[105] [107]Christian Dietrich Grabbe
Kaiser Heinrich der Sechste
Eine Tragödie in fünf Akten

[107]

Personen

Personen.

    • Kaiser Heinrich der Sechste, zu Anfange des Stücks erst noch römischer König und König von Neapel und Sizilien.

    • Constanze, seine Gemahlin.

    • Prinz Friedrich, sein Sohn, stumme Rolle.

    • Kaiserin Beatrice, Witwe Friedrich Barbarossas.

    • Erzherzog von Österreich.

    • Burggraf Hohenzollern.

    • Graf von Tirol.

    • Landgraf Hermann von Thüringen.

    • Erzbischof Konrad von Mainz.

    • Der Reichskanzler.

    • Graf Diephold, Feldherr des Kaisers in Neapel.

    • Von Schwarzeneck, schwäbischer Hauptmann.

    • Ruprecht,
    • Wolfgang,
    • Albert, schwäbische Krieger.

    • Ein fränkischer Krieger.

    • Erzbischof Ophamilla von Messina, ein Italiener.

    • Achmet, Emir der Sarazenen.

    • Caleb,
    • Agib, Sarazenen.

    • Der Admiral von Neapel und Sizilien.

    • Graf Tancred,
    • Guiskard,
    • Bohemund,
    • Graf Acerra,
    • Graf von Aversa, normannische Edle

    • Erzbischof Matthäus von Palermo, ein Normann.

    • Eine alte Sizilianerin aus Val Demoni.

    • Deren Sohn.

    • Matthias,
    • Joseph, österreichische Landleute.

    • Eine österreichische Kellnerin.

    • Der Nuntius des Papstes.

    • [108] Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen.

    • Prinz Heinrich,
    • Prinz Otto, seine Söhne.

    • Agnes von Hohenstaufen, Erbtochter der Pfalz, vermählt mit dem Prinzen Heinrich.

    • Der Slavenfürst Borvin.

    • Graf Borgholt.

    • Christoph,
    • Wehrfried,
    • Bernhard,
    • Gottfried, Sachsen.

    • Die Weiße Frau von Braunschweig.

    • Bürgermeister Rudlieb von Bardewick.

    • Elisabeth, seine Tochter.

    • Hagener, Ratsherr von Bardewick.

    • Richard Löwenherz, König von England.

    • Blondel, englischer Ritter und Minnesänger.

    • Zwei französische Gesandte.

    • Zwei griechische Gesandte.

    • [Ein Diener des Königs Richard Löwenherz.

    • Der Kastellan der Festung Thierstein.

    • Zwei Bardewicker.

    • Zwei Gewaffnete.

    • Der Reichsherold.

    • Ein Hauptmann der Besatzung von Rocca d'Arce.

    • Ein Genuese.

    • Ein Pisaner.

    • Ein Herdenbesitzer bei Palermo.

    • Dessen Knecht].

    • Deutsche, normannische Truppen und andere Nebenpersonen.

1. Akt

1. Szene
Erste Szene
Nicht weit unter dem Gipfel des Vesuvs.
Aussicht auf Neapel, Meer und Inseln.

TANCRED
kommt aus einer Schlucht des Berges.
Hervor, hervor, Guiskard und Bohemund. –
– Weh, Weh, man muß die edlen Namen, die
An diesen Küsten seit Jahrhunderten
Wie Schwert und Feldruf klangen, scheu jetzt flüstern!

Guiskard und Bohemund kommen dem Tancred nach.
BOHEMUND.
Sprich leiser, Tancred.
TANCRED.
Seht, o seht die Sonne,
Wie sie den Flor der Nacht aufhebt, Neapel
In seiner Schönheit zeigt – Ha, da der Golf –
Ists nicht, als breiteten die blühnden Ufer
Sich aus wie Liebesarme, faßten wonnig
Das glanzumstrahlte Meer? Dort Ischia,
Dort Capri, in die zarten Morgennebel
Verschämt, zwei Jungfrauen, gehüllt, sich in
Den Wogen badend, welche trunken sie
Umzittern – Und in Horizontes Ferne
Flammt Stromboli, die ewge Feuerquelle,
Die nie erlöscht, wie auch das Meer dran brandet! –
– O Herz, mein Herz, so brennst du immer, brennst
Trotz all des Schattens, den der stolze Deutsche
Mit ausgestreckter, eisger Herrscherfaust
Wirft auf dies Wunderland, und nie erlöscht
In dir das Angedenken an die Größe
Der Ahnen, und die Hoffnung, wieder groß
Wie sie zu werden.
BOHEMUND.
Schmählich – Ich, der Enkel
[111] Des Bohemund, gestoßen aus dem Erbe
Der Väter, einst so schwer erstritten –
TANCRED.
Schweig,
O schweige! – Bohemund, der Kampfgefährte
Des ersten Tancred – Wie der Donner tausendfach
In des Gebirges Klüften widerhallt,
Durchrollen diese Töne mir die Brust!
Zwei Türme seh ich in der Vorzeit stehen,
Und ihre Glocken schlagen mahnend an mein Ohr!
– Tancred und Bohemund! – Sizilien,
Neapel, und Antiochia, Palästina,
Der Sarazene wie der Griechenkaiser,
Lagen zu ihren Füßen, und beflagget
Mit ihren Segeln, schwoll vor Stolz empor
Der Ozean!
GUISKARD.
Horch, unter uns wirds wach
Schon in Neapel, und die Straßen fangen
Zu brausen an von dem Geschrei der Mäkler,
Von dem Getöse der Gewerke, vom
Gejauchz der lustgen Toren –
O
Das schlechte Volk! Was hilft sein Himmel ihm,
Was ihm der reiche Boden, wo im Laub
Der Bäume die Orangen prangen, wie
Die goldnen Zierden in der Mädchen Locken!
Wie nackt, armselig ist die Lust,
Wenn nicht der Ruhm, die Freiheit sie bekränzen! –
TANCRED.
Der ganze Haufen muß vor Scham sich stürzen
Ins Meer, wenn er die Stelle dort am Strande
Erblickt, wo einst der Heldenvater,
Der große Altaville, landete
Mit den drei Söhnen, mit dem Drogo, Humfried
Und Wilhelm, und das Land eroberte,
So weit sichs dehnt!

Der Vesuv donnert und wirft Flammen in die Luft.

Ha, hast du es gehört,
Vesuv, du leuchtend Zeichen unsrer Wimpel,
Und grollst du auf mit deiner heißen Brust,
Speist feurige Verachtung aus, ein grauer,
Ein zürnender Normanne? O ersticke
[112] Mit deinen Aschenwolken das Gesindel,
Mit deiner Lava brenne aus die Schande,
Zermalme den germanischen Tyrannen,
Und mit ihm die tyrannisierten Memmen!
GUISKARD.
Tancred, du Sprößling unsrer Könige,
Erhebe dich, faß der Normannen Szepter,
Das stets dem Schwert zu ähnlich war, als könnt
Ein Weib, sei's auch die Herrschertochter selbst,
Es erben und verfrein, kühn mit der Hand,
Und mancher, der jetzt Memme scheint, stürmt dir
Als tapfrer Krieger nach, sieht er Panier
Und Führer nur!
TANCRED.
Ich zweifle sehr, Guiskard.
Die Furcht vor dem Despoten ist zu groß.
GUISKARD.
Sei sie's! das Vaterland ist größer!
TANCRED.
Ach!
Was wir Normannen einst hier waren, sind
Hier jetzt die Deutschen – Sie erwartet künftig
Vielleicht das gleiche Los – Wie sich der Held
Die Braut erringt, errangen wir mit Kraft
Und Stahl dies Land – bei Gott, es ist 'ne Braut – Wo wäre
Ein Mädchen in Europa, flammender
Und bräutlicher als unser Reich? – Es ruht
Ja unter Myrten, unter Blumen, – zwei Vulkane
Sind seine Hochzeitsfackeln – Rebenketten,
Festlich durchleuchtet von dem Gold der Trauben, schlingen
Als Gürtel prangend sich um seine Küsten,
Und an Siziliens Ufern schmachten Palmen,
Mit ihren Blättern wie mit Zungen lechzend,
Dem Liebenden entgegen! – Doch als der
Alcide sich die Omphale gewonnen,
Entnervte er an ihres Busens Flaum,
Und des Normannen Stärke schmolz im Kuß
Von Südens Sonne, und sein Schwert verglühte
Vor ihr, wie Eisen in dem Ofen, – das
Gewinde schattger Lauben fesselte
Den sonst so Ungebändigten – Anstatt
Zu leben und zu kämpfen, fing er an
Zu träumen, – statt das Schwert zu schwingen,
Reicht' er Giftbecher dar zum Trinken, – statt
[113] Des offnen Trotzes, wählt' er die Verschwörung, –
Statt streng den unterdrückten Italiäner
Zu zügeln, ward er zügellos gleich ihm –
– Der Sarazene, mehr wie er gewöhnt
An Lust und Glut, hat sich hier angesiedelt –
– Betrachtet ihn, mit dem ists anders, – wir
Sind Asche worden, er ward Flamme –
Hielte
Uns nicht der Deutsche schon im Joche, – wahrlich,
Es hielte uns der Araber darin!
GUISKARD.
Nun, Tancred, laß uns nicht so ganz verzagen.
Grad dieser Druck, mit dem der Deutsche uns
Befängt, der Sarazene uns bedroht,
Erweckt vielleicht den Schlummer unsrer Brüder.
Noch sind wir nicht ganz Italiäner worden:
Noch tragen wir das enge Kriegeskleid,
Noch führen wir die kurzen Schwerter,
Zwei Zeichen, daß der Normann mit dem Feind
Gern ringt, ihm gerne nah ist – Noch
Ist nicht der alten Heimat Sprache von
Der Lipp uns ganz entflohen, und so lang
Der Normann spricht normännisch, kann
Er auch normännisch denken, handeln!
TANCRED.
Wärs
Doch so – Möcht uns das Unglück läutern! Segnen
Wollt ichs! Ja laßt uns eingestehn, wir waren
Zu jämmerlich entartet, und bedurften
Der Züchtigung, der Schläge des Geschicks!
Wir hätten hingeträumt auf unsren Gütern,
Wenn sie der Hohenstaufe nicht bedrohte, –
Wir wären nimmer kühn geworden, wenn
Die Not uns nicht gezwungen, uns zu wehren, –
Wir wären stets uneins, einander fremd
Geblieben, wenn die Flucht uns nicht vereinte!
– Jetzt weiter!
BOHEMUND.
Still! – horcht! – Durch die Lavaschlacken
Naht jemand – Hat uns der Tyrann auch hier
Im letzten Zufluchtsort entdeckt?
TANCRED.
Gewiß,
Gewiß! – Zum letzten Mal in unsre Arme!

[114] Sie umarmen sich.

– Nun zieht die Schwerter, – würdig laßt uns fallen,
Auf dem Vesuve, nicht auf dem Schafotte!

Sehr laut.

Normannen hier!
GUISKARD UND BOHEMUND
ebenso.
Ja, Guiskard, Bohemund
Und Tancred!
DER GRAF ACERRA
tritt auf.
Zwei Normannen gleichfalls da:
Der Graf Acerra und sein Zorn!
TANCRED.
Acerra?
GRAF ACERRA.
Und auch das Glück wird Normann wieder!
GUISKARD.
Wie hast du uns gefunden?
GRAF ACERRA.
Du kannst noch fragen?
Ich sucht euch unter unsren ewgen Bannern,
Die nie vergehn, ob auch der Ghibelline
Die seidnen uns zerstückte: unter des
Vesuvs, des Ätna Feuerstrahlen!
TANCRED.
Und
Das Glück, sagst du, wird Normann wieder?
GRAF ACERRA.
Es wirds – Ich komme von Sizilien –
Dort melden stündlich griechische Kauffahrer:
Es zieht ein Schiff mit Trauerwimpeln, tief
Umflort den kaiserlichen Adler, durch
Das Meer von Candia, – auf dem Verdeck
Stehn stolze Fürsten mit verschränkten Armen,
Und spiegeln in den Wellen ihre Tränen,
Und in dem Schiffe ruht ein Sarg, umklammert
Von einer Kaisrin schmerzzerrungnen Händen.
TANCRED.
Und in dem Sarg?
GRAF ACERRA.
Liegt Friedrich Barbarossa!
GUISKARD UND BOHEMUND.
Der Kaiser tot!
TANCRED.
Tot –!
GRAF ACERRA.
Tancred, machts dich traurig?
TANCRED.
Es machts mich, Graf – Er war mein Feind – doch tot! –
– Verschwunden ist der Haß, den ich empfand,
So lang er lebte, – jedes Hindernis
[115] Sinkt hin, und schmerzlich fühl ich, er war groß
Wie keiner auf der Erde – Weh, daß oft
Der Tod erst einet, was das Leben trennt!
GRAF ACERRA.
Der Kaiser ließ durch Heinrichs Buhlerkünste
Die Krone diebisch dir entwenden – Drum
Verwechsle ihn großmütig nicht mit Helden –
Auch nicht als Held, umtönet vom Schlachtruf
Der Heere, ließ das Schicksal ihn hinstürzen –
Nein, wundenlos, zufällig, ging er unter –
Des Salephs Wasser schwichtigte die Stimme,
Die oft wie ein verheerender Orkan
Italien durchbrauste – er ertrank!
TANCRED.
Graf,
Nicht jauchzen kann ich über Feindes Unglück,
Und hoffe zu verdienen, daß die vielen,
Die mich verfolgen, einstens wenn ich falle,
Mir auch die Träne weihen, oder wenn
Sie es nicht tun, sie mir doch weihen könnten.
GRAF ACERRA.
Das mag so sein, – doch nicht denk ich wie du –
Mein Vater war Normanne, meine Mutter
War Italiänerin – als Normann streit,
Als Italiäner haß ich – Ha, bald bringen
Dem Nero, der dort unten wie ein Schatten
Den Glanz des Marmorpalastes durchwandelt,
Des Vaters Leiche sie – Wie wird er sich entsetzen –
Der Barbarossa tot, der Braunschweig lebt noch –
Nicht lange währt es, und des Leuen Ruf
Schallt donnernd aus den deutschen Gauen!
TANCRED.
Kaum lieb wärs mir, wenn auch die ganze Welt
Sich uns verbände – Jedes Volk, das sich
Nicht selbst befreit, verdient nicht frei zu sein,
Und im Befreier triffts den neuen Herrn. –
Nicht fürcht ich Feindes Zahl und Stärke – Beides
Besiegt der Geist – Der Geist der Ahnen ists,
Nach welchem ich mich sehne, – kehrte der
Zurück – bei Gott, an mir nicht sollt es liegen,
Daß so wie einst, das Mittelmeer sich sonnte
Im Glänze des Normannenreiches, – daß
[116] Der Deutsche und der Italiäner,
Der Grieche und der Sarazen erschreckten,
Sähn sie nur einen armen Normannknaben
Im Grase spielen – Jetzt sind wir nur Leichen!
GRAF ACERRA.
Nur Leichen? – Ha,
Wenn die Normannen es gewesen sind, so sind
Sie auferstanden, und statt Todesblässe
Umglüht sie Zorn und Mut – Sieh mich, sieh Guiskard,
Sieh Bohemund, sieh alle anderen!
Der Geist der vorigen, glorreichen Zeit
Ist wieder da, und schwebt mit Riesenschritten
Durch alle Städte, Schlösser, Weiler von
Sizilien, und wo er gewandelt, flammen
Als seine Spur die Männerbrüst ihm nach –
Schon steht er an der Meeresenge, setzt
Schon nach Calabrien den Fuß – denn höre
Die große Botschaft:
Erhoben haben sich von ihren Sitzen
Siziliens normannische Barone alle,
Die deutschen Krieger und die Sarazenen
Sind schon vor ihren Schwertern hingesunken,
Selbst der Geringste der Landleute hat
Den Bogen, den sein Vorfahr führte, aus
Dem Winkel seiner Hütt hervorgesucht,
Und stürmt damit toddrohend in das Freie –
Wie ausgetretene Flußbetten, wogt
Es auf den Corsos, den Heerstraßen – Ganz
Palermo, ganz Messina sind nur Echo
Von deinem Namen – Erzbischof Matthäus
Hat klug das Volk zum Rechten hingeleitet,
Zu unsrem Könige bist du erwählt,
Und hier bring ich für deine Locken
Das gottgeweihte Diadem!

Er überreichte knieend dem Tancred das Diadem.

Sei gegrüßt,
Mein Fürst!
GUISKARD UND BOHEMUND.
Wir rufen unsre Huldigung
Dir jauchzend zu!
GRAF ACERRA.
Wie schön die Perlen um
Das Haupt dir glänzen – Ist es doch, als wär
[117] Es in der Wiege schon dazu gebildet!
TANCRED.
Ihr seht die Schönheit nur, – die Qual fühl ich! –
– Wie eine ungeheure Schlange ringt
Das Band um meine Scheitel sich, und schwer
Und giftig preßt es sie zusammen – Schon
Seh ich im Kampf mich mit der Übermacht
Der Ghibellinen, fühle schon Verräterein
Die Brust zerreißen – Der Graf Tancred brauchte
Um seines Vaterlandes Schicksal nur
Zu trauern – doch der König Tancred muß
Dies Reich mit seiner Faust ergreifen, aus
Dem Meer, in dem es liegt, wie ein
Verlorner Schmuck, es reißen, und es wieder
Hoch an die Sterne halten!
GRAF ACERRA, GUISKARD UND BOHEMUND.
Unsren Schwur
Mein König: Blut und Treue bis zum Tode!
TANCRED.
Und ihr, Vasallen, hört den meinigen:
Des Normanns Reich wird das gewaltigste
Der Erde, oder hingeschmettert von den Trümmern,
Geh ich mit ihm zu Grunde!
GRAF ACERRA.
Von hier weg!
Die deutschen Wachen suchen uns, und sind
Bald nah – Mein Fahrzeug liegt dort in der Bucht
Versteckt – Besteigen wir es, und schnell nach
Sizilien!
TANCRED.
Der erste Tancred paarte
Zu seinen Taten seine Liebe, und verherrlicht
Ward er zwiefach deshalb im Heldenliede –
Auch ich fühlts einst im tiefsten Herzen brennen,
Doch Not der Heimat ließ mich Liebe kurz nur kennen –
Du, Vaterland, sei mir Amenaide!
GRAF ACERRA.
Mein König, du hast königlich gewählt –
Wo war die Schönheit, die dem Land hier fehlt?

Alle ab.
Pause. Dann kommt der schwäbische Hauptmann von Schwarzeneck mit einer Rotte schwäbischer Krieger, unter ihnen Wolfgang, Ruprecht und Albert.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Heilige Kreuz-Donnerwetter, [118] bleibt mir in gleichem Schritt, Kerle – Immer in Ordnung, Kinder, auf dem Vesuve wie in der Hölle – Alle Sakrament!

RUPRECHT.

Aber mit der Ordnung fängt man nicht die feldflüchtigen Normannen – Man muß ihnen ebenso ziegenfüßig nachspringen, als sie vor uns herlaufen.

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Schurke, schweig – sprich nicht in Reih und Glied – nicht räsonniert! Das Räsonnieren schadet nur, macht Langeweile, hält auf, und wird doch nicht beachtet – Könnte das Kind räsonnieren, bei Gott, es käme nicht aus dem Mutterleib – 's ist verwünscht! Der König hat uns befohlen, den Tancred zu fangen, und wir können ihn nicht erwischen – Der König versteht sich auf alles, nur nicht auf die Unmöglichkeit, seine Befehle zu erfüllen – Unsre Köpfe sitzen lose – Auch gut – Was gehts uns an? Sie gehören dem Könige! –

– Haltet, – die Lanzen zu Boden – Es ist hier sehr heiß – Laßt uns pausieren – Nun sagt was ihr wollt, – jetzt kann ichs wenigstem so halb und halb ertragen, denn ihr seid nicht mehr in Reih und Glied.

ALBERT.

Bei allen Heiligen, Herr Hauptmann, dieses ist ein kurioser Berg, – kocht immer wie ein Topf voll heißen Wassers – Meine Änneli glaubts nicht, wenn ich es ihr einstens erzähle.

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Besiegle es ihr nur mit einem Kusse, – dann hält sie, oder ich will krepieren wie ein Frosch, das Attestat schon für gültig.

ALBERT.
Feuer und Asche hat man hier wohlfeil, und viele Spitzbuben und Lazzaronis dazu.
RUPRECHT.

Brüderchen, sieh einmal die Gegend an, – tröste mich Gott, oder sie ist beinah so schön wie die bei Ulm.

ALBERT.

Ne, Ruprecht, da irrst du – Erstlich ist bei Ulm kein so unvernünftiger Berg, wie dieser dampfende Vulkan – dann seh ich auch keine Hier und keine Donau, – an dem dummen Meer dort, ohne Anfang und Ende, weiß man nicht was man eigentlich steht, – es ist so gut, als guckte man in eine pechfinstre Nacht, – es ist Alles und Nichts – und dann, wo ist hier ein Turm wie der Ulmer Dom, und wo ein Rathaus, so schön aus roten Backsteinen erbaut, wie das unsrige?

RUPRECHT.
Nimmst du es so genau, so fällt mir noch ein [119] großer Vorzug unserer Vaterstadt ein.
ALBERT.
Der wäre?
RUPRECHT.

Kind, der Magistrat! – Der König ist ein großer Herr und sieht gewaltig streng und finster aus – Wenn einmal zufällig ein Lächeln in sein Gesicht kommt, ists, als fiele ein Funken ins Wasser – es ist gleich wieder weg – Aber unsere Ratsherrn und Bürgermeister sehen doch in ihren Mänteln ehrwürdiger aus – man zittert bei ihrem Anblick, – ich möchte keinen von ihnen anfassen, ich wäre bang, er zerbräche.

ALBERT.
Es ist wahr, ich bin vor unsrem Bürgermeister stets bänger gewesen als vor dem Kaiser.
RUPRECHT.

Mit Recht, Bruder, denn da ist auch ein großer Unterschied: der Kaiser sitzt weit über uns auf seinem Thron, der Bürgermeister sitzt auf sei nem niedrigen Stuhl und dicht auf unserer Jacke.

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Wolfgang, Schnauzbart, – hast du etwas von den Tränen bei dir?
WOLFGANG.

Gottlob, Herr Hauptmann – Man sollte ewig gerührt und gefoltert zu sein wünschen, um so zu weinen, wie der Herr Christus hier am Vesuve geweint hat –

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Alle Donnerwetter, sprich nicht, und laß mich nicht warten – Den Wein her –

Er trinkt.

Teufel, der brennt einem die Brust aus.
WOLFGANG.
Wohl bekomms, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Kerl, du hast Blut an den Fingern.
WOLFGANG.
So? – Wahrhaftig ja. – Herr Hauptmann, 's ist ein bißchen Eremitenblut.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Was? Du hast den Eremiten verwundet? – Nun soll dich der Donner neunundneunzig Klaftern tief in die Erde –

WOLFGANG.

Verwundet? Ne, – das macht nachher Geschrei und Lärm – Ich schlage lieber gleich tot, da bleibts still. – Meinst du, Hauptmann, daß der schurkige Pfaff mir den Wein herausgeben wollte? Ich sollt ihn bezahlen! – Na, ich bot ihm vier Batzen, – der Kerl machte nicht einmal die Hand auf, – da gab ich ihm Eines an die Ohren, und als er krächzte, schlug ich ihm natürlich auf das Maul, und als er da noch nicht still war, sondern zappelte und [120] winselte, hantierte ich an ihm ein wenig mit dem Speer – Er fiel an den Boden wie ein geschossener Sperling, und ich ging mit den Tränen aus der Tür.

RUPRECHT.
Beweint kann er also nicht wohl sein.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Kerl, Mörder – du sollst vor das Kriegsgericht. –

Trinkt.

Hol der Teufel, der Wein ist deliziös.
WOLFGANG.

Kriegsgericht, Herr Hauptmann – Seht, das ist soviel als ob ich mir den Bart wische. Der König fragt nach so einem neapolitanischen Hunde grade soviel wie der reiche Verschwender nach einem verlorenen Heller, und (unter uns gesagt) ich glaube, der Eremit war auch etwas von einem Rebellen oder Verräter.

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Freilich, da ists anders und schadet nicht – Verräter sind vogelfrei. – – Da Kinder, trinkt auch eines: hoch der Kaiser, zu Boden die Normannen!

ALLE.
Der Kaiser hoch!
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Nun nehmt die Waffen wieder – Umgeblickt, ob kein Flüchtling da ist – Tritt fest, Auge scharf, – Marsch! – Alle Sakrament!


Alle ab.
2. Szene
Zweite Szene
Terrasse vor einem königlichen Schlosse in der Nähe Neapels. Ringsumher südliche Stauden und Bäume, kunstreich geordnet. Aussicht auf den Golf.
König Heinrich und Constanze kommen.
In einiger Entfernung Diener hinter ihnen.

KÖNIG HEINRICH.
Verräter wachsen hier zu Land wie Unkraut –
Je mehr man sie vertilgt, je ärger sprießen
Sie aus dem Boden – O, ich glühe – Eis
Vom Ätna!

Es wird ihm Eis gebracht in einem goldenen Gefäß – er verzehrt davon.
CONSTANZE.
Heinrich, Heinrich, schone mein Volk!
[121] Bedenk, daß fremd du ihm, so wie es dir
Gewesen. Groß bist du und furchtbar, wie
Die Hohenstaufen immer, – doch sei milde,
Neig dich zu meinem Volk hernieder, daß
Es seine Königstochter nicht verflucht,
Weil sie dich liebt. Ach, der Normanne ist
Entartet, doch es schläft in ihm noch Kraft –
Erwecke, nicht ersticke sie. – Der Haß,
Der Zorn wirkt nur so lange, als der Hasser,
Der Zürner lebt, – die Liebe wurzelt auch
Noch nach dem Tode in den Herzen – Mit
Schafotten, die du in Neapel auftürmst,
Schreckst du die Menschen, doch du besserst sie
Mit ihnen nicht.
KÖNIG HEINRICH.
Constanze,
Schön ist dies Land, dein Brautgeschenk – Doch ists
Auch falsch wie schön. Nicht dank ich dir dafür.
Wie eine Schlange unter Blumen, fand
Ichs gleich, als ichs betrat – es krümmte tückisch
Empor sich, meine Ferse zu durchstechen,
Jedoch zum Glück ist sie mit Erz gepanzert.
– Wärs nicht der Papst in Rom, den ich von hier
Am nächsten und am sichersten bekämpfe,
Wär ich nicht Hohenstaufe, welcher nie
Das aufgibt, was er einmal hat errungen,
Ich würfs dir wieder vor die Füße!
CONSTANZE.
Und
Du ließest mich mit ihm wohl gar zurück?
So liebst du mich?
KÖNIG HEINRICH.
Wie magst du fragen? Holde,
Wer sollte dich nicht lieben, der dich sieht,
Dich kennt? Wie eine Flamme brennt die Seele
In meinem Kusse dir entgegen –

Er küßt sie, – dann für sich.

Töricht
Die Kreuzzüg alle – Schwacher Gott, der Menschen
Bedürfte, sein Besitztum wieder zu
Erobern – Wär von meines Vaters Kreuzheer
Die Hälfte hier, ich wollte besser sie
Gebrauchen, als in Syriens Sande
Verschmachten sie zu lassen – Schwelgen
[122] Ließ ich sie auf den Leichen der Normannen!
CONSTANZE
für sich.
– Ach, ich Unselige – Er liebt mich nicht –
Sein Blick irrt durch die Welt und übersieht mich –
Anstatt nach Einem Busen, streckt er seine Arme
Nach ganzen Ländern, ganzen Völkern aus –
Und Weh! auch ich kam mitten unter ihnen
In seine Macht – Doch mich und meine Liebe
Erkennet er nicht unterm Haufen! –
KÖNIG HEINRICH.
Wie
Ein schwarzer Fleck schwebt vor dem Auge mir
Der Tancred, – wo ich nur hinschau, ist Er –
– Soll ich stets Dunkel haben statt der Sterne? –
Er irrt dort oben am Vesuv – Fängt man
Ihn ein, so hängt er gleich dem niedrigsten
Verbrecher!
CONSTANZE.
Schone! schone!
KÖNIG HEINRICH.
Beste, nicht zu oft
Sprich das. Ich hasse Wiederholungen,
Und jedesmal, wenn du von Schonung redest,
Erinnr ich mich, daß sie der Normann nicht
Verdient. Ein Tor nur wähnt, der Schlechte möge
Sich bessern. Nie geschieht es sicher und
Auf Dauer.
– – Weit und schön, ein Silberspiegel,
Glüht dort im Sonnenschein Neapels Golf –
Bei Gott, wenn diese ewigen Empörungen
Nicht enden, färb ich ihn noch prächtiger
Und heißer, mit dem Herzblut der Verschwörer!
CONSTANZE
für sich.
Muß denn die Rebe stets so schwach sein, an
Den rauhen Baum, den Felsen sich zu klammern?
Je schrecklicher und wilder er emporbraust,
Je feur'ger lieb ich ihn!
KÖNIG HEINRICH.
Ha, was
Naht da? Siehst du den finstern Punkt im Meere?
Mit Sturmeseile kommt er auf uns zu –
Schon wird er heller – Masten, mächtge Segel
Enttauchen ihm – Ein Kriegsschiff erster Größe
Zeigt sichs, und zu der Flotte meines Vaters
Gehört es – Unterm schwarzen Schleier,
[123] Mit dem man ihn umwarf, erkenn ich deutlich
Den kaiserlichen Aar – Des Toren,
Der es gewagt, den Adler zu umfloren,
Des Reiches Adler zuckt und trauert nicht,
Ob ringsum auch die Welt zusammenbricht!
CONSTANZE.
Mein König, fasse dich, – es naht das Unglück –
Siehst du, wie lässig in dem Segelwerk
Die sonst so munteren Matrosen hangen,
Zum Schiffsverdecke niedersehen wie
Geknickte Blumen?
KÖNIG HEINRICH.
Mag was Neues
Auf dem Verdecke vorgefallen sein.
CONSTANZE.
Schon rauscht das Fahrzeug zu dem Strande – Horch,
Die See! – Ists nicht, als ob sie seufzte?
KÖNIG HEINRICH.
Weil
Das Schiff die See durchschneidet, sprützt sie auf
Und zischt, – du, weil du einmal Unglück träumst,
Glaubst, daß sie seufze – Aber laß das Unheil
Wahr sein, – es komme – Um so kühner tret
Ich ihm entgegen – Der Waiblinger kennt
Kein andres Unglück in der Welt, als das
In eigner Brust, – und das auch weiß er mit
Dem Druck der Hand zu schwichtigen – Sicher
Ist er vor winzgen Tränen – Und ist denn
Das Leben auch wohl einer Träne wert?

Für sich.

Weh mir, des Stolzes werd ich nötig haben –
An allen Zeichen merk ich, daß der Vater
Gefallen ist – Wie käme Hohenzollern,
Der dort auf dem Verdeck steht, so allein
Zurück? Nie sah ich ihn getrennt vom Kaiser.
Vielleicht, vielleicht
Ist er auch jetzt nicht einsam, – eine Kaiserleiche
Wird bei ihm sein! –
CONSTANZE.
O Schrecken! Aus dem Schiffe
Heben sie einen Sarg – 'ne Krone auf ihm –
Und hinter ihm wankt Kaisrin Beatrice!
KÖNIG HEINRICH
für sich.
Das Herz schlägt in der Brust mir, will
[124] Die Zähren lösen wie im Schacht der Hammer
Des Bergmanns löst die Diamanten –
– Zurück – Seid, was ihr scheint, ihr Augen:
Gestähltes, blaues Erz, – wohl heiß, jedoch
Nie feucht!

Laut.

Kein Zweifel mehr – sie bringen da
Des Vaters Leiche. Grad zur schlimmsten Stunde
Hat dieses Unglück sich ereignet. Es
Treibt monatlang mich fort von hier. Nach Rom
Muß ich, mir dort die Kaiserkrone, und
Nach Deutschland, mir Gewalt und Land zu sichern.
CONSTANZE.
Das die Gedanken, die dich jetzt durchdringen?
Und nicht des Sohnes namenloser Jammer?
KÖNIG HEINRICH.
Nichts jämmerlicher als der Jammer selbst.
Wer des Geschicks schmerzliche Schläge sich
Vom Haupt abwenden, sie vernichten will,
Muß klaren Blickes umschaun, kräftig handeln,
Und hat zur Trauer wahrlich wenig Muße.

