[67] Das große Faß zu Heidelberg der XXIV. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zum 27. September 1865

Tischlied beim Festmahl im Bankettsaal des Schlosses.


Glück auf! ein guter Genius
Kommt heut zum Schloß gezogen,
Kollegialisch dröhnt mein Gruß
Euch deutschen Philologen:
Denn ihr durchforscht mit Blick und Glück
Die Vorzeit Schicht' um Schichte,
Und ich, durchmorscht, bin selbst ein Stück
Kultur und Sprachgeschichte.
Ägypten hat die Mumien gut,
Den Geist schlimm aufgehoben
Und sog des Palmsafts heil'ge Flut
Aus dicken Nilkanoben.
Auch dem Assyrer fiel's nicht ein,
Getränk zu überwintern,
Verschimmelt stand sein Dattelwein
In Keilschrifttonzylindern.
Der Stoff des weisen Salomo
Kam nie zu feinem Hauche,
Denn sein Bukett blieb immer roh
Im dunkeln Geißbockschlauche.
Erst als Phöniker Sand zu Glas
Umschmolzen in den Aschen,
Sah Israel ... zwar noch kein Faß,
Doch schon ... pitschierte Flaschen.
Europa, sumpfig, feucht und leer,
Ließ wild die Rebe treiben,
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Die Salamander drohten sehr
Den Menschen aufzureiben.
Der erste, der im Urwald keck
Sich briet den Urstierschlegel,
Trug seinen Meth als Handgepäck
In einem schmalen Legel.
Der Kelte, der auf Pfählen saß
Und niedrer Bildungsstufe,
Barg ein sehr zweifelhaftes Naß
In zweifelhafter Kufe.
In der Kimmerier Nebelgrau,
Bei Völkern rauh und zottig,
Kam auch kein großes Faß zum Bau,
Nur Bütte, Pott und Pottich.
Alt-Hellas fand die Faßform früh,
Doch nicht für Bacchos Wonnen;
Man pflag statt Weins Philosophie
In leeren hohlen Tonnen.
Das zweckbewußte Römertum
Bedurfte starker Labe:
Zum magnum vas vinarium
Schlich Plinius schon als Knabe.
Doch das antike vasum war
Von Ton und spitz nach unten,
Und auch vom cadus ist nicht klar,
Ob Reif er trug und Spunten.
Das echte Faß zeigt deutschen Schwung,
Es gingen die Germanen
Schon auf die Völkerwanderung
Mit Trinkglas, Faß und Hahnen.
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Dietrich von Bern rief oftmals froh
Im Keller seines Schlosses:
»Thata liubo fat, thata mikilo!
Du liebes Faß, du großes!«
Und oft sah ihn der Goten Heer
Vergnügt dem Reichsschenk winken:
»Schafft eine Maß zu trinken her!
Scapia maziaia drinkan!
Des Rotbarts Kaisermacht empfing
Den Reichstag gern beim Fasse
Und sang, wenn's auf die Neige ging,
In althochdeutschem Basse:
Iz rinnit nich ein tropho mêr,
Der wîn ist vortgehupfit ...
Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,
Sie hâ'n't mirz ûz gesupfit!...«
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Als edler Bildungsdurst die Welt
Erfüllt mit edlem Streben,
Rief mich ein Kurfürst und ein Held
Als Burgfaß hier ins Leben.
Noch steh' ich fest, wo alles fiel,
Des Pfälzer Geists ein Funken:
Groß im Gedanken, flott im Stil
Und gänzlich – leergetrunken.
O wär' ich voll heut, Mann und Glas
Füllt' ich mit Rheinweinmassen!
Doch weh und ach!... dem Hauptwort »Faß«
Fehlt längst sein Zeitwort »fassen«.
»Geleerter Größe« bricht der Mut
Zu bacchischem Gedichte ...
... Ich bitt' nur um die Note »gut«
In »Sprache und Geschichte«.

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Zitationsvorschlag für diese Edition
TextGrid Repository (2012). Scheffel, Joseph Viktor von. Das große Faß zu Heidelberg. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0004-C19C-E