonanz mit dem Vollreim

ist es zu betrachten, wenn der gleiche Assonanzlaut in Verbindung

mit dem Vollreim durch das ganze Gedicht sich hindurchzieht.



3. Wir finden eine solche Verbindung im Gedicht von Rückert I, 462

unserer Poetik.



4. Als eine weitere Form dieser Verbindung kann das Ghasel

betrachtet werden, sofern es den gleichen Vokal in allen geraden Zeilen

beibehält.

|#f0127 : 101|



5. Jn neuester Zeit hat Johannes Fastenrath die Assonanz dem

Vollreim namentlich in seinem spanischen Romanzenstrauß vermählt,

wo er den gleichen Assonanzlaut (zum erstenmal in der Romanze)

durch das ganze Gedicht hindurchführt und die verschiedenartigsten

Reime anschießen läßt (vgl. z. B. seine Romanze La Virgen de la

Servilleta
, wo der ü=Laut bis ans Ende durchgeführt ist).



6. Für unseren praktischen Zweck mag die im § 24 geübte Ghaselform,

sowie die spanische Romanzenform genügen.



Aufgabe. Nachstehender Stoff ist im spanischen Trochäus

so wiederzugeben, daß der Assonanzlaut
ü am Ende der geraden

Zeilen mit dem Reime sich verbindet.



La Virgen de la Servilleta.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Als du geboren wurdest, Murillo,

durchzog ein Glühen die Lüfte,

die Sonne schien glühender, tausend

Düfte durchströmten die Natur. 2. Die

Engel stiegen zu dir nieder voll Schönheit

und Güte und schütteten auf

deinen Busen Lilien und Blüten von

Orangen. 3. Auf den Altären und

in den Tempeln herrschte wunderbares

Entzücken, denn das Kindlein sollte sie

dereinst mit Gemälden zieren. 4. Als

das Kindlein größer wurde, sah es

im Traume herrliche Bilder, und es

malte wieder, was es im Traume gesehen.





u. s. w.

[Spaltenumbruch]

Lösung.

Von Johannes Fastenrath.



Als, Murillo, du geboren,

Ging ein Glühen durch die Lüfte,

Goldner funkelte die Sonne,

Und es strömten tausend Düfte.


Engel stiegen zu dir nieder

Voller Schönheit, voller Güte,

Schütteten auf deinen Busen

Lilien und Orangenblüte.


Jn den Tempeln und Altären

War ein wunderbar Entzücken,

Denn das Kind, ein Himmelsmaler,

Herrlich soll es einst sie schmücken.


Größer wird das Kind, und Bilder

Schaut's im Traume, göttlich=süße,

Und lebendig malt es wieder

Die geträumten Himmelsgrüße.


u. s. w.

[Ende Spaltensatz]


§ 37. Freie Accentverse zu freien Strophen vereint.



1. Die Verse sind frei heißt: sie sind nach Arsenzahl, Ausdehnung

und Anordnung der Verstakte ganz von dem Belieben und dem subjektiven

Empfinden des Dichters abhängig; es fehlt ihnen jeder metrische

Einteilungsgrund.



2. Jn der Regel hat jeder Vers die Ausdehnung einer rhythmischen

Reihe: gleichviel ob kürzer oder länger.

|#f0128 : 102|



3. Der Parallelismus der korrespondierenden Zeilen verlangt

oft das Auseinanderbrechen einer rhythmischen Reihe, oder die Verbindung

von zwei derselben.



4. Jede Zeile ermöglicht am Schlusse das Atemholen, das jedoch

keineswegs Bedingung ist.



5. Eine freie Strophe hat gewöhnlich den Umfang eines Gedankens,

einer Periode. Das Ende der Periode bedeutet in der Regel

auch das Ende der Strophe. Doch giebt es Ausnahmen, welche durch

den Jnhalt diktiert werden.



6. Die freien Strophen können gereimt und ungereimt sein. Der

Reim ist ein wichtiges Formelement.



7. Zu ihrer Handhabung gehört große dichterische Gewandtheit,

Geist und Empfindung.



Aufgabe. Nachstehender Stoff ist in Accentversen und

freien Strophen anzureihen.



Sturm.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1. Der Sturm wütet, | er peitscht

die Wellen, | daß sie wildschäumend

erbrausen, | und sich auftürmen, | und

es wogen die Wasserberge, | und das

Schifflein erklimmt sie; | hastig sich

mühend ersteigt es den Berg, | um

plötzlich niederzustürzen | in den gähnenden

Flutenabgrund. ‖ 2. O Meer, |

du bist die Mutter der Schönheit, |

o schone meiner, du Großmutter der

Liebe. | Schon umflattert mich | die

leichenwitternde Möve, | welche am

Mastbaum den Schnabel wetzt, | gefräßig

nach dem Herzen lechzend, | das

deine Tochter rühmt | und das dein

schalkhafter Enkel | als Spielzeug erwählte.

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von H. Heine.



Es wütet der Sturm,

Und er peitscht die Wellen,

Und die Wellen wutschäumend und

bäumend,

Türmen sich auf, und es wogen lebendig

Die weißen Wasserberge,

Und das Schifflein erklimmt sie,

Hastig mühsam,

Und plötzlich stürzt es hinab

Jn schwarze, weitgähnende Flutabgründe



O Meer!

Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!



Großmutter der Liebe! schone meiner!

Schon flattert, leichenwitternd,

Die weiße, gespenstische Möve,

Und wetzt an dem Mastbaum den

Schnabel,

Und lechzt voll Fraßbegier nach dem

Herzen,

Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt,

Und das dein Enkel, der kleine Schalk,

Zum Spielzeug erwählt.
[Ende Spaltensatz] |#f0129 : 103|



[Beginn Spaltensatz]3. Mein Bitten und Flehen ist

umsonst! | im Sturme verhallet mein

Ruf, | er wird vom lärmenden Tosen

übertönt. | Das brausende, pfeifende,

heulende Meer | gleicht einem

Töne-Tollhaus; | und zwischendurch

vernehme ich | Harfenlaute, | Gesang, |

ergreifend und vernichtend ertönt er, |

und ich erkenne die Stimme. ‖ 4. Fern

an der schottischen Küste, | wo das graue

Schlößlein steht, | die brandende See

überragend, | erblickt man am Bogenfenster

| eine schöne kranke Frau, | zart

und blaß, | die Harfe spielend und

singend, | und der Wind durchwühlt

ihre Locken | und trägt ihren Gesang |

über das sturmbewegte Meer. ‖

[Spaltenumbruch]

Vergebens mein Bitten und Flehn!

Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,

Jm Schlachtlärm der Winde.

Es braust und pfeift und prasselt und

heult,

Wie ein Tollhaus von Tönen!

Und zwischendurch hör' ich vernehmbar

Lockende Harfenlaute,

Sehnsuchtwilden Gesang,

Seelenschmelzend und seelenzerreißend,

Und ich erkenne die Stimme.


Fern an schottischer Felsenküste,

Wo das graue Schlößlein hinausragt

Über die brandende See,

Dort, am hochgewölbten Fenster,

Steht eine schöne, kranke Frau,

Zartdurchsichtig und marmorblaß,

Und sie spielt die Harfe und singt,

Und der Wind durchwühlt ihre langen

Locken,

Und trägt ihr dunkles Lied

Über das weite, stürmende Meer.
[Ende Spaltensatz]

Kritische Notiz zur vorstehenden Lösung.



Dergleichen Verse sollten gleichviel Hebungen haben, um musikalisch zu

wirken. So z. B. sollten die 2 ersten Verse auf Seite 102 als Einer geschrieben

sein oder die anderen kürzer. Man möge versuchen, die Schlußverse

auf Seite 103 so zu teilen:



Und der Wind durchwühlt

Jhre langen Locken

Und trägt ihr dunkles Lied

Über das weite,

(Das) stürmende Meer.



Eine Hebung mehr oder weniger thut hier wenig zur Sache. Aber im

ganzen sollte Gleichmäßigkeit herrschen. So könnte beispielsweise auch stehen:



Und zwischendurch

Hör' ich vernehmbar, u. s. w.
|#f0130 : E104|



Viertes Hauptstück.

Fremde moderne Strophen und Dichtungsformen.

(Südliche Formen.) ──────


§ 38. Bildung von Sonetten.



1. Das Sonett ist eine Art Epigramm von 14 Verszeilen, welches

in den ersten 8 Versen breiteren Raum für die Exposition zum

epischen Vordersatz gewährt, während die 6 folgenden Zeilen den lyrischen

Nachsatz (die Klausel) bilden. Die englischen Abarten (das Shakespearesche,

sowie das Spencersche Sonett) sind beachtenswert. Die

Shakespearesche Form mit 3 kreuzreimigen Vierzeilen und einer zweizeiligen

Schlußstrophe haben wir bereits I, 534 dieser Poetik erwähnt.

Die Spencersche Form ist noch schöner und vollendeter (abab, bcbc,

cdcd, ee
). Sie baut sich wie die Spencerstanze (vgl. § 41 dieses

Bands) auf dem französischen Huitain (Achtzeile) auf; nur hat sie

lauter gleichlange Verse.



2. Da das Sonett aus 8zeiligem Aufgesang und 6zeiligem Abgesang

besteht, so muß vor allem der für dasselbe bestimmte Stoff

in zwei Gruppen abgegrenzt werden. Zuvor ist jedoch der Gedanke

zu prüfen, ob er dieser Form zu vermählen ist.



3. Beide Stoffteile müssen sich nämlich zu einander verhalten,

wie Vordersatz zu Nachsatz, oder Satz zu Gegensatz. Der letzte Teil

(die beiden Terzinen) giebt gewissermaßen die Moral. (Das Epigrammatische

des Sonetts kann sich ausnahmsweise auch in der letzten

Zeile der zweiten Terzine, also in der letzten Verszeile konzentrieren.)



4. Aus diesem Grunde darf niemals der Jnhalt aus dem ersten

Hauptteil in den zweiten überlaufen. Vielmehr muß zwischen den

beiden Hauptteilen des Sonetts ein Ruhepunkt und eine syntaktische

Pause angebracht werden.

|#f0131 : 105|



5. Da jeder Teil wieder aus zwei Unterabteilungen besteht, so

umfaßt das Sonett vier Teile, nämlich 2 Quartette und 2 Terzinen.

(Prokesch-Osten [vgl. Kleine Schriften Bd. 6] scheidet in 8 und 6 Zeilen;

nur ein Sonett schreibt er in 3 Abschnitten d. i. in 4 + 4 + 6 Zeilen,

die übrigen sämtlich in 2 Abteilungen d. i. in 8 + 6 Zeilen. Schönaich=

Carolath setzt einmal [S. 104 seiner vortrefflichen „Dichtungen“ 1883]

die beiden Terzinen an den Anfang, um mit den beiden Quatrains

zu schließen. Das Mißliche des materiellen Übergewichts des 8 zeiligen

Schlußteils mildert er, indem er den Jnhalt aus den beginnenden

Terzinen in die Quartette überlaufen läßt und den Nachsatz erst mit

der achten Zeile beginnt. Wir müssen uns aus ästhetischen Gründen

für Beibehaltung der traditionellen Sonettenform erklären, welche in

ihrer formellen Schönheit und Proportionalität das Gesetz vom goldenen

Schnitt bestätigt. Wenn der Lehrsatz der Ästhetik: „Gewicht ersetzt

die Maße“ richtig ist, und somit der kürzere Teil bei einem Zusammengesetzten

dem längeren das Gleichgewicht zu halten vermag, so müssen

auch die beiden Terzinen am Schluß des Sonetts den beiden Quatrains

die Wagschale ebenso halten können, wie z. B. der kürzere

Abgesang im lyrischen Gedicht die beiden Stollen des Aufgesangs aufzuwiegen

vermag.)



6. Die Reime der lyrischen Sonettform sind mit Rücksicht auf

die im Sonett herrschende weiche Stimmung in der Regel und dem

Herkommen gemäß weiblich. Diese weiblichen Reime haben freilich das

Mißliche der kaum zu vermeidenden Endsilbe en. Bei vielen Dichtern

sind die durchaus weiblichen Reime nichts weiter als affektierte Nachahmung

der italienischen Art; die italienische Sprache bringt aber

männliche Reime nur mit äußerster Mühe auf, wie denn beispielsweise

der ganze Ariost deren höchstens 3 oder 4 haben mag.



7. Dem Anfänger ist für die beiden Quatrains der schon von

Petrarka beliebte umarmende Reim anzuraten, da derselbe das Auseinanderfallen

in Zweizeilen verhindert und daher auch in der Vierzeile

Verwendung findet. (Erwähnenswert bleibt die ältere italienische

Sonettenform, bei welcher die erste Hälfte eine Siciliane ist, welcher

eine um 2 Zeilen verkürzte, anfänglich darauf reimende folgt.)



8. Aus Gründen des Wohlklangs möchten wir uns gegen die

Anwendung von Fremdwörtern auch in den fremden Formen erklären.



Aufgabe. Reim der beiden Quatrains aren, onte (durch

Jahren und thronte diktiert), Reim der Terzinen unden, auchen

(durch verbunden und tauchen gegeben).



Das Liebesfrühlings-Haus.



Stoff. 1. Sei, Haus, uns gegrüßt, das so reich an Liebesjahren

ist, und in welchem der Schöpfer unzähliger Liebesgedichte thronte; du

trotzest dem Zahn der Zeit, denn dich beschirmen die Götter.

|#f0132 : 106|



2. Du trägst Rückerts Bild, dessen Frühlingsblume in deinen Räumen

weilte; er hat dir den seiner Braut gewährten Aufenthalt dadurch belohnt,

daß nun jeder zu dir wallfahrtet.



3. Möge mein Volk seinem Geist verbunden bleiben und in seine Dichtungen

sich versenken.



4. Dann erst wird es erkennen, welche anregende Kraft und welchen

Segen die tiefempfundenen Lieder Freimund Reimars atmen.



Lösung. Von C. Beyer.



Sei, Haus, gegrüßt mir, reich an Liebesjahren,

Jn welchem einst der Liebe Sänger thronte,

Und das der Zeiten Grimm bis heut verschonte,

Weil dich Apoll beschirmt und deine Laren.


Du trägst des Bild, um den sich Edle scharen,

Des Frühlingsblum' in deinen Räumen wohnte,

Und der mit seinem Nachruhm dich belohnte:

Das Rückertantlitz, das wir gern gewahren.


O möge fürder, seinem Geist verbunden,

Mein Volk in seine Herzensflut sich tauchen,

Und feiern ihn in gut- und bösen Stunden.


Daß es erkenne, welchen Segen hauchen

Die Lieder Freimunds, tief und wahr empfunden

Voll Gluten, die uns nimmermehr verrauchen.


§ 39. Bildung von Ritornellen.



1. Das Ritornell ist eine einzelne, für sich verständliche Dreizeile.

Die erste Zeile, welche häufig kürzer ist, als die beiden folgenden,

bringt meist einen Pflanzennamen als Anrede, während die beiden

andern den vollen Jnhalt des Textes bieten. Man nennt dieses Ritornell

das Blumenritornell.



2. Das Ritornell von Arricia hat die erste Zeile ebenso lang,

als die zwei übrigen, und stets hat die zweite Zeile andere Selbstaber

gleiche Mitlauter, und fast immer reimt die erste auf die

dritte, z. B. hangen, singen, bangen; minder, leider, Kinder.



3. Die zweite und dritte Zeile sind jambische Quinare, von denen

der letzte mit der ersten Verszeile reimt oder assoniert.



4. Die Mittelzeile ist reimlos.



5. Nur in seltenen Fällen vereinigen sich mehrere Ritornelle zu

einem Ritornellen-Cyklus.

|#f0133 : 107|



6. Wenn jedoch ein Gedicht aus mehreren Ritornellstrophen besteht,

so hängen dieselben doch nicht durch das Reimpaar zusammen,

wie dies bei den Terzinen der Fall ist (vgl. § 40 dieses Bandes).



Aufgaben. Die erste Verszeile soll mit der dritten reimen.

Bei den Lösungen der Aufgabe
b soll die erste Zeile verkürzt

sein.



a. Das Blumensträußchen.



Stoff. a. Du hast alle Sommerhäuschen nach der Liebsten durchsucht.

Endlich hast du sie gefunden und ihr ein Blumensträußchen gegeben.



b. Die Weinrebe.



b. Edle Weinrebe! Längst hat Frost und Kälte nachgelassen, damit du

blühen kannst.



Lösungen.



a.

Du hast umschritten alle Sommerhäuschen,

Du bist dann vor dem letzten stehn geblieben,

Und hast gebracht der Liebsten Rosensträußchen.


b.

O grüne Rebe!

Der Frühling hat verjagt schon längst die Kälte,

Damit er dir die Lust zum Blühen gebe.


§ 40. Bildung von Terzinen.



1. Die Terzine besteht aus 3 jambischen Fünftaktern. Obwohl

sie häufig genug nur weiblich gereimt ist, so ist doch (und nach Rückerts,

Heyse's u. a. Vorgang) aus ästhetischen Gründen die Abwechselung

des weiblichen mit dem männlichen Reimgeschlechte anzuempfehlen, um

der Eintönigkeit entgegen zu treten und Gelegenheit zur Anwendung

unserer vielen männlichen Reime zu bieten.



2. Zu vergessen ist nicht, daß den Schluß jeder Terzinendichtung

eine isoliert stehende Zeile bildet, welche mit der mittleren Zeile der

letzten Strophe reimt.



3. Besondere Beachtung verdient, daß jede Terzine für sich ein

strophisches Teilganzes zu bilden hat. Es ist also am Schluß einer

jeden Terzine (mit Ausnahme der letzten) ein syntaktischer Ruhepunkt

zu setzen, ─ eine selbst von Freiligrath (dem es Chamisso rügt), wie

von vielen neueren Dichtern übersehene Forderung.



Aufgabe. Jm Nachstehenden ist immer der Stoff für eine

Strophe abgeteilt. Der Terzinenreim für Zeile
1 und 3

jeder folgenden Strophe ist durch gesperrten Druck angedeutet.

Doch kann der Lernende nach Belieben abweichen.

|#f0134 : 108|



Mein Vaterland.



Stoff. 1. Jch habe mein Vaterland stets geliebt. Doch wo ist

das Vaterland hienieden, wenn der Krieg die Völker gegen einander hetzt? ‖

2. Jst das ein Vaterland, wo die farbigen Grenzpfähle stehn, welche die

Völker wie Herden trennen? ‖ 3. Oder ist es da, wo die deutschen Adlerfahnen

vor Fremden wehen, die im Donner der Kanonen für ihre Sprache kämpfend

den Tod erleiden? ‖ 4. Mein Vaterland ist der Menschheit ganze Breite, wo

der Friede Gottes uns überschwebt und wo man Gott verehrt. ‖ 5. Es ist

da, wo die Eintracht wohnt, wo man mit Wonnen Lieder singt und Freiheitsmut

die Brust schwellen macht. ‖ 6. Es ist da, wo das Leben aus nie erschlossenem

Grund emporquillt und Menschen wohnen, die geistiges Leben

lieben. ‖ 7. Es ist da, wo es Liebe giebt und treue Augen erglänzen;

es ist die weite Welt. ‖ 8. Mein Vaterland hat keine irdischen Grenzen.



Lösung. Von Julius Grosse.



Das „Vaterland“, ich hab' es stets geliebt;

Doch sagt, was ist das Vaterland hienieden,

Wenn Sturm und Feuer durch die Völker stiebt?


Jst das ein Vaterland, wo lang' im Frieden

Die farbgen Pfähle an der Grenze stehn

Und herdenweis die Völker abgeschieden?


Jst's, wo die deutschen Adlerfahnen wehn

Vor Fremden, die im Donner der Kanonen

Für ihre Sprache auch zum Tode gehn? ─


Mein Vaterland ist, wo noch Menschen wohnen,

Wo Gottes Frieden über Alpen schwebt

Und wo ihn betend ahnen Millionen.


Mein Vaterland ist, wo die Eintracht lebt,

Wo Liedesklang der Brust entquillt mit Wonnen

Und Mut der Freiheit durch die Seelen bebt.


Mein Vaterland ist, wo in goldner Sonnen

Das Leben schäumt aus nie erschloss'nem Grund

Und Geister trinken aus des Geistes Bronnen. ─


Mein Vaterland ist, wo ein süßer Mund

Von Liebe flüstert, treue Augen glänzen:

Die weite Welt ist's, bis die andre kund. ─


Mein Vaterland hat irdisch keine Grenzen.


§ 41. Bildung von Oktaven (Stanzen).



1. Der Begriff Stanze ist ein ziemlich weitgehender, elastischer.

Man kann darunter zunächst und im weitesten Sinn die um 1 oder |#f0135 : 109|



2 Verse verkürzte (oder auch um 1 oder 2 Verse verlängerte) Achtzeile

begreifen, nämlich folgende Formen:



a. Die im nächsten Paragraphen zu übende älteste Form der

Stanze mit nur 2 überschlagenden Reimen: die Siciliane;



b. Die in diesem Paragraphen zu behandelnde italienische

Form mit 3 Reimen: die Oktave oder Stanze im engeren

Sinn;



c. Die nach dem Muster des französischen Huitain (Achtzeile)

gebildete deutsche Achtzeile, welche 3 Reime hat und als

deren häufigste Form wir Heyse's Urica bezeichnen. Es

giebt noch ein altfranzösisches Huitain mit der Form

a a a b c c c b, wobei wie immer die Verslänge ungleich

sein kann, wenn nur die Symmetrie nicht aufgehoben ist.

Bezeichnen wir mit dem Accentzeichen (') unter dem Buchstaben

die längere Zeile, ferner mit 2 Accentzeichen (")

eine noch längere Zeile, so stellt sich das Schema ungefähr

so her: a a̗ a b c c̗ c b, oder auch a a a b̗ c c c b̗,

oder a a a̗ b c c c̗ b u. s. w. Oder so a a̗ a b͈ c c̗ c b͈ u. s. w.

(Ähnlich, nur daß jede 4. Verszeile stets den Reim b hat,

findet man lange Gedichte auch im Orientalischen; auch Beispiele

im Hariri. Nur arbeitet der Araber meist so: a a a a b b b a

c c c a
, wonach der Reim a das Band des Ganzen ist.);



d. Die englische Spencerstanze mit 3 Reimen in 9 Versen,

wo an die französische Stanze ein Alexandriner angefügt ist;



e. Die englische Siebenzeile (Shakespearestanze) mit 3 Reimen

in 7 Versen (Shakespeare's Muster). Sie ist, wie schon

das Schema a b a b b c c zeigt, eine um das dritte a verkürzte

italienische Stanze, welche nach dem altfranzösischen

Balladen- und altitalienischen Canzonengesetz des an die

Strophe reimenden Anhanges gebaut ist (wie er auch im

Huitain vorkommt);



f. Die Stanze (Waltherstanze), welche Walther von der Vogelweide

anwandte: a b a b c c c oder a b a b c d d c.



g. Die spanische Decime, eine Stanze mit 5 Reimen in

10 Versen.



2. Die Stanze oder Oktave im engeren Sinn, deren Technik

dieser Paragraph darthun soll, besteht aus 8 fünftaktigen jambischen

Versen, von welchen die 6 ersten alternierend reimen, während die

beiden letzten ein Reimpaar sind: a b a b a b c c.



3. Jhre Schönheit beruht auf dem melodischen Reimwechsel, dem

rhythmischen Ebenmaß von Vorder- und Nachsatz, auf der schönen Geschlossenheit

der 6 ersten Reimzeilen, welche durch Abwechselung des |#f0136 : 110|



Reimgeschlechts eine angenehme, wellenartige Bewegung ergeben. Hierzu

kommt das freundliche, charakteristisch abschließende Reimpaar, welches

den Satz und den Sinn schließt und die Moral giebt.



4. Da die Einfügung männlicher Reime die Gliederung der Oktaven

in zweizeilige, aus Vorder- und Nachsatz bestehende Perioden

erleichtert, so empfiehlt sich für unsere Sprache die Abwechselung von

weiblichen und männlichen Reimen, so zwar, daß die Markierung des

abschließenden Nachsatzes (die 2., 4. und 6. Zeile) männlich ist.



5. Der männliche Schluß bei den Nachsätzen der 3 ersten Perioden

verleiht unserer deutschen Oktave ein charakteristisches Gepräge.



6. Aus ästhetischen Gründen der Symmetrie und des Wohllauts

raten wir dem Lernenden die Beibehaltung der traditionellen Reimfolge

a b a b a b c c.



7. Sorgfältig ist die inhaltliche Verbindung der 5. Zeile mit der

4. herzustellen, damit die Strophe nicht wie 2 Vierzeilen erscheine.



8. Die Zeilenlängen Schillerscher und Wielandscher Oktaven sind

wegen ihrer Willkürlichkeit zu tadeln. Wohl aber ist die ausnahmsweise

Einfügung von Alexandrinern zulässig, da ja hyperkatalektische

Quinare unter Hinzurechnung der Pausen den Alexandrinern gleichwertig

sind. Eigentliche Oktaven im engeren Schulsinne sind dies

freilich trotz ihrer 8 Zeilen ebensowenig, als z. B. die französischen

Huitains, wohl aber sind es Stanzen.



9. Den Wohlklang fördert es, wenn am Schluß je des 2. Taktes

eines jeden Verses eine Diärese gesetzt wird.



10. Ebenso ist es von Bedeutung, auf der 10. Silbe den Wortaccent

mit dem rhythmischen zusammenfallen zu lassen. Somit dürfen

beispielsweise Satztakte wie „Verheimlichungen“, „Heimlichkeiten“,

„herrliche“ &c. nicht den Vers schließen, was ja auch schon gegen die

Gleichheit der Silbenquantität des Reims verstoßen würde.



11. Viele gleichartige einsilbige Worte neben- und nach einander

müssen vermieden werden, da jedes von ihnen den Hochton

wie den Tiefton erhalten kann.



12. Zur Vermeidung der Eintönigkeit ist die ausnahmsweise Einfügung

von Anapästen gestattet. Allzuviele Anapäste würden den jambischen

Grundcharakter der Oktaven in Frage bringen.



13. Die von Rückert auch als lyrische Form verwertete Oktave

hat meist weibliche Reime.



14. Daß die Oktave auch für humoristischen Jnhalt geeignet

ist, beweisen die Oktaven von Graf v. Schack, die manche klägliche,

von prosodischen Jnkorrektheiten &c. wimmelnde Nachäffung gefunden

haben.



15. Die Oktave eignet sich insbesondere zu Prologen und zu

Epilogen, zu Festdichtungen, zu Widmungsgedichten, zu kulturhistorischen

Gedichten &c.

|#f0137 : 111|



Aufgabe.   Theodorichs Reue.



Stoff. 1. Mit tiefem Schmerz hört Theodorich den Preis des Toten,

aus seinen Augen brechen Thränen, ihn erfaßt ein Grauen, als wenn er gerichtet

worden wäre. Er seufzt tief und birgt sein weinendes Gesicht an die

Mauer der Säule, dann legt er sein königliches Geschmeide ab und eilt hinaus

in die finstere Nacht. ‖ 2. Jm Hofe eines Klosters vernahm man in der nämlichen

Stunde der folgenden Nacht den Ruf: „Steht auf, ihr Mönche, öffnet

das Thor, hier bin ich, nach dem ihr geschickt habt.“ Theodorich trat ein, vor

einer Nische lag ein vertieftes Grab. Ein Mönch sprach zu den übrigen: „Dieser

hat sich erboten, den Toten einzumauern.“ ‖ 3. Sie trugen mit seiner Hilfe

Odoakers Leichnam zur Gruft hinab, und allein, wie wenn er ihm etwas

abzubitten hätte, bog sich Theodorich über ihn. Dann schloß er den marmornen

Sarg, ergriff die Kelle, fügte Stein an Stein zum stillen Haus und bei

ihm saß der Mönch mit der Leuchte in der Hand. ‖ 4. Als am andern Morgen

die Gebetglocke ertönte, trat Theodorich aus dem Kirchengang und horchte

auf dem Marmorblock der letzten Stufe nach dem Klang derselben. Dann strich

er sich den Schweiß von der Stirn, ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen;

da flog vor allem Volke ein Adler über ihn hinweg. ‖



Lösung. Von Hermann Lingg.



Theodorich vernimmt mit Schmerz und Trauer

Des Toten Preis, aus seinen Augen bricht

Die Thräne vor, und ihn ergreift ein Schauer,

Als sprächen Himmelsstimmen sein Gericht.

Er seufzt aus tiefster Brust, und an die Mauer

Der Säule birgt er weinend sein Gesicht,

Dann legt er ab Geschmeid und Goldgefunkel,

Und eilt allein hinaus in Nacht und Dunkel.


Durch eines Klosters Hof zur gleichen Stunde

Rief's in der nächsten Nacht: „Auf! wenn ihr schlieft,

Herbei, ihr Mönche, mit dem Schlüsselbunde!

Schließt auf das Thor, ich bin es, den ihr rieft!“

Theodorich trat ein, vor ihm im Grunde

Vor einer Nische lag ein Grab vertieft.

„Der ist es,“ sprach ein Mönch, „der sich erboten


Mit seiner Hilfe trugen sie zur Stätte

Des Odoakers Leichnam, und allein,

Als ob er ihm was abzubitten hätte,

Bog jener lang sich über ihn herein.
|#f0138 : 112|



Er schloß den Sarg von schwarzer Marmorglätte,

Ergriff die Kelle, fügte Stein an Stein

Zum stillen Haus, umweht von Moderfeuchte,

Und bei ihm saß der Mönch und hielt die Leuchte.


Als Morgens früh des Klosters kleine Glocke

Zum Beten rief, trat aus dem Kirchengang

Theodorich, und auf dem Marmorblocke

Der letzten Stufe horcht er nach dem Klang,

Er strich von seiner heißen Stirn die Locke,

Sein jugendliches Antlitz überdrang

Ein tiefer Ernst und in der Morgenwolke

Flog über ihm ein Adler vor dem Volke.


§ 42. Bildung von Sicilianen.



1. Alle bei der Oktave gegebenen Vorschriften &c. haben mehr

oder weniger auf die Siciliane Anwendung, welche ja die Vorläuferin

der Oktave ist und aus 8 jambischen Verszeilen besteht, wie jene.



2. Sie schließt ihre Glieder durch den Reim zusammen (ab ab ab ab).



3. Ein strophisches Charakteristikum ist bei der Siciliane nicht

nötig, da sie in der Regel ein für sich bestehendes, in sich abgeschlossenes

Ganzes, also ein fertiges Gedicht bildet.



4. Demnach schließt sie ─ wie das Schema zeigt ─ auch nicht

mit einem Reimpaare ab, sondern mit einer vierten aus Vorder= und

Nachsatz bestehenden Periode.



5. Je nach dem Jnhalt hat die Siciliane männlichen oder weiblichen

Reim, oder auch abwechselnden männlichen und weiblichen Reim.



Aufgabe.   Das Menschenherz.



Stoff. Ein dem Wassertod entflogenes Bienchen wird das trügerische

Gleißen des Wassers meiden; | ein durch die Angel belogenes Fischlein wird

nicht mehr an den Köder gehen; | ein Lamm, das man dem Wolf entrissen,

wird gern im schützenden Stalle bleiben; | nur das so oft betrogene Menschenherz

läßt sich immer von neuem ins Unglück ziehen. |



Lösung.



Das Bienlein, das dem Wassertod entflogen,

Wird es nicht fliehn des Wassers trügend Gleißen?

Das Fischlein, von der Angel schwer betrogen,

Wird es wohl wieder an den Köder beißen?

Das Lamm, das du dem Wolfe hast entzogen,

Wird's nicht die Sicherheit des Stalles preisen?

Dein Herz nur, Mensch, das öfter schon belogen,

Läßt stets aufs neue sich ins Unglück reißen.
|#f0139 : 113|



§ 43. Bildung von Decimen.



1. Diese Form, welche aus 10 trochäischen Viertaktern besteht,

ist in Spanien beliebt, wo der Grundcharakter der Sprache jambisch

ist. Jn unserer deutschen Sprache mit ihrem trochäischen Gepräge

ist sie weniger empfehlenswert, da nicht jeder Dichter es versteht, durch

überbrückende Satztakte die Diäresen zu vermeiden.



2. Um das Auseinanderfallen der Strophen in 2 Fünfzeilen zu

vermeiden, muß man die syntaktische Pause möglichst selten ans Ende

der 5. Zeile verlegen. Daher sollte das Schema a b a b a | c d c d c

möglichst vermieden werden.



3. Nachahmenswert ist das Beispiel Rückerts und in neuester Zeit

Johannes Fastenraths (vgl. die vielen Decimen in seinem Calderonbuch),

welche den syntaktischen Ruhepunkt ans Ende der 4. Zeile setzen.



4. Am gebräuchlichsten ist das Reimschema: abba, accd, dc,

sowie das aus 2 Vierzeilen mit abschließendem Reimpaar bestehende:

abab, bccb, dd.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll zu einer Decime verwendet

werden. Schema:
abba, accd, dc.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



Jch denke an dich, großer Calderon!

| Um dich würdig zu besingen,

bete ich zu Gott, | denn auch in der

Kunst betrete ich | das Heiligtum der

Religion. | Jch bete zu Gott, | wenn

ich mich dessen erinnere, was er dir

verliehen. | Durch die Gaben deines

Geistes | durftest du in einer Weise

Zeugnis von ihm ablegen, | daß jeder

anbetend die Knie beugen wird, | der

sich zu dir erheben will. |

[Spaltenumbruch]

Lösung. Von Johannes Fastenrath.





Dein gedenk' ich, Calderon,

Und um dich zu singen, bet' ich,

Denn auch in der Kunst betret' ich

Heiligtum der Religion.

Ja, ich bet' zu Gottes Thron,

Denk' ich des, was dir gegeben,

Denn durch deines Geistes Leben

Durftest Gott du so bezeugen,

Daß die Kniee der muß beugen,

Der zu dir sich will erheben.
[Ende Spaltensatz]


§ 44. Bildung von Trioletten.



1. Der Reim in dieser, meist aus 8 jambischen oder auch trochäischen

Versen bestehenden poetischen Form ist durch die beiden ersten Zeilen

geboten. Das Schema ist in der Regel a b b a b a a b oder

a b a a b a a b.



2. Die beiden ersten Zeilen enthalten den laufenden Gedanken

für das Triolett; sie sind also gewissermaßen als Thema für die Weiterführung

zu betrachten.

|#f0140 : 114|



3. Nachdem die erste Zeile als vierte Zeile wiedergekehrt ist und

zwei weitere Zeilen den Jnhalt fortgesponnen haben, schließen die beiden

ersten Zeilen das Ganze wie ein Refrain ab. Somit kehrt im Triolett

der gleiche Gedanke dreimal in gleicher oder verwandter Weise wieder.



4. Es ist eine Schönheit, wenn die wiederholten (oder nur kaum

veränderten) Verse eine neue Wendung im Gedankengang erzielen.



5. Die Verse brauchen nicht von gleicher Länge zu sein, wie schon

der Meister dieser Form, Charles d'Orléans, beweist. Jch setze zum

Beleg ein improvisiertes Triolett von Faust Pachler her:



Du ahnest es nicht,   a

Wie sehr ich dich ehre, wie heiß ich dich liebe,   b

Wie gern ich's dir sagte, wie gern ich's dir schriebe.   b

Du ahnest es nicht.   a

Ach, wenn du es wüßtest und Hoffnung mir bliebe   b

Nach diesem Gedicht!   a

Du ahnst es ja nicht,   a

Wie sehr ich dich ehre, wie heiß ich dich liebe.   b



Es versteht sich von selbst, daß die a=Zeilen unter sich gleich lang

sind und ebenso die b=Zeilen unter sich.



6. Von Abarten sind hier erwähnenswert die von Tandler in

9 Versen, wo die erste a=Wiederholung nicht den 4., sondern den

5. Vers bildet, sowie die von Klamer-Schmidt ebenfalls in 9 Versen,

wo die a=Wiederholung bereits auf der 3. Zeile eintritt.



7. Andere Abarten, deren wir im ganzen 14 verzeichnen könnten,

gehören nicht hierher. Die wichtigsten derselben, welche in der deutschen

Poesie zur Anwendung gelangt sind (nämlich: a. das zweistrophige

Triolett, b. das Rondel oder dreistrophige Triolett, c. das eigentliche

Rondeau oder Ringelgedicht, welches aus 13 jambischen oder trochäischen

Versen besteht und in 2 ungleiche Strophen von 8 und 5 Zeilen zerfällt

&c.) haben wir Bd. I S. 579─583 dieser Poetik ausführlich

abgehandelt.



Aufgabe. Ein Triolett ist zu bilden, dessen Grundgedanke

ist: Das geistig Schöne steht doch höher als das sinnlich Schöne.


Dieser Gedanke durchleuchtet das bestimmende Reimpaar:



Das Schönste mag dein Aug' und Ohr entzücken,

Viel edler ist, o Mensch, das geistig Schöne.



Jm weiteren Verlauf kann angeführt werden: Zwar nenne ich

dich nicht geschmacklos, wenn du nur Geschmack für jenes Schöne hast, das

du sehen oder hören kannst (also für bildende Kunst und Musik). Aber die

Poesie wirkt nicht auf die Sinne, sondern auf den Geist, und darum steht sie

und der Geschmack dafür höher und ist edler, wie der Geist edler ist als der

Körper.

|#f0141 : 115|



Lösung. Von Faust Pachler.



Das Schönste mag dein Aug' und Ohr entzücken,

Viel edler ist, o Mensch, das geistig Schöne.

Nicht, daß ich drum dich als geschmacklos höhne ─

Das Schönste mag dein Aug' und Ohr entzücken!

Doch niedrig stehn die Farben und die Töne,

Die einzig nur durch Sinnenreiz beglücken.

Das Schönste mag dein Aug' und Ohr entzücken,

Viel edler ist, o Mensch, das geistig Schöne.


§ 45. Umbildungen eines dichterischen Stoffes in alle möglichen

Vers- und Strophenarten.


(Eine Prüfungsaufgabe.)



1. Der Lernende, welcher unsere sämtlichen Übungen mit Erfolg

durchgearbeitet hat, wird gut daran thun, wenn er zu seiner Selbstvertiefung

einen Augenblick inne hält und nunmehr unter Zugrundelegung

eines bestimmten dichterischen Stoffes Umbildungen in allen

möglichen Formen vornimmt.



2. Da durch diese Umbildungen gewissermaßen ein Examen und

eine Art Rekapitulation beabsichtigt ist, so möge der Anfänger bei Ausführung

der Teilaufgaben sich immer erst das Regelwerk der einzelnen

bezüglichen früheren Paragraphen ansehen.



3. Jndem wir durch unsere nachstehende, methodisch geordnete Aufgabe

die Hand zur Wiederholung unseres ganzen Systems bieten,

wollen wir doch nicht alle Möglichkeiten erschöpfen, sondern wir lassen

dem Lernenden noch viele Wege offen, die dem warmen Vertiefen in

die beiden ersten Bände sich von selbst erschließen werden.



4. Der Lernende möge die Lösungen immer erst dann vergleichen,

wenn er die eigene Lösung vollendet haben wird.



5. Wesentlich ist bei allen Lösungen die strenge Beachtung des

deutschen Accents, um unserem Accentprinzip (gegenüber dem quantitierenden)

zum Sieg zu verhelfen, ─ eine Aufgabe, welcher unser

ganzes Streben in allen Bänden dieser Poetik gewidmet war.



Aufgabe. Es sollen Umbildungen des nachfolgenden Gedichts

hergestellt werden und zwar:



1. im Jambus,



2. im Trochäus,



3. im Anapäst,



4. im sog. Mutakarib (Versmaß des Schah-Nameh und

des Jskandernameh
⏑─́– | ⏑─́– | ⏑─́– | ⏑–),



5. im Distichon,

|#f0142 : 116|



6. im jambischen Sechstakter (Trimeter),



7. im anapästischen Achttakter (Tetrameter),



8. im Alexandriner,



9. in Hinkejamben,



10. im Hendekasyllabus,



11. in der Allitteration,



12. in der Assonanz,



13. in der mittelhochdeutschen Nibelungenstrophe,



14. in der Ghaselenform,



15. in der Sonettform,



16. in der Oktave,



17. in der Siciliane,



18. im serbischen Trochäus,



19. in der neuen Nibelungenform (a. Gebrochene Nibelungenstrophe

mit eingefügten Anapästen. Reimschema:


xaxa. b. Gebrochene Nibelungenverse ohne

Anapäst
),



20. im trochäischen Viertakter,



21. im jambischen Viertakter &c.



Das sterbende Alpröslein. Von C. Beyer.

Stoff.



„Hoch auf dem Felsen ein Röslein blüht rot,

Möcht' es wohl brechen, doch brächt' es den Tod.


„Röslein, wie bist du so zaubrisch zu sehn,

Möchte vor Sehnen und Liebe vergehn.


„Schaue dich an, o du süßestes Gut,

Werde dich brechen und flöß' auch mein Blut.


„Schenke zum Schmuck dich der Trautesten mein,

Freut sie sich dran, wird lohnend es sein.“


Kühnlich erstieg er die felsige Wand,

Knickte das Röslein mit zitternder Hand.


Kehrte zurück nicht, stürzte hinab ─

Schmückte das sterbende Röslein sein Grab.


Lösungen. Von Karl Putz.



1. Jambus.



[Beginn Spaltensatz]
Ein Röslein blüht am Felsen rot,

Gern bräch' ich's, doch das bringt

den Tod.

Bezaubernd ist dein Blüh'n zu sehn,
[Spaltenumbruch]

Sehnsucht nach dir macht mich vergehn.



Jch schaue dich, du süßes Gut,

Jch breche dich, fließt auch mein Blut.
[Ende Spaltensatz] |#f0143 : 117|



[Beginn Spaltensatz]
Jch bringe dich der Liebsten mein,

Wenn sie sich freut, wird's Lohn mir

sein. ─

Kühn steigt er auf zur Felsenwand,
[Spaltenumbruch]

Die Rose pflückt schon seine Hand;

Jedoch er wankt, er stürzt hinab, ─

Das Röslein aber schmückt sein

Grab.
[Ende Spaltensatz]

2. Trochäus. (Fünftakter.)



[Beginn Spaltensatz]
Hoch am Felsen blüht ein Röslein rot,

Gern wohl bräch' ich's, doch es bringt

den Tod.

Zaubrisch bist du, Röslein anzusehn,

Muß nach dir vor Sehnsucht fast vergehn.



Jmmer schau' ich dich, mein süßes Gut,

Brechen muß ich dich, flöß' auch mein

Blut.
[Spaltenumbruch]

Heft' an's Mieder dich der Liebsten mein,

Hat sie Freude dran, wird's Lohn mir

sein.

Kühn aufsteigt er zu der Felsenwand,

Knickt die Rose schon mit blut'ger Hand.

Kehrt nicht mehr zurück, stürzt tief

hinab, ─

Doch das Röslein schmückt ihm auch das

Grab.
[Ende Spaltensatz]

3. Anapäst.



Schön Röslein blühet an Felshöh'n rot,

Gern möcht' ich es brechen, doch bringt mir's den Tod.

O Röslein, wie bist du bezaubernd zu sehn,

Mein Sehnen nach dir macht fast mich vergehn.

Lang schau' ich dich an, mein süßestes Gut,

Dich muß ich noch brechen, ob's gilt mein Blut.

Dich hol' ich herab für die Trauteste mein,

Wenn sie sich nur freut, wird's lohnend mir sein. ─

Gar kühnlich erstieg er die felsige Wand,

Und er knickte die Rose mit zitternder Hand;

Kam leider zurück nicht, stürzte hinab, ─

Schön Röslein sterbend nur schmücket sein Grab.


4. Mutakarib. (⏑─́– | ⏑─́– | ⏑─́– | ⏑–)



So hoch auf dem Fels dort du Alpröslein rot,

Wie gern holt' ich dich, doch es bringt mir den Tod.

Du bist doch, o Röslein, so hold anzusehn!

Die Sehnsucht nach dir macht, ach! fast mich vergehn.

Nur du bist mein Ziel nun, mein wünschbarstes Gut,

Gar kühn brech' ich dich noch, ob fließt auch mein Blut.

Und du sollst der Schmuck bald für Treuliebchen sein,

Denn wenn sie sich freut, bringt's genug Lohn mir ein. ─

Nun furchtlos besteigt er die senkrechte Wand,

Und knickt schon das Röslein mit wundblut'ger Hand;

Er wankt aber abwärts und stürzt tief hinab,

Das Alpröschen schmückt ihm allein noch das Grab.



(NB. Das Mutakarib kann in unserer Sprache nur anapästisch skandiert

werden [vgl. § 47], also so: ⏑ – ⏑ ⏑ – ⏑ ⏑ – ⏑ ⏑ –.)

|#f0144 : 118|



5. Distichon.



Hoch an den Felsen erblüht Alpröslein so rot und so lieblich;

Brechen wohl möcht' ich es gern, aber es dräuet der Tod.

Röschen, wie hast du das Herz und die Sinne mir völlig bezaubert!

Sehnen nach dir wird nie schwinden in meinem Gemüt.

Jmmer beschau' ich nur dich und ich weiß nicht besseren Wunsch mehr;

Kostet es auch mein Blut, brechen wohl muß ich dich noch.

Röschen, dich wähl' ich zum Schmuck für die Liebste vor anderem Zierrat,

Hat sie nur Freude daran, ist es mir Lohnes genug. ─

Wagenden Mutes erklimmt er die steile, die felsige Höhe,

Pflücket die Rose sich schon ab mit ermattender Hand.

Nicht mehr kehrt er zurück zu den Seinen, ─ er stürzt in den Abgrund,

Wo ihm das Röslein so lieb schmücket verwelkend das Grab.


6. Trimeter.



Dort blüht ein Alpenröslein hoch an Felsen rot,

Gern möcht' ich's brechen, aber es dräuet mir Gefahr.

Und doch, o Röslein, blühest du so zaubrisch schön,

Daß ich nach dir vor Sehnsucht fast vergehen muß.

Jch schau' nach dir nur, achtend für das Beste dich,

Und will dich brechen, müßte fließen auch mein Blut.

Jch hefte dich ans Mieder meiner geliebten Braut,

Und wenn sie dein sich freuet, ist mir's Lohn genug. ─

Darauf bestieg er kühnlich hohes Felsgestein

Und knickte schon die Rose, zitternd, doch beglückt.

Rückkehren sah ihn niemand, denn er stürzte tief,

Und nur das Alpenröslein ward ihm Grabesschmuck.


7. Anapästische Achttakter.



Hast je du gehört, was in früherer Zeit im Tirolergebirge sich zutrug?

Da stand einstmals an dem Felsengestein hoch droben ein blühendes Röslein;

Das schaute von fern sich ein Jüngling an voll brünstigen Sehnens der Liebe.

Der sprach zu der Ros': Ab bräch' ich dich gern, doch ist's mit Gefahren

verbunden.

O Röslein rot, wie erblühtest du schön, wie so zauberisch blickst du hernieder,

Daß Verlangen nach dir du erweckst in der Brust, und es wird mir doch

nimmer gestillt sein.

Lang schau' ich zu dir in die Höhe hinan und erkenn' als süßestes Gut dich;

Wahrhaftig, du mußt noch heut mein sein, sollt' auch mein Leben ich wagen,

Um der Liebsten zum Schmuck dich zu holen herab. Dann steck' ich dich ihr

an das Mieder;

Wenn sie sich daran mag herzlich erfreun, wird das schon Lohns mir genug sein! ─

Und der Jüngling stieg zu der Felswand auf, zu der steilen, mit mächtigen

Schritten,
|#f0145 : 119|



Stand droben am Rand, auf schwindliger Höh', und er knickte mit Zittern

die Rose,

Wo bald er nicht mehr ward fürder gesehn, denn er stürzte hinab in den

Abgrund.

Doch sterbend das Grab ihm schmückte sodann das ersehnte, das herrliche

Röslein.


8. Alexandriner.



Auf hohem Felsen blüht ein Alpenröslein rot;

Jch möcht' es brechen gern, doch wär es mir zum Tod.

Wie bist du, Röslein, doch so zaubrisch anzusehn,

Wirst du nicht mein, so muß vor Sehnsucht ich vergehn.

Dich schau ich immerfort, du bist mein bestes Gut,

Dich muß ich brechen bald, mag fließen auch mein Blut.

Jch heft' ans Mieder dich der Herzgeliebten mein,

Hat sie nur Freude dran, wird's Lohn genug mir sein. ─

Jn kühnem Wagnis steigt er auf zur Felsenwand

Und knickt die Rose schon mit banggestreckter Hand.

Doch kehrt er nicht zurück, er stürzet tief hinab,

Das Alpenröslein nur schmückt sterbend ihm das Grab.


9. Hinkejamben.



An hohen Felsen blühet rot das Alpröslein,

Gern würd' ich's brechen, doch dies bringt den Tod sicher.

Du bist, o Röslein, anzusehen ganz zaubrisch;

Nach dir vor heißer Sehnsucht fast vergehn muß ich.

Seit ich dich schaue bist du mein Begehr einzig,

Dich muß ich brechen, ob es auch mein Blut kostet.

Ans Mieder meiner Liebsten will ich dich heften;

Hat sie nur Freud' an dir, ist mir's genug lohnend. ─

Waghalsig steigt er auf an steilen Felswänden

Und knickt die Rose droben mit der Hand glücklich;

Doch kehrt er nicht zurück mehr, sondern stürzt abwärts,

Und nur sein Grab noch schmücket sterbend Alpröslein.


10. Hendekasyllabus.



Hoch am Felsen erblüht das rote Röslein,

Doch zu brechen es, ist zum Tod gefährlich.

Röslein, zauberisch blühest du da droben,

Daß mein Sehnen nach dir mich fast vergehn macht.

Jmmer schau' ich dich an mit süßem Streben;

Brechen muß ich dich noch, ob auch mein Blut fließt.

Schön am Mieder der Liebsten sollst du prangen;

Wenn sie deiner sich freut, ist's Lohn genug mir. ─
|#f0146 : 120|



Ohne Zagen erklimmt er hohe Felsen,

Knickt mit zitternder Hand die rote Rose.

Aber nimmer herniedersteigend stürzt er;

Nur das Röschen verbleibt als Schmuck im Grab ihm.


11. Allitteration.



[Beginn Spaltensatz]
Alpenröslein wunderrosig

Blühet hoch am Rand des Felsen;

Doch es brechen zum Gebrauche,

Würde sichern Tod mir bringen.

Zartes Röslein, bist so zaubrisch,

Daß mich Sehnsucht fast verzehret.

Blüt' und Blatt muß mein noch

werden,
[Spaltenumbruch]

Sollte fließen drum mein Blut auch.

Dich zur Lust der Liebsten hol' ich,

Die dafür mir süßen Lohn beut. ─

Ohne Zagen klimmt ans Ziel er,

Knickt die Rose, doch mit Zittern;

Stieg herab nicht, weil er stürzte;

Röslein sterbend schmückt das Grab

ihm.
[Ende Spaltensatz]

12. Assonanz.



[Beginn Spaltensatz]
Hoch am Felsen blüht das Röslein,

Es zu holen ist gefahrvoll.

O wie blühest du so zaubrisch!

Schön'res sah ich niemals annoch.

Dich begehr' ich, süßes Röslein,

Breche dich von deinem Standort,
[Spaltenumbruch]

Daß du werdest Schmuck der Liebsten,

Die dafür mir bietet Danklohn. ─

Kühn erklimmt er steile Höhen,

Knickt die Rose mit der Hand schon;

Aber weh! er stürzt hinunter,

Und das Röslein schmückt sein Grab noch.
[Ende Spaltensatz]

13. Alte Nibelungenstrophe.



Jm fernen Gebirgsdorfe hört man die Sage noch:

Ein Alpenröslein blühend stand an dem Felsenjoch.

Das sah ein junger Knabe, der sehnte sich sehr darnach,

Wie es von ferne schimmerte, weshalb er bei sich selber sprach:


Hoch an dem Felsenrande, du Alpenröslein rot,

Dich möcht' ich gern gewinnen, doch sicher mir wär's zum Tod.

Wie blühst du gar so lieblich, wie zaubrisch bist du zu sehn;

Jch fühl' ein brünstig Sehnen nach dir; das macht mich fast vergehn.


Jch schaue nach dir nur immer, du bist mein süßestes Gut,

Und kühn muß ich dich brechen, ob's kostet auch mein Blut.

Jch hefte dich dann ans Mieder der Liebsten und Holden mein;

Sie wird sich deiner freuen, und das soll Lohn genug mir sein. ─


Mit kühnen, eiligen Schritten bestieg er die Felsenwand,

Und knickte schon die Rose mit bang begieriger Hand.

Doch stieg er nicht mehr nieder; er stürzte jäh hinab,

Und nur das Alpenröslein schmückte sterbend das einsame Grab.


14. Ghasel.



An Felsenhöhen seh' ich sprießen Röslein rot;

Wie soll ich lebend dein genießen, Röslein rot?
|#f0147 : 121|



Dein Anblick hat mir Herz und Sinn bezaubert ganz,

So daß um dich die Thränen fließen, Röslein rot.

Dich schau' ich an, dich will ich wahrlich brechen noch,

Müßt ich mein Blut um dich vergießen, Röslein rot!

Jch hefte dich ans Mieder dann der Liebsten mein;

Das wird sie sicher nicht verdrießen, Röslein rot. ─

Kühn steigt er auf zur hohen, steilen Felsenwand,

Und kann mit Fingern schon umschließen Röslein rot.

Doch kommt er nicht zurück mehr, sondern stürzt hinab;

Den Toten schmückt in Steinverließen Röslein rot.


15. Sonett.



Ein Röslein blüht an Felsen rot hoch oben.

Was kann nach dir die Sehnsucht denn mir frommen?

Dein Anblick macht das Herz mir ganz beklommen,

Und all mein Denken ist zu dir gehoben.


Um dich nur möcht ich meine Kraft erproben,

Und gält's mein Blut, zu dir noch muß ich kommen.

Zum Schmuck der Liebsten sei'st du kühn genommen;

Wenn dein Besitz sie freut, wird sie mich loben. ─


Schon klimmt er auf zur Höh' mit kühnem Wagen,

Um das ersehnte Röslein dort zu pflücken;

Schon faßt er es mit bangem Wohlbehagen.


Doch heimzukehren wollt' ihm nicht mehr glücken, ─

Er wankt und stürzt und liegt im Grund zerschlagen,

Und nur das Röslein darf das Grab ihm schmücken.


16. Oktaven.



Ein Röslein blüht am Felsen rot hoch oben.

Was kann nach dir die Sehnsucht denn mir frommen?

All meine Sinne sind zu dir erhoben,

Dein Anblick macht das Herz mir ganz beklommen.

Um dich noch möcht' ich meine Kraft erproben,

Und gilt's mein Blut, zu dir noch muß ich kommen.

Zum Schmuck der Liebsten, will ich her dich bringen;

Sie wird mich loben, wenn es wird gelingen. ─


Schon klimmt er auf zur Höh' mit kühnem Wagen,

Um das ersehnte Röslein dort zu pflücken,

Wo ringsumher nur Felsenwände ragen;

Man sieht ihn steigend immer höher rücken.

Schon greift er zu mit bangem Wohlbehagen;

Doch heimzukehren will ihm nicht mehr glücken.

Er wankt und stürzt, und liegt im Grund als Leiche;

Das Röslein schmiegt sich ans Gesicht, ans bleiche.
|#f0148 : 122|



17. Sicilianen.



Ein Röslein blüht am Felsen rot hoch oben.

Was kann nach dir die Sehnsucht denn mir frommen?

All meine Sinne sind zu dir erhoben,

Dein Anblick macht das Herz mir ganz beklommen.

Um dich noch möcht' ich meine Kraft erproben,

Und gilt's mein Blut, zu dir noch muß ich kommen.

Jch hole für die Liebste dich, und loben

Wird sie gewiß mich, daß ich's unternommen.


Der Knabe klimmt zur Höh' mit kühnem Wagen,

Um ein ersehntes Röslein dort zu pflücken,

Wo ringsumher nur Felsenwände ragen;

Man sieht ihn steigend immer höher rücken.

Schon faßt er es mit bangem Wohlbehagen;

Doch heimzukehren will ihm nicht mehr glücken.

Er wankt und stürzt, und liegt im Grund zerschlagen,

Und nur das Röslein darf das Grab ihm schmücken.


18. Serbische Trochäen.



[Beginn Spaltensatz]
Alpenröslein blüht am Felsen oben;

Knabe sah's und ward voll heißen

Sehnens.

Weil sein Wunsch ist, bald es zu besitzen,



Spricht der Knabe bei sich selber also:

„Alpenröslein, blickst so hold hernieder,

Und bezaubernd ist dein Blühn zu sehen.

Dich eracht' ich für so teure Habe,

Daß ich gern um dich mein Leben

wage.
[Spaltenumbruch]

Für die Liebste hol' ich dich hernieder,

An der Brust ihr sollst du stattlich

prangen.“

Und er steigt empor zur hohen Felswand,



Pflückt die Rose schon, ob auch mit

Zittern;

Aber nicht mehr kehrt er heim; im

Abgrund

Liegt er tot, das Röslein fest noch

haltend.
[Ende Spaltensatz]

19. Romanzenform (mit Anapästen).



[Beginn Spaltensatz]
Ein Alpenröslein blühet

Da droben auf Felsenhöhn;

Das ist zu sehen so zaub'risch,

Das schimmert herab so schön.


O Röslein, holdes Röslein,

Du bist mein süßestes Gut;

Dich muß ich noch gewinnen,

Flöß auch mein junges Blut. ─
[Spaltenumbruch]

Der Knabe kühn erklimmet

Die steile, felsige Wand,

Und knicket droben das Röslein

Sich ab mit zitternder Hand.


Doch nimmer kehrt er wieder,

Er stürzte gar tief hinab.

Das teuer errungene Röslein

Nur darf noch schmücken sein Grab.
[Ende Spaltensatz]

(Ohne Anapäst.)



