Heinrich Christian Boie
Ausgewählte Gedichte

An den Abend

1764.


Der du dem hingesunknen Volke,
Das laut dir rufet, dich versteckst,
Und noch mit einer Azurwolke
Dich vor dem Blick des Tages deckst;
Komm, Hesperus, aetherisch milde,
Komm, Götterkind auf diese Höhn,
Komm auf die lechzenden Gefilde,
Die deinem Gruß entgegen sehn!
Matt liegen sie! des Landmanns rege
Tonvolle Freude hemmt ein Ach,
Die Blumen welken hin und träge
In dürren Ufern schleicht der Bach.
Ohnmächtig flüstert durch die Aeste
Ein Wind, von schwülen Düften schwer. –
[283]
Was zaudert ihr? Fliegt, fliegt, ihr Weste,
Und traget meinen Liebling her!
Triumph! Sie haben ihn gefunden!
O seht ihn! welch ein göttlich Bild!
Mit Ros' und Myrte rund umwunden
Und ganz in Wohlgeruch gehüllt.
Von Zephyretten hergetragen,
Die schon von seiner Wonne glühn,
Nachläßig, langsam schwimmt sein Wagen
Durch den zerrißnen Aether hin.
Im heitern drängenden Gewimmel,
Begleitet von der Scherze Chor,
Fliegt lächelnd durch die stillen Himmel
Die Freude seinem Wagen vor,
Und senkt, gegrüßt durch frohe Lieder,
Noch ehe sie sein Fuß betritt,
Sich segnend auf die Flur hernieder
Und singt in ihre Chöre mit.
O! welche Ambradüfte wallen
Von jedem Anger zu dir auf!
Herabgefleht, erseufzt von allen,
Beschleunige den trägen Lauf!
Antwortend klopfet dir in Schlägen
Des Mädchens und des Jünglings Brust
Dir eilet Mann und Greis entgegen,
Dir, Freund der Liebe, Freund der Lust!
[283]
Zu dir schwingt sich in Lobgesängen
Der Vögel lautes Volk empor.
Wie süßgemischte Töne drängen
Sich schmeichelnd in mein horchend Ohr!
Dir schlägt der Wachtel helle Kehle,
Die Lerche die sich früh erhob.
Die klangenvolle Philomele,
Die holde Amsel tönt dein Lob!
Welch ein Concert! Die kleine Grille
Mischt leisezirpend auch sich ein,
Und von dem fröhlichen Gebrülle
Des Viehes bebt der nahe Hayn.
Wer wird hier fühllos nicht empfinden?
Die ganze Flur wird ein Gesang;
Er tönt von Bergen, tönt von Gründen;
Der Nachhall wiederholt den Klang.
Und zornig dich zu sehn entrücket
Die Sonne deinem Auge sich;
Nur durch ein dünnes Wölkchen blicket
Sie schamroth einmal noch auf dich.
Wie schön, wie majestätisch schwebet
Ihr glühend Antlitz auf der Fluth!
O! welch ein goldner Schimmer bebet
In Purpurwolken! welche Glut!
Sie sinkt! sie sinkt! und läßt umwunden
Von dir die Erde, die vergißt
Daß sie des Tages Last empfunden
Und deinen milden Scepter küsst.
[284]
Um ihre Stirne frische Kränze
Und sanft geschlungen Hand in Hand,
Versuchen Hirten ihre Tänze
Und singen den, der sie verband.
Von deinem holden Einfluß trunken
Fühlt sich der Nymphen lose Schaar,
Und an des Freundes Brust gesunken,
Kränzt jene dort sein blondes Haar.
Sie lacht mit ihm und küsst ihn freyer,
Kein neidisch Auge darf sie scheun;
Dein grauer zartgewebter Schleyer
Hüllt sie in leichte Schatten ein.
Wie still wird izt die Luft! – Die Winde,
Wie lieblich sind sie und wie schwach!
Sanftlispelnd spielt das Laub der Linde,
Und sanfter lispelt Echo nach.
Durch Blumen rinnt die Silberquelle;
Es wäscht dem Ohr vernehmlich kaum
Mit klagendem Geräusch die Welle
Der schauervollen Grotte Saum.
Und immer dunkler wird die Hülle
Die deine Huld der Erde webt,
Und immer festlicher die Stille
Die alles nach und nach begräbt,
Bis daß gehört in Feld und Hütten
Kein Laut, kein Ton der Stimme wird,
[285]
Nur wo allein mit leisen Schritten
Noch heilige Betrachtung irrt.
Sie kömmt die Nacht, und alles lauschet,
Kein Stern erhellet ihr Gewand.
Ihr langsam schwerer Fittig rauschet,
Erquickt und schreckt das bange Land.
Der Gott des Schlafs fliegt ihr zur Seiten;
Die Phantasie, der Träume Flug,
Der Eulen banger Schwarm begleiten
Den ernsthaftfeyerlichen Zug.
Ein Mantel, der voll frischer Düfte
Sich stolz an ihrer Schulter bläht,
Fließt ausgewickelt durch die Lüfte
In stralenloser Majestät.
Und meiner müden Hand entsinket
Die Laute, die ich willig nahm,
Wenn vom Olympus hergewinket
Zu mir die jüngste Muse kam.

Schlegels Grabschrift

1764.


Er starb der Genius vom tragischen Cothurne.
Noch liegt Melpomene gebückt auf seiner Urne,
Giebt ihren Lieblingen nur selten einen Blick
Und denkt an Schlegeln stets zurück.

[286] Lied

Des Morgens wache Königin
Hört schon mein frühes Lied;
Sie weiß wie liebevoll ich bin
Und wie die Spröde flieht.
Und Phoebus von dem ersten Strahl
Bis er zur Ruhe geht
Sieht nichts als Thränen ohne Zahl,
Die doch ihr Stolz verschmäht.
O! werd ich keinen Morgen sehn,
Der mir gequältem lacht?
Ist mir kein Tag, kein Abend schön,
Und heiter keine Nacht?
Es ruft in meinen Trauerklang
Der Wiederhall betrübt.
Wann sagt mein freudiger Gesang,
Daß Lalage mich liebt?

Agathe

Mein ist der Sieg! Agathe liebet mich,
Sie war zu schwach bei unserm Streite.
Wir waren ganz allein: Gott Amor, sie und ich,
Und Amor war auf meiner Seite.

[287] An Doris

Was kaum mein Mund und schüchtern wagt,
Ein zärtliches Geständnis, kann Dich kränken?
Wohlan, was mancher Dir ohn' es zu denken sagt,
Will ich ohn es zu sagen denken.

Vergleichung

Mein Mädchen, meine Uhr,
Worin vergleich ich die? –
Die zeigt die Stunden an,
Bei der vergeß ich sie.

Das Veilchen

Von Moos und Blättern fast erdrückt
Kroch einst der Demut Bild dies Veilchen nah der Erde,
Das für die schönste Brust gepflückt
Aus der vergeßensten der Blumen Stolz nun werde.

[288] Die Wittwe

Eine Romanze


Dem Herrn Kanonikus Gleim gewidmet.


»Grausamer Tod für feige Seelen,
Dich fleh ich an!
Zu früh kannst du mich nicht vermählen
Mit meinem Mann.
Nichts kann der armen Freude geben,
Die laut dir ruft;
O komm und endige mein Leben
Auf seiner Gruft!«
So rief von Klagen ganz ermattet,
Dem Tode nah,
Von Nacht und Schrecken noch umschattet,
Angelika.
Ein Ritter im vorübergehen
Hört ihr Geschrei,
Gerührt von Mitleid bleibt er stehen
Und tritt herbei.
Und schon zerfließt im Rosenlichte
Des Morgens Grau,
Er blickt mit strahlendem Gesichte
Aus Duft und Thau,
Und Lindor sieht, bedeckt von Sträuchen,
Ein Weib so schön,
[289]
Daß ihr die schönsten alle weichen,
Die er gesehn.
Von welchem Pfeil wird er getroffen!
Verstört ihr Kleid,
Verwirrt das Haar, der Busen offen,
Im Auge Leid,
Doch daß daraus ein Funke blinket,
Der Liebe spricht;
Wem Schönheit noch und Jugend winket,
Braucht soviel nicht.
»Hier, ruft er aus, hier widerstehet
Kein Felsenherz!
Nur einen Blick, und es zergehet
In Lieb und Schmerz.
Gott Amor! Wenn dein Wink auch nimmer
Mir Witz verlieh –
Doch darf ich sie betrügen? Immer!
Ich rette sie!« –
Und ganz der Schönen hingegeben
In seinem Sinn,
Wirft er, ihr unbemerkt, sich neben
Dem Grabe hin;
Und sicherer ihr zu gefallen,
Als spräche er nur,
Läßt er von seinen Seufzern schallen
Die ganze Flur.
Angelika hört ihn erschrocken,
Sieht sich umher,
Hört wieder, ihre Tränen stocken,
Sie ächzt nicht mehr. –
Warum vergeßen wir die Plagen
Die uns gedrückt,
Sobald ein andrer gleiche Klagen
Gen Himmel schickt? –
[290]
Zu elend um für sich zu beben,
Sucht sie den Mann,
Der solche Seufzer hier erheben,
So jammern kann.
Neugierig seinen Gram zu wißen,
Tritt sie hinzu:
»Von welchem herben Schmerz zerrißen
Erseufzest du?« –
»Die Frau, die ich verloren habe,
Ist meine Quaal!« –
»Und ach! spricht sie, in diesem Grabe
Liegt mein Gemahl!« –
»Die Zeit wird Euer Unglück mindern,
Den Trost habt ihr.
Doch nichts kann meinen Jammer lindern –
Ich schuf ihn mir.«
»Grausamer! Deine Hand verübte
Die Unthat? Wie? –«
»Nein! weil ich sie zu feurig liebte!«
»Zu feurig? sie?«
»Bei jeder Schönheit, die Euch schmücket,
Ich schwör es Euch!
Die mich an ihren Busen drücket,
Erblaßet gleich.«
»So komm! Der Tod verschmäht das Leben,
Das ich ihm bot;
Er weigert sich mir Trost zu geben.
Sei du mein Tod!
O komm! ich geb in deine Hände
Hin meinen Harm.
Es sind Angelika ihr Ende
In deinem Arm!«
Der du die Einfalt der Empfindung
So edel singst,
[291]
Und Witz und Wohllaut in Verbindung
Mit Stärke bringst,
Gleim, könnte von den Huldgöttinnen
Dies Liedchen mir
Ein kleines Lächeln abgewinnen,
So dankt ichs dir.

Das Gewitter

»Chloe, siehst du nicht voll Grausen
Dort die Donnerwolken ziehn?
Hörst du nicht die Winde brausen?
Laß, Geliebte, laß uns fliehn.
Wo das breite Dach der Buchen
Eine Zuflucht uns verspricht,
[292]
Eile sie mit mir zu suchen!« –
Chloe schwieg und eilte nicht.
Eine Hirtin, die die Liebe,
Sich und ihren Schäfer kennt,
Gerne treu der Tugend bliebe
Und doch heimlich für ihn brennt,
Siehet überall Gefahren,
Trauet nie des Schäfers Wort.
Wenn hier Blitze schrecklich waren,
War es ihr Alexis dort.
Aber schwarz und schwärzer immer
Zieht das Wetter sich herauf.
Alles ist ein falber Schimmer,
Lange Donner folgen drauf.
Zweifelnd noch in dem Entschluße
Geht sie, bleibt sie wieder stehn:
Furcht heißt sie mit einem Fuße,
Liebe mit dem andern gehn.
Jetzo schon auf halbem Wege
Hält sie plötzlich wieder ein.
Regen, Sturm und Donnerschläge
Treiben sie zuletzt hinein.
Lachend sieht sie Amor eilen
Und sein Blick begleitet sie.
[293]
Man entgeht des Blitzes Pfeilen,
Aber Amors Pfeilen nie.
Endlich bei des Mondes Scheine
Kehrte mit verstörtem Blick,
Chloe langsam aus dem Haine
An Alexis Arm zurück.
Nachtigallen sangen Lieder,
Duftend lag die Flur umher,
Ruhig war der Himmel wieder,
Nur ihr Herz war es nicht mehr.

Auf einen Hexametristen

Des niedern Fluges Feind, des armen Reimes Haßer
Fliegt dunkel schwülstig in die Höh
Sein Lied. – Es schimmert wie der Schnee,
Doch löse beide auf, was bleibet übrig? – Waßer.

Der junge Dichter

Wie mach ichs, daß man weit und breit mich kennet
Und wenn ich nicht mehr bin, noch meinen Namen nennet?
Sprach Bav zu mir. – »Dafür, antwortet ich,
Weiß ich nur einen Rath: eil und erhenke dich!«

Der Originaldichter

Original? Original? Potz Daus! –
Doch nicht fürs Narrenhaus?

[294] An einen Liebesdichter

Dein Lied ist Morgenthau der über Rosen fließt.
Doch weißt du, Freund, daß Thau auch Waßer ist?

Druckfehler

Rolf, rüge doch des Setzers Fehler nicht!
Druckfehler ist dein ganz Gedicht.