Der Sarg Kaiser Friedrichs wird in die Szene gebracht, Beatrice, Erzherzog von Österreich, Burggraf Hohenzollern, Graf von Tirol und andere Ritter und Reisige in tiefer Trauer hinter ihm.
CONSTANZE.
Ich muß, ich muß an dieser Kaisrin Busen stürzen!
– O Beatrice, was geschah? Du schweigst?
Du schweigst? – O Wehe deine feuchten Augen!
Die stillen, fürchterlichen Abgründe
Des Schmerzes – mir schwindelt,
Da ich hineinseh –!
KÖNIG HEINRICH.
Kaisrin –
BEATRICE.
Heinrich – aus – vorbei –

Sie umklammert ihn.
KÖNIG HEINRICH.
Ich bitte, Kaisrin, mäßge dich – Erliege
Dem Schmerz nicht – zeig ihn nicht so sehr der Welt.
BEATRICE.
Ich kenne keine Welt mehr – Alles weg! –
KÖNIG HEINRICH.
Entsetzlich –
Nicht sie (sie wäre viel zu schwach), des Schmerzes
Gewaltger Arm umklammert mich erstickend –
[125] – Unselge!

Er macht sich, so sanft er kann, aus den Armen der Beatrice los, und übergibt sie der Sorge ihres Gefolges.

– Hohenzollern, Österreich,
Tirol – Was will der Sarg? – Ihr saget nichts
Und weint statt dessen? Redet!

Hohenzollern hebt stumm den Deckel vom Sarge. Man erblickt die Leiche Friedrich Barbarossas, in kaiserlichem Gewande.
KÖNIG HEINRICH
stürzt über die Leiche.
Ha, er ists –
Ich seh ihn wieder – Er sieht mich nicht!
CONSTANZE.
Wie?
Sind das Waiblingens Tränen? Händezucken
Und Niederstürzen gleich dem Blitz? – König,
Ich flehe: weine – Was du jetzo tust,
Ist schrecklicher!
KÖNIG HEINRICH.
Genug – 's ist überstanden –
– Der Kaiser tot, doch an des Kaisers Leiche
Erhebt der neue Kaiser sich!

Er richtet sich stark und stolz wieder auf.

– Entflort den Adler!
Mein ist er, fliegt fortan vor meinen Schritten,
Und nicht als Unheilsrabe leite er
Mich in Germanias Reich, das mir
Als dem erwählten römschen Könige,
Nachfolger meines Vaters, nun anheimfällt.
Du, Hohenzollern, trag ihn freudig, hoch
Und frei, damit er über alle Welt,
Wie's ihm geziemet, herrschend schwebe!
– Wie
Fiel Kaiser Friedrich? – Sprich! wie fiel er? –
Stumm
Noch immer? – Soll ich dir gebieten, Mann
Zu werden?
HOHENZOLLERN.
Herr, verachte mich, wenn ich
Im Schlachtgewitter nur die Wimper zucke,
Wenn du mich jemals seufzen siehest um
Verlornes Gut, sei's Haus und Hof und Weib, –
Doch für den Kaiser gönne mir den Schmerz.
KÖNIG HEINRICH.
Antwort! Ich frage! Zaudre nicht! – Wie fiel und wo
[126] Mein Vater?
HOHENZOLLERN.
Fürst, du sahst bei Regensburg
Das Kreuzheer, schön und zahllos, wie kein andres,
Sich sammeln, – sahest deines Vaters Hand
Die unermeßnen Scharen mächtig ordnen.
So führt' er es bis zu der großen Stadt
Der Griechen, die wie eine goldne Spange
Das Abend- und das Morgenland verknüpft.
Dort wollten uns Verrat und Hinterlist
Umspinnen, – doch als Friedrich seinen Feldherrnstab
Zorn dräuend aufhob wider der Sophia Turm,
Erschrack Konstantinopel in der Feste,
Und öffnete den Hellespont. Wir drangen
Durch Asiens Wüsten fort, – mit Durst und Hunger
Im Bunde, stürmt' uns da das wütge Heer
Des Herrschers von Iconium entgegen,
Und droht' uns zu vernichten – Doch am Abend
War es gewesen, und wir lagerten
In Sultans Gärten, unter goldnen Früchten,
An kühlen Wassern. Bald darauf erschienen
Auf Syriens Hügeln Christi Kreuze, uns
Willkommen, wie dem Kind nach langer Nacht
Die ersten Kerzen in der Weihnachtsfrühe,
Und Glaubensbrüder grüßten uns frohlockend –
Je näher an dem Ziel, je stärker schlug
Des Kaisers Herz, es zu erreichen – Da –
Am Flusse Saleph, hielt das Kreuzheer,
Die Furt zu suchen – Ungeduldig sprengt
Der Kaiser in die Flut, sie selbst zu finden –
Ein falscher Wirbel packt sein Roß – es schäumt
Und bäumt – Es fliegen Hunderte ihm nach –
Sie finden nur den Tod – Und Er –

Er stockt.
KÖNIG HEINRICH.
Ertrank!
HOHENZOLLERN.
Ertrank!
KÖNIG HEINRICH.
Ein großes Unglück nenne
Nur dreist mit Namen, Hohenzollern – Es
Bekommt dadurch Gestalt, und kleiner scheints
Zu werden.
– Und wo blieb
Das Kreuzheer?
[127]
HOHENZOLLERN
auf sich und seine Begleiter deutend.
Hier sind seine Reste.
KÖNIG HEINRICH.
Furchtbar!
Von all den Hunderttausenden, von all
Den Fürsten, Rittern, Jünglingen – nur ihr?
HOHENZOLLERN.
Das Kreuzheer war ein ungeheures Schwert
In des Ertrunknen Faust, und weithin schwang
Er über Asien es, daß Saladin
Erbebend Frieden flehte – Als er fiel,
Lags matt am Boden, und ward leicht zertrümmert.
KÖNIG HEINRICH.
Ich lerne, lern an deiner Leiche, Vater!
Groß warst du, doch dabei zu großmutsvoll,
Ein Held warst du, wie nie ein besserer,
Doch statt als Deutschlands Herrscher zu regieren,
Hast du auch nur als Held gehandelt! – Wozu
Der Kreuzzug und sein eitler Ruhm? Was nützt
Der Ruhm, wenn man die Macht ihm opfert? Sie
Nur kann ihn aufrecht halten! Was
Bedeutet uns Jerusalem? Fern liegts
Der Hohenstaufen Landen – Statt die Kraft
Waiblingens zu vermehren, würde sein
Besitz sie schwächen, – ewig müßten wir es
Verteidigen – Zum Fuß dir, Vater, lag
Einst Mailand, lag der Leu – Du konntest beide
Vernichten, doch du straftest sie nur gnädig,
Und Mailand dankte schon bei deinem Leben
Dir auf dem Schlachtfeld bei Legnano, und
Der Leu wirds deinem Sohne auch noch danken.
Verstehts die Schlange, wenn man ihrer schont?
Groß war dein, groß ist unsres Hauses Zweck,
Ist groß genug die Welt ihm aufzuopfern,
Um ihn nur selbst erfüllt zu sehn – Gott ließ
Ja seinen Sohn zum Heil der Sünder, welche
Bis jetzt dieselben Sünder sind geblieben,
Hinschlachten –. Toter, du bestrebtest dich
Mit edlen Mitteln nur zum edlen Ziel
Zu schreiten – Was sind Mittel? Handwerkszeug!
Beiseit werf ich sie, wenn das Werk vollendet –
Du kanntest Hochsinn nur und Schlachtkampf – Sehr
[128] Ungleiche Waffen wider deine schlechten Gegner –
Die nämlichen, die sie gebrauchen,
Verrat, List, Geld und Grausamkeit
Laß mich dazu gesellen.
CONSTANZE.
Mein Gemahl,
Erwäge Nachruhm und Gewissen.
KÖNIG HEINRICH.
Mit
Dem Nachruhm frist ich keines Sperlings Leben,
Und das, was ihr Gewissen nennt, was in
Dem guten Stuttgart jeden Bürger ziert,
Ist auf Waiblingens Throneshöhen
Nur schwäbische Spießbürgern!

Für sich.

Ich Kaiser,
Die Kaiserkrone erblich – Deutschland,
Neapel unter meinem Fuß – Der Papst
Zu meinem Bischöfe erniedrigt – Wert
Ist das zahlloser Leichen –

Laut.

Hüllt wieder
Den Leichnam zu –
BEATRICE.
Ach nur noch einmal laßt
Mich sehen – –

Sie erblickt die Leiche.

Weh!
KÖNIG HEINRICH
winkt einigen Rittern.
Führt fort die Arme! –

Der Sarg Kaiser Friedrichs wird wieder zugedeckt, und mehrere Ritter bringen ihn und Beatrice fort.

Bringt
Mein Kind – Ein großes Leben strömte aus –
Ich muß ein neues sehen an der Quelle.

Eine Wärterin, welcher andere Warterinnen folgen, bringt den Prinzen Friedrich, der in kostbare Decken gehüllt ist, auf ihren Armen.
KÖNIG HEINRICH
nimmt ihr das Kind ab.
O Knabe,
Wie macht dein Anblick mir die Trennung schwer! –
– Wie lächelt er, wie frisch glänzt seine Wange!
– Gleich einer holden Blüte, die den Sturm,
Der durch die hohen Wipfel brauset, noch
Nicht kennet, in dem Waldesdunkel schimmert,
So leuchtest du, mein Kind, noch unverletzt
[129] Im Vatersarm, im stürmischen Geschlecht
Der Hohenstaufen – Mögen alle Genien
Dich schützen, mögest du einst ruhiger
Als ich es kann, Waiblingens reiches Erbe
Empfangen und genießen – Wenn du schlummerst,
So wach und kämpfe ich, daß du es kannst!
CONSTANZE.
Er spielt mit seinem Kinde, Wehmut
Im Auge, und zerreißt die Nationen!
KÖNIG HEINRICH.
Je mehr ich meinen Knaben liebe, Frau,
So mehr muß ich das Volk, das seinem Stamm
Feindselig ist, ausrotten.

Wieder auf das Kind blickend.

Noch kann er
Nicht reden, – und doch künden deutlicher
Als Sprache, dieses blonden Haares Ringeln,
Dies blaue Auge, selbst ein Himmel
Den Himmel schöner widerspiegelnd,
Des ersten Friedrichs Enkel an. Sei einst,
Du zweiter Friedrich,
Hochsinnig, groß wie es der erste war,
Doch nie so sehr, daß du nicht klug auch bliebest!
CONSTANZE.
Heinrich, du liebst dein Kind – Verschaff ihm Freunde –
Sein mags, daß deine Stärke jeden Feind,
Zuletzt besiegt, – doch fern nach Deutschland ziehst du,
Gefahren drohn dir überall – Gelobt
Sei Gott, noch stehst du da in Männerblüte, –
Doch wenn du fielest, stürbest, eh du Alles
Vollendet – was wohl wund aus deinem Kind
Und mir?
KÖNIG HEINRICH.
Ein Tor, Constanze, dessen Tatkraft
Durch den Gedanken an den Tod gelähmt wird.
Nie führt er etwas aus. Was ich für not
Erkenne, tu ich, ob auch zehnfach mir
Der Zufall dräuet. Sterbe oder fall ich,
So sei das Schicksal meines Sohnes Vormund –
Ich kann ihm keinen geben, der gewaltger,
Und oft schon war es Vormund unsres Hauses.
Auch wirds dem Würdigen nur selten untreu,
Den Starken liebt es und er zieht es an,
Wie Stahl den Blitz anzieht – Aber käm
[130] Es auch als Unglück, so ists zwar 'ne strenge,
Doch tüchtge Lehrerin, und macht den Kräftgen
Nur kräftger, oder unterliegt er,
Erhabener! – Das merk dir, wirst du je
Verwitwet! –
Blüh und wachse fort, mein Sohn!

Das Kind den Wärterinnen übergebend.

Bei eurem Leben, Wärterinnen, sorgt
Für ihn als für das erste Kleinod, das
Ich kenne!

Die Wärterinnen mit dem Kinde ab.
Der Erzherzog von Österreich stürzt dem König Heinrich zu Füßen.

Österreich, zu meinen Füßen?
Und schluchzend? – Junger Held, steh auf – es fällt
Mir unerträglich, Österreich gebeugt
Zu sehen –
ERZHERZOG VON ÖSTERREICH.
O, es ist geschmäht, geschändet –
KÖNIG HEINRICH.
Du sagst die Wahrheit nicht – Unsinnig, toll
War der, der Österreich zu schmähen wagte,
Und würde je das Hochgewaltige
Geschändet, so gings auch zu Grunde.
Kein glorreich Land, wie es, besteht bei Schande.
HOHENZOLLERN.
Beleidigt ist er, und mir selbst ballt sich die Faust,
Und wird das Antlitz bleich, wenn ich die Hand
Ihn ringen, seine jugendlichen Wangen
Erröten seh, – ihn, der so tapfer focht,
Wert seines Vaters, der so ruhmvoll sank
In jener Weserschlacht –
KÖNIG HEINRICH.
Von der sei still.
Ward sie benutzt, und ward Norddeutschland nicht
Zerstückelt, sondern unterdrückt, – sie wäre
Der funkelndste Rubin der Kaiserkrone.
Jetzt ist sie nur ein Blutfleck.

Zu Österreich.

Wer hat dich
Beleidigt? Wer des Reiches Herz und Schild
Verletzt hat, hat auch mich verletzt, und soll
[131] Es büßen.
ERZHERZOG VON ÖSTERREICH.
Herr, vereinigt mit dem Kreuzheer
Englands und Frankreichs, stürmt ich Accon, war
Der Erste auf der Mauer, pflanzte auf
Mein Banner, – aber König Richard stürmte
Mir nach, riß es herunter, trat es mit
Dem Fuß, und rief: nicht ziem es Herzogen,
Mit Königen zu teilen!
KÖNIG HEINRICH.
Wie? das tat
Coeur de lion?
ERZHERZOG VON ÖSTERREICH.
Ja, Löwenherz!
KÖNIG HEINRICH.
Ein Held
Ist er wie kaum ein anderer, und in
Den fernsten Winkeln von Arabiens Wüsten
Ertönt sein Name, sträubt dem Roß die Mähne,
Und schwichtigt an der Mutter Brust den Säugling –
Doch löwenmäßig nicht, – gemein war dies
Gehandelt, und bei meiner Ehre, ich versuche
Das Äußerste, daß er gemein es büße!
– Ruft meinen Admiral. Ich sende Flotten aus,
Besä damit das unfruchtbare Meer,
Ihn bei der Heimkehr aufzufangen, und
Kam er zu Land zurück, so mach ich ihm,
Dem größten Fische der atlantschen See,
Ganz Deutschland, ganz Italien zum Netz:
Er und sein England mögen von mir lernen,
Daß Östreichs Ehre schwerer wiegt als all
Ihr Gold.
DER ERZBISCHOF OPHAMILLA VON MESSINA
tritt ein.
Mein Fürst –
KÖNIG HEINRICH.
Trügt mich mein Auge?
Erzbischof Ophamilla, von Messina? – Besser
War es gewesen, Freund, du wärst, statt hier
Aufwartung mir zu machen, in Sizilien
Geblieben, hättst als Italiäner
Mit deinen Landesleuten die Normannen
Beachtet, ihnen Trotz geboten, ganz
Besonders deinem Nebenbuhler, dem
Matthäus – Du bist abgesetzt – Zieht wieder
Die Kutt ihm über, – führt ihn in ein Kloster.
[132]
OPHAMILLA.
Hör mich, mein Fürst – Ich ward verjagt –
KÖNIG HEINRICH.
Verjagt?
OPHAMILLA.
Matthäus – Ha, die Viper – O ich hasse
Die eigne Priesterkleidung, denn er trägt
Ja eine gleiche – Lang und furchtbar rangen
Wir miteinander – Doch was halfs? – So elend
Der Normann ist, die Italiäner sind
Elender noch und feiger – weichen gleich,
Wenn die Normannen sich nur regen – Herr,
Ich bin besiegt, sie haben sich geregt!
KÖNIG HEINRICH.
Constanze, hörst du? Wieder Aufruhr! So
Dein Volk!
CONSTANZE.
O Milde für die Schwachen!
KÖNIG HEINRICH.
Schwache
Und Dumme sind weit schlimmer als die Starken
Und Klugen, denn der Stark und Kluge
Gebraucht sie leicht wozu er will – Constanze,
Ich bitte, mahn mich nur, daß du Gemahlin
Mir bist und nicht Normannin!
Frisches Eis!

Es wird ihm gebracht.

Wer fing den Aufruhr an?
OPHAMILLA.
Kann ich es sagen?
Von deines Vaters Tode scholl die Botschaft durch
Das Land, und plötzlich Stands in Flammen, – Gott
Und auch vielleicht der giftausbrütende Matthäus,
So wie der wütge Graf Acerra, wissen
Wie es geschah – Doch das ist wahr, man sieht
Jetzt in Palermos, in Messinas Straßen
Mit ihrer Ahnen rostgen Schwertern, selbst
Die Freiherrn stapfen, die auf ihren Gütern
So zentnerschwer sich schwelgten, daß es schien,
Als müßten sie da ewig liegenbleiben.
Der flüchtge Tancred ist zum König ausgerufen,
Sie hoffen stündlich seine Wiederkehr –
Kein Dorf Siziliens ist mehr dein –
Schon schiffen nach Calabrien Aufwiegler –
Siziliens Sarazenen, die so treu
Dir waren, weil du sie so gastfrei aufnahmst,
Sind all ermordet, und die Araber
[133] An diesen Küsten hörten schon davon,
Und sattlen ihre Rosse, rufen ihnen,
Als wären es verständige Geschöpfe,
Ins Ohr: seid schnell, seid schnell, zum König Heinrich,
Wir müssen ihn und unsre Brüder rächen!
KÖNIG HEINRICH.
Das ist der Botschaft Bestes.
CONSTANZE.
Nicht verbinde
Dich mit den Heiden von Salerno!
KÖNIG HEINRICH.
Ein
Getreuer Heide ist mir lieber, als
'Ne ganze Legion untreuer Christen.
Sieh auf das Herz des Mannes, und
Nicht auf das Kleid – Sagt auch das Sprichwort anders,
Glaub mir, das Kleid macht doch noch keine Leute,
Es heiße Rock nun oder Religion!
CONSTANZE.
O fürchterlicher Stamm, dem du entsprossen –
Auch keine Religion – Wer seid ihr denn?
KÖNIG HEINRICH.
Wir sind Waiblinger, durch die Gnade Gottes
Dazu geboren, und durch Priesterhand
Getauft zu Christen.

Achmet mit Gefolge tritt auf.
ACHMET.
Gott ist Gott
Und Mahomet ist sein Prophet, und du bist
Der Fürst, für den wir sterben, und im Fallen
Noch unsre Säbel tötend um uns schwingen
Als deiner würdge Kränze, denn du schirmst
In unsrem Glauben uns und unsren Sitzen.
KÖNIG HEINRICH.
Willkommen, Emir!
ACHMET.
Herr, Sicilia,
Calabria sind in Empörung, doch
Salerno ist dir treu. Wie in der Heimat
Der Ahnen vor dem Wirbelwind der Sand
Emporfliegt, heiß, und zahllos, stürmten wir
Auf unsre Rosse, denn wir hörten, daß
Die Brüder, denen wir verwandt sind seit
Jahrtausenden, auf der Feuerinsel uns
Erschlagen worden, – daß der Pöbel sich
Bereits empört hat gegen dich!
KÖNIG HEINRICH.
Dank, Dank, mein Fürst!
[134] – Wieviel Berittne hast du bei dir?
ACHMET.
Zwölftausend, Herr, und alle wild und kühn.
KÖNIG HEINRICH.
Geordnet auch? geübt zum Waffenstreite?
ACHMET.
Kein einzger liebt den Kopf auf Feindeshalse,
Ein jeder weiß im Nu ihn abzuschlagen.

Achmets Sarazenen sprengen unter lauter türkischer Musik im Hintergrunde vorbei.
DIE SARAZENEN.
Gott
Ist Gott, und Mahomet ist sein Prophet
Und Heinrich unser König!
KÖNIG HEINRICH.
Deine Krieger
Ziehn dort vorbei wie sturmgejagte Wetterwolken –
Weshalb, gleich dir so prächtig
Geschmückt? Die Seide rauscht um ihre Lenden,
Und die Turbane blitzen von Juwelen.
ACHMET.
Der Sarazene, Herrscher, schmückt sich stets,
Wenn er dem Tod der Schlacht entgegensprengt,
Denn Huris mit den Busen zart und weiß
Wie Schnee am Ätna, aber heiß wie Feuer
Und schwellend wie Granaten, mit
Den Augen, dunkler wie die Mitternacht,
Und dennoch glühnder als die Sonne, mit
Den Blicken, lieblicher, berauschender
Als Wein, erwarten ihn, und schmiegen sich
Als Siegeslohn in seine trunknen Arme!
KÖNIG HEINRICH.
Was
Für Pferde! Dort die Schimmel! Sonnenstrahlen!
ACHMET.
Und welche Reiter!
KÖNIG HEINRICH.
Adler auf den Rossen!
ACHMET.
Du nennst sie!
KÖNIG HEINRICH.
Von den Pferden send ich ein'ge
In meine Stuterein bei Worms.
ACHMET.
Mein Fürst,
Arabsche Rosse können nur gedeihen bei
Arabschen Wärtern, – denn sie wollen
Geliebt sein und gern Märchen hören.
KÖNIG HEINRICH.
Gib
Mir ein paar Araber, um sie zu pflegen.
ACHMET.
Gern,
Dar stehen alle zu Gebote.
[135]
KÖNIG HEINRICH.
Fast
Vergißt man über dieser edlen Rosse Schöne
Die Menschen.
ACHMET.
Mindstens sind sie adliger
Als eure edelsten Geschlechter – keines,
Das nicht 'nen Stammbaum hätte bis zur Zeit
Des großen jüdschen Emirs Abraham.
KÖNIG HEINRICH.
Sag deinen Leuten meinen Gruß – wie Pfeile
Sollt ihr vor meinen deutschen Truppen fliegen –
Ihr Auge sollt ihr sein – und lieb mir wie
Mein Auge. –
– Wo ist der tapfre Franke, der
Graf Diephold?
EINER DES GEFOLGES.
Er kommt mit dem Admiral.
KÖNIG HEINRICH.
Der Admiral ließ lange warten.
EINER DES GEFOLGES.
Weit
Vorm Hafen kreuzt' er mit den Schiffen.
KÖNIG HEINRICH.
Dann tat er seine Pflicht, und ist entschuldigt.

Diephold und der Admiral von Sizilien treten auf. Zu Diephold.

Wie steht es in der Stadt?
DIEPHOLD.
Es ist was in
Der Luft – Der Pöbel flüstert – Wenn das Volk
Hier, welches ewig schreit, erst flüstert, muß
Was Arges da sein.
KÖNIG HEINRICH.
Hast du Vorsichtsregeln
Getroffen wider Aufstand und Gefahr?
DIEPHOLD.
Nicht deiner Gnade war ich wert, wenn ich
Das nicht getan – Ich zog die Truppen aus
Den Häusern – Durch die Gassen, durch die Gegend
Streifen die Schwaben, auf dem Markt stehn Franken
Als Rückhalt, – wo die Neapolitaner
Zu drei versammelt sind, jagt sie der Speer fort.
KÖNIG HEINRICH.
Ist Tancred eingefangen?
DIEPHOLD.
Nein, – ich glaube,
Er ist entwischt.
KÖNIG HEINRICH.
Verwünscht – Die Faust verlör
Ich lieber! – Der wird in Sizilien
[136] Sechs Monat lang, so lang ich ferne bin,
Den Schattenkönig spielen! – Untersuch,
Ob auch die Krieget, welche ihn verfolgten,
Die Schuldigkeit getan.
DIEPHOLD.
Gewiß so viel
Sie konnten. Aber es sind Deutsche! – Schlagen
Und trinken, in den Tod für dich sich stürzen,
Ist grade keine Kunst – Doch Spionieren
Verstehn sie schlecht. 's ist wahrlich schwer.
Die Sarazenen da verstehen das schon besser.
ACHMET.
Und hältst du das für eine Schande?
DIEPHOLD.
Nimmer –
Dem König dienen, und auf welche Art
Es sei, ist Ehre.
DER ADMIRAL.
König, du befahlst
Mit Schiffen Palästina zu umlagern,
Um Englands Richard aufzugreifen – Nicht
Mehr not tut das – Mir melden meine Kreuzer,
Daß er bei seiner Heimkehr, weit vom Südsturm
Verschlagen, bei Triest gelandet ist.
KÖNIG HEINRICH.
Triest? Der österreichschen Stadt? Vernimmst
Du es, Erzherzog? Es ist Gott mit deiner
Und mit des Reiches Ehre – Eile nach
Der Heimat – Fang mit List und Mut ihn auf.
ERZHERZOG VON ÖSTERREICH.
Ich eile hin und fodre ihn zum Zweikampf.
KÖNIG HEINRICH.
Zweikampf ist rühmlich und nicht Strafe. Wenn
Die Fürsten sich befehden, gilt es mehr
Als Ritterspiele. Nicht der Mann den Mann,
Das Land bestreitet da das Land, und nur
Sieg oder Frieden, die das eine schwächen,
Das andre mächtger machen, sind das Ziel.
Der Richard hat in dir auch mich beleidigt,
Und mir gehört er so wie dir. Nicht tot
Will ich ihn haben, nein, er soll lebendig
In meinen Kerkern wohnen. Nichts nützt uns
Sein Tod – ein Fürst ist leicht ersetzt – Allein
So lang er lebt, ists Englands Pflicht, sein Alles
Zu opfern, um ihn zu befreien – Und
[137] Das solls!

Für sich.

Mit seinen Schätzen helfs, die Welfen
Und Welschland zu bezwingen.
DER ADMIRAL.
Herr, es geht
Auf Schiffen, die von Norden angekommen,
Die Sage, daß der alte Löwe sich
In England eingeschifft, und in Ostfriesland
Das Volk schon jubelnd auf ihn harre.
KÖNIG HEINRICH.
Ha,
Dacht ich es nicht? Wenn ein Waiblinger fällt,
Wie jetzt mein Vater, stehen jedesmal
Die welfschen Löwen auf, vor Freude brüllend,
Daß Erd und Himmel beben! – Ihnen stolz
Entgegen, auf der Stirn den ersten Schmuck
Der Erde, Romas Kaiserdiadem! –
– Constanze, stets hast du geglaubt, mit Liebe
Wär der Normannen Tücke zu besänftgen –
Versuch es jetzt, – als meine Stellvertreterin
Thron' in Neapel, bis ich wiederkehre.
– Diephold und Achmet, wie die Lava zündend
Von dem Vesuv sich weit und weiter wälzt,
Wird auch der Aufruhr sich bis hieher wälzen –
Wehrt ihm, so lang ihr könnt, mit eurer Kraft,
Und wird die Übermacht zu groß, so werft
Ihr euch in Rocca d'Arce, hegt in ihm
Mir dieses Reiches Schlüssel.
DIEPHOLD UND ACHMET.
Bis zum letzten Atem.
KÖNIG HEINRICH.
Und meinen Sohn nehmt mir in Schutz und Aufsicht.
CONSTANZE.
Wie? aus der Mutter Arm willst du ihn reißen?
KÖNIG HEINRICH.
Soldatenarm und Festungsmauer scheinen
Mir sicherer und stärker. –
Jetzt nach Rom!
HOHENZOLLERN.
Mit diesen wenigen Begleitern? Sollte
Der Papst dir nun Bedenklichkeiten machen?
KÖNIG HEINRICH.
Der jetzige Papst Cölestin ist längst
Kein Alexander, und wird er verleitet,
Mit Weiterungen mich zu hemmen, so
[138] Weiß ich ein Mittel, durch die Römer ihn
Zu zwingen.
HOHENZOLLERN.
Ein sehr herbes wäre das –
Du müßtest ihnen, wie sie oft begehrt,
Das euch so treue Tusculum aufopfern.
CONSTANZE.
Wie? Tusculum? Die große, schöne, uns
So holde Stadt, der Wut der Römer Preis
Gegeben? Wo schon seit so vielen Jahren
Nur für Waiblingen alle Herzen glühen?
Die grade dadurch, daß sie stets für euch die Römer
Bekämpfte, diesen so verhaßt geworden?
Nein Heinrich, nein, das tust du nicht!
KÖNIG HEINRICH
finster.
Ich opfre
Das arme Ding, das eigne Herz, dem Haupte –
Ich glaube gar, ich tat es schon einmal –

Schmerzlich, die Hand auf der Brust.

Cäcilia! – –

Wieder stark und heftig.

Was sollt ich fremde Herzen schonen?
In Blut und Feuer glänzen Kaiserkronen!

Mit allen, bis auf Hohenzollern, ab.
HOHENZOLLERN.
Er ist vielleicht der Hohenstaufen Größter –
Er hat den Geist, den Stolz, des Strebens Lust,
Doch ach! ihm fehlt des Vaters mildre Brust!

Ab.

2. Akt

1. Szene
Erste Szene
Stube in einer Schenke bei der Festung Thierstein im Österreichischen.
König Richard, als Mönch gekleidet, sitzt im Hintergründe an einem großen Schenktische. Joseph und Matthias treten ein.

JOSEPH.

Dies ist doch halter das beste Wirtshaus auf dreißig Meilen in der Runde von Wien. Sie kochen hier wie im Prater.

MATTHIAS.
Und schau, die Kellnerin, glatt und schlank, wie die Flaschen in ihrer Hand.
JOSEPH.
Und sie ist so böse nicht, – sie ist eine gute Österreicherin.
MATTHIAS.
Da kommt sie – Welch ein Nannerl – Man sollte sie auffressen.

Die Kellnerin tritt ein.
JOSEPH
zu ihr.
Mädel, bring mir ein gebackenes Hühnchen und 'ne Flasche vom Besten.
MATTHIAS.
Ist sonst noch anderer Braten da?
DIE KELLNERIN.

Wir können den Herren dienen mit Schöpsen, Rindsbraten, Gänsebraten, Kapaunen, Fischen aller Art, gekochten Schinken, gesottenen und ungesottenen Eiern, gerösteten und –

MATTHIAS.
Halt, das ist halter genug – Es gibt doch nur Ein Österreich!
KÖNIG RICHARD
für sich.
Es wäre übel, gäb es zwei!
MATTHIAS.
Bring mir Hammel mit grünem Salat.
DIE KELLNERIN.
Gleich, Herr.
MATTHIAS.
Aber erst ein Küßchen zur Vorkost. Es schmeckt dann noch einmal so gut.
DIE KELLNERIN.
Ich werde mich hüten.
JOSEPH.
Freund, du verstehsts nicht: ein Kuß wird nicht gebeten, [140] sondern genommen – schau!

Er raubt der Kellnerin einen Kuß.

Schmeckts?
DIE KELLNERIN.
Du loser Vogel – Ich bringe gleich, was ihr befehlt.

Ab.
KÖNIG RICHARD
für sich.
Zum Totlachen ist es, zum Totärgern:
Ich, König Richard, Herrscher Englands und
Der Sarazenen Schrecken, muß im Mönchskleid
Hier unter österreichischen Bauern sitzen,
Ihr Fressen sehen, ihr Geschwätz anhören,
Und auf die Rückkehr meines Dieners harren!
Beim heiligen Georg und meiner Dame,
Ich halts nicht lang mehr aus!
JOSEPH.

Matthias, hörst du den verdächtigen Kerl mit der Mönchskutte da brummen? – Was hat er in Österreich zu brummen? – Ich hab eine feine Nase – Er ist halter kein Mönch, er weiß sich nicht in das Kleid zu schicken, die langen Ärmel fallen ihm immer über die Faust.

MATTHIAS.
Und ein Österreicher ists auch nicht, – sieht viel zu wild und breitschultrig aus.
JOSEPH.
Er ist sehr verdächtig.

Zu König Richard.

Wie heißt ihr?
KÖNIG RICHARD.
Ginster.
JOSEPH.
Der Ginster ist ja, wie ich meine, ein niedres Kraut.
KÖNIG RICHARD.
Wie, Schurke, spottest du des Namens der
Plantagenets? Welch Kraut auf Erden wuchs
Wohl höher als der Ginster, wenn das Haus von Anjou
Der Ehr ihn würdigt, ihn der Hecke zu
Entreißen, und an seinem Helm zu tragen?
JOSEPH.
Plantagenet! Anjou – Sind das österreichische
Häuser? Ich kenne die Familien nicht, Herr.

Die Kellnerin kommt zurück mit Braten und Wein.

Ha, Speis und Trank!