[Beginn Spaltensatz]
Dort hoch am Bergesrücken

Erblüht ein Röslein rot;
[Spaltenumbruch]

Das möcht' ich gerne pflücken,

Doch dräut Gefahr und Tod.
[Ende Spaltensatz] |#f0149 : 123|



[Beginn Spaltensatz]
O Röslein, dein Erblühen

Jst zaubrisch anzusehn;

Jch muß um dich mich mühen,

Sonst möcht' ich gar vergehn.


Dich schau ich mit Begierde,

Du mein ersehntes Gut;

Um solche Blumenzierde

Darf fließen wohl mein Blut.


Dich hol' ich jetzt hernieder

Zum Schmuck der Liebsten mein;
[Spaltenumbruch]

Dich steck' ich an ihr Mieder,

Sie wird's vergelten fein. ─


Aufsteigt er kühn in Eile

Hinan die Felsenwand,

Und knickt nach einer Weile

Die Ros' an schmalem Rand:


Doch heimwärts kam er nimmer,

Er stürzte tief hinab;

Des Rösleins Blütenschimmer

Doch schmückt sein fernes Grab.
[Ende Spaltensatz]

20. Trochäischer Viertakter.



[Beginn Spaltensatz]
Dort an hohem Bergesrücken

Blüht ein Röslein purpurrot.

Ach, wie gerne möcht' ich's pflücken,

Doch mir dräut Gefahr und Tod.


Alpenröslein, dein Erblühen

Jst so zaub'risch anzusehn;

Muß um dich mich ernstlich mühen

Oder sehnend gar vergehn.


Dich beschau' ich mit Begierde,

Du mein heißerwünschtes Gut,

Und um deine Blumenzierde

Darf ja fließen selbst mein Blut.
[Spaltenumbruch]

Freudig hol' ich dich hernieder

Zum Geschenk fürs Liebchen mein;

Wenn du prangst an ihrem Mieder,

Wird sie mir's vergelten fein. ─


Kühnlich steigt er auf in Eile,

Hoch hinan die Felsenwand,

Und er knickt nach einer Weile

Schon die Ros' an schmalem Rand.


Doch zur Heimat kam er nimmer;

Denn er stürzte tief hinab.

Alpenrösleins Blütenschimmer

Schmücket einzig ihm das Grab.
[Ende Spaltensatz]

21. Jambische Viertakter (mit charakterist. Strophenschluß).



[Beginn Spaltensatz]
An hohem Felsenrande fern

Ein Röslein seh' ich blühen,

Das möcht' ich pflücken gar zu gern

Und mich darum bemühen.

Es blüht so schön, es blüht so rot;

Soll ich darum den Weg zum Tod

Wagen, zum allzufrühen?


Wie bist, o liebes Röslein, du

So zaub'risch anzusehen!

Mein Sehnen findet keine Ruh

Und macht mich schier vergehen.

Seit ich dich blühn seh' ferneher,

Bist du mein Wunsch und mein Begehr,



Anderes bringt mir Wehen.
[Spaltenumbruch]

Jch muß, o Röslein, immerfort

Den Blick zu dir erheben.

Du stehst so strahlend droben dort,

Füllst mich mit Wonnebeben.

Heiß wallt entgegen dir mein Blut;

Dich muß ich brechen, süßes Gut,

Kostet es auch mein Leben.


O Röslein rot, mein mußt du

sein;

Jch hole dich hernieder

Zum Schmucke für die Liebste mein;

Dich steck' ich ihr ans Mieder.

Sie wird der Gabe freuen sich,

Und ihre Freud' ist dann für mich

Neue Belohnung wieder. ─
[Ende Spaltensatz] |#f0150 : 124|



[Beginn Spaltensatz]
So steht der Knabe voll Begier,

Und schaut das Röslein droben;

Nicht bleiben kann er länger hier,

Will seine Kraft erproben.

Kühn steigt er auf zur Felsenwand,

Und knickt die Ros' am steilen Rand.

Sollen den Mut wir loben?
[Spaltenumbruch]

Er freut sich, daß es ihm gelang,

Das Röslein abzupflücken.

Jetzt aber sinnt und denkt er bang:

Wird auch der Heimweg glücken?

Und sieh', er wankt, er stürzt hinab,

Das Röslein aber darf sein Grab

Welkend im Abgrund schmücken.
[Ende Spaltensatz]


§ 46. Übungen ohne Ende.



Jn ähnlicher Weise, wie dies die Übungen des § 44 darthun,

lassen sich Übungen mit jedem beliebigen Stoff anstellen. Man nehme

beispielsweise das Schützenlied aus Tell (3. Akt 1. Sc.), von dem die

erste Strophe etwa so in der Umwandlung aussehen würde:



a. Um einen Trochäus verlängert:



Mit dem Pfeil und mit dem Bogen

Durch Gebirg und Schlucht und Thal,

Kommt der junge Schütz gezogen

Früh beim ersten Morgenstrahl &c.


b. Jambisch:



Mit seinem Pfeil und Bogen

Her durch Gĕbīrg und Thal

Kommt frōh der Schütz gezogen

Beim ersten Morgenstrahl.


c. Anapästisch:



Mit Pfeilen und Bogen

Zu Berg und zu Thal

Komm' her ich gezogen

Beim frühesten Strahl.


d. Daktylisch:



Wild zu erlegen mit Pfeil und mit Bogen

Komm' ich zu Berg, in die Schlucht und zu Thal

Her als ein lustiger Schütze gezogen

Früh bei des Tages erwachendem Strahl u. s. w.



Der Lernende, welcher nach Vollendung ringt, wird die Aufgaben dieses

Bandes bis zur Geläufigkeit wiederholen, dazu sich neue Aufgaben stellen, um dieselben

mit der Ausdauer eines Rückert zu lösen. (Vgl. S. 50 d. Bds.) Τῆς

δ'ἀρετῆς ἱδρῶτα θεοὶ προπάροιθεν ἔθηκαν! zu deutsch: Vor die Tugend

setzten die Götter den Schweiß! (Hesiod in „Werken und Tagen“. V. 266.)



Jn der That war zu allen Zeiten dem gewissenhaften, ernsten und ausdauernden

Streben niemals die Palme des Erfolges versagt!

|#f0151 : E125|



Fünftes Hauptstück.

Antike Strophenformen. ──────


§ 47. Vorbemerkungen und Stellungnahme.



1. Nachdem wir in genügender Anzahl Übungen in jambischen,

trochäischen, anapästischen und jambisch=anapästischen, daktylischen und

künstlichen Reimstrophen geboten haben, lassen wir der Vollständigkeit

halber und zum Abschluß der Strophenbildungen noch einige Übungen

aller möglichen Rhythmen folgen, nämlich die gebräuchlichsten, beliebtesten,

vierzeiligen antiken Strophen, welche durch Zusammensetzung

vorgeschriebener Metren herzustellen sind. Große Odenmaße, die nur

mit Zuhilfenahme des Bleistifts zu skandieren sind, lassen wir begreiflicherweise

gerne bei Seite.



2. Unser ernstes Bemühen, den deutschen Accent in seine Rechte

einzusetzen, möchte sich auch bei Bildung antiker Strophenformen bewähren.





Jndem wir ─ um nur eines zu betonen ─ von Spondeen

u. dgl. sprechen, könnte es für den Kurzsichtigen, Halbgebildeten oder

Eingebildeten den Anschein gewinnen, daß wir unserem Prinzip nicht

so ganz treu bleiben, sondern dem sog. Quantitätsprinzip Konzessionen

machen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das Quantitätsprinzip ─

dies soll allen Anhängern desselben nachdrücklichst an dieser Stelle

wiederholt sein ─ ist nicht mehr zu rehabilitieren, und selbst wenn es

im Alt- und Mittelhochdeutschen nachzuweisen wäre, so darf es doch

für uns nicht mehr existieren. Das in der neuhochdeutschen Metrik

zu beachtende Gesetz darf nur das der Accentqualität sein!



Die Accentqualität richtet sich aber nach der Sprachweise, nach

der Prosa und ist durch und durch musikalischer und zugleich logischer

Natur. Jeder Vers sollte so gebaut sein, daß er ohne darüber geschriebenes

Schema schon prima vista richtig gelesen, resp. betont werden

muß, so zwar, daß diese richtige Betonung weder vom Studium |#f0152 : 126|



noch vom Zufall abhängig wäre. Platen, den Ludwig Eichrodt einen

Sprachverderber nennt, fehlt in dieser Beziehung gewöhnlich, was viele

seiner Schüler vergeblich zu bemänteln suchen. Freilich erschließt keiner

wie er das Geheimnis der Form, ja, gerade durch seine Verstöße und

seine Konsequenz thut er es; er verdient daher ernstes Studium und

alle neueren Dichter werden bekennen müssen, daß sie in der Lyrik ─

was Praxis anlangt ─ formell ihm, sowie innerlich dem großen

Rückert das meiste verdanken. (Man vergleiche Enks deutsche Zeitmessung

mit Bezug auf Platen, sowie Rückerts Kritik des Siebenmeers.)

Aber alle Verdienste Platens haben seine fehlerhaften, undeutschen Betonungen

nicht entschuldigen können.



Wir haben es oft genug ausgesprochen und wiederholen es hier

ausdrücklich, daß unser Spondeus entweder ein Hochton mit einem

Tiefton oder umgekehrt ist, daß es im Deutschen also nur fallende oder

steigende sog. Spondeen giebt. Der sog. Spondeus „Ā́cht gīeb“, oder

„Gīeb ā́cht“ kann als tonlich schlechter Trochäus oder schlechter Jambus

aufgefaßt werden. Man ersieht dies, wenn man ein Wort zusetzt,

z. B.: „Ācht giĕbt ēr, nĭcht sīe“; oder „Gĭeb ācht ĭn dēinĕm Krēisĕ“;

man ersieht es ferner bei Spondeen wie Bā́umōbst und Ṓbstbāum.

Die sog. tonlosen Silben und die Pausen bestimmen alles weitere,

und die Volkssprache hilft auch dem verknöchertsten Pedanten auf die

richtige Spur. (Jch erinnere beispielshalber nur an die Melodie ihrer

Schnadahüpfl. Mancher Schulmetriker würde sicher unser „Ob's d'

hergehst“ &c. als Molossus (– – –) bezeichnen, während es doch Amphibrach

(⏑ – ⏑) ist, denn der schwere Ton liegt auf „her“.)



Das, was Spondeus heißt, ist im Deutschen nur unter besonderen

Umständen möglich: nämlich durch zwei Worte von gleichem Gewicht,

zwischen denen eine oder zwei Senkungen verloren gegangen sind,

oder wenn in einem Worte sämtliche Silben schwer für die Zunge sind.

Feldhauptmann“ wäre zu lesen – ⏑ ⏑, „Feldlager“ – ⏑ ⏑. „Jm

Feld lagert
“ bildet einen Antispast (⏑ ─́ – ⏑) und hat den richtigen

Spondeus, aber doch nur durch Konzession. (Dieser Antispast ist nämlich

[Abbildung] , wobei das Zeichen ⏜ die unterdrückte Senkung bedeutet.)

„Gieb, gieb“ ist ein echter, reiner, unkonzessionierter Spondeus, aber

auch mit unterdrückter Senkung. Wir Deutschen lösen niemals eine

Länge in zwei Kürzen auf oder rechnen zwei Kürzen für eine Länge.

Nicht die Länge der Silbe, nicht ihr sprachlicher Wert, sondern nur

ihre logische oder syntaktische Bedeutung und endlich der Rhythmus im

ganzen, sowie das nachbarliche Verhältnis im einzelnen bestimmt, was

sie ist: ihre Bedeutung hängt also nur vom Accent ab.



Dies vorausgeschickt, können immerhin auch die antiken Maße

größtenteils nachgeahmt werden; aber die Verteilung der Accente, da= |#f0153 : 127|



mit sie der antiken Form gleichkommen, ist sehr, sehr schwer! Vor der

Hand
und bis das deutsche Accentgesetz überall praktische Geltung,

Verwendung und Anerkennung gefunden haben wird, heißt es eben, sich

so gut als möglich mit „steigenden“ und „fallenden“ Spondeen behelfen.





3. Was die Strophik betrifft, so halten wir dafür, daß ein Übergreifen

einer Strophe in die andere im Deutschen gerade so gegen alle

Regel der Melodie ist, wie das Übergreifen des Sinnes von einem

Hexameter in den andern. Es wäre wohl vom deutschen Dichter zu

verlangen, das Versmaß äußerlich richtig zu stellen und den Stoff

nach Fuß und Elle abzumessen. Die meisten unserer Dichter (am

seltensten der Meister der Ode, Johannes Minckwitz) gestatten sich bis

in die Gegenwart nach Art der Alten das Überlaufen einer Strophe

in die andere.



4. Man sollte in der Kritik antiker Maße die allergrößte Strenge

walten lassen, denn sie nähern sich in unserer neuhochdeutschen Sprache

am meisten der Prosa, die ja gleichfalls reimlos ist. Je höheren

Schwung sie verlangen und zeigen, desto natürlicher muß ihre Sprache

klingen, desto logischer müssen sie sein.



§ 48. Bildung von sapphischen Strophen.

(Trochäisch-daktylischer Rhythmus.)



1. Jn der sapphischen Strophe waltet trochäisch=daktylischer Rhythmus,

so zwar, daß jeder trochäischen Verszeile nur ein daktylischer

Takt eingefügt ist.



2. Dieser den monotonen, trochäischen Gang unterbrechende Daktylus

findet sich bei den Alten in den drei ersten Zeilen der vierzeiligen

sapphischen Strophe je als dritter Takt eingefügt, während er im vierten

(abschließenden sog. adonischen) Vers am Anfang steht, wie nachstehendes

Schema beweist:



– ⏑ – ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏑ – ⏒

– ⏑ – ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏑ – ⏒

– ⏑ – ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏑ – ⏒

– ⏑ ⏑ – ⏒



Horazisches Schema der kleinen sapphischen Strophe:



[Abbildung]

[Abbildung]

[Abbildung]

[Abbildung]



3. Die Schönheit der sapphischen Strophe liegt in der melodischen

Abwechselung des Daktylus mit dem Trochäus, wozu sich in vielen

Fällen noch der Spondeus gesellt. Platen und Voß fügten als zweiten |#f0154 : 128|



und letzten Takt eines jeden Verses einen Spondeus ein. Andere

(z. B. Matthisson und Hölty), denen der Spondeus nicht wesentlich

war, oder die ihn an die Spitze des Verses rückten, haben den Daktylus

schon als zweiten Takt eingefügt (z. B. Eīnsām wāndĕlt dĕin

Frēund ĭm Frǖhlĭngsgārtĕn). Ein kirchlicher Dichter verlegte den

Daktylus sogar an den Anfang der Verse.



4. Die größte Geschmeidigkeit verliehen der sapphischen Strophe

Dichter wie Klopstock, Stolberg, Matthisson &c. dadurch, daß sie den

Daktylus in jeder Verszeile um je einen Takt tiefer hinabrückten. Wir

empfehlen diese Form nicht, weil sie die Auffassung eines einheitlich

gebauten Verses mindestens sehr erschwert.



5. Vielmehr entscheiden wir uns bei unseren Übungen für jene Form,

welche nach dem Trochäus den Spondeus und sodann den Daktylus bringt.



6. Der Rhythmus der sapphischen Strophe verlangt mehrfach

Spondeen und weibliche Versschlüsse; auch fordert er die Vermeidung

des Zusammenfallens von Satz- und Verstakten.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll zu sapphischen Strophen

verarbeitet werden.



Segen der Schönheit.



Stoff. 1. Wenn ich sinnend über den Marktplatz gehe, fühle ich mich

inmitten der wogenden Menschenflut einsam, und ich seufze. ‖ 2. Doch wenn

plötzlich aus dem Menschengewühl ein freundliches Frauenantlitz auftaucht und

mich anblickt, ‖ 3. um meinem Blicke ebenso rasch wieder zu entschwinden,

dann ist mir das Herz wie umgewandelt. Nimmermehr sänge oder erzählte

ich, wie mir zu Mut ist, es glänzt mein Blick, ‖ 4. das Blut wallt freier,

im Vorwärtsschreiten tröste ich mich und bin erstaunt über den Segen der

Schönheit; mit einemmal erscheint mir die Welt freundlich.



Lösung. Von Rob. Hamerling.



Wandl' ich sinnend über den lauten Marktplatz,

Wo des Volks sich drängender Schwarm die trüben

Wellen wälzt, da fühl' ich mich einsam, seufze,


Leer und schal. Doch taucht aus der Menge plötzlich,

Aus dem trüben Larvengewühl ein helles

Frauenantlitz, das wie ein selig Wunder


Und dem Blick dann ebenso rasch entschwebt ist:

O wie rasch auch ist mir das Herz verwandelt!

Nimmer säng' und sagt' ich, wie mir geschieht, es
|#f0155 : 129|



Mir, das Blut wallt freier, ich hege wandelnd

Holden Trost und staune, wie süß der Schönheit

Segen niedertauet, und lieb und schön ist



(Verteilung kurzer rhythmischer Reihen wie: „es | glänzen die Blicke | mir“

auf drei Verszeilen sind in Hinsicht auf die äußerliche Schönheit bedenklich.)



§ 49. Bildung von alkäischen Strophen.

(Jambisch-anapästischer und daktylisch-trochäischer Rhythmus.)



1. Die alkäische Strophe hat in den beiden ersten (alkäischen)

Versen jambisch=anapästischen Rhythmus, oder (bei Verstärkung der

Cäsur durch eine syntaktische Pause) jambischen und daktylischen Rhythmus.

Die 3. Verszeile ist ein hyperkatalektischer, jambischer Viertakter;

die letzte führt daktylisch=trochäischen Rhythmus ein.



Schema: ⏑ – ⏑ – ⏒ | – ⏑ ⏑ – ⏑ ⏓

⏑ – ⏑ – ⏒ | – ⏑ ⏑ – ⏑ ⏓

⏑ – ⏑ – ⏒ – ⏑ – ⏑

– ⏑ ⏑ – ⏑ ⏑ – ⏑ – ⏑



2. Die Schönheit dieser Strophe liegt in ihrer Beweglichkeit,

sowie in dem schönen Rhythmuswechsel, der einen charakteristischen

Strophenabschluß ermöglicht und sie mehr als andere antike Strophen

für unsere Sprache empfiehlt.



3. Wesentlich ist die Cäsur inmitten der beiden ersten alkäischen

Verse, die freilich manche Neuere nicht durchweg beachtet haben.



4. Die 5. Silbe der alkäischen Verse ist bei Horaz niemals eine

Kürze. Platen hat sich ihn zum Muster gewählt.



Aufgabe. Nachstehender Stoff soll in alkäische Strophen

übertragen werden.



Abendstimmung.



Stoff. 1. Jch schreite am Meere dahin. Feierlich still ist die Natur.

Der Mond gießt sein Licht über die brandenden Wogen des Meeres. ‖ 2. Jenseits

des Meeres kenne ich ein Grab, wo Dornen und Unkraut wuchern. ‖

3. Du fernes, verlassenes Grab, ob dich wohl der Mond in der Nacht küßt,

wenn der Wind die Gräser bewegt? Mich erfasset großer Schmerz und dazu

läuten aus der Ferne die Glocken. ‖



Lösung. Von Ernst Ziel.



Am Meer im Zwielicht schreit' ich gesenkten Haupts;

Tiefernste Andacht wehet durch die Natur,

Und unter blassen Mondesstrahlen
|#f0156 : 130|



Jch weiß ein Grab jenseits des bewegten Meers:

Dort wuchert Unkraut rings und der Dornenbusch,

Und wenn die Welt entschlief am Abend,


Ob dich der Mond, weltfernes, verlass'nes Grab,

Wohl nächtens küßt, wenn Wind durch die Gräser streicht?

─ Mich faßt unendlich Weh: Von ferne



(Das freundliche Gedicht würde noch größeren Eindruck machen, wenn die

beiden letzten Zeilen [d. h. ihr Jnhalt] die 5. und 6. Zeile ergeben würden.)



§ 50. Bildung asklepiadeischer Strophen.



1. Man unterscheidet zwei Formen asklepiadeischer Strophen.

Die erste enthält drei asklepiadeische Verse und einen abschließenden

glykonischen Vers, während die zweite an Stelle des dritten asklepiadeischen

Verses einen pherekratischen Vers eingefügt hat und dadurch

dreigliedrig wird: ein trikolisches Tetrastichon.



1. Form: – ⏒ – ⏑ ⏑ – | – ⏑ ⏑ – ⏑ –

– ⏒ – ⏑ ⏑ – | – ⏑ ⏑ – ⏑ –

– ⏒ – ⏑ ⏑ – | – ⏑ ⏑ – ⏑ –

– ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏑ –

2. Form: – ⏒ – ⏑ ⏑ – | – ⏑ ⏑ – ⏑ –

– ⏒ – ⏑ ⏑ – | – ⏑ ⏑ – ⏑ –

– ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏒

– ⏒ – ⏑ ⏑ – ⏑



2. Es herrscht der Choriambus (– ⏑ ⏑ –) vor und zwar ist in der

letzten Zeile 1 Choriambus, in den andern Zeilen je 2 Choriamben

zwischen einen halbierten gestellt. Die beiden ersten und die beiden

letzten Silben jedes Verses ergeben wieder einen ganzen Choriambus.



3. Der den Hauptteil der Strophe bildende asklepiadeische Vers

gleicht dem Pentameter durch den Einschnitt des Verses in der Mitte;

ja, er müßte als solcher erkannt werden, wenn sein vorletzter Takt

anstatt eines Trochäus ein Daktylus sein würde. Der Unterschied

liegt darin, daß beim Pentameter der 1. Takt ein Daktylus sein kann,

während der vorletzte ein solcher sein muß. (Vgl. Poetik I, 357.)



4. An Schönheit gewinnen die Verse der asklepiadeischen Strophe,

wenn sie mit einem trochäischen Spondeus beginnen. Klopstock, Platen

u. a. haben ihre Strophen (nach Horazens Vorgang) mehrfach

auf diese Weise gebildet (I, 522 dieser Poetik. Vgl. Platens Werke

II, 179).

|#f0157 : 131|



5. Bei den neueren Dichtern ist der erste Takt meist ein reiner

Trochäus.



Aufgabe. Nachstehender Text soll in der Form der 2. asklepiadeischen

Strophe wiedergegeben werden.



An die Gräfin Pieri in Siena.



Stoff. 1. Nur wenigen Frauen fielen Schönheit und Reiz anheim;

auch Reichtum ist selten verteilt. Aber viel seltener findet sich mit Reichtum

und Schönheit ein teilnehmendes, großes Herz vereint. ‖ 2. Mit diesen Vorzügen

ausgestattet, sehe ich dich dem würdigen Gatten geeint. Seinem Dasein

verleihst du zwar nicht Prunk, wohl aber Gehalt. ‖ 3. Dichtkunst, Musik,

Geselligkeit heben dein Leben empor (wie es der Deutschen ziemt), ja, erheben

dich aus dem einförmigen Kreislauf des schlaftrunknen Jtaliens. ‖ 4. Mit

Gastfreundschaft nahmst du den Dichter auf. Dafür bietet er dir den Scheidegruß,

weil der Frühling gekommen ist und er an die Abreise denken muß. ‖

5. Es ist schön, sich seinen Herd zu gründen; doch nicht minder schön ist es,

unabhängig sich selbst zu leben, zu reisen und wohlwollende Menschen kennen

zu lernen, ─ gleichsam zu stehen auf hohem Verdecke zu Schiffe.



Lösung. Von Platen (Werke II, 186).



Schönheit fielen und Reiz wenigen Frau'n anheim,

Auch Reichtümer verschenkt selten ein günstig Los;

Doch viel seltener giebt es


Dem Schönheit es und auch Gaben des Glücks gesellt:

Also seh' ich vereint würdigem Gatten dich,

Rastlos thätigem Dasein


Dichtkunst hebt und Musik, wahre Geselligkeit

Hebt dein Leben empor (wie es der Deutschen ziemt)

Aus einförmigem Kreislauf,


Gastfreundschaftlichen Sinns nahmst du den Dichter auf,

Dankbar bietet er dir liebenden Scheidegruß,

Weil aufs neue der Frühling


Schön ist's, häuslichen Kreis sammeln umher, wiewohl

Schön nicht minder, sich selbst leben und frei von Zwang

Anschaun Städte der Menschen,
|#f0158 : 132|



Diese Lösung zählt zu den schönsten Oden Platens; leider ist die Skansion

nicht durchweg korrekt. Man vergleiche:



[Beginn Spaltensatz]

Platens Skansion.



Str. 1. Aūch Rēichtǖ́mĕr



Str. 1. Eīn tēilnḗhmĕndĕs



Str. 2. Dēm Schȫnhēit ĕs ŭnd āuch

Gābĕn



Str. 3. āus ēinfȫ́rmĭgĕm

[Spaltenumbruch]

Deutsche Betonung.



Ăuch Rēichtü̆mĕr



Ĕin tḗilnēhmĕndĕs



Dĕm Schȫnhĕit ē̆s ŭnd ăuch Gābĕn



ăus ḗinfȫrmĭgĕm

[Ende Spaltensatz]



Die letzte Strophe klingt nicht gut; auch würde die Umstellung der beiden

letzten Zeilen zu empfehlen gewesen sein.

|#f0159 : E133|



Sechstes Hauptstück.

Dichtungsgattungen mit Bevorzugung des Gelegenheitsgedichtes.




(Jm Sinne des § 66 der Poetik, Bd. II.)



„Hier ist Rhodus! Tanze du Wicht

Und der Gelegenheit schaff' ein Gedicht!“


Goethe. ──────



§ 51. Wie entsteht ein Gedicht?



Geheimnisse, allgemeine Gesichtspunkte, Kunstgriffe, Fingerzeige &c.



1. Wer ein Gedicht machen will, wird dazu durch einen Gedanken, durch

eine Empfindung, durch eine bestimmte Gelegenheit veranlaßt.



2. Um den jeweiligen Stoff zu gewinnen, muß er sich die Frage vorlegen:

Was will ich besingen? An welchem Gedanken soll sich mein Gedicht

aufranken? Welchem Gefühle soll es Ausdruck verleihen? Welche Lehre oder

Nutzanwendung soll verkörpert wexden? Was will ich erzählen? Was soll

dramatisch zur Darstellung gelangen? Was oder wieviel giebt das Gefühl, der

Einfall, der Anlaß, die Begebenheit; oder viel häufiger noch: Jst das auch

genug?



3. Wo liegt die Pointe und wie gelange ich dazu?



4. Die auf diese Weise anschießenden Gedanken bringe der Lernende

(wenigstens im Anfange seines Produzierens) zu Papier, disponiere dieselben,

ordne sie (behufs strophischer Einteilung) in Gruppen, suche sie zu idealisieren

und ─ zu versifizieren.



5. Er muß geradeaus schauen, niemals seitwärts, und er darf nur bieten,

was er beim Geradeausschauen erblickt, ─ sonst nichts!



6. Er muß steigern, viel, aber nicht alles bringen.



7. Er muß das Besondere, das etwa Persönliche &c. zum Allgemeinen

erheben.



8. Er muß klar ─ und vor allem natürlich sein.

|#f0160 : 134|



9. Der Charakter des Stoffes wird Rhythmus, Versmaß, Strophenschema

(wie wir dies in den Aufgaben dieses Hauptstücks zeigen werden) meist von selbst

ergeben. Der Lernende muß aber darnach wohl prüfen, ob nicht durch Verlängerung

oder Verkürzung eines Verses oder einer Strophe, durch veränderte

Reimstellung &c. &c. dem Gedichte eine größere Wirkung verliehen werden kann.



10. Und wenn dies bei Einer Strophe nötig geworden, muß er darauf

achten, wie er es bei den andern auch so mache, ohne daß der Leser etwas

von Überarbeitung merkt.



11. Je strenger die gewählte Form und je enger die Strophe ist, desto

besser wird sie für die Übung sein. Wenn der Dichter nur wenig Raum hat,

so wird er das Überflüssige (oder doch nicht Notwendige) wegwerfen lernen

und bald sehen, wie nüchtern ist, was er behielt. Er wird es ausschmücken

wollen und es dabei nach allen Seiten drehen und wenden, bis es klappt.



12. Die dichterischen Erwägungen, Ausschmückungen, Wendungen &c.

brechen sich erst beim Versifizieren Bahn.



13. Jn der Ausführung soll der Lernende seiner Phantasie freien, vorwärtsdrängenden

Spielraum lassen, sofern er von dem Grundgedanken und dem

Ziel seines Vorwurfs nicht abweicht.



14. Die praktische Antwort auf die Frage: Wie entsteht ein Gedicht?

bieten die nachstehenden Aufgaben mit ihren Lösungen, die nicht durchweg als

Muster oder Schablonen aufgefaßt werden dürfen, wohl aber als instruktive

Beispiele für die Technik, wie sie vom pädagogisch unterrichtlichen Standpunkt

kaum besser zu wählen sein möchten.



15. Selbstredend müssen wir uns nach und nach immer mehr darauf

beschränken, das zu Übende lediglich andeutungsweise und im großen Umriß

zu bieten, um allmählich zur selbständigen Produktion überzuleiten.



16. Für Diejenigen, welche durch unsere bisherigen praktischen Übungen

noch nicht die erforderliche Fertigkeit im Bilden der Formen erlangt haben sollten

(so daß sie bei unserer nunmehrigen Bevorzugung des Jnhalts und Beschränkung

auf denselben auch noch mit erheblichen Formschwierigkeiten zu kämpfen haben,

vgl. S. 136 Ziff. 5), wiederholen wir die Forderung: behufs Vertiefung

in der Technik noch inne zu halten und insbesondere folgende

Formen bis zur Geläufigkeit zu üben:



a) Das antike Distichon (Epigramm in 2 Zeilen);



b) das italienische Ritornell (Dreizeile);



c) die Vierzeile (a b a b oder a b b a in losen Einfällen nach Art

von Rückerts Vierzeilen oder Halms Meinungen und Stimmungen);



d) die Achtzeile in allen Formen (vgl. § 41);



e) das Sonett in den Hauptformen (also petrarkisch, spencerisch,

shakespearisch);



f) das Ghasel (§ 21);



g) das Triolett und das Rondeau (§ 44).



Dies wären die bekanntesten Formen, welche schon in Einer Strophe das

ganze Gedicht geben.

|#f0161 : 135|



17. Aber auch der gewandtere Lernende kann einen Augenblick verweilen,

um sich noch in den schwierigsten Formen zu versuchen: a. in der Terzinenform

(§ 40), in der Sestinenform (I, S. 547 dieser Poetik), in der Kanzone

(I, S. 558 dieser Poetik), in orientalischen Formen (a a a b c c c b d d d b

e e e b
u. s. w.), in französischen a a a b̗ b b b c̗ c c c d̗, wo jeder 4. Vers

kürzer ist.



18. Auch die Übungen in antiken Versen können vor Eintritt eigener

Produktion wiederholt und gesteigert werden.



19. Auf diese Weise bekommt der Anfänger die Technik der Sprache und

der Dichtkunst in die Hand; dazu wird ihm auch das Übersetzen aus

fremden Sprachen (wo er nur mit dem Formellen zu thun hat), wesentlich

nützen. Dies betonen wir hier ausdrücklichst, indem wir auf das 8. Hauptstück

verweisen.



20. Wenn der Lernende auf diese Art Gewandtheit und Leichtigkeit erlangt

hat, wird er mit Erfolg zu den leichteren, einheimischen Gedichtformen,

bei denen die Aufmerksamkeit nunmehr dem Jnhalt zuzuwenden ist, übergehen

können. Diese Formen sind im Grunde genommen ja auch nur Nachahmungen.



§ 52. Die Praxis der Versbehandlung.



Unterschied der Versbehandlung in der Lyrik, Didaktik, Epik und

Dramatik.



1. Der nämliche Vers ist in der Lyrik strenger nach musikalischen Grundsätzen

zu behandeln, als in den andern Arten; er hat die allergrößte Freiheit

im Drama.



2. Exempla docent! Wir finden in Goethe's Jphigenie, im Tasso, in

Die natürliche Tochter &c. kaum Einen dramatischen Vers, in Kleists Stücken

kaum Einen lyrischen, im Nathan fast nur einen Prosavers, bei Hebbel einen

häufig gepreßten dramatischen, bei Halm einen meist lyrisch überschwenglichen,

bei Grillparzer (außer in den Trochäenstücken) abwechselnd einen weich lyrischen

oder hart dramatischen, bei Schiller nicht selten einen lyrisch überschwenglichen,

meist aber schwungvoll dramatischen Quinar. Bei Rückert wie bei Uhland begegnen

wir einem undramatischen Quinarjambus u. s. w.



3. Es ist nicht das, was man Sprache nennt, es ist die Vers=, nicht

die Wortbehandlung, die das Charakteristische hierbei ausmacht.



4. Und fast möchte man den meisten neueren Dichtern den augenfälligen

Beweis liefern, daß sie das eigentliche Verhältnis ihres Verses zu dem versifizierten

Gedanken nicht kennen.



5. Wie oft erinnert Goethe's weicher Vers an den ruhigen Fluß der

epischen Rede! Wie oft Halms süßlicher an den Würzduft eines überfüllten

Blumengartens, an lyrisch stimmende Mondnacht oder Sonnenpracht! Wie

verschieden würden diese Dichter den gleichen Gedanken ausdrücken!



6. Der Anfänger möge sich behufs seiner gediegenen Durchbildung und |#f0162 : 136|



Vertiefung eine kritische Vergleichung der gegebenen Muster nicht verdrießen

lassen. Der Zeitaufwand wird sich bei seinen ferneren Arbeiten tausendfach

lohnen!



§ 53. Vorbemerkungen zu den Gelegenheitsgedichten.



Allgemeines und Besonderes. Disposition. Gesichtspunkte und

Grundsätze.



1. Goethe sagt: Die Welt ist so groß und das Reich des Lebens so

mannigfaltig, daß es an Anläufen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es

müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, d. h. die Wirklichkeit muß die Veranlassung

und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein

spezieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte

sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit angeregt

und haben darin Grund und Boden.



2. Beim Gelegenheitsgedichte ist nicht nur die Gelegenheit ins Auge zu

fassen, sondern sehr häufig auch die persönliche Beziehung zur Feier oder zum

Gefeierten, d. i. zum Gegenstande. Gefühl und Anlaß, Zeitumstände und

persönliche Verhältnisse müssen entscheiden, ob das Gedicht allgemein oder ganz

besonders zu halten sei. Letzteres wird stets nur intim und für die Öffentlichkeit

kaum mitteilbar sein.



3. Wichtig ist für die Disposition des Aufbaus von Gelegenheitsgedichten

1. das Motiv, 2. die thematische Arbeit, 3. die Verzierung u. s. w. Die

praktischen Beispiele ergeben dem Strebsamen das Nähere.



4. Die von uns gelehrte Bestimmung der Strophen- und Verszahl ist

wichtig für den Anfänger. Der Meister wird die Strophenzahl niemals (oder

höchst ausnahmsweise) im voraus festsetzen.



5. Wir verwenden die bis jetzt geübten Rhythmen, Maße, Strophen &c.,

wie dieselben durch den Stoff diktiert werden, da wir von nun an den Schwerpunkt

unseres Unterrichts dem Jnhalt zuwenden müssen.



6. Wesentlich ist, daß unsere Gelegenheitsgedichte die wichtigen Dichtungsgattungen

der Didaktik, Lyrik, Epik und Dramatik vorführen, so daß wir das

vorliegende Hauptstück als die praktische Einführung in die im 2. Band unserer

Poetik gelehrten Dichtungsgattungen bezeichnen dürfen.



7. Dabei verfahren wir nach einem festen, auf pädagogischen Grundsätzen

beruhenden Plan, indem wir mit den leichtesten Dichtungsgattungen beginnen

und (der Mahnung des großen Pädagogen Pestalozzi eingedenk) recht stufenweise

zum Schwereren fortschreiten.



8. Wir üben zunächst die einfachsten Formen aus dem Gebiet der

Didaktik: also die Rätselspiele, welche der Prosa verwandt sind und sich durch

den Umstand empfehlen, daß sie gern von jungen Leuten gebildet werden, die

meist nichts weiter als Volksverse zu bilden vermögen. Sodann behandeln

wir die wichtigsten Formen der Didaktik, der Lyrik und der Epik bis hinauf

zu den einfachen Formen der dramatischen Poesie, deren gründliche Erfassung |#f0163 : 137|



und Übung zweifelsohne befähigen wird, Stoffe zu größeren Dramen nach den

im 2. Bande unserer Poetik gebotenen dramaturgischen Vorschriften erfolgreich

zu verarbeiten.

──────



I. Gedichte aus dem Bereiche der Didaktik.


§ 54. Bildung von Rätseln aller Formen.



1. Die leichteste Form der Gelegenheitsgedichte ist das zur allegorisch=didaktischen

Poesie gehörige Rätselspiel.



2. Um das in Frage stehende Rätselwort in seinen Merkmalen

richtig fixieren zu können, hat sich der Anfänger für eine der nachstehenden

Rätselformen zu entscheiden:



a. Das Palindrom lautet von vorne wie von rückwärts gelesen

gleich (z. B. Edom ─ Mode);



b. die Homonyme gebraucht das nämliche Wort doppelsinnig

(z. B. Tībĕr und Tĭbēr-Tiberius);



c. der Logogriph oder das Buchstabenrätsel erzielt durch

Weglassung, Zusatz, Vertauschung eines oder mehrerer Buchstaben

einen neuen Sinn (z. B. Pflug, Flug, Lug);



d. das Anagramm versetzt einen oder mehrere Buchstaben,

um ein neues Wort entstehen zu lassen (z. B. Ampel ─

Lampe);



e. das Worträtsel malt den Begriff, das Wesen, den Nutzen,

die eigentliche oder auch uneigentliche Bedeutung des zu

erratenden Wortes (z. B. Korb in seinem Gebrauch und

in seinem figürlichen Sinn);



f. die Charade oder das Silbenrätsel giebt die Bedeutung

der Silben an, um sodann das zu erratende Wort umfassend

anzudeuten (z. B. Augen, Blick, Augenblick).



3. Die Formen a bis c sind poetische Spielereien und stehen der

Hauptsache nach an der Grenzscheide der Poesie und der Prosa.



4. Die Formen d bis f sind einer poetischen Behandlung fähiger.



5. Erstes Erfordernis bei Bildung der 3 letzten Formen ist eine

genaue Kenntnis von Begriff, Wesen, Jnhalt, Bedeutung &c. des in

Frage stehenden Wortes.



6. Es empfiehlt sich, das Einzelne in Prosa zu notieren, um es

sodann erst zu versifizieren.



7. Selbstredend ist darauf zu achten, daß der Stoff ebenso durch

seinen Jnhalt wie durch die zu erhaltende dichterische Form das Jnteresse

fesselt. Doch sind wir gerade bei den Rätseln aus dem in

Ziffer 3 angegebenen Grunde in der Auswahl weniger streng.

|#f0164 : 138|



8. Wir geben von jeder Rätselform eine Aufgabe mit einer aufs

notwendige beschränkten Anleitung, die den Anfänger befähigen soll,

ähnliche Worte zu wählen und in analoger Weise Rätsel zu bilden.



1. Bildung eines Palindrom.



Aufgabe. Das Palindrom soll (in seiner ersten Verszeile)

das Wort Edom dem Worte Mode (in der zweiten Verszeile)

gegenüberstellen.



1. Man werde sich zunächst über den Begriff der Worte klar, um den

Stoff zu gewinnen.



Stoff. a. Von Esau's Beinamen Edom (d. i. der Rote) erhielten

bekanntlich seine Nachkommen den Namen Edomiter. Das von ihnen

bewohnte Land Edom war sehr kriegerisch und verhielt sich feindlich

gegen die Juden, denen es beim Zug nach Kanaan den Durchzug verweigerte;

es wurde später von Saul erobert und von David unterworfen.





b. Liest man das Wort Edom rückwärts, so entsteht das Wort Mode:

ein Begriff, den die Juden zu allen Zeiten pflegten; Modeartikel

findet man in allen ihren Buden.



2. Es handelt sich darum, das Wesentliche dieses Stoffes in zwei Sätzen

zusammenzufassen.



3. Der Anfänger wird bei der Versifizierung an Langzeilen denken.

Doch wurde von jeher instinktiv bei derartigen volksmäßigen, prosaverwandten

Spielereien dem jambischen Viertakter der Vorzug gegeben.



Lösung.



Einst war's ein arger Feind der Juden,

Doch rückwärts ─ schmückt es ihre Buden.



(NB. Zu Versuchen empfehlen wir die Rätselwörter Nebel ─ Leben;

Amor ─ Roma; Stab ─ Bast; Gras ─ Sarg &c.)



2. Bildung einer Homonyme.



Aufgabe. Die Homonyme soll die durch den Accent verschiedenartig

gewordenen Wörter Tībĕr und Tĭbēr in verschiedenem

Sinne gebrauchen.



1. Behufs Feststellung des Stoffes ist zu notieren:



Stoff. Der Tībĕr ist der bekannte Fluß, an welchem Rom liegt;

Tĭbēr oder Tiberius war jener römische Tyrann und Wollüstling,

welcher 37 nach Chr. unter Decken erstickt wurde.



2. Es empfehlen sich für den geringen Stoff ─ ähnlich wie bei der

vorigen Aufgabe ─ jambische Viertakter.



3. Der einfache Jnhalt begünstigt die volksmäßigen Reimpaare.

|#f0165 : 139|



Lösung.



Giebst du der ersten den Accent,

So ist's ein Fluß, den jeder kennt;

Versetzest du ihn nach der zweiten:

Ein Wütrich ist's in alten Zeiten.



(NB. Zu weiteren Versuchen empfehlen wir Flügel [vom Vogel] und

Flügel [Klavier]; Römer [Gebäude in Frankfurt a. M.] und Römer [Jtaliener];

Acht; Hut; Kiel; modern &c.)



3. Bildung eines Logogriph.



Aufgabe. Von dem Worte Pflug soll zu diesem Behufe der

erste, sodann der
2. Buchstabe weggenommen werden.



1. Stoff. Es ist Charakteristisches von jedem, durch die Weglassungen

neu entstehenden Wort niederzuschreiben, also etwa:



a. vom Pflug, daß er ruhig seine Bahnen zieht,



b. vom Flug, daß er die Luft durchschneidet und das geistige

Kriterium des Jdeengangs eines Dichters ist,



c. vom Lug, daß er in unserem Gedicht durch Kopfabnahme des

zweiten Wortes entsteht.



2. Der breitere Stoff des den Verstand herausfordernden Jnhalts verträgt

längere Zeilen, da jede Zeile eine Behauptung zu geben hat. Es

dürften sich Alexandriner empfehlen, welche durch ihre konstante Diärese einen

Ruhepunkt ermöglichen.



3. Bei der voraussichtlich vierzeiligen Strophe sind Reimpaare angezeigt.



4. Behufs enger Verbindung der Reimpaare wie zur Erreichung eines

abgerundeten Abschlusses ist Wechsel des Reimgeschlechts um so mehr nötig, als

mit Rücksicht auf den Parallelismus membrorum (der Glieder) keine einzige

Zeile verkürzt werden darf.



Lösung.



Wohlthätig langsam geht das Ganze seinen Gang;

Nehmt ihm den Kopf, so fährt's die blaue Luft entlang,

Und sein nennt's der Poet; doch böse Leute sagen:

Weit eigner wär' es ihm, nähm' man ihm Kopf und Kragen.



(NB. Für weitere Bildungen schlagen wir vor: Schmerz, Merz, Erz,

Herz, Scherz; Tasche, Asche; Ziegel, Jgel; Hammel, Hummel, Himmel; Semele,

Seele; Greis, Reis, Eis; Treue, Reue; Mohren, Ohren &c.)



4. Bildung eines Anagramms.



Aufgabe. Das Wort Rose, bei welchem durch Versetzung des

e das Wort Eros entsteht, soll zu einem Anagramm die Veranlassung

geben.

|#f0166 : 140|



1. Stoff. Das Gedicht möge ohne weiteres sagen, daß durch Versetzung

des letzten Buchstabens vom fraglichen Worte der Name

eines Gottes entsteht. Sodann führe es Eigenschaft oder Bedeutung

dieses Gottes (Eros) näher aus.



2. Um die bei Rätseln beliebten jambischen Viertakter zu erhalten, möge

jeder Satz (Periode) sich über zwei Zeilen erstrecken und männlich abschließen.



3. Auf diese Weise erhalten wir männliche und weibliche Reime.



4. Wird der Aufgesang aus 2 zweizeiligen Sätzen und der Abgesang

aus einem das Ganze charakteristisch abschließenden Reimpaare bestehen, so

ergiebt sich für die Lösung folgendes Schema: a b a b c c.



5. Das Reimpaar c c kann verlängert werden und weiblichen Schluß

erhalten. Dies gestaltet die Strophe auch äußerlich anmutend.



Lösung. Von Th. Körner.



Wird vorgesetzt das letzte Zeichen

Als Götterknaben schaust du mich;

Zeus muß sich meinem Willen beugen,

Jch quäle, ich beglücke dich;

Aus meinen Händen fallen dir die Lose,

Doch ohne Dornen reich' ich keine Rose.



(NB. Weitere Übungen können folgende Worte behandeln: Ampel, Lampe;

Leib, Blei; Nagel, Angel, Algen &c.)



5. Bildung eines Worträtsels.



Aufgabe. Es soll ein das Wort Schiff behandelndes Worträtsel

gebildet werden.



1. Für Erlangung guten Stoffes sind die sämtlichen Merkmale zu vereinigen,

welche den Begriff Schiff ergeben oder ahnen lassen.



Stoff. Der allegorische Stoff darf den Namen Schiff, den er meint,

nicht gebrauchen. Aber er darf das Schiff tropisch als einen Vogel

bezeichnen, als einen Fisch (wegen der Leichtigkeit, mit welcher es

die Wellen zerteilt), als einen Elefanten (sofern es wie dieser

Türme trägt), als eine Spinne (weil es wie diese lebhaft die

Füße bewegt). Der Stoff darf schließlich von den Eisenzähnen

(Anker) sprechen, die sich so fest anzuklammern vermögen, daß das

Schiff jedem Sturme Trotz zu bieten vermag.



2. Geben wir jeder Behauptung eine gebrochen zu schreibende Langzeile

von 8 Jamben, so erhalten wir 12 jambische Viertakter.



3. Der Satzabschluß begünstigt männlichen Reim. Es ist also Wechsel

des Reimgeschlechts insofern angezeigt, als der Cäsurreim beim jambischen

Rhythmus nur weiblich sein kann.



4. Die sechs Behauptungen und Vergleiche (Vogel, Fisch, Elefant,

Spinne, Eisenzahn, Kraft) ergeben sechs Langzeilen oder 12 Kurzzeilen, also

eine 12zeilige Strophe mit dem reimwechselnden Schema: a b a b c d c d e f e f.

|#f0167 : 141|



Lösung. Von Fr. Schiller.



Ein Vogel ist es, und an Schnelle

Buhlt es mit eines Adlers Flug;

Ein Fisch ist's und zerteilt die Welle,

Die noch kein größres Untier trug;

Ein Elefant ist's, welcher Türme

Auf seinem schweren Rücken trägt;

Der Spinnen kriechendem Gewürme

Gleicht es, wenn es die Füße regt;

Und hat es fest sich eingebissen,

Mit seinem spitz'gen Eisenzahn,

So steht's gleichwie auf festen Füßen

Und trotzt dem wütenden Orkan.



(NB. Zu weiteren Worträtseln empfehlen wir: Feuer, Regenbogen u. a.,

die Schiller und Körner poetisch behandelt haben.)



6. Bildung von Silbenrätseln (Charaden).



Aufgabe. Jn der zu bildenden Charade soll das Charakteristische

von den Augen und dem Blick derselben angedeutet werden,

um das Ganze der Zusammensetzung (Augenblick) ahnend zu erschließen.





1. Stoff. Die beiden ersten (die Augen) werfen das dritte (den Blick)

uns zu. Mahnung: Ergreift das Ganze (den Augenblick) rasch,

denn plötzlich wird es entschwunden sein.



2. Wir bilden zwei ausgedehnte Sätze, von denen der erste die erste

Hälfte des Stoffs giebt, während der zweite die letzte Hälfte ausdrückt.



3. Bei gebrochener Schreibung entstehen wie bei der vorigen Aufgabe

weibliche und männliche Reime im Wechsel.



4. Die Satzlänge reicht zu jambischen Quinaren aus.



Lösung. Von Th. Körner.



Freund! werfen einst mit freundlich süßem Glanze

Die lieben ersten dir die dritte zu,

So fasse kühn und mutig schnell das Ganze,

Denn sonst entflieht es dir im Nu.



(NB. Zu Charaden empfehlen sich: Nacht-Schatten; Steuer-Mann; Roß=

Bach; Bach-Stelze; Rhein-Fall; Licht-Schere; Gold-Papier &c.)



§ 55. Bildung von Epigrammen.



1. Es ist vor allem darauf zu achten, daß der erste Teil des

Epigramms (der Vordersatz) nur exponiere, während der zweite (Nachsatz |#f0168 : 142|



oder Klausel) die Pointe zu geben hat, wie dies in charakteristisch

kürzester Weise beim epigrammatischen Distichon der Fall ist, wo der

Hexameter die Erwartung andeutet, während der Pentameter den Aufschluß

giebt.



2. Als präzise Form für das Epigramm ist auch das (§ 38)

behandelte Sonett zu erwähnen, das in den ersten acht Versen der

Exposition (oder dem Vordersatz) breiteren Raum gewährt, während

die sechs folgenden Zeilen den lyrischen Nachsatz (die Klausel) bilden

können, wie dies im allgemeinen die A. Möserschen Sonette (9─20

in „Schauen und Schaffen“) zeigen.



3. Zuweilen können mehrere Vordersätze durch einen einzigen

Nachsatz ihren Abschluß erhalten. Dies ergiebt das ausgebreitete

Epigramm.



4. Beliebte Epigrammformen sind:



a. das einfache Epigramm, wie es in elegischer Form

(vgl. S. 38), oder in Ritornellform, oder in Vierzeilenform

&c. in der Gelegenheitsdichtung (als Stammbuchvers &c.)

sich einführt;



b. das ausgebreitete Epigramm, welches bei Widmungen

(z. B. an Täuflinge, Brautleute &c.), ferner in Trinksprüchen

&c. vielfach Verwendung findet.



1. Einfache Epigramme.



Aufgabe. Wir veranlassen: a. einen Stammbuchvers,

welcher den Ausspruch einer Frau:
Jch liebe dichpreist;

b. einen Stammbuchvers, welcher sich durchGedenke mein

selbst empfiehlt.



1. Die Gedanken des Materials dürften folgende sein:



Stoff. Zu a:



Exposition:

Frauenmund ist eine Blume.


Klausel:

Die Blüte derselben heißt: Jch liebe dich.


Zu b:



Exposition:

Wenn einst dein Blick auf dieses Blatt fällt,


Klausel:

Gedenke meiner, wie man des Toten gedenkt.


2. a. Schon die erste Verszeile des Stoffes bei a deutet auf trochäischen

Rhythmus hin, für den sich auch der zögernde Jnhalt des Verses

eignet;



b. Dagegen verträgt der vorwärtsblickende, feierlich=elegische Jnhalt

des Stoffes von b jambischen Rhythmus.



3. a. Die erste rhythmische Reihe bei a ist ein trochäischer Viertakter und

kann ohne weiteres als Maß für die kleine Strophe dienen;

|#f0169 : 143|



b. Die rhythmische Reihe bei b ist ausgebreiteter und erheischt als

Gefäß mindestens den jambischen Quinar.



4. a. Wenn bei a die Exposition 1 Zeile erhält, so beansprucht die

Klausel deren 2; es empfiehlt sich somit für das Epigramm a die

italienische Ritornellform (§ 106);



b. Der Stoff unter b kann auf 4 Zeilen ausgebreitet werden, von

denen die beiden ersten exponieren, während die zwei letzten die

Klausel bieten. Die Schlußzeile mag zur Gewinnung eines freundlichen

Abschlusses um 1 Takt verkürzt werden.



Lösung. (Stammbuchverse.)



[Beginn Spaltensatz]

a. Ritornellform. Von R. Hamerling.





Frauenmund ist eine Blume.

Und die Blüte dieser Blume

Jst das Wort: Jch liebe dich.
[Spaltenumbruch]

b. Vierzeile. Von E. Geibel.



Wenn sich auf dieses Blatt dein Auge

senkt,

Betracht' es still, als wär's mein

Leichenstein;

Und mild, wie man der Toten sonst

gedenkt,

Gedenke mein!
[Ende Spaltensatz]

2. Ausgebreitetes Epigramm.

a. Widmung an einen Täufling.



Aufgabe. Exposition wie Klausel eines dem Täufling

zu widmenden Epigramms sollen in mehrere Sätze auseinander

gebreitet sein.



1. Die Gedanken des Materials dürften etwa folgende sein:



Exposition: Alles, was Liebe bieten kann, habe ich als Wunsch

für dich ersonnen: Liebe und Hoffnung wünsche ich, endlich Glauben

an das Schöne, Gute und Wahre;



Klausel: Glaube, Liebe, Hoffnung im Verein gleichen der Sonne.



2. Der würdevolle Stoff beansprucht lebhaften (jambischen) Rhythmus.



3. Als breiteres Gefäß für den Jnhalt ist der Quinar anzuraten.



4. Schon eine oberflächliche Disponierung des Stoffes ergiebt 4 Doppelverse

für die Exposition und deren 2 für die Klausel, somit ein 12zeiliges

Epigramm.



5. Um den Abschluß der Exposition äußerlich zu markieren, möge das

vierte Reimpaar mit dem Reimgeschlecht wechseln.



Lösung.



Was Liebe wünschen, Treue bieten mag,

Das sei mein Wunsch an deinem Wiegentag:
|#f0170 : 144|



Die Liebe wünsch' ich für dein reines Herz,

Sie wahre dich vor Leiden und vor Schmerz;

Die Hoffnung wünsch' ich, die in Lieb' erglüht,

Daß sie dein Blumenleben reich umblüht;

Den Glauben auch ans Gute, Schöne, Wahre,

Als Führer durch die Reihen deiner Jahre:

Ja, Glaube, Liebe, Hoffnung sei'n vereint,

Dann ist's des Glückes Sonne, die dir scheint,

Und ihre Strahlen leuchten hell und klar

Dir freundlich bis zum letzten Lebensjahr.


b. Bildung eines Trinkspruchs.



1. Der poetische Trinkspruch beschränkt sich in der Regel auf eine

Person, auf eine die Stimmung charakterisierende Personifikation, oder

auf einen naheliegenden, humoristisch zu behandelnden Gegenstand; er

beleuchtet seinen Stoff von allen Seiten, um ─ ähnlich wie die

Priamelform ─ Vordersätze als Prämissen für die Pointe zu gewinnen.



Zuweilen erweitert sich der Trinkspruch zu einem mehrstrophigen

Gedicht, indem der Dichter von irgend einer Thätigkeit oder einem

Vorzuge ausgeht, um im weiteren Verlauf durch geschicktes Heranziehen

verwandter oder steigerungsfähiger Momente eine Person auszuzeichnen

oder zu besingen. Jmmerhin bleibt er eine Art Epigramm.



2. Wir veranlassen im nachstehenden einen Trinkspruch auf

Goethe's Geburtstag. Der Stoff mag sich folgendermaßen aufreihen:



Stoff. Wenn auch Goethe im Grabe ruht, so lebt er doch. Andere

aber, welche tot sind, scheinen zu leben; sie bewegen sich und

scheinen mit Sorgen zu kämpfen. Goethe ist durch eine Kluft von

allen Sorgen geschieden. Er lebt und wirkt, da wir streben ihm nachzuringen.

Wir trinken darauf, daß unser Streben gelingen möge.



3. Selbstredend ist bei einem, die Unterhaltung belebenden Trinkspruch

nur der jambische, oder ─ bei größerer Lebhaftigkeit ─ der

jambisch=anapästische Rhythmus angezeigt.



4. Die längere Reihe und der feierliche Charakter des Stoffs

weisen auf den Quinar und auf die Oktavenform hin.



Lösung. (Oktavenform.) Von A. v. Chamisso.



Jch sag' euch, Goethe lebt, ob in der Gruft,

Und viele Tote scheinen nur zu leben.

Sie regen sich und atmen Gottes Luft

Und scheinen vielen Sorgen hingegeben.

Jhn trennt von allen Sorgen eine Kluft,

Er lebt und wirkt und schafft, da andre streben,

Da wir, wie er zu leben, streben, ringen;

Ein Glas darauf: es mög' uns auch gelingen!
|#f0171 : 145|



§ 56. Kurze lyrisch-didaktische Form. (Vgl. Poetik II, 218.)



Aufgabe. Poetischer Gruß mit einem Blumenstrauß.



Disposition. 1. Das Gedicht soll zwei Gedanken ausprägen: a. der

herbstliche Frost hat ein paar Blumen für dich verschont; b. ich will ihm

gleichen und dir meine letzten Poesien widmen.



2. Die Gedanken des Stoffes mögen sich in folgender Ordnung anreihen:



Stoff. Jn trüben, kalten Tagen | hat der Herbst einige blühende

Blumen | aufgehalten, | damit du sie empfangest. | Jch will diesem

Herbste gleichen! | Wenn dereinst über meine poetischen Wälder | und

über die Blumen meiner Gedanken | eisige Lüfte wehen, | dann will

ich dich noch | mit dem letzten Grün schmücken. ‖



3. Die elegische Stimmung dieses Stoffes weist auf sinkenden, trochäischen

Rhythmus hin.



4. Die kleinen Stoffgruppen empfehlen den Viertakter.



5. Der Stoff enthält ─ nach Art des Epigramms ─ Exposition und

Klausel und ist somit auf eine einzige Strophe zu verteilen.



6. Zur Verbindung derselben ist es empfehlenswert, der Schlußzeile der

Exposition wie der Klausel das gleiche Reimecho zu verleihen. Die übrigen

Verse mögen durch umarmende Reime (a b b a) und Reimpaare zusammengefügt

werden.



Lösung. Von N. Lenau.