Der Vetter

O der verwünschte böse Vetter!
Kaum geben mir die guten Götter
Den Anblick meiner Sylvia,
So ist auch gleich der Vetter da.
Zum Unglück mußte der auf Erden
Just meiner Schönen Nachbar werden.
Von wegen seiner Nachbarschaft
Kann man ihn nicht vom Halse treiben,
Von wegen seiner Vetterschaft
Sieht man ihn jeden Abend bleiben.
Nichts bleibt mir übrig als die Nacht –
Doch die ist nicht für mich unglücklichen gemacht.

[295] An ein Mädchen das in der Kirche plauderte

So sehr dich Jugend, Reiz, Witz und Verstand erheben,
So ziemt das plaudern dir an diesem Orte nicht.
Dorinde, du vergißt, indem dein Mund so spricht,
Daß selbst vor Gott die Engel beben.

Als sie Blindekuh spielte

So gern er auch verborgen bliebe,
Entzückt dein Reiz doch jedermann.
Verbunden siehet man dich für den Gott der Liebe,
Mit offnen Augen izt für seine Mutter an.

Das Brünnchen der Vergeßenheit

Verzehrt von Schwermuth und von Liebe
Floß immer seufzend, immer trübe
Selindor in ein Brünnchen hin;
[296]
Und alle, die zu diesem kamen,
Vergaßen trinkend selbst den Namen
Der ungetreuen Schäferin.
Philinden endlich zu vergeßen,
Die schon zu lang dieß Herz beseßen,
Kam ich auch jüngst hierher gerannt.
Doch sie war mir zuvorgekommen
Und hatte schon so viel genommen,
Daß ich für mich kein Tröpfchen fand.

Schäferlehren

An Bürger. 1772.


Willst du hier in diesen Gründen
Freude sonder Ekel finden,
Freude sanft und wonniglich,
Süßer Freund! so höre mich.
Auf dem saatbekränzten Hügel,
An des Teiches klarem Spiegel,
Auf der Au, im Buchenwald
Ist ihr liebster Aufenthalt.
In des Frühlings Blumenkleide
Schwebet leisen Tritts die Freude,
Schwebt sie selbst auf dieser Flur,
In der Stadt ihr Schatten nur.
[297]
Fühlst du in der lauten Irre
Dieses Baches, im Geschwirre
Dieser Vögel, in dem Kuss
Dieses Wests, nicht ihren Gruß?
Bist du nicht dem Kräuterwasen,
Nicht den Lämmern, die hier grasen,
Nicht dem kleinsten Blümchen hold:
Heim zur Stadt und kriech um Gold!
Stille Freude fehlet nimmer,
Täuschend ist der lautern Schimmer,
Jede Leidenschaft ist Schmerz,
Nur die Liebe lohnt ein Herz.
Sie die Mutter alles Schönen,
Müße deine Freuden krönen;
Doch eh sie die Myrte flicht,
Höre was die Weisheit spricht.
Jene Rose lockt zum brechen:
Hüte dich! ihr Dorn kann stechen.
Jener Busch reizt deinen Sinn:
Fleuch! die Natter lauret drinn!
Kann Sie Dorf und Flur verlachen,
Wird Sie dich nicht glücklich machen.
Die der Schafe spotten kann,
Sieht mit Spott den Schäfer an.
Unschuld in der Hütte bilde
Dir ein Mädchen gut und milde.
Ungesucht und ungesehn
Sey sie dir allein nur schön.
Seelenwort sey ihre Rede;
Schüchtern blicke sie, nicht spröde,
[298]
Nicht mir falscher Scham um sich,
Und ihr Herz erkenne dich!
Klugheit, deren Schein sie fliehe,
Witz, um den sie sich nicht mühe,
Sanftes Mitleid, das schon weint,
Wenn nur krank ihr Lämmchen scheint,
Einfalt in Geschmack und Sitte,
Anmuth in dem kleinsten Schritte,
Wahl in Kleidung, Absicht nie,
Zier' und unterscheide sie!
Hast du solch ein Kind gefunden,
O so segne deine Stunden!
Selig, giebt sie dir die Hand!
Gold und Ueppigkeit sind Tand.
Deine Tage zu versüßen,
Blühen Blumen, Quellen fließen;
Arbeit macht dich froh und frisch,
Milch und Brot würzt deinen Tisch.
Elend obenhin vergüldet
Ist was sonst der Stolz sich bildet.
Wer noch wünschet, ist nicht klug;
Was du hast, ist dir genug.

An Daphne

Kannst du den Schimmer deiner Stadt
Mit mir, o meine Daphne, fliehen?
[299]
Aus Sälen voller Prunk und Staat
In eine kleine Hütte ziehen?
Kannst du für Thorenlob zu groß
Der eitlen Zirkel dich entwöhnen,
Wo Glanz und Hoheit dich umfloß,
Wo du die schönste warst der schönen.
O Daphne, kannst du dich so leicht
Von jedem Stolz des Glückes scheiden?
Den Frost der deine Wangen bleicht,
Den heißen Strahl des Mittags leiden?
Kann diese weiche weiße Hand
Zu harter Arbeit sich gewöhnen,
Die nur der Freude Kränze wand,
Wo du die schönste warst der schönen?
O Daphne, kann dein zartes Herz
Gefahr und Unglück mit mir theilen?
Kannst du den Gram, kannst du den Schmerz
Durch deine sanfte Stimme heilen?
Wenn halbgebrochen um dich her
Nur meine kranken Seufzer stönen,
Denkst du an jenen Ort nicht mehr,
Wo du die schönste warst der schönen?
Und wird des Todes kalter Hauch
Mein leidendes Gesicht entstellen,
Kannst du mit diesem Lächeln auch
Des Grabes dunkle Nacht erhellen?
Fühlst du noch meinen lezten Blick?
Gibst meinem Staube deine Thränen?
Und denkst dahin nicht mehr zurück
Wo du die schönste warst der schönen?

[300] An die Rose

Sprößling einer Thrän' Aurorens,
Oder ob dich Amor schuf,
O vernimm, geweihte Florens,
Eines Herzens leisen Ruf!
Schleuß, o Rose! – Nein, versag' es
Meiner Sehnsucht Bitten noch!
Blumen, Kinder eines Tages,
Glänzen frisch und welken doch.
Sanft erröthend, wie du glühest,
Wird Filinde bald dich sehn.
Ach! sie blühet, wie du blühest,
Und wie du wird sie vergehen!
Hast du meinen Ruf vernommen?
Oefnest deine Knospe schon?
Süße Rose, sei willkommen!
Deiner harrt ein süßer Lohn.
Die dich pflückte soll dich drücken,
Meine Hand, an ihre Brust.
Wiße nur daß du sie schmücken,
Aber nicht verbergen mußt.
An Filindens Busen prangend
Stirbt dein Reiz zwar früher ab;
[301]
Doch den schönen Platz verlangend,
Neidet jeder selbst dein Grab.
Duft' ihr Düfte, zart und linde!
Doch erhalte dir den Dorn,
Und wer dir sich naht, empfinde
Deine Rache, meinen Zorn!
Auch gewähren neues Leben
Dir vielleicht die Götter dann,
Seufzer werden dich erheben,
Wenn Filinde seufzen kann.
Thränen des Gefühls vergießen
Lehre sie bei deinem Tod,
Und der Jugendzeit genießen,
Der ein gleiches Ende droht.

Der Tausch

»Hier sollt ich sie erwarten!
Vergaß sie Schwur und Pflicht?
Find ich im ganzen Garten
Eleonoren nicht?
Läßt dieser Schatten Hülle
Mich keinen Fußtritt sehn?
Dringt durch die tiefe Stille
Kein einziges: Tiren?«
Ich sprachs und immer weiter
Sucht ich der Freundin Spur.
Der düstre Mond ward heiter,
Doch Bäume sah ich nur.
Jezt im Begriff zu weichen,
Trift ein Geräusch mein Ohr
Und aus den dichten Sträuchen
Springt lachend was hervor.
»Agathe? wie?« – »Verloren
Hab ich den Aedon hier.« –
»Und ich Eleonoren
Zu sehn geglaubt in dir.« –
»Komm unsern ungetreuen,
Sprach sie, soll Recht geschehn.
Du wirst dich doch nicht scheuen,
Mit mir allein zu gehen?« –
Wir gingen. Endlich müde
Sank sie am Wasserfall.
Wir horcheten dem Liede
Der lauten Nachtigall
Und sangen auch und lauschten
Bei süßem Spiel und Scherz,
Und küssten und vertauschten
Unwißend unser Herz.
[302]
Ich malt ihr mein Entzücken,
Als schnell an Aedons Hand,
Vergnügen in den Blicken,
Mein Mädchen vor mir stand.
»Folgt, sagte sie, die Rache
So plötzlich dem Vergehn?
Kaum daß ich diesem lache,
Bestrafet mich Tiren!«

Penelope

Die List Penelopens des frommen Weibchens lebe!
Um ihre Tugend her zog sie ein Schutzgewebe;
Doch das was sie bei Tage gut gemacht,
Verdarb sie wieder bei der Nacht.

Das Magisterexamen

Die Zier der Universität,
Ob an der Sal', ob an der Leine?
Trat aus der Weisheit Lorbeerhaine
Vor eine weise Fakultät,
Daß sie sein Geld gehörig wäge
Und zum Magister dann ihn präge.
Geprüft nun in Philosophie,
Humanität, Statistik, Ethik,
Heraldik, Kunstgeschicht', Aesthetik,
Und Algebra und Alchymie
Und Wißenschaften aller Klassen,
Ward er mit großem Ruhm entlaßen;
Als mit der Frag ein Schalk ihm naht:
»Sag uns, der alles weiß und kennet,
Woran wird attisch Salz erkennet?«
[303]
Mit Lächeln drauf der Kanditat:
»Ach dessen fiel mir in die Feder
Kein Wort von keinerlei Katheder.«

Amor

Wer Amor ist? Er ist ein Kind, Belinde.
Doch unterwerfen diesem Kinde
Der König und der Sclave sich.
Ihm bauen Götter selbst Altäre,
An Reizen übertrift er dich,
Er denkt wie ich und fühlt wie ich,
Doch glaub' ich daß er kühner wäre.

Rosette

An Rosettens Blicken hangend,
Schmachtend, seufzend und verlangend
Fleh ich mit vergebner Müh:
Kannst du ewig meinen Klagen,
Meinen Thränen dich versagen?
Lohnst du meine Treue nie?
Aber immer unbeweglich
Hört das kalte Mädchen täglich
Meine Seufzer an und spricht:
»Hoffnung nährt allein die Liebe.
Glaub', ich theilte deine Triebe,
Wünscht' ich ihre Dauer nicht.«

[304] Nicht für Einen

Jung und hold und sanft und fröhlich
Tanzte, spielte sie und selig
Pries sich jeder, der sie sah,
Jeder stand voll Liebe da.
Aber keine Hoffnung scheinen
Sah ich mir und irrt' in Nacht,
Immer seufzend: ist für Einen
Solcher Liebesreiz gemacht?
Endlich fing ich an zu wagen
Und sie hörte meine Klagen,
Lächelte, ward roth und schien
Gleichen Triebs für mich zu glühn.
Welche Wonne! Wonne, feinen
Edlen Seelen nur gedacht! –
Wär', o wäre doch für Einen
Solcher Liebesreiz gemacht!
Halb genoßen, halb empfunden
War auch schon mein Glück vershwunden,
Und von neuer Liebe warm
Sank sie bald in Theons Arm.
Aber er wird morgen weinen,
Dem noch heut ihr Auge lacht;
Denn nun weiß ichs: nicht für Einen
Ist der Liebesreiz gemacht.

[305] Verschwiegenheit

A.

Grabt dem jungen Buchenhaine
Eure Schäferinnen ein;
Tief dem Herzen soll die meine,
Schäfer, eingegraben sein!
Voll der süßesten Gefühle
Schlägt mein Busen; doch der Mund
[306]
Mache bei dem Saitenspiele
Niemals ihren Namen kund.
Reizender ist das Vergnügen
In der tiefsten Einsamkeit.
Unsre Freuden sind verschwiegen,
Ohne Zeugen, ohne Neid.
Selbst den Schwur, den wir geschworen,
Flüsterten wir leis' am Bach:
Eifersucht hat tausend Ohren,
Schilf und Bäche plaudern nach.
Da wo ihre Heerde spielet,
Siehet man die meine nie;
Schüchtern und bedächtlich schielet
Mein verstohlner Blick auf sie.
Unverfärbt hör' ich sie nennen,
Sorglos steh ich, wenn sie singt,
Und ich scheine nicht zu kennen
Ihren Hund, der auf mich springt.
Schäfer lernt von feinen Seelen
Kalte Worte, kalten Blick!
Nicht die Seligkeit erzählen,
Sie verschweigen, das ist Glück.
Immer, o Geliebte, hülle
Unser Bündnis sich in Nacht!
Liebe sucht allein die Stille,
Wenn sie glücklich ist und macht.
Unbedachtsam überfließet
Nur ein Thor von seiner Lust;
[307]
Doch ein kluger Hirt verschließet
Selbst den Wunsch in tiefer Brust.
Rein und heiß sind meine Triebe;
Ewig, ewig bin ich dein,
Sage dir daß ich dich liebe,
Aber – sag' es dir allein.

B.