Die Kellnerin deckt den Tisch, Joseph und Matthias setzen sich zum Essen.
KÖNIG RICHARD
für sich.
Wo bleibt der Schurke?
[141] Er konnte längst schon in der nächsten Stadt
Den Ring in schweres Geld verwechselt haben.
Geld! Geld! Einwechseln muß ichs jetzt – O Zeit,
Wo ich mit meinem Seh werte es erkämpfte! –
– Wein, Mädchen.

Die Kellnerin schenkt Wein in ein Glas und setzt es dem Könige vor.
KÖNIG RICHARD.
Wer wagt mir den Wein im Glase
Und nicht in Golde vorzusetzen? Hündin –
– Ja so – es fällt mir ein, ich bin ein armer Mönch! –
– – Wenn Saladin mich hier erblickte! Welch
Hohnlächeln würde seine Lipp umfunkeln –
Ich schwörs, er schöbe vor Verwunderung
Den Turban dreimal schiefer, als ers tat,
Da ich sein bestes Heer zu Boden schlug.
Arg schiebt er sonst so leicht den Turban nicht.
– He, frischen Wein – Wie lange währt es?

Sich wieder besinnend.

Ach,
Verzeihet meinem Ungestüm – Ich lag
Sehr lange krank, und bin noch nicht gesund –
Das macht mir diese Unruh, diese Unlust.

Die Kellnerin bringt ihm von neuem Wein.
JOSEPH.

Der krank? So behüte mich Gott, einen Gesunden seines Landes zu sehen – Saufen und wüten sie nur um ein Weniges mehr als der, so sind sie tausendmal schlimmer als Teufel.

MATTHIAS.

Halter, der Kerl hat die Hölle im Leibe und einen Mönchsrock darüber gezogen, – er stürzt die Gläser hinein und will sie löschen.

JOSEPH.

Er muß aus dem Meer gebürtig sein, denn seine Krankheit ist nichts anderes als der Durst. Spektakelt und schnappt er da nicht nach etwas Flüssigem, wie ein Walfisch, der auf dem Trocknen liegt?

KÖNIG RICHARD.
Her mit dem Braten da, dem Fleisch.

Die Kellnerin bringt ihm Braten und Fleisch.
MATTHIAS.

Du hast dich geirrt, Joseph, – er ist aus dem Lande der Löwen oder Tiger, – er frißt noch ärger als er säuft.

JOSEPH.

Und wie haut er mit Messer und Gabel ein, – ists nicht, als schwang er Schwert und Lanze und massakrierte [142] und fräße seinen Todfeind?

MATTHIAS.
Und unter seinem Kleide rasselt es wie ein Harnisch.
JOSEPH.
Es ist halter kein Pfaff.
KÖNIG RICHARD
für sich.
Mit jeglicher Minute büß ich ein
An Land und Macht – ich gelte für verschollen,
Und sicher wiegelt schon der Herr Johann,
Mein grad so lustiger als schlechter Bruder,
Den Adel Englands auf und täuscht das Volk
Mit meinem Tode, – Frankreichs weiser Philipp
Wird auch nicht säumen, unter Pauken- und
Trompetenklang die Oriflamme prahlend
Da zu entfalten, wo sie dreist kann wehen –
Gewiß marschiert er schon mit seinen Stutzern nach
Der Normandie, und nach Guyenne,
Die ihm anheimgefallnen Lehn besetzend,
Und beide saubren Herren werden sich, so lang
Sie im Besitz nicht fest sind, um die Beute
Vertragen, wie zwei Räuber um den Raub,
So lang sie ihn noch nicht gepackt. O wär ich da,
Lebendig, mit dem Schwerte – Mehr als je
Ein grausenhaft Gespenst das Kind erschreckte,
Schreckt ich die Schufte – Heiliger Georg
Und Margaretha!
MATTHIAS.
Der Kerl wird toll!
JOSEPH.
Wir müssen ihn binden.

Viele Landleute kommen jubelnd herein.
ERSTER LANDMANN.
Was Neues von Wien! Unser Erzherzog ist zurück!
KÖNIG RICHARD
für sich.
Ich wollt er wäre in der Höll als Bodensatz.
MATTHIAS.
Der Herzog! Joseph, Brüder, laßt uns tanzen und singen, trinken und essen –
KÖNIG RICHARD
für sich.
Ein eignes Volk – wir trinken nur, die fressen
Am Ende auch auf ihres Fürsten Wohlsein.
JOSEPH.
Und laßt uns Frau und Kinder holen, – wir wollen Freuden- und Feiertag halten.
MATTHIAS.
Ich wußte lange nicht was mir fehlte, nun merk ichs, – der Herzog war nicht im Lande.
[143]
KÖNIG RICHARD
für sich.
Hm, sei dies Volk doch wie es will – Sehr treu
Ist es und sehr anhänglich – Tränen stehn
Ihm in den Augen. Möcht es wohl
Beherrschen. Sicher folgts dem Kühnen kühn!
ZWEITER LANDMANN.
Und der alte Kaiser ist tot, in Rom haben sie einen neuen gekrönt, Heinrich den Sechsten.
MATTHIAS.
Da mag es lustig hergegangen sein.
ZWEITER LANDMANN.
So, daß sie eine große Stadt den Römern übergeben und als Freudenfeuer zur Krönung angezündet haben.
ERSTER LANDMANN.

Und der wilde König von England ist auf seiner Rückreise vom heiligen Lande nach Triest verschlagen worden, und irrt jetzt in unserm Lande umher. Alle guten Österreicher sollen auf ihn achten und wo sie ihn treffen, ihn ergreifen.

JOSEPH.
Warum?
ERSTER LANDMANN.

Weiß ich es? Es ist be fohlen. – Der Erzherzog und der Kaiser haben einen Preis für den ausgesetzt, der ihn ihnen überliefert.

KÖNIG RICHARD
für sich.
Verwünscht! der Kaiser! Was will der? Den Herzog
Hätt ich mit ehrenvollem Zweikampf leicht
Befriedigt. – Mischt sich aber der Waiblinger
So unberufen in das Spiel, so will
Er sicher mehr als das – Land oder Geld, –
– Schlecht kenn ich sonst Siziliens Tyrannen.

König Richards Diener tritt auf.
DER DIENER
leise zu Richard.
Hier, Herr, die Gelder, die ich eingewechselt –
Wir können weiterreisen –
KÖNIG RICHARD.
Bube, wo
Bleibst du so lange? Ich zertrete dich!
JOSEPH.
Packt den tollen Mönch, – er bringt einen Menschen um.
DER DIENER.
Mein Herr, mein Herr –
JOSEPH.
Und der Mensch, statt sich zu wehren, kriecht ihm um die Füße – Das ist nicht richtig.
MATTHIAS.
Mönch, laß den Mann los.
KÖNIG RICHARD.
Wer hindert mich, den Knecht zu züchtigen?
MATTHIAS.
Das ist kein Züchtigen, das ist Tottreten.
[144]
JOSEPH.
In Österreich ist das Morden keine Mode.
KÖNIG RICHARD.
So will ichs heute dazu machen!
ALLE ANWESENDEN ÖSTERREICHER.
Und das dulden wir nun und nimmer!
JOSEPH.
Wer seid ihr? Wie ein ehrlicher Mann betragt ihr euch nicht und seht halter so nicht aus.
KÖNIG RICHARD.
Satt hab ich der Verstellung, des Verbergens!
Wie kann da Nacht sein, wo die Sonne glüht?
DER DIENER.
Herr, stürze dich nicht ins Verderben!
KÖNIG RICHARD.
Eher
Verderben als mich länger zu verbergen.
Weg Mönchskleid, du elendes Rattenfell.

Zu Joseph.

Kennst du Coeur de lion?
JOSEPH.
Nein.
KÖNIG RICHARD.
So kenne seine Faust!
JOSEPH.
Weh mir, ich falle!
DIE KELLNERIN.
Jesus Maria!

Sie flüchtet davon.
ALLE ANWESENDEN ÖSTERREICHER.
Tische, Stühle, Bänke, Gläser, Kannen, alles dem Kerl auf den Leib.
KÖNIG RICHARD.
Weg ist das Kleid – ich atme wieder frei!

Er hat sich das Mönchskleid abgerissen und steht da in glänzender Ritterrüstung.
MATTHIAS.
Schaut: dacht ich es nicht? Es ist ein Ritter!
KÖNIG RICHARD.
Du Lügner! Sag ein Fürst:
Auf meiner Brust sieh Englands Wappen strahlen,
Honny soit qui mal y pense!
ALLE ANWESENDEN ÖSTERREICHER.

Der König Richard ist es – Glocken geläutet – Zum Kommandanten von Thierstein geschickt, daß er mit Soldaten kommt, – er darf nicht fort!


Einige ab, bald darauf Glockengeläute, Auflauf und Lärm draußen.
KÖNIG RICHARD.
Wie wohl
Wird mir – Ists mir doch, als schaukelte mich wieder
Die Wiege oder das Gewog des Kampfes – Horch,
Die Stimmen, Glocken und die Hörner schallen,
Ringsum Tumult – Empor mein Mut, mein Geist,
[145] Signale, die mir kein Orkan zerreißt –

Zu den Anwesenden.

Jetzt ehr ich euch, von meiner Hand zu fallen!

Er schlägt die zunächst auf ihn Andringenden nieder.
MATTHIAS.

Welch ein Glück, daß er kein Schwert hat, weil er es unter dem Mönchskleide nicht verbergen konnte – Halter, seine Faust stürzt auf uns nieder, wie ein losgerissener Eichbaum auf den Wanderer!


Lärm und Tumult wird auf der Szene und draußen immer größer.
KÖNIG RICHARD.
Die Übermacht wird sicher mich bezwingen –
Was schadets aber, bis zuletzt zu ringen?

Mit den ihn immer dichter umdrängenden Österreichern im Kampfe ab.
2. Szene
Zweite Szene
Vor der Festung Thierstein, an einem hervorspringenden Turm derselben. Einige Stockwerk hoch mehrere Fenster im Turme, aber mit Eisen vergittert. Noch immer Glockengetön, Hörnerschall und Zeichen des Auflaufs in der Gegend, die sich jedoch gegen Ende des folgenden Monologs verlieren.

BLONDEL
ritterlich, als Minnesänger gekleidet, tritt auf mit der Laute.
Sie führen hier, im Lande seines Feindes,
Einen Gefangnen in diese Schreckensveste –
Und dieser Einzelne erregt so arg die Furcht
Des Landes, daß Heerscharen auf den Wegen ziehn,
In Näh und Ferne sich das Volk versammelt – –
– Verwundete, das Haupt geschmettert in
Die Brust, trägt man davon – – Du ahnest recht,
Blondel – Das ist der König, der zugleich ein Heer
Ist an sich selbst – Hier schlägt das Löwenherz –
Ich hör es nur zu deutlich an den Kriegs-
Und Glocken-Tönen – Immerdar klang so
Sein Schlag! – Ihr Toren, meint in diesem Winkel
Es zu verstecken, das die Welt erfüllt
[146] Mit seinem Ruhm?
O Richard, o mein Leu,
Ob dich die Welt auch läßt, Blondel bleibt treu!
– – Horch, Lärm im Turm – Nun wieder still –
Sollt er dort hinter jenen Fenstern weilen? –
Wie mag ich es erfahren?

Sich umblickend.

Ringsum niemand –
– – Ha, Lied der Liebe,
Von ihm gesungen, wenn er nach Gefahr
Und Schlacht zuerst an Margaretha dachte,
Die dunkellockge Gräfin Hennegaus,
Ertöne! – Ist es Richard, er versteht es,
Gibt Antwort mir und sagt mir den Refrain.

Er rezitiert zur Laute.

»Meine Brust versengten Fieber,
Sengten wie der Wüste Brand,
Mein Aug ward trüb und trüber,
Und aus dem Schattenland
Streckt schon der Tod die finstre Hand –
Da naht mein Lieb mit heitrem Blick,
Und Tod und Fieber fliehn zurück.«
Wie? schweigt er? Sagt nicht den Refrain? – Weh mir,
Ich kenne ihn zu gut – Wenn Richards Atem
Hier wehte, hört ich den Refrain, und wärs
Sein letzter Hauch – Ach, fort Blondel, und suche
Das Löwenherz woanders, – Jammer, fändest
Du es im Grabe erst!

Gewaltige Tritte im Turm und mächtiges Rütteln an den Eisengittern der Fenster.

Ha, was ist das?
Sein Tritt und seine Hand! O meine Tränen!
Gegrüßt seid mir, sonst meines Schmerzes Zeichen,
Jetzt meiner Freude Perlenschmuck!
KÖNIG RICHARD
im Turm.
»Laut ruf ich es und ohn Erröten,
Das süße, werte Weib,
Es hilft in allen Nöten,
Und tröstet Seel und Leib.«
BLONDEL.
O Donner
Der Sarazenenschlacht! Ich hör euch wieder! Blitze
[147] Der Freude funkeln um euch, meine Stirn
Verklärend!

Er rezitiert wieder.

»Rings umfangen von Gefahren
Focht ich in der wilden Schlacht,
Und des Sultans Reiterscharen
Drangen ein wie Sturmesmacht,
Schon sank mein Arm und überall wards Nacht –
Da ruf ich meine Dame an,
Und siegend brech ich blutge Bahn!«
KÖNIG RICHARD
im Turm.
»Ich ruf es laut und ohn Erröten,
Das süße, werte Weib,
Es hilft in allen Nöten,
Und tröstet Seel und Leib.«
BLONDEL.
Da fliegt ein Adler – Stimme fliege höher!

Er rezitiert.

»Laßt das Feldgeschrei ertönen,
Wie im ungestümen Meer
Stürme sausen, Donner dröhnen,
Alles toben um mich her,
Ich stehe hoch, ich stehe hehr, –
Kein Schicksal mich zu Boden fällt,
So lange Sie empor mich hält!«
KÖNIG RICHARD
im Turm.
»Ich ruf es laut und ohn Erröten,
Das süße, werte Weib,
Es hilft in allen Nöten,
Und tröstet Seel und Leib.«
BLONDEL.
Nun aus dem Stegreif – Hat er mich erkannt,
So deutet er es in der Antwort an.

Er rezitiert.

»Neid und tücksche Rachgier lauern
Nachts im Wald dem Leuen auf,
Bannen ihn in dunkle Mauern,
Treue leitet Blondels Lauf –
Harre, Löwenherz, bald springt dein Kerker auf.«
KÖNIG RICHARD
im Turm.
»Blondel von Nesle, Sängerkönig,
Wähnst du, man kennte deinen Ton so wenig?
– O wäre Margot nur bei mir,
[148] Der Himmel wahrlich glänzt' auch hier!
– Ich ruf es laut und ohn Erröten,
Das süße, werte Weib,
Es hilft in allen Nöten,
Und tröstet Seel und Leib!«
BLONDEL.
O Richard, o mein Held, du bists! Ich küsse
Wie deines Kleides Saum der Feste Mauer,
Denn sie umschließt dich – Eh die Sonne, die
Sich dort schon an den Bergeshöhen senkt,
Verschwindet, mußt du frei sein, und in Freiheit
Muß sie mit ihrem letzten Strahl dich kränzen!
Alles versuch ich, Schwert und List!

Österreichische Soldaten und Landleute sind mittlerweile aufgetreten, haben Blondel und Richard behorcht, sich hinterrücks dem ersteren genähert, ergreifen und entwaffnen ihn jetzt.
EINER VON IHNEN.

Das Versuchen ist nicht nötig – bist schon gefangen – Wir haben dich belauert – Du pfeifst den Vogel in der Festung nicht heraus.

BLONDEL.
Was tat ich? Darf man hier zu Land nicht singen?
DER ÖSTERREICHER.

Freilich darf man, – doch nicht so verdächtig wie du von Löwenvieh, und Damen, und derlei übermütgen Geschöpfen – »Wenn du mein Schätzel bist« oder »Wenn ich ein Vöglein wär«, das sind Lieder nach Land und Sitte.

BLONDEL.
O Richard, kann ich dich denn nicht befrein,
So sei's mir Ruhm, mit dir in Haft zu sein!
KÖNIG RICHARD
im Turm.
Ist nichts euch Hunden heilig? Wagt ihrs gar,
Den Sänger zu berühren? Heiden selbst
Verehrten ihn!
DER ÖSTERREICHER.
So schlimmer. Wir sind halter gute Christen.
KÖNIG RICHARD
im Turm.
Georg und Margaretha –
Das Fenster auf – ich brach schon festre Schlösser
Als dieses – Wart – ich steh dir bei, Blondel!

Er zertrümmert das Fenster, blickt hinaus, wird aber von hinten vom Kastellan des Schlosses und dessen Reisigen ergriffen.

Was? darf man hier zu Land nicht aus dem Fenster sehn?
[149]
DER KASTELLAN.
Nein, man darf es nicht, wenn es der Erzherzog nicht will, oder wenn man es aufbricht wie du.
KÖNIG RICHARD.
Blondel! – Sie halten ihm den Mund zu, – laßt
Ihm den doch offen – Mehr als ihr zusammen
Wert seid, ist schon von ihm gedichtet – Sie schleppen
Ihn fort – O wär ich frei – Ich wollte euch
Und euren Herzog – Tod und Hölle! Schau
Ich das, und kann nur fluchen?
DER KASTELLAN.
Zurück, Herr, sonst Gewalt –
KÖNIG RICHARD.
Ja Gewalt!
Die lieb ich auch!

Er ringt mit dem Kastellan und dessen Leuten.

»Ich ruf es ohn Erröten« –
– Du bist ein österreichischer Schurke!

Er hat im Ringen einen Arm frei gemacht und schlägt einen Reisigen zu Boden.

»Das süße, werte Weib« –
– O schlechter, häßlicher Spitzbube!

Schlägt wieder einen Reisigen zur Erde.

»Es hilft in allen Nöten« –
– Dir helfe Gott!

Wie eben.

»Und tröstet Seel und Leib« –
Ich will dich trösten, weder Arzt noch Pfaffen
Bedarfst du weiter!

Wie eben, aber die Übermacht überwältigt ihn und reißt ihn weg.

O!
DER KASTELLAN.
Schont ihn! Der Erzherzog und der Kaiser wollen ihn lebendig und nicht tot haben.
KÖNIG RICHARD
schon wieder tief in den Turm gerissen.
O wär ich tot,
So hätten sie nur meine Löwenhaut,
Die freilich ohn den Löwen nichts bedeutet,
Daß selbst nicht diesen Eseln davor graut,
Doch nun werd ich lebendig abgehäutet.
3. Szene
[150] Dritte Szene
Küste in Ostfriesland.
Vieles niedersächsische Volk, Männer, Frauen, Mädchen und Kinder am Strande liegend und umherstehend, darunter Christoph, Wehrfried, Bernhard, Gottfried usw.

CHRISTOPH.

Landsleute! hört ihr die See donnern? hört ihr sie jauchzen? Brauset und schäumt und springt, und schüttelt sie die Wogenkämme nicht wie ein Roß, auf welchem ein stolzer, ein mächtiger Reiter heransprengt, die Mähne? der Herzog ist auf ihr! Sie fühlt es, sie weiß es!

BERNHARD.

Er kommt, er kommt zurück! Und, wie die Sonne den Morgen bringt, bringt er wieder die alte, große Zeit.

WEHRFRIED.
Meint ihr, er hätte sie in der Tasche, und könnte sie mitnehmen und wiederbringen wie eine Nuß?
CHRISTOPH.

Als er noch herrschte, waren wir Sachsen – Was sind wir jetzt geworden, seit uns der Barbarossa in Stücken schnitt, wie der Schlächter den getöteten Stier – Oldenburger, Holsteiner, Schaumburger, Lipper, und Gott weiß was, jeglicher klein genug, daß jeder Große ihn fressen kann wie eine Wurst! – Als der Löwe noch herrschte, wir seine lebendigen Glieder waren, – Tod dem, der einen von uns, wär er auch nur ein Härchen an seinem Fell gewesen, angerührt hätte.

WEHRFRIED.

Das Schlimmste ist, daß wir, seit wir tausend kleine Herren haben, auch tausendmal mehr geplagt werden, als wir nur Einen hatten. Früher konnte man wider die Adeligen Recht finden bei dem Herzoge, jetzt sind sie selbst Fürsten geworden, der Kaiser haust fern von uns und ist nicht unser Landsmann, – sie reiten auf ihren Jagden unsre Kornfelder nieder, pressen uns unser bißchen Gut aus, daß wir arm und hungrig sind wie die Kirchenmäuse, und Armut und Hunger, Freunde, machen Courage bis zur Begeisterung!


Es kommen neue Volkshaufen.
CHRISTOPH.

Seht da! Stormarn, Dittmarsen, alles kommt heran, – ganz Norddeutschland stürzt sich dem Gewaltigen entgegen wie der Strom dem Strudel.

WEHRFRIED.
Die Armut und der Hunger!
BERNHARD.

Wiederhole das nicht, Wehrfried – Wir hungern [151] jetzt auch, der Regen fällt dicht hernieder, der Sturm braust durch unser Haar – aber weder Hunger, Sturm, noch Regen haben in den vierzehn Tagen, während welcher wir hier liegen und warten, unsren Eifer und unser Feuer für den Herzog auswehen und auslöschen können.

WEHRFRIED.

Pah – ich warte selbst, bin selbst begeistert – aber so reine Begeisterung, wie ihr träumt, gibt es nicht – es sitzt immer dabei etwas hinter dem Berge.

CHRISTOPH.

Und seht ihr, Leute, daß selbst Fürsten denken wie wir –? Hält dort im Osten auf dem Felsenblocke am Strande nicht auf hohem Hengste der Slavenfürst Borvin, und dort im Westen nicht ebenso der Graf von Borgholt?

BERNHARD.
Sie steigen kaum bei Nacht ab.
CHRISTOPH.
Wie unsere Augen blicken sie, vorne vor allen Haufen, spähend in das Meer.
WEHRFRIED.
Aber es kommt noch immer kein Schiff – Sollte der Löwe nicht ausbleiben?
CHRISTOPH.

Ausbleiben? Er? Wenn man ihn erwartet? – Hat er nicht seine Brut, den Prinzen Heinrich vorausgesendet? Ist der nicht schon längst in der Pfalz, um sich mit Agnes der Hohenstaufin –

WEHRFRIED.
Besser, sie wär eine Welf in.
CHRISTOPH.

– die ihn ungeachtet des Hasses ihres Hauses gegen die Welfen liebt, zu vermählen? Meinst du ein Löwe verließe seine Jungen? Dazu sind Löwenjungen zu selten und zu gut.

GOTTFRIED
zu Christoph.
Alter, wie sieht er aus? Ich bin noch jung und sah ihn nie.
CHRISTOPH.

Er hat ein doppeltes Gesicht – Soll ich dir sagen, wie er aussieht, wenn er seine Gemahlin anlächelte, oder wenn er in der Weserschlacht zürnend die bluttriefende Fahne schwang?

GOTTFRIED.
Sage beides.
CHRISTOPH.

Nun – wenn er lächelte, war es, als bräche die Sonne aus den Wolken, warm wurde es jedem um das Herz, und in der Brust quollen Lust und Freude auf, man wußte nicht woher, wie die Kräuter im Frühjahr. Wenn die Falten der breiten, ehernen Stirn sich zur Heiterkeit auflösten, bei Gott, es war als börsten Felsentore auseinander und zeigten da, wo man es am wenigsten vermutete, die Pforten des Himmels.

[152]
GOTTFRIED.
Und wenn er zürnte?
CHRISTOPH.

Schrecklich – Da steht er, und ich muß wegsehn – Das Gesicht schwarz, durchwölkt von geschwollenen Adern, – das Auge funkelnd und lechzend, wie der isländische Hekla, – das Schwert wild in der Luft, daß sie erklang – die Füße auf winzelnden Sterbenden, Könige unerkannt darunter, wie Korn in der Spreu, und die Stimme laut wie der Donner, aber entsetzlicher, denn der Donner brüllt nur, bei ihm verstand man aber, was er sagte.

BERNHARD.
Der Fürst Borvin erhebt sich hoch im Steigbügel –
GOTTFRIED.
Auch der Graf Borgholt –
BERNHARD.
Und beide deuten mit weitausgestrecktem Arm in das Meer, und dann winkt der eine dem andern zu.
VIELE AUS DEM VERSAMMELTEN VOLKE.
Ein Schiff! ein Schiff! ein Schiff!
CHRISTOPH.

Er ists! er ists! Er stürmt heran! – O Brüder, Freunde! Das noch zu erleben! – Der Wind droht alle Segel zu zerreißen, und doch sind sie aufgespannt, und schlagen wie volle Busen unsrer Küste entgegen, selbst auf die Gefahr daran zu zerschmettern – Das ist des Löwen Kühnheit und Sehnsucht!

GOTTFRIED.
Auf dem Verdecke steht ein Mann mit einem Knaben, und sieht starr nach dem Strande.
CHRISTOPH.

Ja, ja, ein Mann, ein Mann! Sag nur der Löwe! Tod und Jammer, sein Haar ist weiß geworden! Fällt auch auf solche Häupter Schnee? Mein Haar reiß ich aus!


Fürst Borvin und Graf von Borgholt sprengen zu Pferde herein.
GRAF BORGHOLT.
Der Herzog naht auf jenem Schiff, und deutet
Mit seinem Winke an, daß er hier gern
Einsam will landen Ziehet euch zurück.
FÜRST BORVIN.
Zurück! zurück! Folgt ihm als wärs eur Vater.
CHRISTOPH.
Er ist weit mehr, Fürst, er ist unser Herzog.
BERNHARD.
Er winkte uns zurück? Das glaub ich nimmer!
GRAF BORGHOLT.
Ehrt die Gefühle, welche ihn erschüttern,
[153] Wenn er nach langen Jahren der Verbannung
Auf Deutschlands Boden wieder tritt.
FÜRST BORVIN.
Zurück!
Zurück! Soll ichs euch mit der Peitsche lehren?
Dort lagert euch still hin, und harret, bis
Er ruft.
CHRISTOPH.
Herr Slavenfürst, mit Eurer Peitsche
Treibt in die Ställe Eur leibeignes Vieh
Wir Sachsen aber wissen Euren Peitschen
Ein wenig scharf, mit Schwertern zu begegnen.
FÜRST BORVIN.
Wie, Hunde, trotzt ihr?
CHRISTOPH.
Welfen, heißt es, Welfen,
Der Welf trotzt jedem Slaven, ganz besonders
Wenn er den Herzog nahen sieht.
GRAF BORGHOLT.
Ihr wagt
Zu hadern, und der Löwe kommt! Nur Lust
Und Jubel sollten jedes Herz erheben
Schämt euch!
FÜRST BORVIN.
Wahr ists, Graf Borgholt Heinrich kommt

Zu Christoph.

Wir sind versöhnt!
CHRISTOPH.
Es sei! in Heinrichs Namen!
GRAF BORGHOLT.
Und nun zurück!

Fürst Borvin, Graf Borgholt und das Volk ziehen sich hinter die die Szene umgrenzenden Büsche und Bäume zurück. Heinrich der Löwe steigt mit seinem Sohne Otto aus dem am Ufer gelandeten Schiffe und tritt in die Szene.
HEINRICH DER LÖWE.
O Heimat, Heimat, meiner Größe Land
Und meines Falles Heilge Erde, sei
Gegrüßt Kein Kind stürzt sehnender
An seiner Mutter Brust, als ich an deinen Schoß.
OTTO.
So schön wie Englands Küste, Vater, ist
Doch diese nicht.
HEINRICH DER LÖWE.
Sieh erst die Alpen ragen,
Hörs deutsche Herz zum deutschen Schwerte schlagen,
Sieh erst den Rhein durch Laubgehänge ziehen,
Unschuld auf unsrer Jungfraun Wangen blühen,
Und rufen wirst du: von den Landen allen,
Will doch das deutsche mir zumeist gefallen.
[154]
OTTO.
Ach, meine Mutter war aus England!
HEINRICH DER LÖWE.
O
Mathildis Du ihr Bild Laß dich umarmen
Ja, denkt man ihrer, so mißschätzt man leicht
Die Welt! Du weinst? Verbirg es nicht Nicht lob
Ich Tränen, aber mehr als Edelstein
Sei jede wert, die ihrem Angedenken rinnt.
Ich fand in ihr des Ozeans schönste Perle
Und trug sie jubelnd hierher durch die Flut
Mein Leben war nur Nacht und Sturm Sie war
Der Stern, der durch die Wolken brach
Wie oft hab ich an seinem Glänze mich
Erquickt! O Gott ich wünschte fast, daß ich sie nie
Besessen, denn ich mußte sie verlieren!
Westminsterhalle, Westminsterhalle, halt
In deiner gierigen Gewölbe Schlünden
Nicht mehr die Edelsten der Toten,
Laß deine breiten Marmorquadern endlich
Vor all den Fürstenzähren welche Tag
Und Nacht drauf strömen, sich erweichen, sich
Auflösen Gib die Toten wieder!

Mit dem Fuß auf die Erde stampfend.

Mir
Mathildis wieder! wieder!
OTTO.
Meine Mutter! meine Mutter!
HEINRICH DER LÖWE
wieder gemäßigter.
Ging
Dahin, von woher niemand rückkehrt Weine
Nicht länger Hilft dir nichts Ich rief schon oft
Zu ihr ms Grab, doch nicht einmal ein Echo
Schallt draus hervor Das Gute schwindet, nur
Erinnrung bleibt. Drum, so lang du atmest,
Erinnre dich an sie, wenn dir im Römer
Der Saft der Traube blinkt, so denk an Sie,
Und Götternektar wirst du schlürfen, wenn
Des Lebens Mühn dich drücken, denk
An Sie, und freudig trägst du deine Last, -
Wenn dir die Sünde, die Versuchung nahn,
So denk an Sie, und du bleibst rein
Wie frischer Schnee, denn nimmer kann das Böse
Mit ihrem Angedenken sich vermischen.
OTTO.
Wie könnt ich doch der Mutter je vergessen?
[155] Sie spielt ja jetzt noch mit mir in den Träumen.
HEINRICH DER LÖWE
sieht auf den Boden.
Wie hab ich in den finstern Jahren der
Verbannung, diesen Augenblick, wo ich
Der Heimat Boden wiederseh, ersehnt
Nun ist er da, und statt erträumter Wollust
Ein namenloser Schmerz Wie eine Leiche,
Bedeckt von Wundenmalen, liegt da die
Vergangenheit, und stiert verwundrungsvoll mich an,
Daß ich den Deckel ihres Sargs gehoben
Die alten Freuden und die alten Taten
Umwandeln mich gespensterhaft, und blicken
Mich höhnisch an, daß ich nicht mehr vermag
Sie zu genießen, zu vollbringen.
Die ganze Gegend ist mir nur die Spur
Von dem, was war

Sich umblickend.