[Beginn Spaltensatz]
Jn den trüben, in den kalten

Tagen, die uns heimgesucht,

Hat der Herbst auf ihrer Flucht

Letzte Blumen aufgehalten,

Um sie dir zu schenken!

Diesem Herbste will ich gleichen:
[Spaltenumbruch]

Wenn auf meine lauten Wälder,

Blumigen Gedankenfelder

Mir die Todeslüfte streichen,

Daß sie schweigen und verblühn,

Will ich mit dem letzten Grün

Deiner noch gedenken.
[Ende Spaltensatz]



NB. Das Gedicht hat den Fehler, die Worte „kalten Tagen“ in 2 Verse

zu verteilen.



§ 57. Poetische Epistel. (Vgl. Poetik II, 212.)



Aufgabe. Epistel eines Genesenen an seinen Arzt.



1. Disposition. Das Gedicht möge in seinem ersten Teile ausführen,

wie der genesene Dichter der heilkräftigen Nymphe eines Badeortes

opferte und ihr einen krystallenen Pokal schenkte. Die didaktische Pointe bildet

sodann der Befehl dieser Nymphe, den weingefüllten Becher ihrem Diener zu

widmen.



2. Der Stoff wird sich etwa folgendermaßen anordnen:



Stoff. Der jüngsten Nymphe im Schwesternchor, | welche Wunder

wirkt in ihrem bescheidenen Brunnen-Tempel | und sich selbst eine |#f0172 : 146|



Zukunft prophezeit: | goß ich in frühester Tagesstunde | Opfermilch

aus | und schenkte ihr ein krystallenes Weihegefäß. | Jn der Tiefe

rauschend, sprach sie: | Meinem Diener bringe den Pokal | gefüllt

mit der Gabe jenes Gottes, | der meinen Berg mit seinen Reben

schmückt, | obwohl er meine Lippen nicht zu berühren wagt. |



3. Die antiken Bilder und Namen und die langen rhythmischen Reihen

weisen auf den neuen Senarius hin, dem ursprünglichen attischen Trimeter.



4. Wegen der fortlaufenden Rede möge derselbe reimlos sein.



5. Bei dem einzelnen Senare ist die wechselnde weibliche Cäsur zu beachten,

durch welche die nunmehr mit einer Arsis beginnende zweite Vershälfte

fallende Tendenz erhält, eine Abwechselung, welche ein Schönheitsmittel

des Verses ist.



Lösung. Von E. Mörike.



Der jüngsten in dem weit gepriesnen Schwesternchor

Heilkräft'ger Nymphen unsres lieben Vaterlands,

Die wunderthätig im bescheidnen Tempel wohnt,

Sich selber still weissagend einen herrlichern;

Jn deren schon verlorne Gunst du leise mich

An deiner priesterlichen Hand zurückgeführt:

Heut' in der frühsten Morgenstunde goß ich ihr

Die Opfermilch, die reine, an der Schwelle aus,

Und schenkte dankbar ein krystallen Weihgefäß.

Sie aber, rauschend in der Tiefe, sprach dies Wort:

Bring meinem Diener, deinem Freunde, den Pokal,

Mit jenes Gottes Feuergabe voll gefüllt,

Der meinen Berg mit seinen heiligen Ranken schmückt,

Obwohl er meine Lippen zu berühren scheut.


§ 58. Wirkliches Lehrgedicht. (Vgl. Poetik II, 219.)



Aufgabe. Gedicht für einen Wohlthätigkeitszweck.



1. Disposition. Ein Gedicht zum Besten eines Asylvereins für Obdachlose

ist zu bilden, welches in seiner Einleitung den grimmig kalten Winter

mit seinen eisigen Ostwinden, Schneestürmen und Nordlichtern in der Absicht

schildert, in seinem Hauptteil die Hilfsbedürftigkeit der Obdachlosen zu malen,

Wahrheiten auszusprechen und schließlich zur wohlthätigen Liebe aufzufordern.



2. Die der Religion, der Moral und dem Leben entstammenden Gedanken

dieser Disposition ergeben sich von selbst. Wir breiten sie dem Anfänger wie

eine Paraphrase aus; der geübtere, kühne Kunstjünger mag sich dieselben selbst

schaffen.

|#f0173 : 147|



Stoff. Der Winter mit seinen Ostwinden und seinen Schneestürmen

kommt ins Land gefahren. ‖ Bei Nordlichtschein jagt der beutegierige

durch unsere Steppen und fällt in unsere Hürden ein. ‖ Er legt dem

Lande seine Eisesfesseln an. ‖ Jhn hindert weder das Sonnenlicht bei

Tag, noch das blitzende Firmament bei Nacht. ‖ Venus ist wie eine

flammende Mondsichel anzusehen. ‖ Und das Frührot ist duftumwallt:

─ wehe, daß es Arme giebt, wenn in der eisigen Kälte die Wolke

zerstiebt. ‖ Wehe, daß aus den Nordlichtgarben kein Korn zu dreschen

ist. ‖ Wehe, daß kein Obdachloser an dem ewigen Himmelsfeuer seine

Hände wärmen kann. ‖ Wehe, daß das Himmelsgewölbe das einzige

Obdach für Kranke und Hungernde ist. ‖ Wehe, daß so manche Kinder,

Weiber und Greise ärmer daran sind, als die Vögel. ‖ Wehe, daß

inmitten unseres geselligen Getriebes, inmitten von Börsen, Bällen

und Waffenspielen Obdachlose sich finden können. ‖ Wehe über all'

die alten Wunden der Menschheit. Auf, helft nach eurem Teil! ‖

Ziehe hinaus, mein Lied, und erspähe warme Herzen. ‖ Singe das

Wort Liebe: nur die Liebe vermag die Welt zu heilen. ‖



3. Dieses für die großen Kreise des Volks bestimmte Gedicht muß volksmäßige

Form erhalten, also volksliedartige Verse und Strophen, ähnlich etwa

wie die wirksamen Volkslieder: Jnsbruck, ich muß dich lassen; Es wollt' ein

Jäger jagen; Jch hört' ein Sichlein rauschen; Des Pfarrers Tochter von Taubenheim;

Die Königskinder u. a. (Vgl. II, 83. 85. 86 dieser Poetik.)



4. Diese eben genannten Volkslieder sind sämtlich aus jambischen Dreitaktern

aufgebaut, für welche auch der obige Stoff besonders geeignet

erscheint.



5. Die kleinen volksmäßigen Strophen sollen aus je zwei Reimpaaren

bestehen, von denen behufs Erreichung eines strophischen Charakteristikums immer

das zweite männlichen Abschluß haben möge.



Lösung. Von F. Freiligrath.



[Beginn Spaltensatz]
Der Winter kommt gefahren,

Er treibt die Welt zu Paaren,

Der Ostwind ist sein Speer,

Der Schneesturm sein Gewehr


Mit eisbehangner Schleppe,

Ein Beutefürst der Steppe,

Fällt er bei Nordlichtschein

Jn unsre Hürden ein.


Und richtet seine Zelte,

Und schlägt das Land mit Kälte,

Und legt ihm, der Tyrann,

Wildstarre Fesseln an.
[Spaltenumbruch]

Derweil bei Tag die Sonne

Strahlt herrlich und in Wonne,

Und Nächtens ruhig brennt

Und blitzt das Firmament.


Venus mit prächt'gem Scheine,

Beinah wie eine kleine

Mondsichel anzusehn,

Flammt nieder ernst und schön.


Und o, des duftumwallten,

Des knisternden, des kalten

Frührots! Die Wolke stiebt! ─

Weh, daß es Arme giebt!
[Ende Spaltensatz] |#f0174 : 148|



[Beginn Spaltensatz]
Weh, daß es giebt, die darben,

Weh, daß aus Nordlichtgarben

Zu frohem Erntefest

Kein Korn sich schwingen läßt!


Weh, daß, der Not zu steuern,

An jenen ew'gen Feuern

Kein obdachloser Mann

Die Hand sich wärmen kann!


Weh, daß dies glüh'nde, blanke

Gewölb für tausend Kranke

Und Hungernde zur Frist

Das einz'ge Obdach ist!


Daß Kinder, Weiber, Greise,

Ärmer als Rab' und Meise,

Nicht wissen, wo zu Nacht

Das Bett für sie gemacht.
[Spaltenumbruch]

Und alles das inmitten

Der Wagen und der Schlitten,

Bei Börse, Bank und Ball

Und stolzem Waffenschall!


Weh, all der alten Wunden

Der Menschheit, oft verbunden,

Und immer noch nicht heil! ─

Auf, wirk auch du dein Teil!


Auf, rühr' auch du die Schwinge,

Flieg aus, mein Lied und singe!

Flieg aus! in Reif und Schnee

Nach warmen Herzen späh!


Flieg aus! O sieh, schon feuchten

Sich Augen! Augen leuchten!

Sieh, Hände weit und breit

Jn Liebe hilfbereit.
[Ende Spaltensatz]

Das ist das Wort! Ja: Liebe!

Sing' immer: Liebe! Liebe!

Die Liebe hegt und hält,

Die Liebe heilt die Welt.



NB. Trennungen wie Str. 5: kleine Mondsichel, und Str. 6:

kalten Frührots, und Str. 9: blanke Gewölb, sind nicht zu empfehlen.



──────



II. Gedichte aus dem Bereiche der Lyrik.


A. Formen ruhiger Empfindung.


§ 59. Elegisches Gedicht. (Vgl. Poetik II, 119.)



Aufgabe. Ein Abschiedsgedicht der Schwester an die

Braut zum Hochzeitstage.



Disposition. 1. Du scheidest heute von uns und lässest mich zurück;

ohne dich wird alles rings herum öde und leer sein. Jch darf an deinem

Hochzeitsfeste nicht klagen. Nimm den Brautkranz von mir; er möge dich in

der Ferne an die Heimat erinnern.



2. Diese Gedanken lassen sich etwa folgendermaßen erweitern:



Stoff. Noch heute wirst du uns verlassen. Dein Antlitz erglänzt in

Freuden wie dieser Kranz in Blüten. ‖ Mir bleibt der Schmerz

darüber, daß ich dich nicht mehr sehen soll. ‖ Jedem Orte, dem

Klaviere, den Blumen &c. wirst du fehlen. ‖ Jch hätte alle Ursache |#f0175 : 149|



zu weinen und muß mich doch heiter zeigen! ‖ Laß mich meiner

Pflicht nachkommen und dir den Brautkranz überreichen. ‖ Trag'

ihn zum Andenken an uns und an die Heimat. ‖



3. Der jambische, fröhlich fortdrängende Rhythmus, den ein Brautgedicht

beanspruchen möchte, kommt mit jedem Takt ins Stocken, so daß das durch

und durch elegische Gedicht aus trochäischen Satztakten mit Anakrusis (Auftakt)

bestehen wird, also nur äußerlich jambische Form trägt.



4. Die sechs Stoffgruppen prädestinieren sechs Strophen, von denen jede

freilich nur 2 Langzeilen (oder 4 Kurzzeilen) umfassen kann.



5. Zum Abschluß der Langzeilen eignet sich männlicher Schluß. Es

werden demnach weibliche Reime mit männlichen wechseln, wodurch sich das

Reimschema a b a b ergiebt.



Lösung. Von Paul Heyse.



[Beginn Spaltensatz]
Nun willst du, liebe Schwester, scheiden,

Eh' noch ein Tag zur Rüste geht.

Dein Leben steht in hellen Freuden,

Wie dieser Kranz in Blüten steht.


Nun bleibet meins, von dir verlassen,

Jm grünen Schatten still zurück,

Soll nicht dein Leben mehr umfassen,

Nicht mehr gedeihn an deinem Blick.


Wie wird in dem gewohnten Zimmer

Mir jede Stätte fremd und leer!

Dich find' ich am Klaviere nimmer,

Dich nicht bei deinen Blumen mehr.
[Spaltenumbruch]

Wohl hätt' ich Grund, vollauf zu klagen,

Und ach, wie viele stimmten ein;

Doch ziemt es sich an Festestagen

Bescheiden und vergnügt zu sein.


Des frohen Dienstes laß mich warten,

Und nimm in deiner Wonne Glanz

Aus meinem grünen Mädchengarten

Den besten Schmuck, den reinen Kranz.


Trag ihn in freudigen Gedanken;

Und muß es sein, und gehst du fort,

Grüßt doch aus seinen zarten Ranken

Heimat und Jugend dich auch dort.
[Ende Spaltensatz]


§ 60. Jdyllisches Gedicht. (Vgl. Poetik II, 122.)



Aufgabe. Ein Geburtstagsgedicht für den Freund.



1. Disposition. Das Gedicht soll nachstehenden Gedanken dichterischen

Ausdruck verleihen: Du bist für die Freundschaft geboren; du bist der Frieden

─ umringt vom Frieden. Dich liebt die Sonne. Kind und Gattin gedeihen.

Die Schatten der Seligen mögen dich schützend umgeben.



2. Der Stoff ordnet sich folgendermaßen an:



Stoff. Freue dich über dein Los; dir ward eine treue Seele gegeben;

am heutigen Feste bezeugen wir's. ‖ Selig ist, wer im Hause

Frieden und Liebe findet; manches Leben ist verschieden wie Licht

und Nacht; du wohnst in goldner Mitte. ‖ Der gütige Gott bewahrt

deine Güter. ‖ Kind und Frau gedeihen dir; auch die geliebten

Schatten der Seligen sind an dich gewöhnt. ‖ Möget, ihr Schatten,

ihn behüten, und wenn widrige Winde über Land und Haus wehen, |#f0176 : 150|



so ruhe sein Herz in eurer Erinnerung aus. ‖ Aus Freuden reden

wir von Sorgen. Das ernste Lied erfreut wie dunkler Wein. Morgen

ist das Wiegenfest vorüber und alles geht wieder seinen gewohnten

Gang. ‖



3. Der freudeentquollene Stoff mit seiner bewegten Tendenz bedingt jambischen

Rhythmus.



4. Die durchschnittlich längeren Reihen des Stoffes ermöglichen den dem

Charakter des Gedichts am meisten zusagenden Quinar.



5. Die sechs Gruppen des Stoffs verlangen zu ihrer Ausführung sechs

Strophen.



6. Der Stoff einer jeden Gruppe reicht zu 4 Verszeilen aus.



7. Zur Markierung des Schlusses einer jeden Strophe möge je die letzte

Zeile um einen Takt verkürzt werden.



Lösung. Von Fr. Hölderlin.



Sei froh! du hast das gute Los erkoren,

Denn tief und treu ward eine Seele dir;

Der Freunde Freund zu sein, bist du geboren,

Dies zeugen dir am Feste wir.


Und selig, wer im eignen Hause Frieden,

Wie du, und Lieb' und Fülle sieht und Ruh;

Manch Leben ist, wie Licht und Nacht, verschieden,

Jn goldner Mitte wohnest du.


Dir glänzt die Sonn' in wohlgebauter Halle,

Am Berge reift die Sonne dir den Wein,

Und immer glücklich führt die Güter alle

Der kluge Gott dir aus und ein.


Und Kind gedeiht und Mutter um den Gatten,

Und wie den Wald die goldne Wolke krönt,

So seid auch ihr um ihn, geliebte Schatten!

Jhr Seligen an ihn gewöhnt!


O seid mit ihm! denn Wolk' und Winde ziehen

Unruhig öfters über Land und Haus,

Doch ruht das Herz von allen Lebensmühen

Jm heilgen Angedenken aus.


Und sieh! aus Freude sagen wir von Sorgen;

Wie dunkler Wein, erfreut auch ernster Sang;

Das Fest verhallt, und jedes gehet morgen

Auf schmaler Erde seinen Gang.
|#f0177 : 151|



§ 61. Geselliges Gedicht.



Aufgabe 1. Zum Geburtstage eines scheidenden Freundes

ist ein Gedicht zu bilden, das zugleich Abschiedsgedicht

wird.



1. Disposition. Das Festlied ist zum Abschiedsgesang geworden. Die

heimgegangenen Gestalten fragen, was dich aus unserer Mitte vertreibt. So

möchte auch ich fragen. Wenn du einstens zurückkehren wirst, so findest du bei

mir das alte Herz.



2. Diese Gedanken lassen sich folgendermaßen erweitern:



Stoff. Dein Wiegenfest ist zur Abschiedsfeier geworden. ‖ Witz und

Laune vermag ich heute nicht zu bieten, so nimm mit einem Abschiedslied

vorlieb. ‖ Nicht will ich in deine Zukunft blicken, vor der

mir bangt, da du dich dem Weltengewühle zuwendest; aber ich will

der schönen, entflohenen Stunden gedenken, die mich deinem Herzen

verbanden. ‖ Es nahen dir die freundlichen, längst heimgegangenen

Gestalten, um dich noch einmal zu grüßen. ‖ Und die Geister vergangener

Tage möchten dich fragen, wie du so kühn sein konntest,

so viel Teueres zurück zu lassen und Ungewissem nachzujagen. ‖

Auch mein Herz möchte diese Frage stellen, ohne deine Antwort zu

erwarten, die ich in deinen Augen lese. Denn nie wirst du den

Wiegentag wieder in so deutscher Weise im Bruder- und Freundeskreise

feiern. ‖ Vielleicht suchst du dereinst wieder den Frieden des

stillen Lebensabends auf; wenn du dann zu uns zurückkehren wirst,

so findest du auch noch beim Greise das alte Freundesherz.



3. Für diesen, das ununterbrochen fortquellende Gefühlsleben zum Ausdruck

bringenden Stoff eignet sich wegen seines lyrischen, ruhelosen Bewegtseins

jambischer Rhythmus.



4. Die längeren Stoffgruppen deuten auf Quinare.



5. Der Stoff zerfällt in 7 Gruppen, deren poetische Behandlung ein

siebenstrophiges Gedicht beansprucht.



6. Da der Stoff der Einzelgruppe für die Oktave nicht zureichend ist,

so empfehlen wir sechszeilige Strophen, die durch geschickte Reimverschlingung

gegen das Auseinanderfallen in 2 Dreizeilen zu sichern sind.



7. Das empfehlenswerteste Reimmuster ist das bekannte Reimschema von

Schillers Polykratesstrophe (a a b c c b vgl. I, 657 dieser Poetik).



Lösung. Von E. v. Houwald.



Dein Wiegenfest, das wir so oft besungen,

Das wir, von Wonn' und Ahnungen durchdrungen,

Verjubelt oft, verträumt, verlacht, verweint,

Ruft heute mich zu deiner Abschiedsfeier,

Und stimmt die kleine, fast bestaubte Leier

Noch einmal dir, du mein geliebter Freund.
|#f0178 : 152|



Und wenn ich statt der heitern Rundgesänge

Dir in dein Fest nur Trauertöne menge,

Wirst du mir dann, mein Freund, dies auch verzeihn?

Sieh, Witz und Laune kann ich dir nicht bringen,

Zwar hallt die Saite, und ich werde singen,

Doch soll's ein Abschiedslied dem Freunde sein.


Nicht vorwärts schau ich auf den Weg zum Ziele,

Den du dir wählst; mir bangt, daß zum Gewühle

Der großen Welt du wendest deinen Lauf;

Nein, mahnend dich an die entfloh'nen Stunden,

Die mich auf immer an dein Herz gebunden,

Deck ich der Vorzeit heil'gen Schleier auf.


Und sieh, da stehn die freundlichen Gestalten! ─

Sie nahen dir, nicht dich zurückzuhalten,

Nur grüßen wollen sie dich noch einmal:

Da stehn sie alle, die schon heimgegangen,

Da steht des Herzens heißeres Verlangen,

Da steht der Seele hohes Jdeal.


Da stehn die Geister der vergangnen Tage,

Und alle wagten gern an dich die Frage:

„Was treibt dich denn aus unsrer Mitte fort?

Wie konnte denn dein Herz die Kühnheit fassen,

So vieles Teure hier zurückzulassen,


So möchte auch mein liebend Herz dich fragen,

Du aber sollst mir nicht die Antwort sagen,

Nur lesen will ich sie in deinem Blick.

Doch so im Bruder- und im Freundeskreise,

Bei treuer Liebe und bei deutscher Weise,

So kehrt dir dieser Tag doch nie zurück.


Und einst vielleicht, des Glanz- und Kampfes müde,

Suchst du am stillern Abend wieder Friede,

Und hast du dann dir unsre Flur erwählt,

Dann findest du dies Herz auch noch im Greise,

Der still und fröhlich in der Seinen Kreise

Den Kindeskindern noch von dir erzählt.



Aufgabe 2. Widmungsgedicht zum Feste einer goldenen Hochzeit.



1. Disposition. Das Gedicht soll folgende Gedanken ausführen: Schön

war euer Vermählungstag, schön war auch euer Silberfest, am schönsten ist

der goldne Hochzeitstag.



2. Diese Gedanken können also entwickelt werden:

|#f0179 : 153|



Stoff. Fünfzig Jahre sind seit eurem ersten Hochzeitstag verflossen.

Es war ein schöner Tag, an welchem zum erstenmal die Namen

Gatte und Gattin ertönten. Schön war auch der Tag, an welchem

ihr euer silbernes Ehejubiläum feiertet. Doch am schönsten ist es,

daß ihr euer goldnes Hochzeitsfest erlebtet. Drum nahen Kinder

und Enkel mit diesen Wünschen: Wir grüßen euch, indem wir gerührt

die reichen Jahre eures Ehestands überblicken. Heil euch, die

ihr in allen Wechselfällen Liebe bewahrt habt. Glücklich möget ihr

dereinst das Demantfest feiern.



3. Der freudig stimmende, fast dramatisch belebte Stoff verlangt jambischen

Rhythmus, jambische Quinare.



4. Bei der Unregelmäßigkeit der Stoffgruppen kann von symmetrischen

Strophen keine Rede sein. Es empfehlen sich vielmehr Reimpaare, oder (je

nach der zusammen zu schließenden Stoffgruppe) Strophen mit gekreuzten

Reimen.



5. Eine Abwechselung im Reimgeschlecht ist für Markierung der Strophenschlüsse

empfehlenswert.



6. Bei diesem improvisierten Gedichte können einzelne nicht ganz reine

Reime, sofern sie sich wenigstens im Laute decken (z. B. heute ─ Freude,

erreicht ─ verzweigt, Thaten ─ Pfaden) passieren.



Lösung.



Der Jahre fünfzig sind verflossen heute,

Seit am Altar in Glück und höchster Freude

Ein lieblich Brautpaar auf den Knieen lag:

Es feierte den ersten Hochzeitstag.


Schön war der Tag, an dem zum erstenmale

Der Name Gatte, Gattin war ertönt,

Als einst zur Pilgerschaft im Erdenthale

Des Priesters Segen diese zwei gekrönt.


Doch schön war's auch, als nach entflohnen Jahren

Ein Silberfeier-Morgen sie vereint,

Und im Bewußtsein, daß sie glücklich waren,

Wohl manche Freudenthräne sie geweint,

Als liebend in der Kinder frohem Bunde

Das Glück vergangner Zeiten sich erneut,

Und dann das Brautpaar mancher Lebensstunde

Erinnernd, glücklich, liebend sich gefreut.


Am schönsten ist's, daß siegend es erreicht

Des goldnen Hochzeitfestes Freudenmahl.


Heut' naht mit diesem Rufe weitverzweigt

Der Kinder und der Enkel stolze Zahl:
|#f0180 : 154|



„Heil, dreimal Heil! dem teuren Jubelpaare!

Wir grüßen euch im Herzen froh bewegt,

Und überschau'n gerührt die reichen Jahre,

Die ihr verbunden habt zurückgelegt;


„Heil, dreimal Heil! Jn Freuden, Schmerz und Mühen

Bewahrtet ihr des Liebens süße Lust,

Und was dereinst das Herz ließ hold erglühen,

Hat fortgelodert still in eurer Brust.


„Heil, Jubelpaar, Heil euren reichen Thaten,

Und Glück und Segen euren Segenspfaden!

Es find' nach frohen, reich beglückten Stunden

Das Demantfest, wie heut', euch froh verbunden!“



Aufgabe 3. Widmungsgedicht für einen wiedergenesenen,

greisen Vater.



1. Disposition. Was soll das Gedicht erzielen? a. Es soll dem

Schmerz über die Erkrankung, und dem Jubel über die Wiedergenesung Ausdruck

verleihen; b. es soll ausführen, was vom Himmel für den Kranken erfleht

wurde, und c. es soll Wünsche darbringen.



2. Ohne noch auf die Ausführung dieser Disposition einzugehen, so deutet

schon die fortdrängende Absicht des zu schaffenden Gedichts in ihrer freudigen

Tendenz, sowie der feierliche Charakter des Stoffes auf jambischen Rhythmus

und auf eine kunstvollere Strophenform hin.



3. Es bleibt die Wahl zwischen Oktaven und Terzinen.



4. Wir entschließen uns für die schön verschlungenen Terzinen, die eine

ununterbrochene Verbindung des einheitlichen Gedankens ermöglichen.



5. Demzufolge ordnen wir unser Material in lose Gruppen an, von

denen jede den Stoff für eine Terzine ergeben soll. (Der Geübtere mag sich

den Stoff selbst ausspinnen.)



6. Wir deuten den Terzinenreim durch gesperrten Druck an; selbstredend

kann von unserem Reime je nach Neigung und Bedürfnis abgewichen werden.



Stoff. 1. Ernste Krankheit entzog dich uns. ‖ 2. Wir erflehten

dein Leben mit diesem Gebete: ‖ 3. Gnädiger Gott, lasse ihn

genesen; nimm uns die große Angst ab. ‖ 4. Gott erhörte unser

Flehen; der Genesung Kunde erscholl. ‖ 5. Vergessen waren alle

Mühen. Nun bringen wir diese Wünsche: ‖ 6. Neu wachse dein

Leben; der Himmel schenke Kraft zu neuen Thaten. ‖ 7. Er leite

dich in Freud und Leid. ‖ 8. Du mögest dich fühlen wie in einem

Frühlingshaine. ‖ 9. Der Sonnenschein des Glücks möge, über

dem Haine erglänzend, ein Bild des Edlen und Schönen hervorzaubern.

‖ 10. Jeder Baum sei ein Sinnbild neuer Kraft, jeder

bedeute ein neues Lebensjahr. ‖ 11. Jeder Zweig prophezeie einen

sonnigen Freudentag. ‖ 12. Jedes Blatt künde eine frohe Stunde.|#f0181 : 155|



13. Aus dem Säuseln der Blätter ertöne dir frohe Kunde von

den Deinen ‖ 14. bis an dein glücklich Ende.



Lösung.



1.

Der wärmste Liebesblick war uns entschwunden,

Als dich, mein Vater, Krankheit trüb umzog,

Als deine Lebenskraft lag festgebunden.


2.

Da war's die Liebe, die zum Lichtquell flog,

Erbittend so dein unersetzlich Leben

Vom ew'gen Himmel, der dich uns entzog:


3.

„O, gnäd'ger Gott, du wollest wiedergeben

Den Vater uns, des Krankheit übergroß,

Du mögst die Angst von unsern Herzen heben.“


4.

Da wandte Gott das dunkle Todeslos;

Und der Genesung frohe Zauberkunde

Wie Balsam sich ins wunde Herz ergoß.


5.

Aufs neue wardst geschenkt du unserm Bunde,

Vergessen waren Sorgen, Angst und Müh,

Und dieser Wunsch entquoll der Deinen Munde:


6.

„Dein Leben, Dulder, grüne neu und blüh,

Der Himmel laß in Gnaden dir geraten,

Was deine Lieb erstrebte spät und früh.


7.

„Er schenk dir Kraft zu neuen Liebesthaten,

Er stärke dich im Frieden wie im Streit,

Er leite gnädig dich auf Blumenpfaden.


8.

„Jn huldvoll dir beschiedner Lebenszeit

Mögst du dich fühlen wie im Frühlingshaine,

Wo auszuruhen jeder ist bereit.


9.

„Dein Auge schweife froh im Sonnenscheine,

Und, wo es weilet, mög ein freundlich Bild

Das Edle, Schöne finden im Vereine.


10.

„Ein jeder Baum im sprossenden Gefild

Ein neues, frohes Lebensjahr dir deute

Voll edler Früchte ewig schön und mild.


11.

„Und deinem Zukunftssein zur steten Freude

Sei jeder Zweig ein wonn'ger Freudentag,

Erprangend sonnighell und klar wie heute.


12.

„Und jedes Blatt an jedem Zweige mag

Bedeuten eine stillbewegte Stunde,

Durchzittert von des Glückes Herzensschlag.
|#f0182 : 156|



13.

„Und lispelnd zieh aus stillen Haines Grunde

Durch alle Blätter, teurer Vater, dir

Von deinen Kindern allzeit frohe Kunde,


14.

„Bis der Vollendung Kranz schmückt dein Panier!“


§ 62. Religiöses Lied. (Vgl. Poetik II, 123.)



Aufgabe.   Zum neuen Jahr.



1. Disposition. Zum neuen Jahre wünsche ich neuen Segen, neue

Hoffnung und ein neues die Schuld vergessendes Herz.



2. Der Stoff von jedem dieser Einzelwünsche kann zu einer Strophe

ausgebreitet werden, so daß sich ein dreistrophiges Gedicht ankündigt.



3. Die gedanklichen Momente mögen sich folgendermaßen entwickeln:



Stoff. Zum neuen Jahre wünsche ich neuen Segen, denn unergründlich

an Segen ist der Brunnen Gottes. Bald werden die Fluren

wieder mit grüner Saat und goldenem Korn überdeckt sein. ‖ Zum

neuen Jahre wünsche ich neue Hoffnung, denn noch jedes Jahr

brachte Vogelsang und Blumen, und so soll auch dieses Jahr uns

Freude bringen. ‖ Zum neuen Jahre wünsche ich ein neues Herz,

welches ─ einem frischen Blatt im Lebensbuch vergleichbar ─ keine

Schuld aufweist; ─ ausgetilgt und ausgeglichen sei der alte Zwist

und der alte Fluch.



4. Der nach Art des Jambus rasch fortdrängende Charakter des Stoffes

erfordert jambischen Rhythmus.



5. Der Stoff einer jeden Strophe besteht augenfällig aus zwei Teilen,

von denen der erstere den Aufgesang, der letztere den ausführenden Abgesang

zu bilden vermag.



6. Der Aufgesang reicht zu je zwei jambischen Viertaktern aus, der

längere Abgesang zu drei derselben. Es ergiebt sich somit eine fünfzeilige Strophe.



7. Da die Pointe jeder Strophe in ihren beiden Anfangszeilen (─ also

im ersten Stollen des Aufgesangs ─) gipfelt, so eignet sich dieselbe zur Wiederholung

am Schluß, wodurch die fünfzeilige Strophe siebenzeilig wird.



Lösung. Von K. Gerok.



[Beginn Spaltensatz]
Zum neuen Jahre neuen Segen,

Noch Wasser gnug hat Gottes Born;

Harrt fröhlich sein, ihr Kreaturen,

Bald deckt er die beschneiten Fluren

Mit grüner Saat und goldnem Korn;

Zum neuen Jahre neuen Segen,

Noch Wasser gnug hat Gottes Born!
[Spaltenumbruch]

Zum neuen Jahre neues Hoffen,

Die Erde wird noch immer grün;

Auch dieser März bringt Lerchenlieder,

Auch dieser Mai bringt Rosen wieder,

Auch dieses Jahr läßt Freuden blühn;

Zum neuen Jahre neues Hoffen,

Die Erde wird noch immer grün!
[Ende Spaltensatz] |#f0183 : 157|



Zum neuen Jahr ein neues Herze,

Ein frisches Blatt im Lebensbuch!

Die alte Schuld sei ausgestrichen,

Der alte Zwist sei ausgeglichen,

Und ausgetilgt der alte Fluch;

Zum neuen Jahr ein neues Herze,

Ein frisches Blatt im Lebensbuch.


B. Lyrik der Begeisterung.



§ 63. Reim-Ode.



Aufgabe. Zum Wiegenfeste eines Dichters und Gelehrten.



1. Hauptgedanken: Der zu Besingende liebt die Musen. Sein ganzes

Leben hat er dem Jdealen geweiht. Darum ist er dichterischer Huldigung würdig.



2. Die Einzelgedanken für die Ausführung der Ode erwachsen etwa

folgendermaßen.



Stoff. Es war dein höchstes Streben, Schönheit und Kunst zu pflegen.

Deine Leistungen zogen die ersten Geister der Nation an. ‖ Darum

bringen die Musen dir, als ihrem Beschützer, innige Wünsche

dar und winden dir den Lorberkranz.



3. Der vorstehende Stoff gliedert sich naturgemäß in zwei Hauptgruppen,

welche eine zweistrophige Ode verlangen.



4. Der begeisterungatmende Stoff weist auf den aufsteigenden Jambus

hin, der in den aufwärts dringenden leidenschaftlichen Anapäst übergedrängt

wird: also auf jambisch=anapästischen Rhythmus.



5. Die Ode mit ihrer leidenschaftlichen Erregung dichterischer Empfindung

verlangt den möglichst glänzenden sprachlichen Ausdruck, kühne Metaphern, kunstvolleren

Periodenbau &c.



6. Der begeisterten Bewunderung würde ein alltägliches Strophenschema

schlecht stehen. Vielmehr muß die Strophenform (dem Rhythmus entsprechend)

frei erscheinen, wenn diese auch innerhalb der Grenzen einer einheitlichen,

ästhetisch schönen Form zu halten ist.



7. Wir empfehlen neben dem aus dem Stoffe resultierenden jambisch=anapästischen

Viertakter den Wechsel mit kurzen Zeilen und einen syntaktischen Ruhepunkt

nach der 3. Zeile, so daß je die zweite Strophenhälfte mit der ersten

in parallele Berührung gebracht wird.



Lösung.



Es war dir, o Edler, erhebendes Streben,

Das Leben

Zu weihen der Schönheit, dem Blühen der Kunst;

Mit Hoheit gewannst du, ein wirklicher Meister,

Die Geister,
|#f0184 : 158|



Drum bringen die Musen am heutigen Feste

Das Beste

Und Schönste dem Meister zur Huldigung dar;

Sie winden aus Blumen in ewigem Lenze

Dir Kränze


§ 64. Dithyrambus.



Aufgabe.   Hochzeitsgedicht.



1. Disposition. Das Gedicht soll folgende Gedanken ausführen: Laßt

uns mit dem Becher anstoßen, laßt uns küssen und lieben, laßt uns Kränze

winden. Liebe ist die Quelle aller Güter und Wonnen; sie läßt sich nicht besingen,

nur Brust an Brust empfinden.



2. Der Stoff mag folgende Skizzierung erhalten:



Stoff. Laßt uns anstoßen; laßt uns leben und singen; laßt uns

in gehobenen Gefühlen nach dem Höchsten ringen; laßt uns lieben;

Liebe ist Leben, Leben ist Gesang. ‖ Laßt uns Kränze weben und

zerreißen ohne Falsch und Heuchelei, mit froher, frommer Gesinnung.

Die Liebe ist ein Gebet, ja, sie ist die Erhörung. ‖ Aus dem reichen

Liebesbronnen quellen Blumen, Sterne, Güter und Wonnen. Kein

Sänger vermag die Liebe zu besingen; sie läßt sich nur fühlen. ‖



3. Der elegische Stoff verträgt trochäischen Rhythmus, doch würde ihn auch

der lebendig verbindende jambische Rhythmus gut kleiden.



4. Die drei Gruppen, in welche der Stoff zerfällt, lassen sich in 3 Strophen

von je 8 Verszeilen einteilen.



5. Die kurzen rhythmischen Reihen reichen zur Ausfüllung von Viertaktern

aus, die durch das Reimband zu verbinden sind.



6. Das Reimschema ist: a a a b c c c b. Der b=Reim verhindert das

Auseinanderfallen der Strophe in zwei Vierzeilen.



Lösung. Von Ad. v. Chamisso.



[Beginn Spaltensatz]
Laßt uns mit den Bechern klingen,

Laßt uns lieben, leben, singen

Und in Dithyramben ringen

Freudig um den ersten Rang!

Laßt uns holde Kränze weben,

Küsse nehmen, Küsse geben,

Jst die Liebe ja das Leben,

Jst das Leben doch Gesang!
[Spaltenumbruch]

Kränze weben und zerreißen,

Wie die Götter es uns heißen,

Sonder Arg und sonder Gleißen:

Sind wir froh doch, fromm und gut!

Ein Gebet ist ja das Lieben,

Jst Erhörung auch von drüben ─

Laßt uns singen, leben, lieben,

Glühen uns in heilger Glut!
[Ende Spaltensatz] |#f0185 : 159|



Aus der Liebe reichem Bronnen

Quellen Blumen, Sterne, Sonnen,

Alle Güter, alle Wonnen,

Namenlos und unbewußt.

Kann ich je zu singen wagen,

Was ich kaum vermag zu tragen?

Doch das Wort kann es nicht sagen,

Herzensschlag nur, Brust an Brust!


§ 65. Elegie.



Aufgabe. Ein Trostgedicht an einen Freund, dem die Gattin

starb, ist zu bilden.



1. Disposition. Nichts als einen Händedruck und einen Kranz kann

dir der Freund bieten. Gönne der Gattin die Ruhe, wenn auch dein Blick

sie oft suchen wird. Möge die Erinnerung Trost, die allbesiegende Zeit Linderung

verleihen.



2. Diese Gedanken lassen sich folgendermaßen erweitern.



Stoff. Alles, was dir mein Herz bieten kann, ist ein Händedruck

und ein Kranz. Möge die Gattin, die dich und die deinen so treu

geliebt, sanft ruhen. Nun trägt man sie dorthin, wo die stummen

Zeugen der Erinnerung stehen. Dein Blick wird noch oft auf ihrem

Hügel ruhn. Möge dir die Erinnerung Trost bringen, bis die allbesiegende

Zeit deinem Herzen Linderung gewähren wird.



3. Für diesen innigen, fortdrängenden Stoff eignet sich der jambische

Quinar, der auch reimlos sein kann.



4. Wenn er reimlos ist, so dürfte sich empfehlen, die Verse abwechselnd

männlich und weiblich zu schließen, wodurch sich der Rhythmus belebt.



5. Auch möge hie und da die Jncision durch eine syntaktische Pause

markiert werden.



Lösung. Von Th. Souchay.



Ein Händedruck, ein Kranz ─ das ist ja alles,

Was heute dir, o Freund, mein Herze bringt

Und bringen kann! ─ Sie schlummre sanft, die Gute,

Die dich so treu geliebt, dich und die deinen!

Die einst dein alles, deiner Kinder Mutter,

Man trägt sie heut aus deinem Dichterheim

Dorthin, wo der Erinnrung stille Zeugen

Jn feierlicher Andacht schweigend stehn.

Aus deinem Fenster wird dein Liebesblick

Oft thränenfeucht auf ihrem Hügel ruhn,

Dann sei dein Trost des schönsten Glücks Gedenken
|#f0186 : 160|



Bis sanft die große Allbesiegrin Zeit

Den Wunden deines Herzens Lindrung schafft.

Gott sei mit dir und deinen lieben Kindern!


§ 66. Hymnus.



Aufgabe. Hymnus zum Ernte- und Herbstdankfest.



1. Disposition. Danket dem Herrn durch Spiel und Gesang. Jhr,

Schnitter, stellt Garben aus; ihr, Winzer, Trauben; ihr, Mädchen und Knaben,

bringt Äpfel und Birnen; ihr, Alten, naht mit Blumen zum Preis des barmherzigen

Gottes.



2. Die Erweiterung und Aufbauschung dieses Stoffes muß vom Auflodern

des Gefühls diktiert sein und Andacht wie Bewunderung Gottes atmen. Die

einzelnen Teile der Disposition werden sich etwa folgendermaßen erweitern lassen:



Stoff. Dankt dem gnädigen Schöpfer und preiset seine Barmherzigkeit.

Ehrt ihn durch Saitenspiel und schmückt die Altäre. ‖



Jhr Schnitter tragt Garben herbei zum Zeichen, daß ihr auch der

Darbenden gedachtet und das Jahr gesegnet war, ‖



Jhr Winzer bringt Trauben und lindert die Not der Armen. ‖



Jhr Mädchen und Knaben kommt mit den reichen Früchten der

Bäume herbei. ‖



Nahet auch ihr, ihr Alten, singet dem Herrn und bringt Blumen

zum Zeichen, daß Gottes Liebe immer neu blüht. ‖



Danket eurem Schöpfer und jubelt im Chor: Gott ist getreu. ‖



3. Für diesen die höchste Begeisterung atmenden Stoff, der das Herz im

Gesang überfließen lassen möchte, eignet sich Liedform im Verein mit dem feierlichen

antik=daktylischen Rhythmus.



4. Durch Anwendung männlicher Cäsuren können hie und da rhythmische

Pausen angebracht werden, so daß der Rhythmus nach denselben anapästisch

anhebt und mancher daktylischen Reihe in ihrem Verlauf belebende, anstürmende

Wirkung verliehen wird.



5. Der Liedform entspricht noch der daktylische Viertakter. Er ist für

die musikalische Wirkungsweite des Reims geeigneter, als längere daktylische Verse.



6. Der Stoff der Gruppen dürfte auf je sechs Verszeilen auszubreiten sein.



7. Um den Einzelstrophen ein anmutiges Gepräge zu verleihen, mag die

5. Zeile jeder Strophe gebrochen geschrieben und mit dem Cäsurreim versehen

werden.



8. Auf diese Weise entsteht scheinbar ein dreizeiliger Abgesang, dessen

vom Reim gehobener Rhythmus ungemein ergreifend wirkt.



9. Die 3 zweizeiligen Gruppen jeder Strophe schließen männlich, so daß

sich folgendes Strophenschema ergiebt: a b a b c c b.

|#f0187 : 161|



Lösung. Von Karl Gerok.



[Beginn Spaltensatz]
Danket dem Schöpfer und preist den

Erhalter,

Dessen Barmherzigkeit immer noch neu,

Rühret die Harfe und spielet den

Psalter,

Schmecket und sehet wie freundlich er sei,

Ziert die Altäre,

Bringt ihm zur Ehre

Liebliche Opfer des Lobes herbei.


Hebet, ihr Schnitter, die goldene Garbe,

Schwinget sie auf den bekränzten Altar,

Daß nun im Lande kein Hungriger darbe,

Stellt sie zum Zeugnis im Heiligtum

dar;

Mühlen, sie sausen,

Tennen, sie brausen,

Loben im Takt das gesegnete Jahr.


Bringet, ihr Winzer, die Früchte der

Reben,

Trauben, gereift von der sonnigen Glut;

Himmlische Tropfen ins irdische Leben

Flößet ihr süßes, ihr feuriges Blut,

Lindert die Schmerzen,

Träuft in die Herzen

Goldenes Hoffen und männlichen Mut.
[Spaltenumbruch]

Aber nun bringet, ihr Mädchen und

Knaben,

Früchte der Bäume, rotwangig wie ihr,

Unter den süßen, den saftigen Gaben

Brachen die seufzenden Äste ja schier;

Purpurn behangen

Sah man es prangen

Rings im beschatteten grünen Revier.


Kommet auch ihr noch an Stäben, ihr

Alten,

Singet noch einmal ein „Gott ist getreu!“

Was noch von Blumen die Gärten enthalten,



Traget zum Schmuck des Altares herbei;

Aster und Winden

Sollen verkünden:

Gottes Erbarmen blüht immer noch neu!


Danket dem Schöpfer und preist den Erhalter,



Dessen Barmherzigkeit immer noch neu,

Rühret die Harfe und spielet den Psalter,

Schmecket und sehet, wie freundlich er sei;

Laßt es in Chören,

Donnernden, hören

Himmel und Erde: Der Herr ist getreu!
[Ende Spaltensatz]

──────



III. Gedichte aus dem Bereiche der Epik.


§ 67. Poetische Erzählung.



Aufgabe. Ein zum Vortrage bestimmtes, an ein Vorkommnis

anknüpfendes, erzählendes Gedicht ist zu bilden.



1. Disposition der Begebenheit. Ein Freund hat einen Spaziergang

ausgeführt, bei welchem er sich die Taschen mit Petrefakten füllte,

dazwischen aber die Aussicht genoß. Bei einer Begegnung wird diese Begebenheit

humoristisch verwertet und der Wunsch nach Wiederholung des Spaziergangs

ausgedrückt.



2. Entwurf der Prosaerzählung. Ein als Petrefaktensammler

bekannter Freund unternahm vor einiger Zeit in Begleitung mehrerer Freundinnen

einen Spaziergang. Er äußert, daß er denselben gerne wiederholen

möchte, um aufs neue die gewohnten Pfade scherzend zu wandeln. Aber sodann |#f0188 : 162|



möchte er auch wieder Petrefakten an jenem Hügel sammeln, an welchem

beim ersten Spaziergang ein warmer Regen die verschiedensten Species der

Liasformation bloß gelegt hatte. Er meint, das Sammeln sei damals eine

süße Mühe gewesen, denn er hätte doch dazwischen die entzückendste Aussicht

auf Gebirg und Thal, auf burggekrönte Felswände, auf Rebengrün und Matten

und auf die herrlichen Wälder in ihrer prächtigsten wechselnden Beleuchtung genießen

können, wie sein Auge Schöneres nie geschaut. Er fügt hinzu: Schade

sei es doch, daß man an solcher Stätte so wenig Zeit zum Schauen habe.

Daher erteilt er den Begleiterinnen den Rat, diese Herrlichkeiten am Petrefaktenhügel

künftighin zugleich für ihn mit zu genießen, da er es sehr beklagen würde,

wenn all das Schöne verloren ginge, während er seiner Lieblingsneigung nachgehe,

die für ihn auch Poesie sei.



3. Der Stoff, welcher im allgemeinen erbaulich=beschaulichen Charakter

hat, verträgt trochäischen Rhythmus, namentlich, wenn ihm in den anregenden

Partien durch einzuflechtende jambische Satztakte die erfrischende Bewegung des

jambischen Rhythmus verliehen wird.



4. Wir haben bereits betont, daß bei poetischen Erzählungen mit Rücksicht

auf die wünschenswerte Kürze der rhythmischen Reihen der Viertakter empfehlenswert

sei.



5. Die bequemste Reimform bei den häufig ausgedehnten poetischen Erzählungen,

auch bei Epen, ist das Reimpaar.



6. Der Anfänger beachte den Kunstgriff, bei längeren rhythmischen Reihen,

die je 2 Zeilen umfassen, der Verbindung halber hie und da gekreuzte Reime

eintreten zu lassen.



Lösung. Von Ed. Mörike.



[Beginn Spaltensatz]
Einmal noch an eurer Seite,

Meinen Hammer im Geleite,

Jene Frickenhauser Pfade,

Links und rechts und krumm und grade

An dem Bächlein hin zu scherzen,

Dies verlangte mich von Herzen.

Aber dann mit tausend Freuden

Gleich den Hügel auf zu weiden,

Drin die goldnen Ammoniten,

Lias-Terebratuliten,

Pentakrinen auch, die zarten,

Alle sich zusammenscharten, ─

Den, uns gar nicht ungelegen,

Just ein warmer Sommerregen

Ausgefurcht und abgewaschen,

Denn so füllt man sich die Taschen.

Auf dem Boden Hand und Knie,

Kriecht man fort, o süße Müh'!
[Spaltenumbruch]

Und dazwischen mit Entzücken

Nach der Alb hinauf zu blicken,

Deren burggekrönte Wände

Unser sonnig Thalgelände,

Rebengrün und Wald und Wiesen

Streng mit dunkeln Schatten schließen!

Welche liebliche Magie,

Uns im Rücken, übten sie!

Eben noch in Sonne glimmend

Und in leichtem Dufte schwimmend,

Sieht man schwarz empor sie steigen,

Wie die blaue Nacht am Tag!

Blau, wie nur ein Traum es

zeigen,

Doch kein Maler tuschen mag.

Seht, sie scheinen nah zu rücken,

Jmmer näher, immer dichter,

Und die gelben Regenlichter
[Ende Spaltensatz] |#f0189 : 163|



[Beginn Spaltensatz]
All in unser Thal zu drücken!

Wahrlich, Schön'res sah ich nie.

Wenn man nur an solcher Stätte

Zeit genug zum Schauen hätte!

Wißt ihr was? genießt ihr beiden

Gründlich diese Herrlichkeiten,
[Spaltenumbruch]

Denn mich fickt' es allerdinge,

Wenn das rein verloren ginge.

Doch, den Zweck nicht zu verlieren,

Will ich jetzt auf allen Vieren

Nach besagten Terebrateln

Noch ein Stückchen weiter kratteln;

Das ist auch wohl Poesie.
[Ende Spaltensatz]



NB. Die im Schwabenlande durch den Klang sich deckenden unreinen

Reime der Lösung &c. sind richtig zu stellen.

──────



IV. Gedichte aus dem Bereiche der Dramatik.


§ 68. Einweihungskantatine. (Vgl. Poetik II, 534.)



Aufgabe. Gedicht zur Enthüllung eines Standbildes.



1. Disposition. Zur Enthüllung der Statue Schillers soll eine

lyrische Dichtung, welche Arien und Chöre enthält und unter Jnstrumentalbegleitung

zum Vortrag gelangt (Kantatine), geschaffen werden. Dieselbe mag

in der Eingangsarie den Dichter begrüßen.



Ein Frauenchor kann darauf sagen, daß die Frauen dem Dichter Blumen

darbringen.



Sodann soll ein Männerchor den Dichter preisen.



Ein Frauenchor feiert nunmehr den Sohn der Heimat.



Eine Arie schließt mit der Aufforderung, feierlich auf das Rauschen seines

Adlerfittigs zu lauschen.



2. Ausführung. Da die Kantatine mit einer präzisen sachlichen

Andeutung oder Reflexion zu beginnen hat und ihre Empfindungen handelnden

Personen in den Mund zu legen sind, so ist zunächst in einer Arie auszuführen,



wie Schiller, der Kunst entstiegen, seine Heimat neu begrüßt, und

wie alle Herzen dem auch im Bildnis Herrlichen entgegenfliegen.



Daran reiht sich ein Frauenchor,



welcher dem Dichter den Segen des Lenzes (Frühlingskränze) zu

Füßen legt.



Ein Männerchor erkennt an,



daß der Dichter mit Engelstimmen sang und ein überirdisches

Feuer in allen Seelen entzündete; daß er aus den Blicken der

Muse selige Wahrheit las und darüber den eigenen Schmerz

vergaß.



Ein Frauenchor gesteht,



daß Schiller, der Sohn der Heimat, im Bilde wie ein hoher

Fremdling erscheine.

|#f0190 : 164|



Die unterbrechende Schlußarie mahnt, zu lauschen,



da des Adlerfittigs Rauschen und seines Bogens starker Klang

vernehmbar seien.



3. Der Ausführung der einzelnen Teile (Nummern) dieser Kantatine ist

ein größerer Spielraum geboten. Der Dichter hat lediglich ein liedartiges Maß

zu wählen, das zwischen dem Fünftakter und dem Zweitakter in der Mitte steht.



4. Für die sachliche Einleitung, wie für den korrespondierenden Schluß

empfiehlt sich der jambische Fünftakter; in den kurzen Chören genügt für den

beschränkten Stoff der jambische Dreitakter.



5. Von Künsteleien in der Reimstellung kann bei der Kantatine nicht

die Rede sein. Am gebräuchlichsten sind Reimpaare oder gekreuzte Reime.



Lösung. Von Ed. Mörike.



Dem heitern Himmel ew'ger Kunst entstiegen,

Dein Heimatland begrüßest du,

Und aller Augen, alle Herzen fliegen,

O Herrlicher, dir zu!


Frauen.



Des Lenzes frischen Segen,

O Meister, bringen wir,

Bethränte Kränze legen

Wir fromm zu Füßen dir.


Männer.



Der in die deutsche Leyer

Mit Engelstimmen sang,

Ein überirdisch Feuer

Jn alle Seelen schwang;


Der aus der Muse Blicken

Selige Wahrheit las,

Jn ew'gen Weltgeschicken

Das eigne Weh vergaß;


Frauen.



Ach, der an Herz und Sitte

Ein Sohn der Heimat war,

Stellt sich in unsrer Mitte

Ein hoher Fremdling dar.


Doch stille! horch! zu feierlichem Lauschen

Verstummt mit Eins der Festgesang: ─ ─

Wir hörten deines Adlerfittigs Rauschen

Und deines Bogens starken Klang.
|#f0191 : 165|



§ 69. Dramatisches Gedicht in einem Akte.



Aufgabe. Es soll ein dramatisches Gedicht zur Körnerfeier

geschaffen werden.



1. Erwägung, welchen Charakter das Gedicht tragen soll?



Es möge ein Phantasiegemälde werden.



2. Welchen Gedanken im allgemeinen soll es Ausdruck verleihen?



Die Beantwortung dieser Frage führt zur Disposition im groben Umrisse:



3. Erdichtung der Disposition. Das Gedicht soll besingen, wie

Körners Leichnam von Kriegern nach der Eiche von Wöbbelin gebracht

wird, wo von seinen Freunden das Grab zugerichtet wurde.

Der Dichter nimmt an, daß unter dieser Eiche seit urdenklichen

Zeiten ein deutscher Barde ruht, dessen Geist den geweihten Platz

hütet, damit künftighin nur ein ebenso würdiger Sänger und Streiter

fürs Vaterland darin gebettet werde. Der Geist in Gestalt eines

ehrwürdigen Greises empfängt den Zug an der Eiche und widersetzt

sich der Einsenkung des Sarges, bis er erfährt, daß der Tote

Sänger und Held gewesen sei und für sein Vaterland den Tod

erlitten habe. Nun preist er den Toten, dessen Einsenkung nunmehr

erfolgt, dieses Grabes würdig. Der Greis verschwindet; verklärende

Stimmen erschallen. Das Stück schließt mit Verkündigung nahen

Kampfes fürs Vaterland und mit begeisterten Rufen &c. &c.



4. Um sich über die Personen und das Wesentliche dessen, was sie zu

sprechen und zu handeln haben, klar zu werden, ist zunächst ein Überblick über

die dramatische Begebenheit (Poetik II, 31) zu entwerfen, etwa in folgender

Weise:



Erster Prosaentwurf und erfindende Ausspinnung der Fabel.

Roher Stoff.



Beschreibung der Scene. Abendhimmel. Eichbaum. Offenes Grab.

Kriegerzug mit Fackeln, in der Mitte ein Sarg &c.



Der Kriegerchor schließt heranziehend mit dem Gesang eines Körnerschen

Liedes (etwa: „Gebet während der Schlacht“).



Der Greis, welcher das Grab bewacht, erkundigt sich nach dem Namen

des Toten, indem er bemerkt, daß dieses Grab nur das edelste Heldenherz

aufnehmen werde.



Der Zugführer fragt, ob jemand diesen Greis zum Wächter bestellt

habe.



Mehrere Stimmen verneinen dies und wollen den Greis wegdrängen.



Der Zugführer mahnt, das Alter zu ehren und die Bahre vorerst

abzusetzen. Dann giebt er dem Greise die Versicherung, daß in der |#f0192 : 166|



That ein edles Heldenherz im Sarge schlummere; dies beweise der

Eichenkranz.



Der Greis verweigert trotzdem die Bestattung des Toten, indem er erklärt,

es genüge nicht, sich den Eichenkranz durch das Schwert verdient

zu haben.



Der Führer mahnt den Greis, den Zorn der Brüderschar nicht heraufzubeschwören:

der Tote sei ein Edler gewesen, welcher dem Ewigen

nachgestrebt habe; er fordert die Freunde zum Zeugnis heraus.



Ein Krieger rühmt, daß der Geschiedene ein edler Sänger gewesen sei.



Ein anderer Krieger rühmt, daß ─ wenn der Feind wie eine

lernäische Schlange erschienen sei ─ der Dichter Zriny's vorbildlichen

Tod gepriesen und durch solche Lieder, wie sie nur ein Tyrtäos gesungen

haben könne, den Mut belebt habe.



Der Greis erwidert, daß er wohl die Macht des Gesanges kenne, daß

aber der schwerterrufende Gesang kein Schwert sei: nur Schwerter

verlange die Schlacht!



Der Führer bezeugt, daß der Geschiedene auch das Schwert führte.



Ein dritter Krieger unterbricht durch das Zeugnis, daß der Sänger

auch ein tapferer Streiter war, welcher im Kampfe gleich einem mit

leuchtendem Speer die Feinde zerstreuenden Seraph erschienen sei.



Der Greis erkennt dies an, doch meint er, daß Greis und Jüngling,

Vater und Sohn in den Kampf gezogen seien, ohne daß jeder die

dritte d. i. die höchste Weihe erhalten habe.



Da deckt der Führer den Sarg auf und ruft hinweisend auf den

Leichnam: Dieser hat nicht nur gesungen und gekämpft, ─ er

ist auch für sein Vaterland gestorben!



Der Greis ist besiegt. „Legt den Edlen zu edlem Staub,“ spricht er,

„und gebt ihm ein Schwert mit hinab, damit, wenn einmal dem

Vaterlande Schande drohe, ein Pflüger dieses Schwert ausackere und

die Thaten der Ahnen verkünde. Doch nicht sein Schwert gebt ihm,

denn dieses taugt noch zum Kampfe: ein anderes wird sich finden.“



Ein Gräber tritt mit rostzernagtem Eisenschwerte vor und erzählt, daß

er dasselbe beim Graben des Grabes gefunden habe.



Der Greis neigt im Zurücktreten bestätigend das Haupt.



Der überraschte Führer mahnt, dem Greise zu gehorchen und das

Schwert in den Sarg zu legen.



Der Chor singt eine passende Strophe eines Körnerschen Liedes.



Nun befiehlt der Führer, den Namen des Toten in den Stamm zu

hauen, damit die Enkel dereinst Körners Eiche ehren.



Mehrere Stimmen sagen aus, der Greis sei in der Luft zerflossen;

sein Bart sei silberhell geworden, sein Gesicht glänzend, um seinen

Scheitel habe man einen Eichkranz gesehen und eine Harfe sei in seiner

Hand ertönt. ─ (Jn diesem Augenblick erbeben Stamm und Zweige

der Eiche wie im Sturmwind.)

|#f0193 : 167|



Die Stimme des Greises spricht aus der Eiche: Zwei Barden ruhen

nun hier.