Grabe, wems behagt, der Rinde
Der Geliebten Namen ein;
Welcher Hirtin ich empfinde,
Flüstert keine Buch' im Hain.
Unsers Bundes Knoten schlangen
Jahre fester, doch verrieth
Auch den Saiten, die ihr klangen,
Ihren Namen nie mein Lied.
Ach! die Blume des Genußes
Welkt am offnen Sonnenlicht.
Zeugen unsers stillen Kusses
Gaben Neidern schnell Bericht.
Selbst den Schwur der Treue schwuren
Wir im unbetretnen Wald.
Neugier spät die kleinsten Spuren,
Eifersucht hört leis' und bald.
Wo das Lamm der Trauten hüpfet,
Trift man meine Herde nie.
[308]
Schüchtern und bedächtlich schlüpfet
Mein verstolner Blick auf sie.
Unverfärbt hör' ich sie nennen,
Scherz' und lache, wenn sie singt,
Und will nicht ihr Hündchen kennen,
Das liebkosend mich umspringt.
Hirten, lernt euch selbst bewahren!
Plauderei gebiert nur Leid.
Müßens alle gleich erfahren,
Daß ihr zu beneiden seid?
Schweigend ist der Wonne Fülle,
Gern entweicht sie dem Verdacht,
Und erwählt des Schattens Hülle,
Der sie doppelt reizend macht.
Leichtes Sinnes schwatzen Thoren
Von der Seele Wünschen laut;
Was des Klügern Herz erkoren,
Wird auch Freunden nicht vertraut.
Andern kein Geheimnis, bliebe
Mir mein Glück nicht schön, nicht rein.
Sag ich denn, daß ich dich liebe,
Sag ich, Theure, dirs allein!

An einen jungen Dichter

Verstecke dich und statt zu fliegen krieche!
So sprach mit Recht ein weiser alter Grieche,
Und traun! der Mann sah tief in unser Herz.
Des Bruders Glück ist seinem Bruder Schmerz;
Stets ungerecht, voll Neid ist unsre Seele,
Sie leidet, wenn geehrt ein andrer ist.
Verdiene Ruhm! Doch daß dir Glück nicht fehle,
So werde nicht genannt, eh du gestorben bist.

[309] Freundschaft

Von Freundschaft, Chloe, soll ich singen?
Wann gab ein Dichter der sein Lied?
Die um ihr ganzes Recht zu bringen,
Brauchts nur daß man dich lächeln sieht.
Bewundrer hat in ihrem Lenze
Die Schönheit, aber Freunde nicht.
Die Scherze flechten Heben Kränze,
Sie lacht und hört, was Amor spricht.
Noch fühlen wir der Jugend Freuden,
Wir lieben und wir wollen noch
Um seine nicht den Herbst beneiden,
Kömmt er zu früh uns einstens doch!

Aufmunterung zum Trinken

Willst du der Klagen
Dich ganz entschlagen,
Trink Wein mein Sohn!
Folgst du der Lehre,
Dann eilt, ich schwöre,
Der Gram davon.
Beym vollen Becher
Verlacht der Zecher
Die ganze Welt.
Dieß wirst du glauben,
Wann Saft der Trauben
Dein Aug erhellt.
Wer wird den Schönen
Auch immer fröhnen
Um einen Kuß?
Erst muß man leiden,
Dann folgen Freuden,
Dann Ueberdruß.
Wir aber trinken,
Und Freuden winken
Uns jeden Tag.
Der Unmut weichet
Und Ekel schleichet
Uns nimmer nach.

[310] Trinklied

Trinkt Brüder der Reben
Entflammten Saft!
Er würzet das Leben
Und schenkt uns Kraft.
Die Waßertrinker die keuchen,
Sehn wie Gespenster und Leichen
Und werden mit mürrischem Gram bestraft.
Schleicht heute nicht blasser
Der Mond dahin?
Er trank zu viel Waßer,
Das bleichet ihn.
Hätt er Burgunder zu trinken,
Er würd Euch treflicher blinken,
Er würde wie unsere Wangen glühn.
Was quaken die Frösche
In jenem Sumpf?
Wird nicht ihr Gewäsche
Vom Waßer dumpf?
Laßt sie im Rebensaft schwimmen!
Ich schwörs, in unsere Stimmen
Tönt gellend dem Bachus auch ihr Triumph.

Die Kinderjahre

Wir waren noch in jenen frohen Tagen
Wo man von keiner Pflicht,
Von keiner Liebe spricht.
Man hat sich immer was zu sagen
Und sieht man sich, so wünscht man weiter nicht.
[311]
Ein Blumenstrauß der ersten Flur entrißen,
Den meine kleine Hand
Für Chloens Busen band,
Ward ach! belohnt mit welchen Küssen!
Und ich ward dann ihr Schäferchen genannt.
Jetzt sieht sie mich von Stutzern rings umgeben
Mit heimlichem Verdruß,
Vergißet Kranz und Kuss;
Doch ich vergeß in meinem Leben
Die Küße nicht, die ich entbehren muß.

An die Freude

Must du, sagt ich zu der Freude,
Must du denn so flüchtig seyn?
Du entfliehst zu unserm Leide!
Holt man dich nur eben ein?
[312]
»Alles ist auf Erden nichtig,«
Sprach sie: »Es behielten mich,
Wär' ich minder rasch und flüchtig,
Traun! die himlischen für sich.«

An Doris

Was stehst du da und marterst dich,
Wer deine Gunst verdient? O Doris, wähle mich!
Denn ich bin jung genug mich deiner werth zu zeigen
Und alt genug mein Glück zu schweigen.

Leser oder Kritiker

Lied gefällt, was Meister Feil auch spreche.
Für Gäste kocht ich zu: was kümmern mich die Köche?

Der Beseßene

Wie Klaus doch zu bedauern ist!
Sobald er etwas kluges liest,
Wird er geplagt von höllischen Dämonen.
Sein Herz wird kalt, sein Auge starrt,
Der Geifer fleußt ihm in den Bart,
Aus wild verzerrtem Munde gluckt
Ein grässlich lachen, krampficht zuckt
Die rechte Hand, wird Faust – und schmiert Recensionen.

Der Irrwisch

Spiele nur immer, gaukelnder Betrüger,
Spiele nur immer deine leichten Tänze,
Flüchtiges Dunstkind, das des Wandrers Füße
Brünstig heranlockt,
[313]
Spröde dann fliehet, endlich ins Verderben
Führet. Ich kenne diese Mädchenränke!
Lernte sie all' aus Deinem blauen Auge,
Flatternde Nais!

Wie es war und ist

Der Herzen gibts nicht mehr in unsern Tagen,
Die voll Gefühl auf Erden weit und breit
Mit keinem Wunsch als nach der Einen fragen,
Der sie sich ganz und lebenslang geweiht;
Gern jedem Glück, ists Ihr nicht Glück, entsagen;
Unabgeschreckt von Haß, Verfolgung, Neid
Wie im Triumf an Ihrem Siegeswagen
Hervor sich blähn; was halb Ihr Blick verbeut,
Nicht wollen; nur mit innigem Behagen
Die Freude fühlen, die auch Sie erfreut;
Zufriednes Muts an ihrem Grame nagen,
Und Jahre durch, was Stolz und Grausamkeit
Auflegen kann, und immer willig tragen;
Zu leben und zu sterben gleich bereit,
Gefahr und Tod um Ihretwillen wagen;
Und wenn zuletzt Ihr harter Sinn Sie reut,
Die Zweifel fliehn, die um den Busen lagen
Und Sie erweicht Ihr Ohr den Seufzern leiht,
Als wär es Traum, noch fürchten noch verzagen:
[314]
Der Herzen gibts nicht mehr zu unsrer Zeit!
Der Liebesgott ist nun kein Gott der Klagen:
Er kömmt und glüht und lacht der Schüchternheit
Und schleicht, will ihn ein stolzes Mädchen plagen,
Gelaßen fort, und ist er glücklich heut,
Sieht man ihn morgen schon die Flügel schlagen. –
Warum bin ich noch von der alten Zeit?

Der Unentschiedene

Einen Zauber in dem Klang
Ihrer Stimme hat Filinde,
Daß ich immer nur mit Zwang
Mich dem süßen Ton entwinde.
Einen Zauber in dem Blick
Ihrer Augen hat Agathe,
Daß ich über mein Geschick
In Besorgnis fast gerathe.
Von den schwestern gleich gerührt,
Hab ich keine noch erkoren.
Wenn mein Auge die verführt,
Hält mich jene bei den Ohren.

[315] Triolett

An drei Schwestern.


Schöne Schwestern, von Euch dreien
Welcher huldigt meine Pflicht?
Noch gehuldigt hab ich nicht. –
Schöne Schwestern, von Euch dreien
Dürft ich, mögt es mir verzeihen!
Wol der zärtlichsten mich weihn. –
Schöne Schwestern, von Euch dreien
Welcher huldigt meine Pflicht?

Weibertreue

A.

Abwesend hat man Unrecht

Abwesend hat man Unrecht. Eine Reise
Zwar von acht Tagen nur, riß aus Melissens Arm
Die er schon lange Zeit auf nicht gemeine Weise
Geliebt, den Kleon weg. Nichts gleichet ihrem Harm.
Sie kann den ersten Tag nicht schlafen und nicht eßen.
[316]
Am zweiten kömmt Philint, und – Kleon ist vergeßen.
Doch er kömmt wieder. »Ungetreue!
Spricht er, hast dus mit mir nur so gemeint?«
»Mein Freund, antwortet sie, mein guter Freund!
Was du mir sagen kannst, hab ich verdient, bereue,
Beklag es sehr, nur – mach geschwinde fort,
Denn unter uns – der andre wartet dort.«

B.

Weibertreue

Wohl aus dem Aug, wohl aus dem Sinn!
Das zeuget meine Nachbarin.
Ihr Medor, der sie ganz mit Seel und Leib beseßen,
Verreist auf vierzehn Tage nur.
Ein andrer kam – und Medor war vergeßen.
Doch plötzlich auf des Hauses Flur
Stand scheltend Medor: Ungetreue!
Hast dus nicht redlicher gemeint?
»Ach, rief sie, lieber guter Freund!
Du schiltst mit Recht! Tief fühl ichs und mit Reue!
Nur schilt geschwind und mache fort,
Denn unter uns, der andre wartet dort.

Die Wahnsinnige

A.

Aus elysischen Gefilden, Myrthenhainen,
Wo die abgeschiednen Geister Liebe weinen,
Von kristallnen Bächen, die der Mond beglänzt
Und ein Frühling ewig jung und lächelnd kränzt,
Will ich einsam in zerrißnen Lumpen eilen,
Meinen finstern liebeskranken Gram zu heilen.
Luna blieb am Himmel spät,
Fröhlich schwebte Mab im Tanze,
Oberon voll Majestät
[317]
Sah, wie Mars mit seiner Lanze
Die Liebesgöttin verwunden thät.
In jener Primel tief begraben
Liegt er in hellen Tropfen Thau.
Täglich soll dich meine Thräne laben,
Daß du nicht welkst, o Blümchen, auf der Au.
Denn seit Er tot ist, hab ich keine Freude mehr!
Vergißmeinnicht und Rosen will ich finden,
Ein Kränzchen meinem Freund zu binden.
Statt der Musik erschall ein Seufzen um mich her!
In einen holen Baum will ich mich niederlegen,
Dem Tode lächeln, segnen das Verderben
Und sterben.
Raben, Katzen, Fledermäuse
In der bängsten, fürchterlichsten Weise
Sollen Wald und Felsen zum Gefühl bewegen!
Uhus, Eulen
Sollen mir mein Grablied heulen!
Saht ihr ihn nicht? Wie ihm die schwarzen Augen brennen!
Mädchen, fürchtet ihre Macht!
Nehmt euer Herz in Acht!
Wie würdet, würdet ihr dem Mann entfliehen können!
Horch, horch der alte Charon!
Er will nicht länger warten!
Die Furien erheben ihre Peitschen,
Und rufen: von hinnen! von hinnen!
So kehr ich denn zurück woher ich kam.
Die Welt ist viel zu toll, nichts lindert meinen Gram.
Was soll ich länger schmachten?
Die Lieb' ist alles Elends Same,
Ist eine Seifenblas', ein Schatten und ein Name,
Den Narren bewundern und Weise verachten.
Kalt und hungrig bin ich nun –
Unter Blumen will ich ruhn,
Träumend hin auf Himmelsmatten sinken,
Götterspeise kosten, Nectar trinken
Und singen:
[318]
Wer heiter ist und froh,
Kann jeden Gram bezwingen.
Bei Waßer und auf Stroh
Bin ich in meinem Sinn
Zufriedner als die Königin,
So lang ich ohne Feßel bin!

B.