Wie wird mir? Sitz ich bei
Der Abendlampe, les in einer Chronik?
Die wilde Heide hier, vom Meer bespült,
Mit ihren struppgen Büschen, starren Fichten,
Ist sie es selber, oder ists ein auf-
Gerolltes Buch mit ungeheuren Lettern,
Die die Geschichte meines Lebens mir
Erzählen?
Ja, dies ist die Stelle,
Wo ich nach jenem Weserkampfe mit
Ihr weilte Hier, hier lag ich flüchtig und
Verzweifelnd kaum aufatmend unter
Der eignen auf mich hingestürzten Macht
Der große Sachsenherzog zu 'nem Wurm
Gekrümmt Und dort stand Sie, so wunderhold,
So engelmild, so männlich stark, und goß
Mit linden Worten Balsam in die Wunden
Ich richtete mich auf die süßen Klänge drangen
In meine Brust, wie Tau in eine Blume,
Breit ward sie wieder, und die Wange
Ward wieder rot, ich lächelte des Unglücks.
Alt ward ich unterdes, still wards um mich,
Doch immerdar,
Wie Abendglocken, hör ich es noch tönen:
[156] »Weit mächtiger als in des Glückes Schimmer,
Durchtönt jetzt deine Stimme mir die Brust,
So unermeßlich liebt dich die Gemahlin,
Daß sie sich stark glaubt, Land und Volk und Ruhm
Durch ihres Herzens Schläge zu ersetzen!«
Mathildis, ewig stehst du mir auf dieser Stätte,
Und schaust, wenn nicht in jenen Ozean,
Doch ewig in den Ozean meines Lebens.
OTTO.
Hinter den Büschen stehn Leute, Vater, – sehn
Uns an.
HEINRICH DER LÖWE.
Sie mögen – Sehn sie meine
Vergangenheit, so sehen sie nur Größe –! –
– Und hier verblutete in meinen Armen
Der Landolph, der getreue, reisge Knecht –
Tot und verweset auch – doch bei Mathildis,
Die mit dem Schleier seine Wunden ihm
Verband, soll er in meinem Herzen immer leben,
Nie wieder find ich solche Kraft und Treue! –
– – Und meiner Freunde nur sollt ich gedenken?
'Nen Feind hatt ich, weit größer als sie alle,
Und unaufhaltsam, eine donnernde Lauwine,
Stürzt mir sein Name in die Brust – Heil jedem,
Der eines solchen Feinds sich rühmen darf!
– O Friedrich! Kaiser! wär ich doch vor dir
Dahingesunken an der Weser Ufern,
Nie schlug mir meine fürchterlichste Stunde
Die Botschaft deines Todes zu! – Und schienst
Du auch mein Gegner auf der Erde – Vor
Dem Himmel, tief im eignen Busen, wars
Ganz anders – Wie wir auch einander uns
Bekämpften, Völker riefen, mitzustreiten –
Ich weiß und fühls nur zu gewiß,
Du warst mein Herz und ich das deinige! – –
– Und nun genug! Elend die Tränen, wenn
Nicht Taten auf sie keimen – brennen sie
Wie Feuer, müssen sie dem Feuer gleich
Auch zünden, ob auch Land und Stadt darob
Zu Grunde gehen – Ich bin Greis, bin schwach –
Doch Welfe bin ich auch –
Hie Welf!
[157]
FÜRST BORVIN, GRAF BORGHOLT, UND DIE ÜBRIGEN VOLKSHAUFEN
hervorspringend, und den Löwen jubelnd umzingelnd.
Hie Welf!
HEINRICH DER LÖWE.
Ha! widerhallte noch in den deutschen Gauen,
Das große, das uralte Wort, die Losung
Zum Tilgungskampf des Nordens mit dem Süden?
O meine Sachsen, ihr seid doch das treuste,
Gewaltigste der Völker – Unermeßlich
Wie eure Waldungen ist eure Kraft,
Ist eur Gedächtnis.
CHRISTOPH.
Eher reißt du mit der Hand
Des Forstes stärkste Eiche aus dem Boden,
Als deinen Namen uns aus unsren Herzen!
Zu tief, o Löwe, hast du da dich ein-
Gekrallt!
FÜRST BORVIN UND GRAF BORGHOLT.
Gegrüßet Löwe, Sachsenherzog.
HEINRICH DER LÖWE
zu den beiden.
Wer seid ihr?
GRAF BORGHOLT.
Als wir dich das letzte Mal,
Da unsre Väter dir in Braunschweig huldigten,
Erblickten, waren wir noch Knaben. Dieser
Ist Fürst Borvin, ich bin Graf Borgholt.
HEINRICH DER LÖWE.
Wahrlich,
Ihr seid zu tüchtgen Männern aufgewachsen.
FÜRST BORVIN.
Nach deiner Herrschaft sehnt der Slav sich wieder.
Es sagen unsre Greise, daß du sie mit Strenge
Geübt hast, aber auch mit Stärke. Wo
Die Stärke, da verzeiht man leicht die Strenge. Selbst
Der Kaiser wagte nicht, wo du gebotest,
Die Hand ins Spiel zu stecken – Jetzt ists anders!
HEINRICH DER LÖWE.
Kanns gar leicht denken – Es war oft im Zweifel,
Wer mehr sei, Sachsenherzog oder Kaiser?
FÜRST BORVIN.
Seit du gefallen, drängt wie Ungeziefer
Sich aus dem Boden Freiherr, Gräflein, Bürger,
Der Kaiser selbst, nach jedesmalgem Zweck
Bald diesen und bald jenen unterstützend.
Dazwischen raufen alle sich um Stückchen Landes,
[158] Um Rechte, Privilegien, und wie
Sie sonst es nennen mögen, denn sie wissen
Oft selbst nicht, was es ist. Zuletzt versöhnen
Sie sich gewöhnlich auf der Slaven Kosten –
So ists jenseits der Elbe.
HEINRICH DER LÖWE
zum Grafen Borgholt.
Und wie diesseits?
GRAF BORGHOLT.
Nicht besser. Jeder Stärkre drückt den Schwächren,
Und alle drückt der Kaiser. Läppisch ists,
Ein Kind siehts ein – Auch ich war freier Herr
Durch deinen Fall geworden, doch ich zieh es vor,
Dem Sachsenherzoge Vasall zu sein,
In seiner Größe selbst mich groß zu fühlen,
Als klein im Kleinen zu regieren.
FÜRST BORVIN.
Ja, lieber Knecht, als dieses Wesen tragen.
GRAF BORGHOLT.
Nicht so, Borvin, das ist ein Unterschied:
Den Knecht umfesselt seine Kette, den
Vasallen seine Ehre.
HEINRICH DER LÖWE.
Denken auch
Die Städter so wie ihr? Ich seh hier keinen.
FÜRST BORVIN.
Die Städter, Herr, sind just die Schlimmsten. An
Den höchsten Baum laß ich sie knüpfen, wo
Ich sie ergreife.
GRAF BORGHOLT.
Unerträglicher
Ist nichts als dieser Stolz, als diese Gier
Der Bürger – Wie ein ungewohntes Kleid
Hängt ihre neue Freiheit ihnen um
Den Nacken, – sie sind stolz, nicht, weil das Herz
Sie stolz macht, nein, sie sind es nur,
Um uns zu überstolzen.
HEINRICH DER LÖWE.
– Wisset ihrs,
Ihr Herren? Ihr habt alles, und habt nichts –
Der Herzog fehlt euch.
– Wie mit Bardewick?
GRAF BORGHOLT.
Du wähnst, daß diese Stadt dir treu sei, weil
Du sie so sehr beschützt hast? – 's ist vergessen!
Des Schützers denkt man länger nicht, als man
[159] Ihn nötig hat – Wir foderten sie auf,
Mit uns für dich sich zu vereinen – Spott
Und Lachen war die Antwort.
HEINRICH DER LÖWE.
Lachen, Spott!
– So lernet, Würmer, was es heißt des Leu'n
Zu spotten –

Zu dem versammelten Volke.

Kinder, ihr seid ganz durchnäßt,
Ihr friert!
CHRISTOPH.
Wir spürens wenig, denn
Du bist ja wieder da!
HEINRICH DER LÖWE.
Ich will euch wärmen
Und trocknen – es ist Vaters, Herzogs Pflicht – Kennt
Ihr Bardewick?
CHRISTOPH.
Wer kennt die Stadt nicht, voll
Von Kaufherrn?
HEINRICH DER LÖWE.
Bald sehr leer von ihnen. –
– Wir stürmen sie, und festlich wärm und trockne
Ich euch am Brande ihrer reichsten Häuser.
WEHRFRIED.
'Ne teure, aber gute Heizung für
Uns Bauern.
HEINRICH DER LÖWE.
Werter als die Bürger seid
Ihr mir. Wenig tat ich nur für euch, und alles
Für sie – Undank mein Lohn von dem Gesindel, –
Ihr liegt im Regen und erwartet mich,
Sie ruhn auf Polstern, die sie mir verdanken,
Und lachen meiner –

Zu Fürst Borvin und dem Grafen von Borgholt.

Ordnet schnell die Scharen
Gen Bardewick – Und wißt, nicht bloß aus Rachsucht
Bekämpf ich es – Eh ich nach Braunschweig ziehe,
Muß ich mit einem festen Platz den Rücken
Mir decken – Bardewick ist gut dazu –
– Dann wider Kaiser Heinrich, wie einst gegen
Den Barbarossa!
GRAF BORGHOLT.
Wie ich höre, soll
In Bardewick jetzt grade Jahrmarkt sein.
HEINRICH DER LÖWE.
Ich will der billigste Verkäufer sein,
Will Waren, Käufer, will die ganze Stadt
Sehr wohlfeil machen – Nicht den Pfennig soll
[160] Dort Mann und Weib und Kind heut wert sein – Ich
Geb alles euch, mit Gut und Leben, und
Umsonst!
ALLE ANWESENDEN.
Hoch Sachsenherzog, Leu von Braunschweig!

Heinrich der Löwe unter wilder Kriegsmusik mit allen ab.
4. Szene
Vierte Szene
Der Garten des Bürgermeisters Rudlieb auf einer Anhöhe bei Bardewick.
Der Bürgermeister und der Ratsherr Hagener kommen. Hinter ihnen Diener.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Man hat hier in der ganzen Gegend die beste Aussicht.

Zu den Dienern.

Setzt die Bänke und Stühle hieher –

Es geschieht.

Gut so –

Zu dem Ratsherrn Hagener.

Laßt Euch nieder, Nachbar, und tut als wäret Ihr zu Haus.
RATSHERR HAGENER.

An Tagen wie heute, wo Jahrmarkt ist, bin ich gern außer der Stadt. Das Gedränge, Getöse, das Hin- und Herlaufen ist mir fatal, wie ein losgelassener Bienenkorb.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

's ist wahr – So aus der Ferne, in Ruhe und behaglich wie hier, bei ein paar Flaschen Wein, hör ich gern die gedämpfteren Klänge des Jahrmarktlärmens, sein Gespiel und seine Tanzmusik herüberschallen.

RATSHERR HAGENER.

Was wir für einen gesegneten Herbst haben, Herr Bürgermeister. Seht einmal das Getreide! Die gelben Kornfelder wogen so schwer über die Ebenen und Hügel, als sollten sie darunter brechen.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Die Felder da gehören mir, aber ich glaube, ich habe sie zu teuer gekauft. Ich hätte das Geld sollen in die Handlung tun, es verzinset sich besser.

RATSHERR HAGENER.

Herr Nachbar, hätt es sich auch mehr verzinset, ich lobe mir einen sicheren ruhigen Besitz dazu, [161] wie ihn die Grundstücke gewähren.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Deshalb laßt Ihr wohl so mächtig an Eurem neuen Hause zimmern. Es ragt schon über alle andren Häuser mit seinem roten Dache wie ein Hahnenkamm hervor.

RATSHERR HAGENER.

Ich leugne nicht, es ist mir erst recht wohl, wenn ich Winters so in meiner warmen Stube, schön im Hause gelegen, sicher vor aller Gefahr sitze, und dann denke: alles ist mein eigen.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
– Sind Eure Schiffe mit Pech und Pottasche aus der Ostsee zurück?
RATSHERR HAGENER.

Gottlob, und gut beladen, unter Peter Klausen. Es war höchste Zeit, denn es heißt wieder, der Däne sperrte den Sund.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Daran sind die Lübecker schuld; – sie beneiden unsren Bardewickschen Handelsflor, der ihnen über den Kopf wächst, und stecken sich jetzt hinter die Dänen, um uns wenigstens die Ostsee zu verschließen.

RATSHERR HAGENER.

Bardewick bleibt doch oben, wenige Jahre habens bewährt, – es hat den Keim zu einer Eiche, Lübeck nur zu einer Schlingpflanze.

ELISABETH
kommt.
Guten Abend, lieber Vater, und geehrter Herr Nachbar.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Du kommst wie gerufen, Tochter. Geh hin, hilf das Abendessen besorgen, und laß es hieher bringen. In der freien Luft schmeckt es noch einmal so köstlich.

RATSHERR HAGENER.
O ich bitte –
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Nur still, still – Ihr müßt heute bei mir vorlieb nehmen – nur Hausmannskost, ein wenig Kaviar und ein paar Austern dabei, dazu ein gutes Glas Rotwein, den gestern meine Seefahrer mir aus Bordeaux mitgebracht haben.


Elisabeth ab.
RATSHERR HAGENER.

Eure Tochter ist doch die schmuckste; Dirne des Ortes. Hütet Euch nur vor dem Albrecht, dem jungen Ratsschreiber, sie scheint mit ihm zu liebäugeln.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Der arme Lump meine Tochter? Eher sollen Wasser und Feuer sich vermählen.
RATSHERR HAGENER.

Was meint Ihr zu meinem Sohn, dem Hermann? War der nicht ein Bräutigam für sie? Unsre [162] Äcker, unsre Wiesen, unser Handel berühren sich –

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Na, da werden die Herzen schon nachkommen – Herr Nachbar, laßt uns die Sache überlegen. Draus kann etwas werden.

RATSHERR HAGENER.

Wären nur die Zeiten nicht so bedrängt, – wenn uns nur der Löwe von Braunschweig nicht stört – Er ist wieder gelandet.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Der alte Kerl wird sich freuen, wenn er nur selbst nicht auf dem Todesbette, worauf er bald einschlafen muß, gestört wird. Kaiser und Reich halten mit uns, und auch wir können ihm wehren durch unsre Stadtwälle, unsre Stadtwachen.

RATSHERR HAGENER.
Er tat uns früher manches Gute.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Danks ihm der Teufel. Er tats nur, weil es ihm selbst nützte, weil, je mehr wir emporkamen, so mehr ihm unsre Zölle einbrachten.

ELISABETH
mit Dienern, die das Abendessen auftragen, zurückkommend.
Hier, meine Herren, das Essen – O seht, wie schön geht dort die Sonne unter.
RATSHERR HAGENER.

Jungfer, das kann ich eben nicht sagen. Sie ist schrecklich rot, ein weiter Dunstkreis umweht sie, wie einen Löwen die Mähne, – wir bekommen böses Regenwetter.

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Wie kommt Ihr auf Löwenmähnen?
RATSHERR HAGENER.
Nun, es fiel mir so ein, und der Braunschweig sitzt mir auch immer im Kopfe.
BÜRGER VON BARDEWICK
stürzen herein.

Herr Bürgermeister, Herr Ratsherr, auf! auf! Der Löwe von Braunschweig naht – Schwert und Feuer ringsum, in allen Städten und Dörfern, und immer näher auf uns zu – Helft, helft – rettet!

RATSHERR HAGENER.
Ha, war das die blutrote Sonne?
BÜRGERMEISTER RUDLIEB
verwirrt.
Die Wälle besetzt – Den Rat versammelt, – aufs Rathaus – Ein Dekret gegeben –
RATSHERR HAGENER.

Das wird was helfen! Meint Ihr, Herr Bürgermeister, wir hätten es mit einem armen Teufel aus dem Plebs zu tun, den der Ratsdiener exequieren kann?

BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Nun denn – mindestens zur Stadt! zur Stadt!
RATSHERR HAGENER.
Ihr geht ja den verkehrten Weg.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Verkehrt – ja so, – richtig, dort liegt die Stadt.
[163]
RATSHERR HAGENER.
Fort, fort! Da sprengen schon die vordersten slavischen Reiter des Fürsten Borvin durch das Korn.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Durchs Korn? durch unser Eigentum, die Gottesgabe? Ist das erlaubt?
RATSHERR HAGENER.
Zur Stadt! zur Stadt! Uns verteidigt – Leben, Häuser, Frau und Kinder, alles geht sonst darauf.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Sollte das möglich sein? – Meinen Stock her –
RATSHERR HAGENER.
Habt ihn ja in der Hand!
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Elisabeth, meinen Hut – Mantel – Sind unsre Koffer fest verschlossen?
ELISABETH
die Hände ringend.
O Vater! Vater!
RATSHERR HAGENER.

Verschlossen? Sagt lieber versteckt – Denn finden die Feinde die Koffer erst, gebrauchen sie gewiß nicht Schlüssel, sondern Streitkolben und Äxte.


Truppen Heinrichs des Löwen, unter ihnen Wehrfried, treten auf.
ALLE ANWESENDE.
Weh, Weh, da sind sie!

Flüchten davon, bis auf den Bürgermeister, der vor Schrecken sich kaum zu rühren vermag.
WEHRFRIED.
Hoch Welf! Nieder, Herr Kaufmann!
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.
Mein Gott, zurück den Speer, ich bin hier Bürgermeister und Patrizier.
WEHRFRIED.

Das ist hier ganz egal, Eure Hochwohlgeboren. Zwischen uns beiden ist nur der Unterschied, ob Ihr mich mit Eurem Käsemesser da an der Seite durchstechen könnt, oder ich Euch mit dieser Waffe niederstoße.


Er stößt ihn durch.
BÜRGERMEISTER RUDLIEB.

Weh mir – ich habe den Speer in der Brust – Unmöglich, es kann nicht sein, – und doch – Ich saß hier eben so ruhig –


Er stirbt.
Heinrich der Löwe mit Gefolge kommt.
HEINRICH DER LÖWE.
Sie sind bestürzt, sind überrascht! – Sturm, Sturm!
Die Graben durchgewatet, auf die Mauern!
Werft nach den Häusern, nach den Warenlagern
Pechfackeln – Krämer sinds – Nicht Geist, nicht Mut
Besitzen sie, – verbrennt ihr ihre Ballen, reißt
Das Geld aus ihren Fäusten, sind sie nichts!
[164] – Die Memmen rechneten und rechneten,
Und der Kalkül war richtig. – Es ging wohl
Mit ihrem Handel, ihrer Schiffahrt – Prächtig
Standen die Häuser und die Saaten – Torheit
War es gewesen, ihrem Herzog dankbar
Und treu zu sein – Sie brauchten seines Schutzes
Nicht mehr, sie waren reich genug – Nur neue
Abgaben hätt es ja gekostet – Schurken,
Das Eine habt ihr übersehn, ich bin
Noch stark genug, und führe noch ein Schwert,
Um eure Rechnungen wie eure Nacken zu
Durchschneiden!
Auf! Hie Welf!
ALLE ANWESENDEN.
Hie Welf!
GESCHREI DER BARDEWICKER
hinter der Szene.
Weh, Weh
Wir Armen! Weiter stürmen sie!
HEINRICH DER LÖWE.
Wie winzig
Und wie erbärmlich lautet dies Geschrei!
Wie anders tönte früher meinem Schlachtruf
Das donnernde »hie Waiblingen« entgegen!
O wieder solche Feind auf meinen Wegen!

Mit allen Truppen ab.
5. Szene
Fünfte Szene
Das erstürmte Bardewick.
Die Krieger Heinrichs des Löwen, unter ihnen Christoph, Wehrfried, Bernhard, Gottfried, dringen von jeder Seite herein. Überall Feuer, Rauch, Trümmer und Leichen. Bardewicker jammernd dazwischen.

ERSTER BARDEWICKER.
Meine Frau erschlagen, meine Tochter geschändet!
WEHRFRIED.
Das letzte war freilich nicht nötig, sie war schändlich genug.
ZWEITER BARDEWICKER.
Verbrannt alles! Alles Asche! Haus und Möbeln, Pferd' und Kuh!
CHRISTOPH.
Spottest du nun noch des Herzogs?
ZWEITER BARDEWICKER.
Ich heule, schreie über ihn zum Himmel!
[165]
WEHRFRIED.
Umsonst! der Himmel ist bekanntlich schwerhörig.
ERSTER BARDEWICKER.
Gott, o Gott, gestern und heute!
WEHRFRIED.
Heute ists besser; gestern lief hier schnödes Gesindel umher, heute ists fort.
HEINRICH DER LÖWE
mit Gefolge, Fürst Borvin und Graf Borgholt darunter.
Brennt weiter! – brennt! – Ein Brandmal werde dieses
Verräterische, undankbare Bardewick!
BARDEWICKER.
Gnade!
HEINRICH DER LÖWE.
Ihr jämmerlichen, unverschämten Buben,
Nur eure übermäßge Feigheit kann
Es wagen, Stirn und Hand emporzuheben
Und mich um Gnade anzuflehn! Ich wars,
Der euch begüterte, beschützte, – heuchelnd
Krocht ihr um meinen Fuß, solang ich Macht
Besaß, – doch seit ich sie verloren, wicht
Ihr von mir, wie die aufgescheuchten Vögel,
Und da mein Haar nun weiß, mein Auge dunkel
Geworden ist, lacht ihr mich aus! – Seid ihr so elend,
Daß ihr den Nutzen, ihr den schlechten Wucher
Der Ehr und eurem Herzog überschätzt,
Den Kaiser mehr als ihn scheut, weil der Kaiser
Der Stärkere jetzt scheint, so hättet ihr
Vor mir doch Ehrfurcht fühlen, aber nicht
(Was Barbarossa selbst nicht tat, und was
Sein Sohn, so wild er ist, gewiß nicht tun wird)
Mich höhnen sollen, – ihr kurzsichtgen Krämer,
Die ihr nicht weiter seht als eure Elle,
Die ihr gut wisset, was das Gold bedeutet,
Doch nicht, was ein empörter Geist will sagen! –
– Jetzt lache ich und eure Häuser brechen ein!
BARDEWICKER.
O Elend! Jammer!
HEINRICH DER LÖWE
zu seinen Kriegern.
Barmherzig seid! Kürzt den Rebellen ihr
Gewinsel, ihren Jammer ab, und schlagt
Sie tot!
BARDEWICKER.
Wehe! Wehe!

Sie werden erschlagen.
Zwei sächsische Gewaffnete kommen.
[166]
ERSTER GEWAFFNETER.
Die Stadt ist jetzt Ruine.
ZWEITER GEWAFFNETER.
Hier der Dom nur
Steht noch. Läßt du ihn niederreißen?
HEINRICH DER LÖWE.
Nein,
Als ewges Zeichen des, was diese Stadt
Einst war, soll er in fernste Zukunft ragen!
– Holt einen Eisenhammer –
Graf von Borgholt,
Kannst du Latein?
GRAF BORGHOLT.
Ich kanns mein Fürst.
HEINRICH DER LÖWE.
So will
Ich diese Trümmer, diesen Feuerqualm
Durch dich in die Weltsprache übersetzen,
Und jedem Fremdling sollen sie verständlich werden.

Der eiserne Hammer wird gebracht und Heinrich der Löwe übergibt ihn dem Grafen Borgholt.

Nimm ihn, und hau (denn daß du hauen kannst,
Sah ich soeben noch an deinen Schwerterschlägen)
In diese Platte über dem Portal
Des Doms, was ich diktiere:
Vestigia –
Hast du's?
GRAF BORGHOLT.
Da stehts.
HEINRICH DER LÖWE.
– leonis.
EIN REICHSHEROLD
tritt auf.
Bin
Ich hier im welfschen Lager?
HEINRICH DER LÖWE.
Ja, Reichsherold.
DER REICHSHEROLD.
Du kennst mich?
HEINRICH DER LÖWE.
O der Rock, den du da trägst,
Ist mir so gut bekannt, wie einst der Roßtrapp.
DER REICHSHEROLD.
Heinrich der Sechste ruft dich vor Gericht
Als Friedensbrecher, und gebietet dir
Bei Doppelstrafe Bardewicks zu schonen.
HEINRICH DER LÖWE.
Des Unsinns! Es gibt ja kein Bardewick!
DER REICHSHEROLD.
Herzog, treib keinen Scherz – Der Kaiser liebt
Ihn nicht.
HEINRICH DER LÖWE
auf Bardewicks Trümmer deutend.
Ist dieses Scherz?
[167]
DER REICHSHEROLD.
Gewiß nicht.
HEINRICH DER LÖWE
zeigt auf die Platte am Portale des Domes.
Also lies!
DER REICHSHEROLD.
Vestigia leonis.
HEINRICH DER LÖWE.
Mensch, das war
Einst Bardewick, so heißt es jetzt!
DER REICHSHEROLD.
Entsetzlich!
Erschrecklich!
HEINRICH DER LÖWE
kehrt dem Reichsherolde den Rücken, und wendet sich zu seinen Truppen.
Jetzt nach Braunschweig schnell – Noch einmal
Muß ich die Stadt sehn, wo ich bin geboren.
Ich kränkle und leicht könnt ich sterben, eh
Ich dort anlange, – aber dieser Zorn,
Der stärker ist als ich, bekommt mir wohl,
Und bis an Braunschweigs Tore möchten
Die Flammen Bardewicks noch wohl mein Blut
In Wärme halten –
Vorwärts! Vorwärts! Vorwärts!

Alle ab.

3. Akt

1. Szene
Erste Szene
Saal der Reichsversammlung in Hagenau. Ringsum Sitze, und mitten im Hintergrunde der Thron, prachtvoll mit den Symbolen des römisch-deutschen Kaisertums verziert. Nicht weit vom Thron ein Tisch mit Schreibmaterial für den Reichskanzler.
Agnes von der Pfalz und Prinz Heinrich von Braunschweig kommen.

PRINZ HEINRICH.
Ich zittre, Agnes.
AGNES.
Zittern? Pah! Ich zittre
Ja nicht einmal.
PRINZ HEINRICH.
Ich fürchte deinthalb!
AGNES.
Gar
Nicht nötig.
PRINZ HEINRICH.
Schrecklich wird sein Zorn sein.
AGNES.
Mag
Er schrecklich sein, – was tut das, wenn nur wir
Uns nicht davor erschrecken?
PRINZ HEINRICH.
Unsre Liebe
Wird er zernichten wollen!
AGNES.
Heinrich,
Wär das nicht ein Versuch, worüber
Du lächeln würdest?
PRINZ HEINRICH.
Eher reißt
Des Himmels ewiges Gewölbe auseinander,
Als unsre Liebe. Aber alles, alles
Wird er aufbieten, unsre Ehe zu
Zerreißen.
AGNES.
Kommt zu spät. Die Ehe ist
Geschlossen, Priesterhand hat sie geheiligt.
PRINZ HEINRICH.
Dich zu verlieren, Heißgeliebte – O
[169] Entsetzlich! – Agnes, wüst wird mir das Haupt,
Wenn ich dran denke! Erst war ich so mutig,
Wollte so kühn dem Kaiser trotzen – Jetzt,
Da ich ihm nahe, da die Stunde der
Entscheidung schlägt, werd ich verzagt, und sehe,
Statt aller Hoffnungen, nur die Gefahr,
Daß man dich wegreißt, Blume meines Lebens!
AGNES.
Reißt man mich von dir weg, so welk ich hin,
Und du mir nach – Das sei dein Trost – Jedoch
Der Vetter tut es nicht.
PRINZ HEINRICH.
Wird er uns schonen?
Hat er nicht Tusculum geopfert, um
Die Kaiserkron nur schneller zu erhalten?
AGNES.
Freund, Tusculum
Ist doch noch längst so viel nicht als zwei Herzen,
Die wie die unsrigen sich lieben.
PRINZ HEINRICH.
Meinst du,
Er könnte treue Liebe schätzen?
AGNES.
Sicher!
PRINZ HEINRICH.
Es heißt, er hätte Liebe nie gekannt!
AGNES.
So stärker hat er sich darnach gesehnt.
PRINZ HEINRICH.
Wie weißt du das?
AGNES.
Sollt ich die Hohenstaufen
Nicht kennen? Bin ich selbst doch ihres Stammes!
PRINZ HEINRICH.
Ach, Mädchen, deine stolzen Anverwandten
Sind nicht so hold und mild wie du.
AGNES.
Ich merke,
Wir werden nimmer eins – Wir müssen kämpfen:
Hie Waiblingen!
PRINZ HEINRICH.
Hie Welf!

Er küßt sie.
AGNES.
Laß, Heinrich, laß,
Es lodern schon die Flammen.
PRINZ HEINRICH.
Auf
Den Lippen, auf den Wangen – Leuchten sie
Nicht schöner als der Brand der Städte,
Die frühren Zeichen unsres Feldgeschreis?
AGNES.
Und glaubst du, Kaiser Heinrich wäre so
[170] Kurzsichtig, daß er das nicht merkte? Ist
Er klug, bin ich es auch – Er wird sich freuen,
Daß Welf und Hohenstaufe sich durch uns
Versöhnen – Nach Neapel treibts ihn – Dort
Die tückischen Empörer zu bezwingen, muß er
In Deutschland Ruhe haben vor den Welfen –
Wer schafft sie sichrer ihm als unser Bündnis?
PRINZ HEINRICH.
Mein Vater aber?
AGNES.
Der ist alt und gut,
Und wird auch wohl am Grabe Ruhe wünschen.
PRINZ HEINRICH.
Du Kluge, Liebliche!
AGNES.
Da nahn Gelahrte,
Prälaten, Fürsten, oder wie sie heißen,
Versenkt in wichtige Gedanken. Tritt
Zurück mit mir, bis daß der Kaiser kommt.
Die armen Leute möchten uns langweilen.
Sie sprechen vielerlei, und tun sehr wenig.

Die Mitglieder des deutschen Reichstages, unter ihnen der Reichskanzler, der Erzbischof Konrad von Mainz, der Erzherzog von Österreich, der Landgraf Hermann von Thüringen, der Burggraf Hohenzollern, der päpstliche Nuntius, zwei Gesandte Frankreichs und viele andere Geistliche und Weltliche kommen.
DER REICHSKANZLER.
Prälaten, Fürsten, Ritter, nehmet eure Sitze,
Der Kaiser naht, den Reichstag zu eröffnen.

Sie lassen sich auf ihren Sitzen nieder, der Reichskanzler am Tische bei dem kaiserlichen Thron.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ
zu dem neben ihm sitzenden Landgrafen Hermann von Thüringen.
Was sagst du zu dem jungen Kaiser?
HERMANN VON THÜRINGEN.
Wild
Und klug dabei.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Bezeichnest ihn sehr schonend.
Sag lieber eigennützig, hart, unbändig,
Wer sieht die Zacken seiner goldnen Krone,
Und denkt nicht an die Trümmer Tusculums?
HERMANN VON THÜRINGEN.
Er hat die Stadt mit Grausamkeit behandelt,
Doch möglich, daß die Not ihn dazu zwang.
[171]
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Frascati sage man jetzt statt Tusculum,
Denn nicht ein einzges Haus blieb dorten stehn,
Und unter Zweigen wohnen seine Bürger.
Nichts auf der Welt kann das entschuldigen.
HERMANN VON THÜRINGEN.
Er kommt. Der Nuntius geht ihm entgegen.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Und eines Blickes würdigt er ihn kaum.
KAISER HEINRICH
kommt mit Gefolge, setzt sich auf den Thron, und wirft einen prüfenden Blick rund durch die Reichsversammlung, den er jedoch unter einem grüßenden Lächeln zu verstecken sucht.
Dann für sich.
Dieses die Reichsversammlung, die ich muß
Beherrschen? – Schmeichelei und Trotz und Schrecken,
Schwebt mir nunmehr abwechselnd um die Schläfen
Wie lichte bald, bald dunkle Wolken um die Alpen.

Laut.

Schwer ist das deutsche Szepter, – nur ein Gott
Vermocht es frei zu schwingen, wie's sich ziemt.
Neapels Herrscherstab, den ich zu tragen
Gewohnt bin, ist dagegen nur ein Spielzeug.
Zu schwach ist diese Hand – Darum verzeiht,
Ihr Mächtgen und Getreuen, wenn sie unter
Der Last bisweilen schwankt und zittert.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Wir werden unsrer Pflicht gemäß dir helfen.
KAISER HEINRICH.
Mein Thron kennt nur zwei Stützen – eure Liebe
Und eure Kraft. Wo das Gebäude, das
Sich stärkrer Säulen rühmen dürfte?
– Kanzler,
Was haben wir zuerst hier zu verhandeln?
DER REICHSKANZLER.
Die streitge Bischofswahl von Lüttich.
KAISER HEINRICH.
Sage
Den Fall.
DER REICHSKANZLER.
Um Lüttichs bischöflichen Stuhl
Bekämpfen zwei Parteien sich: die eine
Will mit dem Grafen von Retest, die andre
Mit Brabants Albert ihn besetzen.
[172]
KAISER HEINRICH.
Und
Wem von den beiden gibt man im Kapitel
Die meisten Stimmen?
DER REICHSKANZLER.
Keinem. Denn die Stimmen
Sind gleich geteilt, und beide Teile dräuen
Mit Waffen schon einander gegenüber.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Es muß das Äußerste geschehen, bei
So heilger Sache, bei der Wahl des Priesters,
Das Blutvergießen abzuwenden.
DER NUNTIUS.
Nimmer
Erlaubt der Papst, daß man auf solchem Wege
Ein Kirchenamt erwerbe.
KAISER HEINRICH.
Fürsten, Ritter,
Was meint ihr?
HOHENZOLLERN.
Herr, bedenklich ist die Sache.
Ich weiß nicht, welchen von den Nebenbuhlern
Ich vorziehen sollte. Beide sind so brav
Als tüchtig. Und wenn wir auch einen vorziehn,
Der andre wird sich nicht dabei beruhgen.
Langwierge Fehde drohet jedenfalls.
Am besten ists, wir stellen die Entscheidung
Dem Papst anheim. In einer Kirchensache
Wird er am richtigsten erkennen, und
Es werden die Parteien seinem Urteil
Am ehrsten folgen.
DER NUNTIUS.
Burggraf Hohenzollern,
Der heilge Vater fodert, daß man ihm die Sache
Anheimgibt. Ist ein Bischof denkbar ohne
Einwilligung des Papstes?
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Herr, sehr wohl,
Besonders auch der Erzbischof von Mainz,
Des Deutschen Reiches erster Fürst und Wähler!
– Wir alle sind der Kirche Glieder, vom
Geringsten Priester bis zum Kardinal,
Zum Papst – Denn der ist nur des Baues Spitze! –
Wie jeder Schnörkel dort am Dom für sich
Besteht, und doch das Ganze zieren hilft
Und tragen, walten wir in unsren Würden –
Dem Papste Ehre, doch die Kirch ist mehr
Als Er, und rühmest du, wir könnten
[173] Nicht ohne ihn bestehn, so hüte dich auch vor
Der Frage: wie er ohne uns bestehen will?
KAISER HEINRICH
für sich.
Dem Mainzer flammt das Antlitz auf wie Feuer –
Ich ahne auch, warum – Mein Vater wählte
Ihn sonder die Einwilligung des Papstes.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Doch darin hast du Recht: die Sache Lüttichs
Ist eine geistliche, und in geistlichen Dingen
Gebührt dem Papst das Wort zuerst.
KAISER HEINRICH
für sich.
Wie schlau
Er einlenkt – Pech bleibt Pech, und Pfaff bleibt Pfaff,
Und klebt mit seiner Sippschaft unauflöslich
Zusammen – Nicht verdenk ichs – Machts
Der Schuster wie der Kaiser nicht grad so? Der Kaiser
Bleibt Kaiser, und Waiblingen bleibt Waiblingen –
Ihr sollts jetzt hören!