Einige Krieger rufen: Der Boden spricht.



Andere: Jn der Höhe tönt Geisterlaut. Sphärenmusik erklingt und

eine Stimme singt: Klaget nicht um mich; ich werde euch im Kampfe

das Kreuzespanier voraustragen.



Ein Chor von oben ruft: Es flammt das heilige Kreuzeszeichen, Sieg

wird euch werden!



Eine Stimme ruft: Freut euch, Brüder; ich sehe bewaffnete Streiter

Gottes in flammendem Gewande niedersteigen.



Der Chor dieser Streiter singt: Wir stehn euch bei, damit

ihr siegt.



Der Führer: „Vernahmt ihr den Gesang?“ Niederknieend ruft er

mit emporgehobenem Schwerte: „Führe uns, Herr, zum Siege!“



(Ausbrechendes Gewitter. Anzeichen eines nahen Kampfes. Hörnerklang.

Begeisterter Aufbruch der Lützower unter wildfreudigem Gesang einer

Strophe des Körnerschen Schlachtliedes.)



Die Körner-Eiche. Von Fr. Kind.



[Beginn Spaltensatz]

Erste dichterische Bearbeitung.



Abenddämmerung. Der Himmel ist ganz

mit trüben Wolken überlaufen. Unter

einer alten Eiche ein frisch aufgeworfenes

Grab. Ein Greis, der, in ein dunkles

Gewand gehüllt, am Stamm der Eiche

lehnt. Aus der Ferne nähert sich bei

dumpfem Gesang ein Zug Krieger mit

einigen Fackeln, einen aufgebahrten Sarg

in der Mitte. ──────

Chor der Krieger endet:



„Gott, dir ergeb' ich mich!

Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,



Wenn meine Adern geöffnet fließen,

Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!

Vater, ich rufe dich!“


Der Greis.



Steht, Männer! Gebt Bericht, wes ist der

Staub,

Den ihr bei lieblich schaurigem Gesang
[Spaltenumbruch]

Endgültige Lösung.

Dunkler Abend. Der Himmel ist ganz

mit Wolken überlaufen. Unter einer alten

Eiche ein frisch aufgeworfenes Grab. Ein

verhüllter Greis lehnt am Stamm der

Eiche. Totenmarsch hinter der Scene.

Dann nähert sich bei Fackelschein und mit

Gesang ein Kommando Lützower. Hierauf

ein Sarg mit kriegerischen Ehrenzeichen

und vielfachen Kränzen, hinterdrein, Paar

um Paar, Krieger von verschiedenen

Scharen und Waffengattungen. ──────

Chor der Krieger.



„Gott, dir ergeb' ich mich!

Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,



Wenn meine Adern geöffnet fließen,

Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!

Vater, ich rufe dich!“


Der Greis.



Steht, Männer! Gebt Bericht, wes ist der

Staub,

Den ihr bei lieblich schaurigem Gesang
[Ende Spaltensatz] |#f0194 : 168|



[Beginn Spaltensatz]
Zurückgeleitet in der Mutter Arm?

Mir teuer ist der Eiche Schattenraum ─

Erkoren hat mich eine tapfre Schar,

Dies Grab zu hüten, für ein Heldenherz,

Wie keins noch größer schlug in Jünglingsbrust



Führer des Zugs.



Sagt, wer beschied ihn zu des Grabes

Wacht?


Mehrere Stimmen.



Wir nicht! ─ Nicht wir! ─ Entweich',

du Geist der Gruft!


Führer.



Das Alter ehrt! ─ Halt! Setzt die Bahre

ab! ─

Wer du auch seist, des Wort zermalmend fast

Durchs Dunkel hallt ─ wohl schlug ein

großes Herz

Jn des geliebten Waffenbruders Brust!

Siehst du den Eichkranz auf des Sarges

Haupt?

Wem dieser ward, ist freier Erde wert!


Greis.



Doch wehr' ich euch den Eingang in das

Grab!

Auch ich lebt' einst nicht ruhmlos meinen

Tag ─

Doch, was ich sah, als ich das Schwert

noch schwang,

Was ewig lebt in Schlacht- und Siegsgesang,



Hat wunderbar die Zeit zurückgebracht;

Die Vorwelt lebt, die Väter sind erwacht!
[Spaltenumbruch]

Zurückgeleitet in der Mutter Arm?

Mir teuer ist der Eiche Schattenraum ─

Erkoren hat mich eine Heldenschar,

Dies Grab zu hüten, für ein tapfres Herz,

Wie wenig schlagen in der Jünglingsbrust



Führer des Zugs.



Sagt, wer beschied ihn zu des Grabes

Wacht?


Erster Krieger.



Wir nicht!


Zweiter Krieger.



Noch wir!


Dritter Krieger.



Entweich', du Geist der Gruft!


Führer.



Das Alter ehrt! ─ Halt! Setzt die Bahre

ab! ─

Wer du auch seist, des Wort zermalmend fast

Durchs Dunkel hallt: wohl schlug ein tapfres

Herz

Jn des geliebten Waffenbruders Brust!

Siehst du den Eichkranz auf des Sarges

Haupt?

Wem dieser ward, ist freier Erde wert!


Greis.



Doch wehr' ich euch den Eingang in das

Grab!

Auch ich lebt' einst nicht ruhmlos meinen

Tag ─

Doch, was ich sah, als ich das Schwert

noch schwang,

Was ewig lebt in Schlacht- und Siegsgesang,



Hat wunderbar die Zeit zurückgebracht;

Die Vorwelt lebt, die Väter sind erwacht!
[Ende Spaltensatz] |#f0195 : 169|



[Beginn Spaltensatz]
Wohl mancher ward des Laubs der Eiche

wert;

Doch der, des hier die Mutter Erde harrt,

War größer ─


Führer.



Ja, er war's! ─ Du ernster Greis,

Erwecke nicht den Zorn der Brüderschar! ─

Kennst du den Jüngling hier im Leichentuch?

Dem edlen Flügelroß der Fabel gleich,

Genügt' ihm nicht der Erde enger Kreis,

Und höher, zu den Sternen, ging sein Lauf.

Sprecht, Freunde! daß aus mehr'rer Zeugen

Mund

Die Wahrheit schöpfe dieser Rhadamanth!


Ein Krieger.



Jhn birgt der Sarg, der zu des Ruhmes

Hallen

Sich in des Lebens Frühlingsschimmer

schwang.

Vor allen Jünglingen der Zeit, vor allen,

War ihm verliehen Wohllaut und Gesang;



Was Herrliches der Götter Hand entfallen,

Ward reizender durch seiner Saiten

Klang;

Verklärter noch in wundervollen Tönen

Schien Lust und Scherz, und die Magie des

Schönen.


Ein Zweiter.



Doch kaum, daß, wachsend gleich dem Ungeheuer



Lernäa's, der Verderber uns bedroht,

Da glüht' er auf in heil'gen Zornes Feuer,

Und pries beneidend Zriny's großen

Tod;

Da stürmt' er mächtig in Alcäus Leier,

Und deutete der Flammenzeichen Rot,

Und fern und nah, so weit die Töne hallten,

Erblitzten Waffen und Paniere wallten!
[Spaltenumbruch]

Wohl mancher ward des Laubs der Eiche

wert;

Doch der, des hier die Mutter Erde harrt,

War größer ─


Führer.



Ja, er war's! ─ Du ernster Greis,

Erwecke nicht den Zorn der Brüderschar! ─

Kennst du den Jüngling hier im Leichentuch?

Dem edlen Flügelroß der Fabel gleich,

Das nicht den Erdball seine Heimat glaubt,

Strebt er nach höhern Lichtgefilden auf.

Sprecht, Freunde! daß aus mehr'rer Zeugen

Mund

Die Wahrheit schöpfe dieser Rhadamanth!


Ein Krieger.



Jhn birgt der Sarg, der zu des Ruhmes

Hallen

Sich in des Lebens Frühlingsschimmer

schwang,

Vor allen Jünglingen der Zeit, vor allen,

War ihm verliehen Wohllaut und Gesang.



Was Herrliches der Götter Hand entfallen,

Ward reizender durch seiner Saiten

Klang;

Verklärter noch in wundervollen Tönen

Schien Lust und Scherz, und die Magie des

Schönen.


Ein Zweiter.



Doch kaum, daß, wachsend gleich dem Ungeheuer



Lernäa's, der Verderber uns bedroht,

Da glüht' er auf in heilgen Zornes Feuer,

Und pries beneidend Zriny's großen

Tod;

Da stürmt' er mächtig in Alcäus Leier,

Und deutete der Flammenzeichen Rot,

Und fern und nah, so weit die Töne hallten,

Erblitzten Waffen und Paniere wallten!
[Ende Spaltensatz] |#f0196 : 170|



[Beginn Spaltensatz]

Greis.



Nicht mir verborgen ist der Saiten Macht,

Die alten Barden, glaub' es, junger Mann!

Sie waren auch nicht müssig, wenn es

galt ─

Und wohl ist's auch zu meinem Ohr gehallt,

Wie, da die Ernte reif war, Schlachtgesang

Durch Feld und Wald, aus Berg und Thal

erklang ─

Traun! ihrer Ahnen sind die Sänger wert;

Doch der, des hier die Mutter Erde harrt,

War herrlicher! Es weckt das Flammenwort

Aus Sängers Brust zwar auf der Männer

Schwert,

Doch ist's kein Schwert, und Schwerter

will die Schlacht.


Führer.



Das kannt' auch er, der Schläfer hier im

Sarg ─


Ein dritter, jüngerer Krieger.



Und flog in Dampf und Feuer

Voran voll Kampfeslust;

Es kreuzte Schwert und Leier

Sich auf der tapfern Brust.

Wie jene Seraphinen,

Die fromm mit Harfenton

Dem Gott des Himmels dienen,

Wenn Höllenmächte droh'n,

Mit leuchtend hellem Speere,

Mit Flammenschwertes Macht,

Des Abgrunds freche Heere

Zerstreu'n in ew'ge Nacht;

Mit eines Cherubs Mienen,

Und doch so himmlisch mild,

So ist er uns erschienen,

So lebt in uns sein Bild!


Greis.



Wer Großes würdig singt, ist Ruhmes wert;

Noch höheren, wer Liedesthaten übt;
[Spaltenumbruch]

Greis.



Nicht mir verborgen ist der Saiten Macht.

Die alten Barden, glaub' es, junger Mann,

Sie waren auch nicht müssig, wenn es

galt ─

Und wohl ist's auch zu meinem Ohr gehallt,

Wie, da die Ernte reif war, Schlachtgesang

Durch Feld und Wald, aus Berg und Thal

erklang.

Traun! ihrer Ahnen sind die Sänger wert!

Doch der, des hier die Mutter Erde harrt,

War herrlicher! Es weckt das Flammenwort

Aus Sängers Brust zwar auf der Männer

Schwert,

Doch ist's kein Schwert, und Schwerter

will die Schlacht.


Führer.



Das kannt' auch er, der Schläfer hier im

Sarg ─


Dritter Krieger,

sich näher drängend.



Und flog in Dampf und Feuer

Voran voll Kampfeslust;

Es kreuzte Schwert und Leier

Sich auf der tapfern Brust.

Wie jene Seraphinen,

Die fromm mit Harfenton

Dem Herrn des Himmels dienen,

Wenn Höllenmächte droh'n,

Mit leuchtend hellem Speere,

Mit Flammenschwertes Macht,

Des Abgrunds freche Heere

Zerstreu'n in ew'ge Nacht;

Mit eines Cherubs Mienen,

Und doch so himmlisch mild,

So ist er uns erschienen,

So lebt in uns sein Bild!


Greis.



Wer Großes würdig singt, ist Ruhmes wert;

Noch höheren, wer Liedesthaten übt;
[Ende Spaltensatz] |#f0197 : 171|



[Beginn Spaltensatz]
Doch wehr' ich euch den Eingang in das

Grab.

Erhob für Freiheit, für den heil'gen Herd,

Nicht Greis und Jüngling rachentglüht das

Schwert?

Zog nicht entbrannt zu fahrvoll hartem

Strauß

Der deutsche Knabe mit dem Vater aus?

Doch jedem ward die höchste Weihe nicht ─


Führer.



Der Phönix stürzt sich ahnend in die Glut,

Sucht Tod, und findet ihn! ─ Ehrwürd'=

ger Greis,

Sieh unsern Toten, sieh sein rotes Blut!

Er sang, er stritt, er starb fürs Vaterland!


Er wirft die Decke des Sargs zurück. Einige

Krieger mit Fackeln treten näher. Man erblickt

den blutigen Leichnam, mit Eichenblättern

umgeben.



Greis,

nach einer Pause.



So legt den Edlen hier zu edlem Staub,

Und ─ gebt ein Schwert dem Tapfern

mit hinab,

Daß einst, nach mancher Sonne trägem

Lauf,

Wenn Deutschland jemals Joch und Schande

droht,

Das Schwert ein Pflüger ackre aus dem

Feld,

Und wisse, was die Ahnen einst gethan!

Doch nicht sein Schwert ─ kein Schwert

ist jetzt zu viel,

Des Spitz' und Schärfe noch zum Kampfe

taugt! ─

Ein andres wird sich finden, auch erprobt ─


Ein Gräber,

zu dem Führer.



Ja, Herr! im Zwielicht gruben wir dies Grab

Und trafen tief versunken Stein bei Stein,
[Spaltenumbruch]

Doch wehr' ich euch den Eingang in das

Grab.

Erhob für Freiheit, für den heil'gen Herd,

Nicht Greis und Jüngling rachentglüht das

Schwert?

Zog nicht entbrannt zu fahrvoll hartem

Strauß

Der deutsche Knabe mit dem Vater aus?

Doch jedem ward die dritte Weihe nicht ─


Führer.



Der Phönix stürzt sich ahnend in die Glut,

Sucht Tod ─ und findet ihn! ─ Du

ernster Greis,

Sieh unsern Toten, sieh sein rotes Blut!

Er sang, er stritt, er starb fürs

Vaterland!


Er wirft die Decke des Sargs zurück. Einige

Fackelträger treten näher. Mehrere Krieger

umringen den Sarg und beugen sich darüber

hin.



Greis,

nach einer Pause.



So bergt den Edlen hier zu edlem Staub,

Und ─ gebt ein Schwert dem Tapfern

mit hinab,

Daß einst, wenn jemals Schmach und

Sklavenjoch

Den Gauen meines Deutschlands wieder

droht,

Das Schwert ein Pflüger ackre aus dem

Feld,

Und wisse, was die Ahnen einst gethan ─

Doch nicht sein Schwert ─ kein Schwert

gelt' euch zu viel,

Des Spitz' und Schärfe noch zum Kampfe

taugt,

Ein andres wird sich finden, auch erprobt,

Ein gutes Schwert, das auch ein Barde

schwang. ─


Ein Schanzgräber,

zu dem Führer.



Ja, Herr! im Zwielicht gruben wir dies Grab

Und trafen tief versunken Stein bei Stein,
[Ende Spaltensatz] |#f0198 : 172|



[Beginn Spaltensatz]
Und hofften schier auf einen reichen Schatz;

Doch fanden wir nur dieses Eisenschwert,

Gewichtig, stark, doch fast vom Rost zernagt



Der Greis neigt langsam und bedeutend das

Haupt, weicht einen Schritt zurück und steht

dann unbeweglich.



Führer.



Das ist doch wunderbar. ─ Gehorcht dem

ernsten Greis!


Man legt das Schwert in den Sarg. Während

dieser hinabgelassen und mit Erde bedeckt

wird, singt das



Chor.



„Gott weckte uns mit Siegerlust

Für die gerechte Sache.

Er rief es selbst in unsre Brust:

Auf, deutsches Volk, erwache!

Und führt uns, wär's auch durch den Tod,

Zu seiner Freiheit Morgenrot.

Dem Herrn allein die Ehre!“


Führer.



Jetzt haut des Toten Namen in den Stamm,

Daß auch der Enkel Körners Eiche kennt!

Jhr Zimm'rer, vor! und Fackeln, Fackeln

her!


Jn diesem Augenblick, bevor die Fackeln noch

herzukommen, tritt der Mond hinter den Wolken

hervor und beleuchtet die Rinde des Stamms;

der Greis ist verschwunden.



Führer.



Wo kam der Alte hin?


Mehrere Stimmen.



Zerronnen wie in Luft! ─

Jm Augenblicke, da der Mond erschien! ─
[Spaltenumbruch]

Und hofften schier auf einen reichen Schatz;

Doch fanden wir nur dieses Eisenschwert,

Gewichtig, stark, doch fast vom Rost zernagt



Der Greis neigt langsam und bedeutend das

Haupt, weicht einen Schritt zurück und steht

dann unbeweglich.



Führer.



Das ist doch wunderbar. ─ Gehorcht dem

Greis!


Man legt das Schwert in den Sarg. Während

dieser hinabgelassen und mit Erde bedeckt

wird, singt der



Chor.



„Gott weckte uns mit Siegerlust

Für die gerechte Sache.


Erste Salve.



Er rief es selbst in unsre Brust:

Auf, deutsches Volk, erwache!


Zweite Salve.



Und führt uns, wär's auch durch den Tod,

Zu seiner Freiheit Morgenrot.


Dritte Salve.



Dem Herrn allein die Ehre!“


Führer.



Jetzt haut des Toten Namen in den Stamm,

Daß auch der Enkel unsers Freundes Grab,

Die Barden-Eiche kennt ─ ihr Zimm'rer,

vor!


Zimmerer treten herzu. Die Fackeln sind

größtenteils heruntergebrannt und verlöscht.

Der Mond tritt hinter einer Donnerwolke

hervor und beleuchtet die Eiche. Man erblickt

den eingehauenen Namen in grünem Feuer.

Der Greis ist verschwunden.



Erster Krieger.



Seht! seht!


Führer.



Wo ist der Alte?
[Ende Spaltensatz] |#f0199 : 173|



[Beginn Spaltensatz]
Jch sah's, da er zerrann! Sein grauer

Bart

Floß silberweiß zur breiten Brust herab,

Und sein Gesicht umspielt' ein milder

Glanz. ─

Um seinen Scheitel schlang ein Eichkranz sich,

Und eine Harfe dröhnt' in seiner Hand! ─

Seht, wie der Stamm erbebt! Die Zweige

faßt

Ein Sturm, und nirgends regt sich sonst

die Luft ─


Stimme aus der Eiche,

indem der erste Schlag in die Rinde geschieht.



Zwei Barden deckt nun dieser Eiche Laub!


Einige.



Hört! hört, der Boden spricht!


Andre.



's tönt in den Wipfeln,

Wie Geisterlaut, wie Windesharmonie!


Wunderbar liebliche Musik, die sich bald mit

Gesang verschmilzt.



Eine Stimme von oben.



Höret auf um mich zu klagen;

Wißt, ein lichtes Kreuzpanier

Gab der Herr der Sterne mir,

Euch's im Streit voranzutragen!


Chor von oben.



Es flammet, wie Sonnen, das heilige

Zeichen;
[Spaltenumbruch]

Zweiter Krieger.



Er zerrann

Jn Luft, sowie des Mondes Licht erschien!



Dritter Krieger.



Jch sah's, da er verschwand: sein grauer

Bart

Floß silberhell zur breiten Brust herab,

Und sein Gesicht umfloß ein milder Glanz.


Zweiter Krieger.



Um seinen Scheitel schlang ein Eichkranz sich,

Und eine Harfe dröhnt' in seiner Hand.


Erster Krieger.



Seht, wie der Stamm erbebt! Die Zweige

faßt

Ein Sturm, und nirgends regt sich sonst

die Luft.


Stimme aus der Eiche.



Zwei Barden deckt nun dieser Eiche Laub!


Zweiter Krieger.



Hört! hört! der Boden spricht!


Dritter Krieger.



Und in der Höh

Tönt Geisterlaut, wie Äolsharfenton.


Wunderbar liebliche Musik. Alle Krieger,

malerisch gruppiert, blicken in die Höhe und

bleiben unverändert in derselben Stellung.



Eine Stimme von oben.



Höret auf um mich zu klagen;

Wißt, ein lichtes Kreuzpanier

Gab der Herr der Sterne mir,

Euch's im Streit voranzutragen.


Chor von oben.



Es flammet, wie Sonnen, das heilige

Zeichen,
[Ende Spaltensatz] |#f0200 : 174|



[Beginn Spaltensatz]
Der Himmel wird siegen, die Hölle muß

weichen!

Ehre sei Gott!


Stimme.



Freudig, freudig, meine Brüder!

Schwert und Lanze in der Hand,

Blitz und Flammen ihr Gewand,

Steigen Streiter Gottes nieder!


Chor.



Wir stehn euch zur Seite im heiligen Kriege,

Wir führen die irdischen Brüder zum Siege!


Musik und Gesang verhallt.

Führer.



Vernahmt ihr, was das Chor der Engel

sang?


Er wirft sich zur Erde und erhebt betend sein

Schwert gen Himmel. Alle knien um ihn im

weiten Kreise.



So führ' uns, Herr, und wär's auch durch

den Tod,

Zum Sieg des Rechts, zum Freiheitsmorgenrot!




Jn der Ferne ein lang aushaltender Donner.

─ Aufspringend mit hoher Begeisterung:



Hurrah! die Schwerter 'raus! Mit uns

ist Gott!


Alle,

wildfreudig mit Gesang einfallend:



„Der Hochzeitmorgen graut ─

Hurrah, du Eisenbraut!

Hurrah!“
[Spaltenumbruch]

Der Himmel wird siegen, die Hölle wird

weichen!

Ehre sei Gott!


Stimme.



Streiter Gottes steigen nieder,

Schwert und Lanze in der Hand,

Blitz und Flammen ihr Gewand;

Freudig, freudig, meine Brüder!


Chor.



Wir stehn euch zur Seite im heiligen Kriege,

Wir führen die irdischen Brüder zum Siege!


Musik und Gesang verhallt wie in die Ferne.

Führer.



Vernahmt ihr, was der Chor der Engel

sang?


Er wirft sich zur Erde und erhebt betend sein

Schwert gen Himmel. Alle knien um ihn im

weiten Kreise. Mit tiefer Jnbrunst:



So führ' uns, Herr, und wär's auch durch

den Tod,

Zum Sieg des Rechts, zum Freiheitsmorgenrot!




Ein lang anhaltender Donner. ─ Darauf

Schießen im Hintergrunde, Trompeten= und

Hörnerruf. Er springt auf und ruft feurig:



Hurrah! die Schwerter 'raus! Mit uns

ist Gott!


Alle,

wildfreudig einfallend, mit gezogenem Schwerte

und gefälltem Bajonett fortstürzend:



„Der Hochzeitmorgen graut ─

Hurrah, du Eisenbraut!

Hurrah!“
[Ende Spaltensatz] |#f0201 : E175|



Siebentes Hauptstück.


Die Praxis der Dialektpoesie.

(Winke, Gesichtspunkte, Handgriffe &c.) ──────


§ 70. Allgemeines und Geschichtliches zur Einführung.



Sprache ist die gemeinsame Redeweise eines ganzen Volks, Dialekt die

natürliche Redeweise einzelner Volksstämme. Die Schriftsprache ist somit das

Organ für viele Volksstämme, die Dialektsprache für einen einzelnen

Volksstamm.



Das natürliche Verhältnis ist dieses, daß sich nach und nach zwischen den

Volksstämmen eine gemeinsame Sprache ausbildete, die kein Gemenge war, sondern

welcher ein sich vordrängender Dialekt zu Grunde lag.



Jn Deutschland wurde eine solche gemeinsame Sprache Bedürfnis mit dem

Auftreten des Rittertums und der fahrenden Sänger. Der Bayer wollte in

Thüringen verstanden sein, der Schwabe am Rhein und der Österreicher im

Norden &c. Es bildete sich daher mit der Zeit eine gemeinschaftliche Sängersprache

aus, welche durch das Verleihen von Handschriften seitens der Klöster

wesentlich gefördert wurde. Freilich vermochten die einzelnen Dichter ihre

dialektischen Eigenheiten nicht mit einemmale abzulegen, und man merkt es bei

interessevollem Vertiefen in früheste Handschriften gar bald, ob dieselben einen

Schwaben, einen Thüringer, oder einen Österreicher &c. zum Verfasser haben.

Die Dichter hatten die beste Absicht, Schriftsprache zu schreiben, aber sie wurden

durch ihren Dialekt zur unabsichtlichen Färbung veranlaßt.



Als mit Beginn des 17. Jahrhunderts die neuhochdeutsche Sprache den

Sieg über das Niederdeutsche, wie über alle deutschen Dialekte vollendet hatte,

wurden diese Dialekte immer mehr verdrängt; die schöne Zeit der Dialektpoesie

war zu Grabe gegangen.



Da machten Ende des vorigen Jahrhunderts einzelne universelle Köpfe auf

die Bedeutung der Dialektpoesie aufmerksam. Herder vor allen meinte, daß

die Poesie um so schöner sei, je weiter sie sich von der modernen Kultur entferne.

Er belegte seine Behauptungen durch Volkslieder, ─ und der alte |#f0202 : 176|



Volksgeist feierte seine Auferstehung. Mit dieser Würdigung des Volkstümlichen

stieg der Dialekt rasch im Ansehen. Unsere bedeutendsten Dichter ─ besonders

aber Goethe ─ haben die urwüchsige Kraft der Volksseele erkannt und manche

Eroberung auf diesem Gebiete gemacht. Eine stolze Reihe von Dialekt-Dichtungen

─ von J. H. Voß' niedersächsischen Jdyllen über J. P. Hebel, Grübel,

Sailer, Weitzmann, Nadler, Castelli, J. G. Seidl, Kobell, Schandein, Stelzhamer,

Stoltze, Holtei, Corrodi, Grimminger, Klesheim, Storck, L. Eichrodt,

Grasberger, Rosegger u. a. hinüber bis zu den allgelesenen Poesien Fritz

Reuters, Kl. Groths u. a. ─ bewies dem Sehenden, welche Fülle von

Traulichkeit, Naivetät, jugendlicher Frische, welch' ungezählter Reichtum von

individuellen, unübersetzbaren Wörtern, welch' unerschöpflicher Vorrat plastischer,

kerniger Formen und Begriffe, welche große Menge sinnlich bedeutender, flüssiger

Worte, Elemente und lebhafter Formen zu einem, oft den Bücherstil überragenden

besonderen Stil hier zusammengedrängt sind, ja, welche volltönende

Weichheit, Herzlichkeit und humoristische Munterkeit die Dialekte besitzen.



Die Dialektpoesie verdient daher nicht bloß benützt, sondern (wie dies

Goethe, Uhland, Mörike, Rückert u. a. gezeigt haben) auch ausgebeutet zu

werden.



Aus diesem Grunde dürfte es nicht unverdienstlich sein, wenn wir endlich

dem Dichter eine Bahn für Verständnis der Dialektpoesie zu brechen suchen,

indem wir vorerst Grundsätze, Winke, Kunstgriffe und Charakteristisches aus dem

bis jetzt vorliegenden Material der Dialektpoesie entrollen, um durch ─ so zu

sagen ─ aphoristische Bemerkungen zu richtigen Stand- und Gesichtspunkten

über Benützung und Ausbeutung anzuregen.



§ 71. Hinneigen unserer Dichter zu dialektischen Formen.



Die ersten Lieder, welche aus dem Drange des Volkes als geistige Bilder

seines Wesens und Treibens entstanden, lebten lange vor Entstehung einer

Schriftsprache als Gemeingut des Volks durch ihren volkstümlichen Jnhalt wie

durch ihre (Form und Gedanken zusammenhaltende) sangbare Melodie. Da

diese Lieder nach Erstehung einer gemeinsamen, nationalen Schriftsprache nicht

schriftlich aufgezeichnet wurden, sondern nur in mündlicher Überlieferung sich

erhielten, so trugen sie auch noch in den Zeiten der dialekt=abschleifenden Schriftsprache

das Gepräge ihres dialektischen Ursprungs. Als man sodann begann.

diese Volkslieder in hochdeutscher Sprache zu fixieren, ja, als Volkslieder in

hochdeutscher Sprache gedichtet und gesungen wurden, da hat sich die Macht

der alten Dialektlieder durch Beibehaltung oder Aufnahme mundartlicher Anklänge

bewährt, da hat man mit Vorliebe zu gleichsam paläontologischen Überresten

aus der Zeit der Dialekte gegriffen, welche nunmehr wie zu Versteinerungen

gewordene Bilder uns an die Wiege der Großeltern und in naive Zeiten

schöner, unentweihter Volksanschauungen zurückführen und erinnern.



Unsere besten Dichter von Goethe bis in die Neuzeit haben manchen ihrer

Lieder volksmäßiges Gepräge zu verleihen gesucht, indem sie dieselben den |#f0203 : 177|



Dialektliedern näherten und damit Provinzialismen, Archaismen und naive,

dialektische Formen aufnahmen und die volksmäßige Ausdrucksweise auch in der

Redeform nachzuahmen suchten. Wir geben zum Nachweis einige beliebige

Proben:



[Beginn Spaltensatz]
Jm schönsten Garten wallten

Zwei Buhlen Hand in Hand,

Zwo bleiche, kranke Gestalten,

Sie saßen im Blumenland.


(Uhland.)



Des Schäfers sein Haus und das

steht auf zwei Rad,

Steht hoch auf der Heiden so frühe

wie spat.


(Mörike.)

[Spaltenumbruch]

Es fliegt manch Vöglein in sein Nest

Und fliegt auch wied'r heraus,

Und bist du mal mein Schatz gewest,

So ist die Liebschaft aus.


(Geibel.)



Und der Rock und die Hos

Sein mir beide zu schlecht,

Und der Deutsch' und der Franzos

Mir ist keiner nit recht.


(Dingelstedt.)

[Ende Spaltensatz]



Es erhellt, daß diese Dichter nur noch den kleinen Schritt von der volksmäßigen

Ausdrucksweise zur volksmäßigen Aussprache zu thun brauchten, ─

um uns das Dialektgedicht zu geben. Dieser Schritt ist da und dort auch

gethan worden. Wir brauchen nur Gedichte wie das Goethe'sche Schweizerlied

anzuführen u. s. w.



§ 72. Stoffe der Dialektpoesie.



Selbstredend hat der Dialektdichter nur ein beschränktes Stoffgebiet, da

mit dem Dialekt von selbst die spezifischen Eigentümlichkeiten einer kleinen Landschaft

und eines von ihr bewohnten, mit ihr verwachsenen Volksteiles hervortreten.

Seine Stoffe bewegen sich demgemäß meist in jenen Kreisen, in welchen

sich der Dialekt seine Heimstätte gewahrt hat: also innerhalb einer,

dem großen Weltverkehr entrückten, idyllischen, ursprünglichen,

ländlichen Natur,
weshalb auch die Stoffe vorzugsweise einer objektiven,

plastischen Behandlungsweise fähig sind. Subjektive Gefühls- und Gedankenlyrik

ist im Dialekt weniger am Platze, da die Dialektpoesie höchstens noch

Gefühle, nie aber spekulierende Reflexionen begünstigt. Aus diesem Grunde

verträgt die Dialektpoesie auch nur solche Stoffe, welche einer naiven, d. i. einer

ungesucht unbefangenen, treuherzigen Sprache fähig sind. J. P. Hebel und

nach ihm besonders Fr. Reuter haben solche Stoffe meisterhaft verwendet.



Die Dialektpoesie fußt in ihren Stoffen auf einem emsig bewegten, arbeitsvollen

Leben und den darauf folgenden Feierstunden. Die letzteren sind

es, die den Gesang begünstigen. Das aus gethaner Arbeit entspringende Gefühl

der Pflichterfüllung läßt diese Stunden nicht verträumen, wohl aber mit

doppelter Lust genießen. Das genügsame Volk geht nicht über die Grenze

seiner Lebenslust hinüber. Hingabe an die Scholle, die den Bestand sichert,

Stolz auf die Heimat mit ihren Vorzügen und Erzeugnissen, Liebe zu der oft |#f0204 : 178|



nicht einmal ganz empfundenen Schönheit der Natur, Lust und Leid, sowie der

bescheiden=vergnügliche Umgang mit seinesgleichen: das ist der goldene Feierabend,

der (dem Stoffe nach) in der Dialektdichtung seither erklang und der

auch in der Folge in ihr erklingen sollte oder wird. Auf Grund einer volksmäßigen

Anschauung bauen sich die seelischen Vorgänge, baut sich die Gefühls=

und Gedankenwelt auf, welcher der Dichter seine Stoffe zu entnehmen hat.



§ 73. Grenze der Abscheidung zwischen Hochdeutsch und

Dialekt, oder Behandlungsmöglichkeit eines Stoffs für

dialektische Poesie.



Jn Beantwortung der berechtigten Frage, bis zu welchem Grade eine

dialektische Behandlung irgend eines Gegenstandes gerechtfertigt sei, läßt sich im

allgemeinen behaupten, daß alle Stoffe, wofür die Durchschnittsbildung eines

Volks Jnteresse zeigt, zur Dialektdichtung geeignet sind, sofern diese Stoffe eine

volksmäßige Sprache vertragen und in volksmäßige, dialektisch individuelle Bilder

und Wörter gefaßt werden können. Alles, was dialektisch behandelt werden

will, muß wie der Dialekt selbst jene Traulichkeit, Naivetät, Gewandtheit und

jugendliche Frische atmen, welche das Hochdeutsche längst eingebüßt hat. Es

eignet sich für den Dialekt wenig das Oratorische, Hochpathetische; um so mehr

aber das Kernige, Einfache, Schlichte, Klare in der Phrase und alles Volksmäßige,

was den Schwulst und den gezierten, geschraubten Ausdruck ausschließt.



Besonders aber eignet sich für den Dialekt alles, was den treffenden Ausdruck

der auf gesundem Menschenverstand beruhenden, praktischen Moral verlangt:

die Spruchdichtung, ferner tiefe und innige, dabei aber ganz

natürliche Empfindungen,
vorzüglich aber alle Arten der sowohl

derben, als schalkhaften Komik und Humoristik.



Wie es im Dialekt Eigenartiges giebt, so findet sich auch im Hochdeutschen

manches, was im Dialekt gar nicht, oder nur mit Umschreibung wiederzugeben

wäre, indem dabei Ton und Klangfarbe verwischt werden würden.



§ 74. Behandlung der Stoffe.



Wie sich das Volk in seinen Dichtungen nur an das wirkliche Leben

hält und bei seiner rastlosen Arbeit keine Zeit zur Schwärmerei findet, so muß

auch die Behandlungsweise des Dialektdichters Bilder schaffen, die der

Wirklichkeit nachgezeichnet sind.
Um nur eines zu erwähnen, so kann

ein Kind aus dem Volke nicht „schlafen und träumen, bis Liebe es heißt auferstehn“;

aber dieses Kind kann sich doch auch seinen Betrachtungen hingeben

und in seiner eigenartigen Weise Ersehnen und Erfüllen zusammenhalten u. s. w.



§ 75. Ausdrucksweise und Sprache des Dialektgedichts.



Wenn die Ausdrucksform im Dialektgedicht der Volksanschauung und dem

Volksgefühl anzupassen ist, so muß auch die Sprache dem Volksmund entsprechen. |#f0205 : 179|



Sie darf daher niemals eine hochtrabende sein. Aber da jeder

Dialekt eine Menge Nuancen und Abstufungen vom Edleren zum Gewöhnlichen,

vom Feineren zum Gröberen und Gemeinen hat, so soll der Dichter

möglichst oben bleiben und die edlere Ausdrucksweise bevorzugen. Auch im

Dialekt soll das Unschöne vermieden und das Schöne in naiv=idealer Weise

zur freundlichen Anschauung gelangen, und dieser Grundsatz muß nach Möglichkeit

auch da noch festgehalten werden, wo der derbe Humor zum Worte kommt;

denn auch beim urwüchsigsten Humor muß man sich immer noch in guter Gesellschaft

befinden. Die gröbere Sprache hat stets gröbere Stoffe im Gefolge,

die eben der Dialektdichter bei Seite lassen soll, um nicht zur Vergröberung

der Gefühlsweisen, der Sitten und des Ausdrucks beizutragen. Er soll ─

um mit Ad. Grimminger in „Moi Derhoim“ zu sprechen ─ „das Volksgemüt

in seinem Gemütssonntagsstaat
“ darstellen. Als abschreckende

Beispiele können Gedichte der verschiedensten Dialektdichter dienen. Wir beschränken

uns auf folgende Probe von Weitzmann:



[Beginn Spaltensatz]
Er (der Wunderdoktor) häb die feinista

Maniera,

Und d'Arbet gang ihm vo' der Hand,

Und koiner könn so d'Leut balbira

Und schreapfa, as wie's er verstand.
[Spaltenumbruch]

De gsunde Leut geit er zum Speia,

De kranke zum Purgira ei',

Und wo ma hairt „o Jeses!“ schreia,

So hoißts: Do muaß der Dokter

sei'! u. s. w.
[Ende Spaltensatz]


§ 76. Übertragung des Dialektgedichts ins Hochdeutsche und

umgekehrt.


I. Übertragung ins Hochdeutsche.



Da das Verstehenlernen unbekannter Mundarten und das mühsame Zusammenstoppeln

der fremden Dialektausdrücke nach unvollkommenen Wörterbüchern

viele um den Genuß bringt, die Dialektgedichte als abgerundete Ganze,

als lebendige Schöpfungen in vollem Geisteszuge zu genießen und sich diesem

Vergnügen ungestört und unbefangen hinzugeben, so hat man es mehrfach versucht,

die wirkungsvollsten Dialektdichtungen ins Hochdeutsche zu übertragen.

(Jch erinnere nur an Robert Reinicks gelungene, empfehlenswerte hochdeutsche

Übersetzungen der J. P. Hebelschen Dichtungen, die mit Bildern und Zeichnungen

von L. Richter 1876 bereits in 6. Auflage in Leipzig bei Wigand

erschienen und in welchen der Dichter-Übersetzer dem Wortgeiste hie und da

die Worttreue geopfert hat, um den zarten Hauch natürlicher Unbefangenheit

nicht durch eine pedantisch=wortgetreue Übersetzung zu einer steifen, hölzernen,

kalten oder gar unverständlichen Wendung zu formen; mit Rücksicht auf die

Schlichtheit des Verses hat er auch in verständnisvoller Weise die Wortstellung

geändert, dem hochdeutschen Gedanken hochdeutschen Reim verliehen u. a. m.)

Doch hat man nicht immer die erwartete Anteilnahme seitens des größeren,

hochdeutschen Publikums gefunden, da sich mit der Verpflanzung des Dialektgedichts |#f0206 : 180|



in fremden Boden häufig die Wärme des Kolorits, sowie Duft und

Farbe der Ausführung verloren haben, gleichsam also dem schönen Schmetterling

der Schmelz seiner Flügel abgestreift wurde. Diese Erfahrung müßte genügen,

um mindestens Unberufene von Umbildung der Dialektgedichte abzuhalten

und die Berechtigung der Dialektpoesie neben dem Hochdeutschen anzuerkennen.





Um derartige Übertragungen anschaulich zu machen, beschränken wir uns

auf eine charakteristische Probe aus einer süddeutschen Mundart.



Nürnberger Mundart.



Vorbemerkung. Abweichend vom Original hat sich die Übersetzung der

Reimpaare bedient, und da dieselben gleiche Zeilenlänge begünstigen, so hat

der Übersetzer durchweg akatalektische jambische Viertakter gebildet. ─ Man

bemerke in der hochdeutschen Übersetzung die reiche Ausmalung des Gedankens

gegenüber der volksmäßigen Behandlung im Original.



Der Käfer.



[Beginn Spaltensatz]

Original von Grübel.



Dau sitz' ih, sieg an Käfer zou,

Thout in der Erd'n kröich'n;

Öiz kröicht er aff a Grösla naf,

Dau thout sich's Grösla böig'n;

Er git sih ober alli Möih

Und rafft sih widder af,

Und hält sih on den Grösla oh,

Will widder kröich'n naf.

Bald kröicht er naf, bald fällt er noh,

Banah a halba Stund,

Und wenn er halb oft drub'n iß,

So ligt er widder drunt;

Und wöi er sicht, daß goar niht geiht,

Und daß er goar niht koh,

So brat't er seini Flüg'l aus,

Und flöigt öiz ganz dervoh.

Öiz denk' ih: Wöi's den Käfer geiht,

Su thout's dir selber göih;

Der haut doch gleihwuhl meiher Föiß,

Du ober haust ner zwöi.

Du kröichst scho rum su langa Zeit

Die Läng' und in die Quer,

Und kummst döstwög'n doch niht weit,

Und werst af d'Letzt wöi der.

Wennst lang genoug dau in den Gros
[Spaltenumbruch]

Übertragung von Fr. Halm.



Jch ruhte still am Wiesenrain,

Und vor mir kroch ein Käferlein;

Ein Grashalm liegt in seiner Bahn,

Den klimmt es unverzagt hinan;

Der aber schaukelt sich im Wind,

Und schüttelt's wieder ab gelind.

Und wieder kaum emporgerafft,

Umklammert es den schlanken Schaft,

Und hebt still kletternd sich empor,

Und wieder geht's ihm wie zuvor;

Doch wieder keck erneut's den Lauf,

Stürzt wieder und strebt wieder auf,

Und jetzt, jetzt endlich ist's am Ziel ─

Und wieder fällt es, wie es fiel! ─

Da breitet's still die Flügel aus,

Und in der Lüfte Blau hinaus,

Als wär' der Mühen nun genug,

Nimmt's leise schwirrend seinen Flug! ─

Und still im Herzen flüstert's mir:

„Auch dir geht's wie dem Käfer hier;

„Keck trittst du in des Lebens Bahn,

„Und strebst und ringst und klimmst

hinan,

„Und rennst und jagst im tollen Lauf,

„Und raffst dich stürzend wieder auf,
[Ende Spaltensatz] |#f0207 : 181|



[Beginn Spaltensatz]
Bist kroch'n, haust niht g'wüßt um

wos,

So wörst, nauch Sorg'n, Möih und

Streit,

Fortflöig'n in die Ewigkeit.
[Spaltenumbruch]

„Und endlich, wenn du jahrelang

„Dich abgemüht in heißem Drang,

„Und suchtest ohne Unterlaß,

„Und weißt am Ende selbst kaum was,

„So breitest du die Flügel aus,

„Und kehrst dich ab vom Erdengraus,

„Und wie der Käfer schwingst auch du

„Dich kampfesmüd' den Wolken zu!“
[Ende Spaltensatz]

II. Übertragung ins Mundartliche.



Es ist ohne Zweifel die Frage berechtigt, ob es angemessen

sei, hochdeutsche Gedichte in Dialektform zu übertragen.
Obwohl in

dieser Richtung gelungene Versuche zu registrieren sind, so möchten wir uns

doch nicht eben ermutigend aussprechen, da für die Übertragung des Hochdeutschen

der lokale Boden des Originals fehlt und kein Grund vorhanden

scheint, ein zuvor schon allen zugängliches Gedicht einem kleineren Kreise vielleicht

in mangelhafterer Gestalt zu empfehlen. Humoristische Gedichte eignen

sich noch am besten für Übertragung, doch liefern auch sie keinen Beitrag zur

Kenntnis von Land und Leuten und deren Gebräuchen und Sitten.



Dagegen könnte manchmal die in den Lokalboden verpflanzte humoristische

Pointe eines Gedichtes für sich ein passendes, dialektisches Genrebildchen ergeben,

wie dies beispielsweise die nachstehende Bearbeitung Reuters zeigt. Hier ist

freilich von keiner Übersetzung mehr die Rede, sondern von freier Benützung

eines entlehnten fremden Stoffes (Einfalles), der in neuer Form und Fassung

nunmehr zu einem völlig neuen Gedichte wird.



Romanze von Sangerhausen.

(Musenalmanach 1783.)



[Beginn Spaltensatz]
Als Marbod seinen Gaul bestieg,

Fort in den Türkenkrieg

Zu ziehn, da wünscht' ihm die Mama

Mit Küssen Glück und Sieg.


Mit Thränen sprach sie: „Triffst

du nun

Den Erbfeind an, mein Sohn,

So handle, wie es Christen ziemt,

Und gieb du nie Pardon.


„Bring' uns die Siegeszeichen mit,

Die deine Hand erficht,

Damit die ganze Nachbarschaft

Von deinen Thaten spricht.“ ─
[Spaltenumbruch]

Wie Unglück Helden gern verfolgt,

So kam auch unser Mann

Zum Unglück erst zu seinem Heer,

Als schon die Schlacht begann.


Doch faßt' er heldenmütig sich,

Blieb halten wohlbedacht,

Und brausend wie sein schnaubend

Roß

Sah er die ferne Schlacht.


Des Tages drauf, beim Morgenrot

Ritt er aufs Leichenfeld,

Da lag ein Spahi hingestreckt,

Und Zorn ergriff den Held,
[Ende Spaltensatz] |#f0208 : 182|



[Beginn Spaltensatz]
Der Held sein Schwert, entsetzlich

war's

Zu sehn, wie weit er's trieb!

Denn wißt, daß er ihn jämmerlich

Jn hundert Stücke hieb.


Als so gekühlt sein Mütlein war,

Zog er den Spahi aus,

Und nahm den Panzer und den Rock

Bedächtig mit nach Haus.
[Spaltenumbruch]

Die Mutter freute sich: „Noch mehr,“

Sprach sie, „würd' ich mich freun,

Wär's nur sein Kopf! dann könnt'

er doch

Nicht fürder schädlich sein!“


O fürchtet nichts! versetzt der Sohn,

Bei meiner höchsten Ehr'!

Denn wißt, als ich ihn traf, da hatt'

Er schon den Kopf nicht mehr!
[Ende Spaltensatz]

Aus Läuschen un Rimels, von Fritz Reuter.



„Na, Korl, wo is di dat denn gahn?“ ─

„„Jh, Herr, dat gung jo doch noch so““ ─

„Na, hest di düchtig 'rümmer slahn!“ ─

„„Ja, Herr, tauletzt bi Waterlo.““ ─

„Dor hest di denn woll eklich fecht't?“ ─

„„Ja, ümmer druf! as Blüchert seggt.““ ─

„Wo was dat denn? Vertell doch blos!“

„„Je, Herr, ick güng' e stiw up los,

Un as ick irst so recht in Grimm,

Dunn haut' ick rechtsch un linksch herüm,

Un, Herr, den Einen haut' ick ─ Einen!

Den'n haut' ick beide Beinen af.““

„De Beinen? ─ Wo? Woso, de Beinen?

Worüm haut'st em den Kopp nich 'raf?“ ─

„„Je, Herr, de Kopp, de was all af!““


§ 77. Anforderungen an den Dialektdichter.



Der Dialektdichter ist, ─ sofern er auf das Prädikat Dichter im edlen

Sinn Anspruch erheben will ─ innerhalb seiner Sphäre an dieselben poetischen

Gesetze gebunden, denen jeder Dichter im allgemeinen sich zu unterwerfen hat,

da ja die Dialektpoesie kein Tummelplatz sein soll, auf welchem Ausschreitungen

und Willkürlichkeiten gestattet sind. Eine Hauptanforderung ist Erwerbung von

Feinfühligkeit, Ausbildung des ästhetischen Geschmacks und des musikalischen

Gehörs, um entscheiden zu können, wo die Handlung nicht zu den Worten

paßt, wo die Ausdrucksweise unschön oder geschraubt klingt, wo das Bild aus

dem Rahmen fällt, wo Ungeschliffenes, Rohes, Unschönes in Klang und Wendung

zu beseitigen ist u. s. w. Nur wenige Dialektdichter verstehen es, die mundartlichen

Schätze zu heben und das Gold von den Schlacken zu scheiden.

Während sich nämlich im Dialekt einerseits die naiven Empfindungen der Volksseele,

die einfachen, ungeschminkten Gefühle der Natur künden und die Frische |#f0209 : 183|



und Unmittelbarkeit ihrer Anschauungen ausprägen, enthält derselbe doch auch

genug Ausdrücke, welche von sprachlicher Schwerfälligkeit, Schlaffheit, Nachlässigkeit

&c. herrühren; ─ und nur ein feinfühliger Dichter wird mit sicherem

Griffe das Gediegene, Edle, Anmutige des Dialekts in das Reich der Poesie

einzuführen vermögen.



Sodann muß der Dialektdichter Meister der Form werden und ─ eingedenk

der Wahrheit, daß das Beste für das Volk gut genug ist ─ diese

Form nimmermehr mit gemeinem Jnhalt vermählen. Auch in der Dialektpoesie

ist der schönen Form ein hoher Vorzug einzuräumen, weshalb wir der Behauptung

widersprechen, daß sich die Dialektdichtung auf die primitivste Form

zu beschränken habe, nur weil meist Unberufene darin ihr Wesen trieben.

Verschiedene Dialektdichter (vgl. Hebel, der sogar fremde Formen anwandte,

Seidl, der allein 400 prächtige Vierzeilen schrieb, Rosegger, Reuter u. a.)

haben gezeigt, daß dem Dialektgedicht von tüchtiger Hand auch recht wohl

künstliche Verse und Strophen verliehen werden können. Der Veranlasser muß

eben Dichter sein, der sie in seiner Gewalt hat, um auch bei schwierigen

Formen (vgl. z. B. Grimmingers Nachtgang in „Moi Derhoim“) freundliche

Gebilde zu bieten. Man darf dem Dialektdichter nicht anmerken, daß seine

Arbeit eine mühevolle war, daß sein spröder Stoff Risse bekommen habe und

nun notdürftig übertüncht wurde. Form und Stoff müssen in ungezwungener,

naturgemäßer Weise harmonieren. Wo dies nicht der Fall ist, wird der Dichter

über seine Grenzen hinausgeschritten sein.



Mancher Dialektdichter liebt es, im Gedichte banale Witze, Späße &c.

anzubringen. Dies kann jedoch nur auf Kosten der Poesie und des guten

Geschmacks geschehen und liegt sicherlich außerhalb der Mission des Dialektgedichts.





Nicht Witzbold soll der Dialektdichter sein, wohl aber Humorist; nicht

Verstand, sondern Herz und Gemüt sollen im Dialektgedicht ihre Lichter

spielen lassen. Wo daher die Dialektpoesie statt mangelhafter Reimpaare und

zweifelhafter Späße gutgeformte Poesie und gemütreichen Humor bietet, da wird

sie sich dem herzigen, tiefgründigen Volksliede nähern und gleich demselben jenen

Reiz entfalten, welchen (nach Goethe) dasselbe auch auf den ausübt, der auf

höherer Bildungsstufe steht, so ungefähr, wie der Anblick und die Erinnerung

der Jugend ihn fürs Alter haben. Jm Grunde genommen schreiben unsere

Dialektdichter auch ihre Poesien nur für die gebildeten Kreise. Und wenn sich

die Nachfolger dies stets vergegenwärtigen wollten, so würden sie infolge ihrer

höheren Aufgabe und ihres ernsteren Auditoriums ihre Gebilde nach den Gesetzen

des Schönen bleibendem Genusse weihen.

|#f0210 : E184|



Achtes Hauptstück.

Übersetzungskunst. ──────


§ 78. Allgemeines und Geschichtliches zur Orientierung und

Einführung.



Die Ausgangspunkte der deutschen Übersetzungskunst.



Die Kunst der metrischen Übersetzung aus fremden Sprachen ─ die

Übersetzungskunst ─ ist eine schwere Kunst, welche wie jede andere Kunst erlernt

und geübt werden muß. Es sind ja nicht bloß formale Momente, die

in Betracht kommen, sondern tausenderlei Anforderungen, die sich auf den

sprachlichen Ausdruck beziehen, auf Wiedergabe von unübersetzbaren Ausdrücken

(z. B. Humor, Galanterie), auf Nachahmung der Quellen, auf den zu übertragenden

Stil, der beispielsweise bei Herodot ganz anders ist, als bei dem

reflektierenden, oft in dunkler Kürze sich haltenden Tacitus oder bei dem pragmatisch=historischen

Thukydides &c. &c.



Ohne Zweifel hat das Übersetzen großen bildenden Wert, weshalb es

schon Plinius (im 9. Brief des 7. Buches) und Quintilian dringend empfehlen

und die größten Geister von Cicero an (der Xenophons Bücher von der Haushaltungskunst

und den Plato in seine Sprache übersetzte) bis in die Gegenwart

es übten. Trotzdem wurde die Einführung in die Übersetzungskunst bis heute

in keinem Lehrbuch darzulegen versucht, denn das von uns teilweise benützte,

übrigens schon Ende der 50er Jahre erschienene Buch von Gruppe handelt

von einzelnen Übersetzern aus den antiken Sprachen und ist lediglich eine

historische Studie, der nichts ferner liegt, als die Praxis der Übersetzungskunst

lehren zu wollen.



Alle jene Männer, welche uns fremde Dichtwerke übertrugen, haben die

Übersetzungskunst durch Übungen praktisch erlernen müssen, indem sie nicht selten

durch langjährige, irreleitende Abstraktionen die Regeln einzeln und jeder für

sich aufsuchten, bis sie zu festen Normen und Grundsätzen in Hinsicht auf

deutsche oder undeutsche Wortbildung, Wortbiegung, Wortfolge, Wendungen &c.

gelangten.

|#f0211 : 185|



Unsere ältesten Übersetzungen stammen aus dem griechischen

(und lateinischen) Altertum; sie versuchten, den altklassischen Geist zum deutschen

Nationaleigentum zu machen.



Erst nachdem die Wirkungen des Griechentums erprobt waren,

begann man, auch aus den Litteraturschätzen anderer Völker zu

übersetzen.
So wurden Shakespeare, Calderon, Ariost, Tasso &c. die

unsrigen; so sind uns (namentlich seit Gründung der morgenländischen Gesellschaft

in Kalkutta 1784) die Araber, Perser und Jnder näher geführt

worden; so übersetzt man nunmehr aus dem Französischen, Schwedischen,

Dänischen, Russischen, Serbischen, Ungarischen
und allen halbwegs

bekannten Sprachen.



Für einen orientierenden Überblick über die Übersetzungen aus der frühesten

Zeit bis in die Gegenwart ist zunächst zu bemerken, daß bei den ältesten Übersetzungsversuchen

zur Zeit der Minnesinger (wo man nur nach Arsen skandierte)

von poetischer Kunst füglich nicht die Rede sein konnte. Ebenso wenig war

dies zur Zeit der Meistersänger der Fall, wo alle Kunst auf Silbenzählung

abzielte.



Erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts steigerten sich die Anforderungen

an die Übersetzungskunst, namentlich seit durch K. Gesner der Versuch gemacht

worden war, das heroische Versmaß des Hexameters ins Deutsche zu

übertragen.
Opitz (im 17. Jahrhundert) hob bereits als unterscheidendes

Moment zwischen unserer und der antiken Sprache den Accent hervor; er

führte den Jambus und den Trochäus ein und begründete die Nachbildung

weiterer künstlerischer Maße aus der antiken Litteratur. Das importierte

Maß des Hexameters, den zunächst Opitz' Zeitgenosse August Büchner in

Wittenberg aufnahm (sodann die Pegnitzschäfer in Nürnberg), machte rasch

Fortschritte, so daß bereits 1691 Christian Weise (in „Curieuse Gedanken von

deutschen Versen“) gereimte Distichen schrieb, die lediglich aus Daktylen bestehen.



Gottsched meinte, wir hätten lange und kurze Silben und vermöchten

daher die antiken Maße nachzubilden. Er selbst bildete in der „kritischen Dichtkunst“

reimlose Hexameter und gab verdienstvolle Proben von Distichen Anderer

(z. B. des Heräus).



Am gewaltigsten wirkte Klopstock auf die Übersetzungskunst durch sein

Studium der antiken Maße und deren praktische Anwendung in der Messiade,

wodurch er die Möglichkeit bewies, dem deutschen Hexameter gleichfalls rhythmische

Beweglichkeit zu verleihen. Klopstocks heller Blick erkannte, daß wir bei

Übersetzung des antiken Maßes in unserer Sprache den Spondeus durch den

Trochäus ersetzen können; auch entging ihm nicht, daß der Hexameter eine

leichtere (fließendere) Periodisierung gestattet; er bekämpfte den Amphibrachys

(⏑ – ⏑). Sein die freiere Übersetzung begünstigender Vorgang hatte großen Einfluß

auf die Übersetzungskunst; die Entwickelung derselben vollzog sich in engem

Zusammenhang mit allen jenen Bestrebungen, welchen wir das Aufblühen unserer

Litteratur, wie unserer wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen verdanken.



|#f0212 : 186|



Seit Klopstock begann man ernstlich die Dichtwerke fremder Nationen zu

übertragen. Einzelne übersetzten in Alexandrinern, andere (z. B. Heinse den

Ariost 1782) in Prosa.



Lessing scheint in seinen Litteraturbriefen (31. Brief) noch die Übersetzung

in Prosa zu befürworten, indem er ausruft: „Da der Deutsche in seiner

poetischen Prosa am treuesten sein kann, warum soll er sich das Joch des

Silbenmaßes auflegen, wo er es nicht sein kann.“ Jn seinem Laokoon hält

er es für unmöglich, die Malerei, welche die Worte des Dichters mit hören

lasse, in eine andere Sprache zu übertragen.



Herder hat sich in seinen Fragmenten für die metrische Form poetischer

Übersetzungen entschieden, indem er dort ausspricht, daß er bei Übersetzung

Homers nicht gerne Poesie und Hexameter vermissen möchte. Zum Zusatz:

aber Hexameter und Pentameter im griechischen Geschmack“ haben

ihn jedenfalls die stillosen, in der Prosodie prinziplosen Versuche Steinbrüchels

(3. Buch der Jlias, 1763) oder die früheren von Joh. Sprenger

(1610) veranlaßt, wie ihn ebenso wahrscheinlich Meinhards Versuche mit

Homer bestimmten, in „Krit. Wälder“ (1. Wäldchen) wiederum die Prosa=

Übersetzung zu empfehlen.



