Miguel de Cervantes Saavedra
Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha
(El ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha)

Erster Teil

[Widmung]

[5] Dem Herzoge von Bejar, Marques

von Gibraleon, Grafen von Benalcazar,

Bañares und Alcocer, Herrn der Städte

Capilla, Curiel und Burguillos


[5]

Im Vertrauen auf die gute Aufnahme und Achtung, die Ew. Exzellenz allen Produkten der Literatur erweist, als ein Fürst, der geneigt ist, die schönen Künste zu begünstigen, vorzüglich diejenigen, die durch ihren Adel sich nicht zum Dienste und zur Gewinnsucht des Pöbels herablassen, bin ich entschlossen, den sinnreichen Edlen Don Quixote von la Mancha an das Licht treten zu lassen, unter dem Schirme von Ew. Exzellenz ruhmvollen Namen, der ich mit der Ehrfurcht, die ich Ihrer Größe schuldig bin, bitte, ihn wohlwollend in Ihren Schutz aufzunehmen, damit er unter dieser Bedeckung, wenn ihm gleich die schöne Zier der Eleganz und Gelehrsamkeit mangelt, die gewöhnlich die Werke zu bekleiden pflegt, die in den Häusern gelehrter Männer geschrieben werden, dennoch dreist vor den Richtstuhl einiger zu erscheinen wage, die, nicht in den Schranken ihrer Unwissenheit zurückgehalten, mit vieler Strenge und weniger Gerechtigkeit fremde Arbeiten zu verdammen pflegen; denn wenn Ew. Exzellenz Ihre helle Einsicht auf meine gute Absicht richten, so werden Sie, wie ich hoffe, die Geringfügigkeit eines so unbedeutenden Dienstes nicht verschmähen.

Miguel de Cervantes Saavedra

Prolog
[6]
Prolog.

Müßiger Leser! Ohne Schwur magst du mir glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind meines Geistes, wäre das schönste, lieblichste und verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich habe aber unmöglich dem Naturgesetz zuwiderhandeln können, daß jedes Wesen sein Ähnliches hervorbringt; was konnte also mein unfruchtbarer, ungebildeter Verstand anders erzeugen als die Geschichte eines dürren, welken und grillenhaften Sohnes, der mit allerhand Gedanken umgeht, die vorher noch niemand beigefallen sind, geradeso wie einer, der in einem Gefängnisse erzeugt ward, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist und jedes traurige Geräusch seine Wohnung hat? Die Stille, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel der Quellen, die Ruhe des Geistes verursachen es großenteils, daß sich auch die unfruchtbarste Muse fruchtbar zeigt und Geburten ans Licht bringt, durch welche sie Erstaunen und Freude erregt. Manchmal hat ein Vater einen häßlichen, unliebenswürdigen Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt, knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit und geistreiche Züge hält und sie seinen Freunden für Witz und Lieblichkeiten anrechnet. Ich aber, der, wenn ich auch der Vater scheine, nur der Stiefvater des Don Quixote bin, will nicht dem Strome der Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser, wie andere wohl tun, fast mit Tränen in den Augen bitten, daß du die Fehler, die du an [7] diesem Kinde wahrnimmst, vergeben und übersehen mögest; und da du ja weder sein Verwandter noch sein Freund bist und deine Seele für dich und den herrlichsten freien Willen hast, du auch in deinem Hause bist, wo du so unumschränkt herrschest wie der König in seinen Domänen, du auch das gewöhnliche Sprichwort kennst: Unter meinem Mantel trotz ich dem Könige! – welches alles dich von jeder Rücksicht und Verpflichtung freispricht –, so darfst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne Furcht, daß man dich für das Böse schelten noch für das Gute, welches du von ihr sagst, belohnen wird.

Nur wollte ich sie dir nackt und bloß überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette, Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor den Anfang der Bücher zu setzen pflegt: denn ich muß dir gestehen, daß, ob mich des Buches Ausarbeitung wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt liesest. Oft habe ich die Feder genommen, um sie zu schreiben, und sie ebensooft wieder hingeworfen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Und indem ich wieder so nachdenkend war, das Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem Tische und die Hand an der Wange, sinnend, was ich sagen solle, trat plötzlich ein witziger und verständiger Freund zu mir herein, der, als er mich so nachdenkend sah, mich um die Ursache fragte, und ohne sie ihm zu verhehlen, sagte ich ihm, daß ich auf den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don Quixote zu schreiben habe, und daß mich dies so anstrenge, daß ich ihn gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses edeln Ritters ans Licht stellen wolle. »Denn wie könnt Ihr nur verlangen, daß mich das nicht in Verwirrung setzen solle, was der alte Gesetzgeber, Publikum genannt, sagen wird, wenn er sieht, daß nach Verlauf so vieler Jahre, in denen ich im Schweigen der Vergessenheit schlafe, ich endlich, mit allen meinen Jahren belastet, mit einer Schreiberei hervortrete, die so trocken ist wie eine Binse, ohne Erfindung, dürftig im Stil, arm an Witz und gänzlich von Gelehrsamkeit und Literatur entblößt, ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen am Ende des Buchs, wie ich doch sehe, daß andre Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles, Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken, worüber sich alsdann die Leser verwundern und die Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer halten? Und vollends gar, wenn sie die Heilige Schrift zitieren! Dann hält man einen solchen für einen Sankt Thomas oder einen andern Kirchenlehrer, wobei das Decorum so geistreich beobachtet wird, daß in einer Zeile ein ausschweifender Verliebter geschildert, in der folgenden aber eine christliche Predigt gehalten wird, welches eine Freude und Ergötzung ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch weniger weiß ich, welchen Autoren ich folge, um sie, wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Alphabet zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und mit dem Xenophon und Zoilus oder Zeuxis endigen, wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten, die Herzöge, Marquesen, Grafen, Bischöfe, Damen und weltberühmte Poeten zu Verfassern haben; obgleich, wenn ich zwei oder drei geschickte Freunde darum bäte, ich wohl solche bekommen könnte, daß ihnen die von denjenigen nicht glichen, die mehr Ruf in unserem Vaterlande haben.

Kurz, mein lieber Herr und Freund«, so fuhr ich fort, »ich bin entschlossen, daß der Herr Don Quixote in den Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der Himmel den sende, der ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die ihm jetzt mangeln, denn ich bin unfähig, sie zu ergänzen, aus Mangel an Geschick und Gelehrsamkeit, auch weil ich von Natur furchtsam bin, auch zu träge, um Autoren mühsam aufzusuchen, die das sagen, was ich wahrlich ohne sie sagen kann. Daher diese Verwirrung und Spannung, [8] in welcher Ihr mich getroffen habt, und gewiß ist vollgültige Ursache dazu das, was Ihr soeben gehört habt.«

Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte: »Bei Gott, Bester, nunmehr erst verliere ich eine Täuschung, in welcher ich mich in der ganzen langen Zeit befunden habe, seitdem ich Euch kenne, daß ich Euch immer für verständig und klug in allen Euren Unternehmungen hielt; aber jetzt sehe ich, daß Ihr ebensoweit davon entfernt seid, wie es der Himmel von der Erde ist.

Wie? Ist es möglich, daß so geringfügige Dinge, die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen, einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden und zu verwirren, dem es ein kleines sein muß, durch weit größere Schwierigkeiten zu brechen? Verzeiht, dies entsteht nicht aus Mangel an Geschicklichkeit, sondern aus Überfluß an Trägheit und Ersparnis der Überlegung. Soll ich Euch den Beweis darüber führen? Nun, so hört mir aufmerksam zu, und Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel, von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt nicht Euren berühmten Don Quixote schenken wollt, das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden Ritterschaft.«

»Nun so sagt doch«, erwiderte ich, ihm aufmerksam zuhörend, »wie wollt Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?«

Worauf er antwortete: »Zuerst, woran Ihr Euch stoßt, was die Sonette, Epigramme oder Lobgedichte betrifft, die vor Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu schreiben und sie nachher zu taufen, und Namen vorsetzen, welche Ihr nur immer wollt, sie dem Priester Johann von Indien zuschieben oder dem Kaiser von Trapezunt, von denen ich weiß, daß sie als berühmte Poeten bekannt waren; und sind sie es auch nicht gewesen und kömmt irgendein Pedant oder Baccalaureus, die Euch deshalb von hinten anfallen und die Wahrheit bezweifeln wollen, so achtet dies keinen Groschen wert, denn wenn sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es geschrieben habt.

In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr auf dem Rande zitieren wollt und aus denen Ihr Sentenzen und Phrasen nehmen dürftet, welche in Eurer Geschichte vorkommen, so ist nichts weiter nötig, als daß Euch gerade recht einige Sentenzen oder lateinische Brocken kommen, die Ihr auswendig wißt oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr von Freiheit oder Sklaverei sprecht:


Non bene pro toto libertas venditur auro,


gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius, oder wer es sonst gesagt hat; sprecht Ihr von der Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde auf das:


Pallida mors aequo pulsat pede
Pauperum tabernas regumque turres.

Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich in die Heilige Schrift einbrechen, wo Ihr sogar mit der pünktlichsten Genauigkeit das Wort Gottes selbst gebrauchen könnt:


Ego autem dico vobis: diligite inimicos vestros.


[9] Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so kommt mit dem Evangelium: ›De corde exeunt cogitationes malae‹; von der Unzuverlässigkeit der Freunde, seht da den Cato, der Euch sein Distichon anbietet:


Donec eris felix, multos numerabis amicos,
Tempora si fuerint nubila solus eris,

und mit diesen lateinischen Sprüchen und ähnlichen halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches in unsern Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches ist.

Was aber die Anmerkungen am Ende des Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreiste so machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem Buche, so laßt es den Riesen Goliat sein, und bloß mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in demselben Kapitel, welches davon handelt.

Nach diesem, um Euch als ein Mann zu zeigen, der auch in den humanen Wissenschaften und der Kosmographie erfahren ist, richtet es ein, daß in Eurer Geschichte der Fluß Tajo genannt wird, und gleich ist für Euch eine neue, ausbündige Anmerkung da: Der Fluß Tajo führt seinen Namen von einem Könige von Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß er Goldsand mit sich führe, usw. ... Sprecht Ihr von Räubern, so will ich Euch die Geschichte des Cacus schenken, die ich auswendig weiß; wenn von unzüchtigen Weibern, so gibt es ja den Bischof von Mondoñedo, der Euch die Lamia, Laïs und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches Ansehen setzen wird; wenn von grausamen, so bietet Euch Ovidius die Medea an; wenn von Zauberinnen und Hexen, so hat Homerus die Kalypso und Virgilius die Circe; wenn von tapfern Feldherren, so gibt Julius Caesar sich Euch selbst in seinen ›Kommentarien‹, und Plutarch gibt Euch tausend Alexander; wenn Ihr von Liebe sprecht, so trefft Ihr, wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf den Leo Hebraeus, der Euch das Maß häuft, und wollt Ihr nicht deshalb in fremde Länder wandern, so habt Ihr ja den Fonseca ›Von der Liebe Gottes‹ zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste so viel über diese Materie finden wird, als sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts weiter zu tun, als diese Namen zu nennen oder diese Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen und Anmerkungen sorgen, denn ich schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben will.

Laßt uns jetzt auf die Zitation der Autoren kommen, die man in andern Büchern findet und die in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen, gibt es ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins von den Büchern zu nehmen, in denen sie alle von A bis Z zitiert sind; denn dieses nämliche Alphabet müßt Ihr Eurem Buche einverleiben; sieht man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht; und vielleicht ist doch einer oder der andre so einfältig, daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer einfachen, schlichten Erzählung genützt; und wenn dies auch zu weiter nichts dient, so wird jenes weitläufige Verzeichnis von Autoren wenigstens dazu dienen, dem Buche eine plötzliche Autorität zu verschaffen, um so mehr, da sich niemand die Mühe geben wird, zu untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt seid oder nicht, da dies nichts zur Sache tut; da vorzüglich, wenn ich es anders recht begreife, dieses eine Buch gar nichts von denen Dingen bedarf, die, wie Ihr sagt, ihm mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte, die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero niemals anführt; auch gehören in die Erzählung seiner [10] erdichteten Torheiten nicht die Pünktlichkeiten der Wahrheit noch die Beobachtungen der Astrologie, auch sind hier keine geometrischen Messungen von Belang noch die Widerlegung der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine Art von Mischung, mit welcher sich kein christlicher Verfasser schmücken sollte, sondern es soll nur die Nachahmung dessen erreichen, was es beschreiben will, und um so vollendeter diese ist, um so vollendeter wird das Beschriebene sein; und da diese Eure Schriftstellerei zum Hauptzwecke hat, das Ansehen zu vernichten, in dem bei der Welt und dem Haufen die Ritterbücher stehen, so habt Ihr auch nicht nötig, den Philosophen Sentenzen, dem Worte Gottes Lehren, den Poeten Fabeln, den Rhetorikern Reden und den Heiligen Wunder abzubetteln; sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich wohlklingend und anständig fortbewegen und daß Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere, daß der Ernste sie nicht verwerfe und der Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet Euer Augenmerk dahin, das schlecht gegründete Gebäude dieser Ritterbücher zu zerstören, die von so vielen gehaßt und von noch mehrern gerühmt werden; denn wenn Euch dies gelingt, so ist Euch nichts Kleines gelungen.«

Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich, was mein Freund mir sagte, und seine Gedanken waren mir so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun, freundlicher Leser, den Verstand meines Freundes siehst, mein Glück, ihn zu einer Zeit zu finden, da mir guter Rat so nötig war, und deinen Trost, so wahrhaft und ohne Umänderungen die Geschichte des berühmten Don Quixote von la Mancha zu erhalten, der, wie alle Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der keuscheste Verliebte sowie der tapferste Ritter gewesen ist, den man wohl seit vielen Jahren in jenen Gegenden gesehen hat. Ich will dir den Dienst nicht sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir, daß du mir für die Bekanntschaft seines berühmten Stallmeisters Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen wollen. Und hiemit Gott befohlen, der mich auch nicht vergessen möge.


Lebe wohl! [11]

An das Buch des Don Quixote von la Mancha.
Urganda die Unbekannte
Wünschest du dich, Buch, zu gu-
Lesern nun hinzubege-
Wird kein Schwätzer dir ausle-
Deine Absicht als Untu-
Um so mehr du aber su-
Wirst, nur zu entgehn den To-
Werden sie dich nicht verscho-
Treffen sie den Kopf des Na-
Niemals, werden sie doch ra-
Zeigen, daß sie kluggezo-
Weil nun die Erfahrung leh-
Wer den starken Baum wird su-
Find't im Schatten sichre Ru-
In Bejar will Glück dir ge-
Königsstamm zu deinem Se-
Der als Frucht Fürsten erzo-
Blühend jetzt mit dem Herzo-
Dem Alexanders Gemü-
Fleh den Schutz, stets war dem Küh-
Auch das gute Glück gewo-
Von dem edel kühn Mancha-
Kündest du die Abenteu-
Dem die Bücher ungeheu-
Hirn und Haupt verkehret ha-
Tapfre Ritter, Waffen, Da-
Haben ihn so aufgefo-
Daß wie Orlando furio-
Er in edler Liebeswei-
Sich erstritt durch Schwertesstrei-
Dulcinea von Tobo-
[12]
Unbescheidne Hierogly-
Laß nicht in das Schild dir prä-
Ist Figur schon alles, zäh-
Wenig Augen auch im Spie-
Hast du Demut dir erkie-
Wird kein Spötter dir zuru-
Daß Don Alvaro de Lu-
Daß Hannibal von Kartha-
Daß der König Franz in Spa-
Klagten das Rad der Fortu-
Da der Himmel nicht gege-
Daß du so gelehrt erschie-
Wie der Neger Juan Lati-
Drum laß die latein'schen Re-
Prahl auch nicht mit feinem We-
Spiele nicht den Philoso-
Das Gesicht wird krumm gezo-
Fragen, wer Verstand zum Le-
Bester, kommst du so mit De-
Her zum Tanze und mit Spo-?
Einfach deine Straße ge-
Sorge nicht um andrer Sa-
Wer viel schwatzt, dem geht der Bra-
Gerne stille aus dem We-
Denn mitunter trifft auf Schlä-
Wer sich spaßhaft denkt zu zei-
Den Ruhm suche zu errei-
Daß nichts Böses von dir sa-
Niemand kann, denn ew'gen Ta-
Hat, wer nur druckt Narrentei-
Nur dem Unsinn macht es Freu-
Da die Fenster doch nur glä-
Steine in die Hand zu neh-
Und sie in das Haus zu schleu-
Doch Verstand wird es bezeu-
Wenn die Werke so geschrie-
Daß Bescheidenheit sie zie-
Denn wer vollgedruckt die Bo-
Zu erfreuen junge To-
Steht als Narr nur selbst am Zie-
[13]
Amadis von Gallia an Don Quixote von la Mancha.
Sonett
Du, der du nachgeahmt mein jammernd Leben,
Dem ich mich einst, abwesend und gekränket,
Aus frohem Stand in Buße tief versenket,
Dort auf der Armut Felsen hingegeben;
Du, den die Augen bei dem bangen Streben
Mit reichlichem, doch salz'gem Naß getränket,
Dem Erd' auf Erde magre Kost geschenket,
Dich Silbers, Kupfers, Zinns zu überheben:
Leb im Vertraun, es werd auf ew'ge Zeiten,
Solang zum mind'sten in der vierten Sphäre
Der blond' Apollo mag die Rosse treiben,
Dein Name seinen Heldenruhm verbreiten,
Dein Vaterland genießen höchster Ehre,
Dein weiser Tatenschreiber einzig bleiben.
[14]
Don Belianis von Graecia an Don Quixote von la Mancha.
Sonett
Gesagt, getan, gequetscht, zermalmt, zerrissen
Ward mehr von mir als Rittern aller Zeiten;
Ich gab, gezählt zu Tapfern wie Gescheiten,
Rach' tausend, Tod zehntausend Beschwernissen;
Auf Taten ew'gen Ruhmes so beflissen
Wie auf der Liebe süße Artigkeiten,
War Zwerg für mich jedweder Ries' im Streiten,
In Punkten des Duells war groß mein Wissen;
Zu Füßen mußte sich Fortuna schmiegen,
Den Schopf des kahlen Glücks faßt' im Getümmel
Die Klugheit, die von echtem Korn und Schrote;
Doch wie auch stets mein Glück hoch mußte fliegen
Über den Mond und strahlen durch die Himmel,
Neid ich die Taten dir, großer Quixote.
[15]
Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso.
Sonett
Hätt, schöne Dulcinea, sich's gemacht
Und mochte sich's zu meinem Frieden schicken,
Mich in Tobos' statt London zu erblicken,
Es ward Mirflor zum Opfer dir gebracht!
Hätt ich mit deinem Sinn und deiner Tracht
Doch meinen Geist und Körper dürfen schmücken,
Hätt ich gesehn, den du mochtest beglücken,
Den Ritter groß, in ungeheurer Schlacht!
Hätt ich gekonnt den Amadis vermeiden,
So keusch verharren, wie es dir gelungen,
Mit deinem sitt'gern Edlen Don Quixote!
Ich wär beneidet, brauchte nicht zu neiden,
Von Freude ward ich, nicht von Schmerz durchdrungen,
Dann labte mich Genuß vom besten Schrote.
[16]
Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quixote.
Sonett
Gegrüßt sei, großer Mann, dem Heil und Glücke,
Als sie ihn in Stallmeisterdienste stellten,
Mit Sanftmut und Verstand so alles hellten,
Daß er sie überstand ohn' Schimpf und Tücke.
Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke
Nicht Ritterschaft zuwider, jetzt darf gelten
Schlichtheit des Knappen: Darum muß ich schelten
Den Stolzen, der zum Mond sucht eine Brücke;
Daß ich nicht Esel, Namen von dir habe!
Auch auf den Schnappsack ist mein Neid gerichtet,
Worin sich deine kluge Vorsicht zeiget.
Nochmals gegrüßt, o Sancho, wackrer Knabe,
Von dem der spanische Ovid gedichtet,
Der sich mit einer Kopfnuß vor dir neiget.
[17]
Der Dichter, der scherzende, an Sancho Pansa und Rozinante.
Sancho Pansa ich Stallmei-
Des Manchaners Don Quixo-
Immer bin ich fortgeflo-
Mich als klugen Mann zu zei-
Hasenpanier zu ergrei-
Ist die beste Staatsmaxi-
Feldherrn rühmt das Retiri-
Das ist Celestinens Leh-
Dieses Buchs, das himmlisch wä-
Wenn es Ird'sches mehr verschwie-

An Rozinante

Rozinant' bin ich, der ho-
Enkelsohn des Babie-
Für die Sünden, die gesche-
Dient ich einem Don Quixo-
Elend schien ich und verschro-
Doch mein Pferdesinn war kla-
Nie entging mir Stroh und Ha-
Das lernt ich von Lazari-
Der ein'n Halm wußt einzuschie-
Daß ihm Wein lief in den Schna-
[18]
Der rasende Orlando an Don Quixote von la Mancha.
Sonett
Bist auch nicht Pair, darf dir kein Gleicher nahn,
Du konntest Pair sein unter tausend Pairen,
Doch dir gleich keiner, so viel immer wären,
Den nie besiegt, stets Siegerheld sie sahn!
Orland' bin ich, Quixote, im Liebeswahn
Trieb mich Angelika zu fernen Meeren,
Opfernd dem Ruhm auf seinen Weihaltären
Die Tatkraft, die nicht tilgt Vergessens Zahn.
Dir gleich nicht kann ich sein, den Vorzug bieten
Muß jeder deinem Ruhm, den Heldentaten,
Wenn sich auch dir der Sinn wie mir verrückte;
Doch mir gleich bist du, wenn du wilde Scythen
Und stolze Mohren zähmst, daß uns verraten
Man nennt und beid' in Liebe Unbeglückte.
[19]
Der Ritter des Phoebus an Don Quixote von la Mancha.
Sonett
Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
Ihr, span'scher Phoebus, Blume aller Feinen,
Mein Arm ermißt sich nicht der Kraft des deinen,
Dem Morgenstrahl, dem Mond und Stern' erbleichen.
Ich wies ab Kaisertum, samt Königreichen,
Dem roten Orient mocht ich dies verneinen,
Zu sehn das hocherhabne Antlitz scheinen
Der Claridian', Auroras Liebeszeichen;
Sie mein, mir heller vor dem Morgenrote,
Entfernt, verschmäht bebten die Ungetüme
Der Hölle mir, so wollt mein Mut erheischen;
Doch Ihr, Quixote, verklärt ruhmreicher Gote,
Macht, daß um Dulcinee die Welt Euch rühme,
Durch Euch hat sie den Ruhm der Klugen, Keuschen.
[20]
Der Soldan an Don Quixote von la Mancha.
Sonett
Obwohl, Herr Quixote, Albertät nichtsnutzig
Euch Haupt und Hirn gar lästerlich verschoben,
Seid jedenfalls des Vorwurfs Ihr enthoben,
Als wärt Ihr Mann der Werke schlecht und schmutzig;
Sein Zeuge Eure Tathandlungen trutzig,
Der Unbill Steurung wolltet Ihr erproben,
Da prügelt Euch mit Knitteln und mit Kloben
Das Lumpenpack, das schlecht gesinnt und prutzig:
Und wenn Eur' vielsüß liebe Dulcinea
Euch auch erwiesen hat gleichsam Schimpfierung,
Gleichgültig Euer Huld'gen von sich schiebend,
So sei Tröstjammer Euch in diesem Weh da,
Daß Sancho nicht verstand Kupplerhantierung,
Er dumm war, herbe sie, Ihr nicht ernst liebend.
[21]
Gespräch zwischen Babieca und Rozinante.
Sonett
B.: Wie seid Ihr, Rozinante, schmal gemessen!
R.: Man frißt ja nichts und muß sich immer plagen.
B.: Wie steht's mit Hafer und des Strohes Lagen?
R.: Nicht einen Bissen läßt mein Herr mich essen.
B.: Ei, Freund, Ihr seid unartig und vermessen,
Mit Eselszunge nach dem Herrn zu schlagen.
R.: Er bleibt ein Esel, war's seit jungen Tagen;
Er ist verliebt, nun könnt Ihr's selbst ermessen.
B.: Ist Lieben Torheit? R.: Doch gewiß nicht weise.
B.: Ihr seid ein Philosoph. R.: Das kommt vom Fasten.
B.: Beklagt Euch denn bei unsres Ritters Knappen.
R.: Was hilft's mir, daß ich meine Not beweise,
Wenn Herr und Diener unter gleichen Lasten
In die Rapuse gehn mit ihrem Rappen?
Erstes Buch
Erstes Kapitel
[23][25]
Erstes Kapitel.

Handelt von dem Stande und der Lebensweise des ruhmvollen Edlen Don Quixote von la Mancha.


In einem Dorfe von la Mancha, dessen Namen ich mich nicht entsinnen mag, lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und freitags Linsen, sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging auf für ein Wams vom besten Tuch, Beinkleider von Samt für die Festtage, Pantoffeln derselben Art, ingleichen für ein auserlesenes ungefärbtes Tuch, womit er sich in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, der sowohl den Klepper sattelte als auch die Axt zu führen wußte. Das Alter unsers Edlen war an den Funfzigern. Er war von frischer Konstitution, mager, von dürrem Gesichte, ein großer Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada führte – denn hierin findet sich einige Verschiedenheit unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten Meldung getan –, obgleich es sich aus wahrscheinlichen Vermutungen schließen läßt, daß er sich Quixana nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung wenig Eintrag; genug, daß wir in keinem Punkte von der Wahrheit abweichen.

[25] Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die Zeit, die ihm zur Muße blieb – und dies betrug den größten Teil des Jahres –, dazu anwandte, Bücher von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung zu lesen, daß er darüber fast die Ausübung der Jagd als auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja, seine Begier und Torheit hierin ging so weit, daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter allen schienen ihm keine so trefflich als die Werke, die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat, die Klarheit seiner Prosa und den Scharfsinn seiner Perioden hielt er für Perlen, fürnehmlich wenn er auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wann er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter seinen Verstand und studierte, die Meinung zu begreifen und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem Versprechen eines unzuvollendenden Abenteuers beschließt, und oft kam ihm der Gedanke, die Feder zu ergreifen und es genau und wörtlich, wie jener versprochen, fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan, wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet – der ein gelehrter Mann war und zu Siguenza graduiert –, wer von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister Nicolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß keiner dem Ritter des Phoebus gleich sei, oder wenn sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadis von Gallia, denn dessen Art und Weise sei für alle Fälle gerecht: denn er sei kein zimpferlicher Ritter noch eine solche Tränenquelle wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit ebensogut beschlagen.

Kurz, er verstrickte sich in seinem Lesen so, daß er die Nächte damit zubrachte, weiter und weiter, und die Tage, sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam es vom wenigen Schlafen und vielen Lesen, daß sein Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen und unmögliche Tollheiten. Er bildete sich dabei fest ein, daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, wahr wären, so daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem einzigen Hiebe zwei stolze und ungeschlachte Riesen mitten durchgehauen habe. Besser vertrug er sich mit Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung des Herkules nachgeahmt, der den Antaeus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem Kastell ausfallen, rauben, was er konnte, wenn er dann sogar das Bild des Mahomed von jenseits des Meeres entführte, welches ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er hätte, um dem Verräter Galalon nach Lust Tritte geben zu können, gern seine Haushälterin und, als Zugabe, auch seine Nichte weggeschenkt.

[26] [29]Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat: nämlich es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden. Der Unglückliche stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines tapfern Arms als Kaiser von Trapezunt würde gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, die er von seinen Urgroßvätern geerbt und die, gänzlich mit Rost und Staub bedeckt, vergessen in einem Winkel lagen. Er putzte und schmückte sie, so gut er konnte; er sah aber gleich, daß ein wesentliches Stück mangelte, daß er nämlich keinen Visierhelm, sondern nur eine Pickelhaube vorfand; aber seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte aus Pappen etwas wie einen halben Helm, das, mit der Pickelhaube verbunden, den Anschein eines vollständigen Helmes gewann. Es ist wahr, daß, um zu erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines Kampfs auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andre Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß dieser der trefflichste Visierhelm sei.

Sogleich ging er, seinen Klepper zu besuchen; ob dieser nun gleich unzählige Schäden und mehr Gebrechen als das Pferd des Gonela hatte, das nur Haut und Knochen war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der Bucephalus Alexanders noch der Babieca des Cid mit ihm messen dürften. Vier Tage verstrichen, indem er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle, denn – wie er zu sich selber sagte – es sei unanständig, wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten, daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen, ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß so, wie es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein anderer Name zukommen müsse, der es ziere und sich für das neue Amt und die neue Lebensweise gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, um den besten zu erfinden, wählte er endlich die Benennung Rozinante, ein nach seinem Urteil erhabener, volltönender und bedeutungsvoller Name, bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der Welt sei.

Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß er sich Don Quixote nannte. Woher – wie gesagt wird – die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit genommen, zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfere Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt habe, so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen, und er benamte sich also Don Quixote von la Mancha. Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem er den Zunamen von ihr entlehnte.

[29] Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigner festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als eine Dame zu suchen, in die er sich verlieben könne: denn ein irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach zu sich selbst: Wenn ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem Glücke gleich hier auf irgendeinen Riesen treffe – wie dies denn gewöhnlich irrenden Rittern begegnet – und ich ihn in einem Anlaufe niederrenne oder ihn mitten durchhaue, oder kurz, ihn überwinde und bezwinge, wär es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte, sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte, vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe und mit demütiger und unterwürfiger Stimme spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, Herr der Insel Malindrania, den im Zweikampfe der niemals hinlänglich gepriesene Ritter Don Quixote von la Mancha überwand, und mir befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir schalte. – O wie erfreut war unser wackrer Ritter, als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle. Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten Dorfe ein Bauermädchen von gutem Ansehen, in die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber – wie sich versteht – nie erfahren, sie sich auch nie darum gekümmert hatte. Sie hieß Aldonza Lorenzo und schien ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken zu geben. Er suchte nun einen Namen, der dem seinigen etwas entspräche und der auch Fügung und Richtung zu einer Prinzessin und Herrscherin nähme, und er nannte sie daher Dulcinea von Toboso, denn sie war aus Toboso gebürtig: ein Name, nach seinem Urteil, musikalisch, fremdtönend und bezeichnend wie alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden hatte.

Zweites Kapitel
[30] Zweites Kapitel.

Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don Quixote aus seinem Besitztume.


Da er diese Vorkehrungen getroffen, mochte er es nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen, die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er aufheben, Mißbräuche, die er bessern, und Verschuldungen, die er vergelten müsse. Ohne also irgend jemanden seinen Vorsatz mitzuteilen und ohne daß ihn einer bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem Tage – der einer der heißesten im Julius war – mit allen Waffenstücken, bestieg den Rozinante, setzte den übel gemachten Helm auf, faßte das Schild und ergriff die Lanze und zog durch eine kleine Tür des Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher Gewalt befiel, daß er beinah sein angefangenes Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne. Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder andre Grund, gab ihm ein, daß er sich vom ersten, auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen, [31] in Nachahmung vieler andern, die ebenso verfahren, wie er in den Büchern gelesen, die ihn in diesen Zustand versetzt hatten. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte er sie, wenn er Zeit und Muße fände, so hell zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.

Indem nun unser nagelneuer Abenteurer fortritt, sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel, daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte meiner Taten an das Licht tritt, der Weise, der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem ersten so frühen Auszuge also anzuheben: Der feuerrote Apollo hatte kaum über das Angesicht der großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen die rosige Aurora mit süßer, honiglieblicher Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone des manchanischen Horizonts sich den Sterblichen zeigte, als der berühmte Ritter Don Quixote von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein berühmtes Roß Rozinante bestieg und begann, über das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten. – Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr weiter fort: O beglückte Zeit, beglücktes Menschenalter! in dem meine preisvollen Taten ans Licht treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum Gedächtnis der künftigen Zeiten malt! O du weiser Zauberer, wer du auch sein magst, dem es aufbehalten ist, die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß, ich flehe dich, den wackern Rozinante nicht, meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege und in jeglicher Bahn. – Darauf sprach er, als wäre er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulcinea! Herrin dieses gefangenen Herzens! Wie gar so schwere Trübsal habt Ihr mir auferlegt, mich verbannend und härtiglich mir sogar Kummer schaffend, daß Ihr mir anbefehlt, nicht vor Eurer Schönheit mich zu zeigen: Wohl gefalle Euch, Herrin, das Euch unterworfene Herz in Erinnerung zu fassen, das so Großes um willen Eurer Liebe leidet.

An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn, alles, wie er in seinen Büchern gefunden hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, soviel es ihm möglich war, nachzuahmen. Auf diese Weise zog er so langsam fort, und die Sonne schien so eilig und brennend hernieder, daß dies hinreichend gewesen wäre, ihm die Sinne zu verrücken, wenn er welche gehabt hätte. Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er fast verzweifelte, denn er wünschte nur Gelegenheit, um sogleich an irgendwem die Tapferkeit seines starken Armes erproben zu können.

Es sind Autoren der Meinung, daß das erste Abenteuer, das ihm begegnete, das am Passe Lapice gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen auf, aber alles, was ich hierin erforschen können und was in den Jahrbüchern von la Mancha geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinah gestorben waren.

Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein Kastell erspähen könne oder eine Schäferhütte, um sich zu erquicken und seiner großen Not abzuhelfen. Endlich erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der ihn mindestens in den Torweg, wenn auch nicht in das hohe Burgtor seiner Erlösung führte. Er eilte dort hin und erreichte sie mit dem Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von ungefähr zwei junge Mädchen, von denen, die man die gutwilligen nennt, die mit einigen Maultiertreibern, welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles, was er dachte, sah oder sich einbildete, so erschien und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und des [32] [35]Burggrabens, nebst allen übrigen Dingen, mit denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien, und da er nur noch wenig entfernt war, zog er dem Rozinante den Zügel an, in der Erwartung, daß ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich ein Ritter dem Kastelle nahe. Da er aber sah, daß man damit zögerte, Rozinante auch begierig war, sich dem Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen, die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein Schweinhirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde Schweine – die ohne Gnade diesen Namen führen – versammeln wollte, und also in ein Horn stieß, auf dessen Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich Don Quixote das vor, was er wünschte, daß nämlich ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe. Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann, auf diese Art bewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen wollten. Don Quixote aber, der ihre Furcht aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus Pappen, zeigte sein magres und bestäubtes Gesicht und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht und fürchten dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub oder Gewalttätigkeit an irgend jemanden zu verüben, geschweige denn an so hohen Jungfrauen, als welche Euer Anstand verkündiget.«

Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte, aber da sie sich Jungfern nennen hörten – etwas, das ihrem Gewerbe so fernlag –, konnten sie das Lachen nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß sich Don Quixote entrüstete und sprach: »Es geziemt Bescheidenheit den Schönen wohl, und große Torheit ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch sage dies nicht, daß es Euch anzüglich sei noch daß Ihr üblen Willens werdet, denn der meinige ist nur sofern wollend, Euch dienstbar zu sein.« Diese Sprache verstanden die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; dieser wäre noch viel weiter gediehen, wenn der Schenkwirt nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der, wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war; als dieser diese Gestalt, scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen Waffen, als der Zaum des Pferdes, die Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte, so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden, und sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe suchen, so finden Sie außer einem Bette – denn wir haben keins in der Schenke – alles übrige in großem Überflusse.« Als Don Quixote die Unterwürfigkeit des Kommandanten der Festung sah – denn dafür hielt er den Schenkwirt und die Schenke –, antwortete er: »Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn all mein Schmuck sind nur die Waffen, und mein Ausruhen ist das Streiten.« Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen hörte, jener hielte ihn für einen Gauner, die man in der Schelmensprache frische Kastilianer nennt; er aber war ein Andalusier, von denen auf dem Strande San Lucar, ein Schelm wie Cacus und ein Spottvogel wie ein Student oder Page; er antwortete daher: »So werden also Eure Gnaden Betten harte Steine und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte, hielt er Don Quixote den Steigbügel, der mit vieler Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es Don Quixote beschrieb, ja nicht einmal auf [35] die Hälfte so gut. Er führte es in den Stall und kam dann zurück, um zu sehen, was sein Gast befähle, den indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit nicht dahin bringen, die Halsberge frei zu machen und den nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen Bändern unter dem Halse festgebunden war, und von denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen vermochten. Darein aber wollte er keinesweges willigen, er blieb also den ganzen Abend in seinem Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte, daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären, und sagte daher mit vielem Anstande:


»Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süß
Als der edle Don Quixote,
Als er seine Heimat ließ.
Zarte Mädchen pflegten ihn,
Prinzessin'n sein Rösselin

oder Rozinante, denn dies, meine Gebieterinnen, ist der Name meines Pferdes, und ich heiße Don Quixote von la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben, bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote, die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll und wann die Tapferkeit meines Arms den Willen, Euch dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen, die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren, antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur, ob er nicht etwas zu essen begehre. »Jetzt etwas zu speisen wäre gut«, antwortete Don Quixote; »denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.« Es war gerade Freitag und in der ganzen Schenke nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er vielleicht beliebe, Föhrchen zu speisen, denn man könne ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quixote, der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen, denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von achten; und um so besser, da es zutreffen kann, daß es sich mit diesen Forellchen verhält wie mit dem jungen Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, so wie auch das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei, was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer und Waffenlast können nur durch Erquickung des Innern ertragen werden.« Sie setzten also den Tisch, der Frische wegen, vor die Tür der Schenke, und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot, schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm nicht ein andrer gab und hineinsteckte. Eine der Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu trinken zu reichen war unmöglich und wäre unmöglich geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr ausgehöhlt, ihm das Ende in den Mund gesteckt und durch das andere den Wein eingegossen hätte. Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder seines Helmes zerschneiden zu lassen.

Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und, indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quixote völlig darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde, daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch [36] Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells; und somit hielt er den Anfang seines Auszugs für glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er noch nicht zum Ritter geschlagen sei und er sich mithin nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe, ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.

Drittes Kapitel
[37] Drittes Kapitel.

Wird erzählt die zierliche Weise, wie Don Quixote zum Ritter geschlagen wurde.


Von diesen Gedanken also beunruhigt, ließ er seine magre und schlechte Abendmahlzeit nicht lange währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die Knie niederließ und sprach: »Niemals werde ich mich von hier aufheben, tapfrer Ritter, bis Eure Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung, ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle. Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener aber versagte, bis der Wirt ihm die Gnade bewilligte, um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit nichts anderes, mein gnädiger Herr«, antwortete Don Quixote, »ich verkünde Euch also, daß die Gabe, um die ich Euch gefleht habe und die mir Euer liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr mich früh vor Tage zum Ritter schlagen mögt und daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird dann mein höchlichster Wunsch erfüllt, damit ich, wie es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hülfsbedürftigen, wie es das Amt der Ritterschaft und der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne, und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«

Der Wirt, der, wie schon gesagt, ein wenig Schelm war und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit [38] seines Gastes haben mochte, wurde jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen, nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche und flehe, und daß dergleichen Begehren sehr natürlich und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei, als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde; er selbst habe sich in seinen Jugendjahren demselben ehrenvollen Geschäft gewidmet, sei gleichfalls verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine Abenteuer aufzusuchen, ohne die Strandbuden von Malaga, die Inseln von Riaran, den Säulengang von Sevilla, den Marktplatz von Segovia, den Spaziergang von Valenzia, den Platz von Granada, den Strand von San Lucar, das Roß von Cordoba, die Schenken von Toledo und andren Orten zu vernachlässigen, wo er die Schnelligkeit seiner Füße und die Geschicklichkeit seiner Hände geübt; dort sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt und wenige Unmündige getäuscht; kurz, er habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekannt gemacht; letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen und fremdem haushalte, alle irrenden Ritter aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und damit sie ihn ihrer Habseligkeiten teilhaftig machten, um seine löbliche Absicht zu vergelten. Er fuhr fort, daß er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, wo man die Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen, um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß man die Wache im Falle der Not an jedwedem Orte halten dürfe und daß er also in dieser Nacht das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld mit sich führe. Don Quixote antwortete, daß er keinen Heller bei sich habe, weil er in den Geschichtbüchern von fahrenden Rittern niemals gelesen, daß irgendeiner Geld mit sich geführt. Hierauf sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht, daß alle irrenden Ritter – von denen so viele Bücher angefüllt sind – auf den Fall der Not immer eine gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden wie auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden zu heilen, die sie empfangen möchten. »Denn in den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer zum Freunde hatten, der sogleich zu Hülfe eilte und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden so völlig zu genesen, als wenn man gar keine Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen, daß ihre Stallmeister mit Geld und andern Notwendigkeiten versehen gewesen, wozu besonders Scharpie und Salben zum Verbinden gehören. Wenn es aber geschah, daß diese Ritter ohne Stallmeister waren – was sich aber in der Tat nur sehr selten zu trug –, so hatten sie selber alles in sehr subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem Pferde hatten, daß es aussah, als wär es ein ander Ding von Wichtigkeit, denn wenn es nicht um dergleichen Ursach geschah, so war es unter den irrenden Rittern nicht sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen.« Der Wirt riet ihm noch einmal – da er ihn schon wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er auch binnen kurzem würde –, daß er nicht reisen solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten gedächte.

[39] Don Quixote versprach, seinen Rat auf das pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht, daß er die Waffen in einem Hofe bewachen solle, der zur Seite der Schenke lag. Don Quixote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog, der neben einem Brunnen stand, dann nahm er seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen; indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht an, völlig hereinzubrechen. Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über die seltsame Art von Narrheit und betrachteten ihn von weitem, wie er mit ruhigem Anstand einmal vorüberging, zurück schritt, sich auf die Lanze stützte und seine Augen auf die Waffen heftete, ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war völlig Nacht, aber so heller Schein des Mondes, daß dieser fast der Sonne gleichkam, von der er entlehnt war, so daß alles, was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von allen gesehen wurde.

Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu geben. Er mußte dazu notwendig Don Quixotes Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen; aber als dieser ihn nahe kommen sah, rief er mit lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger Ritter, der du dich nahst, die Waffen des allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust, berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als Strafe des Übermutes verlieren willst.« Der Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht – aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen, wenn er sich darum gekümmert hätte –, sondern nahm die Waffen herunter und warf sie eine große Strecke weit von sich. Als Don Quixote dieses erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und richtete drauf seine Gedanken, wie es schien, zu seiner Gebieterin Dulcinea und sprach: »Helft mir, Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst und Hülfe.« Indem er dies und andre dergleichen Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem er ihn so behende auf den Boden hinlegte, daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre, jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen. Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen – denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein auf dem Boden –, kam ein anderer in der nämlichen Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben. Er machte Anstalten, die Waffen herabzuwerfen, um den Trog frei zu machen. Don Quixote, ohne ein Wort zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff zum zweiten Male die Lanze, und ohne diese in Stücke zu brechen, zerbrach er den Kopf des zweiten Maultiertreibers an mehr als drei Stellen, indem er ihm vier Wunden schlug. Auf das Geschrei liefen alle aus der Schenke zusammen, und unter diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quixote sie sah, faßte er seinen Schild, ergriff seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit! Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares Abenteuer bevorsteht!« Hierdurch wurde, nach seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle Eseltreiber der Welt angegriffen hätten.

Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen sahen, fingen sie an, nach Don Quixote aus der Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte, es aber dabei nicht wagte, den Trog zu verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten, dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er närrisch sei und daß ihn seine Narrheit freisprechen würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quixote aber schrie noch lauter [40] [43]und nannte sie alle Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells aber sei ein feiger und schlecht gearteter Ritter, weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft empfangen, wolle er auch über seine Verräterei mit ihm Rücksprache nehmen. »Was aber euch übrige betrifft«, fuhr er fort, »so seid ihr gemeines Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter achte, werft, schreitet vor, kommt heran und beleidigt mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.« Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit, daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen wurden. Hierdurch und durch die Überredungen des Schenkwirts bewogen, hörten sie auf zu werfen, er aber erlaubte, die Verwundeten fortzuschaffen, und kehrte dann zur Bewachung seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit zurück, mit welcher er sie begonnen.

Dem Schenkwirte mißfielen die Possen seines Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen, ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung einiger pöbelhafter Menschen, die sie ganz ohne sein Mitwissen verübt, die auch wegen ihres Unterfangens hinreichend gestraft wären; er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß sie aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei; alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich im Nackenschlage mit der Hand und im Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne; mehr als genug habe er in der Bewachung der Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt habe. Don Quixote glaubte dies alles und antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen und daß er alles so schnell als möglich beendigen möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen ausgenommen, die er ihm nennen würde und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.

Der Kastellan, so gewarnt und erschreckt, nahm sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und die Gerste für die Eseltreiber anschrieb, und ging so und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug, und mit den beiden oben genannten Jungfrauen zu Don Quixote hin. Diesem gebot er, sich auf die Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale las – als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte –, erhub er unter dem Lesen die Hand und gab ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwerte, indem er immer zwischen den Zähnen murmelte, als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstande tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen; doch hielten die Tapferkeiten, die sie den neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihre Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete, sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch glückliche Kämpfe.« Don Quixote fragte nach ihrem Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines Arms erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie sei die Tochter eines Flickschneiders von Toledo, der in den Buden von Sanchobienaya wohnhaft sei, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen, dienen und ihn für ihren Herrn erkennen wolle. Don Quixote antwortete, daß sie aus Liebe zu ihm ein Don vor ihren Namen und sich künftig Doña Tolosa nennen solle. Sie versprach es ihm, und die andre befestigte ihm die Sporen, mit der dasselbe Gespräch wie mit der Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen, und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera. Don Quixote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen und sich Doña Müllerin zu nennen, indem er ihr Dienste und Belohnung anbot.

[43] Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien beendigt waren, konnte Don Quixote die Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen. Er lief sogleich zum Rozinante, bestieg ihn und umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf gut Glück fortziehen.

Viertes Kapitel
[44] Viertes Kapitel.

Was unserm Ritter begegnete, als er die Schenke verließ.


Mit Tagesanbruch verließ Don Quixote die Schenke so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen Erfordernisse, die er mit sich führen solle, vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also, nach Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem Stallmeister zu versorgen, wozu er einen Bauer, seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder hatte, ihm aber zum Dienste eines Stallmeisters der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.

Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rozinante nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als wenn er die Heimat witterte, mit solcher Bereitwilligkeit zu laufen anfing, daß es schien, als wenn seine Beine den Boden nicht berührten. Er war noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren läßt, indem er mir so schnell Gelegenheit vorführt, die Pflichten meines Standes zu erfüllen und die Früchte meines edeln Entschlusses einzusammeln; ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten oder einer Notgeängsteten her, die meiner Liebe und Hülfe benötigt sind.« Er lenkte zugleich den Zügel und ritt mit dem Rozinante dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien. Als er im Gebüsche nur wenige [45] Schritte gemacht hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem andern Eichbaume aber einen Jungen gebunden, der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war, ungefähr funfzehn Jahre alt sein mochte und eben derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige Streiche und begleitete jeden Streich mit einer Warnung und einem Rate, indem er sagte: »Die Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit, ich will es nicht wieder tun, ich verspreche, künftig auf das Vieh mehr achtzugeben.«

Als Don Quixote sah, was vorging, rief er mit erhabener Stimme: »Ungezogner Ritter! Schlecht geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß und ergreift Eure Lanze« – denn eine Lanze lehnte an derselben Eiche, an welche die Stute gebunden war –, »damit ich Euch zeige, daß es schändlich sei, also zu verfahren.« Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem Gesichte focht, hielt sich schon für tot und antwortete mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge, den ich abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte; aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele, er lügt es.«

»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner Bube!« rief Don Quixote aus, »bei der Sonne, die uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit dieser Lanze, wenn du ihm nicht ohne Widerspruch bezahlst, oder, bei dem Gotte, der uns schirmt und schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich binde ihn los!«

Der Bauer hing den Kopf und band, ohne ein Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte Don Quixote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei, worauf dieser antwortete: »Neun Monate und jeden Monat sieben Realen.« Don Quixote rechnete es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig Realen betrug; er befahl hierauf dem Bauer, sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß er dastehe und geschworen habe – ob er gleich gar nicht geschworen hatte –, es betrage nicht so viel, denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er unpaß gewesen. »Dem mag also sein«, antwortete Don Quixote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen, die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen, so hast du dafür dasjenige seines Körpers zerrissen; hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit abgezapft; dafür ist er dir also nichts schuldig.«

»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real auf den andern bezahlen.«

»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen Dank; nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken, denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich schinden wie einen Sankt Bartholomaeus.«

»Fürchte nichts«, antwortete Don Quixote, »genug, daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete, er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft, den er empfangen, schwören, dich freizulassen und den Lohn gewiß zu bezahlen.«

»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht«, antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein Ritter und hat auch gar keinen Orden der Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche Hans Dickbauch, der Einwohner von Quintanar.«

[46] »Das hindert wenig«, antwortete Don Quixote, »auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr, da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«

»Das ist wahr«, sagte Andres, »aber von was für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«

»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres«, antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir kommen willst, so schwör ich dir bei allen Orden der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen, wie ich gesagt habe, einen Real auf den andern und obenein lauter blankgeschliffene.«

»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht«, sagte Don Quixote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder aufsuche und züchtige und daß ich Euch wiederfinden werde, und wenn Ihr Euch auch besser als eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quixote von la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und Beschwer, und somit Gott befohlen. Vergiß nicht, was du versprochen und geschworen, bei Strafe der angekündigten Strafe.«

Mit diesen Worten gab er seinem Rozinante die Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit den Augen, und da er bemerkte, daß er das Gehölz verlassen und nicht mehr zu sehen war, wandte er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr geboten hat.« – »Ich beschwöre Euch«, sagte Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der wackre Ritter, Euch befohlen hat, der tausend Jahre leben möge und der ebenso tapfer als verständig ist, beim Sankt Rochus schwör ich Euch, bezahlt Ihr nicht, so such ich ihn wieder auf, damit er das tut, was er gesagt hat.« – »Ich schwöre dir ebenfalls«, sagte der Bauer, »daß ich für das Gute, das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres«, sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher Ungebühr und seht, wie er diese vernichten wird; ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug, denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehn, wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern Don Quixote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles, was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er ging dennoch weinend fort, und sein Herr lachte.

Also vernichtete der tapfre Don Quixote die Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg ungemein vergnügt; er glaubte, seine Ritterschaft auf die schönste und edelste Weise angetreten zu haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor allen preisen, die auf der Erde leben, o du, vor allen Schönen schönste Dulcinea von Toboso, da dir unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapfrer und überaus berühmter Ritter, wie ist und sein wird Don Quixote von la Mancha, der, wie die Welt weiß, den Ritterorden erst gestern empfangen hat und heute schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert hat, das jemals die Unvernunft ersann und die Grausamkeit ausübte. Ich schlug die Geißel aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der ganz ohne Ursach den zarten Knaben zerfleischte.«

Indem kam er auf eine Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte, und sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, an denen die irrenden Ritter stillhielten, um zu überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und nachdem er genug gesonnen, ließ er dem[47] Rozinante den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stall zu begeben. Als Don Quixote ungefähr zwei Meilen geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen, die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls beritten, und drei Burschen zu Fuß für die Maulesel. Kaum hatte sie Don Quixote entdeckt, so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. Er bestrebte sich, soviel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten, die er in seinen Büchern gelesen, nachzuahmen, und endlich traf er auf ein Ding, das ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich also mit edlem und kühnem Anstande in den Steigbügeln fest, faßte die Lanze fest, bedeckte mit dem Schilde die Brust und lagerte sich dann in der Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehen und hören konnten, erhub Don Quixote die Stimme und sprach mit kecker Gebärde: »Alle Welt sei hier angehalten, wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la Mancha ist, die unvergleichbare Dulcinea von Toboso.«

Die Kaufleute hielten still, um die Worte zu hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die sie hersagte, und aus dieser Gestalt und den Worten merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert werde, und einer von ihnen, der gern spottete und überaus witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht, zeigt sie uns, und ist sie so schön, wie Ihr behauptet, so wollen wir freiwillig und ohne allen Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns fordert.«

»Wenn ich sie euch zeigte«, antwortete Don Quixote, »was hättet ihr dann getan, eine so ausgemachte Wahrheit zu gestehen? Es ist vonnöten, daß ihr es ohne zu sehen glaubt, gesteht, behauptet, beschwört und dafür kämpft; wann nicht, so beginnt den Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach den Rittergesetzen ziemt, oder euch alle zugleich bekämpfen, wie es Sitte und übler Gebrauch unter Gesindel von eurem Gelichter ist, als wofür ich euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache vertraue, die auf meiner Seite ist.«

»Herr Ritter«, antwortete der Kaufmann, »ich flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen, welches wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil aller Kaiserinnen und Königinnen von Alcarria und Estremadura ausfallen dürfte; aber Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so groß als ein Weizenkorn; denn wenn man dem Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen und Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß wir alle schon so für sie eingenommen sind, daß, wenn man auch auf dem Bildnis sähe, daß das eine Auge schief sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein triefe, wir dessenungeachtet, um Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen wollen, was Ihr nur verlangen werdet.«

»Nichts fließt, niederträchtige Bestie«, rief Don Quixote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag ich dir, was du behauptest, außer Ambra und Zibet zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, sondern sie ist gerader als eine Spindel von Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit meiner Dame ausgestoßen habt.«

Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen den, der gesprochen hatte, ein und rannte mit solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rozinante mitten im Wege gestolpert und gefallen wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel ergangen sein möchte. Rozinante stürzte und rollte seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. Dieser gab sich Mühe aufzustehen, [48] aber er vermochte es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. Indem er sich bestrebte aufzustehen und es doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel, elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen, der nicht sonderlich aufgeräumt sein mochte, den armen Umgefallenen diese Schmähungen sagen hörte, konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort auf die Schultern zu geben. Er ging hin zu ihm, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere Stücke, und mit dem einen davon fing er an, unserm Don Quixote so viele Schläge zu geben, daß er ihn unter der Last und dem Drucke seiner Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, aber der Junge war einmal erbittert und wollte das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.

Der Junge wurde müde, und die Kaufleute setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben; aber da es ihm unmöglich war, als er gesund und wacker war, wie konnte er es jetzt, so zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für ein Unglück, das nur den irrenden Rittern eigentümlich sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben, denn er war am ganzen Körper zerschlagen.

Fünftes Kapitel
[49] Fünftes Kapitel.

Fährt fort, von dem Unfalle unsers Ritters zu erzählen.


Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern zu denken. Seine Torheit brachte ihm eine vom Balduin ins Gedächtnis und vom Marques von Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im Gebirge ließ: diese Geschichte, welche die Kinder kennen, die jungen Leute wissen, die Alten lobpreisen und außerdem glauben und die bei alledem nicht wahrhafter ist, als es die Wunderwerke Mahomeds sind. Diese also erschien ihm so, daß sie für seine Umstände, wie dazu gegossen, passe; er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke eines großen Schmerzes auf der Erde herum und sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete Ritter soll gesprochen haben:


Wo verweilst du, meine Herrin,
Daß dich jammert nicht mein Schmerz?
Wohl kennst du ihn nicht, Gebietrin,
Oder hast die Treu verscherzt.
So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:
[50]
Edler Marques du von Mantua,
Oheim mir, verwandtes Herz!

Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt anstelle. Don Quixote glaubte fest, daß dieser der Marques von Mantua, sein Oheim, sei, und antwortete also nichts weiteres, als daß er in der Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die Liebe des Kaisersohnes zu seinem Gemahl vortrug, ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer stand verwundert da, als er dergleichen Unsinn hörte; er machte das Visier los, das von den Schlägen in Stücke gegangen war, und reinigte ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und ausrief: »Ei Herr Quixada!« – dies also mußte sein Name sein, als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden Edelmanne noch nicht in einen irrenden Ritter verwandelt hatte – »Wer hat Euer Gnaden denn so zugerichtet?« Jener aber fuhr immer fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.

Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, so gut er konnte, Brust- und Rückenharnisch los, um nachzusehen, ob er verwundet sei, aber er fand weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, ihn vom Boden aufzuheben, und mit vieler Mühe brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen und band sie auf den Rozinante, den er beim Zügel faßte, seinen Esel aber an einem Stricke führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don Quixote sagen hörte. Tiefsinniger noch war Don Quixote, der sich, zerschlagen und gequetscht, kaum auf dem Lasttiere halten konnte und dann und wann einige Seufzer ausstieß, die so herzbrechend waren, daß der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, Rodrigo de Narvaez, fing und als Gefangenen nach seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten, die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo de Narvaez führte, gerade so, wie er die Geschichte in der »Diana« des Georg de Montemayor gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels werden wollte, ein solches Gewebe von Albernheiten anhören zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein Nachbar närrisch sei, und eilte behende nach dem Dorfe zu, um nur des Verdrusses loszuwerden, den ihm Don Quixote mit seiner weitläuftigen Geschichte erregte. Am Schluß derselben sagte dieser: »Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa zur Stund die süße Dulcinea von Toboso genannt wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehen, sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete hierauf: »Sehen doch nur der gnädige Herr, daß ich, bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua, sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid Ihr auch nicht Balduin oder Abindarraez, sondern der ehrenfeste Herr Quixada.« – »Ich weiß, wer ich bin«, antwortete Don Quixote, »und weiß auch, daß ich nicht nur, was ich sagte, sein kann, sondern auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch dazu alle neun Helden: denn alle ihre Taten, die sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer wartete, [51] bis es finster würde, damit man nicht den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter sehen möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, zog er in das Dorf hinein und nach Don Quixotes Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quixotes gute Freunde waren, befanden sich dort, und die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: »Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat Pedro Perez« – so hieß der Pfarrer –, »zu meines Herrn Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht die Rüstung! Ich will gleich des Todes sein, wenn es mir nicht schwant, und gewiß wird es auch ebenso richtig sein, wie wir geboren werden, um zu sterben, daß ihm seine verfluchten Ritterbücher, die er immer las, den Verstand verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und ausziehen, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«

Die Nichte sagte das nämliche und sogar noch mehr: »Wißt, Meister Nicolas« – denn so hieß der Barbier –, »daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, den Degen nahm und auf die Mauer losschlug. Wenn er dann ermüdet war, sagte er, er habe vier Riesen, so groß wie die Türme, umgebracht, der Schweiß, den er von der Anstrengung vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der weise Halsknief, ein großer Zauberer und sein Freund, gebracht habe. Ich aber habe an allem die meiste Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher dazu getan hätten, ehe er das geworden ist, was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen Bücher verbrannt – deren er so viele hat –, die es wahrhaftig ebensowohl als Ketzer verdienen.«

»Das sag ich auch«, sagte der Pfarrer, »und wahrlich! morgen soll die Sonne nicht untergehen, ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie zu lesen, und es ihm dann so ergeht, wie es meinem guten Freunde ergangen sein muß.«

Alles dieses hörten der Bauer und Don Quixote mit an, und der Bauer begriff daraus völlig die Krankheit seines Nachbars; er fing daher an mit lauter Stimme zu rufen: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen und dem Herrn Marques von Mantua, der schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez, gefangenführt.«

Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus, und wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte, wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt alle zurück; denn ich komme durch Schuld meines Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, daß sie meine Wunden heile und untersuche.«

»Nun da haben wir's ja«, sagte die Haushälterin, »mein Herz sagt es mir wohl, wo meinen Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit Gottes Hülfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, ohne daß die Urganda dazukomme. Verflucht und noch hundertmal und noch tausendmal verflucht mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so zugerichtet haben.«

Sie brachten ihn sogleich zu Bette, um seine Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit seinem Rosse Rozinante einen schweren Fall getan, in Bekämpfung von zehn Waldbauern, den ungeheuersten und wildesten, die man wohl auf einem großen [52] Teile der Erde finden könne. »Haha!« sagte der Pfarrer, »müssen die Waldbauern an den Tanz? Nun, bei meiner armen Seele, morgen vor Abend sollt ihr alle verbrannt sein.«

Sie taten tausend Fragen an Don Quixote, aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, welches ihm das nötigste sei. Dies geschah auch, und der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, auf was Art er Don Quixote gefunden habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen habe, welches den Lizentiaten in seinem Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich seinen Freund, Meister Nicolas, den Barbier, abrief, mit dem er sich nach der Wohnung Don Quixotes begab.

Sechstes Kapitel
[53] Sechstes Kapitel.

Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und Barbier im Büchersaale unsers scharfsinnigen Edlen hielten.


Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer geben ließ, in welchem sich die Bücher befanden, die den Schaden angerichtet hatten, und sie gab sie mit Freuden. Alle gingen hinein, auch die Haushälterin mit ihnen. Im Zimmer standen mehr als hundert Bände im großen Format, alle gut eingebunden, und andere, die kleiner waren. Sowie die Haushälterin sie erblickte, ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich mit einer Schale Weihwasser und einer Rute zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat, besprengt die Stube, kein einziger von den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, soll hierbleiben und uns bezaubern, zur Strafe, weil wir ihnen jetzt zu nahe tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«

Die Einfalt der Haushälterin brachte den Lizentiaten zum Lachen, und er befahl dem Barbier, daß er ihm von jenen Büchern eins nach dem andern reichen solle, um sie anzusehen, weil sich vielleicht einige finden möchten, die die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein«, sagte die Nichte, »es muß keins davon verschont werden, denn alle haben das Unglück angerichtet; es wäre am besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen, sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer dran zu legen; oder man könnte sie auch in den Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten, weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich fiele.«

[54] Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen; aber der Pfarrer wollte ihnen nicht nachgeben, ohne wenigstens vorher die Titel zu lesen.

Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte, warenDie vier Bücher des Amadis von Gallia. Der Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das in Spanien gedruckt wurde, und daß alle übrigen ihm ihren Ursprung und ihr Entstehen zu danken haben, darum muß man es auch als den Stifter einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne Gnade zum Feuer verdammen!«

»Nein, mein Herr«, sagte der Barbier, »denn man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste von allen in dieser Gattung sei, und darum könnte man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«

»Das ist wahr«, sagte der Pfarrer, »und aus diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt. Wir wollen das andre sehen, das daneben steht.«

»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt Die Großtaten des Esplandian, rechtmäßigen Sohns des Amadis von Gallia.«

»Nun wahrlich«, sagte der Pfarrer, »die Tugend des Vaters darf dem Sohne nicht zugute kommen; nehmt, Frau Haushälterin, macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«

Die Haushälterin tat dies mit vielen Freuden, und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter, wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer Geduld erwartete.

»Weiter!« sagte der Pfarrer. »Der nun kömmt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von Graecia, und alle auf dieser Reihe sind, wie ich glaube, von derselben Familie des Amadis.«

»So können sie alle in den Hof reisen«, sagte der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra verbrennen zu können und den Schäfer Darinel, samt seinen Eklogen, mit den verteufelten und verruchten Reden des Verfassers, würd ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben, wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters ertappen ließe.«

»Der Meinung bin ich auch«, sagte der Barbier. »Ich ebenfalls«, rief die Nichte. »Wenn es so ist«, sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in den Hof hinunter!« Sie gaben sie ihr – und es waren viele –, und da ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie alle aus dem Fenster in den Hof hinab.

»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der Pfarrer fort. »Dieser«, antwortete der Barbier, »ist Don Olivante de Laura.« – »Der Verfasser dieses Buches«, sprach der Pfarrer, »ist derselbe, der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von beiden Büchern er wahrhaftiger, oder um mich richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und Anmaßung in den Hof wandern soll.«

»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der Florismarte von Hircania.« – »Ei, also der Herr Florismarte ist hier?« versetzte der Pfarrer, »nun wahrlich, er muß eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren Geburt und seinen schimärischen Abenteuern, zu nichts anderm ist auch sein harter und trockner Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den andern, Frau Haushälterin.«

»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie, und sehr behende richtete sie aus, was ihr war aufgetragen worden. »Dies ist Der Ritter Platir«, sagte der Barbier. »Dies ist ein altes Buch«, sagte der Pfarrer, »und ich finde keine Ursache in ihm, aus welcher es Gnade verdiente; also bringt es, ohne was zu erwidern, zu den übrigen.« Es geschah sogleich.

Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden den Titel: Der Ritter des Kreuzes. »Wegen des heiligen Namens, den dieses Buch führt, könnte man ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man pflegt auch zu sagen, hinter dem Kreuze steckt der Teufel: Fort mit ihm in das Feuer.«

[55] Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte: »Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« – »Ich kenne ihre Herrlichkeit wohl«, sagte der Pfarrer; »da findet sich der Herr Reinald von Montalban mit seinen Freunden und Spießgesellen, größeren Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin; eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige Landesverweisung, zum mindesten deshalb, weil sie zum Teil eine Erfindung des berühmten Mateo Boyardo sind, aus dem auch der christliche Poet Lodovico Ariosto sein Gewebe anknüpfte. Wenn ich diesen antreffe und er redet nicht seine Landessprache, so werde ich nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm alle Hochschätzung.« – »Ich habe ihn Italienisch«, sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« – »Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet«, antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern dem Herrn Kapitän erlassen, ihn nach Spanien zu schleppen und ihn zum Kastilianer zu machen; er hat ihm dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit genommen, und eben das wird allen begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen wollen, denn bei allem Fleiße und aller Geschicklichkeit, die sie anwenden und besitzen, wird der Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen können. Ich meine also, daß man dieses Buch und alle, die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden sollten, in einen trocknen Brunnen legen müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen anfangen könne, wobei ich aber einen gewissen Bernardo del Carpio, der sich umtreibt, und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt, ausnehme, denn wenn mir diese in die Hände fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben, die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem Feuer überliefern soll.«

Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze Welt nicht gegen sein Gewissen sprechen würde. Er machte ein anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das Palmerin von England hieß. Als diese der Lizentiat erblickte, sagte er: »Dieser muß sogleich in Stücke zerschlagen und so völlig verbrannt werden, daß auch nichts von der Asche übrigbleibt, aber die ›Palme von England‹ bewahre man gut und hebe dies als ein einziges Werk auf; man verfertige dazu eine ähnliche Schachtel, wie Alexander eine unter der Beute des Darius fand, die er brauchte, um die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren. Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen hoch zu achten, erstlich, weil es an sich gut ist, zweitens, weil es von einem geistreichen Könige von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar, zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstand das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten. Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas, wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und der ›Amadis von Gallia‹ vom Feuer befreit sein, alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen sollen.«

»Nein, Herr Gevatter«, sagte der Barbier, »denn hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«

»Was diesen betrifft«, antwortete der Pfarrer, »so wäre dem zweiten, dritten und vierten Teile etwas Rhabarber vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen, dann müßte man alles wegstreichen, was sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst andern noch größeren Narrheiten, dann möchte man ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen und, wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade gegen ihn aus üben; nehmt ihn indessen mit nach Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.«

»Sehr gern«, antwortete der Barbier, und ohne sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen, befahl er der Haushälterin, alle die großen zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuwerfen. Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam begriff, denn sie hatte mehr Freude daran, sie alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes und feines Stück Leinen geschenkt hätte, sie nahm also [56] [59]wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt, fiel eins davon dem Barbier auf die Füße nieder, der es schnell aufhob, um den Titel zu sehen, der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter Tirante dem Weißen.

»Um des Himmels Willen!« sagte der Pfarrer, indem er die Stimme heftig erhob, »so ist ›Tirante der Weiße‹ da! Gebt ihn mir, Gevatter, denn ich bin der Meinung, daß ich in ihm einen Schatz von Spaß und eine Fundgrube von Zeitvertreib entdeckt habe. Hier findet sich Don Kyrieeleison von Montalban, samt seinem Bruder Thomas von Montalban und dem Ritter Janseca, ingleichen der Zweikampf, den der tapfere Tirante mit einem Hunde hielt, die Scharfsinnigkeiten der Jungfrau Lebensfreude mit den Liebeshändeln und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine Frau Kaiserin, die in ihren Stallmeister Hipolito verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß, in Ansehung des Stils, dies das beste Buch von der Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen. Bei alledem aber sage ich auch, daß, der es schrieb, verdient hätte, wenn er auch nicht die vielen Dummheiten so mühsam erfand, für Lebenszeit auf die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause und leset es, und Ihr werdet finden, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

»Ich will es tun«, antwortete der Barbier, »aber was machen wir mit den übrigen kleinen Büchern, die noch übrig sind?«

»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher, sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf, welches Die Diana des Georg de Montemayor war, und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke hielt: »Diese verdienen nicht wie jene verbrannt zu werden, denn sie stiften und werden niemals solch Unheil stiften, als die Ritterbücher gestiftet haben, diese Bücher sind für die Unterhaltung, ohne daß sie irgendwem Nachteil bringen.«

»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr könnt sie immer ebensogut wie die andern verbrennen lassen, denn wenn der Herr Oheim von der Krankheit der Ritterschaft geheilt ist und er lieset diese, so kann es ihm wohl einfallen, sich zum Schäfer zu machen und singend und musizierend durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«

»Die Jungfer hat recht«, sagte der Pfarrer, »wir sollten also unserem Freunde lieber auch diesen Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir wollen also mit der ›Diana‹ des Montemayor den Anfang machen. Ich glaube, sie muß nicht verbrannt werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden, was von der weisen Felicia und dem bezauberten Wasser handelt, ebenso alle jambischen, zwölffüßigen Verse, und dem Werke bleibe dann immerhin die Prose und Ehre, unter solchen Büchern das erste zu sein.«

»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist Die Diana, die man Die zweite vom Salamantiner nennt, und hier ist noch ein anderes Buch mit demselben Titel, vom Gil Polo verfaßt.«

»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer, »mag jene zum Hofe Verdammten begleiten und die Zahl der Verurteilten vermehren, die aber vom Gil Polo müssen wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn es wird schon spät.«

»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio Lofraso, einem sardinischen Poeten.«

»Bei meinem heiligen Amte«, sagte der Pfarrer, »seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und Poeten Poeten, ist kein so lustiges und tolles Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste, ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung jemals an das Licht der Welt getreten sind, und wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß er noch nichts recht Erfreuliches gelesen hat. Gebt es gleich her, [59] Gevatter, dieser Fund ist mir mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid von florentinischem Halbtuche geschenkt hätte.«

Er legte es mit der größten Freude beiseite, und der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt Der Schäfer von Iberia, Die Nymphen von Henares undDie Entwirrung der Eifersucht.«

»Bei diesen ist weiter nichts zu beobachten«, sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen Arme der Haushälterin überliefere, und zwar ohne mich zu fragen warum, weil wir sonst niemals fertig würden.«

»Der nun folgt, ist Der Schäfer der Filida.«

»Dieser ist kein Schäfer«, sagte der Pfarrer, »sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn wie ein kostbares Kleinod.«

»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier, »heißtSchatz mannigfaltiger Gedichte.«

»Wären es nicht so viele«, sagte der Pfarrer, »so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden, die sich unter seinen Schönheiten befinden; hebt es auf, weil der Autor mein Freund ist, und aus Rücksicht andrer mehr heroischen und wichtigen Werke, die er geschrieben hat.«

»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte des Lopez Maldonado.«

»Auch der Verfasser dieses Buchs«, antwortete der Pfarrer, »ist mir sehr befreundet, und in seinem Munde entzücken seine Verse jeden, der sie hört, denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals zu viel; bewahrt dies Buch mit den auserwählten. Was steht denn aber daneben?«

»Die Galatea des Miguel de Cervantes«, antwortete der Barbier.

»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein guter Freund, und ich weiß, daß er geübter in Leiden als in Reimen ist. In seinem Buche ist manches gut erfunden, manches wird vorbereitet und nichts zu Ende geführt. Man muß den versprochenen zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient er sich durch diesen die Gnade für das Ganze, die man ihm jetzt noch verweigern muß; bis dahin, Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«

»Das will ich«, antwortete der Barbier, »und nun folgen hier drei in eins gebundene, Die Araucana des Don Alonzo di Ercilla, Die Austriada des Juan Rufo, Juraden von Kordova, und Der Monserrate des Cristoval de Virues, des valenzischen Poeten.«

»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien besitzt.«

Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen, er verlangte also, daß alle übrigen in Bausch und Bogen verbrannt werden sollten. Der Barbier aber hielt schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte: Die Tränen der Angelika.

»Ich hätte selbst Tränen vergossen«, sagte der Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich übersetzt hat.«

Siebentes Kapitel
[60] [63]Siebentes Kapitel.

Von dem zweiten Auszuge unsers wackern Ritters Don Quixote von la Mancha.


In diesem Augenblicke fing Don Quixote an mit lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! Ihr tapfern Ritter! Wohlauf! Es ist vonnöten, die Stärke Eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!« Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher ab; und so ist es wahrscheinlich, daß Die Carolea und Der Löwe von Spanien wie auch Die Taten des Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl hätten verschont bleiben können und die auch vielleicht, wenn der Pfarrer sie nur gesehen hätte, keinem so harten Urteilsspruch unterlegen wären.

Als sie zu Don Quixote kamen, war er schon aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt auf sein Bett; als er darauf ein wenig beruhigt war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: »Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt werden, so mir nichts, dir nichts den Hofrittern den Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage gewonnen haben.« – »Beruhigt Euch, Herr Gevatter«, antwortete der Pfarrer, »Gott wird es fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfahrt Sorge, [63] denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.« – »Verwundet nicht«, sagte Don Quixote, »aber gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem Stamme einer alten Eiche zerprügelt, und bloß aus Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger Nebenbuhle in der Tapferkeit bin; aber ich will nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, denn dieser bedarf ich am meisten, und nachher will ich schon auf Rache denken.«

Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen ihn dann dem Schlafe zum zweiten Male, indem alle seine Torheit bewunderten. In dieser Nacht verbrannte und vertilgte die Haushälterin alle Bücher, die sie im Hofe und Hause antraf, und so sind wohl manche um gekommen, die verdient hätten, in ewigen Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen nicht, und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen müssen.

Eins von den Mitteln, das der Pfarrer und der Barbier gegen die Krankheit ihres Freundes ersonnen, war, das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit ins Werk gesetzt. Nach zweien Tagen erhob sich Don Quixote, und sein erster Gang war, nach seinen Büchern zu sehen, und da er das Zimmer nicht da fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die Tür gewesen war, und tastete mit den Händen und blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die Haushälterin, die schon auf ihre Antwort abgerichtet war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht Ihr denn irgendda, gnädiger Herr? Wir haben im Hause weder das Zimmer noch die Bücher mehr, denn alles hat der leibhafte Teufel geholt.«

»Nicht der Teufel«, sagte die Nichte, »sondern ein Zauberer, der auf einer Wolke in einer Nacht kam, nachdem Euer Gnaden tags vorher abgereist waren; er stieg von einer Schlange ab, auf der er ritt, ging in das Zimmer, und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und als wir zusehen wollten, was er gemacht hatte, fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, daß im Augenblicke, als der alte widrige Kerl fortfliegen wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte sich den weisen Muñaton.«

»Freston wird er gesagt haben«, sprach Don Quixote.

»Ich weiß nicht«, antwortete die Haushälterin, »ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name endigte sich auf ton.« – »Dieser«, antwortete Don Quixote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer Feind, denn er trägt es mir nach, weil er durch seine Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit einem Ritter bestehen werde, den er begünstigt, und ich soll diesen überwinden, ohne daß er es zu hindern vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele Unart, als er nur kann. Aber ich verkündige ihm, daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«

»Das ist gewißlich wahr«, sagte die Nichte, »aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, ruhig zu Hause zu bleiben als in der Welt herumzuziehen, [64] [67]um Zucker zum Honig zu suchen? gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher nach Wolle geht und geschoren nach Hause kömmt.«

»O du meine Nichte!« rief Don Quixote aus, »ei! wie so sehr schlecht bist du beraten! Bevor mich einer scheren sollte, müßte der eher so Haut als Bart dranstecken, der sich nur unterfinge, ein einziges meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. So geschah es denn, daß er sich noch vierzehn Tage ganz ruhig zu Hause verhielt, ohne anzudeuten, daß er seine erste Tollheit zum zweitenmal wiederholen würde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, daß das, was der Welt am meisten vonnöten, irrende Ritter wären und daß in ihm die irrende Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach ihm einmal, ein andermal gab er ihm recht, denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, konnte er nicht mit ihm fertig werden.

In dieser Zeit handelte Don Quixote mit einem Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden Manne – wenn man nämlich den so nennen kann, der gar kein Geld hat –, der aber nicht sonderlichen Witz im Kopfe hatte. Kurz, diesem schwatzte er so viel vor, redete ihm so zu und versprach ihm so viel, daß der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehen und ihm als sein Stallmeister zu dienen. Unter andern Dingen sagte ihm Don Quixote, daß es für ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehen, denn es könnte ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, in dem er, wie man die Hand umkehrt, irgendeine Insula gewönne, über die er ihn zum Statthalter setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen verließ Sancho Pansa – so hieß der Bauer – Frau und Kinder und ward der Stallmeister seines Nachbars. Don Quixote sorgte ferner dafür, Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete ein andres, alles aber unter dem Preise, und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. Er versah sich auch mit einem Schilde, den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte seinem Stallmeister Sancho Tag und Stunde, wann er sich auf den Weg machen wolle, damit dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu vergessen und daß er selbst einen Esel mitnehmen wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem Esel verschnupfte Don Quixote ein wenig, denn er überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters entsinnen könne, der seinen Stallmeister eselweise beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger kam ihm in die Gedanken; doch bewilligte er dessenungeachtet, ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte sich auch mit Hemden und andern Dingen, dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und Kindern oder Don Quixote von Haushälterin und Nichte Abschied genommen, aus dem Dorfe aus, wobei sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt zu werden, wenn man sie auch aufsuchen sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, indem er sich schon in seinen Gedanken als den Statthalter der Insula sah, die ihm sein Herr versprochen hatte.

Don Quixote war bemüht, dieselben Wege wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten Reise genommen hatte, und diese gingen über das Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal, denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter, wohl zu, daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen der Insula versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern, und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte Don Quixote: »Du mußt [67] verstehen, Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte der alten irrenden Ritter war, ihre Stallmeister zu Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen soll; lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie, bis ihre Stallmeister alt waren, schon müde im Dienst und der bösen Tage und der noch bösern Nächte überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich leben bleibe, so kann es wohl geschehen, daß ich innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andere, daran hängende in sich begreift, und es mag dann zutreffen, daß du in dem einen von diesen als König gekrönt wirst; dieses ist auch nichts Sonderliches, denn nach dem, was und wie alles den irrenden Rittern begegnet, das man weder je gesehen noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«

»Auf die Art«, antwortete Sancho Pansa, »wenn ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder Infanten?«

»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don Quixote.

»Ich zweifle daran«, sagte Sancho Pansa, »denn wie es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf die Erde herunterregnen ließe, so paßte doch keins davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin, Gräfin mag eher gehen, und auch das nur mit Gottes Beistand.«

»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho«, antwortete Don Quixote, »der wird dir geben, was dir am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht so sehr, daß du dich mit etwas Geringerm als der Stelle eines Gouverneurs zufriedenstelltest.«

»Das soll nicht geschehen, mein gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich ist.«

Achtes Kapitel
[68] Achtes Kapitel.

Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quixote in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der Aufbewahrung würdig.


Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, die auf jenem Felde stehen, und sowie sie Don Quixote erblickte, sagte er zu seinem Stallmeister: »Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, diese Brut vom Angesichte der Erde zu vertilgen.«

»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.

»Die du dorten siehst«, antwortete sein Herr, »mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei Meilen lang sind.«

»Seht doch hin, gnädiger Herr«, sagte Sancho, »daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen sind, und was Ihr für die Arme haltet, sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch der Mühlstein in Gang gebracht wird.«

»Es scheint wohl«, antwortete Don Quixote, »daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so gehe von hier und ergib dich indessen dem Gebete, indem ich die schreckliche und ungleiche Schlacht mit ihnen beginne.«

[69] Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rozinante die Sporen, ohne auf die Stimme seines Stallmeisters Sancho zu achten, der ihm noch immer nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte noch etwas anders sah, ob er ihnen gleich schon ganz nahe gekommen war, vielmehr rief er jetzt mit lauter Stimme: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen und niederträchtigen Kreaturen! Ein einziger Ritter ist es, der euch die Stirn beut!« Indem erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel in Bewegung setzte; als Don Quixote dies gewahr ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme aus, als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch bezahlen!« Und indem er dies sagte und sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulcinea empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, die Lanze im Haken eingelegt, sprengte er mit dem Rozinante im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.

Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit seines Esels herbei, und als er hinzukam, fand er, daß Don Quixote sich nicht rühren konnte, so gewaltig war der Sturz, den Rozinante getan hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehen möchtet, was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären, die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber welche im Kopfe hat!« – »Gib dich zur Ruhe, Freund Sancho«, antwortete Don Quixote, »das ist Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr, da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich, endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«

»Gott mag es so fügen«, antwortete Sancho Pansa, indem er sich bemühte, ihn aufzurichten; worauf er ihn auf den Rozinante setzte, der halb buglahm war, und so verfolgten sie, indem sie sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten, den Weg nach dem Passe Lapice. Dort, meinte Don Quixote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer geben, weil hier so viele Menschen durchreiseten; über den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und indem er darüber mit seinem Stallmeister sprach, sagte er: »Ich erinnere mich gelesen zu haben, daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang, er einen gewaltigen Zweig oder Ast von einer Eiche riß und mit diesem am selbigen Tage solche Taten verrichtet und so viele Mohren zerschlug, daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm, von welcher Begebenheit sich auch späterhin seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten. Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke, der gerade so gewaltig ist wie jener und mit welchem ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben können.«

»Das gebe Gott«, sagte Sancho, »ich glaube auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mir dünkt, Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein Malzeichen von dem Falle.«

»Es ist wahr«, antwortete Don Quixote, »und wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist, über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst die Eingeweide hindurchkämen.«

»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen sagen«, antwortete Sancho, »aber das weiß Gott, daß[70] [73] Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet, falls es Euch irgendwo weh tut; von mir kann ich versichern, daß ich mich über den allerkleinsten Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie nicht klagen dürfen.«

Don Quixote mußte über die Einfalt seines Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe, denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho sagte, daß er bedenken möge, wie es Zeit sei, zu essen. Sein Herr erwiderte, daß er es bis jetzt noch nicht bedürfe, daß er aber essen könne, wann er wolle. Mit dieser Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so bequem ein, als er nur konnte; er nahm aus dem Schnappsacke, was er hineingepackt hatte, und so folgte er reitend und essend seinem Herrn sehr gemächlich, indem er von Zeit zu Zeit den Schlauch mit so vielem Behagen an den Mund setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog und die Schlückchen immer schneller wiederholte, gedachte er keines Versprechens mehr, das ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung, herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen, wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.

Sie mußten endlich die Nacht unter einigen Bäumen zubringen, und von dem einen Baume brach Don Quixote einen trocknen Zweig ab, der ihm so ziemlich zur Lanze dienen konnte, an den er auch das Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen übriggeblieben war. Don Quixote schlief die ganze Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin Dulcinea, um es nachzutun, was er in seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen unterhielten. Nicht also trieb es Sancho Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit keinem Habersüppchen, angefüllt hatte, die ganze Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten es nicht. Als er sich ermuntert hatte, schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei er ihn viel eingefallener fand als den Abend vorher und sich von Herzen darüber betrübte, weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege seine Auszehrung bald würden heilen können. Don Quixote begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten hatte.

Sie ritten auf der Straße nach dem Passe Lapice weiter, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang entdeckten. »Hier«, rief Don Quixote, als er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das tauchen, was man Abenteuer nennt, aber vernimm, daß, wenn du mich auch in der allergrößten Gefahr erblicken solltest, du doch niemals die Hand an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen, außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom Pöbel oder gemeinen Volke beleidigt würde, in einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehen; sind es aber Ritter, so ist es dir nach den Rittergesetzen keinesweges erlaubt oder vergönnt, mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen bist.«

»Seid versichert, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge; aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn ihm was zuleide geschieht.«

»Das leugne ich auch gar nicht«, antwortete Don Quixote, »was aber den Fall betrifft, mir gegen Ritter beizustehen, hierin mußt du deinen natürlichen Ungestüm bändigen.«

[73] »Ich sage ja auch, daß ich es tun will«, antwortete Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so genau halten will wie den Sonntag.«

Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt, die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie trugen Reisebrillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche war, wie man nachher erfuhr, eine biskayische Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste, der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don Quixote gesehen, als er zu seinem Stallmeister sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das berühmteste Abenteuer, das jemals gesehen worden, denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen, mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer, die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«

»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den Windmühlen«, sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr, das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der Kutsche sind wohl andre reisende Leute. Bedenkt, was ich sage, seht wohl zu, was Ihr tut, daß Euch der Teufel nicht wieder verblendet.«

»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt«, antwortete Don Quixote, »daß du wenig von der Natur der Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie du sogleich gewahr werden sollst.«

Mit diesen Worten ritt er vor und stellte sich in die Mitte des Weges, den die Patres kamen, und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen konnten, sagte er mit lauter Stimme: »Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt die erhabenen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt in jener Kutsche fortführt! wo nicht, so seid gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer Übeltaten zu empfangen!«

Die Patres hielten an und verwunderten sich sowohl über Don Quixotes Gestalt als auch über seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder nicht.«

»Mir gelten nichts diese sanften Worte, denn überaus wohl seid ihr mir bekannt, höchst nichtswürdiges Gesindel!« sprach Don Quixote, und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte er den Rozinante und rannte mit solcher Wut und Frechheit den vordersten Mönch mit eingesenkter Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende vom Maultiere geworfen, er ihn übel von seiner Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward, wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers und fing an, leichter als der Wind, über das Feld zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen auskleide. Sancho antwortete, daß ihm dieses rechtmäßig zustehe als die Beute der Schlacht, die sein Herr Don Quixote gewonnen habe. Die Jungen, die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten, was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle, und Don Quixote weitab von sich erblickten, der mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho, schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten, stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesichte, wieder auf sein Maultier und trabte, sowie er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze, als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.