Aus elysischen Myrtenhainen,
Wo abgeschiedne Liebende weinen,
Von stillen Bächen mondbeglänzt,
Die ewig blühender Frühling kränzt,
Kommt mit Grabeslumpen umhangen,
Kommt die arme Hanne hergegangen,
Linderung wo und Ruhe zu erlangen.
Ha! wie blutig, wie düster
Der sinkende Mond da scheint!
Wie im Pappelgeflüster
Der Nachtigall Stimme weint!
Wie dort am quelligen Berge,
Wo Feuerwürmer glühn,
Die Elfen, Nixen und Zwerge
Den ringelnden Reigen ziehn!
In jener Primel Kelch begraben,
Ruht Er, gekühlt von hellem Thau. –
Täglich soll dich meine Thräne laben,
Daß du nicht welkst, o Blümchen der Au!
Denn seit man ihn begraben,
Hat Hanne keine Freude mehr.
Vergißmeinnicht und Rosen will ich finden,
Ihm einen Totenkranz zu binden,
Von meinen Thränen schwer.
Nicht Glockenklang,
Nicht Grabgesang,
Mein Seufzer nur erschall umher.
[319]
Wo ist der hole Baum im Hain?
Allein will ich mir betten, allein!
Dem Tode lächeln, segnen das Verderben –
Und sterben.
Nachtraben und Fledermäuse
In banger, gräulicher Weise,
Uhu und Eulen
Sollen mein Grablied heulen. –
Sahet ihr ihn?
Wie die schwarzen Augen ihm glühn?
O fürchtet, Mädchen, ihre Macht!
Nehmt euer Herz in Acht!
Wie würdet ihr dem Mann entfliehn? –
Horch, horch! Aus Moderduft
Der alte Charon ruft!
Mit Geißeln nahm die Erynnen
Und rufen: von hinnen, von hinnen! –
So kehr ich denn, woher ich kam.
Die Welt ist viel zu toll: nichts lindert meinen Gram.
Was sollt ich länger umsonst hier schmachten?
Die Lieb' ist alles Elends Same,
Ist Seifenblas' und Schatten und Name,
Den Narren bewundern und Weise verachten.
Kalt und hungrig bin ich nun.
Unter Blumen will ich ruhn,
Träumend auf sonnige Rasen sinken,
Ambrosia kosten und Nektar trinken
Und singen:
Wer heiter ist und froh,
Kann jeden Gram bezwingen.
Bei Waßer und auf Stroh
Bin ich in meinem Sinn
Zufriedner als die Königin,
So lang ich ohne Feßel bin.

[320] Gegenliebe

Wenn ich wüßte daß du mich
Lieb und werth ein bischen hieltest
Und von dem, was ich für dich,
Nur ein Hunderttheilchen fühltest;
Wenn dein Danken meinem Gruß
Halbes Wegs entgegen käme,
Wenn dein Mund den Wechselkuss
Gerne gäb' und wiedernähme;
Himmel, Himmel! außer sich
Würde ganz mein Herz zerlodern!
Leib und Leben könnt' ich dich
Nicht vergebens laßen fodern! –
Gegengunst erhöhet Gunst,
Liebe nähret Gegenliebe,
Und entflammt zu Feuersbrunst,
Was ein Aschenfünkchen bliebe.

[321] Klein und artig

Was klein ist, das wird artig oft genannt:
Stax hat gewiss recht artigen Verstand.

Morgen und Mittag

In erster Dämmrung aufgegangen
Sah ich an deinen zarten Wangen
Der Schönheit Morgenroth;
Und sank allmächtig hingerißen
Und zitternd schon zu deinen Füßen
Und ehrte dein Gebot.
Und ganz in deinen Blick verloren
Sah ich dich damals schon erkoren
Der Liebe Königin.
Und ehe du Verehrer fandest
Und eines Herzen Werth verstandest,
Gab ich mein Herz dir hin.
Jedweden Reiz sah ich entstehen
Und konnte nur dein Auge sehen,
Weil sehn noch sicher war;
Und dachte nicht die süße, frohe
Bescheidne, sanfte Minne drohe
Der halben Welt Gefahr.
Unwiderstehlich aber wütet
Der Schönheit Mittag nun, gebietet,
Und Sklaven beten an.
Wer darf um ihre Blicke werben?
Tod folget ihnen und Verderben,
Wenn man nicht hoffen kann.
So hebt sich, wenn die ersten Stralen
Der Sonn' in Gold den Osten malen,
Des Persers Frühgebet,
Der, wenn der Mittag ihren Wagen
[322]
In heißrer Glut heraufgetragen,
Erblasset, sinkt, vergeht.

Der Galgen

Ein Kaufmann, welchen Lug und Trug
Und gutes Glück zum Ritter schlug,
Ließ einen Galgen jüngst auf seinen Gütern bauen
Und stand mit stolzem Blick, der Arbeit zuzuschauen.
»O welche Sudelei!« rief er dem Zimmermann.
»Wie lange denkt Ihr wol, daß dieses halten kann?«
Wie lange, gnädiger Herr? versetzte der geschwinder;
Der Galgen hält gewiß für Sie und Ihre Kinder.

Verschiedener Stolz

Still, ohne Pracht, doch sicher daß mans merke,
So schreiten Prinz und Dogg einher in ihrer Stärke.
In Seid und Schellen prunkt, und bellt und flucht mit Zeter
Der Junker und sein Köter.

Der sterbende Landjunker

Gott tröste Sie, gestrenger Herr!
Sprach jüngst des Dorfes Prediger,
Und weihe Sie nach solchem Leid
Zum Bürger seiner Herrlichkeit!
»Zum Bürger? was?« fing jener an:
»Ich bin und bleib ein Edelmann!«

[323] An Werner

Deinen Geburtstag feirt als Gast der beschüßelten Tafel
Mancher gnädiger Herr Ritter und Graf und Baron.
Bürgerlich all anklingend befeuchten sie deinen Geburtstag:
Keinem, o Werner, indess bist du ein Mann von Geburt.

Eselsurtheil

Ich bin, sprach Herr von Pilz, vom ältesten Geschlechte!
Und stemmt an seinen Wanst die Linke und die Rechte.
Sein Esel warf die Schnauz und schrie Iha!
Ich bin von älterem Geschlechte,
Denn schon vor Adam war der Esel Ahnherr da.

Kunz und Hinz

1776.

Kunz.

Hinz, möchtet Ihr im Monde leben?
Es sollen dort auch Leute sein.
Hinz.

Nein! Doch wenn sie dort Streit erheben,
Schickt uns der Prinz für Geld hinein.
Kunz.

In Mond? Was schert der Krieg uns da?
Hinz.

Denkt doch nur an Amerika!

In des Königs Namen

Man warb ihn mit Gewalt und riß ihn von
Dem jungen Weib und lieben Sohn
Zum blut– und thränenvollen Frohn.
[324]
Man zwang ihn zur Kapitulation
Auf sieben Jahr. Die hat er treu gedient
Und nicht zu muksen sich erkühnt.
Die Zeit war um. – Nun wollt er von
Dem blut– und thränenvollen Frohn
Zum jungen Weib und lieben Sohn.
Allein umsonst war sein Verlangen.
Er bat, er weint und Prügel war sein Lohn.
Was that er da? Er lief davon,
Ward wieder gefangen
Und in des Königs Namen aufgehangen.

Die Gewißenhafte

A.

Er plaget mich, ich soll ihn küssen.
Nein, nein! das würd ich theuer büßen,
Denn Mutter sagt, ich solls nicht thun.
Verbeut ihm seine nichts, ei nun!
So kann er mich ja küssen!

B.

Bärbchen küsse mich! sprach Peter;
Aber schreiend Weh und Zeter,
Beide Hände vors Gesicht
Sagte Barb': »Ich darf ja nicht!
Kömmst du?« – alle Nägel drohten –
»Meine Mutter hats verboten!«
»Aber schaut mir dort den Peter!
Wie ein wahrer Schafskopf steht er,
Beißt die Finger vor Verdruß.
Nehm Er wie er kann den Kuß!
Hat es doch dem dummen Knoten
Seine Mutter nicht verboten.«

[325] Stoßseufzerlein eines Ehemannes

Ihr Götter schenktet mir ein Weib
Kraft eurer hohen Gnade
Zu meines Lebens Zeitvertreib,
Auch war es nicht mein Schade.
Sollt' eure hohe Gnad' indeß
Für sie was beßers wißen,
So will ich meiner Pflicht gemäß
Sie gern noch heute missen.

Hanne und Hannchen

Wohl keine Frau ist ihrem Manne
Was du dem deinen, gute Hanne!
Ein Hannchen, eine Hanne macht
In dir ihn glücklich Tag und Nacht.
Will Liebe zu der Hanne stocken,
Das Hannchen weiß ihn schon zu locken
Durch Scherz und Tändelei und Spiel.
Und wird des kosens ihm zu viel,
Die Hanne bringt des Ernstes Würze
Daß sie die Zeit ihm lehrreich kürze.
Was aber, falls ich rathen kann,
Dein hochbeglückter Ehemann
Sehr gern ein wenig anders hätte,
Ist, daß so wohlgemut und frisch
[326]
Sein Hannchen ihm nur sitzt am Tisch
Und Hanne mit ihm geht zu Bette.

Die kluge Wahl

A.

Herr Schraper freit um Jungfer Henning
Und Jungfer Hennings baaren Pfenning,
Und altes Silber wählt man nicht
Nach Ansehn sondern nach Gewicht.

B.

Ihr stuzt warum der junge Veit
Die alte lahme Jungfer freit?
Der Schönheit wegen kauft man nicht
Alt Silberzeug, bloß nach Gewicht.

Romanze

Ihr Dirnen, die ihr spröde thut,
Schäumt euer jüngferliches Blut
Gleich oft zum überkochen,
Hört, wie in Schönbeck lästerlich
An einem Kammerkätzchen sich
Das sprödethun gerochen.
Als Aeffchen ihrer gnädgen Fra
Schminkt sie sich salva venia
Mit rothen Hasenfüßchen;
Belockt sich wie ein Hoffräulein
Und schnürt sich dünn und lispelt fein
Und nimmt mit grace ein Prieschen.
Als einmal sie Gevatter stund,
Da zog und spizte sie den Mund
[327]
Mon dieu wie mannigfaltig!
Schmieds Friedrich warf ihr einen Schmatz
Und trank ihr zu: »Mamsell, Ihr Schatz!«
Drob brummte sie gewaltig.
»Ein Schatz, parbleu! welch dummer Schnack!
Bleib er bei seinem Kohlensack
Und laß er meines gleichen!«
»Nun, nun, Mamsell, nur kein Gekreisch!
Schwernoth! Ihr juckt wohl auch das Fleisch
Nach mir und meines gleichen!«
»Du bist der rechte, schrie sie, Du!
Solch grobes Mannsvolk stinkt mir zu,
Wie Theer an alten Achsen.
Verfiel mein Gusto je aufs frein,
Soll diese Nacht zum Augenschein
Ein schwarzer Bart mir wachsen!«
Sie schlug ein Schnippchen, schnupft' und trank,
Doch klopft ihr gleich das Herz so bang.
Ein bös Ding ums Gewissen!
Ihr graute nachts, schon juckt es ihr
Um Wang' und Kinn, sie konnte schier
Vor Angst kein Auge schließen.
Der Sturmwind saust' die Nacht hindurch,
Die Eule heulet auf der Burg,
Die Wehklag' in den Eichen.
Bang zirpen Grillen, Katzen maun,
Sie sieht ums Bette voller Graun
Die Unterirdschen schleichen.
Als früh sie vor den Spiegel trat,
Da einen lauten Schrei sie that,
O scheusliches Geschicke!
Die Wangen Kinn und Lippen zart
Umzog ein schwarzer Judenbart.
Sie fiel wie todt zurücke.
[328]
Als sie erwacht, o Jemini!
Wie schäumte, knirschte, krazte sie,
Das Scheusal auszurotten.
»Nun Friedrich komm und lache mein!
Nun wird der schlechtste Kerl mich scheun
Und alle Hurren spotten!«
Sie legt umsonst Pechhauben an,
Die Zang ihr auch nicht helfen kann,
Sie ist ein Jud und bleibt es.
Der Bader beizt am Schandgewächs:
Umsonst! kein Doctor, keine Hex,
Kein Schinderknecht vertreibt es.
Sie weinte vierzehn Tage lang,
Rauft' ihren Bart, mied Speis' und Trank
Bis Wang' und Busen sanken.
Und aschgrau wie ein Bild von Tusch
Entflieht sie in des Burgwalls Busch,
Wo Unterirdsche wanken.
Die tanzen froh um sie herum.
Seit dem geht sie um zwölfe um
Im Reihn der Nachtgespenster.
Und wo sie geht, da heults und lachts;
Langbärtig kukt sie oft des Nachts
In spröder Jungfern Fernster.

Klagen

Deines Haines Finsternisse,
Oede Wildniss, sucht mein Schmerz.
Lindrung, ach! und Ruhe gieße
Dieses grauen mir ins Herz.
[329]
Jeder Freude bin ich müde,
Jedes Glück ist mir verhaßt;
Hin ist meines Lebens Friede
Und ich bin mir eine Last.
Berget ihr vielleicht, ihr Bäume,
Meine Rosilis? ich Thor!
Der ich stets zu sehn sie träumte,
Die ich ewig doch verlor.
Einst in diesen süßen Schatten
Sah ich sie an diesem Quell –
Stunden, wie nur wir sie hatten,
O wie flohet ihr so schnell!
Laßt mir Trost entgegen wehen,
Büsche, Zeugen meiner Pein!
Werd ich je sie wiedersehen?
Echo seufzet traurig Nein!
Ha! was flüstert durch den düstern
Grauenvollen Aufenthalt?
Ihre Stimme scheint zu flüstern,
Sagt sie mir: Ich komme bald?
Nein! es wälzet zwischen Steinen
Seine Wellen dort ein Bach,
[330]
Hemmt sein rauschen, sieht mich weinen,
Aechzet mir aus Mitleid nach.
Doch sie wird einst wiederkehren,
Wird den Wankelmuth bereun,
Aber dann vergebens Thränen
Meiner kalten Asche weihn.