Laut.

Die Streitigkeit in Lüttich ist ganz klar:
Nach dem Vertrag zu Worms, geschlossen
Mit Papst Calixtus, hat bei zwistger Wahl
Des Bischofs, nur der Kaiser zu bestimmen:
Brabant verwerf ich samt Retest: Der Graf
Lothar von Herstall sei statt ihrer Bischof,
Und die Gebühren zahlt er meiner Kammer.
– So schreib es hin, Reichskanzler!
DER NUNTIUS.
Ich widerspreche! Schreibe nicht!
KAISER HEINRICH.
Wer hat
Hier zu befehlen außer mir? Wem dienen
Die Krieger da mit ihren Partisanen?

Zum Reichskanzler.

Du schreibst, wie ich gesagt.
DER NUNTIUS.
Herr, Herr, –
KAISER HEINRICH
tut als hörte er den Nuntius nicht.
Wir schreiten
Zu einem traurigen Geschäft. Der Held,
Vor dessen Wunderkraft Arabien
Erbebte, hat sich selbst erniedrigt, als
Er Östreich suchte zu erniedrigen.
Ein böser Geist hat ihn seitdem besessen,
Gewichen ist er von der heilgen Siegesbahn,
[174] In Heimlichkeit floh er davon, und wagte
Dem Ozean sich zu vertraun, doch da
Ergriff ihn Gottes Hand und warf im Zorn
Ihn an die deutsche Küste. – Samt Blondel
Ist er in meiner Macht, und zu Gericht
Soll er hier stehn. Selbst Frankreichs König tritt
Als Kläger vor die Schranke, unterwirft
Sich unsrer oberherrlichen Entscheidung.

Zu einigen seines Gefolges.

Führt König Richard vor!
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ
für sich.
Was ein freches Spiel
Mit einem Könige! wie wird das enden?
KÖNIG RICHARD
wird hereingeführt.
Welch eine herrliche, gewaltige
Versammlung – Fürsten, Ritter und Prälaten
Gedrängt wie Stern an Stern, und unter ihnen
Auch nicht ein Einiger, der dem ungeheuren,
Gottlosen Frevel wehrt, mit dem man mich,
Den König Englands und den Streiter Christi,
Wagt festzuhalten?
KAISER HEINRICH.
König Richard, sprich
Von Frevel nicht, wenn dich der Herr der Welt,
Der römsche Kaiser, in der Mitte
Der Großen seines Reiches, die die Kraft
Und die Befugnis haben, frei zu stimmen,
Zu deiner eigenen Rechtfertigung
Vor seinen Thronsitz fodert.
KÖNIG RICHARD.
Herr der Welt,
Und römscher Kaiser? Hohle Namen!
KAISER HEINRICH.
Sind
Sie hohl, so ists mir um so größre Pflicht,
Daß ich, wie ich es nur vermag, sie fülle.
– Frankreich und Österreich verklagen dich.
KÖNIG RICHARD.
Ei, Frankreich!

Er erblickt die beiden französischen Gesandten.

Seid ihr da, Messieurs?
Ich ahnt es – Immer seid ihr vor mir,
Sei's daß ich in die Flucht euch jage, oder
Daß ihr mich zu betrügen denkt – Nehmt eure
Drei Lilien in Acht – Es könnte kommen,
[175] Daß ich sie einst mit meiner Rosse Hufen
Zerstampfte, und dafür drei Nesseln, falsch
Wie ihr, wie Städte brennend, Amiens,
Paris und Orleans hinpflanzte!
KAISER HEINRICH.
Auch
Beschwert sich über dich die Christenheit.
KÖNIG RICHARD.
Durch wen?
DER NUNTIUS.
Durch niemand, Herr. Der heilge Vater
Weiß nichts davon, und ihm allein gebührts,
Dich in der Kirche Namen zu verklagen.
Er aber achtet deine frommen Taten,
Und will, daß dich der Kaiser freiläßt.
DER REICHSKANZLER.
Herr,
Ihr sprecht unaufgefodert, ordnungswidrig –
KAISER HEINRICH.
Himmel,
Mein bester Kanzlei, laß durch deinen Eifer
Dich nicht verführen Alles, alles tu, nur nicht
Antworten! – Grade dadurch ist der Papst
So groß geworden – Hätten meine Ahnen
Nicht allzuoft der Ehre ihn gewürdigt,
Mit Worten seine Worte zu erwidern,
Statt dessen stolz geschwiegen, rasch gehandelt,
Nie fand er Anlaß vielen Lärm zu machen,
Und unbeachtet wäre sein Geschrei
Verklungen. Unser Widerspruch nur schaffte
Ihm Wert. –

Wieder zu König Richard.

Empört ist alle Christenheit,
Daß du den Kreuzzug, welchen du so heilig
Gelobt, so flau geführt hast, und so schnöde
Verlassen.
KÖNIG RICHARD.
Heiliger Georg und Margaretha!
– Ihn flau geführt? – Frag nach bei Saladin,
Frag nach bis Yemen bei arabschen Müttern,
Sie werden fluchend dich der Lüge zeihen! –
– Und ihn verlassen? – Weil der Schuft, der König
Der beiden Schufte da, im Stich mich ließ,
Mit seinem Heer nach Hause lief, um, während
Die Sarazenen mich bedrängten, mir
In Frankreich mein Besitztum zu entreißen –
[176]
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Mein Fürst, verletz die Achtung nicht, die du
Dem König Frankreichs, deinem Lehnsherrn schuldest.
KÖNIG RICHARD.
's ist wahr – Klug muß man sein wie ihr – Die Form
Geschont, sonst alles nur verdorben – Gift
Gereicht, doch in kristallnen Gläsern –
Er ist mein Lehnsherr, ich sein Knecht – ich will
Ihm huldgen und ihn züchtigen – – – Das Kreuzheer
Verlassen? – Tränen, vor Jerusalem
Geweint, als ich nach seinen teuren Zinnen
Vergebens meine Arme streckte, weil
Der listige Franzose von mir wich,
Durchbrennt die Brust von diesem Kaiser, daß
Er fühlt, es schmerze mehr als glühndes Eisen,
Das Land des Heilands zu verlassen.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ
zu Kaiser Heinrich.
Herr,
So kann ein edler Held nur reden – Sicher
Ist er unschuldig. Gib ihn frei.
DIE ANWESENDEN.
Herr, gib
Ihn frei.
KAISER HEINRICH.
Wie? läßt auch dieser Reichstag,
So voll von weisen, mächtgen Häuptern, gleich
'Nem Kind sich täuschen? Nimmermehr!
Nur Großmut ist es, welche ihn
Zum übertriebnen Mitleid jetzt verleitet –
– Hört doch auch Frankreich!
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Seiner Braut,
Der schönsten Blüt am hehren Stamm
Von Valois, der lieblichen Alise,
Bricht er die Treu und das Verlöbnis,
Und Sie, die Schwester König Philipps, muß
Um ihn im Kloster Saint Denis zum Tod
Sich härmen. – Kann er je genug das büßen?
KÖNIG RICHARD.
Man sollte weinen, hört man diese Herren
So schöne Worte machen, – und doch ists nur Wind! –
Die liebliche Alise ist so gelb
Und hager, wie nur ein französisch Weib –
[177] Wenn sie sich härmt, wirds ihr gewiß nicht schaden,
Ich weiß, sie hat der Tröster nur zu viel! –
– Mit eures Königes Bewilligung
Brach ich den Bund mit ihr, und fand ihn ab
Mit einer Summe, welche noch mir weh tut!
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Er willigte nur ein auf die Bedingung,
Daß auch Alis es täte. Aber Sie
Tats nicht – sie liebt dich – Kann man Herzen
Mit Geld aufwägen?
KÖNIG RICHARD.
Ja, man kanns bei euch –
Der Bund mit ihr war nichts als Politik,
Und Politik hat ihn gelöst. Nie hat
Sie mich geliebt, und ich gottlob! sie auch nicht!
– Reichsfürsten hörts! der König Frankreichs frischt
Im Namen seiner Schwester eine alte Sache
Hier auf, daß ich nur länger bleib gefangen,
Und er so ruhiger ins Land mir bricht.
KAISER HEINRICH.
Du kannst die Schuld nicht leugnen, also schmälst du. –
– Wagst du bei Österreich auch so zu tun?
War er der Erste nicht auf Accons Zinnen?
KÖNIG RICHARD.
Er wars.
KAISER HEINRICH.
War er daher nicht wohl befugt,
Auch sein Panier zuerst dort aufzupflanzen?
KÖNIG RICHARD.
Auch das!
KAISER HEINRICH.
Und weißt du, was du tatest?
Du tratest mit dem Fuß des Reiches Herz
Und Schild – Das eigne Herz, den eignen Schild
Beschimpftest und verletztest du mir dadurch!

Aufspringend.

Empörung faßt mich! Alle, die hier sitzen,
Die Fürsten, Ritter und Prälaten, muß
Sie fassen – Wahrlich, wenig sollts mich wundern,
Wenn wir jetzt unsre Schwerter zückten, dich
Zusammenhieben auf der Stelle! –
Mag
Alise weinen, mag die Christenheit dir fluchen,
Die Tränen trocknen endlich, und den Fluch
Wird Gott erfüllen – Doch geschmähte Ehre
Wäscht sich in Blut nur rein!
[178]
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Entsetzlich!
HOHENZOLLERN.
Richard
Ist ein gesalbtes Haupt!
KAISER HEINRICH.
Doch nicht so fest
Gesalbt, daß ihm vor diesem Schwert das Haupt
Gesichert stände.
PRINZ HEINRICH
der mit Agnes zurückgezogen auf der Seite steht – zu Agnes.
Hörst du? Welch ein Mann!
AGNES.
Nun, nun, so schlimm noch nicht. Er sagts nur, und
Hat er nicht eben selbst vom Papst geäußert,
Man müßte, wo man kann, statt sprechen, handeln?
Das Haupt des Königs wäre längst wohl ab,
Wenn ernstlich es der Vetter so gewollt.
ERZHERZOG VON ÖSTERREICH.
Ich bitte, Kaiser, für sein Leben.
KÖNIG RICHARD.
Danke,
Mein Österreich. Ich weiß nicht, was mir einfiel,
Als ich dein Banner niedertrat bei Accon.
Ich handle oft, und denk erst hinterdrein.
Geärgert wirds mich haben, daß ich nicht
Die Fahne Englands, sondern eine andre
Am ehrenvollsten Platz sah. – Nicht gewohnt
Bin ichs – Verzeihe – Aber ein
Geschenk nehm ich nicht an, am wenigsten
Vom Feinde, und am allerwenigsten
Das Leben. Das wär eine ewge Schmach,
Und holt ich Atem, würds mich nur erinnern,
Daß es erbettelt sei, würde mehr als Gift
In meinem Munde.
KAISER HEINRICH
zu Österreich.
Ganz unnütze Furcht,
Daß seine Bitten dir das Leben retten.
Bei meiner Krone schwör ich –
HOHENZOLLERN.
Kaiser, halt –
Um Gotteswillen – Schone doch des Helden –
Nimm Lösegeld –
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Nimm es – Besprütze mit
So edlem Blut den Reichstag nicht.
KAISER HEINRICH.
Was? Geld
[179] Für Strafe?
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Ist denn das nicht Ritterbrauch?
Wird nicht der Tod mit Geld gelöst? Und wird
Ein Leben vorzugsweis mit Geld erkauft,
So muß es das von einem König sein.
Hat

Auf König Richard deutend.

er auch übereilt gehandelt, – Denk
An sein schuldloses Volk, es litte mit ihm.
KAISER HEINRICH.
So meint ihr alle?
DIE ANWESENDEN.
Ja.
KAISER HEINRICH
für sich.
Das wollt ich grade.

Laut.

Vor eurer Meinung beugt sich meine Jugend –

Zu König Richard.

So zahle denn das Lösegeld, und frei
Bist du, sobald du es gezahlt hast.
KÖNIG RICHARD.
Wohl.
– Wie hoch bestimmest du die Lösung?
KAISER HEINRICH.
Niedrig.
Mir zahlst du hunderttausend Mark in Golde,
Dem König Frankreichs zahlst du fünfzigtausend,
Und zwanzigtausend Österreichs Erzherzog.
KÖNIG RICHARD.
Das nennst du niedrig? Heiliger Georg,
Mit so viel Gelde kauf ich Königreiche!
KAISER HEINRICH.
Wie kannst du mäkeln um elendes Geld?
KÖNIG RICHARD.
So elend doch nicht, daß du es nicht nähmest!
KAISER HEINRICH.
Ich nehm es erstlich, weil das Recht es will,
Dann um zum hohen Zweck, den du grad aufgabst,
Zum Kreuzzug, es zu brauchen, – endlich,
Um meine Treuen mit ihm zu belohnen.
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Die Lösungssumme scheint uns zu gering,
Der König Frankreichs fodert mehr.
KÖNIG RICHARD
zu den beiden französischen Gesandten.
Ei, ei,
Werd ich auf einmal euch so wert und teuer?
Ich dachte sonst, ich wäre nur so'n Lehnsmann
[180] Von Frankreich, und beizu auch Fürstlein Englands,
Das ihr mit euren Lanzenspitzen aus dem Meer
Könnt heben – Nun, ich fange an, mich selbst
Sehr hoch zu schätzen – Kaiser, ich bezahle,
Was du verlangtest!

Für sich.

Frankreich wär im Stande,
Daß es ihm mehr verspräche, mich zu halten,
Als ich ihm gebe, um mich freizulassen.
Verspräche, sag ich – Denn viel weiter als
La Manche England trennt von Frankreich, trennt
In Frankreich sich das Halten und Versprechen!

Auf den Kaiser blickend.

Ich hoffe, er siehts ein, und zieht die Barschaft
Den Worten vor – Es zuckt ihm etwas im
Gesicht, das darauf deutet.
KAISER HEINRICH
zu den französischen Gesandten.
Seid gewiß,
Daß ich mit Frankreichs König, meinem Freunde,
Mich über diese Sache leicht vereine.
Ich werde selbst ihm schreiben.
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Wir verwahren
Jedoch bis dahin unser Recht.
KAISER HEINRICH
zu König Richard.
Wann
Wirst du die Lösung zahlen?
KÖNIG RICHARD.
Möglichst schnell –
Erlaub, daß man Blondel, den Sängerfürsten,
Hereinruft, und er Bote sei für mich
Nach England.
KAISER HEINRICH.
Bringt Blondel.
BLONDEL
wird hereingeführt, – zu König Richard.
O mein Monarch!
KÖNIG RICHARD.
Liebst du das Löwenherz?
BLONDEL.
Mehr als
Das eigene – Ich muß ja – Es ist größer!
KÖNIG RICHARD.
So
Beweis es, – laß die Reime und Gedichte,
Biet alle Tatkraft auf und allen Geist,
Flieg hin nach England, schaff die Summe her,
Die man von mir zur Lösung fodert.
[181]
BLONDEL.
Himmel,
Du wirst gelöst? Und wärs die ganze Welt,
Hin würf ich sie für dich!
KÖNIG RICHARD.
Nicht die Welt – Doch wenig
Ists auch nicht – Hundertsiebzigtausend Mark
In Golde!
BLONDEL.
Pah, die treib ich schon zusammen!
KÖNIG RICHARD.
Wirst du dabei das Vorurteil der Welt
Beachten, und durch alberne Rücksichten,
Bedenklichkeiten, lang mich harren lassen?
BLONDEL.
Ein schlechter Dichter, den sein Flug so hoch
Nicht trägt, daß, wo es Großes gilt zu leisten,
Bedenklichkeiten und Rücksichten ihn
Erschreckten – Gleich dem Adler steigt er in
Die Luft, die Erde weithin überschauend,
Und was ihm gut dünkt, packt er mit den Fängen.
KÖNIG RICHARD.
So höre denn! – Wenn du die Gelder eintreibst,
So schone der geringen Leute (Bauern,
Handwerker, mein ich) – arm sind sie, und treu
Dabei – Mit ihrer Hülfe such vielmehr
Die Schätze, wo sie sind – vor allen such
In Klöstern und bei den Hebräern – Einen
Kreuzfahrer zu befrein, ist heiliger,
Christlicher Zweck – Deswegen ziemts dem, Kloster,
Daß es mit Freuden zahle, und dem Juden,
Daß er mit Tränen gebe.
BLONDEL.
Herr, die Armut
Sanct Benedicti, welche zu bescheiden
In tiefsten Kellern liegt, will ich aufdecken,
In ihrer Blöße sie der Sonne zeigen, –
Der Juden Säckel aber will ich kehren, wie
Der Pflug die Erde, – es wächst doch
In ihnen hundertfältig wieder.
KÖNIG RICHARD.
Bring
Mir auch 'nen Renner mit, gestreckt und rasch,
Daß er die Meilen zu verschlingen scheint –
Bin ich erst frei, will ich schnell fort –
Nun eile!
BLONDEL.
Doch auch so sehr, daß ich im Hennegau
Bei einem Schloß nicht hielte, dessen Dächer,
[182] Mit dunklen und bemoosten Schiefern,
Dem Wandrer nicht verraten, welche Rose
Darunter blüht?
KÖNIG RICHARD.
Ha, Zaubrer! Welch ein Bild
Rufst du hervor?
BLONDEL.
Du sahst es oft in Syriens Sande.
KÖNIG RICHARD.
Ja, und in England, und in jedem Teil
Der Welt. – Ein holdes Haupt beugt sich zu mir
Auf seinem Schwanenhals hernieder, und
Die Nacht verfließt vor dessen Schnee und Glanz:
»Ich ruf es laut und ohn Erröten,
Das süße, werte Weib,
Es hilft in allen Nöten,
Und tröstet Seel und Leib.«

Blondel ab.
KAISER HEINRICH.
Beendigt, Richard, ist die Sache – Setze
Dich zu mir – Zauderst du?
KÖNIG RICHARD.
Ich glaube, Heinrich,
Du hast ein böses Spiel mit mir gespielt.
KAISER HEINRICH.
Sprich offen: hättest du, wenn du's vermochtest,
Nicht ebenso mit mir gehandelt?
KÖNIG RICHARD
nach einigem Bedenken, dann freien Blicks und mit freier Stimme.
Ja!
Und Gott bewahre dich vor Englands Küsten!
KAISER HEINRICH.
Mit einem Heer nur würd ich sie betreten.
KÖNIG RICHARD.
Sehr schwierig möcht es sein.
KAISER HEINRICH.
Je schwieriger,
So ehrenvoller – Dän und Normann tatens,
Was die vermochten, kann ich auch.

König Richard setzt sich neben den Kaiser. Ein Bote von Neapel tritt auf. Kaiser Heinrich zu ihm.

Ha, du,
Was bringst du?
DER BOTE.
Diesen Brief.
KAISER HEINRICH
liest den Brief für sich.
Wie? Tancred
Herr von Apulien schon, und abgefallen
[183] Das ganze Reich beinah – die Hauptstadt selbst
Rebellisch – und Constanze von dem Feind
Gefangen – Rocca d'Arce nur mir sicher –
– Ists nicht als rissen aus des Ätna Schlünden
Sich alle tausendjährgen Feuermeere los,
Und brandeten bis hieher, bis an meinen Fuß?
– Mein Dolch!

Er greift nach seinem Dolche und blickt furchtbar drohend auf den Boten.

Auch diese Fratze ist 'ne welsche –
Zu Boden sie –

Sich wieder mäßigend.

Doch still und klug, bedachtsam –
KÖNIG RICHARD.
Was ist dir?
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Was bewegt dich?
KAISER HEINRICH
sehr laut und heiteren Gesichts.
Freude! – Trotz
Des neulich ausgebrochnen Aufruhrs, ward
Neapels Reich ganz wieder mein. – Ich danks
Der Tapferkeit des Feldherrn Diephold – Und
Wir können nun das Kreuzheer, welches ich
Aufbieten will nach Palästina, statt
Durch Ungarns Wälder, sichren Weges
Durch meine Erblande, bis Bari leiten,
Und leicht und schnell von da mit meinen Flotten
Nach Griechenland es überschiffen!

Für sich.

Steht
Das Kreuzheer erst bei Bari, tuts was Beßres
Als Syrien durchschreiten – Die Normannen
Solls kreuzigen.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Der Reichstag wünscht dir Glück.
KAISER HEINRICH.
Sehr traurig, daß wir von so heitrer Aussicht
Nach Süden, trüb nach Norden blicken müssen.
– Ist der Reichsherold an den Welfen schon zurück?
EIN GEWAFFNETER.
Er harret deines Winks, hereinzutreten.
KAISER HEINRICH.
Er komme.
PRINZ HEINRICH.
Agnes, schilt er meinen Vater,
[184] So spürt er, daß der Sohn des Leuen es
Vernahm.
AGNES.
Geduld! Ein bißchen zürnen wird er.
Doch ists ihm zu verdenken? Sieht er nicht
Bis jetzt in ihm den Feind?

Reichsherold tritt ein.
DER GEWAFFNETE.
Da ist der Herold.
KAISER HEINRICH.
Was macht der Welfe?
REICHSHEROLD.
Zieht in Braunschweig ein,
Und tilgt mit Schwert und Feuer seine Feinde.
KAISER HEINRICH.
Und wehrt ihm nicht die mächtge Bardewick?
REICHSHEROLD.
Sie ist nicht mehr.
KAISER HEINRICH.
Ha?
REICHSHEROLD.
Unter ihren Trümmern,
Umwogt von Rauch, fand ich den Leu'n, und als
Ich fragte, wo die Stadt sei, lacht' er wild,
Und wies, mit einer Stimme, die wie Meerflut
Mir donnernd schwoll entgegen, am Portale
Des Doms, der letzten Spur der Stadt, die Inschrift:
Vestigia leonis.
KAISER HEINRICH.
Narr, der selbst beschreibt,
Was er getan – Der Klügre überläßt
Es andern, und der Leu soll mir, indes
Ich lächelnd schweige, unterm Fuße heulen:
Vestigia Augusti!
– Hörts, Reichsstände!
So ist der Welfe, bricht wie ein reißend Tier
Den Bann, die Acht, verheert die Städte, rühmt
Der Tat sich! Just so wenig wie ein Löwe,
Mit dessen Namen er sich prahlend schmückt,
Je lernt des Reichs, des Kaisers Ehre schätzen,
Wird er es lernen. Will er denn so gern
'Ne solche Bestie sein, so laßt uns auch
Als solcher ihm begegnen – Keine Rast,
Bis daß von Deutschlands heimatlichem Boden
Der letzte Braunschweig weggetilgt ist!
AGNES
tritt vor.
Vetter,
Das geht nicht, oder du mußt deine Muhme mit –
Vertilgen.
KAISER HEINRICH.
Welch ein Mädchen,
[185] Schön wie der Tag, und feurig wie der Blitz,
Bricht durch des Reichstags Reihn und widerspricht mir?
AGNES.
Ich bin die Agnes, Vetter – Tochter des
Pfalzgrafen, Bruders Kaiser Friedrichs –
KAISER HEINRICH.
Agnes!
Gespielin meiner Kindheit –
AGNES.
Laßt die Kindheit –
Ich habe Wichtigres dir vorzustellen.
KAISER HEINRICH.
Der König Frankreichs wirbt um deine Hand.
AGNES.
Daß er mit ihr die Pfalz an Frankreich bringe?
Ich mag ihn nicht – Mein Erbteil gönn ich deutschen Männern.
ERSTER FRANZÖSISCHER GESANDTE.
Wie? schlägst du aus den Bund mit Valois?
KÖNIG RICHARD.
Wahrlich, sie konnte Besseres nicht tun.
AGNES
zu dem französischen Gesandten.
Ja, – wenn ich liebe, lieb ich nicht bloß Macht
Und Namen.
– Kaiser, ich war unvorsichtig,
Ich tändelte, und sah nicht um mich. Plötzlich
Stürzt' aus der Luft ein Edelfalk
Mit braunem Haupt und weißer Kehle, und
Ergriff mich – Zürnen sollt ich ihm – Allein
Ich konnte nicht – Das Mädchenherz ist ein
Unselges Ding – Wer es recht scharf anpackt,
Der hat es.
KAISER HEINRICH.
Wie versteh ich das?
AGNES
führt den Prinzen Heinrich vor.
Hier ist der Falk – der Welfensohn!
KAISER HEINRICH.
O Tod
Und Hölle!
AGNES.
Vetter,
Ich liebt ihn, konnte wahrlich nichts davor.
Nimm es nicht übel.
KAISER HEINRICH.
Mädchen, dank dem Himmel,
Daß du 'ne Blume, zart und hold, wie ich
Nicht eine kenne, bist, – wärst du 'ne Zeder,
Bei Gott, sie fiele vor meines Zornes Sturm!
[186] – Doch von dem Welfen da mußt du dich trennen.
AGNES.
Es geht nicht, denn ich bin mit ihm vermählt,
Und, Kaiser, hör ins Ohr!
KAISER HEINRICH.
Vor diesem Reichstag?
AGNES.
Warum nicht? Bin ich denn nicht deine Muhme,
Und darf ich dir nicht etwas heimlich sagen?
KAISER HEINRICH.
Wie keck und kühn! – Sie ist aus meinem Hause,
Und Wang und Augen tragen seine Farben!
AGNES
heimlich zu Kaiser Heinrich.
Hör, Kaiser, – kämpf und kriege nicht um Namen.
Welf und Waiblingen wären eins, wenn sie
Gleich hießen – Du mußt nach Neapel, dort
Den Aufruhr wieder zu beschwichtigen –
Was kann dir lieber sein, als unterdes
Vor deinem großen Feind, dem Leuen, Friede
Zu haben, und ich schaff ihn dir durch Liebe.
Denn ob du gleich dich eben bei der Meldung
Des Boten gut verstelltest, sah ich doch,
Daß in Sizilien nicht alles so steht, wie
Du heucheltest.
KAISER HEINRICH.
Wie schade, Mädchen,
Daß du nicht Mann bist. Du blickst tief.
AGNES.
Das Weib
Sieht tief, der Mann sieht weit. Euch ist die Welt
Das Herz, uns ist das Herz die Welt.
KAISER HEINRICH
laut.
Agnes
Von Hohenstaufen – Nicht kann ich es loben,
Daß du dich mit dem Welfen hast vermählt –
Jedoch, wer kann der Liebe wehren? Eher
Dem Hasse und dem Tode –
Sei mir denn
Willkommen, Stern, bei dessen Liebesglanze
Die beiden mächtigen, so lang getrennten
Geschlechter wieder freudig sich vereinen –
Mög ihnen stets ein solches Himmelslicht
Als deine Schönheit leuchten!

Zum Prinzen Heinrich.

Welfe, reich
Die Hand mir, – wir sind Freunde – Und in
[187] Braunschweig
Nenn ich bald deinen Vater auch so.
HOHENZOLLERN.
Edler
Und größer, Kaiser, konntest du nicht handeln.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Wir alle sind verwundert und gerührt.
Des Höchsten Segen ruh auf diesem Frieden.
KAISER HEINRICH.
Sehr wichtig und erfreulich ist es mir, daß ihr
Dies so betrachtet. Und drum seid ihr würdig,
Aus Kaisermunde einen kaiserlichen Vorschlag,
Den ich – Gott sei mir Zeuge! – nicht
Um meines Hauses willen, einer Hütte,
Die allem Irdschen gleich, auf Deutschlands Boden
Kaum nach Jahrhunderten noch stehen wird,
Den ich vielmehr um Deutschland selbst euch tue:

Auf die Kaiserkrone seines Hauptes deutend.

Macht diese Krone erblich! denn, sagt an,
Woher seit Karl dem Großen, ewger Streit
Bei jeder Kaiserwahl, stets Widerspenstigkeit
Der Sachsen? Weshalb gilt dies mächtige,
Erhabne deutsche Volk, lang das nicht, was
Es wert ist? Warum wagen Nachbarn, die
Weit schwächer sind, weit elender als wir,
Uns Tag für Tag zu höhnen? Warum rauschen
Des Reiches Banner nicht in Rußlands Schnee
Und Libyens Sande? Warum schwillt die Brust
Dem Einzelnen wie Meereswoge, und
Verliert so jämmerlich sich in der Masse?
Warum zertrümmerten wir Romas Welt,
Und können diese Trümmer nicht beherrschen?
– Weil jeder einzelne in seinem Hochsinn glaubt,
Daß er bestehen könne, ohn das Ganze –!
– Ein Faszesbündel ohne Reifen ist dies Reich –
Laßt es uns binden mit dem Kaiserdiademe,
Und dieses bindet fest nur, wenn es ewig
Und erblich ist – –.
Bischof, Vasall, behalten
Die Länder, welche sie besitzen. Der
Vasall vererbe sie auf seine Söhne,
Den neuen Bischof wähle das Kapitel,
[188] Sobald der frühre ist gestorben. Aber
Der Kaiser erblich herrschendes Geschlecht,
Bewache ewig schützend, alle ewig
In ihrer Kraft und ihren Rechten.
HERMANN VON THÜRINGEN.
Dazu
Geb ich die Stimme nie. Der deutsche Fürst
Ist stolzer, edler als die Kön'ge alle,
Weil er wahlfähig ist zur Krone Roms!
Den hohen Vorzug sollte er verscherzen?
Wohl möglich, daß du selbst die Erblichkeit
Der Krone nicht mißbrauchest – Kannst du bürgen,
Daß es dein künftiges Geschlecht nicht tut,
Und, wie in Frankreich, diese Erblichkeit
Benutzt, die Lehn allmählich einzuziehen,
Und statt Vasallen, Sklaven um den Thron
Zu sammeln? Erblichkeit verschafft vielleicht
In unsren Kaisern uns Eroberer,
Schafft einen Hof voll Pracht, wie jener in
Konstantinopel – Doch wird der Erobrer
Nicht stets auch der Despot des eignen Volks?
Ersetzt scheinbare Pracht, (die Schlangenhaut,
Worunter Schmeichler und Verräter lauern,)
Der deutschen Fürsten, deutschen Städte Macht
Und Treue? – Herr, das Vaterland ist es,
Was wir auf Kindes Kind vererben – Drum
Braucht seine Krone erblich nicht zu sein!
KAISER HEINRICH.
Wer sprach das?
REICHSKANZLER.
Hermann, Landgraf Thüringens.
KAISER HEINRICH
für sich.
Ich hätte als Vasall auch so geredet.
ERZBISCHOF KONRAD VON MAINZ.
Groß, Kaiser, riesenhaft ist dein Entwurf,
Doch ist die Zeit für ihn zu klein, zu unreif.
Wie mancher Anspruch wäre zu bewältgen,
Wie vieles Unbestimmte zu bestimmen,
Eh man sich über ihn verständigte!
KAISER HEINRICH.
Thüringen du, und du Erzbischof – Mit
Derartgen Phrasen, wie ihr braucht, wird Deutschland
So lang noch eingeschläfert werden, bis
Es einst sich selbst zerreißt, und seine Stücke
[189] Hungriger Nachbarn leichte Beute werden.
Gut, ich verzichte. –
Dafür bitt ich eins:
Es steht der Kreuzzug mir bevor; – leicht könnt
Ich fallen – Wenns geschähe, wenn kein Herrscher
Mich dann sogleich ersetzte, würden in
Dem noch so sehr bewegten Reich, Aufruhr
Und Unordnung an jeder Stelle aus
Der Erde brechen – Wählet meinen Sohn,
Den Prinzen Friedrich von Sizilien,
Zum römschen Könige.
HERMANN VON THÜRINGEN.
Prinz Friedrich ist
Noch Kind.
KAISER HEINRICH.
Was schadet das? Bei Fürsten reicht
Es hin, wenn sie nur da sind, – ihre Stellung,
Nicht die Person tut ihren Völkern not.
Und dann, wo wären tüchtgre Vormünder
Als ihr?
HERMANN VON THÜRINGEN.
Laß uns den Antrag überlegen.
KAISER HEINRICH.
Ich bitte, tuts –

Für sich.