[74] [77]Don Quixote befand sich, wie schon gemeldet, bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit Ihrer Person nach Ihrem Wohlgefallen schalten, denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß ich Don Quixote von la Mancha bin, irrender Ritter und Gefangener der unvergleichbaren und schönen Doña Dulcinea von Toboso; zum Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen, begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung gewirkt.«

Alles, was Don Quixote sagte, hörte ein Stallmeister, der zu den Begleitern der Kutsche gehörte und ein Biscayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den Wagen nicht wollte fortlassen, sondern daß er verlange, er solle sogleich nach Toboso umkehren, so machte er sich an Don Quixote, und indem er die Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen und noch schlechtern biscayischen Sprache: »Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott, an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich so schlachten, als wärst du Biscayer allhier!«

Don Quixote verstand seine Meinung wohl und antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt, du dienender Sklave!«

Der Biscayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter? Schwör zu Gott, du so lügst wie ein Christ! Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst sehn, wie Maus frißt auf die Katz! Biscayer zu Land, Edelmann zur See, Edelmann zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«

»›Du wirst es plötzlich schauen‹, wie Agrages sagt«, antwortete Don Quixote, und zugleich warf er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert, legte den Schild vor und griff den Biscayer mit dem Vorsatze an, ihm das Leben zu nehmen. Der Biscayer, der ihn so ankommen sah, wollte von dem Maultiere absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes war, auf das er sich nicht verlassen konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen zu ergreifen. Es fügte sich gut für ihn, daß er der Kutsche nahe war, aus der er ein Kissen nehmen konnte, das ihm zum Schilde diente, und nun gingen die beiden gegeneinander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen. Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber vergeblich, denn der Biscayer erklärte mit seinen verkehrten Reden, wenn sie ihm seine Schlacht nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle andern totmachen wollte, die ihn stören würden. Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah, erschreckt und entsetzt, bedeutete den Kutscher, etwas beiseite zu fahren, und so wollte sie von weitem dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.

Zum Anbeginnen gab der Biscayer dem Don Quixote über der Schulter und über dem Schilde einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild ihn nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den Gürtel gespalten wäre. Don Quixote, der das Gewicht dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulcinea! Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter, der, Eurer hohen Trefflichkeit genugzutun, sich in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem Schilde schirmen und auf den Biscayer zustürmen geschah alles in demselben Augenblicke, fest entschlossen, alles auf das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu lassen. Der Biscayer, der ihn also auf sich zustürzen sah, konnte in seiner Gebärde wohl seinen Mut erkennen und war willens, es eben wie Don Quixote zu machen. Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt, wobei er sein Maultier weder auf die eine noch die andre Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit, und auch weil es an dergleichen Possen nicht gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.

Also, wie gemeldet, rannte Don Quixote gegen den vorsichtigen Biscayer, das Schwert geschwungen [77] und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen. Ebenso erwartete ihn der Biscayer, das Schwert geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus einer so großen Gefahr erretten möge.

Das ist aber nun schade und zu beklagen, daß in diesem Moment und Zeitpunkt der Autor dieser Historie diese Schlacht abbricht, mit der Entschuldigung, daß er nichts Weiteres von Don Quixotes Taten vorgefunden, als was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit sollte überliefert sein oder daß die herrlichen Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften, die von diesem berühmten Ritter Meldung tun. Diesen Gedanken also nährend, verzweifelte er nicht, den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen, welches ihm auch, unter Begünstigung des Himmels, auf die Weise gelungen ist, die im zweiten Teile erzählt werden soll.

Zweites Buch
Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den der wackere Biscayer und der tapfere Manchaner fochten.


Im ersten Teile dieser Historie verließen wir den tapfern Biscayer und den berühmten Don Quixote mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend, zwei mörderliche Hiebe zu geben, die, wenn sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf teilen und zerspalten und sie wie Granatäpfel entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren Momente stand die treffliche Geschichte still und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen könne.

Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das Vergnügen, das mir das wenige gemacht hatte, verwandelte sich in Mißvergnügen, wenn ich an die Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden müssen, ehe ich die größere Hälfte, die mir noch zu fehlen schien, der herrlichen Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle gute Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen, seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken und Kindereien ausmalten, wenn sie auch noch so verborgen gewesen waren. Ein so wackrer Ritter mußte also nicht so unglücklich sein, daß er entbehrte, was ein Platir und andre dem ähnliche im Überfluß hatten. Ich konnte mich [81] daher nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so herrliche Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben, sondern ich schob die ganze Schuld auf die Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie verborgen hielt oder sie verzehrt hätte.

Auf der andern Seite glaubte ich, daß, da sich unter seinen Büchern so neue, als »Die Entwirrung der Eifersucht« und »Die Nymphen und Schäfer von Henares«, befanden, so müsse auch die Historie selber neu sein, und daß, wenn sie auch nicht geschrieben existiere, sie doch in dem Gedächtnisse der Leute seines Dorfes und seiner Nachbarschaft leben könne. Diese Vorstellung bemächtigte sich meiner so sehr, daß ich eifrig wünschte, die ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen Don Quixote von la Mancha zu erforschen, des Lichtes und Spiegels der manchanischen Ritterschaft, des ersten, der in unserm Jahrhundert zu dieser bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten, den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu beschützen, jene, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren Zeltern umherirrten und mit ihrer vollkommenen Jungfrauschaft dann bepackt über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu Tal schweiften; wenn nicht irgendein Bösewicht oder ein bäuerlicher grober Knecht oder irgendein ungefüger Riese sie notzwängte, so gab es in den ehemaligen Zeiten Jungfrauen, die nach Verlauf von achtzig Jahren, in denen sie kein einzigmal unter einem Dache geschlafen hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte also, daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen andern Ursachen, unser wackrer Don Quixote ewige und unvergängliche Lobpreisungen verdiene, die aber meiner Mühe auch nicht versagt werden müssen, welche ich mir gab, um den Schluß dieser angenehmen Geschichte zu finden, obwohl ich weiß, daß, wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren würde, und mit ihm so viel Zeitvertreib und Belustigung, um wohl zwei Stunden dem auszufüllen, welcher aufmerksam liest. Ich fand aber diese Geschichte auf folgende Weise.

Eines Tages war ich auf der Straße Alcana von Toledo; da kam ein Junge mit alten Schreibebüchern und Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu lesen, und wenn es auch zerrissene Papiere von der Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen Neigung, nahm einige Blätter von denen, die der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben, konnte sie aber nicht lesen und sah mich also um, ob ich nicht einen halbspanischen Morisken fände, der sie lesen möchte. Es war auch nicht schwierig, einen solchen Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl welche selbst für eine bessere und ältere Sprache finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei, gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm das Buch in die Hand gab; er schlug es in der Mitte auf, und als er ein wenig gelesen hatte, fing er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache, und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei. Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulcinea von Toboso, die so oftmals in dieser Historie genannt wird, hatte nach Berichten unter allen Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand, Schweinefleisch einzupökeln.«

Als ich Dulcinea von Toboso nennen hörte, war ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte des Don Quixote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen; er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische übersetzte, folgendermaßen: Historia des Don Quixote von la Mancha, geschrieben vom Cide Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen zu verbergen, da ich den Titel des Buches hörte, ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte von dem[82] Jungen alle die Blätter und alten Papiere um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären, wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen können.

Sogleich ging ich mit dem Morisken durch den Kreuzgang der Kathedrale und trug ihm auf, die ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quixote handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte, wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit funfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffeln Weizen zufrieden und versprach, alles gut, getreu und schnell zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo er in ungefähr einem und einem halben Monate alles so übersetzte, wie man es hier findet.

Auf dem ersten Blatte war Don Quixotes Schlacht mit dem Biscayer ganz nach dem Leben abgemalt, sie standen in derselben Stellung, wie sie die Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt; zugleich war das Maultier des Biscayers so täuschend abgebildet, daß man es auf einen Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte. Zu den Füßen des Biscayers stand geschrieben: Don Sancho de Azpeitia, welches wahrscheinlich sein Name war, unter Rozinantes Füßen war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war: Don Quixote. Dieser Rozinante war bewunderungswürdig abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen, mit einem so hervorstehenden Rückgrat und einer so ausgemachten Moralität, daß er höchst deutlich zeigte, wie passend und mit welcher Schicklichkeit ihm der Name Rozinante gegeben sei. Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden. Ich könnte noch einige andere Abweichungen anführen, aber sie sind alle unwichtig, und keine tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag, sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in ein helleres Licht setzt.

Wenn man etwas in Ansehung der Wahrhaftigkeit einwerfen könnte, so müßte es etwa nur sein, daß der Verfasser ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich sei, zu lügen; da sie aber so sehr unsre Feinde sind, so könnte man vielmehr voraussetzen, es möchte manches eher herabgesetzt als übertrieben sein. Dies scheint mir auch wirklich der Fall, denn wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen des wackern Ritters ergießen könnte und sollte, scheint es oft, daß er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber hinweggeht. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger Charakter, denn ein Geschichtsschreiber sollte genau sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten, deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, Beispiel und Rat des Gegenwärtigen, Warnerin der Zukunft. Alles dies, und was man nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld an dem ketzerischen Heiden von Autor, gewiß aber nicht an dem Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der Übersetzung folgendermaßen an.

Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter der beiden tapfern und ergrimmten Kämpfer, die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war der hitzige Biscayer, der so kräftig und wütend ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend war, dem edlen Mute und allen künftigen Abenteuern unsers Helden ein Ende zu machen; aber das Glück, das ihn wichtigern Dingen aufsparte, drehte das Schwert seines Gegners, so daß es auf die linke Schulter [83] schlug und ihm weiter keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem furchtbaren Verderben auf die Erde stürzte, indem es ihn in traurigen Zustand versetzte.

Heiliger Gott! Wer wäre nun wohl der Mann, der jetzt geziemend die Wut beschreiben könnte, die das Herz unsers Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! Ich will nur so viel sagen, daß sie von der Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob, das Schwert mit beiden Händen kräftiger erfaßte und damit so rasend auf den Biscayer loshieb, daß, ungeachtet jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert war, trotz diesem herrlichen Schirme der Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen, auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, lief übers Feld und warf seinen Herrn nach wenigen Sprüngen auf den Boden.

Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quixote dies alles, aber sowie er ihn liegen sah, sprang er vom Pferde, ging sehr schnell zu ihm und setzte ihm die Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehl, sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen solle. Der Biscayer lag ohne Bewußtsein da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre ihm übel ergangen, denn Don Quixote war blind, wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehen hatten, herbeigeeilt wären und ihn sehr artig gebeten hätten, ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.

Don Quixote erwiderte hierauf mit sehr ernster und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen, bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen Doña Dulcinea zu präsentieren, damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten möge.«

Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne sich mit Don Quixote in Erörterungen einzulassen oder sich weiter nach der Dulcinea zu erkundigen, versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen werde, was man ihm gebiete. »Im Vertrauen auf dieses Versprechen will ich ihm keinen weiteren Schaden zufügen, so sehr er ein solches auch um mich verdient haben mag.«

Zweites Kapitel
[84] Zweites Kapitel.

Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quixote und Sancho Pansa, seinem Stallmeister.


Indessen hatte sich Sancho Pansa, von den Burschen der Mönche etwas zerdroschen, aufgerichtet; er hatte der Schlacht seines Herrn Don Quixote aufmerksam zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen lassen möge, über welche er ihn, seinem Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war und sein Herr wieder auf den Rozinante steigen wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr Don Quixote nunmehr, mir die Regierung der Insula zu schenken, die in diesem hartnäckigen Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß, ich fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert hat.«

Hierauf erwiderte Don Quixote: »Sei wissend, Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer sind, in denen man nichts gewinnt als zerschlagene Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr eintragen sollen.«

Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen Rozinante half, selbst den Esel bestieg und seinem Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der [85] Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nah gelegenes Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe seines Tieres, aber Rozinante war so behende, daß er weit zurückblieb und seinem Herrn laut zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don Quixote tat es, er hielt den Rozinante so lange an, bis ihn sein Stallmeister eingeholt hatte, der darauf, als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut, Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen habt, so ist er imstande, alles der Heiligen Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns wieder aus dem Gefängnis lassen.«

»Sei ohne Sorge«, sagte Don Quixote, »wann hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er auch tausend Homizidien begangen hätte.«

»Von den Omezilien versteh ich nichts«, antwortete Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die Heilige Brüderschaft darum bekümmert, wer sich auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich nichts an.«

»Du darfst nicht zweifeln, Freund«, antwortete Don Quixote, »daß ich dich aus den Händen der Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl einen so tapfern Ritter, als ich bin, auf der ganzen bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«

»Die Wahrheit ist«, antwortete Sancho, »daß ich niemals eine Historie gelesen habe, denn ich kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich behaupten, daß ich einem so verwegnen Herrn als Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu verbinden, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im Schnappsacke.«

»Wir könnten dessen entübrigt sein«, antwortete Don Quixote, »wenn ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von dem Balsame Fierabras' zu machen; denn mit einem einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin ersparen.«

»Was für eine Flasche und was für ein Balsam ist das?« fragte Sancho Pansa.

»Es ist Balsam«, erwiderte Don Quixote, »von welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, bei welchem man den Tod nicht zu fürchten oder zu besorgen braucht, an irgendeiner Wunde zu sterben. Wann ich ihn also verfertige und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu tun, als, wenn du mich in einer Schlacht mitten durchgehauen siehst – wie dies denn oftmals begegnet –, die Hälfte des Körpers, die auf den Boden gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende, ehe das Blut erkaltet, auf die andere Hälfte, die im Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein Fisch.«

»Wenn das so ist«, sagte Sancho, »so will ich mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, und ich verlange zum Lohn meiner vielen und tapfern Dienste nichts anderes, als daß Ihr mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr brauch ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, ob es ihn zu machen viel kosten wird.«

»Mit weniger als drei Realen kannst du drei Quart zubereiten«, antwortete Don Quixote.

»O du allerhöchster Himmel!« rief Sancho aus, »warum macht Ihr ihn denn nicht und lehrt es mir gleich?«

[86] »Sei nur ruhig, Freund«, sagte Don Quixote, »noch größere Geheimnisse will ich dir lehren, noch größern Lohn sollst du empfahen, aber jetzt wollen wir auf die Verbindung denken, denn das Ohr schmerzt mich mehr, als ich es sage.«

Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und Salbe, aber als Don Quixote sah, wie sein Helm verdorben war, wollte er unsinnig werden; er legte die Hand an das Schwert, erhub die Augen zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, wo sie am umständlichsten geschrieben stehen, eben das Leben zu führen, welches der große Marques von Mantua führte, als er schwur, den Tod seines Neffen Balduin zu rächen, welches darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst andern Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf erwiesen.«

Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt, mein gnädiger Herr Don Quixote, daß, wenn der Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich hinzugehen und sich der Dame Dulcinea von Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan hat, was ihm zukömmt, und also keine andere Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen begeht.«

»Du hast gut und trefflich gesprochen«, antwortete Don Quixote, »ich vernichte also den Eid, insofern ich eine neue Rache nehmen wollte; aber ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem Ritter einen so schätzbaren Helm erobere, als dieser ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich das nach, was sich in Ansehung des Helmes des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar war.«

»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese Schwüre holen«, versetzte Sancho, »die der Seligkeit zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit und Drückendes hat, wie in den Kleidern zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, nebst tausend andern Kasteiungen, die in dem Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marques von Mantua, vorkommen, den Ihr nun wieder in Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten Männer reisen, sondern Eseltreiber und Fuhrleute, die gar keine Helme tragen, ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen Helm haben nennen hören.«

»Du irrst in diesem«, antwortete Don Quixote, »denn nicht zwei Stunden werden wir auf den Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, als nach Albraca kamen, um Angelika die Schöne zu entsetzen.«

»Gut denn, mag's so sein«, sagte Sancho, »und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge und daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, die mir so köstlich ist, dann will ich sterben.«

»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls unbekümmert sein darfst, denn wenn uns auch eine Insel fehlen sollte, so bleibt uns jedenfalls doch das Königreich Dänemark oder das von Sobradisa, die sich dir wie ein Paar Handschuh anpassen werden und die dich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem Schnappsacke etwas Eßbares führst; dann wollen wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir die Nacht herbergen und den Balsam machen können, von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir zu Gott, daß das Ohr mich heftig schmerzt.«

Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot, und sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für einen so tapfern Ritter, als Euer Gnaden sind, schicken.«

[87] »Übel verstehst du dieses«, antwortete Don Quixote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate nicht zu essen, und selbst wann sie essen, das, was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon versichert sein, wenn du so viele Historien wie ich gelesen hättest, denn trotz der großen Menge habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es sich nicht etwa traf, daß man ihnen ein prächtiges Bankett anrichtete; sonst begnügten sie sich an den übrigen Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, denn sie waren ebensolche Menschen, wie wir es sind, so versteht sich doch auch von selbst, daß sie die meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, und zwar ohne einen Koch, zubrachten, daß ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben anbietest. Also, Freund Sancho, sorge du nicht um das, was mich vergnügen könne, suche auch nicht, eine neue Welt zu erschaffen oder die irrende Ritterschaft aus ihren Angeln zu heben.«

»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr«, sagte Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum keine Regel vom Handwerk der Ritterei. Ich will aber künftig den Schnappsack mit aller Art von trockner Frucht versorgen für Euch, der Ihr ein Ritter seid, für mich aber, der ich es nicht bin, will ich ihn mit andern Sachen versorgen, die kernichter und gewichtiger sind.«

»Ich sagte ja nicht, Sancho«, erwiderte Don Quixote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien, nichts als die Früchte zu essen, von denen du da sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt darin und in etlichen Kräutern bestand, die sie im Felde fanden und kannten und welche ich ebenfalls kenne.«

»Es ist ein Glück«, antwortete Sancho, »mit solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft Nutzen zu ziehen.«

Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte, und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit. Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen; aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter, das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte, durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine Ritterschaft beweisen könne.

Drittes Kapitel
[88] Drittes Kapitel.

Was dem Don Quixote mit etlichen Ziegenhirten begegnete.


Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich tun ließ, für den Rozinante und seinen Esel gesorgt hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, nachdem sie Don Quixote vorher mit ungeschickten Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quixote setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft mit sich führt, und wie geehrt diejenigen sind, die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, damit du merkest, wie solche von der Welt geachtet und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzest, daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus meiner Schüssel essest und trinkest, woraus ich trinke. Denn [89] von der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie alle Dinge gleichmache.«

»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich etwas Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankömmt, oder andere Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, da ich ein Diener und Zubehör der irrenden Ritterschaft bin, ich meine, Euer Stallmeister, lieber in etwas andres verwandeln, das mir bequemer und nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in Ewigkeit.«

»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt«; und zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen von diesem Rotwelsch der Stallmeister und irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende Stücke, wie die Faust so groß, hinunterkaueten.

Als dieser Gang von Fleisch verzehrt war, breiteten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, wobei sie einen halben Käse aufsetzten, der härter war, als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn war auch nicht müßig, denn es ging häufig herum, bald voll, bald ausgeleert, wie der Eimer an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.

Als Don Quixote seinen Magen hinreichend befriedigt hatte, nahm er eine Handvoll Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete hierauf seinen Mund zu folgenden Worten: »O du beglücktes Zeitalter! beglücktes Jahrhundert! dem unsre Vorfahren den Namen des Goldenen beilegten, nicht weil man damals das Gold, welches in unserm Eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann, sondern weil unter denen, die damals lebten, die beiden Wörter mein und dein unbekannt waren. In diesem segensreichen Alter waren alle Dinge gemein, keiner durfte für seinen gewöhnlichen Unterhalt etwas Weiteres tun als die Hand ausstrecken, um sie von den starken Eichen zu pflücken, die einladend und freigebig die süße und gesunde Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her, womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit des Himmels zu schützen.

Alles war damals Friede, Liebe, Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen Eingeweide unsrer ersten Mutter zu öffnen und zu verletzen: denn ungezwungen verbreitete von allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder diente. Damals war es auch, daß die einfältigen und schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel schweiften, die Haare aufgeflochten und nicht weiter bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die Tugend damals und immer zu verhüllen geboten hat; aber ihr Schmuck war nicht wie der jetzige, den der tyrische Purpur und die tausendfältig zermarterte Seide kostbar macht. Grüne Blätter, mit Efeu verwebt, war ihre Tracht, in der sie wohl so herrlich und reizend erschienen als jetzt unsre Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen, die der sinnende Müßiggang [90] erzeugt. Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der werbenden Liebe, sie sprach, wie sie dachte, und suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um sich köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt. Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit, weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen. Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter, denn keiner richtete damals, und keiner wurde gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie schon gesagt, wohin sie wollten, allein und einsam, ohne Furcht, daß fremde Kühnheit und üppige Wünsche sie schädigten, denn ihre Einbuße geschah nur aus eigner Lust und freiem Willen. Aber in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend sicher, wenn sie auch ein neues kretensisches Labyrinth verborgen und verschlossen hielte: denn auch dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte, listerfüllte Begier hinein und vereitelt und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter begründet, um Jungfrauen zu verteidigen, Witwen zu schützen, Waisen und Hülfsbedürftigen beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme und den freundlichen Willkommen danke, welche sie mir und meinem Stallmeister zukommen ließen; so ist es doch, weil ich erkenne, daß ihr ohne dieses Erkenntnis mich aufgenommen und bewirtet habt, der Vernunft gemäß, daß ich auch mit meinem besten Willen für euren guten dankbar bleibe.«

Die ganze lange Rede – die er wohl hätte unterlassen können – hielt unser Ritter, weil ihn die aufgetragenen Eicheln an das Goldene Zeitalter erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm, ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still, aß Eicheln und besuchte wiederholentlich den zweiten Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten, an einen Korkbaum gehängt hatten.

Don Quixotes Rede währte länger als der Beschluß der Abendmahlzeit. Als er geendigt hatte, sagte einer von den Ziegenhirten: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch gern und mit gutem Willen aufgenommen haben, so wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen machen, daß einer von unsern Kameraden singen soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer, klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher wünschen kann.«

Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man den Ton einer Fiedel, und gleich darauf kam auch der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr zweiundzwanzig Jahren, mit einem einnehmenden Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon zu Abend gegessen habe, und er antwortete mit Ja. Derselbe, der vorher ihn angepriesen hatte, sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio, den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen. Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir als wahrhaftig bestehen; mach uns, um 's Himmels willen, die Freude und spiele und singe die Romanze, die dir dein Oheim, der Benefiziat, gemacht hat und die dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« – »Sehr gern«, sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied.


[91] Antonio

Ich, Olalla, weiß, du liebst mich,
Wenn du auch kein Wort magst sagen,
Auch nicht mal mit Augenwinken:
Stumme Laut in Liebessachen.
Denn ich weiß, du bist verständig,
Mich zu lieben macht das klarer:
Denn niemals noch war unglücklich
Liebe, welche man erkannte.
Ich gestehe, daß du vielmals
Anschein mir, Olalla, hattest,
Daß von Erz nur deine Seele
Und die weiße Brust von Marmel.
Aber selbst in deinem Schelten
Und dem sprödesten Versagen
Zeigt mir Hoffnung doch zuweilen
Noch den Saum ihres Gewandes.
Meine Treue darf sich loben,
Die auch nimmer mochte wanken,
Wie sie nicht berufen, auch nicht
Auserwählet mochte wachsen.
Ist nun Artigkeit die Liebe,
Kann ich deiner noch erachten,
Daß das Ende meines Hoffens
Das wird sein, wornach ich trachte.
Kann im Busen auch durch Dienste
Sanfte Zärtlichkeit erwachen,
Hab ich manche wohl verrichtet,
Die mein Spiel mir besser machen.
Denn du hast mich mehr als einmal,
Wenn du darauf nur geachtet,
Mondtags noch gesehen umgehn
Im sonntäglichen Gewande.
[92]
Wie nun Lieb und schmuckes Wesen
Auf demselben Wege wandeln,
Sucht ich stets dir vor die Augen
Hinzutreten schmuck und wacker.
Nicht mit Tanzen dir zu Ehren,
Mit Musik nicht will ich prahlen,
Die du am Tage vernommen
Wie beim ersten Schrei des Hahnes.
Prahle nicht, daß deine Schönheit
Ich gelobt zu tausend Malen,
Wie ich auch zur Wahrheit red'te,
Nahmen's übel doch so manche.
Und Theresa Berrocal,
Als ich dich so lobte, sagte:
»Mancher denkt, er liebt 'nen Engel,
Der vernarrt ist in 'nen Affen:
Das kommt von den Glaskorallen,
Von den angesetzten Haaren,
Allen jenen falschen Reizen,
Das macht Amorn selbst zum Narren.«
Lügen straft ich sie, ward böse,
Und ihr Vetter stand zum Kampfe;
Auf nahm ich's, du selber weißt es,
Was er tat, was ich im Schlagen.
Nicht lieb ich dich so ins Blaue,
Nicht dir dien ich und erwart ich
Etwas, das sich nicht geziemte,
Nein, viel besser ist mein Trachten.
Ketten hat die heil'ge Kirche,
Diese sind nur Seidenbande,
Steck dein Köpfchen in das Joch nur,
Gleich dann laß ich mich einspannen.
Tust du's nicht, bei allen Heil'gen,
Die die stärksten Wunder taten,
Lauf ich aus den Bergen, mich zum
Kapuziner weihn zu lassen.

[93] Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang, und Don Quixote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr daran, zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die Nacht mit Singen hinzubringen.«

»Ich verstehe dich, Sancho«, antwortete Don Quixote; »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche beim Schlauche mehr eine Erquickung durch Schlaf als durch Musik verlangen.«

»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt«, antwortete Sancho.

»Ich leugne es nicht«, erwiderte Don Quixote; »suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei alle dem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es schmerzt mich mehr als billig.«

Sancho tat, was er befahl, da aber einer von den Ziegenhirten die Wunde sah, behauptete er, es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen. Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarin, der dortherum häufig wuchs, kauete sie, vermischte sie mit etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er versicherte, daß es nun keiner andern Salbe brauche, wie es sich auch bewährte.

Viertes Kapitel
[94] Viertes Kapitel.

Was ein Ziegenhirt Don Quixotes Gesellschaft erzählte.


Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen, die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im Dorfe vorgeht?« – »Wie sollen wir es wissen?« sagte einer von den andern. »Nun, so will ich euch sagen«, fuhr der junge Hirt fort, »daß heute früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus gestorben ist, und wie man sich erzählt, ist er aus Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben, der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in Schäferkleidern hier durch die Wildnis zieht.«

»Für die Marcella!« rief der eine aus.

»Wie ich euch sage«, antwortete der Ziegenhirt, »und was das Beste ist, so hat er in seinem Testamente befohlen, daß man ihn auf freiem Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar am Fuße des Felsen, wo die Quelle zwischen den Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr dergleichen befohlen, aber die Geistlichen sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein guter Freund Ambrosius, der Student, gesagt, der sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie müßten alles zugeben, wie Chrysostomus befohlen habe, und nichts dürfe fehlen; und darüber ist nun das ganze Dorf in Aufruhr. Wie man aber sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen, was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine Freunde, [95] wollen, und morgen, wie gesagt, soll er nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich wenigstens gehe gewiß hin, um alles zu sehen, wenn ich auch morgen gar nicht deshalb nach dem Dorfe zurückkommen könnte.« – »Das wollen wir alle tun«, sagten die Ziegenhirten, »und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben und alle Ziegen hüten soll.«

»Recht, Pedro«, sagte ein anderer, »aber ihr braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich will für euch alle hierbleiben; und das ist keine Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre, sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich mir letzthin in den Fuß getreten habe, womit ich nicht laufen kann.«

»Wir danken dir darum doch sehr«, antwortete Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quixote, wer der Tote und wer die Schäferin sei; worauf Pedro erwiderte: »Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines reichen Mannes Kind, der Bewohner eines Ortes, der hier in den Bergen liegt; er hat viele Jahre in Salamanca studiert, und dann kam er in sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe er die Wissenschaft von den Sternen inne, und was dort am Himmel Sonne und Mond machten, und buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von Sonne und Mond vorher.«

»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht Knips, wenn diese beiden größten Gestirne verfinstert werden«, sagte Don Quixote. Aber Pedro, ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen, ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«

»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen«, rief Don Quixote.

»Fruchtbar oder furchtbar«, sagte Pedro, »das ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten alles so, wie er riet; bald sagte er: ›Dies Jahr säet Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät kein Tropfen.‹«

»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia«, sagte Don Quixote.

»Ich weiß nicht, wie es genannt wird«, antwortete Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen war, als er eines Tages mit einem Male als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem Kittel; der weite Rock, den er als Gelehrter trug, war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen, Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene ein schrecklicher Mensch war, Verse zu machen, so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe aufführten und wovon die Leute sagen, daß sie überaus herrlich wären. Als die Menschen im Dorfe die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten es gar nicht begreifen, aus was Ursach sie auf diese närrische Abänderung verfallen wären. Um die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus gestorben, und er erbte von ihm einen Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke und eine ziemliche Anzahl von großem und kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle, mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er seine Tracht verändert hatte, und es war nichts anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher genannt hat und in die sich der arme gestorbene Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht, gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr als Ysop erleben solltet.«

[96] »Sagt Hiob«, erwiderte Don Quixote, der es nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die Namen verstümmelte.

»Ei, so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehen wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«

»Verzeiht mir, mein Freund«, antwortete Don Quixote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen; aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden, doch fahrt nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun nicht weiter unterbrechen.«

»Also, mein liebwertester Herr«, sagte der Ziegenhirt, »da war in unserm Dorfe ein Bauer, der noch reicher war wie der Vater des Chrysostomus und der Wilhelm hieß und dem Gott, nebst seinem vielen und großen Vermögen, auch eine Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter starb, die wohl das herrlichste Weib war hier weitherum. Denn immer noch seh ich ihr Gesicht vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne und auf der andern der Mond stand, und dabei war sie so arbeitsam und gegen die Armen so mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus Gram über den Tod einer solchen braven Frau starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge und reiche Tochter Marcella unter die Aufsicht eines Oheims, der Priester in unserm Dorfe ist. Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es auch, denn als sie ungefähr vierzehn oder funfzehn Jahre alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen in der Runde angesehene Leute kamen, von denen der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde, daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber, der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe. Und wahrlich, das wird zum Lobe des braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt. Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man in kleinen Dörfern über alles spricht und über alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends auf dem Lande.«

»Das ist wahr genug«, sagte Don Quixote; »aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut, und Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«

»Es wäre zu wünschen«, antwortete jener, »daß alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften eines jeden auseinandersetzte, der sie zur Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten und daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte. Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen möchte. Denn er behauptete, und das mit Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages, als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige Marcella als Schäferin daher, und ohne sich an ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen Hirtenmädchen [97] aufs Feld und hütete ihre Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Bursche, Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus anlegten und ihr durch die Felder nachzogen. Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war unser Gestorbene, von dem sie sagen, daß er sie nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß aber nicht glauben, daß, weil sich Marcella einer so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht so sehr über ihre Ehre, daß von allen, die ihr dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können, daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt, und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche, denn ihre Freundlichkeit und Schönheit zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an, und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme die Grausame und Undankbare nennen, nebst andern ähnlichen Redensarten, die sich wohl für ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen, die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen, davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der Name Marcella gegraben und geschrieben wäre; zum Überfluß haben einige noch eine Krone in denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß Marcella unter allen Mädchen allein die Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein Schäfer, hier klagt ein anderer, dort vernimmt man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am Fuße einer Eiche oder eines Felsens zu, und ohne daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am Morgen die Sonne wieder; ja einige gibt es, die, ohne mit Seufzen nur einen Augenblick innezuhalten, in der Sonnenhitze liegen in den heißesten Mittagsstunden, auf dem brennenden Sande ausgestreckt, und ihre Klagen dem mitleidigen Himmel zuschicken. Und über diesen und jenen sowie über jene und diese triumphiert hohnlachend die schöne Marcella. Alle, die wir sie kennen, sind begierig, was aus ihrem Übermute werden soll und wer der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom Tode des Chrysostomus uns sagte. Ich rate Euch auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu sehen, Chrysostomus hat viele Freunde, und der Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe Meile von hier.«

»Ich will es nicht versäumen«, antwortete Don Quixote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen, welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen Geschichte gemacht habt.«

»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die Hälfte von alledem, was den Liebhabern der Marcella begegnet ist; vielleicht finden wir aber morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich bei den Kräutern, die ich aufgelegt habe, kein widriger Zufall mehr zu befürchten ist.«

Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat [98] seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an seine Gebieterin Dulcinea zu, in Nachahmung jener Liebhaber der Marcella. Sancho Pansa machte es sich zwischen dem Rozinante und dem Esel bequem und schlief, nicht wie ein unbegünstigter Verliebter, sondern wie ein Mann, der häufige Fußtritte erlitten hatte.

Fünftes Kapitel
[99] Fünftes Kapitel.

Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marcella beschlossen, nebst andern Begebenheiten.


Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden, Don Quixote ermunterten und ihm sagten, daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne, wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quixote, der es sehr wünschte, erhub sich und gebot Sancho, sogleich zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile fortgezogen, als Schäfer in schwarzen Kleidern zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme, und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu Pferde, in anständigen Reisekleidern, nebst drei Burschen, die ihnen zu Fuße folgten. Indem sie zusammentrafen, grüßten sie sich höflich, und einer fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten, worauf denn alle denselben Weg fortsetzten. Einer von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß die Zeit unsers Aufhaltens gut angewendet sei, um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig sein muß.«

[100] »Ich bin auch der Meinung«, antwortete Vivaldo, »und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«

Don Quixote fragte sie, was sie von der Marcella und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursach gefragt habe, aus welcher sie in Trauerkleidern gingen, einer von ihnen habe ihnen darauf von der wunderbaren und schönen Schäferin Marcella erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie bewerben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus, nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz, er erzählte ihm alles, was Don Quixote schon vom Pedro gehört hatte.

Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein anderes an, und der, welcher sich Vivaldo nannte, fragte Don Quixote, aus welcher Ursach er, auf diese Weise bewaffnet, durch ein so friedliches Land zöge.

Hierauf erwiderte Don Quixote: »Das Gewerbe, welches ich treibe, erlaubt mir nicht, auf andere Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen, aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger mich zu den niedrigsten zähle.«

Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu sein und zu sehen, von was Art seine Torheit sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen irrenden Rittern?«

»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quixote, »die Annalen und Historien von England gelesen? in denen die berühmten Taten des Königes Arturus erzählt werden, den wir in unsrer Sprache gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem eine alte Sage durch das ganze Königreich Großbritannien geht, daß er nicht gestorben, sondern durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren, seinen Thron besteigen und den Szepter ergreifen werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet hat. Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde gestiftet, damals ereigneten sich die Liebeshändel, die vom Don Lanzarote vom See mit der Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintañona war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:


Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süß,
Wie der große Lanzarote,
Da er einst Bretagne ließ.

Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt. Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft und erstreckte sich durch viele und verschiedene Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, ingleichen der tapfre Felixmarte von Hircania und der niemals genug gepriesene Tirante der Weiße, und fast in unsern Tagen sahen und hörten wir ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und wackern Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese, meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den auch ich Unwürdiger ergriffen, und so, wie jene genannten lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalb suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß meinen Arm und meine Person der größten Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir nur in Errettung der Elenden und Hülfsbedürftigen zuschicken kann.«

[101] Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends, daß es Don Quixote am Verstande fehle, so wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten wie alle diejenigen, die dies an ihm zum ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger Mann und von fröhlichem Temperamente war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher: »Ihr, Herr irrender Ritter, habt Euch also, so scheint es, einem der strengsten Gelübde ergeben, die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube, daß selbst das der Brüder Kartäuser nicht so streng sein dürfte.«

»So streng mag wohl sein«, antwortete unser Don Quixote, »aber ob so notwendig, darüber sind meine Zweifel wohl begründet. Denn wenn man die Wahrheit gestehen soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmannes ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann, der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen, die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und Ritter richten aus, was sie bitten, und verfechten es mit der Stärke unsers Arms und mit den Schneiden unsrer Schwerter, nicht von einem Dache bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch den er seine Gerechtigkeit ausübt. Wie nun Krieg und alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht, nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen, welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken, daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm sei als der eines einsamen Mönchs; sondern ich will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger und beschwerlicher, hungriger und durstiger, elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit Aufwand von Blut und Schweiß; und wenn denen, die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre Wünsche unerfüllt geblieben sowie ihre schönsten Hoffnungen vereitelt sein.«

»Dieser Meinung bin ich auch«, erwiderte der Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen, in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem Heidentume.«

»Mein Herr«, antwortete Don Quixote, »dieses darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen übel ausgelegt werden; denn es ist einmal Gebrauch und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd und liebevoll die Augen auf sie heftet, als flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge in dem zweifelhaftigen Kampfrennen, das er beginnt; ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt werden. Damit aber muß man nicht glauben, daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen, dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe des Werkes verrichten.«

[102] »Dessenungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von einer und der andern Seite der Zorn entbrennt, sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes zwischen sich nehmen und blitzschnell, ohne zu hören und zu sehen, im vollen Carriere aufeinander losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen. Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der Lanze seines Gegners durchbohrt, und der andere auch auf den Boden hinstürzen würde, wenn er sich nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll, sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht alle sind verliebt.«

»Das ist unmöglich«, antwortete Don Quixote. »Ich sage, es ist unmöglich, daß es einen irrenden Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter ohne Liebe vorkäme, ja selbst wenn es einen solchen geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter, sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«

»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß Don Galaor, der Bruder des tapfern Amadis von Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er sich empfehlen konnte, und doch ward er darum nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus mannhafter und berühmter Ritter.«

Hierauf antwortete unser Don Quixote: »Mein Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, um so mehr, da ich weiß, daß im geheim dieser Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte. Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren hatte, der er sich auch jedes Mal, aber heimlich, empfahl, denn er setzte etwas darein, ein sehr geheimnisvoller Ritter zu sein.«

»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der irrenden Ritterschaft ist«, sagte der Reisende, »so kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darein, so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte ich demütig im Namen dieser ganzen Gesellschaft und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt, daß sie von einem so vorzüglichen Ritter, wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«

Hierauf holte Don Quixote einen tiefen Seufzer und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr, der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur so viel sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren, daß ihr Name Dulcinea ist, ihr Vaterland Toboso, ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens Prinzessin sein, da sie meine Königin und Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich, denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen und erträumten Schönheitsideale, die die Poeten ihren Damen beilegen; denn ihr Haar ist golden, ihre Stirn ist das elysische Gefilde, ihre Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«

[103] »Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft wünschten wir zu erfahren«, sagte Vivaldo.

Hierauf antwortete Don Quixote: »Sie stammt nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den Colonnas, Ursinos, noch Moncadas oder den Requesenes von Katalonien, ebensowenig von den Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas, Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones, Urreas, Foces und Gurreas von Arragon; den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans von Kastilien; den Alencastros, Pallas und Meneses von Portugal; sondern sie ist eine von Toboso de la Mancha, ein zwar noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung geschieht, die Zerbino unter die Trophäen der Waffen des Orlando schrieb:


Keiner soll sie berühren,
Der es nicht wagt, mit Roldan Streit zu führen.«

»Mein Stamm ist von den Cachopines von Laredo«, erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals zu Ohren gekommen.«

»Ach! wie wird er Euch denn nicht zu Ohren gekommen sein!« erwiderte Don Quixote.

Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an unserm Don Quixote den überaus großen Mangel des Verstandes. Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte, für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf gekannt; bloß in Ansehung der zarten Dulcinea von Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin etwas gehört, so nahe er auch an Toboso lebte.

Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen, als sie zwischen dem Risse von zwei hohen Felsen ungefähr zwanzig Schäfer herabsteigen sahen, alle in Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs von ihnen gingen unter einer Trage, die mit mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war. Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus tragen, und am Fuße des Felsen da ist die Stelle, die er sich zum Begräbnis erwählt hat.« Sie eilten hierauf, die andern einzuholen, und sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite eines harten Felsen zuzubereiten. Man begrüßte sich gegenseitig höflich, und Don Quixote sowie alle, die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre, auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle Zuschauer sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten, beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius, ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem Testamente verordnet hat.«

»Hier ist der Ort«, antwortete Ambrosius; »o wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er von Marcella die letzte Verschmähung und Verwerfung, wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun, als Denkmal so vielen Elends, in den Schoß der ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«

[104] Er wandte sich hierauf gegen Don Quixote und die Reisenden, indem er so fortfuhr: »Dieser Leichnam, edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel mit seinen reichsten Geschenken geschmückt hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus, der einzig war in Ansehung seines Geistes, selten im Edelmute, ungemein in der Liebenswürdigkeit, ein Phoenix in der Freundschaft, freigebig ohne Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich, ohne gemein zu sein, kurz, der Erste in allen Dingen, die den Menschen zieren, und wahrlich nicht der Zweite in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt, er flehte zu einer Unmenschlichen, seine Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen wollte, damit sie ewig im Angedenken der Menschen leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen, die Ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie dem Feuer zu überliefern, sowie sein Leichnam der Erde überliefert ist.«

»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und grausamer gegen sie verfahren wie ihr eigener Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig, einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle Billigkeit streitet: Augustus Caesar würde es niemals gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl. Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit zu übergeben; wenn er es im Unwillen so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr, daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer das Andenken von Marcellas Grausamkeit bleibe, damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft zu ihm und die Ursache seines Todes, so wie wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der Marcella war, wie groß des Chrysostomus Liebe und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren wir den Tod des Chrysostomus, und daß er hier begraben werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen wir unsere gerade Straße, um das mit Augen zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt hatte, und zur Vergeltung dieser Teilnahme und des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens bitte ich dich dringend darum, diese Papiere nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu überlassen.«

Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten, streckte er die Hand aus und faßte einige, die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr die, edler Herr, behalten, die Ihr genommen habt, aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht, daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.« Vivaldo, der gern sehen wollte, was die Papiere enthielten, schlug eins davon auf und sah die Überschrift: »Verzweifelnde Kanzone«. Als Ambrosius das hörte, sagte er: »Dies ist das Letzte, was der Unglückselige geschrieben hat, und damit Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit dem Grabe fertig werden.«

»Ich will es gern tun«, sagte Vivaldo, und da die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten sie sich um ihn, und er las mit lauter Stimme folgendes Gedicht ab:

Sechstes Kapitel
[105] Sechstes Kapitel.

Enthält das Gedicht des in Verzweiflung gestorbenen Schäfers, nebst andern unverhofften Begebenheiten.

Kanzone des Chrysostomus
Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,
Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,
Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,
Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,
Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,
Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.
Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,
Mein Leiden, deine Taten zu besingen.
Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,
Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,
Im armen Busen seufzend widerklingen.
[106]
So höre denn und lausche meinen Tönen,
Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,
So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,
Ein rascher Wahnsinn treibt heraus die Leiden,
Zu meinen Freuden, dir zu bittern Schmerzen.
Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,
Gebrüll des Löwen, gift'ger Schuppenschlangen
Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen
Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen
Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen
Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen,
Gegirr der Witwentauben in den Klausen,
Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde
Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne
Der gattenlosen Eule, Klagetöne
Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde:
O klingt und helft mir meine Klagen weinen,
Daß alle sich zu einem Ton vereinen,
In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,
Denn diese Qual, da Herz und Sinn erstorben,
Sie muß in herben, neuen Klängen sprechen.
Nie schallten noch so Jammerklagen wider
Am weiten Strand, bespült von Tagus' Wogen,
Wo um den Ölbaum Baetis' Flut geschlungen.
Dort sollen tönen meine wilden Lieder
Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,
Mit dem lebend'gen Wort von toten Zungen;
Auch dort, im dunkeln Tal, wo nie erklungen
Ein Menschenwort, wo nie ein Gruß gesprochen,
Auch da, wo, unbesucht vom Sonnenglanze,
Nur Unkraut wuchert und die gift'ge Pflanze,
Von Ungetüm, das Nil ernährt, durchkrochen;
Wenn Widerhall in diesen Wüsteneien
Mit heiserm Ton in meinen Jammer schreien
[107]
Von deinem unerhört grausamen Sinne,
Erkundet diesen dann die weite Erde,
Im Tode werde dies mir zum Gewinne.
Verachtung tötet, durch des Argwohns herben
Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren,
Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen;
Der Liebende muß an der Trennung sterben:
Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,
Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.
Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;
Doch ich – o seltnes Wunder! – kann noch leben,
Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet
Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret,
Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.
Und unter allen Martern läßt das Hoffen
Mir nach dem Lichte keine Spalte offen;
Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;
Nein, um das Äußerste im Schmerz zu leiden,
Von ihr zu scheiden ewig, will ich schwören.
Wer kann zugleich in selbem Augenblicke
Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!
Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!
Nie tritt die Eifersucht von mir zurücke;
Schließ ich die Augen? Ist sie ja verloren,
Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?
Wie wehr ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,
Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?
Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,
Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen,
Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?
Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:
Ha! Dolche reich der Hand, die unnütz wütet;
Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.
Ich Unglücksel'ger! so der Qual erliegend,
Mit Graun besiegend höhnst du auch mein Ende.
[108]
Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,
Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben
Und meinen festen Glauben fester fassen.
Ich sehe dich für einen andern glühen,
Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,
Der niemals noch sein altes Reich verlassen:
Ich sage ja, du magst mich immer hassen,
So wie dein Körper schön ist deine Seele,
Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,
Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,
Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.
Ein starkes Seil und dieser feste Glauben
Wird endlich mir das läst'ge Leben rauben,
Zu solchem Schluß hin trieb mich dein Verschmähen,
Mag, auf die Hoffnungspalmen dort verzichtend,
Sich so vernichtend Geist und Leib verwehen.
O du, die, tötend mich in dem Verachten,
Mein Leben gibst und Kraft, so zu beginnen,
Daß ich mit Tod im eignen Herzen wüte;
Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,
Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,
Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete;
Rührt dich mein früher Tod, o so behüte
Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,
Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,
Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,
Ich weise jedes Mitleid nun zurücke.
Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,
Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen,
Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,
Ich weiß, es wird mit Lust und Stolz dich weiden,
Daß du durch Leiden endigst früh mein Leben.
So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,
Du, Tantalus, verschmachtend, von dem Pfade
O Sisyphus mit deiner Felsenmasse.
[109]
Bring Tityus deinen Geier, dich soll finden
Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,
Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.
Verbunden dann mit den Verdammten lasse
Ich meine Klagen aus, im dumpfen Leide
Vereinen sie sich all mit mir im Singen,
Dem Körper Totenopfer darzubringen,
Dem Unbegrabnen ohne Totenkleide.
Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet
Und tausend andre Larven aufgetürmet,
Sie heulen dann die trauervollen Chöre,
Der Liebende, so tot und so begraben,
Er darf nicht haben größre Totenehre.
Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,
Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,
Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke
Von jener, die sich freut der herben Plagen,
Drum ohne Klagen geht ins Nichts zurücke.

Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus, nur bemerkte der, welcher es vorgelesen, daß es ihm nicht mit dem Gerüchte von Marcellas Tugend und Sitte übereinzukommen schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht, Trennung und seinen Argwohn klagt, alles gegen den guten Ruf und die Unbescholtenheit der Marcella.

Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten Gedanken seines Freundes bekannt waren: »Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte, müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche dieses Gedicht schrieb, als er von der Marcella entfernt war, er hatte diese Trennung freiwillig erwählt, um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche Wirkung tun würde; und da entfernte Liebende von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen Zweifeln erschüttert werden, so wurde auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem Argwohn gequält, die er nicht für Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die Tugend der Marcella verkündigt; nach diesem ist sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden kann.«

»Ihr habt recht«, antwortete Vivaldo, indem er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine seltsame Erscheinung daran gehindert wurde – denn wie eine Erscheinung kam sie allen vor –, die sich unvermutet ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde, erschien die Schäferin Marcella so schön, daß der Ruf von ihrer Schönheit übertroffen wurde. Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen die Augen auf sie wie diejenigen, denen der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens ausrief: »Ha! Du kömmst wohl, schrecklicher Basiliske dieser Gebirge, um [110] zu sehen, ob deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit das Leben raubte? Oder kömmst du, um über deine grausamen Taten zu triumphieren? wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines angezündeten Roms von jener Höhe zu betrachten? oder willst du höhnend den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen, wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius tat? Sage nur schnell, was du willst oder welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß, wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen, und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch willfahren.«

»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius, führt mich her«, antwortete Marcella, »sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben, zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind, aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viele Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen. Der Himmel hat mich, wie Ihr sagt, schön geschaffen und so, daß Ihr, ohne weitere bewegende Ursache, mich meiner Schönheit wegen liebt, und die Liebe, die Ihr mir zeigt, soll, wie Ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, Euch wiederzulieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig ist; aber das ist mir unverständlich, wie die, weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben, der sie als eine Schönheit liebt; da es sich gar fügen kann, daß, der die Schöne liebt, häßlich ist, und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt es sich übel zu sagen: ›Ich verehre dich, weil du schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich häßlich.‹ Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche Schöne sich entgegenkömmt, so macht dies nicht die Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen: denn nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen das Auge, lassen aber den Willen frei, denn machten alle Reizende verliebt und fesselten sie den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener Richtung fortbewegen, ohne zu wissen, auf welchem Gegenstand sie ruhen sollten; denn wie unzählig die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig müßten auch die Wünsche sein, und doch hat man mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt Ihr meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus keiner andern Ursache, als weil Ihr, wie Ihr es sagt, mich liebt? wo nicht, so sagt, ob es, wenn der Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet hätte, recht wäre, wenn ich mich dann über Euch beklagte, daß Ihr mich nicht liebtet? wobei Ihr überdies erwägen müßt, daß ich mir meine Schönheit nicht erwählt habe, daß sie mir der Himmel ohne Bitte und Wahl nach seiner eignen Gnade verliehen hat; wie nun die Natter ohne Schuld ist, daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem fernen Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen fernbleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele schmücken und verschönen kann, warum soll die, welche Ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren, dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und List zu suchen? Frei bin ich geboren; um frei zu leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel, diesen Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung, weder dem Chrysostomus noch einem andern, gegeben, so daß man sagen kann, er sei an seinem Eigensinn, nicht an meiner Grausamkeit gestorben. Auf den Vorwurf, [111] daß seine Absichten redlich waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird, mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich ihm hier erklärte, daß meine Gesinnung ist, in ewiger Einsamkeit zu leben, und wie nur die Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung seinen Sinn behalten und gegen den Wind segelte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich ihm entgegen, so war ich falsch, hätte ich seine Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen bessern Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er verzweifelt, ohne daß er von mir gehaßt ward; wo ist nun der Grund, daß Ihr die Schuld seines Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage, der verzweifle, den ich mit falscher Hoffnung hinterging, der rede laut, den ich herbeigelockt, der höhne mich, dem ich erwiderte; aber keiner nenne mich grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche, ihn täusche, herbeirufe oder ihm Liebe erwidere. Bisher hatte es der Himmel über mich noch nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß; der Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich bewerben, jeder begreife in Zukunft, daß, wenn einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem Eifersucht geben; wie es auch unrecht wäre, diese Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir wie vor einem verderblichen und schädlichen Wesen; wer mich undankbar nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare, Grausame, diese Unerkenntliche wird keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft wünschen und auf keine Weise keinem folgen. Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus töteten, warum wird meine Ehre und Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht, daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie Ihr wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre kein fremdes; ich bin frei, und es gefällt mir nicht, untertan zu werden; ich liebe und hasse keinen; ich täusche nicht den einen, bewerbe mich nicht um den andern, scherze nicht mit diesem, lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft sind die Hirtenmädchen dieser Gegend, meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine Herde, meine Wünsche werden von diesen Bergen beschränkt; übersteigen sie diese, so geschieht es nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen, den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer ersten Heimat zurückkehrt.«

Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und verlor sich in einen nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken, ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung auf sich zu beziehen. Als Don Quixote dies bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier trefflich anzuwenden sei, in Hülfe der genotdrängten Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen und sagte mit lauter und verständlicher Stimme: »Niemand, von wessen Stand und Würden er auch sei, unterfange sich, der schönen Marcella nachzufolgen, bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine Schuld am Tode des Chrysostomus habe und wie fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer Liebhaber einzustimmen; deshalb ist es gerecht, daß, statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie als das Edelste in der Welt schätze und verehre, denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die mit so edlen Vorsätzen lebt.«

Ob es nun die Drohungen Don Quixotes oder des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles, was er [112] seinem wackern Freunde schuldig sei, noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig, und keiner entfernte sich; so ward das Grab fertiggemacht, die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt, sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius folgende Inschrift wollte eingraben lassen:


Hier liegt ein Opfer der Liebe,
Ein Schäfer vom Gefilde,
Der Grausamkeit zu milde,
Ihn tötete Unliebe.
Er starb dem mächt'gen Triebe
Zur undankbaren Schönen,
Die durch Verschmähn, Verhöhnen
Übt Tyrannei der Liebe.

Über das Grab wurden dann viele Blumen und Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius, indem sie ihm wegen seines Freundes einen Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten Vivaldo und sein Gefährte, und Don Quixote trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden, die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen, einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quixote bedankte sich für ihren Rat und ihre freundschaftliche Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern gereinigt habe, mit denen sie angefüllt sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über die Geschichte der Marcella und des Chrysostomus als auch über die Narrheit des Don Quixote. Dieser war entschlossen, die Schäferin Marcella aufzusuchen und ihr seine Dienste auf alle Weise anzubieten. Es kam aber nicht so, wie er es dachte, wie wir im weitern Verfolg dieser wahrhaften Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen wird.

Drittes Buch
Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Enthält ein unglückliches Abenteuer, welches Don Quixote begegnete, indem er einigen ungefügen Yanguesern begegnete.


Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don Quixote, nachdem er von seinen Wirten und allen übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus gegenwärtig waren, Abschied genommen, sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch wandte, in welchem sich die Schäferin Marcella verloren hatte. Als er länger als zwei Stunden nach allen Seiten suchend herumgestreift war, ohne sie zu finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches Gras bedeckte und durch die ein frischer, so angenehmer Bach floß, welches sie einlud und nötigte, hier die Stunden der Siesta zuzubringen, welche schon mit der größten Hitze einzutreten begann. Don Quixote und Sancho stiegen also ab und ließen den Esel und Rozinante nach ihrem Gelüste von dem schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den Schnappsack, und Herr und Knecht verzehrten friedlich und gesellig miteinander, was sie darin antrafen. Sancho hatte Rozinantes Füße nicht gebunden, denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten von der Weide von Kordova nicht von dem Wege rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln mittags gern an Orten stilliegen, wo sie Gras und Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don Quixote ruhte, war auch den Yanguesern sehr willkommen.

[117] Es schickte sich so, daß in Rozinante der Wunsch aufstieg, sich mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem Herrn Erlaubnis zu erbitten, sich in einen kleinen, etwas muntern Trab setzte, um mit ihnen sein Bedürfnis zu befriedigen. Diesen aber war, wie es schien, mehr an der Weide als an so etwas gelegen; sie empfingen ihn also mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den Gurt zersprengten und er nackt, ohne Sattel dastand. Was ihm aber freilich noch empfindlicher fallen mußte, war, daß die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren Stuten geschah, mit Knütteln herbeieilten und ihn mit Prügeln so bedeckten, daß er schlimm zugerichtet auf den Boden stürzte.

Don Quixote und Sancho, die die Abprügelung des Rozinante mit angesehen hatten, liefen eiligst herbei, und Don Quixote sagte zu Sancho: »Wie ich gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb wohl in der gerechten Rache beistehen darfst, die ich wegen der Befährdung Rozinantes nehmen will, die er unter unsern Augen erlitten hat.«

»Was Teufel können wir für Rache nehmen?« antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann, und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur anderthalb.«

»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quixote, zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt und angefeuert. Sogleich gab Don Quixote dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem Boden, und ebendies begegnete dem Don Quixote, ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten konnten, und das Schicksal fügte es, daß er zu den Füßen des Rozinante niedersank, der sich noch nicht hatte aufheben können; woraus man abnehmen kann, wie gewaltig die Wirkung von Krippenstangen in den Händen erzürnter Bauern ist. Als die Yangueser nun glaubten, genug und zu viel getan zu haben, trieben sie eilig die Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer in schlechtem Zustande und noch schlechterm Humore liegen.

Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa, der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr Don Quixote! ach Herr Don Quixote!«

»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don Quixote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.

»Ich begehrte, wenn's möglich wäre«, antwortete Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht ist er für zerschlagene Knochen nicht minder als für Wunden nützlich.«

»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, was ginge uns dann ab?« sagte Don Quixote; »aber ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters, Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«

»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen wir weder gehen noch stehen können?«

»In Ansehung meiner muß ich bekennen«, sagte der zerprügelte Ritter Don Quixote, »daß ich die Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind; ich glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalb gezüchtigt würde; darum, Bruder Sancho, laß dir dieses für jetzt und [118] [121]immerdar gesagt sein, weil es für unsre beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keinesweges wieder tun, sondern greife du sogleich nach deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust; kommen ihnen aber Ritter zu Hülfe, dann werde ich dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern Armes erstrecke.«

So eingebildet war der arme Mann auf die Besiegung des wackern Biscayers. Dem Sancho Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen muß; lasse es sich der gnädige Herr also ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, daß ich auch keinesweges mein Schwert ziehen werde, so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter, indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder Knecht, ohne Akzeption irgendeines Standes oder Gewerbes.«

Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne große Beschwer reden zu können, und daß sich der Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtume du dich befindest. So antworte mir doch darauf, du feiger Knecht: Wenn sich der Glückswind, der uns bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteil dreht, die Segel unsrer Entwürfe anschwellt, daß wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe, wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne und dich zum Herrn einsetzte? denn du machst es zur Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest, du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch so wenig Mut als Wille zu Gebote stehen, erlittenes Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu verteidigen; denn du mußt wissen, daß in neueroberten Reichen und Provinzen die Gemüter der Eingebornen nie so ganz beruhigt oder gänzlich auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue Herrscher Verstand habe, um sich gehörig zu betragen, und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen oder sich dagegen zu beschützen.«

»In dem, was uns jetzt zugefallen ist«, antwortete Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen; aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt, so wollen wir dem Rozinante aufhelfen, der es freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte so was nie vom Rozinante geglaubt, denn ich hielt ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr jenem unglückseligen irrenden Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln folgen sollte, die nun unsre armen Schultern haben erleiden müssen?«

»Doch sind die deinigen, Sancho«, antwortete Don Quixote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen Vorfallenheiten abgehärtet, aber da die meinigen in feinem holländischen Leinen erwachsen sind, so ist es deutlich, daß ich die Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse; und wäre es nicht, daß ich meinte – ei! was sage ich, meinen? –, ich weiß es gewiß, daß dergleichen Unannehmlichkeit notwendig [121] mit Tragung der Waffen verbunden ist und ich mich also nicht obstinieren darf, so würde ich vor bloßem Zorne augenblicklich sterben.«

Hierauf antwortete der Stallmeister: »Gnädiger Herr, da nun solche Unglücksfälle einmal das Obst und die Ernte der Ritterschaft sind, so sagt mir doch, ob sie selten oder oft eintreffen oder ob sie nur in gewissen Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, daß wir nach zwei solchen Obsternten vergeblich auf die dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hülfe käme.«

»Wißt, Freund Sancho«, sagte Don Quixote, »daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren und Unglücksfällen unterworfen ist, und auch gleicherweise ist es im augenblicklichen Bereich der irrenden Ritter, Könige und Kaiser zu werden, wie es die Erfahrung an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen hat, deren Geschichte ich umständlich weiß; wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal befunden hatten. Denn der tapfere Amadis von Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phoebus in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet habe; er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen Abgrund an Händen und Füßen gefesselt worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund, zu Hülfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl mit diesen wackern Leuten trösten, denn der Unglimpf, den sie erduldeten, war noch härter, als den wir heute haben aushalten müssen; überdies, Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat, auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen Worten: ›Schlägt ein Schuster einen andern mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz erwachsen.‹ Ich sage dieses, damit du nicht auf den Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«

»Mir ließen sie gar nicht Zeit«, antwortete Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß ich hingelegt wurde, wo ich jetzt noch liege und wo es mir keinen Kummer macht, nachzudenken, ob mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse wie meinen Schultern eingedrückt haben.«

»Du mußt dessenungeachtet erfahren, Freund Pansa, daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht verlöscht, und keinen Schmerz, den der Tod nicht vertilgt.«

»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück geben könnte als solches, wobei man warten muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht. Wäre unser Unglück doch lieber von der Art, daß wir es mit etlichen Pflastern ausheilen könnten, das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen würden, uns nur leidlich aufzuhelfen.«

[122] [125]»Höre auf damit und nimm Kraft aus deiner Schwäche, Sancho«, antwortete Don Quixote, »und so will ich ebenfalls tun, damit wir nach dem Rozinante sehen können; ich glaube, daß der Arme nicht den schlechtesten Teil unsers Unglücks genossen hat.«

»Darüber muß man sich nicht verwundern«, antwortete Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen ist, da unsre Hände und Füße es so haben entgelten müssen.«

»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine Tür offen, durch welche man sich retten kann«, erwiderte Don Quixote; »hiermit mein ich, daß dieses Tierlein uns nunmehr den Rozinante ersetzen muß, damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen Esel ritt und saß.«

»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da erzählt«, antwortete Sancho, »aber es ist doch ein großer Unterschied, ob einer so ritt und saß oder wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«

Hierauf erwiderte Don Quixote: »Die Wunden, die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, aber nehmen sie nicht; also, Freund Pansa, trachte nichts Weiteres zu erwidern, sondern, wie schon gesagt, erhebe dich lieber, so gut du vermagst, und lege mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt, und wir aus diesem einsamen Walde kommen mögen.«

»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen hören«, antwortete Sancho, »daß es für die irrenden Ritter ganz was Besonderes ist, in Einöden und Wüsteneien zu schlafen den größten Teil des Jahres, und daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«

»Dieses geschieht«, sagte Don Quixote, »wenn sie nicht weiter können oder wenn sie verliebt sind; und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem Felsen der Sonne und dem Schatten sowie allen Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte, und einer von diesen war Amadis, als er sich Schöndunkel nannte und auf dem Felsen Armut wohnte, ich weiß nicht ob acht Jahr oder acht Monate hindurch, denn hierin bin ich nicht so ganz gewiß, weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis, Buße tat, die ihm die Dame Oriana erzeigt hatte. Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe dem Esel ein ähnlicher Unfall wie dem Rozinante zustößt.«

»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen und hundertundzwanzig Flüchen und Verwünschungen über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er Anstalt und stand auf dem halben Wege, wie ein Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich war, sich gerade aufzurichten; in solcher Mühseligkeit zäumte er demnach seinen Esel auf, der sich ebenfalls bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie zum Rozinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen können, gewiß nicht hinter Sancho oder seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho packte Don Quixote über den Esel, an dessen Schweif er den Rozinante band, er selbst führte den Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den Marsch nach der Gegend an, wo er die große Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach Don Quixotes Gedanken ein Kastell war. Sancho bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quixote nein, sondern ein Kastell; ihr Streit bestand so lange, bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner ganzen Koppel hineinzog.

Zweites Kapitel
[125] Zweites Kapitel.

Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete, die er für ein Kastell hielt.


Der Schenkwirt, der Don Quixote quer über dem Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. Sancho antwortete, ihm fehle weiter gar nichts, als daß er von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, wodurch ihm die Ribben ein wenig zerschlagen worden wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie war von Natur mitleidig, und es dauerte sie das Unglück ihres Nächsten; sie nahm es also sogleich über sich, Don Quixote zu verbinden, und ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem Aussehen, stand ihr darin bei, ihren Gast zu kurieren. In derselben Schenke diente eine asturianische Magd, mit breitem Munde, flachem Hinterkopf, platter Nase, einem schielenden und einem nicht ganz gesunden Auge; die Vorzüge des Körpers ergänzten nun freilich die übrigen Fehler. Ihre Höhe von den Füßen bis zum Kopfe betrug nicht ganz vier Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte also wieder die Tochter, und beide besorgten dem Don Quixote ein elendes Bett in einem Schuppen, der, wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, dessen Bett von dem unsers Don Quixote etwas entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln und Decken seiner Maultiere bestand, doch das Lager des Don Quixote bei weitem übertraf, welches auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine Decke,[126] ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß sie Wolle waren, man dem Gefühle nach wohl für Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte zählen können, wenn man sich die Mühe hätte geben wollen.

In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don Quixote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterte, indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die Wirtin, wie Don Quixote allenthalben blutrünstig war, und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren es nicht«, sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen Flecken zurückgelassen hat«; er fuhr fort: »Seid doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch ziemlich weh tut.«

»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl auch einen Fall getan haben?«

»Das nicht«, sagte Sancho Pansa, »sondern von dem Schrecken, als ich meinen Herrn herunterfallen sah, tut mir der ganze Körper so weh, als wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«

»Das ist wohl möglich«, sagte die Tochter, »denn mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wär ich wirklich heruntergefallen.«

»Da liegt der Hund begraben«, antwortete Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern wacher, als ich jetzt bin, ebenso braun und blau wurde als mein Herr Don Quixote.«

»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische Maritorne.

»Don Quixote von la Mancha«, antwortete Sancho Pansa, »er ist ein abenteuernder Ritter und der beste und kräftigste, den man wohl seit lange hierherum in der Welt gesehen hat.«

»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die Magd.

»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur auf Erden, und morgen hat er zwei oder drei Kronen von Königreichen zu verschenken, die er seinem Stallmeister geben kann.«

»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so gewaltigen Herrn dient«, sagte die Wirtin, »daß Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft im Besitz habt?«

»Das ist noch zu früh«, antwortete Sancho, »denn es ist noch nicht länger als einen Monat, daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis jetzt haben wir noch kein so teures getroffen; auch geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und ein ganz andres findet. Das ist aber wahr, daß, wenn mein Herr Don Quixote von der Verwundung oder dem Falle wieder aufkömmt und ich davon nicht lahm bleibe, ich meine Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien vertausche.«

Dieses ganze Gespräch hörte Don Quixote sehr aufmerksam mit an; so gut er konnte, richtete er sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch glücklich preisen könnt, in dieses Euer Kastell meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, ewiglich in meinem Gedächtnisse geschrieben bleiben wird, um Euch zu danken, solange mein Leben dauern mag, und hätten die hohen Himmelsmächte es doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens sein dürften.«

[127] Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle als höflicher Dank und Gunsterbietung gemeint sein sollten; da sie aber an dergleichen Sprache nicht gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten sich, und da er ihnen ein ander Wesen schien als die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten und gingen dann fort; die asturische Maritorne verband Sancho, der dieser Aufmerksamkeit ebensosehr bedurfte als sein Herr.

Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden, daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß, sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte und ihm, soviel er nur wollte, zu Willen sein. Es war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.

Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige Bett des Don Quixote stand voran in der Mitte jenes vermaledeiten Schuppens, dicht darneben machte sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine schilfene Matte war und eine Decke, die eher das Ansehen von gekrempeltem Hanf als von Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, wie schon gesagt, aus den Sätteln und dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, deren er zwölf hatte, die spiegelblank, dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweiset, daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger und in allen Dingen überaus gründlicher Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten erhellet, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht. Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer so kurz und zusammengezogen vortragen, daß sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten Dinge im Tintenfasse zurücklassen. Tausendmal sei der Verfasser des »Tablante de Ricamonte« sowie der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt werden! Ei, mit welcher Genauigkeit beschreiben diese alle Dinge!

Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und erwartete seine höchst gewissenhafte Maritorne. Schon war Sancho bepflastert und im Bette, aber der Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht einzuschlafen, und Don Quixote hielt vor Schmerz die Augen weit offen, wie ein Hase. In der ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch kein anderes Licht weiter als eine Lampe, die in der Mitte des Eingangs aufgehängt war. Diese wundersame Stille sowie die Bilder, die unser Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern seines Unglücks, in den Gedanken hatte, bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, auf die nur irgendeine Einbildung verfallen kann. Er bildete sich nämlich ein, in ein sehr berühmtes Kastell geraten zu sein – denn, wie schon gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, in denen er herbergte – und daß die Tochter des Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgemachteste Wahrheit hielt, fing er an, sich zu ängstigen und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, doch gelobte er in seinem Herzen, keine [128] [131]Falschheit gegen seine Dame Dulcinea von Toboso zu begehen, wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra mit ihrer Dame Quintañona darbieten sollte.

Indem er noch über diesen tollen Gedanken brütete, kam die Zeit und Stunde – für ihn eine Unglücksstunde –, die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, wo die drei lagen, und suchte leise und mit bedächtigem Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum zur Tür herein, als sie auch Don Quixote bemerkte, sich im Bette trotz seiner Pflastern und den Schmerzen seiner Ribben aufrichtete und die Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau zu empfangen, die leise und schüchtern mit den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quixote, der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch der feinste und zarteste Zindel schien. Um die Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, der nach verdorbenem, abgestandenem Salate roch, war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern die Schilderungen von andern Prinzessinnen gefunden hatte, die kommen, um nach dem schwer verwundeten Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der arme Mann war auch so verblendet, daß weder die Berührung noch der Atem, noch andere Dinge, die die edle Jungfrau an sich hatte und die jedem andern als einem Eseltreiber Übelkeit erregt hätten, enttäuschen konnten, sondern ihm schien vielmehr, daß er die Göttin der Schönheit in seinen Armen halte. Sie kräftig fassend, sprach er mit verliebter und leiser Stimme folgendes: »Ich wünschte mich in einem solchen Zustande zu befinden, schöne und erhabene Dame, um für eine so übergroße Gunst zu danken, wie Ihr mir durch den Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen wollen; aber das Glück, welches nie müde wird, die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert liege, so daß, wenn ich auch gesonnen wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen Dulcinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen Beherrscherin meiner innersten Gedanken. Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet Ihr mich als keinen so blöden Ritter schauen, der ungenutzt ein so großes Glück aus den Händen ließe, welches Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen wollen.«

Maritorne war voller Verdruß und Angst, sich von Don Quixote festgehalten zu sehen, und ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden achtzugeben, bemühte sie sich stillschweigend, sich von ihm loszumachen. Der Eseltreiber, den seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten war; er hatte auch allem, was Don Quixote sagte, aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die Asturierin für einen andern verfehlt habe, ging er dem Bette des Don Quixote näher, um zu sehen, auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, hinauswollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht war, sich loszumachen, und daß Don Quixote arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und trat ihn von einem Ende zum andern in schneller Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, sondern stürzte in sich zusammen, auf [131] welches laute Poltern der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch vernommen hatte. Als die Magd ihren Herrn kommen sah, und daß er in Wut sei, kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte und in ein Knäuel drückte.

Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du, Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.« Indem ward Sancho munter, und da er die Last auf sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke, und schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei er Maritornen nicht selten traf. Als diese den Schmerz fühlte, ließ sie ihre Schamhaftigkeit fahren und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, daß er zu seinem Verdruß völlig aus seinem Schlafe wach wurde. Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen, und die beiden begannen nun die wütendste und lächerlichste Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung seiner Dame, er ließ Don Quixote und eilte dahin, wo seine Hülfe vonnöten war. Dasselbe tat der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so unbarmherzig aufeinander ein, daß, wo ein Arm hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.

Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke ein Häscher wohnte, einer von der sogenannten Heiligen alten Brüderschaft von Toledo; als dieser ebenfalls das ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete er sich mit seinem kleinen Stabe und der blechernen Amtsbüchse, trat im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im Namen der Obrigkeit! Friede im Namen der Heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf, war der gemaulschellte Don Quixote, der in seinem zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und ohne Bewußtsein lag, er fühlte mit der Hand seinen Bart und rief: »Respekt vor der Obrigkeit!« Da er aber sah, daß der, den er festhielt, nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder, in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: »Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, denn hier ist ein Mensch umgebracht!«

Dieser Ausruf erschreckte alle, und jeder ließ den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, die Magd nach ihrem Verschlage zurück, nur die beiden Unglücklichen, Don Quixote und Sancho, konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don Quixote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht, als er in sein Zimmer zurückging, er war also genötigt, nach dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.

Drittes Kapitel
[132] Drittes Kapitel.

Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeit, die den braven Don Quixote und seinen wackern Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem Unglück für ein Kastell ansah.


Um diese Zeit hatte sich Don Quixote von seiner Betäubung erholt, und mit demselben Ton der Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen Stallmeister angerufen hatte, als er im Tale der Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? Schläfst du, Freund Sancho?«

»Wie zum Henker soll ich denn schlafen?« antwortete Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich alle Teufel über mich hergemacht hätten.«

»Du kannst gewißlich versichert sein«, antwortete Don Quixote, »daß ich entweder ohne alle Kenntnisse bin oder daß dieses Kastell hier ein verzaubertes ist, denn du mußt erfahren – – – Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode aufbewahren willst.«

»Ich schwöre«, antwortete Sancho.

»Ich sage dieses nur«, fuhr Don Quixote fort, »weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemanden zu kränken.«

»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre«, entgegnete Sancho, »ich will es ja verschweigen, bis Euer Gnaden tot ist, und wollte Gott, ich dürfte es morgen schon entdecken.«

»Tue ich dir denn so viel Böses, Sancho, daß dein Wunsch meinem Leben eine so nahe Grenze steckt?«

[133] »Das ist nicht deswegen«, versetzte Sancho, »sondern es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, und da möchte ich nicht, daß sie vor dem Aufheben verfaulen möchten.«

»Es sei also, weshalb es immer sei«, sagte Don Quixote, »denn ich vertraue mehr deiner Liebe und Höflichkeit; du mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eins der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen Verstande? Was von andern verborgenen Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen vergraben lasse, um die Treue nicht zu brechen, die ich meiner Gebieterin Dulcinea von Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder vielleicht – und vielmehr ist dieses Gewißheit – weil, wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es geschah, daß eben, da ich in den süßesten und liebevollsten Gesprächen begriffen war, ohne daß ich sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen angehörte, und mir einen solchen Schlag auf den Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber der Unenthaltsamkeit des Rozinante halber uns die Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten Mohren bewacht und mir nicht zugedacht ist.«

»Und mir auch nicht«, antwortete Sancho, »denn über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, daß das mit den Krippenstangen nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen haben, was man uns gereicht hat? Euer Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in den Armen gehabt; aber ich? nichts als die kräftigsten Püffe, die ich noch zeit meines Lebens gefühlt habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglücke auf die Welt gekommen! Ich bin kein irrender Ritter und denke es auch niemals zu sein, und doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«

»Also bist du ebenfalls geprügelt?« fragte Don Quixote.

»Habe ich es denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« rief Sancho.

»Gib dich zur Ruhe, mein Freund«, antwortete Don Quixote, »denn ich will alsbald den köstlichen Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen ganz gesund machen soll.«

Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich widerwärtigen Angesichte, fragte er seinen Herrn: »Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«

»Der Mohr kann er nicht sein«, antwortete Don Quixote, »denn die Verzauberten lassen sich vor niemanden blicken.«

»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich fühlen«, sagte Sancho, »das kann mein Rücken bezeugen.«

»Das könnte der meinige ebensowohl«, erwiderte Don Quixote, »aber dieses ist dennoch kein hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten Mohren zu halten.«

Der Häscher kam näher, und da er die beiden in einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll Erstaunen still. Don Quixote lag aber immer noch mit aufgerecktem Gesichte da, weil er sich, so zerschlagen [134] [137]er war, nicht regen oder bewegen konnte. Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie steht es, mein guter Kerl?«

»Ich würde mich anständiger ausdrücken«, erwiderte Don Quixote, »wenn ich an Eurer Stelle wäre. Spricht man hierzulande so mit irrenden Rittern, Ihr Lümmel?«

Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden Menschen so schlecht behandeln sah, verlor die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an Don Quixotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß, gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für uns aber nur Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«

»So ist es«, antwortete Don Quixote, »und es ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare Phantome, so daß wir an ihnen durchaus keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf, wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarin, um den heilsamen Balsam zu verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt guttun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die mir das Gespenst geschlagen hat.« Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich Sancho und ging im Finstern hinaus; er begegnete dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit seinem Feinde ablaufen würde; zu diesem sagte Sancho: »Wer Ihr auch sein mögt, mein Herr, seid so gut und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarin, Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund zu machen, der dort im Bette schwer verwundet liegt von den Händen des verzauberten Mohren, der in der Schenke umgeht.«

Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen Unsinnigen; da es aber schon anfing Tag zu werden, machte er die Tür der Schenke auf und rief den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das Verlangte, und Sancho ging zu Don Quixote zurück, der den Kopf auf den Händen stützte und sich über den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt hatte; denn was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er wegen des überstandenen Ungewitters vergoß. Er nahm nun sogleich die Simpla, aus denen er ein Compositum machte, indem er sie zusammentat und eine gute Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen, da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu tun, mit welchem ihm der Wirt freiwillig ein Geschenk machte. Hierauf betete er über das Gefäß wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave-Marias, Salves und Credos, und bei jedem Worte machte er ein Kreuz, wie um einzusegnen; bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber war stillschweigend fortgegangen, um seine Tiere zu warten und zu versorgen.

Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen Balsams probieren, er trank also das Übriggebliebene aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen können, und es war wohl ein viertel Quart in dem Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, daß er nichts im Magen behielt, und durch diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man ihn zudecken und allein lassen solle. Sie taten es, und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte und sich so stark fühlte und seine Schmerzen so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch noch so gefährlich, bestehen könne.

[137] Sancho Pansa, der die Besserung seines Herrn auch für ein Wunder hielt, bat ihn um das, was noch im Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war; Don Quixote bewilligte ihm dieses, und er ergriff mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel als sein Herr hinunter. Der Magen des armen Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, wobei er schwitzte und sich quälte, daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte Stunde sei; und da er sich so gequält und zermartert fühlte, verfluchte er den Balsam wie denjenigen, der ihn ihm gegeben hatte. Da Don Quixote ihn in diesem Zustande sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes bedienen dürfe.«

»Wenn Ihr das wußtet«, versetzte Sancho, »warum, in 's Satans Namen, habt Ihr es mich denn kosten lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken, und der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht werden konnten. Er schwitzte und arbeitete unter solchen Beklemmungen und Martern, daß nicht bloß er, sondern alle übrigen glaubten, sein Leben ginge zu Ende. Dieses Ungewitter und Abmartern dauerte ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie sein Herr befand, sondern so zerschlagen und vernichtet, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. Don Quixote aber, der sich, wie gesagt, gesund und kräftig fühlte, wünschte, gleich abzureisen, um Abenteuer aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und die Unglücklichen, die seiner Hülfe und seines Beistandes bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, sattelte er also selbst den Rozinante und zäumte das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf ebenfalls anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte. Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff einen Bauernspieß, der in einem Winkel des Hofes stand, der ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, die in der Schenke waren, standen umher und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die Tochter des Wirtes, von der auch er wieder kein Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, schwer wie aus dem Innersten seiner Eingeweide, heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, weil ihm die Ribben sehr weh täten, wenigstens dachten so diejenigen, die ihn am vorigen Abend hatten bepflastern sehen.

Als sie nun beide beritten waren, rief er am Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen, die Unrecht erleiden, und den Übermut zu züchtigen. Sammelt Euer Gedächtnis, und wenn Ihr ein Ding der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfangen habe, Euch genugzutun und Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«

Mit eben der Feierlichkeit antwortete der Wirt: »Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu und den Hafer für die beiden Bestien sowie das Abendessen und die Betten.«

»So ist dieses wohl gar eine Schenke?« fragte Don Quixote.

»Und eine sehr vorzügliche«, antwortete der Wirt.

[138] [141]»So habe ich mich also bisher getäuscht«, erwiderte Don Quixote, »denn wahrlich, ich dachte, es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Da es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so kann hier nichts weiteres geschehen, als daß Ihr die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln, von denen ich gewiß weiß – denn bisher habe ich noch nirgend das Gegenteil gelesen –, daß sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den Schenken bezahlen, in welchen sie sich aufhielten, denn als Recht und Privilegium kommt ihnen allenthalben eine gute Aufnahme zu, zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, denen sie sich unterziehen, indem sie Nacht und Tag Abenteuer suchen, in Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und Kälte erleiden und allen Unfreundlichkeiten des Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen sind.«

»Alles das kümmert mich nicht«, versetzte der Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid, und geht mir mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem Krame gar nichts, sondern ich will das Meinige haben.«

»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!« antwortete Don Quixote und gab dem Rozinante die Sporen, schwang den Spieß und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, ohne umzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, der ihn, ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah, wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, der aber die Antwort gab, daß, da sein Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm, daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen und die Stallmeister solcher Herren sollten in zukünftigen Zeiten ihm den Vorwurf machen können, daß er ein so treffliches Privilegium gebrochen habe.

Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, drei Hechelkrämer vom Markte von Kordova und zwei Weißkäufer der Messen von Sevilla befanden, lustiges, aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes Volk, die, wie von einem Geiste zugleich angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, sie ihn darauf legten und dann die Augen in die Höhe richteten, aber bemerkten, daß die Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, zu niedrig sei; sie entschlossen sich also, in den Hof zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde. Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf und spielten so mit ihm wie mit einem Hunde im Karneval. Der arme Geprellte erhob ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines Herrn drang, der sogleich stillhielt, um aufmerksam hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte, daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister sei; sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen fand; er umkreiste sie also, um irgendeinen Eingang zu finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam – die nicht sonderlich hoch waren –, sah er das üble Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, daß er nach meiner Meinung darüber gelacht hätte, wenn sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er machte den Versuch, vom Pferde auf die Mauer zu steigen, aber er war so zerschlagen und zerstoßen, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die Sancho [141] prellten, so schreckliche Schmähungen und Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im Lachen und in ihrer Beschäftigung nicht stören, auch ließ der fliegende Sancho seine Klagen nicht, die er bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie aus bloßer Ermüdung die Sache ließen. Sie führten ihm seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, ihm mit einem Becher Wasser zu Hülfe zu kommen, das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit es um so frischer sei. Sancho nahm den Becher und setzte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho, trink kein Wasser, mein Sohn, trink es nicht, es bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam« – wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte – »mit zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund und frisch!«

Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die Schultern an und sagte unter andern härtern Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen, daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt wohl, daß ich die Eingeweide auch vollends herausspeien soll, die mir etwa noch übriggeblieben sind? Behaltet Euren Trank, in 's Teufels Namen, und laßt mich!« Und indem er diese Worte noch sprach, fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte er keine Lust fortzufahren, sondern er bat Maritorne, ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte; denn man kann mit Recht von ihr sagen, daß sie, obwohl sie nicht die Beste war, doch immer noch einige Spuren und Schatten vom Christentum behalten hatte.

Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen Esel in die Seite, und sowie das Tor der Schenke aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, daß er doch nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten seines gewöhnlichen Bürgen, nämlich seines Rückens, geschehen war. Der Wirt behielt freilich als Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. Der Wirt wollte, als er hinaus war, das Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht zu, denn diese waren Leute, die den Don Quixote, wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei Dreier achteten.

Viertes Kapitel
[142] Viertes Kapitel.

Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa mit seinem Gebieter Don Quixote führte, nebst andern Abenteuern, die der Erzählung würdig sind.


Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem Herrn, daß er kaum sein Tier forttreiben konnte. Als ihn Don Quixote sah, sagte er: »Jetzt bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß jenes Kastell oder jene Schenke verzaubert sein muß, denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster und Wesen aus einer andern Welt! Was mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer zu besteigen oder mich nur vom Rozinante herunterzuheben, weil sie mich gleichfalls bezaubert hatten. Denn ich schwöre dir, so wahr ich der bin, der ich bin, hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes hätten gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines Lebens und seiner Person oder im dringendsten Falle der Not tut.«

»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht imstande; dabei aber glaube ich immer noch, daß die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster oder verzauberte Menschen waren, wie Euer Gnaden sagen, sondern Menschen von Fleisch und Bein wie wir, [143] auch habe ich sie alle, als sie mich in die Luft schmissen, bei ihrem Namen nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der andere Tenorio Hernandez und der Wirt Hans Palomeque der Link'sche; so, gnädiger Herr, seid Ihr auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde heruntersteigen konntet, sondern was ich davon halte, ist, daß, wenn wir weiter so nach Abenteuern herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das klügste und beste wäre nach meinem Verstande, jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserm Dorfe zurückzugehen und nicht so von Herodes nach Pilatus und aus dem Regen in die Traufe zu rennen.«

»Wie wenig verstehst du, Sancho«, antwortete Don Quixote, »von den Elementen der Ritterschaft! Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen, läßt sich der Freude irgend etwas anderes vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich, nichts anderes kommt diesem bei.«

»Das mag wohl sein«, antwortete Sancho, »doch kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das, daß, seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr Ihr es seid – denn ich darf mich nicht zu so trefflichen Herren rechnen –, wir noch keine einzige Schlacht gewonnen haben, außer der mit dem Biscayer, und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre und zerschlagenem Helme durch; seitdem aber hat es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe gegeben, ich bin zum Überschuß noch geprellt, und obendrein von verzauberten Personen, an denen ich keine Rache nehmen kann, um schmecken zu können, wie köstlich es sei, einen Feind zu überwinden, wovon Ihr so viel Wesens macht.«

»Dieses ist es, was mich verdrießt und was dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho«, antwortete Don Quixote; »aber ich will von nun an streben, mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben, daß derjenige, welcher es führt, keiner Art von Bezauberung unterworfen ist; das gute Glück kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände spielen, als er sich den Ritter des brennenden Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen kann, denn außer obgenannter Tugend schnitt es so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung, so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte ihm Widerstand leisten.«

»Ich bin ein solches Glückskind«, sagte Sancho, »daß, wenn sich's nun auch so schickt und Euer Gnaden ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder, wie der Balsam, für einen geschlagenen Ritter was taugen wird, der Stallmeister aber nur am Jammertuch zu saugen hat.«

»Fürchte dieses nicht, Sancho«, antwortete Don Quixote, »der Himmel wird es besser mit dir meinen.«

Unter diesen Gesprächen zog Don Quixote mit seinem Stallmeister fort, als Don Quixote mit einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte, die ihm auf seinem Wege entgegenzog; sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sag ich dir, an dem sich mehr als an irgendeinem andern die Tapferkeit meines Armes kundgeben wird, an welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte eingeschrieben werden sollen. Siehst du jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt? Ein unzähliges Heer erregt sie, welches, aus verschiedenen und zahlreichen Völkern geworben, uns von dort entgegenzieht.«

»So müssen es zwei sein«, sagte Sancho, »denn von der andern Seite steigt eben ein solcher großer Staub auf.«

Don Quixote drehte sich um und sah, daß es wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der großen [144] Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit, Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und tat, schloß sich diesen Dingen an; die Staubwolken, die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen und Hämmeln, die auf demselben Wege von zwei verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so bedeckte, daß man sie nur sehen konnte, wenn sie ganz nahe waren; Don Quixote aber behauptete so kräftig, daß es Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber dabei tun, gnädiger Herr?«

»Was?« rief Don Quixote aus, »den Unterdrückten und Hülfsbedürftigen Beistand leisten! Du mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando des großen Kaisers Alifanfaron stehen, Herrn der großen Insel Trapobana; jener aber, der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«

»Warum sind sich aber diese Herren so böse?« fragte Sancho.

»Sie sind sich deshalb böse«, antwortete Don Quixote, »weil jener Alifanfaron ein verstockter Heide ist, dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt, die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige Dame und eine Christin ist, ihr Vater will sie aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«

»Bei meinem Bart«, sagte Sancho, »Pentapolin tut recht, und ich will ihm dazu helfen, soviel in meinen Kräften steht.«

»So handelst du, wie du mußt, Sancho«, sagte Don Quixote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, braucht man den Ritterschlag nicht erhalten zu haben.«

»Das trifft sich ja gut«, antwortete Sancho, »aber wo lassen wir den Esel so lange, wo wir ihn wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«

»Du hast recht«, sagte Don Quixote, »was du mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder nicht, denn sobald wir nur Überwinder sind, werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten, daß selbst Rozinante Gefahr läuft, gegen ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten Ritter kenntlich machen, die sich in diesen beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser sehen und bemerken könnest, so wollen wir uns auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir beide Heere genau beobachten können.«

Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don Quixote zwei Armeen waren, gut genug hätte sehen können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, was er nicht wirklich sehen konnte, und fing nun mit erhobener Stimme also an: »Jenen Ritter, den du in gelber Rüstung siehst und der in seinem Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfre Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten Timonel von Carcajona, Herrn des neuen Biscayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen [145] Farben prangt, mit blau, grün, weiß und gelb, in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, nämlich Miau, als den Anfang des Namens seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die Tochter des Herzogs Marzipano von Algarbien. Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren Rosses belastet und dessen Rüstung so weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen Fersen in die Seiten des bunten und gewandten Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde eine Spargelstaude führt, mit der Unterschrift:Mein Glück steht niedrig.«

So nannte er noch viele Ritter von einer wie von der andern Heerschar, die er sich einbildete, allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen, Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte; er fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind die, welche die süßen Gewässer des berühmten Xanthus trinken, die Bergumschlossenen, die die massilischen Gefilde betreten, diejenigen, die das feine und reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten, die, welche die berühmten und frischen Wasser des klaren Thermodon genießen, jene, die in Kanälen nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden Pactolus leiten, die Numidier dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther und Meder, die im Fliehen streiten, die Araber, deren Wohnung veränderlich, die Scythen, die ebenso weiß als grausam, die Äthiopier, deren Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren Namen ich mich aber nicht erinnere. In jener Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen Gewässer des ölbekränzten Baetis trinken, die Männer, die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen, goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen Wasser des göttlichen Genil genießen, die die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen, diejenigen, die sich auf den himmlischen xerenischen Wiesen ergötzen, die Manchaner, reich und bekrönt von rötlichen Kornähren, die dort mit Erz bekleidet, Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen, die sich im Pisuerga baden, berühmt wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten Guadiana weiden, der berühmt ist wegen seines verborgenen Laufes; jene, die im Frost der beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern; kurz, alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in sich faßt und begreift.«

Hilf, Himmel! Wie viele Provinzen nannte er noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden Attribute erteilte, trunken und entzückt von dem, was er in seinen lügenhaften Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über diese Reden verwundert, ohne ein Wort zu sagen, er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr aufzählte, nicht erblicken möchte, da er aber durchaus keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß wohl wieder alles Verzauberung sein, wie mit den Gespenstern voriger Nacht.«

»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quixote, »hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«

»Ich höre nichts weiter«, antwortete Sancho, »als vielfaches Blöken von Schafen und Hammeln.« Und dies war es auch, denn die beiden Herden waren nun ziemlich nahe gekommen.

»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quixote, »macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht besteht darin, die Sinne zu verwirren und dadurch die Dinge [146] [149]anders erscheinen zu lassen, als sie in der Tat sind; trägst du also so große Bangigkeit, so abseitige dich und laß mich allein, denn allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit diesen Worten gab er dem Rozinante die Sporen, die Lanze in ihrem Haken unter dem Harnisch eingelegt, schoß er wie ein Blitzstrahl von dem Erdhügel herunter. Sancho schrie laut und rief: »Haltet doch, mein gnädiger Herr Don Quixote, ich schwör's zu Gott, Hämmel und Schafe sind das, was Ihr angreifen wollt! Haltet! O ich armseliger, unglücklicher Kerl! Was sind das für Tollheiten! Da ist ja kein Riese, kein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. Was, um 's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge vor? Das ist ja um des Teufels zu werden!«

Aber Don Quixote hielt deshalb nicht an, sondern rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, Ihr Ritter, die Ihr unter den Fahnen des tapfern Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel streitet, folgt mir alle; und Ihr sollt sehen, wie leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach, stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, als wenn er wirklich mit Todfeinden zu kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also verfahren möchte, da sie aber sahen, daß sie damit nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern und begannen, seine Ohren mit Steinen, wie die Faust so groß, anzureden. Don Quixote kümmerte sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du, stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen kann, als vergeltende Schmach, die du dem tapfern Pentapolin Garamanta erweisest.« Indem flog ein steinerner Nußkern herbei, der ihn in die Seite traf und zwei Ribben hineinschlug. Wie er diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot oder schwer verwundet, gedachte seines Getränks, nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken, als ihm nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten; sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben beliefen, und so entfernten sie sich, ohne etwas anderes abzuwarten.

In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß sich den Bart aus, indem er die Stunde und den Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Da er nun sah, daß er auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand ihn in einem sehr schlimmen Zustande, ob er gleich noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte ich's Euch nicht, mein Herr Don Quixote, daß Ihr halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«

»So hat sie also doch der Bösewicht, der mir feindliche Weise, entstellen und umwandeln können! Du mußt wissen, Sancho, daß es dergleichen Wesen etwas leichtes ist, alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht, so tue, Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit du deines Irrtums loswerdest und merkest, wie ich die Wahrheit rede: Besteige deinen Esel und reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß, sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hämmel [149] mehr sind, sondern Menschen so recht und gerecht, wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hülfe und Liebe: Komm her und sieh, wie viele Backen- und Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte ich keinen einzigen im Munde behalten.«

Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, indem der Balsam schon im Magen Don Quixotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er in sich führte, und alles in den Bart des mitleidigen Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen? Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.« Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe und Geruch merkte, daß es kein Blut, sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er wiederum vollständig seinen Herrn bespie, worauf sie sich beide wie Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen, sich abzutrocknen und seinen Herrn zu verbinden; da er aber diesen nicht fand, war er im Begriff, den Verstand zu verlieren. Er verfluchte sich von neuem und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der versprochenen Insel verlieren sollte.

Jetzt erhub sich Don Quixote, steckte die linke Hand in den Mund, um zu hindern, daß ihm die Zähne völlig ausfallen möchten, und mit der andern faßte er die Zügel des Rozinante, der sich nicht von der Seite seines Herrn gerührt hatte – so redlich und schön war sein Gemüt –, und ging zu seinem Stallmeister, der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken ist. Als Don Quixote diese Zeichen einer so gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse, Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer; alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, daß sich das Wetter bald aufheitern muß und daß unsre Sachen zum Glücke ausschlagen müssen, denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück überstanden, das Glück uns nahe sein muß. Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«

»Also nicht?« antwortete Sancho; »war denn der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich in eigner Person? Und der Schnappsack, der heute mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört wohl einem andern als mir?«

»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don Quixote.

»Freilich ist er weg«, antwortete Sancho.

»Auf diese Weise haben wir heute nichts zu essen«, erwiderte Don Quixote.

»So träfe es zu«, versetzte Sancho, »wenn hier auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«

»Mit alledem«, antwortete Don Quixote, »wäre mir jetzt ein Laib Brot oder ein Stückchen Hering unendlich lieber als alle Kräuter, die Dioskorides beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, Sancho, mein Getreuer, und folge mir: denn Gott, der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der Luft, die Gewürme der Erde und die kleineren Kreaturen der Flut; seine Güte läßt die Sonne über Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten und Ungerechten.«

[150] »Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum Prediger als zum irrenden Ritter.«

»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles und müssen alles verstehen«, antwortete Don Quixote, »denn ein irrender Ritter aus den verflossenen Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem Felde halten können, so gut, als wenn er auf der Universität Paris den Gradus empfangen hätte; woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«

»Es geht so, wie Euer Gnaden sagt«, antwortete Sancho, »wir wollen weiter und für die Nacht ein Unterkommen suchen, und Gott möge uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte Mohren, denn wenn uns das wiederkömmt, so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«

»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quixote, »und nimm du selbst den Weg, welchen du willst, denn dieses Mal soll es auf deiner Wahl in Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der obern Kinnlade fehlen, denn dort fühle ich den Schmerz.«

Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«

»Vier«, antwortete Don Quixote, »außer dem Weisheitszahn alle vollständig und ganz gesund.«

»Bedenkt wohl, was Ihr sagt, mein gnädiger Herr«, antwortete Sancho.

»Vier sag ich oder gar fünf«, erwiderte Don Quixote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder Flüssen ausgefallen.«

»Hier auf der untern Kinnlade«, sagte Sancho, »habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in der obern aber keinen halben und keinen ganzen, denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«

»O ich Elender!« rief Don Quixote aus, als ihm sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, »ich hätte lieber einen Arm hingegeben, nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Mühle ohne Stein, und ein Zahn ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber allem diesen sind die unterworfen, die wir uns zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich will dem Wege folgen, den du aussuchst.«

Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er eine Herberge erwartete, ohne die große Heerstraße zu verlassen, die dort ohne Häuser oder andere Unterbrechung fortging. So zogen sie langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte Don Quixote nicht, still zu sein oder sehr zu eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung und Ergötzung zu verursachen, und unter andern Dingen, die er vortrug, war auch das, was man im folgenden Kapitel erzählen wird.

Fünftes Kapitel
[151] Fünftes Kapitel.

Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichname begegnete, und andere große Begebenheiten.


»Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, auf keinem Tischtuche zu essen und nicht mit der Königin Euch zu ergötzen, nebst allem übrigen Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem Schandriem, oder wie der Mohr sonst heißen mag, denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«

»Sehr hast du recht, Sancho«, antwortete Don Quixote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war meinem Gedächtnisse entfallen, und du kannst ebenfalls vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen hat. Aber ich will es wiedergutmachen, denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle Dinge Mittel.«

»Aber hab ich denn, um Gottes willen, etwas beschworen?« fragte Sancho.

»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen hast«, antwortete Don Quixote, »genug, daß ich der Meinung bin, daß du als Mitwissender nicht ganz sicher bist; es mag nun aber sein oder nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu denken.«

»Wenn die Sachen so stehen«, sagte Sancho, »so trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso [152] wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß zu machen, und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«

Unter diesen und andern Gesprächen überfiel sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht einkehren möchten; das schlimmste aber war, daß sie fast vor Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden, und um ihr Unglück vollständig zu machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der Tat und ohne künstliche Nachhülfe eins war; die Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg fort, denn Sancho glaubte, in zwei oder drei Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie sich auf dem großen Wege befanden.

Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf der nämlichen Straße eine Menge von Lichtern entgegenkam, die Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, indem er es bemerkte, und dem Don Quixote war es nicht ganz heimlich; jener zog den Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes an, und so standen sie beide und schauten aufmerksam hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie Espenlaub zu zittern, und dem Don Quixote richteten sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«

»Ach, ich Unglückskind!« antwortete Sancho, »wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, um alles auszuhalten?«

»Seien es immerhin Gespenster«, sagte Don Quixote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß sie dir nur ein einziges Haar krümmen; trieben sie jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte ausholen kann.«

»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und kraftlos machen, wie sie schon sonst getan haben«, sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei sein oder nicht?«

»Sei es, wie es will«, versetzte Don Quixote, »so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu fassen, denn die Erfahrung wird dir den meinigen zeigen.«

»Ich will ihn fassen, wenn es Gott so gefällt«, antwortete Sancho. Zugleich stellten sie sich auf die Seite des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, was das doch mit den wandernden Lichtern sein möchte, und so entdeckten sie nach und nach viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte, als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte, in welchem sie die Gegenstände genauer erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl zwanzig, in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden Fackeln in den Händen, hinter denen eine Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt – denn daß es keine Pferde waren, sah man an dem langsamen Gange –; die in den weißen Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher Stimme.

Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend, das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, auch selbst das seines Gebieters, und Don Quixote gab auch der Furcht ein wenig Raum, als Sancho schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen war; der Gebieter aber ermunterte sich bald, der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, wie dieses eins von den Abenteuern aus seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken die Trage zu einer [153] Totenbahre, auf welcher sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei; er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, setzte sich im Sattel fest und lagerte sich dann mit edler Haltung und Gebärde in die Mitte des Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbeimußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter, wer Ihr auch sein möget, Rechenschaft zu geben, wer Ihr seid, woher Ihr kommt, wohin Ihr geht, wer derjenige ist, den Ihr auf der Bahre mit Euch führt, denn nach dem äußern Anscheine habt Ihr Unrecht entweder verübt oder erlitten, und es geziemt sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um Euch für das Unheil, welches Ihr gestiftet, zu züchtigen oder Euch für die Ungebühr zu rächen, die man an Euch verübt.«

»Wir haben Eile«, antwortete einer von den Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß wir uns nicht aufhalten können, die umständliche Rechenschaft zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort wurde von Don Quixote höchlich übel empfunden, er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und seid etwas mehr sittig und gebt mir die Rechenschaft, die ich verlange, oder ich muß Euch insgesamt bekämpfen.« Das Maultier war scheu und erschrak so sehr, als es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen sah, schimpfte hierauf auf Don Quixote; dieser, schon im Zorn entbrannt, legte alsbald seinen Spieß ein, stürzte auf einen der Schwarzverhüllten und warf diesen schwer verwundet zu Boden; nun machte er sich an die übrigen, und es war eine Freude zu sehen, wie gewandt und schnell er alle angriff und auf sie einhieb, so daß es schien, als wenn in diesem Augenblicke an Rozinante Flügel gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät war sein Betragen. Die in den Hemden waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen also sogleich ohne Widerstand den Kampf und flüchteten mit den brennenden Fackeln über das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen Nacht aufführen wollten. So konnten sich auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don Quixote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm erschreckt gern das Feld ließen, denn sie alle hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte bei sich selber: Gewiß ist doch mein Herr so tapfer und gewaltig, wie er immer sagt. Eine brennende Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quixote zuerst vom Maultiere geworfen, bei ihrem Scheine ersah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die Spitze des Spießes ins Gesicht und verlangte, daß er sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen solle, worauf der Liegende antwortete: »Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht umzubringen, Ihr würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, denn ich bin ein Lizentiat und habe die ersten Weihen.«

»Welcher Teufel führt Euch denn hierher«, sagte Don Quixote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«

»Kein Teufel, gnädiger Herr«, versetzte der Gefallene, »sondern mein Unstern.«

»Noch ein größerer ist über Euch verhängt«, sagte Don Quixote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf meine anfängliche Frage genugtut.«

»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten genugtun«, antwortete der Lizentiat, »und also müßt Ihr wissen, daß, ob ich gleich sagte, ich sei Lizentiat, ich doch nur Baccalaureus bin und Alönzo Lopez heiße; ich bin aus Alcovendas und komme jetzt mit eilf andern Priestern, die mit ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir wollen nach der Stadt Segovia und führen einen Leichnam, der auf jener Bahre [154] liegt, einen Ritter, der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward, und dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis nach Segovia führen, in welcher Stadt er geboren ist.«

»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don Quixote.

»Gott, vermittelst eines tödlichen Fiebers, welches er ihm schickte«, antwortete der Baccalaureus.

»So hat mich also«, sagte Don Quixote, »der Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte, da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, so kann ich nichts tun als schweigen und die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn er mich selber erschlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter aus la Mancha bin, Don Quixote genannt, dessen Amt und Beruf es ist, durch die Welt zu ziehen, um Ungeradheiten geradezumachen und allen Beschwerden abzuhelfen.«

»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen heißt«, sagte der Baccalaureus, »denn was mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht zeit meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird zu stehen kommen.«

»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quixote, »geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr Baccalaureus Alonzo Lopez, war, daß, wie Ihr so durch die Nacht zogt mit Euren Umhängseln und den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalb konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen, Euch anzugreifen, und ich hätte Euch angegriffen, wenn ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seid, als wofür ich Euch ansah und hielt.«

»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen hat«, sagte der Baccalaureus, »so bitte ich nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch unter dem Maultier hervorzuhelfen, denn das eine Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«

»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander«, antwortete Don Quixote, »warum wartet Ihr so lange, mir Eure Bedrängnis zu sagen?« Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen Küchenesel abzupacken, den die wackern Herren trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel und stopfte, soviel er nur mochte und konnte, in diesen Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem Herrn Baccalaureus unter dem Maultiere hervorhalf, ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel reichte. Don Quixote sagte ihm hierauf, daß er sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, die er seinerseits, der Beschwer halber, um Verzeihung bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: »Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer der tapfre Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte Don Quixote von la Mancha, der sich mit einem anderen Namen nennt der Ritter von der traurigen Gestalt.«

Hiermit entfernte sich der Baccalaureus, und Don Quixote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch sagen«, antwortete Sancho; »ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die jener Übelfahrende trug, und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«

[155] »Es ist nicht dieses«, antwortete Don Quixote, »sondern dem Weisen, dem es aufbehalten ist, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, daß es gut sei, wenn ich mir noch einen andern Beinamen erwählte, wie es alle Ritter der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser der vom Vogel Phoenix, ein anderer der Ritter vom Greifen, noch ein anderer der des Todes, und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie auf der Fläche der ganzen Erde bekannt; also, sage ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, und damit sich ein solcher Name noch besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«

»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit und Geld wegzuwerfen«, sagte Sancho, »sondern was Ihr tun könnt, ist, Eure eigne Gestalt sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten, Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann nichts, denn ohne ein andres Bild oder Inschrift werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich versichere Euer Gnaden – das sage ich aber, um zu spaßen –, daß der Hunger und die ausgeschlagenen Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben, daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei gar wohl entbehren könnt.«

Don Quixote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, nahm sich aber doch vor, sich bei diesem Namen zu nennen, so wie er sich auch nach seinem Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die Hände gewaltsamer Weise an ein Mitglied der Kirche gelegt, iuxta illud: ›si quis suadente diabolo‹ etc., aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern nur diesen Spieß angelegt, wobei ich überdies glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt, sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht, so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Ruy Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen Gesandten in Gegenwart des Heiligen Vaters, des Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte, der wackre Rodrigo de Vivar aber an jenem Tage sich doch als ein geehrter und tapfrer Ritter betrug.«

Der Baccalaureus hörte dieses mit an und zog hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas zu antworten. Don Quixote wollte nun nachsehen, ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen habe, am allerschönsten beendigt. Diese Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen sind, könnten darauf kommen, daß sie doch nur von einem einzigen Manne überwunden wären, deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren und uns suchen, um uns noch das Nötige beizubringen. Der Esel ist, wie er nur sein muß, das Gebirge nahe, der Hunger groß, das beste wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig zurück, und so gehe denn, wie man sagt, der Tote zu Grabe, der Lebendige zu Brot.« Mit diesen Worten trieb er seinen Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren noch nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als sie sich in einem geräumigen und abgelegenen Tale befanden, wo sie stillhielten und Sancho seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, vollbrachten sie nun mit der Würze des Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die Herren Geistlichen des Verstorbenen – die selten ohne Versorgung sind – auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, die Sancho für die schlimmste von [156] allen hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß zu machen; so vom Durst gepeinigt, sagte Sancho, da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem frischen Grase bedeckt sah, was man im folgenden Kapitel erfahren wird.

Sechstes Kapitel
[157] Sechstes Kapitel.

Von dem niemals erhörten und nie gesehenen Abenteuer, welches kein weltberühmter Ritter in der ganzen Welt jemals mit weniger Gefahr vollbracht, als es vom tapfern Don Quixote von la Mancha vollbracht wurde.


»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, als daß hierherum eine Quelle oder ein Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir etwas weiter gingen, damit wir irgendwas antreffen, womit wir diesen schrecklichen Durst löschen könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch mehr als der Hunger peinigt.«

Dieser Rat schien dem Don Quixote gut, er nahm also den Rozinante beim Zügel, Sancho nahm seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel ihres Nachtessens geladen wurden, und so zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis der Nacht war so groß, daß sie nichts sehen und unterscheiden konnten. Sie hatten noch keine zweihundert Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen war ihnen sehr erfreulich, und sie hielten still, um zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, das ihnen die Freude über das Wasser zu Wasser machte, dem Sancho besonders, der von Natur furchtsam und kleinmütig war; sie hörten nämlich, wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten zugleich mit einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, hätte jedes andre Gemüt als das des Don Quixote mit Furcht erfüllt. [158] Die Nacht war, wie gesagt, dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, still und schauerlich rauschten, so daß die Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht und Grausen erwecken durften, um so mehr, da die Schläge nicht aufhörten, der Wind nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in der sie sich befanden; doch Don Quixote, angefrischt von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rozinante, nahm den Schild, faßte den Bauernspieß und sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich durch Gunst des Himmels geboren bin, um in dieser unsrer Ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches man nur das von Gold oder das Goldne zu nennen pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind; ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phoebus und die Belianis' in Vergessenheit bringen, samt der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserm gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher Stallmeister, wohl die Finsternisse dieser Nacht, die wundersame Einsamkeit, dieses dumpfe, verwirrende Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das hernieder zu stürzen und zu brausen scheint von den hohen Mondgebirgen, samt dem unaufhörlichen Schlagen, das unsre Ohren trifft und sie verwundet; welche Dinge zusammen, ja jedes für sich hinreichend, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der Brust des Mars einzuflößen, wieviel mehr dem Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen Begegnisse und Abenteuer. Alles aber, was ich dir geschildert, sind ebenso viele Erwecker und Entzünder meines Mutes, so daß mir das Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den furchtbarsten Schwierigkeiten entge gen. Darum also ziehe dem Rozinante den Sattelgurt ein wenig zusammen und lebe wohl, erwarte mich hier drei Tage und nicht länger; wenn ich in so vieler Zeit nicht zurückkehre, magst du nach unsrer Heimat zurückkehren und von dort, um mir Liebe zu erzeigen und etwas Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulcinea, verkündigen, daß der ihr ergebene Ritter umgekommen sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«

Als Sancho diese Rede seines Herrn hörte, fing er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, wir können ja schnell umlenken und der Gefahr aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund und frei aus dem Treffen mit der großen Schar kamt, die den Verstorbenen begleitete; rührt und bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern dachte; aber freilich, allzuviel zerreißt den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in die Brüche gefallen, denn als ich es nun am nächsten glaubte, die fatale und vermaledeite [159] Insula zu bekommen, die Ihr mir so oft versprochen habt, sehe ich, daß Ihr mich statt des Lohns und statt aller Bezahlung an einem wüsten Orte fallenlassen wollt, den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend Gotteswillen, gnädiger Herr, erzeigt mir nicht eine so fürchterliche Ungebühr, oder wenn Ihr denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch dieser Tathandlung zu unterfangen, so wartet doch wenigstens bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn der Kopf des Kleinen Bären steht ganz gerade über uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der Linie linker Hand befindet.«

»Wie kannst du, Sancho«, antwortete Don Quixote, »diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr werden, wovon du sprichst, da die Nacht so finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel scheint?«

»Freilich ist kein Stern da«, sagte Sancho, »aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit vom Tage sein kann.«

»Dem sei, wie ihm wolle«, antwortete Don Quixote, »man soll weder jetzt noch jemals von mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht schuldig bin; also bitte ich dich, Sancho, ruhig zu sein, denn der Gott, der es mir ins Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit trösten; was dir jetzt obliegt, ist, dem Rozinante den Sattelgurt fest zu machen und dann hier zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder tot, zurück.«

Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, entschloß er sich, sich seiner Klugheit zu bedienen und zu machen, wenn es möglich sei, daß er den Tag erwarten müsse; indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, band er zugleich sacht und unvermerkt mit dem Stricke seines Esels dem Rozinante beide Beine zusammen, so daß Don Quixote, als er fortreiten wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte er: »Seht, gnädiger Herr, wie, von meinen Tränen und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, daß sich Rozinante nicht bewegen kann, wollt Ihr nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt, gegen den Stachel lecken.«

Don Quixote wollte hierüber verzweifeln, denn je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig zu bleiben und zu warten, ob entweder der Tag anbrechen oder Rozinante berühriger werden möchte, weil er gewiß die Schuld jeder andern Ursache, nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß; er sagte also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rozinante sich nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, ob ich gleich darüber weine, daß sie ihre Ankunft verzögern wird.«

»Ihr braucht nicht zu weinen«, antwortete Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, das Euch bevorsteht, anfassen könnt.«

»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte Don Quixote, »gehöre ich denn etwa zu jenen Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf du, der du zum Schlafen geboren bist, oder tue, was du willst, ich werde meinerseits das tun, was meiner Würde am besten zusteht.«

»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt.« Zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, ohne es zu wagen, [160] [163]sich einen Fingerbreit zu entfernen: solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, die unaufhörlich abwechselnd erklangen.

Don Quixote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen habe, worauf Sancho erwiderte, daß er es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel dazu kommen ließe. »Aber ich will mich dennoch anstrengen, eine Historie vorzutragen, die, wenn mir die Erzählung gelingt und ich schwarz und weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor allen andern die schönste Historie ist; nun aber gebt acht, denn ich fange an.

Es war das, was war, das Gute, das uns kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr, wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer Sentenz des römischen Katers Censor, welcher sagt, das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht, welches sich hier paßt wie der Schuh auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig halte und nirgend hingehe, um das Schlimme zu suchen, sondern daß wir lieber einen andern Weg einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja, diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken auf uns lauern.«

»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung«, sagte Don Quixote, »aber für den Weg, den wir zu verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«

»Ich sage also«, fuhr Sancho fort, »daß in einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt, die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten, und dieser reiche Hirte – – –«

»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho«, sagte Don Quixote, »und immer zweimal das eben Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«

»Gerade so, wie ich erzähle«, antwortete Sancho, »werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt, ich kann sie auch nicht anders erzählen, und es ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue Sitten aufbringen soll.«

»Sprich, wie du willst«, antwortete Don Quixote; »da es das Schicksal einmal will, daß ich dir zuhören muß, so fahre nur fort.«

»Also denn, mein allerliebster Herr«, fuhr Sancho fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes, unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu sehen glaube.«

»So hast du sie also gekannt?« fragte Don Quixote.

»Ich habe sie nicht gekannt«, antwortete Sancho, »aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen und schwören könnte, wie ich selber alles mit meinen Augen gesehen hätte. Also denn, wie nun so Tage gingen und Tage kamen, richtete es der Teufel, der niemals schläft und alles durcheinanderrührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen verkehrte; und die Ursache davon war, wie die bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben hatte, die wirklich über die Schnur und ins Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden. Wie nun [163] Torralva merkte, daß sie von Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«

»So ist der natürliche Charakter der Weiber«, sagte Don Quixote, »diejenigen zu verachten, die sie lieben, und diejenigen zu lieben, von denen sie gehaßt werden. Aber fahre fort, Sancho.«

»So kam es denn«, sagte Sancho, »daß der Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf den Weg durch die Felder von Estremadura, um von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen. Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem, einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und noch eine kleine Flasche mit weißer Schminke fürs Gesicht. Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie will, bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und dieser war gerade sehr gestiegen und beinahe übergetreten, und auf dem diesseitigen Ufer war kein Schiff oder Kahn, so daß sowenig er wie seine Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er sah schon die Torralva dicht hinter sich herkommen, die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange um, bis er endlich einen Fischer sah, der nicht weit davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine Ziege stehen konnten, er nahm aber darum doch mit diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege über, er kam zurück und setzte eine andere über, er kam nochmals zurück und setzte noch einmal eine andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, so ist die Geschichte zu Ende, und es ist nachher nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu erzählen. Ich fahre also nun fort und sage, daß der Landungsplatz auf der andern Seite voller Schmutz und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit Anlanden und Abstoßen verlieren mußte; aber doch kam er nun nach einer andern Ziege wieder, und nochmals fuhr er eine über und noch einmal.«

»Erzähle die Geschichte nun so«, sagte Don Quixote, »daß sie schon alle übergesetzt sind, nicht aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt haben.«

»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« fragte Sancho.

»Das mag der Teufel wissen«, antwortete Don Quixote.

»Da haben wir's nun, wie ich sagte, wie Ihr sie genau zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte ist nun so völlig aus, daß ich nichts weiter erzählen kann.«

»Wie kann dies sein?« antwortete Don Quixote, »ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«

»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, wie viele Ziegen nun übergesetzt wären, und Ihr mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, so entfiel mir in demselben Augenblicke alles, was noch übrig war, und wahrhaftig, das war von nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«

»Auf die Weise«, sagte Don Quixote, »ist nun die Geschichte aus?«

»Aus wie die Kirche«, sagte Sancho.

»Wahrlich«, antwortete Don Quixote, »du hast da eins der originellsten Märlein, Erzählungen oder Historien vorgetragen, was kein anderer Mensch auf der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, [164] es vorzutragen und abzubrechen, ist noch niemals in allen Zeiten gehört und gesehen worden; wenn ich gleich nichts Besseres von deinem Verstande erwartete. Ich darf mich aber hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«

»Das mag alles sein«, antwortete Sancho, »das weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten Ziegen einen Fehler macht.«

»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo sie nur Lust hat«, sagte Don Quixote, »sehen wir lieber zu, ob sich Rozinante bewegen kann.« Er gab ihm also wiederum die Sporen, und wiederum machte jener Sprünge und blieb auf demselben Flecke; so meisterhaft war er festgebunden.

Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein mochte – und dieses scheint am glaubwürdigsten –, genug, es kam ihm der Wunsch und das Begehren an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun konnte; aber die Furcht, die in sein Herz Eingang gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen Fingerbreit von seinem Herrn zu entfernen getraute; aber der Vorsatz, das nicht auszurichten, wozu er Lust hatte, war ebenso unmöglich; was ihm also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb, war, daß er seine rechte Hand von dem Hinterteile des Sattels herunternahm und mit dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte Schleife löste, die ganz allein und ohne irgend andern Beistand seine Hosen in die Höhe hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife plötzlich niederfielen und ihm wie Fußschellen blieben; worauf er denn das Hemd bestmöglichst erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile reckte, die nicht unansehnlich waren. Dieses vollbracht – womit er glaubte das meiste vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst und Not zu kommen –, zeigte sich eine andere, größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen zum Trotz war er so unglücklich, daß er demnach und unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr verschieden von jenem, welches ihn in so große Furcht versetzte. Don Quixote vernahm es und sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?« – »Ich weiß nicht, gnädiger Herr«, antwortete dieser, »es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle wie Unglücksfälle fangen niemals um ein Kleines an.« Wiederum versuchte er nun sein Glück, und es gelang ihm so gut, daß, ohne größeres Geräusch und Aufsehen als das vergangene, er sich von der Last befreit sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber der Sinn des Geruchs bei Don Quixote nicht weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, so war es nicht anders möglich, als daß einige davon seine Nase erreichten, und kaum hatte sie diese verspürt, als er ihr auch schon zu Hülfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: »Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.« – »Wohl hab ich sie«, antwortete Sancho; »aber woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als sonst?« – »Weil du jetzt stärker als sonst riechst, und nicht nach Ambra«, antwortete Don Quixote. »Das mag wohl sein«, sagte Sancho, »aber ich bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten Taten herumzieht.« – »Entferne dich drei oder vier Schritte von hier«, sagte Don Quixote – indem er immer noch die Nase zwischen den Fingern hielt – »und künftighin magst du besser berechnen, wer du seist und was du mir schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.« – »Ich wette«, versetzte Sancho, »Euer Gnaden denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet und ein Ding getan, das nicht sein sollte.« – »Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu rühren«, antwortete Don Quixote.

[165] Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit vieler Behendigkeit den Rozinante los und sich die Hosen fest. Sowie Rozinante sich befreit sah, so wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine bis zur Schnauze, weil er – mit seiner Erlaubnis sei's gesagt – keine andere Kurbetten zu machen verstand. Da Don Quixote sah, wie sich Rozinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte sich auch das helle Morgenrot, wobei man die Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don Quixote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten Schatten machen; er hörte aber zugleich, wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, was es verursachen könne, deshalb ließ er ohne längern Verzug den Rozinante die Sporen fühlen, nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm, drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen. Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der Dame Dulcinea auszurichten habe, daß er sich auch, was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe, in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche Besoldung für die Zeit seines Dienstes vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig, gesund und ohne Befährdung aus dieser Gefahr zurück, so könnte er gewisser als jemals die versprochene Insel erwarten. Sancho fing wieder an zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden seines trefflichen Herrn vernahm, und entschloß sich, ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handels zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle Entschluß des Sancho Pansa bestätigen den Verfasser dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn guter Eltern oder wenigstens für einen alten Christen zu halten:, auch war sein Herr durch diese Gesinnung gerührt; aber nicht so sehr, daß er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte sich, so gut er konnte, und richtete sich nun nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen und widerwärtigen Schicksale; nachdem sie so eine ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finstern Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom herunterstürzte; am Fuße der Felsen standen einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen Schläge ertönte. Rozinante wurde vor dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu, aber Don Quixote beruhigte ihn und ritt allgemach auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis begünstigen möge; auf dem Wege empfahl er sich Gott, ingleichen daß er ihn nicht vergessen möchte. Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang, als er nur konnte, und schaute dem Rozinante zwischen den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als sie noch hundert Schritte weitergegangen waren und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und entdeckte sich offenbar die wahre Ursache – so daß kein Zweifel übrigblieb – von jenem entsetzlichen und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht hatte, und es waren – sei, teurer Leser, nicht zornig und verdrießlich deshalb – sechs Stampfen einer Walkmühle, die mit ihren abwechselnden Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.

Als Don Quixote sah, was es war, wurde er still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt auf die Brust gesunken war, ein Zeichen seiner Beschämung. [166] [169]Auch Don Quixote sah den Sancho an und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten, mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen möchte, bei welchem Anblicke seine Melancholie nicht so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quixote dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies mit Grimassen diese Worte sagte: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich durch Gunst des Himmels geboren bin, um in dieser unsrer Ehernen Zeit das Goldene Alter oder das von Gold zu rufen. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind«; und so hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, die Don Quixote gesagt hatte, als sie zuerst das furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quixote sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte und erboste er sich dergestalt, daß er den Spieß aufhob und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, daß, wenn er sie auf den Kopf wie auf die Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt hätte, den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho merkte, daß ihm sein Scherz so bösen Ernst eintrug, sagte er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch, gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«

»Weil du spaßest, so spaße ich nicht«, antwortete Don Quixote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer waren, ein ander gefährlich Abenteuer gewesen wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, daß ich zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen sich in sechs Waldriesen verwandeln, und mögen sie mir einer nach dem andern entgegenspringen oder alle zugleich und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten Fersen niederstrecke, dann macht, soviel Ihr wollt, Euren Spaß aus mir.«

»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger Herr«, versetzte Sancho; »ich bekenne ja auch, daß ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten bin; aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche Furcht ausgestanden haben? Wenigstens habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«

»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quixote, »daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding würdig zu lachen sei; aber nicht ebenso würdig ist es, zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.«

»Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken und gab's den Schultern; gelobt sei Gott und meine Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man hat mir immer gesagt: ›Wer dich liebt, der züchtigt dich‹, besonders da große Herren, wenn sie einem Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl ein Paar Hosen zu schenken pflegten, ob ich freilich wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf dem festen Lande verschenken.«

[169] »Also könnte es sich leichtlich fügen«, sagte Don Quixote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen nicht in der Gewalt des Menschen stehen, und sei von nun an für die Zukunft in einem Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich führst; denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem Herrn so viel gesprochen habe, wie du mit dem deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für einen großen Fehler, sowohl von deiner als von meiner Seite: von deiner, daß du so wenig Achtung gegen mich hast; von meiner, daß ich mich nicht in größere Achtung setze; denn man liest vom Gandalin, dem Stallmeister des Amadis von Gallia, der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den Körper gebogen, nach türkischer Manier. Was sollen wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don Galaor, sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens zu verstehen zu geben, sein Name nur ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen Geschichte genannt wird? Aus alle dem Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht, zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und Stallmeister zu machen, so daß wir uns von nun an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne über uns zu scherzen; denn sooft ich mich auch über Euch erzürnen möge, wird es immer übel für den irdenen Krug ausschlagen; die Gnaden und Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«

»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht«, sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen – wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen muß –, wieviel der Stallmeister eines irrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente und ob sie sich monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei den Maurergesellen, verdungen.«

»Ich glaube nicht«, antwortete Don Quixote, »daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient haben, gewiß immer nur für Gnade; habe ich dir aber in meinem zurückgelassenen Testamente etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen Zeiten die Ritterschaft geraten wird, und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge wegen meine Seele in jener Welt Kummer leide; denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvollern Stand als den eines Abenteurers.«

»Das ist wahr«, sagte Sancho, »denn schon allein das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinen Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«

»So«, versetzte Don Quixote, »wirst du leben auf dem Angesichte der Erde, denn in Ermangelung der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt werden.«

Siebentes Kapitel
[170] Siebentes Kapitel.

Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung von Mambrins Helm, nebst andern Dingen, die unserem unüberwindlichen Ritter zustießen.


Indem fing es an, ein wenig zu regnen, und Sancho schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber Don Quixote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug einen Weg rechts ein, und so gerieten sie auf eine andere Straße, als auf welcher sie erst gereist waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don Quixote einen Menschen, der beritten war und auf dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung, Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sentenzen, die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: Schließet sich dir eine Tür zu, tut sich die andre auf. Wenn nämlich das Glück heut nacht die Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, denn jetzt kann ich es nicht auf meine Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls ich nicht irre, uns dort einer entgegenkömmt, der auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«

[171] »Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und seht, was Ihr tut«, sagte Sancho, »daß es ja nicht wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«

»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quixote; »was haben denn Helm und Walken miteinander gemein?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Sancho, »aber wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«

»Wie kann ich mich in meiner Behauptung irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quixote; »sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkömmt und auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«

»Alles, was ich sehen und unterscheiden kann«, antwortete Sancho, »ist nichts als ein Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner ist, reitet und auf dem Kopfe ein Ding hat, das blitzert.«

»Und dieses ist eben der Helm Mambrins«, sagte Don Quixote; »geh irgendwo beiseite und laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich, ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«

»Das Beiseitegehen will ich mir gesagt sein lassen«, versetzte Sancho; »aber gebe Gott nur, sage ich noch einmal, daß wir, wenn wir nach Wolle gehen, nicht in die Walke geraten.«

»Ich habe dir schon gesagt, Mensch, du sollst niemals, ja nicht in Gedanken einmal der Walken erwähnen«, so rief Don Quixote, »oder ich gelobe – – – Ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte dir die Seele zusammenwalken.«

Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr möchte das Gelübde vollführen, welches er ihm so kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche Don Quixote sah, verhielt es sich also: In jener Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das eine so klein war, daß es weder Apotheke noch Barbier hatte, das andre benachbarte aber war damit versorgt, und daher bediente der Barbier des größern Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker gerade einen Ader laß nötig hatte und ein anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb der Barbier eben kam und ein Bartbecken von Messing mit sich führte, und da es das Schicksal um die Zeit gerade regnen ließ und er seinen Hut, der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf, welches, da es geschliffen war, eine halbe Meile weit schimmerte. Er ritt in der Tat, wie Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel, und dies zusammen war dem Don Quixote der Apfelschimmel, der Ritter und der goldene Helm, denn es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte, daß der arme Ritter ihm nahe genug war, legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen, den Spieß im vollsten Trabe des Rozinante ein, mit dem Vorsatze, jenen durch und durch zu rennen; als er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu, ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig, was mir nach allem Rechte zukömmt!«

Der Barbier, der, ohne an ihn zu denken oder ihn zu fürchten, dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein besseres Mittel, den Lanzenstoß von sich abzuhalten, als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Und kaum hatte er die Erde berührt, als er sich leichter wie eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit über das Feld rannte, daß ihn der Wind selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ er auf der Erde liegen, womit sich Don Quixote zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig genug gewesen und daß er dem Kastor trefflich nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße, weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho, den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm und sagte: [172] »Mein' Seel'! Ein köstliches Bartbecken, unter Brüdern ist es seinen Taler wert«; zugleich gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den Kopf setzte und es rundherum drehte, um die untere Öffnung zu finden; wie er es aber nicht antraf, sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben, und was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«

Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken, aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber lachst du, Sancho?« fragte Don Quixote.

»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte, die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern.«

»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho? Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte Helm muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall in die Hände eines solchen geraten sein, der seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich damit zu bereichern, und somit die andre Hälfte zu einem Dinge machte, das, wie du bemerkest, einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne, ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied befindet, fertigmachen, und zwar so, daß ihn jener Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkömmt, den der Gott der Schmiede für den Gott der Schlachten arbeitete. Unterdessen aber will ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist besser als nichts, und wenigstens wird er doch hinreichend sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«

»Vielleicht«, sagte Sancho, »wenn die Steine nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf, als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen ließ.«

»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren zu haben, denn du weißt, Sancho«, sagte Don Quixote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnisse habe.«

»Auch ich hab's im Gedächtnisse«, antwortete Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte: um so mehr, da ich mich nicht in Dinge einlassen werde, wo ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals verwundet zu werden und auch keinen andern zu verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter tun als die Schultern einziehen, den Atem anhalten, die Augen zudrücken und sich dann in Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal und das Bettuch meint.«

»Du bist ein schlechter Christ, Sancho«, sagte Don Quixote bei diesen Worten, »denn du vergissest niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist es anständiger, auf dergleichen Kindereien keinesweges Rücksicht zu nehmen. Auf welchem Beine bist du lahm? Welche Ribbe hast du zerbrochen? Wo den Kopf zerschlagen? daß du diesen Spaß gar nicht wieder vergessen kannst. Denn beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen, so wär ich schon längst umgekehrt und hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet, als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten, die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulcinea zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte, nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu haben, den sie nun davongetragen hat.«

Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten Seufzer in die Luft, und Sancho antwortete: »So[173] mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der Spaß mir niemals aus dem Gedächtnisse kommen wird, wie er sich auch auf ewig meinem Rücken eingeprägt hat. Wir wollen aber von was anderm reden, und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt? denn nach der Art, wie er sich auf die Beine machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren, und bei meinem Barte, der Graue ist wacker.«

»Es war niemals meine Gewohnheit«, sagte Don Quixote, »die zu berauben, die ich überwinde; auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen zu nehmen und sie unberitten zu lassen, wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen, als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrechte zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen Esel, oder wofür du es halten magst, denn sowie uns sein Herr in der Entfernung sehen wird, kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«

»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte«, sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen, der mir nicht so wacker scheint! Wie sind doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man nicht einmal einen Esel gegen den andern austauschen darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen dürfte.«

»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher«, sagte Don Quixote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im äußersten Grade bedürftig bist.«

»So zum äußersten bedürftig«, antwortete Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis gestärkt, nahm er sogleich die Veränderung der Uniformen vor und wandte seinem Esel, als dem Erstgebornen, die ganze Erbschaft, nebst allen Legaten, zu. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten sie mit dem, was ihnen noch vom Schlachtfelde und dem geplünderten Küchenesel übriggeblieben war, und tranken von dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen: so heftig war der Haß, den sie, wegen ihrer Furcht, gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie Zorn und Schwermut vergessen hatten, stiegen sie wieder auf, und ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen – weil es irrenden Rittern gut ansteht, sich keinen festen Weg vorzusetzen –, zogen sie die Straße, die Rozinante erwählte; dieser Wahl folgte sein Herr und auch der Esel, der immer nachging, wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter führte. Sie gerieten dessenungeachtet auf die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach, ohne sich eine Absicht vorzusetzen.

Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu schwatzen? denn seit mir das harte Gebot, stillzuschweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier Dinge im Magen verdorben, und jetzt habe ich eins auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte umkommen lassen.«

»So sprich es aus«, sagte Don Quixote, »und befleißige dich der Kürze, denn das Weitläuftige macht nie Vergnügen.«

»Ich sage also, gnädiger Herr«, sprach Sancho, »daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen und Erquickung Abenteuer sucht hier in den Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht und Eurer Verdienste. Es scheint mir also – mit Eurer Erlaubnis – besser, daß wir irgendeinem Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste könnt Ihr dann Eure [174] tapfere Gesinnung, Eure gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung geben, jedem nach seinem Werte, dann würden auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Angedenken aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten, daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen, meine Verrichtungen gewiß auch schwarz auf weiß erscheinen würden.«

»Nicht übel sprichst du, Sancho«, antwortete Don Quixote; »bevor man aber zu jenem Ziele gelange, ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen, gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen, damit, wenn welche beendigt sind, ein so lauter Ruhm ihn bekränze, daß, wenn sich nun ein solcher Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt, er durch seine Taten schon gekannt ist, so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn mit Geschrei umgeben und ausrufen: ›Dieses ist der Ritter von der Sonne‹, oder von der Schlange oder von irgendeinem andern Sinnbilde, unter welchem er denkwürdige Taten vollbracht hat. ›Dieser ist es‹, werden sie sagen, ›der im einzelnen Zweikampfe den Riesen Brocabruno von der Gewaltigen Kraft überwand; er löste den mächtigen Zauber, in welchem der große Mameluk von Persien fast seit neun Jahrhunderten schmachtete.‹ Also werden von Mund zu Mund seine Taten gepriesen, und über dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes tritt der König des Reichs an die Fenster seines herrlichen Palastes; sowie er den Ritter gewahrt, erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden, Ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die sich dort naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter wirft, er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint dem andern mehr eine Gottheit als ein menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber ihre Herzen in großen Sorgen stehen, weil sie nicht wissen, was sie reden oder wie sie ihre Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von dort führen sie ihn ohne Zweifel in ein anderes Quartier des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren Scharlachmantel bedecken; schien er in der Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide noch anmutiger. Der Abend kömmt, und er speist mit dem Könige, der Königin und der Infantin, wobei er niemals die Augen von ihr wendet und sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden merken; sie tut das nämliche mit der nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt, sie ist eine sehr verständige Jungfrau. Sowie die Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat, daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten Ritter von der Welt gehalten werden muß. Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen, keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein Großes vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin, die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder Fürst, oder was er nun sein mag, in einen gefährlichen Krieg mit einem andern, ebenso mächtigen verwickelt ist, der fremde Ritter bittet ihn hierauf – nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten[175] – um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König, und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin, Abschied, die er im Garten hinter einem Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt auf den Garten; hier hat er sie auch schon oftmals gesprochen, denn eine Jungfrau, die das völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde; endlich kömmt die Infantin wieder zu sich, durch das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem Ritter, der sie tausend- und tausendmal küßt und sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück oder Unglück mitteilen wollen, es fleht die Prinzessin, daß er so schnell als möglich zurückkommen möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach, wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt, nachdem er sich von den beiden beurlaubt, daß die gnädige Infantin sich übel befinde und keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt, wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz schlägt ihm, und es fehlt wenig, so läßt er seine Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von königlichem Geschlecht abstamme oder nicht. Die Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne, wenn er nicht von königlichem Geschlechte sei; mit diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden, um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen, und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er streitet im Kriege, er überwindet den Feind des Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück, am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame, sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater zum Lohne seiner Dienste zur Gemahlin begehren soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin, und der Vater selbst preist sich deshalb glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von welchem Königreiche, ist, denn es mag wohl in der Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater stirbt, die Infantin erbt den Thron, und wie man die Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen zu belohnen, die ihm beigestanden haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen Herzogs.«

»So verlange ich's und ohne Winkelzüge«, sagte Sancho, »hieran halte ich mich, denn buchstäblich wird es Euer Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der traurigen Gestalt.«

»Du darfst nicht zweifeln, Sancho«, versetzte Don Quixote, »denn auf dieselbe Weise und auf die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe, haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen, Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich einen christlichen oder heidnischen König antreffe, der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber es wird uns noch Zeit übrigbleiben, darauf zu denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle. Mir fehlt aber auch noch ein anderes Ding, denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und einer schönen Tochter und daß ich unglaublichen Ruhm im ganzen Universum [176] erhalten habe, so weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich meine glorreichen Taten noch größeren Ruhm verdienen; so werde ich, dieses Mangels halber, den Lohn meines tapfern Armes verlieren. Ich bin freilich wohl ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte, ich besitze ein Eigentum und werde vom Gesetz und der Obrigkeit vom Bürgerstande unterschieden; es mag wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte niederschreibt, meine Verwandtschaft und Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel eines Königs bin; denn du mußt wissen, Sancho, wie es zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt: einige, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen ableiten, die aber die Zeit nach und nach vernichtet hat, so daß sie, wie die Pyramiden, in einen Punkt endigten, andere entspringen aus niedrigem Geschlechte und steigen nach und nach, bis sie vornehme Leute werden; der Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann auch der König, mein künftiger Schwiegervater, zufriedenstellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß sie, ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners, mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo nicht, ei, so tritt dann die Entführung ein, und ich bringe sie dahin, wohin es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn ihrer Eltern vertilgen.«

»Hier tritt auch das sehr gut ein«, sagte Sancho, »was manche Schelme sagen: Bitte das nicht im Guten, was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man könnte auch noch besser sagen: Aus dem Staube sich gemacht, ist immer besser als Vorbitten von braven Leuten; ich sage nur, weil, wenn der Herr König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele legen und Euch die gnädige Infantin übergeben will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu entführen und wegzubringen. Das Unglück ist nur, daß, bis wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes die Zähne stochert und nach seiner Belohnung ausschaut; wenn nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der Himmel anders beschert; denn ich glaube, sein Herr ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen Frau zu geben.«

»Niemand kann ihm solches verweigern«, sagte Don Quixote.

»Da es also so ist«, antwortete Sancho, »so bleibt nichts weiter zu tun, als daß wir uns Gott empfehlen und das Glück dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«

»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quixote, »wie ich es wünsche und du, Sancho, es brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein hält.«

»Das weiß Gott«, sagte Sancho, »daß ich ein alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um Graf zu sein.«

»Überflüssig genug ist es«, sagte Don Quixote, »und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich dich zum Grafen mache, siehe, so bist du ja Ritter, und sie mögen sich dann stellen, wie sie wollen, so müssen sie dich dann durchaus Exzellenz nennen.«

»Frisch zu, ich werde mich schon in Hauterdiät setzen«, sagte Sancho.

»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du sagen«, erwiderte sein Herr.

»Auch gut«, antwortete Sancho Pansa, »ich sage nur, daß ich mich schon dreinschicken will, denn mein' Seel', ich war nur einmal Hochzeitbitter, und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich könnte [177] wohl gar einen Küster vorstellen. Wie wird's aber vollends werden, wenn sie mir den Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich ganz voll Gold und Perlen sitze, wie ein fremder Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um mich nur zu sehen.«

»Du wirst gut aussehen«, sagte Don Quixote, »doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um den andern unter das Messer bringen, sonst weiß doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«

»Was gilt's«, sagte Sancho, »ich nehme mir lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im Hause wohnen, und wenn's nötig ist, muß er mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines Großen!«

»Aber wie weißt du«, fragte Don Quixote, »daß die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«

»Ich will es sagen«, antwortete Sancho; »ich war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn vorbeireiten, von dem die Leute sagten, er wäre sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die Leute, warum der Mann nicht neben dem andern ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da antworteten sie, daß er sein Bereiter wäre und daß es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich zu führen; das weiß ich seitdem so gut, daß ich es niemals wieder vergessen habe.«

»In der Tat hast du recht«, sagte Don Quixote, »und auf die Weise kannst du deinen Barbier mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und überdies ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres Geschäft als ein Pferd satteln.«

»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge sein«, sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu denken, wie Ihr König werdet und mich zum Grafen macht.«

»So sei es«, antwortete Don Quixote, und indem er die Augen erhob, sah er, was das folgende Kapitel erzählen wird.

Achtes Kapitel
[178] Achtes Kapitel.

Hier erteilt Don Quixote vielen Unglücklichen die Freiheit, die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern gingen.


Ci de Hamete Benengeli, der arabische und manchanische Geschichtschreiber, erzählt in dieser hochwichtigen, erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen Geschichte, daß, nachdem zwischen dem berühmten Don Quixote von la Mancha und seinem Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind, der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen zu Fuß entgegenkamen, die, wie die Perlen eines Rosenkranzes, mit den Hälsen auf eine große eiserne Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten, die der König zwingt, ihm auf den Galeeren zu dienen.«

»Wieso zwingt?« fragte Don Quixote; »wie kömmt der König dazu, irgend jemand zu zwingen?«

»Das sage ich nicht«, antwortete Sancho, »sondern das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen verurteilt hat und sie zwingt, auf den Galeeren zu dienen.«

»In summa«, versetzte Don Quixote, »wenn ich dich recht verstehe, so gehen jene Leute, die man fortführt, gezwungen und nicht nach eignem freien Willen.«

»Wahrhaftig nicht«, sagte Sancho.

[179] »Da dem so ist«, erwiderte sein Herr, »so tritt hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und beizustehen.«

»Bedenkt wohl, gnädiger Herr«, sagte Sancho, »daß die Gerechtigkeit, die den König vorstellt, keinen Zwang oder Unrecht an dergleichen Leuten begeht, sondern sie werden nur wegen ihrer Verbrechen bestraft.«

Indem kam die Kette mit den Ruderknechten heran, und Don Quixote bat diejenigen, die als Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, warum man diese Leute auf solche Weise fortführe. Einer von den Wächtern zu Pferde antwortete, daß es Ruderknechte wären, Sklaven Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Dessen ungeachtet«, erwiderte Don Quixote, »wünschte ich von jedem insbesondere die Ursach seines Unglücks zu erfahren.« Er fügte noch so viele und höfliche Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber wir haben jetzt keine Zeit, sie auszupacken und zu lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«

Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quixote würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte den vordersten, um welcher Sünden willen er in so kläglichen Zustand geraten sei. Dieser antwortete, weil er verliebt gewesen, behandle man ihn so.

»Und für nichts anders?« versetzte Don Quixote. »Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, so hätte ich schon seit lange dort rudern müssen.«

»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der Herr meint«, versetzte der Ruderknecht, »meine Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung war unnötig, die Sache machte sich bald, ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten gewidmet, und damit hat das Ding ein Ende.«

»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quixote.

»Wasserenten sind die Galeeren«, antwortete der Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft nach von Piedrahita.

Don Quixote tat dem zweiten die nämliche Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still und schwermütig war; der erste aber antwortete für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein Musikus und Sänger.«

»Wie das?« fragte Don Quixote, »Musiker und Sänger werden ebenfalls auf die Galeeren geschickt?«

»Nicht anders«, antwortete der Ruderknecht, »kein böser Ding auf der Welt als in der Not singen.«

»Ich habe vielmehr sagen hören«, sprach Don Quixote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«

»Hier ist es aber umgekehrt«, sagte der Ruderknecht, »denn wer einmal singt, muß zeitlebens weinen.«

»Das ist mir unverständlich«, sagte Don Quixote; einer von der Wache aber antwortete: »Herr Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein Viehdieb und, weil er dies eingestanden hat, auf sechs Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer daß er schon zweihundert Hiebe auf den Rücken bekommen hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil ihn die übrigen Schelme, sowohl die zurückgebliebenen als die hier mit ihm gehen, schlecht behandeln und ihn als einen ganz Nichtswürdigen verspotten, weil er bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu sagen; denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei Buchstaben [180] mehr als ein Ja und daß ein Delinquent kein besser Glück wünschen könne, als daß auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung nach nicht unrecht.«

»So scheint es mir ebenfalls«, sagte Don Quixote und wandte sich zum dritten, den er wie die vorigen befragte, der auch behende und mit großer Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir zehn Dukaten mangelten.«

»Zwanzig wollte ich herzlich gern geben«, sagte Don Quixote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu lösen.«

»Das kommt mir vor«, antwortete der Ruderknecht, »als wenn einer mitten auf der See Geld hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf meines Sachwalters so aufgeklärt, daß ich mich heute mitten auf dem Platze von Zocodover in Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott ist mächtig, man muß Geduld haben, und damit gut.«

Don Quixote kam zum vierten, einem Manne mit einem ehrwürdigen Gesichte, dem ein silberweißer Bart bis auf die Brust herunterging; als er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt würde, fing er an zu weinen und antwortete nichts. Aber der fünfte Gefangene diente zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige Mann kömmt auf vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde und in großer Pracht gehalten hat.«

»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa, »öffentlich am Pranger gestanden haben?«

»Freilich«, versetzte der Ruderknecht, »und sie haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als Zauberer ausgeübt.«

»Hättet Ihr nicht diese Streiche erwähnt«, sprach Don Quixote, »so würde ich nicht einsehen, wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern man hätte ihn vielmehr zum General derselben ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten Staate von äußerster Notwendigkeit, so wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren über sie ansetzen, wie es bei den übrigen Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die Mäkler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen, daß sich unwissende und einfältige Menschen mit diesem Amte befassen, wie es mehr oder weniger alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher sind, die wenige Jahre und noch weniger Erfahrung besitzen und die bei wichtigen Vorfällen, oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag zu machen, dastehen, als wenn ihnen der Verstand verregnet wäre, und kaum wissen, welche ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber noch weitläuftiger sein und Gründe anführen, warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im Lande diesem so notwendigen Amte vorstehen müßten, doch ist hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben und die Sache einrichten können. Ich will nur noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittelung, bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige glauben, denn unser Geist ist frei, und weder Kräuter noch Zauberkünste können ihn überwältigen. Was alte, einfältige Weiber und nichtswürdige Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte mischen, [181] die den Menschen töricht machen, womit sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen, da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien Willen zu zwingen.«

»So ist es auch«, sagte der wackre Greis, »und wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das Liebesmittel nicht leugnen, ich glaubte aber damit nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.«

Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch Sancho so gerührt ward, daß er einen Real aus dem Busen zog und ihn ihm als ein Almosen reichte. Don Quixote ging weiter und fragte den folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil ich zu übermäßig mit zwei verschwisterten Muhmen scherzte und mit zwei andern Schwestern, die mir nicht verwandt waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins mannigfaltige, daß durch all dies Scherzen eine so verworrene Verwandtschaft entstand, daß sie kein Genealogist wieder ins reine zu bringen vermag. Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, so war ich nahe daran, den Hals hergeben zu müssen, und auf sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, das Leben geht fort, und nur mit dem Tode ist alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch Gott im Himmel belohnen, und wir auf Erden wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher Charakter verdient.«

Dieser war wie ein Student gekleidet, und einer von der Wache sagte, daß er ein großer Schwätzer und bedeutender Gelehrter sei. Diesen allen folgte ein Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, nur daß er mit einem Auge nach dem andern schielte; die Weise, wie er angefesselt war, war von der übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Leib wickelte; am Halse trug er zwei Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen waren, so daß er weder die Hände zum Munde erheben noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen konnte. Don Quixote fragte, warum dieser Mann so viel mehr Eisen als die übrigen an sich habe. Der Wächter antwortete, weil er allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen begangen habe und daß er so verwegen und listig sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, wenn sie ihn auch so gefesselt hätten, sondern stets seine Flucht befürchteten.

»Welche Verbrechen«, sagte Don Quixote, »kann er begangen haben, wenn er keine größere Strafe als die Galeeren verdient?«

»Er ist auf zehn Jahre verurteilt«, versetzte der Wächter, »und das ist so gut wie der Tod; man braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche Mann der berüchtigte Gines von Pasamonte ist, sonst auch Ginesillo von Parapilla genannt.«

»Herr Commissarius«, rief sogleich der Ruderknecht, »bleiben wir ruhig und geziemlich, unterlassen wir es, uns in Namen und Zunamen zu verwickeln! Gines ist mein Name und nicht Ginesillo, und Pasamonte heißt meine Familie und nicht Parapilla, wie Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich, und er wird genug zu tun finden.«

»Nicht so hochmütig!« versetzte der Commissarius, »du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, wie es dir gewiß nicht lieb ist.«

[182] »Es scheint wohl«, versetzte der Ruderknecht, »daß es dem Menschen so geht, wie es Gott gefällt; aber man wird es dereinst erfahren, ob ich mich Ginesillo von Parapilla nenne oder nicht!«

»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?« fragte der Wächter.

»Ja«, antwortete Gines, »aber ich will's schon dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen, oder ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr uns, Herr Ritter, etwas geben wollt, so gebt her und geht mit Gott, denn es wird langweilig, so sehr sich nach anderer Leuten Lebensumständen zu erkundigen; wollt Ihr aber die meinigen erfahren, so wißt, daß ich Gines von Pasamonte bin und meinen Lebenslauf mit diesen Fingern niedergeschrieben habe.«

»Er sagt die Wahrheit«, versetzte der Commissarius, »er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben, so gut man es nur verlangen kann, er hat das Buch im Gefängnisse für zweihundert Realen als Pfand zurückgelassen.«

»Und ich will es einlösen«, sagte Gines, »und wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen hätte.«

»So gut ist das Buch?« fragte Don Quixote.

»Es ist so gut«, antwortete Gines, »daß der ›Lazarillo von Tormes‹ dagegen nichts ist, und ebenso alle übrigen, die in dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben werden können; ich kann Euch so viel davon sagen, daß es lauter Wahrheit enthält, und diese Wahrheiten sind so anmutig und lustig, daß es keine Erfindungen gibt, die sich ihnen vergleichen dürfen.«

»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte Don Quixote.

»›Das Leben des Gines von Pasamonte‹«, antwortete jener.

»Und ist es fertig?« fragte Don Quixote.

»Wie kann es fertig sein«, antwortete Gines, »da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben habe, hebt mit meiner Geburt an und beschließt da, wie ich jetzt wiederum auf die Galeeren gesandt werde.«

»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte Don Quixote.

»Gott und meinem Könige zu dienen, bin ich schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß schon, wie der Zwieback und die Karbatsche schmecken«, antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich, wieder hinzukommen, denn ich werde dort Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem mir noch viele Dinge auszuführen übriggeblieben sind, und auf den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß alles schon auswendig.«

»Du bist geschickt«, sagte Don Quixote.

»Und unglücklich«, antwortete Gines, »denn das Unglück verfolgt immer die vorzüglichen Geister.«

»Die Spitzbuben verfolgt es«, sagte der Commissarius.

»Ich habe schon gesagt, Herr Commissarius«, antwortete Pasamonte, »laßt uns ruhig und geziemlich bleiben, die Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut, die armen Schelme zu mißhandeln, die unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt und dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele – – – Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der Wäsche alle die Flecken aus, die in der Schenke angeschmiert sind, und alle Welt sei ruhig und lebe wohl und spreche besser, und laßt uns weiterziehen, denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«

Der Commissarius erhob seinen Stab, um dem Pasamonte auf seine Drohungen zu antworten, aber Don Quixote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht zu schlagen, denn es wäre nicht unnatürlich, wenn einer, dem die Hände so fest gebunden wären, der Zunge ein wenig mehr Freiheit ließe; worauf er sich gegen alle an der Kette wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir gesagt habt, vielgeliebten [183] Brüder, habe ich so viel verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen Eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und gegen Euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache Eures Unglücks ist und daß Ihr nicht die Gerechtigkeit gefunden habt, die Euch eigentlich zukam; welches alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, Euch den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein Freund der Hülfsbedürftigen zu sein, wie aller, die unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Da mir aber bekannt ist, wie es eine Regel der Klugheit fordert, das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten läßt, so ergeht meine Bitte an diese Herren der Wache und den Herrn Kommissar, Euch gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu lassen, da es nicht an Leuten mangeln wird, die dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn mir scheint es etwas Hartes, diejenigen zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter«, fuhr Don Quixote fort, »haben ja diese Unglückseligen Euch selbst nichts getan; mag jeder für sich selbst seine Sünden verantworten, denn Gott im Himmel lebt, der es sich vorbehält, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen nichts zuleide taten. Ich bitte Euch deshalb mit dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich Euch danken könne, wenn Ihr mein Begehren erfüllt, falls Ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, so steht diese Lanze, dieses Schwert meinem tapfern Arme zu Gebote, um Euch mit Gewalt zu zwingen, es also zu vollstrecken.«

»Allerliebste Dummheit!« rief der Commissarius, »ein mausköpfiger Spaß, mit dem die lange Predigt schließt! Wir sollen die Sklaven des Königs freilassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein Herr, mit Gott und setzt Euch auf dem Kopfe Euer Bartbecken zurecht und sucht nicht umher nach einer dreibeinigen Katze.«

»Ihr seid selbst die Katze und die Maus, und du Spitzbube!« antwortete Don Quixote. Und Knall und Fall rannte er ihn so schnell an, daß jener nicht Zeit hatte, sich zur Wehr zu setzen, sondern von einem Lanzenstich schwer verwundet zu Boden stürzte, wobei es sich so glücklich traf, daß es derselbe war, der die Flinte führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen, die zu Fuß ergriffen ihre Spieße, und alle machten sich über Don Quixote, der sie mit aller Geistesruhe erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an der sie aufgereiht waren, zu zerbrechen suchten. Hierauf entstand eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, bald Don Quixote angreifend, der sie angriff, durchaus nichts Zweckmäßiges ausrichteten. Sancho seinerseits half dem Gines Pasamonte aus seinen Eisen heraus, der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde herumlief, sich über den niedergestürzten Commissarius machte und ihm Degen und Flinte abnahm; hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Pasamonte, teils vor den vielen Steinwürfen, mit denen sie die schon frei gewordenen Ruderknechte verfolgten. Sancho war über diese Begebenheit sehr betrübt, denn er war überzeugt, daß die Entfliehenden sogleich der Heiligen Brüderschaft den ganzen Vorfall anzeigen würden, die dann Sturmglocken läuten und mit ihren Scharen eine Streife anstellen dürfte, um die Verbrecher einzufangen; dieses trug er auch [184] seinem Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken könnten. »Es mag darum sein«, sagte Don Quixote, »aber ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich schon zerstreut und den Kommissär bis aufs Hemd ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um zu sehen, was er haben wollte, er aber sagte: »Braven Leuten steht es gut an, für empfangene Wohltaten dankbar zu sein, und Undankbarkeit ist eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am meisten erzürnt; dieses sage ich, weil Ihr, meine edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren habt, wie Großes Ihr von mir empfangen; zum Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß Ihr diese Kette, die von Eurem Halse abfiel, wieder auf Euch nehmt, Euch gleich auf den Weg macht und Euch nach der Stadt Toboso begebt, um Euch dort der Dame Dulcinea von Toboso zu präsentieren, ihr sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, Euch sende und schicke, worauf Ihr denn Punkt für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem berühmten Abenteuer bis zu Euer wirklichen Befreiung zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so könnt Ihr in Gottes Namen gehen, wohin es Euch gefällt.«

Im Namen der übrigen antwortete Gines von Pasamonte: »Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, es auszurichten, denn wir können nicht in Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln und getrennt und jeder für sich besorgt, um uns, wo möglich, in die Eingeweide der Erde zu verkriechen, damit uns nur die Heilige Brüderschaft nicht findet, die gewiß Jagd auf uns macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun könnt, ist diese Dienstleistung und Wanderschaft nach der Dame Dulcinea von Toboso in eine Anzahl Ave-Marias und Credos zu verwandeln, die wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf der Ruhe, in Krieg und Frieden tun; aber zu glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren werden, ich meine, daß wir unsre Kette wieder aufnehmen und uns damit auf den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn Uhr morgens ist, und es von uns verlangen heißt Birnen vom Ulmbaum fordern.«

»Aber ich schwöre«, sagte Don Quixote sehr ergrimmt, »Ihr Don Hurensohn oder Don Ginesillo von Paropillo, oder wie Ihr sonst heißen mögt, daß Ihr ganz allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen den Beinen und die ganze Kette über den Buckel gehängt!«

Pasamonte, der nicht von geduldiger Gemütsart war, auch schon daraus begriffen hatte, daß Don Quixote nicht gescheit sei, indem er das tolle Unternehmen angefangen, sie frei zu machen, gab, da er sich so schlecht behandelt sah, seinen Kameraden einen Wink, die sich alsbald von allen Seiten entfernten und einen solchen Hagel von Steinen nach Don Quixote schleuderten, daß er nicht Hände genug hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei der arme Rozinante sich aus allen Spornen nichts mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das auf sie beide herabstürzte. Don Quixote konnte sich nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, als sich der Student über ihn machte, ihm das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so lange gegen die Erde schmiß, daß es beinah in Stücke brach; sie nahmen ihm überdies einen Waffenrock ab, den er über der Rüstung trug, und hätten ihm ohne Zweifel selbst die Strümpfe ausgezogen, wenn sie daran nicht der Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen sie seinen Regenmantel und ließen ihn entkleidet, worauf sie untereinander die in der Schlacht gewonnene Beute verteilten und jeder sich nach einer andern Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren Brüderschaft zu entwischen als sich mit der Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulcinea von Toboso zu präsentieren.

[185] Der Esel und Rozinante, Sancho und Don Quixote blieben einsam zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe; Rozinante, neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls durch einen Wurf niedergestürzt; Sancho, ohne Mantel und in Furcht vor der Heiligen Brüderschaft; Don Quixote ungemein verdrießlich, sich so schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so große Wohltat erwiesen hatte.

Neuntes Kapitel
[186] Neuntes Kapitel.

Was dem berühmten Don Quixote in dem Schwarzen Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer, die in dieser wahrhaften Geschichte vorgetragen werden.


Wie sich nun Don Quixote so schlimm zugerichtet sah, sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho, habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes erzeigen heiße Wasser ins Meer tragen; hätte ich deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen ist, so sei die Geduld mein Trost, und daß ich ins künftige Rat annehmen werde.«

»Ihr werdet gerade so Rat annehmen«, antwortete Sancho, »wie ich ein Türke bin; da Ihr aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein anderes, noch größeres Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die Heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«

»Du bist eine geborne Memme, Sancho«, sagte Don Quixote, »damit du aber nicht sagen könnest, ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so im Leben wie im Sterben jemanden sagen dürfest, ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern nur deinen Bitten zu Gefallen zurück: denn sagst du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen strafen, und du wirst lügen, sooft du es denken oder sagen magst, und erwidere nichts weiter, denn wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr aus dem Wege trete, [187] vorzüglich dieser, die in der Tat so gleichsam einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht mit sich führt, so bin ich entschlossen, hier zu bleiben und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein diese Heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen Stämme, samt den sieben Makkabäern, ingleichen Kastor und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag!«

»Gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »sich zurückziehen ist ja nicht fliehen, sowenig wie bleiben immer Verstand ist, wenn die Gefahr größer ist als die Hoffnung der Rettung; kluge Leute schonen sich heute für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an einem Tage, und wenn ich gleich nur ein gemeiner Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen; darum laßt's Euch nicht gereuen, meinen guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den Rozinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich Euch helfen, und folgt mir nach, denn es schwant mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände brauchen werden.«

Don Quixote stieg auf, ohne irgend etwas zu antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte an, und so gelangten sie in einen Teil des Schwarzen Gebirges, dem sie sich nahe befanden; Sancho hatte die Absicht, es ganz zu durchschneiden und sich nach Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, damit sie von der Heiligen Brüderschaft nicht gefunden würden. Den Mut dazu gab ihm, daß er gesehen hatte, wie sein Mundvorrat, der sich auf dem Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf alles so heftige Jagd gemacht hatten.

Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte des Schwarzen Gebirges, und Sancho schlug vor, die Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, wenigstens so lange, als ihre Speisekammer sie versorgte, und also machten sie ihr Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in denen sich viele Korkbäume befanden. Aber das Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht vom Lichte der wahren Lehre erleuchtet sind, alles lenkt und nach seiner Weise regiert und vollführt, führte den Gines von Pasamonte, diesen berühmten Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit des Don Quixote von der Kette erlöst war und der ebenfalls aus Besorgnis vor der Heiligen Brüderschaft, die er mit großem Rechte fürchtete, auf den Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken; diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die nämliche Stelle, die sich Don Quixote und Sancho Pansa erwählt hatten; er erkannte sie und traf sie, da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter immer undankbar sind, die Not auch oft das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hülfe auch der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines, der weder dankbar noch von edler Gesinnung war, darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, indem er auf den Rozinante keine Rücksicht nahm, den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum Verpfänden als zum Verkaufen, achtete. Sancho Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und eh es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß er nicht wiedergefunden werden konnte.

Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, begann er so heftig und laut den allerkläglichsten Jammer, daß Don Quixote bei seinem Geschrei erwachte und folgende Reden vernahm: »O du mein eingeborner Sohn! Du in meinem väterlichen Hause erwachsen! Du Kleinod meiner Kinder, Trost meines Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! O du Ernährer meiner halben Person, denn du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis, und das war mein halbes Auskommen.«

Da ihn Don Quixote so jammern hörte und die Ursache erfuhr, suchte er Sancho mit den besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich in Geduld zu fassen, und versprach zugleich, ihm eine [188] [191]Verschreibung auszustellen, auf welche er drei von den fünf Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit gab sich Sancho zufrieden und trocknete seine Tränen, unterdrückte sein Schluchzen und sagte Don Quixote für die Wohltat, die er ihm erwiesen, herzlichen Dank. Diesem, sowie er nur das Gebirge betreten hatte, jauchzte das Herz, denn diese Örter schienen ihm besonders für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten ein, die in dergleichen Einsamkeiten und wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen, zog er fort, ohne an etwas weiteres zu denken, auch Sancho hatte keine andere Sorge – seitdem er glaubte, sich in einer sichern Gegend zu befinden –, als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen geblieben waren. So folgte er seinem Herrn, mit allen dem beladen, was der Graue hätte tragen sollen, aus dem Beutel herauslangend und in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er sich so befand, nicht einen Pfennig gegeben hätte.

Indem hob er die Augen auf und bemerkte, wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der Erde lag; er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, wenn es nötig wäre, und als er näher kam, hob jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz vermodert und zerrissen; sie waren aber von so großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen, was sich im Mantelsacke befinde. Sancho richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden von der feinsten Leinewand, noch anderes linnenes Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was trägt!« Und sowie er weiter suchte, fand er ein kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses ließ sich Don Quixote reichen und befahl ihm, das Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho küßte ihm für diese Güte die Hand, und indem er noch alle Wäsche aus dem Mantelsacke aussackte, stopfte er alles in den Beutel der Eßwaren hinein. Alles dieses sah Don Quixote mit an und sagte: »Es scheint, Sancho – und anders ist es gar nicht möglich –, daß ein verirrter Reisender, der durch dieses Gebirge gezogen ist, von Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«

»Das kann nicht sein«, antwortete Sancho, »denn wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld wohl nicht liegenlassen.«

»Du hast recht«, sagte Don Quixote, »und so kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet findet, wodurch wir auf die Spur geraten und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«

Er schlug das Buch auf, und zuerst fand er als Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, ein Sonett, welches er laut ablas, damit es auch Sancho hören konnte:


Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,
Ha! grausam bist du oder willst mir zeigen,
Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,
Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.
Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;
Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,
[191]
Daß Götter wüten; aber warum steigen
Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?
Ich wag es nicht, dich, Phillis, zu verklagen;
Daß du so großes Unheil mir geschicket;
Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?
Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,
Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,
Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.

»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will, der Filz da auf den rechten Weg bringt.«

»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quixote.

»Mir war doch«, sagte Sancho, »als wenn Ihr von Filz oder Pilz etwas daherlaset.«

»Nein Phillis«, antwortete Don Quixote, »und dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame, über wel che sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt, der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich anders in der Kunst nicht unerfahren.«

»So versteht Euer Gnaden sich auch«, sagte Sancho, »auf die Reimerei?«

»Und besser, als du wohl glauben magst«, antwortete Don Quixote, »das sollst du gewahr werden, wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulcinea von Toboso senden werde; denn du mußt wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger Zeiten oder doch die meisten große Reimer und Musiker waren, mit welchen beiden Talenten oder, richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten stets die verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr Geist als Kunst.«

»Leset mehr«, sagte Sancho, »vielleicht finden wir, was wir wollen.«

Don Quixote schlug das Blatt um und sagte: »Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«

»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte Sancho.

»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von Liebe«, antwortete Don Quixote.

»So leset es nur laut«, sagte Sancho, »ich habe eine große Freude an den Liebessachen.«

»Gern«, antwortete Don Quixote und fing an laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf er sah, daß der Brief folgenden Inhalts war:

Dein falsches Versprechen und mein gewisses Unglück treiben mich weit hinweg, so daß Du wohl die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen, Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber besser ist als ich; denn wäre Tugend ein Reichtum, den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück beneiden wie eignes Unglück beweinen. Wie hoch Deine Schönheit Dich erhob, so tief stürzen Deine Handlungen Dich herab; nach jeder schienst Du ein Engel, diese beweisen mir, daß Du ein Weib bist. Lebe in Frieden, Du, die mir Krieg erregt hat, und gebe der Himmel, daß der Betrug Deines Gemahls nie entdeckt werde, damit Du das nicht bereuest, was Du getan hast, und ich nicht so gerächt werde, wie ich es nicht wünsche.

Als Don Quixote diesen Brief geendigt hatte, sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen konnte, [192] [199]andere nicht; aber der Inhalt von allen waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und Unlust, Gunst und Verschmähung, jene gepriesen, diese beweint. Indes Don Quixote das Buch durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht unbeachtet zu lassen; er prüfte und erforschte jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit oder Achtlosigkeit übergehen; eine solche Gier hatten in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich über hundert beliefen, und ob er gleich nicht mehr als die schon gefundenen entdeckte, so glaubte er sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, die Beraubung des Mantels und für allen Hunger, Durst und Mühseligkeit, die er nur immer im Dienste seines trefflichen Herrn ausgestanden hatte, durch die Güte, daß ihm dieser Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, wer der Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie aus dem Briefe, aus den goldnen Münzen wie aus der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein anderer als ein Verliebter von Rang und Stand sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse geführt habe; da aber in dieser unbewohnbaren wilden Gegend niemand zu sehen war, den er hätte fragen können, so dachte er nur darauf, seinen Weg fortzusetzen, ohne einen andern einzuschlagen, als den Rozinante wählte, immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer aufstoßen müsse.

Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog, bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der vor ihm lag, ein Mensch sich mit bewundernswürdiger Schnelligkeit von Stein zu Stein und von Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte; er war halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuhe und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem Samt, aber sie waren so zerrissen, daß man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; sein Kopf war entblößt, und ob er gleich, wie gesagt, schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. So viele Mühe er sich aber auch gab, war es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der Schwachheit des Rozinante widerstand es, scharf in diesen Unwegen zu rennen, da überdies sein Gemüt saumselig und phlegmatisch war.

Plötzlich fiel es dem Don Quixote ein, daß ebendieser der Herr des Reitkissens und des Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu finden; somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen und von der einen Seite die Runde um den Berg zu machen, indem er von der andern Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt vielleicht den Menschen anträfen, der mit so großer Eile ihnen vorübergerennt sei.

»Das kann nicht geschehen«, antwortete Sancho, »denn sowie ich mich von meinem werten Herrn entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei Schrecken und Einbildungen verursacht; das, was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen Fingerbreit von Euer Edlen entfernen werde.«

»Es sei also«, sprach der von der traurigen Gestalt, »und es freut mich sehr, daß du meiner Geisteskraft so fest vertraust, die dich auch niemals verlassen soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper verließe; gehe mir also langsam, oder wie es dir am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen, vielleicht treffen wir den Menschen, den wir erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer unseres Fundes sein muß.«

Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir ihn finden[199] und er vielleicht der Herr von dem Gelde ist, so folgt daraus klar, daß ich es ihm wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen die unnütze Mühe, damit ich es mit gutem Gewissen einstecken kann, bis wir auf eine andere, nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit, wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser sein Recht verloren hat.«

»Du bist im Irrtume, Sancho«, antwortete Don Quixote, »denn indem wir nur auf die Vermutung geraten sind, daß er der Eigentümer sein möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu suchen und ihm sein Geld zurückzugeben; suchen wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein Verbrechen, als wenn es wir gewiß wüßten; also, Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.« Mit diesen Worten spornte er den Rozinante, und Sancho folgte zu Fuß und beladen nach. Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt, und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen und hinter diesen oben auf dem Bergrücken einen Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don Quixote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei, wie sie in diese Gegend geraten wären, die wenig oder gar nicht betreten würde, außer von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho antwortete, er möchte heruntersteigen und sie wollten ihm dann alles erzählen.

Der Ziegenhirt stieg herunter, und als er an die Stelle kam, wo Don Quixote stand, sagte er: »Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt, habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«

»Wir haben nichts getroffen«, antwortete Don Quixote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack, die wir nicht weit von hier fanden.«

»Auch ich habe es gefunden«, antwortete der Ziegenhirt, »aber ich habe es niemals aufnehmen, ja ihm nicht einmal nahe kommen wollen, weil ich vor Schaden bange war, und daß sie es mir einmal für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel ist pfiffig und legt uns oft etwas vor die Füße, worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht, wie es kömmt.«

»Gerade wie ich gesagt habe«, antwortete Sancho, »denn auch ich habe es gefunden, aber ich mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen; da habe ich es gelassen, und da mag es bleiben, wie es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie mich kratzen.«

»Sagt mir doch, guter Freund«, sprach Don Quixote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem Herrn der Sachen?«

»Was ich Euch sagen kann«, antwortete der Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen von hier; er sah vornehm und stattlich aus und ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden, und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch nur noch eine halbe Meile tiefer hineinbegebt, so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch unsre Antwort vernommen hatte, ritt er nach der Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem uns allen sein schönes Ansehen gefiel und wir uns über seine Fragen verwunderten sowie über die Hast, mit der er alsbald den [200] [207]Weg ins Gebirge einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr, bis er nach etlichen Tagen einem von unsern Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen, sich an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte und Brot und Käse, das darin war, herausnahm, hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum, um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn kaum wiedererkannten, doch gaben uns seine Kleider, ob sie schon zerrissen waren, Merkmale genug, woraus wir abnahmen, daß er der nämliche sei, den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und sagte uns in wenigen und verständigen Worten, daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen seiner mannigfaltigen Sünden auferlegt sei. Wir baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte, wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht bringen; worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn er zu seinem Unterhalte etwas bedürfte, er uns sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft bringen, wäre aber auch dies nicht nach seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsre Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten um Verzeihung, versprach auch, uns ins künftige, um Gottes willen, darum anzusprechen, ohne jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andre als das, was er gerade fände, wenn ihn die Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solchem herzdurchdringenden Weinen, daß wir alle, die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen, wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal gesehen hatten und wie wir ihn nun vor uns sahen, denn, wie gesagt, er war ein sehr schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch, daß er von vornehmer Familie sein mußte, und ob wir, seine Zuhörer, gleich nur Bauersleute waren, so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst ein bäuerisches Gemüt davon durchdrungen werden mußte. Indem er nun noch am besten in seiner Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte, lange Zeit verschloß er die Augen, indes wir alle verwundert dastanden und warteten, was aus dieser Verzückung werden sollte; es war uns ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen, dann drückte er sie wieder zu, rührte die Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus wir leichtlich abnahmen, daß ihn wieder ein Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch zu erkennen, wie richtig unsre Vermutung gewesen sei, denn wild sprang er plötzlich von der Erde auf und warf sich auf den, der ihm am nächsten stand, mit so großer Gewalt und Wütigkeit, daß, wenn wir ihn ihm nicht aus den Händen rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ›Ha! nichtswürdiger Fernando! Jetzt sollst du deine Beleidigungen bezahlen, diese Hände sollen dir das Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.‹ Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen zu behandeln. Wir verließen ihn sehr betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte sich von uns und rannte so schnell in das Buschwerk und die Steinklippen hinein, daß wir ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir aber, daß die Raserei ihn nur zu Zeiten überfiele und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen haben sich auch bestätigt, denn er hat sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem [207] Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es ihnen aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf, wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten, sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er wieder bei Sinnen ist, bittet er es um Gottes willen und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit ab, auch dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung häufiger Tränen. Seitdem, meine Herren«, fuhr der Ziegenhirt fort, »haben ich und vier andre Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei es nun mit Güte oder Gewalt, nach Almodovar führen, was nur acht Meilen von hier liegt, und ihn da kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur verträgt, oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann. Dies, meine Herren, ist alles, was ich Euch auf Eure Fragen antworten kann, der, dem die Sachen gehören, die Ihr gefunden habt, ist der nämliche, den Ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt vorüberrennen sahet.« – Denn Don Quixote hatte ihm schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge habe klettern sehen. – Dieser war durch das, was ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen gesetzt, und seine Begierde, zu erfahren, wer der arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht, er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet zu lassen, bis er ihn endlich gefunden hätte. Das Schicksal führte es aber besser, als er es erwartete oder hoffte, denn in demselben Augenblicke zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen konnte. Seine Tracht war, wie sie oben beschrieben ist, nur bemerkte Don Quixote in der Nähe, daß das zerrissene Koller, das er trug, von Ambra-Farbe sei, wodurch er völlig überzeugt wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.

Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler Höflichkeit. Don Quixote erwiderte den Gruß ebenso artig, stieg vom Rozinante ab und umarmte ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit, indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen Jahren kennte. Der andre, den man den Zerlumpten von der kläglichen Gestalt nennen könnte, wie Don Quixote der von der traurigen heißt, entfernte ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich wieder aus den Armen gelassen hatten, und legte seine Hände auf die Schultern Don Quixotes; er beschaute ihn dann, als wollte er sich besinnen, ob er ihn kennte, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt, Bildung und Waffenrüstung Don Quixotes vor sich zu sehen, als Don Quixote erstaunt war, ihn zu erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung redete, war der Zerlumpte, und er sagte, was man alsbald vortragen wird.

Zehntes Kapitel
[208] Zehntes Kapitel.

Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem Schwarzen Gebirge.


Die Geschichte erzählt, daß Don Quixote mit der gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher also sprach: »Wahrlich, mein Herr, wer Ihr, da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft, die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich wünschte, imstande zu sein, daß ich etwas mehr als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen edle Teilnahme erwidern kann, als meine guten Wünsche.«

»Meine Wünsche«, antwortete Don Quixote, »bestehen nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen war, diese Berge nicht eher zu verlassen, bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte, ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine Linderung zu finden sei, und wenn es nötig wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem ersinnlichen Fleiße aufsuchen; wäre aber Euer Unglück von der Art, daß für Euch die Türen aller möglichen Hülfe verschlossen wären, so wollte ich zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert, und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was Ihr im Leben am meisten [209] geliebt habt oder noch liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund zu entdecken, der Euch so weit führte, in diesen Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu sterben, denn hier sterben werdet Ihr, ganz der Bestimmung entfremdet, welche Eure Tracht und Euer Wesen von Euch aussagen. Und ich schwöre«, fuhr Don Quixote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfing, so ein unwürdiger Sünder ich auch bin, und bei dem Stande eines irrenden Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin, der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen habe.«

Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder beschaute und wiederum vom Kopf bis zu den Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen habt.«

Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor, womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte, der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang, daß er schnell einen Bissen nach dem andern, ohne zu kauen, hinunterschluckte, wobei während des Essens weder von ihm noch von denen, die ihm zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe, um die Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren, warf er sich auf den Boden im Grase nieder, die übrigen taten das nämliche, und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte, nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit gesetzt hatte, sagte: »Wenn Ihr es wünscht, meine Herren, daß ich Euch kürzlich die Unermeßlichkeit meiner Leiden erzähle, so müßt Ihr mir versprechen, weder durch eine Frage noch auf andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«

Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don Quixote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich um so schneller die Geschichte meines Unglücks beschließen könne, denn es meinem Gedächtnisse wiederholen dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen, und je weniger Ihr mich also unterbrecht, je schneller werde ich meine Erzählung endigen, ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz Eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quixote versprach alles im Namen der übrigen, und jener fing nach dieser Versicherung also an:

»Mein Name ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß meine Eltern es beweinen werden, meine Familie darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren Reichtümern helfen können: denn um die Verhängnisse des Himmels abzuwenden, sind die Güter des Glücks von wenigem Nutzen. Dort auf der nämlichen Erde lebte der Himmel, den die Liebe mit aller ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine ganze Sehnsucht zu erregen: so groß war die Schönheit Luzindens, einer Jungfrau, nicht minder edel und reich als ich, aber von besserm Glück und geringerer Standhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig war. Diese Luzinde ward von mir seit meinen frühesten Jahren geliebt und angebetet, und sie liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber, denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut mit der Gleichheit unseres Adels und Vermögens übereinstimmte. [210] Unsre Jahre nahmen zu, und mit ihnen wuchs unsre beiderseitige Liebe, so daß es Luzindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu verweigern, und so war er hierin dem Vater der Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen ist. Durch dieses Verbot vermehrten sich Flammen aus Flammen. Wünsche beflügelten Wünsche, denn war auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen machen, die gewöhnlich dreister als die Worte die Empfindungen des Herzens zu erkennen geben, denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel! Wie viele Briefe schrieb ich ihr! Wie viele Antworten, so erfreulich als anständig, erhielt ich von ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den Wunsch, sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den Vorsatz, das Beste und einzige zu tun, um das erwünschte und verdiente Gut zu besitzen, und dies war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen Gattin zu verlangen. Es geschah, und er antwortete, wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei Luzinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seinen guten Willen, indem es mir schien, daß er recht habe in dem, was er mir sagte, und daß mein Vater tun würde, was er verlange, sowie ich es ihm nur mitteile. Mit diesem Vorsatz ging ich sogleich zu meinem Vater, um ihm meine Wünsche zu sagen, und sowie ich in sein Zimmer trete, finde ich ihn mit einem offenen Briefe in der Hand, und ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir: ›Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade dir der Herzog Ricardo erzeigt.‹ Dieser Herzog Ricardo, wie Ihr, meine Herren, wohl wissen werdet, ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen im schönsten Teile von Andalusien hat. Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft schien, daß es mir selber unverständig vorkam, wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte, um der Gesellschafter, nicht der Diener seines ältesten Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte noch mehr, als mein Vater sagte: ›In zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten können‹; diesen Worten fügte mein Vater noch andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach ich Luzinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging dann zu ihrem Vater und bat, einige Zeit zu warten und auf keine Ehe für sie zu denken, bis ich gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend Schwüren und heißen Tränen.

Ich kam beim Herzoge Ricardo an, er empfing mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich den Neid seiner ältern Diener in Bewegung setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteile gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs, Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling, großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber verwunderten, und ob mir gleich der ältere Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr, vorzüglich eine Liebschaft, die ihm einige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein Landmädchen, [211] eine Vasallin seines Vaters, die so schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war, daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären. Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er, um die Unschuld der Bäuerin zu besiegen, den Entschluß faßte, das Versprechen von sich zu geben, ihr Gemahl zu werden, weil es ihm auf jede andere Weise unmöglich war. Ich versuchte es als Freund, ihn mit den dringendsten Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem Vorsatze zurückzubringen; da ich aber sah, wie unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir vor, die Sache seinem Vater, dem Herzoge Ricardo, zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig werden konnte; um mich also abzulenken und zu hintergehen, sagte er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus seinem Gedächtnisse das Bild jener Schönheit, die sich seiner so gänzlich bemächtigt hätte, zu entfernen, als auf einige Monate zu verreisen, und zwar, wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen, unter dem Vorwande, den man dem Herzoge angeben könne, um einige schöne Pferde in meiner Vaterstadt auszusuchen und zu kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt. Kaum hörte ich dies, als, von meiner Leidenschaft getrieben, die den Entschluß, wenn er auch nicht so löblich gewesen wäre, als den vortrefflichsten, den man nur ersinnen könne, würde gebilligt haben, weil sich mir dadurch die günstige Gelegenheit anbot, meine Luzinde wiederzusehen; dieses Wunsches voll, lobte ich also seine Absicht und bekräftigte ihn in seinem Vorsatz, ihn so bald als möglich auszuführen, denn die Abwesenheit vermöge viel, selbst über die heftigste Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag tat, hatte er schon, wie ich nachher er fuhr, unter dem Titel eines Gemahls, die Gunst des Landmädchens genossen und wartete nur auf eine schickliche Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse dann alle Wünsche mit verschwinden und sich dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige Liebe gar nicht gestellt ist: also, wie Don Fernando die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten seine Wünsche, sein Feuer erlosch, und wie er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu heilen, so nahm er sie jetzt im Ernst vor, um das nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen hatte.

Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir, ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an, mein Vater empfing ihn nach seinem Stande, und ich besuchte sogleich Luzinden, wodurch meine Liebe – die weder gestorben noch eingeschläfert war – von neuem belebt wurde. Zu meinem Unglücke erzählte ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte, ich dürfte ihm als meinem vertrautesten Freunde nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit, Liebenswürdigkeit und den Verstand der Luzinde so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den Wunsch erregten, eine Jungfrau zu sehen, die mit allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten; er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit, ward in sich verschlossen und, mit einem Worte, so verliebt, wie Ihr es in der fortgesetzten Erzählung meines Unglücks erfahren werdet. Um seine Leidenschaft noch mehr zu entflammen – die er mir verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel vertraute –, mußte er durch einen Zufall an einem Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu verlangen, der so geistreich, edel und in solchen Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß [212] er mir schwur, in Luzinden vereinigten sich alle Schönheiten des Körpers und der Seele, die unter den übrigen Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen, daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch schienen, in denen sich Don Fernando über Luzinden ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus seinem Munde zu hören, ich fing an, ihn zu fürchten und ihm weniger zu trauen, denn es verging kein Augenblick, in welchem er nicht über Luzinden gesprochen hätte, ja, er lenkte das Gespräch auf sie, wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte, wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt wurde, nicht weil ich an Luzindens Tugend und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen hat. Don Fernando ließ sich immer die Briefe zeigen, die ich an Luzinden schrieb und die sie mir zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle. So geschah es auch, daß Luzinde mich einst um ein Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte und welche Lektüre sie ungemein liebte; sie forderte nämlich den ›Amadis von Gallia‹ – – –«

Don Quixote hatte kaum die Ritterbücher nennen hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr, gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das Fräulein Luzinde die Ritterbücher geliebt habe, so wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie Ihr sie uns, Señor, gezeichnet habt, wenn ihr der Geschmack an dieser lieblichen Lektüre gemangelt hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch mehr Worte zu Beschreibung ihrer Schönheit zu verschwenden sowie über ihren hohen Wert und Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von der Welt gewesen; doch, Señor, würde es mir zur Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem ›Amadis von Gallia‹ zugleich den herrlichen ›Don Rugel von Graecia‹ übersandt hättet, denn ich weiß, Doña Luzinde hätte sich sehr über Daraida und Garaya gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des Schäfers Darinel sowie über die wundernswürdigen Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner Seele und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen. Doch halte ich im stillen dafür, daß ich keins von allen behalten habe, so weit hat es die Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, Seine Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist, nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes, nicht feucht zu sein. Darum, Verzeihung und fortgefahren, denn das ist, worauf es jetzt eigentlich ankommt.«

Indem Don Quixote dieses alles sprach, ließ Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich ihn Don Quixote zweimal bat, in seiner Geschichte fortzufahren, hob er doch weder den Kopf auf, noch sprach er ein Wort; nach langer Zeit aber richtete er sich gerade und sagte: »Ich kann es mir nicht aus den Gedanken schlagen, und kein Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken schlagen oder mich eines andern überreden, und der soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der Hauptspitzbube von Meister Elisabat wirklich bei der Königin Madasima geschlafen habe.«

»Nein, nein, das schwör ich«, antwortete Don Quixote mit großer Heftigkeit, indem er, wie er es gewöhnlich tat, heftig den Schwur ausstieß, »und dies ist eine schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei! Die Königin Madasima war eine hocherhabene Dame, und es läßt sich unmöglich glauben,[213] daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Bruchschneider geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint, lügt es wie ein Hundsfott; und dieses will ich ihm zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet, bei Tage oder in der Nacht, oder wie es ihm gut dünkt, beweisen.«

Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht, er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen. Don Quixote war aber ebensowenig zum Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert, was er von der Madasima hatte hören müssen. Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte, als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame: so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt war, für einen Lügner und Hundsfott schelten hörte, nebst andern ähnlichen Benennungen, so empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don Quixote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte. Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher Art behandelt sah, machte er sich mit geballter Faust über den Verrückten, der Zerlumpte aber empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf ihn begab und ihm nach Herzenslust die Ribben einstampfte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen wollte, zog sich das nämliche Leiden zu, und nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte, stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich auf, und wütend, sich so ohne Verschulden zerklopft zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb, daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen Menschen zu Zeiten eine Tollheit befiele, damit sie sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho Pansa erwiderte, und ebenfalls erwiderte der Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab sich's, daß sie sich in die Haare gerieten und solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quixote nicht Frieden gestiftet, sie sich in Stücke zerrissen hätten. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt: »Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher Kerl prügeln.«

»So ist es«, sagte Don Quixote, »aber ich sehe ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig ist.« Er machte sie also friedsam, und Don Quixote fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte, was er schon einmal gesagt hatte, daß man seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit oder verrückt, antreffen.

Elftes Kapitel
[214] Elftes Kapitel.

Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapfern Ritter von la Mancha im Schwarzen Gebirge begegneten, und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte.


Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quixote, und dieser bestieg wiederum den Rozinante und befahl dem Sancho, ihm zu folgen, der es auf seinem Tiere mit ziemlichem Verdrusse tat. Sie reisten langsam weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit seinem Herrn zu sprechen, und wünschte nur, daß jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht dem gegebenen Befehle zuwiderhandelte; da er aber das lange Stillschweigen nicht aushalten konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quixote, gebt mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe, aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es zu den Zeiten des Ölsop gewesen ist, so könnte ich doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur Lust hätte, und so mein schlimmes Glück verschmerzen; aber das ist zu hart, und keine Geduld reicht da aus, zeit seines Lebens nach Abenteuern herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen, Tritte und Faustschläge anzutreffen und bei alledem nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß man gar nicht herausreden darf, was man auf dem Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«

[215] »Wohl verstehe ich dich, Sancho«, antwortete Don Quixote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge einen Zaum angelegt habe, ich will ihn also hiermit auflösen; sprich, was du willst, doch unter der Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange wir in diesen Bergen herumziehen.«

»Ich nehm es an«, sagte Sancho, »und so will ich auch gleich reden, denn Gott weiß, wie es nachher sein wird; und, um gleich die Friedensstiftung zu benutzen, so frage ich, was ging's Euch denn an, Euch so der Königin Madame Trine anzunehmen, oder wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht? Hättet Ihr Euch darum nicht gekümmert, denn Ihr waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte in seiner Geschichte fortgefahren, und so wäre nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen vorgefallen.«

»Wahrlich, Sancho«, antwortete Don Quixote, »wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß ich noch zu viele Geduld bewiesen, indem ich den Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen Lästerungen ausstieß; denn eine Lästerung ist es, zu sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger Mann und kluger Kopf war. Er diente der Königin zum Ratgeber und Arzt; aber zu vermeinen, daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient; und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte, was er redete, mußt du nur darauf merken, daß, als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«

»Das sag ich eben«, antwortete Sancho, »daß man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden, so daß der Kieselstein Euch nach dem Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns der Dame angenommen haben, die Gott verderben mag! Nun, wie dann? Cardenio wurde, als ein Verrückter, nicht einmal gestraft.«

»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wieviel mehr für Königinnen von so hohem Stande, und gar für die Königin Madasima, die ich wegen ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe, denn außer daß sie über alle Maßen schön war, war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden, deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig, und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit ertragen, und hieraus nahm der unwissende und schlecht denkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und zu sagen, daß sie eine Beischläferin gewesen, aber sie lügen, sag ich abermals, und lügen tausendmal, alle diejenigen, die es denken oder sagen.«

»Ich denk's nicht, ich sag's nicht«, antwortete Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische seine eigne Nase; haben sie beieinander geschlafen oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt; und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt geh ich wieder fort, mir kann's nichts eintragen! Mag's jeder treiben, wie er will, was kümmert's mich? So mancher geht nach Wolle und kömmt geschoren nach Hause; wie kann man ein freies Feld durch Tore verschließen? Wird denn nicht sogar der Heiland gelästert?«

»In Gottes Namen halt!« rief Don Quixote, »welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander? Was haben deine Sprichwörter mit unserer Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert, was dich nichts angeht. Begreife überdies mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was ich getan habe, [216] [219]tue und tun werde, durchaus und in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß ist, die ich besser innehabe als alle die Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«

»Gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »ist denn das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen, daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen in den Bergen herumziehen, um einen Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun finden, vielleicht darauf fällt, mit dem, was er angefangen hat, den Garaus zu machen; ich meine nicht mit seiner Geschichte, sondern mit Eurem Kopf und meinen Ribben, die er dann wohl ganz in Stücke brechen wird?«

»Schweig! Sag ich dir abermal«, rief Don Quixote, »wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife, sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten Erde zu erwerben gedenke; diese soll so beschaffen sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden Ritter vollkommen und berühmt machen kann, die Krone aufsetzen will.«

»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?« fragte Sancho Pansa.

»Nein«, erwiderte der von der traurigen Gestalt, »vorausgesetzt, daß der Würfel so falle, um die besten Karten zum Stich zu behalten; aber alles beruht auf deiner Betriebsamkeit.«

»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.

»Ja«, sagte Don Quixote, »denn kehrst du bald von dort zurück, wohin ich dich schicken will, so wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit du nicht länger in Erwartungen bleiben und sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen, so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein, unrecht ist es, zu sagen, einer; er war von allen der Vornehmste, ja der Einzige, der König von allen, die der Lauf der Zeiten damals hervorgebracht. Ha! Schand und Spott über Don Belianis und allen denen, die da sprächen, daß sie sich ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn sie irren, das schwöre ich bei meiner Seele! So behaupte ich denn ebenfalls, daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler, die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt sich auf alle wichtigen Bestrebungen und Anstalten, die zur Zierde der Staaten dienen; und ebenso soll und wird der handeln, der den Ruhm eines Klugen und Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung malt, sowie uns auch Virgilius in seinem Helden Aeneas die Tugend eines frommen Sohnes und den Scharfsinn eines tapfern und verständigen Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder darstellen, wie sie waren, sondern wie sie sein sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild ihrer Tugend vorzuhalten. Auf gleiche Weise ist Amadis den tapfern und verliebten Rittern zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters am nächsten steht; ein Ding aber, in welchem dieser Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde, sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies, war, wie er sich entfernte, von der Dame Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesetzt hatte. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin nachzuahmen als darin, daß ich Riesen zerspalte, Drachen köpfe, Schlangen erdrossele, Armeen vernichte, Flotten aufreibe und Bezauberungen löse; da nun diese Örter sich so gut zu dergleichen Vornehmen schicken, so will ich auch diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbietet.«

[219] »Und kurz«, sagte Sancho, »was wollt Ihr denn nun hier in der Einsamkeit tun?«

»Es ist dir ja schon gesagt«, antwortete Don Quixote, »daß ich dem Amadis nachahmen will, einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen, um zugleich den gewaltigen Don Roldan in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer Quelle die Zeichen fand, daß Angelika die Schöne mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe, worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte, Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte, die Häuser niederriß, das Vieh gebunden führte und tausend andere Tollheiten beging, die eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind. Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando – denn er führt alle drei Namen – nicht in allen seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen, die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten; vielleicht begnüge ich mich aber auch in der Nachahmung des Amadis, der keine schändlichen Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten Ruhm errang.«

»Es scheint doch«, sagte Sancho, »daß die Ritter, die so was taten, dazu gereizt wurden und eine Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen; aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend zu werden? welche Dame hat Euch verschmäht? oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu wissen, daß die Dame Dulcinea von Toboso mit einem Mohren oder Christen Narrenpossen getrieben habe?«

»Da, da liegt's eben«, antwortete Don Quixote, »und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung: denn daß ein irrender Ritter aus Gründen rasend wird, das ist weder etwas Besonderes noch Anmutiges; die Feinheit ist, ohne alle Ursache unsinnig zu werden, um dadurch meiner Dame zu verstehen zu geben, daß, wenn das von mir am grünen Holze geschieht, was ich wohl erst als dürres tun möchte. Vollends da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit von meiner ewig geliebten Dulcinea von Toboso finde, denn wie du den Schäfer von neulich, Ambrosius, sagen hörtest, daß, wer abwesend sei, alle Übel erleide und fürchte; also, Freund Sancho, verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche und nie erhörte Nachahmung ausreden zu wollen; unsinnig bin ich, und unsinnig will ich bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief bringst, mit dem ich dich an meine Dulcinea senden will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich im Ernste unsinnig; du magst also eine Antwort zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den Leiden erlöst, in denen du mich verlässest, so daß ich, gescheit, mich des Glücks freue, welches du mir bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde, das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho, verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig? Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit seines Metalls ermessen kann.«

Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft vorsprecht und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen und Inseln verschenken, und andre Gnaden und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur Windbeutelei und Lügen sind und alles nur Luftklöße oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als vier Tage in diesem Irrtum beharrt, was soll ich wohl anders denken, als daß dem, der so etwas glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen ist? Das Becken, das voller Beulen ist, habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will ich's mir zurechtmachen lassen und mich darin barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«

»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei dem du vorher geschworen hast«, antwortete Don Quixote, [220] »du hast den allerdümmsten Verstand, den nur jemals noch ein Stallmeister in der ganzen Welt hat oder gehabt hat. Wie ist es möglich, daß du, der du schon so lange in meiner Gesellschaft bist, nicht einsiehst, wie alles, was die irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit und Unsinn aussieht und alles verkehrt und wunderlich scheint? nicht deswegen, weil es sich also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment von Zauberern hinter uns herläuft, die alle unsere Dinge verändern und verwandeln und sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint, was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder für etwas anderes ansehen; auch war es eine herrliche Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn dann mit Verachtung auf dem Boden liegenließ, wo er ihn wahrlich nicht um alle Welt gelassen hätte, wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht, sondern ich will im Gegenteile alle diese Waffenstücke ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich von Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner Buße mehr dem Roldan als dem Amadis nachzuahmen.«

Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden wie eine einzelne abgeschnittene Klippe dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele Waldbäume standen umher, auch häufige Pflanzen und Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel, ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst über mich verhängt habt; dieses hier ist der Platz, wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeichen und Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und eingebildeter Argwohn hierher geführt haben, in dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit jener schönen Undankbaren zu klagen, jener Krone und Vollendung aller menschlichen Schönheit. O ihr Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern der Gebirge wohnt – mögen die flüchtigen und wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen –, o helft mir mein Unglück beweinen, oder mindestens sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulcinea von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern meines Glücks! Möge dir der Himmel so gut es bescheren, als du nur selber wünschen kannst, nur erwäge den Zustand und die Wildnis, zu der mich die Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit Güte, wie es meine Treue wohl verdient! O ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister, liebwerter Gefährte im Glück und Unglück, fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener wiedersagen und erzählen kannst, die die einzige Ursache meines ganzen Beginnens ist.« Und sowie er dieses sagte, stieg er vom Rozinante herunter, nahm ihm augenblicklich Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte: »Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist, [221] o du Roß, so wunderbar in deinen Taten wie unglücklich in deinem Schicksale; wandle, wohin du willst, denn dir steht es auf der Stirne geschrieben, daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an Flüchtigkeit gleichkomme noch der bekannte Frontin, der der Bradamante so teuer zu stehen kam.«

Wie Sancho dies sah, sagte er: »Der sei verdammt, der uns der Mühe überhoben hat, dem Grauen den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand zu geben als Lobpreisungen herzusagen; wäre er aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß man ihm den Sattel herunternähme, ich wüßte auch nicht warum, denn ihn gingen alle die Vorschriften von verliebt und verzweifelt nichts an, denn sein Herr war beides nicht, und der war ich, solange es Gott gefiel. Aber wahrhaftig, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der Graue weg ist, den Rozinante dafür wieder aufzuzäumen, denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens und Wiederkommens lange währen, denn wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht, wenn ich da sein oder wiederkommen möchte, denn ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter Wandersmann.«

»Ich sage dir, Sancho«, antwortete Don Quixote, »richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine Absicht scheint mir nicht übel; ich sage ferner, daß du in dreien Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit du das, was ich tue und rede, beobachten sollst, damit du darüber Rede stehen kannst.«

»Was soll ich noch weiter sehen«, fragte Sancho, »als was ich schon gesehen habe?«

»Sauber hast du dich verrechnet«, antwortete Don Quixote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen angerannt, so wie ich noch viele andere Dinge gleicher Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern wirst.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen«, sagte Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen, daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung, wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig achtet, und daß das Werk ohne sie nicht vollführt werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet, sag ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben, oder doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch die Stöße gegen eine Felsenkante gabt, die härter als der Diamant ist.«

»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund Sancho«, antwortete Don Quixote, »aber du mußt wissen, daß alle diese Dinge, die ich vornehme, kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, bei Strafe, für einen Apostaten zu gelten; und ein Ding für das andere tun ist um nichts besser als lügen; darum also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes in sich führen; es wird deshalb auch nötig sein, daß du mir etwas Scharpie zum Verbinden zurückläßt, denn das Schicksal wollte, daß uns der Balsam entging, den wir verloren haben.«

»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren«, antwortete Sancho, »denn mit dem ist Scharpie und alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen höre, kehrt sich mir die ganze Seele um, um wieviel mehr der Magen; und außerdem bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt, die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte, denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge davon erzählen; schreibt mir nur den Brief und fertigt mich geschwind ab, denn ich habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier bleibt.«

[222] »Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don Quixote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas Schlimmeres gibt.«

»Wen die Hölle hat«, antwortete Sancho, »nulla est retentio, wie ich gehört habe.«

»Ich verstehe nicht, was du mit retentio meinst«, sagte Don Quixote.

»Retentio ist soviel«, erwiderte Sancho, »daß, wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen kann, das wird aber mit Euer Gnaden nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben, um den Rozinante anzuspornen; und bin ich nur erst in Toboso und stehe vor meiner gnädigen Dulcinea, so will ich ihr schon so viel von den Narrheiten und Unsinnigkeiten – das ist doch eins – erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit ihrer zärtlichen, honigsüßen Antwort komme ich dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie eine Hölle vorkömmt, es aber nicht ist, denn Ihr habt die Hoffnung herauszukommen, was aber, wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen, die sich in der Hölle aufhalten, und darin werdet Ihr mir gewiß recht geben.«

»Du sprichst die Wahrheit«, sagte der von der traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen, um den Brief zu schreiben?«

»Und auch die Eselsverschreibung«, fügte Sancho hinzu.

»Wir müssen alles«, sagte Don Quixote, »und der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben, auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die Alten taten, oder auf etliche Wachstafeln, obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten sein dürften als Papier. Ich denke aber eben daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann, nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio gehörte; du wirst alsdann Sorge tragen, es auf Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben können; gib es aber ja nicht einem Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt, sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«

»Wie wird es aber mit der Unterschrift werden?« fragte Sancho.

»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben«, antwortete Don Quixote.

»Ganz gut«, antwortete Sancho, »aber die Verschreibung muß mit aller Gewalt eine Unterschrift haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch, und mir die jungen Esel nicht ausliefern.«

»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift setzen: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulcinea weder lesen noch schreiben, hat auch zeit ihres Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen, denn meine und ihre Liebe blieb immer platonisch, ohne sich weiter als bis auf ein anständiges Anblicken zu erstrecken, und auch das nur zuweilen, denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat, wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonza Nogales erzogen.«

»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter des Alonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulcinea von Toboso, mit einem andern Namen Aldonza Lorenzo getauft?«

[223] »Sie ist es«, sagte Don Quixote, »sie ist dieselbe, die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«

»Ich kenne sie recht gut«, sagte Sancho, »und wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! Wie ist sie so rasch und stark, und was hat sie für eine Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon, und die hörten es, als hätten sie unten am Turme gestanden; und was das Beste an ihr ist, so ist sie gar nicht zimpferlich, nein, sie ist etwas frei und zutätig, sie ist lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß und ihr Gelächter. Nun sage ich auch, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte desperat werden, ja Euch aufhängen, und jeder, der es er fährt, wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zu viel leidet, wenn Euch der Teufel gar holen sollte. Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr lange nicht gesehen, und sie muß sich wohl sehr verändert haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe meinem gnädigen Herrn Don Quixote, daß ich bisher in einem tüchtigen Irrtume gelebt habe, denn ich meinte nicht anders, als die Dame Dulcinea sei irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret, oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente, die Ihr ihr zu geschickt habt, wie den Biscayer und die Ruderknechte, nebst noch vielen andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben, als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen Dulcinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? denn es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen, daß sie gerade Flachs hechelt oder auf der Tenne drischt, so werden sich die ärgern, und sie wird wohl gar darüber spotten und sich über die Präsente lustig machen.«

»Ich habe es dir sonst oftmals gesagt, Sancho«, sagte Don Quixote, »daß du ein Schwätzer seist, und so dummköpfig du bist, willst du dich doch oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich in einen jungen Burschen, der rundlich und von versprechender Statur war. Dies erfuhr der Herr des Knechtes und sagte eines Tages, in Form eines freundschaftlichen Vorwurfs, zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert, gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie eine so vor nehme, schöne und reiche Dame sich in einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen Menschen verlieben kann, wie der und der ist, da doch in diesem Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte Theologen sich einfinden, unter denen Ihr nur, wie unter gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe: ›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtume und schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen, wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr Philosophie als Aristoteles.‹ Ebenso, Freund Sancho, wozu ich die Dulcinea von Toboso will, gilt sie mir so viel wie die höchste Prinzessin auf Erden. Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis, Phillis, die Silvien, Dianen, Galateen, Alinen und so viele andere, von denen die Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und Blut waren und die wirklichen Geliebten von denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht, sondern die meisten erfinden [224] sie nur, um einen Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande wären, es zu sein, und darum ist es mir auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei; die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals darnach gefragt werden, um ein Stiftfräulein abgeben zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein, daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst bei Dulcinea, denn in der Schönheit kommt ihr niemand gleich, und im guten Rufe kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch rechts etwas mangelt; in meiner Einbildung male ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt ihr Helena nicht nahe, und Lukrezia erreicht sie nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen tadeln sollten, so werden mich doch die Strengen gewiß darum nicht schelten.«

»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen recht«, antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel. Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja nicht vom Stricke reden; aber schreibt nur den Brief, lebt dann wohl, denn ich mache mich davon.«

Don Quixote nahm die Schreibtafel, ging beiseite und schrieb mit vieler Ruhe den Brief nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle, damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil er von seinem Unglücke alles zu fürchten habe.

Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur drei-oder viermal im Buche nieder und gebt es mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu glauben, daß ich es im Gedächtnisse behalten könnte, ist die Unmöglichkeit selbst, denn mein Gedächtnis ist so schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse. Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist gewiß wie gegossen.«

»Höre zu, denn also lautet er«, sagte Don Quixote.


Don Quixotes Brief an Dulcinea von Toboso


Monarchin! Erhabene Herrscherin!


Der von der Trennung tief Verwundete, der von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir, o süßeste Dulcinea von Toboso, das: Wohl sei Dir! welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt, wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn Deine Verschmähung zu meiner bittern Qual gereicht, obgleich ich schon im Leiden geübt, so vermag ich doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren, die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir, o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu erzählen, auf welche Weise ich aus Liebe zu Dir zurückverbleibe; gefällt es Dir, mir beizustehen, so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend, habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit genuggetan wie meinem Wunsche.


Der Deinige bis in den Tod

Der Ritter von der traurigen Gestalt


[225] »Bei meines Vaters armer Seele«, rief Sancho aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie man es nur wünschen kann, und wie herrlich schraubt es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter von der traurigen Gestalt. Mein' Seel', ich sage doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es gibt gar nichts, was Ihr nicht könnt.«

»Alles«, antwortete Don Quixote, »ist in dem Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«

»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch auf einem andern Blatte den Zettel wegen der drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«

»Gern«, sagte Don Quixote, und nachdem er geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:


Auf diesen meinen Solawechsel auf Eselsfüllen wird meine liebe Nichte dem Sancho Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen, die im Hause geblieben, überliefern, und bitte, sie in Rechnung zu stellen. Solche drei Füllen sollen ihm als Zahlung für gleichmäßige Valuta gereicht werden. Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen. Gegeben im Innern des Schwarzen Gebirges, am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt laufenden Jahres.


»Es ist gut«, sagte Sancho, »nun unterschreibet nur.«

»Das Unterschreiben ist nicht nötig«, sagte Don Quixote, »sondern ich will nur meinen Namenszug hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert wären.«

»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden«, antwortete Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den Rozinante satteln, und Ihr erteilt mir Euren Segen; denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt, und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe, als nur mein Herz wünschen konnte.«

»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur, weil es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten vollführen, denn ich will sie in weniger als einer halben Stunde fertig haben; hast du diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst, wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir vorgesetzt habe.«

»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt mich Euch nicht nackt sehen, denn das würde mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte, und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben habe, daß ich das Heulen nicht von neuem anfangen mag; gefällt es Euch aber, daß ich ihrer etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten, die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt, es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme sich die Dame Dulcinea nur in acht, denn wenn sie nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör ich hoch und teuer, ich will ihr die schickliche Antwort mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen herausholen, denn warum soll man's denn leiden, daß ein so berühmter irrender Ritter, wie Ihr seid, um nichts und wieder nichts unsinnig wird, für eine – – – Die gute Dame soll mich nur nicht ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber mein' Seel', wenn sie mich kennt, so mag sie mich zum Frühstück nehmen.«

»Wahrlich, Sancho«, sagte Don Quixote, »dem Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«

[226] »So unsinnig bin ich nicht«, antwortete Sancho, »aber hitzköpfiger; doch, von etwas anderem, was werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme? Wollt Ihr, wie Cardenio, auf der Straße lauern und die Hirten plündern?«

»Sei deshalb unbesorgt«, antwortete Don Quixote, »denn hätte ich gleich andere Speise, so würde ich doch nichts als die Kräuter dieser Wiese und die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen, denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung, nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«

Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist gar zu abgelegen.«

»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen«, sagte Don Quixote, »auch werde ich darauf denken, oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen, um mich droben umzusehen, ob du nicht wiederkömmst; das beste und sicherste aber wird sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß du von dem hier häufigen Genster etwas nimmst und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden, wie der Faden dem Theseus aus dem Labyrinthe half.«

»Das soll geschehen«, antwortete Sancho Pansa; er nahm Genster, bat seinen Herrn um seinen Segen, und unter häufigen Tränen von beiden Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den Rozinante, den ihm Don Quixote fleißig empfahl, daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit Zweige des Genster ausstreute, wie es ihm sein Herr geraten hatte; so entfernte er sich, ob ihn gleich Don Quixote noch immer quälte, daß er bleiben möchte, um ihn etliche Torheiten machen zu sehen. Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt, als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum will ich um etliche bitten, ob das freilich wohl die tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«

»Habe ich dir nicht gesagt?« sagte Don Quixote, »warte, mein Sancho, in einem Vaterunser ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir nichts, dir nichts schlug er zweimal Rad und warf sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen, den Rozinante umzuwenden, völlig zufrieden und hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können, sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße ziehen, bis er wiederkömmt, welches nicht lange dauern wird.

Zwölftes Kapitel
[227] Zwölftes Kapitel.

Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don Quixote als Verliebter im Schwarzen Gebirge unternahm.


Um auf das zurückzukommen, was der von der traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah, so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quixote mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitten bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet, und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte noch einmal, was er schon oft überlegt hatte, ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich besser und ihm geziemlicher sei, dem Roldan in seinen schädlichen oder dem Amadis in seinen schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare? denn am Ende war er doch immer bezaubert, und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn nicht mit einer Nadel in einem einzigen Punkt seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit siebenfachen eisernen Sohlen trug; ob ihm gleich diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine Tapferkeit beiseite setzen und nun auf sein Verstandverlieren kommen; gewiß ist es, er verlor ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand, und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab, wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem jungen Mohren mit schönen Locken, einem Edelknaben des Agramant, geschlafen habe; und indem er die Wahrheit davon [228] einsah, und daß seine Dame ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte er nichts Sonderliches darin, unsinnig zu werden. Aber ich, wie kann ich ihn in seinen Unsinnigkeiten nachahmen, wenn ich ihm nicht auch in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte wohl darauf schwören, daß meine Dulcinea von Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner Landestracht, und daß sie so unschuldig ist wie die Mutter, die sie gebar; auch bezeigte ich ein hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten zu begehen, sich wohl als Verliebter noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte erzählte, wurde er von seiner Dame Oriana verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen; er zog sich deshalb auf den Felsen Armut zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und dort weinte er so lange, bis ihm der Himmel in seiner größten Not und Bedrängnis Hülfe sendete. Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen, diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein Leids tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin, zu trinken reichen müssen? Nein! Es lebe Amadis! und ihn will Don Quixote von la Mancha nachahmen, so gut er es nur kann; wenigstens soll man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden können, daß, wenn er große Taten nicht vollendete, er im Versuche starb. Und wenn ich auch nicht von meiner Dulcinea verworfen oder verachtet bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von ihr entfernt zu sein. Auf dann! Die Hand ans Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen des Amadis, und lehrt mich, wie ich den Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten, und dieses will ich auch tun.

Er zog hierauf einige große Galläpfel von einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranz dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte, war, daß er keinen Einsiedler auffinden konnte, dem er beichtete und mit dem er sich tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen und andere zum Lobe Dulcineas waren; diejenigen, die man noch fand und die man noch lesen konnte, als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:


Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,
Die ihr auf dem Platze hier seid,
Ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,
Wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,
So hört meine Klagen nun weiter.
Mach doch meinen Schmerz nicht zur Zote,
Denn er ist so fürchterlich ja,
So steht euch ein Bach zu Gebote,
Denn hier bewein ich, Don Quixote,
Die Trennung von Dulcinea
von Toboso.
Hier ist er, der Ort, den erwählet
Der Liebende, ewig getreu,
Der ihn der Geliebten verhehlet,
[229]
Hier reißet der Schmerz ihn entzwei;
Er weiß nicht recht, was ihn so quälet.
Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,
Wie keinem es jemals geschah,
Drum welkt er wie Bohn' oder Schote,
Denn hier bewein ich, Don Quixote,
Die Trennung von Dulcinea
von Toboso.
Er suchte wohl hier Abenteuer
In Orten an Felsen so reich,
Er flüchtete dem Ungeheuer,
Dort hört er im wüsten Gesträuch
Von Leuten nur die alte Leier.
Es peitscht ihn die Liebe zu Tode
Und bleibet zur Marter ihm nah,
Drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,
Denn hier bewein ich, Don Quixote,
Die Trennung von Dulcinea
von Toboso.

Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulcinea ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don Quixote glauben müsse, daß, wenn er Dulcinea nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die Strophe unverständlich bliebe; und dies war auch in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber, wie gesagt, sie erhielten sich nicht, und nur diese drei Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit, und daß er seufzte und die Faunen und Silvanen der Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle antworten, Trost geben und zuhören möchten, unterhielt er sich, auch suchte er Kräuter, um sich mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme; wenn dieser so drei Wochen weggeblieben wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der Ritter von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden, daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt hätte.

Wir wollen ihn jetzt unter seinen Seufzern und Versen wandeln lassen, um zu erzählen, was dem Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete. Als er auf die große Straße gelangt war, machte er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn das Mißglück der Prelle betroffen hatte; er hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch schon so war, als wenn er wieder in den Lüften flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, ob es gleich eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt und gesollt hätte, denn es war um die Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit vielen Tagen nur kalte Küche genossen hatte. Dieser Hunger trieb ihn auch bis dicht an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß, sollte er einkehren oder nicht; wie er noch in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat, ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von dem die Haushälterin unsers Abenteurers sagte, daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen sei?«

[230] [233]»Er ist es«, sagte der Lizentiat, »und eben das Pferd gehört auch unserm Don Quixote.«

Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der Pfarrer und der Barbier aus seinem Dorfe waren, die nämlichen, die das Verhör und Gericht über die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den Sancho Pansa samt dem Rozinante erkannt hatten, begierig, von Don Quixote Neuigkeiten zu hören, liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho Pansa, wo bleibt denn Euer Herr!«

Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm sich vor, den Ort nicht zu verraten, an welchem sein Herr und in welcher Absicht er zurückgeblieben war; er antwortete also, sein Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich wichtig sei, die er aber nicht verraten dürfe, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.

»Nein, nein«, sagte der Barbier, »wenn Ihr uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist, so wer den wir glauben, wie wir es schon glauben, daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn Ihr reitet auf seinem Pferde; wahrhaftig, Ihr müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es ergeht Euch übel.«

»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich bin ein Mann, der keinen plündert und keinen umbringt, jeden bringt sein Schicksal um, oder vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist mitten im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust Buße tut.« Und zugleich erzählte er ihnen in einem ununterbrochenen Strom, wie er zurückgeblieben sei, samt allen gehabten Abenteuern, und wie er einen Brief an die Dame Dulcinea von Toboso bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo, in die sein Herr bis über beide Augen verliebt sei.

Die beiden standen voll Erstaunen über das, was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn ob sie gleich Don Quixotes Narrheit sowie die Art derselben kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert, sooft sie davon hörten. Sie baten Sancho Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die Dame Dulcinea von Toboso mit sich führe. Er sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht hätte, denn Don Quixote hatte sie behalten und ihm nicht gegeben, so wie er es auch vergessen hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte, er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzen Körper herum und sah und begriff zum zweiten Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn halb zerzauste und sich dann sehr hastig, ohne auszuruhen, ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht und gegen die Nase gab, daß das Blut herunterfloß. Da dies der Pfarrer und der Barbier sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei, daß er sich so übel gehabe.

»Was wird mir zugestoßen sein«, antwortete Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt, drei junge Esel verloren habe, wovon mir jeder so köstlich wie ein Palast war.«

»Wie das?« fragte der Barbier.

»Das Taschenbuch habe ich verloren«, antwortete Sancho, »worin der Brief an die Dulcinea war und auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn, auf die mir die Nichte drei junge Esel von den vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im Hause hat«; worauf er ihnen auch den Verlust seines Grauen erzählte. Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf Papier aufzeichnete, wie es gebräuchlich und gewöhnlich sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern würden nicht für gültig anerkannt.

[233] Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er den Brief an Dulcinea verloren habe, denn er wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben werden könnte, wo und wann sie es wollten.

»Sagt ihn gleich her, Sancho«, sprach der Barbier, »wir wollen ihn nachher niederschreiben.«

Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er sich auf den einen Fuß und bald auf den andern, jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom Finger heruntergebissen hatte und die beiden in der größten Erwartung standen, was er doch sagen würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause: »Mein' Seel', Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen Briefe weiß, außer daß im Anfange gesagt wurde: Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«

»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen heißen, sondern vielleicht meine Königin oder Monarchin.«

»So ist es auch«, sagte Sancho, »und gleich darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam – – – Wenn ich mich recht erinnere – – – Der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete küßt Eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß nicht was von Gesundheit und Krankheit, die er schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt.«

Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und dann noch einmal wieder herzusagen, damit sie ihn selbst auswendig lernen könnten, um ihn nachher niederzuschreiben. Sancho sagte ihn wiederum zwei- oder dreimal her, und jedesmal sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm in der Schenke widerfahren war, in die er nicht einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr, wenn er von der Dame Dulcinea von Toboso gute Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu machen und Kaiser zu werden oder wenigstens Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht, nach der Tapferkeit seiner Person und der Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding ziemlich leicht werden; wenn das geschehen, so wolle er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die eine reiche und große Herrschaft auf dem festen Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern machte er sich nichts.

Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte, und so ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten, indem sie erwägten, wie gewaltig Don Quixotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm seinen Irrtum zu nehmen, da es ihnen schien, daß es keine Gewissenssache sei, wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe der Zeit wohl Kaiser würde oder wenigstens Erzbischof oder eine andre ähnliche Würde bekäme.

Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren, wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser, sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren Stallmeistern zu geben pflegen.«

»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer, »irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der was Tüchtiges einträgt, die Akzidenzien ungerechnet, die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«

»Da wird's wohl nötig sein«, versetzte Sancho, »daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß er[234] wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach! ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt, Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«

»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho«, sagte der Barbier, »denn wir wollen Euern Herrn bitten und ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache machen, Kaiser und nicht Erzbischof zu werden; für ihn wird dies auch viel leichter sein, denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«

»Das glaub ich auch«, sagte Sancho, »doch muß ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten besitzt; was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm am meisten diene und wobei er mir das meiste geben kann.«

»Das ist eine verständige Gesinnung«, sagte der Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist auf die Art, wie wir Euern Herrn aus der unnützen Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt; damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in diese Schenke hineingehen.«

Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten, er aber wolle draußen warten und ihnen nachher die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe und es ihm widerwärtig sei, dort einzukehren; daß er sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas Warmes, zu bringen, auch Haber für den Rozinante. Sie gingen hinein, und er blieb draußen, und nach einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu essen.

Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich, wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz in Don Quixotes Sinn und auch so beschaffen war, wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich, so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don Quixote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von ihm erflehte, welche er ihr nicht als ein wackerer irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber, um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln, in das sie ein schlechter Ritter verwickelt habe, und daß sie ihn auch darum bäte, daß er nicht befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben, auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten, bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters geradegemacht. Er glaube, Don Quixote würde in dieser Form alles bewilligen, warum er nur bäte, und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit zu heilen.

Dreizehntes Kapitel
[235] Dreizehntes Kapitel.

Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet, nebst andern Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte vorgetragen zu werden.


Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers nicht, sondern sie schien ihm so gut, daß sie sogleich zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür der Pfarrer ein ganz neues Priestergewand zum Pfande einsetzte. Der Barbier machte sich einen weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze, an dem der Wirt seine Kämme aufhing. Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich Don Quixotes Narrheit, und wie diese Verkleidung dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse; sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu verschweigen, was Sancho so vorsorglich verbarg. Die Wirtin kleidete hierauf den Pfarrer so an, daß man nichts Schöneres sehen konnte; sie legte ihm nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzen Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgezackt waren, hierauf ein Leibchen von grünem Samt, mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien. Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn koeffierte, sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte, und um die Stirn band er ein Strumpfband von schwarzem Taffet, mit einem andern Strumpfband machte er [236] sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf er noch einen langen Mantel überwarf und sich quer nach Frauenart auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelblichte spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen von allen Abschied, auch von der braven Maritorne, die, so sündhaft sie auch selber sei, einen Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche Unternehmung, die sie unternommen hatten, glücklich beendigen möchten.

Sie hatten aber kaum die Schenke verlassen, als dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren, sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester, wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so wichtig sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle der Stallmeister sein, wodurch er so seinem Amte weniger vergäbe; wolle er dies nicht tun, so sei er fest entschlossen, nicht weiterzugehen, und wenn den Don Quixote auch der Teufel selbst holen sollte. Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte, sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete ihn, wie er sich gebärden und welche Redensarten er gegen Don Quixote zu führen habe, um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete, daß er selbst seine Lektion wüßte und sie gewiß auf das pünktlichste hersagen wolle. Er wollte sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der Stelle befänden, wo Don Quixote sei; er legte also den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig den Fund des Mantelsackes und das, was er in diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm er auch war, so war dieser brave Herr doch ein wenig auf sein Bestes bedacht.

Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige, ausgestreut hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er seinen Herrn gelassen hatte, und sowie er sie erkannte, sagte er, daß dieses der Eingang sei und daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies nötig sei, um seinen Herrn zu befreien: denn sie hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen Herrn von dem unglückseligen Leben zu erlösen, welches er sich auserwählt habe, und daß er durchaus seinem Herrn nicht sagen dürfe, wer sie wären oder daß er sie kenne, und wenn er fragte, wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an Dulcinea abgegeben habe, sollte er ja sprechen, und weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen, weil dies für ihn außerordentlich wichtig sei; dadurch und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären sie versichert, ihn zu einem bessern Leben zurückzubringen und ihn so anzufrischen, daß er sich gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber möge er nur ohne Sorge sein.

Sancho hörte alles an und prägte es sich gut ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht, daß sie seinem Herrn zureden wollten, er möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend, ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien das gut, was Sancho sagte, sie [237] beschlossen also, dort zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.

Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein kleiner, friedlicher Bach murmelte, und auf dem Felsen und einige Bäume einen angenehmen, frischen Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es war im August, in welchem Monate die Sonne dort sehr heiß brennt; es war drei Stunden nach Mittage, alles dieses machte den Ort sehr anmutig und lud sie ein, hier die Rückkehr des Sancho zu erwarten, wie sie es auch taten. Indem die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen sie eine Stimme, die, ohne den begleitenden Ton eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit; da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die sie singen hörten, kein Lied eines Bauers sein könne, sondern von einem feinen Mann herrühren müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die Verse, die sie hörten, waren folgende:


Wer hat mir zerstört mein Glücke?


Die Tücke.
Was macht mich in Qual vergehen?
Verschmähen.
Wer macht, daß ich dulden lerne?
Die Ferne:
Also machen beßre Sterne
Niemals lichtern Himmel offen,
Denn mich töten ja das Hoffen
Wie Verschmähn und Tück' und Ferne.
Wer macht mir mein Leben trübe?
Die Liebe.
Wer scheucht Freude weit zurücke?
Das Glücke.
Und wer weigert sich als Retter?
Die Götter:
Also brechen tausend Wetter,
Daß ich muß Verlorner sein,
Zum Verderben auf mich ein,
Glück, die Liebe wie die Götter.
Was kann lindern meine Not?
Nur der Tod.
Und was schafft der Liebe Gut?
Wankelmut.
Was macht ihrer Übel frei?
Raserei:
[238]
Also folgt, unweise sei
Meine Leiden wollen heilen,
Da nur Hülfe kann erteilen
Tod, Wankelmut, Raserei.

Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung; sie hielten sich ruhig, indem sie noch mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß alles schwieg, beschlossen sie, aufzustehen und den Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang, und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten, machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten, denn ein neuer Ton traf ihr Ohr, und folgendes Sonett wurde gesungen.

Sonett
Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen,
Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,
Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,
Zu den gebenedeiten Himmelsreichen,
Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen
Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,
Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,
Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.
Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,
Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,
Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.
Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,
So wird die Welt den alten Krieg begonnen
Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.

Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer, und die beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen verkehrt hatte, beschlossen sie, zu erfahren, wer der Traurige sei, dessen Stimme so schön wie sein Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen, als sie, indem sie um einen Felsen bogen, einen Menschen von eben der Gestalt gewahr wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er vom Cardenio erzählte. Als dieser Mann sie erblickte, blieb er, ohne sich zu bewegen, unverändert in seiner traurigen Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die Augen aufzuschlagen oder ihnen mehr als jenen flüchtigen Blick zu gönnen, als sie sich ihm so unvermutet näherten.

Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu und bat und beschwor ihn in wenigen, aber vernünftigen Worten, dieses elende Leben zu verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches von allen Unglückseligkeiten [239] doch die unseligste sei. Cardenio war gerade bei vollem Verstande und ohne einen Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm selbst entfremdete; da er also die beiden sah, anders gekleidet, als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig, noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer Sache reden hörte, die man schon kannte; denn das, was ihm der Pfarrer gesagt hatte, machte ihm dies deutlich, er antwortete also mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer Ihr auch sein möget, meine Herren, daß der Himmel, der für die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft, wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit Eindringlichkeit und Vernunft, ob ich gleich ohne diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle. Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne, ich wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen kann; Ihr müßt mich also für einen Menschen von schwachem Verstande halten oder, was noch schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und freilich wäre es kein Wunder, wenn Ihr es tätet, denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige Bild meines Elendes so überwältigt hat und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung entbehre; darum muß ich auch alles glauben, was mir manche erzählen und mir durch Spuren beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht. Ich kann nun nichts weiter tun als vergeblich klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem, der mich anhören will, mein Unglück erzählen, damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie sich nicht über die Folgen desselben wundern und, wenn sie mir nicht helfen können, mich doch wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt werden muß. Kommt Ihr also, meine Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der schon manche hergekommen sind, so bitte ich Euch, ehe Ihr noch in Euren gütigen Überredungen fortfahrt, die Geschichte meines Unglücks anzuhören, weil Ihr vielleicht nachher selber Eure Mühe unnütz findet, mir in meinem Elende Trost zu geben, das durchaus keinen Trost zuläßt.«

Es war gerade der Wunsch der beiden, aus seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm keine andere Hülfe und keinen andern Trost anzubieten, als die er selber wünschen würde. Der traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte an und trug sie fast mit den nämlichen Worten und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quixote und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und durch die Gewissenhaftigkeit Don Quixotes, den Gesetzen der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung abgebrochen wurde, wie es die Historie oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück, daß sie von keinem Anfall von Wahnsinn gestört wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando im »Amadis von Gallia« den Brief fand, sagte Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb sagte er ihn mit diesen Worten her:

»Luzinde an Cardenio

Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch, die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem hochzuschätzen; wenn Ihr mich also von meinen Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun. Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich liebt und der, ohne mich zu zwingen, Euch das bewilligen wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr mich so hoch schätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es glaube.


[240] Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt, bewogen, um Luzinden als meine Gemahlin anzuhalten, und durch dieses Blatt wurde Fernando in seiner Meinung bestätigt, Luzinden für das verständigste und klügste Mädchen seiner Zeit zu halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch, mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando, was mir Luzindens Vater erwidert hatte, daß es meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich es aber nicht wage, es ihm zu sagen, aus Furcht, daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Luzinde unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriffe wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur dies Hindernis, sondern noch manches andere mache mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne was, es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals in Erfüllung gehen würden.

Don Fernando antwortete mir, daß er es über sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und ihn dahin zu bringen, daß er mit Luzindens Vater redete. O du ehrsüchtiger Marius! Grausamer Catilina! Schändlicher Sulla! Verräterischer Galalon! Du hinterlistiger Vellido! Rachsüchtiger Julian! O habsüchtiger Judas! Du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger, Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche getan, der dir so offen die geheimsten Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich dich beleidigt? Welchen Rat hab ich dir je gegeben, welches Wort jemals gesprochen, das nicht hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück zu befördern? Aber worüber klag ich Elender! Es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten, der so angesehen war, daß er nur wählen durfte, um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen Geschichte anknüpfen.

Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich war, um seine schändliche Falschheit auszuüben, beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot, mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte, daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte. Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte ich sie nur ahnen? Weit davon entfernt, bot ich mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an, sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft hielt. In derselben Nacht sprach ich mit Luzinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando abgeredet habe und daß sie die feste Hoffnung fassen könne, daß nun unsere tugendhaften Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich, vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber indem sie dies gesagt hatte, wurden ihre Augen von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle, so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, ob es mir gleich schien, als habe sie mir noch vieles zu sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn sooft das gute Glück und meine Sorgfalt uns die Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß der Himmel mir sie[241] zur Geliebten vergönnt habe, ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen schien. Nebenher erzählten wir uns tausend Kindereien und lustige Vorfälle von unsern Nachbarn und Bekannten, und das Höchste, was meine Kühnheit dann wagte, war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte Traurigkeit Luzindens. Um aber meine Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken und Argwohn, ohne daß ich wußte oder erdenken konnte, was ich argwöhnte: Zeichen, die mir den trübseligen Erfolg und das Unglück, das meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.

Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich über reichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando. Man empfing mich freundlich, fertigte mich aber nicht so schnell ab, sondern ich erhielt zu meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur eine Erfindung des falschen Fernando, denn es fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir unmöglich, so viele Tage von Luzinden entfernt zu leben, besonders, da ich sie so schwermütig verlassen hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein redlicher Diener, ob ich gleich einsah, daß es auf Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Luzindens Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei, um die Mittagsstunde, als ihm aus einem Fenster eine Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß, und zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: ›Wenn Ihr ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an die er gerichtet ist, es ist ein gutes Werk, womit Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset, damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt das, was in dem Tuche ist.‹ – ›Und wie sie dies gesagt hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch herab, in dem hundert Realen eingebunden waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück, doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt sah und aus der Überschrift erkannte, daß der Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief selbst zu überliefern; seitdem sind sechzehn Stunden verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.‹

Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich, von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen, daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:


[242] Das Versprechen, welches Don Fernando Euch gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur Gemahlin begehrt hat, und mein Vater, von Don Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht, verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll, und zwar so verborgen und geheim, daß nur der Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeuge sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen; wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben. Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich mich gezwungen sehe, die meinige mit dem zu verbinden, der schlecht die versprochene Treue zu halten weiß.


Dies war der Inhalt des Briefes, der mich sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein, daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens den Don Fernando bewogen hatte, mich zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren, den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Luzinden zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin und ließ mein Maultier in dem Hause des braven Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es fügte sich so glücklich, daß ich Luzinden gerade am Gitterfenster traf, dem Zeugen unsrer Liebe. Luzinde sah mich gleich, und ich sah sie, aber nicht so, wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner. Wie mich Luzinde erblickte, sagte sie: ›Cardenio, ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger Vater, nebst andern Zeugen, die wohl Zeugen meines Todes, aber niemals meiner Vermählung sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber Freund, und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt und du so erst vollkommen einsiehst, wie sehr ich dich geliebt habe und noch liebe.‹

Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich fürchtete, gestört zu werden: ›Laß, Geliebte, deine Taten deine Worte wahrmachen, führst du einen Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen, wenn uns das Glück entgegen ist.‹ Ich glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete. Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein, die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft, ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und Eingänge kannte, noch mehr mich aber das Geheimnis, welches jetzt still betrieben wurde, begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen zu werden. Ohne bemerkt zu sein, begab ich mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so viele und von solcher Art drängten sich mir auf, daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam trat endlich ohne weitern Schmuck in den Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider. Als Zeuge kam ein Verwandter Luzindens mit ihm, und weiter war niemand im Saale zugegen als Diener des Hauses. Bald darauf erschien Luzinde aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und zwei Mädchen begleitet, ihre Kleidung war so schön und reich, wie es ihr Stand und ihre [243] Schönheit verdienten, und so schön, als sich der Putz, mit edler Pracht gepaart, erweisen kann. Meine Angst und Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer zu betrachten, ich merkte nur die Farben Rot und Weiß und den Glanz der Edelsteine, die auf dem Kopfe schimmerten wie auf ihrem ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde, so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale waren, wetteiferten und ihr Strahl dennoch den Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin vorzustellen? Wär es, grausames Gedächtnis, nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals tat, damit ich, von so unendlicher Beleidigung empört, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens dies Leben verliere? Laßt es Euch, meine Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß, daß ich sie nicht kurz und in wenigen Worten erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in meinen Augen eine lange Rede.«

Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauen Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären, denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten schenken müsse.

»Indem ich also im Saale wartete«, fuhr Cardenio fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein, faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie vorzunehmen, indem er sagte: ›Wollt Ihr, Fräulein Luzinde, diesen hier gegenwärtigen Don Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es die heilige Mutterkirche befiehlt?‹ Ich stürzte mit Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und mit verwirrter Seele, um Luzindens Antwort zu vernehmen, das Unheil meines Todes oder die Bestätigung meines Lebens! O wär ich doch damals hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Luzinde! Luzinde! Bedenke, was du tust, erwäge, was du mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist und daß du keinem andern angehören darfst! Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines Lebens nur eins und dasselbe ist. – Ha! Verräter Don Fernando! Du Räuber meines Glücks, du Tod meines Lebens! Was willst du? Was verlangst du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel deiner Wünsche erlangen kannst, denn Luzinde ist meine Gattin, und ich bin ihr Gemahl!

O ich Tor! Jetzt, abwesend und fern von der Gefahr, jetzt erzähl ich, was ich damals hätte tun sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber, an dem ich mich rächen konnte, hätt ich ein Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle, Klagen auszustoßen; nun gut, ich war damals ein Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zu viel, wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in Reue und Wahnsinn. Der Priester erwartete Luzindens Antwort, die lange zögerte, und als ich nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem Besten zu enttäuschen, da hört ich, daß sie mit schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das nämliche sagte Don Fernando, und indem er ihr den Ring gab, war das unauflösliche Band geknüpft. Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.

Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die Worte und Versprechungen Luzindens falsch fand und die Unmöglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke verloren hatte, da verließ mich jeder Gedanke, mir war's, als wurde der Himmel mir abtrünnig, als trüge die Erde mich nur als ihren Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt; nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich vor Wut und Eifersucht mich in allen Adern brennen fühlte.

[244] Alle waren durch Luzindens Ohnmacht verwirrt; die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr Luft zu schaffen, und fand ein zusammengelegtes Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt hatte, sank er in einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken versunken, ohne den übrigen zu helfen, seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so alle Leute des Hauses in Verwirrung sah, beschloß ich fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung des falschen Fernando erführe sowie den Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt hat, wenn es größere gibt, führte es so, daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne also an meinen ärgsten Feinden Rache zu nehmen, wie ich leicht gekonnt hätte, da keiner an mich dachte, beschloß ich, die Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben. Ich war also grausamer gegen mich, wie ich gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber, der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet, ermordet sich unaufhörlich, ohne sein Leben zu beschließen.

Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier stand, ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es, wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen begleitete ich die Namen Luzinde und Don Fernando, als wenn sie dadurch das Unrecht büßten, das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich aber habsüchtig, weil sie, von den Reichtümern meines Feindes geblendet, mich verlassen und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen reichen, schönen und vor nehmen Mann gaben, ohne den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches ihrem guten Namen und ihrer Ehre wäre nachteilig geworden. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen, denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten sie selbst keinen bessern Gatten für ihre Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt nachgegeben hätte und die Hand gereicht, hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben, so wäre ich erschienen und hätte alles bestätigt, was sie irgend zu ihrem Besten hätte ersinnen mögen. Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen, womit sie mich getäuscht und in meiner festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen mich hingehalten hatte. So schreiend und in dieser Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite dieser Berge, liegen, und etliche Schäfer nach der wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen mir diese Gegend nach, und sogleich begab ich mich mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert, ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten beigestanden haben, [245] denn sie erzählten mir, wie sie mich angetroffen hätten und daß ich so vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt, daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden, daß er nicht immer hinreichend stark ist, sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin wiederhole; meine Absicht ist dann, mir mit diesem Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann. Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten, die in diesen Bergen streifen, legen mir, aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehen und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt in mir die Begierde, sie zu nehmen und zu verzehren. Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie es mir auch aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel gefallen wird, es zu beschließen oder mein Gedächtnis so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit und des Verrats Luzindens sowie Don Fernandos Schändlichkeit gedenke; geschieht dies vor meinem Tode, so will ich meine Gedanken anders richten; wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper aus diesem Elende zu reißen, in das ich mich freiwillig gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun, ob ich sie mit weniger Schmerzen vortragen kann, als ich Euch gezeigt habe? Gebt Euch darum keine Mühe, mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will. Ich will keine Wohlfahrt ohne Luzinden, und da sie einen andern erwählt hat, indem sie die Meine war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück, da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig, ich will mich selbst verderben und dadurch ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich um so größere Martern, weil ich glaube, daß sie sich nicht mit dem Tode endigen werden.«

Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte, unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn hier beschließt den dritten der weise und genaue Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.

Vierzehntes Kapitel
[246] Vierzehntes Kapitel.

Handelt von dem neuen und angenehmen Abenteuer, welches dem Pfarrer und Barbier in dem nämlichen Gebirge begegnete.


Höchst beglückt und freudenreich waren die Zeiten, in welchen der kühnste Ritter Don Quixote von la Mancha der Welt erschien, denn, indem er dazumal den ehrenvollen Entschluß faßte, den erloschenen und gleichsam erstorbenen Orden der irrenden Ritterschaft zu erwecken und der Welt zurückzugeben, geschieht es, daß wir uns in unsern Tagen, die einer erheiternden Unterhaltung so sehr bedürfen, nicht nur der Süßigkeiten seiner wahrhaftigen Geschichte erfreuen, sondern zugleich der Erzählungen und Episoden, die zum Teil ebenso anmutig, kunstreich und wahrhaftig sind als die Geschichte selbst, welche ihren sauber gehechelten, geflochtenen und abgeteilten Faden aufnimmt und erzählt, wie der Pfarrer, als er sich eben bereitete, dem Cardenio Trost zuzusprechen, von einer Stimme, die sein Ohr vernahm, unterbrochen wurde, welche in klagenden Tönen folgendes sagte:

»O Himmel! Sollte ich schon den Ort gefunden haben, der zum verborgenen Grabe der Last dieses meines Körpers dienen kann, die ich so sehr wider meinen Willen trage? Ja, so wird es sein, wenn diese Gebirge so einsam sind, wie sie mir erscheinen. Ach, ich Unglückselige! Wieviel liebere Gesellschaft werden diese Felsen und Abgründe für mein Vorhaben sein – denn sie vergönnen es mir, mein Unglück dem Himmel zu klagen – als die Gegenwart irgendeiner menschlichen Gestalt! denn von keinem auf Erden kann ich Rat in meinem Zweifeln hoffen, Trost in meinen Schmerzen, Hülfe in meinen Leiden.«

[247] Alle diese Worte hörten und verstanden der Pfarrer und die mit ihm waren, und da sie glaubten, wie es auch in der Tat war, daß der Klagende sich in der Nähe befinden müsse, so standen sie auf, ihn zu suchen, und sie waren kaum zwanzig Schritte gegangen, als sie hinter einem Felsen, am Fuße eines Eschenbaumes, einen Jüngling wahrnahmen, in der Kleidung eines Bauern, der das Gesicht gegen den Boden neigte, weil er im vorüberfließenden Bache seine Füße wusch, weswegen sie nicht sogleich betrachten konnten; sie waren auch so leise herangeschlichen, daß er sie nicht vernahm, auch weiter auf nichts achtete, als seine Füße zu waschen, die nicht anders wie zwei Stücke weißen Kristalls aussahen, die dort zwischen anderm Gestein im Bache gewachsen wären. Der Glanz der schönen, weißen Füße setzte sie in Erstaunen; denn sie schienen nicht gemacht, auf Kiesel zu treten oder hinter dem Pfluge und den Rindern herzuschreiten, wie man doch nach der Bekleidung hätte schließen sollen. Wie sie also sahen, daß sie nicht bemerkt wurden, gab der Pfarrer, welcher der vorderste war, den übrigen ein Zeichen, daß sie sich ruhig verhalten oder hinter einigen Felsenstücken dort verbergen möchten; dies taten sie alle, indem sie aufmerksam beobachteten, was der Jüngling tun würde. Dieser trug ein graues Wams, das um die Hüften mit einem weißen Tuche festgegürtet war; seine Beinkleider und Strümpfe waren ebenfalls von grauem Tuche, der Kopf war mit einer grauen Mütze bedeckt; die Strümpfe hatte er bis zur Hälfte der Beine hinaufgezogen, welche vollkommen dem weißesten Alabaster glichen; jetzt war er mit dem Waschen der schönen Füße fertig, worauf er sie mit einem Tuche, das er unter der Mütze hervornahm, trocknete, und indem er dieses herabnahm, erhob er sein Gesicht, und diejenigen, die ihn betrachteten, sahen durch diese Bewegung eine so unvergleichliche Schönheit, daß Cardenio zum Pfarrer leise sagte: »Ist dieses nicht Luzinde, so ist es kein menschliches, sondern ein göttliches Gebild.« Der Jüngling nahm nun die Mütze ab, und sowie er den Kopf von einer zur andern Seite schüttelte, flossen ringsum so strahlende Haarlocken hinunter, daß die Sonne ihren Glanz beneiden durfte. Hieraus ersahen sie, daß derjenige, der ihnen ein Bauerknabe schien, ein Mädchen sei, und zwar das zarteste und schönste, das ihre Augen bis dahin jemals gesehen hatten, selbst den Cardenio nicht ausgenommen, wäre ihm nicht die holdselige Luzinde bekannt gewesen, denn er gestand selbst nachher, daß nur Luzindens Schönheit sich mit dieser messen dürfe. Die langen, goldenen Haare bedeckten nicht nur die Schultern, sondern senkten sich so tief rund auf allen Seiten hinab, daß man vom Körper nichts als die Füße sehen konnte, von solcher Fülle und Länge waren ihre Locken. Hierauf brauchte sie statt eines Kammes ihre Hände, die, wenn die Füße im Wasser Kristalle schienen, in den Haaren sich nicht anders wie Figuren geformten Schnees ausnahmen; welches alles um so mehr die Bewunderung und den Wunsch bei den dreien, welche sie beobachteten, erregte, zu erfahren, wer sie sei; deshalb beschlossen sie, sich zu zeigen, und auf die Bewegung, die sie im Annähern machten, erhob das schöne Mädchen das Angesicht, strich mit beiden Händen die Haare von den Augen hinweg und sah nun die, die das Geräusch machten; aber kaum hatte sie sie bemerkt, als sie aufsprang und, ohne die Schuhe anzulegen oder die Haare aufzusammeln, in größter Eile ein leinen Bündel ergriff, das neben ihr lag, und sich voll Furcht und Schrecken auf die Flucht begab; sie war aber nicht sechs Schritte gelaufen, als ihre zarten Füße die Härte der Steine nicht länger aushalten konnten und sie auf die Erde niederfiel; als die drei dies sahen, eilten sie herzu, und der Pfarrer sagte zuerst: »Bleibt, Señora, wer Ihr auch sein mögt, denn wir alle, die Ihr hier seht, haben nur die Absicht, Euch zu dienen; ohne Ursache begebt Ihr Euch also auf diese ungeziemende Flucht; denn Eure Füße können sie sowenig aushalten, als wir dareinwilligen können.«

Auf dieses sagte sie kein Wort, so war sie erschrocken und in Verwirrung. Hierauf traten sie hinzu, und der Pfarrer nahm ihre Hand und fuhr so fort: »Was Eure Kleidung, Señora, uns leugnen sollte, haben uns Eure Locken entdeckt, deutliche Zeichen, daß keine geringen Ursachen Euch veranlaßt haben, [248] Eure Schönheit durch so unwürdige Tracht zu entstellen und sie so einsamer Wildnis zu verraten, in der Ihr uns zum Glücke gefunden habt, um Euch wenigstens zu trösten, wenn wir Euch nicht helfen können; denn kein Übel ist so drückend oder so gar verzweifelt, solange das Leben noch währt, daß es nicht mindestens Rat zulassen sollte, wenn er dem, der dessen bedarf, aus guter Absicht gegeben wird; also, Señora oder Señor, oder was Ihr sonst sein wollt, erholt Euch von dem Schrecken, den unser Anblick Euch verursacht, und erzählt uns Euer gutes oder schlimmes Glück; denn Ihr werdet finden, wie jeder von uns ein Mitgefühl für Eure Leiden hat.«

Indem der Pfarrer diese Worte sagte, stand das verkleidete Mädchen wie versteinert; sie betrachtete alle, ohne nur die Lippen zu regen oder eine Silbe zu sprechen, ebenso wie ein unerfahrner Bauer, dem plötzlich seltene und nie gesehene Dinge vor die Augen kommen; da aber der Pfarrer wiederum zu dem nämlichen Endzwecke andere Worte anknüpfte, holte sie einen tiefen Seufzer, brach ihr Schweigen und sagte: »Da es der Einsamkeit dieser Gebirge unmöglich gewesen ist, mich zu verstecken, und meine aufgelösten Haare auch meiner Zunge nicht erlauben, Lügen zu sagen, so wäre es jetzt wohl vergeblich, von neuem mich hinter eine Erdichtung zu verbergen, der Ihr vielleicht mehr aus Höflichkeit als einem andern Grunde Glauben beimessen würdet; dies vorausgesetzt, sage ich Euch, meine Herren, daß ich Euch für Eure freundlichen Anerbietungen danke, die mir die Pflicht auflegen, alle Eure Bitten zu erfüllen; nur besorge ich, die Erzählung meiner Unglücksfälle wird bei Euch ebensoviel Mitleiden als Unwillen erregen, weil Ihr keine Hülfe, mir zu helfen, keinen Rat, mir beizustehen, finden werdet; dennoch aber, damit nicht meine Ehre Eurem gütigen Willen zweideutig erscheine, da Ihr schon erkannt habt, daß ich ein Weib bin, und Ihr mich als Mädchen, einsam und in dieser Kleidung, seht, welches zusamt, wie jedes einzeln, jede gute Meinung zu Boden werfen könnte, will ich Euch das sagen, was ich gern verschwiege, wenn es mir möglich wäre.«

Alles dies sagte ohne Anstoß diejenige, die ein so schönes Mädchen zu sein schien, mit so leichter Zunge und so süßer Stimme, daß jene über ihren Verstand nicht weniger als über ihre Schönheit erstaunten, und da sie ihr von neuem ihre Dienste anboten und sie von neuem baten, ihr Versprechen zu erfüllen, so setzte sie sich, ohne sich länger bitten zu lassen, indem sie mit größtem Anstande ihre Schuhe anlegte und ihre Haare aufwickelte, auf ein Felsenstück, und nachdem die drei sich um sie gelagert und sie sich bemüht hatte, einige Tränen zu unterdrücken, die ihr in die Augen stiegen, begann sie mit sanfter und melodischer Stimme die Geschichte ihres Lebens auf folgende Weise:

»Hier in Andalusien liegt ein Ort, von dem ein Herzog seinen Titel führt, welcher ihn zu einem von denen macht, die man die Granden von Spanien nennt. Dieser hat zwei Söhne, der ältere, Erbe seiner Güter und, wie es scheint, seiner Tugenden; der jüngere aber mag wohl nur Erbe der Verrätereien des Vellido und der Tücke des Galalon sein. Dieses Herrn Vasallen sind meine Eltern, von geringer Abkunft, doch reich, daß, wenn die Natur ihnen ebenso günstig gewesen wäre als das Glück, sie weder etwas zu wünschen hätten, noch ich in mein gegenwärtiges Elend verwickelt wäre; denn wohl mag mein schlimmes Glück nur dadurch veranlaßt sein, daß sie von keinem edlen Geschlechte abstammen; doch sind sie nicht so niedrig, daß sie sich ihres Standes zu schämen hätten, doch ebensowenig vornehm genug, um mir den Gedanken nehmen zu können, daß nur aus ihrer Niedrigkeit mein Unglück erwachsen sei; kurz, sie sind Landarbeiter, abhängig, nie vermischt mit einem schlecht berufenen Stamme, sondern alte, unbefleckte Christen und von so uralter Reinheit, daß ihr Reichtum und Wohlstand ihnen wohl die Würde der Hidalgos, ja der Ritter erwerben könnte. Doch schätzten sie das für ihren größten Reichtum und besten Adel, mich zur Tochter zu haben; und da sie keinen andern Erben oder Erbin hatten und sie mich zärtlich als ihr Kind hielten, wurde ich so von ihnen geliebt, wie nur je eine Tochter geliebt wurde; ich war der [249] Spiegel, in dem sie sich betrachteten, die Stütze ihres Alters, das Ziel aller ihrer Wünsche, die sie mit denen zum Himmel vereinigten und mit denen die meinigen durchaus übereinstimmten, da sie immer die besten waren; nicht weniger, wie ich die Beherrscherin ihrer Liebe war, war ich es über alle ihre Güter; ich nahm Diener an und gab ihnen den Abschied, die Rechnungen über Aussaat und Ernte gingen durch meine Hände; über die Ölmühlen, die Weinkeltern, über die Herden des großen und kleinen Viehes, über die Bienenzucht, kurz, über alles, was zum Besitztume eines so reichen Landmannes gehört, als mein Vater war, führte ich die Rechnung; ich war die Haushälterin und Herrscherin, und meine Sorgfalt erwarb mir sein Wohlgefallen in solchem Maße, daß ich es unmöglich ausdrücken kann. Die Stunden, die mir vom Tage übrigblieben, nachdem ich die nötige Zeit den obersten Hirten oder Winzern gewidmet hatte, wendete ich zu jenen Übungen an, die den Jungfrauen ebenso nützlich als nötig sind, wie die Arbeiten mit der Nadel oder am Stickrahm, oft auch das Spinnrad; und ließ ich diese Arbeiten, um meinen Sinn zu ermuntern, so las ich zu meinem Vergnügen irgendein geistliches Buch, oder ich spielte meine Harfe; denn die Erfahrung zeigte mir, wie die Musik unruhige Gemüter beruhigt und die Leiden der Seele erleichtert. Ein solches Leben führte ich in meiner Eltern Hause, welches ich Euch nicht aus Prahlerei so umständlich beschrieben habe, oder um zu zeigen, daß ich reich sei, sondern damit Ihr sehen mögt, wie ich ohne meine Schuld aus jener glücklichen Lage in das Elend geraten bin, in welchem ich mich jetzt befinde.

Wie ich also mein Leben so eingezogen unter diesen Beschäftigungen fortführte, daß man es mit dem Aufenthalte in einem Kloster vergleichen durfte, ohne, wie ich es glaubte, von jemand anders als den Dienern im Hause gesehen zu werden – denn wenn ich zur Messe ging, geschah es so früh am Tage, überdies von meiner Mutter und meinen Mägden begleitet, auch so verhüllt und verschleiert, daß meine Blicke kaum mehr Boden sahen als den, wo ich den Fuß hinsetzte –, so vermochten es dennoch die Augen der Liebe oder vielmehr der Müßigkeit, die schärfer sind als die Augen des Luchses, daß Don Fernando mich bemerkte, denn so heißt der jüngere Sohn des Herzogs, von dem ich erst gesprochen habe.«

Kaum hatte die Erzählerin den Namen des Don Fernando genannt, als Cardenio die Farbe im Gesichte veränderte, wobei ihm in heftiger Erschütterung der Schweiß ausbrach, so daß der Pfarrer wie der Barbier, die auf ihn achtgaben, schon befürchteten, daß er den Anfall von Wahnsinn bekommen möchte, der ihn, wie sie gehört hatten, von Zeit zu Zeit heimsuchte; aber Cardenio tat in seiner Erschütterung nichts anderes, als daß er erstaunt dastand und das Landmädchen starr ansah, indem er zu wissen glaubte, wer sie sei; sie aber, ohne Cardenios Bewegungen zu bemerken, fuhr also in ihrer Erzählung fort:

»Er hatte mich kaum gesehen, als er auch, wie er mir nachher sagte, sich so von Liebe zu mir ergriffen fühlte, wie ich es wohl an seinem Betragen wahrnehmen konnte. Um aber bald die Geschichte meiner endlosen Leiden zu endigen, so übergehe ich alle Bemühungen des Don Fernando, die mir seine Absicht kundtun sollten; er bestach alle Leute in meinem Hause; meine Angehörigen erhielten Geschenke und Begünstigungen von ihm; jeder Tag war ein Fest und führte eine Ergötzlichkeit in meine Straße; in den Nächten konnte vor Spiel und Gesang niemand schlafen; der Briefchen, die mir, ohne zu wissen wie, in die Hände kamen, waren unzählige, voll von glühender Liebe und Ergebenheit, mehr Beteuerungen und Schwüre als Buchstaben; alles dieses aber erweichte mich so wenig, daß es mich im Gegenteil so gegen ihn verhärtete, daß er mir wie mein Todfeind erschien, so daß alles, was er tat, um mich seinen Wünschen geneigt zu machen, durchaus die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte; nicht, als ob mir die edle Gestalt Don Fernandos mißfallen hätte oder als ob ich auf seine Bemühungen einen Unwillen geworfen: denn ich empfand im Gegenteil ein gewisses Vergnügen, mich von einem so vorzüglichen Ritter geschätzt und geliebt zu sehen; auch verdroß es mich nicht, mein Lob in seinen Briefen zu lesen – denn [250] wenn wir Weiber auch noch so häßlich sind, so schmeichelt es uns doch, wie ich glaube, immer uns schön genannt zu hören –, sondern meine Tugend und der gute Rat meiner Eltern widersetzten sich ihm, die schon um die Absicht Don Fernandos wußten, weil er sich nicht darum kümmerte, ob die ganze Welt sie erführe. Meine Eltern sagten mir, wie sie meiner Tugend allein ihre Ehre und ihren guten Ruf vertrauten, daß ich die Ungleichheit bedenken möchte, die mich und Don Fernando voneinander trennte, und daraus schließen, daß seine Absichten, wenn er auch andere Reden führe, nur dahin zielten, sein Vergnügen, nicht aber meine Wohlfahrt zu befördern; wenn ich also gesonnen sei, seinen unrechtmäßigen Bewerbungen ein Hindernis in den Weg zu stellen, so wollten sie mich schnell verheiraten, mit wem ich es am liebsten möchte, entweder mit einem der Vornehmsten unseres Ortes oder aus der Nachbarschaft; denn unser großes Vermögen wie mein guter Ruf machte jede Wahl möglich. Durch diese gewissen Aussichten und die Wahrheit ihrer Vorstellungen stärkte ich mich in meinem Vorsatze und gab dem Don Fernando auch nicht eine einzige Silbe zur Antwort, die ihm, selbst nur aus der Ferne, die Hoffnung hätte einflößen können, seine Wünsche erfüllt zu sehen; diese Zurückgezogenheit aber, die er für Verschmähung halten sollte, mußte vielleicht nur noch heftiger seine Begier entzünden, denn so muß ich seine Gesinnung gegen mich nennen, die ich Euch, wenn sie gestaltet war, wie sie hätte sein sollen, heute nicht beschreiben dürfte, weil mir dann die Ursache fehlen würde, davon zu erzählen; kurz, Don Fernando erfuhr, daß meine Eltern damit umgingen, mich zu versorgen, um ihm jede Hoffnung meines Besitzes zu entreißen oder mir wenigstens mehr Wächter zu meinem Schutze zu geben, und diese Nachricht bewog ihn, das zu tun, was Ihr jetzt vernehmen sollt.

Als ich mich nämlich in einer Nacht in meinem Zimmer allein befand, nur in der Gesellschaft eines Mädchens, die mich bediente, die Türen wohl verschlossen, damit mir aus Nachlässigkeit nichts begegnen möchte, was meine Ehre in Gefahr bringen könnte, fand ich plötzlich, ohne zu wissen oder zu begreifen wie, in meiner stillen Einsamkeit und trotz meiner Vorsicht ihn vor mir, dessen Anblick mich so erschütterte, daß meine Augen ihre Kraft verloren und meine Zunge verstummte; darum stand es nicht in meiner Gewalt, um Hülfe zu rufen, auch glaube ich nicht, daß er es geduldet hätte; denn schnell eilte er auf mich zu, faßte mich in seine Arme – weil ich, wie gesagt, keine Kräfte hatte, um mich zu verteidigen, so erschüttert wie ich war – und überhäufte mich mit so vielen Worten, daß es mir unbegreiflich ist, wie die Lüge sich so geschickt verstellen kann, daß sie wie Wahrheit erscheint; der Verräter brachte es dahin, daß seine Tränen seine Worte, seine Seufzer sein Versprechen bekräftigten. Ich armes Kind, einsam unter den Meinigen aufgewachsen, schlecht geübt zu dergleichen Dingen, fing an, ich weiß nicht wie, alle diese Falschheit für Wahrheit zu halten, doch nicht so, daß ich zu einem andern als erlaubten Mitleiden durch seine Seufzer und Tränen wäre bewogen worden. Darauf, als das erste Erschrecken vorüber war, sammelte ich wieder meine zerstreuten Geister, und mit mehr Festigkeit, als er vielleicht erwartet hatte, sagte ich zu ihm: ›Wenn ich so, Señor, wie ich mich in deinen Armen finde, in die Klauen eines wilden Löwen gefallen wäre und mich dadurch erretten könnte, daß ich etwas täte oder sagte, was meiner Tugend entgegen wäre, so wäre es mir ebenso unmöglich, das zu tun oder zu sagen, wie es mir unmöglich ist, nicht mehr das zu bleiben, was ich bis jetzt war; darum, wenn du meinen Leib auch mit deinen Armen umgürtet hältst, so ist meine Seele doch mit Gesinnungen der Tugend umschlossen, die von den deinigen so verschieden sind, wie du es wahrnehmen sollst, wenn du Gewalt brauchen und so noch weiter vorschreiten wolltest. Ich bin deine Vasallin, aber nicht Sklavin; der Adel deines Blutes hat kein Recht, das meinige zu entehren oder es als ein niedriges zu verachten; als Landmädchen, als Bäuerin halte ich mich so gut, wie du dich als Herr und Ritter dünkst; deine Stärke soll nichts über mich vermögen; deine Schätze sollen mich nicht blenden; deine Worte haben keine Kraft, mich zu täuschen; deine Seufzer werden mich [251] nie bewegen; sähe ich aber alles dieses an einem Manne, den meine Eltern mir zum Gatten bestimmt haben, dann würde ich seinem Willen den meinigen unterwerfen, ja, mein Wille würde mit dem seinen ein und derselbe sein, so daß mich, wenn ich meine Ehre behielte, auch keine Reue quälen und ich dir dann, Señor, das freiwillig geben würde, was du mir jetzt mit Gewalt zu entreißen suchst; alles dieses sage ich, damit du nicht glauben mögest, daß irgend jemand etwas von mir erlange, der nicht mein rechtmäßiger Gemahl ist.‹

›Wenn dir nur dies Bedenken macht, schönste Dorothea‹« – denn so ist der Name dieser Unglücklichen –, »sagte der unedle Ritter, ›so reiche ich dir hiermit die Hand, der Deinige zu sein, und von der Aufrichtigkeit dieses Versprechens sei der Himmel Zeuge, dem nichts verborgen bleibt, und dies Bildnis der Mutter Gottes, das du hier hast.‹«

Als Cardenio vernahm, daß sie Dorothea heiße, ward er von neuem verwirrt und war nun von der Richtigkeit seiner ersten Vermutung überzeugt; er wollte aber die Erzählung nicht unterbrechen, um den Ausgang zu erfahren, den er fast schon wußte, er sagte nur: »Wie, Señora, dein Name ist Dorothea? Ich habe schon sonst diesen Namen von einer erfahren, die fast mit dir ein gleiches Elend erduldete; doch fahre fort, mit der Zeit will ich dir Dinge sagen, die dich nicht weniger erstaunen als betrüben werden.« Dorothea erstaunte über diese Rede des Cardenio sowie über seinen sonderbaren und kläglichen Aufzug und bat ihn, wenn er etwas von ihrem Schicksal wisse, es ihr sogleich zu sagen; denn wenn das Glück ihr etwas Gutes gelassen, so sei es der Mut, den sie fühle, jeder Kläglichkeit, die ihr begegnen möchte, zu trotzen, da sie gewiß sei, daß keine sie erreichen werde, die diejenige, welche sie schon bedrücke, im mindesten vermehren könne.