Dr. Stauzius

1. Dr. Stauzius an seine Collegen.

Das, meine Herren Brüder, ist
Des Satanas infamste List
Daß just die Ketzer, die wir ihm ergeben,
So tugendhaft, ja fast gottesfürchtig leben,
Wodurch der Schalk manch unverwahrt Gemüt
Vom Glauben ab ins Netz der guten Werke zieht.

2. Dr. Stauz als er Steinbarten las.

Was rast der Mann? Wo bleibt denn das Verderben
Das wir von Adam erben?
Wohlwollen, Menschenliebe,
Geselligkeit und andre gute Triebe
Im Menschen von Natur?
Wie kann der Kerl auf solches Zeug verfallen?
Ich für mein Theil, ich merke von dem allen
In mir nicht die geringste Spur.

Richtet nicht

Du gehst sehr ordentlich zu Kirch und Abendmahl;
Er etwa dann und wann einmal.
Du wartest des Gesangs, des Lesens und Gebets;
Er seiner Pflicht und Arbeit stets.
[331]
Du hörest, denkst und sprichst und liesest sehr viel gutes,
Er unterdessen thut es.

Der Kürbiss

Behängt mich nur mit den Ornaten,
So fehlt mir nichts zum würdigsten Prälaten.

Die trinkende Doris

Wenn Doris trinkt, steht Bachus tief entzückt,
Als wenn zu seinem Ruhm es wäre.
Doch Amor, der indess bescheiden nieder blickt,
Hat ganz allein davon die Ehre:
Denn wenn sie trinkt,
Macht sie der Wein so schön, daß der beseelte Zecher
Vielmehr aus seinem Becher
Als ihren Augen sich betrinkt.

Mein Barbier

Mein Herr Barbier hat eigne Gaben:
Er thut so gravitätisch langsam schaben,
Daß während er zur linken ist,
Der Bart zur rechten wieder sprießt.

[332] Auf einen Palast mit Statuen

Die Mauern sind dick, die Diener sind dünn,
Die Götter draußen, der Teufel drin.

Auf Herrn Kakadu den Alterthumskenner

Potz! sprach die Zeit zu Kakadu,
Was ich vergeße, lernest Du!

Das Mädchen von dreizehn

Jung bin ich und unerfahren,
Wie man fangen und bewahren
Und der losen Ränke voll
Weilen nun, dann fliehen soll.
Noch kann ich mich nicht verstellen,
Weiß mit Blicken trüben hellen
Nicht zu spielen; nur der Lust
Schlägt die unentweihte Brust.
Will von euch mich keiner nehmen,
Weil ich gut noch bin und schämen
Des Verrathes noch mich kann?
Sieht mich arme keiner an?
Wartet ja nicht, bis zu lügen
Ich gelernet und zu trügen!
Für den ersten möcht' ich stehn,
Andre könnt' ich hintergehn!

[333] An die Gräfin Julie Reventlow geb. Schimmelmann

Kopenhagen, 16. August 1780.


Nicht Menschen nur, Du lenkst auch Götter,
O Julia, und Wind und Wetter!
Mit holdem Zauberlicht umgoßen
War schon ein Mond bei Dir verfloßen.
Du lächeltest: Hain, Meer, Gefilde
Ward mir ein Abglanz Deiner Milde,
Und was Dich liebet, was Dich ehret,
Schien freundlich auch zu mir gekehret.
Mein Geist erhub sich wonnetrunken;
Doch bald zum eignen Werth gesunken,
Entsagt' er jener hohen Freude
Und rief mir: »Faße Mut und scheide!«
Schon sah ich mich getrennt von allen
Und still am krummen Ufer wallen,
Bald schwebend auf der blauen Wüste,
Gelandet bald an Holsteins Küste,
Die heimisch zwar und traulich winket,
Doch minder Heimat mir jezt dünket.
Da lächelst Du dem Gott der Winde –
Und folgsam gleich Cytherens Kinde,
Das, seit es Deiner Macht gehuldigt,
Kein Mensch der Unrat mehr beschuldigt,
Hemmt er den Nord, dem schon die Wogen
Vor Moens Geklipp vorüber flogen,
Und heißt mit sanftem Wellenkräuseln
Den Südwind mir entgegen säuseln.
»Warum, o Zauberin, erneuern
Den Schmerz der Trennung?« –
»Komm wir feiern,«
Antwortest Du mit süßem Tone,
»Den Tag, da Ring und Myrthenkrone
[334]
Mir segnend gab der frohe Hymen.
Komm, Freund, Du sollst mit uns ihn rühmen.«
Wohlan, mir heilig, drei mal heilig
Sei dieser Tag! Auf! eilig eilig,
Wer je mit uns in goldnen Stunden
Der Lieb und Freundschaft Glück empfunden!
Herbei zum Tag des Gläserklanges,
Des Tanzes und des Brautgesanges!
Auf, laßt uns singen, laßt uns singen,
Indess die vollen Gläser klingen:
Noch oft umarm an solchem Feste
Der beste Mann der Weiber beste!
Doch Freundin! soll mit leichterm Herzen
Ich froher unter frohen scherzen,
So laß mich aus dem Zauberkreise
Und gib mir morgen Wind zur Reise!

An die Gräfin Caroline von Baudissin geb. Gr. Schimmelmann

Mit einem Blumenkranze.


In süßern heiligern entzückensvollern Stunden
Hat Liebe Dir den Kranz gewunden:
Doch du verschmähest auch den Kranz der Freundschaft nicht,
In welchen hier ein Blatt mir die Erinnrung flicht.

[335] Standesmäßig

Einst reist ich durch ein Städtchen fein.
Ein schöner Morgen. Die Uhr schlug neun.
Das Städtchen fein wolt ich besehn,
Hub an Straß auf Straß ab zu gehn.
Arbeitsam lärmt der ganze Ort,
Es hämmert hier, es klopfet dort,
Der trägt das her, der schleppt das hin:
Wie wohl ward mir dabei zu Sinn!
Auf grünem Kirchhof blieb ich stehn
Und sah ein Haus fast groß und schön,
Doch Thür und Fensterladen zu
Und alles still in todter Ruh.
Ich ruf ein Mädel zu mir hin:
»Solch schönes Haus und niemand drin?«
Ja wohl! was rechts, beim Element!
»Wer wohnt denn da?« – Der Supperndent.

Aufrichtiges Geständniß

Herr Schlemm verkauft sein Haus, und spricht, er hab es satt.
Natürlich, denn man weiß daß ers gefreßen hat.

Grabschrift

A.

Gehe dies Grab nicht vorbei!
B.

Wer liegt da?
A.

Lykon der Schwelger.
B.

Der am Podagra starb?
A.

Richtig. Was wundert dich dran?
B.

Daß er sonst auf Krücken einhergieng, jetzo in einer
Nacht mit hurtigem Fuß bis zu dem Tartaros lief.

[336] Die Zerstreuten

Zween tiefsinnige Freunde besprechen sich, Peter und Otto,
Und in Gedanken krazt Otto den Peter am Arm.
Peter fragt in Gedanken: »Was kratzest Du?« Kratzend erwidert
Otto: Mir juckte der Arm. Peter versezte »Je so!«

Andragoras

Fröhlich schmauste mit uns Andragoras, fröhlich auch wünscht er
Gute Nacht, und früh fand man im Lager ihn todt.
Was so schnell ihn getödtet, den blühenden Jüngling, das fragst Du?
Freund, er hatte den Arzt Bullus im Traume gesehn.

An einen Knicker

Wart, ich werde mich rächen, Freund Lupercus,
Daß Du ohne mich einzuladen schmausest!
Künftig nöthige, fleh und schicke neunmal,
Neunmal werd ich im Zorn – und was denn? – kommen!

Liebe

Süße Liebe! Morgenrosen
Athmen reiner nicht den Duft,
Sanfter ihnen liebzukosen
Fächelt Zephyr nicht die Luft.
Voller nicht aus krausem Laube
Reizt den Durst die Nektartraube,
[337]
Nicht so labt der Regen dürres Feld,
Als Ihr Reiz, der mich gefangen hält.
Treuer lenkt des Schiffers Nadel
Nicht gen Norden seine Fahrt,
Fester trotzet Herzensadel
Nicht gefahren jeder Art.
Sichrer fallen nicht und schwellen
Dir o Mond die Meereswellen,
Als von Schicksalstürmen ungekränkt
Nur die Liebe meinen Wandel lenkt.
Junger Klee erfreut die Lämmer,
Bienen süßer Thymian,
Durch des Buchenhains Gedämmer
Folgt ein Hirsch der Hindin Bahn.
Wo des Baches Erlen schatten,
Lockt die Nachtigall den Gatten,
Sie gehorchen einem innern Ruf,
Ich der Liebe, die Ihr Zauber schuf.
Wandelbar in stetem Kreise
Rollt der Jahreszeiten Lauf,
Aus zergangnem Wintereise
Blühn des Lenzes Glocken auf.
Was der Sommer reift und rötet,
Sinkt vom falben Herbst getödtet;
Liebe haßt den Wechsel der Natur,
Unverwelklich lacht ihr Frühling nur.
Wie ein Säuseln über Halmen
Beugt die Zeit der Cedern Stolz,
[338]
Marmortempel zu zermalmen
Droht ihr Zahn gleich dürrem Holz.
Doch wenn jede Kraft ihr weichet,
Felsen sie dem Boden gleichet,
Alles unter ihrem Fußtritt schwankt,
Hat selbst ihr doch Liebe nicht gewankt.
Einzig nur aus diesem Leben
Kann des Todes linde Hand,
Blutet gleich das Herz, sie heben
In ihr beßres Vaterland.
Wo bei Seelen, die hienieden
Lebten liebten litten schieden,
Sie des Erdenglücks kaum mehr gedenkt
Und kein Jammer unsrer Welt sie kränkt.
Liebe wie die Seel' entstammet
Einem Himmel, Gottes Hauch,
Eines Schöpfers Odem flammet
In den Zwillingsschwestern auch.
Dort am Born der Seligkeiten
Huldigen, wann nun der Zeiten
Und des Todes lezter Ruf verhallt,
Reine Geister ihrer Allgewalt.

Der Wein keine Panacee

In jedem Kummer, jedem Schmerz
Preist immerhin den Wein als einen Wunderthäter,
Sagt, er erhellt den Geist, entführt ihn himmelwärts,
Gibt kranken Seelen Schwung, macht leicht das Blut wie Aether,
Hebt den Entschluß zur That und zur Versöhnung räth er:
Mir unterhält, erwärmt, entflammt er nur das Herz,
[339]
Mahlt Daphnen Reiz mir vor und ihren süßen Scherz,
Und – ach! von ihrem Stolz schweigt einzig der Verräther.

Zwei Seestücke

1.

Wilhelm

Getakelt lag das Schiff am Port,
Die Wimpel floßen roth im Winde.
Schwarzäugig Suschen kam an Bord:
»O sagt mir, wo ich Wilhelm finde!
Ihr weidlichen Matrosen, sagt mir wahr:
Geht Wilhelm mit in Eurer frohen Schaar?«
Wilhelm, der hoch am Maste sang,
Gewiegt von Wellen hin und wieder,
Sobald die traute Stimm ihm klang,
Sah stumm durch Seil und Stangen nieder.
Das lange Tau durchglitt ihm heiß die Hand
Und rasch erreicht er das Verdeck und stand.
So wann die Lerch im Saatfeld ruft,
Verstummt ihr Gatte schnell, der munter
Sein Frühlied singt in blauer Luft
Und schießt geschloßner Schwing hinunter.
Die holden Küss', o Wilhelm! ohne Zahl
Misgönnte Dir Kapitän und Admiral.
»O Suschen, Suschen! muß ich gehn,
Auch ferne bleibst Du mein Verlangen.
Wir trennen uns zum wiedersehn;
O trockne Dir die heißen Wangen!
Verstürm uns auch der Wind nach Ost und West,
Dir steht mein Herz ein treuer Kompass fest.
O süßes Mädchen, traue nicht
Des falschen Landvolks schnödem Worte,
[340]
Der Seemann find' ein glatt Gesicht
Für seine Lieb an jedem Orte!
Ein glatt Gesicht ist hier und allerwärts,
Doch Suschen, wo Dein gutes liebes Herz?
Ob uns Orkan und Wogen drohn,
Ob Klipp und Sandbank um uns brande,
Den Elementen biet ich Hohn
Und kehre heim vom fernsten Strande.
Und donnert auch mit Kugelsaat die Schlacht,
Mich rettet Dir der holden Liebe Macht!«
Der Schiffer ruft sein schrecklich Wort,
Der Anker steigt , die Segel schwellen.
»Ach, schluchzt er küssend, Suschen, fort!«
Und starrt ihr nach durch dunkle Wellen.
Schon kleiner wankt ihr Nachen nah am Strand
Und weiß noch weht das Tuch in Suschens Hand.