Es folgten Übersetzungen auf Übersetzungen. Eine der ältesten scheint die

(1757 zu Basel) in Hexametern erschienene: „Vier auserlesene Meisterwerke

so vieler englischer Dichter“ &c. zu sein, über deren schlechten Ausfall sich

Lessing in den Litteraturbriefen (39. Br.) ergötzt.



Zachariä übersetzte den Milton im Maße der Messiade, um die

im Deutschen bereits eingebürgerte antike Form zu haben.
Dafür

versuchte nun wieder Bürger, dem freilich die philologischen Kenntnisse eines

Voß abgingen, den Homer in Miltons Blankvers zu übersetzen, wobei er seinen

(spezifisch Bürgerschen) Jambus mit allen Fehlern jener Zeit anwandte. (Sein

Vorgehen verteidigte er im Oktoberheft des deutschen Merkur 1776.)



Männer der verschiedensten Geistesrichtung und Bildung vereinigten

sich nunmehr
in dem Bestreben, das homerische Epos unserer Sprache zu

vermählen. Zwei Jahre nach Bürgers Versuch (1778) erschien Bodmers

Übersetzung der Jlias im Hexameter, die allenthalben den lateinischen Ursprung

verrät. (Der Verfasser unterdrückt die Verbindungspartikeln, gestattet sich syntaktische

Abschlüsse, wo im Original die Rede fortfließt und hält sich nicht an

den Periodenbau Homers.)



Jugendlich frischer, wenn gleich noch ungenügend ist die Homerübersetzung

der Gebrüder Stolberg, die mit Wiedergabe des Sinnes zufrieden ist, ohne

sich pedantisch um das Einzelne zu kümmern. Sie ist wegen ihres Anschlusses

an die „Griechheit“ (griechischen Sinn, Geist, Form) als Anfang deutscher

Übersetzungskunst im eigentlichen Sinn
anzusehen; sie veranlaßte das

Unterbleiben der oben erwähnten, von Bürger geplanten Übersetzung.



Voß als Begründer der deutschen Übersetzungskunst. Eine Epoche

in der Übersetzungskunst bildete J. H. Voß mit seiner Homerübersetzung. |#f0213 : 187|



(Odyssee 1781; Homers Werke 1793.) Dichter und Gelehrter zugleich

erstrebte er vor allem Treue in der Übersetzung. Wort für Wort übertrug

er das Original, und er suchte schöpferisch selbst den griechischen Wendungen

und Wortbildungen gerecht zu werden. So wurde seine Versbildung charakteristisch,

originell, freilich häufig ungelenk, steif, hölzern, undeutsch. (Jch erwähne

u. a. nur der helmumflatterte Hektor (7, 234), hellumschiente

Achaier (1, 17), der Vermischer (5, 903), mir nicht ist's anartend

(5, 253) u. s. w.) Durch Einfügung von Trochäen und Spondeen gab er

seinem Hexameter einen dem Original entsprechenden, nicht hastenden, epischen

Gang. Den männlichen Gang des homerischen Hexameters, der im 4. Takt

auch keine weibliche Cäsur hat, erreichte er durch die männliche (epische oder

heroische) Cäsur im 3. oder 4. Takt. Auch die sogenannte bukolische Cäsur

(die nach I. 350 dieser Poetik richtiger bukolische Diärese zu nennen ist) wendet

er nach Homers Vorgang an u. s. w. So widerlegte er die Ansicht Lessings

von der Unübersetzbarkeit des Homer; so wurde er der Begründer der

deutschen Übersetzungskunst
und ─ mit seinen weiter unten zu erwähnenden

Übersetzungen aus dem Lateinischen ─ der hervorragendste

Übersetzungsmeister aller Zeiten.
Er war es, der den Deutschen erstmals

einen deutschen Homer gab, und der eben damit der Bildung des Jahrhunderts

den herrlichen Jnhalt des klassischen Altertums in würdiger Weise

wie durch einen Zauberschlag erschloß. Er bewies durch die That, was unsere

elastische Sprache zu leisten imstande ist. Goethe sagt daher mit Recht (im

westöstlichen Divan): „Wer jetzt übersieht, was geschehen ist, welche Versatilität

unter die Deutschen gekommen, welche rhetorische, rhythmische, metrische Vorteile

dem geistreich talentvollen Jüngling zur Hand sind, wie nun Ariost und Tasso,

Shakespeare und Calderon, als eingedeutschte Fremde, uns doppelt und dreifach

vorgeführt werden, der darf hoffen, daß die Litteraturgeschichte unbewunden

aussprechen werde, wer diesen Weg unter mancherlei Hindernissen zuerst einschlug!“



Schlegel (wie Voß ─ zugleich Dichter und Philologe) hat in Wiedergabe

(Übersetzung) des Maßes weiter bewiesen, wie die Elegie und das elegische

Distichon zu behandeln sind. Um das antike Prinzip durchzuführen, hat er mitunter

eine wunderliche Prosodik beliebt, indem er trochäische oder jambische Satztakte

(z. B. „wiewohl“) als Spondeen anwandte u. s. w. Seinem späteren Verbannungsedikt

des von ihm ursprünglich angewandten Trochäus aus dem deutschen

Hexameter neigten sich viele Philologen in ihren Übersetzungen freilich ohne endgültigen

Erfolg zu. Sein kaum 500 Hexameter umfassendes Beispiel (die Elegie

„Rom“) liefert noch nicht den praktischen vollgültigen Beweis für die Durchführbarkeit

des antiken Spondeus, während der Übersetzer Voß in 70 000 Hexametern

die Berechtigung des Trochäus im deutschen Hexameter praktisch und

glanzvoll beweist. Hiezu kommt, daß Schlegels freie Bearbeitung mit Voßens

Übersetzungen in Hinsicht auf Schwierigkeit gar nicht verglichen werden kann.



Auch die ersten hundert Verse der Odyssee in trochäusfreien Versen, mit

denen Fr. Aug. Wolf auf die Seite Schlegels trat, konnten höchstens den

Versifikator beweisen. Jhnen mangelt Voßischer Fluß; sie vernachlässigen die |#f0214 : 188|



Cäsur im 4. Takt, sie verschieben den Accent und sind in ihrer Summe geradezu

unverdaulich &c. Doch waren sie von großem Einfluß auf viele Übersetzer bis

in die Gegenwart.



Goethe's Einfluß. Eine Steigerung der Anforderungen an den Übersetzer

bewirkte die klassische Ausdrucksweise Goethe's und später die Formenschönheit

Platens in deren Anerkennung seitens der Nation. Goethe, der viel

von Voß gelernt hat und sich auch seine Prosodie aneignete, drang mehr als

alle seitherigen Übersetzer in den griechischen Geist ein, den eigene Produktionen

(z. B. Hermann und Dorothea) wie auch Übersetzungen atmen. Wie prächtig

deutsch klangen seine antiken Maße im zweiten Teile des Faust, in der Pandora

&c.! Man erkannte das Genie im Gegensatz zum Privatfleiß der philologischen

und selbst der Voßischen Arbeitsstube. Goethe hatte gezeigt, welcher

Behandlung die deutsche Sprache fähig sei. Was Wunder, daß er der Maßstab

für die Übersetzer wurde!



Nunmehr verlangte man in allen Übersetzungen ungezwungene, unverrückte,

natürliche Sprachweise: ein ungekünsteltes schönes Deutsch. Es wuchs

der Mut, die geschraubte konventionelle Übersetzungssprache geschmacklos zu finden

und lieber einen weniger gesetzmäßigen Vers zu wünschen, wenn derselbe nur

dem deutschen Accent entsprechend gebildet wurde. Ja, man forderte eine

Umkehr zum Schönen, wodurch der Übersetzungskunst eine neue Aufgabe erblühte

und sie in ein höheres Stadium gerückt wurde.



Platens Einfluß. Den Einfluß Goethe's auf die Übersetzungskunst

bestätigte und verstärkte später Platen durch Reinheit und Wohllaut des Verses,

durch seine geniale Sprachbewältigung, durch seine Vornehmheit im Stil.



Nach Goethe und Platen wurde die Zahl der handwerksmäßigen Übersetzer

bedeutend geringer, da nur wenige solch hohem Maßstab zu entsprechen

vermochten.



Der Einfluß Goethe's und Platens wirkte wie Sonnenlicht belebend, befruchtend,

verschönend auf die sämtlichen Übersetzungen unseres Jahrhunderts,

was wir in einzelnen Gruppenbildchen in nachstehenden Kapiteln andeutend darthun

wollen:



I. Griechische Dichter.

a. Epik. (Homerübersetzungen. Hesiod. Bukoliker

.)

b. Lyrik. (Elegiker. Anthologie. Pindar.)

c. Drama. (Aristophanes' Lustspiele. Die

Tragiker. Moderne Bearbeiter.)



II. Römische Dichter.

(Horatius. Martialis. Catullus. Ausonius

. Tibullus. Plautus. Terentius.

Propertius. Persius. Juvenalis. &c.)



I. Griechische Dichter.



a. Epik. (Homerübersetzungen.) Das Streben nach einem besseren

Deutsch, als das Voßische ist, regte vor allem die Versuche neuer, deutsch |#f0215 : 189|



lesbarer Homerübersetzungen an. 1822 erschien als Probe die Übersetzung

des 10. Gesangs der Odyssee von Konrad Schwenk, sowie des I. Buchs

derselben von Kannegießer. Beide schlossen den Trochäus aus, suchten aber

das gespreizte Voßische Übersetzungsdeutsch zu vermeiden, was ihnen freilich

am allerwenigsten an jenen Stellen gelang, wo es galt, zur Vermeidung eines

Trochäus einen Daktylus zu bilden (z. B. beförderen, gesteueret &c.).



Kannegießer suchte sich dem modernen Geschmack anzubequemen, indem er

sich im Hexameter sogar Binnenreime gestattete (z. B. zog und bog es geschäftig).



Voß Sohn veranstaltete 1837 eine neue Odysseeausgabe; aber er hat

doch nicht größere Erhabenheit im Ton mit größerer Einfachheit und Schönheit

zu einen vermocht.



Spätere Homerübersetzer haben zum Teil wieder die höheren Ziele über

dem Bestreben vergessen, trochäenfreie Hexameter herzustellen, (wobei sie

häufig Spondeen bildeten, die nicht als solche zu betrachten sind). Weniger

ist dies der Fall in der sehr verbreiteten Ausgabe des ganzen Homer von

E. Wiedasch in der Metzlerschen Sammlung (13 Bändchen) als bei Jakob,

welcher sogar das Gesetz der Cäsur im 3. und 4. Takt verletzt, halbierte Hexameter

bietet u. a. m.



Eine Art popularisierten Voß hat Monje (Frankfurt 1846) durch seine

Jliasübersetzung geliefert, die sich das Ziel setzte, den gelehrten Anstrich zu

vermeiden und die Einfachheit des Originals zu wahren. Sie wollte möglichst

treu sein und die Wörtlichkeit nur verlassen, wo sich diese mit dem fließenden

Versbau und dem lebensfrischen Ausdruck nicht vereinen läßt. Dadurch

wurde sie eine eklektische Überarbeitung, welche die Voßische Übersetzung keineswegs

überflüssig macht.



(Hesiod.) Neben dem gewaltigen Homer fand auch der Epiker Hesiod

seine Übersetzer. Bereits 1806 war die Hesiodübersetzung von Voß erschienen.

Neben minderwertigen Versuchen sind sodann zu erwähnen: Gebhard und insbesondere

Ed. Eyth, dessen im Versmaß der Urschrift erschienene Übersetzung

(1858) große Anerkennung fand. Eyth setzte sich große Einfachheit und Treue

zum Ziele. Die Rücksicht auf Treue gebot es ihm, die Feinheit und Abgeschliffenheit

in der äußeren Form des Verses, welche er für Homer in Anspruch

nimmt und diesem zu Teil werden läßt, weniger zu verlangen.



(Die griechischen Bukoliker.) Theokrit, Bion, Moschus wurden in

lesbarer, zuweilen an Goethe erinnernder Weise übertragen: vom halbvergessenen

Bindemann (1797), Voß (1808), Naumann, ferner von Mörike und Notter.

Besonders den letzteren war es um gefälligen, natürlichen Vortrag zu thun.

Eine vollständige brauchbare Übersetzung der erwähnten Bukoliker lieferte

F. Zimmermann. Die Jdyllen Theokrits übersetzte Fr. Rückert (1867) unter

teilweiser Anlehnung an Bindemann, dessen feineren Sinn und reinstes Gefühl

er rühmt, während er die übrigen Übersetzungen „harthörig“ und „ohrzerreißend“

nennt und die „gelehrten Verbesserer“ tadelt, die dem Theokrit „den Geist aus=

und den eigenen einblasen“.

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b. Griechische Lyrik. Den Begriff der griechischen Lyrik, welche teilweise

nur durch die, in Goethe's Vorbild begründete Ermutigung übersetzbar

wurde, nehmen wir hier im weitesten Sinne. Die griechische Lyrik hat sich

in der Stufenfolge von Elegie, Jambus und Melos entwickelt. Es ist daher

auch der Jnhalt der Anthologie und des Epigramms hier zu erwähnen.



(Elegiker.) Die elegischen Dichter der Hellenen ließ E. Weber bereits

1826 erscheinen, indem er Passows Vorarbeiten benützte, wobei er freilich

weniger den künstlerischen Anforderungen Goethe's, als denen der Philologen

genügte. 1827 machte R. Naumann (Prenzlau) einen Versuch, der geringe

Beachtung fand u. s. w.



(Anthologie.) Dichterisch schwungvoll und in Goethe'schem Deutsch hat

uns Herder das griechische Epigramm übertragen (vgl. Deutsche Blumenlese

1785). Zwar zeigt er noch bedenkliche prosodische Mängel; auch hat er

sogar die beiden Daktylen im letzten Hemistichium des Pentameters vernachlässigt;

aber seine Epigramme verbinden griechischen Geist mit größerer Freiheit

in der Form.



An seine Weise sucht sich Fr. Jacobs (in „Tempe“ 1803, verbessert

in „Leben und Kunst der Alten“ 1824) anzuschließen; er bedient sich mancher

Freiheiten, indem er die Namen verändert, vom Satzbau abweicht u. a. m.,

doch ist er in seiner deutschen Prosodik, die nicht einmal die Länge der Stammsilben

beachtet, hinter ihm zurückgeblieben. Herder blieb Muster für alle späteren

Anthologie-Übersetzer bis in die Neuzeit: für Gottl. Regis (1856), wie

für Weber und Thudichum, welche 1869 die vollständige Sammlung herausgaben.





Stücke von Sappho, Alcäus u. s. w. finden wir auch in der Anthologie.

Als neueste, glückliche Übersetzung der Lieder der Sappho verdient Geibels

Klass. Liederbuch Erwähnung. (Bezüglich der lyrischen oder melischen Partien

im Drama verweisen wir auf die betreffenden Abschnitte.)



(Pindar.) Die Einbürgerung der durch Klopstock vermittelten Odenmaße

stellte oft unüberwindliche Anforderungen an den Übersetzer und erinnerte

unwillkürlich an Cicero's Ansicht, daß Maße von allzu großer Künstlichkeit dem

Ohre als regellos und wieder wie bloße Prosa erscheinen. Bei Pindar, der

sich häufig von der natürlichen Redeweise entfernt und sich nicht selten in

Schnörkel und Zieraten verliert, waren die Schwierigkeiten in Hinsicht auf Metrum,

Sprache, Charakter und Gegenstand früher kaum zu bewältigen, weshalb wohl

die älteste Übersetzung (1771) und auch spätere Versuche die Prosa wählten.

Man hielt ─ nicht mit Unrecht ─ Pindars Oden für ein Analogon zu dem,

was man in der bildenden Kunst den hieratischen Stil nennt, und meinte, es

herrsche in ihnen ein traditionelles Element vor, das ihnen eine Steifheit und

Schwerfälligkeit auferlege, die zum würdevollen Charakter zu gehören scheine,

die aber ─ weil sie das allgemein Gültige entbehre ─ keine Übertragung

in eine andere Sprache zulasse. Trotzdem fand Pindar die bekannten Übersetzer

Thiersch (1820), Mommsen (1846), Ludwig und L. F. Schnitzer |#f0217 : 191|



(1860), welche zunächst eine getreue Nachbildung seiner kunstvollen Maße versuchten,

deren Ausführungen aber den Gedichten nicht zum Vorteil gereichten.

(Man kann behaupten, daß Thiersch ohne den griechischen Urtext kaum verständlich

sei; auch seinen Nachfolgern, sogar Mommsen, geht es an vielen Stellen

kaum besser, obwohl gerade der letztere sich viele Freiheiten gestattet, nur um

das Metrum genau einhalten zu können. Wo die Übersetzer größere Deutlichkeit

erstrebten, wurden sie nicht selten prosaisch.)



Daß Pindar auch lesbar zu übertragen sei, beweist zunächst unser, Goethe

so nahe stehender Wilhelm von Humboldt, der in seinem geistreichen Versuch

einer Übersetzung mehrerer Gedichte (Ges. Werke II, 264─355) trotz mannigfacher

Abweichungen vom Metrum, von der Gedankenverbindung &c. doch gerade

genug zu erhalten wußte, um Pindars Bedeutung und Eigenart erkennen zu lassen.



Vor allem aber zeigt Minckwitz, daß die dichterische Befähigung des

Übersetzers auch einen lesbaren Pindar zu vermitteln vermag. Seine Übertragung

liest sich nicht selten wie ein deutsches Original. Er ist bei seinen

Übersetzungen Pindarscher Hymnen weiter vorgeschritten als sein Maßstab und

Meister Platen: a. in der Form, welche auch die Epode zu den Pindarschen

Strophen als Dreigliederung anreihte und b. im freieren flüssigeren, deutsch

anmutigen Stil u. s. w.



c. Dramatische Dichtung. (Griechisches Lustspiel. Aristophanes.)

Da es in der Natur der Sache liegt, daß bei unserer Darstellung

der Übersetzungen des griechischen Drama wenig Raum für das Lustspiel bleibt,

so wollen wir im Voraus bemerken, daß auch Aristophanes schon frühe die Übersetzer

beschäftigte. Auf die steife Übertragung J. H. Voßens (1821) folgten

die freieren, lesbaren Übersetzungen von Droysen (1838 und 1871), Seeger

(1848), Minckwitz (1855) und Donner (1861); erwähnenswert ist noch die

Schnitzersche Übertragung, sowie „ausgewählte Komödien“ von Schnitzer und

Teuffel &c.



(Griechische Tragiker.) Die Übersetzungen der griechischen Tragiker

vor Goethe sind zum Teil vergessen. Jch erinnere nur an den ersten Versuch

in moderner Reproduktion von Spangenberg (Sophokles' Ajax 1608), an

Opitz (Antigone 1646), an die erste metrische Gesamtübersetzung eines griechischen

Tragikers: nämlich an Christian Stolbergs Sophokles (1787), die für den

Trimeter den Blankvers anwandte und für die Chormaße beliebige lyrische

Strophenformen (alkäische, sapphische) beliebte &c., eine Willkür, welche Föhse

(1804) zu seiner Übersetzung in Alexandrinern ermutigte; ich erinnere endlich

an Asts Übersetzung, welche zum erstenmal des Trimeters sich bediente.



Erst die in der Goethezeit entstandenen Übersetzungen erlangten Ansehen:

zunächst Solgers Übersetzung des ganzen Sophokles (1808). W. v. Humboldt

unternahm 1816 die Herausgabe von Äschylus' Agamemnon. Diese Arbeit

unterscheidet sich von dem 1802 erschienenen Versuch Fr. Leop. v. Stolbergs

vorteilhaft durch deutsche, freundliche Wiedergabe der einfach natürlichen Sprachweise

des Äschylus in Anapästensystemen und im Trimeter. Humboldts Arbeit, |#f0218 : 192|



welche die Möglichkeit einer Äschylus-Übersetzung beweist, ist insofern von

größerer Bedeutung, als sie nachweisbaren Einfluß auf die Äschylus-Übersetzung

von Heinr. Voß (dem Sohne) übte; ebenso auf Gust. Droysens

moderne Übersetzung (1832), sowie auch auf die Sophokles-Übersetzung von

Thudichum (1827/38).



Übertroffen wurde Humboldt durch Ottfried Müllers Übersetzung: die

Eumeniden des Äschylus (1833), die in Sprache und Vers ─ namentlich auch

in den Chormaßen ─ vollendet ist. Ebenso wurde er überragt durch die

Äschylus-Übersetzung von Donner, besonders aber durch die von Johannes

Minckwitz (in der allen Bibliotheken warm zu empfehlenden, vollständigsten

Metzlerschen Sammlung: „Griechische und römische Prosaiker und Dichter in

deutschen Übersetzungen“).



Minckwitz, Dichter und Philolog, also berufenster Übersetzer, hat die imponierende

Aufgabe gelöst, die griechischen Tragiker im Geiste seines großen

Vorbilds Platen zu übersetzen. Er bestrebte sich, wörtlich und wortgetreu zu

sein, und dem Genius unserer Sprache gerecht zu werden. Er hielt es für

die hohe Aufgabe des Übersetzers, den besonderen Ton jeder Versart zu treffen

und die Schönheit des Versbaus doch nicht außer acht zu lassen. Seine

Äschylus-Übersetzung steht noch über seiner Sophokles-Übertragung und sie übertrifft

die Arbeiten Droysens, Voßens, ja selbst Donners, der doch sonst seine

Muttersprache zu handhaben versteht und zum mindesten eine lesbare (wenn

auch trochäusfeindliche) Homerübersetzung geboten hat. Verdienstlich ist es, daß

sich Minckwitz der uneigennützigen Mühe unterzog, Ödipus, Antigone; die

Phönizierinnen, den Kyklops und die Jphigenie auf Tauris des Euripides wiederholt

ganz neu zu übertragen. Es genügte ihm keineswegs die bloße, redigierende

Umänderung seiner Stücke. Obwohl seine Jugendversuche sogar die

Anerkennung des übersetzungsfeindlichen Gottfr. Hermann gefunden hatten, so

sah er sich doch zu einer völligen Neuproduktion veranlaßt. Ungerechten, ja

unvernünftigen Tadel fand sein Euripides nur bei Hartung, der doch hätte

anerkennen sollen, daß Euripides wegen seiner Kürze besondere Schwierigkeiten

bietet, und Minckwitz durch Anwendung großer formeller Freiheit den Euripides

lesbar zu machen wußte.



Als gute Übersetzer des Euripides (der schon von Manso 1785, Jakobs

1805, Bothe 1800, 1822, Franz von Prevost 1782 &c. übertragen wurde)

sind neben Minckwitz zu nennen: Donner (1841─52), Hartung (1848─53),

Fritze (1856─69) u. a.



Die Übersetzungen des Euripides hatten den Wunsch nach einem guten

Sophokles angeregt. Thudichums Übersetzung erschien 1837. Bedeutender

war die Übersetzung Donners, der das konventionelle Übersetzerdeutsch in einer

Weise zu vermeiden strebte, daß Preußens König seine Antigone (im Herbst 1841)

im Neuen Palais zu Potsdam aufführen ließ.



Die neueste Übersetzung des Sophokles von C. Bruch (1880) in den

Versmaßen der Urschrift giebt zwar das Metrische möglichst treu wieder, verfährt

aber mit dem dichterischen Ausdruck ziemlich willkürlich.

|#f0219 : 193|



Moderne Bearbeitungen der griechischen Tragiker. Mehrere Übersetzer

der griechischen Tragiker haben (nach Schillers Vorgang, der die Jphigenie

in Aulis und Scenen aus den Phönizierinnen des Euripides übertragen hat)

eine Reproduktion der antiken Tragödie in modernen Versformen versucht: im

Dialog durch Einführung des Blankverses, in den lyrischen Partien durch die

Wahl einfacherer, uns geläufiger Rhythmen teils mit, teils ohne Anwendung

des Reims. Es läßt sich nicht leugnen, daß der langatmige, jambische Trimeter

für unser Ohr, das sich an den leichten Fluß des englischen Verses

gewöhnt hat, zumal in längerer Rede, etwas Schweres und Steifes, ja Unnatürliches

hat, während durch die Vertauschung desselben mit dem kurzen jambischen

Verse der Ton leichter und natürlicher wird. Ebenso bringen die in

freierem Rhythmus nachgebildeten Chorgesänge einen ganz anderen Eindruck

hervor, als die in das antike Versmaß gezwängten, den Worten des Originals

mehr oder weniger sich nachschleppenden Verdolmetschungen, bei welchen wir

nicht imstande sind, auch nur annähernd das zu fühlen, was die Griechen

beim Anhören ihrer Chorgesänge empfunden haben mögen: schon deshalb nicht,

weil uns Modernen die antike musikalische Begleitung fehlt. Um einen musikalischen

Eindruck zu erzielen, muß man, wie Schiller gezeigt hat, den

Reim zu Hilfe nehmen. Jn dieser Weise sind die griechischen Tragiker ganz

oder teilweise von Wilh. Jordan, C. Th. Gravenhorst, Oswald Marbach, Adolf

Wilbrandt, Theod. Kayser u. a. übertragen worden. W. Jordan (Sophokles)

und Ad. Wilbrandt (Stücke aus Sophokles und Euripides) verzichten auf

den Reim; letzterer hat überhaupt die Chorgesänge vielfach ganz frei umgestaltet.

Oswald Marbach, der Übersetzer des Sophokles (1867), hat in neuester

Zeit auch Äschylos' Tragödien meisterhaft übersetzt (1883). Nicht Worte, Verse

und Vorstellungen, sondern Gedanken, Empfindungen und Charaktere suchte der

gelehrte Dichter-Übersetzer treu wiederzugeben und neu zu beleben. Theodor

Kayser
hat die beiden Ödipus und die Antigone des Sophokles, sowie die

taurische Jphigenie des Euripides ebenso mustergültig übersetzt (1878 ff.). Diese

Übertragungen stehen auf der Höhe der Übersetzungskunst: sie lesen sich wie

deutsche Original-Dichtungen und bleiben dabei doch dem griechischen Originale

treu. Geradezu bewundernswert ist die Kunst, mit welcher es Kayser in den

dichterische Kraft beanspruchenden lyrischen Partien wie keinem seiner Vorgänger

gelang, durch gefällige Verschränkung der Reime, durch angemessenen Wechsel

von längeren und kürzeren Versen, durch eine dem Jnhalt entsprechende Mannigfaltigkeit

der rhythmischen Bewegung alle Einförmigkeit zu vermeiden und einen

dem Original möglichst verwandten Eindruck hervorzurufen.



II. Römische Dichter.



Schon lange vor Voß und nachdem man die griechischen Maße übertragen

und sich an griechischen Dichtern versucht hatte, wagte man sich auch an römische.

Zu erwähnen ist zuerst und besonders der geniale Ramler. Dieser, von

Lessing auch in Handhabung der Feile anerkannte Meister, hat zuerst die antiken |#f0220 : 194|



Odenmaße des Horaz übertragen, wobei er freilich nur 20 der leichteren Oden

auswählte, jedoch große Feinheit und Sauberkeit namentlich seinen Vorgängern

gegenüber bekundete. Er läßt weg, setzt zu, wie es unsere Sprache verlangt,

so daß sich seine Übersetzungen fast wie Originalgedichte ausnehmen. Er verschaffte

den antiken Versmaßen große Geltung und half das Gefühl für Formbestimmtheit

wecken. Seinen Übersetzungen im Auszug aus dem Martial (1787)

und (1793) dem (neuestens auch von Alex. Berg übersetzten) Catull werden

große Vorzüge auch in Beziehung auf Reinheit der Form nachgerühmt, wenn

er auch im Hexameter ungeschickt ist und haarsträubende Pentameter enthält,

welche unsere Längen als Kürzen behandeln z. B.:



Sō mīt Hāusrăt vĕrsēhn, īst dĕin Hăus wōhlfĕil, Ŏpīn!



so daß auch auf Ramler das erheiternde Xenion passen würde:



Dīesĕr hĭer īst ēinēr vōn jēnĕn jŭgēndlĭchĕn Dīchtērn,

Dēnēn Kīrchtŭrmsknŏpf Dākty̆lŭs īst ūnd Klōpstŏck Trŏchǟŭs.



(Anm. Nach damaliger Meinung, welche die deutsche Sprache quantitierend

messen wollte, mußten die Positionslängen das Wort „Klopstock“ zum

Spondeus und „Kirchturmsknopf“ zum Molossos (– – –) stempeln. Nach unserem

Standpunkt, der nach deutsch=musikalischem Accent- und Rhythmusgefühl über

Schwere und Leichtigkeit der Silben entscheidet, ist Klopstock Trochäus (oder

trochäischer Spondeus) und Kirchturmsknopf Daktylus, dessen Schwere noch

dazu durch das darauf folgende Wort „Daktylus“ gemildert wird. „Denen“

ist uns trotz seiner Beziehung und trotz des Parallelismus zu „jenen“ accentgemäß

eher Pyrrhichius (⏑ ⏑) als Trochäus).



Nach Ramler war es der durch seine Homer-Übersetzung hochverdiente

J. H. Voß, welcher auch in Übersetzung römischer Dichter Gewaltiges leistete,

wobei er leider seine stereotype Behandlungsweise beibehielt. Sein pedantisches

Erstreben der Treue führte ihn zu einer konventionellen Übersetzersprache, so

daß sich seine Metamorphosen des Ovid, sein Horaz, sein Tibull, sein Vergil

(gleich den Lukas Kranachschen bürgermeisterlich=wittenbergschen Typen in der

Malerei) außerordentlich ähneln und dem Freunde deutscher anmutiger Poesie

in ihrer Steifheit den Genuß stören. Sein bei Ovid, wie bei dem von ihm

gut ausgeführten Vergil bewiesenes Bestreben, dem römischen Charakter die

deutsche Sprache anzubequemen, rächte sich besonders in den Odenübersetzungen

des fein urbanen, in Ton, Ausdruck und sprachlichem Gehalte wechselnden

Horaz, indem bei Voß eine Beziehung der andern ähnlich sieht, und die

hölzerne Übersetzungssprache Leben, Geist, Lieblichkeit, Schmelz und Duft verscheucht.

Dies gilt auch mehr oder weniger von seiner Übersetzung einzelner

Teile des Ovidschen Festkalenders, der später von Karl Geib (1828), sowie

besonders von dem strengen E. Klußmann (1859) übertragen wurde, welch

letzterer den rhetorischen Accent des Originals nachahmt und die Vertauschung

des Spondeus mit dem Trochäus nicht gestattet.

|#f0221 : 195|



Nach Ovid erschienen viele zum Teil hochbedeutende oder für die Genesis

der Übersetzungskunst erwähnenswerte lateinische Übersetzungen. Ludwig Trost,

der noch mit der Metrik zu kämpfen hat, übersetzte 1824 des Ausonius

Mosella; ebenso Böcking, der den Anforderungen der Zeit zu entsprechen sucht.

Gruppe bot 1838 in dem trefflichen Buche „die römische Elegie“ Übersetzungen

aus Catull.



Den Catull übersetzte übrigens bereits 1829 Schwenk, sodann noch

(1855) Th. Heyse. Beiden sind die lyrischen (erotischen) Stücke besser gelungen,

als die an Voßische Geschraubtheiten erinnernden, trochäenfreien epischen. Jn

die durch Goethe gewiesenen Bahnen trat Koreff mit seiner Tibull=Übersetzung

(1810), ferner Günther und Strombeck (1825). (Letzterer hatte

schon 1795 den Anfang mit der Ars amandi gemacht, die in neuester Zeit

Hertzberg übersetzte, sowie in freierer Form J. F. Katsch-Stuttgart. Die neuesten

Tibullübersetzer sind Teuffel und Binder.) Ebenso strebte in Ebenmaß und

Natürlichkeit Neuffer (1816) in seiner Übersetzung der Äneis von Vergil

dem Vorbilde Goethe's nach. Er läßt den Trochäus zu, giebt aber dafür an

manchen Stellen den Charakter seines Originals auf.



Köpke übersetzte (1809 und 1820) 9 Komödien aus den 20 erhaltenen

des Plautus, wobei er den Anforderungen unserer Sprache gerecht zu werden

versuchte, ohne den Geist der antiken Sprache zu verletzen. Plautus mit seiner

eigenartigen Metrik liebt es besonders in Bacchien (⏑ – –) geschwätzig zu sein,

was ihm Köpke prächtig nachmacht, wenn er auch hie und da einen Amphibrachys

einmischt. Köpke hat auch 2 Lustspiele des Terenz übertragen, dessen

älteste Übersetzung aus 1499 herrührt. Nach Köpke übersetzten den Terenz

Fr. Jakob (1845), Th. Benfey und Joh. Herbst. Den Plautus übersetzten

noch Donner, Geppert, Hertzberg und Wilh. Binder, der seine Lustspiele (von

1862 an) in mehreren Bändchen herausgab.



Den Propertius übersetzte Hertzberg; desgleichen v. Knebel, besonders

aber Binder, der 1868 auch den Lucretius übertrug, von welchem bereits die

(der Meinekeschen Übersetzung von 1795 folgende gute) Übersetzung v. Knebels

(1829, 1831) vorlag, die den naiven Ton des Lucretius noch besser trifft,

als den oratorisch pathetischen.



An Persius und Juvenalis, die wegen ihrer dunkeln Anspielungen

und rätselhaften Verbindungen lange Zeit für unübersetzbar gehalten wurden,

wagten sich Passow (1809), Donner (1821), Kaiser (1822), Weber (1838) &c.

Hauthals Übersetzung enthält Verse mit Sünden gegen die Prosodie, gegen die

Grammatik, gegen Logik und Geschmack.



Teuffels Persius will keine Jnterlinearversion liefern, sondern ein Portrait

(vgl. seine Grundsätze in Magers pädag. Revue. Febr. 1844).



Übersetzungen des Juvenalis haben sonst noch geliefert: Hausmann (1839);

Göckermann (1847); Siebold (1858), der den Trochäus meidet, Alex. Berg (1862)

und insbesondere Hertzberg und Teuffel (1867), die in metrischer und prosodischer

Beziehung übereinstimmen, von denen der eine (Teuffel) Weber und Siebold bei

seiner Arbeit vergleicht, während der andere jede Vergleichung unterläßt.

|#f0222 : 196|



Stücke aus Martial bietet Gruppe im D. Musenalmanach 1855. Jn

den Bahnen Platens wandelt Joh. Merkel, der 1841 die Horazischen Episteln

übersetzte, dabei ebenso wie Platen den Trochäus zu vermeiden und Spondeen

an seine Stelle zu setzen suchte, wobei er freilich (wie Platen) nicht selten die

betonte Silbe in die Thesis des Verstaktes brachte.



Neben ihm sind als Horaz-Übersetzer zu nennen: Ludwig, Teuffel, Weber,

ferner Binder, Fritzsche &c.



Überragt werden sämtliche durch die Übersetzungen von L. Döderlein

(Satiren und Episteln, 1862) und von Th. Kayser (Oden, 1877), welche

─ ich möchte sagen ─ nach dem Vorbild eines Freiligrath Treue mit Wohllaut,

Anmut und Eleganz zu vermählen wußten.



(Bezüglich des letzteren ist geschichtlich zu konstatieren, daß seine Übersetzung

des 1. Buchs der Oden bereits 1867 erschien und von sichtlichem Einfluß

auf die viel später erschienene Bacmeistersche Übersetzung war, die sich zwar

durch poetische Sprache auszeichnet, aber der philologischen Treue ermangelt und

im Gegensatz zu Kayser vielfach mit den deutschen Betonungsgesetzen kollidiert.

Vgl. z. B. Betonungen wie sŏrglōs, ălsō Nĕigūng u. s. w.)



Eine Aufzählung aller minderwertigen Übersetzungen müssen wir in dieser

Genesis unterlassen; ebenso die für die Geschichte der Übersetzungskunst wenig

einschneidende Übersetzung neulateinischer Dichter, wenn gleich einzelne Übersetzer

derselben Verdienstliches leisteten, z. B. Herder (Balde's Oden), Kraft (Lessings

lateinische Epigramme in den Bl. f. bayr. Gymnasialschulw. 1883) u. s. w.



Überblick. Überblicken wir die Übersetzungen unserer deutschen Litteratur

in Bezug auf die in ihnen zu Tage tretenden Grundsätze, so finden wir, daß

oft die berufensten Übersetzer die entgegengesetztesten Wege einschlugen und namentlich

die verschiedensten Standpunkte in der Metrik einnahmen. Beispielsweise

bekennt Teuffel, daß er lange geschwankt habe, bis er zu einem feststehenden

Resultate gelangt sei. Aber dieses Resultat stand eben doch nur für ihn fest.

Donners Grundsätze sind wesentlich von den seinigen verschieden. Es ist bei

vielen Übersetzern soweit gekommen, daß einer dem andern Unkenntnis auf

den Gebieten der Metrik vorwirft u. s. w. Jeder Übersetzer hält es für notwendig,

seinen metrischen Standpunkt, von dem aus er allein beurteilt zu

werden wünscht, des Weitläufigeren auseinanderzusetzen, da es eben bis jetzt

keine allgemein gültige deutsche Metrik gab.



Wir sehen uns zu dieser Schlußbemerkung deshalb veranlaßt, weil mancher

weniger Eingeweihte sich wundern möchte, daß wir verschiedenen Übersetzern

Beifall zollten oder versagten, auch wenn sie bezüglich ihrer metrischen Grundsätze

von einander abweichen. Auch wollten wir es begreiflich erscheinen lassen,

daß wir im Nachstehenden uns der großen Mühe unterzogen, die Übersetzungsgrundsätze

nach dem Standpunke einer allverpflichtenden deutschen Metrik und |#f0223 : 197|



Prosodik in der Absicht darzulegen, eine Einheit in der Übersetzungskunst

anzubahnen.



Moderne Sprachen und Litteraturen. Auf eine geschichtliche Entwickelung

und Darstellung der Übersetzungen aus den neueren Sprachen müssen

wir an dieser Stelle um so mehr verzichten, als wir es noch nicht an der Zeit

halten, eine erschöpfende Darstellung derselben zu liefern, andererseits aber die

bedeutendsten Vertreter (z. B. in Verdeutschung des Dante, Ariost, Tasso,

Calderon, Shakespeare, Byron &c. &c.) schon im 2. Bande dieser Poetik bei den

einzelnen Dichtungsgattungen erwähnt wurden. Selbstredend kann hier auch

nur beispielsweise einiges aus den modernen Sprachen gegeben werden, was

auch völlig genügen muß. Denn trotz der ethnologischen Verschiedenheit ist

doch der moderne Sprachgeist im ganzen genommen so einheitlich, die Nationen

einander so nahe gerückt, daß die allgemeinen Behandlungsregeln sich von der

einen auf die andere Sprache leicht übertragen lassen. Wo dies aber nicht

angeht, wie z. B. beim Magyarischen oder bei slavischen und orientalischen

Sprachen, da sind die besonderen Regeln eben nur durch das Studium dieser

Sprachen selbst zu gewinnen, und wir können natürlich nicht beabsichtigen, in

deren Feinheiten hier einzugehen.



Ebenso zwecklos wäre es, für die Übersetzung der ältesten oder älteren

orientalischen Sprachen hier Regeln geben zu wollen, denn wer sich deren aufstellen

will, wird seine Vorgänger (Gebr. Schlegel, Hammer-Purgstall, Herder,

Bopp, Rückert &c.) zum vergleichenden Studium benützen müssen.



Das Eine ist indes noch zu betonen, daß neben Goethe und Platen besonders

Freiligrath als Ausgangspunkt der heutigen Übersetzungskunst aus

modernen Sprachen insofern bezeichnet werden darf, als er durch unermüdliches

Feilen und Redigieren Treue mit Lesbarkeit zu verbinden und Übertragungen

herzustellen wußte, welche gleich den modernen Bearbeitungen

der griechischen Tragiker wie deutsche Originalgedichte sich

lesen.
Mit großer Absichtlichkeit haben wir daher weiter unten einen Blick

lediglich in die Freiligrathsche Übersetzerstube eröffnet, um dem Anfänger zu

zeigen, wie selbst der Genius mühsam nach der Palme ringen muß, ferner

wie man es zu beginnen hat, um das Ziel der Übersetzungskunst zu erreichen:

Übersetzungen, welche bei aller Treue den Eindruck von Originalgedichten

hervorrufen.



§ 79. Anforderungen und Grundsätze.



Wo es sich nur um Jnhaltsangabe, um Kenntnis der Grundlagen des

Umrisses handelt, genügt die Prosa-Übersetzung des dichterischen Kunstwerks.

Jn allen andern Fällen ist dasselbe nach Stil und Ton, nach Anordnung

des Maßes &c. nicht von seiner Form zu trennen. Somit ist als oberster

Grundsatz aufzustellen: Ein dichterisches Kunstwerk darf nur künstlerisch

übertragen werden und zwar wo möglich in der Form des Originals

oder doch in einer solchen Form, welche vom Jnhalt nichts unter=
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schlägt und auch äußerlich dem Ton des Originals am nächsten

kommt.



Hierfür machen sich besondere Anforderungen geltend: a. an die metrische

Übersetzung, b. an den Übersetzer.



A. Anforderungen an die Übersetzung.



Eine gute metrische Übersetzung, welche das Resultat von Verständnis

und Begeisterung sein soll, muß beim Leser dieselbe Empfindung und Stimmung

hervorrufen, wie dies beim Original der Fall ist. Die Rücksicht auf diese

Forderung hat allein darüber zu entscheiden, was etwa vom Beiwerk (Ornament)

wegbleiben kann, falls das deutsche Versmaß nicht für alles Raum haben

sollte. Diese Rücksichtnahme hat auch abzuwägen, ob das Originalversmaß,

die Originalreimstellung &c. &c. beizubehalten sei, ferner ob im Epischen oder

Dramatischen &c. die Originalverszahl bleiben soll oder nicht &c.



Die Übersetzung soll zunächst und vor allem das Original wahr und

treu wiedergeben; sodann soll sie die Wohllautsgesetze unserer Sprache

respektieren.
Demnach stellen wir als Anforderungen an eine gute Übersetzung

auf: a. Treue und b. Lesbarkeit.



a. Treue.



1. Was ist eine treue Übersetzung? Diejenige ist es, welche mit keiner

oder doch mit möglichst geringer Veränderung des Originals dem Jnhalt ihrer

Arbeit dieselbe Farbe, denselben Ton, dieselbe Stimmung giebt, welche das

Original hat.



2. Die Treue muß verlangen, daß unserer Sprache Gehalt und Charakter

des Urbilds vermählt werden. Die Übersetzung soll den schönen Fluß der

Rede, die ungezwungene Fügung der Wörter, sowie die tiefere Übereinstimmung

zwischen Jnhalt, Form und innerem Rhythmus wiedergeben.



3. Zur Erreichung dieser Forderung ist in den meisten Fällen die Versart

und die sprachliche Ausdrucksform des Originals beizubehalten, da ja die unmittelbare

Eingebung und der künstlerische Hauch der Dichtung nicht gut von

dem Maß und der Sprachweise des Dichters zu trennen sind.



Die Herablassung, die Erhebung, die Kürze und Breite, die Naivetät oder

das Pathos sind meist eng an das dichterische Versmaß, ja, an das schmückende

Beiwort, an Satz- und Periodenbau des Urbilds &c. gebunden. Es ist für

die Kenntnis eines Dichtwerks von Bedeutung, auch aus der Art der Wiedergabe

in Versmaß und Sprache zu ersehen, wie der Dichter ernst oder scherzend

einherschreitet, wie er die Schwierigkeit des Maßes spielend beherrscht &c. Dies

kann eine, das Maß beiseite stellende Prosaübertragung (Paraphrase) nicht ausdrücken,

weshalb wohl nur die Unfähigkeit metrische Kunstwerke in Prosa übersetzt

sehen will.



4. Die Versart des Originals ist auch deshalb möglichst beizubehalten,

weil jedes Maß seinen eigenartigen Charakter hat; besonders aber auch, weil |#f0225 : 199|



ein anderes, neues Maß notwendig zur Umformung, Umdichtung, Modernisierung

&c. hindrängt. Dies beweist schon das einzige Beispiel der Schillerschen

sog. Übersetzung der Äneide, bei welcher die Stanzen zur Ausfüllung

bald ein Hinzudichten, bald ein Weglassen verlangten, so daß die Stoffteile

anders sich gliedern mußten als im Original. (Der bei Schiller hinzugekommene

Reim ─ als schöne Eigentümlichkeit unserer Sprache ─ vollendet die Umdichtung

und spottet einer sklavischen Übertragung.)



5. Die Treue sucht sich ohne Verletzung der Muttersprache und ihrer

Formenlehre dem fremden Satzbau, der Wortstellung und der sprachlichen

Wendung anzuschließen. (Der Originaldichter darf sich Abweichungen gestatten,

nicht aber der Übersetzer.)



6. Sie nimmt Rücksicht auf Allitteration, auf die Paronomasie, sowie

auf das Epitheton. Dieses letztere ist freilich häufig nur epitheton ornans,

und in diesem Fall ist es zweifellos gestattet, ein ähnliches Epitheton zu substituieren,

wenn dies aus irgend einem Grunde als wünschenswert erscheint.

So wird es sicher in vielen Fällen erlaubt sein, einen geographischen Beinamen

einer Gottheit durch einen andern zu ersetzen u. s. w. (Freilich ist

Vorsicht nötig. Vgl. z. B. Stellen wie Ἴδηθεν μεδέων == Herrscher auf

dem Jda.)



7. Um den feineren epischen und plastischen Stil und das Festgefügte im

dichterischen Kunstwerke treu zu erreichen, hat u. a. J. H. Voß den Partikeln

seine ganze Aufmerksamkeit zugewandt. Man sollte jedenfalls (selbst was die

griechischen Dichter betrifft) die Forderung treuer Wiedergabe der Partikel, deren

Behandlung ein feines, meist nur bei Philologen anzutreffendes Verständnis

verlangt, nicht allzuhoch spannen.



Die Partikel treu wiedergeben, sollte nicht heißen, sie mit einem besonderen

Wort übersetzen, sondern ihre logische oder rhetorische Färbung, deren

Exponent sie ist &c., zum Ausdruck bringen.



b. Lesbarkeit.



1. Einer der größten Meister des Übersetzens in unsere Sprache, Luther,

hielt die buchstäblich treue Übersetzung für die ungeschickteste. Dies zeigt

sein Sendbrief vom Dolmetscher, in welchem er denen, die ihm vorwerfen,

er habe hier das Wörtlein allein eingerückt, dort die Maria voll

Gnaden,
den Mann der Begierungen &c. nicht buchstäblich übersetzt, antwortet,

ja, in welchem er es mit dem Bock Emser aufnimmt. Er sagt: „Jch

habe deutsch, nicht lateinisch oder griechisch reden wollen ... Jch habe verdeutschet

auf mein bestes Vermögen ... Jch weiß wohl, was für Kunst,

Fleiß, Vernunft, Verstand zum guten Dolmetschen gehöret; es heißet, wer am

Wege bauet, hat viel Meister; aber die Welt will Meister Kluglich bleiben

und muß immer das Roß unter dem Schwanze zäumen, alles meistern und

selbst nichts können. Das ist ihre Art.“ ─ (Vgl. übrigens W. Hopfs gekrönte

Preisschrift über Luthers Bibelübersetzung.)



2. Herder sagt in der Nachschrift zu den Balde-Übersetzungen, daß er |#f0226 : 200|



dem Geist seines Autors folgte (nicht jedem seiner Worte und Bilder), daß

er bei den lyrischen Stücken den eigentümlichen Ton derselben im Ohr, den

Sinn und Umriß aber im Auge behalten habe; Schönheiten habe er ihm nicht

geliehen, wohl aber Flecken hinweggethan, da er Balde's Genius zu sehr ehre,

als daß er mit kleinfügigem Stolz diesen zur Schau stellen wolle; wo dem

Umriß eines Gedichts etwas zu fehlen schien, habe er mit leiser Hand ─ wie

bei einer alten Zeichnung ─ die Linien zusammengezogen, damit er ihn seiner

Zeit darstelle. Überhaupt sei ihm am Geist der Gedichte und am Jnhalt

derselben mehr gelegen, als an der Einkleidung selbst.
Diese die

Worttreue geringer achtende Treue des Sinns war für Herder die Brücke, um

zur Lesbarkeit zu gelangen.



Herder unterscheidet zwischen den einzelnen Übersetzungen und meint, daß

keine Art der Poesie in der Behandlung der andern völlig gleich sein dürfe;

die lyrische Poesie der Alten und ihr Epigramm seien die eigensinnigsten unter

allen; da sie nicht übersetzt sein wollen, so müsse man sie mit der gewissenhaftesten

Treue täuschen, als ob sie nicht übersetzt würden. Wer hier keine

Versuche gemacht habe, oder wem die Muse Gefühl, Ohr und Sprache versagte,

sollte hierüber nicht richten, oder es sei ihm die Leier selbst zu reichen,

daß er sich als Meister zeige. Um Herder zu verstehen, geben wir nachstehend

ein einziges Beispiel eines antiken Epigramms:



Grabschrift der Spartaner bei den Thermopylen von Simonides



(500 v. Chr.). (Griechischer Urtext. Vgl. Th. Bergk Poet. Lyr.

Graec.
3. p
. 451.)



Ὦ ξεῖν', ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις, ὅτι τῇδε

κείμεθα, τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.


Lateinische Übertragung bei Cicero.



Dic, hospes, Spartae, nos te hic vidisse iacentes,

dum sanctis patriae legibus obsequimur.



Deutsche Übersetzung von Regis (Epigramme der griech. Anthologie

1856 S. 73).



Wanderer, melde du denen in Lakedämon, daß hier wir

Liegen, weil ihrem Gebot folgsam gewesen wir sind.


Schillers deutsche Übersetzung.



Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest

Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.


Geibels Übertragung (Klassisches Liederbuch 2. Aufl. 1876).



Wanderer, meld' es daheim Lakedämons Bürgern: erschlagen

Liegen wir hier, noch im Tod ihrem Gebote getreu.
|#f0227 : 201|



3. Goethe unterscheidet (in einer Note am Schlusse des westöstlichen

Divans [IV. 323.]) dreierlei Arten von Übersetzungen:



a. eine schlicht prosaische, die uns ─ wie Luthers Bibelübersetzung

─ mit dem fremden Vortrefflichen mitten in unserer nationalen

Häuslichkeit überrascht und ohne daß wir wissen, wie uns geschieht,

eine höhere Stimmung verleiht und wahrhaft erbaut;



b. eine parodistische, welche ─ wie Wielands Übersetzungen ─ das

Fremde sich aneignet, um es mit eigenem Sinn wieder zu geben,

welche also nach Art der Franzosen für jede fremde Frucht ein

Surrogat fordert, das auf eigenem Grund und Boden gewachsen ist;



c. eine treue, welche dem Original identisch ist und somit an seine

Stelle treten kann. Der Übersetzer giebt hier die Originalität seiner

Nation auf und bietet etwas, wozu sich der Geschmack der Menge

erst heranbilden muß.



Goethe hielt diese Form für die höchste (letzte), weil sie sich einer Jnterlinearversion

nähere und das Verständnis des Originals höchlich erleichtere, an

den Grundtext führe und den ganzen Zirkel abschließe, in welchem sich die

Annäherung des Fremden und Einheimischen, des Bekannten und Unbekannten

bewege.



Aber Goethe hat übersehen, daß die Zeit noch einer vierten Form fähig

sein müsse, nämlich der auf den Schultern seiner eigenen klassischen Sprachweise

ruhenden, mit dem Urbild möglichst identischen, dabei aber die Lesbarkeit

erstrebenden Form, bei welcher der Übersetzer nicht die Originalität seiner Nation

aufgiebt, vielmehr seine deutsche Eigenart in der Prosodie, im Ausdruck, im

Rhythmus und im Wohlklang mit allen Mitteln wahrt.



4. Bis zu Goethe und Herder galt bei allen Übersetzern der Grundsatz,

daß die Übersetzung in ihrer peinlichen Worttreue den fremden Ursprung nicht

verleugnen dürfe. Man erstrebte allzu pietätsvolle Abhängigkeit vom Original

auch in Wortstellung und Satzbildung und erzielte daher steife, gegen den

Sprachgenius verstoßende Übersetzungen, welche den einzigen, mitunter zweifelhaften

Nutzen hatten, daß sie unsere Sprache fort=, manchmal auch verbildeten.

Eine pedantisch genaue Wiedergabe des Wortsinns war selbst den besten philologischen

Übersetzern das Höchste. Darüber vernachlässigten sie gar häufig

Wortgeist und Sprachgeist; daher findet man in ihren Übersetzungen weder

die Leichtigkeit des Originals, noch jenes liebliche Gepräge, welches dem Freunde

deutscher Poesie Genuß bereitet. Diese Übersetzungen können nicht lesbar sein,

weil sie der Sprache Gewalt anthun. Selbst der handwerksmäßige Gesetzesdienst

Vossens hat in dieser Richtung recht oft dem Zufälligen das Wesentliche

geopfert, namentlich in der Übersetzung der Verwandlungen des Ovid. Mit

pedantischer Ängstlichkeit hat dieser große Übersetzer sein deutsches Wort dem

griechischen oder lateinischen angekünstelt, angeschmiegt, angeschlossen, nachgeformt,

dabei aber nicht selten Einfalt und Anmut geopfert, so daß man die allgemeine

Äußerung von Jakobs, daß eine Übersetzung immer der Rückseite einer gewirkten

Tapete gleiche, auf ihn anwenden möchte.

|#f0228 : 202|



5. Wenn auch in einzelnen kürzeren Dichtungen eine wortgetreue Wiedergabe

sich nicht schlecht lesen mag, so ist in anderen Dichtungen diese peinliche

Treue weder ratsam noch möglich. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, so

gesteht Gust. Zeller in seiner Übersetzung kleinerer Gedichte Tegners (1862),

daß er nicht immer den Wortlaut beibehalten konnte, ja, daß eine kleine

Unregelmäßigkeit im Rhythmus und Reim hie und da eintreten mußte, wenn

der schöne Gedanke nicht verdorben werden sollte &c.



6. Es ist unbestrittene Thatsache, daß z. B. in einzelnen Chorgesängen

des Äschylos mit ihrem musikalischen Gehalte, ferner in Pindarschen Rhythmen

mit der Worttreue die Entfernung von Ton und Stil unserer Sprache zunimmt,

daß somit das Resultat Steifheit und Verkünstelung wird.



7. Vollends kann Scherz und Komik bei einzelnen Dichtern (z. B. in

den Komödien des Plautus) gar nicht wiedergegeben werden, wenn sich der

Übersetzer nicht freiere Wortbildungen, Umschreibungen und Wendungen gestatten

darf. (Am deutlichsten wird dies durch die Tieck-Schlegelsche Übersetzung

des Shakespeare illustriert.)



8. Dies gilt auch von jenen Dichtungen, welche nur das Resultat von

Verstand und Geschmack sind und bei denen der verstärkte, rhythmische Takt

durchaus nicht den einfachen poetischen Hauch ersetzt.



9. Daraus folgt, daß zwar jede Übersetzung die Jndividualität des

Schriftstellers und den besonderen Ton desselben wiedergeben soll, nicht aber

sein Jdiom. Die absichtsvolle Kürze eines Tacitus, die Redefülle eines Cicero,

die Schlichtheit eines Horaz (namentlich in den Episteln) sind wesentliche Momente,

welche die Übersetzung beachten muß und kann, ohne der Sprache Gewalt

anzuthun.



10. Jn England, Frankreich, Jtalien &c. hat man niemals dem Übersetzer

ein größeres Recht über die Muttersprache eingeräumt, als dem nationalen

Dichter. Mit Recht dürfen auch wir angesichts unserer nunmehr fertigen

Sprache die Anmaßung jener Übersetzer der Neuzeit zurückweisen, welche mit

unserer Sprache in einer Weise umgehen, wie sich dies seit Goethe kein einziger

deutsch nationaler Dichter mehr gestattete.



11. Wer nur wortgetreu übersetzt, d. h. wer nur die im Worte ausgedrückten

Begriffe wiedergiebt, ohne zugleich bestimmte Empfindungen mit anklingen

zu lassen, wer nur einzelnes erfaßt, ohne das Ganze (die Hauptidee

des Kunstwerks) zu berücksichtigen, wird nur unlesbare, stümperhafte Übersetzungen

liefern.



12. Es muß daher Grundsatz für den Übersetzer werden, im Notfall

einmal die wörtliche Treue der Verständlichkeit und dem Wohllaute zu opfern,

also der allzustrengen Observanz eine etwas freiere Übersetzungsmethode gegenüber

zu stellen. Es ist jedenfalls besser, den in seiner Treue steif und hölzern

erscheinenden Vers lockerer und minder korrekt zu fügen, als ungelenk und

unnatürlich, damit er sich vertraulich dem deutschen Ohre anschmiege und etwas

vom Reiz und Gepräge des Freigeschaffenen erhalte.



13. Mit Recht haben nach Goethe's, Schiller's, Herder's und Platen's |#f0229 : 203|



Dichter-Vorgang bereits namhafte Übersetzer von der traditionellen Übersetzersprache

sich abgewandt und einer ungekünstelten, ungezwungenen, unverrenkten, natürlichen

Sprache sich zugekehrt, welche schönen Fluß, Wohlklang, Anmut, Glätte mit

Wärme des Rhythmus verbindet, ohne dem Geiste und der Empfindung des

Urbilds untreu zu werden. Jch erinnere nur an die wirklich salonfähigen,

durch ihre Lesbarkeit wohlthuend=anheimelnden Übersetzungen eines Geibel, Rückert,

Freiligrath, Th. Kayser und Marbach. Diese dichterischen Übersetzungen geben

uns nicht durchweg die Treue des Buchstabens, wohl aber mit Feinsinnigkeit

und Ausprägung aller Schönheiten und des großen Stils ihrer Urbilder ─

die Treue der Sache. Sie zeichnen sich durch ihr gutes Deutsch aus, durch

ihre Formenschönheit, durch Vornehmheit im Stil, durch Wohlklang im Rhythmus;

sie erreichen den Ton der Versart, ohne dem Genius der Sprache untreu

zu sein, ja, sie entsprechen unseren Anforderungen an gute Übersetzungen, d. h.

sie sind elegant und populär, lesen sich wie deutsche Originalgedichte

und befriedigen ebenso den metrischen Kunstrichter wie

den gelehrten Philologen und den gebildeten Laien.