»Ich werde«, antwortete Cardenio, »das nicht vergessen, Señora, was ich dir sagen wollte, wenn meine Einbildung nämlich Wahrheit ist; es ist aber jetzt noch nicht Zeit und nutzt dir noch nicht, es zu erfahren.«

»Es sei, was es wolle«, antwortete Dorothea, »um in meiner Erzählung fortzufahren, so nahm Don Fernando ein Bildnis, welches sich im Zimmer befand, und rief es zum Zeugen unserer Vermählung an, mit herzerschütternden Worten und unter furchtbaren Schwüren tat er mir das Versprechen, mein Gemahl zu sein; ehe er aber seine Rede vollendete, bat ich ihn noch einmal, wohl zu überlegen, was er tue, zu bedenken, wie sein Vater zürnen werde, wenn er ihn mit einer Bürgerlichen, seiner Vasallin, verbunden sähe; meine Schönheit würde diesen nicht verblenden, denn sie sei nicht groß genug, seinen Fehler zu entschuldigen; wünsche er aus Liebe zu mir mein Bestes, so müßte er mein Geschick so eben fortlaufen lassen, wie es mein Stand mit sich bringe, denn solche ungleiche Heiraten brächten nie Freude, auch daure die Lust nie lange, mit der sie begonnen würden. Dieses alles stellte ich ihm vor und fügte noch manches andere hinzu, dessen ich mich jetzt nicht erinnere; aber nichts war stark genug, ihn von seinem Vorsatze abwendig zu machen: denn der, der nicht zu bezahlen denkt, sondern nur als Betrüger den Handel schließt, wird von keinen Schwierigkeiten irregemacht. Ich sprach zugleich einige Worte mit mir selber und sagte zu mir: Ich bin wohl nicht die erste, die durch Heirat aus einem niedrigen Stande vornehm geworden, auch wird Don Fernando nicht der erste sein, den Schönheit oder vielmehr verblendete Leidenschaft dahin brachte, sich eine Gefährtin, seiner Hoheit ungleich, zu erwählen; da es nun kein neuer und unerhörter Gebrauch ist, so tue ich nicht unrecht, die Ehre anzunehmen, die mir das Schicksal anbietet, und wenn auch sein Vorsatz nur so lange währt, als er seine Leidenschaft befriedigt, so bin ich doch vor Gott seine rechtmäßige Gemahlin; will ich ihn aber mit Verachtung von mir treiben, so tut er vielleicht, was er nicht sollte, und bedient sich der Gewalt, dann bin ich entehrt, und ich habe keine Entschuldigung meiner Schuld gegen die, die nicht wissen, wie ich in diese Lage gekommen bin: [252] denn mit welchen Worten möchte ich wohl meine Eltern und andere Leute überzeugen können, daß dieser Ritter ohne meine Bewilligung in mein Zimmer gekommen sei? Alle diese Fragen und Antworten gingen in einem Augenblicke durch mein Gedächtnis; aber vorzüglich überwältigten mich, ohne daß ich es merkte, Don Fernandos Schwüre zu meinem Verderben, die Zeugen, die er anrief, die Tränen, die er vergoß, ja, seine schöne und liebenswürdige Bildung, alles erhöht durch so viele Beweise wahrhafter Liebe, daß jedes andere Herz, das ebenso frei und wenig mißtrauisch als das meinige war, wäre bezwungen worden; ich rief meine Magd, damit zu den himmlischen Zeugen noch andere auf Erden hinzugefügt würden; Don Fernando erneuerte und bestätigte hierauf seine Schwüre, rief noch mehr Heilige als Zeugen unseres Bundes an, verdammte sich selbst mit tausend Verwünschungen, wenn er seine Versprechungen nicht erfüllen würde, von häufigen Tränen wurden seine Augen naß, seine Seufzer vermehrten sich, er drückte mich inniger in seine Arme, aus denen er mich noch nicht losgelassen hatte, und nun, indem sich das Mädchen aus dem Zimmer entfernte, hörte ich auf, ein Mädchen zu sein, und er wurde ein vollkommner Verräter und Nichtswürdiger.

Der Tag, der auf diese Nacht meines Unglücks folgte, kam, obgleich, wie ich glaube, nicht mit der Schnelligkeit, mit der Don Fernando ihn wünschte; denn sobald die Begierde gestillt ist, ist es der heftigste Wunsch, sich von da zu entfernen, wohin die Begier erst getrieben hat; dies glaube ich, weil Don Fernando eilte, sich von mir zu entfernen, und durch Hülfe des Mädchens, derselben, die ihn erst hereingelassen hatte, befand er sich vor Tagesanbruch auf der Straße; indem er Abschied nahm, wiederholte er mir, doch nicht mit ebendem Eifer und der Heftigkeit, wie er es bei seiner Ankunft tat, daß ich mich auf seine Treue verlassen könne, daß seine Eidschwüre wahrhaftig und unverbrüchlich wären, wobei er, zu größerer Bestätigung seines Wortes, einen kostbaren Ring vom Finger zog und ihn an den meinigen steckte; kurz, er entfernte sich nun, und ich blieb zurück, ich weiß nicht, ob traurig oder vergnügt, nur dies weiß ich zu sagen, daß ich verwirrt und nachdenklich war und wie von mir selbst durch diese neue Begebenheit entfremdet, so daß ich es auch nicht über mich vermochte oder es vielmehr ganz vergaß, mit meinem Mädchen wegen ihrer Verräterei zu schelten, daß sie Don Fernando in mein Zimmer verschlossen habe, denn ich war noch ungewiß, ob ich das, was mir begegnet war, für gut oder für schlimm halten sollte. Beim Abschied sagte ich dem Don Fernando, daß er mich auf ebendem Wege die künftigen Nächte sehen könne, weil ich die Seinige sei, bis er es für gut fände, die Sache bekanntzumachen; aber er kam, die folgende Nacht ausgenommen, nicht wieder, auch sah ich ihn auf der Straße nicht, ebensowenig in der Kirche, während eines Monates, denn vergebens bemühte ich mich, ihn zu sprechen, weil ich wußte, daß er in der Stadt war und fast täglich auf die Jagd ging, ein Vergnügen, welches er ungemein liebte; ich weiß, wie bitter und unglückselig mir diese Tage und Stunden waren, ich weiß auch, wie sich in ihnen nun meine Zweifel entsponnen, ja, wie ich auch dem Versprechen des Don Fernando nicht mehr traute; ebenso weiß ich, daß mein Mädchen nun die Worte anhören mußte und die Vorwürfe, die sie erst über ihr kühnes Unterfangen nicht gehört hatte; ich weiß, daß ich gezwungen war, über meine Tränen sowie über die Farbe meines Gesichts zu wachen, um nicht die Fragen meiner Eltern zu erregen, was mir fehle, und ich dadurch gezwungen sei, Lügen zu erfinden; doch hörte dies alles mit einem Schlage auf, denn ein solcher traf mich, der alle Rücksichten niederwarf und alle geziemenden Gedanken beendigte, wodurch meine geheimsten Gedanken sich offenbar machten, und dies war, weil man nach einigen Tagen im Orte davon redete, wie sich Don Fernando in einer nah gelegenen Stadt mit einer Jungfrau von äußerster Schönheit vermählt habe, die von vornehmen Eltern stamme, doch keine so reiche Mitgift besitze, daß sie eine so große Vermählung hätte erwarten dürfen; man nannte sie Luzinde und erzählte noch mehr Dinge, die sich auf ihrer Hochzeit zugetragen hatten, die verwundernswürdig waren.«

[253] Cardenio hörte den Namen Luzinde, doch tat er nichts weiter, als daß er die Schultern zusammenzog, sich auf die Lippen biß, die Augenbrauen faltete und augenblicks darauf zwei Tränenströme seinen Augen entrollen ließ. Dorothea fuhr aber dennoch so in ihrer Erzählung fort: »Wie ich diese betrübte Zeitung vernahm, statt daß mir das Herz hätte dabei erstarren sollen, so entzündete es sich vielmehr so in Zorn und Wut, daß wenig fehlte, ich hätte laut in den Gassen geschrien und die schändliche Treulosigkeit und Bosheit verkündigt; doch mäßigte ich für jetzt meine Wut, weil ich darauf dachte, das in der kommenden Nacht ins Werk zu richten, was ich auch tat, mir nämlich diese Tracht anzulegen, die ich von einem Hirten erhielt, einem Knechte meines Vaters, dem ich mein ganzes Unglück entdeckte und ihn bat, mich bis nach der Stadt zu begleiten, in der mein Feind seinen Aufenthalt genommen hatte; er, nachdem er mir erst meinen Vorsatz verwiesen und mir mein Unternehmen hatte verleiden wollen, mich aber entschlossen sah, versprach, mir Gesellschaft zu leisten und mich, wie er sagte, bis an der Welt Ende zu begleiten; sogleich packte ich in einen leinenen Beutel einen weiblichen Anzug, nebst einigen Kleinodien, und Geld auf alle Fälle, und ohne meinem verräterischen Mädchen ein Wort zu sagen, verließ ich das Haus in stiller Nacht, in Begleitung des Dieners und mannigfaltiger Vorstellungen, und machte mich zu Fuße auf den Weg nach der Stadt, von dem Vorsatze beflügelt, ihn zu finden und, wenn auch nicht zu hindern, was ich schon getan glaubte, doch wenigstens den Don Fernando zu fragen, mit welchem Herzen er es habe tun können.

In zwei und einem halben Tage gelangte ich, wohin ich wünschte, und sowie ich in die Stadt getreten war, fragte ich nach dem Hause, in dem die Eltern der Luzinde wohnten, und der erste, dem ich diese Frage tat, antwortete mir mehr, als ich zu hören wünschte; er gab mir Nachricht vom Hause und von allem, was sich mit der Tochter des Hauses zugetragen hatte: eine Sache, die in der Stadt so bekannt war, daß man an allen Orten laut davon redete; er erzählte mir, wie an dem Abende, da Luzinde mit Don Fernando vermählt wurde, als sie das Ja ausgesprochen, seine Gattin zu sein, sie von einer plötzlichen Ohnmacht befallen wäre; wie ihr Gemahl nun zu ihr gegangen, ihr die Brust frei zu machen, damit sie Luft schöpfen könne, habe er ein Blatt von Luzindens Hand gefunden, in welchem sie bestimmt erklärte, daß sie unmöglich die Gemahlin Don Fernandos sein könne, weil sie es schon vom Cardenio sei, der, nach dem Berichte dieses Mannes, ein vornehmer Ritter aus derselben Stadt war; daß sie dem Don Fernando ihr Jawort gegeben, habe sie nur getan, um ihren Eltern gehorsam zu sein; kurz, das Blatt enthielt nach seiner Erzählung solche Ausdrücke, daß man aus diesen begriff, sie habe den Vorsatz gehabt, sich selber umzubringen, sowie die Zeremonie beendigt gewesen; zugleich hatte sie die Ursachen angezeigt, aus denen sie sich des Lebens berauben wollte; alles dieses soll auch ein Dolch bestätigt haben, den man in einem Teile ihrer Kleidung fand. Als dem Don Fernando dies alles kund wurde und er meinte, von Luzinden hintergangen, verschmäht und verachtet zu sein, stürzte er auf sie zu, noch ehe sie aus ihrer Ohnmacht zurückgekommen war, und faßte den gefundenen Dolch, um sie zu erstechen, was er auch getan hätte, wenn ihn die Eltern und die übrigen, die zugegen waren, nicht daran gehindert hätten; man sagte auch, daß sich Don Fernando schnell entfernt, Luzinde sich aber erst am folgenden Tage von ihrer Betäubung erholt und dann ihren Eltern erzählt habe, wie sie die wahrhaftige Gemahlin des erst genannten Cardenio sei; man wußte auch, daß dieser Cardenio bei der Vermählung selbst gegenwärtig gewesen sei, und als er sie vermählt gesehen, was er nie hatte glauben können, sei er verzweifelnd aus der Stadt entflohen, habe aber ein geschriebenes Blatt zurückgelassen, in dem er Luzindens Treulosigkeit verwünschte, und daß er dort hinginge, wo ihn niemals das Auge eines Menschen wiederfinden solle. Dieses alles war in der ganzen Stadt allgemein bekannt, alle sprachen davon; noch mehr aber redeten sie darüber, als man erfuhr, daß Luzinde aus dem Hause ihrer Eltern und aus der Stadt entflohen sei; [254] denn man fand sie nicht in der Stadt, worüber ihre Eltern fast wahnsinnig wurden und nicht wußten, welche Mittel sie ergreifen sollten, um sie wiederzufinden. Als ich dies erfuhr, erwachten meine Hoffnungen von neuem, es schien mir jetzt besser, daß ich Don Fernando nicht gefunden hatte; denn da ich ihn nicht verheiratet fand, schien mir noch nicht ganz das Tor meines Trostes verschlossen; ich glaubte, der Himmel habe vielleicht seiner zweiten Heirat dies Hindernis geschickt, um seine Pflicht für die erste in ihm wiederzuerwecken, ihn zu erinnern, daß er ein Christ sei und daß er seine Seligkeit höher als alle irdischen Rücksichten achten müsse; alles dies stellte sich meiner Einbildung dar, und ich tröstete mich, ohne einen Grund des Trostes; ich ersann ferne, kaum schimmernde Hoffnungen, um ein Leben zu fristen, das ich jetzt hasse. Indem ich noch in der Stadt war, ohne zu wissen, was ich tun sollte, weil ich Don Fernando nicht fand, hörte ich einen öffentlichen Ausruf, welcher demjenigen eine große Belohnung nachwies, der mich auffände, wobei er mein Alter und die Kleidung, die ich trug, als Zeichen beschrieb; ich hörte ihn sagen, der Bursche, der mit mir ging, habe mich aus dem Hause meiner Eltern entführt: etwas, das mir durch die Seele ging, weil ich sah, wie sehr meine Ehre vernichtet war, daß man nicht nur meine Entfernung, sondern auch meinen Begleiter bekanntmachte, einen Gegenstand, der so niedrig und meiner Neigung durchaus unwürdig war. Sowie ich den Ausruf gehört hatte, verließ ich mit meinem Diener die Stadt, der schon anfing mir Proben zu geben, daß er in der mir versprochenen Treue wankend werde; in derselben Nacht begaben wir uns, aus Furcht, gefunden zu werden, in die verborgenen Schlüfte dieses Gebirges; wie man aber zu sagen pflegt, daß ein Unglück das andere herbeirufe und daß das Ende eines Leidens gewöhnlich nur der Anfang eines andern, noch größern sei, dies bewies sich an mir; denn mein guter Diener, bis dahin treu und zuverlässig, sah mich kaum in dieser Einsamkeit, als er, mehr durch sein schlechtes Gemüt als meine Schönheit gereizt, sich die Gelegenheit zunutze machen wollte, die ihm diese Wildnisse anzubieten schienen, und Ehrbarkeit, Furcht Gottes und Achtung gegen mich vergaß und mir seine Liebe antrug; und da er sah, wie ich auf seine unehrbaren Anträge mit frommen und geziemenden Worten erwiderte, ließ er die Bitten, deren er sich erst bediente, und fing an Gewalt zu brauchen; aber der gerechte Himmel, der selten oder niemals ermangelt, den tugendhaften Willen zu erkennen und zu beschützen, beschützte auch den meinigen so sehr, daß ich ihn mit meinen wenigen Kräften und mit kleiner Anstrengung von einem Abschusse herunterschleuderte, wo ich ihn, ich weiß nicht ob lebend oder tot, liegen ließ und gleich mit aller Schnelligkeit, die mir Schreck und Mattigkeit ließen, in diese Berge hinaufeilte, ohne andere Absicht und Gedanken, als mich hier zu verbergen und meinem Vater und andern zu entfliehen, die sich aufmachen würden, mich zu suchen. Mit diesem Vorsatze hatte ich schon einige Monate hier gelebt; denn ich traf auf einen Bauer, der mich als Knecht nach einem Dorfe in das innerste Gebirge mit sich nahm, wo ich diese Zeit über als sein Hirt gedient habe, indem ich mich immer auf dem Felde aufzuhalten suchte, um diese Haare zu verstecken, die mich heute, ohne daß ich es dachte, verraten haben; aber meine Mühe und Vorsicht war auch damals ohne Nutzen; denn mein Herr merkte, daß ich kein Mann sei, und derselbe schlechte Vorsatz wie in meinem Diener entstand in ihm; da aber das Glück uns mit der Widerwärtigkeit nicht immer die Hülfe reicht, so mochte sich auch kein Hohlweg oder Absturz finden, von wo ich den Herrn so hinunterstürzte, wie ich dem Diener getan hatte, also hielt ich es für zuträglicher, von ihm zu gehen und mich von neuem in diesen Wildnissen zu verbergen, als meine Kräfte oder meine Rechtfertigung gegen ihn zu versuchen; also verbarg ich mich, wie gesagt, wieder hier, um hier einen Ort zu finden, wo ich ungestört den Himmel um Mitleid anflehen kann, und daß er mir ein Mittel zeige, aus meinem Elende zu kommen oder hier in dieser Wüstenei zu sterben, damit kein Andenken der Unglückseligen übrigbleibe, die ohne ihre Schuld der Gegenstand der Gespräche und des Spottes so in ihrer wie in fremder Gegend geworden ist.«

Fünfzehntes Kapitel
[255] Fünfzehntes Kapitel.

Welches von dem artigen Kunstgriffe und der Weise handelt, die man annahm, unsern verliebten Ritter aus seiner höchst grausamen Buße zu nehmen, der er sich unterzogen hatte.


»Dieses, meine Herren, ist die wahrhafte Geschichte meiner trübseligen Begebenheiten; urteilt jetzt selber, ob die Seufzer, die Ihr vernommen, die Worte, die Ihr gehört, die Tränen, die meinen Augen entflossen, nicht hinreichende Ursache haben, um im größten Übermaße auszubrechen. Erwägt Ihr dabei die Art meines Unglücks, so werdet Ihr finden, daß jeder Trost vergeblich, weil keine Hülfe dagegen zu finden ist; nur darum bitte ich Euch – was Ihr mit Leichtigkeit tun könnt und sollt –, mir Rat zu geben, wo ich mein Leben beschließe, ohne der Furcht und Angst bloßgestellt zu sein, daß ich von denen angetroffen werde, die mich suchen; denn wenn ich auch weiß, daß die große Liebe, die meine Eltern zu mir tragen, sie bewegen würde, mich gut aufzunehmen, so ist doch meine Scham schon bei dem Gedanken, vor ihnen anders, als sie es denken, zu erscheinen, so groß, daß es mich besser dünkt, mich hier auf ewig ihrem Anblicke zu entziehen, als ihr Angesicht zu sehen, mit der Meinung, daß sie mich der Tugend, die sie mir zugetraut hatten, entfremdet wiederfinden.«

Hiermit schwieg sie, und eine Röte überzog ihr Angesicht, woraus man deutlich die Empfindungen ihres Gemüts und ihre Beschämung erkannte. Das Gemüt der Zuhörer war gleich sehr von Mitleid als Bewunderung durchdrungen, und obgleich der Pfarrer sogleich ihr Rat und Trost zu geben wünschte, [256] so nahm doch Cardenio vor ihm das Wort und sagte: »So bist du also wirklich, Señora, die schöne Dorothea, die einzige Tochter des reichen Clenardo?«

Dorothea stand verwundert, als sie den Namen ihres Vaters nennen hörte, und zwar von einem, der ein so schlechtes Aussehen hatte; denn die elende Kleidung, in der Cardenio ging, ist schon oben beschrieben; sie sagte also: »Und wer seid Ihr, Freund, daß Ihr den Namen meines Vaters wißt? denn wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihn bisher im ganzen Verlaufe meiner trübseligen Geschichte nicht ein einziges Mal genannt.«

»Ich bin«, antwortete Cardenio, »jener Unglückliche, von dem, nach Eurem Berichte, Señora, Luzinde ausgesagt hat, daß er ihr Gemahl sei; der elende Cardenio bin ich, den die Bosheit jenes Mannes, der auch Euch in diesen Zustand brachte, dahin geführt hat, wie Ihr mich jetzt vor Euch seht, zerlumpt, nackt, von allem menschlichen Rat verlassen und, was das schrecklichste ist, entblößt von der menschlichen Vernunft; denn nur dann ist sie mir gegenwärtig, wenn es dem Himmel gefällt, sie mir auf eine kurze Zeit zu gönnen; ich, Dorothea, bin derselbe, der bei dem Verbrechen Don Fernandos zugegen war, der auf das Ja horchte, womit sich Luzinde jenem als Gattin übergab; derselbe bin ich, der es nicht über sich vermochte, so lange zu zögern, um zu sehen, was sich aus Luzindens Ohnmacht ergeben oder sich aus dem Blatte, das man in ihrem Busen fand, erklären würde; denn es ging über die Kraft meiner Seele hinaus, so mannigfaltiges Elend sogleich vor mir zu sehen, darum verließ ich das Haus, wie mich die Geduld verließ, überlieferte einem Bekannten ein Blatt, den ich bat, es Luzinden zu übergeben, und so kam ich in diese Wüste, mit dem festen Willen, hier mein Leben zu beschließen, das mir seitdem so verhaßt ist wie mein tödlichster Feind. Aber das Verhängnis hat mir dieses Leben gelassen, damit zufrieden, mir die Vernunft zu entreißen, um mich vielleicht für den Glücksfall aufzubehalten, daß ich Euch antreffen sollte; denn wenn alles Wahrheit ist, was Ihr uns erzählt habt, wie ich es glaube, so sendet uns beiden vielleicht der Himmel ein schöneres Glück in unsern Bedrängnissen zu, als wir es glauben können; denn wenn sich Luzinde dem Don Fernando nicht vermählen kann, weil sie die Meinige ist, Don Fernando nicht mit ihr, da er der Eurige ist, und da sie dies so unverhohlen erklärt hat, so dürfen wir hoffen, daß der Himmel uns das wiedergibt, was unser ist; denn noch ist es ja vorhanden und weder vergeben noch vernichtet; und da uns dieser Trost nun bleibt, der nicht aus einer ungewissen Hoffnung entspringt oder sich auf einer törichten Einbildung gründet, so bitte ich Euch, Señora, mit Euren edlen Gedanken einen andern Entschluß zu fassen, so wie ich es tun will, und beide wollen wir uns darein finden, ein besseres Glück zu erwarten; denn bei meiner Treue als Ritter und Christ schwöre ich, Euch nicht zu verlassen, bis ich Euch im Besitze Don Fernandos sehe, und wenn ich ihn mit Worten nicht dahin bringen kann, daß er seine Pflicht einsieht, so will ich mich dann des Rechts bedienen, welches mir mein Stand als Ritter gibt: Rechtmäßig will ich ihn bekämpfen und Antwort fordern für das Unverantwortliche, was er gegen Euch verübt, ohne meiner Kränkungen zu gedenken, deren Rache ich dem Himmel überlasse, um die Eurigen hier auf Erden zu ahnden.«

Indem Cardenio sprach, hörte Dorotheas Verwunderung auf, und da sie nicht wußte, wie sie ihm für seine große Freundschaft danken sollte, wollte sie ihm zu Füßen fallen; aber Cardenio gab es nicht zu, und der Lizentiat antwortete für beide; er billigte die edlen Worte Cardenios und bat sie inständig, riet und überredete dazu, sie möchten mit ihm nach seiner Heimat gehen, wo sie sich mit allem, was ihnen mangelte, versorgen könnten; daß man dort Anstalten treffen möge, Don Fernando aufzusuchen oder Dorothea ihren Eltern zurückzugeben oder überhaupt das zu tun, was man am zuträglichsten fände. Cardenio und Dorothea dankten ihm und nahmen sein Erbieten an. Der Barbier, der bis dahin als ein ruhiger Zuhörer geschwiegen hatte, sprach auch seine verständige Rede und zeigte sich ebenso [257] bereitwillig wie der Pfarrer, ihnen auf alle mögliche Art zu dienen; er erzählte auch kürzlich, warum sie sich dort befänden, wobei er die seltsame Narrheit des Don Quixote beschrieb und wie sie jetzt auf seinen Stallmeister warteten, der fortgegangen sei, ihn aufzusuchen. Wie eines Traums erinnerte sich Cardenio, daß er mit Don Quixote Händel gehabt; er erzählte es den übrigen, konnte aber die Ursache ihres Zwistes nicht angeben.

Indem hörten sie ein Geschrei und merkten, daß es von Sancho Pansa herrühre, der sie mit lauter Stimme rief, weil er sie nicht an dem Platze, wo er sie erst gelassen, wiedergefunden hatte; sie gingen ihm entgegen und fragten ihn nach Don Quixote; er erzählte, wie er ihn halb nackt im Hemde gefunden habe, dürr, gelb, fast vor Hunger gestorben, immer für seine Dame Dulcinea seufzend; wie er ihm zwar gesagt, daß sie ihm den Befehl sende, den Ort zu verlassen und sich nach Toboso zu begeben, wo sie ihn erwarte, er aber habe geantwortet, daß er entschlossen sei, nicht eher vor Dero Schönheit zu erscheinen, bis er Tathandlungen ausübend verrichtet, die ihn in ihrer Gnade würdiglich machten, und wenn es nun noch so fortginge, so laufe er Gefahr, kein Kaiser zu werden, wie es doch seine Schuldigkeit sei, ja nicht einmal Erzbischof, was doch das wenigste sei, was er werden könnte; sie möchten darum selbst zusehen, was sie ausrichten könnten, um ihn von dort wegzubringen.

Der Lizentiat antwortete, daß er sich keine Sorge machen möge, sie würden ihn schon von der Qual erlösen, in der er jetzt bedrängt wäre; er erzählte zugleich dem Cardenio und der Dorothea, welches Mittel sie erdacht, um Don Quixote zu helfen, wenigstens ihn nach seinem Hause zu bringen. Worauf Dorothea sagte, daß sie die hülfsbedürftige Jungfrau besser als der Barbier vorstellen werde, besonders da sie Kleider bei sich habe, mit denen sie es recht natürlich machen könne, und daß man es ihr nur überlassen solle, alles das zu tun, was erforderlich sei, um den Vorsatz auszuführen; denn sie habe viele Ritterbücher gelesen und kenne den Stil recht gut, den die bedrängten Jungfrauen führten, wenn sie eine Gabe von den irrenden Rittern begehrten.

»So ist nichts weiter vonnöten«, sagte der Pfarrer, »als daß man es sogleich ins Werk richte; denn wahrlich, das Glück ist mir günstig, weil es plötzlich Euch eine Tür zu Eurem Troste eröffnet und uns so unvermutet die Ausführung unseres Vorhabens erleichtert.«

Sogleich nahm Dorothea aus ihrem Beutel ein Kleid von dem reichsten Stoffe, einen prächtigen grünen Mantel und aus einer Schachtel einen Halsschmuck, nebst andern Kleinodien, womit sie sich im Augenblicke so putzte, daß sie eine vornehme und große Dame schien; dies und noch andere Sachen hatte sie, wie sie sagte, aus ihrem Hause mitgenommen, um sie zu brauchen, wenn es die Gelegenheit gäbe; aber bisher hatte sie noch keine gefunden, sich umzukleiden. Alle waren über ihren edlen Anstand, Reiz und Schönheit entzückt und tadelten den Don Fernando wegen seines wenigen Gefühls, daß er so viel Anmut habe verstoßen können; wer sich aber am meisten verwunderte, war Sancho Pansa, denn er glaubte – wie es auch in der Tat war –, in Zeit seines ganzen Lebens nicht eine so herrliche Bildung gesehen zu haben; er fragte also den Pfarrer mit großem Eifer, ihm doch zu sagen, wer die schöne Dame sei und was sie denn hier in der Wüstenei zu suchen habe.

»Diese schöne Dame, Freund Sancho«, antwortete der Pfarrer, »ist, was man nicht alle Tage sieht, sie ist von männlicher Seite her die rechtmäßige Erbin des großen Mikomikonischen Reichs, welche jetzt her kommt, Euren Herrn aufzusuchen, um eine Gabe von ihm zu begehren, als nämlich: eine große Ungefügheit oder Kränkung zu ahnden, die sie von einem bösen Riesen erleiden müssen; und auf den Ruhm eines gewaltigen Ritters, den Euer Herr auf dem ganzen Erdkreise hat, ist diese Prinzessin von Guinea gekommen, ihn aufzusuchen.«

»Das Suchen und das Finden trifft sich ja herrlich«, rief nun Sancho Pansa aus, »besonders wenn mein[258] [263] Herr so glücklich ist, die Kränkung zu ahnden und die Ungefügheit einzufügen, wenn er nämlich das Hurenkind von Riesen, von dem Ihr sprecht, umbringt, und umbringen wird er ihn gewiß, wo er ihn trifft, wenn er nur kein Gespenst ist: denn gegen die Gespenster hat mein gnädiger Herr durchaus keine Gewalt. Aber um ein Ding will ich doch unter andern den Herrn Lizentiaten bitten, nämlich: damit mein Herr nicht Lust kriegt, Erzbischof zu werden, wie ich immer noch fürchte, so ratet ihm doch, daß er sich gleich mit dieser Prinzessin verheiraten möge; denn alsdann ist es ihm unmöglich, die erzbischöfliche Weihung zu empfangen, und er wird somit leicht zu seinem Kaisertume und ich zur Endschaft aller meiner Wünsche gelangen; denn ich habe es mir wohl überlegt und habe es ausgefunden, daß es mir durchaus nicht zuträglich ist, daß mein Herr ein Erzbischof werde; denn für die Kirche tauge ich nicht, denn ich bin verheiratet, und da noch lange Dispensation zu suchen, um Einkünfte von der Kirche zu genießen, da ich Frau und Kinder habe, heißt die Sache auf die lange Bank schieben; also, lieber Herr, ist das der Hauptpunkt, daß mein Herr sich gleich mit der Dame verheiraten muß, deren Herrlichkeit ich noch nicht weiß und sie also nicht bei ihrem gehörigen Namen nenne.«

»Sie heißt«, antwortete der Pfarrer, »die Prinzessin Mikomikona; denn da ihr Reich Mikomikon genannt wird, so folgt daraus klar, daß sie so heißen müsse.«

»Das ist keine Frage«, antwortete Sancho; »denn ich habe es oft gesehen, wie die Leute ihren Titel und ihre Würde von dem Orte hernehmen, wo sie geboren sind, daß sie sich Pedro von Alcala, Juan von Ubeda und Diego von Valladolid nennen, und dieselbe Mode wird wohl auch in Guinea sein, daß die Königinnen den Namen von ihren Königreichen führen.«

»Freilich ist es so«, sagte der Pfarrer, »und was das Vermählen Eures Herrn betrifft, so will ich dabei tun, was ich nur kann.« Hierüber war Sancho ungemein vergnügt, so wie der Pfarrer über seine Einfalt verwundert, daß er in den nämlichen Tollheiten ebenso fest wie sein Herr verstrickt sei; denn er hatte gar keinen Zweifel daran, daß dieser Kaiser werden würde.

Indessen hatte sich Dorothea schon auf das Maultier des Pfarrers gesetzt; der Barbier hatte sein Antlitz mit dem Ochsenschwanze geziert, und sie verlangten nun von Sancho, dort hingeführt zu werden, wo sich Don Quixote befinde, indem sie ihn erinnerten, sich nicht merken zu lassen, daß er den Lizentiaten oder Barbier kenne; denn darauf, daß sie unbekannt blieben, beruhte es völlig, daß sein Herr Kaiser würde; der Pfarrer und Cardenio wollten überdies nicht mit ihnen gehen, damit sich Don Quixote nicht des Zwistes erinnern möchte, den er mit Cardenio gehabt, und der Pfarrer, weil vorerst seine Gegenwart noch nicht nötig sei; sie ließen also jene voranziehen und folgten ihnen zu Fuße mit gemächlichen Schritten. Der Pfarrer stellte Dorothea noch einmal vor, was sie zu tun habe, worauf sie sagte, sie möchten unbesorgt sein; denn alles solle ganz richtig vor sich gehen, wie es in den Ritterbüchern enthalten und vorgeschrieben sei.

Als sie drei Viertelmeilen fortgezogen waren, entdeckten sie Don Quixote zwischen mehreren durcheinandergeworfenen Klippen, schon bekleidet, aber noch nicht gewappnet, und sowie ihn Dorothea erblickte und von Sancho erfuhr, daß jener Don Quixote sei, trieb sie ihren Zelter mit der Gerte, und nach folgte ihr der wohlbebartete Barbier; und als sie nun nahe genug gekommen, sprang der Stallmeister von seinem Maultiere ab und empfing Dorothea in seinen Armen, die mit vieler Zierlichkeit abstieg, zu den Füßen Don Quixotes sich kniend niederwarf und, sosehr er sich bemühte, sie aufzuheben, ohne sich emporzurichten, ihn auf folgende Weise anredete: »Nicht werde ich mich von allhier erheben, o tapferer und starkmutiger Ritter, bis Eure Gutheit und feine Sitte mir eine Gabe gewährt hat, die so zur Ehre und Ruhm Eurer Person wie zum Wohlsein der trostlosesten und unglücklichsten Jungfrau gereichen wird, die je die Sonne beschienen; und wenn die Tugend Eures starken Armes der Stimme Eures [263] unsterblichen Ruhmes gleichkommt, so seid Ihr verpflichtet, der Unglückseligen beizustehen, die aus weit fernen Landen der Geruch Eures rühmlichsten Namens herbeizieht, um Euch als den Retter in ihrem Elende aufzusuchen.«

»Nicht werde ich Euch ein einziges Wort erwidern, wohlschöne Dame«, antwortete Don Quixote, »noch irgendwas von Euren Mären weiter anhören, bevor Ihr Euch vom Boden erhebt.«

»Nicht werde ich mich erheben, Señor«, antwortete die betrübte Jungfrau, »wenn mir nicht zuvörderst Eure Hübschheit die Gabe bewilligt hat, um die ich flehe.«

»So bewillige ich sie und sage sie zu«, antwortete Don Quixote, »wenn mit der Erfüllung nicht meinem Könige Nachteil oder Schaden geschieht noch meinem Vaterlande, noch derjenigen, die zu meinem Herzen und meiner Freiheit die Schlüssel bewahrt.«

»Es wird denjenigen, die Ihr namhaft macht, nicht zum Schaden oder Nachteil gereichen«, antwortete die betrübte Jungfrau. Zugleich näherte sich Sancho Pansa dem Ohre seines Herrn und sagte ganz leise: »Ihr könnt, mein gnädiger Herr, nur frisch weg die Gabe gewähren, um die gefleht wird; es ist nämlich nichts weiter, als eine Riesenbestie umzubringen, und die das fleht, ist die erhabenste Prinzessin Mikomikona, Königin des mächtigen Mikomikonischen Reichs in Äthiopien.«

»Sei's, wer es sei«, antwortete Don Quixote, »so werde ich tun, was mir meine Pflicht gebeut und mein Gewissen mir befiehlt, dem Stande gemäß, zu welchem ich mich bekenne.« Er kehrte sich zugleich zur Jungfrau und sagte: »Euer Liebden allhohe Schönheit erhebe sich nunmehr; denn gewährt ist die Gabe, welche dieselbe von mir erheischen wird.«

»Was ich also heische«, sagte die Jungfrau, »ist, daß Eure großmütige Person sogleich mit mir ziehe, wohin ich dieselbe zu führen gedenke, und mir verspreche, sich keines andern Abenteuers zu unterfangen, keines Zwistes zu gedenken, bis ich an einem Verräter gerochen bin, der gegen göttliche und menschliche Satzungen mein Königreich mir entrissen hat.«

»Ich sage, daß ich es also gewähre«, antwortete Don Quixote, »und also mögt Ihr, Gebieterin, von Stund an die Melancholie entfernen, die Euch darniederbeugt, und Eurer ohnmächtigen Hoffnung neue Kraft und neuen Atem einflößen; denn mit der Hülfe Gottes und meines Arms sollt Ihr Euch alsbald in Eurem Königreiche wieder eingesetzt erblicken und wieder den Thron Eures alten und mächtigen Reichs in Besitz nehmen, und Trotz und Hohn sei allen Schurken geboten, die dem widersprechen wollen; flugs also, Hand ans Werk: denn im Zögern, sagt man, liegt die Gefahr.«

Die bedrängte Jungfrau beeiferte sich mit größter Mühe, ihm die Hände zu küssen; aber Don Quixote, der durchaus ein höflicher und artiger Ritter war, gab dieses durchaus nicht zu, sondern er hob sie auf und umarmte sie mit äußerster Höflichkeit und artigem Bezeigen, worauf er dem Sancho befahl, des Rozinante Sattelgurt festzuschnallen und ihm plötzlich die vollständige Waffenrüstung anzulegen.

Sancho sammelte die Waffen, die gleich einer Trophäe an einem Baume aufgehängt waren, schnallte den Sattelgurt und bewaffnete seinen Herrn alsbald, welcher, da er sich bewaffnet sah, sprach: »So gehen wir denn im Namen Gottes, uns dieser großen Dame gefällig zu erweisen.«

Der Barbier lag noch auf den Knien und gab sich alle Mühe, sein Lachen zu verbergen und den Bart nicht fallen zu lassen, mit dessen Fall vielleicht die gute Absicht aller durchaus gescheitert wäre, und da er nun sah, daß die Gabe schon gewährt sei und daß Don Quixote sich in größter Eile fertigmache, die Bitte auszurichten, erhob er sich, faßte seine Dame bei der andern Hand, und beide halfen ihr auf den Maulesel; sogleich bestieg Don Quixote den Rozinante, der Barbier setzte sich auf seinem Tiere zurecht, und Sancho blieb zu Fuße, dem sich der Schmerz über den Verlust und die Entbehrung des Grauen erneuerte; aber dennoch trug er alles mit Freudigkeit, denn er meinte nun, sein Herr sei auf dem geraden Wege [264] [267]und dicht am Ziele, Kaiser zu werden; er zweifelte gar nicht, daß er die Prinzessin heiraten und so zum wenigsten König von Mikomikon werden möchte; nur dieses machte ihm Nachdenken, daß das Königreich im Lande der Neger liege und daß also alle die Menschen, die ihm als Vasallen untergeordnet würden, auch Neger sein müßten; wogegen er aber sogleich ein gutes Mittel ersann und so zu sich selber redete: Was geht's mich denn an, ob meine Vasallen Neger sind? Ich kann sie ja nur zusammenpacken und nach Spanien bringen und sie gegen bares Geld verkaufen; für das Geld kann ich mir dann eine Herrschaft oder sonst ein Amt anschaffen, worin ich ohne Sorgen die übrige Zeit meines Lebens ausdauern kann. Sollte ich wohl nicht so viel Kopf haben und so viel Einsicht, es so einzurichten, daß ich zwanzig oder dreißig Vasallen verkaufe, wie man die Hand umdreht? Wahrhaftig, verkaufen will ich sie, groß und klein, wie sie der Hirt zum Tore hinaustreibt, und wenn sie auch kohlschwarz sind, so sollen sie sich unter meinen Händen in Blanke und Gelbe verwandeln! Ja, ja, man soll mir nur kommen, ob ich wohl ein Einfaltspinsel bin.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, ging er so zufrieden einher, daß er den Verdruß vergaß, zu Fuß reisen zu müssen. Cardenio und der Pfarrer sahen zwischen einigen Schlüften hindurch alles und wußten nicht, wie sie es anfangen sollten, um sich mit ihnen zu vereinigen; der Pfarrer aber, der ein sehr anschlägiger Kopf war, hatte bald etwas ausgefunden, um ihren Vorsatz zu vollbringen, er schnitt nämlich mit einer Schere, die er in einem Futteral mit sich führte, dem Cardenio eiligst den Bart ab und zog ihm einen grauen Rock an, den er trug, und hing ihm einen schwarzen Mantel um, er selbst aber blieb in Kamisol und Beinkleidern; Cardenio aber war dadurch mit einem Male so verwandelt, daß er sich selbst nicht gekannt haben würde, wenn er sich in einem Spiegel betrachtet hätte. Als dies geschehen war, obgleich die andern während der Verkleidung ihren Weg fortgesetzt hatten, konnten sie sich doch leicht noch früher als diese auf den großen Weg machen, denn die Abgründe und Umwege dieser rauhen Gegenden erlaubten denen, die zu Pferde reisten, nicht, so schnell fortzukommen, wie es die konnten, die zu Fuße waren. Sie stellten sich hierauf in die Ebene am Eingange des Gebirgs, und wie Don Quixote mit seinem Geleite herauszog, betrachtete ihn der Pfarrer eine lange Weile, machte dann Zeichen, als wenn er ihn erkenne, und nachdem er lange genug gezaudert hatte, ging er mit ausgestreckten Armen auf ihn zu und rief mit lauter Stimme: »Vielmals gegrüßt sei mir der Spiegel der Ritterschaft, mein wackerer Landsmann Don Quixote von la Mancha, die Blume und der Ausbund des Edelmuts, die Hülfe und Stütze aller Hülfsbedürftigen, die Quintessenz der irrenden Ritter!« Mit diesen Worten umfaßte er den linken Schenkel des Don Quixote am Knie. Dieser, erstaunt über das, was er von diesem Manne sah und hörte, fing an, ihn mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten, und endlich erkannte er ihn, blieb aber wie erstaunt, ihn zu sehen, und gab sich die größte Mühe, vom Pferde zu steigen; doch der Pfarrer gab es nicht zu, worauf Don Quixote sprach: »Laßt mich, wertgeschätzter Herr Lizentiat, denn unbillig ist es, daß ich zu Pferde sei und eine so ehrwürdige Person wie Ihr zu Fuße gehen müsse.«

»Auf keine Weise werde ich dies zugeben«, sagte der Pfarrer, »bleibe mein durchlauchtiger Herr zu Pferde; denn zu Pferde ist es, wo dieselben die größten Tathandlungen und Abenteuer unternehmen, die in unserm Jahrhunderte gesehen worden; was mich unwürdigen Priester betrifft, so ist es mir genügend, mich hinten auf das Maultier eines von diesen Herren zu begeben, die mit Euch reisen, wenn diese es nicht übel deuten, und dann werde ich es mir für eine solche Ehre schätzen, als ritte ich selber auf dem Pegasus, dem Zebra oder dem mächtigen Streitrosse, auf welchem der Mohr Muzaraque geritten hat, der noch heutzutage auf dem großen Hügel Zulema, nicht weit vom großen Compluto, verzaubert liegt.«

»Auf dieses gedachte ich nicht, Herr Lizentiat«, antwortete Don Quixote, »ich weiß, daß es die erhabene [267] Prinzessin um meinetwillen vergönnen wird und ihrem Stallmeister andeuten, daß er Euch den Sitz im Sattel auf dem Maultiere einräumen möge, damit er sich hinten auf das Tier begebe, wenn es anders solches verträgt.«

»Es wird es vertragen, wie ich glaube«, antwortete die Prinzessin, »auch weiß ich, daß es nicht nötig ist, meinem würdigen Stallmeister solches anzudeuten; denn er ist zu höfisch und zu sehr Hofmann, als daß er zugeben sollte, daß ein Geistlicher zu Fuße gehe, wenn er zu reiten Gelegenheit findet.«

»So verhält es sich«, antwortete der Barbier, und zugleich stieg er ab und half dem Pfarrer, der sich nicht lange dazu nötigen ließ, in den Sattel; es fügte sich aber unglücklicherweise, daß, da der Barbier sich auf das Hinterteil des Maulesels setzen wollte, dieser, der ein Mietesel, das heißt schändlich, war, die Hinterbeine ein wenig erhob und zweimal hoch in die Luft ausschlug, so daß, wenn er den Barbier auf Kopf oder Brust getroffen hätte, dieser gewiß das Ausreisen nach dem Don Quixote zum Teufel gewünscht haben würde; bei alledem wurde er doch so in Schrecken gesetzt, daß er zur Erde fiel und dabei auf seinen Bart so wenig achten konnte, daß er diesen verlor, und wie er sich in diesem Zustande sah, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er sich mit beiden Händen das Gesicht bedeckte und laut jammerte, daß ihm die Kinnbacken zerschmettert wären.

Als Don Quixote diese große Masse von Bart gewahr ward, die ohne Kinnbacken und Blut weitab vom Gesichte des niedergestürzten Stallmeisters lag, rief er aus: »Bei Gott, dieses ist ein großes Wunder! Der Bart ist ihm vom Gesichte so rein herunter, als wenn man ihm solchen mit Fleiß abgenommen hätte!«

Als der Pfarrer sah, welche Gefahr sein Anschlag lief, entdeckt zu werden, sprang er schnell nach dem Barte und ging mit ihm nach dem Meister Nicolas, der noch immer lag und klagte. Mit einem Wurfe drückte er sich den Kopf des Barbiers gegen die Brust, setzte ihm den Bart an, murmelte einige Worte darüber, wovon er sagte, daß es ein trefflicher Spruch sei, Bärte festzumachen, wie man gleich sehen würde; und als er den Bart festgemacht, ging er wieder fort, und der Stallmeister war so bärtig und so gesund, wie er nur zuvor gewesen, worüber sich Don Quixote über die Maßen verwunderte und den Pfarrer bat, daß er ihm bei Gelegenheit diesen Spruch lehren möge, weil er meine, daß sich seine Kraft wohl noch weiter erstrecken müsse, als Bärte festzumachen; denn es wäre ja deutlich, indem der Bart abgerissen, müsse auch die Haut mitgegangen und verletzt sein, und da alles wieder glücklich geheilt, müsse dies auch auf mehr als nur auf Bärte Einfluß haben. »So verhält es sich«, sagte der Pfarrer und versprach, ihm diesen Spruch bei erster Gelegenheit zu lehren.

Es wurde ausgemacht, daß jetzt der Pfarrer aufsitzen sollte, nachher sich aber die drei nach gewissen Zwischenräumen ablösen möchten, bis sie die Schenke erreichten, die nur zwei Meilen entfernt war.

Da nun die drei zu Pferde, nämlich Don Quixote, die Prinzessin und der Pfarrer, und drei zu Fuße, Cardenio, der Barbier und Sancho Pansa, sprach Don Quixote zur Jungfrau: »Führe Eure durchlauchtige Hoheit mich nunmehr hin, wohin es Ihr am besten gefällt.« Und noch ehe sie antwortete, sagte der Lizentiat: »Nach welchem Reiche will Eure Hoheit? Vielleicht nach dem Mikomikonischen? Ja, so muß es sein, oder ich verstehe wenig von Königreichen.«

Sie, die sich in alles zu schicken wußte, merkte wohl, daß sie es bejahen müsse, und antwortete: »Ja, mein Herr, nach diesem Königreiche ist mein Weg gerichtet.«

»Wenn dem also ist«, sagte der Pfarrer, »so müssen wir gerade durch unsern Wohnort reisen; von dort könnt Ihr den Weg nach Cartagena nehmen, Euch dort mit günstiger Gelegenheit einschiffen und, wenn Ihr dann guten Wind und ruhige Fahrt habt, in ungefähr neun Jahren am Eingange des Kaspischen Meers oder Kaspisser Sees sein, der nicht mehr über hundert Tagereisen von dem Reiche Eurer Hoheit entfernt liegt.«

[268] »Ihr irrt hierin, mein werter Herr«, sagte sie; »denn es sind noch nicht zwei Jahre, seitdem ich abreisete, und ich habe in Wahrheit nicht immer gutes Wetter gehabt, und dennoch bin ich schon in der Gegenwart dessen, den ich so sehr zu sehen wünschte, nämlich des zu verehrenden Don Quixote von la Mancha, von dem mir das Gerücht sagte, sowie ich nur meinen Fuß auf spanischen Boden setzte, wodurch ich auch bewogen bin, ihn aufzusuchen, mich seinem Edelmute zu vertrauen und meine gerechte Sache der Tapferkeit seines unüberwindlichen Arms anheimzustellen.«

»Nicht weiter, man unterlasse dergleichen Lobpreisungen«, unterbrach hier Don Quixote; »denn ich bin ein Feind jeglicher Schmeichelei, und obgleich dieses keine ist, so werden dennoch durch dergleichen Reden meine keuschen Ohren verletzt. Nur das, meine Gebieterin, versichere ich: Mag ich Tapferkeit besitzen oder nicht, so soll diejenige, die ich nur habe, immer in Eurem Dienste, bis zu meinem letzten Blutstropfen, aufgewendet werden. Wir wollen dieses aber seiner Zeit überlassen, und ich bitte vielmehr den Herrn Lizentiaten, mir zu erzählen, was ihn in diese einsamen Gegenden geführt habe, so ohne Diener und so leicht gekleidet, daß ich mich billig darüber verwundern muß.«

»Ich will mit wenigem darauf antworten«, sagte der Pfarrer. »Ihr müßt also wissen, mein gnädiger Herr Don Quixote, daß ich und Meister Nicolas, unser Freund und Barbier, nach Sevilla gingen, um eine Summe Geldes abzuholen, die mir ein Verwandter, der seit vielen Jahren in Indien lebt, geschickt hatte. Es war keine Kleinigkeit; denn es waren zweitausend Taler, in gutem Silber, und das will schon etwas sagen. Wie wir nun gestern durch diese Gegend gingen, überfielen uns vier Straßendiebe, die uns rein bis auf die Bärte ausplünderten: ja, dem Barbier ist es so übel bekommen, daß er sich jetzt wirklich genötigt sieht, einen falschen Bart zu tragen. Und auch diesen jungen Menschen da« – indem er auf Cardenio zeigte – »haben sie ganz artig zugerichtet. Was aber das sonderbarste ist, so geht in diesen Gegenden ein Gerücht, daß diejenigen, die uns so geplündert haben, Ruderknechte sind, die ungefähr an demselben Orte ein Mann frei gemacht haben soll, dessen Tapferkeit so groß gewesen, daß er, trotz dem Commissarius und den Wächtern, sie allen abgewonnen. Dieser Mann muß ohne allen Zweifel von der Vernunft entblößt oder ein ebenso großer Schurke sein als sie selber, oder ein Mensch ohne Gefühl und Gewissen, weil er auf diese Weise den Wolf unter die Schafe sendet, den Fuchs unter die Hühner, die Fliege zum Honig. Er stört die Gerechtigkeit, widersetzt sich seinem Könige und Gebieter; denn er streitet gegen dessen gerechteste Gesetze, indem er dessen Galeeren ihre Füße entzieht, die Heilige Brüderschaft in Aufruhr bringt, die seit manchem Jahre ruhen konnte, indem er endlich eine Tat begeht, wodurch er seiner Seele schadet, ohne seinem irdischen Körper zu nutzen.«

Sancho hatte dem Pfarrer und Barbier das Abenteuer mit den Ruderknechten erzählt, welche sein Herr mit seiner höchsten Glorie zustande gebracht hatte; deshalb ergriff der Lizentiat diese Gelegenheit, dem Don Quixote den Text zu lesen, um zu sehen, was er tun oder sagen würde. Dieser aber wurde bei jedem Worte blasser und hatte nicht das Herz, es zu sagen, daß er der Befreier jener braven Leute gewesen sei.

»Diese also«, schloß der Pfarrer, »waren es, die uns beraubten, und Gott möge nach seiner Barmherzigkeit demjenigen verzeihen, der es verhinderte, daß sie zu ihrer verdienten Strafe abgeführt werden konnten.«

Sechzehntes Kapitel
[269] Sechzehntes Kapitel.

Welches von der Verständigkeit der schönen Dorothea handelt, nebst andern angenehmen und lustigen Dingen.


Der Pfarrer hatte kaum ausgeredet, als Sancho sagte: »Bei meiner Seele, Herr Lizentiat, der diese Tathandlung unternommen hat, war kein anderer als mein Herr, ich mochte ihm sagen, was ich wollte, und ihn noch so viel warnen, daß er bedenken möchte, was er täte und wie es Sünde sei, die Kerle frei zu machen, die wegen erschrecklicher Spitzbüberei beiseite geschafft würden.«

»Flegel!« rief hier Don Quixote aus, »irrende Ritter kümmert es nie und ist ihnen nicht fragenswert, weshalb die Betrübten, Gefesselten und Unterdrückten, die ihnen auf ihren Reisen begegnen, also aufziehen, ob dieses ihrer Verbrechen oder ihrer Verdienste wegen geschieht; ihnen liegt es einzig ob, Hülfsbedürftigen zu helfen, sich ihr Unglück, nicht ihre Schuld vor die Augen stellend; ich traf auf eine Schnur und Rosenkranz höchst betrübter und unglückseliger Menschen und tat mit ihnen das, was meine Religion mir befiehlt; und damit gut! Und wem dieses etwas Übles dünkt, die heilige Würde des Herrn Lizentiaten und seine ehrwürdige Person ausgenommen, dem sage ich, daß er wenig vom Ritterwesen versteht und daß er wie ein Hurensohn und wie ein schlechter Kerl lügt, und dieses will ich ihm mit meinem Schwerte beweisen, soweit sich der Himmel erstreckt!« Mit diesen Worten setzte er sich in den Steigbügeln fest und drückte seine Blechhaube ins Gesicht; denn das Barbierbecken, das ihm der Helm Mambrins war, führte er hinten am Sattelknopfe mit sich, um es erst von der üblen Behandlung, die ihm von den Ruderknechten widerfahren war, ausbessern zu lassen.

[270] Dorothea, die, verständig und witzig, auch schon mit Don Quixotes verschobenem Gemüte bekannt war und sah, daß alle, Sancho Pansa ausgenommen, ihren Spaß mit ihm trieben, wollte auch nicht zurückbleiben und sagte, da sie ihn so heftig erzürnt sah: »Herr Ritter, Ihr wollet Euch der Gabe erinnern, die Eure Gnade mir versprochen, vermöge welcher Verheißung Ihr Euch in kein anderes Abenteuer einlassen dürft, wenn Ihr auch noch so dringend aufgefordert werdet; darum beruhigt Euer tapferes Herz; denn hätte der Herr Lizentiat gewußt, daß durch diesen unüberwindlichen Arm die Ruderknechte wären befreit worden, so hätte er sich wohl lieber dreimal auf den Mund geschlagen, ja dreimal auf die Zunge gebissen, ehe er ein Wort gesprochen, was meines gnädigen Herrn Unwillen erweckt.«

»Das beschwöre ich«, sagte der Pfarrer, »ja ich hätte mir eher den Bart ausgerauft.«

»Ich will mich beruhigen, meine Gebieterin«, sprach Don Quixote, »den gerechten Zorn unterdrücken, der sich in meinem Herzen erhob, und ruhig und friedlich dahinziehen, bis ich Euch die versprochene Gabe gewährt habe; doch zur Belohnung dieses guten Vorsatzes bitte ich Euch demütigst, mir zu sagen, welches Eure Bekümmernis sei, ingleichen wie viele, welche und welcher Gestalt diejenigen Personen, an denen ich die verschuldete, genügende und vollkommene Rache zu nehmen habe.«

»Dieses will ich gern tun«, antwortete Dorothea, »wenn es Euch nicht verdrießlich fällt, traurige Begebenheiten und Unglück zu hören.«

»Niemals wird es mir verdrießlich fallen, meine Gebieterin«, antwortete Don Quixote.

Worauf Dorothea antwortete: »Wenn es sich so verhält, so wollt Ihr mir ein aufmerksames Gehör vergönnen.«

Als sie dies sagte, begaben sich Cardenio und der Barbier ihr zur Seite, neugierig, zu sehen, wie die kluge Dorothea ihre Geschichte ersinnen würde; das nämliche tat Sancho, der so betört wie sein Herr mit ihr zog; sie aber, nachdem sie sich im Sattel zurechtgesetzt, zur Vorbereitung gehustet und andere Bewegungen gemacht hatte, fing sehr zierlich ihren Vortrag auf folgende Weise an:

»So müßt Ihr also, geehrte Herren, zuvörderst wissen, daß ich genannt werde – – –« Hier hielt sie ein wenig inne; denn sie hatte den Namen, den der Herr Pfarrer ihr beigelegt, vergessen; er aber kam ihr sogleich zu Hülfe, weil er die Ursache ihrer Pause erriet, und sagte: »Es ist nicht zu verwundern, gnädige Dame, wenn Eure Hoheit bei der Erzählung Eures Unglücks in Verwirrung und Verlegenheit gerät; denn oft sind die Leiden so groß, daß auch das Gedächtnis derer, die ihnen unterliegen, darunter leidet, so daß die Betrübten sich oft selbst ihres Namens nicht erinnern können, wie es Eurer Durchlauchtigkeit widerfahren, die es in der Tat vergessen, daß sie die Prinzessin Mikomikona ist, rechtmäßige Thronerbin des großen Mikomikonischen Reichs; mit dieser kleinen Erinnerung kann Eure Hoheit nun leicht alles in ihr bekümmertes Gedächtnis zurückrufen, was dieselbe nur hat vortragen wollen.«

»So ist es«, antwortete die Jungfrau, »und ich glaube, daß ich nun ohne weitere Erinnerung mit Leichtigkeit meine wahrhafte Geschichte werde in Worte führen können; mein Vater nämlich, der Tinacrio der Wissende hieß, war ungemein in der Kunst der Magie erfahren und erfuhr durch seine Wissenschaft, daß meine Mutter, die Königin Xamarilla, früher sterben würde als er; daß er aber auch bald darauf das Leben verlassen und mich als vater- und mutterlose Waise zurücklassen müsse; doch bekümmerte ihn dieses nicht so sehr, wie er sagte, als er sich darüber ängstigte, daß er gewiß vorherwisse, wie ein ungefüger Riese, Beherrscher einer großen Insel, die dicht an unser Reich grenzte, und der Pandalifando mit dem schiefen Blicke genannt wurde: denn es ist wahr, daß ihm die Augen zwar gerade und gut stehen, er aber immer in die Quere sieht, als wenn er schielte, was er nur aus Bosheit tut, um die, welche er ansieht, in Furcht und Schrecken zu setzen. Er wußte also, daß dieser Riese kaum erfahren würde, ich sei eine Waise, als er auch schon mit einer großen Macht mein Reich überziehen und es mir ganz entreißen [271] würde, ohne mir zu meinem Aufenthalte auch nur einen kleinen Flecken übrigzulassen; daß ich aber diesem Unglücke entweichen könne, wenn ich mich bequemte, ihn zu heiraten; aber er wußte auch recht gut, daß mir eine solche ungleiche Vermählung niemals in den Sinn kommen würde, und darin hatte er recht; denn es ist mir niemals eingefallen, mich mit diesem oder einem andern Riesen zu verheiraten, wenn er auch noch so groß und ungeheuer wäre; mein Vater sagte mir aber auch zugleich, daß, wenn er tot sei und Pandalifando Miene mache, mein Reich zu überziehen, ich mich nicht verteidigen sollte – denn dieses würde nur zu meinem Untergange gereichen –, sondern daß ich ihm mein Königreich ohne Widerstand überlassen möchte, wenn ich den Tod und das Verderben meiner braven und getreuen Untertanen vermeiden wolle; denn es sei mir unmöglich, mich gegen die Teufelskräfte des Riesen zu verteidigen; daß ich mich aber mit einigen Gefährten sogleich auf den Weg nach Hispania machen solle, denn dort sei meine Hülfe anzutreffen, ich würde nämlich hier einen irrenden Ritter finden, dessen Ruhm sich um diese Zeit schon durch das ganze Land verbreitet hätte und der, wenn ich mich recht erinnere, Don Glühpfote oder Don Kühschoote heißen sollte.«

»Don Quixote wird er gesagt haben, Dame«, fiel hier Sancho Pansa ein, »oder mit seinem zweiten Namen, der Ritter von der traurigen Gestalt.«

»So ist es auch«, sagte Dorothea. »Er sagte mir ferner, daß er groß von Körper sei, von dürrem Antlitz und daß er auf der rechten Seite unter der linken Schulter oder dort herum ein braunes Mal habe, mit einigen borstenähnlichen Haaren.«

Als Don Quixote dies vernahm, sagte er zu seinem Stallmeister: »Hierher, Sohn Sancho, hilf mich entkleiden, damit ich sehe, ob ich der Ritter sei, von dem der weise König prophezeit hat.«

»Warum will sich mein Herr entkleiden?« fragte Dorothea.

»Um zu sehen, ob ich das Mal besitze, von dem Euer Vater gesprochen«, antwortete Don Quixote.

»Es ist nicht nötig, Euch auszukleiden«, sprach Sancho, »denn ich weiß, daß Ihr mitten auf dem Rücken ein solches Mal habt, welches einen tapfern Menschen bezeichnet.«

»Dies ist hinreichend«, sprach Dorothea, »denn Freunde müssen nicht auf Kleinigkeiten achten; ob es nun auf der Schulter oder auf dem Rücken ist, das hat nichts zu sagen, genug, daß sich dort herum das Mal findet: denn alles ist doch ein Fleisch; und gewiß hat mein guter Vater alles richtig getroffen; ich aber ebenso richtig, indem ich mich dem Herrn Don Quixote empfohlen habe, der derselbe ist, von dem mein Vater gesprochen, denn die Anzeigen des Gesichts treffen mit dem großen Rufe vollkommen überein, den dieser Ritter nicht nur in Spanien, sondern auch in der ganzen la Mancha erlangt hat. Denn kaum war ich bei Ossuna ans Land gestiegen, als ich so viel von seinen Unternehmungen erzählen hörte, daß mir mein Geist augenblicklich sagte, er sei derselbe, den ich zu suchen gekommen.«

»Wie seid Ihr aber zu Ossuna ans Land gestiegen, meine Dame«, fragte Don Quixote, »da es doch kein Seehafen ist?«

Ehe aber noch Dorothea antworten konnte, nahm der Pfarrer das Wort und sagte: »Die durchlauchtige Prinzessin muß es wohl so meinen, daß, nachdem sie zu Malaga ans Land gestiegen, Ossuna der erste Ort gewesen, wo sie den Ruf von Euer Gnaden vernommen.«

»Das habe ich sagen wollen«, sagte Dorothea.

»Und somit fahre nun«, sagte der Pfarrer, »Eure Majestät fort, Dero Geschichte zu beendigen.«

»Es ist nichts weiter zu beendigen«, antwortete Dorothea, »als daß mein Schicksal mir endlich so günstig gewesen, daß ich den gnädigen Herrn Don Quixote gefunden und daß ich mich nun schon wieder für die Königin und Beherrscherin meines Reichs ansehe; denn seine Höflichkeit und sein hochadeliger Sinn hat mir versprochen, mir dahin zu folgen, wohin ich ihn führen werde, welches nirgends anders hin sein [272] soll als vor die Augen des Pandalifando mit dem schiefen Blicke, damit er ihn umbringe und mir das wiedergebe, was jener mir gegen alles Recht entrissen hat; auch wird dies alles, von Wort zu Wort, so eintreffen, denn Tinacrio der Wissende, mein edler Vater, hat es so prophezeit, der mir zugleich auch schwarz auf weiß in chaldäischen oder griechischen Buchstaben hinterlassen – denn ich kann sie nicht lesen –, daß, wenn jener prophezeite Ritter, nachdem er den Riesen enthauptet, sich mit mir vermählen will, ich mich ihm sogleich, ohne die mindeste Einwendung, zur rechtmäßigen Gemahlin übergeben muß und ich ihm mit meiner Person zugleich den Besitz meines Königreichs überliefere.«

»Wie dünkt es dir, Freund Sancho?« sagte hierauf Don Quixote; »vernimmst du, was vorgeht? Sagte ich dir dieses nicht? Nun schau doch, ob ein Königreich zur Herrschaft, eine Königin zur Vermählung mangelt.«

»Meiner Seel«, rief Sancho aus, »ein Hundsfott, wer sich nicht gleich vermählt, sowie dem Herrn Pantalonfando das Gurgelchen abgeschnitten ist! denn wenn die Königin häßlich ist, so wollte ich nur, daß sich alle Flöhe in meinem Bette in dergleichen verwandelten!« Bei diesen Worten schlug er zweimal hoch mit den Beinen aus, wodurch er das größte Vergnügen zu erkennen gab; dann faßte er das Maultier der Dorothea beim Zügel, hielt es an, kniete vor ihr nieder und bat, ihm die Hand zum Kusse zu reichen, als einen Beweis, daß er ihr als seiner Königin und Gebieterin huldigte. Wer hätte wohl von den Anwesenden nicht gelacht, da sie diese Tollheit des Herrn und diese Dummheit des Dieners sahen? Dorothea reichte ihm die Hand und versprach, ihn in ihrem Reiche zu einem großen Herrn zu machen, sobald ihr der Himmel so gnädig sei, daß sie es wieder in Ruhe besitze. Sancho dankte mit solchen Redensarten, daß alle von neuem lachen mußten.

»Dieses, meine Herren«, fuhr Dorothea fort, »ist meine Geschichte, es bleibt nur noch das zu erzählen übrig, daß mir von allen den Leuten, die ich zur Begleitung aus meinem Königreiche mit mir nahm, nur dieser großbärtige Stallmeister übriggeblieben ist; denn alle übrigen ertranken in einem heftigen Sturme, der uns im Angesichte des Hafens ergriff; er und ich aber kamen auf zwei Brettern, wie durch ein Wunderwerk, ans Land, wie denn mein ganzes Leben wunder-und geheimnisvoll ist, wie Ihr auch werdet bemerkt haben. Bin ich nun irgendworin zu umständlich oder auch nicht ausführlich genug gewesen, so meßt nur dem die Schuld bei, wovon der Herr Lizentiat gleich im Anfange meiner Erzählung sprach, daß nämlich immerwährende und ungeheuere Leiden dem leicht das Gedächtnis rauben, der ihnen unterliegt.«

»Mir soll dieses nicht geraubt werden, o erhabene und seelenstarke Dame!« rief Don Quixote, »so viele, so große und unerhörte ich auch in Eurem Dienste erdulden mag; und so bestätige ich also von neuem die Gabe, die Euch versprochen wurde, und schwöre Euch, bis an das Ende der Welt zu gehen, um Euren so stolzen Feind zu erblicken, dem ich durch Hülfe Gottes und meines Armes das übermütige Haupt herunterschlagen will, mit der Schneide dieses, ich mag nicht sagen guten, Schwertes. Dank sei's dem Gines von Pasamonte, der mir das meinige entführte!« Dies sagte er zwischen den Zähnen und fuhr dann so fort: »Hab ich es heruntergeschlagen und Euch in den ruhigen Besitz dieses Landes gesetzt, so wird es auf Eurem Willen beruhen, mit Eurer Person zu tun, was Euch am besten gefällt; denn während alle meine Gedanken eingenommen und mein Wille gefesselt, mein Verstand dahin für jene – – – Ich breche hier ab; aber unmöglich ist es mir, auch nur mit einem einzigen Gedanken an eine Vermählung zu denken, und wenn es selbst mit dem Vogel Phoenix wäre.«

Dem Sancho gefielen die letzten Worte seines Herrn, daß er sich nicht verheiraten wolle, so wenig, daß er im größten Zorn mit lauter Stimme rief: »Nun, bei meiner Seelen Seligkeit, Euer Gnaden, mein Herr Don Quixote hat nicht so viel Verstand wie ein Pferd! Hat man so was gesehen? Ist es möglich, daß [273] Ihr Euch nur noch darüber besinnen könnt, Euch mit solcher erhabenen Prinzessin zu vermählen? Meint Ihr denn, das Schicksal wird Euch solches Glück hinter jedem Zaune finden lassen, wie Euch hier von selbst in die Hände läuft? Ist denn die Dame Dulcinea etwa schöner? Ja, hat sich was! Weit davon! Weit davon! Ja, wahrhaftig, sie verdient nicht einmal, der da die Schuhriemen aufzulösen! Da werd ich wohl meine Grafschaft am Jüngsten Tage erhalten, wenn Ihr immer Bratwürste aus dem Wasser angeln wollt! Heiratet, heiratet sie doch in 's Teufels Namen, nehmt das Königreich, das Euch so gebraten in den Mund fliegt, und wenn Ihr nun König seid, so macht mich zum Markgrafen oder Feldmarschall, und alles andere mag dann der Teufel holen!«

Don Quixote, der dergleichen Lästerungen gegen seine Dame Dulcinea ausstoßen hörte, konnte dieses nicht ertragen, sondern erhob den Lanzenstab, und ohne dem Sancho ein Wort zu sagen oder nur zu rufen: Vorgesehn!, gab er ihm zwei so starke Schläge, daß dieser sich zur Erde begab, und er würde ihn heut auch ohne Zweifel umgebracht haben, wenn ihm nicht Dorothea gute Worte gegeben und zugerufen hätte, ihm nicht mehr zu geben. »Denkst du«, rief er endlich aus, »du gemeiner Schlingel, daß dergleichen immerwährend statthaben soll und daß ich immer die Hände in den Schoß lege? daß es immer deine Rolle sein soll, mich zu beleidigen, wie die meinige, dir zu verzeihen? Sei ja von diesem Gedanken fern, verfluchter heidnischer Halunke: denn der bist du wahrhaftiglich, da du mit deiner Zunge die unvergleichliche Dulcinea verwundest; weißt du denn nicht, Hundsfott, Schuft, Spitzbube, daß, wenn sie meinem Arme nicht Stärke liehe, seine Kraft niemals hinreichte, einen Floh zu erschlagen? Sprich, du natternzungiger Flegel, wer hat denn dieses Königreich gewonnen, diesem Riesen das Haupt abgeschlagen, dich zum Marques eingesetzt – denn in meinem Sinne ist alles dieses schon getan, weil es bei mir heißt, ein Wort, ein Mann –, wenn es nicht die Kraft der Dulcinea war, die meinen Arm zum Werkzeuge ihrer Taten macht? Sie kämpft in mir, sie siegt in mir, in ihr nur atme ich, mein Leben und Weben steht in ihr! Und du, schrecklicher Hurensohn, o wie bist du von aller Dankbarkeit so entblößt, daß du ihr mit Schmähungen lohnst, ihr, die dich aus dem Staube erhoben und dich zum Herrn und Gebieter gemacht?«

Sancho war nicht so sehr betäubt, daß er nicht alle Worte seines Herrn hätte hören sollen; er erhob sich also mit einiger Behendigkeit und begab sich hinter Dorotheas Maultier, von wo er zu seinem Herrn sprach: »Sagt doch, gnädiger Herr, ob's nicht wahr ist, daß, wenn Ihr den Entschluß gefaßt habt, Euch nicht mit dieser großen Prinzessin zu verheiraten, es dann einleuchtend ist, daß Euch das Königreich nicht anheimfällt? Und wenn das nicht ist, was könnt Ihr mir doch für Belohnungen zukommen lassen? Das ist es ja nur, worüber ich mich beklage. Verheiratet Euch doch nur ein für allemal mit dieser Königin, die wir hier haben, wie vom Himmel geregnet, so könnt Ihr Euch auch nachher der Dulcinea wieder annehmen; denn Ihr seid wohl nicht der erste König in der Welt, der sich Kebsweiber gehalten hat. Die Schönheit geht mich nichts weiter an; denn wenn ich die Wahrheit sagen soll, so kommen sie mir beide hübsch vor; denn die Dame Dulcinea habe ich mein' Tage nicht gesehen.«

»Wie, du hast sie nicht gesehen, Verräter, Gotteslästerer?« rief Don Quixote aus; »hast du mir denn nicht soeben einen Befehl von ihr überbracht?«

»Ich sage nur, daß ich sie nicht so nahe gesehen habe«, sagte Sancho, »um ihre Schönheiten genau und Stück für Stück schätzen zu können; aber so in Bausch und Bogen kam sie mir hübsch vor.«

»Nun will ich dir verzeihen«, sprach Don Quixote, »vergib du mir ebenfalls die Kränkung, die ich dir zugefügt; denn niemals hat der Mensch die ersten Bewegungen in seiner Gewalt.«

»Ja, das sehe ich«, antwortete Sancho, »und so ist bei mir die Lust zu reden immer eine erste Bewegung, und ich kann es nie lassen, das auszureden, was mir in den Mund läuft.«

[274] »Dessenungeachtet«, sprach Don Quixote, »magst du, mein Sancho, zuschauen, was du sprichst; denn der Krug geht so lange zu Wasser – – – Mehr will ich nicht sagen.«

»Gut, gut«, antwortete Sancho, »es lebt ein Gott im Himmel, der wird entscheiden, wer von uns beiden etwas Böseres tut, ich, wenn ich nicht geziemend spreche, oder Ihr, wenn Ihr ungeziemend handelt.«

»Nicht weiter!« sagte Dorothea; »geht, Sancho, und küßt Eurem Herrn die Hand, bittet ihn um Verzeihung und seid von jetzt an im Loben wie im Tadeln etwas vorsichtiger, und sprecht niemals wieder von dieser Dame Toboso übel, die ich zwar nicht kenne, ihr aber zu dienen wünsche, und vertraut auf Gott, der Euch gewiß in eine Lage setzen wird, in der Ihr wie ein Prinz leben könnt.«

Sancho schlich mit niederhängendem Kopfe und bat seinen Herrn um die Hand, der sie ihm mit feierlichem Anstande reichte. Nachdem sie Sancho geküßt hatte, gab jener ihm seinen Segen und sagte, daß sie sich etwas entfernen wollten, weil er ihn manches zu fragen und mit ihm Sachen von der äußersten Wichtigkeit abzuhandeln habe.

Sancho tat es, und die beiden gingen etwas weiter abseits. Don Quixote sprach zu ihm: »Seit du zurückgekehrt bist, habe ich weder Zeit noch Raum gewonnen, um dich über einige besondere Umstände zu befragen, die die Gesandtschaft sowie die Antwort betreffen, die du mir überbracht hast; da uns nun aber jetzt das Glück so Raum wie Zeit vergönnt, so versage mir nicht länger die Freude, welche du mir mit deinen guten Zeitungen schenken kannst.«

»Fragt nur, Gnädiger, was Ihr wollt«, antwortete Sancho, »wie die Erkundigung sein wird, so soll auch der Bescheid lauten; aber darum bitte ich Euch, mein lieber gnädiger Herr, daß Ihr nicht künftig so rachsüchtig seid.«

»Warum sagst du dieses, Sancho?« fragte Don Quixote.

»Ich sage dieses nur«, antwortete er, »weil die Schläge von heute mehr wegen der Händel herrühren, die der Teufel neulich in der Nacht zwischen uns anzettelte, als wegen dessen, was ich gegen die Dame Dulcinea sagte, die ich liebe und verehre wie eine Reliquie, wenn es auch nicht ihretwegen geschehe, doch schon Euch zu Gefallen.«

»Verfalle beileibe nicht wieder auf diese Reden, Sancho«, sagte Don Quixote; »denn sie erregen mir Verdruß. Ich habe dir einmal vergeben; aber du kennst wohl selbst das Sprichwort, daß für neue Verbrechen auch neue Strafen gehören.«

Indem dieses vorging, bemerkten sie auf ihrem Wege einen Menschen auf einem Esel, der ihnen entgegenkam, und als er näher geritten, schien er ein Zigeuner zu sein; Sancho aber, dem die Augen und die Seele aufgingen, wenn er nur einen Esel gewahr ward, hatte kaum diesen Menschen erblickt, als er ihn auch für den Gines von Pasamonte erkannte, und da er sich im Zigeuner sowenig verrechnet, so kam auch das Fazit seines Esels heraus, wie es auch zutraf; denn es war der Graue, auf welchem Pasamonte ritt; der, um nur nicht erkannt zu werden und den Esel zu verkaufen, die Tracht eines Zigeuners angelegt hatte, mit deren Sprache und Sitten er auf das genaueste bekannt war.

Sancho aber erkannte ihn gleich, indem er ihn sah, und schrie auch gleich mit der lautesten Stimme: »Ha! Du Spitzbube, Ginesillo, gib mir mein Kleinod, mein Leben her! Du sollst mir meine Ruhe nicht entziehen; gib mir den Esel, her mit dem Püppchen; lauf, Halunke; fort mit dir, Spitzbube; gib raus, was nicht dein ist!«

Es waren weder so viele Worte noch Schimpfreden vonnöten; denn gleich beim ersten sprang Gines ab und fing so an zu traben, daß man es wohl ein Rennen nennen konnte und er im Augenblicke den beiden völlig aus dem Gesichte verschwunden war. Sancho ging zu seinem Grauen, umarmte ihn und [275] sagte: »Wie ist es dir gegangen, mein Seelchen, mein herzliebster Grauer, mein Kamerad?« Und mit diesen Worten küßte er ihn und liebkosete ihn, als wenn er ein Mensch gewesen wäre. Der Esel stand still und ließ sich von Sancho küssen und liebkosen, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Alle kamen hinzu und wünschten ihm zu dem wiedergefundenen Grauen Glück, vorzüglich Don Quixote, der ihm sagte, daß deswegen doch die Verschreibung auf die drei jungen Esel ihre Gültigkeit behalten solle. Sancho bedankte sich dafür.

Indem die beiden in diesen Gesprächen begriffen waren, sagte der Pfarrer zu Dorothea, daß sie es sehr verständig angefangen, die Erzählung so zu erfinden und sie nicht lang zu machen, auch daß der Inhalt so große Ähnlichkeit mit den Ritterbüchern gehabt habe.

Sie antwortete, daß sie viele Zeit mit Lesung derselben zugebracht habe; daß sie aber die Lage der Provinzen und Seehäfen nicht wüßte und aus Unwissenheit erzählt, sie sei zu Ossuna ans Land gestiegen.

»Ich bemerkte es«, sagte der Pfarrer, »und deshalb eilte ich mit meiner Erklärung zu Hülfe, die alles wiedergutmachte. Ist es aber nicht ein wunderliches Ding, daß dieser unglückliche Mann alle diese Erfindungen und Lügen so leicht glaubt, bloß, weil sie denselben Stempel und Gepräge haben wie die Albernheiten seiner Bücher?«

»Freilich«, sagte Cardenio, »es ist so seltsam und unerhört, daß man es vielleicht mit großem Scharfsinne nicht so erfinden und erdichten könnte, wenn einer darauf ausginge.«

»Auch ist es wunderbar«, sagte der Pfarrer, »daß außer den Narrheiten, die dieser gute Mann vorbringt, wenn es seine Verrücktheit betrifft, er überaus verständige Sachen redet und in allen Dingen einen hellen und gesunden Verstand beweist, so daß, wenn er nicht auf seine Ritterschaft gebracht wird, ihn jedermann für überaus verständig halten würde.«

Indes sie dieses Gespräch fortsetzten, fuhr auch Don Quixote in dem seinigen fort und sagte zu Sancho: »Wir wollen, Freund Sancho, alle diese Kleinigkeiten in Ansehung unserer Händel dem Winde und dem Meere übergeben; jetzt sage mir nur, ohne innerlich Unwillen oder Groll gegen mich zu hegen, wo, wie und wann fandest du Dulcinea? Was machte sie? Was sagtest du ihr? Was antwortete sie? Welche Miene machte sie, als sie meinen Brief las? Wer hat ihn dir abgeschrieben? Dies sage, nebst allem übrigen, was in dieser Sache wissenswürdig oder nötig ist, ohne daß du etwas zusetzest oder erdichtest, um mir Freude zu machen, noch weniger etwas unterdrückest, um sie mir nicht zu entreißen.«

»Gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »die Wahrheit zu sagen, so hat mir kein Mensch den Brief abgeschrieben; denn ich hatte gar keinen Brief bei mir.«

»Es ist, wie du sagst«, sprach Don Quixote; »denn das Taschenbuch, wohinein ich ihn schrieb, fand ich zwei Tage nach deiner Abreise bei mir, worüber ich sehr bekümmert war, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was du anfangen würdest, und immer glaubte, du würdest an der Stelle umkehren, an welcher du den Brief vermißtest.«

»So wär's gekommen«, antwortete Sancho, »wenn ich den Brief nicht im Kopfe behalten hätte, wie Ihr ihn mir vorlaset, so daß ich ihn einem Küster hersagte, der ihn aus meinem Gedächtnisse Wort für Wort niederschrieb und mir sagte, daß er zeit seines ganzen Lebens, so viele Bannbriefe er auch gelesen hätte, doch niemals einen so rührenden Brief wie den da gesehen oder gelesen habe.«

»Und du hast ihn noch ganz im Gedächtnisse, Sancho?« fragte Don Quixote.

»Nein, gnädiger Herr«, antwortete Sancho; »denn da ich ihn hergebetet hatte und nun sah, daß ich ihn nicht mehr brauchte, übergab ich ihn in die Vergessenheit; was ich mich noch besinnen kann, ist dasMein Närrchen, ich will sagen Monarchin, und zuletzt: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt, und zwischen den beiden Sachen steckten wohl etliche hundert Seelen, Leben und Herzen.«

Siebzehntes Kapitel
[276] Siebzehntes Kapitel.

Von dem lieblichen Gespräch, welches zwischen Don Quixote und seinem Stallmeister Sancho Pansa vorfiel, nebst andern Begebenheiten.


»Alles dieses gereicht mir keinesweges zum Mißvergnügen, so fahre denn fort«, sprach Don Quixote. »Du kamst an, und womit beschäftigte sich die Königin der Schönheit? Gewiß fandest du sie, indem sie Perlen aufreihte oder indem sie mit gedrehtem Golde eine Devise für ihren gefangenen Ritter stickte.«

»Ich fand sie«, antwortete Sancho, »indem sie zwei Scheffel Getreide auf dem Hofe ihres Hauses fegte.«

»Aber du hast gemerkt«, sprach Don Quixote, »daß die Körner des Getreides Perlenkörner waren, von ihren Händen berührt; und wenn du darauf geachtet, mein Freund, war das Getreide nicht der feinste Weizen?«

»Es war Roggen«, antwortete Sancho.