Wenn sie erst überlegen, will
Ich auch die Überlegung wohl zu lenken wissen.

Laut.

Ich mag bei dem Beraten über meine
Nachfolge selbst nicht gegenwärtig bleiben.
– Nach Braunschweig eil ich

Auf Agnes und Prinz Heinrich deutend.

mit den beiden, –
Dorthin schickt Nachricht, was ihr habt beschlossen.
KÖNIG RICHARD.
Heut hab ich viel von dir gelernt, mein Kaiser.
KAISER HEINRICH.
Leb wohl, o Richard – Wie der Klang der Kriegstrompete
Hat deine bloße Stimme mir das Ohr
Erschüttert – Du bist doch der erste Held.
KÖNIG RICHARD.
Und doch hältst du gefangen mich zurück?
KAISER HEINRICH.
Nicht tadle mich, erkenne mein Geschick –
[190] Ich seh nicht Einen nur, ich seh die Welt!

Richard wird fortgeführt, Kaiser Heinrich entfernt sich mit Agnes und dem Prinzen Heinrich vom Reichstage.
2. Szene
Zweite Szene
Ein Vorsaal in dem Schlosse Heinrichs des Löwen zu Braunschweig. Nacht. Ein paar große Leuchter brennen.
Christoph und Wehrfried auf Wache.

CHRISTOPH.
Ob der Herzog noch wach ist?
WEHRFRIED.

Gewiß. Ich glaube, er schläft gar nicht, so kränklich er auch ist. Sicher sitzt er wieder über den alten Chroniken, oder sieht dort nach dem Harze, oder wandert im Schlosse umher.

CHRISTOPH.
Horch, was war das?
WEHRFRIED.
Der Wind schlägt ein paar Türen zu, die in rostigen Angeln gehn.
CHRISTOPH.
's ist grauserlich!
WEHRFRIED.
Daß der Wind Türen zuschlägt?
CHRISTOPH.

Spotte nicht – Der Herzog wird die Freude, wieder in Braunschweig zu sein, nicht lange genießen. Bardewicks Eroberung wird wohl seine letzte Tat bleiben, und auch da schon machte ihn nur der Zorn so stark. – Es riecht im ganzen Schlosse nach Fichtenholz –

WEHRFRIED.

Das geht auf ihn nicht, denn er würde in einem zinnernen Sarg begraben. Wer weiß, welche Kammerkatze grade krepiert!

CHRISTOPH.

Gestern, bei hellem lichten Mittag, geht der Adolf die große Wendeltreppe hinunter, – was sieht er, da er auf den Flur kommt? Dich, mich, die ganze Dienerschaft in tiefster Trauer, mitten dazwischen einen großen Sarg, und darin der Löwe bleich und tot. Er will näher gehen – Weg ist alles.

WEHRFRIED.
Adolf ist guter Freund des Schloßkellermeisters, und trinkt wohl mal ein Tröpfchen.
CHRISTOPH.

Und – Gott sei mit uns, und uns und dem Herzoge gnädig – Schon drei Schildwachen haben nachts um diese Zeit, gegen zwölf Uhr, die Weiße Frau gesehen. – [191] Da hängt ihr Bild – Wie sieht es aus! – Mich schaudert!

WEHRFRIED.

Schurken sind die Schildwachen gewesen, wenn sie die Canaille, die ihrem Herzoge Unheil verkünden will, sei's ein Geist, sei's ein Menschenkind, nicht angehalten haben.

CHRISTOPH.
Hör, mit wie lang aushallenden Tönen krähen über uns die Wetterhähne.
WEHRFRIED.
Der schlimmste Wetterhahn ist der Schnee auf des Löwen Haupte.
CHRISTOPH.

Da kommt jemand – Nun, sei's die Hölle selbst, ich sterbe als ehrlicher Kerl auf dem mir angewiesenen Posten.

WEHRFRIED.

Du hast ebensoviel Mut, als Aberglauben. – Doch, laß nur die Waffe ruhn, – hörst du denn nicht, daß es der Herzog ist, der da naht? – Wir müssen uns zurückziehen. Er ist gern allein.


Zieht sich mit Christoph aus dem Saal zurück.
HEINRICH DER LÖWE
tritt auf, im schlichten Gewande, einen aufgebrochenen Brief in der Hand.
Er blickt noch einmal hinein. Dann.
Wahr also,
Heinrich der Welfe ist vermählt mit Agnes
Der Hohenstaufin! – Zorn und Unmut hätten
Vor Jahren mich darob ergriffen – Nun
Ists anders – Mögen Ruh und Frieden
Aus diesem Bündnis, keimen – Ruhig möcht
Ich sterben. Mich umwehn die kühlen Lüfte
Des Grabes schon, und sanft und sanfter schlägt
Das einst so wilde Herz. –
– Wie hab ich nicht gekämpft,
Gesiegt, gelitten, um den großen Zwist
Der Welfen und Waiblinger zu beenden –?
Es war umsonst – Jetzt endet ihn 'ne Hochzeit! –
Wie auch der Mensch drauf losstürmt – Nie erreicht er
Das Ziel, führt Gott es ihm nicht zu – – Gebirge drängen,
Mit ihrer Föhrenwälder Brauen höhnisch
Und finster auf ihn niederschauend, sich
Um den verirrten Wanderer – Er klimmt
Und klimmt – ringt über Felsen, windet durch
Gebüsche sich – umsonst! – kein Ausweg – Er
[192] Verzagt – Da setzt er seinen Fuß zufällig
Um eines Berges Ecke, und sieh da: geschmückt
Und reich, wie eine offene Muschel mit
Der Perle, prangt vor ihm das Tal
Mit seiner Stadt, dem Endpunkt seiner Reise –
Im Sonnenstrahle blinken ihre Türme,
Heerstraßen reißen Ross' und Wagen,
Die Ströme Schiffe brausend zu ihr hin,
Den Wanderer mit ihnen – Aber wird
Er auch da finden, was er dort
Zu finden hoffte? Wird der junge Bund
Der Welfen und Waiblinger lange währen? –
– Ich zweifle. – Alles was ich je erfahren, lehrt
Es anders. Auf der Erde Streit und Wut,
Selbst unter Freunden, Ruhe nur im Grab.
– – – Wie hold ist doch das Grab! Da auszuruhn
Von all den heftgen Aderschlägen, sicher
In ewger Stille vor den Stürmen allen
Des Lebens und des Hauptes – Nicht vertausch
Ich es um meinen Herzogsthron – Man lernt
Des Todes Wollust schätzen, wenn man achtzig Jahr
Gelebt. –

Er tritt an das Fenster.

Dort liegt der Harz, hoch und gewaltig,
Und Wetter leuchten über seinen Scheiteln –
Ha, seid ihr es, ihr glänzenden Gestalten
Der Kampfgenossen aus der Weserschlacht?
Blitzt ihr vom Himmel, winkt mich zu euch?
Wie flammt da Truchseß, funkelt Orla –
O Freunde, Freund', ich komme bald!
– Still ist dies Schloß, ganz Braunschweig schläft, –
Die alte, treue Stadt, und weiß nicht, daß
Ihr Herzog stirbt. –
– In Deutschlands großen Fürstenhäusern
Wohnt nicht der Lebende allein, – nein, auch
Des Stammes Mutter wandelt durch sie hin,
Versagt sich selbst des Paradieses Freuden,
Und achtet auf der spätsten Enkel Schicksal,
– So mächtig zieht es sie zu ihren Kindern! –
Der Pöbel fürchtet und belügt
Mit blutgen Märchen sie – Wir Fürsten wissen
[193] Es besser –
Wie die Wachen flüstern,
Soll sie in diesem Hause jetzt umgehen.
Ich glaube, daß die Wachen sich nicht täuschen –
Es zielt auf mich! –
Ha – Tür auf – klanglos – Was
Befällt mich? Nie gebebt hab ich im Kampfe,
Doch hier weht Geisterodem –

Die Tür des Saales öffnet sich von selbst, – die Weiße Frau kommt durch dieselbe, verweilt in der Mitte der Szene, und blickt den Herzog trüb an.

O, Sie ists – Grad
Wie sie im Bild dort hängt – Das seidne Schleppkleid
Wallt weithin hinter ihr, die Schlüssel hält
Sie in der Hand – Werd ich denn wieder Kind
Und zittre? – Herzog Sachsens und von Baiern,
Auch in dem Geisterreich erniedere
Dich nicht!

Zu der Weißen Frau.

Gegrüßt du Ahnin meines Stammes,
Du mir Verwandte, – und ich danke dir,
Daß du besorgt an mich in deiner Ruhe
Gedacht, und aus dem Sarge kommst, mir warnend
Den Tod zu künden! –
Ring nicht so die Hände, wahrlich
Ich furcht ihn nicht – Wann
Schlägt meine letzte Stunde?
DIE WEISSE FRAU.
Löwe, eben
Hört ich in meinem Grabgewölb die Domuhr
Zwölf schlagen, und die Räder rasseln noch –
Den Schlag von Ein Uhr hörst du nicht mehr.
HEINRICH DER LÖWE.
Wohl –
Sie schlug – Aus denn! – Das Blatt, der Leib fällt ab! –
Es sei, – und doch, ich könnte weinen –
Ists mir doch fast, als schied ich nun auf immer
Von einem alten Freunde – Diese Brust,
Mit der ich oft so freudig atmete,
Und dieser Arm, der oft für mich so stark
Gekämpft – Nun Asche wieder?
DIE WEISSE FRAU.
Heinrich, seit
Jahrhunderten hab ich geschwiegen, nur
[194] Durch still Erscheinen diesem Hause sein
Geschick verkündet – Heute muß ich reden,
Denn Du, der Größte des Geschlechtes, sinkst
Dahin nun wie die Andern – Weh der Mutter,
Die, mir gleich, ewig ihre Enkel blühen
Und welken sieht – Tief in das Grab
Dringt wie ein Wurm zu ihr der Schmerz, und peinigt
Sie an das Licht!
HEINRICH DER LÖWE.
Weswegen weilst du, Mutter,
Nicht mit den andern Geistern in den Höhn
Der Himmel, fern von allem Schmerz der Erde?
DIE WEISSE FRAU.
Ach,
Die Erde lieb ich immer, immer, weil
Ich da zuerst geliebt – 'Ne andre Liebe
Begriff ich nie, und darum wandl ich nun,
Zu meiner Freude und zu meiner Strafe,
So lang auf ihr, bis sie zertrümmert.
HEINRICH DER LÖWE.
Arme!
Kein Schreckgespenst, wie mancher hat gewähnt –
Vielmehr so mitleidswert – Laß mich
An deinen Busen stürzen, denn ich kann
An keinem treueren verscheiden –!
DIE WEISSE FRAU.
Halt –
– Noch eine Freude sollst du fühlen – Weither
Durch Nacht und Sturm vernehm ich Rosseshufen –
Ein Myrtenkranz umflicht die feindlichen
Geschlechter – Hohenstaufens holde Agnes,
Heinrich, dein Sohn, mit ihr vermählt, und zwischen ihnen
Der Kaiser, sprengen her, um deinen Segen
Zu ihrem Bündnis zu erflehn –
O
Auch dieser Bund vergeht mit seinen Myrten,
Mit Braut und Bräutigam, wie alles Irdsche –
Ich werd es sehen müssen!
HEINRICH DER LÖWE.
Du Unselge!
Nur ewig, um das Ende jedes Anfangs
Zu schaun!
DIE WEISSE FRAU.
Fast ward ich der Vergänglichkeit,
Des Glückes wie des Unglücks schon gewohnt –
Wenn du die Blume pflückst, ist sie gebrochen,
Wenn du das Glück genießt, ist es verschwunden,
[195] Und ist das Unglück erst nur da, so ist
Es auch bald überstanden.
HEINRICH DER LÖWE.
Aber, aber
Sag mir, ists so auch in den Regionen,
Wo unser Heiland thront, der Welterlöser?
Du kennst sie doch?
DIE WEISSE FRAU.
Ganz anders, anders droben,
Als du dir denkst – Ich kanns – ich mags – ich darfs
Nicht sagen – Weh mir!

Sie verschwindet.
HEINRICH DER LÖWE.
Bleib noch – Bleibe – Fort
Ist sie wie Nebelglanz – – Sie mags nicht sagen?

Er sinkt in einen Sessel – – Christoph und Wehrfried kommen herein.
WEHRFRIED.
Du sprichst schon lange sehr laut, Herzog – Befiehlst du etwas?
HEINRICH DER LÖWE.
Nein.
CHRISTOPH.
Vor dem Tore schallt eine Trompete. Öffnen wir es?
HEINRICH DER LÖWE.
Ja, öffnet es, und lasset meinen Sohn
Mit seiner Braut und Kaiser Heinrich ein.
WEHRFRIED.
Mit dem Kaiser?
CHRISTOPH.
Herzog, hast du ihn gelockt? Sollen wir ihn hier fangen und totschlagen?
WEHRFRIED.

Nun weiß ich, warum du zugibst, daß Prinz Heinrich eine Hohenstaufin heiratet – Du köderst mit ihr den schlimmsten Vogel in dein Netz.

HEINRICH DER LÖWE.
Ihr irrt euch. Kaiser Heinrich ward mein Freund,
Wer ihm ein Haar verletzt, verletzt mich. – Öffnet,
Und zeigt dabei ihm schuldge Ehrerbietung.
CHRISTOPH.
Sein Freund? Der Waiblinger? Rast er?
WEHRFRIED.
Die Beiden Freunde? Ein Tor, wer es glaubt.
HEINRICH DER LÖWE.
Ich sage, öffnet, öffnet – führt sie zu mir.

Christoph und Wehrfried ab.

Mit Unrecht nicht erstaunen diese Knechte:
Der Kaiser, Friedrichs Sohn, in Braunschweigs Burg? –
Ihr welfschen Säulen, brecht ihr nicht zusammen?
[196]
KAISER HEINRICH
mit Agnes und Prinz Heinrich tritt ein.
Gegrüßt mir, Haupt der Welfen.
HEINRICH DER LÖWE.
Ha, schon da –
– Verzeih, ich bin zu matt, um aufzustehen. –
KAISER HEINRICH.
Bleib ruhig – Wenn sich Welfen und Waiblinger
Versöhnen, gilt es nicht Formalitäten.
Weh ihnen, wenn sie sich nach Höflingsart
Nur scheinbar grüßen, und sich wieder fliehen –
Gefährlich spielten sie mit ihrer Größe.
Nein, wie zwei Ströme, die dem Bergeshang
Entstürzen, ihrem Flußbett folgend, sich
Vereinen, selbst bei Nacht, (wie wir jetzt eben)
Sich finden müssen, und dann unzertrennlich,
Breit und gewaltig zu dem Meere fluten,
Begegnen wir uns hier.
HEINRICH DER LÖWE.
Sohn Friedrichs – Vieles
Hab ich erfahren, lang gelebt – Unmöglich
Ist steter Friede zwischen unsern Stämmen.
Ob ein paar Blätter auch, wenn Sommerwind
Sie rührt, liebkosend sich entgegenflüstern –
Der Bäume Wurzeln sind in Finsternis
Gepflanzt und ringen ewig miteinander,
Und nach der Wurzel biegt sich doch der Stamm.
Zwei Sonnen nicht am Himmel, und auf Erden
Nicht zwei Geschlechter wie die unsrigen.
KAISER HEINRICH.
Grad weil wir so gewaltig sind, gelingt
Uns das unmöglich Scheinende vielleicht.
Nicht tote, winzge Blätter, die sich nur
Im Lüftchen regen, sind wir – Leu, es regt
In uns sich eigne Kraft, – frier auch die Wurzel
Tief in der Erde, – nah genug sind wir
Der Sonne, ihre Gluten einzusaugen,
Und sie hinabzusenden zu der Tiefe,
Die Füße damit zu erwärmen! – Hoffe
Die schönste Zukunft!
HEINRICH DER LÖWE.
Junger Fürst, wer oft
Gehofft hat, lernet – fürchten.
KAISER HEINRICH
deutet auf Agnes und den Prinzen Heinrich.
Sollte
[197] Dich dieser Kinder Anblick nicht noch einmal
Das Hoffen lehren?
HEINRICH DER LÖWE.
Heinrich, o mein Sohn –
Doch Sie da –?
KAISER HEINRICH.
Agnes, meine Muhme, Erbin
Der Pfalz, Gemahlin deines Heinrichs – schön
Und liebenswürdig wie ein Engel –
PRINZ HEINRICH.
Ja,
Als Friedensengel, Vater!
AGNES.
Sprecht nicht
Von Muhmen, Erbinnen und Engeln – Laßt
Mich seine Tochter sein!
HEINRICH DER LÖWE.
Selbst Welfen können
Nicht widerstehn, wenn Hohenstaufen schmeicheln –
– Sei meine Tochter, Mädchen, – Gott beschütze
Und stärke dich – Denn, Rose, blühen mußt
Du zwischen Felsen!
AGNES.
Armer Löwe,
Besorgt um mich, und selbst so krank – O laß
Mich deiner pflegen, deine weißen Locken,
Mir teurer als das eigne Haar, mit Küssen
Bedecken.
HEINRICH DER LÖWE.
Kommst zu spät, mein Kind. Todkündend
Erschien mir heute nacht die Weiße Frau.
KAISER HEINRICH
für sich.
Der Arme stirbt. Er träumt schon Kindermärchen.
HEINRICH DER LÖWE.
– Und eine Hohenstaufin pflegt mich – Das
Sind sichre Zeichen – 's geht mit mir zu Ende.
– Wie, Kaiser, lautet unser Friedensschluß?
KAISER HEINRICH.
Sehr ehrenvoll für dich – Von Acht und Bann
Bist du befreit, und Sachsens Herzogtum
Empfängst du wieder.
HEINRICH DER LÖWE.
Aber ich besaß
Ein andres Land noch – Flüsse schrien durch
Es hin mit Donnerstimmen – Nie vergeß
Ich sie –
KAISER HEINRICH.
Du denkst an Baiern – Was verlangst
Du nach ihm? – Nie ist es dir treu gewesen,
[198] Und Wittelsbach besitzt es längst.
HEINRICH DER LÖWE.
Nie treu –
So fahr es wohl – Es war vielleicht zu groß,
Um fest am Stamm zu hangen – Alle Groß
Und Schwere trennt sich leicht von dem, woran
Man sie will ketten, sei's der Apfel von
Dem Baume, sei's der Freund vom Freunde, oder
Das Volk vom Fürsten, – nur fällt sie dabei
Gewöhnlich auch zu Boden –
Wo mein Otto?
PRINZ HEINRICH.
Ich fragte schon nach ihm, – ich hört, er schliefe.
HEINRICH DER LÖWE.
So stört ihn nicht, und tretet auf die Seite.
– Man winkt mir schon.
KAISER HEINRICH.
Wer winkt?
HEINRICH DER LÖWE.
Dein Vater, Friedrich,
Und neben ihm die strahlende Mathildis –
– Er beugt sich zu mir nieder, gleich ihr lächelnd,
Der Freund, der Heldenjüngling wieder –
Die kaiserliche Krone, die elende
Sternschuppe, welche uns so oft verwirrt,
Fällt ihm vom Haupte hin zur Hölle,
Und prachtvoll steigen auf die Dioskuren!
KAISER HEINRICH.
Er phantasiert, – ruft einen Arzt!
HEINRICH DER LÖWE.
Nicht nötig –
Ich bin gesund und meine Jugend kehrt zurück.
– Wie fließt der Rhein so stolz dahin – Wie spiegeln
Sich Schloß und Stadt in seinen grünen Wellen!
Heil Hochheim, Heil Johannisberg, König
Der Rebenhügel – Rechts da Rüdesheim, die Zier
Am Bergessaume – links kommt Bingen – o
Wie tobt das Binger Loch, doch lauter tönen
Des Ofterdingen Saiten drein – Und dort
Hoch Ehrenbreitstein, Diadem des Felsens!
Dies ist mein schönster Tag!
KAISER HEINRICH.
Er denkt der Rheinfahrt,
Die er mit meinem Vater und dem hehren Sänger
Der Nibelungen, Ofterdingen, einst gemacht.
HEINRICH DER LÖWE.
O trag mich, Rhein, o reiß mich fort – schön stürzt
[199] Es sich mit dir zum Meer, zum Tode – Kaiser,
Was sag ich deinem Vater? Eben fragt
Er mich nach dir.
KAISER HEINRICH.
Sag ihm,
Der Hohenstaufe strebe noch so kühn wie immer,
Und wenn er auf des Ätna Gipfeln stände,
So würd er sehnend übers Meer
Hinschauen!
HEINRICH DER LÖWE
mit immer matterer, aber sehr bewegter Stimme.
Lebe wohl, mein treues Sachsen –
Ein Trost ist mir: mein Leib wird doch ein Stückchen
Von deiner Erde – Weser, Ocker, fahret wohl –
Leb wohl du Harz mit deinen Felsentalen, –
Wie gern verirrt ich mich nur einmal noch
In dir – Lebt wohl, ihr Sterne – Ach –

Er sinkt sterbend hin.
KAISER HEINRICH.
So endet
Das Große, mit 'nem Seufzer – Er ist tot –

Zum Prinzen Heinrich.

Heil dir,
Herzog der Sachsen!
PRINZ HEINRICH.
Du rufst Heil mir, und ich seh
Ihn tot?
KAISER HEINRICH.
Betraure ihn, – doch dann genieß,
Was er dir hinterlassen. Mir starb auch
Erst jüngst der Vater – Schmerzlich war es – Doch
Genug nicht kann mans wiederholen:
Tod ist der Menschheit allgemeines Los,
Und wen er schreckt, wird niemals groß. –

Für sich.

Der Löwe tot – frei kann ich nach Neapel!

4. Akt

1. Szene
Erste Szene
Großer Saal im königlichen Schlosse zu Neapel.
Tancred, als König, auf dem Throne, um ihn auf ihren Sitzen die ersten Edlen der Normannen, unter ihnen der Erzbischof Matthäus von Palermo, der Graf Acerra und Bohemund. Überall normannische Wachen und Krieger.

GRAF ACERRA.
Nie schimmerte der Strahlenkranz der Sonne
So schön um dieses Landes Flur als heute.
BOHEMUND.
Errungen endlich alles, alles wieder.
TANCRED.
Nur Rocca d'Arce leider nicht.
BOHEMUND.
Die Tore
Neapels, die wir gestern erst erblickten,
Gleich aufgesprungen, als ob Zauberruten
Sie angerührt – Du auf dem alten Thron
In frischer Jugend, des Tyrannen Gattin
Gegangen, seine besten Freunde mit ihr –
Das ganze Land im Flug zurückerobert!
TANCRED.
Was leicht erobert ist, geht leicht verloren.
GRAF ACERRA.
So sprich nicht, König – Wann wohl dürften wir
Mit kühnren Hoffnungen als jetzt uns schmeicheln?
Das Glück geleitet, und Begeisterung
Umlodert, Einigkeit verbindet uns –
– Wann kannten unsre Ahnen etwas Größres?
TANCRED.
Der erste Freiheits-, erste Sieges-Schwindel
Ist allzu süß, als daß man sich in ihm
Nicht gern berauschte. Fühl ich es doch selbst
An meines eignen Herzens Schlägen. Deshalb
Seid achtsam, daß wir nicht in trunknen Wahnsinn
[201] Verfallen, um ermattet zu erwachen.
– Ich wähnte auch, es wär das Ziel, wenn so
Wie jetzt Neapels und Siziliens Krone
Auf meiner Scheitel prangte, beide Lande
Zu meinem Fuße lägen – Doch am Ziel
Nun angelangt, winkt schon ein höheres,
Wie oft der Wanderer, wenn er den Berg
Erklimmt hat, froh da ausruhn will,
Im Wahn, er sei nun auf des Weges Gipfel,
Den höhern Berg sieht, welchen der erklimmte
Verbarg. – Noch stehen wir den Italiänern
Als Feinde gegenüber, ob wir gleich
Wie sie im selben Land geboren sind –
Denn wir besitzen ihre Recht' und Güter.
Soll Sicherheit und innere Gesundheit
Das Reich erfreun, so muß das anders werden.
So lang das Volk sich unterdrückt hält, wechselt
Es gern den Unterdrücker, wärs auch bloß,
Den kurzen Reiz der Abwechslung zu fühlen.
Dann blicket hin nach Norden: Der Waiblinger
Hat mit dem Welfen sich versöhnt, und kehrt
Die Faust, die mit dem Leuen hat gerungen,
Freier als jemals gegen uns. Den Schlüssel
Des Reiches, Rocca d'Arce, hält Graf Diephold
Mit unbeugsamem Mute für ihn fest –
Weh uns, dringt Heinrich je so weit, dem Grafen
Ihn abzunehmen – Durch das aufgerißne Tor
Des Landes brandete wie Meereswogen
Er mit den überzählgen Scharen auf
Uns ein. Drum Rocca d'Arce Tag und Nacht
Gestürmt, bis seine Türme sich uns beugen,
Alsdann den Kaiser aufgesucht bis in
Die Lombardei, wo manche Städte noch
Ihm feindlich sind, sich gern mit uns vereinen –
In unserm Rücken aber, in Neapel
Dadurch die Ruh gewahrt, daß wir dem Volke
Entgegenkommen, wärs auch, daß wir lernten,
Von den Erobrungsrechten unsrer Ahnen
Ein wenig aufzuopfern.
BOHEMUND.
Wie? Aufopfern?
Was uns gebührt, was wir ererbt? Wir schmähten
[202] Im Grab noch unsre Ahnen. Haben
Sie darum mit so vielem Mut und Blute
Dies Land errungen, daß wir Enkel
Es wiederum mit den Besiegten teilten?
Der Pöbel soll mit uns auf eine Bank
Sich setzen, mit uns jagen in den Forsten?
Bei Gott, der feisteste der Eber soll
In meinen Waldungen vor meinem Pfeil
Noch sichrer sein, als so ein welscher Lump.
GRAF ACERRA.
Wie? Dem Despoten sollen wir entgegen,
Und die Verräter und Verdächtigen,
Die uns im Rücken drohn, beschenken, statt
Sie zu bestrafen? – Nun und nimmer – durch
Den Hals dem Feind das Schwert, nicht in die Hand –,
Vor allem aber Heinrichs Günstlinge,
Dem Grafen von Aversa.
TANCRED.
Schon' Aversa.
Er ist dein Todfeind, und persönliche
Erbittrung scheints, verfolgst du ihn zumeist.
GRAF ACERRA.
Ich bin sein Todfeind, ja, weil er Todfeind
Des Staates ist – Nicht Großmut – Wahnsinn wärs,
Ihn zur Erbauung seines Gleichen nicht
Hinrichten wollen, und zwar unter Qualen.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Auf gleiche Weise sterb auch Ophamilla.
TANCRED.
Wie, dein Kollege?
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Und war er mein Vater,
Er müßte sterben unter Henkershand – Er hat
Darnach gelebt.
TANCRED.
Nie eben wart ihr Freunde –
Jedoch so weit – – Bedenk, er ist ein Priester
Gleich dir.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Reißt ihm die Priesterkleidung ab,
Und einen Teufel, grad so dumm und feig
Als schlecht, erblickt ihr.
TANCRED.
Wärs nicht geratner
Ihn mit Gefangenschaft anstatt des Todes
Zu strafen?
[203]
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Ist er denn der Mühe wert,
Ihn ewig zu bewachen und zu nähren?
TANCRED.
– Führt Ophamilla und Aversa vor.

Mehrere Krieger ab, welche bald zurückkommen und den Erzbischof Ophamilla sowie den Grafen von Aversa gefangen hereinführen.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Nun Ophamilla?
GRAF ACERRA.
Nun, Herr Graf Aversa?
TANCRED
zu Ophamilla und Aversa.
Als Kaisers Freund' – als Landsverräter – seid
Ihr angeklagt. Verteidigt euch.
GRAF VON AVERSA.
Vom Strick
Befreit erst meine Hände, und dann Waffen!
Mit ihnen nur, mit Worten nicht, kann man
Heimtücksche Buben, wie Acerra dort,
Bestrafen. Eine Wunde fühlen sie, doch Schimpf
Und Schande nicht.
GRAF ACERRA
springt mit einem Dolche auf Aversa zu.
Dies deiner Lunge,
Du giftgeschwollne Kröte!
TANCRED.
Halt –

Graf Acerra wird zurückgehalten.
GRAF VON AVERSA.
Daß du
Mich gern erwürgst, begreif ich leicht – doch daß
Du mir ins Aug kannst sehn, ist unbegreiflich, –
Du, der mich hinterlistig einlud, im
Freundlichen Zwiesprach unsren Zwist zu enden,
Und dann mich treulos nahm gefangen!
GRAF ACERRA.
Heult
Der Wolf, daß er so dumm war, in die Falle
Zu gehn? Kann dir dein deutscher Götze nicht
Mehr helfen? Machst jetzt schöne Phrasen, da
Es mit den schlechten Taten nicht mehr will?
Entarteter Normanne, schlimmer noch

Auf Ophamilla deutend.

Als jener Sizilianer, denn er schändet
Doch nicht so edlen Stamm als du.
GRAF VON AVERSA
mit sehr fester Stimme.
Der Kaiser
Ist dieses Reichs rechtmäßger Oberherr,
Denn seine Erbin hat sich ihm vermählt.
[204] Ein jeder, der ihm widerstrebt, ist ein
Empörer, und ihr seid es allesamt.
Das Glück kann eine Zeitlang euch bekrönen,
Doch nie das Recht, und endlich trifft euch die
Verdiente Strafe. Dieses glaub ich,
Und darauf sterb ich –
Und nun bitt ich,
Macht mich rasch ab und spart das Reden. Unnütz
Ist es, denn bald vergeß ichs doch im Grabe.
GRAF ACERRA.
Im Grab? Auf dem Toledo sollst du liegen,
Und Hunde dich zerfleischen.
GRAF VON AVERSA.
Darob jauchze
Doch nicht, Acerra, – es tut mir alsdann
Nicht weh mehr. –
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Ophamilla, kam es nun
Mit dir so weit? Ist dies das Ende?
Gebunden vor mir?
OPHAMILLA.
Barmherzger Gott!
Er schont mich nicht – ich hörs am Klang der Stimme!
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Du zitterst? Frierst du? Graut dir?
OPHAMILLA.
Grausig, kalt
Der Tod – Kalt wie dein Blick.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Ich freue mich,
Daß ich es dir verkünde, du nicht mir:
Du siehst den Abend dieses Tags nicht mehr.
OPHAMILLA.
Matthäus! Todfeind! Gnade, Gnade! Schenke
Das Leben mir, laß dir genug sein, daß
Ich dir zu Füßen stürze –
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Reißt ihn wieder
Empor! Zu stehen ziemt ihm, nicht zu liegen.
OPHAMILLA.
Nicht atmen mehr, nicht hören, sehen, denken –
In einer Stunde alles aus – Ich tot, die Henker
Wildjauchzend über meinem Leichnam –
O Gott, das Leben ist doch schön, und säh
Man auch, so lang man lebt, nur einen Grashalm.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Wie schwach!
OPHAMILLA.
Matthäus, leben laß mich, leben –
[205] Verfluchen will ich Kaiser Heinrich –
GRAF VON AVERSA.
Schurke!
OPHAMILLA.
– dich lieben will ich, will dein Sklave sein,
Du sollst mich treten, und ich will dafür
Dir danken, – aber laß mir diesen Atem,
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Verkehrt auf einem Esel mit dir zum
Schafott.
TANCRED.
Sprecht ihr dem Ophamilla,
Dem Aversa insgesamt das Todesurteil?
ALLE ANWESENDEN.
Wir alle sprechen es.
TANCRED
zu mehreren Kriegern.
So führet sie
Zum Tode.
OPHAMILLA.
Nein, ich will nicht sterben – Henker,
Wagt es mich zu berühren! Mit der Hand,
Mit meinem Fuß, mit meinen Zähnen wehr
Ich mich!
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Ophamilla, heute abend noch,
Wenn du in deinem Blut liegst, trink ich von
Dem schönen Syrakuser deiner Keller!