14. Nach diesen Leistungen ist es angezeigt, zwar die Treue zu empfehlen,

aber neben ihr die Lesbarkeit im Sinne eines Goethe, Schiller, Uhland,

Platen als das Höhere: als die erste Forderung aufzustellen. Der Übersetzer

möge alles Undeutsche, Holprichte, Anstößige, Eckige in seinen Übersetzungen

durch den Verzicht auf eine allzu originelle Behandlung (Mißhandlung) der

deutschen Sprache im Sinne Vossens (namentlich in dessen Ovid) vermeiden

und unter Beachtung der philologischen Anforderungen die lebendige Schönheit

durch künstlerische Handhabung unserer Sprache erstreben, damit nicht die Kunst

da den Dienst versage, wo das Original Wärme und dichterischen Schwung

beansprucht.



B. Anforderungen an den Übersetzer und Anleitung.



1. Wer ein tüchtiger Übersetzer werden will, muß sich selbstredend fleißig

im Übersetzen üben.



2. Zunächst versuche er sich an unseren (weiter unten zu gebenden)

Aufgaben, die er sich je nach seiner Fähigkeit auswählen kann. Er möge je

einen Satz bis zum Endpunkt gründlich durchlesen, dabei das Einzelne genau

erwägen, damit er:



a. in den Sinn und Geist des Originals eindringe,



b. die Affekte der Worte des Originals in ihrer Wiedergabe erfasse,



c. deutlich und klar in seinem Ausdruck werde,



d. den Wohllaut der Reinheit empfinde.



3. Bei schwierigen Stellen empfiehlt es sich, im Kopfe oder auch auf

dem Papier das Original Wort um Wort, Satz um Satz, Vers um Vers

zuerst in Prosa sorgfältig zu übertragen, vielleicht sogar zweimal: erst in wörtlicher,

dann in flüssiger Form. Aus dieser flüssigen Übertragung muß der

Übersetzer wo möglich mit den gleichen Ausdrücken ein Übersetzungs-Gedicht |#f0230 : 204|



herstellen, nachdem er ausgerechnet hat, wo die Pointe der einzelnen Zeile und

wo die der Strophe und endlich die des ganzen Gedichtes liegt.



Dabei hat er zu beachten, was etwa im Original entbehrlicher Überfluß

(bloßes Ornament) ist, um es im Notfall bei der Übersetzung weglassen zu

können. Dies ist das Wichtigste: die Kunstgriffe des Originaldichters

erkennen, damit man nichts
Wesentliches von den wirklichen Schönheiten

weglasse, sobald man genötigt ist wegen Verslänge oder

Reimstellung etwas aufzugeben.
Besonders achtsam muß man bei der

Lyrik sein. Es handelt sich hier um die geistige und um die gemütliche Treue,

die unter der bloß wörtlichen Treue nur zu häufig leidet.



4. Der Übersetzer wird gut daran thun, das Urbild im ganzen und

großen sich geistig anzueignen, um es neu aus sich heraus entfalten zu können,

und manches verändert zu geben, ohne gegen dessen Geist zu verstoßen.



Wer das Urbild in sich aufgenommen hat, wird die Sprache nicht unterjochen,

sondern dieselbe aus ihrer eigenen Fülle heraus entwickeln. Diejenigen,

welche das Urbild nur als fremdes fühlen oder dasselbe allzu modisch umformen,

sind in der Regel weder dem Urbilde noch der Sprache gewachsen. Jnneres

Aneignen des Kunstwerks ermöglicht innere freie Reproduktion, die von

dem großen Überblick und von dem Gefühl der Totalität ausgeht.



5. Kenntnis des Urbilds und der Sprache sind wesentlich für eine Darstellung,

welche die Übersetzung wie ein deutsches Original erscheinen läßt.

Wir verlangen nicht, daß die Übersetzung ganz und gar wie ein deutsches

Original erscheine, weil sie sonst Charakter und Geist des Urbilds mehr oder

weniger verlieren könnte; aber wir fordern, daß die Verschiedenheit keine solche

sei, die dem Geist der deutschen Sprache Eintrag thut.



6. Es genügt zum Übersetzer nicht die nur oberflächliche Kenntnis der

fremden Sprache, da ein wörtliches Übersetzen lediglich ein ungenießbares,

schwerfälliges Machwerk ergeben würde und jeder oberflächlich Gebildete Anspruch

erheben könnte, uns den Ariost, Byron, Camoëns &c. zu vermitteln. Vielmehr

gehört zur Übersetzung eine gediegene Kenntnis der fremden Sprache, welche

das Vorbild weder verhüllt noch entstellt erblickt.



7. Aber auch eine gründliche Kenntnis der deutschen Sprache und

eine besondere Fähigkeit ihrer gewandten Handhabung muß für den

deutschen Übersetzer gefordert werden.



8. Wesentlich ist ferner das Verständnis der deutschen Metrik und Prosodik.

Der Übersetzer muß sich die Regeln und Gesetze der deutschen Poetik angeeignet

haben, um dichterische Form und Technik beherrschen zu können.



9. Der Übersetzer muß endlich die Litteratur des betreffenden Landes

seines Originals kennen, ferner dessen Dichtungen, Kriegsverfassung, Kultus und

Geschichte, besonders aber Mythologie.



10. Es genügt aber keineswegs eine nur allgemeine Kenntnis der Mythologie.

Jst doch jede Mythologie in den verschiedenen Entwickelungsstadien der

Sprache und Litteratur in steter Weiterbildung und in fortwährendem Fluß begriffen, |#f0231 : 205|



und gehen doch sogar einzelne Dichter (z. B. in Bezug auf Theogonie) ihre

ganz besonderen Wege! Wer in diesen Jrrgängen nicht bewandert ist, wird beispielsweise

die Ovidischen Metamorphosen nicht verstehen, geschweige übersetzen können.

Ähnlich ist es mit der Odyssee und der Jlias, mit der Frithjofssage, mit der Kalewala,

mit dem Mahâbhârata &c. Somit fordern wir vom Übersetzer die entsprechende

(hieratische, poetische, dogmatische, künstlerische) Behandlung der Mythologie.



11. Der Übersetzer muß auch mit dem Gegenstande des Originalgedichts

auf vertrautem Fuße stehen. Wer würde z. B. die Georgica Vergils übersetzen

können, wenn er von Landbau, Bienenzucht &c. keine Ahnung hat? Umfassende

Sach- und Fachkenntnis ist unerläßliche Bedingung des Übersetzers.

(Luther mußte sich z. B. um gewisse Stellen übersetzen zu können, in denen

Edelsteine vorkommen, letztere entlehnen.)



12. Aber dies alles genügt noch nicht: der Übersetzer muß auch die

Fähigkeit besitzen, sich in den Geist und den Gedankengang seines Autors, und

in dessen Stellung inmitten seiner Zeit oder seines Volkes und der handelnden

Jndividuen desselben hineinzudenken.



13. Weiter ist vom Übersetzer Kunstsinn, feiner Geschmack und Verständnis

der Schönheiten des Originals zu verlangen.



14. Auch sollte er die Vorzüge seiner Vorgänger sich gewissenhaft aneignen.

„Wenn jeder Übersetzer wieder mit Null anfängt, wird es ihm schwer

werden, seine Vorgänger zu überholen, und jeder Arbeiter in Wissenschaft und

Kunst läßt sich leichter spoliieren als ignorieren!“



15. Jndes ist es nicht hinreichend, das von den Vorgängern Geleistete

eklektisch (einfach äußerlich) sich anzueignen. Dies würde zum Handwerk, nicht

aber zur Kunst führen; wir verlangen auch inneres Aneignen der vorhandenen,

erprobten Vorteile, inneres Verdauen der Methode &c.



16. Jn gar vielen Stücken muß sich der heutige Übersetzer gegensätzlich

zu den meisten seiner früheren Kollegen verhalten und von ihren Gepflogenheiten

und Freiheiten geradezu abweichen. Dies ist besonders der Fall:



a. in Beachtung des deutschen Accents (Prosodie),



b. in der Apostrophierung,



c. in der Wortstellung (Hyberbaton),



d. in Anwendung der Ellipse,



e. in der Ausschmückung,



f. in der Nachahmung der Manier.



17. a. Accent.



Mit Recht wurde der Accent ein Heiligtum in unserer accentuierenden

deutschen Sprache genannt. Sind es doch nur wenige Wörter im Deutschen,

die wie im Griechischen den Accent wechseln können! Unser deutscher Accent

ist feststehend und hätte daher von den meisten philologischen Übersetzern etwas

mehr geschont werden sollen.



Niemals darf der Übersetzer Wörter wie mǖ́hsām, ū́mkēhrt, schwḗrschōlliges, |#f0232 : 206|



Ḗichwāld, Klṓpstōck &c. im Vers so anwenden, daß die zweite Silbe den Jktus

erhält und die erste (infolge des Versrhythmus) den Accent verliert, so daß

Sprachton und Versrhythmus fortwährend in Kampf geraten (z. B. ἄριστον

μὲν ὕδωρ == das fü̆rnĕhmḗst ist Wasser. Pindar). Nie sollte man vergessen,

daß Beispiele wie diese:



Dā́māls | wā́r Mārs | Rḗttĕr dĕr | Schlācht;

Hḗrrschĕr ĭm | Dṓnnĕrgĕ | wȫ́lk Zēus &c.



in ihrer Betonung ebenso gegen den Sprachgeist verstoßen als ein mit „Kĕ̄́hr

ūm
“ beginnender Hexameter. Ebenso sollte man die Unzulässigkeit der Ausrede

anerkennen, daß eine große Anzahl bacchischer Satztakte (wie Absichten,

Bierfässer, Weintrinker, abfinden) die Versetzung der betonten Anfangssilbe in

die Thesis gebieterisch fordern, um überhaupt im Hexameter Verwendung finden

zu können, da ja unsere Sprache reich genug an sinnersetzenden Wörtern ist.

(Die Wörter: Absichten, Bierfässer, Weintrinker, sind eben im Notfalle doch

als Daktylen zu nehmen, wenn auch als recht klobige, schwere. Sie müssen

─ wenn auch ungern ─ zugelassen werden, ebenso wie zūlä̆ssĭg. Bei letzterem

ist es auffällig, denn zūlǟ́ssīg würde sehr dem zŭ lǟ́ssĭg ähneln. ─ Bei „Jm

Donnergewölk Zeus
“ ist wȫlk Zēus im Grund genommen ein guter

Spondeus im antiken Sinn, da keine Silbe länger oder kürzer als die andere

ist. Das Kennzeichen des deutschen Spondeus ist eine Atemholungs-Pause

zwischen 2 langen Silben. Dies geht so weit, daß z. B. in „Damals schien

Mars“, „damals gilt Mars“ jeder dieser Sätze ein Choriambus (– ⏑ ⏑– –)

ist trotz pedantischen Einspruchs. Die Konsequenz wird sicher alle dem Accent

huldigenden Dichter nach und nach in diese Richtung führen.)



Der Übersetzer muß, was Prosodik betrifft, Mund und Ohr (auch von

anderen) zu Rate ziehen. Nur auf diese Weise erfährt er, wo ein Monosyllabum

lang oder kurz zu nehmen ist, oder wo Disyllaba (z. B. Artikel, wie

eines, einem; Pronomina deines, seines &c.) als Thesen Verwendung finden

dürfen. Das gebildete oder zu bildende Ohr muß auch darüber entscheiden,

wo der von den deutschen Dichtern bereits mit Erfolg in ihrem Hexameter

(Sechstakter) angewandte Trochäus zulässig ist; es wird bald herausfinden,

wie derselbe der Schwerfälligkeit im Verse ebenso vorbeugt, als umgekehrt der

Spondeus im Senar und Oktonar die fortrollende Beweglichkeit hemmt; es

wird ihn aber auch nur etwa im 3. Takte zulässig finden, damit er nicht

allzusehr abschwäche.



18. b. Apostrophierung.



Die Aphäresen (Weglassung von Buchstaben am Anfang), welche

namentlich Schlegel und Tieck in ihrem Shakespeare gebrauchen (z. B. 'nen

für einen, ferner 's für es &c.), sind aus phonetischen Gründen wenig |#f0233 : 207|



empfehlenswert. Allenfalls sind sie da zulässig, wo der Sprachgebrauch sie

gestattet und dieser dargestellt werden soll.



Die Synkopen (Auslassung der Vokale in der Mitte) hat derjenige

Übersetzer nicht nötig, welcher weiß, daß im Deutschen eine Thesis nicht mehr

Zeit wegnimmt, als deren zwei (I, 256 d. Poetik). Jedenfalls wird der

Übersetzer von der Synkope Umgang nehmen müssen, wo ihre Anwendung der

gebildeten Sprache widerspricht, unschöne Konsonantenhäufungen erzeugen müßte &c.

(z. B. fall'n für fallen, jetz'ge für jetzige &c.).



Die Apokope (Ausstoßung des auslautenden e) vor Konsonanten sollte

stets vermieden werden.



19. c. Wortstellung.



Das sog. Hyperbaton (Abweichung von den Gesetzen der Wortstellung

z. B. „und nach Haus zu retten mich“ statt „und mich nach Haus zu retten“ &c.,

oder: „und nur braun erschein' ich wieder dort“ statt: und nur dort erschein'

ich &c.) sollte der Übersetzer wegen der Möglichkeit eines Mißverständnisses

wie aus phonetischen Gründen niemals oder doch nur höchst ausnahmsweise

gebrauchen, etwa da, wo ihn der Reim zwingt, ein charakteristisches

Wort aus der Mitte der Verszeile an den Schluß derselben zu verlegen.



20. d. Ellipse.



Von den Ellipsen ist am wenigsten deutsch die des Artikels (z. B. „Stier

auch wünscht sich den Sattel“, statt: „der Stier &c.“, denn hier erscheint Stier

als Eigenname; zulässig ist dieselbe in „Erlkönig hat mir ein Leids gethan“ &c.),

weniger statthaft ist die Ellipse des Pronomens (z. B. „Bist ja von schöner

Gestalt“, statt: „du bist“ &c.). Am häufigsten begegnen wir der Ellipse des

Hilfsverbums (z. B. „daß jener sein Vertrauter“ statt: „daß jener sein

Vertrauter ist“); diese Ellipse ist in der That am wenigsten sprachwidrig.



21. e. Ausschmückung.



Der an sich schon durch das fremde Original gebundene Übersetzer kann

sich jede Freiheit gönnen, sofern sie mit den Gesetzen des Wohllauts verträglich

ist. Er darf also Flickwörter, wo sie zur Ausfüllung des Verses nötig

sind, herbeiziehen. Ebenso sind ihm ausnahmsweise Archaismen, Neologismen,

Provinzialismen, Fremdwörter &c. gestattet, wenn sie nämlich Zeit, Ton, Gehalt,

Gestalt und Charakter des zu übersetzenden Begriffs treu zu illustrieren

vermögen.



Eine ─ freilich nur von dem gebildeten Geschmack und der Jndividualität

des Übersetzers zu lösende ─ Hauptforderung ist, daß sich der Übersetzer

vor Trivialität und Gespreiztheit hüte.



Nimmermehr darf er sich auch verleiten lassen, Schmuck und Zierat anzuwenden,

wo diese dem Original fremd sind. Er muß die zarte Linie des

Erlaubten einzuhalten verstehen und alle jene Schönheiten verschmähen, die

nicht auch zugleich Schönheiten des Originals sind. Jeder fremde Zierat entstellt

das Urbild und ist daher mit Vorsicht anzuwenden.



Auch keine neue, dem Urbild fremde Stimmung darf der Übersetzer hinzubringen. |#f0234 : 208|



Hingabe an den Dichter des Originals muß auch bei der Ausschmückung

leitendes Gesetz bleiben.



22. f. Nachahmung der Manier.



Aus dem angegebenen Grunde ist es bedenklich, bei Übersetzungen eines

fremden Dichters die Manier eines deutschen Dichters nachahmen zu wollen,

und wenn es auch der höchste wäre. (Man vgl. als Beispiel von Leinburg

[== Lüttgendorff-Leinburg], der in seiner sonst wertvollen Übersetzung der

Frithjofsage die metaphorische Sprachweise Jean Pauls als Ziel sich vorsetzte.)

Nichts häßlicher als eine affektierte, auf Stelzen einherschreitende, manierierte

Übersetzungsweise! Hiermit ist natürlich nicht die Manier des Originaldichters

gemeint. Diese ist in der Übersetzung allerdings zu berücksichtigen. Nicht bloß

in den Worten, sondern in ihrer Behandlung liegt oft ein gewaltiger Unterschied

bei derselben Versart und bei derselben Dichtungsart &c.



23. Außer den obigen wesentlichen Forderungen kommen bei einzelnen

Übersetzungen noch verschiedene Momente und Fragen in Betracht, die der

Übersetzer je nach dem einzelnen Fall sich beantworten muß und wofür allgemeine

Vorschriften nur schwer zu abstrahieren sind. Solche Fragen sind beispielsweise:

Was ist mit obscönen Stellen zu beginnen? Jn dem einen Zeitalter

ist etwas anstößig, während ein anderes gewisse Dinge ohne Anstand

passieren läßt. Dürfen Auslassungen obscöner Stellen, die doch vom pädagogischen

wie vom ästhetischen Standpunkte dringend anzuraten sind, als

Fälschungen betrachtet werden, oder sind jene Übersetzungen vorzuziehen, die schon

auf dem Titel den Vermerk tragen: Omissis omnibus iis locis, qui aures

castae iuventutis laedere possint
? (Deutsch: Mit Weglassung aller jener

Stellen, welche die Ohren einer keuschen Jugend verletzen könnten?) Genügt es,

zu sagen, man müsse Anstößiges z. B. bei einem Shakespeare mit in den Kauf

nehmen? Jst es noch eine Übersetzung zu nennen, wenn man dergleichen Dinge

verschleiert, oder sind Auslassungen gestattet, wie sie sich z. B. Katsch in seiner

verdienstlichen Übersetzung der Ovidschen ars amandi erlaubte?



Wie ist es mit den Metaphern zu halten?



Wenn das betreffende Bild des Originals in der Übersetzersprache fehlt,

dürfen wir zu dem prosaischen Auskunftsmittel greifen und den Sinn des

Bildes umschreiben, oder sollen wir ─ was offenbar das Bessere sein möchte

─ zunächst zu einem verwandten Bilde greifen? u. s. w. u. s. w.



24. (Exempla docent.) Man kann oft von Übersetzern sehr viel lernen,

sofern man Einblick in ihr Thun gewinnt. Man lese z. B. Laube's „Cato

von Eisen
“, der nach der Jdee eines spanischen Stückes geschrieben ist. Um

zu beweisen, daß er nicht mehr als die Jdee benützte, ließ er von der Tochter

des bekannten Romanisten Wolf in Wien das ganze Stück übersetzen und schloß

es seiner Arbeit an. Auf Faust Pachlers Rat und mit Billigung Friedrich

Halms, der diese Übersetzerin in Vorschlag gebracht hatte, entschloß sich dieselbe:

1. die poetische Stimmung durch Beibehaltung des Verses zu gewinnen;

2. die nationale Stimmung durch Beibehaltung des nationalen Verses der

Spanier, des trochäischen Viertakters, wiederzugeben; 3. die Treue der Übersetzung |#f0235 : 209|



dadurch sich (wohl allzu bequem!!) zu erleichtern, daß sie die Reimverschlingungen

und viele Künsteleien des Originals beiseite ließ; 4. endlich

in der langen Rede, wo das Spielhaus und die verschiedenen Spiele mit

allerlei Wortwitzen beschrieben werden, alle ihr zugänglichen Spielbücher zu

Rate zu ziehen und wo nötig die betreffenden Spiele durch andere zu ersetzen,

damit die Wortwitze im Deutschen natürlich und verständlich seien. Es war

eine Arbeit, welche viel Kopfzerbrechens kostete, aber sie gelang und liest sich

fast wie ein Original.



Für Erlernung der Übersetzungskunst ist die Anwendung gründlicher, gewissenhafter

Feile, auf welche schon das Horazsche berühmte: Nonumque prematur

in annum
hinzudeuten scheint, unerläßlich.



Wir sind in der einzigen Lage, im nachstehenden ihr Wesen praktisch klarstellen

zu können.



§ 80. Einblick in die Geheimnisse der Übersetzerpraxis.

(Handgriffe, Methode der Übersetzerfeile &c.)



Durch gütige Überlassung eines Teiles des handschriftlichen Nachlasses von

Ferd. Freiligrath sind wir imstande, zum erstenmal den authentischen Nachweis

führen zu können, mit welch' beispielloser Sorgfalt einer der ersten Übersetzer

der Neuzeit bei seinen Übersetzungen verfuhr, ja, mit welch' peinlicher

Gewissenhaftigkeit er jedes Wort, jede Form, jeden Verstakt, jeden Reim &c.

mit den Anforderungen des Wohllauts und den Gesetzen unserer Sprache und

Metrik in Einklang zu bringen suchte. Er hat noch größeren Fleiß bewiesen

als Voß, dessen Manuskript durch unglaubliche Korrekturen (vgl. das Autographon

S. 1 vom Anhang der 1881 von M. Bernays neu herausgegebenen

ersten Ausgabe der Odyssee) fast unleserlich geworden ist.



Könnte man in sämtliche Übersetzerwerkstätten blicken, wie wir im nachstehenden

einen wohl unschätzbaren Einblick in die geweihten Räume des Freiligrathschen

Arbeitszimmers ermöglichen, so würde man bald einsehen, wie bei

metrischen Übersetzungen die Schwierigkeiten oft bis ins Unendliche sich steigern,

und wie noch keine einzige gute Übersetzung (wie überhaupt kein Kunstwerk)

ohne gründliche Feile zustande kam. (Horaz, Goethe, Schiller &c., wie auch

tüchtige Übersetzer lasen ihre Schöpfungen erst ihren Freunden vor &c.)



Dies ergiebt für den Anfänger im Übersetzen die Aufforderung, nicht nur

das Einzelne in Hinsicht auf Besserungsmöglichkeit in Betracht zu ziehen, sondern

das Gebesserte zum übrigen stimmend zu gestalten und überhaupt Sorge

dafür zu tragen, daß die Übersetzung im Sinne des Originals wie aus einem

einheitlichen Gusse erscheine.



Wir beschränken uns hier darauf, der Prüfung und Feile Freiligraths

nachzugehen, indem wir vier ebenso instruktive als charakteristische Übersetzungsproben

dieses Dichters vorführen.

|#f0236 : 210|



I. Aus „The Sunbeam“ von Felicia Hemans.

(7. Strophe.)



Thou tak'st through the dim church-aisle thy way,

And its pillars from twilight flash forth to day,

And its high, pale tombs, with their trophies old,

Are bathed in a flood as of molten gold.



Diese Strophe hat Freiligrath fünfmal geschrieben, bis er ihr die endgültige

Gestalt verlieh.



1. Erste Übersetzung. (Entwurf Freiligraths.)



Durch den dämmernden Kreuzgang nimmst du den Pfad,

Seine Pfeiler erglühn, wenn dein Schimmer naht;

Und der bleiche Marmor ...

Umwallt eine Glorie, wie brennend Gold.



NB. Viele Worte sind hier noch gar nicht und manche sogar ungenau

übersetzt.



2. Veränderung des Entwurfs.



(dämmernde Münster) Kirchendämmerung

Durch (den dämmernden Kreuzgang) nimmst du den Pfad,

Seine Pfeiler erglühn, wenn dein Schimmer naht,

Und der bleiche Marmor ....

Umwallt eine Glorie, wie brennend Gold.



Freiligrath setzte zuerst für: „den dämmernden Kirchgang“ == dämmernde

Münster. Aber diese Bezeichnung sagte ihm nicht ganz zu, und er verbesserte

sie durch „Kirchendämmerung“. Jetzt gefiel ihm plötzlich auch der Reim nicht

mehr; er strebte durch den Reim malerisch zu wirken. Dies übte Einfluß auf

die weiteren Verse und es entstand folgender



3. Neuer Entwurf Freiligraths.



Durch die Dämmrung des Münsters kommst du geflammt;

Seine Pfeiler erglühn und des Betstuhls Sammt;

Und die alten Trophä'n ....

Zuckt, wie brennendes Gold, einer Glorie Schein.



Das kritische Auge des Übersetzers merkte bald das Mißliche der Auseinanderrückung

zweier Momente einer 2. und 3. Form. Ferner hatte er

sich den Gedanken des Originals: „hohe bleiche Grabmäler mit ihren alten

Trophäen“ im 1. und 2. Entwurf mit „bleicher Marmor“, im 3. Entwurf

mit „alten Trophäen“ skizzenhaft vorgemerkt; jetzt versuchte er eine dichterische

Verschmelzung, so daß folgendes Bild entstand:

|#f0237 : 211|



4. Neue Änderung.



1. Durch die Dämmrung des Münsters kommst du geflammt;



Da, wie Feuer, lodert



2. (Seine Pfeiler erglühn und) des Betstuhls Sammt;



Um der alten Trophäen marmorne Reihn



3. (Und die alten Trophä'n)



4. Zuckt, wie brennendes Gold, einer Glorie Schein.



5. Letzte Abschrift. Vollendung der Übersetzung.



Durch die Dämmrung des Münsters kommst du geflammt;

Da, wie Feuer, lodert des Betstuhls Sammt;

Um der alten Trophäen marmorne Reihn

Zuckt, wie brennendes Gold, einer Glorie Schein.



Vergleicht man die erste Übersetzung unter 1. mit der vollendeten Form

unter 5., so erkennt man unschwer, wie es dem Übersetzer neben dem Wortsinn

auf den Wortgeist ankam, wie er sich um den Ausdruck mühte, wie er

die malerische, plastische Wirkung auch durch den Reim zu erreichen strebte und

wie er schließlich mit kühnem Wurf die logische Verschmelzung des Wortgeistes

mit dem ursprünglichen Wortsinn herstellte. Es läßt sich somit die Übersetzerthätigkeit

in dieser Strophe folgendermaßen disponieren:



a. Suchen nach dem richtigen Ausdruck, welcher über die Formen

dämmernder Kreuzgang, Kirchendämmerung, dämmernder

Münster hinüber plötzlich in „Dämmrung des Münsters“ erblüht.



b. Veränderung des farblosen Reimes Pfadnaht in den

farbenvollen Reim: flammtSammt, wodurch die dichterische

Phantasie den Sammt mit malendem Licht übergießt.



c. Zusammenguß der Form „bleicher Marmor“ in der wörtlichen

Übersetzung (unter 1.) mit der Form (in 3. und 4.) „Und die

alten Trophä'n“ zu einem Bilde.



Überblick und Kritik. So lesbar, so wohlklingend, so dichterisch

schwungvoll auch die Freiligrathsche Übersetzung ausgefallen ist, so ließe sich doch

vom Standpunkt der Treue immerhin noch einiges bemerken. Wir fassen das

Wesentliche in folgenden Punkten zusammen:



a. Der „Chorgang“ der Kirche ist beseitigt und durch Münster ersetzt

worden; der Ort wird dadurch zwar nicht verändert, aber das

Bild erweitert.



b. Die „Säulen“ sind ebenfalls weggefallen; statt derselben nennt

der Übersetzer „sammtene Betstühle“. Er schafft sich dadurch Gelegenheit,

den Sonnenstrahl durch Bild und Reim unvergleichlich

zu malen.



c. Die „Grabmäler“ des Originals mit ihren Trophäen sind etwas

unklar durch Marmor gegeben: der alten Trophäen marmorne |#f0238 : 212|



Reih'n; aber man wird bei dieser Stelle doch sofort an alte

Grabmäler erinnert werden, auf welchen sich die Trophäen als

Helm, Schild, Schwert &c. befinden.



Wir machen diese nicht eben erheblichen Bemerkungen (die zudem nur

die Architektur betreffen) lediglich in der Absicht, um dem Anfänger von

vornherein klar zu machen, was alles der gewissenhafte Übersetzer zu beachten

hat, wie unendlich viel zum Übersetzer gehört, und welch hohe Stellung

der Übersetzungskunst einzuräumen ist.



II. Aus „Song composed in August“ von Robert Burns.

(4. Strophe.)



But, Peggy, dear, the evening's clear,

Thick flies the skimming swallow;

The sky is blue, the fields in view,

All fading-green and yellow:

Come let us stray our gladsome way,

And view the charms of nature;

The rustling corn, the fruited thorn,

And every happy creature.



Die wörtliche Übersetzung dieser Strophe würde etwa so lauten:



Doch, teure Peggy, der Abend glänzt, | tief fliegt die schwebende

Schwalbe; | die Luft ist blau, weithin leuchtet das Feld | so welklichgrün und

gelb. | Komm laß uns schweifen unsern fröhlichen Weg, | und sehen den Zauber

der Natur, | das rauschende Korn, den fruchttragenden Schwarzdorn, | und

jede glückliche Kreatur. |



Freiligrath hat diese Strophe nur dreimal umgeschrieben, dagegen bei

der zweiten Bearbeitung so außerordentlich gefeilt, daß von der ursprünglich

wörtlichen Übertragung wenig mehr übrig blieb.



1. Erste Übersetzung. (Entwurf Freiligraths.)



Doch Mädchen komm! Der West erglomm;

Vorüber wippt die Schwalbe.

Die Luft ist blau, und frisch die Au,

Die farbige, die falbe!

O komm hinan, die laub'ge Bahn

Hinan mit heißen Wangen!

Empor durchs Korn zum Hagedorn,

Und sieh mit Frucht ihn prangen.



Diesen Entwurf hat der Übersetzer mit aller Kunst gefeilt, indem er zunächst

den Provinzialismus wippt beseitigte, ferner plastisch=anschauliche, dem |#f0239 : 213|



Wortsinn angemessene Tropen einwebte und schließlich farbenvolle Reime an

Stelle der eintönigen, banalen setzte. Es entstand folgendes Bild:



2. Herstellung der Lesbarkeit durch Freiligrath.



1. Doch Mädchen, komm! der West erglomm!



huscht



2. Vorüber (wippt) die Schwalbe.



Der Himmel   (wie glüht) die Flur im Tau.



3. (Die Luft ist) blau, (und frisch) die Au



O sieh, wie glüht



4. (Die farbige,) die falbe!



durchs Feld! sieh ruhn die Welt,



5. O komm (hinan,) (die laubge Bahn!)



Die glückliche, die stille!



6. (Hinan mit heißen Wangen!)



Und dort   , o sieh den Dorn



7. (Empor) durchs Korn (zum Hagedorn;)



Jn seiner Scharlachfülle.



8. (Und sieh mit Frucht ihn prangen.)



3. Reinschrift. Vollendung der Übersetzung durch Freiligrath.



Doch Mädchen, komm! der West verglomm;

Vorüber huscht die Schwalbe.

Der Himmel blau, die Flur im Tau!

O sieh, wie glüht die falbe!

O komm, durchs Feld! sieh ruhn die Welt,

Die glückliche, die stille!

Und dort durchs Korn, o sieh den Dorn

Jn seiner Scharlachfülle!



Schlußkritik. Der aufmerksamen Vergleichung treten folgende Thätigkeiten

bei Übersetzung dieser Strophe entgegen:



a. Vertauschung des Provinzialismus wippt gegen das onomatopoetische

huscht;



b. Anwendung bezeichnender Bilder durch Ergänzung der Luft mit

Himmel, wodurch ein freundlicher Gegensatz zur Au oder Flur

entsteht;



c. Tilgung des Widerspruchs von farbig und falb, und Umguß von

Zeile 3 und 4 in ein einheitliches Bild;



d. Klärung des Ausdrucks „laubge Bahn“ und Beseitigung der

Wiederholungen: O komm hinan, hinan mit heißen Wangen,

empor durchs Korn &c.



e. Herstellung eines den künstlerischen Anforderungen entsprechenden

Reims.

|#f0240 : 214|



Von 12 Reimworten hatten 6 den Vokal a, die übrigen 6

das malerische o und au.



Freiligrath vermindert die a=Reime um 4, so daß nur 2 a

bleiben; für die wegfallenden 4 a bringt er zwei e und zwei i

in den Reim, wodurch die Strophe einschmeichelndes Gepräge

erhält.



III. Aus „The lovely lass of Inverness“ von Allan Cunningham.

(Letzte Strophe.)



The hand of God hung heavy here,

And lightly touch'd foul tyrannie;

It struck the righteous to the ground,

And lifted the destroyer hie.

»But there's a day«, quo'my God in prayer;

When righteousness shall bear the gree;

I'll rake the wicked low i' the dust,

And wauken, in bliss, the gude man's ee.!«



1. Erste Übersetzung Freiligraths.



O schwer herab hing Gottes Hand

Anrührend leis die Tyrannei.

Die Guten warf sie in den Staub,

Und ließ die Bösen groß und frei.

Doch so spricht Gott: Ein Tag wird sein,

Da tröst' ich sie, die heute bluten;

Dann liegt, wer heute siegt, am Grund,

Und selig wachen auf die Guten.



Die den Wohllaut berücksichtigende dichterische Feile ließ folgendes Bild

erstehen:



2. Herstellung der Lesbarkeit. (Feile Freiligraths.)



1. O schwer herab hing Gottes Hand



Schwer allen, nur den Sündern nicht!

(Leis treffend nur)



2. (Anrührend leis) (die Tyrannei,)



3. Die Guten warf sie in den Staub.



hob empor den Bösewicht.



4. Und (ließ die Bösen groß und frei.)



5. Doch so spricht Gott: Ein Tag wird sein,



werden meine Wege klar,

(still' ich jeder Wunde Bluten;)



6. Da (tröst' ich sie, die heute bluten;)

|#f0241 : 215|



im Staube der Tyrann,



7. Dann liegt (wer heute siegt, am Grund,)



hoch ersteht wer niedrig war!



8. Und (selig wachen auf die Guten).



3. Reinschrift der Übersetzung von Freiligrath.



O, schwer herab hing Gottes Hand ─

Schwer allen, nur den Sündern nicht!

Die Guten warf sie in den Staub,

Und hob empor den Bösewicht.

Doch so spricht Gott: Ein Tag wird sein,

Da werden meine Wege klar,

Dann liegt im Staube der Tyrann,

Und hoch ersteht, wer niedrig war!



Schlußkritik. Die Vergleichung der 2. Form mit der ersten zeigt, wie

dem Dichter die Änderung in der 2. Zeile nicht genügte, weshalb er sie sofort

einer neuen Redaktion unterzog. Die Änderung in der drittletzten Zeile läßt

den Artikel in die Arsis kommen und ist unschön, weil ein unbetontes Überlesen

dem Verse eine Arsis rauben würde.



Die Übersetzerthätigkeit Freiligraths in dieser Strophe läßt sich auf folgende

Momente zurückführen:



a. Erstrebung schöner Bilder. „Anrührend leis die Tyrannei“

ist ebensowenig ein Bild, als „Leis treffend nur die Tyrannei“,

weshalb geändert wurde.



b. Herstellung einer dem Sinn entsprechenden Fassung.

Das Bild der letzten 4 Verse ist in der neuen Fassung großartiger,

dem rächenden Gott entsprechender, als die erste mattere Fassung,

welche nur die Belohnung hervorkehrt &c.



c. Bildung guter Reime. Durch die unter a erwähnte Änderung

gewinnt nicht nur die Wucht des Reims, sondern durch den Reim

fällt auch die geschraubte Wendung „groß und frei“ weg. Die

Feile ergänzte auch die weiblichen Reime der ersten Übersetzung

(in Vers 6 u. 8) durch männliche, welche sich ohnehin durch das

ganze Gedicht hindurchziehen.



IV. Vox populi von Longfellow.



When Mazárvan the Magician,

Journeyed westward through Cathay,

Nothing heard he but the praises

Of Badoura on his way.


But the lessening rumor ended

When he came to Khaledan,

|#f0242 : 216|



There the folk were talking only

Of Prince Camaralzaman.


So it happens with the poets:

Every province has its own;

Camaralzaman is famous,



Das Übersetzungs-Brouillon Freiligraths läßt folgendes ersehen:



A. Das Ringen um den Anfang, die Gewinnung des richtigen Ausgangspunktes,

veranlaßt den Übersetzer zu den nachstehenden fünf Bearbeitungen

der ersten Strophe.



1. Erste Übersetzung der 1. Strophe durch Freiligrath.



Als der Zauberer Mazárvan

Seinen Weg durch China nahm,

Nur Badoura's Lob empfing ihn

Überall wohin er kam.



NB. Der Übersetzer war mit der 1. und 3. von uns unterstrichenen

Verszeile unzufrieden; jedenfalls war es aber die fehlerhafte Betonung des

Wortes Zāubĕrēr, die ihn zur Umarbeitung veranlaßte.



2. Erste Überarbeitung der 1. Strophe durch Freiligrath.



Als Mazárvan, jener Magus,

Seinen Weg durch China nahm,

Nur das Lob Badoura's hört' er

Überall wohin er kam.



Bei Überlesung dieser Überarbeitung war der Übersetzer mit der 2. und

4. Verszeile unzufrieden, weshalb er sofort eine dritte Bearbeitung vornahm,

in welcher er für das trochäische Wort China (dem Original folgend) das

jambische Wort Cathay einfügt.



3. Neue Bearbeitung der 1. Strophe durch Freiligrath.



Als Mazárvan, jener Magus,

Durch Cathay zu wandern kam,

Nur das Lob Badoura's war es

Überall, was er vernahm.



Freiligrath ersetzte das Wort überall durch allwärts; er nahm es

von dem 4. in den 3. Vers herauf; ferner veranlaßte ihn die 2. Verszeile, |#f0243 : 217|



sowie die Aufsuchung des richtigen Ausdrucks und die gefällige präzise Fassung

(behufs Hervorkehrung der Pointe) zur neuen Änderung:



4. Weitere Änderung der 1. Strophe durch Freiligrath.



Als Mazárvan, jener Magus,


den Westweg nahm



Durch Cathay (zum Westen kam)

Allwärts nur das Lob Badoura's

War es, was er da vernahm.



Diese Änderung befriedigt den Übersetzer am allerwenigsten. Doch zeigt

sie ihm den Weg zur endgültigen Ausfeile des Gewonnenen. Er ändert den

Reim, indem er „westwärts“ wählt (damit das Durchwandern des Landes

nach einer Richtung andeutend) und nimmt ferner die dritte Verszeile von

der 3. Bearbeitung zurück.



5. Endgültige Bearbeitung der 1. Strophe durch Freiligrath.



Als Mazárvan, jener Zaubrer,

Westwärts durch Cathay sich schlug:

Nur das Lob Badoura's hört' er

Überall auf seinem Zug.



4. Nachdem dem Übersetzer der richtige Ausgangspunkt durch Feststellung

der ersten lesbar gewordenen Strophe gelungen ist, schreibt er



B. die 2. Strophe also hin:



1. Zweite Strophe. (Erste Übersetzung.)



Doch das Loben, immer schwächer

Schwieg zuletzt in Khaledán,

Alles dort pries nur den großen

Prinzen Camarálzamán.


2. Überarbeitung der 2. Strophe.



Doch das Loben, immer schwächer,

Schwieg zuletzt in Khaledán;


Volk dort



Alles (dort) pries (nur) den großen


Fürsten



(Prinzen) Camarálzamán.



a. Es verdrießt den Dichterübersetzer, daß die unbedeutenden Wörtchen

dort und nur in der Arsis stehen, während pries eine Thesis ist. Er ändert |#f0244 : 218|



durch Einfügung des Wortes Volk und Streichung von nur. Dort hätte

vielleicht in der Arsis bleiben sollen.



b. Da unter Prinzen meist die jüngeren Glieder eines Herrscherhauses

zu verstehen sind, fügt er das Wort Fürst ein, um die Macht und den Grund

des Ruhmes anschaulicher zu machen und das im Original fehlende Attributiv

große zu rechtfertigen.



C. Die dritte Strophe bereitet größere Schwierigkeiten. Der Übersetzer

entwirft erst eine möglichst treue Übertragung.



1. Dritte Strophe. (Erste Übersetzung Freiligraths.)



Also ist es mit den Dichtern,

Seinen lobt sich jedes Land,

Camaralzaman nimmt Ruhm ein,

Wo Badoura unbekannt.



Um das inhaltlich vollwichtige Wort Badoura in die Reimstelle zu bekommen,

ändert der Übersetzer Land in Flur um. ─ Zur Beseitigung des

farblosen Bildes „nimmt Ruhm an“ macht er sich eine ganze Reihe von

Vorschlägen, die um so bequemer sind, als die Zeile keinen Reim verlangt.

Es entsteht nun folgende Neubearbeitung:



2. Dritte Strophe. (Neubearbeitung Freiligraths.)



geht es den Poeten:



Also (ist es mit den Dichtern:)


Jhren lobt sich jede Flur.



(Seinen lobt sich jedes Land)


(trägt Kränze) (herrscht glorreich) (ist ruhmreich)

(streicht Ruhm ein,) hat Namen



Camarálzamán (nimmt Ruhm ein)


kein Mensch kennt den Badour.



Wo (Badoura unbekannt.)


D. Reinschrift der Übersetzung des ganzen Gedichts.



[Beginn Spaltensatz]
Als Mazárvan, jener Zaubrer,

Westwärts durch Cathay sich schlug:

Nur das Lob Badoura's hört' er

Überall auf seinem Zug.
[Spaltenumbruch]

Doch das Loben, immer schwächer,

Schwieg zuletzt in Khaledán;

Alles Volk dort pries den großen

Fürsten Camarálzamán.
[Ende Spaltensatz]

Also geht es den Poeten;

Jhren lobt sich jede Flur;

Camarálzamán hat Namen,

Wo kein Mensch kennt den Badour.



Schlußkritik. Eine Vergleichung der ersten Übertragung mit der endgültigen

Übersetzung läßt das Ringen des Dichter-Übersetzers mit dem Wortsinn, |#f0245 : 219|



Wortgeist und Sprachgeist erkennen. Der Übersetzer erstrebt wörtliche

Treue so ernst, wie ein Voß; aber ihm schwebt neben dieser Treue der Genius

des Wohllauts und der deutsch=klassischen Sprachweise vor; Freiligrath übersetzt

so, wie sein Freund Longfellow gedichtet haben würde, wenn er ein Deutscher

gewesen wäre. Daher liest sich seine mühe=entsprossene Übersetzung aber auch

wie ein Original, an welchem der Anfänger im Übersetzen sehr viel lernen kann.



§ 81. Ernste Mahnung an den angehenden Dichter.



1. Durch ähnliche Bearbeitungen, wie wir eine solche im § 80

mit aller Absicht und Sorgfalt gegeben haben, sowie durch eine

gewissenhafte Kritik mehrerer Übersetzungen wird der Anfänger

viel gewinnen.



2. Er wird bei verschiedenen Beispielen auch einsehen lernen, zu welch

armseligen Behelfen mancher Translator seither gegriffen hat, der entweder das

Original nicht richtig verstand oder das Deutsche nicht gründlich in der Gewalt

hatte, oder dem der Sinn für die Form abging, oder der zu mangelhafte

Kenntnis der deutschen Prosodik hatte u. s. w.



3. Der Anfänger soll die ganze Schwierigkeit ermessen, die ein jeder

Übersetzer vorfindet. Wir heben daher an dieser Stelle (bevor wir zu den

instruktiven Aufgaben übergehen) ausdrücklich hervor:



a. Ein angehender Dichter soll (muß) so viel wie möglich übersetzen,

weil er an den fremden Gedanken die fremde Empfindung

und die fremde Form festgebunden findet und ihm jede Willkür

unmöglich gemacht ist, wenn er seinen Zweck der treuen und natürlichen

Wiedergabe des fremden Gedichtes erreichen will.



b. Wenn er sich sodann daran wagt, eigene Gedanken und Gefühle

poetisch gestalten zu wollen, so wird er von selbst zu den in

früheren Hauptstücken dieses Bandes gegebenen strengen und kurzen

Formen greifen und jene dilettantischen, leichteren Strophenformen

vermeiden, welche die Neigung zur Willkür begünstigen.



c. Jn dieser Richtung ist die Übersetzung eine Vorschule der eigenen

Produktion.



§ 82. Methode und Technik der Übersetzungskunst.

(An einem Beispiele nachgewiesen.)



1. Rechtfertigung der Wahl des Beispiels.



Pestalozzi, der einflußreichste Pädagog des vorigen Jahrhunderts und der

Begründer des heutigen Volksschul- und Erziehungswesens, lehrt, daß jede Lehrmethode

ihre Ausgangspunkte im Bekannten haben müsse. Jm Hinblick auf |#f0246 : 220|



diesen Erfahrungssatz wählen wir für unsere methodische Anleitung zu geistig

freien, dabei treuen metrischen Übersetzungen mit großer Absichtlichkeit das bereits

von Freiligrath übertragene Muster Longfellows: Vox populi. Jst doch dieses

Beispiel durch die im vorletzten Paragraphen gebotene Darlegung der Erwägungen,

Wendungen, Besserungsversuche und verschiedener durch den Geist des Urbilds

bedingter Kreuz- und Quergänge Freiligraths ein Bekanntes im eminenten

Sinn geworden! Und liegt es doch wie kein zweites klar und durchsichtig

vor den Augen des Lernenden, der (nachdem er unabhängig

vom Stoff geworden ist) unserer Führung in die Methode nunmehr leicht

folgen kann.



Es kann selbstverständlich nicht unsere Absicht sein, durch Wahl gerade des

Longfellowschen Gedichtes den genialen Freiligrath (dem wir S. 196, 197 und

203 eine bedeutsame Stellung in der Geschichte der Übersetzungskunst einräumten)

meistern zu wollen, wenn wir auch nicht alles an seiner Übersetzung gut

heißen konnten und auch jetzt (etwa durch unsere Behandlungsweise dazu bestimmt)

hie und da von ihm abweichen sollten. Unser Zweck ist hier ja

nicht die Übersetzung an sich
(d. h. als Selbstzweck), sondern einzig

und allein das, worauf es beim praktischen Übersetzen zumeist ankommt,


─ Veranschaulichung und Klarlegung der Übersetzungsmethode.



Aus diesem Grunde ist es an dieser Stelle durchaus unwesentlich, ob das

am Schlusse sich ergebende, immerhin mit Umsicht herzustellende Übersetzungsgedicht

allen von uns selbst aufgestellten Anforderungen bis ins einzelne entspricht,

weshalb wir von vornherein gegen eine Vergleichung mit der Freiligrathschen

Übersetzung in Bezug auf Gleichwertigkeit uns verwahren.



Noch möchten wir ─ falls irgend welcher Einfluß Freiligraths auf die

eine oder die andere unserer Formen wahrgenommen werden wollte ─ betonen,

daß ein Anschluß von uns in keiner Weise beabsichtigt ist. Nur den Geist der

Methode suchten wir dem großen Übersetzer abzulauschen, wie ja beispielsweise

alle späteren Übersetzer von Longfellows Sang von Hiawatha bei Freiligrath in

die Schule gingen, und wie auch die Nachvossischen Übersetzer Homers von den

Vossischen Prinzipien sich leiten ließen. Wir erachten dies für einen Vorzug und

glauben, daß ein Fortschritt in der Kunst nur dann möglich ist, wenn die Nachfolger

jene von den Vorgängern errungenen Vorteile (vgl. S. 206 Ziffer 14) sich

aneignen und auf dieser sicheren Grundlage weiter bauen.



2. Wörtliche Übersetzung.



[Beginn Spaltensatz]

Longfellows Originalgedicht.



1.

When Mazarvan the Magician,

Journeyed westward through

Cathay,

Nothing heard he but the

praises

Of Badoura on his way.

[Spaltenumbruch]

Prosaübertragung.



Als Mazarvan der Magier

Reiste westwärts durch China,

Nichts hörte er außer (als nur) das

Lob (den Ruhm)

Von Badaura auf seinem Weg.
[Ende Spaltensatz] |#f0247 : 221|



[Beginn Spaltensatz]

2.

But the lessening rumor ended,

When he came to Khaledan,

There the folk were talking

only

Of Prince Camaralzaman.



3.

So it happens with the poets:

Every province has its own;

Camaralzaman is famous,

Where Badoura is unknown.

[Spaltenumbruch]

Aber das sich verkleinernde (sich verringernde,

abnehmende) (verbreitete)

Gerücht endigte,



Als er kam nach Khaledan,

Dort redete (erzählte) das Volk nur

Vom Prinzen Kamaralzaman.


So ereignet es sich (trägt es sich zu)

mit den Poeten:

Jede Provinz hat ihren eigenen;

Kamaralzaman ist berühmt (hat Ruf,

Berühmtheit),

Wo Badaura ist unbekannt.
[Ende Spaltensatz]



3. Geist des Urbilds.



Das Longfellowsche Gedicht zeigt sich als ein wirklich didaktisches Gedicht

mit klar ausgeführter Exposition und Anwendung; es bedient sich bei seinem

Aufbau der sogenannten poetischen Jnduktion, der poetischen Jndividualisation

und der Analogie.



Seine Didaxis beruht in Ausprägung der Wahrheit, daß jede Berühmtheit

nur eine räumlich eingeschränkte Wirkungsweite und lokale Ausdehnung habe,

daß ein Mann in einem Lande des größten Ruhmes, der höchsten Popularität,

der weitestgehenden Ehren und Auszeichnungen sich erfreuen könne, ohne in einem

anderen Lande auch nur dem Namen nach gekannt zu sein.



Longfellow bietet diese Wahrheit in Form einer allegorisierenden Erzählung.



Mit aller Berechnung wählt er zum Träger derselben einen Magier und

zwar einen bestimmten (wie es scheint ─ allbekannten) Magier. Er begegnet

dadurch von vornherein jedem Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Erzählung,

denn ein Magier ist die zuverlässigste Person des Orients und nicht ─ wie

im Occident ─ Taschenspieler und Wunderkünstler aller Art. Ein Magier ist

ein Mitglied der Priesterkaste (namentlich bei den Persern), oder auch Mitglied

jenes bevorzugten Standes (namentlich bei den Medern), welchem die Erhaltung

der wissenschaftlichen Kenntnisse und die Ausübung der heiligen Gebräuche überlassen

ist. Die Magier sind dort als Erklärer der Bilderschrift, als Astronomen,

als Naturkundige und ─ infolge ihrer Naturkenntnisse ─ als Wahrsager,

Astrologen und Nativitätssteller geachtet; sie unterrichten die königlichen Prinzen,

sind die Richter und die Ratgeber der Könige und besitzen das unbedingteste

Vertrauen des Volks.



Ein solch hervorragender Mann, dessen große Glaubwürdigkeit (Autorität)

der Name Mazarvan verbürgen soll, reist westwärts durch China und hört auf

seinem Weg zuerst nur von Badaura reden; dann wird immer weniger von

Badaura gesprochen, bis ihn in Khaledan niemand mehr erwähnt. Dafür rühmt

man dort den Prinzen Kamaralzaman.



Nach Erzählung dieser Wahrnehmung des Magiers macht Longfellow die |#f0248 : 222|



Nutzanwendung (conclusio) auf die Dichter, deren Ruhm er ebenfalls auf die

Provinz beschränkt erachtet.



4. Versifizierung. Metrische Übersetzung. Dichterische

Feile. Vollendung des Gedichts
.



Um die zum Teil sich kreuzenden, zum Teil einander ablösenden Thätigkeiten

der vorstehenden Überschrift dem Anfänger in ihrer Genesis und logischen

Verknüpfung klar legen zu können, verzeichnen wir linksseitig den vorbereitenden

Gedankengang, die Vorarbeiten und die wesentlichen Erwägungen der Übersetzungsthätigkeit,

während wir rechts die Einzelteile der Übersetzung (gewissermaßen als

Ergebnisse der Erwägungen) in immer mehr sich klärender, aufsteigender Folge

fixieren.



[Beginn Spaltensatz]

Vorbetrachtungen. Vorarbeiten. Erwägungen.



Strophik.



Jede vierzeilige Strophe des Urbilds besteht

aus nur einem, in gebrochenen Zeilen geschriebenen,

trochäischen Langzeilenreimpaar ohne Cäsurreim. Die

Übersetzung hat ein gleiches Maß zu erstreben. Zu

diesem Behufe, und um dem Anfänger den Weg

zur Beweglichkeit und zur Übersetzerroutine zu zeigen,

eröffnen wir nachstehende Versuche.

[Spaltenumbruch]

Übersetzungsversuche

und Ergebnisse der

Feile.

[Ende Spaltensatz]

I. Strophe.



1. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]Wir übersetzen, indem wir den demonstrativen

Charakter des the ins Auge fassen:



Da wir das Wort Magier nicht zweisilbig

(Māgjĕr) lesen wollen, so müssen wir behufs Wegschaffung

des 5. Taktes ändern. Besser wäre die Form:



Aber Zaubrer deckt den Begriff Magier nicht.

Wir ändern:



Die schlechte (lediglich versrhythmische) Schlußlänge

in Magier könnte beseitigt werden durch die

Änderung:



Das Wort Zaubermann deckt freilich den Begriff

ebensowenig als Zauberer, wenn es auch versrhythmisch

unantastbar ist. Zudem erscheint es aus[Spaltenumbruch]

Āls Ma | zārvan | jēner |

Māgi | ēr


Als Mazarvan jener Zaubrer


Als der Māgĭēr Mazarvan


Als der Zaubermann Mazarvan
[Ende Spaltensatz]

|#f0249 : 223|



[Beginn Spaltensatz]Gründen der Phonetik wenig empfehlenswert. Wir

ändern im Hinblick auf das Urbild und den Geist

des Wortes Magier:



Oder:



Oder noch besser mit jenem allbekannten, aus

dem Pehlewi stammenden Worte magu für Magier

(griech. μάγος, lat. magus), das auch in Deutschland

große Anwendung fand seit der rätselhafte,

tiefsinnige Hamann sich den „Magus aus Norden“

nannte:



Diese Form befriedigt, weshalb wir nunmehr

die Versifikation der folgenden Zeilen der 1. Strophe

versuchen:



Die ästhetische Kritik, welche auch die (freilich

sehr unzuverlässige englische) Aussprache des Wortes

Badaura vorzieht, leitet zu den verschiedensten Erwägungen

darüber, ob z. B. Cathay (== Kātăy

== Kētăi für China) nicht englisch Cathé auszusprechen

und trochäisch zu skandieren sei. Dem

Anfänger ist zu raten, solch' zweifelhafte Namen

zum Gegenstande seiner Studien zu machen. Versucht

er dies bei dem Namen Catay, so wird

er finden, daß folgende Schriftsteller Cathay mit

China identifizieren, oder doch als einen Teil von

China ansehen:



1. Sebastian Münster (Kosmographie 1628),

der Cataia neben China nennt, dabei aber Cambala

(Peckni) als Hauptstadt von Cataia bezeichnet;



2. Bruzer la Martinière (Leipzig 1746),

welcher Bd. VI S. 727 bemerkt, daß Cathay

(Kathay, Katai
auch Kitay) nichts anderes als

China sei, indem er sich auch auf Herbelot bezieht,

der Cambala (Peckni) und Nanquin als Hauptstädte

Cathays angiebt;



3. Henry Yule »Cathay and the way

thither
« (Lond. 1866), der China annimmt;



4. Derselbe: »The book of S. Marco

Polo
«. 2. Bd. London 1871. Vgl. S. 580.[Spaltenumbruch]

Als Mazarvan jener Priester

Als Mazarvan jener Weise


Als Mazarvan jener

Magu


Westwärts hinzog durch

Cathay,

Fand er allwärts, daß Badaura's



Name rings zu hören sei.
[Ende Spaltensatz] |#f0250 : 224|



[Beginn Spaltensatz]5. Aug. Bürck „Die Reisen des Venezianers

Marco Polo“. Nebst Zusätzen von K. F. Neumann.

2. Ausg. Leipzig. Vgl. S. 370.



6. Freih. Ferd. v. Richthofen »China«. Dieser

berühmte Reisende, welcher 1868─72 sieben große

Reisen nach China unternahm, widmet der Feststellung

der Jdentität Catays mit China ein ganzes

Kapitel seines berühmten Werks und ist namentlich

S. 580 und 666 zu vergleichen u. s. w.



Nach dieser Studie nehmen wir selbst für den

Fall, daß Longfellow Catay und Khaledan nur

als gleichgültige poetische Bezeichnungen gewählt

haben sollte, das Wort China für Cathay und

übersetzen demgemäß nunmehr:



Wir betrachten das Übersetzte vom phonetischästhetischen

Standpunkte und finden, daß zweimal

„wärts“ unschön ist; wir ändern:



Mißlich erscheint die Trennung des Possessiv=

Genetivs von seinem Nominativ in 2 verschiedenen

Zeilen. Wir versuchen die Änderung:



Die 1. Zeile verlangt nunmehr eine Neuprüfung.

„Zog“ geht allenfalls; der allverehrte

Magier kann ja allein ziehen. „Auf seinem Zug“

ist anspruchsvoller. Aber „flog“ wäre zu viel, zu

hoch. Die Formen „schlug“ (durchschlagen) und

„drang“ (hindurchdringen) würden auf Hindernisse,

Beschwerlichkeiten oder gar Widerstände deuten,

welche der geheiligten Person des Magiers von Niemand

entgegen gesetzt wurden und schon durch den

Wortsinn von journeyed und way ausgeschlossen

sein müssen. Wir versuchen die ganze Form der

1. Strophe herzustellen:

[Spaltenumbruch]

Westwärts hin durch China

zog.


Fand er, daß allein Badaura's



Name rings gefeiert sei.


Fand er, daß Badaura's

Name

Allerwärts gefeiert sei.


Als Mazarvan einst gen

Westen

Seinen Weg durch China

nahm,

War es nur Badaura's

Name,

Der ihm rings entgegen

kam.
[Ende Spaltensatz] |#f0251 : 225|



[Beginn Spaltensatz]Mit Rücksicht auf das in der 2. Strophe

gemeldete Abnehmen des Gerüchts ändern wir die

letzte Zeile:



Jn der 2. und 3. Zeile stört noch Name und

nahm. Wir ändern die 3. Zeile im Hinblick auf

praise des Urbilds:



Nun vermissen wir plötzlich die hochwichtige

Bezeichnung Magu, weshalb wir lieber das Richtungswort

Westwärts opfern, das ohnehin für die Didaxis

gleichgültig ist, denn Mazarvan würde dieselbe

Wahrheit entdeckt haben, wenn er von Chaledan

ostwärts gereist wäre. Wesentlich ist through.