2.

Suschen

Der Ozean stieg schaurig
Vom Sturmwind aufgeschreckt.
Da seufzte Suschen traurig,
Am Felsenbach gestreckt.
[341]
Ihr Auge weithin spähend
Durchflog den Wogendrang,
Indes die Stirn ihr wehend
Die Trauerweid' umschlang.
»Das Jahr ist schon vorüber
Ach! schon neun Tage mehr!
Warum so dreist, o lieber!
Vertrautest Du dem Meer?
Laß Meer, vom Sturm gehoben,
Laß meinen Wilhelm ruhn!
Ach, hier im Busen toben
Noch wildre Stürme nun.
Was zogst Du Gold zu häufen
Zum fernen Mohrenstrand,
Wo Spezereien reifen
Und Perl und Diamant?
Der Fleiß bei sicherm Werke
Gewährt uns Ueberfluß,
Uns gäbe Mut und Stärke
Ein treuer Herzenskuss.
Wie ringt mit grausen Wettern
Dein überwogtes Schiff!
O wehe mir! nun schmettern
Es Stürm ans Felsenriff!
Jezt schwimmst Du auf der Trümmer
Durchs Weltmeer! sinkend jezt
Nennst Du mit Angstgewimmer
Dein Suschen noch zulezt.«
Sie riefs mit bangem sehnen
Vom Felsen wo sie saß,
Und weinte helle Thränen,
Ihr Busentuch ward naß.
Da trieb die Woge schäumend
Den kalten Leichnam her:
[342]
Sie starrt ihn an wie träumend,
Erblasst und sank ins Meer.

Die Erleichterung

Im Sturme suchte sich der Sünden
Zuerst das Schiffsvolk zu entbinden,
Bekannte sie und hatte schon
Vom Priester Absolution,
Als an den zweiten Punct man dachte,
Und was denn zur Erleichtrung nun
Des schwerbeladnen Schiffs zu thun,
Zur ernsteren Erwägung brachte.
Der Steuermann rief: »Den dicken dort,
Mit unsern Sünden schwer beladen,
Voran zu schicken, kann nicht schaden!« –
Plumps, flog das Pfäfflein über Bord.

Burkens Denkmal

Hier, Wanderer, nach Hader Zank und Strauß
Ruht unser guter Edmund aus.
Sein Geist durch Scharfsinn Witz und Genius geadelt,
Wird kaum zu sehr gepriesen und getadelt.
Sein allumfaßend Herz voll Liebe stolz und frei
Engt er und fröhnte der Parthei,
[343]
Erniedrigend der Einzelheit zum Knechte
Was angehört dem menschlichen Geschlechte.

Das Schlachtfeld

Sanft schläft der Helden Schaar, die hier zur Ruhe sank;
Es segnet Ihre Gruft des Vaterlandes Dank.
So oft der Lenz mit Thau bethränet
Ihr heiliges Gebein verschönet,
Entblüht mehr Anmut seinem Pfad,
Als je der Fuß der Fantasei betrat.
Nachts tönt von Feenhand der Todtenklocke Klang
Und Luftgebild erhebt den leisen Grabgesang.
Die Ehr' in grauer Pilgerhülle
Weiht oft der Rasenhügel Stille;
Die ernste Freiheit wählt hinfort
Als trauernde Einsiedlerin den Ort.

Mutter und Tochter

Am warmen Juniusabend
Wie duftig weht es, wie labend
Von Bohnenblüten und Heu!
Wo durch Kastaniendunkel
Erzittert rothes Gefunkel,
Hier lacht die Jugend und schäkert frei.
Vor allen aber ist Hedchen
Ein ausgelaßenes Mädchen
Und sizt auf jeglichem Knie.
Still kömmt die Mutter gegangen:
»Mein Kind, wie glühn Dir die Wangen!
Dich warnt Erfahrung und Alter: flieh!
[344]
Hast Du gesehn, wie die Taube
Mit grünlich goldner Haube
Dem Täuber bietet den Mund?
Sie gurrt und picket und schnäbelt,
Von Brautentzücken umnebelt –
Was folgt, mein Töchterchen, ist Dir kund.«
»O Mutter lächelte Hedchen,
Warum so mürrisch? Ein Mädchen
Muß doch nicht wunderlich sein.
Man will ja gerne gefallen,
Und beßer scherzt man mit allen
Als einem freundlichen Mann allein.«
»Behüte, Mädchen, behüte!
Willfährst Du allen mit Güte,
So fängst Du nimmer ein Herz.
Nimm Einen Mann für das Leben;
Ein Schäferstündchen daneben
Vergönnt mit anderen wol den Scherz.«
»Bereit nur Mütterchen halte
Den Brautkranz! Otto der alte
Hat Geld und eignen Herd.
Ich meint, ihr nähmet fürs Leben
Den Ehmann euch und daneben
Sei nie ein Stündchen dem Scherz geweiht.«

[345] Nänie

Ergo Quinctilium perpetuus sopor

Urguet? cui pudor et justitiae soror,

Incorrupta fides, nudaque veritas

Quando ullum inveniet parem?

Horat. od. I. 24, 5-8.


Starb der theure Mann von Ehre
Starb der Herr von Schafskopf doch!
Traun er lebt und schriebe noch,
Wenn er nicht gestorben wäre!
Staunen mußten selbst Minister,
Gab er ihnen Lehr und Rath.
Wo er falsch geweißagt hat,
War die Zukunft ihm zu düster.
Lob der Großen war der Angel
Den er aus nach Gelde warf.
Hatt' er, was ein Mensch bedarf,
Keines Dings dann spürt' er Mangel.
That er von den Gräueln schreiben,
Aufruhr, Propagand' und Mord,
Immer war sein kluges Wort:
Wahrlich das kann so nicht bleiben!
Trübt ihm Frankreichs Sieg die Stunden,
Gerne fuhr er aus aufs Land.
Niemals wenn er dort sich fand,
Ward er in der Stadt gefunden.
Auf dem Land auch nimmer müßig
Schrieb er selbst sich manchen Brief.
War das Schreiben apokryph,
So war Antwort überflüßig.
Fürsten die ihm hold gewesen,
Schrieb er noch, eh er entschlief.
Schrieb' er mehr im nächsten Brief,
Mehr auch hätten sie gelesen.
[346]
Dienerhaft und unerthänig
Trieb er mit der Wahrheit Spiel.
Sezt er eine Null zu viel,
So war keine Null zu wenig.
Sonder Grund ist man verwundert,
Daß sich Rum erschrieb der Tropf.
Hatt' er Ruhm, so hatt' er Kopf:
Wett' ich sieben gegen hundert.
Was er druckte, Text und Noten,
Machte manchem Schafskopf Spass.
Wenns der Censor gerne las,
Wards vom Censor nie verboten.
Seines Kopfes Widersacher
Tauft' er zu Rebellen um.
Ward wer lachen konnte stumm,
Minder wurden dann die Lacher.
Guten Wein und gutes Eßen
Fodert' er für seinen Tisch;
Bei Pasteten Austern Fisch
Kont er Grütz und Wurst vergeßen.
Welche Speise bläh und stopfe,
Wußt er auf ein Härchen auch.
Wars verstopft in seinem Bauch,
Dann wars nicht allein im Kopfe.
Arznei in kleinen Prisen
Nahm er selten nur und kurz.
Schnupft er öfter Niesewurz,
Oefter kam er dann zum niesen.
Weint und klagt, obgleich vergebens!
Klagt und weinet, wer es mag!
Seines Todes erster Tag
War der lezte seines Lebens.

[347] Schmierax

Hätt ihm sein böser Stern nur wenig Scham geschenkt,
Längst hätte Schmierax sich erhenkt.
Doch einem Hund an Unverschämtheit gleich,
Lebt er und bellt und kriecht sich adelich und reich.

Auf einen Maler

Zwanzig Söhn' erzeugte der Bildnismaler Diokles.
Unter den Söhnen sogar hat er nicht einen der gleicht.

Molly fehlt

Warum reizt dieser Hain, warum die schöne Wiese,
Die er bekränzt, uns halb nur? fragen wir.
Nicht viel entbehrt zu einem Paradiese
Dies Lustgebüsch – doch Molly fehlet hier.
Der Freude Götterchen, die sie gedrängt umschließen,
Belauscht ich jüngst an diesem Ort.
Von ihr allein, hieß es, gilt jenes alte Wort:
Sie sehen oder sie vermissen!
Entwickelt war in unsrem Kreise
Des Geistes Anmut, dämmert wo und tagt
Ein Stral des Lichtes, strebt und ragt
Bald hier bald da des Ausdrucks Ton und Weise,
Dann spricht der lobende ganz leise:
Viel feiner, treffender und weniger gewagt
Hätt unsre Molly das gesagt.
Der Scherz, die Musen im Geleite
Der Huldgöttinnen stehn ihr immerdar zur Hand.
Sie leiht dem Spotte selbst ein attisches Gewand,
Und liebenswürdiger wird Tiefsinn und Verstand,
Erscheinen sie an ihrer Seite.

[348] Die Schlummernde

Im Gelispel athmet Flöten!
Leis entschlummert sinkt das Haupt
Meiner Freundin, das zu röthen
Sich ein süßer Traum erlaubt,
Und von Maienkühl' umfächelt
Liebe hauchet, Liebe lächelt.
Blumen sind dem prallen Moose,
Das sie wieget, eingestickt;
Ueber ihr hängt eine Rose,
Die verschämt am Stocke nickt;
Und den Balsam rings ergießen
Lüfte, die sie sanft umschließen.
Ihr gelagert gegenüber
Wagt mein Odem keinen Zug.
Kalt und glühend als im Fieber
Hemm ich meines Seufzers Flug.
Wenn der Traum, der sie umschwebet,
Nur kein fremdes Bild belebet!

Die Statue einer Nymphe

Am plätschernden Geräusch der Welle
Entschlief ich Nymphe dieser Quelle.
[349]
Du, der herab zum baden steigt,
Du, der zu trinken, o schweigt!