»Aber ich versichere dich«, sprach Don Quixote, »daß, von ihren Händen gefegt, ganz ohne Zweifel das feinste Weizenbrot daraus gebacken wird. Doch fahre fort; als du ihr nun meinen Brief gabst, küßte sie denselben? drückte sie ihn an den Busen? machte sie irgendeine Gebärde, die ein solcher Brief verdient? oder was tat sie?«

»Als ich ihn ihr übergeben wollte«, antwortete Sancho, »war sie gerade im eifrigsten Schütteln mit einem tüchtigen Maß Getreide, das sie im Siebe hatte, und sie sagte zu mir: ›Mein Freund, legt den Brief nur auf den Sack da, denn ich kann ihn nicht eher lesen, bis ich alles das durchgesiebt habe.‹«

»O du verständige Dame«, sprach Don Quixote, »dieses tat sie darum, daß sie ihn absonderlich für[277] sich in aller Ergötzung lesen möchte. Weiter, Sancho! Indem sie nun in ihrer Beschäftigung war, welche Gespräche führte sie mit dir? welche Fragen tat sie in Absicht meiner? und welche Antworten gabst du? Fort, erzähle alles, verschweige mir auch nicht den geringsten Umstand.«

»Sie fragte mich gar nichts«, sprach Sancho, »aber ich erzählte ihr, auf welche Weise Ihr Buße tätet zu ihrem Dienste, wie Ihr bis auf den Gürtel nackt wäret, wie ein wildes Tier in der Wüstenei herumliefet, auf dem Boden schliefet, von keinem Tischtuche äßet, Euch den Bart nicht kämmtet und Euer Schicksal beweintet und verwünschtet.«

»Daß du gesprochen, ich verwünschte mein Schicksal, darin hast du sehr unerwünscht gesprochen«, sprach Don Quixote, »denn vielmehr ist es mir erwünscht und wird mir erwünscht zeit meines Lebens bleiben, indem es mich würdig gemacht, eine so hohe Dame lieben zu dürfen, wie Dulcinea von Toboso ist.«

»Sie ist so hoch«, antwortete Sancho, »daß sie mein' Seel' wohl eine Spanne größer ist als ich.«

»Aber wie, Sancho«, sprach Don Quixote, »hast du dich denn mit ihr gemessen?«

»Ich maß mich auf folgende Art mit ihr«, antwortete Sancho, »denn als ich zu ihr trat und ihr einen Kornsack auf einen Esel laden half, da kamen wir uns so nahe, daß ich sehen konnte, wie sie wohl über eine gute Handbreit höher war als ich.«

»Diese Größe«, erwiderte Don Quixote, »schmückt sie mit tausend Millionen Annehmlichkeiten der Seele; du wirst mir aber, Sancho, eine Sache nicht leugnen können; als du neben ihr standest, empfandest du da nicht einen lieblichen Duft, einen Strom von Wohlgeruch, eine gewisse Trefflichkeit, der ich keinen rechten Namen zu geben weiß, nämlich gleichsam ein Wohlatmen, ein Sanfttun, etwa als wenn du in einem sehr vornehmen Laden eines Handschuhmachers wärst?«

»Was ich darauf zu sagen weiß«, sagte Sancho, »ist, daß ich so ein Gerüchlein, gleichsam ein bißchen menschlich, empfand, und das mochte wohl daher rühren, daß sie von der starken Bewegung in Schweiß geriet und sehr erhitzt war.«

»Das wird es nicht sein«, antwortete Don Quixote, »sondern du bist entweder verschnupft gewesen oder hast dich selbst gerochen; denn ich kenne wohl den Geruch dieser Rose unter den Dornen, dieser Lilie des Feldes, dieses aufgelösten Ambra.«

»Es kann wohl sein«, antwortete Sancho, »denn oft geht der Geruch von mir aus, von dem ich glaubte, daß er damals von der Dame Dulcinea käme, das ist aber nicht zu verwundern, denn ein Teufel ist dem andern ähnlich.«

»Nun gut«, fuhr Don Quixote fort, »also denn, als sie nun das Getreide gereinigt und zur Mühle geschickt hatte, was tat sie da, als sie meinen Brief las?«

»Den Brief«, sagte Sancho, »las sie nicht, denn sie sagte, sie könnte nicht lesen und schreiben; sondern sie riß ihn in ganz kleine Stückchen und sagte dabei, daß ihn auch kein anderer lesen sollte, damit sie im Dorfe nicht ihre Geheimnisse erführen, und daß ihr das hinreichend sei, was ich ihr mündlich von Eurer Liebe erzählt habe und von der ausnehmenden Buße, der Ihr Euch ihretwegen unterzogen; am Ende sagte sie mir denn, ich sollte Euer Gnaden sagen, daß sie Euch die Hände küsse und daß sie lieber wünschte, Euch zu sehen als an Euch zu schreiben, und daß sie Euch demütig bitte und befehle, daß Ihr Euch gleich nach Sicht aus der Einsamkeit fortbegeben und keine Unsinnigkeiten mehr unternehmen möchtet, sondern Euch sogleich auf den Weg nach Toboso machen, wenn Euch nichts Wichtigeres dazwischenkäme, denn sie trüge das allergrößte Verlangen, Euer Gnaden zu sehen; sie lachte erschrecklich, wie ich ihr sagte, daß Ihr Euch der Ritter von der traurigen Gestalt nenntet; ich fragte auch, ob der Biscayer von letztlich dagewesen, und sie sagte ja, und daß er ein ganz anständiger Kerl sei; ich fragte auch nach den Ruderknechten, aber sie sagte, daß sie bis jetzt noch keinen mit Augen gesehen hätte.«

[278] »Alles geht bis hierher gut«, sprach Don Quixote, »aber sage mir, welch ein Kleinod verehrte sie dir für die guten Nachrichten, die du von mir brachtest, beim Abschied? denn es ist ein herkömmlicher und alter Gebrauch unter den irrenden Rittern und Damen, den Stallmeistern, Jungfrauen oder Zwergen, die Botschaften von den Damen zu jenen oder zu diesen von ihren Irrenden bringen, daß sie ihnen irgendein kostbares Kleinod als Lohn und Dank für ihre Mühwaltung verehren.«

»Das mag wohl sein, und ich halte es auch für eine gute, schöne Gewohnheit, aber das muß wohl in vorigen Zeiten gewesen sein: denn jetzt ist der Gebrauch, ein Stück Brot und Käse zu verzehren, welches mir die Dame Dulcinea über die Hofmauer reichte, als sie Abschied genommen, und noch zum größeren Wahrzeichen, so war es Schafkäse.«

»Sie ist fürstlich freigebig«, sprach Don Quixote, »und wenn sie dir nicht ein goldenes Kleinod gab, so rührte dieses ohne Zweifel daher, weil sie gerade keines bei der Hand hatte, dir es zu geben; aber auch nach dem Sonntage schmeckt der Braten gut, ich werde sie sehen, und alles wird in seine Ordnung kommen. Weißt du aber, Sancho, worüber ich mich verwundern muß? daß es mir scheint, als müßtest du durch die Luft hin- und zurückgekommen sein, denn du hast nicht mehr als drei Tage gebraucht, nach Toboso hin- und zurückzugehen, da es doch von hier dahin über dreißig Meilen sind; wodurch ich überzeugt werde, daß irgendein weiser Nekromant, der sich meiner annimmt und mein Freund ist – denn allerdings habe ich einen solchen und muß ihn durchaus haben, weil ich sonst kein wahrer irrender Ritter sein würde –, ich sage, daß ein solcher deine Reise muß gefordert haben, ohne daß du es gemerkt hast: denn mancher von diesen Weisen nimmt einen irrenden Ritter wohl schlafend aus seinem Bette auf, so daß dieser, ohne zu wissen wie oder auf welche Art, tausend Meilen von dem Orte erwacht, an welchem er sich niederlegte, und wenn dieses nicht geschähe, so könnte auch nicht ein irrender Ritter dem andern zu Hülfe kommen, wenn sie sich in Gefahr befinden, wie es doch alle Augenblicke geschieht; denn es trifft sich wohl, daß der eine in den armenischen Gebirgen einen Endriago oder ein anderes schreckliches Ungeheuer oder auch einen andern Ritter bekämpft, die Schlacht gerade am schlimmsten steht und er dem Tode schon ganz nahe ist, und siehe da, plötzlich erscheint auf einer Wolke oder auf einem feurigen Wagen ein anderer Ritter, sein Freund, der sich soeben noch in England befunden hatte, der ihm beisteht und ihn vom Tode errettet, und abends ißt er dann nach Herzenslust in seinem Zimmer, und doch sind die beiden Länder durch zwei- oder wohl dreitausend Meilen getrennt, und alles dies geschieht durch Hülfe und Weisheit jener weisen Zauberer, die sich der tapferen Ritter annehmen, so daß ich leichtlich glauben kann, Freund Sancho, daß du in so kurzer Zeit von hier nach Toboso geritten und zurückgekommen seist, denn, wie gesagt, irgendein weiser Freund hat dich im Fluge davongeführt, ohne daß du es bemerkt hast.«

»So wird's auch sein«, sagte Sancho, »denn wahrlich, Rozinante lief wie ein Zigeuneresel mit Quecksilber in den Ohren.«

»Und allerdings hat er Quecksilber in sich gehabt«, sprach Don Quixote, »ja noch dazu eine Legion von Dämonen, denn diese Wesen reisen und lassen andre nach ihrem Gefallen reisen, ohne jemals müde zu werden, wenn es ihnen so gefällig ist. Aber lassen wir dieses jetzt. Was dünkt dir, daß ich nunmehr in Ansehung dessen zu tun habe, daß meine Gebieterin mir befiehlt, vor ihren Augen zu erscheinen? denn ob ich gleich weiß, daß ich verpflichtet bin, ihren Befehl auszurichten, so weiß ich doch auch, wie es jetzt unmöglich ist, da ich der Prinzessin, die mit uns zieht, die Gabe gewährt; denn die Gesetze der Ritterschaft zwingen mich, mein gegebenes Wort höher als mein Vergnügen zu achten; einerseits reizt und lockt mich die Begier, meine Gebieterin zu sehen, auf der andern ruft und reißt mich mein Versprechen hinweg sowie der Ruhm, den ich in dieser Unternehmung davontragen werde; was aber zu tun ich gedenke, [279] ist, mich eiligst auf den Weg zu begeben und mich hinzubegeben, wo sich dieser Riese befindet, wenn ich dort bin, ihm das Haupt herunterzuschlagen und die Prinzessin in den ruhigen Besitz ihres Reiches einzusetzen und augenblicklich dann nach dem Lichte zurückzukehren, welches meine Sinne erleuchtet; wo ich mich dann so entschuldigen will, daß sie selbst mein Verzögern billigen soll, weil sie versteht, daß alles zur Vermehrung ihres Ruhms und Namens geschieht, denn wie vielen Waffenruhm ich in der Zeit meines Lebens erlangt habe, erlange und erlangen werde, so fließt alles nur aus ihrer Gunst, und weil ich ganz der Ihrige bin.«

»Ach!« sagte Sancho, »wie seid Ihr doch immer auf diese Dinge versessen! Sagt mir doch, gnädiger Herr, denkt Ihr denn diese lange Reise vergebens zu machen und dann eine so reiche und herrliche Heirat, wie diese ist, mit Füßen von Euch zu stoßen, wo Ihr ein Königreich zur Mitgift kriegen würdet, das, was ich mir als gewisse Wahrheit habe sagen lassen, mehr als zwanzigtausend Meilen in seinem Umfange hat und einen Überfluß an allen Dingen, die man zur Erhaltung des menschlichen Lebens braucht, und das schöner sein soll wie Portugal und Kastilien zusammengenommen? O schweigt doch um Gottes willen still und nehmt Euch das zu Herzen, was ich gesagt habe, nehmt Vernunft an, unbeschwert, und verheiratet Euch gleich im ersten Dorfe, wo Ihr einen Priester findet, oder nehmt hier unsern Lizentiaten, der es ausrichten wird, daß es nur so sein muß; und bedenkt, daß ich jetzt alt genug bin, um guten Rat zu geben, und daß der, den ich jetzt gebe, wie gegossen ist, daß ein Sperling in der Hand besser ist als eine Taube auf dem Dache und daß ein Haben mehr wert ist als zehntausend Hätt ich; und daß man dem Glücke nicht mutwillig seine Tür versperren muß.«

»Sieh, Sancho«, antwortete Don Quixote, »wie du deinen Rat, mich zu vermählen, nur deshalb gibst, damit ich gleich König werde, wenn ich den Riesen umgebracht und es somit in meiner Gewalt steht, dich zu belohnen und dir das Versprochene zu geben, du mußt aber wissen, daß ich deinen Wunsch ohne Vermählung leichtlich erfüllen kann, denn ich werde mir das als Vorausbedingung setzen, bevor ich die Schlacht beginne, daß, wenn ich Sieger bin, sie mir, falls ich mich nicht verheirate, einen Teil des Königreichs übergeben sollen, damit ich denselben geben mag, wem ich nur will; wenn sie ihn mir geben, wem, denkst du, sollt ich ihn wohl anders geben als dir?«

»Das läßt sich hören«, antwortete Sancho, »aber seht doch ja zu, daß der Teil dann am Meere liegt, damit, wenn mir die Lebensart nicht gefällt, ich meine schwarzen Untertanen einschiffen und das mit ihnen tun kann, was ich schon gesagt habe, und Euer Gnaden mag nur nicht weiter darauf denken, nach der Dame Dulcinea zu gehen, sondern geht hin und schlagt den Riesen tot, macht das Geschäft ab, denn es wird Euch bei Gott viel Ehre und Nutzen daraus erwachsen.«

»Ich sage dir, Sancho«, sprach Don Quixote, »daß du dich darauf verlassen kannst und daß ich deinen Rat befolgen will, erst mit der Prinzessin zu ziehen, bevor ich Dulcinea sehe, hüte dich aber, an niemand nichts zu sagen, auch denen nicht, die mit uns sind, von allem dem, was wir hier miteinander abgehandelt haben; denn da Dulcinea so vorsichtig ist, daß sie nicht will, daß irgendwer ihre Gedanken erfahre, so wäre es ziemlich unschicklich, wenn sie durch mich oder einen andern verraten würden.«

»Wenn dem so ist«, sagte Sancho, »warum tut Ihr denn das, daß Ihr alle, die von Eurem Arme überwunden werden, hinschickt, daß sie sich der gnädigen Dulcinea präsentieren müssen, da doch dieses ein öffentliches Bekenntnis ist, daß Ihr sie liebt? Da auch jene vor ihr niederknien müssen und sagen, daß sie von Euch gesandt werden, als ein Zeichen Eurer Unterwerfung, wie können denn da Eure Gesinnungen verheimlicht bleiben?«

»O wie dumm und einfältig du bist!« sagte Don Quixote; »siehst du denn nicht, Sancho, daß dieses[280] nur zu ihrer größeren Verherrlichung dient? denn du mußt wissen, daß es bei uns Rittern eine große Ehre ist, wenn eine Dame viele irrende Ritter hat, die ihr dienen, ohne daß diese ihre Gedanken weiter ausdehnen, als daß sie ihr bloß deshalb dienen, weil sie es ist, ohne daß sie einen andern Lohn für ihre häufigen und großen Dienstleistungen erwarten, als daß sie sie gern zu ihren Rittern zählt.«

»Diese Art Liebe«, sagte Sancho, »habe ich oft in der Kirche predigen gehört, müsse man allein zu unserm Herrgott tragen und keine Hoffnung der Belohnung, keine Furcht vor Strafe uns dazu antreiben, ob ich ihn freilich wohl lieben und ihm dienen will, wie es nur gehen will.«

»Beim Teufel!« rief Don Quixote, »wie sprichst du manchmal für einen Bauer zu gescheit! Manchmal ist es, als hättest du studiert.«

»Und doch kann ich, bei meiner Seele, nicht lesen«, antwortete Sancho.

Indem rief Meister Niklas, daß sie ein wenig anhalten möchten, weil alle aus einem kleinen Bache trinken wollten, den sie dort gefunden. Don Quixote tat es, zu Sanchos nicht geringer Freude, der schon müde war, so viel zu lügen, und immer befürchtete, sein Herr möchte ihn ertappen; denn wenn er auch wußte, daß Dulcinea eine Bäuerin in Toboso sei, so hatte er sie doch in seinem Leben nicht gesehen. Cardenio hatte sich unterdessen die Kleider angezogen, die Dorothea anfangs getragen hatte, und ob sie gleich nicht die besten waren, so standen sie ihm doch besser als seine abgelegte Tracht. Sie lagerten sich bei der Quelle und stillten mit dem wenigen, was der Pfarrer aus der Schenke mitgenommen hatte, den großen Hunger, den alle fühlten. Indem dieses geschah, ging ein Bursche des Weges vorbei, stand still und beschaute alle sehr aufmerksam, die sich um die Quelle gelagert hatten; dann lief er auf Don Quixote zu, umfaßte seine Knie und fing von Herzen an zu weinen, indem er sagte: »Ach! Gnädiger Herr! Kennt Ihr mich nicht mehr? Seht mich nur recht an, denn ich bin der Bursche Andres, den Ihr von der Eiche losmachtet, wo ich festgebunden war.«

Don Quixote erkannte ihn, nahm ihn bei der Hand, kehrte sich zu den übrigen und sprach: »Damit Ihr allerseits, Ihr teuern Gefährten, sehen möget, wie nötig es sei, daß es irrende Ritter in der Welt gebe, die das Unrecht und die Ungebührnisse aufheben mögen, die von den schlechten und boshaften Menschen verübt werden, die in ihr leben, so erfahrt, daß, als ich in vergangenen Tagen einem Gebüsche vorüberzog, ich ein Geschrei und eine höchst klagende Stimme vernahm, wie von einer sehr betrübten und hülfsbedürftigen Person; ich eilte hinzu, von meiner Pflicht nach der Gegend getrieben, von wo mir die klagenden Töne zu kommen schienen, und fand an eine Eiche diesen Jüngling gebunden, welcher nun hier gegenwärtig ist, worüber ich mich in der Seele freue, weil er nun Zeuge sein kann, daß ich in keinem Worte eine Lüge sage; er war also an eine Eiche gebunden, bis auf den Gürtel entkleidet, und erduldete von einem Bauer die häufigen Streiche eines Pferdezaums; dieser Bauer war, wie ich nachher erfuhr, sein Herr, und sowie ich ihn sah, fragte ich ihn um die Ursache dieses schändlichen Verfahrens; der Lümmel antwortete, daß er ihn geißele, weil er sein Knecht sei und sich Unachtsamkeiten habe zuschulden kommen lassen, die mehr aus Bosheit als Dummheit herrührten; worauf dieses Kindlein aber sprach: ›Gnädiger Herr, er schlägt mich nur, weil ich meinen Lohn gefordert habe‹; worauf sich der Herr wieder mit einiger Entschuldigung hören ließ, die ich zwar vernahm, aber keineswegs zuließ; kurz, ich ließ ihn losbinden und nahm von dem Bauer einen Eidschwur, daß er ihn mit sich nehmen und bezahlen wolle, Real auf Real, und noch dazu lauter blanke und geschliffene. Ist dieses nicht alles wahr, mein Sohn Andres? Merktest du nicht, wie gewaltig ich es befahl und wie demütig er versprach, alles auszurichten, was ich ihm auferlegte und allerdings von ihm erheischte? Antworte, sei nicht zaghaft, fürchte dich nicht, sage diesen Herren alles, wie es sich zutrug, damit sie merken und einsehen, wie es nötig und nützlich, daß irrende Ritter auf den Wegen streifen.«

[281] »Alles, was der gnädige Herr da erzählt hat, ist völlig wahr«, antwortete der Bursche, »aber der Ausgang der Geschichte war durchaus anders, wie Euer Gnaden gedacht hatte.«

»Wie durchaus anders!« versetzte Don Quixote, »also bezahlte dir der Bauer nicht augenblicklich?«

»Er zahlte mir nicht nur nicht«, antwortete der Bursche, »sondern sowie Ihr den Busch verlassen hattet und wir allein waren, band er mich wieder an die nämliche Eiche und gab mir so viele Hiebe, daß er einen ordentlichen geschundenen Sankt Bartholomaeus aus mir machte; und bei jedem Streiche, den er mir gab, machte er einen Witz und Spaß, womit er Euch zum besten hatte, so daß ich über seine Reden hätte lachen müssen, wenn es mir nicht so sehr weh getan hätte; kurz, er richtete mich so zu, daß ich bis jetzt in einem Spital gewesen bin, mich von dem Übel zu kurieren, das mir der Bauer zugefügt. Von alle dem habt Ihr also nun die Schuld, denn wäret Ihr ruhig Eurer Straße gezogen und nicht hingekommen, wo Euch keiner rief, Euch nicht in fremde Händel gemischt, so hätte sich mein Herr damit begnügt, mir ein oder zwei Dutzend Schläge zu geben, dann hätte er mich losgemacht und mir bezahlt, was er schuldig war; aber da Ihr ihm ohne Not so großen Schimpf antatet und so viele harte Dinge sagtet, da wurde er böse, und da er seine Rache nicht an Euch auslassen konnte, so brach das Wetter über mich los, als er wieder allein war, und zwar so, daß ich es gewiß in meinem ganzen Leben nicht verwinden werde.«

»Der Fehler liegt darin«, sagte Don Quixote, »daß ich fortging, ich hätte nicht eher gehen sollen, bis er dich bezahlt gehabt, denn ich mußte durch lange Erfahrung wissen, daß ein gemeiner Mensch nie sein Wort hält, wenn er nicht sieht, daß es ihm Vorteil bringt, es zu halten; aber du wirst dich auch erinnern, Andres, wie ich schwur, falls er dir nicht bezahle, ihn aufzusuchen und aufzufinden, und wenn er sich in den Bauch des Wallfisches verbergen wollte.«

»Das ist wahr«, sagte Andres, »aber das hilft nichts.«

»Jetzt sollst du sehen, ob's hilft«, sprach Don Quixote, und alsbald stand er auf und befahl dem Sancho, den Rozinante aufzuzäumen, der auch weidete, indes die andern aßen. Dorothea fragte ihn, was er vorhabe. Er antwortete, daß er den Bauer aufsuchen wolle, um ihn für sein schlechtes Beginnen zu züchtigen und dem Andres bis auf den letzten Heller auszahlen zu lassen, zum Trotz aller Bauern in der ganzen Welt. Worauf sie antwortete, daß er, der Gabe gemäß, die er ihr bewilligt, sich in keine neue Unternehmung einlassen dürfe, bis er die ihrige beendigt, und da er dies besser als ein anderer wisse, so möge er sein Herz bis zu seiner Zurückkunft aus ihrem Reiche zur Ruhe stellen.

»Dies ist die Wahrheit«, antwortete Don Quixote, »und Andres muß sich, wie Ihr, meine Dame, bemerkt habt, bis zu meiner Zurückkunft gedulden, denn ich schwöre noch einmal und verspreche ihm dies von neuem, nicht eher zu rasten, bis ich seine Rache und Bezahlung vollstreckt.«

»An diese Schwüre glaube ich nicht«, sagte Andres, »mir wäre jetzt eine kleine Gabe, um nach Sevilla zu kommen, lieber als alle Rache in der ganzen Welt; wenn Ihr wollt, so gebt mir etwas zu essen und sonst ein Geschenk, und dann mögt Ihr und alle irrende Ritter mit Gott gehen, und ihr Irren mag ihnen so bekommen, wie es mir zugeschlagen hat.«

Sancho nahm etwas Brot und ein Stück Käse aus seinem Beutel, gab dies dem Jungen und sagte: »Nimm, Bruder Andres, denn uns alle betrifft dein Unglück zum Teil.«

»Wie trifft es dich denn zum Teil?« fragte Andres.

»Durch diesen Teil hier von Käse und Brot«, antwortete Sancho, »denn Gott weiß, ob ich ihn nicht noch missen werde; denn du mußt wissen, mein Freund, daß die Stallmeister der irrenden Ritter vielem Hunger und andern Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind: hundert Dingen, die sich besser empfinden als beschreiben lassen.«

[282] Andres nahm das Stück Brot und Käse, und da er sah, daß er nichts weiter erhielt, hing er den Kopf und nahm, wie man spricht, den Weg zur Hand, doch sagte er freilich, noch ehe er fortging, zu Don Quixote: »Ich bitte Euch um Gottes willen, Herr irrender Ritter, wenn Ihr mich einmal wiederfindet und auch sähet, daß man mich in Stücke hauete, so kommt mir doch ja nicht zu Hülfe oder leistet mir Beistand, sondern überlaßt mich meinen Leiden, denn so groß werden sie nie sein, daß ich mich nicht besser dabei befinden sollte, als wenn der Gnädige mir Hülfe leistet, den Gott verwünsche, so wie alle irrenden Ritter, die nur je auf der Welt gewesen sind.«

Don Quixote wollte aufstehen, ihn zu züchtigen, aber jener lief so schnell über den Rasen fort, daß ihn keiner hätte einholen mögen. Halb rasend war Don Quixote über das Benehmen des Andres, und die übrigen mußten sich sehr in acht nehmen, nicht zu lachen, um ihn nicht völlig rasend zu machen.

Viertes Buch
Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Erzählt, was dem ganzen Gefolge des Don Quixote in der Schenke begegnete.


Nachdem ihre gute Mahlzeit geendigt war, stiegen sie wieder auf, und ohne daß ihnen etwas der Erzählung Würdiges zustieß, erreichten sie am folgenden Tage die Schenke, die den Sancho Pansa in Furcht und Schrecken setzte, in welche er aber dennoch einkehren mußte, so ungern er es auch tat. Der Wirt, die Wirtin, ihre Tochter und Maritorne, die Don Quixote und Sancho ankommen sahen, gingen ihnen entgegen und begrüßten sie mit vieler Lustigkeit; der Ritter nahm den Gruß mit Ernst und Strenge an und bat, ihm eine andere, bessere Ruhestatt als jüngst zuzubereiten, worauf die Wirtin antwortete, daß, wenn er besser als jüngst bezahle, sie ihn wie einen Fürsten betten wollten. Don Quixote sagte, er würde es tun, und sie machten ihm nun in derselben Scheune von neulich ein ganz erträgliches Bett zurecht, in welches er sich sogleich niederlegte; denn er langte gar ermüdet an und matt am Verstande.

Er hatte sich kaum fortbegeben, als sich die Wirtin sogleich an den Barbier machte, ihn beim Bart faßte und ausrief: »Bei meiner Seele, nun sollt Ihr auch meinen Schwanz nicht länger als Bart brauchen; ich will ihn wiederhaben; er gehört meinem Manne, und er soll sich nicht länger im Lande herumtreiben, daß es eine Schande ist, denn er pflegt die Kämme darin aufzuhängen.« Der Barbier wollte ihn nicht hergeben, so sehr sie auch zog, bis ihm der Lizentiat sagte, er möchte ihn ausliefern, denn diese Bekleidung sei nun überflüssig; vielmehr solle er sich nur jetzt in seiner natürlichen Gestalt zeigen und zu Don Quixote [287] sagen, daß, nachdem sie von den Ruderknechten geplündert wären, er nach dieser Schenke geflohen sei; wenn aber vom Stallmeister der Prinzessin die Rede sein würde, so wollten sie ihm sagen, daß man ihn vorangeschickt habe, um den Untertanen die Nachricht zu bringen, wie sie komme und ihrer aller Befreier mit sich bringe. Hierauf gab der Barbier mit gutem Willen der Wirtin den Schwanz, sowie er auch alles übrige ablieferte, was sie, der Erlösung des Don Quixote wegen, geborgt hatten.

Alle in der Schenke verwunderten sich über die Schönheit der Dorothea sowie über die edle Gestalt des Hirten Cardenio. Der Pfarrer sorgte dafür, daß sie eine Mahlzeit erhielten, so gut es die Schenke vermochte, und der Wirt, der eine bessere Bezahlung hoffte, richtete ihnen mit großem Eifer ein gutes Mittagsmahl zu. Während dieser ganzen Zeit schlief Don Quixote, und sie wollten ihn nicht aufwecken, weil ihm der Schlaf nötiger als Essen war. Bei Tische sprachen sie in Gegenwart des Wirtes, der Wirtin, der Tochter, Maritorne und aller Reisenden von Don Quixotes seltsamer Narrheit, und wie sie ihn angetroffen; die Wirtin erzählte, was sich mit dem Eseltreiber zugetragen, wobei sie sich umsah, ob Sancho nicht zugegen sei, und da sie ihn nicht gewahr ward, erzählte sie auch alle Umstände von seiner Prelle, welches den übrigen vieles Vergnügen machte; wie nun der Pfarrer darauf sagte, daß die Ritterbücher, die Don Quixote gelesen, ihm den Verstand verdreht hätten, erwiderte der Wirt: »Wie das möglich ist, begreife ich nicht; denn ich weiß mir nach meinem Geschmack kein schöneres Lesen auf der Welt, und ich selbst habe zwei oder drei solcher Bücher, die mir immer das Herz erfrischen, und nicht nur mir, sondern auch vielen andern Leuten! Zur Erntezeit kommen viele Schnitter in den Festtagen hierher, da ist denn immer einer darunter, der lesen kann und der dies oder jenes von diesen Büchern zur Hand nimmt. Über dreißig setzen wir uns um ihn her und hören mit solchem Vergnügen zu, daß wir Essen und Trinken vergessen; wenigstens muß ich für meine Person gestehen, daß, wenn ich von den schrecklichen und entsetzlichen Hieben höre, die sich die Ritter austeilen, ich die größte Lust kriege, es auch zu versuchen, und ich Tag und Nacht den Dingen zuhören möchte.«

»So geht es mir gerade auch«, sagte die Wirtin; »denn ich habe niemals gute Zeit im Hause, außer wenn du dem Lesen zuhörst, um die Zeit bist du so außer dir, daß du dann an kein Zanken denkst.«

»Das ist wahr«, sagte Maritorne, »und meiner Treu, ich höre diese Dinge doch gar zu gern an, denn sie sind zuckersüß, besonders wenn erzählt wird, wie solche Dame unter Orangen sitzt und sich mit ihrem Ritter umarmt hält, wie dann eine Dienerin auf der Wache sein muß und vor Neid und Furcht sterben möchte; oh, alle die Sachen sind lieblicher als Honig.«

»Und wie gefallen sie Euch, liebes Kind?« fragte der Pfarrer, indem er sich zur Tochter des Wirts wandte.

»Ich kann es wahrhaftig selbst nicht sagen«, antwortete sie; »ich höre zu, und wenn ich es auch nicht verstehe, macht mir doch das Anhören Vergnügen. Nicht aber gefallen mir die Hiebe so sehr, die meinen Vater ergötzen, sondern die Klagen, welche die Ritter anstellen, wenn sie von ihren Damen entfernt sind, so daß ich wahrhaftig ein paarmal aus Mitleiden habe weinen müssen.«

»Ihr würdet sie also wohl schnell trösten, mein liebes Kind«, fragte Dorothea, »wenn sie Euretwegen jammerten?«

»Ich weiß nicht, was man tun würde«, antwortete das Mädchen; »aber das ist wahr, daß einige von diesen Damen so grausam sind, daß ihre Ritter sie Löwen und Tigertiere nennen und ihnen noch andere Ekelnamen geben, und du lieber Gott! ich begreife doch gar nicht, wie es so hartherzige und gewissenlose Leute geben kann, daß sie sich um einen ehrlichen Menschen nicht mehr kümmern und ihn sterben oder verrückt werden lassen; ich weiß auch nicht, was das Zieren soll; wenn sie es ehrlich meinen, so mögen sie sich mit ihnen verheiraten, da jene doch nichts Besseres wünschen.«

[288] [291]»Schweig, Kind«, sagte die Wirtin, »du scheinst viel von den Dingen zu wissen; es schickt sich nicht, daß ein Mädchen soviel weiß und spricht.«

»Da mich der Herr fragte«, erwiderte sie, »so mußte ich ihm doch wohl antworten.«

»Gebt mir doch nun, Herr Wirt«, sagte der Pfarrer, »die Bücher, denn ich möchte sie wohl sehen.«

»Sehr gern«, antwortete jener, worauf er in seine Stube ging, einen alten Mantelsack holte, der mit einer kleinen Kette verschlossen war, und ihn aufmachte, worauf drei große Bücher und einige sehr deutlich geschriebene Blätter zum Vorschein kamen. Das erste Buch, welches der Pfarrer aufschlug, war der Don Cirongilio von Thracia, das zweite Felixmarte von Hircania, ein anderes Die Geschichte des Großen Feldherrn Gonzalo Hernandez von Kordova, nebst dem Leben des Diego Garcia von Paredes. Als der Pfarrer die beiden ersten Titel gelesen hatte, kehrte er sich zum Barbier und sagte: »Hier fehlen nur die Haushälterin und die Nichte unseres Freundes.«

»Sie brauchen nicht zu fehlen«, antwortete der Barbier; »denn ich selbst kann sie auch in den Hof oder hier in den Kamin schmeißen, wo gleich ein schönes Feuer brennt.«

»Ihr wollt doch nicht etwa meine Bücher verbrennen?« fragte der Wirt.

»Nur die zwei«, sagte der Pfarrer, »den ›Don Cirongilio‹ und den ›Felixmarte‹.«

»Sind denn diese Bücher«, fragte der Wirt, »etwa Ketzer oder Phlegmatiker, daß Ihr sie verbrennen wollt?«

»Ihr wollt sagen Schismatiker, guter Freund«, sagte der Barbier, »und nicht Phlegmatiker.«

»Nun ja«, sagte der Wirt; »aber wenn Ihr denn ja einen verbrennen wollt, so nehmt doch den ›Großen Feldherrn‹ da oder den ›Diego Garcia‹: denn lieber möcht ich meinen leiblichen Sohn verbrennen lassen als einen von den andern beiden.«

»Lieber Freund«, sagte der Pfarrer, »diese beiden Geschichten sind erlogen; sie sind voller Narrheit und Unsinn, die Geschichte des Großen Feldherrn aber ist wahrhaft und enthält die Taten des Gonzales Hernandez von Kordova, der es wegen seiner vielen und großen Verrichtungen verdiente, daß man ihn in der ganzen Welt den Großen Feldherrn nannte: ein herrlicher, ruhmvoller und von ihm allein verdienter und schön verdienter Beiname; und dieser Diego Garcia de Paredes war ein sehr vorzüglicher Ritter, aus der Stadt Truxillo in Estremadura gebürtig; er war der tapferste Soldat, und seine natürliche Kraft war so groß, daß er mit einem Finger ein Mühlenrad im heftigsten Umschwung anhalten konnte; auch stellte er sich mit seinem Schlachtschwerte vor den Eingang einer Brücke und hielt eine unzählige Armee ab hinüberzudringen, nebst andern Taten, die er selber erzählt, die aber, wenn er nicht selbst mit der Bescheidenheit eines Ritters und eignen Chronikschreibers spräche, sondern von einem andern, unleidenschaftlichen frei beschrieben würden, alle Taten Hektors, Achilles' und Rolands verdunkeln würden.«

»Nun, das ist auch was Besonderes!« rief der Wirt aus, »ist das nun wohl der Rede wert, ein Mühlenrad anzuhalten? Ach, du lieber Gott! Leset nur, was Felixmarte von Hircania ausgeübt hat, der mit einem einzigen Streiche fünf Riesen mitten durchgehauen, als wenn sie nur aus Bohnen wären, wie die Rosinenmännerchen, die die Kinder wohl zu machen pflegen; ein andermal hat er sich mit der größten und erschrecklichsten Armee eingelassen, die über eine Million und sechsmal hunderttausend Soldaten hatte, alle von Kopf bis zu Fuß geharnischt, und er hat sie alle in die Flucht geschlagen, als wenn es nur eine Herde Schafe wäre. Was soll man aber von dem lieben Don Cirongilio von Thracia sagen, der so tapfer und mutig gewesen, wie man auch in dem Buche lesen kann, daß, da er einmal auf einem Flusse fuhr, mitten aus dem Wasser ein feuriger Drache hervorkam und er, sowie er ihn erblickte, sich auf ihn stürzte und sich rittlings auf seinen schuppigen Rücken setzte, worauf er ihm mit beiden Händen die Kehle so [291] gewaltig zusammendrückte, daß der Drache merkte, er müsse erwürgen, und kein anderes Mittel sah, als sich bis auf den Grund des Stromes zu tauchen und den Ritter mit sich zu nehmen, der nicht von ihm ablassen wollte; und als sie nun unten waren, fand er sich in so herrlichen Schlössern und Gärten, daß es zum Erstaunen war, und der Drache machte sich zu einem alten Greise und sagte solche Dinge, daß man sich nichts Köstlicheres vorstellen kann. Schweigt ja still, lieber Herr; denn wenn Ihr es anhörtet, würdet Ihr vor Freuden toll im Kopfe werden wollen; o schade was für den Großen Feldherrn und den Don Garcia!«

Da dies Dorothea hörte, sagte sie leise zu Cardenio: »Es fehlt wenig, so spielt unser Wirt die zweite Rolle des Don Quixote.«

»So sieht es fast aus«, antwortete Cardenio; »denn so wie er zu verstehen gibt, so hält er es für ausgemacht, daß alles, was diese Bücher erzählen, sich gerade so zutrug, wie sie es beschreiben; kein Barfüßer könnte ihn von dieser Meinung abbringen.«

»Bedenke, guter Freund«, fing der Pfarrer wieder an, »daß ein Felixmarte von Hircania niemals auf Erden gelebt hat, ebensowenig ein Don Cirongilio von Thracia oder andre ähnliche Ritter, von denen die Ritterbücher schreiben; alles ist ja nur Erdichtung und Erfindung müßiger Köpfe, die diese Dinge zum Zeitvertreibe schreiben, wie Ihr auch erzählt, daß die Vorlesung Euren Schnittern die Zeit verkürzt; denn ich schwöre es Euch zu, daß dergleichen Ritter niemals auf Erden gelebt haben, sowenig wie diese Taten und Teufeleien jemals vorgefallen sind.«

»Ihr mögt einem andern die Nase drehen«, antwortete der Wirt, »wir wissen gottlob noch, daß zwei und zwei vier macht und wo uns der Schuh drückt; glaubt nicht, daß Ihr mir solchen Brei in den Mund streichen könnt, denn ich bin gottlob nicht von gestern her; das ist doch lustig, daß Ihr mir weismachen wollt, in allen diesen Büchern stecke nur Lug und Trug, da sie doch mit besonderer Erlaubnis der königlichen Räte gedruckt sind; als wenn das Leute wären, die so viele Lügen würden drucken lassen, all die Schlachten und Verzauberungen, worüber man verrückt werden könnte.«

»Ich habe Euch schon gesagt, Freund«, versetzte der Pfarrer, »daß alles dies nur geschieht, um unsre müßigen Gedanken zu unterhalten, und wie man in gut eingerichteten Staaten Schachspiel, Kegelspiel und Billard denen erlaubt, die nicht arbeiten mögen, können oder dürfen, so läßt man auch dergleichen Bücher drucken, in der Meinung, wie es auch geschieht, daß keiner so sehr unwissend sein wird, diese Geschichten für Wahrheit zu halten, und wenn es sich jetzt nun schickte oder meine Zuhörer es verlangten, so könnte ich manche Dinge darüber sagen, wie Ritterbücher eingerichtet sein müßten, wenn sie gut sein sollten, was vielleicht zum Nutzen und manchem zum Vergnügen gereichen würde; ich hoffe aber, eine Gelegenheit zu finden, es denen mitzuteilen, die dafür etwas leisten können, und unterdessen, Herr Wirt, glaubt nur meinen Worten, nehmt Eure Bücher, und macht Euch mit ihnen davon, sie mögen nun Wahrheit oder Lügen sein, und wohl bekommen sie Euch, und Gott gebe nur, daß Ihr nicht auf demselben Beine lahm werdet, auf welchem Euer Gast Don Quixote hinkt.«

»Seid ohne Sorge«, antwortete der Wirt; »denn ich werde ja nicht so närrisch sein, mich zu einem irrenden Ritter zu machen, denn ich weiß wohl, daß jetzt nicht Gebrauch ist, was ehemals Gebrauch war, als jene berühmten Ritter durch die Welt zogen.«

Um die Mitte dieses Gespräches hatte sich Sancho eingefunden. Er war sehr betrübt und nachdenklich, als er hörte, daß gegenwärtig die irrenden Ritter nicht gebräuchlich wären und daß alle Ritterbücher nur Narrheiten und Lügen enthielten; er nahm sich in seinem Herzen vor, abzuwarten, wie diese Reise seines Herrn ausschlagen würde, und falls es nicht so glücklich käme, als er dachte, beschloß er, ihn zu verlassen und zu Frau und Kindern und seiner gewöhnlichen Arbeit zurückzukehren.

[292] Der Wirt nahm den Mantelsack und die Bücher, aber der Pfarrer sagte: »Haltet, ich möchte gern diese Papiere ansehen, die so zierlich geschrieben sind.«

Der Wirt nahm sie und gab sie ihm zum Lesen hin, die Handschrift betrug ungefähr acht Bogen, und der Titel war mit großen Buchstaben geschrieben und hieß: »Novelle von der unziemlichen Neugier«. Der Pfarrer las für sich einige Zeilen und sagte: »Der Anfang dieser Novelle ist wahrlich nicht übel, und ich hätte wohl Lust, sie ganz zu lesen.«

Der Wirt antwortete hierauf: »Euer Ehrwürden mag sie nur lesen, denn ich muß Euch sagen, viele von meinen Gästen haben sie schon gelesen, und allen hat sie sehr gefallen; sie haben mich auch dringend darum gebeten, aber ich habe sie ihnen nicht geben mögen, denn ich denke sie dem einmal wiederzugeben, der diesen Mantelsack mit den Büchern und Schriften vergessen hat. Der Besitzer kömmt wohl wieder ein mal her, und ob es mir gleich leid tun wird, diese Bücher wegzugeben, so bin ich doch ein Christ, wenn ich gleich nur ein Schenkwirt bin.«

»Ihr habt recht«, sagte der Pfarrer; »wenn mir aber dir Novelle gefällt, so ist es doch wohl erlaubt, sie abzuschreiben?«

»Herzlich gern«, antwortete der Schenkwirt.

Indes die beiden sprachen, hatte Cardenio die Novelle genommen und sie zu lesen angefangen; sie gefiel ihm ebenso wie dem Pfarrer, und er bat diesen, sie laut vorzulesen, daß alle sie hören könnten. »Ich will lesen«, sagte der Pfarrer, »wenn es nicht vielleicht besser ist, die Zeit mit Schlafen als mit Lesen hinzubringen.«

»Es wird mir genug Erholung sein«, sagte Dorothea, »die Zeit mit einer Erzählung zu verkürzen; denn meine Geister sind noch nicht so beruhigt, daß ich schlafen könnte, wenn es mir auch zuträglich wäre.«

»So will ich denn«, sagte der Pfarrer, »aus Neugier weiterlesen, vielleicht macht es uns Vergnügen.«

Auch Meister Nicolas bat darum, ingleichen Sancho; wie also der Pfarrer sah, daß alle und auch er selbst Vergnügen daran haben würden, sagte er: »Wenn dem so ist, so sei nun jedermann aufmerksam, denn die Novelle fängt auf folgende Weise an.«

Zweites Kapitel
[293] Zweites Kapitel.

Enthält die »Novelle von der unziemlichen Neugier«.


In Florenz, einer reichen und berühmten Stadt Italiens im toskanischen Gebiete, lebten zwei reiche und vornehme Ritter, Anselmo und Lotario, die so große Freunde waren, daß sie von allen, die sie kannten, statt aller Namen nur die beiden Freunde genannt wurden. Sie waren ledig, jung, von einem Alter und gleichen Gesinnungen, wodurch sie zu einer festen gegenseitigen Freundschaft bewogen wurden; Anselmo zwar war den Vergnügungen der Liebe mehr als Lotario ergeben, dem die Freuden der Jagd reizender dünkten; doch wenn es die Gelegenheit gab, verließ Anselmo seine Neigung, um der des Lotario zu folgen, so wie Lotario die seinige verließ, um dem Anselmo nachzugeben, so daß ihr Wille immer eine Richtung nahm und genauer als zwei Uhren miteinander übereinstimmte.

Anselmo ward in ein vornehmes und schönes Fräulein aus der nämlichen Stadt verliebt, eine Tochter edler Eltern, und die durch sich selbst edel war, so daß er sich, nachdem er seinen Freund Lotario befragt hatte – ohne dessen Rat er nichts unternahm –, entschloß, sie von den Eltern zur Gemahlin zu begehren; es geschah, und Lotario war der Freiwerber, der das Geschäft so gut nach den Wünschen seines Freundes vollendete, daß dieser sich bald in dem Besitze des Gutes sah, und Camilla war so vergnügt, den Anselmo zum Gatten erlangt zu haben, daß sie unaufhörlich den Himmel und Lotario pries, durch dessen Vermittelung ihr dieses Glück zugefallen war.

[294] Die ersten Tage wurden, wie es bei Hochzeiten zu geschehen pflegt, sehr fröhlich vollbracht, Lotario besuchte wie gewöhnlich das Haus seines Freundes Anselmo, indem er dazu beitrug, das Fest, soviel er nur konnte, fröhlich und prächtig zu machen; als aber die Hochzeit vorüber und sich die häufigen Besuche der Glückwünschenden vermindert hatten, fing auch Lotario an, mit unverminderter Liebe seine Besuche im Hause des Anselmo zu vermindern, weil er der Meinung war, wie dies alle Verständigen immer geglaubt haben, daß man in die Häuser der verheirateten Freunde nicht ebensooft gehen dürfe, als wenn sie noch Junggesellen sind; denn wenn auch die wahre Freundschaft durchaus unverdächtig sein kann und muß, so ist doch die Ehre des Vermählten so empfindlich, daß sie sogar durch Brüder, geschweige durch Freunde verletzt werden kann. Anselmo bemerkte die Zurückgezogenheit Lotarios und beklagte sich sehr darüber; er sagte, daß, wenn er gewußt hätte, daß seine Heirat einen eingeschränktern Umgang unter ihnen nach sich ziehen würde, er niemals diesen Schritt getan hätte, wenn sie so innig verknüpft gewesen, solange er im ledigen Stande gelebt, daß man sie nur mit dem süßen Namen die beiden Freunde genannt habe, so könne er nicht zugeben, daß jetzt aus dieser einzigen Ursache dieser schöne und bedeutende Name untergehen solle, und daß er ihn darum als um eine Gnade bitte, wenn anders unter ihnen eine solche Sprache erlaubt sei, wieder der Herr in seinem Hause zu sein und wie sonst aus und ein zu gehen, wobei er versicherte, daß seine Gattin Camilla keine andere Freude oder keinen andern Willen habe, als den er von ihr verlangte, und da sie wüßte, wie zärtlich sie sich liebten, sei sie selber über diese Kälte betroffen.

Hierauf und auf vieles andere, was Anselmo dem Lotario sagte, um ihn zu bereden, wieder wie sonst sein Haus zu besuchen, antwortete derselbe so verständig und nachdrücklich, daß Anselmo an der guten Meinung seines Freundes nicht zweifeln konnte; sie kamen dahin überein, daß Lotario zweimal in der Woche und an den Festtagen bei ihnen essen sollte; aber obgleich dies verabredet war, so nahm sich doch Lotario vor, nicht weiterzugehen, als es die Ehre seines Freundes erlaubte, die er ebenso teuer als seine eigne achtete. Er sagte, und zwar mit Recht, daß der Gatte, dem der Himmel eine schöne Frau geschenkt, in der Wahl seiner Freunde, die er in sein Haus führe, ebenso aufmerksam sein müsse als in der Auswahl der Freundinnen, mit denen seine Gattin umgehe, denn was auf öffentlichen Plätzen, in Kirchen, bei Feierlichkeiten oder in der Vesper nicht zustande gebracht werden kann – von welchen Orten der Mann die Frau doch nicht immer zurückhalten darf –, das wird oft leicht in dem Hause einer Freundin oder Verwandtin beschlossen, mit der sie vertrauten Umgang hat. Doch war Lotario auch der Meinung, es sei allen Verheirateten nötig, einen Freund zu haben, der sie auf jede Kleinigkeit aufmerksam machte, die sie etwa unbeachtet lassen möchten; denn es geschieht leicht, daß die große Liebe, die der Mann zur Frau trägt, ihn abhält, alles zu bemerken oder es ihr zu sagen, um sie nicht zu erzürnen, damit sie irgend etwas tue oder auch unterlasse, was ihr im entgegengesetzten Falle entweder Ehre oder Schande bringen dürfte; was aber leicht vermittelt werden kann, wenn der Freund beide davon benachrichtigt. Wo ist aber wohl ein so edler und aufrichtiger Freund zu finden, wie ihn Lotario verlangt? Ich weiß nur, daß Lotario selbst für die Ehre seines Freundes so besorgt war, daß er sich stets bemühte, von den Tagen einige abzuziehen oder sie zu verkürzen, an denen er das Haus seines Freundes nach der Abrede besuchen sollte, damit der müßige Pöbel sowie die umtreibenden und boshaften Klätscher keinen Anstoß nehmen möchten, einen jungen, reichen Edelmann, mit den Vorzügen begabt, die er sich zutraute, das Haus einer so schönen Frau, wie Camilla war, oft besuchen zu sehen: denn wenn auch ihr Edelmut und ihre Tugend den verleumderischen Zungen Zaum und Gebiß anlegen konnte, so wollte er doch ihren guten Namen wie den seines Freundes nicht auf das Spiel setzen, und deshalb brachte er die abgeredeten Tage gewöhnlich anderswo zu und entschuldigte sich mit Abhaltungen, denen er nicht ausweichen könne, [295] so daß mit Anklagen auf der einen und Entschuldigungen auf der andern Seite ein großer Teil solches Tages zugebracht wurde.

Es geschah hierauf, daß an einem solchen Tage, als beide über eine Wiese, fern von der Stadt, spazierengingen, Anselmo zu Lotario folgendes sagte:

»Du glaubst wohl, mein Freund Lotario, daß für die Gnade, die mir Gott erzeigt, von solchen Eltern, wie die meinigen sind, geboren zu sein, daß er mir nicht mit karger Hand die Gaben der Natur sowie die Güter des Glücks zugeteilt hat, daß ich ihm für diese Geschenke nicht hinlänglich danken kann, vorzüglich aber, weil er mir dich zum Freunde und Camilla zur Gattin gab, zwei Güter, die ich wohl so schätze, wenigstens wie ich kann, wenn auch nicht in dem Grade, wie ich sollte? Doch bin ich, von diesem Glück umringt, das sonst hinreichend ist, den Menschen zufrieden zu machen, der bedrängteste und unglückseligste Mensch, der nur auf Erden zu finden ist: denn ich weiß nicht, seit wie lange mich ein so seltsamer, so äußerst ungewöhnlicher Wunsch quält, und der so sehr von allen gewöhnlichen Dingen entfernt liegt, daß ich mich über mich selbst verwundere, mit mir selber schelte und mich vor meinen eignen Gedanken zu verbergen suche; und doch such ich mein Geheimnis zu entdecken, als wenn es mein Wunsch wäre, daß die ganze Welt es erfahren möchte, und da es nun doch einmal ausbrechen muß, so will ich es in dein geheimstes Vertrauen niederlegen, weil ich glaube, daß deine aufrichtige Freundschaft schnell auf ein Mittel denken wird, mich zu heilen; so daß ich mich von dieser Angst befreit sehe und dein Eifer mich ebenso zur Fröhlichkeit zurückführt, wie mein Wahnsinn mich zum Mißvergnügen geführt hat.«

Erwartungsvoll hörte Lotario diese Worte des Anselmo an, weil er sich nicht denken konnte, wohin diese umständliche Vorbereitung führen sollte; er musterte alle seine Vorstellungen, um zu ersinnen, was doch seinen Freund quälen möchte, aber er traf immer sehr fern vom Ziele der Wahrheit; um also aus dieser peinigenden Ungewißheit gerissen zu werden, sagte er, daß seine Freundschaft dadurch empfindlich gekränkt werde, daß er einen Umweg suche, um ihm seine verborgensten Gedanken mitzuteilen; denn er könnte sich von ihm mit Gewißheit entweder Rat oder Hülfe für jedwede Lage seines Lebens versprechen.

»Du hast recht«, antwortete Anselmo, »und auf dieses Vertrauen, mein Freund Lotario, mußt du erfahren, daß das, was mich peinigt, der Zweifel ist, ob meine Gattin Camilla wohl auch so tugendhaft und vollkommen sei, wie ich mir vorstelle; ich kann auch von dieser Wahrheit nicht überzeugt werden, wenn ich sie nicht so auf die Probe stelle, daß diese Probe die Echtheit ihrer Güte so beweist, wie das Gold es durch die Läuterung des Feuers tut: denn ich bin der Meinung, mein Freund, daß ein Weib nicht besser ist als das andere, wenn es nicht der Verführung ausgesetzt gewesen, und daß nur das edel zu nennen sei, das keinen Bitten, Geschenken, Tränen und wiederholten Bemühungen eines dringenden Liebhabers weicht; denn wie kann die Frau gut genannt werden, der es ganz an Gelegenheit fehlt, schlecht zu sein? Was bedeutet es, wenn diejenige eingezogen und sittsam ist, der es an Veranlassung fehlt, sich freier zu betragen, oder diejenige, welche weiß, daß der Mann beim ersten Beweise einer Untreue ihr das Leben nehmen würde? So kann ich also diejenige, die nur aus Furcht oder aus Mangel an Gelegenheit tugendhaft ist, nicht so hoch schätzen wie diejenige, die aus Stürmen und Verfolgungen den Siegerkranz davonträgt. Aus diesen und vielen andern Gründen, die ich dir noch mitteilen könnte, um meine Meinung eindringlicher zu machen, wünsche ich, daß meine Gattin Camilla durch diese rauhen Wege gehe und im Feuer der Bewerbung geläutert werde und daß um sie werbe, der Wert genug hat, daß er seine Wünsche wohl auf sie richten dürfte; kehrt sie, wie ich es glaube, mit der Palme aus diesem Kampfe, so ist mein Glück ohnegleichen; dann kann ich sagen, daß die Lücke meiner Sehnsucht ausgefüllt ist, dann will ich sagen, daß das Schicksal mir jenes tugendhafte Weib zugeführt habe, von dem der Weise [296] fragt: ›Wer wird sie finden?‹ Kommt es aber anders, als ich mir vorstelle, so wird meine Meinung bestätigt, und ich werde ohne Murren das ertragen, was mich diese gefährliche Probe kosten kann; also vorausgesetzt, daß nichts von alledem, was du mir gegen mein Vorhaben sagen könntest, mich abhalten wird, es ins Werk zu richten, bitte ich dich, Freund Lotario, daß du es seist, der zu meinem Besten dieses Vorhaben unternimmt; denn ich will dir Gelegenheit geben, es zu tun, ohne daß dir irgend etwas mangeln soll, das nötig ist, dich um ein edles, geehrtes, sittsames und uneigennütziges Weib zu bewerben. Was mich außer andern Dingen aber dahin bringt, dir dieses gefährliche Unternehmen zu vertrauen, ist die Überzeugung, daß, wenn Camilla von dir überwunden wird, ihre Besiegung nicht das Letzte nach sich ziehen, sondern nur ein Vorsatz bleiben wird, so wie meine Kränkung in deiner heiligen Verschwiegenheit verborgen bleibt; denn ich weiß, daß sie in allen, was mich betrifft, so stumm wie der Tod ist. Wenn du also willst, daß ich soll leben bleiben – und wie kann es anders sein? –, so mußt du sogleich diesen Streit der Liebe beginnen, und zwar nicht lässig und träge, sondern mit all dem Eifer und Fleiß, den mein Vorhaben verlangt, und wie es das Vertrauen auf unsre Freundschaft mich hoffen läßt.«

So redete Anselmo zu Lotario, der immer aufmerksam zuhörte und nicht eher als beim Beschluß seine Lippen zum Sprechen öffnete. Da er nun sah, daß jener nichts mehr hinzufügte, betrachtete er ihn eine Weile wie einen Gegenstand, den er noch niemals gesehen und der ihm Verwunderung und Erstaunen erregte, dann sagte er: »Ich muß glauben, Freund Anselmo, daß du mir alles dieses nur zum Scherze gesagt hast, denn hätte ich es für Ernst gehalten, so würde ich deine lange Rede dadurch unterbrochen haben, daß ich ihr nicht zugehört hätte. Ich bin fest der Meinung: entweder du kennst mich nicht, oder ich kenne dich nicht; aber doch ist es nicht so, denn ich weiß, du bist Anselmo, wie es dir bekannt ist, daß ich Lotario bin; nur muß ich leider denken, du seist nicht derselbe Anselmo, der du warest, wie du mich auch für einen ganz andern Lotario halten mußt, als ich sein sollte: denn was du mir sagst, kann mein Freund Anselmo nicht sprechen, und was du von mir forderst, kannst du unmöglich von dem Lotario fordern, den du kennst; denn wie ein Poet sagt, sollen Freunde ihre Liebe und Freundschaft gegeneinander zeigen usque ad aras; was soviel sagen will, daß sie ihre Freundschaft nicht in Dingen zeigen dürfen, die gegen Gott sind; wenn nun ein Heide so von der Freundschaft dachte, wieviel mehr ziemt es sich für einen Christen, dem es bewußt ist, daß er die Liebe Gottes für keines Menschen Liebe verlieren darf? Verlangt aber ein Freund, daß man so sehr das Äußerste tue und daß man den Willen des Himmels beiseite setze, um den des Freundes zu erfüllen, so muß das nicht wegen kleiner, unbedeutender Dinge geschehen, sondern nur für Sachen, welche die Ehre und das Leben des Freundes betreffen. Aber nun sage mir, Anselmo, ist deine Ehre oder dein Leben in Gefahr, daß ich mich wagen sollte, dir Genüge zu tun und etwas so Abscheuliches auszuführen, als du von mir verlangst? Wahrlich, nein, sondern soviel ich begreife, verlangst du, daß ich mir Mühe geben soll, dir Ehre und Leben zu rauben, ja, zu gleicher Zeit es mir zu rauben, denn wenn ich dir deine Ehre stehle, so folgt daraus, daß ich dein Leben stehle, denn ein Mann ohne Ehre ist schlimmer als ein Toter, und da ich, wie du es verlangst, der Urheber deines Elendes bin, werde ich nicht zugleich entehrt und folglich auch des Lebens beraubt? Höre mir zu, Freund Anselmo, und antworte mir nichts, bis ich dir alles gesagt habe, was mir in Ansehung deines Vorhabens einfällt, denn du wirst dann noch Zeit haben, zu antworten, so wie ich, dir zuzuhören.«

»So sei es«, sagte Anselmo, »sprich, was du willst.« Und Lotario fuhr hierauf so fort: »Es scheint mir, Anselmo, du habest jetzt die Art des Verstandes, die den Mohren eigen ist, denen man durch Stellen aus der Heiligen Schrift nicht den Irrtum ihrer Sekte deutlich machen kann, ebensowenig durch Gründe, die aus der reinen Vernunft genommen oder die auf Glaubensartikel gebaut sind, sondern man muß ihnen[297] handgreifliche und leichte Beispiele geben, die verständlich, beweislich und unwiderleglich sind, wie die mathematischen Demonstrationen, die sie nicht ableugnen können, als wenn man sagt: ›Wenn von zwei gleichen Teilen zwei gleiche Teile abgezogen werden, so ist sich das, was übrigbleibt, gleich‹; und wenn sie das in Worten nicht begreifen, wie sie es denn in der Tat nicht fassen, so muß man es ihnen mit den Händen zeigen und so vor die Augen stellen, und dennoch ist alles dieses noch nicht hinreichend, sie von den Wahrheiten unsrer heiligen Religion zu überführen; derselben Art und Weise, mich zu bedienen, wäre auch bei dir nötig, denn das Vorhaben, worauf du verfallen bist, liegt so sehr von allen dem entfernt, was auch nur noch auf eine Spur von Vernunft Ansprüche macht, daß es mir nur verschwendete Zeit dünkt, wenn man dir deine Torheit deutlich machen wollte; denn ich kann ihm jetzt keinen andern Namen beilegen, und darum dürfte ich dich nur geradezu auf Gefahr deines Verderbens in deinem Wahnsinne verharren lassen. Aber meine Freundschaft leidet nicht, daß ich so hart gegen dich sein könnte, sie gibt es nicht zu, daß ich dich in einer so augenscheinlichen Gefahr darf zugrunde gehen lassen; und damit du dies deutlich einsiehst, so sage mir, Anselmo, hast du mir nicht selbst gesagt, daß ich mich jetzt um eine Sittsame bewerben solle? eine Tugendhafte überreden? einer Uneigennützigen Anerbietungen machen? einer Verständigen aufwarten? Dies hast du gesagt; wenn du nun also weißt, daß deine Gattin sittsam, tugendhaft, uneigennützig und verständig ist, was willst du? Und wenn du glaubst, daß sie aus allen meinen Bestürmungen als Siegerin hervorgehen wird – wie es gewiß geschieht –, mit welchen schöneren Würden denkst du sie denn künftig zu nennen, als sie jetzt schon besitzt? oder was wird sie denn Besseres sein, als was sie jetzt ist? so daß du sie also für was anderes hältst, als du sagst, oder selbst nicht weißt, was du verlangst. Hältst du sie nicht für das, was du von ihr sagst, warum willst du sie anders auf die Probe stellen, als um das Schlimmste, was dir nur einfallen kann, mit ihr vorzunehmen? Ist sie aber so edel, wie du es glaubst, so ist es Fürwitz, eine neue Erfahrung über dieselbe Wahrheit zu machen, die, wenn sie gemacht ist, zu der vorigen Achtung nichts hinzufügen kann; so daß notwendig hieraus folgt, daß Dinge versuchen, aus denen eher Schaden als Vorteil entspringen kann, nur unverständigen und tollkühnen Gemütern eigen ist, besonders wenn sie es unternehmen, ohne dazu gezwungen und gedrängt zu werden, und die schon aus der Ferne sich deutlich kennbar machen, daß es nur Wahnsinn sei, sie zu unternehmen. Die schwierigen Sachen unternimmt man aber entweder für Gott oder für die Welt oder für beide zugleich; die man für Gott unternimmt, sind solche Sachen, denen sich die Heiligen unterzogen, um ein Leben wie Engel in menschlichen Körpern zu führen; die Dinge, die man aus Rücksicht für die Welt tut, werden von denen unternommen, welche über die Unendlichkeit der Fluten setzen, die Verschiedenheit des Klimas erfahren und die fernsten Völker sehen, um das zu erwerben, was man Glücksgüter nennt; und diejenigen, die für Gott und Welt verbunden sich versuchen, sind jene großherzigen Soldaten, die kaum in der feindlichen Mauer eine so kleine Lücke erblicken, wie sie die runde Kugel des Feuerwerkers geschlagen hat, und die, alle Furcht beiseite setzend und ohne andre Überlegung, ohne an die Gefahr zu denken, die ihnen offen droht, wie auf den Flügeln ihres herzlichen Verlangens für ihren Glauben, ihr Vaterland und ihren König fortgerissen werden und sich unerschrocken in die Mitte von tausend gegenstehenden Toden stürzen, die ihrer warten. Diese Dinge sind es, die man versucht, und es ist ehrenvoll, rühmlich und nützlich, sie zu versuchen, wenn auch so viele Mühseligkeiten und Gefahren sich entgegenwerfen; was du aber versuchen und unternehmen willst, geschieht nicht, um die Liebe Gottes, Glücksgüter oder Ruhm unter den Menschen zu erwerben, denn wenn es dir auch so gelingt, wie du wünschest, so wirst du darum um nichts vergnügter, reicher oder geehrter, als du es jetzt bist, kommt es aber anders, so bist du in das größte Elend versunken, das man sich nur vorstellen kann, denn alsdann hilft es dir nichts, zu denken, daß kein anderer um dein Unglück [298] wisse, denn um dich zu betrüben und zu vernichten, ist es hinreichend, daß du selbst darum wissest. Zur Bestätigung dieser Wahrheit will ich dir eine Stanze hersagen, die der berühmte Poet Luis Tansilo geschrieben, am Ende seines ersten Teils der ›Tränen des heiligen Petrus‹, die also lautet:


Es wächst der Schmerz, es wächst das Schamerröten
In Petrus, als sich Sonn und Tag verkünden,
Es sieht ihn niemand, doch muß er erröten
Vor sich, denn er sieht alle seine Sünden:
Der edle Geist muß vor sich selbst erröten,
Wenn ihn auch keine andre Blicke finden;
Hat er gefehlt, ihn peinigt die Beschwerde,
Sehn ihn auch nur der Himmel und die Erde.

So kannst auch du deine Qual nicht mit der Verborgenheit lindern, vielmehr wirst du unaufhörlich weinen, wenn auch nicht Tränen aus den Augen, doch blutige Tränen aus dem Herzen, wie jener einfältige Doktor weinte, den unser Poet schildert, der mit dem Gefäße die Probe anstellte, welches aber mit mehr Verstand der klügere Reinald unterließ; wenn dieses gleich nur eine poetische Erdichtung ist, so enthält sie doch im geheim eine Moral in sich, die wohl verdient, beherzigt, verstanden und nachgeahmt zu werden: um so viel mehr, weil du durch das, was ich nun hinzufügen will, vollkommen einsehen wirst, in welcher großen Verirrung du dich befindest. Sage mir doch, Anselmo, wenn der Himmel oder das gute Glück dich zum Besitzer und rechtmäßigen Eigentümer des schönsten Diamanten gemacht hätte, von dessen Güte und Echtheit alle Juwelenhändler, die ihn nur sähen, überzeugt wären, und daß das Urteil von allen dahin ausfiele, daß er in Ansehung der Schönheit, Echtheit und des Wassers alles erreiche, was ein solcher Stein nur irgend in der Natur sein könnte, du es auch ebenfalls glaubtest, ohne das Gegenteil zu wissen, wäre es dann wohl vernünftig, wenn dir der Vorsatz käme, diesen Diamant zu nehmen, ihn zwischen Amboß und Hammer zu bringen und mit aller Kraft und Anstrengung des zuschlagenden Arms zu versuchen, ob er denn nun auch so hart und schön sei, als man ihn rühme? und noch mehr, wenn du es ins Werk richtetest? denn gesetzt, der Stein widerstände dem törichten Versuche, so würde er doch dadurch sowenig an Wert wie an Schönheit gewinnen, wenn er aber zerbräche, was doch möglich ist, wäre dann nicht alles verloren? Gewiß, und seinen Besitzer würde die ganze Welt nur einen Toren schelten. Bedenke aber, Freund Anselmo, daß Camilla der feinste Diamant ist, sowohl nach deiner als nach andrer Schätzung, und daß es nicht der Vernunft gemäß ist, ihn dem Zerbrechen auszusetzen, denn wenn er auch ganz bleibt, so wird sein jetziger Wert dadurch um nichts erhöht, wenn er aber zum Widerstande zu schwach sein sollte, so bedenke, was du ohne sie sein würdest und wie du dich ganz mit Recht über dich selber beklagen könntest, weil du ihr und dein Verderben veranlaßt hättest. Bedenke, daß kein Kleinod in der ganzen Welt dem keuschen und tugendhaften Weibe an Wert gleichkommt und daß die Ehre der Weiber in der guten Meinung besteht, die man von ihnen hat; da nun die Ehre deiner Gattin, wie du selber weißt, so ist, daß nichts ihren Glanz vermehren kann, weshalb willst du nun diese Wahrheit in Zweifel ziehen? Bedenke, mein Freund, daß die Weiber unvollkommne Geschöpfe sind und daß man ihnen keine Steine in den Weg legen muß, worüber sie straucheln und fallen könnten, sondern man muß ihnen vielmehr jeden Anstoß und jedes Hindernis aus ihrem Wege räumen, damit sie ohne Beschwer und leicht zu der Vollendung gelangen können, die ihnen fehlt, nämlich tugendhaft zu sein. Die Naturkündiger sagen uns, wie der Hermelin ein Tierchen mit schneeweißem Felle sei [299] und daß die Jäger, wenn sie ihn jagen wollen, sich folgendes Kunstgriffes bedienen: Da sie die Örter wissen, über die es laufen und fortspringen wird, bestreichen sie diese mit Schmutz, dann schrecken und treiben sie das Tierchen bis an diese Stelle, und wie der Hermelin sich dem Kote nähert, steht er still und läßt sich greifen und gefangennehmen, um nur nicht über den Schmutz zu gehen und so seine Weiße zu verderben, die er höher als Freiheit und Leben schätzt. Die tugendhafte und keusche Frau ist ein Hermelin, und weißer und reiner als Schnee ist die Tugend und Keuschheit, und wer sie nicht verlieren, sondern bewahren und erhalten will, muß sich einer andern Weise bedienen, als mit dem Hermelin geschieht, denn es muß kein Schmutz der Bewerbung und Schmeichelei ungestümer Liebhaber in den Weg gelegt werden, denn vielleicht hat sie von Natur nicht so viel Tugend und Standhaftigkeit, um durch sich selbst diese Schwierigkeiten zu überwinden und zu übersteigen; es ist daher nötig, sie fortzuschaffen und die Reinheit der Tugend und die Herrlichkeit aufzustellen, die ein guter Name mit sich führt. Die edle Frau gleicht auch dem kristallenen, glänzenden und reinen Spiegel, der aber jeden Hauch annimmt und von ihm verdunkelt wird. Ein tugendhaftes Weib muß man wie eine Reliquie behandeln, sie verehren, aber nicht anrühren; die edle Frau muß man so bewahren und schätzen, wie man einen schönen Garten bewahrt und schätzt, der voller Blumen und Rosen steht, dessen Besitzer nicht erlaubt, daß einer hereintrete und sie berühre, nur aus der Ferne und durch die Eisenstäbe darf man den Duft und die Schönheit genießen. Endlich will ich dir noch einige Verse sagen, die mir beifallen und die ich in einer neuern Komödie gehört habe, die mir hier wegen des Gegenstandes, worüber wir sprechen, schicklich angebracht scheinen. Ein verständiger Alter gibt dem Vater eines Mädchens den Rat, daß er sie zurückgezogen halte, bewache und einschließe, und unter andern Dingen sagt er ihm folgendes:


Weiber sind wie Glas so fein;
Drum dich nicht der Prob' erfreche,
Ob es, ob es nicht zerbreche,
Beides kann gar leichtlich sein.
Leichter ist, es springt zu Stücken,
Und das heißt gewiß nicht klug
Anzustellen den Versuch,
Was man nicht nachher kann flicken.
Meinen haben noch gewollt
Viele, was auch mir gefällt;
Hat noch Danaen die Welt,
Fehlt auch Regen nicht von Gold.

Was ich bisher gesagt habe, Anselmo, ist nur das gewesen, was dich angeht, jetzt sollst du aber noch einiges hören, was mich selbst betrifft; wenn ich weitläufig bin, so vergib mir, denn das Labyrinth, in dem du dich verirrt hast und aus welchem ich dich befreien soll, macht es so notwendig. Du willst mein Freund sein, und doch willst du mir die Ehre rauben, etwas, das aller Freundschaft entgegen ist; und das ist dir noch nicht genug, sondern du verlangst auch, daß ich es sei, der dir die deinige stiehlt. Daß du sie mir rauben willst, ist deutlich, denn wenn Camilla sieht, wie ich um sie werbe, wie du es verlangst, so muß sie mich notwendig für einen ehrlosen und schlecht gesinnten Mann halten, weil ich mich in ein [300] Unternehmen einlasse, das so fern von dem liegt, wozu ich, mein eigner Wert und deine Freundschaft mich verpflichten sollten. Daß du aber verlangst, ich soll dir die Ehre rauben, ist augenscheinlich, denn wenn Camilla sieht, daß ich um sie werbe, so wird sie glauben, daß ich in ihr irgend etwas Leichtsinniges gefunden habe, das mich kühn genug macht, meine schlechte Gesinnung zu erklären, und wenn sie sich für entehrt hält, so trifft dich ebenso wie sie selbst ihre Unehre; und eben hieraus ist der gewöhnliche Spruch entstanden, daß der Mann eines ehebrecherischen Weibes, wenn er auch unwissend ist oder auch keine Gelegenheit gegeben hat, daß sein Weib ihre Pflicht verlassen konnte, es auch weder sein Verschulden noch seine Unachtsamkeit war, die ihm sein Unglück zugezogen haben, man ihn doch immer gering achtet und mit schändlichen Namen belegt; ja diejenigen, die um die Schändlichkeit seines Weibes wissen, sehen ihn selbst mit Verachtung an, statt ihn mit Mitleiden zu betrachten, da sie wissen, daß er sich nicht durch seine Schuld, sondern durch die Ausschweifungen seiner schlechten Gefährten in diesem Unglück befindet. Ich will dir aber jetzt die Ursache sagen, warum der Mann eines schlechten Weibes mit Recht seine Ehre verliert, wenn er auch nicht weiß, daß sie schlecht ist, er auch keine Schuld hat oder er ihr irgendeine Ursache oder Gelegenheit gegeben, daß sie es ist; werde nicht verdrüßlich, mich anzuhören, denn alles zweckt zu deinem Besten ab. Als Gott unsern ersten Vater im irdischen Paradiese erschuf, so sagt die Heilige Schrift, daß Gott über Adam einen Schlaf ausgoß und daß er während seines Schlafs eine Ribbe aus seiner linken Seite nahm, woraus er unsre Mutter Eva bildete; als Adam nun erwachte und sie erblickte, sprach er: ›Das ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein.‹ Und Gott sprach: ›Für sie wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und sie werden beide nur ein Fleisch sein‹; und damals wurde das göttliche Sakrament der Ehe mit solchen Banden gestiftet, daß nur der Tod sie auflösen kann; und dieses wundervolle Sakrament hat solche Kraft und Tugend, daß es zwei unterschiedene Personen in ein einziges Fleisch verwandelte; ja es tut in den guten Ehen noch mehr, denn ob die beiden Vermählten gleich zwei Seelen haben, so haben sie doch nur einen Willen; und daher kommt es, daß, wie das Fleisch der Gattin eins und dasselbe mit dem des Gatten ist, auch die Flecken, die auf sie fallen, oder die Fehler, die sie begeht, zugleich mit in das Fleisch des Mannes übergehen, wenn er auch, wie schon gesagt, keine Gelegenheit zu dieser Verderbnis gegeben hat: denn wie der Schmerz des Fußes oder eines jeden andern Gliedes am menschlichen Körper vom ganzen Körper empfunden wird, weil alles dasselbe Fleisch ist, und wie das Haupt daher die Verletzung der Ferse empfindet, wenn es diese gleich nicht verursacht hat, so nimmt auch der Mann an der Schande des Weibes teil, weil er mit ihr ein und dasselbe Wesen ist; und wie Keuschheit und Unkeuschheit in der Welt aus Fleisch und Blut entstehen und die Entehrung des schlechten Weibes eben darin liegt, so folgt notwendig, daß ein Teil davon auf den Mann zurückfällt und er ebenfalls für entehrt zu achten ist, wenn er gleich nicht darum weiß. Bedenke ferner, Anselmo, die Gefahr, der du dich bloßstellst, wenn du die Ruhe stören willst, in der deine edle Gattin lebt; bedenke, welcher eitlen und fürwitzigen Grübelei zu Gefallen du die Leidenschaften erwecken willst, die jetzt noch friedlich im Busen deiner keuschen Gattin schlummern; überlege, daß das, was du gewinnen kannst, klein, und was du verlieren könntest, so groß ist, daß ich es nicht zu schildern unternehme, weil mir dazu Worte und Ausdrücke mangeln. Ist aber alles, was ich gesagt habe, nicht hinreichend, dich von deinem bösen Vorsatze abwendig zu machen, so magst du ein andres Werkzeug deiner Entehrung und deines Unglücks suchen, denn ich will es nicht sein, wenn ich auch darüber deine Freundschaft einbüßen sollte, welches doch der größte Verlust ist, den ich mir vorstellen kann.«

Mit diesen Worten beschloß der tugendhafte und verständige Lotario, und Anselmo war so verwirrt und in Gedanken versunken, daß der ihm eine geraume Zeit nicht antworten konnte, endlich aber sagte er: »Du hast gesehen, mit welcher Aufmerksamkeit ich dir zugehört habe, mein Freund Lotario, was du [301] mir auch hast sagen wollen, und in deinen Gründen, Beispielen und Vergleichungen habe ich deinen großen Verstand eingesehen, und wie sehr du bis zur höchsten Staffel der Freundschaft gelangt bist; auch gestehe ich gern, daß, wenn ich nicht deiner Meinung folge, sondern ihr zuwider der meinigen nacheile, ich dem Guten entfliehe und dem Bösen entgegenrenne. Dies vorausgesetzt, mußt du erwägen, daß ich jetzt an der Krankheit leide, die manche Weiber zu erdulden pflegen, die das Gelüste überfällt, Sand, Kreide, Kohlen und andere, noch schlimmere Dinge zu essen, wenn sie auch gleich anzusehen ekelhaft sind, geschweige zu verschlucken; so ist bei mir eben auch ein künstliches Mittel nötig, damit ich genese, und das kann leicht dadurch geschehen, daß du nur den Anfang machst, dich um Camilla zu bemühen, wenn du es auch nur mit Langsamkeit und ohne Eifer tust; denn sie wird nicht so schwach sein, daß gleich bei den ersten Angriffen ihre Tugend erliegt, und schon mit diesem bloßen Anfange will ich zufrieden sein, und du hast dann zugleich das erfüllt, was du unsrer Freundschaft schuldig bist, indem du mir nicht nur das Leben gegeben, sondern mich auch überzeugt hast, daß ich nicht ohne Ehre sei; und schon aus einem Grunde bist du verpflichtet, es zu tun, denn in dieser Stimmung, in der du mich siehst, entschlossen, diese Probe in Ausübung zu bringen, darfst du es nicht zugeben, daß ich einem andern meine Verrückung vertraue, bei dem ich meine Ehre, die du erhalten willst, auf das Spiel setzen müßte; und was das betrifft, daß deine Ehre gekränkt würde, weil Camilla unrecht von dir denkt, solange du dich um sie bewirbst, so bedeutet dies wenig oder nichts, denn wenn wir sie so finden, wie wir hoffen, kannst du ihr kürzlich unsern ganzen Kunstgriff offen darlegen, und sie wird dich dann ebenso hoch als vorher achten. Da du nun so wenig wagst und du mir so große Freundschaft erzeigst, wenn du es wagst, so weigere dich nicht, es zu tun, wenn dir auch noch mehr Einwürfe beifallen sollten, denn, wie ich schon gesagt, schon mit dem bloßen Anfange will ich die Sache für abgetan halten.«

Als Lotario Anselmos entschlossenen Willen sah und keine Beispiele mehr wußte, die er aufstellen, keine neue Gründe, die er anführen könnte, damit er diesem nicht nachgäbe, dabei die Drohung hörte, daß er einem andern seinen bösen Vorsatz anvertrauen wollte, so nahm er sich vor, um ein größeres Übel zu verhindern, ihn zufriedenzustellen und das zu tun, was er verlangte, mit dem Vorsatz, den Handel so zu führen, daß, ohne Camillas Gedanken zu ändern, Anselmo zufriedengestellt würde; er antwortete also, daß er niemandem weiter seinen Gedanken mitteilen möchte, denn er wolle das Geschäft übernehmen und den Anfang machen, sobald es ihm gefiele. Anselmo umarmte ihn mit der heftigsten Zärtlichkeit, er dankte ihm für dies Anerbieten so, als wenn er die größte Wohltat von ihm empfangen hätte; sie machten hierauf aus, daß er sogleich am folgenden Tage das Unternehmen beginnen solle, daß er ihm Zeit und Gelegenheit schaffen wolle, allein mit Camilla zu reden, auch wollte er ihm Geld und Juwelen geben, die er ihr als Geschenk anbieten könne; er riet ihm, Musik zu veranstalten, auch Verse zu ihrem Lobe zu schreiben, die er selber machen wolle, wenn es ihm zu mühsam dünke.

Lotario bot sich zu allen Dingen an, doch war seine Absicht ganz anders, als Anselmo denken konnte; sie begaben sich hierauf nach Anselmos Haus zurück, wo sie Camilla in Bekümmernis fanden, die ihren Gemahl erwartete, denn er war an diesem Tage länger ausgeblieben, als er sonst zu tun pflegte.

Lotario ging nach seinem Hause, und Anselmo war in dem seinigen so vergnügt, wie Lotario tiefsinnig war, indem er nicht wußte, wie er es anfangen sollte, um sich aus diesem fürwitzigen Handel zu wickeln; in derselben Nacht aber ersann er noch eine Weise, wie er Anselmo hintergehen wollte, ohne Camilla zu beleidigen, und am folgenden Tage ging er zu Mittag zu seinem Freunde und wurde von Camilla freundlich aufgenommen, die ihn gern bei sich sah, weil sie wußte, wie teuer er von ihrem Gemahl gehalten wurde. Als sie abgegessen hatten und man die Tafel aufhob, sagte Anselmo zu Lotario, daß er bei Camilla bleiben möchte, indessen er ein nötiges Geschäft zustande bringe, daß er aber in anderthalb [302] Stunden zurückkehren würde. Camilla bat ihn, sich nicht zu entfernen, und Lotario erbot sich, ihm Gesellschaft zu leisten, aber Anselmo willigte nicht ein, sondern quälte Lotario, dort zu verweilen und ihn zu erwarten, denn er habe nachher etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen; ebenso sagte er auch zu Camilla, daß sie Lotario nicht bis zu seiner Zurückkunft allein lassen möchte; kurz, er wußte die Wichtigkeit oder Nichtigkeit seines Ausgehens so dringend vorzustellen, daß man ihm die Verstellung nicht ansehen konnte.

Anselmo ging fort und Camilla und Lotario blieben am Tische allein, denn die übrige Dienerschaft hatte sich wegbegeben, um zu essen. Da sah sich Lotario nun auf dem Kampfplan, den ihm sein Freund bereitet hatte, vor sich den Feind, der mit seiner Schönheit allein eine Schar von bewaffneten Rittern überwinden konnte: hinreichende Ursach für Lotario, sich zu fürchten; er aber tat nichts weiter als den Ellenbogen auf den Arm des Sessels stützen, worauf er die Wange in die offne Hand legte und Camilla der schlechten Unterhaltung wegen um Verzeihung bat, daß er aber ein wenig ruhen möchte, bis Anselmo zurückkomme. Camilla antwortete, daß er besser auf dem Ruhebette wie im Sessel würde schlafen können, und deshalb bat sie ihn, sich dorthin zu begeben. Lotario wollte es nicht tun, und so blieb er dort schlafend, bis Anselmo wiederkam. Dieser, da er Camilla in ihrem Zimmer, Lotario aber schlafend fand, glaubte, er habe zu lange gezögert und sie hätten überflüssige Zeit, sowohl zum Sprechen wie zum Schlafen, gehabt; er konnte daher den Augenblick nicht erwarten, daß Lotario sich ermunterte, daß er mit ihm fortgehen und sich nach der Lage der Dinge erkundigen könne. Alles geschah, wie er wünschte. Lotario erwachte, und sogleich verließen beide das Haus, er fragte nach dem, was er wissen wollte, und Lotario antwortete, daß es ihm noch nicht gut geschienen, sich gleich das erste Mal ganz zu erklären, er habe daher nur Camillas Schönheit gelobt und gesagt, daß in der ganzen Stadt nur von ihren Reizen und ihrem Verstande gesprochen würde, und daß ihm dies der schicklichste Anfang geschienen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie dahin zu stimmen, daß sie ihn auch mit Vergnügen zum zweiten Male hörte, indem er so den Kunstgriff des bösen Geistes gebrauche, wenn er einen täuschen will, der auf sich selber achtgibt, daß er sich in einen Engel des Lichts umwandelt, da er doch ein Geist der Finsternis ist, anfangs einen guten Anschein hat und sich nur am Ende zu erkennen gibt und seine Absicht deutlich macht, wenn sein Betrug nicht gleich im Anfange entdeckt ist. Anselmo war damit sehr zufrieden und sagte, daß er ihm dieselbe Gelegenheit jeden Tag wieder verschaffen wolle, wenn er auch nicht ausginge, denn er wollte sich zu Hause mit solchen Dingen beschäftigen, daß Camilla seiner List unmöglich auf die Spur kommen könne.

Es vergingen hierauf mehrere Tage, an denen Lotario kein Wort mit Camilla sprach, dem Anselmo aber sagte, wie er mit ihr rede, sie aber auch nicht die kleinste Erwartung errege, daß sie sich zu etwas Unanständigem würde verleiten lassen, so daß sie ihm nicht den schwächsten Schatten von Hoffnung erblicken lasse; sondern sie drohe ihm vielmehr, daß, wenn er diese schlechten Gedanken nicht aufgebe, sie es ihrem Gemahl erzählen würde.

»Es steht gut«, sagte Anselmo, »bis hierher hat Camilla den Worten widerstanden, es muß sich nun zeigen, wie sie sich Taten widersetzt; ich will dir morgen zweitausend Taler geben, die du ihr anbieten und geben sollst, und noch einmal soviel, um Schmuck einzukaufen, womit du sie verstricken sollst, denn die Weiber sind darin leidenschaftlich, und desto mehr, je schöner sie sind, und ungeachtet aller Keuschheit, sich gut zu kleiden und kostbar einherzugehen; widersteht sie dieser Versuchung, so will ich mich zufriedengeben und dir keine weitere Beschwerde machen.«

Lotario antwortete, daß er das, was er angefangen, auch bis zum Ende hinausführen wollte, denn er sei überzeugt, daß er als der Besiegte erscheinen würde. Am andern Tage bekam er die viertausend Taler, und mit ihnen viertausend Verwirrungen, denn er wußte nicht, welche neue Lüge er vorbringen [303] solle; endlich aber nahm er sich doch vor, zu sagen, daß sich Camilla gegen Geschenke und Versprechungen ebenso stark wie gegen Worte bezeige und daß er es unnötig finde, sich noch weiter zu bemühen, denn die Zeit sei doch nur durchaus verloren.

