[15] Der Kapitän

O Kapitän, mein Kapitän! Die grause Fahrt ist aus,
Dein Schiff hielt jedes Wetter aus und trägt den Preis nach Haus,
Die Glocken dort im nahen Port, sie läuten dir vom Turm,
Die Menge jauchzt und folgt dem Kiel, der grimmig fest im Sturm.
Doch o Herz, Herz, Herz!
O Tropfen blutigrot!
Wo auf dem Deck mein Kapitän
Gefallen, kalt und tot.
O Kapitän, mein Kapitän, steh auf! Die Glocken dröhnen,
Das Fahnenschwenken gilt ja dir, für dich die Hörner tönen,
Kränze und Blumen sind für dich, am Ufer harrt die Menge,
Man späht und horcht und ruft nach dir in wogendem Gedränge.
Auf! Führer, lieber Vater!
Dein Haupt auf meinen Arm,
Es ist ein Traum, du bist nicht tot,
Du bist noch stark und warm.
Mein Kapitän gibt Antwort nicht, sein Mund ist bleich und stille,
Mein Vater fühlt nicht meinen Arm, ihm ruhen Puls und Wille;
Das Schiff geborgen, ankerfest, denn seine Fahrt ist aus,
Trotz Not und Riff das Siegerschiff kehrt mit Gewinn nach Haus.
Ihr Ufer jauchzt, ihr Glocken dröhnt –
Doch ich, in stiller Not,
Geh noch auf Deck, wo mein Kapitän
Gefallen, kalt und tot.

Lizenz
Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von www.editura.de durch TextGrid und werden unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (by-Nennung TextGrid) veröffentlicht. Die Lizenz bezieht sich nicht auf die der Annotation zu Grunde liegenden allgemeinfreien Texte (Siehe auch Punkt 2 der Lizenzbestimmungen).
Link zur Lizenz

Zitationsvorschlag für diese Edition
TextGrid Repository (2012). Whitman, Walt. Der Kapitän. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-A55A-8