[33] Vierter Gesang

Und nun waffne dein Herz mit Muth von Neuem, Rosaura,
Wenn du die Muse zur Hölle begleitest; zur Hölle, die oftmals
Dich im Schauspiel geschreckt, wenn Teufel mit seidenen Strümpfen
Und mit blitzenden Schuhen getanzt; wenn Flammen von Pulver
Ueber die bunten, papiernen Wände des Abgrunds sich wälzten,
Und Colophoniendampf aus tiefen Schlünden heraufschlug.
Strahlte nicht durch die Nacht mir dein Auge; wie könnt' ich es wagen,
Zu den finstern Gefilden des Erebus zweimal zu wandeln.
Doch damit du das Schicksal des Cypers vollendet erfahrest,
Soll ihn die kühnere Muse noch jenseits des Styxes begleiten.
Charon sah den Schatten des Katers dem Flusse sich nahen.
Weil er wußte, sein Leichnam sey zur Erde bestattet,
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Rückt' er den Kahn an's Ufer und nahm den Murner in's Schiff ein.
Rauschend eilte der Kahn von selbst zum Ufer hinüber,
Wo an den Pforten des Orkus der grausame Cerberus wachte,
Als die Katze den Höllenhund sah, der seine drei Rachen
Fürchterlich aufriß und bellte: da fuhr sie erschrocken zurücke,
Krümmte den Buckel und schnaubte, daß selbst der finstere Charon!
Seine Runzeln zum Lächeln verzog. Doch setzt' er sie endlich
An das Ufer des Tartarus aus. Sie schlüpfte verstohlen
Bei dem Höllenhunde vorbei, und kam durch die Höhle
Zu den Gestaden des flammenden Phlegetons, welcher lautbrausend
Ueber die schallenden Felsen die feurigen Wogen verfolgte.
Hier erblickte der Cyper die hohen ehernen Mauern,
Und die demant'nen Pforten, die zu dem Qualenreich führten.
Auf der eisernen Warte, die hoch in die Lüfte sich hebet,
Sitzet die immer wache Tisiphone schrecklich am Eingang,
Peitschet mit Schlangen den Flüchtling zurück, der voller Verzweiflung
Aus den schwarzen Gefilden der Pein zu entwischen gedenket.
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Schaudernd hörte der Cyper die brüllenden Seufzer, die Schläge,
Mit dem Geschwirre des Eisens und schwerer rasselnder Ketten,
Welche die Elenden zogen, die hier der höllische Richter,
Rhadamantus, zu langen und grausamen Martern verdammte.
Jetzo sprangen mit schrecklichem Schall die demant'nen Pforten
Aus den donnernden Angeln. Alekto mit brennender Fackel
Fuhr heraus und faßte den Cyper, und wollte schon scheltend
Vor den Richter ihn schleppen, als sie ihn plötzlich erkannte.
O, bist du es, (erhob sie die Stimme) du trauriges Opfer
Meiner Rache, die du gewagt, für mich zu vollbringen?
Dafür sollst du die Qualen nicht sehn, die räub'rische Thiere
Hier Jahrhunderte peitschen. Denn wisse! hier werden die Löwen,
Blutige Tiger und Panther, und alle die stolzen Erob'rer,
Eh'mals das Schrecken der klagenden Wälder, verschieden gemartert,
Wölfe werden allhier bei langsamem Feuer gebraten;
Räub'rische Füchse liegen gefesselt an feurigen Ketten,
Sehn die Hühner vor sich und können sie niemals erreichen.
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O, was nützet es hier dem Adler, dem König der Vögel,
Daß er Monarch war, von allen Poeten und Rednern gepriesen!
Ewig sitzet er hier in einem glühenden Käfich,
Und verfluchet, daß man in ihm den Räuber vergöttert.