Der Graf von Aversa und Ophamilla werden, ungeachtet des Sträubens des letzteren, abgeführt.
GRAF ACERRA.
Die Kaiserin jetzt vor Gericht.
BOHEMUND.
Zeit ists.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Und Not – Sie schadet uns selbst als Gefangne –
Die Unzufriednen alle sehn auf sie
Und ketten an sie ihre Pläne.
GRAF ACERRA.
Laßt
Das alberne und niederträchtge Weib,
Das der Normannen Szepter einem Fant
Und Fremdling gab für süße Blicke,
Im Meer ersäufen, wo es ist am tiefsten.
TANCRED.
Constanz' ist Weib, ist Kaiserin,
Und königlichen Bluts – Dreifacher Grund,
Sie dreifach zu verschonen und zu ehren,
Und nicht sie schändlich zu erwürgen.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Gefährlich immer, bleibt sie unter uns.
[206]
TANCRED.
So lernet von mir Rittersitte. Meine
Gefangne ist Constanze, denn mir selbst
Ergab sie sich, und da's euch so gefährlich
Erscheint, daß sie hier länger weile, geb
Ich heute sie noch frei.
GRAF ACERRA.
Nein, König, nein,
Bei Gott nicht –
TANCRED.
Schwöre nicht, – bei meinem Wort,
Du schwörst sonst einen Meineid. Sie wird frei! –
Ein Weib kann uns nicht schaden, mindestens
In Feindes Reihen nicht – Das günstge Urteil
Der Welt gewinnen wir durch unsre Großmut.
– Wollt ihr gern Feinde töten, sucht sie hinter
Den Mauern Rocca d'Arces oder auf dem Feld
Der Schlacht.
GRAF ACERRA.
Der größte Feind des Normanns, König,
Ist dein mehr als empfindsam Herz – Tränks mit
Verräterblut, und es wird stärker.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Guiskard
Umdrängt mit seinem Heere Rocca d'Arce
Schon monatlang, – es soll schon in der Veste
Der Hunger wüten – sicher fällt sie bald.
Wir brauchen also nicht noch neue Kräfte
An diesem Felsen zu zersplittern – Leider
Bedürfen wir sie auch in unsrer Nähe
Nur noch zu sehr. Noch schützen die Gesetze,
Die wir gegeben, weder uns, noch sich –
Noch müssen wir sie mit dem Schwert behüten,
Bis sie gewachsen zu selbstkräftgen Stämmen,
Und wir in ihren Schatten ruhen können.
Noch sind genugsam Truppen nicht vorhanden,
Um gar dem Kaiser selbst, wie du es wünschest,
Im Schlachtfeld zu begegnen. – Und
Ists ratsam, unsre Heimat zu verlassen,
Den Feind im Ausland aufzusuchen, der
Vielleicht noch nicht dran denkt, uns zu bekämpfen? –
– Wir wollen warten, bis er kommt, dann mag
Er sehen, was es heißt, wenn sich der Herr im Hause,
Neapel in Neapel wehrt.
GRAF ACERRA.
Nicht ganz
Denk ich wie du, und gerne stürmt ich los
[207] Auf Rocca d'Arce, packte bei dem Haar
Den Kaiserknaben, den sie dort verwahren,
Zerschmetterte am Felsen sein Gehirn,
Und färbte meines Wappens Silbergrund
Mit Kaiserblut zu Golde – gerne drang
Ich durch der Alpen Pässe, und erhellte
Den dunklen Norden, der uns Heinrich ausspie,
Mit Feur und Schwert – doch nicht vom Fleck den Fuß,
So lang der König spielt den Edelmütgen,
Und unsre schlimmsten, die inländschen Feinde,
Verschonet – Wie ich auch den Kaiser hasse,
Verräter haß und fürchte ich weit mehr.
TANCRED
nimmt die Krone vom Haupte und betrachtet sie wehmutsvoll.
O Krone, Krone, goldnes Kleinod, Zier
Und Glanz des Südens, Stern des Mittelmeeres –
Dein Reich ist deiner unwert! Du, Neapel,
Der Wunder Land, wo Berge brennen, Wälder
Von Lorbeern alle Hügel kränzen, nur
Die Hand erwarten, sie zu pflücken, – wo
Auf Posilippos Vorgebirg der Schwan
Von Mantua, der große Heldensänger,
Im Lorbeerschatten schläft, – weit herrlicher
Bist du als deine Söhne! – O der Schmach!
Vesuv und Ätna brennen mächtiger
Als unsre Brüste – Lorbeern grünen, voll
Und üppig, um im Herbst zu welken, und
Der Heldensänger schläft seit tausend Jahren,
Weil auch nicht Ein Held aufstand, der ihn weckte!
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
O König, seufze nicht um Heldentum.
Es scheint, als wäre seine Zeit vorbei.
Gottlob! Es führte nur zu Blut und Unheil.
TANCRED.
Und wozu führt die Politik, mit der
Du heut mich hemmen willst? Wozu wohl anders,
Als daß du dein einmal errungnes Ansehn
In diesem Reiche kurze Zeit festhältst,
Parteien schaffst, in Hoffnung zwischen ihnen
Herrschen zu wollen, selbst der Krone
Zum Hohn, und endlich, wenn der große Feind
Von außen kommt, das ganze Reich, ich, du,
[208] Und deine Träume, Träumen gleich
Vor seinem Hauch verfliegen?
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Du könntest
Mir Pläne wider deinen Thron zutrauen?
War ich es nicht, der ihn dir baute?
TANCRED.
Oft
Schon schaffte nur der Schaffende, Matthäus,
Um selbst die Schöpfung zu genießen. – Mann,
Ich kenne dich!
ERZBISCHOF MATTHÄUS
für sich.
So hüte dich, – denn viel
Zu eigensinnig wird mir dein Gefühl.
TANCRED.
Das eure Freiheit? Zank mit eurem Herrscher!
Das eure Taten, euer Mut, Acerra?
Verfolgung, Grausamkeit! Glaubt ihr, die machten
Euch stark? Sie zeigen nur, daß ihr der Macht,
Die euch geworden, nicht seid würdig – Immer
Sind Feige und Unmündige die Grausamsten, –
Der Knabe quält, zerrupft die Fliege, welche
Der Mann bloß mit der Hand abwehrt! – Darum
Fiel uns des Sieges Frucht, o Bohemund,
Daß wir in träger Muße sie verschwelgten?
– O Weh, ihr großen, ihr hochherzgen Ahnen,
Muß ewig mich eur Angedenken mahnen?
Hat dies Geschlecht es völlig denn verloren?
Bin ich Jahrhunderte zu spät geboren?
Ihr kämpftet freudig an dem fernsten Strand,
Doch diese streiten kaum fürs Vaterland!
– Lebt wohl – ich eile zu des Guiskard Heere,
Denn nur vor Rocca d'Arce noch ist Tod und Ehre.

Geht ab; Krieger folgen ihm.
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Seid nicht bestürzt, – er ist noch jung, – die Hitze
Wird sich schon mäßigen, er kommt zurück.
Käm er wirklich nicht wieder, laßt uns dennoch
Fortfahren so, wie wir begonnen, –
Denn unsere Verfassung ist so gut,
Daß selbst ein König grade not nicht tut.
2. Szene
[209] Zweite Szene
Große Wachtstube in Rocca d'Arce.
Soldaten schlafend, im Gespräche oder sonst beschäftigt. Diephold kommt mit einem fränkischen Hauptmann.

DER HAUPTMANN.
Die Vorderschanze ist vom Feind erstürmt.
DIEPHOLD.
Erstürmt sogleich sie wieder.
DER HAUPTMANN.
Herr, die Schanze
Ist kaum des Blutes wert, und nützt uns wenig –
Man könnt es besser anderwärts verwenden.
DIEPHOLD.
Ei, mein Herr weiser Hauptmann, wagst Einrede
In einer Festung, die umlagert ist
Vom Feinde? Wo's nur gilt, dem Wort des Feldherrn,
Der mit dem eignen Haupt für alles haftet,
Zu folgen wie dem Wetterschlag die Flamme? – Weißt du,
Daß ich für die Minute, welche dein
Geschwätz dem Dienst des Kaisers hat geraubt,
Dich hängen lassen sollte? Doch die Strafe
Sei ehrenvoll, so wie der Tod, der sie
Wahrscheinlich wird begleiten – Stürm du selbst
Mir binnen Stundenfrist das Außenwerk
Zurück, sonst komm nicht wieder lebend vor
Mein Antlitz!
DER HAUPTMANN.
Danke – Statt verdienter Strafe
Gibst du mir Lohn und Ruhm!

Ab.
Achmet tritt auf.
DIEPHOLD.
Zurückgeschlagen?
ACHMET.
Nicht das, doch wie wir auch mit Vogelschnelle
Hinflogen an den Reihen der Belagrer,
Wir fanden nirgends unbewachte Punkte.
Der Guiskard ist ein tüchtger Feldherr.
DIEPHOLD.
Wie
Ist es mit deinen braven Leuten? Halten
Sie stets noch aus?
ACHMET.
Sie tun mir leid. Ich sehe,
Wie sehr sie Durst und Hunger fühlen – Bleich
[210] Sind ihre Lippen, gelb und hohl die Wangen –
Doch sagen sie kein Wort – Nur bei den Rossen,
Die Mangel dulden wie sie selbst, stehn Viele
Und schmeichlen ihnen, trösten sie, die Tränen
Im Auge.
DIEPHOLD.
Kanns nicht ändern. Mir auch schmerzt
Der Magen. Aber bei dem Himmel und
Der Hölle, – eh ich diese Veste, die
Der Kaiser mir anvertraut, des Hungers halber
Dem Feinde übergebe, zehr
Ich diese meine Hand auf!
ACHMET.
Übergeben!
Sag nicht das Wort! – Was ist denn Hunger gegen
Gefangenschaft? – Und blüht in diesem grauen
Und wüsten Baue eine Blume nicht,
Die ihn zur lieblichsten Oase wandelt?
DIEPHOLD.
Du meinst das Kaiserkind!
ACHMET.
Wen anders denn?
Wer sähe wohl sein blaues Auge blinken,
Und glaubte nicht vom Himmelstau zu trinken?
DIEPHOLD.
Fürwahr es ist ein wundersames Kind. Es kann
Nicht reden, doch sein Blick spricht schon und forscht!
ACHMET.
Zeig meinen Leuten es, wenn sie verzagen,
Und jubelnd werden sie die Not ertragen!

Hauptmann von Schwarzeneck, Albert, Wolfgang und andere Krieger, worunter auch Franken, kommen.
DIEPHOLD.
Ha, abgelöste Wachen – – Regt der Feind sich?
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Herr, er schreit wie ein mißgeborner Löwe – Der König Tancred ist eben bei ihm angekommen.
DIEPHOLD.
Mit vielem Geleit?
EIN FRÄNKISCHER KRIEGER.

Ich habe unter den normannischen Vorposten Bekannte, die mir manches verraten; sie deuteten mir an, er hätte nur zweihundert Mann bei sich.

DIEPHOLD.
Das ist sonderbar. Werden sie ihm schon ebenso treulos wie dem Kaiser? – – – Sonst nichts Neues?
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Ja, die Pest ist auch da.
DIEPHOLD.
Wo?
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Bei dem Ruprecht und noch ein paar andern. Der Arzt zog Handschuh an, als er sie [211] anfaßte.
DIEPHOLD.

Ich will ihn lehren, seine Pflicht mit bloßen Händen, und nicht in Handschuhen zu tun – Daß für die Kranken gesorgt wird, – das letzte Essen, der letzte Wein unserer Keller werde für sie gebraucht –

DER FRÄNKISCHE KRIEGER.
Straf mich Gott, ich wollt, ich hätte die Pest auch – Man bekommt dabei zu verzehren, wie ein König.
DIEPHOLD.
Nenn es nicht Pest, es wird eine andere leichtere Krankheit sein.
DER FRÄNKISCHE KRIEGER.

Bewahre – Pest ists nicht – es ist nur ein kleines Leiden, welches das Gesicht bräunt, die Augen heraustreibt, den Hals zusammenschnürt wie nichts Gutes, und jeden ansteckt, der dem Kranken nahe kommt – Kurz, es ist eine tötende Schwäche, – wie sie heißt, wird dem Sterbenden einerlei sein.

DIEPHOLD.
Werde mir nicht zu beißig, Konrad.
DER FRÄNKISCHE KRIEGER.

Das mußt du mir nicht verdenken, Feldherr – Hunger macht beißig – Brot hab ich nicht mehr, – so muß ich an Worten beißen.

DIEPHOLD.

Der Kaiser hat euch Jahre lang ernährt und besoldet, dafür lernt auch ein paar Monate für ihn hungern.

DER FRÄNKISCHE KRIEGER.
Bei Gott, es ist schwerer für ihn zu hungern als für ihn zu sterben.
ALBERT.

Ja, Herr, das Sterben ist bald vorüber, aber der Hunger ist wie ein lebendiges Tier, Tag und Nacht, beim Wachen und beim Traum munter und nagend.

DIEPHOLD.
Ihr seht, ich leide Mangel wie ihr.
DER FRÄNKISCHE KRIEGER.
Das zeigt die Größe unserer Not, hilft uns aber nicht.
DIEPHOLD.
Nun, redet, tadelt, wie ihr immer wollt,
Doch handelt treu und mutig, wie ihr sollt.

Geht ab, Achmet bleibt mit verschränkten Armen stehen und hört, bisweilen darüber lächelnd, das folgende Gespräch an.
ALBERT.
Hauptmann, du fluchst ja gar nicht mehr.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Donnerwetter, ich halte den Atem an mir. Er hilft immer doch etwas den Magen zu füllen.
WOLFGANG.
Das war eine andere Zeit, Herr Hauptmann, als wir am Vesuve noch die Tränen hatten.
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Hast keine mehr, Kerl?
[212]
WOLFGANG.
Fort das letzte Tröpfchen, alles trocken –
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Element, auch nicht einmal Tränen!
DER FRÄNKISCHE KRIEGER
lachend.
Der Schmerz muß also ins Übermenschliche gehn.
ALBERT.

Hätt ich nur stets Träume wie gestern nacht, Hauptmann. Ich lag im Grünen – am Himmel zogen die Schäfchen über die Türme von Heilbronn dahin, und auf den Hügeln läuteten die Herden mit den Glocken dazu, – an allen Bäumen quollen saftige Birnen, überall funkelten Trauben, – ich aß und aß davon mit unerschöpflichem Appetit – Mir wars, als wär ich im Himmel – Da erwach ich und bei mir liegt diese halb aufgezehrte Stiefelsohle –

DER FRÄNKISCHE KRIEGER.

Stiefelsohlen liegen schwer im Magen, ich danke Gott, daß ich noch ein paar Schäfte und ein Hundsfell habe – Auf diese und auf zwei lang aufgesparte Rattenschwänze und ein gutes Glas Wasser aus dem Sumpf lade ich auf heute abend ein, Euch Herr Hauptmann und euch meine Kameraden.

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.
Donnerwetter, das wird ein Götterabend.
DER FRÄNKISCHE KRIEGER
heimlich, so daß Achmet es nicht hören kann.
Und dabei laßt uns überlegen, wie wir den Sarazenen ein Pferd stehlen – Ich habe meine Pläne –
WOLFGANG.

Vielleicht bringe ich zur Nachkost noch einen Skorpion und eine Viper mit. Ich bin den beiden Bestien lange auf der Spur, – sie sonnen sich da immer auf Gemäuer, – packe ich sie, – na!

HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Kommt, laßt uns alles auf den Abend zubereiten. – Du Albert hilfst dem Wolfgang auf den Skorpion passen und die Viper.


Er, Albert, Wolf gang und der fränkische Krieger ab.
ACHMET.
Die Leute reden wild und meine schweigen, –
Ich wollt sie machten es wie die, und sprächen.
Der stumme Schmerz ist der zernagendste.

Agib, Caleb und andere Sarazenen kommen.
Sie stürzen Achmet zu Füßen.

Was ist euch? – Hat der Hunger euch so tief
Gebeugt?
AGIB.
Nein, uns nicht, – doch unsre Rosse,
Ach, unsre Rosse! –
[213]
ACHMET.
Erst steht auf – dann weiter.

Die Sarazenen erheben sich wieder. Dann.
AGIB.
O Emir, Emir, sie verschmachten und
Verdursten! Wie verwelkte Blätter hängen
Die Ohren ihnen, und sie richten sie
Nur mühsam auf, wenn wir zu ihnen reden!
Wir sehn den Jammer und wir können doch
Nicht helfen!
ACHMET.
Caleb, du! du stehst ja wie in Geist,
Ein stummer Schatten ohne Blut –
AGIB.
Wie sollt
Er nicht? Besitzt er nicht des Erdrunds Perle,
Zulma, die schönste der arabschen Stuten?
Seit vierzehn Tagen schon hat er sein Blut
Getrunken, und das Wasser, welches ihm
Geliefert wird, für sie gespart – Der Brunnen
Gibt jetzt kein Wasser mehr, und seine Adern
Sind dürre – Herr und Roß verdursten!
ACHMET
für sich.
Hier stürmt der Odem der Verzweiflung,
Allein ich weiß ein Mittel, ihn zu schwichtgen.
Der Sarazene kennt in Not und Mangel
Weit reichre Schätze als der Herrscher Größter –
Es sind die Zaubermärchen, – wie oft in
Der Wüsten Tiefe mächtge Wunderschlösser,
Umrauscht von Silberströmen und umschattet
Von Palmenwäldern, worin goldne Vögel
Gleich Funken hüpfen, dem Auge des
Verirrten Wanderers Erquickung lügen,
Erfrischen ihn die Feensagen –

Laut.

Hört
Ein Märchen, Kinder, wie ihr wohl noch keines
Vernommen!
AGIB.
Ha, ein Märchen – Sag es!
CALEB.
Stille!
Laß ihn doch reden!

Achmet läßt sich nieder, die Sarazenen setzen sich im Kreise um ihn.
ACHMET.
Mohr und Beduine reiten
Mit flüchtgen Rossen über Libyens Sand –
[214] Der rote Himmel brennt einäugig mit
Der Sonn auf ihre Häupter, – Sterne glänzen
Und zeigen ihnen Stund und Tag, – die Schlangen
Umringeln und die Leu'n umbrüllen sie –
Die Karawanen fliehn vor ihnen her –
Sie ihnen nach, und wissen nicht,
Worauf sie reiten, welcher Abgrund
Dicht unter ihrer Rosse Hufen dämmert –
Ganz Afrika ist unterwölbt, und Sonn
Und Sterne flammen unter seinem Boden
Noch sengender als über ihm! Daher
Die rätselhaften Ungetüme, die
Fast jeden Tag dies Land gebiert!
CALEB.
Wie groß
Ist Allahs Macht!
ACHMET.
Nicht Allahs – Satanai
Ist es, der dort sein Reich gegründet hat, –
Da blühen Sterne, Sonnen, Blumen, Früchte,
Allein von Höllenfeur sind sie geschwängert,
Weh jedem, der sie sieht, der sie genießt –
Für stets ist er verloren – Unterm Meer
Bei Tunis steht Dom Daniel, die Werkstatt
Des Satanai für die ganze Erde –
Es führen Millionen goldne Stiegen
Zu ihm hinunter, aber keine führt
Den Niedersteigenden zurück – 's ist unbegreiflich,
Wie Allah es erduldet, aber es
Ist wahr!
MEHRERE SARAZENEN.
O weiter, weiter!
AGIB UND CALEB.
Still doch, still,
Und hört!
ACHMET.
In des Domes Hallen,
Die tief wie Höllen, weit wie Himmel sind,
Wo riesge Feuerberge endlos stehen,
Um sie als Fackeln zu erleuchten, feiern
Sie die Mysterien, mit welchen sie
Die Welt verpesten durch
Das Böse – In den Erdennabel senken
Sie da die Keime aller Untat, und
Wenn Heere mordend ihre Lanzen heben,
So seht ihr ihrer Aussaat Ähren wogen,
[215] Und die Blutflecken an der Waffen Spitzen
Sind die Kornblumen! Lang noch, lange
Wird dieser Zauber währen, bis am Ende
Sich der Prophet aufrichtet, und den Ring
Ergreift, an den er ist gebunden.
MEHRERE SARAZENEN.
Emir,
Wo liegt der Ring?
ANDERE.
O stille, stille!
ACHMET.
Tief in
Dem Chaos, dünn, unscheinbar, schwer umwölkt
Von Nächten, unter tausend andren Ringen,
Die ihm ganz gleich – Doch des Propheten Hand
Wird auch im Dunkel, unter all
Den Ringen ihn erkennen –
Kennt ihr Mogreby?
CALEB.
Nein.
ACHMET.
Satanai's erster Erdendiener
Ist Er. Für Satanai sucht und raubt er
Von Ceutas Felsen bis nach Sinas Mauer
Die Königskinder – Wenn ein Herrscher lächelt,
Daß ihm die schönste seiner Sultaninnen
Das schönste Kind geschenkt, und wenn um ihn
Glückwünsche und Drommeten tönen, weilt
Das Unheil in dem Kreise – Mogreby.
CALEB.
Dein Märchen tönt – Ich höre die Drommeten,
Wovon es spricht.
AGIB.
Wahr ists – Sie schallen fern
Und zauberhaft aus ihm herüber.
ACHMET.
Wie?
Drommeten?
CALEB.
Lauschet, lauschet – horcht! das sind
Nicht Klänge, wie man sie bei Königshöfen
Im Orient vernimmt! – Hört, hört! – Da schallt
Geschmetter, ernst und rauh und streng, als wollt
Es Eisen brechen – 's ist die Kriegsmusik
Von Deutschen!
AGIB.
Und Geschrei dazwischen!
CALEB.
Es
Ist nicht ein Märchen – – Ist es nicht als sprengten
Etwa 'ne Stunde fern, gewaltge Pferde,
Wie sie die Abendländer lieben, donnernd
[216] Heran?
ACHMET.
Ich hörs jetzt auch! – Auf, auf! – Und da –
Alarm bläst man in dem Belagrungsheer –
Das ist kein Traum – Der Kaiser naht und der
Entsatz!

Alle springen auf.
CALEB.
Der Kaiser hat uns nicht vergessen!
AGIB.
Wir hatten das auch nicht verdient!
DIEPHOLD
stürzt mit seinen deutschen Gewaffneten herein, Hauptmann von Schwarzeneck, Albert, der fränkische Krieger usw.
usw. darunter.
Der Kaiser!
Der Kaiser! Höret ihrs? Er naht, er rettet!
ACHMET.
Wie eine Quelle der Sahara rieseln
Die Kriegestöne uns durch Mark und Bein,
Und gleich vom Tau erfrischten Blumen richten
Wir freudig uns empor!
DIEPHOLD.
Hoch Heinrich!
ALLE ANWESENDE.
Hoch!
HAUPTMANN VON SCHWARZENECK.

Nun soll doch alle Schockschwerenot die Normannen hunderttausend Klafter tief in die Erde schlagen, daß die Stücke wieder bis an die Sterne fliegen und in ihrem Feuer gebraten zurückfallen!

DER FRÄNKISCHE KRIEGER.
Gottlob, er flucht, – nun stehen die Sachen wieder gut.
ALBERT.
Ja, er hat wieder Luft!
DIEPHOLD
zu den Sarazenen.
Ihr überfliegt mit euren Rossen Pfeile –
Wer von euch wagts, die Reihen der Normannen
Zu überfliegen, und, hin und zurück,
Dem Kaiser unsre, uns des Kaisers Botschaft
Zu bringen?
ACHMET.
Da der Caleb.
CALEB.
Ich! und stehn
Auch die Belagerer sechs Mann tief, – mit
Der Zulma schweb ich drüber weg, obgleich
Dabei ein Wurfspieß mich leicht treffen wird.
DIEPHOLD.
So meld dem Kaiser unsren Dank und Gruß,
Meld ihm, wir würden gleich 'nen Ausfall tun.
CALEB.
Her meine Diamanten, meinen Schmuck.
DIEPHOLD.
Wozu?
[217]
CALEB.
Es geht zum Tode und zum Ruhm!

Man bringt ihm seine Juwelen, einen kostbaren Schal und einen mit Perlen besetzten Turban. Er bekleidet sich mit Schal und Turban, und steckt die Juwelen an die Brust.

Feldherr, jetzt reit ich!

Ab.
DIEPHOLD.
In Ordnung jetzt
Zum Ausfall – Schwaben, Franken, in die Mitte –
Die Vorderschanze, die der Hauptmann für
So nichtsbedeutend hielt, doch eben wieder
Erobert hat mit seinem Leben, klug
Genutzt, um aus ihr unaufhaltsam, nah
Und sicher, in den Feind zu brechen, und
Ihr Sarazenen, seid dem Heer nun, was
Ihr doch seid: seid die Flügel!
ACHMET.
Kinder,
Auf eure Rosse, und bedeutet ihnen,
Dies sei der letzte, der Befreiungskampf!
AGIB.
Der Caleb schon zurück!
CALEB
tritt wieder ein, heiß und verwundet.
Vom Kaiser Gruß –
Ich sprach ihn – Gleich angreifen sollt ihr,
Er tut es auch – Von den Normannen zwei
In Eile abgeschlagne Köpfe – liegen
Im Vorhof – Zeit nicht hatt ich, mehrere
Zu nehmen – Pfeile trafen mich – die Hunde
Dachten vielleicht, ich sollte davon bluten –
Die Narren, habe lang schon nicht mehr Blut –
– Lebt wohl – die Houris winken – Sorgt für Zulma –
Sie tat mir heute einen Dienst, wie nie!

Zum Himmel blickend.

– – Willkommen, ihr Geliebten – Ha, der Tod,
Ist er so schön? – Das ist kein Grab, Ich sinke
In Mädchenarme – Der Prophet legt selbst
Sie um den Nacken mir – Der Wonne –!

Er sinkt nieder und stirbt.
ACHMET.
Brennt
Den Leichnam unter feierndem Gebet
Zu Asche, und den ungeheuren Reichtum
Der Perlen und Juwelen, die der Tote
Bei sich geführt, versenkt mit ihm ins Grab –
[218] Kein Lebender verdient, ihn zu besitzen!
DIEPHOLD.
Jetzt los mit Doppelgrimm, wie Doggen, die die Kette
Zerreißen, – der Normannen Reihn gebrochen,
Und ihre Glieder auf das Feld gesät.
Dem Kaiser halb den Weg gespart und mitten
Auf der gemeinschaftlich errungnen Walstatt
Die Schwerter rot und dampfend, Flammen gleich
Hoch lodernd, wild verzehrend, ihm gewiesen,
Und huldgend dann vor ihm gesenkt.
ACHMET.
Gesenkt nicht! jubelnd um das Haupt geschwenkt!

Alle ab unter lauter Schlachtmusik.
3. Szene
Dritte Szene
Schlachtfeld vor Rocca d'Arce. Normannische, sarazenische und deutsche Kriegsmusik.
Heerscharen der Normannen ziehen über die Bühne, flüchten aber bald darauf zurück – Tancred und Guiskard treten in den Vorgrund.

GUISKARD.
Sie widerstehn nicht mehr dem Doppelangriff,
Und fliehn von beiden Seiten. Lieb ists mir:
Wohin sie fliehen, treffen sie doch Feind
Und Tod, den Kaiser oder Diephold.
TANCRED.
Guiskard,
Wenn ich dies seh, des Normannreichs gedenke,
So ists, als ständen wir auf abgebranntem Waldgrund
Die beiden letzten Stämme. Laß uns sterben,
Und aus dem Leben rette uns der Tod!
– Gottlob, find ich ihn nicht im Schwert der Deutschen,
So trag ich ihn doch lang schon in der Brust! –
Wie ich geahnet, war Neapels Krone
Mir eine Schlange – Sie hat mir das Herz
Zerpreßt, hat giftig mich gestochen – O,
Wärst du doch auf unserer letzten Reichsversammlung
Gewesen – Welche Herrschsucht bei Matthäus,
Welch grausam tolles Wüten bei Acerra,
[219] Und welche Flauheit und Genußsucht bei
Dem Bohemund!
GUISKARD.
Nicht jammre, König, handle –
Mit Worten nicht beschwörest du das Meer.
TANCRED.
Wohl, noch einmal versucht –

Zu vorüberfliehenden Truppen.

Steht! Haltet! Auf
Den Kaiser und den Diephold ein! Wir finden
Den Sieg da wieder, wo wir ihn verloren!
Auf, folgt mir!

Die Truppen hören ihn kaum und fliehen weiter.

Ach, es ist umsonst! – Vorväter,
Wie unsre, zeugen solche Enkel??
GUISKARD.
Wie
Du siehst.
TANCRED.
So tröste mich das Eine: Jedem
Gehts wie dem andern, nichts ist ausgenommen.
Die Eiche wächst und grünt Jahrhunderte,
Und sinkt zu Staub, wie jede Blum im Grase, –
Der Mensch wird alt, die Völker auch, –
Es modern selbst die Felsen der Gebirge,
Der Himmelsveste wirds nicht besser gehn, –
Die Welt wird auch wohl einmal Greis,
Man merkts an ihrer grauen Locke, der
Milchstraße nur zu deutlich – Wehe dann,
Wenn so wie wir im Reiche der Normannen,
In ihr noch ein'ge lebenstüchtige
Geschöpfe leben, ein paar frische Blätter
Am dürren Stamm.
– Dies ist mein letztes Wort,
Und eine Kaiserin sei Botin, daß
In dir und mir noch zwei Normannen leben,
Die wert sind, daß man ihrethalb die Menge
Verschont – Constanze send ich dem Gemahl
Zurück!
GUISKARD.
Nicht doch – Wie ich den Kaiser kenne,
Wird er dafür, daß du ihm die Gemahlin losgibst,
Dir schwerlich einmal danken. Schuldigkeit
Sieht er darin. Drum halt sie fest, – ein Pfand
Ist sie für einen guten Frieden.
TANCRED.
Frieden!
[220] Was nützt er und was machen wir mit ihm,
Wenn wir nicht seiner wert sind?

Ab.
GUISKARD.
Recht
Hat er! Und dieser Krieg hat nur
Bewährt, daß wir zu schwach für Sieg sind, wie
Für Frieden! –

Deutsche Truppen kommen, Normannen verfolgend.

Da der Feind – Sein Schwert erlöst
Mich wohl!
EIN DEUTSCHER KRIEGER.
Weg mit der italiänschen Viper!

Er haut ihn mit dem Schwerte nieder.
KAISER HEINRICH
kommt mit seinem deutschen Heere.

Unter ihm viele, die als Kreuzfahrer mit dem Kreuze bezeichnet sind. Er deutet auf den eben zu Boden stürzenden Guiskard.

Schont ihn für das Schafott: zu ehrenvoll

Ist ihm der Tod durch Kriegers Schwert!

DER DEUTSCHE KRIEGER.
Zu spät,
Da liegt er schon!
KAISER HEINRICH.
Sehr schade! Er gehörte
Dem Henker – Wenn der dich verklagt, schütz ich
Dich nicht!
DIEPHOLD, ACHMET mit ihnen Deutsche und Sarazenen stürmen herein.
Heil Kaiser, Kaiser! Heil Erretter!
KAISER HEINRICH.
Schön ists, im tiefsten Meeresgrund die Perle
Zu finden, schön, den Stern zu sehn nach Wettern
Der Nacht, – aber schöner doch, dem Freunde helfend
Zu nahn, die Wärme seines Händedrucks
Zu fühlen.
Diephold, Achmet, alle, alle,
Die Hand her – Dank euch sämtlich, Deutschen
Und Sarazenen – kaum vermag ich euch
Zu unterscheiden, und ich weiß nur, brav
Habt ihr gefochten, und was mehr noch gilt,
Ihr habt auch brav geduldet.

Zu seinem Gefolge.