Die Elfenburg

Als König Arthur Engellands
Uralten Heldenruhm belebte,
Zur Zeit da oft ein Elfentanz
Den Quell im Mondenlicht umschwebte,
Erschien am Hof ein edler Knecht,
Der Ritter Edwin schlicht und recht,
Nicht unerfahren in den Waffen,
Doch zum erschrecken missgeschaffen.
Den ganzen Rücken überzwerch
Umwuchs, sich bis ans Haupt verlängend,
Ein ungeheurer Knochenberg
Und drückte vorn die Brust verengend.
Allein ob fast ihm selber graut,
So oft er in den Spiegel schaut,
Ein Herz im Busen fühlt er schlagen
Und darf um eins zu werden wagen.
Der blonden Edith hätt er gern
Sich angetragen zum Gemahle;
Doch keine Schöne sucht den Kern,
Behagt ihr nicht zuvor die Schale.
Den Junker Topas schmuck und schier
Fand er im Lustwald einst mit ihr
Gar herzensminniglich vereinet,
Und starrt am Boden wie versteinet.
[350]
Zum wilden Forst schwärmt er allein
Voll melancholischer Gedanken,
Wo schauerlich im Mondenschein
Um ihn der Bäume Schatten wanken.
Jezt aus dem Traume schrecket ihn
Der alten Hünenburg Ruin,
Wo sich versammeln nachts um zwölfe
Kobold und Nix und Fei und Elfe.
Es sinkt der Mond, der Sturm erwacht,
Hohl seufzt der Wald und Wölfe heulen;
Die Stadt ist fern und schwarz die Nacht.
Was soll er? fortgehn oder weilen?
Ermattung bringt ihn zum Entschluß,
Mit Faßung sezt er seinen Fuß
Ins Thor der Burg und streckt die Glieder
Im morschen Rittersale nieder.
Auf durch die Hallen reißt ein Stoß
Die Riegelpforten wie zersplitternd,
Und krampfhaft zuckt der Erde Schoß,
Den weiten Felsenbau durchschütternd.
Er schaudert auf, er atmet schwer
Und sieht an Wänden rings umher
Und Kronenleuchtern wol zusammen
Dreihundert Kerzen sich entflammen.
Ein jugendliches Fraungekreisch
Hat kaum sein lauschend Ohr vernommen,
So hört er wandelndes Geräusch
Je näher ihm je lauter kommen:
Und aus dem Winkel, wo geduckt
Er unterm Mantel horcht und kuckt,
Schaut er ein bunt Gewühl von Leuten,
Die nach dem Anzug viel bedeuten.
Nie sah ein Hof so dichte Zahl
Prachtvoll geschmückter Herrn und Damen
[351]
Im blendenden Redoutensaal,
Als hier zum Gallafeste kamen.
Duft gab das Land, Gestein das Meer,
Der Himmel hell Gefieder her,
Der Süden seidene Gewänder,
Der kalte Norden Zobelränder.
Ein königlich geschmückter ragt
An Wuchs und Anstand über alle.
Als hinzuschaun der Ritter wagt,
Ruft er mit würdevollem Schalle:
»Wer von des Staubes Söhnen hat
Sich unserm stillen Kreis genaht,
Daß er die reinen Götterdüfte
Mit niederm Seufzerhauch vergifte?«
Doch Edwin hoch an Mut und Sinn
Und keinem Zauberschein erblassend,
Tritt mannhaft vor den Herrscher hin,
In seines Werts Gefühl sich faßend:
»Gewaltiger im Geisterreich!«
Beginnt er nun, »mich führt zu Euch
Kein eitler Vorwitz, kein begehren
Die Nachtversammlung hier zu stören.
Des Herzens Gram, die Höllenpein
Ein Mädchen ungeliebt zu lieben,
Hat mich durch Nacht und Wüstenein
Gedankenlos hierher getrieben.«
»Wohlan!« versetzt der Geisterfürst,
»Getrost, wofern du schuldlos irrst.
Hier wird kein leidender gekränket,
Sobald er redet, was er denket.
Vertraue deinem Stern hinfort!
Bevor wir von einander scheiden,
Erhebt sich dir, du hast mein Wort!
Aus dunklem Gram ein Stral von Freuden.
[352]
Der Zufall, der dich hergebracht,
Hat hohe Lust dir zugedacht.
Weil ich mit Mab der Fürstin tanze,
Nimm du die nächst' an Reiz und Glanze!«
Er sprachs und geistiges Getön
Wie sanft gerühreter Kristalle,
Ertönt in leiser Lüfte Wehn
Zu linder Aeolsharfen Halle.
Hier tanzet Oberon und Mab,
Dort Elf und Elfin auf und ab,
Und Edwin schwinget sich im Reihen
Mit Nuk, der lieblichsten der Feien.
Als man zur Gnüge nun getanzt,
Wird rasch von unsichtbaren Händen
Die volle Tafel hingepflanzt
Und drauf ein Nachtisch zum verblenden.
Geordnet ohne Schenken steht
Das wunderbare Trinkgerät,
Und gleich der bunten Seifenblase
Schwebt hin und her der Wein im Glase.
Mit Minnelied und Rundgesang
Wird zwischendurch der Wein gewürzet,
Und drauf mit manchem derben Schwank
Des Althertums die Zeit gekürzet,
Wo bald als Merkatz hüpft ein Geist,
Als Affe bald die Zähne weist,
Als Hase quikt, als Geißbock mäkert
Und gar als Kammerjunker schäkert.
Ein Kobold der als Schalk bekannt
Bei Nachtzeit faule Dirnen kneipet,
Knecht Ruprecht insgemein genannt,
Geht mit dem Aschsack um und stäupet.
Schnell faßt er Edwin nun beim Schopf
Und wirft ihn lachend über Kopf,
[353]
Daß er im Flug zum Balken schwebet
Und ach! der Höcker fest ihm klebet.
Laut ruft er zappelnd: »Gnug gelacht!
Nun löset mich, ihr Herren Geister!
Der Kobold hat es gut gemacht,
Er schlägt den Federball als Meister.«
»Geduld! antwortet Oberon,
Ein wenig noch Geduld, mein Sohn!
Du bist nicht übel aufgehoben,
Das Ende wird den Meister loben!«
Aufschauernd stuzt der Elfen Schar,
Sie wittern schon das frische wehen
Der Morgenluft, sie hören gar
Den Hahn im fernen Dorfe krähen.
Des ersten Wirbelwinds Gesumm
Durchsaust die Hallen wiederum,
Die Thüren in den Angeln beben,
Und Mab ermahnet fortzustreben.
Im Nu entschwirrt mit hellem Geschrei
Der Unterirdischen Gefunkel.
Hin fährt des Sales Täuscherei
Und aller Kerzen Glanz im Dunkel.
Und Edwin, nun des Zaubers los,
Fällt von der Deck' auf feuchtes Mos,
Daß ihm die Zähn' im Munde klappen
Und fängt im Dunkeln an zu tappen.
Bald weniger geblendet flieht
Er aus dem graulichen Gemäuer,
Und durch bethaute Blätter glüht
Die Morgenröt' im Rosenschleier.
Er fühlt so leicht sich und gewandt,
Er tastet rückwärts mit der Hand,
Und Heil ihm, Heil! vermisst den plumpen
So grässlich aufgeballten Klumpen.
[354]
Heim fliegt er in behendem Schritt,
An Herz und Rücken frei von Schwere.
Das Hofgesinde freut sich mit
Und staunet ob der Wundermäre.
Auch staunet Edith, ihn so schlank
Zu schaun, so edel und so frank.
Was hinterm Berge sonst gestecket,
Liegt sonnenklar und aufgedecket.
Der Junker Topas fühlt Verdruß,
Sich minder izt bemerkt zu sehen,
Und faßt den männlichen Entschluß,
Auch nach der Hünenburg zu gehen.
Nun zeigt, ihr Elfen, eure Kunst!
So denkt er. Schuf eure Gunst
Ein Engelkind aus einem Affen,
Was werdet ihr aus Topas schaffen!
Er geht zum Forst; die Nacht ist hell,
Er hört voll Angst Geheul von Wölfen,
Miaun der Katz' und Fuchsgebell
Und sieht mit graun die Burg der Elfen.
In Gottes Namen kehrt er ein,
Durchmustert lang im Mondenschein
Die Ungemächlichkeit der Trümmer
Und bettet sich im Tafelzimmer.
Auf prallem Mose lauschet er,
Ob bald das Ungethüm sich rege.
Er wirft sich hin, er wirft sich her
Und hört des Pulses laute Schläge.
Da saust der Wind, die Burg erbebt,
Da kömmt der Spuk hereingeschwebt,
Da leuchtet Kerzenglanz dem Balle
Bei sanfter Harmonien Schalle.
Voll Angstschweiß hatte Topas schon
Sich hinter den Kamin verkrochen.
[355]
Umschnüffelnd fragte Oberon:
»Ihr Geister, habt ihr nichts gerochen?
Wer von des Staubes Söhnen hat
Sich unserm stillen Kreis genaht,
Daß er die reinen Götterdüfte
Mit ängstlichem Gestöhn vergifte?«
In Demut eingeschmieget tritt
Zum Geisterkönige der Pinsel
Und lallt, genaht im Stutzerschritt,
Sein unterthäniges Gewinsel:
»Verzeiht, durchlauchte Majestät,
Daß Ihr mich armen Junker seht,
Der matt zu Eures Hofes Thoren
Nach langer Irre sich verloren!«
»Elender! rufet ernst der Elf
Mit abgewandtem Angesichte,
Du wähnest auch vor Geistern helf
Ein kleiner Kniff der Höflingswichte?
Wolan, für seinen Lug und Trug
Bestraft den feigen Gauch nach Fug!
Ihr Poltergeister mögt ihn tummeln,
Und wenn er müd ist, laßt ihn bummeln!«
Stracks nahet Tückebold im Sprung,
Der Hirten oft als Irrwisch narret,
Und schleudert ihn im Bogenschwung,
Wo Puck der Kobold seiner harret.
Hoch dreht und dreht ihn Schub auf Schub,
Und lachend ruft der Geistertrupp!
»Risch tummle dich, mein guter Junker,
Für dein hofjunkerlich Geflunker!«
Gar bunt durchwirbelt er den Raum,
Und bunter noch und immer bunter,
Im Luftrad und im Purzelbaum,
Kopfüber bald und bald kopfunter.
[356]
Zum Balken jezt in einem Ruck,
Wo Edwin klebte, schwenkt ihn Puck,
Daß wie am Rücken angepflöcket
Er alle vier herunter strecket.
Die Unterirdischen erneun
Nunmehr die Wendungen des Balles
Nach schön gemeßnen Melodein
Des anmutsvollen Zauberhalles.
Dann sitzt man am beladnen Tisch
Und lacht und schmaust und bechert frisch.
Spass machen Affen hier und Böcke,
Mehr Spass der Junker an der Decke.
Das Morgenlüftchen atmet kühl,
Fern kräht der Hahn. Nun saust die Halle.
Entflohn ist alles Nachtgewühl
Und ausgelöscht die Kerzen alle.
Vom hohen Balken sinkt herab
Auf pralles Mos der zarte Knapp,
Denn keines Zaubers Täuschung dauert,
Sobald der Morgen angeschauert.
Der arme Topas! müd und matt
Entschleicht er der verwünschten Trümmer
Und schleppt sich wiederum zur Stadt
Im angenehmen Morgenschimmer.
Doch ach! der Rücken schattet krumm!
Er kuckt und langt erschrocken um
Und sieht, da er am Quell sich spiegelt,
Sich Edwins Höker aufgehügelt.
Dies Märchen las mir, das Ihrs glaubt,
Aus einem alten Buch die Base,
Sie streichelte mein junges Haupt
Und nahm die Brille von der Nase.
»Sohn, sprach sie, denk der Elfenburg!
Wer gehen kann, der kommt wol durch,
[357]
Wer ohne Wert nach Scheine trachtet,
Wir ausgehöhnet und verachtet.«

Liebeslaune

Sie liebte mich die wunderholde Braune,
Und mich umgab was Glück nur heißen mag.
Sie liebte mich, das war nun ihre Laune,
Doch Laune nur für einen Frühlingstag.
Mit andern bald schloß eben diese Braune
Und andern drauf den wankenden Vertrag,
Und Himmelswonn' empfand in ihrer Laune
Beseltem Spiel auch jeder – einen Tag.
So wechselnd schafft die wunderholde Braune
Elysium und Hölle Tag um Tag.
Man zürnt ihr laut. Mir folgt der süßen Laune
Erinnerung mit stiller Wonne nach.
Entflattert uns die süße holde Braune,
Umsonst wird Hader dann und Klage sein.
Begehren wir die Wiederkehr der Laune,
Wie? koset sie, hauchst du sie doch nicht ein!
Im Haine jüngst fand ich die holde Braune,
Wo ich mit Rosen sie umkränzend sprach:
[358]
»Wann kehrt einmal zurück die süße Laune,
Daß neu ich liebend neu ich leben mag?«
Da blickt auf mich die wunderholde Braune,
In sanfter Röth entschlüpft ihr leis ein Ach!
Es kehrt zurück die süße, süße Laune,
Sie dauert nun schon manchen schönen Tag.

Phöbus im Wein

Der Gott des Lichts, der seinen Lauf
Im Schooß der Fluten täglich endet,
Steht immer, wenn die Nacht sich wendet,
Aus feuchtem Bette wieder auf.
Ging er im Weine nur wie jezt im Waßer unter,
Er würde traun! so früh nicht munter.

An Fontin

Zehntausend Thaler schlägst du baar
Zum Kapitale Jahr für Jahr,
Und gleichwohl immer starren Mutes
Thust du für keinen Schilling gutes?
Sei mild, Fontin! Du hast ja doch
Zu leben nach dem Tode noch.

Grabschrift

Auf wem der stolze Marmor raget?
Auf einem wohlgepriesnen Mann,
[359]
Der nie ein dummes Wort gesaget
Und nie ein kluges Werk gethan.

Immer Sie

Warest du nicht die Armide,
Die den wackern Reinhold zwang?
Tönte dir nicht der Ovide,
Nicht der Gleime Liebessang?
Legtest du in Rosenbande
Nicht des Zephyrs Wankelmut?
Stiegst du nicht an Cyprus Strande
Wonnenschauernd aus der Flut?
Ein auch dir bekannter Kleiner,
Schön wie du und wohl gelaunt,
Hat mir längst ins Ohr geraunt:
Wo gesprochen wird von Einer
Die, was treflich ist, vereint,
Wird Helena stets gemeint.

[360] Die Eine

Eine holde kenn' ich, Eine
(Weiter auf der ganzen Welt
Giebt es solcher Frauen keine!)
Die gefangen nimmt und hält
Was vor Augen ihr sich stellt.
Glänztest du in Silberhaaren,
Gaukeltest in Knabenjahren,
Wärst ein Weiser oder Held,
Lebt in dir auch eine Welt:
Wenn du einen Blick empfingest,
Wie nur sie ihn blicken kann,
Einmal ihr zur Seite gingest,
Hörtest was ihr Geist ersann,
In die Kenntnis einmal drängest,
Die sie spielend sich gewann,
Und zu Höhen, die ein Mann
Kaum erforscht, mit ihr dich schwängest,
O mit Mund und Herzen dann
Sprächest du: Ich bet dich an!

Minette

Minettens helle Blicke fodern
Gebietrisch auf zur Huldigung,
Sie reizet, lockt, hat nie genug,
Als bis ihr aller Herzen lodern.
Ihr Witz, der wie das Auge glüht,
Nur Blitze schießt, nur Funken sprüht,
Erwartet Lob von jeder Zunge.
Ihr Amor ist ein wilder Junge
Der mit der Fackel, die er trägt,
Mutwillig ins Gesicht euch schlägt.

[361] Der trinkende Bauer

Des Schulzen kichernde Hanne
Neckt nur und spottet der Kanne,
Die gegenüber mir steht.
Wie knapp auch immer sie geht,
Ich laße, mag sie sich brüsten,
Mich ihrer traun! nicht gelüsten.
Mir lob ich Bärbel die runde!
Komm ich mit lallendem Munde,
So reicht sie schlau mir das Glas:
»Auf mein Vergnügen noch das!«
Sie nähm ich, wenn sie das Bette
Auch unterm Leibe nicht hätte!