Aber wie könnt' ich dir, Murner, unzählbare Qualen beschreiben,
Welche das räub'rische Thier hier strafen, wofern es die Unschuld,
Oder die nützlichen Thiere gewürgt! Doch trifft nicht dies Urtheil
Dich, und alle die Thiere, die mit den räch'rischen Zähnen,
Oder mit scharfen Klauen und Schnäbeln das Ungeziefer,
Ratten und Mäuse, Schlangen und Eidechsen, Spinnen und Raupen
Zu verderben gesucht; die gehn in schattigen Hainen
Glücklich einher; doch müssen die Katzen nicht singende Vögel,
Oder unschuldige Hühner erwürgen, sonst werden sie gleichfalls
Mit den Wölfen gebraten und mit den Füchsen gepeinigt.
Wohl dir, daß dich dein Schicksal bewahrt! Verfolge nun ferner
Deinen Weg von diesem Flusse nach jenen Gefilden,
Wo die glücklichen Thiere wandeln – dir wird man auf Erden
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Unter den Linden am Bach ein prächtiges Denkmal errichten,
Und bei dem Grabe weinen. – So sprach sie. Die Pforten
Sprangen hinter ihr zu, und über die ehernen Säulen
Schlug ein schwefliger Dampf, mit blauen Flammen vermischet.
D'rauf ging Murner mit muthiger'm Schritt durch dunkele Wege,
Bis er zu jenen glücklichen Wäldern und Auen gelangte,
Wo die milderen Thiere nach ihrem Tode spazieren.
Hier herrscht ewiger Lenz; hier fließen die Quellen des Aethers
Sanfter aus gütigen Sonnen; und über die lachenden Felder
Hat die güt'ge Natur ihr ganzes Füllhorn verschüttet.
Durch die blühenden Auen ergießt in gleißenden Wellen
Lethe den schlängelnden Strom. Hier trinken mit durstigen Zügen
Alle Thiere Vergessenheit ein, und ihre Naturen
Werden hier milder gemacht. Auch baden hier alle die Seelen,
Welche vom Schicksal zur Wand'rung in andre Leiber bestimmt sind.
Hier sah Cyper den Schatten des Hofhunds, welcher erwählt war,
Eines künftigen Harpagons Körper zur Wohnung zu haben.
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Seelen von Papageyen, bestimmt, in Weise zu fahren,
Und in Dichter, welche für sich zu denken nicht wagen,
Gingen allhier; auch Seelen von Pfauen für eitele Damen,
Seelen von Raben für Richter, und Seelen von Füchsen für Schreiber.
Andere Seelen von besseren Thieren genossen hier Ruhe,
Freiheit und ewigen Lenz in ihren elysischen Feldern.
Hier ging munter das edle Roß auf grünenden Wiesen;
Frische Winde kräuselten ihm die fliegenden Mähnen,
Und es wieherte Freiheit. Auf holden blumigen Angern
Stand der nützliche Stier, auf ewig vom Joche befreiet.
Das unschuldige Schaf sprang auf dem lachenden Hügel
Scherzend einher, und erntete hier die süße Belohnung
Seiner Geduld und Nützlichkeit ein. Die blühenden Wälder
Schallten wieder von farbigen Sängern. Der Colibri Schaaren
Hingen wie Gold an den Aesten. Der holden Nachtigall Lieder
Drangen bis in der Seelen Gefild', wo zärtliche Dichter
Ihren Seufzern zuhörten. Die gold'nen Canarienvögel
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Füllten die Luft mit Musik; der strahlende Vogel der Sonne
Machte die Ufer umher von seinen Gesängen ertönen.
Murner trank den Letheischen Fluß mit geizigen Zügen,
Und sein räub'risches Wesen ward bald in Sanftmuth verwandelt.
Als er freundlich im Sonnenschein saß, da kamen die Tauben
Zu ihm vertraulich herab, und scherzend spielt' er mit ihnen,
Er vergaß den schmerzlichen Tod, in stiller Erwartung,
Einst in einem edleren Körper in's Leben zu kehren.

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Zitationsvorschlag für diese Edition
TextGrid Repository (2012). Zachariä, Justus Friedrich Wilhelm. Vierter Gesang. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-AB1B-F