Das Schicksal aber, welches die Sachen anders führte, richtete es ein, daß, nachdem Anselmo, wie er öfter getan, Lotario und Camilla allein gelassen, er sich in ein ander Zimmer schloß und durch das Schlüsselloch sehen und hören wollte, was die beiden vornehmen würden, wo er denn in länger als einer halben Stunde sah, daß Lotario kein Wort mit Camilla sprach und auch nicht mit ihr gesprochen hätte, wenn er auch zehn Jahr dort geblieben wäre; er ward inne, daß alle Antworten, die ihm sein Freund jemals von Camilla wiederholt hatte, nur Erdichtungen sein mußten; und um sich zu überzeugen, ob dem so sei, verließ er das Gemach, rief Lotario beiseite und fragte ihn, wie es ginge und wie Camilla sich benehme. Lotario antwortete ihm, daß er durchaus keinen neuen Versuch anstellen möchte, denn sie antwortete so hart und rauh, daß er nicht das Herz habe, ihr noch ein einziges Wort zu wiederholen. »Ha! Lotario!« rief Anselmo aus, »wie wenig entsprichst du deiner Pflicht und meinem Vertrauen! Ich habe dir heute durch die Öffnung jenes Schlosses zugesehen und bemerkt, wie du nicht ein einziges Wort zu Camilla gesagt hast, woraus ich abnehme, daß du ihr noch das erste sagen sollst, und wenn dem so ist, wie du denn nicht leugnen kannst, warum hintergehst du mich, oder warum suchst du mir durch deine List die Mittel zu nehmen, die doch nur die einzigen sind, um mein Vorhaben auszuführen?«

Mehr sagte Anselmo nicht, aber dies war schon genug, um Lotario betroffen zu machen und in Verwirrung zu bringen, der es nun für eine Ehrensache hielt, daß man ihn als Lügner erfunden hatte, und dem Anselmo schwur, von diesem Augenblicke das Geschäft zu seiner Zufriedenheit über sich zu nehmen und ihn nicht zu belügen, wie er sehen würde, wenn er ihn mit größter Aufmerksamkeit beobachtete; daß es aber nicht nötig sei, ihn weiter anzutreiben, denn er denke ihm nun so zu willfahren, daß ihm kein Mißtrauen mehr übrigbleiben solle. Anselmo glaubte ihm, und um ihm die Gelegenheit sicherer zu machen und jede Störung zu entfernen, entschloß er sich, auf acht Tage sein Haus zu verlassen und sich zu einem Freund zu begeben, der in einem Dorfe, nicht weit von der Stadt, wohnte; diesen Freund richtete er dahin ab, daß er ihn sehr dringend einladen mußte, um vor Camilla einen Vorwand seiner Abreise zu haben. Unglücklicher und unvorsichtiger Anselmo! Was tust du? Was unternimmst du? Was ordnest du an? Bedenke, daß du alles gegen dich selbst tust, deine Entehrung unternimmst, deinen Untergang anordnest. Deine Gattin ist edel, in Frieden besitzest du sie, nichts stört dein Vergnügen, ihre Gedanken überschreiten nicht die Wände ihres Hauses, du bist ihr Himmel auf Erden, das Ziel ihrer Wünsche, der Inbegriff ihrer Freuden und der Mittelpunkt, aus dem sie ihren Willen empfängt, stets mit dir und dem Himmel übereinstimmend; wenn dir nun die Goldmine ihrer Schönheit, Tugend und Sittsamkeit freiwillig alle Schätze liefert, die sie nur besitzt und die du wünschen kannst, warum willst du denn die Erde untergraben und neue Adern eines neuen und nie gesehenen Schatzes suchen, indem du dich der Gefahr aussetzest, daß alles versinke, denn es wird ja nur auf den zerbrechlichen Säulen der angebornen Schwachheit erhalten? Bedenke, daß dem, der das Unmögliche sucht, recht geschieht, wenn ihm das Mögliche versagt wird, wie es schöner ein Poet in folgenden Versen sagt:


In dem Tode will ich Leben,
In der Krankheit Wohlbefinden,
Freiheit in dem Kerker finden,
Ausgang soll Verschloßnes geben,
Bosheit dem Verräter schwinden;
[304]
Doch mein Glück, so muß ich klagen,
Läßt mich keine Hoffnung wagen,
So des Himmels Satzung steht,
Wer Unmögliches gefleht,
Will er Mögliches versagen.

Am folgenden Tage reiste Anselmo nach dem Dorfe ab, nachdem er vorher Camillen gesagt hatte, daß während seiner Abwesenheit Lotario kommen würde, um nach dem Hause zu sehen und mit ihr zu essen, und daß sie Sorge tragen möchte, ihm so zu begegnen, als wenn er es selber wäre. Camilla, als eine verständige und sittsame Frau, war über diesen Befehl betrübt, den der Mann ihr zurückließ, und antwortete ihm, wie er bedenken möchte, daß es nicht schicklich sei, wenn in seiner Abwesenheit irgend jemand seine Stelle am Tische einnähme; täte er es deshalb, weil er nicht das Vertrauen zu ihr habe, daß sie das Haus regieren könne, so möchte er sie nur diesmal auf die Probe stellen und er würde aus der Erfahrung sehen, wie sie wohl größern Sorgen gewachsen sei. Anselmo versetzte, daß es so sei und daß ihr nichts weiter zu komme, als stillschweigend zu gehorchen. Camilla antwortete, daß sie es tun wolle, ob es gleich gegen ihre Neigung sei.

Anselmo reiste ab, und am folgenden Tage stellte sich Lotario ein, der von Camilla freundschaftlich aufgenommen wurde; sie hatte sich so eingerichtet, daß sie niemals mit Lotario allein sein wollte, denn immer war ein Gefolge von Dienern und Dienerinnen zugegen, vorzüglich aber ein Mädchen mit Namen Leonella, auf die sie viel hielt, weil sie beide von Kindheit auf in Camillas väterlichem Hause miteinander erwachsen waren, und die sie bei ihrer Vermählung in Anselmos Haus mit sich gebracht hatte. In den ersten drei Tagen sagte Lotario nichts, wenn es sich auch gefügt hätte, indem man die Tafel aufhob und die Leute fortgingen, um schnell zu essen, denn so hatte es Camilla befohlen; sie hatte zwar der Leonella überdies die Anweisung gegeben, vorher zu essen, damit sie ihr nie von der Seite ginge; diese aber, die ihren Sinn auf andere Dinge, die sie vergnügten, gerichtet hatte und die diese Stunden brauchte, um sie nach ihrem Wohlgefallen zuzubringen, kehrte sich nicht immer genau an die Befehle ihrer Gebieterin, sondern ließ die beiden vielmehr allein, als wenn es ihr so wäre befohlen worden; doch vermochten Camillas Anstand, ihr ernstes Gesicht und ihre edle Gestalt so viel, daß sie Lotarios Zunge einen Zaum an legten; diese gute Wirkung von Camillas Tugenden, die der Zunge Lotarios Stillschweigen geboten, schlug um so mehr zum Schaden beider aus, denn wenn die Zunge schwieg, so hatten die Gedanken Zeit, Zug für Zug die Trefflichkeit und Schönheit Camillas zu mustern, die wohl stark genug waren, ein marmornes Bild, viel weniger ein menschliches Herz in Liebe zu entzünden. Lotario beschaute sie, indes er nicht sprechen konnte, und erwägte, wie sehr sie verdiene, geliebt zu werden. Diese Betrachtungen fingen nach und nach an die Rücksichten zu verdrängen, die er für Anselmo hatte, und tausendmal wünschte er sich, von der Stadt entfernt zu sein und dahin zu gehen, wo ihn Anselmo niemals sähe und er niemals Camilla sehen könnte; doch hielt ihn das Vergnügen noch stärker zurück, das er in ihrem Anschauen empfand. Er sammelte seine Kraft und kämpfte gegen sich selbst, um das Wohlgefallen zu unterdrücken, welches ihn immer wieder bewog, Camillen zu betrachten; er schalt selbst seinen Wahnsinn und nannte sich einen schlechten Freund und noch schlechtern Christen; dann stellte er wieder Vergleichungen zwischen sich und Anselmo an, und alle endigten damit, daß er glaubte, die Torheit und das Vertrauen Anselmos sei minder als seine wenige Treue zu entschuldigen; daß er wegen seines Vorhabens vor Gott und Menschen Nachsicht finden werde und keine Strafe verdiene. Kurz, Camillas Schönheit und Trefflichkeit, verbunden mit der Gelegenheit, die der unverständige Mann ihm selbst [305] in die Hände gegeben hatte, besiegten Lotarios Biederkeit völlig; und ohne etwas anderes zu beachten als das, wohin ihn sein Vergnügen lenkte, fing er an, nachdem drei Tage nach Anselmos Abreise verflossen waren, in denen er einen beständigen Kampf gegen seine Vorsätze gestritten hatte, Camilla mit einem solchen Sturm von Erklärungen seiner Liebe zu erschüttern, daß sie erstaunt dasaß und dann nichts weiter tat, als daß sie ihren Sessel verließ und, ohne eine Silbe zu antworten, in ihr Zimmer ging; dies aber schlug in Lotario dennoch nicht die Hoffnung nieder, die immer mit der Liebe zugleich entsteht; sondern er liebte nun Camilla um so mehr, die nicht wußte, was sie denken oder tun sollte, da sie den Lotario niemals so gesehen hatte, und da es ihr aber weder sicher noch gut getan schien, ihm Gelegenheit zu geben, zum zweitenmal mit ihm zu sprechen, entschloß sie sich, noch an demselben Abend einen Diener mit einem Briefe an Anselmo zu schicken; dies tat sie auch wirklich, und der Brief enthielt folgende Worte.

Drittes Kapitel
[306] Drittes Kapitel.

In welchem die »Novelle von der unziemlichen Neugier« fortgesetzt wird.


Wie man zu sagen pflegt, daß eine Armee ohne ihren General wie ein Kastell ohne seinen Kastellan sich übel befinde, so sage ich, daß eine junge, verheiratete Frau ohne ihren Mann noch schlimmer steht, wenn ihn nicht die dringendsten Ursachen entfernen. Ich befinde mich ohne Dich so übel, und es fällt mir so unmöglich, diese Trennung zu ertragen, daß, wenn Du nicht schnell kommst, ich mich in das Haus meiner Eltern begeben werde, wenn auch das Deinige ohne Aufsicht bleibt; denn diejenige, die Du zurückgelassen hast, wenn sie anders mit solchem Anspruch hier war, scheint mehr ihr Vergnügen als Dein Bestes zu beachten, und weil Du verständig bist, mag ich nicht mehr hinzufügen; auch ist es überflüssig, noch ein Wort zu sagen.


Diesen Brief bekam Anselmo, und er ersah daraus, daß Lotario die Unternehmung begonnen hatte und daß Camilla ihm nach seinen Wünschen geantwortet haben müsse; sehr vergnügt über diese Neuigkeiten, ließ er Camilla mündlich sagen, sie möchte durchaus ihren Wohnort nicht verändern, weil er sehr bald zurückkomme. Camilla war über diese Antwort Anselmos verwundert und in noch größere Verwirrung als zuvor gebracht; denn sie wagte nun nicht, in ihrem Hause zu bleiben, noch weniger aber [307] zu ihren Eltern zu gehen; denn wenn sie blieb, so lief ihre Sittsamkeit Gefahr, und ging sie fort, so handelte sie gegen den Befehl ihres Gemahls; sie entschloß sich endlich zum Schlimmern, nämlich zu bleiben, mit dem Vorsatze, Lotarios Gegenwart nicht zu vermeiden, um ihren Dienern keine Gelegenheit zu geben, darüber zu sprechen; ja, es gereuten sie selbst die Worte, die sie ihrem Gemahl geschrieben hatte, weil sie fürchtete, er möchte auf die Gedanken kommen, Lotario habe etwas Ungeziemliches an ihr bemerkt, welches ihn veranlaßt habe, den Anstand gegen sie nicht mehr zu beobachten. So, auf ihre Tugend gestützt, vertraute sie Gott und ihren edlen Gesinnungen, mit denen sie glaubte, allem, was Lotario sagte, widerstehen zu können, ohne ihrem Manne weiter etwas zu klagen, um ihn nicht in Händel und Verdrießlichkeiten zu verwickeln; sie suchte sogar ein Mittel, um Lotario vor Anselmo zu entschuldigen, wenn er sie fragen sollte, wodurch sie bewogen sei, ihm jenes Blatt zu senden. Mit diesen Vorstellungen, die mehr tugendhaft als sicher und dienlich waren, hörte sie am folgenden Tage den Lotario an, dessen Anstrengung so leidenschaftlich war, daß Camillas Standhaftigkeit zu wanken anfing und sie die Sittsamkeit ihrer Augen zu Hülfe rufen mußte, um in ihren Blicken nicht Spuren eines zärtlichen Mitleidens zu zeigen, welches Lotarios Worte und Tränen in ihrem Busen erweckt hatten. Dies bemerkte Lotario und entzündete ihn noch mehr. Er glaubte endlich, er müsse die Gelegenheit der Abwesenheit Anselmos benutzen, um die Festung völlig zu umzingeln; er bestürmte daher ihre Eitelkeit mit Lobpreisungen ihrer Schönheit: denn nichts überwältigt so schnell und bezwingt die umschanzten Bollwerke der Eitelkeit der Schönen als eben diese Eitelkeit, wenn sie von der Zunge der Schmeichelei sich hören läßt. Kurz, er untergrub mit solchem Eifer den Felsen ihrer Tugend, daß Camilla wohl hätte nachgeben müssen, wäre sie auch von Erz gewesen. Er weinte, flehte, beschwur, vergötterte und erdichtete so viele Rührungen, die durchaus wahr schienen, daß er Camillas Sittsamkeit überwand und über etwas triumphierte, was er am wenigsten gedacht hatte und am meisten wünschte. Er ergab sich Camilla, Camilla ergab sich ihm; war es aber zu verwundern, da Lotarios Freundschaft selbst nicht hatte ausdauern können? Wodurch wir deutlich einsehen, daß die Leidenschaft der Liebe nur durch die Flucht überwunden wird und daß niemand mit einem so starken Feinde handgemein werden soll; denn es ist vonnöten, mit göttlichen Kräften gegen seine eignen menschlichen zu streiten.

Nur Leonella wußte um die Schwachheit ihrer Gebieterin, denn ihr konnten sich die beiden schlimmen Freunde und Neuverliebten unmöglich verbergen. Lotario mochte der Camilla den Auftrag Anselmos nicht vertrauen, und daß er sein jetziges Glück veranlaßt, damit sie nicht an seiner Liebe zweifeln und auf den Gedanken fallen möchte, daß er sich ohne eigne Absicht und nur zufälligerweise um sie bemüht habe.

Nach wenigen Tagen kam Anselmo in sein Haus zurück, und es fiel ihm nicht ein, daß ihm hier wohl das fehlen dürfte, was nun mangelte und er am höchsten schätzte. Er ging sogleich, Lotario zu sehen, und fand ihn in seinem Hause; sie umarmten sich, und er erkundigte sich nach den Neuigkeiten, die sein Leben oder seinen Tod bestimmen würden. »Die Neuigkeiten, die ich dir geben kann, Freund Anselmo«, sagte Lotario, »sind die, daß du eine Frau besitzest, die mit Recht das Muster und die Krone aller edlen Frauen genannt zu werden verdient: Meine Worte sind in den Wind gesprochen, meine Schmeicheleien hat sie verachtet, meine Geschenke zurückgewiesen, über meine erheuchelten Tränen hat sie gespottet. Kurz, so wie Camilla der Preis aller Schönheit ist, so ist sie auch ein Schrein aller Tugend, in welchem Liebenswürdigkeit, Sittsamkeit und alle die Vorzüge aufbewahrt sind, welche ein edles Weib schmücken und verherrlichen; nimm hier dein Geld zurück, mein Freund, denn ich habe es noch, ohne Gebrauch davon machen zu können, denn Camillas Edelsinn wird nicht von so gemeinen Dingen bestochen, wie Geschenke und Versprechungen sind. Sei nun zufrieden, Anselmo, und stelle keine neuen [308] Proben an; da du mit trockenem Fuße durch dieses Meer alles des Argwohns und Verdachts, den die Weiber nur immer erregen können, gewandert bist, so begib dich nicht von neuem in die hohe Flut der Zweifelsucht oder laß von keinem andern Piloten neue Versuche über die Güte und Stärke des Fahrzeugs anstellen, das dir der Himmel dazu gab, um mit ihm das Meer dieser Welt zu durchschiffen; sondern überzeuge dich, daß du im sichern Hafen bist; wirf den festen Anker des Vertrauens aus und bleibe hier liegen, bis dir jene Schuld abgefordert wird, die kein Mensch zu bezahlen verweigern kann.«

Diese Worte Lotarios vergnügten Anselmo sehr, und er vertraute ihnen so, als wenn sie ein Orakel ausgesprochen hätte; aber dennoch bat er ihn, das Unternehmen nicht ganz fahrenzulassen, wenn es auch nur des Scherzes und der Unterhaltung wegen geschähe und auch der vorige große Eifer nicht mehr nötig sei, er wünsche bloß, daß er einige Verse auf sie unter dem Namen der Cloris schreiben möchte, weil er Camillen sagen wolle, daß er in eine Dame verliebt sei, der er diesen Namen gegeben, um sie mit dem Anstande besingen zu können, den ihre Tugend erheische; wenn Lotario aber nicht selbst die Mühe über sich nehmen wolle, diese Verse zu machen, so wolle er sie ausarbeiten.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Lotario, »denn die Musen sind mir nicht so feindselig, daß sie mich nicht einigemal im Jahre besuchen sollten; sprich du nur zu Camilla, wie du dir vorgenommen hast, von meiner erdichteten Liebe, ich will die Verse machen, und wenn sie auch nicht so gut sind, als der Gegenstand sie verdient, so sollen sie doch wenigstens die besten sein, die ich machen kann.«

Bei dieser Abrede blieb es zwischen dem fürwitzigen und dem verräterischen Freunde, und Anselmo ging nach Hause und befragte Camilla über das, worüber sie sich schon gewundert, daß er sie nicht gleich befragt hatte; sie möchte ihm nämlich sagen, aus welchen Gründen sie ihm neulich jenen Brief gesendet hätte. Camilla antwortete, es sei ihr vorgekommen, als sähe Lotario sie mit etwas andern Augen an, als wenn er zugegen wäre; daß sie aber nachher ihren Irrtum eingesehen und es jetzt nur für eine Einbildung halte, denn Lotario vermeide nunmehr alle Gelegenheit, sie zu sehen und mit ihr allein zu sein. Anselmo sagte, daß sie diesen Verdacht nur unterdrücken möchte, denn er wisse, daß Lotario in ein vornehmes Fräulein dieser Stadt verliebt sei, die er auch unter dem Namen Cloris besinge; wenn dies aber auch nicht wäre, so dürfte sie an Lotario wegen Aufrichtigkeit und seiner zärtlichen Freundschaft zu ihm keinesweges zweifeln; hätte Camilla nicht vom Lotario gewußt, daß diese Liebe zur Cloris nur ersonnen sei und daß er dies dem Anselmo gesagt habe, um zuweilen Gelegenheit zu finden, sie selbst in Versen zu preisen, so hätte sie sich wohl in das unglückselige Netz der Eifersucht verstricken lassen; da sie aber schon darum wußte, hörte sie es ohne Erschrecken.

Am andern Tage, als die drei bei Tische saßen, bat Anselmo den Lotario, ob er nicht irgend etwas hersagen wolle, was er auf seine geliebte Cloris gedichtet habe, denn da Camilla sie nicht kenne, möge er dreist alles sagen.

»Und wenn sie sie auch kennte«, antwortete Lotario, »so würde ich darum nichts verhehlen, denn wenn ein Liebender seine Dame wegen ihrer Schönheit lobt und sich über ihre Grausamkeit beklagt, so tut dies ihrem guten Namen durchaus keinen Eintrag; genug, ich machte gestern auf die Unerkenntlichkeit dieser Cloris folgendes Sonett:

Sonett
In ruh'ger Stille, wann die dunkle Nacht
Auf Sterbliche den Schlummer ausgegossen,
Wird meiner Leiden Rechnung abgeschlossen,
Dem Himmel, meiner Cloris dargebracht.
[309]
Und wann die Sonne sich in aller Pracht
Erhebt mit ihren feuerroten Rossen,
Dann wird mit Tränen, meines Grams Genossen,
Der alte Krieg von neuem angefacht.
Und wann vom goldnen Thron die Sonne nieder
Wirft senkrecht ihren Strahl zur Erde hin,
Muß Klag und Seufzen stärker wiederkehren.
Es kömmt die Nacht, die Schmerzen kommen wieder,
Und immer bleibt für meinen treuen Sinn
Der Himmel taub, und Cloris will nicht hören.«

Camillen gefiel das Sonett, doch mehr noch dem Anselmo, dieser lobte es sehr und sagte, daß die Dame übermäßig grausam sei, wenn sie von diesen Empfindungen nicht gerührt werde. Worauf Camilla fragte: »Ist es denn aber alles wahre Empfindung, was die verliebten Poeten sagen?«

»Nicht deswegen, weil sie Poeten sind«, antwortete Lotario, »sondern als Verliebte, die immer noch zu wenig von dem sagen, was sie wahrhaft empfinden.«

»Das leidet keinen Zweifel«, versetzte Anselmo, um nur Lotarios Rolle gegen Camilla zu unterstützen, die schon ebenso gleichgültig über Anselmos Kunstgriff als heftig in Lotario verliebt war; weil ihr also diese Gedichte gefielen, sie auch recht gut einsah, daß seine Verse und Gedanken nur auf sie gerichtet waren und daß sie die eigentliche Cloris sei, bat sie ihn, daß, wenn er noch ein anderes Sonett oder andere Verse wüßte, er sie hersagen möchte.

»Ich weiß ein zweites«, antwortete Lotario, »ich halte es aber nicht für so gut als das erste oder, um mich richtiger auszudrücken, für noch schlechter, Ihr mögt aber selbst urteilen, denn so klingt es:

Sonett
Ich weiß, ich sterbe, dies ist mir geblieben,
Glaubst du es nicht, muß ich so eh'r vergehen,
Wie du mich, Harte, wohl magst sterben sehen,
Doch nicht bereun, daß dir geweiht mein Lieben.
Bin ich in jener Schattenwelt dort drüben,
Wo alle Freuden, Leben, Ruhm verwehen,
Dann sieh im offnen Busen Zeugnis stehen,
Dein schönes Angesicht ihm eingeschrieben.
Dies Heiligtum will ich mir treu bewahren
Für jenen Weg, auf den mich treibt mein Sinn,
Den deine Grausamkeit noch treuer stählet.
[310]
Wie muß mein Schiff bei dunklem Himmel fahren
Durch fremd gefahrenvolle Meere hin,
Wo Kompaß mir und Stern und Hafen fehlet!«

Auch dieses zweite Sonett lobte Anselmo ebenso wie das erste, und so fügte er selbst einen Ring nach dem andern an die Kette, aus der seine Entehrung zusammengefügt war, denn als Lotario ihn am meisten entehrte, glaubte er sich am meisten geehrt; und mit jeder tiefern Stufe, die Camilla bis zu ihrer Verächtlichkeit herabstieg, stieg sie in der Meinung ihres Mannes höher, bis zum Gipfel der Tugend und Rühmlichkeit.

Es geschah um diese Zeit, daß Camilla sich mit ihrem Mädchen einmal, wie es öfter kam, allein befand und zu ihr sagte: »Ich bin sehr bekümmert, liebe Leonella, daß ich mich selbst nicht mehr zu schätzen gewußt habe, so daß Lotario erst mit der Zeit den ganzen Besitz meiner Liebe bekommen hätte, den ich ihm jetzt so schnell und freiwillig überlassen habe. Ich fürchte, daß er diesen behenden Leichtsinn geringschätzen wird, ohne zu fühlen, daß es mir unmöglich war, ihm zu widerstehen.«

»Sei deshalb unbesorgt, Señora«, antwortete Leonella, »denn es ist nicht der Mühe wert; das ist kein Grund, die Gabe gering zu achten, weil man sie bald gegeben hat, wenn sie nur sonst gut ist und an sich selbst geschätzt zu werden verdient; so pflegt man ja auch zu sagen, wer bald gibt, gibt doppelt.«

»Man pflegt aber auch zu sagen«, antwortete Camilla, »was man wohlfeil kauft, wird nicht sonderlich geachtet.«

»Das paßt nicht hierher«, antwortete Leonella, »denn ich habe mir sagen lassen, daß Amor einmal fliegt und ein andermal geht: Mit diesem läuft er, und mit jenem schreitet er gemächlich, den einen macht er lau, den andern brennend, diesen verwundet er, jenen bringt er um; schnell entsteht der Lauf seiner Wünsche, und schnell gelangen sie ans Ziel; am Morgen umzingelt er die Festung, und in der Nacht muß sie sich ergeben, weil sie keine Kraft zum Widerstande hat; wenn dem nun so ist, warum bist du besorgt, oder weshalb quälst du dich, weil dasselbe auch dem Lotario begegnet sein muß, da Amor die Abwesenheit unsres Herrn zum Mittel gebraucht hat, Euch zu bezwingen? In dieser Abwesenheit war es nötig, alles zu vollbringen, was Amor beschlossen hatte, ohne der Zeit Zeit zu lassen, damit nicht Anselmo zurückkäme und die Vollendung des Werkes durch seine Gegenwart störe, denn Amor hat keinen bessern Diener, um sein Vorhaben auszuführen, als die Gelegenheit; der Gelegenheit bedient er sich in allen seinen Taten, vorzüglich im Anfange. Alles dies hab ich mehr aus Erfahrung als vom Hörensagen, und du sollst wohl einmal erfahren, daß ich auch ein Mädchen bin, aus Fleisch und Blut geformt; auch hast du dich ja nicht so schnell ergeben, daß du nicht vorher in den Blicken, Seufzern, Worten, Versprechungen und Geschenken des Lotario seine ganze Seele gesehen hättest, in ihr alle seine Tugenden, und wie sehr er deshalb verdiente geliebt zu werden. Wenn dem aber so ist, so laß dich nicht von Furcht und ängstlichen Zweifeln beunruhigen, sondern sei versichert, daß Lotario dich ebenso achtet, wie du ihn achtest, und lebe mit der Überzeugung ruhig, daß, wenn du dich einmal in die Liebesnetze verstrickt hast, du doch einem Würdigen zuteil geworden bist: denn er besitzt nicht nur die vier S.S., von denen man sprichwörtlich sagt, daß sie die vollkommenen Liebhaber haben müßten, sondern er hat das ganze Alphabet; höre nur zu, denn ich will es dir gleich auswendig hersagen. Nach meiner Meinung ist er nämlich Angenehm, Beständig, Cavalier,Dankbar, Erkenntlich, Freigebig, Galant, Heimlich,Jung, Liebenswürdig, Männlich, Natürlich, Offen, Prächtig, Reich, nun folgen die vier S.S., dannTapfer, Vornehm, Wahrhaft, X paßt sich für einen Geliebten nicht, denn es ist ein zu harter wie Y ein fremder Buchstabe, dann folgt zum Beschluß Z, Zärtlich über deine Ehre.«

[311] Camilla lachte über das Alphabet ihres Mädchens und fand sie in Liebessachen erfahrner, als sie sich vorgestellt hatte; diese gestand der Camilla nun, daß sie mit einem jungen, wohlerzogenen Menschen aus der nämlichen Stadt in Verbindung stehe; worüber sich Camilla sehr beunruhigte, weil sie fürchtete, daß dies zum Nachteil ihrer Ehre ausfallen dürfte. Sie forschte nach, ob sie miteinander schon weiter als bis zu Worten gekommen wären. Jene antwortete mit weniger Beschämung und vieler Keckheit, daß sie schon vertrauter geworden: denn es ist eine ausgemachte Sache, daß die Unvorsichtigkeiten der Herrschaften dem Gesinde alle Scham nehmen, die, wenn sie ihre Gebieterin nur einen unrechten Schritt tun sehen, sich gleich wenig kümmern, so zu hinken, daß es in die Augen fällt. Camilla konnte nun nichts weiter tun als Leonella bitten, daß sie ihrem Geliebten nichts von ihrem Verhältnis sagen möchte und die Sache ja so geheimhalten, daß Anselmo sowenig wie Lotario davon erführe. Leonella antwortete, daß sie es tun wolle, aber sie erfüllte so wenig ihr Versprechen, daß Camillas Furcht, ihren guten Ruf zu verlieren, beinahe zur Gewißheit wurde: denn die unverschämte und freche Leonella, als sie sah, daß ihre Gebieterin sich nicht ihrer Pflicht gemäß betrug, wurde so dreist, daß sie ihren Liebhaber zu sich ins Haus ließ, weil sie überzeugt war, daß, wenn ihre Gebieterin ihn auch sähe, diese es doch nicht wagen dürfte, die Sache bekanntzumachen: denn dieses Übel ziehen neben andern die Vergehungen der Hausfrauen nach sich, daß sie die Sklavinnen ihrer eigenen Mägde werden und gezwungen sind, deren schändliche Aufführung zu bedecken, wie es auch der Camilla erging: denn ob sie es gleich öfter gewahr wurde, daß Leonella mit ihrem Liebhaber in einem Zimmer des Hauses war, so getraute sie sich doch nicht, sie zu schelten, ja sie gab ihr Gelegenheit, ihn einzuschließen, und räumte alles weg, daß er nur nicht von ihrem Manne gesehen würde; doch konnte sie es nicht verhindern, daß ihn nicht Lotario gesehen hätte, wie er eines Morgens bei Tagesanbruch aus dem Hause ging. Dieser, ohne ihn zu kennen, hielt ihn erst für ein Gespenst, da er ihn aber fortgehen und sich mit größter Sorgfalt in einen Mantel einwickeln und verhüllen sah, kam er von dieser törichten Vorstellung zurück und verfiel auf eine andere, die alle ins Verderben gestürzt hätte, wenn es durch Camilla nicht wäre vermittelt worden. Lotario glaubte nämlich, daß dieser Mann, den er zu so ungewöhnlicher Stunde aus Anselmos Hause hatte gehen sehen, nicht der Leonella wegen gekommen wäre, ja, er wußte jetzt nicht einmal, ob eine Leonella in der Welt sei; sondern daß Camilla, wie sie für ihn leichtsinnig gewesen, es auch für einen andern geworden; denn dies ist die Folge, die die schlechte Aufführung nach sich zieht, daß selbst derjenige an ihrer Ehre zweifelt, auf dessen Bitten und Überredungen sie sich ergeben hat, dieser glaubt, daß sie sich andern noch schneller ergeben könnte, und so gibt er jeglichem Argwohn Raum, der ihm in den Sinn kömmt; so war es auch, als wäre in diesem Augenblicke Lotario völlig von seinem Verstande verlassen worden und als sei jeder vernünftige Gedanke seinem Gedächtnisse entfallen, denn ohne irgend etwas zu unternehmen, das gut oder nur klug gewesen wäre, ging er ohne weiteres, noch ehe Anselmo aufgestanden war, ungeduldig und blind vor eifersüchtiger Wut, die sein Herz zernagte, darnach dürstend, sich an Camilla zu rächen, die ihn auf keine Weise beleidigt hatte, sogleich zu Anselmo und sagte zu ihm: »Wisse, Anselmo, daß ich schon seit einigen Tagen mit mir selber gestritten habe und mir selbst Gewalt angetan, dir dasjenige nicht zu sagen, was doch ebenso unmöglich als unrecht wäre, dir länger zu verhehlen; wisse also, daß Camillas Tugend sich schon ergeben und allem dem unterworfen hat, was ich mit ihr tun möchte, und wenn ich zögerte, dir dies zu entdecken, so geschah es nur darum, um zu sehen, ob es wirklich ihr Leichtsinn sei oder ob sie mich nur auf die Probe stellen wolle, um zu erfahren, ob die Anträge ernsthaft wären, die ich ihr auf dein Verlangen getan habe; ich glaube nun, daß, wenn sie das wäre, wofür wir sie beide gehalten haben, sie dich schon von meinen Bemühungen unterrichtet hätte; da ich aber sehe, daß sie zögert, so kann ich abnehmen, daß die Versprechungen, die sie mir gegeben [312] hat, ernst sind, daß sie mich nämlich, wenn du wieder einmal vom Hause abwesend wärst, auf dem Saale sprechen wolle, auf dem deine Geräte aufgestellt sind« (und dort pflegte er wirklich Camilla zu sprechen); »ich wünschte nun nicht, daß du eine plötzliche Rache nähmst, denn noch ist die Sünde nur in Gedanken begangen, und es könnte sein, daß Camilla noch in der Zwischenzeit bis zur Ausübung andern Sinnes würde und die Reue in ihr Raum fände; und da du zum Teil bis hierher immer meinem Rate gefolgt bist, so befolge auch den, den ich dir jetzt geben will, damit du, ohne dich zu trügen oder zu übereilen, das tun mögest, was dir dann am besten scheinen mag. Stelle dich, als verreistest du auf zwei oder drei Tage, wie es schon der Fall gewesen ist, richte es aber so ein, daß du dich auf dem Saale verborgen hältst, wozu dir die Tapeten, die dort hängen, nebst andern Dingen die bequemste Gelegenheit anbieten, dann kannst du mit deinen eigenen Augen, wie ich mit den meinigen, die Absicht der Camilla gewahr werden; ist sie nun ehrvergessen, wie wir lieber nicht befürchten wollen, so magst du in der Stille und mit Verstand dann die Kränkung bestrafen, die sie dir zugefügt hat.«

Lotarios Worte versetzten Anselmo in die allergrößte Verwunderung, Erstaunen und Erschrecken, denn er hörte sie zu einer Zeit, da er sie am wenigsten zu hören gedachte, denn schon hielt er Camilla für Siegerin der erdichteten Liebesanträge Lotarios und genoß schon den Preis ihres Sieges. Es war eine geraume Zeit still, indem er mit starren Augen den Fußboden betrachtete, ohne auch nur die Augenwimpern zu bewegen, endlich sagte er: »Du hast so gehandelt, Lotario, wie ich von deiner Freundschaft erwarten konnte, ich bin immer deinem Rate gefolgt, handle auch jetzt, wie es dir gut dünkt, und bewähre das Geheimnis, das mich so plötzlich überrascht.«

Lotario versprach es ihm, und als er sich entfernt hatte, gereute ihn alles durchaus, was er gesagt hatte, denn er sah nun ein, wie töricht er gehandelt habe, weil er sich wenigstens an Camilla auf eine andere als diese grausame und schimpfliche Weise hätte rächen können; er verwünschte sein übereiltes Beginnen und wußte doch nicht, was er tun sollte, um das Geschehene ungeschehen zu machen, oder auf welchem Wege er es vermitteln könne; endlich fiel er darauf, Camillen alles zu erzählen, und da es ihm nicht an Gelegenheit mangelte, dies auszuführen, so fand er sie noch am nämlichen Tage allein. Sowie diese ihn nur ansichtig wurde, rief sie aus: »Oh, mein Freund Lotario, Ihr müßt wissen, daß ich etwas auf dem Herzen habe, das mich so quält, daß mir das Herz im Busen zerspringen möchte, und es wäre nicht zu verwundern, wenn es geschähe, denn die Unverschämtheit der Leonella ist so hoch gestiegen, daß sie jegliche Nacht einen Liebhaber in das Haus nimmt und ihn nur erst mit dem Tage von sich läßt, auf die Gefahr meiner Ehre, die dem durchaus verdächtig werden muß, der diesen Menschen zu so ungewöhnlicher Zeit aus meinem Hause herauskommen sieht; und was mich vorzüglich bekümmert, ist, daß ich sie nicht bestrafen kann, nicht einmal schelten, weil sie die Vertraute unserer Liebe ist und dadurch meine Zunge so bezähmt, daß ich zu ihrem Betragen schweigen und darum fürchten muß, daß daraus ein Unglück entstehen wird.«

Als Camilla anfing zu reden, glaubte Lotario, daß es nur ein Kunstgriff sei, ihm einzubilden, als wenn der Mann, den er gesehen hatte, von Leonella und nicht von ihr gekommen wäre; da er sie aber weinen, schluchzen, um Hülfe bitten sah, glaubte er ihr endlich, und dadurch wurde seine Verwirrung wie seine Reue noch vergrößert; doch antwortete er, sie solle sich nicht bekümmern, denn er wolle schon ein Mittel ersinnen, Leonellens Unverschämtheit Einhalt zu tun; zugleich erzählte er ihr, was er, von Wut und Eifersucht getrieben, Anselmo gesagt habe und wie dieser sich vorgesetzt, sich in dem Saale zu verbergen, um dort ihre Treulosigkeit mit eignen Augen zu sehen; er bat seines Wahnsinns wegen um Verzeihung, und wie sie ein Mittel ersinnen möge, um aus dieser Verworrenheit zu kommen, die sein Unbedacht veranlaßt habe.

[313] Camilla war erschrocken, als sie den Lotario dies sagen hörte, sie schalt ihn entrüstet und verwies ihm sein Mißtrauen sowie sein törichtes und höchst unbilliges Benehmen mit sehr verständigen Worten; wie aber das Weib von Natur mehr als der Mann einen schnellen Verstand sowohl zum Guten als zum Bösen hat, wenn er ihr gleich mangeln kann, wenn sie mit dem Vorsatz sich verständig zeigen will, so fand auch Camilla augenblicklich ein Mittel, um sich aus dieser Verwirrung zu befreien, die unauflöslich schien; sie sagte daher Lotario, er möchte veranlassen, daß sich Anselmo am folgenden Tage an dem bewußten Orte verberge, denn eben dadurch denke sie es zu veranstalten, daß sie sich künftig ohne alle Furcht sehen und sprechen könnten; und ohne ihren Plan weiter auseinanderzusetzen, befahl sie ihm, sich in der Nähe zu befinden, damit er sogleich hereinkommen könnte, wenn ihn Leonella riefe, und daß er ihr dann auf ihre Fragen antworten möchte, wie er antworten würde, wenn er auch nicht wüßte, daß ihm Anselmo zuhöre. Lotario bestand darauf, sie möchte ihm ihre ganze Absicht auseinandersetzen, damit er um so sicherer alles beobachten könne, was nötig sei. »Es ist nichts weiter zu beobachten«, sagte Camilla, »als daß Ihr so antwortet, wie ich frage«; denn Camilla wollte ihm nicht sagen, was sie sich zu tun vorgenommen hatte, weil sie fürchtete, er möchte es alsdann nicht so ausrichten, wie sie es für das beste hielt, sondern auf eine andere Weise, die nicht so schicklich sein dürfte.

So entfernte sich Lotario; und Anselmo reiste am folgenden Tage mit dem Vorgeben ab, seinen Freund auf dem Dorfe zu besuchen, kam aber zurück, um sich zu verbergen, welches er auch leicht bewerkstelligen konnte, da ihm Camilla und Leonella vorsätzlich dazu verhalfen. Anselmo stand nun verborgen, in einer Gemütsbewegung, die man sich wohl vorstellen kann, da er fürchtete, mit seinen eigenen Augen die völlige Zerfleischung seiner Ehre zu erblicken und so sein höchstes Gut zu verlieren, welches er in seiner geliebten Camilla zu besitzen glaubte. Als nun Camilla und Leonella gewiß wußten, daß sich Anselmo verborgen hatte, kamen sie in den Saal, und kaum hatte Camilla den Fuß hineingesetzt, als sie einen heftigen Seufzer ausstieß und sagte: »Ach liebe Leonella! Wär es nicht besser, statt das auszuführen, was ich dir sagen mag, damit du mich nicht daran verhinderst, daß du Anselmos Dolch, den ich von dir verlangt habe, nähmest und damit diese meine schändliche Brust durchbohrtest? Doch nein, du sollst es nicht tun, denn es wäre ungerecht, wenn ich die Strafe für eines andern Schuld tragen sollte. Vorher will ich wissen, was denn Lotarios freche und unzüchtige Augen an mir gesehen haben, um ihm diese Kühnheit zu geben, mir seine schändlichen Gedanken mitzuteilen, durch die er seinen Freund beleidigt und mich entehrt. Stelle dich an jenes Fenster, Leonella, und rufe ihn herauf, denn er wird sich gewiß in der Straße befinden, in der Erwartung, seinen bösen Vorsatz in Ausübung zu bringen; aber er soll meinen Vorsatz innewerden, der ebenso grausam als ehrenvoll ist!«

»Ach, gnädige Frau!« rief die listige und abgerichtete Leonella, »was wollt Ihr denn mit diesem Dolche machen? Wollt Ihr Euch oder dem Lotario das Leben nehmen? Beides würde Euch und Euren guten Namen zugrunde richten. Besser ist es, Ihr verheimlicht diese Kränkung, als daß Ihr den Bösewicht jetzt, da wir allein sind, in das Haus laßt; bedenkt, gnädige Frau, daß wir nur schwache Weiber sind und daß er wild und entschlossen ist; jetzt kömmt er mit bösen Vorsätzen und von seiner Leidenschaft geblendet; ehe Ihr nun Euren Vorsatz ausführen könnt, hat er vielleicht das schon vollbracht, was Euch schrecklicher als der Verlust des Lebens sein würde; wehe über meinen gnädigen Herrn Anselmo, der diesem frechen Bösewicht solche Herrschaft in seinem Hause eingeräumt hat! Aber wenn Ihr ihn nun auch umgebracht habt, gnädige Frau, wie ich fast denke, daß Ihr tun wollt, was sollen wir dann mit dem Leichnam anfangen?«

»Was?« antwortete Camilla, »diesen überlassen wir Anselmo, ihn zu beerdigen, denn es ziemt sich wohl, daß er für Ersatz die Mühwaltung rechne, seine eigne Schande unter die Erde zu bringen. Aber [314] rufe ihn schnell, denn indes ich zögere, die Beleidigung, die er mir erwiesen hat, zu rächen, glaube ich die Treue zu verletzen, die ich meinem Gemahl schuldig bin.«

Alles dies hörte Anselmo, und mit jedem Worte, das Camilla sprach, veränderten sich seine Gedanken; da er aber vernahm, daß sie entschlossen sei, Lotario umzubringen, wollte er vortreten und sich zeigen, damit sie es unterließe; er tat es aber nicht, um zu sehen, wie weit sie ihren kühnen und edlen Entschluß ausführen würde, mit dem Vorsatze, zu rechter Zeit zu kommen und sie davon abzuhalten. Indem wurde Camilla von einer starken Ohnmacht befallen, sie warf sich auf ein Bett, das dort stand, und Leonella fing bitterlich an zu weinen und zu jammern: »O ich Unglückselige! Sollt ich so elend sein, daß mir hier in den Armen diese schöne Tugendblüte dahinstürbe, diese Krone aller edlen Frauen, dieses Muster der Keuschheit!«, nebst andern Klagen, die jeden, der sie gehört hätte, überzeugen mußten, sie sei die betrübteste und redlichste Magd und ihre Gebieterin eine neue verfolgte Penelope. Camilla kam bald aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich, und indem sie sich erholte, sagte sie: »Warum gehst du nicht, Leonella, und rufst den treulosesten Freund des Freundes, den die Sonne bescheint und die Nacht bedeckt? Fort, gehe, lauf und hole ihn, damit im Verzögern das Feuer meines Zorns nicht verlösche und sich meine gehoffte, rechtmäßige Rache nicht in Drohungen und Flüchen verliere.«

»Ich will ihn rufen, gnädige Gebieterin«, sagte Leonella, »aber zuvor sollst du mir diesen Dolch geben, damit du in meiner Abwesenheit nicht ein Ding tust, was die ganze Lebenszeit hindurch diejenigen, die dich lieben, beweinen müßten.«

»Geh ohne Sorgen fort, liebe Leonella, denn dergleichen will ich nicht tun«, sagte Camilla; »denn wenn du auch glaubst, daß mein Benehmen zu gewagt und töricht für meine Ehre sei, so will ich es doch nicht wie jene Lukrezia machen, die sich selbst ermordete, ohne sich einer Schuld bewußt zu sein und ohne vorher den umzubringen, der die Ursach ihres Elends war; auch ich kann sterben, aber vorher will ich an dem vollgenügende Rache nehmen, der mich veranlaßt hat, diesen Ort zu betreten, um seine Frechheit, die ich nicht veranlaßte, zu beweinen.«

Leonella ließ sich noch lange bitten, ehe sie fortging, um Lotario zu rufen; endlich ging sie, und ehe sie wiederkam, sagte Camilla, wie zu sich selber sprechend: »Aber beim Himmel, wäre es nicht sicherer gewesen, dem Lotario seine Absicht zu verweisen, wie ich es schon mehr als einmal getan habe, als ihm die Veranlassung zu geben, mich für schlecht und entartet zu halten, wie er wenigstens in der Zwischenzeit tun muß, bis ich ihm seinen Wahn benehme? Ohne Zweifel wäre es besser gewesen; aber ich wäre ohne Rache und die Ehre meines Mannes ohne Genugtuung geblieben, wenn er gesund und unverletzt die Schritte zurückmäße, die er mit so bösen Absichten vorwärts tat; mit dem Leben bezahle der Verräter, was er mit seinen unzüchtigen Gedanken verbrochen hat; die Welt erfahre – wenn sie sich um diese Begebenheit kümmert –, daß Camilla ihrem Gemahl nicht nur ihre Pflicht treu bewahrte, sondern daß sie auch den bestrafte, der diese Pflicht zu verletzen gedachte; aber doch wäre es vielleicht besser, Anselmo von allem zu benachrichtigen; doch habe ich ihm schon einen Wink in jenem Briefe gegeben, den ich ihm nach dem Dorfe schickte, und wenn er diesen Wink nicht benutzte, so mußte es wohl daher kommen, daß er sich nicht überzeugen konnte, daß in der Brust eines treuen Freundes jemals ein Gedanke entstehen könne, der gegen seine Ehre gerichtet wäre, wie ich es lange nicht habe glauben wollen und niemals glauben würde, wenn seine Unverschämtheit nicht so hoch gestiegen, daß mich seine Geschenke, Versprechungen und immerwährende Tränen nur zu sehr davon überzeugen. Doch warum stelle ich jetzt diese Betrachtungen an? Bedarf ein edler Entschluß etwa der Überlegung? Nein, wahrlich nicht! Fort ihr Zweifel, herbei du Rache! Er komme, der Falsche, er trete herein, er nähere sich, sterbe, und alles geschehe, was geschehen mag! Rein kam ich in die Arme dessen, den mir der Himmel bestimmte, und [315] rein muß er mich wiederfinden, und sollte ich auch mit meinem keuschen Blute und dem schändlichen Blute des falschesten Freundes bedeckt sein.« Indem sie dieses sprach, ging sie mit gezücktem Dolch durch den Saal; ihr Gang war so heftig, ihr Anstand so zornig, und ihre Gebärden hatten so sehr den Ausdruck der Wut, daß man glaubte, ihr Bewußtsein habe sie gänzlich verlassen und daß sie kein zartes Weib, sondern ein verzweifelter Mörder sei.

Alles dies sah Anselmo hinter einigen Teppichen an, die ihn verbargen; er war verwundert und glaubte, daß das, was er gesehen und gehört, allein schon hinreichend sei, noch stärkern Argwohn zu vertilgen, er wünschte schon, daß Lotario gar nicht kommen möchte, weil er irgendein plötzliches Unheil besorgte; er war willens, hervorzutreten, seine Gattin zu umarmen und sie aus ihrem Irrtum zu reißen, doch hielt er sich noch zurück, denn er sah nun Leonella zurückkommen, die den Lotario bei der Hand hielt. Sowie ihn Camilla hereintreten sah, machte sie mit dem Dolche vor sich einen langen Strich auf dem Fußboden und sagte: »Lotario, höre, was ich dir sage: Wagst du es, diesen Strich zu überschreiten, ja ihm nur nahe zu kommen, so durchstoße ich in dem nämlichen Augenblicke meine Brust mit diesem Dolche, den ich in den Händen habe; und bevor du mir hierauf etwas erwiderst, sollst du meinen Worten zuhören, dann magst du sagen, was dir gefällt. Zuerst sage mir, Lotario, ob du meinen Mann Anselmo kennst und wie du von ihm denkst; zweitens will ich wissen, ob du mich kennst. Hierauf antworte ohne Verworrenheit, und ohne dich lange zu bedenken, denn meine Fragen sind leicht zu fassen.«

Lotario war nicht so ungeschickt, daß er nicht von dem Augenblicke, in welchem ihm Camilla gesagt hatte, er möchte veranstalten, daß sich Anselmo verstecke, alles begriffen hätte, er half also ihrer Absicht so verständig, daß die Verstellung vollkommen den Schein der Wahrheit erhielt. Darum antwortete er Camillen auf folgende Weise: »Ich dachte nicht, schöne Camilla, daß du mich gerufen hättest, um mich Sachen zu fragen, die der Absicht, warum ich komme, so fern liegen; tust du es, um den versprochenen Lohn zu verzögern, so durftest du ihn nur weiter verschieben, denn man fühlt sich um so bitterer getäuscht, wenn man den Besitz schon ganz nahe wähnte; damit du aber nicht sagen könnest, ich wolle deine Fragen nicht beantworten, so sage ich, daß ich deinen Gemahl Anselmo kenne, denn wir kennen uns beide seit unsern Kinderjahren, auch will ich dir nicht wiederholen, was du selbst in Ansehung unsrer Freundschaft weißt, damit ich nicht selbst das Unrecht bezeuge, welches die Liebe verlangt, daß ich es tun muß: eine genügende Entschuldigung für noch größere Vergehungen. Auch dich kenne ich und halte dich ebenso hoch, wie er dich hält, denn wenn dem nicht so wäre, so würd ich niemals, für ein geringers Gut als dich, so sehr alles verleugnen, was ich mir selbst schuldig bin, und mich gegen die heiligen Gesetze der wahren Freundschaft auflehnen, die mich nun die zu große Gewalt der Liebe zu verletzen und zu zerbrechen zwingt.«

»Wenn du dieses eingestehst«, antwortete Camilla, »du Todfeind von allem, was geliebt zu werden verdient, mit welchem Angesicht wagst du es, vor der zu erscheinen, die der Spiegel ist, in dem sich der beschauet, in dem du dich spiegeln müßtest, um zu fühlen, wie er dir durchaus keine Gelegenheit gibt, daß du ihn so kränken dürftest? Ich Unglückselige muß aber glauben, daß die Ursache, daß du dich so vergessen konntest, in mir selber liegt, etwa ein zu freies Betragen, das ich nicht Mangel an Sittsamkeit nennen mag, weil ich mich dessen nicht bewußt bin, sondern das vielleicht aus Unachtsamkeit entstanden ist, wie es den Weibern wohl zu gehen pflegt, wenn sie in der Meinung stehen, daß sie sich nicht zu hüten brauchen. Wenn dies nicht ist, so sprich, Bösewicht, wenn habe ich dir nur mit einem einzigen Worte oder einer Miene so geantwortet, daß nur ein Schatten von Hoffnung in dir entstehen konnte, deine schändlichen Wünsche zu erfüllen? Wann wurden deine Liebesanträge nicht mit Ernst und Strenge von mir verworfen? Wann wurden deine großen Versprechungen und noch größeren Geschenke geglaubt [316] und angenommen? Da es aber unmöglich ist, daß jemand in einer Leidenschaft verharrt, wenn er nicht durch irgendeine Hoffnung aufrechterhalten wird, so muß ich mir die Schuld deiner Unverschämtheit beimessen, denn irgendeine Sorglosigkeit von meiner Seite muß deine Sorgfalt bisher aufrechterhalten haben, und darum will ich mich züchtigen und mir die Strafe zufügen, die dein Verbrechen verdient: damit du einsiehst, daß, wenn ich gegen mich selbst so grausam bin, ich gegen dich nicht anders gesinnt sein könne; deshalb habe ich dich herkommen lassen, um ein Zeuge von dem Opfer zu sein, welches ich der beleidigten Ehre meines höchst ehrenvollen Gemahls zu bringen denke, den du mit dem größten Eifer gekränkt hast, sowie ich ihn auch dadurch beleidigt habe, daß ich nicht vorsichtig genug der Gelegenheit auswich, wenn ich dir je welche gegeben habe, deine bösen Gedanken zu begünstigen. Ich wiederhole noch einmal, daß der Verdacht, wie eine Unachtsamkeit von mir diese bösen Gedanken in dir erzeugt hat, mich am meisten quält, so daß ich mich dafür mit meinen eignen Händen strafen will, denn wenn mich ein anderer züchtigte, so würde meine Schuld dadurch vielleicht nur um so bekannter; ehe ich dies aber vollbringe, will ich im Sterben töten und den mit mir führen, mit welchem ich das Maß meiner Rache erfüllen kann, wo er dann dort von einem unparteiischen Richterspruch die Strafen dafür empfängt, mich zu einer so verzweiflungsvollen Tat gebracht zu haben.«

Und mit diesen Worten stürzte sie sich mit unglaublicher Kraft und Schnelligkeit auf Lotario zu, indem sie den Dolch hoch schwang und sich auf alle Art bemühte, ihm die Spitze in die Brust zu stoßen, so daß er selbst zu zweifeln anfing, ob diese Gebärden ernstlich oder nur erdichtet wären, denn er war gezwungen, sich mit aller seiner Besonnenheit und Kraft zu verteidigen, um nur Camillen von sich abzuhalten. Diese wußte mit einer so wunderbaren und lebendigen Täuschung ihre List und Heuchelei darzu stellen, daß, um ihr den völligen Anstrich der Wahrheit zu geben, sie sie mit ihrem eigenen Blute färben wollte; denn da sie sah oder sich wenigstens so stellte, daß sie Lotario nicht verwunden könnte, rief sie aus: »Da das Schicksal mich hindert, mein gerechtes Vorhaben ganz auszuführen, so soll es wenigstens nicht so viel vermögen, daß ich nicht einen Teil davon wirklich ausübte.« Sie bestrebte sich hierauf, die Hand mit dem Dolche bewaffnet loszumachen, die Lotario festhielt, es gelang ihr, und sie drängte die Spitze nun nach einem Orte, an dem sie sich keine tiefe Wunde machen konnte, denn sie stieß ihn in die linke Seite dicht an der Schulter hinein, und zugleich fiel sie auch wie ohnmächtig auf den Boden nieder. Leonella und Lotario standen über dieses Beginnen voll Verwunderung da, und beide zweifelten, ob sie ihren Augen trauen dürften, da sie Camillan auf der Erde in ihrem Blute gebadet liegen sahen. Lotario lief voll Entsetzen und atemlos hinzu, um den Dolch zu nehmen, da er aber die unbedeutende Wunde sah, erholte er sich von seinem Schrecken und bewunderte von neuem den Scharfsinn, die List und große Verschlagenheit der schönen Camilla; um aber auch seine ihm gehörige Rolle zu spielen, begann er über den Körper der Camilla ein lautes Klagegeschrei, als wenn sie wirklich tot wäre, indem er tausend Verwünschungen gegen sich und den ausstieß, der ihn dazu getrieben, so weit zu gehen; da er wußte, daß ihm sein Freund Anselmo zuhöre, sagte er solche Dinge, daß der, der ihn hörte, glauben mußte, er sei noch viel mehr als Camilla zu beklagen, ob man diese gleich für tot halten konnte.

Leonella faßte sie in die Arme und trug sie auf das Bett, indem sie Lotario bat, er möchte schnell jemanden suchen, der sie im geheim heilen könnte; zugleich fragte sie ihn, was man dem Anselmo in Ansehung der Wunde ihrer Gebieterin sagen solle, wenn er etwa vorher wiederkäme, ehe sie ganz wiederhergestellt sei. Er antwortete, daß sie sagen möchten, was sie wollten, denn ihm falle es unmöglich, einen vernünftigen Rat zu erteilen, sie möchte nur suchen, das Blut zu stillen, denn er wolle dahin gehen, wo ihn nie das Auge eines Menschen wiederfände. Mit den Anzeigen einer heftigen Rührung verließ er hierauf das Haus, und sowie er allein war, daß ihn niemand bemerken konnte, kreuzigte er sich vor [317] Verwunderung über Camillas List sowie über das dazu passende Betragen der Leonella. Er erwägte, wie Anselmo nun von neuem den Glauben bekommen habe, daß er in seinem Weibe eine zweite Porzia besitze, und er wünschte ihn nur bald zu sehen, damit sie die Lüge in Gesellschaft preisen könnten, die so den Schein der Wahrheit erhalten hatte, wie es nur immer möglich war.

Leonella stillte indessen ihrer Gebieterin das Blut, welche gerade nur so viel vergossen hatte, um ihrer List dadurch einen Anschein zu geben; hierauf wusch sie die Wunde mit Wein und verband sie, so gut sie konnte, indes sie während ihrer Beschäftigung solche Reden führte, daß diese schon dem Anselmo glauben machen konnten, er besitze in Camillen ein Wunderbild von Keuschheit. Zu Leonellas Reden fügte Camilla andere hinzu, indem sie sich feigherzig und mutlos schalt, weil sie nun den Augenblick versäumt habe, sich das ihr verhaßte Leben zu nehmen; sie fragte das Mädchen um Rat, ob sie ihrem geliebten Gemahl diesen Vorfall erzählen solle oder nicht. Diese riet ihr, nichts davon zu sagen, denn er sei dadurch verpflichtet, an Lotario Rache zu nehmen, wobei er sich selber der größten Gefahr aussetze, daß es aber die Schuldigkeit einer edlen Frau sei, ihren Mann niemals in Händel zu verflechten, sondern daß sie ihm vielmehr alles aus dem Wege räumen müsse, wodurch dergleichen entstehen könne. Camilla antwortete, daß sie derselben Meinung sei und ihren Rat befolgen wolle; daß man aber auf jeden Fall dem Anselmo eine Ursache sagen müsse, wie diese Wunde entstanden sei, die ihm nicht verheimlicht bleiben könne. Worauf Leonella antwortete, daß sie unmöglich lügen könne, wenn es auch nur im Scherze geschehe. »Wie also, Liebe«, versetzte Camilla, »sollte ich es möglich machen? Nein, ich hätte nicht den Mut, eine Lüge zu erfinden oder auch nur zu bestätigen, und wenn selbst mein Leben darauf stände; wenn wir uns also aus dieser Verlegenheit gar nicht herauswickeln können, so ist es besser, die reine Wahrheit zu sagen als etwas anderes, das uns nur in Lügen verstricken dürfte.«

»Seid nur ruhig, gnädige Frau«, antwortete Leonella, »zwischen hier und morgen will ich sinnen, was wir ihm sagen können, vielleicht könnt Ihr auch die Wunde so verbergen, an dem Ort, wo sie sich befindet, daß sie Euer Gemahl nicht sieht, und der Himmel wird darin vielleicht unsern guten und tugendhaften Gedanken zu Hülfe kommen. Beruhigt Euch nur, meine Gebieterin, und erholt Euch von dieser Erschütterung, damit der Herr Euch nicht in dieser Bewegung findet; alles übrige überlaßt nur meiner Sorgfalt und Gottes Beistand, der immer die guten Absichten befördert.«

Höchst aufmerksam hatte Anselmo dagestanden, um die Tragödie vom Tode seiner Ehre zu hören und darstellen zu sehen, welche die spielenden Personen mit solcher lebhaften Täuschung aufzuführen vermochten, daß es schien, als hätten sie sich wahrhaftig in diejenigen verwandelt, die sie nur nachahmen wollten; er wünschte mit Sehnsucht die Nacht herbei, um sein Haus verlassen zu können und seinen geliebten Lotario aufzusuchen, damit er sich mit diesem über die kostbare Perle freuen könne, die er mit dem Verluste seines Argwohns in der Vortrefflichkeit seiner Gattin gefunden habe. Die beiden sorgten dafür, ihm Gelegenheit zum Ausgehen zu verschaffen. Er ging auch augenblicklich fort, um sogleich Lotario aufzusuchen, und als er diesen fand, so läßt es sich nicht beschreiben, wie oft und herzlich er ihn in die Arme schloß, was er ihm von seinen Entzückungen sagte, wie sehr er Camillen pries; alles hörte Lotario ohne Zeichen der Freude an, denn er konnte die Vorstellung nicht loswerden, in welchem groben Irrtume sein Freund lebte und wie empfindlich er ihn kränke; und obgleich Anselmo sah, daß Lotario nicht vergnügt war, so glaubte er, es rühre daher, weil jener Camillen verwundet zurückgelassen habe und schuld an dieser Wunde sei, er sagte ihm also, nebst andern Sachen, daß er wegen Camilla unbesorgt sein könne, denn die Wunde sei gewiß nur unbedeutend, weil sie die Absicht hätten, sie vor ihm zu verhehlen, deswegen dürfe er auch nichts befürchten, sondern daß er von nun an fröhlich und ganz erheitert mit ihm leben möge, denn durch seine Vermittelung sei er zur höchsten Glückseligkeit [318] gelangt, die er sich nur jemals habe wünschen können, von nun an wolle er sich nur Mühe geben, in preisenden Gedichten Camillas Andenken zu verehren, damit ihr Ruhm auch dem künftigen Zeitalter überliefert würde. Lotario lobte seinen guten Vorsatz und sagte, daß er auch gern helfen wolle, ein so herrliches Gebäude aufzuführen.

So war Anselmo auf eine Art hintergangen, wie nur irgendein Mann auf Erden betrogen werden kann: Er selbst führte an seiner Hand denjenigen in sein Haus zurück, den er für das Werkzeug seiner höchsten Freude hielt und der seine Ehre völlig vernichtete; Camilla empfing ihn äußerlich mit einem Gesichte voll Verdruß, ob sie gleich innerlich lachte. Dieser Betrug dauerte noch einige Zeit, bis nach wenigen Monaten Fortuna ihr Rad drehte und die Schändlichkeit entdeckt wurde, die bis dahin so künstlich verborgen gehalten war, so daß den Anselmo sein grübelnder Fürwitz das Leben kostete.

Viertes Kapitel
[319] Viertes Kapitel.

Beschreibt die rühmliche und furchtbare Schlacht, welche Don Quixote mit einigen Schläuchen roten Weines hielt; zugleich wird die »Novelle von der unziemlichen Neugier« beschlossen.


Es war nur noch wenig von der Novelle zu lesen übrig, als aus dem Verschlage, in welchem Don Quixote schlief, Sancho Pansa mit großem Tumult herausstürzte und laut schrie: »Kommt, meine Herren, schnell, schnell meinem gnädigen Herrn zu Hülfe, der da in der fürchterlichsten und greulichsten Schlacht verfangen ist, die meine Augen nur jemals gesehen haben! Er hat da, mein' Seel', dem Riesen einen Hieb gegeben, dem Feinde von unserer gnädigen Mikomikonischen Prinzessin, daß er ihm den Kopf mir nichts, dir nichts wie eine Rübe heruntergesäbelt hat.«

»Wie sprichst du doch, Freund?« sagte der Pfarrer, indem er die Novelle unterbrach, »bist du denn bei dir selber, Sancho? Wie Teufel ist das möglich, da sich der Riese zweitausend Meilen von hier befindet?«

Indem hörten sie in dem Gemache ein großes Lärmen, und Don Quixote rief mit lauter Stimme: »Wehre dich, Mörder, Spitzbube, Schelm, denn jetzt hab ich dich und werde deinen Säbel für nichts achten«; zugleich klang es, als wenn er mit aller Gewalt gegen die Wände hieb. Sancho sagte: »Das ist nichts, dazustehen und zuzuhören, wir müssen hineingehen und den Kampf auseinanderbringen oder meinem Herrn beistehen, ob es freilich wohl nicht mehr nötig sein wird, denn der Riese ist gewiß schon tot und gibt Gott von seinem schlechten Wandel Rechenschaft, denn ich habe das Blut über die Erde [320] laufen sehen, und der Kopf lag herunter auf der einen Seite und war so erschrecklich wie ein großer Weinschlauch.«

»Hol mich der Teufel!« rief augenblicklich der Wirt aus, »wenn Don Quixote oder Don Beelzebub nicht gegen die großen Weinschläuche haut, die ihm zu Köpfen stehen, und der heruntergelaufene Wein ist gewiß das, was dieser edle Tölpel für Blut gehalten hat.« Er drang hierauf sogleich in das Gemach hinein, und die übrigen folgten ihm, wo sie Don Quixote in dem allerwunderlichsten Aufzuge fanden. Er stand im Hemde da, welches nicht so vollständig war, daß es ihm vorn die Lenden ganz bedeckt hätte, hinten aber war es noch um eine Handbreit kürzer; seine Beine waren lang und dürr, rauh mit Haaren bewachsen und nichts weniger als rein; auf dem Kopf trug er eine Nachtmütze, über und über voll Schmutz, die dem Wirte zugehörte, den linken Arm hatte er in jenes Bettuch verwickelt, auf welches Sancho noch immer, und aus guten Gründen, schlecht zu sprechen war, in der Rechten hielt er den entblößten Degen, womit er von allen Seiten um sich hieb und dergleichen Worte sprach, als wenn er einen wahrhaftigen Kampf mit irgendeinem Riesen hätte; das seltsamste aber war, daß er die Augen fest verschlossen hielt, denn er schlief noch und träumte, daß er eine Schlacht mit dem Riesen vornähme; seine Einbildung war nämlich so mit dem Abenteuer angefüllt, welches er zu vollbringen hätte, daß ihm vorkam, er sei bereits in dem Mikomikonischen Königreich angelangt, schon im Kampfe mit seinem Feinde begriffen, wobei er unzählige Hiebe auf die Schläuche getan, die nach seiner Meinung der Riese erhielt, daß das ganze Gemach mit Wein überschwemmt war. Als der Wirt dies gewahr wurde, ergrimmte er so, daß er den Don Quixote unterlief und ihm dermaßen mit derben Faustschlägen zusetzte, daß, wenn Cardenio und der Pfarrer ihn nicht zurückgerissen, er wahrscheinlich diesen Riesenkrieg geendigt hätte; aber von allem diesem erwachte der arme Ritter doch noch nicht, bis der Barbier einen großen Kübel mit frischem Wasser aus dem Brunnen holte und ihm diesen mit einem Guß über den ganzen Körper schüttete, worauf Don Quixote sich ermunterte, doch aber noch nicht so ganz bei sich war, daß er bemerkt hätte, in welchem Zustande er sich befand. Dorothea, die seine kurze und dünne Bekleidung wahrnahm, wollte nicht hereinkommen, um den Kampf ihres Beschützers mit ihrem Feinde anzusehen.

Sancho lief herum und suchte allenthalben auf dem Boden den Kopf des Riesen, und da er ihn nicht fand, sagte er: »Ja, ich weiß schon, daß hier im Hause alles verzaubert ist, denn an dem nämlichen Orte hier, wo ich jetzt stehe, gab man mir neulich eine Menge Püffe und Maulschellen, ohne daß ich wissen konnte, wer sie mir reichte, auch niemanden sah, und jetzt ist wieder der Kopf nirgends zu finden, den ich doch mit meinen eigenen Augen herunterschlagen gesehen habe, und daß das Blut aus dem Körper wie aus einem Springbrunnen herauslief.«

»Was für Blut und was für Springbrunnen, du Verfolger Gottes und aller seiner Heiligen!« rief der Wirt aus, »siehst du, Spitzbube, denn nicht, daß Blut und Springbrunnen nichts anderes ist als diese Schläuche, die durchstochen sind, und der rote Wein, der in der Stube schwimmt? Wofür ich dessen Seele in der Hölle sehen möchte, der sie mir so durchlöchert hat.«

»Ich begreif's nicht«, antwortete Sancho, »nur das begreif ich wohl, daß ich ein rechtes Unglückskind bin, denn wenn wir den Kopf nicht finden, so ist mir auch meine ganze Grafschaft so zergangen wie Salz im Wasser.« So war Sancho im Wachen noch verwilderter als sein Herr im Schlafe: so sehr hatten ihn die Versprechungen seines Herrn verstrickt.

Der Wirt wollte toll werden, als er die Kaltblütigkeit des Stallmeisters und die Übeltaten seines Gebieters sah, und schwur, daß es nicht so wie neulich kommen sollte, wo sie ohne Bezahlung abgereist wären, jetzt aber sollten die Privilegien der Ritterschaft keinen von beiden vor der Bezahlung schützen, so daß sie selbst die Flicken zu vergüten hätten, die man auf die zerstochenen Schläuche setzen müsse.

[321] Der Pfarrer hielt Don Quixote bei den Händen, der nun glaubte, daß er das Abenteuer beendigt habe und sich vor der Mikomikonischen Prinzessin befinde; er kniete daher vor dem Pfarrer nieder und sprach: »Nunmehr mag Eure Hoheit, erhabne und höchst ruhmvolle Dame, in Sicherheit leben, denn keine Schmach vermag Denenselben die schlecht denkende Kreatur hinführo noch zuzufügen; auch bin ich von Stund an meines gegebenen Wortes quitt, denn mit Hülfe des großen Gottes und durch Gunst derjenigen, in der ich lebe und bin, hab ich es nunmehr vollendet.«

»Hab ich's nicht gesagt?« rief nun Sancho aus, »ich war doch nicht besoffen, mein Herr hat den Riesen richtig gepfeffert, die Trompeten blasen vom Turme, meine Grafschaft kommt angesegelt.«

Wer hätte nicht über die Tollheit der beiden, des Herrn wie des Dieners, lachen müssen? Alle lachten auch, außer dem Wirte, der sich dem Teufel ergeben wollte; doch brachten es endlich der Pfarrer und Cardenio dahin, daß man mit großer Anstrengung Don Quixote wieder zu Bette brachte, wo er auch äußerst erschöpft von neuem einschlief. Sie ließen ihn schlafen und gingen nach dem Tor der Schenke, um Sancho zu trösten, daß er den Kopf des Riesen nicht gefunden hatte, aber sie hatten weit mehr zu tun, den Wirt zu besänftigen, der über die plötzliche Ermordung seiner Schläuche in Verzweiflung war, und die Wirtin heulte mit lauter Stimme: »O du verfluchte Unglücksstunde, in der dieser irrende Ritter in unser Haus gekommen ist, o so hätten ihn doch meine Augen niemals gesehen, da er mir so teuer zu stehen kommt! Letzthin reist er ab, ohne für Abendessen, Heu und Haber für ihn und seinen Stallmeister, eine Mähre und einen Esel zu bezahlen, und spricht, er sei ein abenteuernder Ritter (o wollte Gott doch allen Abenteurern, die auf Erden leben, ihre Abende teuer bezahlen lassen) und daß er deswegen nichts zu bezahlen brauche und daß das in den Taxen der irrenden Ritterschaft buchstäblich so vorgeschrieben stehe; dann kommt seinetwegen der andere Herr daher und nimmt mir meinen Schwanz weg, den er mir nun nicht ein Viertel so gut wiedergebracht hat, denn er ist ganz zerpflückt und taugt jetzt nicht mehr dazu, wozu ihn mein Mann brauchen will; endlich und zum Beschluß werden meine Schläuche zerstochen und mein Wein verschüttet; oh, wenn ich dafür nur könnte sein Blut verschüttet sehen! Aber bei den Gebeinen meines Vaters und dem Leichnam meiner Mutter, daß er es nur nicht wieder so zu machen denkt, sondern er soll mir alles bis auf den letzten Pfennig bezahlen, oder ich will nicht so heißen, wie ich heiße, und meinen ehrlichen Namen verlieren.«

Diese und andere Redensarten stieß die Wirtin im höchsten Grimme aus, und ihre wackere Magd Maritorne stand ihr redlich bei; die Tochter schwieg und lachte von Zeit zu Zeit heimlich für sich selber. Der Pfarrer beruhigte alle und versprach, soviel er imstande sei, allen Verlust zu ersetzen, sowohl in Ansehung der Weinschläuche als auch besonders in Ansehung des verdorbenen Schwanzes, von dem so viel gesprochen werde. Dorothea tröstete auch Sancho Pansa und sagte ihm, daß, wenn es gewiß sei, daß sein Herr dem Riesen den Kopf heruntergehauen habe, sie ihm verspräche, sobald ihr Reich nun beruhigt sei, ihm die schönste Grafschaft zu geben, die sich darin befinde.

Hiermit war Sancho getröstet und versicherte die Prinzessin, daß er es ganz gewiß wisse, daß er den Kopf des Riesen gesehen habe, und zum größern Wahrzeichen habe er einen Bart, der bis auf den Gürtel reiche, und wenn er jetzt nicht zu finden wäre, so komme das daher, weil alles, was sich in diesem Hause zutrage, vermittelst Zauberei geschehe, wie er schon neulich erfahren, da er hier geherbergt. Dorothea sagte, daß sie das auch glaube und daß er nur ohne alle Sorgen sein möchte, denn alles würde gut gehen und so kommen, wie man es nur wünschen könne.

Als alle beruhigt waren, wollte der Pfarrer die Novelle zu Ende lesen, denn er sah, daß nur noch wenig übriggeblieben. Cardenio, Dorothea und die übrigen baten ihn auch darum; er, um allen das Vergnügen zu machen und auch weil er selbst sie gern las, fuhr in der Erzählung folgendermaßen fort:

[322] Seitdem führte Anselmo in der Überzeugung von Camillas Tugend das vergnügteste und zufriedenste Leben. Camilla machte dem Lotario stets ein verdrüßliches Gesicht, damit Anselmo über ihre wahre Gesinnungen im Irrtum bliebe, und Lotario, um dies noch mehr zu bestätigen, bat ihn um die Erlaubnis, sein Haus nicht mehr besuchen zu dürfen, denn er merke deutlich den Verdruß, den Camilla über seine Besuche empfinde; aber der betrogene Anselmo verlangte, daß er dies durchaus nicht unterlasse, und so arbeitete Anselmo auf tausend Arten an seiner eigenen Schande, indes er glaubte, sich glücklich zu machen.

Leonella, die ihre Liebe nun autorisiert sah, kam endlich dahin, alle andre Rücksichten zu vergessen und sich ihrer Leidenschaft zügellos hinzugeben; denn sie verließ sich darauf, daß ihre Gebieterin sie verbergen helfe, ja ihr sogar die Mittel angebe, wie sie am besten ihr Betragen einrichten könne. So hörte in einer Nacht Anselmo im Zimmer der Leonella jemanden gehen, und als er hineinwollte, um nachzusehen, wer es sei, fühlte er die Tür zugehalten; dadurch wurde er noch mehr veranlaßt, sie aufmachen zu wollen, und es gelang ihm endlich mit großer Anstrengung. Sowie er hineintrat, bemerkte er, daß ein Mensch aus dem Fenster auf die Gasse hinunterspringe; indem er nun sehr schnell nacheilen wollte, um ihn festzuhalten oder zu erkennen, konnte er weder das eine noch das andere ausrichten, denn Leonella umfaßte ihn und sagte: »Seid ruhig, gnädiger Herr, erzürnt Euch nicht und geht dem nicht nach, der dort hinuntersprang; die Sache betrifft mich, denn er ist mein Mann.«

Anselmo wollte ihr nicht glauben, sondern ergriff blind vor Zorn seinen Dolch, um Leonella niederzustechen, wobei er sagte, sie solle die Wahrheit bekennen oder er würde sie sogleich umbringen. Sie, voll Furcht, ohne zu wissen, was sie spräche, sagte: »Bringt mich nicht um, Señor, denn ich will Euch Sachen von solcher Wichtigkeit bekennen, wie Ihr Euch nicht vorstellen könnt.«

»Sogleich bekenne sie«, rief Anselmo aus, »wenn du nicht des Todes sein willst.«

»Jetzt ist es mir unmöglich«, sagte Leonella, »denn ich bin zu sehr erschrocken, laßt mir bis morgen früh Zeit, so sollt Ihr erfahren, was Euch in Erstaunen setzen wird; aber seid versichert, daß derjenige, der aus dem Fenster sprang, ein junger Mensch hier aus der Stadt ist, der mir die Hand darauf gegeben hat, mich zu heiraten.«

Anselmo gab sich hiermit zufrieden und bewilligte ihr die Frist, um die sie bat, denn er glaubte nicht, gegen Camilla etwas zu hören, weil er von ihrer Vortrefflichkeit zu sehr überzeugt war; er ging also aus dem Zimmer, in das er Leonella verschloß, indem er ihr ankündigte, daß sie es nicht verlassen werde, bis sie ihm alles gesagt, was sie ihm zu vertrauen habe. Er ging sogleich zu Camilla und erzählte ihr alles, was sich mit dem Mädchen zugetragen hatte und wie sie ihm versprochen, ihm wichtige und äußerst erhebliche Sachen zu entdecken. Ob Camilla erschrak oder nicht, ist keine Frage, denn sie wurde so sehr von Furcht und Bestürzung überfallen, weil sie mit aller Wahrscheinlichkeit glaubte, daß Leonella dem Anselmo alles von ihrer Untreue erzählen würde, daß sie keinen Mut übrigbehielt, um abzuwarten, ob ihr Argwohn gegründet oder ungegründet sei, sondern noch in der nämlichen Nacht, als Anselmo eingeschlafen war, nahm sie ihre besten Kleinodien und etwas Geld und ging so, ohne von jemandem bemerkt zu werden, aus dem Hause, worauf sie sich sogleich zu Lotario begab, dem sie alles erzählte und ihn bat, sie zu verbergen oder daß sie beide irgendwo hingehen möchten, wo sie vor Anselmo sicher sein könnten. Die Verwirrung, in die Lotario durch Camilla gesetzt wurde, war so groß, daß er kein Wort hervorbringen konnte und noch weniger wußte, wozu er sich entschließen sollte. Endlich schlug er vor, Camilla in ein Kloster zu bringen, von dem die Priorin seine Schwester war. Camilla willigte ein, und mit der Eile, die die Lage der Sache forderte, brachte er sie dorthin und ließ sie im Kloster, er selbst aber verließ die Stadt, ohne irgend jemandem Nachricht davon zu geben.

[323] Als es Tag wurde, stand Anselmo auf; ohne zu bemerken, daß Camilla an seiner Seite fehle, ging er sogleich nach dem Zimmer, in welches er Leonella verschlossen hatte, begierig, das zu erfahren, was sie ihm entdecken wollte. Er schloß auf und ging hinein, fand aber Leonella nicht, sondern sah außerhalb des Fensters aneinandergeknüpfte Tücher, ein deutliches Zeichen, daß sie sich daran heruntergelassen habe. Traurig ging er zurück, um Camillen diese Botschaft zu bringen, da er sie aber weder im Bette noch im ganzen Hause fand, stand er wie erstarrt. Er fragte die Dienerschaft, aber keiner konnte ihm Nachricht geben. Da er noch nach Camillen suchte, traf er die eröffneten Schränke und sah, daß ihm der größte Teil seiner Juwelen fehle, und hiermit befiel ihn die völlige Überzeugung seines Unglücks, und daß Leonella nicht die Ursache seines Elendes sei. So wie er war, ohne sich völlig anzukleiden, ging er aus, um seinem Freunde Lotario von seinem Schicksale Nachricht zu geben; da er aber auch diesen nicht fand und ihm die Diener sagten, daß er in dieser Nacht sein Haus verlassen und alles Geld mit sich genommen habe, glaubte er wahnsinnig zu werden; als er nun zuletzt in sein eigenes Haus zurückkehrte, fand er auch dort keinen einzigen von seinen Dienern oder Mägden, sondern das Haus stand wüst und öde. Er wußte nicht, was er sagen, denken oder tun sollte, und nach und nach verließ ihn das Bewußtsein. In einem Augenblicke sah er sich von Gattin, Freund und Dienerschaft verlassen, nach seinem Gefühl vom Himmel verhöhnt, der ihn bedeckte, und aller Ehre entblößt, denn in Camillens Entweichung fand er ihren Untergang. Nach einer geraumen Zeit entschloß er sich endlich, sich zu seinem Freunde auf dem Dorfe zu begeben, wo er sich aufgehalten, als er den Plan zu seinem eigenen Verderben eingeleitet hatte. Er verschloß die Türen seines Hauses, stieg zu Pferde und begab sich mit schnellster Eile auf den Weg; er hatte aber noch nicht die Hälfte seiner Reise zurückgelegt, als er, von seinen Vorstellungen überwältigt, gezwungen war, abzusteigen und das Pferd an einen Baum zu binden, an dessen Stamm er mit heftigen und schmerzvollen Seufzern nieder sank und dort liegenblieb, bis es Abend wurde; um diese Zeit sah er einen Menschen zu Pferde von der Stadt herkommen, und nachdem er ihn gegrüßt, fragte er, was es in Florenz Neues gäbe.

Der aus der Stadt antwortete: »Das Seltsamste, was sich wohl seit langer Zeit mag zugetragen haben; denn man sagt öffentlich, daß Lotario, der vertraute Freund des reichen Anselmo, in dieser Nacht Camilla, die Frau Anselmos, entführt habe, der auch nicht zu finden ist; alles dieses hat eine Magd Camillas ausgesagt, die in der Nacht der Statthalter hat aufgreifen lassen, indem sie sich eben an Tüchern aus den Fenstern des Hauses herabgelassen hat; genau kann ich nicht sagen, wie sich die Geschichte zugetragen hat, aber die ganze Stadt ist über diese Begebenheit in Erstaunen, denn dergleichen ließ sich nicht von der zärtlichen Freundschaft der beiden erwarten, die man nur immer vorzugsweise die beiden Freunde nannte.«

»Wißt Ihr vielleicht«, fragte Anselmo, »welchen Weg Lotario und Camilla genommen haben?«

»Nicht das mindeste«, antwortete der aus der Stadt, »obgleich der Statthalter allen möglichen Fleiß hat anwenden lassen, um sie aufzusuchen.«

»Geleit Euch Gott, mein Herr«, sagte Anselmo. »Er beschütze Euch«, antwortete jener und ritt weiter.

Durch diese unglückseligen Nachrichten kam es nun nach und nach mit Anselmo so weit, daß er nicht nur den Verstand verlor, sondern auch sein Leben beschloß. Er erhob sich, so gut er konnte, und erreichte die Wohnung seines Freundes, der noch von seinem Mißgeschick nichts wußte; da er ihn aber bleich, entstellt und hohläugig sah, nahm er wohl daraus an, daß ihm irgendein großes Unglück zugestoßen sein müsse. Anselmo bat gleich, daß man ihn zu Bett bringen und ihm eine Anstalt zum Schreiben machen möchte. Man tat es, man ließ ihn im Bett und allein, denn das hatte er auch befohlen, ja sogar, daß man die Tür verschließen möchte.

[324] Wie er sich nun allein befand, stellte er sich sein ganzes Elend mit solcher Lebhaftigkeit dar, daß er deutlich fühlte, wie sein Leben zu Ende gehe, deshalb nahm er sich vor, eine Nachricht von der Ursache seines wunderbaren Todes zu hinterlassen; er fing daher an zu schreiben, aber noch ehe er seinen Entschluß ausgeführt, entging ihm der Atem, und er überließ sein Leben der Qual, die ihm sein grübelnder Fürwitz verursacht hatte.

Als der Herr des Hauses sah, daß es spät wurde und daß Anselmo nicht rief, beschloß er, in das Zimmer zu gehen, um zu erfahren, ob seine Unpäßlichkeit vielleicht zugenommen habe; er fand ihn mit dem Gesichte herabgesunken, den Körper halb im Bette und halb auf dem Schreibtische, auf dem ein beschriebenes Blatt lag; die Feder hielt er noch in der Hand. Der Hausherr ging auf ihn zu und rief ihn, dann schüttelte er seine Hand, da er aber sah, daß jener nicht antwortete, auch fühlte, wie er kalt war, begriff er, daß er gestorben sei. Er verwunderte und entsetzte sich sehr und rief die Leute in seinem Hause herbei, um zu sehen, was dem Anselmo zugestoßen sei; endlich las er auch das Blatt, welches er für seine Handschrift erkannte und das folgende Worte enthielt:


Ein törichtes und fürwitziges Verlangen hat mir das Leben geraubt. Wenn die Nachricht von meinem Tode zu Camillas Ohren kommt, so soll sie wissen, daß ich ihr vergebe, denn sie war nicht verpflichtet, Wunder zu tun, wie ich auch nicht berechtigt war, diese von ihr zu verlangen; da ich nun selbst meine Schande veranlaßt, so ist es – – –


So weit hatte Anselmo geschrieben, so daß man sehen konnte, er hatte, ehe er den Perioden hatte beendigen können, sein Leben geendigt.

Am andern Tage gab sein Freund den Verwandten Anselmos Nachricht von seinem Tode, die schon sein Unglück kannten und auch das Kloster wußten, in dem sich Camilla aufhielt, auch schon beinahe im Begriff, ihren Gemahl auf jener erzwungenen Reise zu begleiten, nicht deshalb, weil sie seinen Tod vernommen, sondern wegen dessen, was sie von ihrem abwesenden Freunde erfuhr. Ob sie gleich Witwe war, so wollte sie doch das Kloster nicht verlassen, noch weniger aber Nonne werden, bis sie – schon nach einigen Tagen – die Nachricht bekam, daß Lotario in einer Schlacht geblieben sei, die damals Monsieur de Lautrec dem Großen Feldherrn Gonzalo Fernandez de Kordova im Königreiche Neapel lieferte, wohin sich der zu spät bereuende Freund begeben hatte. Als Camilla dies erfuhr, ließ sie sich einkleiden und endigte nach wenigen Tagen ihr trauriges Leben, von ihren Schmerzen besiegt.

Dies war das Ende, das alle nahmen und das aus einem so unseligen Anfange entstand.


»Die Novelle«, sagte der Pfarrer, »gefällt mir; doch kann ich unmöglich glauben, daß sie wahr sei; ist sie aber erfunden, so hat sie der Verfasser schlecht erfunden, denn man kann sich keinen so törichten Mann denken, der eine so gefährliche Probe wie Anselmo anstellen sollte. Wäre diese Begebenheit zwischen einem Liebhaber und seiner Dame vorgefallen, so wäre es zu ertragen, aber zwischen Mann und Weib scheint es mir durchaus unmöglich; was aber die Art betrifft, wie die Geschichte erzählt ist, so hat mir daran nichts mißfallen.«

Fünftes Kapitel
[325] Fünftes Kapitel.

Erzählt andere sehr wunderbare Begebenheiten, die sich in der Schenke zutrugen.


Indem rief der Wirt, der in der Tür der Schenke stand: »Da kömmt ein schöner Trupp von Gästen gezogen, wenn die hier einkehren wollen, so können wir gaudeamus rufen!«

»Was sind es für Leute?« fragte Cardenio.

»Vier Männer«, antwortete der Wirt, »reiten zu Pferde und mit kurzen Bügeln, sie führen Lanze und Schild, und alle haben schwarze Masken vor; mit ihnen kömmt ein Frauenzimmer, weiß gekleidet, die auf einem Damensattel sitzt, auch ihr Gesicht ist verhüllt, und dann folgen noch zwei Burschen zu Fuß.«

»Sind sie schon nahe?« fragte der Pfarrer.