Trinklied

Trinkt und füllt ohn Unterlaß
Den Pokal, den Rosen kränzen,
Bis wir gleich dem Wein im Glas,
Gleich des Kranzes Rosen glänzen!
So verachten wollen wir
Alles Gold in Schicht und Schachten,
Wollen auch der Ruhmbegier,
Auch der Liebe selbst nicht achten.
Heut ist unser! Laßt das heut,
Freund', uns so behäglich halten,
[362]
Das es schier ihm selber reut,
Sich in morgen umzustalten!
Heute lacht uns noch die Welt,
Heut ist alles wohl geborgen;
Guten Göttern heimgestellt
Bleibe bis er kommt der Morgen!

Des Seemanns Zechlied

Gewähre mir Bacchus
Preiswürdig und hehr
Des Weines nicht Tonnen,
Ein völliges Meer!
Im Weinozeane
Bemannen ein Schiff
Mir Brüder, wie Lust hier
Zusammen sie rief.
Gewinnet an Klippen
Das Schiff auch den Leck,
Nie ruft uns zur Arbeit
Die Pump aufs Verdeck.
Wir schwimmen, wir sinken,
Es bleibet dabei
Daß nicht Element nur
Das Waßer uns sei.
Und droht auch Verderben,
So hat es nicht Noth:
Wir finden im Weine
Den trunkenen Tod.
Es treibe die Woge,
Wohin ihrs gefällt,
Lebendig den Leichnam
Und todt um die Welt!

Der Säufer an den Vollmond

Warum mein lieber Mond, sieht Er
So hoch und kalt auf mich daher?
Doch wol nicht seiner Völle wegen?
O da bin ich ihm überlegen:
Denn Er, mein lieber, weiß Er wol?
Ist Einmal nur im Monat voll!

[363] Zu später Lohn

Wann nach des Tages Sorg und Frohne
Mich Abends nun entläßt die Pflicht,
Und ich der Chinarose nicht
Und nicht des Oleanders schone,
Die Hand zur stolzen Anemone
Bescheidenes Vergißmeinnicht,
Schasmin, Resed und Myrthe bricht,
Und der Begleiterin zur Krone
Sie unter Scherz und Liedern flicht;
In holder Anmut wie Dione
Lacht dann das Mädchen mir und spricht:
»Dir Altem gleich gibts wo ich wohne
Der Sänger und der Gärtner nicht.«
Und mit dem freundlichsten Gesicht
Reicht sie mir einen Kuss zum Lohne.
Warum sprach man in solchem Tone
Vor zwanzig Jahren mir noch nicht?

Das Vergnügen

Ein zartes Kind ist das Vergnügen,
Das man umarmt und niemals frägt,
Obs Ähnlichkeit in Aug' und Zügen
Mit Vater oder Mutter trägt.
Woher entsproßen? wo geboren?
Stets blieb uns dieses ungefragt.
Hat Amorn Psyche nicht verloren,
Sobald sie ihn zu schaun gewagt?

[364] An den Bach

Der du immerdar die Fläche
Dieser Auen strömst entlang,
Mich, du lieblichster der Bäche!
Zieht auch stets derselbe Hang.
Deines Murmelns sanfte Klage
Uebertäubt nicht diesen Raum;
Leise bricht, was ich ertrage,
Aus gespresstem Herzen kaum.
Rein von den Gewäßern allen
Rinnet deine Silberflut,
Doch nicht reiner kann sie wallen
Als in mir der Liebe Glut.
Stürme, die das Meer empören,
Halten deinen Lauf nicht auf;
Keines Schicksals Wetter stören
Meiner Liebe treuen Lauf.
Wandelt Sie durch diese Wildnis,
So wirfst du ihr Bild zurück;
In dem Herzen stets Ihr Bildnis
Trag ich und in ihm mein Glück.
Sichern Boden bis zum Grunde
Schaut in dir man allerwärts.
Mir auch schwebt das Herz im Munde
Und sie blickt mir gern ins Herz.

Der Schuhknecht

Vor allen Dirnen so flink und so glatt
Lacht mir die lachende Lore.
Vor allen prunkenden Plätzen der Stadt
Prunkt mir der Winkel am Thore.
[365]
Des Hofes Dame, wie schmuck sie sich macht,
Mit nichten gleicht sie der Lore.
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Ihr Vater hockt in dem Stübchen und flicht
Aus Eggen warme Pantoffeln.
Die Mutter, gibt es Kastanien nicht,
Verkauft am Markte Kartoffeln.
So brav erzogen, so eben und sacht,
Ward nie ein Mädchen als Lore.
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Kömmt sie getrippelt das Gäßchen herab,
Dann wird mirs blind vor den Augen;
Doch schallt im Haus ihr behendes klipp klapp,
Nicht Stich noch Naht will mir taugen.
Der Meister schmunzelt – doch hab er Verdacht,
Ich sei erpicht auf die Lore!
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Vor allen Tagen der Woche behagt
Der Tag behaglicher Ruhe.
Da wird ein Sprung in das freie gewagt,
Da rasten Stiefel und Schuhe.
Mit Bursch und Mädchen in stattlicher Pracht
Gehts flink zu Dorf mit der Lore.
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Auch schleppt der ehrbare Meister mich wohl
Am Festtag mit in die Predigt,
Und fegt mich wacker beim dampfenden Kohl,
Hab ich des Zwangs mich entledigt.
Doch halt er immer die geistliche Wacht,
Ich Weltkind schleiche zur Lore!
[366]
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Tritt Weihnacht wieder einmal ins Land,
Dann strozt von Geld mir die Ficke,
Das mir zum Rocke die Mutter gesandt,
Und Ihr ins Händchen ichs drücke.
Ja höb ich Schätze vom Satan bewacht,
Die Schätze flögen zur Lore!
Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht
Und wohnt im Winkel am Thore.
Mein Stündlein kömmt daß ich fort in die Welt
Nach Handwerksordnungen wandre,
Und drauf als redlicher Mann für mein Geld
Herr Meister werde wie andre.
Dann wird getraut in der neuesten Tracht,
Dann wird Frau Meisterin Lore,
Dann gehts juchheissa bei Tag und bei Nacht,
Nicht mehr im Winkel am Thore!

[367] Amors Amme

Amors Ankunft in Cythere
Wird ein allgemeines Fest,
Als sich Venus nicht die Ehre
Ihn zu stillen rauben läßt.
Weil er aber nur betrachtet
Und, schon Kind nicht mehr, allein
Des Gefäßes Reizen schmachtet,
Will ihm keine Milch gedeihn.
Rath in solcher Noth gewähren
Heißt die Göttin ihren Hof:
Haben Amorn aufzunähren,
Andre doch vielleicht den Stoff.
Da den Vorzug zu gewinnen
Treten in gedrängter Zahl
Heldentöchter und Göttinnen
Und die Tugenden zur Wahl.
Manche Götterbrust quillt Nahrung
Daß man nicht die Wollust wählt,
Untersaget bloß Erfahrung,
Die der Höfe keinem fehlt.
Trocken findet man die Musen,
Ernsthaft die Vernunft und alt,
Bis ein Labsal ihm am Busen
Der erkornen Hofnung wallt.
Sich unziemlich übergangen
Wähnt vor allen Lüsternheit,
Blickt auf Amorn mit Verlangen,
Auf die Amme voller Neid,
Und begehrt – die schlaue! siegen
Muß sie oder selbst vergehn! –
Das erlauchte Kind zu wiegen
Und die Hofnung läßts geschehn.
Aber Amor ohn Erbarmen
Schlummert nie und plaget stets.
[368]
Und sie flehet: »weichern Armen
Ueberlaß ihn!« – und erflehts.
Zuckerbrot mit vollen Händen
Reicht die Pflegerin ihm dar,
Und sein Leben schnell zu enden,
Läuft der lüsterne Gefahr.

Cythereens Fest

Von erhabnen Marmorstufen
Seiner Tempelhalle läßt
Amor Cythereens Fest
Aus in alle Winde rufen.
Musen, Chariten, Najaden,
Was von göttlicher Natur
In Olymp und Meer und Flur
Lebet, wird dazu geladen.
Selbst was Himmlischen entsproßen,
Mit den Göttern sonst nicht zecht,
Wird gepriesen, – das Geschlecht
Nur der Menschen ausgeschloßen.
Neugier lockt auch Chloen. Friedlich
Läßt sie Amor selber ein.
»Von der Sippschaft muß sie sein,«
Spricht er, »sie ist gar zu niedlich.«

Tafellied

Kränzt, edler Lust
Gleich edel lieb zu kosen,
Kränzt Haar und Brust
Mit ihren jüngsten Rosen!
Menschlicher Frühling, schön und kurz,
Tropfet Genuß nur auf Tage;
[369]
Fliehen nun dies' in zu raschem Sturz,
Eitel ist dann auch die Klage.
Dem frohen Kreis
Ruft Freude schon im schweben:
Geneuß! geneuß!
Kurz daur' ich wie das Leben.
Aehnlich dem Freunde scheidet Lust,
Der auf der Flucht uns begegnet,
Herzlich uns drücket an Mund und Brust
Und sich entreißend noch segnet.
Des höchsten Rangs
Bist du, o Wein, hienieden.
Sei des Gesangs
Triumph auch dir beschieden!
Lastet des Lebens Bürde schwer
Und uns erglänzt nur die Traube,
Leichter sofort sind wir, nicht mehr
Nagender Sorge zum Raube.
Begegn' also
Der Becher seinem Becher,
Und trinke froh
Und leer' ihn jeder Zecher!
Jeglichem edlen Herzen Heil,
Das im beeiseten Norden,
Warmes Gefühles, ein warmer Theil
Unserer Kette geworden!

Die Zeche

Ob laut an uns der Grämler Zunft
Entbehrte Freuden räche,
Und viel von Weisheit spreche
Die alles meisternde Vernunft,
[370]
Doch juble bis zur Wiederkunft
Des Tages unsre Zeche!
Wie schön Vernunft auch schwatzen kann,
Was weiß sie von Vergnügen?
Um unsers uns betrügen
Soll wahrlich kein verschrobner Mann.
Drum sezt das Glas nur wieder an
Und lerts in vollen Zügen!

Der Himmel

Sechs Fromme von verschiedner Innung
Doch gleich unsträflicher Gesinnung
Begegnen, wo nicht Zeit noch Raum
Mehr engt, sich – an des Himmels Saum.
Schnell blizt der Eingang aufgeschloßen,
Und von Verklärungsglanz umfloßen
Tritt mild ein Genius heran
Und fragt: Wer Du? – »Ein Muselman.«
Ins Paradies dort, wo die Frommen
Zu mehr als Machmuds Lichte kommen! –
Und Du? – »Ein Jud.« – Im Tempelchor
Singt Assaff dort erwählten vor.
Und Du, der wundernd steht, als mahn' er
Des Irrthums mich? – »Ein Lutheraner!« –
Geh aufzuklären Deinen Sinn
Zum schon belehrten Pastor hin.
Du denn? – »Ein Quäker.« – Abgeschieden
Sind Deine Brüder dort im Frieden.
Behalt den Hut auf wenns gefällt,
Vergnügt mit Penn der beßern Welt.
Und Du dort? – »Ueberführt allmählich
Nicht mach' allein mein Glauben selig.
[371]
Doch fremd gesteh ich scheinen mir
Bei Christen Türk und Jud allhier.«
Wie Schuppen von den Augen fallen
Wird bald der Zweifel Dir und allen.
Jezt theile Ganganellis Ruh! –
Von welcher Kirche bist denn Du?
»Von keiner!« – Anzunehmen wäre
Dächt ich doch irgend eine Lehre? –
»Daß Einer sei, der alles schafft,
Der Gutes lohnet, böses straft,
Und daß Unsterblichkeit der Seele,
Die sterbliches verschmäht, nicht fehle.
Geglaubt das hab ich und geübt.« –
Nimm Platz denn, wo es Dir beliebt.

Haruns Traum

Harun al Raschid, der Khalif,
Verzückt zur Höll' im bangen Traume,
Fand als sein Blick sie schnell durchlief,
In ihrem matervollsten Raume
An eines Königes die Hand
Von einem Derwisch fest geschloßen,
Und nur verwechselt ihr Gewand,
Sie gleicher Höllenpein Genoßen.
»Sagt an, woher dies Urtheil,« rief
Der höchst betroffene Khalif,
»Da ihr so ganz verschieden scheinet,
Daß gleiche Straf' euch hier vereinet?«
Ich hatte, sagte der Santon,
Vom Königsehrgeiz wohl ein wenig.
»Und ich, entgegnete der König,
Vom Derwisch die Religion.«

[372] Erinnerung

Will die Gegenwart genung
Meinem trüben Sinn nicht lächeln,
O so komm mich anzulächeln
Beßrer Zeit Erinnerung!
Führe du, o führe mich
In der Phatansie Gefilde,
Und dem regen Geist entbilde
Eine beßre Zukunft sich.
[373]

Notes
Nach einer Gedichtauswahl von Karl Weinhold.
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Citation Suggestion for this Edition
TextGrid Repository (2012). Boie, Heinrich Christian. Ausgewählte Gedichte. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-3B4F-B