[Spaltenumbruch]

Das ihm rings zu Ohren kam.


War es nur das Lob Badaura's.
[Ende Spaltensatz]



Endgültige Form der 1. Strophe.



Als Mazarvan, jener Magu,

Seinen Weg durch China nahm,

War es nur das Lob Badaura's,

Das ihm rings zu Ohren kam.


II. Strophe.



[Beginn Spaltensatz]Wir gestalten zunächst den Prosastoff metrisch:



Die erste Zeile könnte auch heißen:



Aber das substantivierte Verbum loben entspricht

keineswegs dem Substantiv praise, ebensowenig

dem deutschen Substantiv Lob.



Die 3. und 4. Zeile befriedigen am wenigsten.

Wir beginnen mit allen erdenklichen Besserungsvorschlägen

und Versuchen in der Ausfeile.

[Spaltenumbruch]

Doch das Lob ward immer

schwächer,

Bis es schwieg in Chaledan,

Wo das Volk sich nur erzählte

Von Prinz Kamaralzaman.

Doch allmählich schwand das

Loben
[Ende Spaltensatz]

3. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]

Oder:

Oder:

Oder:



Um die 3. Zeile endgültig zu ändern, ist auch

die 4. Zeile in Betracht zu ziehen:

[Spaltenumbruch]

Dorten pries das Volk nur

einzig

Einzig pries das Volk ja dorten

Dort erzählte sich das Volk nur

Wo das Volk nur sprach zu

Ehren
[Ende Spaltensatz] |#f0252 : 226|



4. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]„Von Prinz“ ist undeutsch. Es muß heißen

vom Prinzen“. Hierfür reicht nun aber der

Zeilenraum nicht aus. Wir müssen daher „den

Prinzen“ schon in die 3. Verszeile rücken und unter

Berücksichtigung des Textes entsprechend abändern:



Diese wenig glückliche Besserung würde auch

das Reimgeschlecht alterieren. Wir ändern:



„Namens Kamaralzaman“ ist nüchtern prosaisch,

wenn auch treu. Wir suchen eine neue

Form, in welcher wir zugleich das fatale Reimwort

Kamaralzaman wegzubringen streben. Nach

einiger Prüfung empfiehlt sich zum Reimwort der

2. Zeile das Begriffswort Lob (praise) aus der

1. Zeile, welches sofort an das bequeme Reim=

Echo „erhob“ erinnert. Neubearbeitung:



Die 3. Zeile könnte vielleicht hinsichtlich des

Grundes des Schwächerwerdens auch lauten:



Doch bietet das Urbild keinen genügenden Anhaltspunkt

hierfür.

[Spaltenumbruch]

Wo das Volk allein vom

Prinzen

Kamaralzaman erzählte.


Wo das Volk nur pries den

Prinzen

Namens Kamaralzaman.


Aber schwächer ward ─ und

endlich

Schwieg ─ in Chaledan das

Lob,

Wo das Volk allein den

Prinzen

Kamaralzaman erhob.


Weil das Volk dort nur den

Prinzen
[Ende Spaltensatz]

Endgültige Form der 2. Strophe.



Aber schwächer ward ─ und endlich

Schwieg in Chaledan das Lob,

Wo das Volk allein den Prinzen

Kamaralzaman erhob.


III. Strophe.



[Beginn Spaltensatz]Wir ordnen den Prosastoff zunächst in trochäische

Viertakter an:

[Spaltenumbruch]

So ergeht es den Poeten,

Jedes Land rühmt seinen an,

Wo Badaura's Name fremd ist,

Da gilt Kamaralzaman.
[Ende Spaltensatz] |#f0253 : 227|



[Beginn Spaltensatz]Wir halten zunächst prüfende Umschau, ob

nicht irgend eine Ausdrucksform freundlicher zu

gestalten ist.

[Spaltenumbruch]

[Ende Spaltensatz]

1. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]

Oder:



Poeten ist jedenfalls durch das deutsche Wort

Dichter gut zu ersetzen:



Oder:

Oder:

[Spaltenumbruch]

So geschieht es den Poeten

Also geht's mit den Poeten


So geschieht es ja den Dichtern

So geschieht es mit uns Dichtern



Also geht es mit den Dichtern
[Ende Spaltensatz]

2. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]Wenn der in der vorigen Strophe mit Recht

beseitigte Reim Kamaralzaman auch hier verschwinden

soll, so ist eine Neuänderung der 2. Zeile

geboten. Wir nehmen das Begriffswort Land in

die Reimstelle, dem der Sinn der letzten (4.) Zeile

ohne weiteres das Reim-Echo unbekannt (unknown)

souffliert. Nunmehr übertragen wir:



Oder:

Oder:

[Spaltenumbruch]

Seinen rühmt ein jedes Land

Seinen rühmt jedwedes Land

Seinen feiert jedes Land.
[Ende Spaltensatz]

3. und 4. Zeile.



[Beginn Spaltensatz]Nach Maßgabe dieser 2. Zeile werden die

beiden letzten Verse lauten müssen:



Oder:



Die Übersetzung „Ehren“ für famous ist deshalb

zu empfehlen, weil sie mit praises (== Ehren)

der 1. Strophe korrespondiert und nunmehr dem

Kamaralzaman genau so viel gewährt, als Badaura

in der 1. Strophe hatte.



Wir erwägen nur noch das Formale und

werden plötzlich durch den unreinen Reim fand

unbekannt gestört. Fehlerhaft ist dieser Reim

nicht gerade, da er in den meisten Teilen Deutschlands

klanglich sich deckt; er könnte daher zur Not

passieren. Doch wollen wir dem Anfänger zeigen,

daß bei einiger Ausdauer jede Klippe zu umschiffen

ist. Um zu einer Änderung zu gelangen,

erwägen wir, daß jedes Land den Namen seines

Dichters mit Stolz nennt, während es den Dichter[Spaltenumbruch]

Kamaralzaman hat Ehren

Wo Badaura nicht bekannt.

Wo Badaura unbekannt.
[Ende Spaltensatz] |#f0254 : 228|



[Beginn Spaltensatz]des andern Landes nicht kennt. So hätten

wir mühelos eine Änderung gefunden, die dem

Urbild entspricht, wenn auch die Reime nicht sehr

farbenvoll sein mögen:

[Spaltenumbruch]

Jedes Land nur seinen nennt,

Kamaralzaman hat Ehren,

Wo Badaura niemand kennt.
[Ende Spaltensatz]

Engültige Form der 3. Strophe.



Also geht es mit den Dichtern:

Jedes Land nur seinen nennt;

Kamaralzaman hat Ehren,

Wo Badaura niemand kennt.



5. Vorschlag zu ferneren Übersetzungen des gleichen

Gedichts
.



Eine lohnende Erschwerung und Steigerung (wie solche andere Übersetzungen

Freiligraths, Em. Geibels, Emil J. Jonas' &c., sowie einzelne

freundliche Formen in den S. 196 erwähnten mustergültigen modernen Übertragungen

der griechischen Tragiker durch Marbach, Kayser &c. ersehen lassen)

würde der Versuch freierer Übersetzungen ergeben. Bei solchen könnte auch der

Cäsurreim mit wechselndem Reimgeschlecht eingefügt werden, wodurch sich denn

das Reimschema a b a b ergeben würde.



Die obige Übersetzungsform der 1. Zeile („Als Mazarvan, jener Weise“),

welche das einzig brauchbare, dem journeyed und way durchaus zusagende

Wort Reise als Reim-Echo empfiehlt, könnte möglicherweise einen brauchbaren

Cäsurreim in der 1. Strophe ergeben, wobei es sich selbstredend fragen müßte,

ob der Jnhalt der 2. und 4. Zeile dies gestattet u. s. w.



Wenn der Lernende nicht ermüdet in Versuchen, Änderungen, Wendungen,

Umgestaltungen, Versetzungen &c. (wie wir diese unter Ziffer 4 anschaulich genug

gezeigt haben), so wird ihm zweifelsohne auch eine freiere, dabei lesbare, in

Bezug auf Treue dennoch befriedigende Übersetzung (noch dazu mit Cäsurreim)

gelingen und ihn zu weiteren metrischen Übertragungen und Umbildungen

ermutigen.



6. Schlußbemerkung.



Man möge erkennen, daß ein ─ selbst von einem Meister übersetztes

Gedicht immer noch weitere Übertragungen zuläßt, und daß unsere elastische

Sprache die allermannigfaltigsten Ausdrucksformen und Wendungen gestattet, ohne

daß sich der aus dem Handwerkertum des Reimsuchens emporringende Übersetzer

vom Geiste des Urbilds auch nur um eine Linie zu entfernen genötigt sieht.



Es ist selbstverständlich, daß dieses einzige Beispiel unsere S. 198 ff. aus

den besten deutschen Übersetzungen abstrahierten Grundsätze nicht sämtlich zur

Anschauung bringen konnte, ja, daß mancher der hier gezeigten Handgriffe nicht

bei jeder metrischen Übersetzung zur Anwendung zu gelangen braucht.

|#f0255 : 229|



Je mehr die Übung wächst, desto kühner wird der Übersetzer verfahren.

Er wird sich später die wörtliche Übersetzung nicht mehr notieren, wenn er auch

immer erst lesend den Wortsinn sich herstellen und vor allem in den Geist des

Urbilds dringen wird. Bei den einzelnen Übersetzungen werden ihm bald diese,

bald jene unserer Grundsätze und Handgriffe willkommen sein; er wird sie anwenden

und in seinen Arbeiten allmählich jenen Vorbildern in der Kunst der

Übersetzung sich nähern, als deren erstes ─ auch was Selbstkritik betrifft ─

für lange Zeit am Übersetzerhimmel strahlen wird: Ferdinand Freiligrath!



VI. Übersetzungsversuche aus verschiedenen Sprachen.



Wir beschränken uns in den nachstehenden Aufgaben auf jene Sprachen,

aus welchen bisher fast ausschließlich übersetzt wurde, also auf die altklassischen

Sprachen, auf die französische und englische, sowie auf die

italienische, spanische, portugiesische und schwedische Sprache.



§ 83. Griechische Sprache.


A. Übersetzungen aus der griechischen Epik.



Vorbemerkung. 1. Es ist selbstverständlich, daß ohne genaue Kenntnis

der homerischen Formenlehre und Syntax an eine fruchtbare Übersetzung

nicht zu denken ist.



2. Weitere Voraussetzung ist genaue Bekanntschaft mit den von Homer

geschilderten, gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen, um den richtigen

Ton treffen zu können.



3. Es darf nie vergessen werden, daß Homer urantik ist.



4. Wenn irgend ein Dichter, so muß Homer möglichst treu, ja, wortgetreu

übersetzt werden, damit die Kraft und Energie, die Durchsichtigkeit und

Plastik, die Naivetät und Einfachheit der homerischen Vorstellungen sowie seiner

Redeweise nicht verloren gehe. Der ganze Umfang des Sinnlichen, von dem

Homer seine Bilder nimmt, ist zu beachten.



5. Deshalb muß die Übersetzung ─ sozusagen ─ „homerische Färbung“

bekommen.



6. Es muß sogar, soweit möglich, Satzkonstruktion und Wortstellung beibehalten

werden.



7. Man schenke den Gleichnissen Homers besondere Aufmerksamkeit.



8. Zur Übersetzung für die Anfänger empfehlen wir die ersten Gesänge

der Jlias und das erste Buch der Odyssee.



9. Der Anfänger möge eine wortgetreue Übersetzung in Prosa versuchen.



10. Hierauf vergleiche er die Ausgabe von J. H. Voß und versuche

Voßens Härten zu vermeiden.

|#f0256 : 230|



11. Die korrekte Bildung von Accenthexametern muß erstes Erfordernis sein.



12. Die Einführung von Trochäen, namentlich in den 1. und 2. Takt,

ist nach dem Vorgang Voßens gestattet.



Aufgabe. Es sollen die Verse Jlias II, 246─264 (Die Strafrede

des Odysseus gegen Thersites) übersetzt werden.



Stoff: (Nach H. Düntzers Schulausgabe, Paderborn 1873.)



Θερσῖτ' ἀκριτόμυθε, λιγύς περ ἐὼν ἀγορητής,

ἴσχεο, μηδ' ἔθελ' οἶος ἐριζέμεναι βασιλεῦσιν.

οὐ γὰρ ἐγὼ σέο φημὶ χερειότερον βροτὸν ἄλλον

ἔμμεναι, ὅσσοι ἅμ' Ἀτρείδῃς ὑπὸ Ἴλιον ἦλθον·

τῷ οὐκ \̓αν βασιλῆας ἀνὰ στόμ' ἔχων ἀγορεύοις,

καί σφιν ὀνείδεά τε προφέροις, νόστον τε φυλάσσοις.

οὐδέ τί πω σάφα ἴδμεν, ὅπως ἔσται τάδε ἔργα,

\̓η εὖ ἦε κακῶς νοστήσομεν υἷες Ἀχαιῶν.

ἀλλ' ἔκ τοι ἐρέω, τὸ δὲ καὶ τετελεσμένον ἔσται·

εἴ κ' ἔτι σ' ἀφραίνοντα κιχήσομαι, ὥς νύ περ ὧδε,

μηκέτ' ἔπειτ' Ὀδυσῆι κάρη ὤμοισιν ἐπείη,

μηδ' ἔτι Τηλεμάχοιο πατὴρ κεκλημένος εἴην,

εἰ μὴ ἐγώ σε λαβὼν ἀπὸ μὲν φίλα εἵματα δύσω,

χλαῖνάν τ' ἠδὲ χιτῶνα, τά τ' αἰδῶ ἀμφικαλύπτει,

αὐτὸν δὲ κλαίοντα θοὰς ἐπὶ νῆας ἀφήσω

πεπληγὼς ἀγορῆθεν ἀεικέσσι πληγῇσιν.



Wörtliche Übersetzung: Thersites, eitler Schwätzer, obgleich ja ein

lauter Sprecher, halt an, und wolle nicht allein streiten mit den Königen.

Denn ich sage, daß nicht ein anderer Sterblicher schlechter ist, als du von allen,

welche zugleich mit den Atriden vor Jlion kamen; darum solltest du nicht wohl

die Könige im Munde habend reden, und ihnen Schmähungen entgegentragen

und auf die Rückkehr passen. Auch wissen wir nicht eben deutlich, wie diese

Dinge werden sollen, ob gut oder schlimm wir Söhne der Achäer heimkehren

werden. Aber traun, ich sage dir frei heraus, das wird aber auch vollendet

sein; wenn ich noch ferner dich rasend treffen werde, wie nun ja hier, so möge

sodann dem Odysseus nicht mehr der Kopf auf den Schultern sein, und nicht

mehr möge ich des Telemach Vater genannt sein, wenn ich dich nicht packe und

deine Gewänder abziehe, Mantel sowohl als Leibrock und was die Scham bedeckt;

dich selbst aber werde ich heulend zu den schnellen Schiffen entsenden,

schlagend aus der Versammlung mit schmählichen Schlägen.



Übersetzung von J. H. Voß.



Thörichter Schwätzer Thersites, obgleich hellstimmiger Redner,

Schweig', und enthalte dich, immer allein mit den Fürsten zu hadern!

Denn nicht mein' ich, daß hier ein schlechterer Mensch wie du selber
|#f0257 : 231|



Wandle, so viel herzogen mit Atreus' Söhnen vor Troja!

Nie drum nenne dein Mund die Könige vor der Versammlung!

Nicht mit Schmähungen fahre sie an, noch laur' auf die Heimfahrt!

Denn noch wissen wir nicht, wohin sich wende die Sache:

Ob wir zum Glück heimkehren, wir Danaer, oder zum Unglück.

Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet!

Find' ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben, wie jetzo;

Dann soll nicht dem Odysseus das Haupt noch stehn auf den Schultern,

Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen:

Wenn nicht schnell dich ergreifend ich jedes Gewand dir entreiße,

Mantel sowohl als Rock, und was die Scham dir umhüllet,

Und dich Heulenden fort zu den rüstigen Schiffen entsende,

Aus der Versammlung gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!



Bemerkungen zu Voßens Übersetzung. Die Voßische Übersetzung

ist im ganzen wörtlich und treu. ἴσχεο ist „halt an dich“, dem Sinne

nach == schweige!enthalte dich“ eigentlich wolle nicht. φημὶ heißt

eigentlich sagen. σάφα wir wissen es genau, ist ausgefallen. Vers 254 bis

256 haben wir ausgelassen, weil schon von Aristarch verworfen. Jch sage

dir an:
das an giebt die scharfe Drohung nicht genau wieder, welche in

dieser konstanten Formel steckt.



FM: griechischφίλαFM: griechisch eigentlich deine lieben, gewohnten Gewänder ist zum reinen

Possessiv geworden, kann daher auch in der wörtlichen Übertragung fallen.

Dich Heulenden ist unpassend attributiv gegeben. Die „rüstigen“ Schiffe

können wir nicht gut heißen. Gestäupt ist im Texte drastischer, plastischer,

weil aktiv gegeben. Der letzte Vers hat keinen Daktylus im vorletzten Takte.



B. Übersetzungen aus der griechischen Lyrik.



Vorbemerkung. An nachstehendem Beispiele zeigen wir die Übertragung

lyrischer Maße ins Deutsche. Der Lernende möge zur weiteren Übung die

Anthologie von Stoll als Stoff benutzen. Um sodann die eigenen Übungen

in der griechischen Lyrik erfolgreich fortzusetzen und dieselben mit guten Übertragungsmustern

lernend zu vergleichen, nennen wir zur Auswahl: 1. A. Baumstark,

Blüten der griechischen Dichtkunst in deutscher Nachbildung. 6 Bändchen,

1841. 2. Friedr. Dörr, griechischer Liederschatz. Jn deutscher Nachdichtung

(NB. mit Endreimen), 1858. 3. Jakob Mähly, griechische Lyriker, übersetzt

&c. 1883. Der Anfänger möge nicht zu schnell mit den Metren wechseln,

späterhin freilich mag er dieselben promiscue (d. h. abwechselnd eins unter

dem andern vermischt, in bunter Reihe) gebrauchen. Er vergesse aber auch

hier nicht, daß die Grundlage seiner Arbeit die Philologie ist und bleiben muß.

Hat er die Verse philologisch richtig erfaßt, dann möge er als Poesie= und

Metrumverständiger, als Dichter auftreten.

|#f0258 : 232|



Aufgabe. Es soll das nachfolgende Anakreontikon übertragen werden!



Besuch des Eros.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff:

Anacreontis Teii συμποσιακα ημι-

αμβια ed. Rose. Nr
. 33.



Μεσονυκτίοις ποθ' ὥραις,

στρεφέτην ὅτ' ἄρκτος ἤδη

κατὰ χεῖρα τὴν βοώτου·



4.

μερόπων δὲ φῦλα πάντα

κέαται κόπῳ δαμέντα·

τότ' Ἔρως ἐπισταθείς μεν

θυρέων ἔκοπτ' ὀχῆας.



8.

τίς, ἔφην, θύρας ἀράσσει

κατά μευ σχίσας ὀνείρους;

ὁ δ' Ἔρως, ἄνοιγε, φησίν·

βρέφος εἰμί, μὴ φόβησαι,



12.

βρέχομαι δὲ κἀσέληνον

κατὰ νύκτα πεπλάνημαι.

ἐλέησα ταῦτ' ἀκούσας,

ἀνὰ δ' εὐθὺ λύχνον ἅψας



16.

ἀνέῳξα. καὶ βρέφος μὲν

ἐσορῶ, φέρον δὲ τόξον

πτέρυγάς τε καὶ φαρέτρην.

παρὰ δ' ἱστίην καθίξας



20.

παλάμαισι χεῖρας αὐτοῦ

ἀνέθαλπον, ἐκ δὲ χαίτης

ἀπέθλιβον ὑγρὸν ὕδωρ.

ὁ δ', ἐπεὶ κρύος μεθῆκε,



24.

φέρε, φησί, πειράσωμεν

τόδε τόξον, εἴ τι μοι νῦν

βλάβεται βραχεῖσα νευρή.

τανύει δὲ καί με τύπτει



28.

μέσον ἧπαρ, ὥσπερ οἶστρος·

ἀνὰ δ', ἅλλεται καχάζων,

ξένε δ', εἶπε, συγχάρηθι·

κέρας ἀβλαβὲς μὲν ἦν μοι,



32.

σὺ δὲ καρδίην πονήσεις.

[Spaltenumbruch]

Übersetzung. Von J. Fr. Degen.

─ Redigiert, ergänzt und erklärt von

Ed. Mörike.



Jüngst in mitternächt'ger Stunde,

Als am Himmel schon der Wagen

An Bootes' Hand sich drehte,

Und, ermattet von der Arbeit,

Schlafend lagen alle Menschen,

Da kam Eros noch und pochte

An der Thüre meines Hauses.

Wer doch, rief ich, lärmt da draußen

So? wer störet meine Träume?

„Öffne!“ rief er mir dagegen:

„Fürchte nichts. Jch bin ein Knabe,

Habe mich verirrt in mondlos

Finstrer Nacht, von Regen triefend.“

Mitleidsvoll vernahm ich dieses,

Nahm in Eile meine Lampe,

Öffnete, und sah ein Knäbchen,

Welches Flügel an den Schultern

Hatte, Pfeil und Bogen führte.

Alsbald ließ ich ihn zum Feuer

Sitzen, wärmte seine Hände

Jn den meinen; aus den Locken

Drückt' ich ihm die Regennässe.

Drauf, als ihn der Frost verlassen,

Sprach er: „Laß uns doch den Bogen

Auch versuchen, ob die Sehne

Nicht vom Regen schlaff geworden“ ─

Spannte, traf, und mir im Busen

That es wie der Bremse Stachel.

Er nun hüpfte auf und lachte:

„Siehst du, guter Wirt, wie glücklich!

Unbeschädigt ist mein Bogen,

Doch dir wird das Herz erkranken.“
[Ende Spaltensatz]



(Vgl. hier die abweichenden Lesarten in Th. Bergks poetae lyrici

Graeci. Vol. III
, S. 315 Nr. 31: 2. στρέφεθ' ἥνίκ' Ἄρκτος ἤδη.

9. σχίζεις. 17. φέροντα. 19. καθῖσα. 20. παλάμαις τε. 31. κέρας

ἀβλαβὲς μὲν ἡμῖν.) Man beachte auch die unleidlichen Zerreißungen in

der Versifikation, z. B. V. 8 zu 9, 12 zu 13 &c.

|#f0259 : 233|



C. Übersetzungen aus der griechischen Tragödie.



Vorbemerkung. Bei der Reproduktion der Chorgesänge der antiken

Tragödie in modernen Versformen ist hauptsächlich Folgendes zu beachten:



1. Die phraseologische und rhetorische Eigentümlichkeit des Originals ist

möglichst genau festzuhalten. Die gereimten Übertragungen dürfen somit nicht

bloße Paraphrasen sein, was u. a. Jordan in seiner Vorrede zur Sophokles=

Übersetzung einem Übersetzer rügt.



2. Um in den Chorgesängen einen dem Original möglichst verwandten

Eindruck hervorzubringen, ist es nicht bloß nötig, die für dieselben charakteristische

antistrophische Responsion streng zu wahren; ─ es gilt auch, mit

längeren und kürzeren Versen,
mit verschiedenen Taktarten in ähnlicher

Weise zu wechseln, wie es der griechische Dichter gethan hat.



3. Neben dem eben Gesagten trägt gefällige Verschränkung der Reime

sehr viel dazu bei, den gereimten Strophen die Eintönigkeit zu benehmen und

ihnen den Charakter größerer Freiheit und belebterer Mannigfaltigkeit zu verleihen.





NB. Den Anforderungen 1─3 entsprechen in hervorragendster Weise

die von uns mehrfach citierten, im Unterricht gut zu verwertenden Übersetzungen

von Th. Kayser.



Aufgabe. Es ist Strophe und Gegenstrophe des Chorgesangs V. 100 ff.

aus Sophokles' Antigone zu übertragen.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff (ed. Wecklein):

Strophe I.



Ἀκτὶς ἀελίου, τὸ κάλ--

λιστον ἑπταπύλῳ φανὲν

Θήβᾳ τῶν προτέρων φάος,

ἐφάνθης ποτ', ὦ χρυσέας

ἁμέρας βλέφαρον, Διρκαί--

ων ὑπὲρ ῥεέθρων μολοῦσα,

τὸν λεύκασπιν Ἀργόθεν

φῶτα βάντα πανσαγίᾳ

φυγάδα πρόδρομον ὀξυτέρῳ

κινήσασα χαλινῷ.

\̔ον ἐφ' ἡμετέρᾳ γῇ Πολυνείκης

ἀρθεὶς νεικέων ἐξ ἀμφιλόγων

ἤγαγε· κεῖνος δ' ὀξέα κλάζων

αἰετὸς \̔ως γῆν ὑπερέπτη,

λευκῆς χιόνος πτέρυγι στεγανός,

πολλῶν μεθ' ὅπλων

ξύν θ' ἱπποκόμοις κορύθεσσιν.

[Spaltenumbruch]

Wörtliche Übertragung.



Strahl des Helios, am schönsten erschienenes

Licht dem siebenthorigen Theben

unter den früheren, du bist endlich

erschienen, Auge des goldnen Tages, über

die dirkeischen Fluten geschritten, und hast

den weißbeschildeten Mann (Adrastos,

den Oberfeldherrn, in dem das Heer

mitbefaßt ist), der von Argos in voller

Rüstung gekommen, den fliehend vorwärtseilenden

mit rascherem Zügel in

Bewegung gesetzt. Jhn hatte gegen

unser Land Polyneikes infolge hadernden

Streites herangeführt. Laut

schreiend wie ein Adler überflog er

das Land, bedeckt vom Flügel weißen

Schnees, mit vielen Waffen und samt

Roßschweifhelmen.

[Ende Spaltensatz] |#f0260 : 234|



[Beginn Spaltensatz]

Antistrophe I.



στὰς δ' ὑπὲρ μελάθρων φονώ--

σαισιν ἀμφιχανὼν κύκλῳ

λόγχαις ἑπτάπυλον στόμα

ἔβα, πρίν ποθ' ἁμετέρων

αἱμάτων γένυσιν πλησθῆ--

ναί τε καὶ στεφάνωμα πύργων

πευκάενθ' Ἥφαιστον ἑλεῖν.

τοῖος ἀμφὶ νῶτ' ἐτάθη

πάταγος Ἄρεος, ἀντιπάλου

δυσχείρωμα δράκοντος.


Ζεὺς γὰρ μεγάλης γλώσσης κόμ--

πους

ὑπερεχθαίρει, καί σφας ἐπιδὼν

πολλῷ ῥεύματι προσνισσομέ--

νους,

χρυσοῦ καναχῆς ὑπερόπτας,

παλτῷ ῥίπτει πυρὶ βαλβίδων

ἐπ' ἄκρων ἤδη

νίκην ὁρμῶντ' ἀλαλάξαι.

[Spaltenumbruch]



Stehend über den Wohnungen gähnte

er mit tötlichen Lanzen ringsum den

siebenthorigen Mund an, aber er zog

ab, ehe er sich mit seinen Kinnbacken

sättigte an unserem Blute und der

Hephästos aus Fichtenholz (d. h. die

Pechlohe des Feuers) den Kranz der

Befestigungen nahm. Also erhob sich

in seinem Rücken das Getöse des Ares

(Schlachtgetümmel), der schwer (d. h.

gar nicht) zu bewältigende Anprall des

gegenringenden Drachen. (Dem Adler

d. h. dem Argiver tritt der Drache

d. h. der Thebaner entgegen.) Denn

Zeus haßt sehr die Prahlereien einer

hochfahrenden Zunge, und als er sie

herannahen sah in gewaltigem Strome,

stolz auf das Rauschen des Goldes

(der goldenen Rüstung), da warf derselbe

mit geschwungenem Feuer den

nieder, welcher schon auf der Höhe der

Zinnen das Siegesgeschrei zu erheben

sich anschickte.

[Ende Spaltensatz]

Donners Übersetzung im Versmaße der Urschrift.

Erste Strophe.


Strahl des Helios, schönstes Licht,

Wie's der siebenthorigen Stadt

Thebe's nimmer zuvor erschien!

Du strahlst endlich, des gold'nen Tags

Aufblick, herrlich herauf,

Über Dirka's Fluten herüberwandelnd;

Und Jhn, der mit leuchtendem Schild

Kam von Argos in voller Wehr,

Triebest du flüchtig in eilendem Lauf

Fort mit hastigem Zügel:

Jhn, den Polyneikes' feindlicher Zwist

Zu dem Kampfe geführt auf unsere Gau'n,

Der kühn, wie der Aar,

Hellkreischend herabflog über das Land,

Von der Schwinge gedeckt weißglänzenden Schnee's,
|#f0261 : 235|



Mit der Rüstungen viel

Und mähnenumflatterten Helmen.


Erste Gegenstrophe.



Über den Dächern stehend, umgähnt'

Er den siebenthorigen Mund

Mit blutlechzenden Speeren rings,

Und floh, eh in unserem Blut

Sich sein gieriger Schlund

Schwelgend füllt', und ehe den Kranz der Türme

Flammenglut des Hephästos fraß.

Also braust' im Rücken umher

Donner des Kriegs; schwer wurde der Kampf

Dem anstürmenden Drachen.

Denn schwer haßt Zeus der vermessenen Zung'

Hochfahrenden Stolz; und als er ihr Heer,

Den heranwogenden Strom, schimmernd in Gold,

Jm Geräusch unbändigen Trotzes, ersah:

Da traf er den Mann mit geschwungenem Strahl,

Der schon an die Höh'n,

Siegsruf anstimmend, empordrang.



NB. Die Apostrophierung füllt' und braust' ist zu rügen.



Theodor Kaysers Übersetzung.

Erste Strophe.



Licht des Helios, sei gegrüßt,

Du, das wieder mit freundlichem Strahle

Thebe die siebenthorige küßt!

Hehr und herrlich wie nie zuvor

Steigest du über Dirke's Thale,

Auge des goldenen Tages, empor:

Jhn der uns genaht von Argos' Gefild,

Den Mann mit dem weißen, dem blitzenden Schild,

Es scheuchte dein Blick

Jn eilige hastige Flucht ihn zurück.


Chorführer.



Es rief von seines Hasses Grolle

Getrieben Polyneikes ihn,

Und über unsrer Heimat Scholle

Flog er, ein Adler, kreischend hin:

Es decken ihn schneeweiße Schwingen,

Hellschimmernd reiht sich Schild an Schild,
|#f0262 : 236|



Die dichtgedrängten Waffen klingen,

Der Helme Mähnen flattern wild.


Erste Gegenstrophe.



Schon umkreist er der Thore Mund

Beutelechzend mit mordender Lanze,

Aber er floh noch ehe sein Schlund

Sich gesättigt mit unserm Blut,

Ehe noch an der Türme Kranze

Leckte der Flamme verzehrende Glut;

Denn rings um ihn her wildbrausend erscholl

Das Wetter des Ares wie Donnergeroll:

Der Aar ─ er erlag

Des ringenden Drachen gewaltigem Schlag.


Chorführer.



Vermessner Zunge keck Gebaren,

Schwer haßt es Zeus: er schaute her:

Gewaltig wogen ihre Scharen

Umrauscht von goldgeschmückter Wehr:

Da trifft er mit geschwungnem Blitze

Den Prahler, der empor schon stieg,

Um von der Zinnen höchster Spitze

Laut auszujubeln seinen Sieg.



(NB. Der Lernende beachte die herrliche Strophenform Kaysers mit dem

schönen strophischen Charakteristikum, sowie den verständnisvollen Rhythmuswechsel

u. a.)



Bemerkungen zu den Übersetzungen.



Die Übertragung der Chorgesänge des Sophokles ist eine der schwierigsten

Aufgaben der Übersetzungskunst. Es darf daher nicht wundernehmen, daß

nicht nur die wörtliche Übertragung von den poetischen und insbesondere von

den freien Übersetzungen sehr wesentlich abweicht, sondern auch die letzteren

unter sich kaum mehr viele Ähnlichkeit zeigen. Eine Beurteilung der mitgeteilten

Proben ohne genaue und eingehende Besprechung der betreffenden

Stellen nach Lesart, Auffassung und Abteilung ist kaum möglich und fruchtbringend.

Derartige philologische Erörterungen aber wird man hier nicht suchen;

doch haben wir auf eine Probe nicht verzichten zu müssen geglaubt. Einige

zum Verständnis notwendige Bemerkungen sind an den betreffenden Stellen

eingereiht worden. Bezüglich der Übersetzungen von Donner und Kayser müssen

wir auf die von den Verfassern benützten Textrecensionen verweisen. Was das

Verfahren des angehenden Übersetzers betrifft, so genügt es, auf die Bemerkungen

zu den lateinischen Aufgaben (S. 237) zu verweisen.

|#f0263 : 237|



§ 84. Lateinische Sprache.



Vorbemerkungen für das Übersetzen lateinischer Verse. Wer

Verse aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen lernen will, bedarf genauer

Kenntnis der Metrik und Prosodik. Man versuche sich zunächst am Hexameter

und Pentameter, wobei man eine Anthologie, Chrestomathie oder palaestra

musarum
(z. B. von Gaupp oder Seyffert) wählen kann. Dort

sind zunächst einzelne Hexameter oder Pentameter ohne Elisionen und sonstige

Abweichungen geboten. Man achte besonders auf die Wortstellung, auf die

Abweichungen der Dichter u. a. Es ist gerade nicht notwendig, daß man verstehe,

eigene lateinische Verse zu bilden. Wohl aber halten wir es für unerläßlich,

daß man sich im Retrovertieren von Versen übe, wobei man bald

bemerken wird, daß es am leichtesten zum Ziele führt, wenn zuerst der Schluß

des Verses gewonnen wird, (wenn man also die beiden Schlußtakte zuerst

bildet); für das Griechische freilich ist letzteres Verfahren keine solch wesentliche

Erleichterung.



An die Anthologie reiht sich dann Ovid und Vergil. Hat man sich auf

diese Art vorbereitet und jedesmal eine gute Übersetzung nachgelesen, dann

wage man sich an den formenreichen Horaz, der nicht weniger als 26 sapphische

und 37 alcäische Oden bietet. Für besonders fruchtbringend halten wir es,

ein und dasselbe Thema in verschiedenen Maßen zu behandeln.



Aufgabe 1. Es ist Vergils Aen. II, 3─20 ins Deutsche zu

übertragen.



Stoff. (Nach Wagners Ausgabe.)



Infandum, regina, jubes renovare dolorem,

Troianas ut opes et lamentabile regnum

Eruerint Danai; quaeque ipse miserrima vidi,

Et quorum pars magna fui. Quis talia fando

Myrmidonum Dolopumve aut duri miles Ulixi

Temperet a lacrimis! et jam nox humida caelo

Praecipitat, suadentque cadentia sidera somnos.

Sed si tantus amor casus cognoscere nostros

Et breviter Troiae supremum audire laborem,

Quamquam animus meminisse horret, luctuque refugit,

Incipiam.

Fracti bello fatisque repulsi

Ductores Danaum, tot jam labentibus annis,

Instar montis equum divina Palladis arte

Aedificant, sectaque intexunt abiete costas;

Votum pro reditu simulant; ea fama vagatur.

Huc delecta virum sortiti corpora furtim

Includunt caeco lateri, penitusque cavernas

Ingentis uterumque armato milite complent.

|#f0264 : 238|



Wörtliche Übersetzung. Den unsäglichen Schmerz, o Königin, befiehlst

du zu erneuern, wie die Trojanische Macht und das bejammernswerte

Reich die Danaer zerstört haben, und was ich selbst so unglückliches gesehen

habe, und dessen großer Teil ich gewesen bin (wobei ich selbst eine große Rolle

spielte). Wer sollte bei solcher Erzählung unter den Myrmidonen oder Dolopern,

oder sogar welcher Krieger des harten Ulixes sollte sich der Thränen

enthalten! Und schon stürzt die feuchte Nacht vom Himmel nieder, und es

raten die fallenden Gestirne den Schlummer. Aber wenn so groß das Verlangen

ist, unsere Geschicke kennen zu lernen und kurz Troja's letzte Not zu

hören, so will ich, obgleich das Herz sich zu erinnern schaudert und vor Kummer

zurückbebte,* beginnen. Gebrochen vom Krieg und von den Schicksalssprüchen

zurückgetrieben, bauen die Führer der Danaer im Umlaufe schon so

vieler Jahre gleich einem Berg ein Pferd durch die göttliche Pallaskunst, und

aus gehauener Tanne fügen sie die Rippen ein; als ein Weihgeschenk für die

Rückkehr geben sie es aus; dieses Gerücht verbreitet sich. Darein schließen

sie durchs Los ausgewählte Männergestalten heimlich ein in die dunkle Seite,

und füllen gänzlich die großen Höhlungen und den Bauch mit bewaffnetem Krieger.



* (NB. Zurückbebte ist wörtliche Übersetzung, da refugit als Hexameterschluß

langes u haben muß, was bloß im Perfekt der Fall ist. Vgl. auch

die Bemerkung der Wagnerschen Ausgabe.)



Übersetzung von Voß.



Unaussprechlichen Gram, o Königin, soll ich erneuern;

Wie die trojanische Macht und die mitleidswürdige Herrschaft

Danaer warfen in Staub; was ich selbst anschaute des Elends,

Wessen ich selbst nicht wenig ertrug! Wer, solches erzählend,

Myrmidon' und Doloper sei's, und des harten Ulysses

Kriegsfreund, hemmte die Thrän'? Auch eilt die tauige Nacht schon

Himmelab, und es laden die sinkenden Sterne zu Schlummer.

Aber verlangt dich so sehr, zu erkundigen unsere Leiden,

Und ihn kurz zu vernehmen, den endenden Jammer von Troja;

Wie auch der Geist vor des Grames Erinnerung schaudernd zurückfährt,

Will ich gehorchen dem Wunsch. Kriegssatt und gehemmet vom Schicksal,

Harrten die Danaerfürsten so viel hingleitende Jahre;

Ein bergähnliches Roß, durch göttliche Kunst der Minerva,

Bauen sie jetzt, und spünden mit tannener Bohle die Rippen;

Als ein Weihegeschenk für die Heimkehr; solch ein Gerücht fliegt.

Hierin bergen sie heimlich vom Los erkorene Männer,

Eingesperrt in der Seite Verschloß; und die Höhlungen ringsum

Durch den geräumigen Bauch sind voll des gewappneten Kriegers.



Bemerkungen zu vorstehender Übersetzung.



Die Voßsche Übersetzung ist etwas prosaisch und manchmal ungenau,

beinahe unrichtig. „Was ich selbst anschaute: des Elends.“ Dieser |#f0265 : 239|



partitive Genitiv steht nicht im Original. „Hemmte die Thrän'“ ist im

Original Plural. Jn Vers 12 hat Voß die beiden Glieder in eines

zusammengezogen. „Will ich gehorchen dem Wunsch.“ Für das wörtliche

„ich will anfangen,“ ist diese Form zu weitläufig und zudem keineswegs schön

poetisch gesagt. „Kriegssatt“ (für fracti == gebrochen): kriegsmatt entspräche

wohl mehr. Labentibus annis hat Voß unnötiger Weise zu einem Hauptsatze

gemacht und dadurch die Beziehung zwischen fracti und aedificant verrückt.

(Die Not hat zu dem letzten Versuche mit dem Bau des Rosses geführt.)

„Spünden mit tannener Bohle“ ist Prosa für das anschauliche, textliche

„aus gehauener Tanne“. Das Gerücht „fliegt“ ist nicht wörtlich. „Sind

voll des Kriegers“ ist nicht poetisch, nicht wörtlich, nicht deutsch. Eine

Verbindung wie „des Gottes voll“ wäre nicht zu beanstanden. (Man vergleiche

damit die freie Bearbeitung Schillers in: „Zerstörung von Troja“

Str. 1. 2. 3, welche kaum mehr als Übersetzung gelten kann.)



Aufgabe 2. Nachbildung von Horaz Oden, Buch I, 10.



Anleitung. 1. Diese leichte, an und für sich unbedeutende, wenn auch

ansprechende Ode wurde mit Rücksicht auf unsern Zweck, für den Anfänger

zunächst etwas Leichteres und Kürzeres zu bieten, gewählt.



2. Die Ode besteht aus sapphischen Strophen.



3. Dieselbe ist genau zu überdenken, um ihren Geist erfassen zu können.



4. Nunmehr versuche man die wörtliche oder wortgetreue Übersetzung.

Man mache sich die Bedeutung jedes einzelnen Wortes klar; schreibe eine zusammenhängende

Prosaübersetzung nieder, um schließlich die metrische Übertragung

zu erreichen. Man werde sich klar, welche Abweichungen man sich gestattet

hat, welche Unterschiede zwischen der Übersetzung und dem Originale bestehen;

man frage sich, ob und warum man sich Abweichungen gestatten durfte, welche

derselben man etwa zurücknehmen muß u. s. w. Jst man zu einem Schlusse

gekommen, so möge man das Produkt laut vorlesen. Auf diese Weise mahnt

das Ohr an prosodische Jnkorrektheiten u. s. w.



5. Zur Erreichung der Treue muß bei der sapphischen Strophe statt des

Ditrochäus der von Horaz angewandte Trochäus-Spondeus am Anfang der

Verse erstrebt werden.



6. Wesentlich ist die Beachtung des deutschen Accents. Es sind also

nur betonte Stammsilben in die Arsis der Verstakte zu stellen.



7. Eine stehende Cäsur nach der Arsis des Daktylus ist nicht nötig, da

sie auch bei Horaz nicht streng angewandt ist. Um so weniger ist diese Cäsur

im Deutschen erforderlich, als der lateinischen, quantitierenden Sprache für

Herstellung jener Cäsur spondeische und molossische Wörter vor, dagegen pyrrhichische

und anapästische nach derselben in Menge zu Gebot stehen, während

unserer accentuierenden deutschen Sprache die Wörter der letzteren Art fast ganz

fehlen und die ersteren (zufolge unserer Betonungsgesetze) großenteils nicht verwendbar |#f0266 : 240|



sind. Wir müßten zur Aufrechthaltung dieser Cäsur sonach vielfach zu

einsilbigen bedeutungslosen Wörtern greifen, wodurch die Schönheit und Wirkung

des horazischen Verses in der Übersetzung eine Schädigung erleiden würde.



Sapphische Strophenform.



Stoff: 1.

Mercuri, facunde nepos Atlantis,

Qui feros cultus hominum recentum

Voce formasti catus et decorae

More palaestrae,



2.

Te canam, magni Jovis et deorum

Nuntium curvaeque lyrae parentem,

Callidum quidquid placuit iocoso

Condere furto.



3.

Te boves olim nisi reddidisses

Per dolum amotas puerum minaci

Voce dum terret, viduus pharetra

Risit Apollo.



4.

Quin et Atridas duce te superbos

Ilio dives Priamus relicto

Thessalosque ignes et iniqua Troiae

Castra fefellit.



5.

Tu pias laetis animas reponis

Sedibus virgaque levem coerces

Aurea turbam superis deorum

Gratus et imis.



Wörtliche Übersetzung. 1. Merkur, beredter Enkel des Atlas, der

du die wilde (rohe) Lebensart der frischgeschaffenen Menschen (Urmenschen)

durch das Wort gebildet hast klüglich und durch der zierenden (anständigen,

d. h. anstandverleihenden, bildenden) Palästra Sitte (Weise).



2. Dich will ich besingen, des großen Jupiter und der Götter Boten

und der krummen (gewölbten) Lyra Vater, der es verstand, was auch beliebte,

in scherzhaftem Diebstahl zu bergen.



3. Dich schreckt einst, wenn du nicht würdest zurückgegeben haben die

durch List weggebrachten Rinder, den Knaben mit drohender Stimme Apollo:

bar (beraubt) des Köchers lachte er.



4. Sogar auch die übermütigen Atriden hat unter deiner Führung der reiche

Priamus nach verlassenem Troja und die Thessalischen Wachtfeuer und das Troja

feindliche Lager getäuscht.



5. Du setzest nieder die frommen Seelen auf angenehmen Sitzen und

mit dem Stabe hältst du die leichte Schar ─ mit dem goldenen ─ zusammen

den Oberen der Götter angenehm und den Untersten.

|#f0267 : 241|



An Merkurius.



1. Lösung von J. H. Voß.



1.

Hermes, du wohlredender Sproß des Atlas,

Der der Urwelt Menschen aus rohem Unfug

Durch des Worts Weisheit und der Leibesübung

Zierde gebildet:


2.

Dir, dem Herold Jupiters und der Götter,

Sing' ich, dir Anordner der krummen Lyra:

Der du schlau, was auch dir gefiel, in leisem

Scherze verheimlichst.


3.

Dich, wofern du trüglich entwandte Rinder

Nicht herausgäbst, schreckte vordem, den Knaben,

Durch der Stimm' Androhn, und, beraubt des Köchers,

Lächelt' Apollo.


4.

Als von Troja Priamos kam der König,

Deiner Obhut froh, hat er selbst des Atreus

Stolze Söhn', auch Thessalerglut, und Feindes=

Lager getäuschet.


5.

Du verleihst, daß Seelen, die fromm gewandelt,

Still in Wonn' ausruhn, mit dem Schwung des Goldstabs

Leichte Schwärm' abführend, der Höhe Göttern

Wert, und des Abgrunds.



NB. Diese Übersetzung von Voß ist unleidlich und gegen alle wirklich

deutsche Metrik.



2. Lösung von Th. Kayser.



1.

O Merkur, des Atlas beredter Enkel,

Der der Urwelt Sitte, die rohe, weislich,

Durch das Wort und durch der Palästra feine

Künste gebildet,


2.

Dich, den Herold Jupiters und der Götter,

Dich erhebt mein Lied, der gewölbten Lyra

Vater, der, was immer er will, so schalkhaft

Listig entwendet.


3.

Als dich einst als Knaben Apollo drohend

Schreckte: „Giebst du mir die gestohlnen Rinder

Nicht, so“ .... mußt' er lachen, er sah, es war sein

Köcher verschwunden.
|#f0268 : 242|



4.

Ja mit dir ging Priamus einst mit seinem

Golde dort am grimmen Atridenpaare,

An Thessalia's Wachen, am Feindeslager

Sicher vorüber.


5.

Du entrückst zum Sitze der Sel'gen fromme

Seelen, treibst mit goldenem Stab den leichten

Schwarm daher, der oberen Götter Liebling,

Liebling der untern.



Bemerkungen zur Übersetzung, und Methode der Prüfung.



An der Voßschen Übersetzung wird man sofort verschiedene Härten bemerken.

„Wohlredend“ geht ja wohl an, allein das Wort ist kaum poetisch verwendbar,

ja, bei Homer hätten wir nichts gegen ein Participium Präsens. Daß nepos,

Enkel, wie es Apollo in der That war, mit dem allgemeinen „Sproß“ wiedergegeben

ist, wollen wir nicht allzu sehr betonen. Kayser hat das Richtige und

dabei Wörtliche. „Aus rohem Unfug“ ist prosaisch, ja kaum edel schriftdeutsch.

Kayser hat „die Sitte, die rohe“; recentum der frischen, frischgeborenen, oder

nach Sat. I. 3, 99 ff. der eben aus der Erde hervorgewachsenen Menschen.

Beide Übersetzer haben „Urwelt“ dem Sinne nach richtig gewählt; es wird

wohl kaum wörtlich zu geben sein. Das Voßsche „Wortes Weisheit“

scheint gesuchter Gleichklang, und ist im Grundtext nicht begründet. Kaysers

„weislich durch das Wort“ (eigentlich Stimme) ist wörtlich und nicht zu beanstanden.

„Anordner“ ist geschmacklos und nicht einmal wörtlich. „Krumm“

kann nicht stehen bleiben; es weckt bei uns falsche Vorstellungen, wenn freilich

das entschieden bessere „gewölbt“ auch noch nicht allen Anforderungen genügt.

„Jn leisem Scherze verheimlichst.“ Das ist zu leise, wenn der Scherz zum

Rinderdiebstahl wird. Kayser hat „entwendet“; das ist sinnrichtig und giebt

furtum begrifflich wieder. „Wofern“ bei Voß wäre zu billigen als drohender

Amtsstil, wenn die Sache in oratio recta gegeben wäre; hier hat Kayser

die drohende Apostrophe, die sich in Lachen auflöst, fein wiedergegeben. „Durch

der Stimme Androhn“ soll das „An“ den Anfang der Drohung ausdrücken, die

aus Mangel an Vorrat nicht durchgeführt werden kann? Kayser übersetzt „drohend“.

Dives giebt Voß mit „König“; nun ist allerdings „reich“ ein beliebtes

Prädikat der Könige; ob diese Substituierung aber angeht oder nötig ist, bezweifeln

wir. „Mit seinem Golde“ trifft den Sinn der Situation gemäß. Bei

Voß geht dies verloren, abgesehen von dem oben angedeuteten Bedenken.

„Deiner Obhut froh“ soll wohl poetisch sein; „froh“ legt etwas hinein, was

nicht da steht. Kayser übersetzt einfach „mit dir“, was vollständig genügt.

„Thessalerglut“ ist unverständlich; oder sollte Voß eine andere Auffassung der

Stelle haben? Kayser hat richtig „Wachen“, wenn auch ignes bezeichnender,

plastischer, konkreter ist. Das „ging sicher vorüber“ ist für fefellit vielleicht

nicht ganz malerisch genug. „Getäuscht“ ist wörtlich richtig. Den Sinn giebt

Kayser besser wieder. „Seelen, die fromm gewandelt“ ist Exegese und nicht

Übersetzung, zudem langweiliger Pastoralton. Die letzte Voßsche Strophe ist |#f0269 : 243|



überhaupt schleppend. (Jn ähnlicher Weise prüfe man die verschiedenen Übersetzungen

in metrischer und prosodischer Hinsicht und suche sich ein Urteil zu bilden!)



Aufgabe 2. Nachbildung der folgenden Ode des Q. Horatius

Flaccus
(Od. I, 9). Alcäische Strophe.



Ad Thaliarchum.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.



1.

Vides, ut alta stet nive candidum



Soracte nec jam sustineant onus

Silvae laborantes geluque

Flumina constiterint

acuto?



2.

Dissolve frigus, ligna super foco

Large reponens atque benignius

Deprome quadrimum Sabina,

O Thaliarche, merum diota.



3.

Permitte divis cetera, qui simul

Stravere ventos aequore fervido

Deproeliantes, nec cupressi

Nec veteres agitantur orni.



4.

Quid sit futurum cras, fuge

quaerere, et

Quem fors dierum cunque dabit,

lucro

Appone, nec dulces amores

Sperne puer neque tu

choreas,



5.

Donec virenti canities abest

Morosa: nunc et campus et

areae

Lenesque sub noctem susurri

Composita repetantur

hora,



6.

Nunc et latentis proditor intimo

Gratus puellae risus ab angulo

Pignusque dereptum lacertis

Aut digito male pertinaci.

[Spaltenumbruch]

Wörtliche Übersetzung.



1. Siehst du, wie von tiefem Schnee

weiß der Soracte steht, und (wie) nachgerade

nicht mehr die Last ertragen die

Wälder, die notleidenden, und vor Kälte

die Flüsse erstarrt sind ─ vor der

scharfen?



2. Löse auf (mildre) die Kälte,

Scheite über dem Herde reichlich niederlegend,

und freigebiger nimm herab vierjährigen

Lautern, o Thaliarchus, aus

sabinischem Kruge.



3. Überlaß den Göttern das Übrige.

Sobald diese die auf der brausenden

Meeresfläche kämpfenden Winde niedergeworfen

haben, werden weder Cypressen

noch die alten Eschen bewegt.



4. Was morgen sein werde, fliehe

es zu erfragen; welchen der Tage auch

das Schicksal geben wird, setz als Gewinn

an (rechne zum ─) und süße Liebesspiele

verschmähe nicht als Knabe (Jüngling)

noch auch die Reigentänze,



5. Solange dir in der (Jugend)

blüte (dem blühenden) das grämliche Grau

fern ist. Jetzt sollen das (Mars)feld

und (andere) freie Plätze und gegen

Abend sanftes Geflüster zu festgesetzter

Stunde wiederholt (d. h. allabendlich)

aufgesucht werden; ─



6. Jetzt angenehmes Lachen, der

Verräter des verborgenen Mädchens

vom innersten Winkel (d. i. das Lachen,

welches ... verrät), und das den

Armen entrissene Pfand oder dem nur

schlecht (d. i. zum Scheine) festhaltenden

(sich sträubenden) Finger.

[Ende Spaltensatz] |#f0270 : 244|



Übersetzung von Theodor Kayser.



1.

Sieh wie Soracte's Gipfel im Glanz des Schnees,

Des tiefen, strahlt, der seufzende Wald erträgt

Die schwere Last nicht mehr, die Flüsse


2.

Den Frost zu mildern lege zur Flamme Holz

Auf Holz vollauf, und reichlicher spendend geuß

Vierjährgen Wein, o Thaliarchus,

Aus dem sabinischen Henkelkruge.


3.

Das andre stell den Göttern anheim: ein Wink,

Und siehe, alsbald legt sich der Stürme Kampf

Auf wildem Meer und nimmer regen

Sich die Cypressen und alten Eschen.


4.

Was morgen sein wird, frage du nicht, und nimm

Der Tage jeden, den das Geschick dir schenkt,

Hin als Gewinn; der süßen Liebe

Freue du dich und der Reigentänze,


5.

Solang du grünst und grämlichen Alters Grau

Noch ferne steht: jetzt suche den Campus auf,

Den freien Plan, das leise Flüstern

Jn der versprochenen Abendstunde;


6.

Jetzt auch des Mädchens liebliches Lachen, das

Verrätrisch tönt vom trauten Verstecke her,

Und Pfänder, die dem Arm du raubest

Oder, er wehrt sich nur schwach, dem Finger.



NB. Der Lernende möge sich nun an weiteren Beispielen versuchen. Wir

empfehlen hierzu die Oden und Epoden des Horatius Flaccus, Text und Übersetzung

mit Erläuterungen von Theodor Kayser. (Außerdem etwa noch Mähly's

römische Lyriker.)



§ 85. Übersetzungsversuche aus dem Französischen.



Vorbemerkungen für das Übersetzen französischer Verse.



1. Die Auffassung des französischen Verses, wie der französischen Metrik

überhaupt ist keine feststehende. Von der Strenge eines antiken Metrums

kann hier nicht entfernt gesprochen werden. Man pflegt in der Regel nur zu

sagen: Diesem Gedicht liegt jambisches oder trochäisches Versmaß zu Grunde.

Will man weiter gehen, so wird man gut thun, nicht von Verstakten, sondern

von der Silbenzahl zu sprechen. Jrrig ist freilich die Meinung, als ob die

französischen Dichter beim Bau ihrer Verse keine anderen metrischen Regeln zu |#f0271 : 245|



befolgen hätten, als die, eine gewisse Silbenzahl abzumessen, und außerdem

etwa noch an gewissen Stellen Cäsuren eintreten zu lassen. Vielmehr liegt

einem jeden französischen Gedicht irgend ein bestimmter Rhythmus zu Grunde;

und wer etwa ein Gedicht in gebundener Rede schön vortragen wollte, der

hätte dies wohl zu beachten. Dies ist auch für den Übersetzer wichtig.



2. Vorherrschend ist der jambische und der jambisch=anapästische Rhythmus,

daneben macht sich auch der Trochäus geltend.



3. Da der Alexandriner der Nationalvers der Franzosen ist, bei uns

aber der jambische Quinar, so wird am häufigsten aus dem Alexandriner in

unseren jambischen Quinar übersetzt. Es empfiehlt sich, Versuche anzustellen.



4. Die Übertragung ist nicht so leicht, da der Alexandriner länger ist,

als der Quinar. Es muß somit in der Übersetzung um je einen Takt gekürzt

werden.



5. Geht dies nicht an, so kommt der letzte (6.) Takt des Alexandriners

bei der Übersetzung in den ersten Takt des 2. Quinars zu stehen, und dieser

hat nun (mit den noch folgenden 4 Takten) den 2. Alexandriner des Urbilds

zu bieten. Geht auch dies nicht, so müssen vier weitere Alexandriner unverkürzt

gegeben werden, um durch die überschüssigen Takte einen Quinar mehr zu erhalten.

Oder aber muß der Übersetzer die vier leeren Takte jedes zweiten

Übersetzungsquinars durch einen willkürlichen Zusatz ausfüllen.



6. Schiller, der uns Racine's Phèdre im jambischen Quinar übertrug,

sagt in einem Briefe (vom 25. Oktober 1799) an Goethe: „Wie die Geige

des Musikanten die Bewegungen der Tänzer leitet, so auch die zweischenkelichte

Natur des Alexandriners die Bewegungen des Gemüts und die Gedanken.

Der Verstand wird ununterbrochen aufgefordert, und jedes Gefühl, jeder Gedanke

in diese Form, wie in das Bett des Prokrustes, gezwängt. Wird nun

in der Übersetzung mit Aufhebung des alexandrinischen Metrums die ganze

Basis weggenommen, worauf diese Stücke erbaut wurden, so können nur Trümmer

übrig bleiben.“ Schiller hat aber durch seine Übersetzung gezeigt, daß aus

den Trümmern etwas zu machen war, und daß somit seine Klage ebenso unmotiviert

war, als die Goethe's über unsere Sprache. (Vgl. I, 134 dieser Poetik.)



7. Es handelt sich in der Übersetzung weniger um die gleiche Taktzahl

im ganzen, als um vernünftige Benützung der Freiheit, vom Originalvers abzuweichen.