Speise, Trank
Herbei, erquickt die Helden! – Ihren Pferden
Schnell Hafer, Wasser zugetragen – Könnten sie
Goldkörner essen, gerne schüttet ich
[221] Sie vor – Die ganze Welt ist mir so viel
Nicht, als der Freunde Treue zu belohnen!
DIEPHOLD.
Mein Kaiser, nicht zu hoch schätz unsre Dienste.
Burg Rocca d'Arce ist sehr fest und wir
Erfüllten grade nicht die schwerste Pflicht,
Indem wir sie verteidigten so lang
Als möglich.
KAISER HEINRICH.
Fest! fest! – Dörfer, Hütten sind
So fest wie Romas Kapitol, wenn Männer
Darin sich wehren, und ein Mettenfädlein
Ist Schlosses Mauer, wenn sie Memmen schützen.
Nicht Rocca d'Arces Felsen dank ichs, daß
Ich sie behalten. – Du, mein Diephold,
Bist Rocca d'Arce, und du sollst fortan
Auch heißen, was du bist, als Lohn empfangen,
Was du gerettet. – Ich belehne dich
Mit dieser Veste, schenk dir ihren Namen,
Einst Diephold, jetzt Fürst Rocca d'Arce!
DIEPHOLD.
Und überhäufst du mich mit welschen Titeln,
Die deutsche Treue soll darunter nicht
Ersticken.
KAISER HEINRICH.
Wo mein Knabe? Ist er wohl?
DIEPHOLD.
Ganz wohl. Der Sarazen und Deutsche stritten
Sich um die Ehre, ihn zu schützen, ihn
Zu pflegen.
KAISER HEINRICH.
Danke! danke! Bringt ihn mir!

Der Prinz Friedrich wird von den Wärterinnen dem Kaiser gebracht.

Er ist es – O laßt mich ihn küssen – Ha,
Er lächelt – weiß, daß ich sein Vater bin!
Mehr wert ist mirs, als wäre ich ein Gott!
– O steige, Stern, o steige, werde einst
Das Glück der Erde und – dein eignes! – Habe
Dir auch ein Spielzeug mitgebracht, mein Kind.
Sieh, Romas Königskrone!

Mehrere Ritter bringen auf einem roten Sammetkissen die römische Königskrone. Das Kind greift darnach.
KAISER HEINRICH.
Ha, er greift darnach – er ahnt,
[222] Was sie bedeutet – Halt sie fest – Es gibt
Kein Gold der Erde, das zu höhrem Wert
Als sie geprägt kann werden.

Die Kaiserin Constanze kommt mit Gefolge.

Wie? Constanze?
CONSTANZE.
O Heinrich, mein Gemahl, mein Kaiser, laß dich grüßen!
KAISER HEINRICH.
Wie kommst du aus den Kerkern der Normannen?
CONSTANZE.
Großmütig ließ mich Tancred aus der Haft.
KAISER HEINRICH.
Großmütig nenn es nicht. Er durfte nie
In Haft dich halten, – dank es ihm der Teufel,
Daß er zu spät tat seine Pflicht.
CONSTANZE.
O, Er
Ist edel, – ist der Einzge noch, in dem
Der alte Hochsinn meines Volkes brennt –
Nicht als Gefangene, als Kaiserin
Hat er mich stets behandelt.
KAISER HEINRICH.
Scheints doch fast,
Als wärest du in ihn verliebt! – Sieh hier
Dein Kind.
CONSTANZE.
Mein Kind, mein Sohn!
KAISER HEINRICH.
Lebt Tancred?
CONSTANZE.
Ach,
Es zehrt in ihm ein heimlicher Verdruß,
Er überlebt nicht der Normannen Fall.
Von Tag zu Tage welket er dahin.
KAISER HEINRICH.
So besser, denn, wenn ich ihn lebend fände,
So könnt ich die an dir bewiesne Milde
Ihm dadurch einzig lohnen, daß ich nicht
Mit Pferden ihn zerreißen, sondern nur
Enthaupten ließe. Gegenkönig sein,
Ist schlimmer als Verbrechen. 's ist Gefahr!
CONSTANZE
für sich.
Weh mir, er ist wie sonst – O Himmel,
Wenn seine Arme mich umfassen, ists mir,
Als breiteten sich Wüsten um mich her,
Und müßt ich drin verdorren wie 'ne Blume.
KAISER HEINRICH
zu den Umstehenden.
Die Schiffe Genuas und Pisas flaggen
[223] Im Bund mit mir schon vor Neapel, vor
Palermo, – reinigen die Meere vom
Normannischen Gesindel – Ahmen wir
Zu Land den kühnen Schiffern nach! Nicht eher
Geruht, als bis das ganze Reich erobert,
Messinas Pharus wie 'ne Pfütze überschritten,
Siziliens Dreizack unser ist. Es wird
So schwer nicht halten. Außer Guiskards Heere,
Das wir soeben erst vernichtet haben,
Besitzen die Rebellen keines, und Zwiespalt
Herrscht unter ihnen selbst. Gut, Leben, alles,
Was einem Normann angehört, sei euer!
EINER DER DEUTSCHEN KREUZFAHRER
auf die mit dem Kreuze bezeichneten Krieger deutend.
Herr, uns riefst du zum Kreuzzug – wolltest uns
Bei Bari überschiffen – Nicht als Landeroberer,
Als Christi Streiter kamen wir.
KAISER HEINRICH.
Höchst richtig.
Jedoch ihr seht, die Sache steht nicht so,
Wie man in Deutschland uns erzählte.
Abtrünnig ist das Land und unterworfen
Muß es erst werden, eh wir sicher, ich
An eurer Spitze, es verlassen, um
Von da zum Heilgen Grab zu ziehn.
DER KREUZFAHRER.
Es mag
So sein, doch mit den Sarazenen laß
Uns im Verein nicht kämpfen – die doch schließ
Aus unsern Reihen.
KAISER HEINRICH.
Ei, ihr Blinden! Seht ihr
Nicht Gottes Weisheit grad darin, daß selbst
Die Heiden, wähnend, nur für ihren Wohnsitz
Zu streiten, sich mit uns vereinen, und
Dies Land erobern helfen, ohne Ahnung,
Daß wir von hier aus grade nach der Stadt
Des Herrn, die sie verachten, ziehen werden?
– – Wo ist mein Kind? – Ha da! – Mein Sohn, mein Sohn!
Was wäre mir die Welt wohl, ohne dich?
– – Rückt vorwärts, Deutsch' und Sarazenen! –

5. Akt

1. Szene
Erste Szene
Platz vor dem Dome in Palermo, Ottangelo genannt.
Kaiser Heinrich, Constanze, Diephold, Achmet und viele andere Ritter und Herren, deutsche und sarazenische Krieger, halten auf ihm zu Pferde.

KAISER HEINRICH.
Wie heiter diese Luft!
CONSTANZE
für sich.
Und wie so düster
Sein Sinn!
KAISER HEINRICH.
Der Usurpator Tancred tot,
In meiner Macht die Schurken alle, die
Ihn unterstützten – Nirgends Widerstand!
– Wie auch die Scylla, die Charybdis heulten,
Die Wächterhunde von Sizilien,
Nichts half es, kein Verteidger sprang
Hervor, mich abzuwehren. Mein
Das Reich, das täglich aus der eignen Asche
Mit immer größrer Schönheit sich erneut,
Der echte Phönix von Europa! Mein
Das Gold des Königs Richard, schwer genug,
Noch andre Stückchen Erde aufzuwiegen.
CONSTANZE.
Sei nun zufrieden.
KAISER HEINRICH.
Nimmer – Hätt ich auch
Die ganze Welt – Schaut nicht der Himmel dort,
So tief und sehnsuchtsvoll, ein blaues Auge
Der Liebe, auf uns nieder, daß die Busen
Hoch klopfen müssen, auch, zu ihm zu stürmen,
An ihm zu schlagen?
CONSTANZE.
Führt nicht Christi Religion
Den Frommen sanft und ruhig nach dem Tode
Dahin?
[225]
KAISER HEINRICH.
Mag sein – Doch besser wärs, wir hätten
Ihn schon im Leben. –
Ha, der Griechenkaiser,
Der mir auf seinem halb verfaulten Thron
Mit leeren Titeln Romas Kaiserrang
Streitig zu machen wagt, soll jetzt es büßen! –
Wie eine Zunge streckt Neapel lechzend
Ins Mittelmeer sich aus, berühret dicht
Die griechschen Küsten – Dummheit, schleckt
Es nicht den Trank und Fraß, der ihm so nahe –
– Schickt nach Byzanz, und meldet dort dem Weichling,
(Auf dessen Stirn der kaiserliche Name
So leicht gedrückt wird, wie der Hufschlag auf
Den Kot), daß bei Bari und Messina
Die Flotten Heinrichs warten, zu erfahren:
Ob er auch meinem Kreuzheer freien Durchzug
Nach Palästina, und mir selbst 'ne Steuer,
Die meiner Macht und seinem Hochmut angemessen,
Gewähren wolle?

Einige des Gefolges ab.

Sind die nötgen Stellen
Der Stadt besetzt?
DIEPHOLD.
An jeder Eck und Straße,
Wo nur der Aufruhr atmen könnte, stehn
Schon deutsche Treue, bei der Kehle ihn
Sofort zu fassen, zu ersticken.
KAISER HEINRICH
sich umschauend.
Wahrlich,
Palermo ist 'ne stolze, prächtge Stadt,
Wohl wert, mit etwas Blut sie zu erobern.
Die Straßen breit und lang, und Marmorschlösser
Daran gereiht, wie Perlen an den Faden.
Der Platz hier vor dem Dom, geräumig, groß
Nach allen Toren hin die Aussicht bietend.
– Haltet! Er ist das Herz der Stadt – es laufen
Die Gassen von ihm aus wie ein Gewebe
Von Adern –

Zu Diephold.

Fürst, besetz ihn stark! – Wir halten
Palermos Leben in der Hand, so lang
Er unser ist –

[226] Wieder sich umschauend.

Hohe Häuser, mächtge Fenster,
Der Dom beian – die beste Stelle, ein
Schafott da aufzurichten –
Schlagt es auf! –
– – Weswegen so viel Fenster und Balkone,
So viele Märkt und Straßen, und so wenig Menschen?
CONSTANZE.
Die Furcht hält die Bewohner wohl zurück.
KAISER HEINRICH.
Sie fürchten? Müssen doch wohl schuldbewußt
Und feig sein, – denn sonst pflegt die Menge
Bei jeder Staatsveränderung zu hoffen.
DIEPHOLD.
Der Graf Acerra, welchen meine Leute
Einfingen bei Neapel, und mit ihm
Den Erzbischof Matthäus, harren beide,
Daß deinen Richterspruch sie hören.
KAISER HEINRICH.
Der
Matthäus auch gefangen? Gott sei Dank,
Das ist die Spinne, welche in der Stille
Die Fäden spann, mit denen sie Neapel
Wie eine Fliege dachte zu umfangen –
– Der Tor – Er sah nur seine arme Fliege,
Und dachte nicht der starken Männerhand,
Die sich nur auszustrecken brauchte, sein
Gewebe zu zerreißen. – So die Narren,
Die sich nur selbst, ihr kleines, enges Gut
Nur sehen, und die Wetter nicht bemerken,
Die sich von außen darum türmen.
Führt
Die Buben vor!

Erzbischof Matthäus und Graf Acerra werden gefangen hereingeführt.

O welche falsche, schändliche,
Von Leidenschaft verzerrte Fratzen! Wein
Wird sauer, siehet so ein Schuft ihn an! –

Zu den Beiden.

Willkommen! Wie der Graf Aversa jüngst
Und Ophamilla vor euch standen, steht
Ihr heut vor mir – Du echter Erzbischof
Jedoch der Hölle, nicht des Himmels, – was
Sagst du dazu?
[227]
ERZBISCHOF MATTHÄUS.
Verflucht seist du, verflucht
Sei ich, verflucht die ganze Welt, und möchte
Sie untergehn mit mir und so wie ich!
KAISER HEINRICH.
Acerra,
Sagst du dasselbe?
GRAF ACERRA.
Amen, Kronendieb!
KAISER HEINRICH.
Zum Glück ist das, was unverbesserlich erscheint,
Doch auch vertilgbar! – Bischof, Priesterblut
Ist allzu heilig, daß ich es vergösse,
Und diese schöne Stadt damit befleckte –
In Feuer will ich es verklären, und
Vorm Tor, auf dem Schindanger solls verbrennen –
Hinweg mit ihm, und macht den Balg zu Asche! –
– Acerra, du liebst ja die edlen Rosse, –
So fesselt ihn lebendig an den Schweif
Des edelsten und wildesten der Hengste,
Und jaget mit ihm durch Palermos Straßen,
Daß er darin mit blutgen Zeilen schreibe,
Wie ich Rebellen strafe!
– Sarazenen,
Sprengt nebenan, und wenn sich etwa Pöbel
Wehklagend, Aufruhr drohend, sammelt, treibt
Wie Staub ihn auseinander! –
Wo der Bohemund?
DIEPHOLD.
Wie du befahlst, gefesselt und geblendet,
Liegt er auf seinem schönen Gute bei
Tarent.
KAISER HEINRICH.
Für ihn die rechte Strafe. Liegen
Auf seinen Schätzen soll der Schwelger, aber
Sie doch nicht sehen, nicht berühren dürfen.
Ein beßres Los erwarte keiner der
Normannen.
– Was ist das?
EIN DEUTSCHER HAUPTMANN
auftretend.
Lärm im Hafen!
Die Flotten Genuas und Pisas, welche
Uns dieses Land erobern halfen, rüsten
Einander gegenüber – Wurfgeschütze
Erfüllen die Verdecke – wilde Augen
Drohn neben ihnen, wie entbranntes Eisen –
[228]
KAISER HEINRICH.
Und, Freund, warum?
DER HAUPTMANN.
Die Genuesen rufen,
Du hättest ihnen, als du sie ersucht,
Mit ihren Schiffen zur Bezwingung
Neapels und Siziliens dir Hülfe
Zu leisten, alle Häfen dieser Lande
Zum ewigen Besitz versprochen, und darunter
Palermo. Aber die Pisaner schreien, nicht
Den Genuesen, den Pisanern sei's versprochen.
– Du lächelst?
KAISER HEINRICH.
Ists mir doch, als stritten beide
Um Kaisers Bart! – Palermo ist besetzt
Von meinen Truppen. Eh den Kopf mir weg
Als diese Stadt.
DER HAUPTMANN.
Doch dein Versprechen –?
KAISER HEINRICH.
Hab
Ich dumm versprochen, kann ich dadurch nur
Es bessern, daß ich so gescheut bin, um
Es schlecht zu halten!

Genueser und Pisaner stürzen in die Szene.
EIN GENUESE.
Recht, o Kaiser, Recht!
EIN PISANER.
Recht, Kaiser, Recht!
KAISER HEINRICH.
Was ist?
DER GENUESE.
Hast du Palermo
Nicht uns versprochen, wenn wir treu dir dienten,
Und waren wir für dich zu Land und See
Nicht eifrig?
DER PISANER.
Waren wir das minder?
Und hast du uns nicht diese Stadt gelobt?
KAISER HEINRICH.
Zuerst versöhnt euch, wie es Kriegsgenossen
Geziemt, – und dann mein Wort: aufrührerisch
Und wider Kriegszucht ist der Kampf, den ihr
Da führet zwischen euch.
DER PISANER.
Die Genuesen
Begannen ihn.
DER GENUESE.
Und ihr habt uns, statt redlich
Zu streiten, im Gewühle des Gefechtes nur
Beraubt.
DER PISANER.
Beraubt! – Euch war auch viel zu rauben!
[229] Hier dieser Schild und der Pechkessel – zehn
Flachsbrechen, und der Korb mit ein paar Zwiebeln
Und Galgant, ist ja alles, was wir fanden,
Als wir eur Admiralschiff stürmten.
DER GENUESE.
Diebe!
– Auf! Genua!
DER PISANER.
Auf! Pisa!
KAISER HEINRICH.
Deutsche auf
Und Sarazenen – Nieder jedermann,
Der sich zu rühren wagt mit seiner Waffe!
– Wo eure Podestas?
DER GENUESE.
Der unsre fiel
Ja im Gefechte vor Messina.
DER PISANER.
Und
Der unsre konnte, wie du weißt, nicht mit
In diesen Feldzug ziehn.
KAISER HEINRICH.
Urkunden zeigt,
Worin ich einem von euch diese Stadt
Gelobt.
DER GENUESE.
Sie liegen im Archiv zu Genua –
DER PISANER.
Zu Pisa –
KAISER HEINRICH.
Und ihr glaubt, ich könnte ohne
Die Oberhäupter eurer Städte, ohne
Selbsteigne Ansicht eurer Dokumente,
Mit euch hier unterhandeln? – Tapfer, brav
Habt ihr für mich gestritten, und eur Lohn
Sei eurer Dienste wert. Doch meinet ihr,
Ich könnte unter allen den Geschäften,
Die wie Gewölke des Aprils mein Haupt
Umfluten, auch die Kleinigkeit behalten,
Ob ich

Zu dem Pisaner.

an euch Palermo schenkte,

Zu dem Genuesen.

oder
An euch? – Denkt ihr, ich wäre Gott, allwissend?
– Die Sache soll nach Recht entschieden werden,
Sobald ihr sie der Form gemäß mir vortragt.
– So lange geht! –

Die Genueser und Pisaner ab, aus dem Dome schallen Orgelklänge.

– Ein Strom Musik
[230] Braust aus der Kathedrale auf uns ein.
Wie eine ausgerißne Blume auf
Den Wassern schaukelt sich das Herz
Auf diesen mächtgen Orgeltönen. Was
Geschah?
CONSTANZE.
Weihnachten ist. Christ ward geboren,
Und brachte der mit Schuld beladnen Welt
Vergebung von dem Vater – Engel fielen,
Wie Blütenregen aus des Waldes Dunkel,
Vom Himmel nieder, – arme Hirten sangen,
Und Kön'ge beteten zum Stern, der über
Der Krippe leuchtete zu Bethlehem –
Die Welt war glücklich, neugeboren – Ahme
Dem Heiland nach.
KAISER HEINRICH.
Gemahlin, Gott nachahmen
Ist leicht gesagt, doch schwer getan. Er, der
Allwissende, Allmächtige, kann gut
Verzeihn, – wer kann ihm schaden? Aber
Bei schwachen Menschen ist es anders, – wir
Bedürfen der Verräter, der Spione,
Der Henker und des Schwertes, uns zu schützen.
– – Heut Weihnacht! Wer vermöchte das zu ahnen,
Wenn er wie ich aus Deutschland eben kommt?
Da sieht es heute anders aus – Die Berge
Vom Laub entblößt, beschneiet, kahle Glatzen –
Eis allethalb, und an der Blumen Stelle
Nur Kerzen – Hier die Aloen entfaltet,
Weithin in grünenden Alleen, wie Kelche
Der Wonne, übergroß, selbst wenn Titanen
Draus schlürften, – dort die Berge, schwarzumblättert,
Wie lockge Negerhäupter schauend in
Die Gassen!
CONSTANZE.
Feierst du das Fest nicht?
KAISER HEINRICH.
Ja,
Ich feire es, und da es gut, wenn man
Ans Heilige das Irdsche knüpft, so soll
Zugleich mit diesem Fest gefeiert werden,
Daß ich, der wahre, der rechtmäßge Oberherr,
Neapel und Sizilien, so rasch
Und glücklich durch die Fügung Gottes wieder
Errungen habe.

[231] Eine alte Sizilianerin mit ihrem Sohne tritt auf.
DER SOHN.
Mutter, Mutter, – tu's nicht – Bleibe
Zurück – Er läßt dich töten. –
DIE ALTE SIZILIANERIN.
Mag er, mag er!
Ich muß ihn sehen, den Tyrannen, muß
Auf seiner Stirn sein Schicksal lesen, immer
Stehts auf der Stirne.
KAISER HEINRICH.
Was will die Person?
Wer ist sie?
EINER AUS DES KAISERS GEFOLGE.
Eine Zauberin, Prophetin
Val Demonis – Wenigstens gilt sie im Volk
Dafür.
KAISER HEINRICH.
Und das mit Recht. Ein häßlich Weib,
Ist eine Hexe oder nicht viel besser –
Und gelb genug sieht dieses Scheusal aus.
DIE ALTE SIZILIANERIN.
Ha, Bube, Bube, der sich Kaiser nennt,
Mit Blut dies heitre Land besudelt, wie
Ein Knab ein schönes Bild zur Unstalt macht –
Sieh dich nur um – sieh um, sieh um! – Der TOD.
Steht hinter dir, hoch wie Monte Gibello!
Nur ein paar Tage, und bist sein! – Noch blickst
Du wild und feurig, deine Wangen glühn noch,
Und deine Zähne schimmern, – Narr, der Blick,
Die Zähn und Wangen sind nur Sargbeschläge, –
Du bist ein Sarg, Mensch, und die Leiche
Liegt in dir schon!
KAISER HEINRICH.
Nach römischen Gesetzen,
Die ich als römscher Kaiser ehre, brennt
Man Hexen auf im Feuer. – Mit ihr fort
Zum Holzstoß, würdige Nachfolgerin
Bischofs Matthäi!
DIE ALTE SIZILIANERIN.
Du stirbst in zwei Tagen,
Und keiner deiner Pläne wird erfüllt.
KAISER HEINRICH.
So trifft mich denn das Los des Irdischen.
DER SOHN.
O Mutter, Mutter, Mutter! Warnte ich
Dich nicht? Wie wird der Vater jammern, wie
Die Schwester? – Kaiser, Gnade für die alte,
[232] Die arme, mitleidswerte Frau!
KAISER HEINRICH.
Sie stirbt
In dieser Stunde – Wenn sie prophezeit, muß
Ich ja zum Dank es auch tun – Und ich tue
Noch mehr, denn ich erfülle, was ich wahrgesagt.
DER SOHN.
O Gnade! Gnade!
KAISER HEINRICH.
Weg den Jungen, – sein
Geheul belästigt mich.

Die alte Sizilianerin und ihr Sohn werden fortgeführt.
CONSTANZE.
Wäre ich doch Bäurin,
Statt Kaiserin – Und doch muß ich ihm folgen,
Wie jener Sonne diese Erde, – er ist zu
Gewaltig.
KAISER HEINRICH.
– Irr ich, oder wehte da nicht Seeluft?
ACHMET.
Du irrest nicht, ich spüre sie schon lange.
Das Meertor dort weht mit entfalteten
Gewaltgen Flügeln sie bis in die Mitte
Der Stadt.
KAISER HEINRICH.
Nun in den Dom, und dann
In Ätnas Waldungen 'ne Falkenjagd.

Er will vor die Domtür sprengen, auf einmal stutzt sein Pferd, und er sieht in die Höhe, voll Erstaunen.

Was da?
ACHMET.
Das ist das Riesenhaupt des Ätna, –
Hoch aus dem Äther blickt er auf die Insel,
Umwallt von seiner ewgen Wolke Rauchs.
KAISER HEINRICH
schaut an dem Ätna hinauf.
Wie klein sind wir – Nichts Größres doch als die
Natur – Auf jenem Berge muß ich stehen,
Daß er mich trage an des Himmels Höhen!

Alle reiten vor den Dom, steigen ab, und treten, die Sarazenen ausgenommen, hinein.
2. Szene
Zweite Szene
Früher Morgen. Gehöfte eines Herdenbesitzers bei Palermo.
Der Herr und sein Knecht kommen.

DER KNECHT.
Nun haben wir einen neuen Herrscher.
[233]
DER HERR.
Ja, statt des Normannen, einen Deutschen. Treibe die Schafe aus – Sind die Ziegen schon gemelkt?
DER KNECHT.
Ja. – Der Kaiser soll sehr grausam sein, und Palermo in Blut fließen.
DER HERR.
Das Blut wird schon trocknen. Unsre Sonne ist heiß.
DER KNECHT.

Bei der heiligen Rosalia, mir ist doch nicht wohl, wenn so ein böser Mensch, wie 'ne Wetterwolke, die jede Minute losblitzen kann, über einem hängt.

DER HERR.

Du, Freund, sieh da die Trümmer des Apollotempels, – dort die Befestigungen der Karthager, – da wieder der Römer, – hier einen zerfallenen Turm der Byzantiner wider die Korsaren, – da Wälle und Linien der Sarazenen, – alles zu Stücken. Nur Eines ist geblieben: Der Hirte wechselt hier mit Hirten, der, welcher hinaustreibt, hört das Rufen dessen, der hereintreibt, und ein Mann, der nicht schliefe, könnte sich doppelten Lohns erfreuen. Die Halme beugen sich unter ihrer Schwere, wie trunken, und breitstirnige Stiere wetzen ihre Hörner im Sande, – Vater Ätna ernährt uns alle, und ob der Normann oder der Hohenstaufe Sizilien beherrscht, heute abend tanzen unsre Landmädchen doch.

DER KNECHT.
Der Kaiser ist doch zu erschrecklich.
DER HERR.
Wird sterben – Unsre Saaten wachsen immer wieder. – Treibe die Schafe aus.

Beide ab.
3. Szene
Dritte Szene
Hoch am Ätna. Morgendämmerung, die bald dem kommenden Tage weicht.
Der Kaiser Heinrich, mit Constanze, Diephold, Achmet, und Gefolge kommt. Diener mit Falken auf der Faust unter dem letzteren. Jagdmusik zwischendurch.

EINER DES GEFOLGS.
Wir stehen jetzo an dem Saume der
Bewohnten Welt – Noch ein paar Schritte, und
Das Grün der Waldung weicht dem ewgen Schnee.
[234]
KAISER HEINRICH.
Ich seh ihn durch die Blätter schimmern, hoch her, nackt
Und glänzend, wie des Lebens Höhen – Nur
Die Täler, wo im Laub der Sonnenstrahl
Sich kühlt, das Laub dagegen sich an ihm erwärmt,
Wo ruhiger als unterm Baldachin der Kaiser,
Der Käfer unter seinem Blatte sitzt,
Sind Wiegen des Glücks – Auf den Bergen hat
Man nur die Aussicht.
ACHMET.
Aber, Kaiser, was für eine
Ist diese auch? Bei dem Propheten, hier
Zu stehn und niederschaun, ist besser als
Kurzsichtgen Blicks im engen Raume, gleich
Dem Käfer zu genießen.
KAISER HEINRICH.
Laßt die Jagd
Beginnen – Her die Falken – Nichts auf Erden
Ist dem Normannen wichtger als sein Jagdbann –
Heut will ich ihm das abgewöhnen – Laßt
Die Vögel über seine Forsten steigen,
Und schießt mir ein Baron nur einen nieder,
So stürzen tausend Wetter auf ihn selbst!

Die Falken werden losgelassen und steigen auf.

Zeit ists – Denn seht, Auroras goldne Krone,
Die sie mit zarten Rosenfingern um
Die Welt gelegt, erblaßt schon vor dem Glanz
Des Helios! – O ihr gewaltgen Sonnenrosse,
Wie elend ist die Erde, wenn man euch
Milchweiß und glühend, über Himmelshöhn
Hinfliegen sieht, wie über Hügel!
CONSTANZE.
Heinrich,
Dies Reich ist doch wohl wert, daß es die Sonne
Mit solchem holden Strahl, wie jetzt, beleuchtet! –
Verzeih, nicht sag ichs, weil ichs dir zum Brautschatz
Gebracht, – ich sags nur, um dich zu erfreuen!
KAISER HEINRICH.
Nicht unrecht hast du, – wären die Bewohner
Nur besser – In Sizilien funkeln Blumen,
In Deutschland glühen Männerbrüste – Nichts
Doch edler als ein deutsches Herz. –
– 'Ne Stätte,
Wie diese, kennt die Welt wohl nicht – Hoch flammt
[235] Der Ätna, eine Fackel, über uns, beleuchtet
Das Fabelland des Mäoniden, – wie
Des Meergotts Dreizack liegt die Insel uns
Zu Füßen, alle Krümmungen der Flüsse
Verfolgt der Blick, und aus dem Dunkel der
Kastanienwälder glänzen alte Türm
Und alte Mauern! –
– Ist es doch, als lagerten
Sich alle Götter des Olympus dicht um mich:
Poseidon da, mit blaugelocktem Haupte,
Dort Arethusa, furchtsam fliehend, – hier
Im Berg die Donnerhammer der Cyclopen, –
Da Hyblas Biene, fröhlich summend
Und ungestört vom Hammerschlag –, und dort
Das Tal von Enna, voll der süßen Frucht
Der Hesperiden – Ja, Proserpina,
Ich kanns mir denken, daß du frohe Jungfrau
Zur ewig finstern Göttin bist geworden –
Wie kannst du solchen Frühlingstals vergessen,
Wenn Pluto dich daraus zum Acheron
Geraubt!
– Doch, Freunde, nun erinnert euch
Der Dichter auch, die, mit der Gottheit selbst wetteifernd,
Das Leben schmücken und die Erde – Hoch
Homer, in dessen Liede diese Insel prangt,
Hoch Ofterdingen, der das Herz zerreißt,
Damit er es erhebe!
ALLE ANWESENDE
denen auf einen Wink des Kaisers Gläser mit Syrakuser gefüllt werden, die Gläser leerend.
Hoch!
CONSTANZE
auf Heinrich blickend.
Wer dächte
Bei diesen Worten, diesen Blicken voll
Begeisterung, daß Zorn und Mord und Tod
Aus ihnen sprühen könnten?
KAISER HEINRICH.
Freundin,
Wo Feuer ist, da brennts, – bald so, bald so, –
Etwas muß es verzehren. – Sieh den Ätna, –
Er machts nicht besser, bald beglückt
Und bald zerstört er –
Ist auch Ofterdingen
Gefallen auf dem Kreuzzug meines Vaters?
[236]
DIEPHOLD.
Nein Herr, er lebt in Ungarn, um bei Klingsohr,
Dem Zaubrer, seine Kunst noch zu verbessern.
KAISER HEINRICH.
Die Dichtkunst auch, die erste Zauberin,
Bedarf noch andern Zaubers? – Nun, so gibts
Nicht einen Selgen unter dieser Sonne – Ist
Der Dichter nicht beglückt in seinen Träumen,
Wie wären wirs im Wachen?
– Wer da?
DIEPHOLD.
Gesandte von dem Griechenkaiser.
KAISER HEINRICH.
Führt
Sie vor.

Zwei griechische Gesandte treten auf.

Was bringt ihr?
ERSTER GRIECHISCHER GESANDTE.
Freundesgruß
Von unserm Herrn, Gewährung freien Durchzugs
Nach Syrien, und die verlangte Steuer.
KAISER HEINRICH
für sich.
Drei Jahre noch und alles ist vollendet –
Ihr deutschen Fürsten möget trotzen nach Belieben,
Ich zwing euch doch, die Kaiserkrone erblich
Zu machen, – dann das heilge Land erobert, – dann
Stark durch Neapel und durch Deutschland,
Geschmückt mit eines Kreuzzugs heilgem Ruhm,
Den Papst, die Lombardei zertrümmert – Dann – –
– Was für ein schmaler, dunkler Streif im Süden
Am Horizonte?
ACHMET.
Fern und dunkel, wie
Der Erdteil selbst ist, dämmern dort die Küsten
Von Afrika.
KAISER HEINRICH.
Auch dies Afrika muß mein
Einst werden, – ziehn muß ich durch die Sahara,
Und dann an Nigers Fluten mich erfrischen –
Kein Land, an welchem dort das Meer sich bricht,
Das ich mir endlich nicht erränge – O,
Ich stehe auf des Ätna Gipfeln, und
Wie der Schütz die Pfeile sendet durch die Luft,
Send ich die Kriegsschiffe durch die See!

Laut aufschreiend.

[237] Weh,
Was schlug? Wer klopft? – Das ist mein Herz nicht –
Der Tod! – Der Hund! – Mein Kind! mein Kind! – Empörung
Wird sich erheben, wild und toll wie Rosse,
Wird Deutschland, wird Neapel, stürmen
Vor dem unmündgen Herrscher – Meine Hand
Nur konnte die erst jetzt Gebändigten
Schon zügeln – Armes Weib –

Er sinkt an die Erde.
CONSTANZE.
Er stirbt! Ein Schlagfluß!
O Jammer, Jammer, Alles nun verloren!
KAISER HEINRICH.
So unerwartet, schmählich hinzusterben –
O wär ich lieber nimmermehr geboren!

Er stirbt.
CONSTANZE.
Nun nahet mir das Unheil, das Verderben!
ACHMET.
So plötzlich hingestürzt im größten Glück!
DIEPHOLD.
Das schrecklichste, das tragischste Geschick!

Alle stehen in tiefem Schmerze um den Leichnam Constanze stürzt über ihn.

Notizen
Erstdruck: Frankfurt am Main (Hermann), 1830. Uraufführung am10.12.1875, Hoftheater, Schwerin.
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Zitationsvorschlag für diese Edition
TextGrid Repository (2012). Grabbe, Christian Dietrich. Kaiser Heinrich der Sechste. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-E632-1