»So nahe«, antwortete der Wirt, »daß sie schon da sind.«

Als Dorothea das hörte, bedeckte sie ihr Gesicht, und Cardenio ging in Don Quixotes Gemach; sie hatten dies kaum getan, als alle diejenigen in die Schenke hereintraten, die der Wirt beschrieben hatte; die vier Ritter, die ein sehr feines Ansehen hatten, stiegen ab und hoben dann die Dame vom Sattel herunter; einer von ihnen empfing sie in den Armen und führte sie zu einem Sessel, der vor dem Gemache stand, in das sich Cardenio zurückgezogen hatte. In dieser ganzen Zeit nahm keiner von ihnen allen die Maske ab, auch sprach keiner ein Wort; nur die Dame, die sich in den Sessel gesetzt hatte, stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ die Arme niedersinken, wie jemand, der sich krank und ohnmächtig fühlt. [326] Die Burschen, die zu Fuß folgten, brachten indes die Pferde in den Stall. Der Pfarrer, der dies sah und gern wissen wollte, wer die Leute wären, die in diesem Aufzuge und so stillschweigend reisten, ging den Burschen nach und befragte den einen um das, was er gern erfahren hätte, der ihm folgende Antwort gab: »Mein' Seel', Herr, ich kann Euch nicht sagen, wer die Leute sind, nur das weiß ich wohl, daß sie vornehm sind, besonders der eine, der die Dame, wie Ihr gesehen habt, in die Arme nahm; ich glaube es deshalb, weil ihm die andern große Achtung erweisen und auch alles nach seinen Befehlen geschieht.«

»Und wer ist denn die Dame?« fragte der Pfarrer.

»Das kann ich ebensowenig sagen«, antwortete der Bursche, »denn ich habe noch auf der ganzen Reise ihr Gesicht nicht gesehen; nur höre ich sie oft seufzen und so ächzen, als wenn sie mit jedem Seufzer den Geist aufgeben wollte; es ist auch kein Wunder, daß wir so gar nichts von ihnen wissen, denn mein Kamerad und ich, wir sind nur erst seit zwei Tagen in ihrer Gesellschaft, wir sind ihnen unterweges begegnet, und sie haben uns zugeredet, mit ihnen bis nach Andalusien zu gehen, wofür sie uns gut bezahlen wollen.«

»Und habt Ihr den Namen von keinem unter ihnen gehört?« fragte der Pfarrer.

»Durchaus nicht«, antwortete der Bursche, »denn sie reisen alle in solcher Stille, daß es zum Erstaunen ist, denn man hört keinen andern Laut als das Seufzen und Schluchzen der armen Dame, das uns zum Mitleiden bewegt; ich glaube auch, daß sie nur mit Zwang dahin geht, wohin sie soll, und soviel ich aus ihrem Anzuge schließen kann, ist sie eine Nonne oder soll es noch werden, was mir wahrscheinlicher vorkömmt; und vielleicht entsteht ihre Traurigkeit eben daher, weil ihr das Nonnenwerden nicht sonderlich ansteht.«

»Das ist alles wohl möglich«, sagte der Pfarrer und verließ sie, indem er sich wieder dahin verfügte, wo sich Dorothea befand. Diese, die auch das Seufzen der Verschleierten gehört hatte, von natürlichem Mitleiden angetrieben, ging zu ihr und fragte sie: »Was ist Euch, Señora, fehlt Euch etwas, worin Euch die Erfahrung eines Weibes behülflich sein kann, so biete ich hiermit meinen besten Willen zu Euren Diensten an.«

Die betrübte Dame antwortete hierauf nicht, und obgleich Dorothea noch größere Höflichkeiten hinzufügte, so brach sie doch nicht ihr Schweigen, bis sich jener maskierte Ritter nahte, von dem der Bursche erzählt hatte, daß ihm die übrigen gehorchten, und zu Dorothea sagte: »Bemüht Euch nicht damit, meine Dame, diesem Frauenzimmer irgend Artigkeiten zu erweisen, denn es ist ihre Gewohnheit, Freundschaft mit Unerkenntlichkeit zu vergelten, bewegt sie auch nicht zu antworten, wenn Ihr nicht eine Lüge aus ihrem Munde hören wollt.«

»Nie hab ich eine gesprochen«, rief sogleich die, die bisher geschwiegen hatte, »sondern vielmehr weil ich zu aufrichtig und ohne lügenhafte List lebe, befinde ich mich in meinem gegenwärtigen Unglück, und das müßt Ihr selbst bezeugen, denn meine reine Wahrhaftigkeit hat Euch falsch und zum Lügner gemacht.«

Cardenio hörte diese Worte deutlich und vernehmlich, weil er sich der Sprechenden ganz nahe befand, denn nur durch die Tür von Don Quixotes Gemach war er von ihr gesondert, und sowie er sie hörte, rief er mit überlauter Stimme: »Heiliger Gott! Was hör ich? Welche Stimme dringt in meine Ohren?«

Auf dieses Geschrei drehte sich die Dame mit Entsetzen um, und da sie niemanden sah, stand sie auf, um in das Gemach hineinzugehen; kaum aber hatte der Ritter dies bemerkt, als er sie zurückhielt, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Sie, verwirrt und erschrocken, wie sie war, ließ den seidenen Schleier fallen, der ihr Gesicht bedeckte, und entdeckte dadurch eine unvergleichliche Schönheit und ein wunderwürdiges Antlitz, obgleich blaß und mit verzückten Mienen, denn sie rollte in der schnellsten Bewegung ihre Augen nach allen Seiten umher, daß man sie für eine Wahnsinnige halten mußte, [327] wodurch Dorothea sowie die übrigen, die zugegen waren, innig gerührt wurden. Mit aller Kraft hielt sie der Ritter bei den Schultern zurück, und da er so beschäftigt war, konnte er seine Maske nicht halten, die herabzufallen drohte und die nun auch wirklich auf die Erde fiel; und indem Dorothea, die die Dame umfaßt hielt, die Augen aufschlug, sah sie, daß der Ritter, der sie ebenfalls umfaßte, ihr Gemahl Don Fernando war, und kaum hatte sie ihn erkannt, so stieß sie aus ihrer innersten Brust ein langes und herzdurchdringendes Ach! und fiel hinterrücks ohnmächtig nieder, so daß sie auf den Boden gestürzt wäre, wenn der Barbier, der daneben stand, sie nicht in seinen Armen aufgefaßt hätte.

Der Pfarrer lief sogleich hinzu und nahm ihr die Maske ab, um ihr Wasser in das Gesicht zu spritzen, und in demselben Augenblicke erkannte sie auch Don Fernando, der die andere Dame in seinen Armen hielt, und wäre fast gestorben, als er sie sah, doch ließ er deswegen Luzinden nicht los, die sich aus seinen Armen zu wickeln strebte, denn sie hatte Cardenio an der Stimme, wie er sie, erkannt. Zugleich vernahm Cardenio den Ausruf, den Dorothea ausstieß, als sie ohnmächtig niedersank, und glaubte, daß es seine Luzinde sei; er brach also mit Entsetzen aus dem Gemach, und das erste, was er erblickte, war Don Fernando, der Luzinden in den Armen hielt. Auch Don Fernando erkannte sogleich Cardenio, und alle drei, Luzinde, Cardenio und Dorothea, standen stumm und erstaunt, als wenn sie sich nicht besinnen könnten, was ihnen begegnet sei. Alle schwiegen, und alle schauten sich an, Dorothea den Don Fernando, Don Fernando den Cardenio, Cardenio Luzinden und Luzinde den Cardenio; wer aber zuerst das Schweigen brach, war Luzinde, die so zu Don Fernando redete: »Laßt mich los, Don Fernando, um dessentwillen, was Ihr Euch selber schuldig seid, wenn Ihr es auch aus keiner andern Rücksicht tun wollt, daß ich mich um die Mauer schlinge, deren Efeu ich bin und von der mich sowenig Eure Bewerbung wie Drohungen, Versprechungen und Geschenke losreißen konnten; seht, wie mich der Himmel auf wunderbaren und unbekannten Wegen zu meinem wahren Gemahl geführt hat; und Ihr wißt ja durch tausend teure Erfahrungen, daß nur der Tod allein imstande ist, ihn aus meinem Gedächtnisse zu vertilgen; dies wiederhole ich jetzt noch einmal, damit Ihr – wenn Ihr nicht anders könnt – Eure Liebe in Wut, Eure Zuneigung in Haß verwandelt und mir so das Leben nehmt, das ich doch nicht für verloren achte, wenn ich es hier vor meinem teuren Gemahl aufopfre; dann überzeugt ihn wohl mein Tod von der Treue, die ich ihm bis zum letzten Atemzuge meines Lebens bewahrt habe.«

Dorothea war indessen zu sich gekommen und hatte alles gehört, was Luzinde sagte; daraus erfuhr sie, wer sie sei, und da sie sah, daß Don Fernando sie immer noch nicht aus seinen Armen ließ, ihr auch nicht antwortete, nahm sie alle ihre Kraft zusammen, stand auf und kniete vor seinen Füßen nieder, und unter Vergießung vieler schönen und rührenden Tränen fing sie also an zu reden: »Wenn nicht, mein Gebieter, die Strahlen der Sonne, die du verdunkelt in deinen Armen hältst, deinen Augen alles Licht geraubt haben, so hast du schon gesehen, daß diejenige, die jetzt zu deinen Füßen kniet, die unglückliche Dorothea ist, die elend bleiben wird, solange du es beschließest. Ich bin jenes demütige Landmädchen, die du durch deine Güte oder Liebe so hoch emporheben wolltest, daß sie sich die Deinige nennen dürfte; ich bin die, die von den Grenzen der Sittsamkeit beschränkt, ein zufriedenes Leben lebte, bis sie auf deine ungestüme Bitten und auf deine ernsthaft scheinende Liebe die Tore ihrer Einsamkeit öffnete und dir die Schlüssel ihrer Freiheit übergab: ein Geschenk, das du schlecht erkanntest, wie man deutlich sehen kann, da ich gezwungen bin, daß du mich hier findest, wo du mich fandest, daß ich dich so wiedersehe, wie ich dich wiedersehe, aber darum muß der Gedanke nicht in deine Seele kommen, daß mich meine Unehre hierher geführt, nein, nur der Schmerz, mich von dir vergessen zu sehen, hat mich so weit gebracht. Du wolltest, ich sollte die Deinige sein, und wolltest es so, daß, wenn du es nun auch nicht mehr willst, du dennoch immer der Meinige bleiben mußt; erwäge, mein Geliebter, daß [328] für die Schönheit und den Adel, um derentwillen du mich verlässest, meine innigste Liebe dir ein Ersatz ist; du kannst der schönen Luzinde nicht angehören, denn du bist mein, sie kann nicht dein werden, denn sie gehört dem Cardenio; wie viel ist es also leichter, deine Zuneigung zu der zurückzuführen, die dir mit Liebe entgegenkommt, als diejenige, die dich haßt, so umzuwandeln, daß sie dich lieben könnte. Ich lebte eingezogen und du warbest um mich, du flehtest mich an, die ich tugendhaft war, dir war nicht unbekannt, wer ich sei, du weißt wohl, auf welche Weise ich mich gänzlich deinem Willen ergab, so daß dir keine Ausrede irgendeines Irrtumes übrigbleibt; wenn dem nun so ist, wie du nicht leugnen kannst, und du ebenso Christ wie Ritter bist, warum zögerst du nun auf so weiten Umwegen, mich am Schluß so glücklich zu machen, wie du es im Beginnen tatest? Willst du mich aber nicht zu dem machen, was ich bin, nämlich deine wahrhaftige und rechtmäßige Gemahlin, so nimm mich wenigstens zu deiner Sklavin an, denn wenn ich dir nur angehöre, bin ich zufrieden und beglückt; nicht dulde es, daß ich so verlassen und einsam sei, daß, mich zu entehren, Spott und Hohn über mich ausgeschüttet werde; du darfst meinen Eltern kein so unglückseliges Alter zubereiten, denn das verdient die Treue nicht, die sie dir immer als wackere Untertanen gezeigt haben; meinst du aber, daß du dein Blut durch die Verbindung mit mir entehrst, so bedenke, daß es vielleicht keinen Adel in der Welt gibt, der unvermischt geblieben, auch daß die Frauen keiner adeligen Familie Unehre bringen können, um so mehr, da der wahre Adel in der Tugend besteht, und wenn diese dir fehlt, indem du mir das versagst, was mir mit allem Rechte gebührt, so fühle ich mich edler, als du es jemals werden kannst. Alles, was ich dir, Señor, sagen kann, ist, daß ich deine Gemahlin bin, du magst es wollen oder nicht, dies bezeugt dein Wort, das nicht falsch sein kann noch darf, wenn du nämlich jene Hoheit an dir schätzest, deren Mangel du an mir geringschätzest; der Schwur bezeugt es, den du mir gabst, der Himmel, den du zum Zeugen deiner Versprechungen anriefst; am meisten aber dein eigenes Bewußtsein, welches dich in jedem Vergnügen anreden und dir die Wahrheiten wiederholen wird, die ich gesagt habe, und dich so in jeder Freude, in jedweder Entzückung stören.«

Die gerührte Dorothea sagte dies und noch mehr mit solcher Empfindung und unter Vergießung so häufiger Tränen, daß selbst die Gefährten des Don Fernando sowie alle, die zugegen waren, auf das innigste bewegt wurden. Don Fernando hörte sie an, ohne ein Wort zu sagen, bis sie endlich schluchzend und mit herzlichen Seufzern ihre Rede beschloß, daß es ein ehernes Herz hätte sein müssen, das nicht von diesen heftigen Äußerungen des Schmerzes erschüttert wäre. Luzinde stand und betrachtete sie, von ihrem Unglück gerührt und über ihre Schönheit wie über ihren Verstand verwundert; sie wollte endlich zu ihr gehen, um ihr einige tröstende Worte zu sagen, aber Don Fernando ließ sie nicht, sondern hielt sie immer noch in seinen Armen eingeschlossen. Er, voller Verwirrung und Erstaunen, nachdem er lange Dorothea mit großer Aufmerksamkeit beschaut hatte, öffnete die Arme, ließ Luzinden fahren und rief: »Du hast gesiegt, schöne Dorothea, du hast gesiegt, denn kein Herz kann sich so vielen vereinigten Wahrheiten verschließen!« Die erschöpfte Luzinde, als sie von Don Fernandos Armen frei war, war im Begriff zu Boden zu fallen, aber Cardenio, der sich hinter Don Fernando gestellt hatte, damit jener ihn nicht kennen sollte, ließ nun alle Furcht fahren, indem er sich auf alles gefaßt machte, er nahm Luzinden in seine Arme und sprach: »Will dich der heilige Himmel von deinem Unglück erlösen, du meine rechtmäßige Gattin, du meine getreue und schöne Gebieterin, so sollst du nirgend so sicher ruhen als in diesen Armen, die dich jetzt aufnehmen, wie sie dich dann aufnehmen werden, wenn es das Glück mir vergönnt, dich völlig die Meinige zu nennen.«

Bei diesen Worten warf Luzinde ihre Augen auf Cardenio, und wie sie ihn erst an der Stimme erkannt hatte, so erkannte sie ihn jetzt völlig an seiner Gestalt, und ohne alle weitere Rücksicht schlug sie [329] nun die Arme um Cardenio, küßte ihn auf den Mund und rief: »Ja, Ihr seid mein Gebieter, der rechtmäßige Herr Euerer Dienerin, wenn sich das Schicksal auch noch härter widersetzen und diesem Leben, das an dem Eurigen hängt, noch grimmiger drohen sollte!«

Dieses war ein überraschendes Schauspiel für Don Fernando sowie für alle Gegenwärtigen, die sich über diese plötzliche Erkennung verwunderten. Dorothea bemerkte, wie Don Fernando die Farbe verlor und Miene machte, Cardenio anzufallen, denn er griff mit der Hand nach dem Degen, indem aber warf sie sich schon in der größten Schnelligkeit nieder und umfaßte seine Knie, die sie drückte und küßte, so daß er sich nicht regen konnte, und sagte unter tausend Tränen: »Was willst du bei diesem plötzlichen Vorfall, o du mein einziges Glück, unternehmen? Zu deinen Füßen liegt deine Gattin, und diejenige, die du erwählen willst, ist in den Armen ihres Gemahls; du kannst es nicht wollen, ja es ist dir unmöglich, das zu trennen, was der Himmel verbunden hat; wie kannst du diejenige zur Deinigen machen wollen, die, jedes Übel verschmähend, die Wahrheit ihrer Aussage bekräftigt und vor deinen Augen dasteht, Augen und Wangen naß von den Freudentränen ihres wahrhaftigen Gemahls? Um Gottes willen, um deinetwillen flehe ich dich an, laß dies nicht deinen Zorn in dir entflammen, sondern dulde vielmehr friedlich, daß diese beiden Liebenden sich so lange besitzen, als es ihnen der Himmel gönnt, und zeige hierin die Großmut deines hohen Herzens, damit die Welt gewahr werde, daß die Vernunft über dich mehr als die Leidenschaft vermöge.«

Indem Dorothea dieses sprach, verließ Cardenio, ob er gleich Luzinden umarmt hielt, den Don Fernando nicht mit den Augen, entschlossen, sobald er nur eine verdächtige Bewegung merkte, sich nach allen seinen Kräften zu verteidigen, falls ihm auch alle entgegen wären und wenn er selbst das Leben darüber verlöre. Aber die Freunde des Don Fernando kamen herbei, nebst dem Pfarrer und Barbier, die immer zugegen gewesen waren, selbst ohne Ausnahme des wackern Mannes Sancho Pansa, und alle umgaben den Don Fernando und baten ihn, auf Dorotheas Tränen zu achten und sie nicht in ihren gerechten Hoffnungen zu täuschen, wenn anders das wahr sei, was sie gesprochen habe, wie sie doch nicht zweifeln könnten; er möchte erwägen, daß es gewiß nicht Zufall, sondern eine besondere Schickung des Himmels sei, daß sie sich alle an einem Orte getroffen hätten, wo sie es am wenigsten vermuten konnten. Der Pfarrer fügte hinzu, daß er glauben möchte, Cardenio und Luzinde könnten nur durch den Tod geschieden werden, ja wenn sie selbst die Schneide des Schwertes trennte, so würden sie ihren Tod doch glücklich preisen; in Dingen, die sich nicht ändern ließen, sei es die größte Weisheit, sich selbst zu besiegen und ein edles Gemüt zu zeigen, daher solle er durch seinen freien Willen das Glück von beiden bestätigen, welches ihnen der Himmel schon gegönnt habe; zugleich möchte er die Augen auf die Schönheit der Dorothea wenden, mit der sich wenige oder wohl keine vergleichen dürften, viel weniger sie überträfen, mit ihrer Schönheit solle er ihre Demut und die zärtliche Liebe zu ihm erwägen; vorzüglich aber, daß er sich rühme, Ritter und Christ zu sein, und wie er deshalb sein gegebenes Wort erfüllen müsse, und wenn er es erfülle, habe er seine Pflicht gegen Gott erfüllt wie den Beifall aller edlen Menschen gewonnen, die es wohl einsehen, daß Schönheit auch im niedrigen Stande, wenn sie die Tugend zur Gefährtin hat, sich allerdings erheben dürfe und sich der Hoheit gleichstellen, ohne daß derjenige darunter litte, der sich erhebe und sich selber gleichmachte; und darüber, daß einer den heftigen Forderungen der Leidenschaft gehorche, wenn es keine Sünde sei, dürfe niemand getadelt werden.

Zu diesen Gründen fügten die übrigen noch andre und so dringende hinzu, daß die starke Brust des Don Fernando, mit edlem Blute erfüllt, endlich erweicht ward und sich von der Wahrheit besiegen ließ, die er nicht leugnen konnte, wenn er auch gewollt hätte. Zum Zeichen seiner Nachgebung umarmte er Dorothea und sagte: »Steht auf, meine Gebieterin, denn es ziemt sich nicht, daß die zu meinen Füßen [330] kniee, die ich in meiner Seele trage, wenn ich mich aber bis jetzt anders gezeigt habe, so geschah es vielleicht nach dem Willen des Himmels, damit ich sehen sollte, mit welcher Treue Ihr mich liebt, und ich Euch so schätzen mußte, wie Ihr es verdient; jetzt bitte ich Euch, mir mein bisheriges übles Betragen nicht zum Vorwurf zu machen, denn dieselbe Gewalt, die mich jetzt zwingt, Euch als die Meinige zu erkennen, hat mich bis hierher zurückgehalten, nicht der Eurige zu sein, und daß dieser Ausspruch Wahrheit sei, so betrachtet nur die Augen der vergnügten Luzinde, und Ihr werdet in ihnen die Entschuldigung aller meiner Fehler finden; da sie nun gefunden hat, was sie von Herzen wünschte, so wie ich Euch, mein höchstes Glück, gefunden habe, so mag sie auch sicher und vergnügt viele Jahre mit ihrem Cardenio leben, so lange, wie ich den Himmel auf meinen Knien bitten will, daß er mich an der Seite meiner Dorothea leben lasse.« Nach diesen Worten umarmte er sie von neuem und küßte sie mit so inniger Zärtlichkeit, daß er mit Gewalt die Tränen zurückhalten mußte, die beinah aus seinen Augen brachen, um seine Liebe und Reue unbezweifelt zu bezeugen. Cardenio und Luzinde aber taten sich diese Gewalt nicht an, ebensowenig die übrigen, die zugegen waren, sondern alle fingen an so zu weinen, jene über ihr Glück, diese vor Freuden darüber, daß es nicht anders schien, als ein großes Leid habe sie alle plötzlich betroffen; selbst Sancho Pansa weinte, ob er gleich nachher gestanden, daß er es nur darum getan habe, weil Dorothea nicht, wie er geglaubt, Königin des Mikomikonischen Reiches sei, von der er so große Belohnungen erwartet hatte.

Das Weinen und die Verwunderung währte bei allen einige Zeit, dann warfen sich Cardenio und Luzinde zu den Füßen Don Fernandos nieder und dankten ihm in so edlen Ausdrücken für seine Güte, daß Don Fernando nicht antworten konnte, sondern sie aufhob und mit der größten Liebe und Artigkeit umarmte. Dann fragte er sogleich Dorotheen, wie sie an diesen Ort gekommen, der von ihrer Heimat so entfernt sei. Sie erzählte ihm in verständiger Kürze alles, was sie erst dem Cardenio erzählt hatte, wodurch Don Fernando und alle, die mit ihm gekommen waren, so bezaubert wurden, daß sie wünschten, die Erzählung hätte länger gedauert, mit so großer Anmut wußte Dorothea ihre Unfälle vorzutragen. Als sie geendet hatte, trug Don Fernando das vor, was sich in der Stadt zugetragen hatte, nachdem er in Luzindens Busen jenes Blatt gefunden, wodurch sie erklärte, daß sie Cardenios Gemahlin sei und die seinige nicht werden könne; er habe sie umbringen wollen, erzählte er, und hätte es auch getan, wenn ihn ihre Eltern nicht zurückgehalten hätten, so habe er erzürnt und wütend das Haus verlassen, mit dem festen Vorsatze, sich zu rächen; am folgenden Tage habe er erfahren, wie Luzinde in dem Hause ihrer Eltern vermißt werde, ohne daß einer zu sagen gewußt, wohin sie gekommen sei, nach dem Verlauf von einigen Monaten aber habe er die Nachricht erhalten, daß sie sich in einem Kloster befinde, entschlossen, dort zeitlebens zu bleiben, wenn sie nicht mit Cardenio leben könne; sowie er dies erfahren, habe er sich mit jenen drei Rittern aufgemacht und sich nach ihrem Aufenthalte begeben, er habe sie aber nicht zu sprechen gesucht, um nicht größere Achtsamkeit im Kloster zu erregen, wenn man gewußt, daß er sich dort befinde; er habe hierauf einen Tag wahrgenommen, als das Tor offengestanden, zwei hätten die Tür bewachen müssen, und er habe dann mit dem dritten Gehülfen Luzinden im Kloster gesucht, sie im Kreuzgange im Gespräch mit einer Nonne gefunden und sie augenblicklich fortgeführt, bis sie an einen Ort gekommen, wo sie Anstalten haben machen können, sie auf eine bessere Art fortzubringen; dies alles hätten sie mit völliger Sicherheit ausführen können, denn das Kloster sei mitten im Felde und fern vom Dorfe gelegen. Sowie sich Luzinde in seiner Gewalt sah, verlor sie ihr Bewußtsein, und als sie wieder zu sich kam, tat sie nichts als weinen und schluchzen, ohne ein einziges Wort zu sprechen; so schweigend und weinend hatten sie sie bis zu dieser Schenke begleitet, in der sie den Himmel erreicht zu haben meinte, weil hier alles Unglück der Erde seine Endschaft gefunden.

Sechstes Kapitel
[331] Sechstes Kapitel.

Enthält die Fortsetzung der Geschichte der berühmten Mikomikonischen Infantin, nebst andern lustigen Abenteuern.


Alles dieses hatte Sancho mit dem tiefsten Schmerze seiner Seele angehört, denn er sah, daß die Hoffnungen auf seine Herrschaft verschwanden und in den Brunnen fielen und daß die treffliche Mikomikonische Prinzessin sich in Dorothea und der Riese in Don Fernando verwandelten, indes sein Herr, um diesen Hergang unbekümmert, fest schlief, ohne an etwas Böses zu denken. Dorothea konnte sich immer noch nicht versichern, ob ihr Glück nicht etwa nur ein Traum sei, ebenso dachte Cardenio, und Luzinde war in derselben Stimmung. Don Fernando dankte dem Himmel für die Gnade, die er ihm hatte widerfahren lassen, daß sie ihn aus jenem verwickelten Labyrinthe erlöst, in welchem er so leicht seine Ehre und seine Seele auf das Spiel setzen konnte, und kurz, alle, die in der Schenke waren, waren sehr zufrieden und über den glücklichen Ausgang vergnügt, welchen alle Leiden und Widerwärtigkeiten gewonnen hatten. Der Pfarrer brachte, als ein verständiger Mann, alles in sein völliges Gleichgewicht, er wünschte jedem besonders Glück, sein Heil gefunden zu haben; am meisten aber frohlockte die Wirtin, weil ihr der Pfarrer und Cardenio das Versprechen gegeben hatten, allen Schaden, den sie um Don Quixote willen erlitten, mit Zinsen zu ersetzen.

Nur Sancho war, wie gesagt, betrübt, mutlos und niedergeschlagen, und mit diesem melancholischen Aussehen trat er zu seinem Herrn hinein, der eben aufgewacht war, und sagte: »Ihr könnt nun, gnädiger[332] Herr Traurige Gestalt, so lange schlafen, als Ihr nur Lust habt, ohne Euch darum zu kümmern, einen Riesen totzuschlagen oder die Prinzessin in ihr Reich einzusetzen, denn alles ist schon getan und vollbracht.«

»Das ist mir wohl glaublich«, antwortete Don Quixote, »denn ich habe mit dem Riesen die schrecklichste und entsetzlichste Schlacht gehalten, die ich nur in der ganzen Zeit meines Lebens zu halten gedenke; mit einem Hiebe, schwapp! schmiß ich ihm den Kopf auf die Erde, und das hervorströmende Blut war so stark, daß es nur über den Boden wie Wasser weglief.«

»Daß es wie roter Wein weglief, solltet Ihr richtiger sagen«, antwortete Sancho; »denn Ihr müßt wissen, wenn es Euch nicht schon bekannt ist, daß der umgebrachte Riese ein zerstochener Schlauch ist, das Blut war einhundert Kannen roter Wein, die er im Leibe hatte, und der abgehauene Kopf ist die Hure, die mich geboren hat, und alles zusammen mag nun der Satan holen!«

»Was spricht denn der Narr?« erwiderte Don Quixote; »bist du bei Sinnen?«

»Steht nur auf«, sagte Sancho, »so werdet Ihr wohl die schöne Bescherung sehen, die Ihr angerichtet habt, und was wir alles zu bezahlen haben und wie sich die Königin in eine gewöhnliche Dame Dorothea verwandelt hat, nebst anderen Begebenheiten, die, wenn Ihr sie nur gewahr werdet, Euch in Erstaunen setzen sollen.«

»Über nichts werde ich mich verwundern«, erwiderte Don Quixote, »denn wenn du dich anders erinnerst, so sagte ich dir, als wir uns jüngst hier befanden, daß alles, was uns hier zustieß, nur Dinge der Bezauberung seien, und es wäre nichts Sonderliches, wenn es sich jetzt wieder also befände.«

»Das würde ich alles glauben«, antwortete Sancho, »wenn meine Prellerei auch ein Ding der Art gewesen wäre, aber das war sie nicht, sondern sehr wirklich und äußerst wahrhaftig; ich sah selbst, wie der Wirt, der sich noch gegenwärtig hier befindet, den einen Zipfel des Bettuches hielt und mich mit großer Freude und Fröhlichkeit in den Himmel schmiß, wobei ich sein Lachen ebenso hörte, wie ich seine große Stärke spürte; und wenn man so die Personen kennt, so denke ich bei mir, ob ich gleich nur ein einfältiger Mensch und armer Sünder bin, daß da nichts von Zauberei darunter steckt, sondern alles nur Prellerei und schlimmes Glück ist.«

»Nun wohlauf, Gott wird uns beistehen«, sagte Don Quixote, »gib mir meine Kleider, und ich will alsbald hinaustreten und alle Begebenheiten und alle Verwandlungen ansehen, von welchen du sprichst.«

Sancho half ihn ankleiden, und während dieser Zeit erzählte der Pfarrer dem Don Fernando und den übrigen von den Torheiten des Don Quixote, und welche List sie gebraucht hätten, um ihn von dem Felsen Armut herunterzulocken, wohin er sich aus der Einbildung begeben, er sei von seiner Dame verschmäht; er erzählte ihnen zugleich die Abenteuer, die er von Sancho erfahren hatte; worüber sie sich nicht wenig verwunderten und sehr lachten, denn allen schien dies die ausschweifendste Art des Wahnsinns, die nur jemals ein zerrüttetes Hirn einnehmen könne. Der Pfarrer fuhr fort, daß, da das gute Glück der Señora Dorothea sie nun hindere, seinen ersten Vorsatz weiter durchzuführen, müsse man jetzt etwas Neues ersinnen, um ihn nach seiner Heimat zurückzubringen. Cardenio schlug vor, im ersten Anschlage fortzufahren und daß Luzinde nunmehr die Rolle der Dorothea darstellen könne.

»Nein«, sagte Don Fernando, »das ist unnötig, ich will, daß Dorothea ihre Erfindung fortsetze, denn da wir von hier nach dem Wohnorte des guten Ritters nicht weit haben, so wird es mir ein Vergnügen sein, zu seiner Herstellung etwas beizutragen. Seine Heimat ist nur zwei Tagereisen von hier. Aber wenn sie auch weiter entfernt läge, würde ich doch mit Freuden den Weg machen, um dies gute Werk zu vollbringen.«

Indem trat Don Quixote herein, mit allen seinen Harnischstücken gewappnet, mit dem Helme, [333] dem zerschlagenen des Mambrin, auf dem Haupte, am Arm den Schild und auf seine Stange oder Knüttel gestützt. Don Fernando sowie die übrigen erstaunten über das höchst seltsame Aussehen des Don Quixote, über sein Antlitz, das eine halbe Meile in der Länge betrug und dürr und bleich war, über seine ungleichen Waffenstücke und sein abgemessenes Betragen; sie schwiegen, um zu sehen, was er sagen würde. Er aber, die Augen auf die schöne Dorothea geheftet, sagte mit dem feierlichsten Anstande: »Ich habe, schöne Dame, von meinem Stallmeister in Erfahrung gebracht, wie Eure Hoheit sich vernichtet und gänzlich sich selber verstoßen habe, indem Ihr Euch aus einer bisherigen Königin und mächtigen Herrscherin in eine gewöhnliche Jungfrau verwandelt habt; ist solches auf Befehl des königlichen Nekromanten, Eures Vaters, geschehen, weil er fürchtet, daß Ihr von mir nicht die geziemende und notdürftige Hülfe erhalten könntet, so sage ich ihm, daß er wenig weiß, wovon die Rede ist, so wie er nur ein kleines in den Historien der Ritterschaft bewandert sein muß, denn hätte er sie so aufmerksam gelesen und studiert, wie ich solche seit langer Zeit studiert und gelesen habe, so würde er auf jeder Seite darauf gestoßen sein, wie andere Ritter von geringerem Ruhme, als der meinige ist, weit gefährlichere Dinge vollbracht haben, da es nichts Sonderliches ist, ein Rieslein totzumachen, sei es auch noch so trotzig, denn es ist noch nicht gar lange, daß ich mit ihm etwas vorhatte, und – – – Aber ich will schweigen, damit man mich nicht Lügen strafe; doch die Zeit, die Entdeckerin aller Dinge, wird es enthüllen, wenn man es am mindesten denkt.«

»Mit zwei Schläuchen hattet Ihr etwas vor und mit keinem Riesen!« rief der Wirt hier aus, aber Don Fernando gebot ihm Stillschweigen, daß er keinesweges die Rede Don Quixotes unterbrechen möge. Und Don Quixote fuhr also fort: »Ich sage also, erhabene und erblose Herrscherin, daß, wenn aus jener oben angeführten Ursache Euer Vater mit Eurer Person diese Metamorphose vorgenommen, Ihr ihm durchaus keinen Glauben beimessen sollt, denn es gibt keine Gefahr auf Erden, durch die sich mein Schwert nicht einen Weg zu bahnen wüßte, mit diesem will ich das Haupt Eures Feindes auf das Land legen, von welchem ich Euch das Diadem in wenigen Tagen um Eure Schläfe binden werde.«

Hier endete Don Quixote und erwartete die Antwort der Prinzessin. Diese, die schon den Willen Don Fernandos wußte, daß sie die Täuschung fortführen solle, bis man Don Quixote nach seiner Heimat gebracht, antwortete daher mit vieler Zierlichkeit und großem Ernst: »Wer es immer sei, der Euch gesagt, tapferer Ritter von der traurigen Gestalt, daß ich mich meines vorigen Zustandes entkleidet, hat Euch nicht mit Wahrheit berichtet, denn dieselbe, die ich gestern war, bin ich noch heute; es hat sich freilich eine gewisse Veränderung mit mir in einigen glücklichen Zufällen zugetragen, wodurch ich etwas Besseres erlangt habe, als ich mir nur wünschen konnte; deswegen aber habe ich das nicht zu sein aufgegeben, was ich vormals war, so wie ich noch die nämlichen Gedanken nähre, mich der Gewalt Eures gewaltigen und unüberwindlichen Armes zu bedienen, wie ich immer getan habe; also, mein gnädiger Herr, erweist dem Vater, der mich gezeugt, die ihm gebührende Ehre und haltet ihn wie vormals für einen klugen und vorsichtigen Mann, da er durch seine Wissenschaft einen so leichten und zuverlässigen Weg ausgemittelt hat, mich aus meinen Leiden zu erlösen, denn ich bin des Glaubens, daß, wenn es nicht durch Euch geschehen, ich niemals wieder zu meinem Glücke gelangt wäre, und hierin sage ich so sehr die Wahrheit, daß es die meisten dieser hier gegenwärtigen Herren bezeugen können; was uns zu tun obliegt, ist, uns morgen auf den Weg zu machen, weil wir heut nicht mehr weit reisen könnten, und was dann übrigens mein Glück betrifft, so will ich dieses Gott und der Tapferkeit Eures Herzens anheimstellen.«

Dieses sagte die verständige Dorothea; und nachdem es Don Quixote vernommen hatte, wendete er sich zu Sancho und sagte zu ihm mit den Gebärden des größten Zornes: »Jetzt sag ich, o Sancho-Bestie, daß du der größte Kapital-Halunke seist, der nur in Spanien lebt! Sprich, du Erzspitzbube [334] von Landstreicher, hast du mir nicht eben gesagt, daß diese Prinzessin sich in eine Jungfrau verwandelt habe und Dorothea heiße? und daß der Kopf, den ich nach meinem Verstande einem Riesen abgehauen, die Hure sei, die dich geboren, nebst anderen Tollheiten, die mich in die größte Verwirrung gebracht, in der ich mich nur zeit meines Lebens befunden habe? Aber ich schwöre« – – – (er blickte zum Himmel und biß die Zähne zusammen), »daß ich an dir ein Exempel statuieren will, um Grütze allen lügenhaften Stallmeistern in den Kopf zu bringen, die den irrenden Rittern von jetzt an bis in Ewigkeit dienen!«

»Beruhigt Euch nur, mein gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »denn es kann wohl sein, daß mir über die Veränderung der gnädigen Mikomikonischen Prinzessin ein Irrtum zugestoßen ist; was aber den Kopf des Riesen oder wenigstens die zerstochenen Schläuche betrifft, und daß das Blut nur roter Wein war, darin bin ich, beim lebendigen Gott, in keinem Irrtum, denn die Schläuche stehen noch zerstochen zu Häuptern Eures Bettes, und eine große See von rotem Wein schwimmt in der Stube; und glaubt Ihr's nicht, so werdet Ihr es schon, wenn man die Eier aufmacht, gewahr werden, wenn nämlich Ihr Gnaden, der Herr Wirt von hier, Euch von allem Schaden die Rechnung vorlegen wird; was aber das betrifft, daß die gnädige Königin wieder ist, was sie war, so freue ich mich von ganzem Herzen darüber, denn ich kriege auch meinen Teil davon, wie jedes andere Menschenkind.«

»So sage ich dir also, Sancho«, sprach Don Quixote, »daß du ein dummer Lümmel bist, vergib mir, und damit sei es genug.«

»Es sei genug«, sagte Don Fernando, »man spreche hierüber nicht weiter, und da die durchlauchtige Prinzessin will, daß man morgen abreise, weil es heut schon zu spät ist, so geschehe es also, und laßt uns diese Nacht bis zum Tagesanbruch in guter Eintracht miteinander zubringen, dann wollen wir den Herrn Don Quixote begleiten und Zeuge seiner tapfern und unerhörten Taten sein, die er im Verlauf dieser großen Unternehmung, der er sich unterzogen, verüben wird.«

»Ich bin derjenige, der Euch Dienste leisten und begleiten wird«, antwortete Don Quixote, »ich erkenne die Gnade, die Ihr mir erweist, wie die gute Meinung, die Ihr von mir hegt und die ich zu bestätigen suchen werde, oder es soll mir das Leben kosten, ja noch mehr, wenn dieses möglich wäre.«

Noch viele andere Artigkeiten und freundliche Erbietungen fielen zwischen Don Quixote und Don Fernando vor. Sie wurden aber durch einen Reisenden beendigt, der jetzt in die Schenke trat und dessen Tracht zeigte, daß er ein Christ sei, der kürzlich aus dem Gebiete der Mohren zurückgekehrt war, denn er trug ein kurzes Oberkleid von blauem Zeuge, kleinen Ärmeln und ohne Halskragen, seine Beinkleider waren von der nämlichen Farbe; und auf dem Kopfe hatte er einen blauen Bund; er hatte dattelfarbige Halbstiefeln zum Aufschnüren und ein mohr'sches Schwert in einem Bandelier, das ihm über die Brust hing. Gleich nach ihm kam auf einem Maultier eine Frau in mohrischer Kleidung, deren Gesicht mit einem Tuche verhängt war; sie hatte einen brokatenen Kopfschmuck, und ein weiter Schleier floß ihr von dem Haupte bis zu den Füßen hinab. Der Mann war von starkem und angenehmem Äußeren, er schien ungefähr vierzig Jahre alt, von bräunlichem Gesicht, mit großem Zwickelbart und den Bart zierlich gekräuselt, so daß man ihn nach seinem Ansehen, wenn er besser gekleidet gewesen wäre, für einen Mann von Stande gehalten hätte. Indem er hereintrat, forderte er ein Zimmer, und da man ihm sagte, daß in der Schenke keins zu haben sei, schien er verdrüßlich zu werden, er ging hierauf zu der, die ihrer Kleidung nach eine Mohrin schien, und hob sie in seinen Armen herunter.

Luzinde, Dorothea, die Wirtin, ihre Tochter und Maritorne, die von der ihnen ganz neuen Kleidung angezogen wurden, umgaben die Mohrin, und Dorothea, die immer artig, verständig und liebenswürdig war, da sie sah, daß beide über das mangelnde Zimmer verdrüßlich waren, sagte: »Seid nicht, Señora, unzufrieden damit, daß es hier an aller Bequemlichkeit mangelt, denn es pflegt in den Schenken an allem [335] zu fehlen; wenn es Euch aber gefällt, mit uns zu sein« (indem sie auf Luzinden wies), »so werdet Ihr doch vielleicht hier einige Annehmlichkeiten mehr antreffen, als die Ihr auf dem übrigen Wege nicht gefunden habt.«

Die Verschleierte antwortete nicht, sondern sie stand auf, von wo sie sich niedergesetzt hatte, legte die Hände kreuzweis über die Brust und neigte den Kopf und den Körper zum Zeichen ihres Dankes. Aus ihrem Stillschweigen schlossen sie, daß sie eine Mohrin sein müsse und die christliche Sprache nicht reden könne. Indem trat der Gefangene hinzu, der indes anders beschäftigt gewesen war; als er sah, daß sie alle die Fremde umgaben und diese auf ihr Anreden nichts erwiderte, sagte er: »Dies Mädchen, meine Damen, versteht unsere Sprache kaum, denn sie ist nur mit ihrer Landessprache vertraut, und deshalb kann sie auf nichts antworten, was sie gefragt wird.«

»Wir fragen sie nichts«, antwortete Luzinde, »wir bieten ihr nur für diese Nacht unsere Gesellschaft und einen Teil unseres Gemachs an, wo wir ihr alle hier mögliche Bequemlichkeit mitteilen wollen, so wie wir ihr gern alle Dienste leisten, die Fremde, besonders Frauen, erwarten dürfen.«

»Für sie und für mich«, antwortete der Gefangene, »küsse ich Euch, Señora, die Hände; ich erkenne diese Gütigkeit so, wie ich soll, denn ich sehe, daß ich vornehmen und edlen Damen verbunden bin.«

»Sagt mir, Señor«, fragte Dorothea, »ist diese Señora Christin oder Mohrin? denn aus ihrer Kleidung und ihrem Stillschweigen schließen wir, daß sie das ist, was wir lieber nicht von ihr wünschten.«

»Sie ist Mohrin in Ansehung ihrer Tracht und im Körper, aber in der Seele ist sie eine herzliche Christin, denn ihr größter Wunsch ist es, Christin zu werden.«

»So ist sie nicht getauft?« fragte Luzinde.

»Noch hat die Gelegenheit dazu gefehlt«, antwortete der Gefangene, »seit wir Algier, ihr Vaterland, verlassen haben, und sie ist noch in keiner so dringenden Lebensgefahr gewesen, daß man sie hätte taufen müssen, ohne daß sie alle die Zeremonien kannte, die unsere Mutter, die heilige Kirche, befiehlt, aber mit Gottes Hülfe wird sie mit allen jenen Feierlichkeiten getauft werden, die ihr Stand erfordert, denn sie ist vornehmer, als sie nach ihrer oder meiner Kleidung scheint.«

Nach diesen Worten wurden alle Umstehende neugierig, zu erfahren, wer die Mohrin und der Gefangene seien; aber keiner wollte ihn fragen, weil es ihm nötiger schien zu ruhen, als seinen Lebenslauf zu erzählen. Dorothea nahm sie bei der Hand und ließ sie neben sich niedersetzen, worauf sie sie bat, daß sie den Schleier abnehmen möchte. Sie sah den Gefangenen an, als wenn sie ihn fragte, was jene sage und was sie tun solle. Er sagte ihr auf arabisch, daß sie gebeten würde, den Schleier abzunehmen, und daß sie es tun möchte; sie nahm hierauf den Schleier ab und entdeckte ein so schönes Angesicht, daß Dorothea sie schöner als Luzinde und Luzinde sie schöner als Dorothea fand, und alle Umstehende fällten das Urteil, daß, wenn sich jemand mit den beiden vergleichen dürfe, es die Mohrin sei, ja einige gaben ihr noch in manchen Dingen den Vorzug. Da die Schönheit nun immer die Gewalt hat, die Gemüter zu fesseln, so beeiferten sich alle sogleich, der schönen Mohrin zu dienen und sich ihr gefällig zu machen.

Don Fernando fragte den Gefangenen, wie die Mohrin heiße. Er antwortete: »Lela Zoraida«; wie sie dies hörte und merkte, was der Christ gefragt habe, rief sie eilig und mit sehr zierlichem Eifer: »Nicht, nicht Zoraida, Maria, Maria«, wodurch sie zu verstehen geben wollte, daß sie Maria und nicht Zoraida heiße.

Diese Worte und der große Eifer, mit dem die Mohrin sie sagte, rührten einige von den Umstehenden bis zu Tränen, besonders die Frauen, die von Natur zart und mitleidig sind. Luzinde umarmte sie mit inniger Liebe und sagte: »Ja, ja, Maria, Maria! Zoraida macange!«, welches soviel als nein bedeutet.

Indem war es Abend geworden, und auf Veranstaltung derjenigen, die mit Don Fernando gekommen[336] waren, hatte der Wirt mit aller Sorgfalt eine Abendmahlzeit zubereitet, so gut er sie nur schaffen konnte. Als es nun Zeit zum Essen geworden, setzten sich alle um einen breiten Wandtisch, denn ein runder oder viereckter Tisch war nicht in der Schenke; die Haupt-und vornehmste Stelle, so sehr er sich auch weigerte, wurde dem Don Quixote gegeben, der die Mikomikonische Fürstin zu seiner Seite haben wollte, weil er ihr Beschützer sei. Darauf setzten sich Luzinde und Zoraida und gegenüber Don Fernando und Cardenio, dann der Gefangene und die übrigen Ritter, an der Seite der Damen der Pfarrer und der Barbier. So aßen sie sehr vergnügt und ergötzten sich noch mehr, als Don Quixote zu essen aufhörte und, von einem ähnlichen Geiste getrieben, der ihn bewog zu reden, als er mit den Ziegenhirten speiste, also zu sprechen anfing: »In Wahrheit, Señores, wenn man es recht erwägt, so erfahren diejenigen große und unerhörte Dinge, die sich zum Orden der irrenden Ritterschaft bekennen; denn wer unter den Lebenden, der jetzt in die Tür dieses Kastells hereinträte und uns sähe, wie wir hier sitzen, würde glauben, daß wir das sind, was wir sind? Wer würde darauf verfallen, daß diese Dame, die zu meiner Seite sitzt, die große Königin sei, für welche wir sie alle kennen, und daß ich jener Ritter von der traurigen Gestalt bin, den das Gerücht im Munde führt? Nun ist es außer allem Zweifel, daß diese Kunst und dieses Geschäft alle übrigen übertrifft, die nur jemals von den Menschen sind erfunden worden, und man muß es um so höher achten, je mehr es Gefahren unterworfen ist. Diejenigen mögen nur schweigen, die die Wissenschaften über die Waffen stellen wollen, denn wer sie auch sein mögen, so sage ich ihnen, daß sie nicht wissen, was sie sagen. Denn der Grund, den diese anzugeben pflegen und auf welchem sie sich am meisten stützen, ist der, daß die Arbeiten des Geistes höher als die des Körpers stehen und daß die Waffen nur vom Körper geübt werden; als wenn ihre Ausübung nichts weiter als die Tätigkeit eines Sänftenträgers wäre, der nichts weiter als nur tüchtige Kräfte nötig hat; oder als wenn in dem, was wir das Handwerk der Waffen nennen, nicht alle Tugenden der Tapferkeit befangen lägen, die, recht ausgeübt, einen großen Verstand erfordern; oder als wenn der Krieger nicht, dem eine Armee oder die Verteidigung eines festen Platzes anvertraut ist, ebenso mit dem ganzen Geiste wie mit dem Körper arbeiten müßte. Man erwäge doch nur, ob er mit seinen körperlichen Kräften die Absicht des Feindes wissen und erraten kann, seine Plane, Kriegslisten, Anfälle, wie er jedem möglichen Unglück zuvorkommen muß, daß alle diese Dinge Verrichtungen des Verstandes sind, an welchen der Körper keinen Teil nehmen kann. Wenn dem nun so ist, daß die Waffen ebensoviel Geist als die Wissenschaften erfordern, so wollen wir nun untersuchen, welcher Geist, ob der des Gelehrten oder der des Kriegers, mehr erarbeitet; und dieses wird sich aus dem Ziele und Zwecke erkennen lassen, den sich jeder von beiden vorsetzt, denn die Absicht wird um so höher zu schätzen sein, je mehr ihr Endzweck groß und edel ist. Der Zweck und das Ziel der Wissenschaften ist – denn ich rede hier nicht von den göttlichen, die die Seelen zum Himmel führen und lenken wollen, denn diesem endlosen Endzweck darf sich kein anderer gleichstellen –, ich rede hier von den weltlichen Wissenschaften, deren Ziel es ist, die Gerechtigkeit gleich zu verteilen und jedem das zu geben, was ihm zukommt, und auf die Erhaltung der guten Gesetze zu wachen: gewiß ein edler, großer und preiswürdiger Endzweck! Aber dennoch ist er jenem nicht zu vergleichen, den sich die Waffen vorgesetzt haben, deren letztes Ziel der Friede ist, das höchste Gut, welches sich die Menschen in diesem Leben wünschen können; so waren die frohsten Nachrichten, die so Welt wie Menschen empfingen, jene, die die Engel in der Nacht, die unser Tag war, verkündigten, als sie in den Lüften sangen: ›Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen gutgesinnten Menschen‹; und der Gruß, den der oberste Herr der Erde und des Himmels seinen Schülern und Freunden lehrte, war der, daß sie, wenn sie ein Haus beträten, sagen sollten: ›Friede sei mit diesem Hause‹, und er selber sagte oftmals: ›Meinen Frieden gebe ich Euch, meinen Frieden lasse ich Euch, mein Friede sei mit Euch!‹ So war dies, von dieser Hand gegeben, das höchste Kleinod, [337] ohne welches auf Erden wie im Himmel kein anderes Glück zu finden ist; dieser Friede ist der wahrhafte Endzweck des Krieges, denn Waffen und Krieg sind gleichbedeutende Namen. Diese Wahrheit vorausgesetzt, daß der Zweck des Krieges der Friede sei und daß er hierin den Zweck der Wissenschaften übertreffe, wollen wir nun die körperlichen Leiden des Gelehrten untersuchen und sie mit denen des Kriegers vergleichen, um zu sehen, welche größer sind.«

Auf diese Art und in so guten Ausdrücken fuhr Don Quixote in seiner Rede fort, so daß ihn keiner von seinen Zuhörern für einen Toren halten konnte; sondern da die meisten Ritter waren, die sich zum Waffenhandwerke bekannten, hörten sie ihm vielmehr mit großem Vergnügen zu, und er nahm so die Rede von neuem auf: »Ich sage demnach, daß die Leiden des Studierenden folgende sind: Vornehmlich Armut, nicht als ob sie alle arm wären, sondern ich setze diesen Fall nur als das möglichst größte Unglück voraus; und indem ich gesagt habe, daß er an der Armut leidet, brauche ich nach meiner Meinung kein weiteres Übelbefinden hinzuzufügen, denn wer arm ist, der hat kein anderes Gut, das ihm zu Gebote steht. Diese seine Armut fühlt er bald im Hungern, bald in der Kälte, bald in der Entblößung, bald in allem zugleich; aber doch ist sie nicht so groß, daß er nicht essen sollte, wenn er es auch etwas später als die übrigen tut, wenn es auch von den Überbleibseln der Reichen geschieht; denn das ist das größte Elend der Studierenden, wenn sie nach fremden Brosamen gehen müssen, auch finden sie einen fremden Ofen oder Kamin, an dem sie sich, wenn auch nicht erwärmen, doch auftauen können, und endlich schlafen sie doch in der Nacht unter einem Dache. Des übrigen Mangels will ich gar nicht erwähnen, als der Mangel der Hemden ist und die Entbehrung der Schuhe, die Seltenheit und Abgetragenheit der Kleider, noch daß sie sich vor übermäßiger Lust den Magen verderben, wenn sie das Glück irgendeinmal zu einem Schmause führt. Auf diesem beschriebenen, steilen und beschwerlichen Wege, indem sie hier straucheln, dort fallen, da wieder aufstehen und hier von neuem wieder stürzen, ersteigen sie den Gipfel, den sie wünschen, und so haben wir viele hinaufgelangen sehen, die auch durch diese Syrten, Skyllen und Charybden gewandert sind, von dem günstigen Glücke unterstützt; so haben wir sie nachher Befehle geben und von einem Stuhle die Welt beherrschen sehen, indem sie den Mangel in Überfluß, den Frost in Wohlleben, die Blöße in Schmuck, das Schlafen auf einer schilfenen Matte in Ruhen auf köstlichen und teuren Betten verwandelt haben, eine Belohnung, die sie mit Recht durch ihre Tugend verdienten. Vergleichen wir aber diese Leiden mit denen des Kriegers und stellen sie ihnen entgegen, so erscheinen sie bei weitem als die geringeren, wie man sogleich sehen wird.«

Siebentes Kapitel
[338] Siebentes Kapitel.

Enthält die merkwürdige Rede, die Don Quixote über die Waffen und Wissenschaften hielt.


Don Quixote sprach folgendermaßen weiter: »Da wir beim Studierenden seine Armut und ihre Folgen betrachtet haben, so wollen wir nun untersuchen, ob der Soldat reicher sei, und hier finden wir, daß die Armut selbst durchaus nicht ärmer sein könne; denn er ist an seinen elenden Sold gebunden, der spät, oft niemals ausgezahlt wird, oder daß er auf seine Hand Beute zu machen sucht, wodurch er sein Leben und sein Gewissen in augenscheinliche Gefahr bringt. Oft ist er so ohne Kleider, daß ein abgetragenes Koller ihm zum Hemde und Mantel zugleich dient, und so muß er mitten im Winter die Unfreundlichkeiten des Himmels erfahren, indem er auf freiem Felde dasteht, mit nichts als dem Atem in seinem Munde, der aus einem leeren Raume hervorgeht und also auch gewiß gegen alle Natur kalt sein muß. Aber nun kann er doch wenigstens auf die Ankunft der Nacht hoffen, um sich von allen diesen Unbequemlichkeiten in seinem Bette, das seiner wartet, zu erquicken, das gewiß, wenn es nicht durch seine Schuld geschehen, nicht zu enge aufgeschlagen ist; denn er darf wohl auf der Erde, so weit er nur mag, die Beine hinausstrecken und sich dreist hin und her wälzen, ohne zu befürchten, die Bettücher zu verderben. Nun kommt der Tag und die Stunde, die vornehmste Würde seines Handwerks zu erlangen, der Tag der Schlacht ist da, sie zwängen ihm den Doktorhut auf den Kopf, der aus Scharpie besteht, um ihn zu verbinden, weil eine Musketenkugel ihn vielleicht durch die Schläfe geschlagen hat, oder sie [339] nehmen ihm einen Arm oder ein Bein ab; wenn dieses aber nicht geschieht und ihn der gütige Himmel gesund und lebendig erhält, so ist es möglich, daß er in derselben Armut bleibt, in welcher er sich erst befand, und so muß er noch ein zweites Treffen, ein anderes und wieder ein anderes aushalten, und aus allen muß er als Sieger zurückkehren, um zu irgend etwas zu kommen; dieses Wunder aber ereignet sich nur in seltenen Fällen. Denn, Señores, habt Ihr es wohl schon überlegt, wie klein die Anzahl derer ist, die der Krieg belohnt, gegen die gerechnet, die darin untergehen? Ihr werdet gewiß antworten, daß dieses keine Vergleichung zulasse, daß die Toten unzählbar, diejenigen aber, die belohnt und lebendig geblieben, leicht zu überblicken sind. Alles dieses ist aber bei den Gelehrten ganz anders, denn zur Notdurft haben sie das, was sie brauchen, so daß, wie die Beschwer des Soldaten bei weitem größer, seine Belohnung ungleich geringer ist. Hierauf aber kann man antworten, daß es viel leichter sei, zweitausend Gelehrte zu belohnen als dreißigtausend Soldaten, denn jenen werden Ämter gegeben, die für sie eingerichtet sind und die nur Gelehrte verwalten können, diese aber können nicht anders als durch das eigene Vermögen des Herrn belohnt werden, dem sie dienen, und diese Unmöglichkeit bestätigt meine obige Behauptung. Wir wollen dieses aber übergehen, denn es ist ein Labyrinth, aus dem man nur schwer einen Ausgang findet, sondern uns nun wieder zu den Vorzügen wenden, die die Waffen vor den Wissenschaften haben: ein Gegenstand, den wir jetzt nach den Gründen untersuchen müssen, die beide für sich anführen können. Hierauf sagen nun die Wissenschaften, daß ohne sie die Waffen sich nicht erhalten könnten, denn auch der Krieg habe seine Gesetze und sei ihnen unterworfen, die Gesetze aber rühren von denen her, die Gelehrte sind. Hierauf antworten die Waffen, daß die Gesetze sich ohne sie nicht erhalten können, denn mit den Waffen werden die Staaten verteidigt, die Reiche aufrechtgehalten, die Städte bewacht, die Wege gesichert, das Meer von den Räubern gereinigt; kurz, wenn sie nicht wären, so wären Staaten, Reiche, Monarchien, Städte, die Wege zu Lande wie zu Wasser dem Sturme und aller Verwirrung unterworfen, die der Krieg mit sich führt, wenn er regiert und mit aller Kraft und voller Freiheit herrscht. Es ist auch eine ausgemachte Wahrheit, daß das, was am meisten kostet, auch am höchsten geschätzt werden müsse. Um in den Wissenschaften groß zu sein, kostet es Zeit, Nachtwachen, Hunger, Blöße, Anstrengung des Kopfes, Verdorbenheit des Magens, nebst andern Dingen, die damit zusammenhängen, die ich zum Teil schon berührt habe; aber um ein guter Soldat zu werden, kostet es alles das, was beim Studierenden in Betracht kommt, und in einem um so viel höheren Grade, daß man es gar nicht in Vergleichung bringen darf, denn in jedem Augenblicke kömmt es darauf an, daß es ihn sein Leben kostet. Und welche Bedrängnis der Armut und Dürftigkeit, die dem Studierenden zusetzen, ist doch mit dem zu vergleichen, was ein Soldat zu fürchten hat, der sich in einer Veste eingeschlossen befindet, auf seinem Posten steht oder ein Ravelin bewacht oder eine Schanze und nun fühlt, daß die Feinde die Gegend bis zu ihm unterminieren und er sich doch durchaus nicht entfernen noch der Gefahr entfliehen darf, die ihn so nahe bedroht? Alles, was er tun kann, ist, daß er seinem Kapitän von dem, was geschieht, Nachricht gibt, damit eine Contremine angelegt werde, indes er in der Erwartung und Furcht dastehen muß, daß er plötzlich in die Wolken ohne Flügel hinaufgeht und zum Abgrunde ohne seinen Willen hinunterstürzt. Und wenn dies nur eine kleine Gefahr zu sein scheint, so betrachte man, ob diejenige ihr gleich kömmt oder sie vielleicht übertrifft, wenn zwei Galeeren mit den Vorderteilen in der Mitte des unendlichen Meeres aufeinanderstoßen; nun sind sie geentert und aneinandergeklammert, und der Soldat ist nur zwei Fuß weit vom Eisenhaken entfernt, und dennoch, ob er gleich vor sich so viele dräuende Diener des Todes gewahr wird, als Kanonen auf der gegenüberstehenden Seite sind, die nur eine Lanzenlänge von seinem Körper entfernt stehen, und er merkt, daß er beim ersten fahrlässigen Tritte die tiefen Fluten des Neptunus besuchen muß, er dennoch, unerschrockenen Herzens, von der Ehre [340] beseelt und angetrieben, sich zum Ziele der mannigfaltigen Geschütze hinstellt, mit dem Vorsatze, auf einem so kleinen Raume in das feindliche Schiff zu dringen; und was am meisten zu bewundern ist, kaum ist einer darniedergestürzt, von wo er nicht bis zum Ende der Welt aufstehen kann, als ein anderer schon die nämliche Stelle einnimmt, und wenn dieser nun auch in das Meer fällt, das wie ein Feind ihn erwartet, so folgt ihm ein anderer, ohne der Zeit in ihren Ermordungen Zeit zu lassen: der höchste Mut und die größte Verwegenheit, die nur in allen Verrichtungen des Krieges zu finden ist. Gesegnet seien die glücklichen Zeitalter, die noch die furchtbare Wut jener verruchten Maschinen der Artillerie nicht kannten, deren Erfinder gewiß in der Hölle die Belohnung für seine teuflische Erfindung erhält, wodurch er Ursache gewesen, daß ein nichtswürdiger und feiger Arm einem tapfern Ritter das Leben rauben kann, daß, ohne zu wissen wie oder woher, im vollen Mut und Feuer, die die tapferen Seelen entzünden und begeistern, eine ungefähre Kugel daherkömmt, von einem abgeschossen, der vielleicht floh und sich vor dem Feuerblitze beim Abschießen des verfluchten Instrumentes entsetzte, und so in einem Augenblicke Gedanken und Leben desjenigen beendigt, der verdient hätte, lange Lebensalter zu genießen. Wenn ich dieses erwäge, so muß ich bekennen, daß es mich in der innersten Seele schmerzt, in diesem gegenwärtigen, höchst verwünschten Zeitalter das Handwerk eines irrenden Ritters ergriffen zu haben, denn ob mir gleich keine Gefahr eine Furcht einjagt, so erregt mir der Gedanke doch immer Verdruß, daß Pulver und Blei mir die Gelegenheit nehmen können, mich durch die Gewalt meines Armes und die Schneide meines Schwertes auf der ganzen entdeckten Erde bekannt und berühmt zu machen. Doch mag alles geschehen, wie es dem Himmel gefällt, denn ich werde um so mehr geehrt sein, wenn ich meinen Vorsatz durchführe, indem mir noch größere Gefahren entgegenkommen, als die irrenden Ritter in den verlaufenen Zeitaltern zu bestehen hatten.«

Diese ganze lange Vorrede sprach Don Quixote, während die übrigen zu Abend aßen, indes er ganz vergaß, einen Mundvoll in den Mund zu stecken, ob ihm gleich Sancho Pansa etliche Mal daran erinnert hatte, daß er essen möchte, weil er nachher noch Zeit genug habe, alles, was er nur wolle, zu sagen. Diejenigen, die ihm zuhörten, bedauerten es von neuem, daß ein Mann, der in allen übrigen Dingen so gescheit und verständig scheine, alle Vernunft gänzlich verliere, wenn er auf seine traurige und unglückselige Ritterschaft zu sprechen komme. Der Pfarrer sagte, daß er sehr recht in allem habe, was er zugunsten der Waffen behauptet, und daß er selber, obgleich Gelehrter und Graduierter, derselben Meinung sei.

Man hatte abgegessen, und indes die Wirtin, ihre Tochter und Maritorne die Scheune des Don Quixote von la Mancha einrichteten, wo in der Nacht sich die Frauen allein aufhalten sollten, bat Don Fernando den Gefangenen, den Verlauf seines Lebens zu erzählen, weil dieses nicht anders als seltsam und unterhaltend sein könnte, wie man schon daraus schließen müsse, da er in der Gesellschaft der Zoraida gekommen sei. Worauf der Gefangene antwortete, daß er gern diesem Befehle gehorchen wolle, nur fürchte er, seine Erzählung möchte nicht von der Beschaffenheit sein, daß sie das gewünschte Vergnügen davon haben könnten; dessenungeachtet aber wolle er dem Befehle nicht ungehorsam sein, sondern sie vortragen.

Der Pfarrer und die übrigen dankten ihm deswegen und baten ihn von neuem, und da er so viele Bittende sah, sagte er, daß das Bitten unnötig sei, wenn der Befehl schon so vollgültig wäre. »Und deshalb hört mir aufmerksam zu und vernehmt eine wahre Erzählung, der vielleicht keine erdichtete gleichkommt, wenn sie auch noch so seltsam und kunstreich zusammengesetzt ist.«

Mit diesen Worten erregte er ihre Aufmerksamkeit um so mehr, und alle beobachteten ein großes Stillschweigen, und da er sah, daß sie auf seine Erzählung warteten, fing er mit einer angenehmen und sanften Stimme auf folgende Weise an.

Achtes Kapitel
[341] Achtes Kapitel.

In welchem der Gefangene sein Leben und seine Begebenheiten erzählt.


»In einem Orte der leonischen Gebirge hat meine Familie ihren Ursprung genommen, gegen welche die Natur sich gütiger gezeigt hatte als das Glück, obgleich in der Armut jener Landschaften mein Vater immer noch für reich galt und es auch gewesen wäre, wenn er sich dieselbe Mühe gegeben hätte, sein Vermögen zu erhalten, als er sich gab, es zu verlieren. Seine zu große Freigebigkeit rührte daher, daß er in seinen jüngeren Jahren Soldat gewesen war: denn der Soldatenstand ist eine Schule, in der der Knicker großmütig und der Großmütige Verschwender wird, und wenn es auch einige geizige Soldaten gibt, so sind sie wie Mißgeburten, die nur selten angetroffen werden.

Mein Vater überschritt aber die Grenzen der Freigebigkeit und streifte in das Gebiet des Verschwendens, welches niemals für einen verheirateten Mann gut ist, der Kinder hat, die seinen Namen und seinen Stand fortpflanzen sollen. Mein Vater hatte drei Kinder, alle drei Jünglinge und alle schon in dem Alter, sich ihre Bestimmung zu erwählen. Da nun mein Vater sah, daß es ihm unmöglich war, wie er sagte, seine Neigung zu bezähmen, so wollte er sich der Mittel berauben, die ihn großmütig und gastfrei machten, das heißt, seines Vermögens, ohne welches selbst ein Alexander sparsam werden muß; daher rief er uns eines Tages alle drei in sein Gemach und hielt uns eine Rede ungefähr mit diesen Worten: ›Kinder, um euch zu sagen, daß ich euch wohlwill, ist es genug, zu sagen, daß ihr meine Kinder seid, und um zu [342] verstehen, daß ich euch übelwill, ist es genug, zu wissen, daß es nicht in meiner Gewalt steht, euer Vermögen gut zu verwalten; damit ihr aber jetzt und in Zukunft einseht, daß ich euch wie ein Vater liebe und nicht wie ein Stiefvater euch schaden mag, will ich etwas mit euch unternehmen, das ich mir schon seit lange ersonnen und reiflich erwogen habe. Ihr seid schon in dem Alter, eine Bestimmung zu haben oder euch wenigstens ein Gewerbe zu erwählen, das euch, wenn ihr älter seid, Ehre und Vorteil bringt; und was ich mir also ausgesonnen habe, ist, mein Vermögen in vier Teile zu teilen, drei davon will ich euch geben, jedem genausoviel als dem andern, und mit dem vierten Teile will ich leben und meine Tage damit fortbringen, die mir der Himmel noch gönnt; ich wünsche aber, daß, wenn ein jeder seinen Teil des Vermögens im Besitze hat, er auch einen von den Wegen betreten möchte, die ich ihm vorschlagen will. Man hat ein spanisches Sprichwort, das mir sehr wahr scheint, wie es denn alle sind, weil sie kurze Sentenzen enthalten, die aus einer langen und verständigen Erfahrung geschöpft sind, und dasjenige, welches ich meine, heißt: Kirche oder Meer oder Königshaus wähl!, womit man gleichsam hat ausdrücken wollen, wer Ansehen oder Reichtum gewinnen will, der folge entweder der Kirche oder gehe als Kaufmann zu Schiffe oder suche im Palast des Königs Dienst; denn man pflegt zu sagen: Die Brosamen, die der König gibt, sind mehr, als wenn dir ein anderer Brot gibt. Ich sage dieses, weil es mein Wunsch und Wille ist, daß einer von euch sich den Wissenschaften widme, ein zweiter der Handlung und der dritte dem Könige im Kriege diene; denn es ist schwierig, zu Diensten des Palastes zugelassen zu werden, und der Krieg gibt zwar keine großen Schätze, verleiht aber Tapferkeit und Ruhm. In acht Tagen will ich einem jeden von euch seinen Anteil in barem Gelde geben, ohne ihm einen Pfennig zurückzuhalten, wie ihr es in der Ausführung sehen werdet. Jetzt sagt, ob ihr gesonnen seid, den Vorschlag, den ich euch getan habe, anzunehmen.‹ Er verlangte von mir, als dem ältesten, daß ich ihm zuerst antworten sollte; ich bat ihn hierauf, sich seines Vermögens nicht zu entäußern, sondern daß er ausgeben solle, soviel es ihm nur gelüste, wir wären junge Leute und könnten uns selber forthelfen, doch bestand er darauf, nach seinem Gefallen zu handeln, worauf ich das meinige erklärte, den Waffen zu folgen, um Gott und meinem Könige zu dienen. Der zweite sagte das nämliche und nahm sich vor, nach Indien zu gehen und, soviel er habe, dorthin mitzunehmen. Der jüngste, wie ich glaube auch der klügste, sagte, daß er der Kirche folgen wolle oder seine angefangenen Studien zu Salamanca vollenden. Wie wir darüber einig waren und sich jeder seinen künftigen Stand erwählt hatte, umarmte uns mein Vater alle drei und vollbrachte das auch wirklich in derselben kurzen Zeit, wie er gesagt hatte; er gab jedem seinen Teil, und soviel ich mich erinnern kann, fielen auf jeden dreitausend Dukaten in barem Gelde, denn ein Oheim kaufte unser Eigentum an sich und zahlte alles aus, damit es nicht aus der Familie komme; wir nahmen hierauf alle drei an demselben Tage von unserm braven Vater Abschied; doch schien es mir unmenschlich, daß er in seinem Alter mit so geringem Vermögen leben sollte, deshalb bewog ich ihn dahin, daß er von meinen dreitausenden zweitausend Dukaten annahm, weil mir der Rest hinreichend war, mich mit allem auszurüsten, was ich als Soldat brauchte; meine beiden Brüder, durch mein Beispiel bewogen, gaben ihm jeder tausend Dukaten, so daß meinem Vater viertausend Dukaten in barem Gelde blieben und außerdem noch dreitausend, denn soviel schien ein Gut wert zu sein, welches ihm blieb und welches er nicht verkaufen, sondern als Grund und Boden behalten wollte.

Wir nahmen hierauf, wie gesagt, auch von unserm Oheim Abschied, wir waren sehr gerührt und vergossen häufige Tränen; sie trugen uns auf, ihnen mit jeder Gelegenheit von unserm Glücke oder Unglücke Nachrichten zukommen zu lassen. Wir versprachen es, sie gaben uns ihren Segen, und der eine nahm den Weg nach Salamanca, der andere nach Sevilla und ich den nach Alicante, wo ich erfuhr, daß ein genuesisches Schiff dort liege, welches Wolle nach Genua geladen habe.

[343] Dies geschah vor zweiundzwanzig Jahren, als ich das Haus meines Vaters verließ, und in der ganzen Zeit, ob ich gleich einigemal geschrieben habe, habe ich weder von ihm noch von meinen Brüdern einige Nachricht erhalten, und was mir im Verlauf dieser Zeit begegnet ist, will ich nun kürzlich erzählen.

Ich schiffte mich in Alicante ein und hatte eine glückliche Reise nach Genua; von dort ging ich nach Mailand, wo ich mich mit Waffen und allem, was einem Soldaten nötig ist, versah; von dort hatte ich mir vorgenommen, zu Piemont eine Stelle für mich zu suchen, als ich auf dem Wege nach Alexandria de la Palle erfuhr, daß der große Herzog von Alba nach Flandern gehe. Ich änderte meinen Vorsatz, begab mich zu ihm und diente ihm in seinen Feldzügen; ich war bei dem Tode der Grafen Egmont und Horn zugegen. Ich wurde Fähnrich bei einem berühmten Kapitän von Guadalaxara, der Diego de Urbina hieß, und nachdem ich eine geraume Zeit in Flandern gewesen war, erfuhr ich von dem Bündnisse, welches der Heilige Vater Pius der Fünfte mit Venedig und Spanien gegen den gemeinsamen Feind, den Türken, geschlossen hatte, der um die Zeit mit seiner Flotte die berühmte Insel Zypern erobert hatte, die unter der Herrschaft der Venetianer stand: ein bedauernswürdiger und unglücklicher Verlust! Ich hörte als eine Gewißheit, daß der General dieses Bündnisses der durchlauchtige Don Juan de Austria sei, der natürliche Bruder unsers edlen Königs Don Philipp; man erzählte sich von den ungeheuren Kriegeszurüstungen, und alles erweckte in mir die Begierde und den herzlichen Wunsch, diesem Feldzuge beizuwohnen, ob ich gleich schon die Anwartschaft und zuverlässige Verheißungen hatte, bei erster Gelegenheit zum Kapitän befördert zu werden; doch ließ ich alles dieses gern fahren und begab mich nach Italien. Es traf sich zum Glück, daß Don Juan de Austria gerade um dieselbe Zeit zu Genua ankam, von wo er nach Neapel ging, um sich mit der venetianischen Flotte zu vereinigen, mit der er sich hernach zu Mecina verband.

Ich machte hierauf jenen herrlichen Feldzug als Kapitän der Infanterie mit, welche Stelle mir mehr das gute Glück als meine Verdienste erworben hatten; und an jenem Tage, welcher für die Christen so glorreich war, indem er den Irrtum zerstörte, in welchem sich die Welt und alle Nationen befanden, daß die Türken nämlich auf dem Meere unüberwindlich wären, an diesem Tage, an welchem der ottomanische Stolz und Trotz niedergeschleudert ward, war ich unter tausend Glücklichen, die es gab – denn die Christen, die dort umkamen, waren beglückter als diejenigen, die lebend und als Sieger davonkamen –, war ich der einzige Unglückliche, denn statt daß ich, lebte ich in der Römerzeit, eine Schiffskrone hätte erwarten dürfen, sah ich mich in der Nacht, die dem ruhmreichen Tage folgte, mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt. Dieses hatte sich auf folgende Weise zugetragen. Uchali, der König von Algier, ein kecker und glücklicher Korsar, hatte die Hauptgaleere von Malta angegriffen und bezwungen, auf der nur drei Ritter lebendig blieben, die alle schwer verwundet waren. Die Galeere des Juan Andrea kam dieser zu Hülfe, auf der ich mich mit meiner Kompanie befand. Ich tat, was meine Schuldigkeit war, sprang in die feindliche Galeere, die sich nun von der, die sie angegriffen hatte, losmachte und dadurch meine Soldaten hinderte, mir zu folgen, so daß ich mich allein unter meinen Feinden befand und einer so großen Menge keinen Widerstand leisten konnte. Von Wunden bedeckt, sank ich nieder, und wie Ihr, Señores, wißt, daß Uchali mit seinem ganzen Geschwader glücklich davonkam, so war ich nun ein Gefangener in seiner Gewalt, unter so vielen Fröhlichen der einzige Traurige, unter so vielen Freien der einzige Gefangene; denn an diesem Tage wurde funfzehntausend Christen die erwünschte Freiheit zuteil, die sich auf den Ruderbänken der türkischen Flotte befunden hatten.

Man führte mich nach Konstantinopel, wo der Großsultan Selim meinem Herrn die Würde eines Admirals erteilte, weil er in der Schlacht seine Schuldigkeit getan und zum Beweise seiner Tapferkeit die heilige Standarte von Malta mit sich gebracht hatte. Im folgenden Jahre, im zweiundsiebenzigsten, [344] befand ich mich zu Navarino als Ruderknecht auf der Galeere ›Zu den drei Laternen‹. Dort sah ich, wie die Gelegenheit versäumt wurde, im Hafen die ganze türkische Flotte zugrunde zu richten, denn alle Soldaten und Janitscharen, die sich auf ihr befanden, waren überzeugt, daß man sie in diesem Hafen angreifen würde, sie hielten ihre Röcke und Schuhe bereit, um sich sogleich an das Land zu flüchten, ohne den Kampf abzuwarten: eine so große Furcht hatten sie vor unserer Flotte. Der Himmel aber verhängte es anders, so daß es nicht die Schuld oder Fahrlässigkeit des christlichen Generals war, sondern es geschah wegen der Sünden der Christenheit, daß es Gott erlaubte und zu ließ, daß es immer eine Geißel gibt, die uns züchtigen könne. Uchali begab sich darauf nach Modon, einer Insel nahe bei Navarino, er setzte die Truppen ans Land, befestigte den Eingang des Hafens und blieb dort, bis Don Juan weitersegelte. Auf dieser Fahrt wurde die Galeere genommen, die ›Die Prise‹ hieß und deren Befehlshaber ein Sohn des berühmten Korsaren Barbarossa war. ›Die Wölfin‹, eine neapolitanische Galeere, eroberte sie, die von jenem Feuerstrahl des Krieges kommandiert wurde, von jenem Vater der Soldaten, dem beglückten und nie besiegten Kapitän Don Alvaro de Bazan, Marques de Santa Cruz. Hierbei muß ich erzählen, was sich zutrug, als diese ›Prise‹ zur Prise gemacht wurde. Der Sohn des Barbarossa war so grausam und ging mit seinen Gefangenen so schlecht um, daß, als diejenigen, die am Ruder saßen, gewahr wurden, wie die Galeere, ›Die Wölfin‹, auf sie zukam und sie erreichte, alle in einem Augenblicke die Ruder fahrenließen und ihren Kapitän ergriffen, der auf dem Hinterteile stand und ihnen zuschrie, daß sie rudern möchten; sie warfen ihn von einer Bank zur andern, von hinten nach dem Vorderteil, wobei sie ihn so mit den Zähnen zerfleischten, daß er schon in der Mitte des Schiffes niedersank und seine Seele der Hölle übergab: so groß war, wie gesagt, die Grausamkeit, mit der er sie behandelte, und der Haß, den sie zu ihm trugen.

Wir kamen nach Konstantinopel zurück, und im folgenden dreiundsiebenzigsten Jahre erfuhr man dort, wie Don Juan Tunis erobert, dieses Reich den Türken entrissen und den Muley Hamet dort eingesetzt habe, wodurch dem Muley Hamida, dem grausamsten und tapfersten Mohren, den die Welt jemals gesehen, alle Hoffnung genommen wurde, dort als König zu regieren. Dem Großsultan ging dieser Verlust sehr nahe, er folgte jetzt der gewöhnlichen Politik der Pforte, daß er mit den Venetianern einen Frieden schloß, die ihn noch mehr als er selber wünschten; hierauf griff er im folgenden vierundsiebenzigsten Jahr Goleta und das Fort an, welches Don Juan in der Nähe von Tunis angelegt hatte. Während aller dieser Begebenheiten befand ich mich am Ruder und hatte keine Aussicht auf meine Freiheit; wenigstens wollte ich sie nicht durch Ranzion erhalten, denn ich hatte mir fest vorgenommen, meinem Vater keine Nachricht von meinem Mißgeschick zu geben.

Endlich ging Goleta verloren, das Fort ging verloren, denn man hatte zu dieser Unternehmung fünfundsiebenzigtausend türkischer Soldaten geworben, nebst mehr als vierhunderttausend Mohren aus allen afrikanischen Gebieten, wobei diese große Menschenmenge mit so vieler Munition und Kriegsbedürfnissen nebst einer so großen Anzahl von Schanzgräbern versehen waren, daß sie mit ihren Händen und mit geworfenen Erdhaufen Goleta und das Fort hätten zudecken können. Goleta ging zuerst verloren, welches man bis dahin für unüberwindlich gehalten hatte; doch ging es nicht durch die Schuld seiner Verteidiger über, die zur Verteidigung alles taten, was sie nur tun konnten und sollten, sondern weil es sich auswies, daß sich in der wüsten Sandebene so leicht Trancheen machen ließen, denn zwei Schuhe tief fand sich Wasser, die Türken aber fanden es kaum zwei Ruten tief, und so erhoben sie mit vielen Sandsäcken die Trancheen so hoch, daß sie die Mauern der Festung überstiegen und sie daher mit ihrem Geschütze die Schanzen so bestreichen konnten, daß keine Verteidigung weiter möglich war. Es war damals eine gewöhnliche Meinung, daß sich die Unsrigen nicht in Goleta hätten einschließen sollen, [345] sondern die Feinde im freien Felde am Landungsplatze erwarten; die aber dergleichen sagen, urteilen aus der Ferne und mit Unkenntnis der Dinge, denn da sich in Goleta und dem Fort zusammengenommen kaum siebentausend Soldaten befanden, wie hätte doch eine so kleine Anzahl sich ins Freie wagen sollen, dabei noch die festen Plätze besetzt halten und einer so großen Anzahl Feinde widerstehen? Wie kann sich überhaupt eine Festung erhalten, wenn keine Hülfe zum Entsatze herbeikömmt, vorzüglich wenn sie die Feinde in großer Anzahl und mit Ausdauer belagert halten, und in ihrem eigenen Lande? Viele aber waren der Meinung, und so scheint es mir auch, daß es eine besondere Gnade und Gunst war, die der Himmel Spanien erwies, daß jene Herberge, jenes Magazin von Schändlichkeit verlorenging, dieser Schlund, der die unzähligen Geldsummen verschlang, die hier ohne allen Vorteil verschwanden, denn diese Steinhaufen dienten zu nichts, als das Andenken des unüberwindlichen Helden Karls des Fünften zu erhalten, als wenn sein ewig unvergänglicher Name es bedürfte, von Steinen aufbewahrt zu werden.

Das Fort ging auch verloren, aber die Türken mußten jeden Fußbreit Land erobern, denn die Soldaten, die es besetzt hielten, kämpften mit solchem Mut und so großer Heftigkeit, daß sie mehr als fünfundzwanzigtausend Feinde in zweiundzwanzig Hauptstürmen töteten. Von den dreihundert, die übrigblieben, war kein einziger unverwundet, der unumstößlichste Beweis, wie gut sie sich gehalten hatten und wie trefflich sie die ihnen anvertrauten Plätze verteidigt hatten. Es ergab sich außerdem noch ein kleines Fort oder ein Turm, der mitten im See lag und unter dem Befehl des Don Juan Zanoguera stand, eines valenzischen Ritters und berühmten Soldaten. Don Pedro Puertocarrero, der Kommandant von Goleta, wurde gefangengenommen, der sein möglichstes tat, um seine Festung zu verteidigen, und den ihr Verlust so tief schmerzte, daß er auf dem Wege nach Konstantinopel, wohin sie ihn gefangen führten, vor Verdruß starb. Auch der General des Forts geriet in die Gefangenschaft, der Gabrio Cerbellon hieß, ein mailändischer Ritter, der ein großer Ingenieur und überaus tapferer Soldat war. Sehr viele angesehene Männer kamen in beiden Festungen ums Leben, unter denen sich auch Pagan Doria befand, ein Ritter des heiligen Johannes, ein hochherziger Mann, wie er durch seine außerordentliche Freigebigkeit gegen seinen Bruder, den berühmten Juan Andrea Doria, bewies; was bei seinem Tode besonders traurig war, war das, daß er von den Händen einiger Araber starb, denen er sich anvertraute, da das Fort schon verloren war; sie versprachen ihm, ihn in mohrischen Kleidern nach Tabarca zu schaffen, einem kleinen Anlandungsplatze, den die Genueser an jenen Gestaden besitzen, die die Korallenfischerei treiben. Diese Araber schnitten ihm den Kopf ab und brachten diesen dem Befehlshaber der türkischen Flotte, der aber an ihnen unser spanisches Sprichwort wahrmachte, daß, wenn auch die Verräterei angenehm ist, man doch immer den Verräter verabscheut; der General ließ nämlich diejenigen aufhängen, die ihm das Geschenk überbrachten, weil sie ihn nicht lebendig geliefert hatten.

Unter den Christen, die im Fort gefangen wurden, befand sich ein Don Pedro de Aguilar, ich weiß nicht mehr aus welchem Orte in Andalusien gebürtig, ein sehr vorzüglicher und kluger Soldat, der auch besonders in der Poesie geschickt war. Ich kenne ihn so, weil sein Schicksal ihn auf meine Galeere, ja auf dieselbe Ruderbank mit mir führte, so daß er der Sklave meines Herrn wurde; ehe wir den Hafen verließen, machte dieser Ritter zwei Sonette, in der Art der Epitaphien, das eine auf Goleta und das andere auf das Fort; ich habe Lust, sie zu rezitieren, weil ich sie auswendig weiß und glaube, daß sie eher Vergnügen als Unlust erregen werden.«

Als der Gefangene Don Pedro de Aguilar nannte, sah Don Fernando seine Gefährten an, und alle drei lächelten, und als die Sonette erwähnt wurden, sagte der eine: »Ehe Ihr fortfahrt, mein Herr, so sagt mir doch, was aus diesem Don Pedro de Aguilar wurde?«

[346] »Was ich von ihm weiß«, antwortete der Gefangene, »ist, daß er nach zwei Jahren, als er sich in Konstantinopel befand, in der Tracht eines Arnauten mit einem griechischen Spahi entfloh, ich weiß aber nicht, ob er seine Freiheit erlangt hat, doch glaube ich es wohl, denn ein Jahr darauf sah ich den Griechen wieder in Konstantinopel, ich konnte ihn aber nicht fragen, wie jene Reise abgelaufen sei.«

»Dieser Don Pedro ist mein Bruder«, antwortete der Ritter, »und lebt jetzt bei uns vergnügt und wohlhabend; er ist verheiratet und hat drei Kinder.«

»Gott sei dafür gedankt«, sagte der Gefangene, »denn nach meinem Gefühl gibt es auf Erden kein größeres Glück als die verlorene Freiheit wiedererlangen.«

»Ich kenne auch«, versetzte der Ritter, »die Sonette, die mein Bruder damals dichtete.«

»So rezitiert Ihr sie lieber«, sagte der Gefangene, »denn Ihr werdet das besser können als ich.«

»Sehr gern«, antwortete der Ritter, »das auf Goleta war folgendes.«

Neuntes Kapitel
[347] Neuntes Kapitel.

In welchem die Geschichte des Gefangenen fortgesetzt wird.

Sonett