8. Der Lernende wird gut thun, zuerst eine treue Prosaübersetzung herzustellen,

bei welcher er die einzelnen Alexandriner durch Striche abgrenzt, um

sodann die Übertragung in Blankverse zu versuchen.



9. Er wähle z. B. Racine's Phèdre, präge sich immer eine Scene ein

und beginne seine Übersetzung, indem er zuletzt Schillers Übertragung vergleicht.



10. Leichter ist die Übersetzung von Alexandrinern in Alexandriner. Wir

empfehlen für einen Versuch das bekannte Molière'sche Lustspiel „Die gelehrten

Frauen“, wobei die leicht zugängliche Übersetzung von Laun verglichen werden

kann. Hierbei ist freilich zu beachten, daß Laun von der französischen Grundregel

abweicht, die stets ein männliches auf ein weibliches Reimpaar folgen läßt |#f0272 : 246|



und umgekehrt. Er hat auch vieles nichts weniger als treu wiedergegeben.

So übersetzt er den Schluß des 7. Auftritts vom 2. Akt also:



O schrecklich, daß mit dir ich eines Ursprungs bin!

Daß du mein Bruder seist, ich will's nicht länger leiden,

Drum such' ich schamerglüht dein Angesicht zu meiden.



während der Sinn etwa so wiederzugeben gewesen wäre:



„Jst's möglich, daß mit dir ich Eines Blutes bin?

Es kränkt mich bis zu Tod, mich gleichen Stamms zu sehen,

Und ganz verwirrt von Scham treibt's mich hinwegzugehen.“



11. Zur Übung in den Reimstrophen dürfte nicht ungeeignet sein: »Recueil

de Poésies fugitives et d'Essais ─ traductions en vers libres et

métriques par G. Bernard
. Hamburg 1853.« Das Retrovertieren von

Übersetzungen unserer hervorragendsten Dichter zeigt dem Lernenden am besten

die Handgriffe, deren sich der Übersetzer bediente und die umgekehrt (bei

Übersetzungen aus dem Französischen) von Wert sind.



12. Jnstruktiv wirkt es, ein und dasselbe Reimgedicht in verschiedene

Formen zu übertragen. Wir bieten zwei Proben, die der Lernende mehrfach

übersetzen möge, bevor er die Lösungen vergleicht:



a. Stoff. (Von Beaumarchais.)



Le vin et la paresse

Se disputent mon coeur. ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─

Le vin et la paresse

Se partagent mon coeur ..

Si l'une est ma maîtresse,

L'autre est mon serviteur.



[Beginn Spaltensatz]

Erste Lösung. (Von W. Baudissin

in Viertaktern.
)



Die Faulheit zankte mit dem Weine

Sich um mein Herz .. ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─

Der Faulheit halb, und halb dem Weine

Schenkt' ich mein Herz, und so war's recht!

Jst meine Herrin doch die eine,

Der andre mein ergebner Knecht.
[Spaltenumbruch]

Zweite Lösung. (Von E. Geibel

in Dreitaktern.
)



Es streitet mit dem Weine

Die Trägheit um mein Herz .. ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─

Mein Herz ist, wie dem Weine

Der Trägheit zugethan.

Mein Liebchen sei die eine,

Der andre mein Kumpan.
[Ende Spaltensatz]

b. Stoff. (Von Malherbe.)



Elle était du monde où les plus belles choses

Ont le pire destin;

Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,

L'espace d'un matin.

|#f0273 : 247|



[Beginn Spaltensatz]

Erste Lösung. (Von Faust Pachler.)



Sie war aus einer Welt, wo auf das

Fleckenlose

Stets harrt der Untergang,

Als Rose lebte sie ganz so wie jede Rose

Nur einen Morgen lang.
[Spaltenumbruch]

Zweite Lösung. (Von M. Fatkin.)



Es traf, o Kind, dich das erbarmungslose

Geschick, das stets die schönsten Blüten

brach:

Du lebtest, unter Rosen eine Rose,

Wie sie ─ nur einen kurzen Sommertag.
[Ende Spaltensatz]



Aufgabe.



Les Hirondelles von Béranger.



[Beginn Spaltensatz]

Captif au rivage du Maure,

Un guerrier, courbé sous ses fers,

Disait: Je vous revois encore,

Oiseaux ennemis des hivers.

Hirondelles, que l'espérance

Suit jusqu'en ces brûlants climats,

Sans doute vous quittez la France:

De mon pays ne me parlez-vous

pas?


Depuis trois ans, je vous conjure

De m'apporter un souvenir

Du vallon, où ma vie obscure

Se berçait d'un doux avenir.

Au détour d'une eau qui chemine

A flots purs, sous de frais lilas,

Vous avez vu notre chaumine:

De ce vallon ne me parlez-vous

pas?

[Spaltenumbruch]

L'une de vous peut-être est née

Au toit où j'ai reçu le jour;

Là, d'une mère infortunée

Vous avez dû plaindre l'amour;

Mourante, elle croit à toute heure

Entendre le bruit de mes pas;

Elle écoute, et puis elle pleure.

De son amour ne me parlez-vous

pas?

Ma soeur est-elle mariée?

Avez-vous vu de nos garçons

La foule, aux noces conviée,

La célébrer dans leurs chansons?

Et ces compagnons du jeune âge

Qui m'ont suivi dans les combats,

Ont-ils revu tous le village?

De tant d'amis ne me parlez-vous

pas?

[Ende Spaltensatz]

Sur leurs corps l'étranger, peut-être,

Du vallon reprend le chemin;

Sous mon chaume il commande en maître,

De ma soeur il trouble l'hymen.

Pour moi, plus de mère qui prie,

Et partout des fers ici-bas.

Hirondelles de ma patrie,

De ces malheurs ne me parlez-vous pas?



Die Schwalben.



[Beginn Spaltensatz]

1. Lösung. Von Metromanus.



Gefangen an der Mauren Strande,

Ein Krieger unter Kettenlast,
[Spaltenumbruch]

2. Lösung. (Von H. Leuthold.)



Jn Fesseln sang am Mohrenstrande

Ein junger Kriegsmann, Frankreichs

Sohn:
[Ende Spaltensatz] |#f0274 : 248|



[Beginn Spaltensatz]
Sprach: Wieder seh ich das bekannte

Gefieder, das den Winter haßt.

O Schwalben, die ihr Trieb gezogen

Jn dieses heiße Klima fort,

Aus Frankreich kommt ihr ja geflogen;

Sagt ihr von meinem Lande mir kein

Wort?


Ein Liebeszeichen mir zu geben,

Beschwör' ich seit drei Jahren euch;

Vom Thale, wo mein stilles Leben

Sich einst gewieget hoffnungsreich.

Wo eines Bächleins Wellen gehen

Klar unter den Syringen fort,

Habt unser Hüttchen ihr gesehen;

Sagt ihr von jenem Thale mir kein Wort?


Vielleicht ist euer Ein's geboren

An meinem elterlichen Dach;

Und hörte mit gerührten Ohren

Der armen Mutter Schmerzens-Ach.

Hinsterbend, glaubt sie stündlich, meinen

Gewohnten Tritt zu hören dort:

Sie horcht, um bitter dann zu weinen.

Sagt ihr von ihrer Liebe mir kein Wort?


Mein Schwesterchen, ist es beraten?

Habt uns're Jungen ihr gesehn,

Zur Hochzeit allesamt geladen,

Jn ihren Liedern sie erhöhn?

Und meine jungen Waffenbrüder,

Die mir gefolgt in Tod und Mord,

Sah'n alle sie das Dörflein wieder?

Sagt ihr von so viel Freunden mir kein

Wort?


Vielleicht der Fremdling nimmt die Schritte

Durchs Thal, wohl über sie, zurück;

Befiehlt als Herr in meiner Hütte,

Stört meiner Schwester Eheglück.

Für mich giebt's keiner Mutter Flehen,

Nur Sklaverei noch hier und dort;

O, Schwalben, aus der Heimat Höhen,

Sagt ihr von diesem Jammer mir kein

Wort?
[Spaltenumbruch]

„Seid mir gegrüßt im fremden Lande,

Jhr Vögel, die dem Frost entflohn,

Jhr Schwalben, die ein hold Vertrauen

Meerüber trieb ins Sonnenlicht!

Gewiß, ihr kommt von Frankreichs Auen,

Und sprecht ihr mir von meiner Heimat

nicht?


O wollt mir endlich Kunde geben

Vom Thal, wo unsre Hütte liegt,

Wo sich zuerst mein dunkles Leben

Jn goldnem Zukunftstraum gewiegt!

Am klaren Bach, um dessen Blinken

Sich blühender Hollunder flicht,

Saht ihr das graue Strohdach winken,

Und sprecht ihr mir von diesem Thale nicht?


Vielleicht fand Eine Nest und Futter

Am Herd, wo ich zur Welt einst kam;

Jhr saht die Sehnsucht meiner Mutter,

Saht ihre Lieb' und ihren Gram;

Oft wird sie mich zu hören meinen,

Da strahlt vor Freuden ihr Gesicht;

Sie horcht; dann fängt sie an zu weinen ─

Und sprecht ihr mir von ihrer Liebe nicht?


Ging meine Schwester zum Altare?

Saht ihr den muntern Hochzeitreihn

Sie führen mit der Myrt' im Haare?

Und klang der Burschen Weise drein?

Und die mit mir als Waffenbrüder

Jns Feld gerufen Ehr' und Pflicht,

Sah'n sie das Dörflein alle wieder?

Und sprecht ihr mir von so viel Freunden

nicht?


Vielleicht ist rot von ihrem Blute

Der Feind gestürmt an unsern Herd;

Er praßt als Herr von meinem Gute

Und hat die Schwester mir entehrt.

Die Mutter starb in Gram und Schande,

Und Keiner, der die Fesseln bricht!

Jhr Schwalben aus dem Vaterlande,

Und sprecht ihr mir von solchem Jammer

nicht?“
[Ende Spaltensatz] |#f0275 : 249|



NB. 1. Der Lernende übersetze die Aufgabe zuerst wörtlich. Sodann

suche er eine metrische Übertragung herzustellen; endlich vergleiche er die

dichterisch schöne Übersetzung Heinr. Leutholds Strophe für Strophe mit

der zum Teil recht mangelhaften Übertragung des Metromanus, um dessen

Fehler zu erkennen und sich die Vorteile beider Übersetzer anzueignen.



2. Die Behandlung bei den weiteren, unter Ziffer 9, 10 und 11

dieses Paragraphen genannten Stoffen ist die gleiche, weshalb wir auf

weitere Beispiele verzichten.



§ 86. Übersetzungsversuche aus dem Englischen.



Vorbemerkungen für das Übersetzen englischer Verse.



1. Wer seine Übersetzungsversuche mit dem jambischen Quinar beginnt,

hat mit Rücksicht auf den Ausgang unserer Satztakte mit Miltonschen und

Shakespeareschen Quinaren abzuwechseln und all dasjenige zu beachten, was

wir weiter oben (S. 6) über den jambischen Quinar gelehrt haben.



2. Für den Übergang zu den Reimstrophen empfehlen wir: »Translations

from the German Poets by Edward Stanhope Pearson
. 1879.« Die

Retrovertierung zeigt die Wege der Übersetzung besser, als viele Versuche und

Jrrwege dies vermögen. Jn der richtigen Erkenntnis, daß die Form eines

Gedichts als Körper desselben nicht ohne Nachteil für dasselbe zerstört werden

darf, hat Pearson das Versmaß der von ihm ins Englische übertragenen

Gedichte sorgfältig beibehalten, so daß die Rückübersetzung verhältnismäßig leicht

erscheint. Z. B. (S. 178):



(Vgl. Mörike:)



[Beginn Spaltensatz]

The while I sleeping lay,

An hour before the day,

Sang at the window on a tree

A swallow, but scarce marked by

me ─

An hour before the day; u. s. w.
[Spaltenumbruch]

Derweil ich schlafend lag,

Ein Stündlein wohl vor Tag,

Sang vor dem Fenster auf dem Baum,

Ein Schwälblein mir, ich hört' es kaum,

[Ende Spaltensatz]



3. Da wir den Übersetzungen aus dem Englischen schon oben Raum

gewidmet haben, so beschränken wir uns hier auf ein einziges Beispiel, um dem

Lernenden Gelegenheit zur Anwendung zu geben.



4. Selbstverständlich muß zur Vermeidung der Monotonie mit den Cäsuren

gewechselt werden.



5. Um die Einerleiheit der Musik zu vermeiden, sind hie und da Anapäste

einzufügen, wie dies das Original ebenfalls gethan hat.

|#f0276 : 250|



The better land von Felicia Hemans.



[Beginn Spaltensatz]

„I hear thee speak of the better land

Thou call'st its children a happy band;

Mother! O where is that radiant shore,

Schall we not seek it, and weep no more?

Is it where the flower of the orange

blows,

And the fire-flies dance through the

myrthe boughs?“

„Not there, not there, my child!“


Is it where the feathery palm-trees rise,

And the date grows ripe under sunny

skies?

Or midst the green island on glittering

seas,

Where fragrant forests perfume the

breeze,

And strange bright birds, on their starry

wings,

Bear the rich hues ofall glorious things?“

„Not there, not there, my child!“

[Spaltenumbruch]

„Is it far away in some region old,

Where the rivers wander o'er sands of

gold?

Where the burning rays of the ruby

shine,

And the diamond lights up the secret

mine,

And the pearl gleams forth from the

coral strand,

Is it there sweet mother, that better

land?“

„Not there, not there, my child!“


„Eye hath not seen it, my gentle boy!

Ear hath not heard its deep songs of joy!

Dreams cannot picture a world so fair ─

Sorrow and death may not enter there:

Time doth not breathe on its fadeless

bloom,

For beyond the clouds ond beyond the

tomb,

It is there, it is there, my child!“

[Ende Spaltensatz]

[Beginn Spaltensatz]

1. Übersetzung. Von Gisbert

Freiherrn von Vincke.



Jch hör' dich erzählen vom besseren Land,

Du hast seine Kinder glücklich genannt:

Mutter, o wo ist das helle Gestad?

Weine nicht mehr, wir suchen den Pfad!

Jst's wo die Blüte zur Goldfrucht reift,

Durch Myrtenhecken der Glühwurm

streift? ─

„Dort nicht, dort nicht, mein Kind!“


Jst's, wo die gefiederten Palmen ragen,

Die Dattel sich rötet in sonnigen Tagen,

Auf grüner Jnsel an spiegelnden See'n

Die würzigen Waldesdüfte weh'n?

Wo fremde Vögel auf sternigen Schwingen

Der Sonne die prächtigen Farben

bringen? ─

„Dort nicht, dort nicht, mein Kind!“


Jst's weit, weit fort, wo das glänzende

Band

Des Stromes sich schlingt durch goldenen

Sand?
[Spaltenumbruch]

2. Übersetzung. Von Ferd. Freiligrath.





Ein besseres Land nennst du entzückt?

Seine Kinder, sagst du, sind reich und

beglückt?

Mutter, wo mag sein Ufer scheinen?

Laß es uns suchen und nicht mehr weinen.

Jst's, wo im Myrtenhain rastet der Hirt,

Wo die Feuerfliege das Laub durchschwirrt?



─ Da nicht, da nicht, mein Kind!


Jst es, wo schlank die Palme steht,

Das Haupt von gefiederten Büscheln umweht?



Auf Jnseln in ewig heitern Zonen,

Wo duftende Wälder die Blütenkronen

Schütteln, wo Weihrauch die Staude

schwitzt,

Wo der Vogel des Paradieses blitzt?

─ Da nicht, da nicht, mein Kind!


Jst es, wo über Geschiebe von Gold

Brausend die Welle der Ströme rollt?

Wo feurig im tiefen Dunkel der Minen

Diamanten funkeln und rote Rubinen?
[Ende Spaltensatz] |#f0277 : 251|



[Beginn Spaltensatz]
Wo der Rubinen strahlende Pracht

Und der Demant funkelt im dunkeln

Schacht?

Wo die Perlen schimmern an rosigem

Strand,

Jst's dort, o Mutter, das bessere Land? ─

„Dort nicht, dort nicht, mein Kind!“


„Mein Sohn, kein Auge noch sah es zuvor,

Seiner Lieder Jauchzen vernahm kein Ohr,

Nicht Träume malen die Welt voll Licht,

Und Sarg' und Tod, dort weilen sie nicht,

Seine Blumen streifet die Zeit nicht ab ─

Denn jenseit der Wolken und jenseit dem

Grab

Dort ist's, dort ist's, mein Kind!“
[Spaltenumbruch]

Wo die Perle glänzt am Korallenstrand?

O Mutter, ist dort das bess're Land?


Kein Auge sah es, mein Sohn! kein Ohr

Vernahm seiner Stimmen jauchzenden

Chor.

Seine Pracht ─ kein Träumender sah im

Schlummer

Solch Leuchten! ─ fern bleiben ihm Tod

und Kummer;

Nie zerstört die Zeit seinen Glanz, seinen

Duft;

Jenseits der Wolken, jenseits der Gruft

─ Da ist's, da ist's, mein Kind!
[Ende Spaltensatz]



NB. 1. Auch bei der vorstehenden Aufgabe ist zunächst wörtlich zu übersetzen,

bevor die metrische Übertragung versucht wird. Den Schluß bildet die

Vergleichung der 1. Übersetzung mit der zweiten von Freiligrath. Diese

Vergleichung wird die Übersetzungsfehler des Anfängers, wie die Vorzüge der

beiden Übertragungen (namentlich der Freiligrathschen) ersehen lassen; sie wird

instruktiver wirken als eine ins Detail eingehende Belehrung.



2. Ähnlich sind die weiteren Übersetzungsstoffe zu behandeln, auf welche

wir unter Ziffer 2 S. 249 verweisen konnten.



§ 87. Übersetzungsversuch aus dem Jtalienischen.



Vorbemerkungen.



1. Jn keiner Sprache wird es leichter, gute Verse in jedem Versmaß

und über jeden beliebigen Gegenstand zu schreiben, als in der italienischen.

Sie steht in dieser Richtung allen übrigen Sprachen voran. Jhre Sangbarkeit

und ihr Überfluß an Mitteln befähigt sie, all das leichthin zu sagen, was

Dichter in anderen Sprachen nur nach langem Studium und Nachdenken recht

mühsam zu bilden vermögen, weshalb Jtalien von jeher die berühmtesten Jmprovisatoren

besaß.



2. Es ist daher gerade bei Übersetzungen aus der italienischen Sprache

höchster Wohllaut, Gefälligkeit, Sangbarkeit, Melodie, Modulation des Tons,

Weichheit und Anschmiegen des Ausdrucks zu erstreben.



3. Der Lernende möge das im Bd. I, 531 ff. Gesagte beachten.



4. Ferner möge er nach der im § 40 dieses Bandes gegebenen Praxis

verfahren.



Aufgabe. Das nachstehende berühmteste, bei seiner Entstehung

wahrhaft vergötterte, Sonett von Tasso auf Lucrezia, Herzogin

von Urbino, ist zu übertragen.

|#f0278 : 252|



Stoff.



Negli anni acerbi tuoi purpurea rosa

Sembravi tu, che a ̓ rai tepidi all' ôra

Non apre il sen, ma nel suo verde ancora

Verginella s'asconde e vergognosa:


O piuttosto parei (chè mortal cosa

Non s'assomiglia a te) celeste Aurora,

Che le campagne imperla e i monti indora,

Lucida in ciel sereno e rugiadosa.


Or la men verde età nulla a te toglie;

Ne te, benchè negletta, in manto adorno

Giovinetta beltà vince o pareggia.


Così più vago è il fior poi che le foglie

Spiega odorate; e il sol nel mezzogiorno,

Vie più che nel mattin, luce e fiammeggia.



1. Übersetzung. Von Karl Förster. (Vgl. Auserlesene lyrische Gedichte

von Torquato Tasso. Leipzig 1844. S. 64.)



Der Purpurrose warst in deinem Maie

Du gleich, die ihren Busen nie den lauen

Strahlen eröffnet, nur sich zu umbauen

Mit Blättern sinnt in jungfräulicher Scheue.


Oder (daß ich kein irdisch Bild dir leihe)

Warst himmlischer Aurora gleich zu schauen,

Die Höhen goldet und beperlt die Auen

Und tauig niederstrahlt aus lichter Bläue.


Durch Lenzesflucht hast du nichts eingebüßet;

Und, wie verabsäumt du, ─ im schönsten Kranze

Kann Jugend nicht obsiegen dir, noch gleichen.


So wächst die Blum' an Pracht, wenn sie erschließet

Den duftgen Kelch, und immer muß am Glanze

Dem Mittagslicht die Morgensonne weichen.



2. Übersetzung. Von Ph. L. Krafft. (Vgl. Bl. f. bayr. Gymn.

Schulw. 1883.)



Jn deinem Frühling eine Purpurrose

Erschienst du, die noch nicht dem lauen Strahl

Den Kelch erschloß, nein jungfräulich zumal

Und keusch sich barg im grünen Blätterschoße:
|#f0279 : 253|



Vielmehr du schienst (denn keinem irdschen Lose

Vergleicht man dich) wie Frührot, das im Thal

Tauperlt und Berge färbt in Goldopal,

Am Himmel leuchtend, feuchtend niedre Moose.


Nun hat die Sommerzeit dir nichts benommen,*

Noch kann dich, ungeschmückt, im Prachtgewande

Die schönste Maid besiegen, noch erreichen.


So ist die Blume schöner, wenn entkommen

Jhr Duft dem Blatt; und Mittagssonnenbrande

Jst Morgen-Licht und =Glut nicht zu vergleichen.



* Die Fürstin war 40 Jahre, als ihr Tasso das Sonett widmete.



NB. Zu weiteren Übersetzungsübungen empfehlen sich in aufsteigender

Schwierigkeit:



a. die lyrischen Gedichte von Torquato Tasso (von Gries wie von

Förster übertragen);



b. Petrarca, Rime (Übersetzt von Krigar);



c. Ariosto, Orlando furioso (Übersetzt von Gildemeister);



d. Dante Alighieri (Übers. von König Johann v. S., sowie von

K. G. v. Berneck) &c.



Die Anfänger werden durch Vergleichen ihrer Arbeit mit den erwähnten

Übersetzungen wie von selbst auf die leitenden Gesichtspunkte und Feinheiten

des Ausdrucks &c. gebracht werden und Nutzen ziehen.



§ 88. Übersetzungsversuch aus dem Spanischen.



Vorbemerkung.



1. Die spanische Sprache, deren Grundlage das Lateinische bildet, gehört

zu den schönsten romanischen Sprachen, weshalb von jeher gern aus derselben

übersetzt wurde. Sie zeichnet sich durch Wohlklang, Umfang (Reichtum), Kraft

und Majestät des Ausdrucks aus. Sie läßt jeden geschriebenen Laut hören.

Sie ist (namentlich seit der verständnisvollen Reform der Orthographie durch

die Akademie im Jahre 1815) die gleichmäßigste und leichteste unter den

modernen Sprachen.



2. Da der Accent bei konsonantisch auslautenden Wörtern auf der

Ultima liegt, sonst aber in der Regel auf der Penultima (jede Ausnahme

wird durch den Akut bezeichnet), so ist die spanische Sprache ungemein leicht

zu lesen und namentlich die Prosodie von Eigennamen bei der Übersetzung

keinem Zweifel unterworfen.



3. Die Erreichung der Treue macht in Hinblick auf den schon durch Luis

de Gongora begründeten sogenannten geschmückten Stil (estilo culto), der

sich nicht selten durch Schwülstigkeit und übertriebene Eleganz breit macht, große

Anforderungen an den Übersetzer, der sich den Geist des Urbilds vermählen |#f0280 : 254|



muß, um beurteilen zu können, was wesentlich und was möglicherweise wegzulassendes

Ornament ist.



4. Der Reichtum der spanischen Poesie besteht in Romanzen und in

Liedern. Es giebt viele nationale Sammlungen von Romanzen (Romances),

die man Romanceros nennt. Die Sammlung des Duran ist die klassische

Ausgabe der Romanzen.



Das Lied (Cancion) unterscheidet sich von der Romanze durch seine

Strophen (Coplas), desgleichen die Seguidilla. Alle diese Formen werden

unter dem gemeinschaftlichen Namen Versos de arte menor begriffen. Man

besitzt mehrfache Sammlungen derselben unter dem Namen Cancioneros. Sie

sind wie alle lyrischen Dichtungen der Spanier von einer Tiefe und Glut der

Empfindung, die man nur bei den Südländern trifft. Sie empfehlen sich

daher sehr für die Übertragung in unsere gemütinnige Sprache. Jn neuester

Zeit danken wir die Vermittlung mehrerer derselben Johannes Fastenrath in

seinem Calderonbuch.



5. Als lohnenden Stoff zu Übersetzungsversuchen empfehlen wir den mehrfach

bearbeiteten Romancero del Cid, wobei der Anfänger die bekannte Ausgabe

von Keller mit der Übersetzung von Regis benützen mag. Letztere Übersetzung

fordert mehrfach die Kritik heraus, denn:



a. bietet sie Reime statt Assonanzen,



b. gestattet sie sich unnatürliche Zerreißungen und falsche Trennungen,



c. ist sie hie und da trocken und prosaisch,



d. bietet sie zuweilen prosodische Jnkorrektheiten, z. B.:



Mīch dăß īch Rĕcht sōlltĕ sprēchĕn &c.



Aufgabe.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff. Aus Todas las obras

de Don Luis de Gongora
.



NB. Die Orthographie hat der Herausgeber

nach dem gegenwärtig in Spanien herrschenden

Gebrauch abgeändert.



1.

Aprended, flores, de mí

Lo que va de ayer á hoy,

Que ayer maravilla fuí,

Y hoy sombra mia aun no soy.



2.

La Aurora ayer me dió cuna,

La noche ataud me dió,

Sin luz muriera, si no

Me la prestara la Luna,

Pues de vosotras ninguna

Dejad de morir así,

Aprended etc.

[Spaltenumbruch]

Wörtliche Übersetzung.



Lernet, ihr Blumen, von mir

Das, was geht (dauert) von gestern

auf heute,

Denn gestern ein Wunder war ich,

Und heute nicht mehr mein Schatten

bin ich.


Das Morgenrot schenkte mir gestern die

Wiege (Leben),

Die Nacht den Sarg mir gab,

Ohne Licht stürbe ich, wenn nicht

Mir dasselbe liehe der Mond.

Drum von Euch keine

Entgeht so zu sterben.
[Ende Spaltensatz] |#f0281 : 255|



[Beginn Spaltensatz]

3.

Consuelo dulce el clavel

Es á la brevedad mia,

Pues quien me concedió un dia

Dos á penas le dió á él,

Efímeras de un vergel,

Yo cardena él carmesí,

Aprended etc.



4.

Flor es el jazmin, y bella,

No de las más vividoras,

Pues vive pocas más horas,

Que rayos tiene de estrella.

Si el ambar florece, es ella

La flor que contiene en sí,

Aprended etc.



5.

El alelí aunque grosero

En fragrancia, y en olor,

Más dias ve que otra flor,

Pues ve los de Mayo entero,

Morir maravilla quiero

Y no morir alelí,

Aprended etc.



6.

A ninguna flor mayores

Términos concede el Sol,

Que al fecundo Girasol

Matusalen de las flores,

Ojos son aduladores

Cuantas en él joyas ví,

Aprended etc.

[Spaltenumbruch]

Süßer Trost ist die Nelke

Für mein kurzes Dasein,

Denn der, welcher mir gewährte einen

Tag,

Zwei kaum ihr gewährte er.

Eintagsblüten aus einem Garten,

Jch hell=violett, sie karmoisin.


Eine Blume ist der Jasmin und eine

schöne,

Keine von den langdauernden (langlebigen);



Denn er lebt wenig mehr Stunden,

Als Strahlen er hat an seinem Stern!

Wenn die Ambra blüht, so ist er (der

Jasmin)

Die Blume, welche er enthält in sich.


Der Goldlack (auch die Levkoje) wenngleich

grob

An Wohlgeruch und an Duft,

Mehr Tage sieht er als eine andere

Blume;

Denn er sieht die des ganzen Mai,

Sterben als Maravilla will ich,

Und nicht sterben als Goldlack.


Keiner Blume längeres

Leben gewährt die Sonne,

Als der fruchtbaren Sonnenblume,

Methusalem unter den Blumen,

Soviel schmeichlerische Augen

Giebt es, als ich sah an ihr.
[Ende Spaltensatz]

Übersetzung. Von Em. Geibel.

Ein Eintagsglöckchen spricht:



[Beginn Spaltensatz]

1.

Lernt, ihr Blumen, lernt von mir,

Wie sich heut und gestern zweit;

Gestern noch des Gartens Zier,

Bin ich kaum mein Schatten heut.


2.

Gestern mit dem ersten Funkeln

Wiegte mich das Morgenrot;
[Spaltenumbruch]

Doch die Nacht schon gab mir Tod,

Und gewelkt wär' ich im Dunkeln,

Hätte nicht des Mondes Schimmer

Sich ergossen durchs Revier.

Gleichem Los entgeht ihr nimmer;

Lernt, ihr Blumen, lernt von mir.
[Ende Spaltensatz] |#f0282 : 256|



[Beginn Spaltensatz]

3.

Süßer Trost sind mir die Nelken

Für mein gar so frühes Grab,

Denn der Einen Tag mir gab,

Läßt auch sie nach zweien welken.

So in Einem Garten blühend

Kommen, gehn zusammen wir,

Bläulich ich, sie purpurglühend;

Lernt, ihr Blumen, lernt von mir.


4.

Schön ist Blüte vom Jasmin;

Doch auch sie ist bald entschwunden,

Denn kaum lebt sie so viel Stunden,

Als am Stern ihr Strahlen blühn.
[Spaltenumbruch]

Wenn der Ambra wüchs' als Pflanze,

Sicher blüht' er dann in ihr,

Lebt' und stürb' in ihrem Glanze;

Lernt, ihr Blumen, lernt von mir.


5.

Nur der Goldlack nebenbei,

Grob von Blättern, grob von Düften,

Hält sich länger in den Lüften,

Denn er sieht den ganzen Mai.

Doch als Tausendschön zu sterben,

Trag' ich wahrlich mehr Begier,

Denn als Lack Heil zu erwerben:

Lernt, ihr Blumen, lernt von mir.
[Ende Spaltensatz]



Zur Beurteilung des Originalgedichts und der Übersetzung.



1. Dieses Gedicht ist eine Art Zadschal (Klanggedicht) oder Muwaschaha,

welche beide freundliche, sich gleichende, arabisch=spanische Volksliedformen wir

unseren Dichtern zur Einführung in die deutsche Litteratur sehr empfehlen

möchten. Das unterscheidende Kennzeichen ist, daß ein Reim oder ein Reimkomplex

in einer Einleitungsstrophe, welche man auch das Thema nennen

könnte, auftritt, dann von andern Reimen unterbrochen wird, aber am Ende

jeder Strophe wiederkehrt und den Schluß des Ganzen bildet; die Anordnung

im einzelnen und die Wahl des Metrums bleibt dem Belieben des Dichters

anheimgegeben. (Vgl. für Näheres v. Schack „Poesie und Kunst der Araber

in Spanien und Sicilien“ 1865. Bd. II, S. 52 und 128 ff.)



2. Geibels Strophen weichen vom Original ab, dessen didaktische, die

Pointe des Ganzen enthaltende kurze Eingangsstrophe gekreuzte Reime hat,

während die übrigen Strophen Zehnzeilen sind mit dem Schema: a b b a a c c b c b,

oder (falls nur die 1. Zeile der Einleitungsstrophe wiederholt wird) Siebenzeilen

mit dem Schema: a b b a a c c.



3. Geibel giebt in der Einleitungsstrophe 2 Reimpaare; an Stelle der

Zehn= (oder Sieben=) Zeilen bietet er Achtzeilen.



4. Bei den letzteren nimmt er vom Strophenschema des Originals die

erste Hälfte a b b a und bildet die 2. Hälfte nach der kurzen Einleitungsstrophe

des Originalgedichts mit gekreuzten Reimen.



5. Wie das Original, wechselt auch die Übersetzung in den einzelnen

Strophen das Reimgeschlecht.



6. Um sein Maß (die Achtzeile) zu füllen, muß der Übersetzer häufig

den Stoff strecken. So ergeben ihm: in der 1. Strophe die 1. und 4. Zeile;

in der 4. und 5. Strophe je die 6. Zeile den Stoff zu je 2 Zeilen; in der

3. Strophe umschreibt er die 5. Zeile sogar durch 3 Verse.



7. Zu Strophe 1 und 5 des Urbilds. Maravilla bedeutet (in

der 1. Strophe) das Wunder. Es ist aber auch ein Blumenname mit verschiedenen

Bedeutungen. Jn der fünften Strophe scheint es „die peruanische |#f0283 : 257|



Wunderblume“ (lat. mirabilis jalappa) zu bedeuten, eine hell=violette nur

wenige Stunden blühende Zierpflanze. Geibel übersetzt Tausendschön, worunter

wir ebenso eine unter dem Namen Amarantus beliebte Fuchsschwanz-Spezies

verstehen könnten, wie unser allbekanntes Gänseblümchen. Aber beide kann der

Dichter nicht gemeint haben, da ihnen die Merkmale violett, kurze Dauer &c.

fehlen.



8. Zu Strophe 6. Joyas heißt Geschmeide, ferner bedeutet es Belohnung,

Kampfpreis, sowie endlich auch die Garderobe, welche eine Frau mit

in die Ehe bringt.



Es wird uns schwer, einen eigentlichen, dem Ganzen logisch entsprechenden

Sinn in die beiden letzten Zeilen dieser Strophe zu bringen. Vielleicht ist es

unserem Geibel ebenso gegangen, weshalb er bei seiner Übersetzung des obigen

Gedichts die letzte Strophe ganz und gar weggelassen hat.



9. Auf den unreinen Reim in der 1. Strophe, auf die Thesisstellung

von „der“ in der 3. Zeile der 3. Strophe u. a. brauchen wir den Lernenden

auf dieser Stufe nicht mehr aufmerksam zu machen.



Weitere Stoffe zur Übersetzung.



Der Anfänger im Übersetzen möge sich aus irgend einer Bibliothek die

im Register des spanischen Liederbuchs von Geibel und Heyse verzeichneten

spanischen Originalgedichte verschaffen, und seine Übertragungen mit den Musterübersetzungen

Geibel's und Heyse's vergleichen, um zunächst deren Vorteile sich

anzueignen.



Um sodann zur Höhe der Übersetzungskunst aus dem Spanischen vorzuschreiten,

empfiehlt sich besonders die Übertragung der vielen herrlichen Oktaven,

Sonette und Terzinen des Lope de Vega Carpio, welche sich im 4. Bande der

Coleccion de las obras sueltas &c. Madrid 1776─79 finden und in jeder

größeren Bibliothek anzutreffen sind u. a.



§ 89. Übersetzungsversuch aus dem Portugiesischen.



Vorbemerkung.



1. Die aus einem römischen Provinzialdialekt (lingua Romana rustica)

entstandene portugiesische Sprache ist eine der schwierigsten modernen Sprachen,

was Bau und Aussprache betrifft, weshalb sie besonders hohe Anforderungen

an den Übersetzer stellt.



2. Es ist ungemein erschwerend, daß z. B. einige Präpositionen mit dem

darauf folgenden Artikel verschmolzen sind, daß Adjektive (ähnlich wie im Französischen)

bald vor bald nach dem Substantiv stehen, daß die persönlichen Fürwörter

dem Zeitwort, von dem sie regiert sind, oft angehängt werden, daß

die Possessiva den Artikel vor sich haben, daß der Gebrauch der Zeitformen

ein ganz freier ist u. a. m.

|#f0284 : 258|



3. Durch ihre überreichen weichen und süßen Klänge erhält die Sprache

ein unmännliches, kraftloses Gepräge, was der deutsche Übersetzer sehr beachten

muß, um bei der Übertragung keine Fehlgriffe zu thun.



4. Dem Anfänger raten wir zur Übersetzung: die Lusiaden des

Camoëns,
welche alle Vorzüge der portugiesischen Sprache vereinen, dabei

durch ihren Jnhalt, durch ihre glühende Vaterlandsliebe, durch ihre fesselnden

Bilder löwenkühnen Mutes im Kampfe gegen die Mauren und zur See in

Sturm und Schiffbruch, wie durch ihre Verehrung alles Schönen (also auch

der Frauenschönheit) eine ungemein lohnende Übersetzungsaufgabe ergeben.



5. Als Probe bieten wir eine Strophe, welche zu den schönsten unter

allen Lusiaden-Strophen gehört und in der That durch ihre Malerei, Musik

und Lebensweisheit als die beste, echteste Camoënsstrophe für alle Zeiten gerühmt

werden kann.



Aufgabe.



Eröffnungsstrophe des 4. Gesangs der Lusiaden des Camoëns.

Stoff.



Despois de procellosa tempestade,

Nocturna sombra, e sibilante vento,

Traz a manhã serena claridade,

Esperança de porto e salvamento:

Aparta o sol a negra escuridade,

Removendo o temor do pensamento:

Assi no reino forte aconteceu,

Despois que o rei Fernando falleceu.



1. Übersetzung. Von Booch-Arkossy.



Nach wilden Stürmen und nach grausen Nächten

Ruht aus das Meer am hellen heitern Morgen;

Der neue Tag trotzt all' den finstern Mächten,

Des Hafens Hoffnung scheucht des Schiffers Sorgen,

Und die von Kampf und Angst und Not Geschwächten

Begrüßt das Licht der Sonne wohlgeborgen:

So kam denn auch das tapfre Reich zum Frieden,

Als König Fernand aus der Welt geschieden.


2. Übersetzung. Von R. Avé=Lallemant.



Nach wilder, schwerer Ungewitter Toben

Die uns in dunkler Nacht, im Sturm getroffen,

Bringt schon der Morgen heitres Licht von oben,

Er läßt den Hafen, läßt die Rettung hoffen.
|#f0285 : 259|



Durch Finsternis schon bricht die Sonne droben

Die Brust ist frischem Mute wieder offen!

So ging es auch im starken Königreiche,

Als Ferdinand geworden war zur Leiche.



Zur Würdigung dieser Strophe schreiben wir aus Os Luisiadas von

Fonseca S. 472 her:



Despois de procellosa tempestade,

Nocturna sombra, e sibilante vento,

Traz a manhã serena claridade,

Esperança de porto e salvamento.



»Os dous primeiros versos são tam sonoros, que parece se estão

ouvindo os brados de uma tempestade, no final do primeiro, e um

surdo estrondo, que succede aos bramidos do vento, no final do

segundo: seguese depois uma pintura a mais cheia de alegria e

amenidade: ella faz com a precedente um maravilhoso contraste, e

gradação de côres: n'isto é que se conhece o grande homem, o

verdadeiro poeta: onde falta esta preciosa qualidade, não ha

poesia



Francisco Dias Gomes, Analyse, p. 136.

Removendo o temor do pensamento.



»Removendo o temor ao pensamento, como lêem a maior parte

das edições, não me parece boa syntaxe; por isso corrigimos como

vai no texto. A troca de um a por um d em caracteres italicos,

como são os das duas primeiras edições, e tam imperfeitas, era muito

facil de ser commettida pelos typographos. Esta mesma lição é

tambem da edição de 1651, ja per nós indicada como de todas a

menos incorrecta.« (Nota do editor da ediçao Rollandiana de
1843.)



NB. 1. Da die ganze portugiesische Litteratur kein zweites Werk von

dem Werte und der Bedeutung der Lusiaden hat und die vor mehr als

300 Jahren geschriebenen Strophen auch heute noch der mustergültige und unübertroffene

Schatz der portugiesischen Sprache sind, so möge der Anfänger versuchen,

die Lusiaden vollständig nach der Ausgabe von José de Fonseca (Paris

1846) zu übersetzen und dabei zu vergleichen neben den Übersetzungen von

Kuhn und Winkler (1802), Heyse (1807), Donner (1834) &c., besonders die

Übersetzungen von Booch-Arkossy (1854, 2. Aufl. 1857) und von Eitner (1872).



2. Auch die von Arentschildt (1852) gut übertragenen Sonette des

Camoëns ergeben ein wertvolles Material, um zur Übersetzungskunst zu

führen. Desgleichen Bellermann, portugiesische Volkslieder und Romanzen

(1864) mit gegenübergestelltem Urtexte.

|#f0286 : 260|



§ 90. Übersetzungsversuch aus dem Schwedischen.



Vorbemerkung.



1. Die mit dem Dänischen, Norwegischen (und durch dieses mit dem

heutigen Jsländischen) verwandte schwedische Sprache ist uns wegen ihres nordgermanischen

Ursprungs sympathischer, als jede andere Sprache. Viele Wurzeln,

Formen, Ausdrucksweisen, Wendungen &c. tragen noch ihre Abstammung

auf die Stirn geschrieben. Mehrere Vokale lauten wie im Deutschen. Ferner

sind die 3 Geschlechter des Substantivs, die Tempora und Modi und der Gebrauch

der Hilfszeitwörter dem Deutschen entsprechend geblieben u. s. w.



2. Für den jüngeren deutschen Dichter wird sich die Übertragung der auch

in Deutschland vielverbreiteten, wirklich formenschönen Lyriken König Oscars II.

empfehlen, die sich durch ungekünstelten, fließenden Ausdruck und naturwahre

Bilder, durch verständnisvollen Vers- und Strophenbau, sowie durch eine, dem

gut deutsch sprechenden fürstlichen Autor eigene, dem deutschen Gefühlsleben

verwandte Tiefe der Empfindungsweise auszeichnen, und für welche zur Vergleichung

die gute Übersetzung von Emil J. Jonas (Berlin 1877) vorliegt.



Aufgabe. Nachstehendes, durch sein strophisches Charakteristikum

sich auszeichnende Gedicht soll ins Deutsche übertragen werden.



[Beginn Spaltensatz]

Stoff.

Bilden.



Gud sade: varde ljus! Och det

vardt ljus.

Utöfver djupen tidens morgon

grydde,

Men jorden af beundran stum

Förnam de rika under, som hon bar,

Och glädjetaͦrar saͦgos paͦ dess kinder

glimma.


Fraͦn höjden dagens härold blickar

ned,

Ur natten träda fram de sköna

former

Bestraͦlade af solens glans;

Sjelf tronar han i en omätlig rymd,

Ett herrligt segertecken i den högstes

tempel.

[Spaltenumbruch]

Lösung. (Vergleiche Gedichte von

Oscar II., König von Schweden und

Norwegen.)


Das Bild.



Gott sprach: Es werde Licht! Da ward

es Licht,

Und aus der Zeiten Urgrund strahlte

Morgen.

Die Erde, von Bewund'rung stumm,

Nahm hochbeglückt des Schöpfers Wunder

wahr:

Der Freuden Thränen schmückten ihre

frischen Wangen.

Des Tages Herold blickt von Himmelshöh',



Die Nacht umhüllt nicht mehr der Schönheit

Formen,

Sie strahlen in der Sonne Glanz,

Die selber thront im unermeßnen Raum:

Ein herrlich Siegeszeichen in des Höchsten

Tempel.
[Ende Spaltensatz] |#f0287 : 261|



[Beginn Spaltensatz]

Det blaͦa fästet, trohetens symbol,

Nu öfver haf och land sin kupa

sträcker;

Och rodnaden vid österns bryn

Mot fjellens moln i vester bryter sig,

I vaͦrens milda grönska hoppet ler

saͦ vänligt.


Paͦ hällens brant och i den gömda

bädd,

Som faͦras djupt af forsens yra

hvirflar

Den ädla malmen skymtar fram,

Och yppig sädesskörds fullmogna

guld

Vid arlafläktens smekning synes

bäfva.


Orangen glöder vid Astræas kyss

Och kokar sina ljufva safter samman,



Ett söderns skötebarn den är.

Ej mindre skön, men mera blyg

och mild,

En nordisk juniqväll i knopp staͦr

violetten.


Mot ljuset vänder rosen daggstänkt

kalk,

Och gräset spirar fram i dalens sköte

Vid foten af en löfrik höjd,

Ifraͦn hvars topp den silfverklara

bäck

Mot insjöns svala famn bland tufvor

smaͦ sig kröker.


Paͦ andra stranden, mer i fjerran,

syns

Den dunkla barrskog resa sig ur

vaͦgen;

Hur högväxt, allvarsam den staͦr

Och sluter tyst sin dunkla krans

omkring

Det djerfva fjell, hvars spets bland

skyarne försvinner.

[Spaltenumbruch]

Die blaue Veste, das Symbol der Treu',

Dehnt über Land und Meer die kühne

Wölbung.

Die Röte aus dem fernen Ost

Leiht Schmelz dem Wolkenfelsen dort

im West:

Des Lenzes mildes Grün verkündet frohe

Hoffnung.


Aus Stromesbett, von Wassern tief gefurcht,



Wie aus dem Felsen, der dem Zeitstrom

trotzet,

Strahlt mild des Erzes goldner Blick.

Doch milder glänzt der Saat vollreifes

Gold:

Den Schatten drüber haucht des Morgenwindes

Schmeicheln.


Asträa's Kuß macht die Orange blühn,

Sie heißt die edlen Früchte glühen, reifen.

Doch liebt sie Südens Lieblingskind

Nicht mehr, als sie des Nordens Günstling

hegt:

Das Veilchen lauscht mit Wonnedank

am Juniabend.


Zum Lichte tauschwer strebt der Rose Kelch,

Und Gräser sprießen aus dem Schoß

des Thales.

Vom Fuß der laubgekrönten Höh'

Entsprudelt frisch ein silberklarer Bach:

Durch Blumen führt sein Silberpfad

zum weiten Meere.


Tiefsinnend kühn am fernen Strand erhebt



Der dunkle Tannenwald sich aus den

Wogen;

Wie ragt er hoch empor so ernst,

Umrankt des Berges Brust mit dunklem

Kranz:

Das Felsenhaupt hoch oben im Gewölk

verschwindet.
[Ende Spaltensatz] |#f0288 : 262|



[Beginn Spaltensatz]

Naturen sinnrikt tecknat hvar gestalt



För den, som vill dess höga inskrift

känna,

Som ej blott skaͦdar slumpens

nyck,

Men vishet, hopp och kärlek skymta

fram

Paͦ dunkla grunden af förgänglighetens

tafla!


Ej strax ditt öga genomtränger allt,

En töckenslöja ofta täcker tingen:

Sjelf himlen sveper sig i moln;

Betrakta dock sjufärgad baͦges bild,

Ett naͦdens tecken: ljusets seger

öfver mörkret.


Betrakta blomman, kastad för din

fot,

Den höga ekens kamp med vilda

stormen;

De tala om ett fängsladt lif,

Hvars frö fraͦn himlen föll till jorden

ned

Att gro och spira upp i skiftande

gestalter.


En vingad blomma, fjäriln fladdrar

kring,

Det stolta lejon majestätiskt skrider;



Hvad rikedom, hvad rörlighet

I oceanens djup och i den rymd,

Dit djerft sig svingar upp den konungsliga

örnen!


Till ständigt högre former lifvet

gaͦr;

Men ack, den stora taflan är ej färdig,



Och sjelfva kronan fattas än,

[Spaltenumbruch]

Erhaben, sinnreich zeigt sich die Natur

Nur dem, der ihre hohe Schrift versteh'n

will,

Der nicht des Zufalls Launen nur

Erkennt im Bilde der Vergänglichkeit:

Doch Weisheit, Lieb' und Hoffnung im

Vergehn und Werden.


Nur langsam sich der Menschen Wissen

mehrt,

Nur langsam sprengt der Blick die Nebelhüllen;



Doch mahnt symbolisch stets aufs neu

Des siebenfarb'gen Bogens strahlend

Bild:

Halt aufrecht stets die Hoffnung auf den

Sieg des Lichtes.


Die zarte Blume, die im Moose lauscht,

Der hehren Eiche Kampf mit Sturmestosen,



Sie künden laut die ew'ge Kraft

Der Saat des Himmels, die zur Erde

fiel:

Zu keimen und empor zu sprossen vielgestaltig.



Beschwingte Blume schwebt der Schmetterling,



Beredte Urkraft brüllt der stolze Löwe,

Belebtes Regen wunderbar

Bewegt ein Wesenmeer den Meeresgrund:



Und kühn durchmißt der königliche Aar

den Luftraum.


Zu edlen Formen stieg die Schöpfung

auf.

Vom Chaos rang sich los so Tier wie

Pflanze,

Zuletzt als Ziel, als Jdeal,
[Ende Spaltensatz] |#f0289 : 263|



[Beginn Spaltensatz]

Till dess ditt öga skaͦdat menniskan,



Som andens prägel bär uti de ljufva

dragen.


Hur maͦnga seklers skiften vexlat

om

Paͦ tidens bana, hvälfvande sig

framaͦt,

Alltsedan hon fraͦn Eden gick,

Och fjerran fraͦn den ljusa morgonstund,



Daͦ oskuldsfull och ren hon stod för

Herrans aͦsyn.


Ännu, ännu hon kan dock skaͦda

upp

Mot fadersögat, som i himlen vakar,

Och än med kärlek bedja den,

Som henne straffat, ej förskjutit

har,

Och saͦ hon kan sin första ursprungshöghet

röja!

[Spaltenumbruch]

Der Schönheit Preis, der Gottheit hehres

Bild:

Der Mensch, des Züge das Gepräg' des

Geistes tragen.


Nun eilt die Zeit im ew'gen Kreislauf

fort,

Schon manch Jahrhundert rasch entschwand

dem Menschen,

Seit Edens Garten er verließ ─

Und vor dem Schöpfer unschuldsvoll er

stand:

Doch zeigt sein Antlitz noch, o Schöpfer,

Dein Gepräge.


Noch hofft der Mensch, hebt seinen Blick

zum Licht,

Zum Vaterauge, im urew'gen Himmel,

Noch betet liebend er zu dem,

Der ihn gestraft, doch nicht verstoßen hat:

O, mög' sein Bild des Ursprungs

Hoheit ewig wahren!
[Ende Spaltensatz]



NB. Der Anfänger, welcher sich durch Übersetzungen der instruktiven Gedichte

König Oskars II. in die Geheimnisse der Übertragung aus dem Schwedischen

eingeführt hat, möge nunmehr einzelne bekannt gewordene lyrische Stücke der

sog. Phosphoristen Atterbom und Dahlgren, oder vom großen schwedischen

Romantiker Almqvist wählen. Sodann versuche er die Verdeutschung von

Tegners Frithjofsage. Um sich zum Übersetzer auszubilden, vergleiche er Vers

für Vers die Verdeutschungen von Amalie von Helwig, Mohnike, Leinburg,

Simrock, Zoller u. a. Wenn er peinlich genaue Kritik übt, so wird er bald

die Schwächen der einzelnen Übersetzer erkennen, die Vorteile der anderen sich

aneignen und zweifelsohne zu jener Übersetzer-Tüchtigkeit und Routine gelangen,

die in ihrer der Form wie dem Geist des Urbilds Rechnung tragenden Vollendung

Anspruch auf Anerkennung zu machen berechtigt ist.



(Beispiele für noch weitere Sprachen zu geben, kann nach der Ausführung

S 198 dieses Bandes nicht unsere Absicht sein. Wer uns folgte, wird bei

Anwendung der von uns zum erstenmal [in ihrer Vereinigung] entwickelten

Übersetzungsgrundsätze imstande sein, mit Erfolg die Übertragung aus jeder

ihm geläufigen fremden Sprache zu versuchen!)

|#f0290 : E264|



Neuntes Hauptstück.

Selbstkritik und dichterische Feile. ──────


§ 91. Angeborenes Genie. Die Selbstkritik der namhaftesten

Dichter.



1. Man teilt in vielen Kreisen immer noch die von der sog. Jdentitätsphilosophie

ererbte Ansicht, daß dem dichterischen Jngenium die Verse ohne

weiteres in vollendeter, glatter Form mühelos entquellen, daß der Dichter sie

infolge höherer Jnspiration improvisatorisch ─ so zu sagen ─ aus dem Ärmel

schüttle u. s. w.



2. Aber wir haben schon mehrfach (z. B. I. 2, 27─32 dieser Poetik,

sowie S. 22 der 3. Aufl. unserer „Erziehung zur Vernunft“) darauf hingewiesen,

daß die größten Dichter den angestrengtesten Fleiß auf ihre Schöpfungen

verwenden, wenn sie es auch für überflüssig finden, von ihren stillen Mühen

zu sprechen.



3. Wir vermögen die Behauptung zu erhärten, daß Lieder von leichten,

geringen Formen, oder auch scheinbar flüchtig hingeworfene größere Dichtwerke

der gefeiertsten Dichter aller Zeiten unendlich sorgfältig gefeilt und überarbeitet

wurden. (Vgl. S. 275.)



4. Jhr Beispiel möge genügen, dem Anfänger die Notwendigkeit der

Selbstkritik und der dichterischen Feile zu illustrieren.



5. Dasselbe möge auch das Verlangen nach festen Normen für die Selbstkritik

begründen, wie wir solche auf Grund gewissenhafter Vergleichung dichterischen

Materials im Nachstehenden lehren und praktisch nachweisen wollen.



§ 92. Normen, Grundsätze, Ratschläge für Selbstkritik und

Feile.



1. Man entwerfe und schreibe („schleudre“) das Gedicht hin, wie es

nach Maßgabe seiner Veranlassung kommen mag. Je geübter oder talentvoller

der Dichter ist, desto weniger wird er zu fürchten brauchen, daß er etwas im

Bau verfehle.

|#f0291 : 265|



2. Man lasse dieses flüchtig hingeworfene Gedicht einige Zeit ruhen.



3. Sodann prüfe man es zuerst auf den Bau: ob es architektonisch

richtig sei, ob es nicht an Mißverhältnis seiner Teile leide, hier zu lang, dort

zu kurz sei &c.



4. Man schneide weder zu viel weg, noch setze man zu viel an.



5. Man sehe vor allem darauf, daß der Gedanke klar heraustrete,

und daß die Empfindung sich steigere.



6. Man streiche schonungslos alle falschen Bilder oder die allzureiche Fülle

der guten.



7. Dann gehe man an die Verbesserung der Worte, der Verse, der

Reime, der Strophen &c. (Vgl. Ziffer 1 des folgenden §.)



8. Man vergesse nicht, daß die kleinste Änderung nach vorne und nach

rückwärts wirkt, nicht bloß auf die geänderte Stelle. Man halte sich also

immer den Bezug des Ganzen auf die Teile und der Teile auf das Ganze

gegenwärtig.



Exempla docent! Der bekannte österreichische Dichter Faust Pachler

versichert uns, daß er bei seiner Ausgabe von Halms Gedichten im Nachlaß

vier Bearbeitungen eines und desselben Gedichts vorgefunden habe, darunter

eine, die offenbar Halms Liebling gewesen sei, in einem neuen Versmaß.

Pachler gab sich Mühe, das Gedicht zu retten. Es war sehr lang und

unklar. Pachler schnitt vorne und hinten ab und ließ in der Mitte weg.

Sein Mitherausgeber war einverstanden; nur Pachler selbst war mit seiner

Thätigkeit noch unzufrieden. Er nahm daher einige weggelassene Strophen

wieder auf. Dann stellte er in dieser 2. Textgestaltung eine andere Strophenfolge

her und jetzt war das Gedicht plötzlich gut, ohne daß er ein Wort zu

ändern brauchte.



Auch bei seiner schönen poetischen Erzählung Anahid, die so eben im

Deutschen Dichterbuch aus Österreich (herausgegeben von Franzos 1883) erschien,

hat Pachler nach dem uns vorgezeigten Material rücksichtslos gearbeitet,

bis sie ihre ergreifende Gestalt erhielt. Er schuf mehrere Strophen um, fügte

eine ganz neue Strophe ein, stimmte das Ganze im Ausdruck poetischer, änderte

den Titel und neuerdings sogar den Namen der Heldin. Lehrreich für jeden

Überarbeiter ist es hierbei, daß der sorgsame Dichter doch noch (und zwar gleich

in der 1. Strophe) einen zu langen Vers übersah.



§ 93. Praktische Nachweise der Selbstkritik und der

dichterischen Feile.



1. Jm Folgenden suchen wir den Nachweis zu liefern, wie die namhaftesten

Dichter die Feile anwandten, wie sie ─ nachdem der Gedanke in

die rhythmische Form gegossen war ─ mit der Selbstkritik begannen, um nunmehr

entweder einzelne Bilder zu ergänzen, zu klären, durch malende Worte

zu verschönen, oder den Versbau, die Strophenform, den Reim zu verändern,

und ihr Gedicht auf eine möglichst hohe Stufe der Vollendung zu heben.

|#f0292 : 266|



2. Zugleich suchen wir die Methode der Feile zu zeigen und die praktische

Anleitung zu derselben zu bieten.



3. Jn systematischer Folge führen wir demnach an den besten Beispielen vor:



I. Die Feile an einzelnen Versen und Strophen;



II. Die Feile in Überarbeitung ganzer eigener Gedichte;



III. Die Feile in Überarbeitung fremder Schöpfungen.



§ 94. I. Feile einzelner Verse und Strophen.



a. Schiller.


Aus:Die Jdeale“.



[Beginn Spaltensatz]

Ursprüngliche Fassung.



Erloschen sind die heitern Sonnen

Die meiner Jugend Pfad erhellt,

Die Jdeale sind zerronnen

Die einst das trunkne Herz geschwellt;

Die schöne Frucht, die kaum zu keimen

Begann, da liegt sie schon erstarrt.

Mich weckt aus meinen frohen Träumen

Mit rauhem Arm die Gegenwart.

Die Wirklichkeit mit ihren Schranken

Umlagert den gebundnen Geist;

Sie stürzt, die Schöpfung der Gedanken,

Der Dichtung schöner Flor zerreißt.

So schlang ich mich mit Liebesarmen

Um die Natur mit Jugendlust,

Bis sie zu atmen, zu erwarmen

Begann an meiner Dichterbrust.
[Spaltenumbruch]

Verbesserung und Feile Schillers.



Er ist dahin, der süße Glaube

An Wesen, die mein Traum gebar,

Der rauhen Wirklichkeit zum Raube

Was einst so schön, so göttlich war.


Wie einst mit flehendem Verlangen